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NORBERT KRÖLL

Wer
wir
wären

ROMAN


… wahrscheinlich spüre ich, weil ich ganz ruhig bin, für Dich Deinen zitternden Körper, während Du, weil Du am ganzen Körper zitterst, für mich meinen ganz ruhigen Körper spürst …

Gert Jonke, »Gegenwart der Erinnerung«

in: Schule der Geläufigkeit

»Schon seltsam, aus wieviel Welt man im Inneren besteht.«

Sophie Reyer, Die Freiheit der Fische

Inhalt

OUVERTÜRE

EINS

ZWEI

DREI

VIER

FÜNF

SECHS

SIEBEN

INTERLUDIUM

ACHT

NEUN

ZEHN

ELF

ZWÖLF

DREIZEHN

VIERZEHN

FÜNFZEHN

SECHZEHN

DA CAPO AL FINE

SIEBZEHN

ACHTZEHN

NEUNZEHN

ZWANZIG

EINUNDZWANZIG

ZWEIUNDZWANZIG

DREIUNDZWANZIG

VIERUNDZWANZIG

OUVERTÜRE

Wenn ein Ei überkocht. Kann man das so sagen? Also ein Ei. Wenn es überkocht, hart wird im Wasser, das ich hinter dem Haus geholt habe, dort, beim Rinnsal, das ruhig vor sich hinfließt. Ich halte einen Kochtopf unters Wasser. Es schwappt über den Rand, tropft auf meine bloßen Füße. Was dieses Ei mit Klaus, meinem besten Freund, zu tun habe, hätte mich jemand fragen können. Ich hätte geantwortet: Alles, einfach alles hat es mit ihm zu tun. Das Ei ist ein Ei. Wenn ich es aufschlage, kommt sein Inneres zum Vorschein. Aber heute lege ich es ins Wasser, als Ganzes. Den Topf stelle ich auf den Herd. Meine Beine tragen mich zum Schuppen, der sich zwischen Haus und Rinnsal befindet. Mit der Axt schlage ich ein Scheit entzwei. Und noch eins. Manchmal habe ich Klaus dabei beobachtet, wie er mit seinem Werkzeug auf einen großen Stein eingehämmert hat. Hinter seinem Haus. Er hat so lange Furchen in den Stein geschlagen, bis der Stein nicht mehr bloß ein Stein war. Klaus war sehr gut darin, aus mehr weniger und etwas später aus weniger wieder mehr zu machen. Während die Axt sich auf das Scheit zubewegt, sehe ich ein Bild vom Klöppel in Klaus’ Hand, wie er niedersaust aufs Eisen, das sich knallend in den Stein gräbt. Ich sehe die Splitter, die ins Gras fallen, sich um den großen Stein herum verteilen und dort immer noch Stein sind, nur kleiner. Die Holzscheite unter die Arme geklemmt, gehe ich wieder zurück ins Haus, lege sie in den Ofen, stopfe ein paar Bögen der gestrigen Zeitung hinzu. Mit einem Streichholz entzünde ich den Haufen. Das Ei befindet sich im Wasser, das Wasser im Topf, der Topf auf dem Herd. Warum ist das nicht rückgängig zu machen?, habe ich den Arzt gefragt. Ob es da keine Behandlung gebe? Es müsse doch eine spezielle Behandlung … Der Arzt aber hat nur den Kopf geschüttelt und den Blick gesenkt.

Da ist die Wärme, die ich spüre; im Ofen züngeln die Flammen wild nach oben und erhitzen die Herdplatte. Kleine Luftbläschen bilden sich am Boden des Kochtopfs. Das Ei sollte noch nicht drinnen sein, sage ich mir. Aber dort liegt es. Umschlossen vom Wasser, das noch vor wenigen Minuten aus dem Berg gekommen ist. In der Nähe der Quelle befindet sich das Haus, in dem Klaus aufgewachsen ist und wo er später seine Steine bearbeitet hat. Er ist mein bester Freund gewesen. Nur zehn Gehminuten von meinem Grundstück entfernt, dort lebt er heute noch. Ich könnte zu ihm hingehen. Durch den Wald. Der feuchte, von Nadeln übersäte Boden würde unter meinen Schritten schmatzen. Das könnte ich tun, einfach zu ihm hingehen. Aber es würde sich nichts ändern. Er würde sich nicht ändern. Der Arzt hat gesagt, dass es unmöglich sei. Irreversibel, hat der Arzt gesagt. Die Bläschen im Topf blähen sich auf und steigen an die Oberfläche. Ein Blubbern trifft auf meine Ohren und das dumpfe Pochen der Eierschale, die ein Stakkato auf den Boden des Kochtopfs klopft. Ich versuche in dem Rhythmus eine geheime Ordnung, einen Takt, irgendeinen Sinn zu erkennen. Doch da gibt es keine Regelmäßigkeit, nur Chaos. Und die Uhr tickt. Sie tickt und tickt. Wie damals, als ich neben Klaus gesessen bin und auf die Uhr gestarrt habe, während Klaus dort gelegen ist und stumm an die Decke gestarrt hat. Dann ist die Tür aufgegangen. Das könne man nicht mehr rückgängig machen, hat der Arzt bei der Visite gesagt. Es tue ihm sehr leid, hat er nach einigem Zögern hinzugefügt. Das kochende Wasser spritzt über den Rand des Topfs, fällt zischend auf die Herdplatte und löst sich in Dampf auf. Die Uhr tickt. Und sie tickt und tickt. Ich schiebe den Topf von der Herdplatte, und mit einem Löffel hole ich das Ei aus dem Wasser. Von außen sieht das Ei aus wie zuvor. Es ist nicht zu erkennen, dass sich im Inneren etwas verändert hat. Aber das muss doch irgendwie rückgängig zu machen sein, rede ich mir ein, während ich das Ei auf dem Löffel nach draußen balanciere, hinters Haus, dort, wo das Rinnsal aus dem Wald auftaucht. Und es sind nicht meine Füße, die mich in den Wald hineinziehen, es ist etwas anderes, glaube ich, ein Wunsch vielleicht, oder eine Pflicht, der ich nachkommen muss. Da ist dieses Ei, das in dem Löffel sanft hin- und herrollt, da sind die Schritte meiner bloßen Füße, die kaum sichtbare Abdrücke im Waldboden hinterlassen, da ist dieses Sehnen, das in meiner Brust einen Vektor erzeugt, der mich unaufhörlich zur Quelle führt, die gleich dort liegt, wo Klaus wohnt, der eigentlich mein bester Freund sein müsste, denn von außen betrachtet hat sich, bis auf seinen Blick, nichts an ihm verändert.

Ich bleibe an dem Ort, wo das Wasser aus dem Erdinneren sprudelt, stehen. Für ein paar Sekunden schließe ich meine Augen. Reversibel, denke ich – reversibel. Und als ich die Augen wieder öffne, fließt das Wasser rückwärts und wird ins dunkle Loch gesaugt. Als hätte ich nichts anderes erwartet, nehme ich das Ei vom Löffel und werfe es hin zur kleinen Öffnung, in der es, begleitet von einem leisen Gluckern, augenblicklich verschwindet. Meine Füße steigen ins Rinnsal, die Knie beugen sich und mein Kopf nähert sich langsam der Quelle, sodass meine Lippen vom kalten Nass umspült werden. Als wüsste ich genau, was zu tun sei, atme ich tief ein, schiebe den Kopf mit einem kräftigen Ruck durch die Öffnung, zwänge auch meine Schultern hindurch und schlüpfe mit meinem ganzen Körper hinein in den Berg, dessen Felsen schwach zu glühen scheinen. Sogleich sehe ich das Ei vor mir, wie es durch das Strömen des Wassers fortwährend seine Position ändert, schlingert, sich dreht. Meine rechte Hand greift danach. Hier drinnen, sage ich mir, irgendwo hier drinnen, da bin ich mir absolut sicher, kann ich es rückgängig machen, wieder zum rohen Ei werden lassen, das es einmal gewesen ist. Ich kann es umkehren, alles ungeschehen machen. Das kann ich. Solange ich nur weit genug in den Berg hineinschwimme, das Ei fest in meiner Hand, und nicht damit aufhöre, wenn ich einfach nicht aufhöre zu schwimmen.

EINS

Er ist da gewesen … So könnte ich beginnen, wenn man mich gebeten hätte, an seinem Begräbnis eine Rede zu halten. Klaus ist da gewesen, seit meiner Jugend ein Freund, ohne dass ich es gewusst hätte, seine Präsenz lange schon in mir vergraben als verborgener Wunsch oder als etwas, das man zwar nicht besitzen, nach dem man sich aber still sehnen kann.

Der Zettel, von dem ich ablesen würde, hätte teils umgeknickte, teils abgerissene Ecken, meine Hände würden zittern und ich hätte Probleme mit der Entzifferung der krakeligen Schrift. Die Tinte wäre verschmiert, Schweißtropfen würden sich auf meiner Stirn bilden, manche würden vom Dickicht der Augenbrauen aufgenommen, während andere in die Augen geraten und dort ein Brennen hervorrufen würden. Ich könnte das leise Murmeln der Trauergäste vernehmen, das Lachen der Kinder, die noch nicht wüssten, was es bedeutet, zu trauern. Ein Baby würde in der letzten Reihe zu schreien beginnen und mit gespitzten Lippen gierig nach den Brustwarzen seiner Mutter suchen.

Den Zettel würde ich nach kurzem Zögern in der rechten Tasche meines Sakkos verschwinden lassen, das Zerknüllen würde bis in den hintersten Winkel des Kirchenschiffs zu hören sein. Langsam würde ich den Kopf heben, einen Blick in die erste Reihe werfen, zu Klaus’ stumm jammernder, vornübergebeugter Mutter, zu seinem aufrecht dasitzenden, apathisch in die Ferne starrenden und beinahe entrückt wirkenden Vater und zu Martha, seiner Schwester, deren Gesichtsausdruck mir sogar an jenem Tag, an dem die innerlich aufgezogenen Mauern dünner und niedriger wären als sonst, fremd wäre. Anfangs würde ich mit brüchiger Stimme sprechen, dem ungewohnt langen Nachhall meiner Worte lauschend. Mit keinem einzigen Wort, das hätte ich mir geschworen, dürfte ich seine Krankheit erwähnen. Nicht erwähnen, dass er gezwungen war, kurzerhand von Wien nach Kärnten zu ziehen, zurück ins Nest seiner Eltern, die ihn seither fürsorglich pflegten. Ich würde … ach was, gar nichts würde ich. Klaus ist doch nicht gestorben! Natürlich nicht. Jedenfalls nicht für sich, falls man das so sagen kann. Für mich hingegen? Ich weiß es nicht. Warum sonst dieser Aufwand, nur um die Gedanken an ihn ein für alle Mal loszuwerden? Aber wenn er nach wie vor in seinem Elternhaus, irgendwo am Rande eines kleinen Oberkärntner Dorfs, liegend, sitzend oder schlafend, also wenn er dort lebte und seine Existenz nichts mehr mit mir zu tun hätte … es könnte mir egal sein. Aber ich kann einfach nicht aufhören zu fragen: Was, wenn es anders gekommen wäre? Wenn er heute nicht nur am Leben wäre, sondern auch noch leben könnte, wie damals?

Was wäre, wenn. So hätte ich jeden Satz begonnen. Ich hätte bei der Grabrede seinen psychischen Abstieg totgeschwiegen und stattdessen den Trauernden einen alternativen Lebensweg beschrieben. Zuerst hätte ich was wäre, wenn gesagt, und dann hätte ich frei erfunden, wie Klaus zu einem namhaften Künstler geworden wäre, dass ihm nicht nur bei der technischen Ausführung, sondern auch, was seine Einfälle anbelangte, jahrelang niemand das Wasser reichen konnte. Das wäre natürlich eine maßlose Übertreibung gewesen, aber darum geht es schließlich bei Grabreden. Erzählt hätte ich, dass er nach dem mit Auszeichnung abgeschlossenen Studium auf der Akademie von einer namhaften Galerie unter Vertrag genommen worden wäre und einen Preis nach dem anderen abgeräumt hätte, dass man ihn zu wichtigen Gruppenausstellungen eingeladen und ihm bei diesen Gelegenheiten beinahe alle neuen und bisherigen Werke abgekauft hätte, dass es bald zur ersten Einzelausstellung in der Wiener Secession gekommen wäre, dann im Pariser Palais de Tokyo und in der Londoner Serpentine Gallery, später hätte man ihm hohe Würdigungen entgegengebracht, den Ehrendoktortitel der Universität Klagenfurt verliehen und so weiter und so fort. Klaus’ alternatives Leben wäre eines gewesen, dass es wert gewesen wäre, gelebt zu werden. Ja, er hätte Fehler gemacht wie jeder andere auch, er wäre gestolpert, ich hätte ihm, wenn er mich darum gebeten hätte, eine Stütze abgegeben, ich wäre für ihn da gewesen, weil ich gewusst hätte, dass auch er da gewesen wäre, nicht für mich, es hätte schon gereicht, wenn er anwesend gewesen wäre, also in seinem Körper drinnen, völlig da, bewusst.

Die Trauergäste hätten durch zu Trichtern geformten Händen lautstark buh gerufen – buh buh buh, hätten sie gerufen! Denn all das sei falsch. Eine glatte Lüge. Erzähl doch keinen Schmus!, hätten sie geschrien. So sei sein Leben ja nicht verlaufen. Ich solle nichts beschönigen. Die Wahrheit wollten sie hören, das, was Klaus wirklich erlebt habe, und nicht das, was ich in ihn hineindichtete. Ich sei kein Freund, sondern ein Trottel, ein Geschichtendrücker, Hochstapler, Verräter. Ich solle nach Hause gehen, man wolle mich nicht mehr sehen, denn das sei es ja auch gewesen, was ich Klaus angetan hätte, dass ich ihn nämlich nicht mehr hätte sehen wollen, dass ich schließlich irgendwann genug von ihm gehabt hätte, dass ich nicht auf ihn hätte hören wollen, auf seine Hilferufe und flehentlichen Bitten, obwohl da immer noch ein wenig Klaus in ihm gewesen wäre, das hätte man eindeutig gesehen, denn da wäre doch noch sein Körper vor einem gestanden, es wäre eindeutig Klaus gewesen, man hätte ihn auch bei einer Passkontrolle ohne Weiteres identifizieren können, wieso dann ich, sein angeblich bester Freund, es gewagt hätte, ihn im Stich zu lassen, wie ich das nur hätte übers Herz bringen können, eine nahezu unmenschliche Geste wäre es gewesen, gerade ihm gegenüber, jemandem, der jegliche Unterstützung bitter benötigt und meine Zuneigung gebraucht hätte. Ich sei kein Mensch. Denn ein Mensch wäre zu solch einer Tat nicht fähig. Ich solle endlich verschwinden, in der Kirche sei für einen wie mich kein Platz, ich solle mit meiner Anwesenheit bitte nicht den Leichnam beleidigen, ihn vergrämen. Ob ich nicht bemerkt habe, wie sich der Tote im Sarg umgedreht habe, weil er mein an den Haaren herbeigezogenes Geschwafel nicht ertrage, weil er von seinem sogenannten alternativen Lebensweg nichts mehr hören wolle, eine Frechheit sei das, ihm diese Worte zuzumuten, ihm dieses Dasein zuzuschreiben!

Ich hätte es nicht gebraucht, mein anderes Leben. Das hätte Klaus vielleicht in diesem Moment gesagt, wenn er es denn noch hätte sagen können, als Leichnam. Und ich hätte ihm geantwortet, dass er es gewiss nicht gebraucht, aber sehr wohl verdient hätte. Dann hätte ich mich über ihn gebeugt und mein unverdautes Frühstück über sein Gesicht erbrochen, oder nein, zwei Tränen hätten sich aus den Augenwinkeln gelöst, ja genau, so wäre es geschehen, sie wären von meiner Nasenspitze auf seine kalte weiße Stirn getropft, der Raum hätte sich plötzlich zu drehen begonnen wie in einem billig produzierten Märchenfilm, und es hätte nichts gedauert (und auch gar nicht wehgetan), und wir wären wieder in der Ästhetik-Vorlesung gesessen; ich hätte den monoton abgespulten Vortrag des Lehrenden mit einiger Anstrengung verfolgt und hätte, so gut es mir um halb neun Uhr in der Früh möglich ist, Notizen gemacht, während Klaus neben mir gesessen wäre, das Kinn auf die rechte Handfläche gestützt und den Bleistift locker in der Linken, Skizzen zeichnend. Ich hätte den Kopf in seine Richtung gedreht, weil ich sehen wollte, welches Gesicht zu diesen beeindruckend stilsicher gezogenen Strichen gehörte, und es wäre das erste Mal gewesen, dass ich Klaus wahrgenommen hätte. Am Ende der Vorlesung hätte er sich zu mir gewandt, mich angelächelt und gefragt, ob ich so nett wäre und ihm meine Mitschrift für die Anfertigung einer Kopie leihen könnte, denn, wie ich vielleicht bemerkt hätte, sei er leider nicht fähig gewesen, um diese Uhrzeit die nötige Aufmerksamkeit für philosophische Fragestellungen aufzubringen, und ich ihm darauf geantwortet hätte, dass sich das durchaus machen ließe, aber nur unter der Bedingung, dass ich als Austausch eine Kopie seiner Skizzen bekäme.

Und die Trauergäste hätten, wäre ich an dieser Stelle meiner Erzählung angekommen, immer noch buh gerufen und mir befohlen, auf der Stelle meinen Mund zu halten, doch ich hätte nicht auf sie gehört, denn ich hätte etwas zu sagen gehabt, und jemand, so fand ich, der etwas zu sagen hat, sollte die Möglichkeit haben, es auszusprechen. Vor dieser Meute zu stehen und in der Abschiedsrede aufzugehen, ja, das hätte mich beruhigt, es wäre fast so gut gewesen, wie vor den Gemälden Hans Staudachers oder Maria Lassnigs zu verharren und in ihrer Präsenz zu verschwimmen.

Vom Löffelchen in der Melange hätte ich erzählt, wie ich einen liegenden Achter auf den Tassenboden zeichnete und Klaus mich anschaute, mit wachen, interessierten Augen. Wie wir einander in einem schäbigen Café in der Nähe der Universität zum ersten Mal gegenübersaßen, wie ich seinen Blick erwiderte und eine Aufregung verspürte, die mich verunsicherte. Wie er erfuhr, dass ich Albert heiße und soeben das Studium der Konservierung und Restaurierung begonnen hatte. Wie ich erfuhr, dass er Klaus heißt und Bildhauerei studierte. Wie er mir verriet, dass er sich gar nicht als zeitgenössischer Künstler sehe, sondern als einer, der versuche, von den alten Meistern zu lernen, und dass dies zurzeit fast schon in Verruf geraten sei; das Geschaffene müsse frei auslegbar sein, offen für jegliche Interpretationen, sagte er, man wolle sich nicht mehr festlegen, denn wer sich auf etwas festlege, mache sich angreifbar, und wer sich für kritische Bemerkungen öffne, werde unsicher und könne nicht mehr mit stolz erhobener Brust behaupten, denn das sei es ja, fuhr er fort, was Kunst ausmache, dass es da jemanden gebe, der etwas in die Welt setze und mit diesem Objekt etwas behaupte, dann stehe da plötzlich etwas, das vorher noch nicht dagestanden habe, bestenfalls sogar im öffentlichen Raum, und dieses Etwas sage etwas aus, es erzähle sich selbst. Wie ich aufhörte, mit der kleinen Gabel im ungenießbaren Kuchen herumzustochern, ihn in seinem Gedankenfluss unterbrach und sagte, dass gerade solche Kunstwerke am häufigsten zu restaurieren seien, denn sie seien Tag und Nacht, Jahr für Jahr der Witterung ausgesetzt, und dass bekannte Legierungen wie Bronze unter Einwirkung von CO2 und SO2 mit der Zeit eine Patina bilden, die man natürlich längst im Griff habe, aber neuere Materialien seien quasi unerforschtes Gebiet; wie ein Pionier käme man sich da zum Teil vor, rühmte ich mich, denn es gebe kaum Erfahrungen in einem Bereich, in dem jeden Tag neue Werkstoffe im Entstehen seien. Und gegen Ende des Studiums, erklärte ich, würde ich mich gerne auf die Restaurierung zeitgenössischer Kunst spezialisieren. Wie Klaus nickte, behutsam die Kaffeetasse auf dem Untersetzer abstellte und sagte, dass mich seine Kunstwerke dann wohl eher langweilen würden, denn er arbeite meist mit Stein, Holz, Gips, Ton und bekannten Metallen. In dieser Hinsicht, das gebe er zu, sei er altmodisch. Wie ich die Gabel auf den Teller legte und ihn in die Mitte des Tisches schob. Wie die Kellnerin sich näherte und fragte, ob der Kuchen etwa nicht geschmeckt habe. Wie ich sagte, dass er ausgezeichnet gewesen sei, ich aber leider doch keinen Hunger gehabt habe. Wie sie die Stirn runzelte, anmerkte, dass man für einen Kuchen keinen Hunger brauche und den Teller wortlos mitnahm. Wie Klaus wissend lächelte. Wie ich an seine Aussage von vorhin anknüpfte und meinte, dass er uns die Arbeit dadurch wohl erleichtere, die gewählten Materialien aber nichts über das Kunstwerk aussagten. Wie Klaus aufhörte zu lächeln und mit Nachdruck darauf hinwies, dass das Material der Anfang sei und das Ende. Wie ich entgegnete, dass ich es so nicht gemeint und mich wohl nicht deutlich genug ausgedrückt habe, dass gewiss aus jedwedem Stoff eine künstlerisch eindrucksvolle Arbeit entstehen könne und mich ein Haufen absichtsvoll positionierte Erde ebenso interessiere wie eine klassisch geformte, in Messing gegossene Plastik, dass es mir vielmehr um die Idee dahinter gehe und ich bei der Restaurierung versuchen wolle, zuerst in diese einzudringen, um also mit der Idee auch den Beweggrund für den gewählten Werkstoff zu verstehen, auch wenn man, gerade bei verstorbenen Künstlerinnen und Künstlern, und vor allem bei solchen, die wenige Notizen hinterlassen hätten, darüber nur mutmaßen könne. Wie sich Klaus’ Gesichtszüge entspannten. Wie er mir sagte, dass das seiner Ansicht nach ein ungewöhnlicher Zugang sei und dass er immer gedacht habe, wir kümmerten uns nicht um die Entstehung eines Kunstwerks, dass uns das Prozesshafte nicht interessiere, dass es uns nur um das Endprodukt gehe. Wie Klaus weitersprach, ich aber aufhörte, seinen Worten Aufmerksamkeit zu schenken und ich stattdessen seine fein gezogenen Lippen beobachtete, wie sie sich öffneten und schlossen, seine leicht hervorstehenden Wangenknochen, die glatte Stirn, seine rauen Hände, die ab und zu die Kaffeetasse zum Mund führten. Wie ich bemerkte, dass er mich ebenso beobachtete, wie ich mich ertappt fühlte, aber wobei? Wie die Zeit verging und wir uns mit jedem Satz und mit jeder Regung unserer Körper kennenlernten, mit jedem Abwinkeln der Arme und Finger, mit jedem Faltenwurf der Stirn. Wie ich bereits nach zwei Stunden das Gefühl hatte, ihn seit zwei Jahren zu kennen, wie es mich positiv überraschte und mir gleichzeitig trügerisch erschien. Wie wir bezahlten, aufstanden und das Café verließen, um zurück zur Universität zu gehen und unsere Unterlagen zu kopieren, ich meine Mitschrift, er seine Skizzen. Wie wir sie uns, fast feierlich, gegenseitig überreichten und unsere Telefonnummern austauschten. Wie er die Kopien seiner Skizzen auf einmal wiederhaben wollte und ich sie ihm verwundert zurückgab. Wie er die vom Kopiervorgang noch warmen Blätter zerriss und in den Papierkorb warf. Wie er in seine Umhängetasche griff und den Zeichenblock abermals hervorkramte, wie er ein paar Seiten sorgsam abtrennte und mir die Originalskizzen reichte. Wie ich ihn fragte, ob er sie denn nicht mehr bräuchte. Wie er sagte, dass er, wenn er sie jemals bräuchte, nun ja wisse, wo sie zu finden seien. Wie wir uns die Hände schüttelten und ich den Drang verspürte, ihn zu umarmen, mich aber zurückhielt. Wie wir wussten, dass dies ein Anfang war, nicht mehr als ein Anfang.

Wie man mich vom Sarg wegzerren müsste. Wie ich jemandem die Nase blutig schlagen würde. Wie man mich anschreien würde, ich Idiot solle doch endlich aufwachen! Dass das Leben leider keine schöne Geschichte sei, kein Sinnieren über Kunst, sondern … Wie sie innehalten würden, diese Idioten, und ich sie fragen würde, was das Leben denn ihrer Meinung nach sei. Wie sie den Kopf senken würden und ich keine Antwort von ihnen bekäme. Wie ich ein letztes Mal auf den Sarg starren würde und auch von dort: keine Antwort.

ZWEI

»Kaffee?«, fragte er.

Ich nickte, während mein Blick den riesigen Raum durchmaß und dabei an etlichen Objekten hängen blieb.

»Bruno Gironcoli hat hier gearbeitet«, sagte Klaus, da er ein Fragezeichen hinter meiner Stirn erkannt zu haben glaubte. »Und nicht nur das. Er hat hier auch gelebt. Ach ja, nur zur Info, der Kaffee schmeckt fürchterlich. Willst du trotzdem einen?«

»Ja«, sagte ich. »Hauptsache, er wirkt.«

»Na dann, ich bin gleich wieder da.«

Ich schlenderte von einem Objekt zum anderen. Manche waren größer als ich, andere wiederum flach und breit, die einen aus Stein oder Metall, andere aus Styropor oder Wolle, manche schienen mehr oder weniger bereit, ausgestellt zu werden, anderen wiederum sah man deutlich an, dass sie noch viele Stunden an Bearbeitung benötigten. Klaus kam mit zwei braunen Plastikbechern zurück und stellte sich mir gegenüber.

»Daran arbeite ich gerade«, sagte er, reichte mir einen Becher und deutete mit dem Kopf auf eine Plastik. »Es ist noch nicht so weit. Da bin ich mindestens zwei, drei weitere Wochen damit beschäftigt.«

»Es schaut gut aus«, sagte ich.

»Nein«, sagte er, »tut es nicht.«

Er nahm einen Schluck Kaffee. Sein Hals spannte sich dabei an. Es wirkte auf mich, als wenn er beim Schlucken starke Halsschmerzen hätte. Ich tat ihm nach, nahm einen kleinen Schluck von der hellbraunen Brühe und kam nicht umhin, das Gesicht zu verziehen.

»Es ist wie mit diesem Kaffee«, sagte er. »Zu viel Zucker ist drin. Oder zu wenig. Oder die Milch ist schlecht. Oder besser gesagt: das Milchpulver. Oder die Qualität der Bohnen gibt nichts her. Oder sie wurden nicht richtig geröstet.«

»Ich finde es gut«, sagte ich.

»Du meinst den Kaffee?«

»Nein«, sagte ich und musste grinsen. »Der Kaffee schmeckt beschissen. Aber deine Arbeit, die finde ich schön.«

»Schön«, wiederholte er leise. »Ich finde sie auch schön. Und da liegt auch das Problem, denn das ist mir einfach zu wenig, weißt du? Die Arbeit soll nicht gut und schön sein, sie soll verstörend sein, sie soll nicht vergessen werden und sich in deine Eingeweide reinbohren, sie soll zu einem Diskurs anstoßen, sie soll zu Abneigung führen oder sprachlos machen, weil Worte wie schön nicht ausreichen, um ein Werk zu beschreiben. Und genau diesen Anspruch erfüllt diese Arbeit nicht. Deshalb ist sie auch noch lange nicht fertig.«

Wir schwiegen eine Minute, dann sagte Klaus, dass er mit dieser Arbeit vielleicht nie fertig werden würde, dass sie, wie so viele andere auch, im Müllcontainer landen würde, dass sie eine von den Arbeiten wäre, die es nicht verdient hätte, anderen Menschen gezeigt zu werden, dass sie vielleicht nur eine Übung wäre, damit er das nächste Mal gleich von Anfang an alles richtig machen könnte.

»Alles richtig machen«, sagte ich und nippte am lauwarmen Kaffee, der diese Bezeichnung kaum verdiente, nun, nachdem ich an den Geschmack gewöhnt war, aber ohne Wiederstand durch die Speiseröhre in den Magen floss.

»Du hast recht«, meinte er. »Alles richtig zu machen, ist genauso langweilig. Es ist eine Gratwanderung, die manchmal gut geht und ein andermal eben nicht. Dann stürzt man in die Tiefe und das Kunstwerk ist verloren.«

»Komisch«, sagte ich, »dass du mich erst jetzt das erste Mal hierher eingeladen hast.«

»Hmm«, machte er und sagte, dass er sich schon schwertue, mit den Lehrenden über eine unfertige Arbeit zu reden. »Das war von Anfang an ein Streitpunkt. Und wenn ich mit einer Plastik zufrieden bin, möchte ich sie zwar herzeigen, aber mit Kritik kann ich dann genauso wenig …« Klaus stockte. »Also, es ist nicht so, dass ich damit nicht umgehen könnte«, sprach er weiter. »Es ist eher so, dass ich damit nichts anfangen kann. Es ist mir im Grunde egal, was die anderen darüber sagen und ob sie etwas daran auszusetzen haben. Die Arbeit kann meinetwegen Ausgangspunkt einer Diskussion sein, sie kann ein Katalysator sein, verstehst du? Der tritt dir in den Hintern und dann bringt er dich auf eine Idee, die dir vorher nicht eingefallen wäre. Das ist Sinn und Zweck des ganzen Schaffensprozesses, zumindest für mich. Die Kritik am Werk selbst interessiert mich nicht. Wenn sie erst mal fertig ist, gibt es daran nämlich nichts zu kritisieren. Ein Mensch, der fertig ist, also geboren wird, daran gibt es auch nichts zu kritisieren. Er ist zu nehmen, wie er ist, und das ist gut so. Bei einem Kunstwerk sollte es nicht anders sein. Man kann, wenn man will, damit in Kontakt treten oder es ignorieren. Aber sagen, dass das hier bitte so zu machen sei und das hier so? Nein, deshalb habe ich mich hier nicht beworben. Es gibt viele Studierende, die ganz heiß auf Kritik sind, die wollen von den Lehrenden fertiggemacht oder in den Himmel gelobt werden. Mich interessiert das nicht.«

»Und du bist hier, weil …?«

»Ich bin dieses besonderen Ortes wegen hier, wegen der Materialien, wegen dem Werkzeug, der Möglichkeit, sich auszubreiten und weil alle hier das Gleiche tun, weil man sich mit seinesgleichen austauschen kann.«

»Verstehe«, sagte ich. »Aber was ist mit der Technik. Die hat man doch nicht gleich so drauf, also kann man zumindest die Ausführung kritisieren, oder?«

»Die Technik«, sagte Klaus, »kommt ganz von alleine durchs Tun. Ein Frühwerk, dem man gewisse technische Mängel ansehen mag, kann genauso interessant, wenn nicht interessanter sein als ein Spätwerk. Wenn man nicht aufpasst, kann das Verfahren vieles kaputt machen. Es gibt praktisch einwandfrei gearbeitete Werke, die nichts in mir auslösen, und dann gibt es welche, die stecken, zumindest aus einer kunstfertigen Perspektive gesehen, in den Kinderschuhen, hauen mir aber derart in die Magengrube, dass mir für einige Zeit die Luft wegbleibt.«

»Technik ist also unwichtig?«, fragte ich einigermaßen verblüfft.

»Nein«, sagte Klaus, »natürlich ist sie wichtig. Aber es gibt Dinge, die sind wichtiger.«

»Zum Beispiel?«

»Dass man einen guten Zugang zu sich selbst hat«, sagte er nach kurzem Überlegen. »Das ist wahrscheinlich das Wichtigste. Dass man das, was in einem tief drinnen brodelt, erkennt und bei Bedarf hervorholen kann. Aber was erzähle ich dir. Das weißt du alles von deinem Studium.«

»Nicht unbedingt«, entgegnete ich. »Bei Konservierung und Restaurierung ist die Ausführung heilig. Natürlich heißt das nicht, dass von uns keine Kreativität abverlangt wird, aber die Gewichtung ist eindeutig.«

Ich fragte Klaus, ob die Verbindung zu ihm selbst ganz von alleine da sei, wenn er an einem Werk arbeite.

»An manchen Tagen«, sagte er, »ist sie da, an anderen Tagen suche ich vergeblich nach ihr. Es braucht Zeit. Viel Zeit und Ruhe. Manchmal ertappe ich mich dabei, dass ich stundenlang auf die Oberfläche eines Materials starre, das vor mir am Boden liegt … Und die Gesellschaft«, fuhr er fort, »sie verlangt von uns, dass wir einen anderen Blick auf die Welt haben sollen, dass wir sie mit unseren Werken verzaubern sollen, aber gleichzeitig sollen wir arbeiten, also hackeln, wie jeder andere Bürger auch, während des Tages arbeiten und am Abend Kunst machen, weil das schon gehen wird; wir sollen empfindsam sein und dann doch wieder nicht, wir sollen Missstände aufzeigen, aber dann doch bitte lieber nicht zu tief mit dem Finger in die offenen Wunden eindringen. Und weil die Menschen nicht wissen, was sie von uns wollen, obwohl sie wissen, dass sie uns wollen, tut ihnen jede Million, die zusätzlich vom Steuergeld für die Kunst ausgegeben werden soll, weh. Aber das ist eine andere Geschichte.«

Klaus nahm einen letzten Schluck aus dem Becher, zerdrückte ihn, indem er eine Faust formte, und warf ihn auf seine Plastik. Ich imitierte ihn, nahm meinen letzten Schluck, zerdrückte den Becher, indem ich eine Faust formte, und warf ihn auf seine Plastik. Hellbraune Flüssigkeit rann über den grauen, grob bearbeiteten Stein. Klaus schaute mich lange an, ich wartete darauf, dass er, entgegen seiner Natur, jeden Moment auf mich einprügeln würde.

»Warte hier«, sagte er schließlich. Er verließ den Raum durch eine der beiden Türen, die auf den Gang führten. Für ein paar Minuten war er nicht zu sehen. Ich hörte Holz- und Metallgegenstände, die auf den Steinboden knallten. Als er den Raum wieder betrat, hielt er einen Vorschlaghammer in seinen Händen. Er trat auf mich zu und hob ihn mit zusammengebissenen Zähnen und weit geöffneten Augen über seinen Kopf. Obwohl ich wusste, dass er ihn nicht auf meinen Kopf krachen lassen würde, zuckte ich zusammen. Da senkte er langsam den Hammer und sagte:

»Du zuerst.«

»Wie meinst du das?«, fragte ich.

Er deutete auf seine Plastik.

»Hau drauf«, sagte er. »Aus der wird nichts mehr. Ich habe zu viel weggenommen, schau mal, hier zum Beispiel, aber auch hier und hier und hier.« Er strich mit der Handfläche über ein paar Stellen. Ich konnte nicht erkennen, was daran nicht stimmen sollte.

»Da habe ich zu viel nachgedacht«, sagte er, »zu viel gewollt, da habe ich zu perfekt sein wollen. Bis es zu spät war. Das ist nicht mehr gutzumachen, auch wenn ich noch monatelang daran feile. Also tu mir bitte den Gefallen und hau drauf. Tu es einfach!«

»Bist du dir absolut sicher?«, fragte ich.

»Dir wird doch als angehender Restaurator schon mal ein übermaltes Gemälde in die Hände gekommen sein?«

»Natürlich«, sagte ich. »Oft gibt es sogar mehrere überlagernde Schichten in verschiedenen Schaffensperioden.«

»Dann stell dir bitte vor, dass du jetzt nichts anderes machst, als ein Gemälde neu zu grundieren. Glaub mir, es ist nichts anderes als das. Mit ein bisschen Glück kann ich aus dem Überbleibsel noch etwas Brauchbares machen.«

Zögerlich nahm ich ihm den Hammer ab. Er lag schwer in meinen Händen. Das letzte Mal, als ich einen Vorschlaghammer benutzt hatte, war ich noch kaum ein Jugendlicher gewesen. Mein Bruder Leander hatte, offenbar unabsichtlich, das Puzzle zerstört, an dem ich einige Wochen lang konzentriert gearbeitet hatte. Ich hatte ihn angeschrien, ihn einen kleinen, beschissenen Nichtsnutz und eine lausige, dreckige, behinderte Zecke genannt. Dann hatte ich ihm gesagt, dass ich nicht mehr sein Bruder sein wollte. Leander war damals sechs Jahre alt. Mein Vater nahm mich tags darauf beiseite, drückte mir einen Vorschlaghammer an die Brust und reichte mir zudem eine dünne Stecknadel, die einen kaum vorhandenen Kopf aufwies. Er deutete auf die grob verputzte Garagenwand und machte mit einem Bleistift, den er hinter seinem Ohr hervorgeholt hatte, ein gut sichtbares Kreuz. Die Stecknadel, sagte er, ich solle sie genau dort einschlagen. Ich runzelte die Stirn, da ich noch nicht ahnte, was er mir damit zeigen oder sagen wollte. Mit meiner rechten, zitternden Hand hob ich den Hammer, gerade noch fähig, ihn in angemessener Höhe zu halten. Mit der linken hielt ich die Stecknadel an die Wand. Ich ließ beides nach wenigen Sekunden wieder sinken und sagte, dass das so nicht funktioniere, dass ich einen kleineren Hammer benötige oder einen größeren Nagel. Das sei ihm schon klar, sagte er, aber ich solle trotzdem weitermachen, es zumindest versuchen. Aus meinem Mund drang ein leiser Seufzer, aber ich tat, was er wollte, hob abermals den Hammer hoch und hielt die Spitze der Stecknadel in die Mitte des an die Wand gemalten Kreuzes. Zu fest schlug ich auf den winzigen Kopf der Stecknadel, sie verbog sich und der Hammer rutschte ab, streifte mit der Kante über meinen Daumen und schürfte ein Stück der obersten Hautschicht ab. Ich spürte einen brennenden Schmerz und presste die Lippen aufeinander, ließ mir aber sonst nichts anmerken. Mein Vater nickte, machte dreimal mhmmm und nahm mir den Hammer und die verbogene Stecknadel ab. Er ging in die Hocke und sagte, dass es sich mit Worten ganz ähnlich verhalte, dass manche so hart und schwer seien, dass sie beim Aussprechen Erdbeben auslösen können und fähig seien, Löcher in einer meterdicken Mauer entstehen zu lassen, dass man mit ihnen hingegen keine Stecknadel in die Wand schlagen könne, um daran ein bemaltes Blatt Papier zu befestigen. Und diese Worte, fuhr er fort, wirkten auch auf die Menschen ein. Wenn sie zu heftig seien, würden sie in ihnen Risse erzeugen, die manchmal nur schwer heilbar wären. Alles, was aus meinem Mund komme, sagte er, bewirke etwas in der Welt, das dürfe ich nicht vergessen, und dass es an mir liege, zu entscheiden, wie ich die Welt formen wolle. Es sei daher ratsam, fügte er hinzu, mit dem Gesagten so bewusst wie nur möglich umzugehen, weil man ansonsten nicht nur andere Menschen verletzen könne, sondern, wie ich soeben gesehen hätte, auch sich selbst. Ich hob die linke Hand und betrachtete die abgeschürfte Haut an meinem Daumen. Mein Vater erhob sich, ging in die Ecke der Werkstatt, öffnete einen kleinen Kasten und hielt kurz darauf ein Pflaster in seinen Händen. Er klebte es mir behutsam über die wunde Stelle und meinte, dass in bestimmten Situationen der Vorschlaghammer genau das richtige Werkzeug sei, in anderen sei jedoch ein kleiner Hammer aus Gummi vorzuziehen. Ich verstand, was er mir sagen wollte, nickte und starrte beschämt zu Boden. Er fragte mich, wie viel Zeit ich in den letzten Wochen mit Leander verbracht habe. Obwohl ich bereits wusste, worauf er hinauswollte, sagte ich, dass ich keine Ahnung hätte. Er wiederholte seine Frage. Ich hob den Kopf und sagte ihm die Wahrheit. Mit leiser Stimme meinte mein Vater, dass Leander mich womöglich vermisst, seinen alten Spielkameraden, der nun langsam, aber doch in die Pubertät komme und andere Spiele spielen wolle. Ich tat so, als ob ich nicht wüsste, was er damit meinte, konnte jedoch nicht verhindern, dass Blut in mein Gesicht schoss und sich die Wangen rot verfärbten. Mein Vater lächelte und meinte, dass, wenn ich mich ab und zu mit meinem Bruder beschäftigte, er sicherlich nicht mehr auf die Idee käme, unabsichtlich mein Puzzle zu zerstören. Ich konnte nicht anders als zu lächeln, obwohl ich eigentlich ernst bleiben wollte, denn was Leander getan hatte, war nicht so leicht zu verzeihen. Deshalb nannte ich Leander weiterhin eine Nervensäge, weil er das eben war und weil er das blieb. Ich wollte nicht nachdenken, ich wollte keine Rücksicht nehmen auf das, was aus meinem Mund kam, vor allem dann nicht, wenn ich aufgebracht war. Ich hatte die Allegorie meines Vaters verstanden, aber ich hatte sie nicht verinnerlicht, wollte es nicht; in mir waren die Emotionen um einiges stärker als die Vernunft, ganz zum Leidwesen meines Bruders.

Nun stand ich also mit dem Vorschlaghammer im Atelier der Bildhauerei-Klasse, dachte an diese Szene, und mir wurde schlagartig bewusst, wie sehr ich meinen Vater vermisste. Ich könnte alte Fotos anschauen. Ich könnte alte Videos anschauen. Aber eine Stimme – und auch das Bild zu dieser Stimme – ist ein lächerlicher Ersatz für einen Menschen aus Fleisch und Blut. Und Leander? Ich sah sein Gesicht, es war verschwommen, undeutlich an den Rändern, es hatte keinen Zweck, ihn mir vorzustellen. Er existierte, lebte sein Leben, aber hatte seine Existenz etwas mit mir zu tun?

»Ich habe keine Wut in mir«, sagte ich zu Klaus. »Wie soll ich auf deine Arbeit einschlagen, wenn ich gerade keine Wut empfinde?«

»Glaubst du etwa, dass ich jedes Mal Wut empfinde, wenn ich den Stein bearbeite?«, fragte mich Klaus. »Und glaubst du, dass ein Schlagzeuger jedes Mal, wenn er sein Instrument spielt und mit voller Wucht auf die Trommeln eindrischt, Wut empfindet?«

»Ich sehe schon«, sagte ich und rollte mit den Augen.

Klaus lächelte. Fein gezogene Brauen zierten seine Augen, die mich fordernd beobachteten. Ein Grübchen entstand und verschwand wieder. Klaus hatte ein feminines Gesicht. Es war sehr schön, das konnte man, so dachte ich mir, ganz objektiv behaupten. Ich hätte ihn stundenlang anschauen können, ohne dass mir auch nur eine Sekunde langweilig geworden wäre. Manchmal, wenn ich bei ihm oder er bei mir übernachtete und er vor mir eingeschlafen war, tat ich genau das. Ich beobachtete ihn und fühlte mich wohl dabei, geborgen.

»Mach es doch einfach aus purer Freude«, sagte er.

»Aus Freude zuhauen?«, fragte ich überrascht.

»Na klar«, gab mir Klaus zu verstehen. »Warst du denn nie ein Kind? Es gibt kaum etwas Befreienderes, als etwas Schönes zu zerstören.«

Ich schaute Klaus lange an, dann nickte ich und hob den Vorschlaghammer hoch über meinen Kopf.

DREI

Ich dachte immer, Oberkärnten sei der obere, also nördliche Teil Kärntens, aber dem ist nicht so. In Kärnten ist oben der Westen. Dorthin hat mich Klaus eingeladen. Es war Karfreitag. Vor zwei Tagen war ich angekommen und hatte auch gleich seine Eltern kennengelernt. Seine Mutter hatte mich, als würden wir uns schon seit Jahren kennen, mit einer herzlichen Umarmung empfangen. Ich fragte mich, ob durch sie die Kärntner Seele, die bekanntlich etwas gemütlicher ist als die der anderen Bundesländer, besonders stark durchschien. Klaus’ Vater war ebenso entspannt, jedoch in einer nach innen gerichteten, passiven Form. Während eines Gesprächs nickte oder brummte er von Zeit zu Zeit, um zu signalisieren, dass er gedanklich anwesend war, aber er sprach nicht viel. Auch nickte er gerne ein, vormittags, dann kurz nach dem Mittagessen und noch einmal am Nachmittag, stets mit einem angedeuteten Lächeln auf den Lippen, während in angenehmer Lautstärke das Programm von Ö1 aus den alten Stereoboxen plätscherte. Dieser Mann hatte etwas von einem schweigenden, tief in seine Gedanken versunkenen Mönch, bis er dann doch etwas sagte, mit einem Satz herausfuhr aus seiner scheinbaren Abwesenheit und damit nicht selten so manches auf den Punkt brachte, worüber zuvor lang und breit diskutiert worden war. Ein kommunistischer Nazi, hatte er zum Beispiel gerufen, als wir über die Karrierelaufbahn eines bestimmten Politikers zu sprechen kamen, oder, als es um eine Sportlerin ging: Die kapiert nichts, und sie hat nie was kapiert und wird niemals was kapieren, und nach einer kurzen Pause: Deshalb ist sie so verdammt gut, oder, als es um einen Firmengründer ging: Ein Verlierer, der weiß, wie man gewinnt. Manchmal zankten sich Klaus’ Eltern, wobei es eher wie ein Schauspiel wirkte; jemand brachte den Stein ins Rollen, indem ein Triggerwort, von dem ich nichts wissen konnte, ausgesprochen wurde, woraufhin sofort mit einer Wortsalve reagiert wurde, die wiederum aufgefangen, durchgekaut und abermals zurückgeworfen wurde, und so weiter und so fort. Ein Ballspiel mit Andeutungen und Vorwürfen, die sich einem Nichteingeweihten entzogen, man konnte nur den Kopf nach links und rechts wenden und die wundersame Mechanik einer jahrzehntelang funktionierenden Ehe bestaunen. Kurzum, in dieser Familie war ich gerne Gast, denn sie lebte und gab mir das Gefühl, eine Bereicherung zu sein, anstatt eine Last, für die man zusätzlich kochen und putzen und Betten beziehen musste.

Am frühen Samstagnachmittag, kurz vor dem Osterschmaus, den mir Klaus als Herzstück aller Festessen angepriesen hatte, traf Martha ein. Seit einigen Jahren arbeitete sie in München in einem kleinen, aufstrebenden Architekturbüro. Klaus hatte nicht oft von seiner Schwester gesprochen und ich hatte selten nach ihr gefragt. Sie sei etwas eigen, hatte Klaus kurz vor ihrer Ankunft wiederholt angemerkt, sie tätige oftmals Aussagen, die sie eigentlich nicht so meine. Er sagte voraus, dass sie schwarz gekleidet sein würde, dass sie immer schwarze Kleidung trage, um, so scherzte er, dem Klischee der jungen, erfolgreichen Architektin zu entsprechen. Sie arbeite viel und sei deshalb, na ja, nervlich beansprucht. Ihr Büro habe einige wichtige Aufträge an Land gezogen und hinke nun mit den Planungen hinterher, ergänzte Klaus’ Mutter. Aber ich solle mir keine Sorgen machen, sagte Klaus und legte eine Hand auf meine Schulter, es werde schon gutgehen. Ich wollte ihn fragen, was er damit meinte, aber schon öffnete sich die Tür zum Wohnzimmer und herein kam eine schlanke, gutaussehende Frau in einem schwarzen Hosenanzug, die ihre Eltern und ihren Bruder begrüßte und ihnen frohe Ostern wünschte und mir zu guter Letzt die Hand entgegenstreckte, wobei es den Anschein hatte, dass ihr diese Geste einige Mühe abverlangte.

»Albert, nehme ich an? Klaus hat dich erwähnt.«

»Das ist mein Name«, sagte ich und schüttelte ihre Hand. Ihr Griff war fest, die Haut selbst aber weich. »Schön, dich kennenzulernen.«

»Ob es schön ist, werden wir noch sehen«, sagte sie.

»Martha!«, rief Klaus’ Mutter ermahnend in ihre Richtung.

»Also gut, dann frohe Ostern, liebster Albert.«

Marthas Blick fühlte sich an, als würde man unter einem Röntgengerät liegen. Ich fragte mich, wonach sie in mir suchte. Sie richtete ihre Aufmerksamkeit von meinem Scheitel bis zu den Zehenspitzen, als wenn sie ein Gebäude nach seiner Brauchbarkeit, der Beschaffenheit der Fassade und seiner generellen statischen Traglast überprüfen müsste. Hatte ich schon in der ersten Minute etwas Unpassendes gesagt, etwas Falsches getan?

»Ich habe einen Mordshunger, können wir nun endlich essen?«, fragte Martha, nachdem sie den Röntgenvorgang abgeschlossen hatte oder es ihr zu langweilig geworden war, mich länger zu durchleuchten.

»Alles gut«, flüsterte Klaus mir ins Ohr, »alles gut.«

Der Osterschmaus war all das, was mir Klaus versprochen hatte, und mehr noch. Vorzüglicher Schinken, verschiedenste Wurst- und Käsesorten, Eier, fein aufgefächerte Zunge, reichlich frisch geriebener, scharfer Kren und natürlich der berühmte Kärntner Reindling, der bei diesem Fest, so habe ich zumindest gehört, nicht fehlen darf. Während des Essens versuchte ich, nicht zu Martha zu schauen, meine Blicke streiften vom Ei zum Schinken, zum Kren, zum Reindling und wieder zurück zum Anfang. Den Geschmack wollte ich mir nicht verderben lassen. Ablenkung tötet die Wahrnehmung. Das Lesen eines Zeitungsartikels während des Frühstücks? Fünfzehn Minuten später ist das Frühstück weg, und ich weiß nicht mehr, wie es geschmeckt hat. Die Buchstaben des Artikels jedoch liegen mir quer im Magen, als ob ich sie gegessen hätte, die Ertrunkenen im Mittelmeer, die Terroristen in Syrien, die Erdbeben in Japan, die Vergewaltigungen in Indien, die Messerstecherei am Praterstern, die Aussagen der populistischen Politiker, der Verriss einer neuen Ausstellung. Da empfiehlt es sich, besser an nichts zu denken, mit niemandem zu sprechen und niemanden anzuschauen, den man nicht sympathisch findet. Ob alles in Ordnung sei, fragte Klaus’ Mutter mehrmals. Aber ja doch, alles bestens. Und das war es auch. Klaus lachte viel. Und sogar sein Vater zeigte eine Lebendigkeit, wie ich sie in den letzten Tagen nicht an ihm beobachtet hatte. Er erzählte skurrile Geschichten aus seiner Kindheit und Jugend und hörte nicht auf, von seinen Erfahrungen beim Grundwehrdienst zu sprechen, wie er beim Zerlegen und Zusammenbauen seines StG 77 Sturmgewehrs der Langsamste gewesen war, beim Schießen der Schlechteste, wie er die sogenannten Feinde bei einer Truppenübung in Allentsteig mit seiner Kompanie erledigen hätte sollen, aber stattdessen alleine in einem Versteck hinter dicht wachsenden Büschen gelegen war und mit einem nahe vorbeiziehenden Wolfsrudel Kontakt aufgenommen hatte, indem er ihnen getrocknetes Fleisch zuwarf und durchs Fernglas beobachtete, wie sie sich verhielten. Ich hörte zu, genoss das Beisammensein. Aber dann, als ich das letzte mit Kren befüllte Schinkenblatt in den Mund steckte und auf das angenehme Prickeln und Stechen im Gehirn wartete, schaute ich doch zu Martha, die am Kopfende des Tisches saß und stumm kauend eine Scheibe Reindling mit Butter beschmierte. Sie hatte die ganze Zeit über kaum etwas gesagt. Manchmal hatte sie, so erschien es mir, pflichtbewusst gelacht. Ob es echt war, bezweifelte ich. Ich fragte mich, was an ihr überhaupt echt war. Diese makellose, helle, fast schon blattweiße, und ungemein glatt wirkende Haut? Ihre grünen Augen und das dunkle, dichte Haar? Die Haut könnte behandelt sein, mit Make-up zu dem gemacht, was sie war, die Iris von smaragdgrünen Linsen verdeckt, die Haare schwarz gefärbt. Ihr wahrer Charakter, wenn es denn so etwas neben dem normalen überhaupt gibt, könnte ein völlig anderer gewesen sein, ich tippte auf etwas Filigranes im Inneren, das durch einen emotionalen Panzer geschützt werden musste, damit es nicht ohne Vorwarnung bei der ersten Berührung herausquillt und an der Fülle von Eindrücken zerbricht. Ohne dass ich es wollte, musste Mitleid in meinen Blick geraten sein oder eine heruntergekochte, verdünnte Art davon.

»Was gibt es denn zu glotzen?«, fragte sie. »Gefallen dir meine Brüste, hm?«

»Ich habe nicht …«, stammelte ich. »Ich habe nur …«

»Du hast wohl nur zu ihr hingeschaut, weil sie ihren Reindling mit Butter bestrichen hat, habe ich recht?«, fragte Klaus’ Mutter. »Das machen wir hier so, es schmeckt sehr gut, probier es ruhig mal aus.«

»Lass dich nicht von Martha verunsichern«, sagte Klaus. »Sie ist es nämlich, die unsicher ist, deshalb muss sie aggressiv sein.«

»Ich bin nicht aggressiv«, sagte Martha. »Aber wenn mir etwas Komisches auffällt, dann mach ich meinen Mund auf. Und Unsicherheit, mein liebes Bruderherz, lese ich aus deinen Kunstwerken heraus. Du hast wohl noch nicht deinen Stil gefunden, wie?«

»Ich habe kein Problem mit Unsicherheit«, sagte Klaus. »Es stimmt, ich habe meinen Stil noch nicht gefunden, und wer weiß, vielleicht finde ich ihn nie, aber das macht nichts, dann suche ich eben mein ganzes Leben danach und bin unsicher dabei und verleihe diesem Zustand Ausdruck, anstatt es unter eine Decke zu kehren.«

»Du solltest Philosophie studieren, wenn du so gescheit bist.«

»Das mache ich ja zum Teil. In einer Ästhetik-Vorlesung habe ich Albert kennengelernt.« Er drehte mir den Kopf zu und legte eine Hand auf meine Schulter.

»Wie schön für euch«, sagte Martha.

»Es gibt nichts, was daran nicht schön sein sollte«, sagte Klaus’ Vater, befreite ein Ei von seiner dunkelroten Schale, streute Salz darauf und steckte es als Ganzes in den Mund.

»Muss das sein?«, fragte Klaus’ Mutter. Er nickte und machte mit der rechten Hand eine kreisende Bewegung über seinem Bauch. »Es tut mir leid, Albert.«

»Dir muss nichts leidtun«, sagte Martha zu ihrer Mutter. »Das Leidtun gehört ins vorige Jahrtausend. Papa soll tun, was er tun will, und du tust, was du für richtig hältst. Niemand ist für den anderen verantwortlich. Nicht mehr.«

»Das hast du schön gesagt«, meinte Klaus. »Dir wird doch nicht noch das Herz aufgehen bei so viel Empathie?«

»Damit hat das nichts zu tun«, entgegnete sie. »Es geht darum, dass wir Frauen lange genug nett und brav sein und uns entschuldigen mussten. Für die eigenen Handlungen. Für den Mann. Für die Familie. Für die Gesellschaft. Das ist jetzt vorbei.«

»Und der heilige Gral am Ende des Weges ist gefüllt mit Unfreundlichkeit und Zynismus?«, fragte Klaus.

»Welcher heilige Gral? Bist du unter die Priester gegangen?«

»Nein, das nicht.«

»Abgesehen davon hast du, was Frauen betrifft, deinen Mund zu halten. Da kannst du so schwul sein, wie du willst.«

»Bitte«, sagte ihre Mutter, »jetzt beruhigen wir uns wieder. Wir haben schließlich einen Gast bei uns.«

»Und für ihn soll ich mich verstellen?«, fragte Martha.

»Du sollst dich nicht verstellen, aber wenn du etwas netter wärst, würde es dir selbst auch nicht schaden, da hat Klaus schon recht.«

»Ach, jetzt bin ich wieder die Böse, klar! Ihr habt ja keine Ahnung.«

»Von was haben wir keine Ahnung?«, fragte ihr Vater.

»Dass es … das das Leben halt nicht leicht ist, wenn …«

»Wenn man unbedingt bis ganz nach oben will?«, fragte Klaus. Seine Mutter bedachte ihn mit einem strengen Blick. »Sorry«, fügte er hinzu. »Also, liebe Martha, was wolltest du uns mitteilen?«

»Dir wollte ich mitteilen, dass ich hoffe, dass du keinen Erfolg hast mit deiner Kunst.«

»Das ist nicht nett«, sagte ihr Vater laut schmatzend.

»Ich weiß«, sagte Martha, »aber es tut mir nicht leid. Es ist das, was er hören will, was er hören muss.«

»Es stimmt«, sagte Klaus, »du sollst mein Antrieb sein, denn diesen Wunsch will ich dir nicht erfüllen.«

»Siehst du?«, sagte Martha in Richtung ihres Vaters. »In Wahrheit kann man mir danken. Nett sein bringt einen nicht weiter.«

»Das Architektur-Business ist hart, oder?«, fragte ich, nachdem es plötzlich unangenehm still geworden war. Martha schaute mich an, als ob ich ein Außerirdischer wäre, der sich ungefragt in eine Diskussion einbrachte, von der er nichts verstand, weil er die Menschen nicht kannte, weil er die Kultur nicht kannte, weil er keine Ahnung hatte von der Lebensweise, vom nie enden wollenden Diktat des Lernens, zuerst für die Eltern, dann für die Schule, dann für das Studium, dann für die Arbeit, für das Geld, für den Wohlstand und das eine oder andere schwer erkaufte Luxusgut oder, wenn es nicht so gut lief, fürs nackte Überleben.

»Ich frage mich, was er an dir findet«, sagte sie.

»Wir sind befreundet«, sagte Klaus, »da gibt es nichts zu finden.«

»Ach«, machte sie, »ich sehe schon, es ist diese Süße, das Träumerische und Unschuldige, das ihm anhaftet, nicht wahr? Aber um auf deine Frage zurückzukommen«, Martha wandte den Kopf in meine Richtung: »Warum sollte ich dir bestätigen, was du ohnehin annimmst? Denk dir über die Architektur, was du willst. Mach ein paar Fotos von kuriosen Brücken und putzigen Häusern und sei froh über deine Unwissenheit.«

»Was sie damit sagen will«, meinte Klaus nach einer kurzen Pause, »es ist ein hartes Business.«

Sein Vater gluckste, wobei es sich anhörte, als ob er sich an etwas verschluckt hatte oder ihm der Kren zu heftig in den Kopf gestiegen war. Seine Mutter schmunzelte leise, ich gab einem inneren Drang nach und lachte laut auf, um diese eigenartige Stimmung loszuwerden, und Klaus stimmte mit ein. Ich schaute zu Martha und bemerkte, dass sogar über ihre Lippen der Hauch eines Lächelns gekrochen war.

Vom Badezimmer im ersten Stock aus sah ich durchs geöffnete Fenster in den angrenzenden Wald, die Bäume in der zweiten Reihe waren wegen der Dunkelheit kaum noch auszumachen. Kalte, beinahe winterliche Luft strömte herein und an meinen Füßen vorbei zur Tür, während der Dampf von der heißen Dusche, als würde die Nacht ihn gierig einatmen, so lange nach draußen gezogen wurde, bis nichts mehr von ihm im Zimmer vorhanden war. Die Äste der alten Bäume wurden durch eine sanfte Brise in Bewegung versetzt, sie rieben ihre Nadeln und noch jungen Blätter aneinander und gaben dabei Geräusche von sich, die mir eine Gänsehaut bescherten. Ich schloss das Fenster, spuckte den Rest der schaumigen Zahnpasta ins Waschbecken und spülte gründlich den Mund aus.

Als ich die Badezimmertür öffnete, stand Martha in einem schwarz glänzenden Nachthemd, das ihr gerade so über die Hüften reichte, im Flur, mit dem Rücken lässig ans hölzerne Geländer gelehnt. Fast hätte ich darüber grinsen müssen, dass sie sogar in der Nacht schwarz zu tragen pflegte, aber dann legte sich mein Blick auf ihre langen, dünnen Beine, und diese Ansicht verjagte rasch alle aufkeimende Komik.

»Hallo Martha«, sagte ich so lässig wie möglich, »ich hoffe, ich habe nicht zu lange das Bad besetzt?«

»Wo schläfst du?«, meinte sie, ohne auf meine Frage einzugehen.

»Na, bei Klaus«, sagte ich. »Warum fragst du?«

»Und mit wem?«

»Wie bitte?«

»Mit wem du schläfst, würde ich gerne wissen.«

»Äh, sorry, wie meinst du das?«

»Schnelldenker bist du jedenfalls keiner«, sagte sie trocken und fügte nach einer kurzen Pause, in der ich die Schultern angehoben und wieder fallen gelassen hatte, hinzu: »Also gut, auf deinen Intellekt heruntergebrochen: Du darfst mich ficken.«

Okay, das war ein Witz. War es das? Dann hätte sie doch lachen müssen. Aber sie lachte nicht. Ich verschluckte mich bei dem Versuch, etwas zu sagen und musste mehrmals husten.

»Du hast schon richtig gehört«, sagte sie. »Ein Männertraum, nicht wahr? Mit einer Frau zu schlafen, ohne sie mühsam anbraten und auf zehn Getränke einladen zu müssen.«

»… also, das ist …« Ich hatte mich immer noch nicht ganz gefangen und wischte mir mit dem Handrücken über den Mund. »Danke, aber …«

»Nichts zu danken«, sagte sie. »Ich könnte es mir natürlich auch selbst besorgen, aber warum sollte ich mich anstrengen?«

Ich stellte mir vor, wie es wäre, mit Martha zu schlafen, und ich sah nur schwarzes Leder, schwarzen Latex, schwarze Peitschen, die knallend auf meinen Hintern niederfuhren, schwarze Fesseln und Stöcke und Schnüre und Masken und Vibratoren. So schön der Körper dieser Frau auch anzusehen war, ich verspürte keinerlei Drang, mich ihr zu nähern. Und das verwirrte und überraschte mich. Und ja, es ärgerte mich. War es ihr Geruch? Konnte ich sie, wie man so schön sagte, nicht riechen? Trotzdem: Welcher Mann würde solch ein Angebot abschlagen? Man musste verrückt sein. Sex ist Sex, da braucht man nicht mehr hineindichten, als vorhanden ist. Und man muss einen Menschen bekanntlich nicht mögen, um mit ihm zu schlafen. Da sind doch nur zwei Körper, die passen immer, zumindest auf die eine oder andere Art, ineinander, egal ob man sich sympathisch findet oder nicht.

»Ich … ich weiß dein Angebot echt zu schätzen«, hörte ich mich sagen und dachte mir, dass diese Worte furchtbar klangen und absolut falsch waren und doch gesagt werden mussten, »aber ich möchte lieber nicht. Und das hat bitte nichts mit dir zu tun«, fügte ich entschuldigend hinzu. »Du bist echt …«

»Makellos«, sagte sie, »ich weiß.«

Sie bewegte langsam ihre Arme in die Höhe und streckte sich, wodurch ihr Nachthemd sich um einige Zentimeter anhob und mir die Sicht auf ihren Slip ermöglichte. Ich fühlte mich wie ein Darsteller in einem billigen Softporno. Verdammt, sagte ich mir, was bist du nur für ein Weichei, was für ein Mann? Das kann doch nicht wahr sein! Nun wäre wohl der richtige Augenblick gewesen (und es hätte ja auch im Porno-Skript gestanden), zu ihr hinzugehen und das Nachthemd langsam nach oben über ihren Kopf zu streifen, wodurch ihre Nippel (die natürlich kurz vor Drehbeginn mit Eiswürfeln behandelt worden wären) steif sich meinem Mund entgegengestreckt hätten und so weiter und so bla bla bla.

Sie ließ ihre Arme wieder nach unten fallen. Wir schauten uns ein paar Sekunden stillschweigend an, und da sah ich diesen eigenartigen Blick in ihren Augen. Ich kannte ihn und spürte deutlich, dass ich meine Meinung nicht ändern würde, denn mit einem Mal erinnerte ich mich: Menschen, die wissen, dass sie schön sind, und das auch noch zur Schau stellen, hatte ich nie anziehend gefunden. Aber darum ging es hier nicht. Ich denke, ich wollte nicht von ihr benutzt werden wie ein Dildo, das hatte ich bereits hinter mir, ebenso die Erfahrung, jemand anderen zu benutzen. Es war schon okay, aber es gab mir nichts; ein Objekt zu sein, das hatte für mich nichts mit wahrer Lust zu tun, und daher schüttelte ich den Kopf.

»Also doch ein Homo«, sagte sie.

»Ich?«, fragte ich, als ob sich noch jemand im Flur befunden hätte. »Nein, bin ich nicht.« Sofern ich ihren Gesichtsausdruck richtig interpretiert hatte, wirkte sie durch ihre Abschätzigkeit hindurch auf einmal verletzt; ihre Augen hatten den Panzer verloren, da schien, so glaubte ich, für einen kurzen Augenblick ein Funken der echten Martha zu mir hindurch. So wie sie nun dastand, mit leicht nach vorne gebeugtem Oberkörper und mit den Augen nach etwas suchend, das ihr Halt geben könnte, hätte man sie fast liebenswert finden können.

»Da ich annehme, dass du kein strenger Katholik bist«, sagte sie und setzte wieder ihre undurchdringliche Miene auf, »kann ich dir mit absoluter Sicherheit sagen, dass du schwul bist.«

»Wenn es dir damit besser geht«, sagte ich, »dann nenn mich halt schwul. Passiert mir nicht zum ersten Mal.«

»Sag ich doch!« Mit diesen Worten ging sie ins angrenzende Zimmer und schlug die Tür zu, sodass ein lautes Krachen durch die Luft des Flurs klang. Klaus erschien im gegenüberliegenden Türrahmen und fragte, ob etwas passiert sei. Nein, sagte ich, nichts passiert, mir sei bloß der Türgriff ausgerutscht.

Wir lagen nebeneinander, er in seinem Bett, ich am Boden auf einer für meinen Geschmack zu weichen Matratze. Wenn ich den Kopf ein wenig nach hinten drehte und meinen Hals leicht überdehnte, konnte ich die schmale Mondsichel durchs Fenster erkennen, die sich wie ein Stempel aus Licht mit scharf gezeichnetem Rand von der ihn umgebenden Dunkelheit abhob. Ich fragte mich, ob am Mond jemals Menschen leben würden und, wenn ja, welche Gesetze es dort gäbe oder ob es, wenn es einmal so weit wäre, im Zweifel gar keine mehr bräuchte. Wer wohl das erste Kunstwerk auf dem Mond erschaffen würde? Ob es bereits irgendwo dort oben existierte, für niemanden sichtbar? Der erste Schritt auf der Mondoberfläche von Neil Armstrong: War das bereits ein Kunstwerk oder nur ein Zeitdokument? Müsste es konserviert werden oder übernähme dies ohnehin die fehlende Atmosphäre? Ist dieser Abdruck, der zu einem bleibenden Eindruck wurde, denn überhaupt noch dort oben – oder dort unten oder dort drüben oder besser gesagt: dort draußen? Die Andeutung von Marthas Schamlippen glitt langsam über die Mondsichel, meine Augenlider wurden schwer und ich merkte, dass ich nicht gegen diese Fantasie, die die Zügel in die Hand genommen hatte, ankämpfen konnte und es – wenn ich es recht bedachte – nun auch nicht mehr wollte. Was hatte mich vorhin nur geritten?

»Bist du noch wach?«, fragte Klaus im Flüsterton.

Ein Zucken durchfuhr meinen Körper. In meiner Vorstellung war der Mond zu einem dunklen Bett geworden, nein, es war nicht dunkel, sondern schwarz glänzend, und Martha lag darauf in einem weißen, durchsichtigen Kleid.

»Ja«, sagte ich. »Bin noch wach.«

»An was denkst du?«

»Ich versuche an nichts zu denken«, log ich, »aber das geht nicht.«

»Es geht«, sagte Klaus, »nur darf man sich dabei nicht anstrengen.«

»Und wenn sich … wenn sich irgendwelche Bilder vors innere Auge schieben?«, fragte ich.

»Dann musst du sie wohl oder übel zulassen«, sagte er. »Damit sie wieder verschwinden können, verstehst du?«

»Zulassen«, sagte ich und dachte an die Fußstapfen von Neil Armstrong und ans erste Kunstwerk im All, das es meines Erachtens dort oben noch nicht gab, und dass wir das All auf keinen Fall allein den Wissenschaftlern und dem Militär überlassen dürfen. Aber was weiß ich schon, sagte ich mir, ich müsste es googeln, aber dazu müsste ich das Handy einschalten, und es würde, auch wenn ich es runterdimmen würde, weh tun in meinen Augen. »Wenn du unendlich viel Geld hättest«, fragte ich Klaus, um auf andere Gedanken zu kommen, »also egal wie viel, welches Kunstwerk würdest du dann kaufen?«

Klaus antwortete lange nicht, sodass ich annahm, er wäre eingeschlafen.

»Wenn ich alles Geld der Welt hätte«, sagte er in die Stille und verschränkte die Arme hinter dem Kopf, »dann würde ich …« Er hielt inne und meinte: »Aber ich glaube, das geht nicht. Nicht um alles Geld der Welt. Die sind meines Wissens im Staatsbesitz und somit unverkäuflich.«

»Wovon redest du?«

»Ach, entschuldige, ich habe mir nur gedacht, also wenn ich die Möglichkeit hätte, würde ich Folgendes tun: Als erstes würde ich in den Louvre gehen und die Mona Lisa kaufen, ich würde sie in einem Bunker verstecken, du wärst natürlich für die Archivierung und Konservierung zuständig.«

»Natürlich«, sagte ich. »Und warum, wenn ich fragen darf, würdest du das machen wollen?«

»Weil mich diese Kunst-Touristenströme ankotzen, die Leute, die durchs Museum rennen, nicht links und nicht rechts schauen, sondern nur, wo sich das Schildchen mit dem Pfeil zur Mona Lisa befindet, um der Weganweisung blind zu folgen. Ebenso würde ich den Kuss vom Oberen Belvedere entfernen und in den Bunker verfrachten. Im Kunsthistorischen Museum würde ich den Großen Turmbau zu Babel abhängen. In jedes namhafte Museum dieser Welt würde ich reisen, um ähnlich zu verfahren. Und zu guter Letzt in den Vatikan, um die Fresken der Sixtinischen Kapelle hinter einem gut gespannten, undurchsichtigen Tuch zu verstecken, damit die Menschen, die dort unbedingt hinpilgern wollen, sich wieder erinnern, dass sie nicht an diesen Ort müssen, um aus sich hinaus-, sondern um in sich hineinzugehen.«

»Du meinst, um zu beten?«, fragte ich. »Aber das kann man doch überall.«

»Das stimmt«, meinte Klaus, »aber erzähl das mal denen im Vatikan. Kunstwerke sehen und machen, das kann man auch überall, und trotzdem strömen die Leute wie Fremdgesteuerte in die Museen, um dieses eine Gemälde zu sehen, als hätten sie sonst die Stadt nicht wirklich erfasst, als kämen sie sonst mit leeren Händen oder leeren Augen nach Hause.«

»Ich weiß nicht, ob ich dich richtig verstanden habe«, sagte ich, »du willst also nicht, dass die Menschen ins Museum gehen?«

»Ganz im Gegenteil«, sagte er, »nur sollen sie dorthin, um die Kunstwerke nicht nur anzuschauen, sondern vor allem zu sehen, versteht du, was ich meine? Sie sollen mit offenen Augen durch die Ausstellungen schlendern, die Werke unbekannter Künstlerinnen und Künstler entdecken, anstatt in diese eine Ebene zu pilgern und in diesen einen schummrig beleuchteten Raum, um eine Stunde an diese eine Wand zu starren, an der das sogenannte Meisterwerk hängt.«

»Du meinst, wie auf einen Berg zu gehen, nur damit man den Ausblick vom Gipfel genießen kann, nein, nicht genießen, sondern fotografieren, aber auf dem Weg hinauf und hinunter sieht man nichts, keine Tiere, keinen Grashalm, keine Blume, keinen Stein?«

Klaus richtete sich auf, nickte und sagte: »Amen.«

Wir lachten und sprachen anschließend noch eine gefühlte Stunde über den neuesten Marvel-Film, den wir am Vortag in einem großen, hässlich gestalteten Kino in Villach angeschaut hatten. Ich sagte, dass ich mir wünschte, es gäbe einen Heldenfilm, in dem der Bösewicht gewinnen würde, ich meine wirklich gewinnen, nicht nur scheinbar in einem ersten Teil. Es sollte ein hoffnungsvoller Film sein, wie alle anderen dieser Art, damit die Zuschauer sich in Sicherheit fühlen und mitfiebern mit den großen, tapferen Helden, die bestimmt – und warum auch nicht? – in letzter Sekunde gewinnen würden, denn so war es immer und so wird es immer sein, nicht wahr? Aber dann, ganz zum Schluss, käme es anders, und die Helden, siehe da, würden verlieren, sie würden alle nach heroischen Kämpfen getötet werden oder sie töteten sich selbst, und das Böse würde gewinnen. Und es gäbe keine Auflösung nach dem Abspann, keinen Hoffnungsschimmer, der dem Publikum mit nach Hause gegeben würde, damit sie sich denken könnten: Ach, da gibt es dann bestimmt einen zweiten Teil, wo dann das Gute gewinnt. Nein, hier wäre wirklich das Allerschlimmste eingetroffen. Es ginge bergab ins Dunkle und kein Mensch, kein Held und keine Heldin, würde zur Rettung erscheinen; es wäre vorbei, wir wären am Ende der Erzählung angelangt und niemand würde jemals zurückkehren, die Zeit könnte nicht zurückgedreht werden, es gäbe kein alternatives Ende, kein paralleles Universum, wo der Kampf zu einem positiven Ende führen würde. Es wäre der absolute, fatale Schlusspunkt. Die Herzen wären im Keller, und dort blieben sie, weil niemand käme, um die Wunden zu heilen, und weil niemand mehr da wäre, um geheilt zu werden. Da wäre nur noch Abgrund, Angst und Schrecken. Und so, sagte ich, mit diesem Gefühl würde ich das Publikum gerne den Kinosaal verlassen sehen. Mit dem Wissen, dass es keine Fortsetzung gäbe, nicht im Jahr darauf und auch nicht in zehn Jahren. Dass der Film wirklich so konzipiert sei, dass es nicht gut ausgehe. Wir wünschen es uns so sehr, aber das Wünschen wäre umsonst. Weil es doch nicht immer gut ausgehen kann, dieses eine Mal nicht.

VIER

Ich kannte Klaus seit knapp einem Jahr, als eine Einladung zu seiner Geburtstagsparty im Posteingang meines Mailprogramms erschien. Er hatte in den letzten Wochen schon mehrmals davon gesprochen. Es würde die Party des Jahres werden, scherzte er. Und damit mochte er recht haben, aber ich hatte gerade keine Lust auf Menschen, das heißt: Menschen zu sehen, mit Menschen zu reden, Menschen kennenzulernen. Natürlich wusste Klaus Bescheid. Ich hatte ihn noch am selben Tag davon in Kenntnis gesetzt, was mit meinem Bruder geschehen war, und er hatte mir – so gut es telefonisch möglich war – beigestanden, wobei es nicht darum ging, mir beizustehen, ich sollte Leander beistehen, so sollte es sein, aber wie kann man einem Menschen helfen, wenn man selbst nicht weiß, wie diese Situation am besten anzupacken ist? Andererseits war es nicht so, dass es Leander besser ging, wenn ich ihm die ganze Nacht lang die Händchen hielt. Das machte ohnehin schon meine Mutter. Außerdem war er mit seinen neunzehn Jahren alt genug, selbst zu schlafen, er war ja auch alt genug, sich selbst zu töten oder es zumindest zu versuchen. Trotz alledem, sagte ich mir, wäre es wohl nicht angebracht zu feiern. Gleichzeitig ärgerte es mich, dass Leander mit seiner lächerlichen Tat in den Ablauf meines Lebens eingriff, auch wenn es sich bloß um so etwas Unbedeutendes wie eine Geburtstagsparty handelte. Ich stand nicht an seiner Seite, wenn er etwas zu feiern hatte, warum sollte ich dann an seiner Seite stehen, wenn es ihm schlecht ging? Wann hatte er mich das letzte Mal angerufen? Wann ich ihn?

Es war früher Nachmittag, als ich Klaus anrief, um ihm zum Geburtstag zu gratulieren. Er sprach nicht viel, was ich aber zwischen seinen Worten wahrnahm, sagte mir etwas, das nur ohne Worte zu sagen war. Klar würde er sich sehr freuen, wenn ich zu seiner Feier käme. Er fragte mich nicht, und gerade weil er mich nicht drängte, verspürte ich den Drang, ihm diese Freude zu bereiten. Wir waren inzwischen so etwas wie beste Freunde, auch wenn wir diesen Ausdruck niemals in den Mund genommen hatten. Wir wussten es. Das genügte.

So kam es, dass ich wenige Stunden später tatsächlich vor Klaus’ Wohnungstür stand, in meinen nervös zittrigen Händen ein in Zeitungspapier eingewickelter Roman, der, so fand ich, bereits viel zu lange ungelesen in Vaters altem Musikzimmer gestanden hatte: Sanfter Asphalt. Ich kannte das Buch nicht und hatte daher keine Ahnung, ob es gut war. Laut Mutter hatte es kurz vor Vaters Tod den Weg in sein Bücherregal gefunden. Grund genug, so dachte ich, um anzunehmen, dass es einer gewissen literarischen Anforderung entsprach. Man konnte sich, so hatte ich es mir gerne vorgestellt, Vaters Bücherregal wie einen Filter vorstellen, der für ihn Unbrauchbares sofort wieder ausspuckte. Insgeheim war Vater darauf stolz gewesen, auf die Auswahl seiner Bücher und nicht minder auf die klassische Musiksammlung. Schade, dass er sie nicht mitnehmen konnte. An Klaus’ Tür stehend fragte ich mich, ob dieses Buch, wenn mein Vater es denn gelesen hätte, einen fixen Platz in seinem Regal bekommen hätte, um mit der Zeit den Staub des Alltags aufzunehmen, oder, wie so viele andere Romane auch, dem ungewissen Schicksal eines öffentlichen Bücherschranks übergeben worden wäre. Vielleicht würde es mir Klaus beantworten können. Ich klopfte an die Tür, drehte das Buch in meinen Händen und las auf der Verpackung die Schlagzeilen des gestrigen Tages. Jemand hatte jemanden aus Eifersucht erstochen. Ich hätte eine andere Doppelseite zum Einwickeln verwenden sollen. Nun war es zu spät. Klaus würde es hinnehmen müssen. Bevor ich noch länger darüber nachdenken konnte, rief jemand von innen, dass die Tür offen sei. Ich schaute an mir hinab. Täuschte ich mich oder war mein Bauch etwas runder, größer geworden? Mit der Handfläche strich ich das T-Shirt glatt. Es bewirkte nichts. Ich trat ein.

Die Party war, wie man so schön sagt, bereits in vollem Gange. Durch die Tür sah ich ins Wohnzimmer. Klaus stand dort mit dem Rücken zu mir und unterhielt sich lebhaft mit einem seiner Studienkollegen, den ich von der Diplompräsentation her kannte. Aus den Boxen drang ein monotoner, treibender Beat. Ich betrat den Raum, nickte einigen Leuten zu, die ich vom Sehen her kannte und tippte Klaus auf die Schulter. Er drehte sich um. So sah Klaus aus, wenn er sich freute. Genau deshalb war ich gekommen. Bei diesem Anblick war es schwer vorstellbar, dass einem nicht das Herz aufging. Dann hörte er auf, sich zu freuen, schaute mich mitfühlend an und umarmte mich lange.

»Alles Gute«, flüsterte ich in sein Ohr.

»Es wird schon wieder«, sagte er.

»Schon möglich«, sagte ich, »es ist mir einerlei.«

»Komm schon«, meinte er, »lass uns heut Abend nicht negativ denken, okay?«

»Okay.«

Wir lösten uns aus unserer Umarmung und schauten einander an.

»Okay?«, fragte er abermals, da er in meinen Augen den Rest eines Zweifels entdeckt haben mochte.

»Ja doch«, sagte ich und versuchte zu lächeln. »Lass uns feiern!«

Der Studienkollege hatte sich inzwischen einem anderen Gesprächspartner zugewandt. Ich überreichte Klaus das Geschenk. Er bedankte sich, las die Schlagzeile der Zeitung, lachte und fragte mich, ob dies Rückschlüsse auf den Inhalt zulasse. Ich zuckte mit den Schultern. Er riss das Zeitungspapier in zwei Hälften, sagte, dass er den Autor nicht kenne und fragte mich, woher ich es habe.

»Aus dem Shop im Wien Museum«, log ich. »Keine Ahnung, wie es ist. Ehrlich gesagt habe ich es wegen der Fotos gekauft, die darin sind. Schau mal rein.«

Er öffnete das Buch, las die Widmung, die ich ihm auf die erste Seite geschrieben hatte, und umarmte mich gleich nochmals. Dann erst blätterte er durchs Buch.

»Es kommen keine Menschen auf den Fotografien vor«, sagte er.

»Vielleicht kann der Autor sie nicht ausstehen«, witzelte ich.

»Vielleicht«, meinte Klaus. »Oder es könnte genau andersrum sein.«

»Möglich«, sagte ich. »Oder er hat die Fotos reingetan, damit er nicht so viel schreiben musste.«

Klaus schmunzelte, las die ersten paar Zeilen und bewegte dabei stumm seine Lippen.

»Es wird den vordersten Platz in meinem Regal für die zu lesenden Bücher bekommen«, sagte er. »Komm, hol dir was zu trinken. Bier und Weißwein schwimmen im kalten Wasser in der Badewanne. Die guten Getränke befinden sich im Kühlschrank.«

»Die guten?«, fragte ich.

»Du weißt schon, Gin, Pernod, so Zeugs halt.«

»Wenn das so ist«, sagte ich, »dann findest du mich nebenan.«

Ein Pärchen stand hinter mir und wartete darauf, Klaus zu gratulieren. Ich grüßte sie und ging in die Küche. Die Musik schwappte etwas gedämpft vom Wohnzimmer durch die Tür. Das Licht war gedimmt, ich fühlte mich das erste Mal seit ein paar Tagen wohl in meiner Haut und dachte tatsächlich nicht an Leander, dachte nicht daran, was für ein Idiot er war, dass er es einfach nicht lassen konnte, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, dass sich nichts geändert hatte.

Eine junge Frau öffnete den Kühlschrank und griff mit der linken Hand nach einer Gin- und mit der rechten nach einer Tonic-Flasche, zog sie aus dem Regal und stellte sie unsanft auf dem Küchentisch ab. Etwas an ihrer Erscheinung – oder war es die Art, wie sie sich bewegte? – sprach mich an. Sie hatte kurze braune Haare, dunkle, von einer dünnen Brille umrahmte Augen und markante, fast männlich konnotierte Gesichtszüge. Sie trug ausgewaschene Jeans-Shorts und ein bauchfreies Top, wie es zurzeit wieder in Mode war. Aber es war nicht nur ihr Aussehen, das mich innehalten ließ. Vor mir stand ein Mensch, dachte ich, der sich sicher war. Woran ich das zu erkennen glaubte? An ihrer Art, sich aufzurichten, an der Art, wie sie das Glas vor sich abstellte, die Flaschen aufschraubte, die Flüssigkeiten vermischte. Ein Mensch, der wusste, wer er war und was er tat und warum. Von dieser Sorte gab es nicht viele. Klaus mag einer davon gewesen sein. Mich zählte ich jedenfalls nicht dazu. Vielleicht hielt ich mich deshalb gerne in der Nähe solcher Menschen auf, damit etwas von ihren Qualitäten auf mich abfärbte. Was ich wusste, war Folgendes: Ich wollte diese Frau kennenlernen und einen Gin Tonic trinken. Beides befand sich zwei Meter vor mir.

Beim Sprechen vergaß ich, wer ich war, woher ich gekommen war, wohin ich gehen wollte, was gestern passiert war und was morgen zu erledigen wäre. Da war nur noch das Sprechen, das Erzählen, das Sich-Mitteilen. Es funktionierte aber nur, wenn auf der anderen Seite jemand stand, der die Gabe hatte, zuzuhören, still dazusitzen, von Zeit zu Zeit zu nicken und im richtigen Augenblick gezielte Fragen zu stellen. Es funktionierte nur, wenn man im Gesicht des Gegenübers eine Teilnahme wahrnahm, ein Sich-Hingeben und Fallenlassen, wenn die Augen des Zuhörenden zwei große leere Becken waren, die derjenige, der den Mund öffnete, mit seiner Flut an Sätzen, mit seinen Geschichten, Erlebnissen und Sorgen füllen konnte.

Nun hatte ich also, obwohl ich mir vorgenommen hatte, Leanders Tat an diesem Abend auszuklammern, doch über ihn gesprochen. Meine halbe Lebensgeschichte, und damit in einigen Nebensätzen auch die meines Bruders, habe ich dieser Frau in groben Zügen nähergebracht. Gerade war ich dabei, ihr zu erzählen, dass ich womöglich zu wenig für ihn dagewesen war und dadurch nichts von seinem Vorhaben mitbekommen habe, dass die Schuld sicherlich auch …

»Die Schuld?«, unterbrach sie mich.

»Ja, die … äh, ja, das hat vielleicht auch mit mir …«

»Du glaubst doch nicht im Ernst«, hakte sie nach, »dass du für die Tat deines Bruders verantwortlich bist?«

»Na ja«, stammelte ich, führte das Getränk zum Mund und sog am Röhrchen, um etwas Zeit zum Nachdenken zu gewinnen. »So zugespitzt würde ich es nicht formulieren. Er war mir immer … irgendwie war er mir immer … na gut, die Wahrheit ist: Er war mir egal. Ziemlich egal. Manchmal sogar scheißegal. Ich schätze, dass das einen Menschen beeinflusst, oder etwa nicht?« Ich wunderte mich, dass ich einem fremden Menschen gegenüber so offen über meine Familienangelegenheiten sprach und schob den Umstand auf den Alkoholspiegel, als sie mich fragte, wie alt Leander sei.

»Neunzehn«, sagte ich, »warum?«

»Glaubst du nicht, dass er, sofern er nicht unter Drogeneinfluss stand, wusste, was er tat?«

»Wahrscheinlich«, sagte ich. »Die Vergangenheit funkt halt rein, die kann man nicht so rausnehmen, oder? Wir sind doch das Produkt unserer Erfahrungen. Und wenn keine Verbindung mit dem Bruder existiert, ist das auch ein Eindruck, der sich einschreibt. Aber egal, es war falsch von ihm.«

»Ja?«

»Natürlich«, gab ich zu verstehen. »Man kann doch nicht einfach … es kann doch nicht jeder, der Lust hat, seinem Leben ein Ende zu bereiten, dieses Vorhaben in die Tat umsetzen.«

»Man kann«, sagte sie. »Es wäre schade, das steht außer Zweifel, aber man kann.«

»Wie kannst du das so sagen?«

»Weil ich aus Erfahrung spreche«, sagte sie. »Ich hatte es nicht leicht in meiner Kindheit, aber darüber möchte ich jetzt nicht reden. Was ich sagen will, ist, dass man einem Erwachsenen durchaus freistellen kann, diesen Schritt zu wagen. In hundert Jahren wird, zumindest in unserer Gegend, niemand mehr daran zweifeln.«

»Also ich weiß nicht«, sagte ich.

»Dann halt in fünfhundert oder in tausend Jahren. Es wird passieren.«

Die Bestimmtheit, mit der sie ihre Aussagen tätigte, schüchterte mich ein und imponierte mir zur selben Zeit. Sie hat eine Meinung, dachte ich, das muss man ihr lassen. Mit gekreuzten Beinen saß sie am Küchentisch, den linken Fuß an der Lehne eines Stuhls abgestützt. Sie sog den letzten Rest des Mischgetränks in ihren Mund und schüttelte das Glas, sodass die Überbleibsel der Eiswürfel gegen den Rand klimperten. Sie erhob sich, ging zum Kühlschrank und mischte sich ein neues Getränk. Meine Aufmerksamkeit legte sich auf ihren halb entblößten Rücken. Die Wirbel, über die sich ihre Haut spannte, waren deutlich zu erkennen. Noch einen? Wie bitte? Ob ich auch noch einen wolle? Ein kurzer Blick auf mein Glas verriet mir, dass es so gut wie leer war. Ich zeigte es ihr und nickte. Wir hatten unsere Gläser, seit wir die ersten vorsichtigen Worte miteinander ausgetauscht hatten, bereits dreimal gefüllt und waren nun beim Pernod angekommen.

»Und die Schuld«, fuhr sie fort, nachdem sie wieder auf dem Tisch Platz genommen hatte, »dieses Wort, ich mag es nicht. Warum sprichst du nicht von Verantwortung?«

Ich hoffte, dass dies bloß eine rhetorische Frage gewesen war, und wartete darauf, dass sie weitersprach, was sie dann zum Glück auch tat.

»Jeder Erwachsene«, sagte sie, wenn ich mich nicht täuschte, bereits leicht lallend, »sollte sich selbst gegenüber Verantwortung tragen. Bei Kindern ist das klarerweise etwas anderes. Aber bei einem Erwachsenen? Das heißt natürlich nicht«, fügte sie mit erhobenem Zeigefinger hinzu, »dass man ihnen keine Hilfe anbieten sollte. Ich selbst habe professionelle Hilfe in Anspruch genommen. In hundert Jahren – ich weiß, ich wiederhole mich –, aber in hundert oder in fünfhundert oder meinetwegen in tausend Jahren wird es völlig normal sein. Ach was, es sollte jetzt schon normal sein! Ich denke nämlich, dass es als Freund, Freundin oder Bruder, als Eltern oder als Geschwister und so weiter, ich denke, dass es da Grenzen gibt. Natürlich können wir jemandem, der Probleme mit der Bewältigung seines Lebens hat, beistehen, aber das geht meiner Ansicht nach nur bis zu einem gewissen Grad und nicht weiter. Denn sei mal ehrlich, welches Kind, auch wenn es erwachsen ist, hört schon auf seine Eltern?«

»Also ich höre auf meine Mutter«, sagte ich und fügte ein unsicheres Manchmal hinzu.

»Dann sind deine Eltern eine Ausnahme. Dann bist du eine Ausnahme.«

»Ich sagte nicht, ich höre auf meine Eltern, sondern ich höre auf meine Mutter. Mein Vater spricht nicht mehr.«

»Warum nicht?«

»Weil er damit beschäftigt ist, drei Meter unter der Erde zu liegen und zu verfaulen.«

Sie lachte. Dann hörte sie auf zu lachen.

»Schon in Ordnung«, sagte ich. »Er ist gestorben. Das passiert manchmal bei älteren Menschen, weißt du?«

In ihr Gesicht hatte sich Verwunderung gelegt, sie schüttelte den Kopf, wie um etwas loszuwerden, und schien nachzudenken. Und ich schaute ihr beim Denken zu.

»Aber was«, fragte ich schließlich, »wenn es sich umgekehrt verhält? Was, wenn du eine Ausnahme darstellst?«

Ich hätte gerne gewusst, was es mit ihrer Familie auf sich hatte, spürte aber, dass es nicht der richtige Moment war, um danach zu fragen. Im Grunde wollte ich gar nicht mehr reden. Ich wollte, ja, ich wusste längst, was ich wollte …

In diesem Moment betrat Klaus pfeifend und sichtlich gut gelaunt die Küche, in der es mittlerweile ziemlich eng und heiß geworden war.

»Ah«, sagte er, »und du bist?«

»Du kennst sie nicht?«, fragte ich. Klaus schüttelte den Kopf. »Das ist …« Da wurde mir bewusst, dass ich sie noch nicht nach ihrem Namen gefragt hatte.

»Ich bin Elisabeth«, sagte sie und streckte Klaus die rechte Hand entgegen. »Anna hat gemeint, dass es kein Problem wäre, wenn ich mitkomme. Ich nehme an, du bist das Geburtstagskind? Gratuliere!«

»Danke«, sagte Klaus und schüttelte ihre Hand. »Sie ist fein.«

»Wer?«, fragte sie. »Anna?«

»Nicht wer«, sagte Klaus grinsend, »sondern was! Ich meine deine Hand. Es fühlt sich gut an, sie zu halten.«

Ich bildete mir ein, dass Elisabeth rote Wangen bekam, wobei es durchaus auch von der in diesem kleinen Raum stehenden feuchten Hitze herrühren konnte.

»Das ist eine ungewöhnliche Aussage«, meinte sie. »Ich nehme an, dass ich mich bedanken kann?«

»Es war nicht als Kompliment, sondern als Feststellung gemeint«, sagte Klaus trocken. »Aber natürlich kannst du dich bedanken. Nur vergiss bitte nicht: Es fühlt sich ebenso gut an, über die papierne Haut der Hände von alten Menschen zu fahren.«

»Aha«, machte sie. »Dann werde ich mich vielleicht doch nicht bedanken.«

»Wie du meinst«, sagte Klaus und ließ ihre Hand los. »Es ändert nichts daran, dass es so ist.«

Elisabeth schien sich nicht sicher zu sein, wie sie darauf reagieren sollte, und schaute mich hilfesuchend an.

»Und du, Albert?«, fragte er. »Fühlst du dich wohl?«

»Ja«, sagte ich, »sehr sogar.«

»Das freut mich«, sagte er, und zu Elisabeth gerichtet fügte er hinzu: »In einer anderen Welt würdet ihr gut zueinander passen, denn auch Albert hat eine weiche Haut. Schau doch!« Er nahm meine Hand und strich mir mit den Fingerkuppen über den Handrücken. An meinen Unterarmen stellten sich die Haare auf. Ich hoffte, dass Elisabeth es nicht gesehen hatte, und fragte mich gleichzeitig, was so schlimm daran gewesen wäre. Behutsam legte Klaus meine Hand auf Elisabeths nackten Oberschenkel, dann prostete er mir zu und schlenderte weiter ins ebenso gefüllte Schlafzimmer, wo er mit einem Happy Birthday empfangen wurde. Ich fühlte nach Elisabeths Haut. Klaus hatte absolut recht, es tat gut, sie zu berühren.

»Also das ist vielleicht ein schräger Typ«, sagte Elisabeth und deutete mit dem Daumen ins Schlafzimmer.

»Schräg«, sagte ich, »ja, das ist er. Im nicht betrunkenen Zustand ist er nicht ganz so … nun ja, er ist jedenfalls anders.« Ich überlegte fieberhaft, was ich mit meiner Hand anstellen sollte, fand aber keine befriedigende Lösung. Sie dort noch länger zu belassen, wäre komisch, sie wegzunehmen vielleicht ebenso.

»Aber was hat er mit in einer anderen Welt gemeint?«, fragte sie.

»Keine Ahnung«, sagte ich, »er redet oft verrücktes Zeug. Vielleicht habe ich ihn deshalb so gern.«

»Ach so«, sagte sie, »jetzt verstehe ich! Ihr beide seid …«

»Wie?«, schoss es aus mir hervor. »Nein, das hast du falsch verstanden!« Ohne dass ich es bewusst gewollt hätte, nahm ich die verschwitzte Hand von ihrem Oberschenkel. »Wir sind nicht«, stammelte ich, »wir sind nur … also wie soll ich das sagen?« Und da sprach ich es das erste Mal laut aus: »Er ist mein allerbester Freund, nichts weiter.«

»Ach so«, sagte sie, »na dann.«

»Na dann«, wiederholte ich, verspürte den Drang, etwas zu unternehmen, aber verharrte, als wäre ich plötzlich gelähmt, in meinen Bewegungen. Wir saßen nebeneinander, schauten eine Zeit lang geradeaus und sagten nichts. Ich fühlte mich peinlich berührt und fragte mich weshalb. Es gab nichts, sagte ich mir, wofür ich mich schämen müsste. Etwas knackte in meiner rechten Schulter. Ich interpretierte es als willkommenes Zeichen, nahm einen kräftigen Schluck vom Getränk, dann noch einen, und da ich nach wie vor zu wenig Mut für den nächsten entscheidenden Schritt in mir finden konnte, nahm ich noch einen allerletzten Schluck und dann, weil noch einer da war, noch einen. Nachdem ich das Glas geleert hatte, wendete ich meinen Oberkörper und mein Gesicht zu Elisabeth und sagte: »In Wahrheit fühle ich mich von Frauen angezogen, die … die kurze braune Haare haben. Und dunkle Augen. Und genauso eine Brille tragen, wie du sie auf deiner Nase sitzen hast.« Da sie nicht reagierte und ich nicht wusste, was ich sonst tun sollte, sprach ich weiter: »Und im Speziellen stehe ich auf Frauen, die sich am Oberschenkel so anfühlen, wie du dich anfühlst und die genauso eine Stimme haben wie du …« Sie führte ihre Handfläche zu meinem Mund. Sie schaute mich an. Es fühlte sich an, als würde sie mich etwas fragen, auf das ich keine Antwort wüsste, während ich in ihrem Gesicht nichts anderes als unlösbare Rätsel zu erkennen glaubte. Ein paar Sekunden später nahm sie die Hand von meinem Mund, wandte den Blick ab, richtete ihn auf ihr Getränk und trommelte mit den Fingernägeln gegen das Glas.

»Komm mit«, sagte sie auf einmal und schwang sich locker vom Tisch.

»Wohin?«

Sie lächelte mich an.

»Komm einfach mit.«

Sie streckte ihre Hand nach mir aus. Ich ergriff sie und folgte ihr ins Wohnzimmer. Der Pegel der Musik war inzwischen merklich angestiegen, die Bässe versetzten meinen Brustkorb sanft in Schwingung. Mein Herz, das spürte ich, schlug deutlich schneller als der Beat. Und wir tanzten, ohne uns zu berühren. Und wir tanzten und berührten uns. Und wir berührten uns, ohne zu tanzen.

FÜNF

Zuerst dachte ich, es wäre eine Begleiterscheinung eines epileptischen Anfalls, aber dieser Gedanke blitzte nur sehr kurz auf und war schon wieder in den Tiefen der Deutungsmöglichkeiten verschwunden. Wenn man etwas zum ersten Mal erlebt, also etwas, das wirklich neu ist … klar, wenn man das Leben genau betrachtet, stellt man recht schnell fest, dass alles, jeder einzelne Moment, wie schön oder beschissen er auch sein mag, neu ist, weil kein Blick dem anderen gleicht, weil kein Ablauf, auch wenn er noch so ähnlich ausgeführt werden mag, exakt dieselben Bahnen beschreibt, weil der Wind niemals gleich bläst, der Staub niemals auf dieselbe Art und Weise zu Boden fällt, man die Arme niemals völlig gleich bewegt, weil die Muskeln sich von Tag zu Tag verändern, die Zellen sich erneuern und die Gefäße im Körper sich anpassen an ein Wachstum oder ein Austrocknen oder eine Aktivität oder den Schlaf oder eine zelluläre Anpassung stattfindet an die Umwelteinflüsse, denen man ausgesetzt ist. Und vom atomaren Bereich habe ich hier noch gar nicht gesprochen. Das Zittern, das Vibrieren der Atome, es läuft niemals gleich ab, weil die Temperaturen sich stetig ändern, die Positionen sich verschieben, weil die Materialien arbeiten, je nachdem, welchen Einflüssen sie ausgesetzt sind, weil die Meere nicht stillstehen und die Platten sich ineinander verkeilen, weil die Erde bebt, weil sie lebt, weil sie durchs Weltall schießt und die Galaxie sich mit ihr dreht. Alles ist neu, auch im langweiligsten Job, in der unromantischsten Beziehung, im ereignislosesten Lebensabschnitt eines Menschen, wenn man sie sehen könnte, diese feinen Verschiebungen, dann … aber man kann sie nicht sehen.

Wenn man also etwas, das tatsächlich neu ist, zum ersten Mal erlebt, also – wenn man so will – etwas Bedeutendes, weiß man nicht, wohin damit. Bei mir war es so. Ich versuchte es einzuordnen, aber stellte sogleich fest, dass der Ordner Klaus’ epileptische Anfälle dieses Ereignis nicht aufnehmen konnte. Weil ich mittlerweile wusste, wie seine Anfälle vonstattengingen. Sie verliefen meist sehr ähnlich, damit kannte ich mich aus. Die Nervenzellen im Gehirn, erklärte mir Klaus, nachdem ich das erste Mal einen seiner Anfälle mitbekommen hatte und er wieder bei sich war, würden sich unkontrolliert entladen. Auch sein Vater sei davon betroffen. In seiner Jugend, erzählte Klaus, habe er seinen Vater gehasst. Von der Mutter hatte er die fein gezogenen Lippen, die dunklen Augen, das dichte Haar und die zierlichen Ohren geerbt, vom Vater eine Krankheit. Freilich, sagte Klaus, hatte es nicht lange gedauert und er hätte gewusst, dass diese Beschuldigungen zu nichts führten, er hätte ihm alsbald verziehen, wo es im Grunde, so sehe er es jetzt, ja gar nichts zu verzeihen gab, weil ihm sein Vater von vorneherein nichts angetan hätte, außer vielleicht die Tatsache, dass er ihm, mithilfe seiner Mutter, Leben eingehaucht hatte. Ja, murmelte Klaus, er sei ihm gegenüber nicht fair gewesen, wobei, so denke er nun, die Aufgabe eines Kindes auch nicht sein könne, fair zu seinen Eltern zu sein.

Klaus war abwesend. Manchmal nur für einen Augenblick – für einen Augenblick zu lange, würde ich meinen –, andere Male jedoch für einige Sekunden bis zu einer halben Minute, meistens aber zehn Sekunden plusminus zwei. Die Zeiten habe ich ein paar Mal mit dem Handy gestoppt, denn die Absencen kamen häufig vor, manchmal sogar mehrmals am Tag, je nachdem, ob er genug geschlafen und seine Tabletten genommen hatte. Lamotrigin, Levetiracetam, Valproinsäure, Topiramat und in Ausnahmefällen durfte es auch Ethosuximid sein, jedoch nicht mehr als zweitausend Milligramm am Tag. In einem eigenen Regal im Bad bewahrte er die Packungen auf, eine kleine Ration davon stets in seinem Rucksack. Er zeigte sie mir. Pillen in verschiedenen Größen, Formen und Farben. Bisweilen kam es mir so vor, als ob er die Medikamente nach Herzenslaune untereinander mischte, bald diese, bald jene Tablette einwarf, je nachdem, welches Verpackungsdesign ihn gerade mehr ansprach. Es sei völlig egal, sagte er mit einem Schulterzucken, wenn ich ihn darauf ansprach, die können ohne Probleme kombiniert werden. Bekam er einen Anfall, wobei ich es eher einen Ab-fall nennen würde, spielten in seinem Gehirn die Nerven verrückt, sie feuerten unkontrolliert, seine Persönlichkeit schien sich nach außen hin abzuschalten, von ihm abzufallen, das Bewusstsein entglitt ihm, Klaus war angreifbar, auf Pause.

Er hielt inne, verharrte in seiner gerade eben noch ausgeführten Tätigkeit, sein Blick meist starr auf einen Punkt fixiert, der sich, so dachte ich, irgendwo außerhalb des Raumes (außerhalb des Bewusstseins, des Universums?) befinden musste. So ist das eben bei Künstlern, könnte man meinen, sofern man ihn nicht gut kannte. Die schauen dann, auf der Suche nach einer schöpferischen Eingebung, halt schon mal für ein paar Sekunden in eine unbestimmte Ferne, und wenn sie von diesen Tagträumen zurückkehrten, sind sie inspiriert genug, um weiter an ihrem Werk zu arbeiten, es zu verfeinern, ihm den letzten (nicht selten genialen) Schliff zu verleihen. Dazu würde dann auch das Zucken der Augenlider passen. Man könnte hineindichten, dass Klaus Ausschau hält, dass er mittels eines Supermanblicks durch die Wand vor ihm sehen könnte und dann noch durch die nächste Wand und die nächste und die nächste, und weil er dort so viel sieht, dahinter, also hinter dem Vorhang, hinter den materiellen Erscheinungen unserer Welt, könnte man fast meinen, deshalb und nur deshalb zuckten seine Lider, als ob sie das Gesehene durch diese Bewegung verarbeiten und ans Gehirn weiterleiten könnten. Das Erröten und Schwitzen, der erhöhte Herzschlag, es fügte sich stimmig in die Annahme, der Künstler sei von den Eindrücken, die er von der anderen Seite vernommen habe, gewiss derart überwältigt, dass sein Körper nicht anders könne, als zu schwitzen, dass seine Haut nicht anders könne, als zu erröten, dass, wenn man die Welt so sehe, wie sie ein echter Künstler sieht, man wahrscheinlich gar nicht anders reagieren könne, da müsse man für kurze Zeit alleine schon aus Ehrfurcht vor dem Wunder des Lebens in sich gehen, wegtreten, abschalten und – ja, wieso nicht? –, beten. So die Meinung eines Laien.

Ich solle mir keine Sorgen machen, sagte Klaus, als er meinen offenen Mund und den sorgenvollen Blick wahrnahm. Seit seiner Kindheit würden ihn die epileptischen Anfälle begleiten. Er habe Tonnen an Material darüber gelesen, habe an Selbsthilfegruppen teilgenommen, habe sich in etlichen Foren im Internet mit Leidensgeschwistern ausgetauscht, habe sich von spezialisierten Ärztinnen und Ärzten beraten lassen, sich mit einigen Studierenden der Medizinischen Fakultät unterhalten, mit anderen Worten: Er sei über seine derzeitige Lage äußert gut informiert.

Klaus gab einen Bruchteil seines Wissens über Epilepsie in einem halbstündigen Crashkurs an mich weiter. Es genügte, um meine Ängste zu besänftigen und mich mit seinen Aussetzern, die bald die spitzen Kanten des Außergewöhnlichen eingebüßt hatten, anzufreunden. Sie gehörten zu ihm, wie sein Lachen zu ihm gehörte, seine bedachte Art, den einen Fuß vor den anderen zu setzen, sein forschender, stets neugierig-kindlicher Blick.

Als ich Klaus nach den Weihnachtsferien wieder in Wien in seiner Wohnung antraf, dachte ich im allerersten Moment, sein eigenartiges Verhalten wäre die Begleiterscheinung eines epileptischen Anfalls. Von dieser Auslegung nahm ich nach einigen Minuten Abstand. Diesmal war es definitiv anders. Fast alles an Klaus war anders, verändert; er war nicht mehr das Original. Vielleicht war es in Kärnten zurückgeblieben. Vielleicht hatte jemand einen fehlerhaften Klon erstellt. Wäre es Anfang April gewesen, hätte es ein schlechter Aprilscherz sein können. Vielleicht sogar ein guter. Aber es war nicht Anfang April, sondern Anfang Januar, und es gab noch keine menschlichen Klone, zumindest keine, von denen ich etwas wusste.

Da stand er, weniger als einen Meter von mir entfernt, und sagte etwas, das ich nicht vergessen werde, das ich nicht vergessen kann, weil es der Anfang war von alledem, und ich mir wünschte, es hätte ihn nicht gegeben, dass der Anfang, der echte, dort geblieben wäre, wo er gewesen war, nämlich in der Ästhetik-Vorlesung im Hörsaal der Universität, dass die Person, die ich dort kennengelernt hatte, dieselbe Person geblieben wäre, dass sie in den Weihnachtsferien nicht aufgehört hätte zu existieren.

»Hast du aufgepasst«, sagte er, »als du gekommen bist, hast du aufgepasst, dass dir niemand folgt?«

»Wer soll mir denn gefolgt sein?«, fragte ich mit einem schiefen Lächeln.

»Na, die Kuttenträger«, sagte er. »Manchmal haben sie diese braunen Kutten an, mit den Kordeln um die Hüften, du weißt schon, aber das ist dann schon die doppelte Tarnung, die Tarnung der Tarnung, verstehst du?«

»Wie bitte?«

»Na, in Wahrheit haben sie drunter die schwarze Priesterkleidung an. Oben drüber die braunen oder weißen oder grauen Kutten, damit man denkt, dass das ganz normale Brüder sind, also Franziskaner oder Zisterzienser, Benediktiner, Minoriten, Dominikaner und so weiter, mit der Kapuze hinten dran, das kennst du bestimmt, aber das ist nur ein Ablenkungsmanöver. Denn unten drunter, ja, da versteckt sich dann das Dunkle.«

Klaus ging zum Fenster, öffnete es, beugte den Oberkörper über den Rahmen und das Fensterbrett, schob den Kopf bedrohlich weit ins Freie und spähte zur Straße hinab; er schien dort nach etwas – oder jemandem – Ausschau zu halten.

»Klaus, soll das ein Witz sein?«, fragte ich. »Wenn ja, kannst du bitte damit aufhören?«

Er kam zurück ins Wohnzimmer, sofern man in diesem Fall von einem Zurückkommen sprechen kann.

»Aber das ist doch kein Witz«, sagte er und deutete mit dem Zeigefinger zum geöffneten Fenster. »Die wollen ja, dass ich alleine damit dastehe. Wenn du so willst, ist das der Witz an der ganzen Sache, ja. Das planen die doch, schon von Anfang an haben sie das so geplant. Dass mir nämlich keiner glauben wird, das haben sie mir prophezeit. Vor zwei Tagen nämlich bin ich unten gewesen bei der Bank um die Ecke, und da hab ich sie das erste Mal gesehen. Und gleich hab ich gewusst, dass die schon immer dagewesen sind, dass ich nur zu dumm gewesen bin, um sie zu erkennen. Seit Jahren müssen sie mir schon gefolgt sein. Ich habe einfach kein Auge dafür gehabt. Ich hätte sie längst sehen können, verstehst du? Aber die haben sich eben gut zu tarnen gewusst. Blöd sind sie nicht, das muss man denen lassen, blöd sind sie echt nicht. Aber gemein sind sie, die lenken das alles vom Hintergrund aus, die Fäden haben sie alle fein säuberlich in der Hand, an jedem Finger einen Strick und damit ziehen sie das Geschehen der Welt in die Richtung, die sie haben wollen.«

»Äh, entschuldige Klaus, hallo?! Ich kann dir leider echt nicht folgen«, sagte ich mit gerunzelter Stirn. »Was bitte soll das?«

»Was es soll, fragst du? Was es soll? Ja, aber siehst du denn nicht? Es verläuft alles nach deren Plan. Dass du mich fragst, was das soll, das haben sie doch eingefädelt. Dass ich jetzt so dastehe, als würde ich etwas Unverständliches von mir geben. Wo doch alles klar ist. Das erste Mal in meinem Leben habe ich das Gefühl, dass ich die Zusammenhänge erkennen kann. Bei der Bank nämlich, es war genau der Moment, als ich meine Karte in den Schlitz gesteckt habe, um Geld abzuheben, da habe ich sie draußen stehen gesehen, die beiden Männer in Schwarz, oder war es Braun oder Grau, ich weiß es nicht mehr, jedenfalls habe ich beim Automaten sofort auf Abbruch gedrückt, weil ich gewusst habe, dass, wenn ich den Code eingebe, sie mich haben würden, verstehst du? Den Zugang hätten sie gehabt zu allem, was ich davor gemacht habe, und zu allem, was noch kommen mag. Ich sage nur Erbschaft, mein Lieber, darauf sind sie nämlich aus. Im Geheimen die Strippen ziehen, damit alles so verläuft, wie sie es haben wollen. Das Geld soll fließen, hin zum Vatikan soll es beständig fließen. Ich habe immer geglaubt, dass die Bankiers die Strippen in der Hand haben, dass die das Geschehen der Welt lenken mit ihren Geldtransfers und den Waffenlieferungen und den an den Haaren herbeigezogenen Lügen, die zu Kriegen und damit zu noch mehr Geldflüssen führen, aber dass die Bankiers in Wahrheit ja auch an etwas glauben, das größer ist als Geld, nämlich nicht an den lieben Gott, sondern komischerweise an die Kirche, und dass die genauso hinters Licht geführt werden, auf diese Idee musste ich ja erst einmal kommen. Dass die genauso versklavt sind, dass die, die versklaven, ohne es zu wissen, zu den Versklavten werden, ist mir gekommen, als ich bei dem Automaten auf Abbruch gedrückt habe. Mit dieser Handlung habe ich meine Freiheit wieder zurückerlangt. Denn die gebe ich so schnell nicht her. Da musst du auf der Hut sein, auch bei den Zigarettenautomaten darfst du die Karte nicht reinstecken, sogar das genügt denen, um dich an sie zu binden. Immer einen Schritt voraus musst du denen sein, ja, auch auf die Fingerkuppen musst du achtgeben. Am besten immer Handschuhe tragen, wenn du, wenn es denn sein muss, bei einer Tastatur deinen Geheimcode eingibst. Die scannen sonst deine Fingerabdrücke, das ist dir hoffentlich bewusst? Solltest du keine Handschuhe dabeihaben – irgendwann wird ja auch wieder Sommer, nicht wahr –, also dann ballst du einfach deine Hand zu einer Faust und drückst mit den Knöcheln am Ende des Handrückens die Zahlenkombination rein. Das geht, habe ich gestern auch gemacht, denn nachdem ich auf Abbruch gedrückt habe, bin ich draufgekommen, dass ich ja trotzdem Geld brauche, und dann habe ich die Karte wieder hineingesteckt in den Schlitz und mit dem Knöchel den Code eingegeben. Da haben sie ihre Gesichter verzogen, draußen vor der Schiebetür, die zwei Herren in Schwarz.«

Klaus’ Monolog kam zu einem abrupten Ende. Er schaute mich fragend an. Wollte er von mir wissen, ob ich ihm folgen konnte? Der Wasserhahn in der Küche tropfte leise und in gleichmäßigen Abständen. Aus der darüber liegenden Wohnung vernahm ich das Poltern von Kinderfüßen, die rennend den Raum durchquerten. Durch das geöffnete Fenster drang das Brummen eines Linienbusses, der von der Haltestelle abfuhr. Ich spürte, wie dessen akustische Vibrationen durch die Luft bis in meine Brust drangen. Wie sie mir den Atem nahmen. Ich wusste nicht, wie ich reagieren sollte, schaute nach links und rechts, als stünde dort jemand, der mir die verborgene Bedeutung dieser Situation entschlüsseln könnte. Mittlerweile war ich mir absolut sicher, dass Klaus’ Verhalten nichts mit einem epileptischen Anfall zu tun haben konnte, dass es mehr oder weniger sogar sein genaues Gegenteil sein musste, da er während der Anfälle meist verstummte und abwesend wirkte, nun aber sehr aktiv und im Zweifel munterer erschien als noch vor wenigen Wochen.

Ich verabschiedete mich von Klaus mit einer Notlüge. Ich müsse schnell zu einer Vorlesung, die hätte ich fast vergessen. Noch nicht gehen, sagte er, ich solle hierbleiben, sonst würden sie bestimmt Verdacht schöpfen. Ich schüttelte nur den Kopf, sagte, dass es mir leidtue, drehte mich um und hielt kurz inne, um mich zu fragen, ob ich nicht doch besser bei ihm bleiben sollte. Mein Hals fühlte sich trocken an. Ich könnte um ein Glas Wasser bitten. Nochmals schüttelte ich den Kopf, wie um mir zu sagen, dass ich hier sofort raus müsse. Ich machte ein paar Schritte und schloss, ohne mich noch einmal umzudrehen, hinter mir die Tür. Klaus’ Stimme drang gedämpft durchs Schlüsselloch und den schmalen Spalt zwischen Tür und Fliesenboden. Er sprach mit sich selbst. Die Worte waren nicht verständlich. Es war ein monotoner Singsang. Darauf achtend, kein Geräusch von mir zu geben, presste ich das linke Ohr gegen das Holz.

»… haben sie ihn nicht erwischt«, murmelte er. »Hoffentlich nicht. Das war halt schon auffällig. Dass er da mitten am Tag bei mir vorbeischaut und dann nach zehn Minuten schon wieder verschwindet. Die werden dahinterkommen, ganz bestimmt, dann sind sie mir wieder einen Schritt voraus. Nicht gut wäre das, gar nicht gut. Ich muss Albert warnen, hätte ihn nicht gehen lassen sollen, er hätte nicht so schnell gehen dürfen. Das darf mir nicht nochmals passieren. Dass sie ihn auch noch erwischen, nein, das wäre schlecht, denn ich hab …«

Genug. Ich beschloss, dass ich genug gehört hatte, stieg langsam die Treppen nach unten und verließ das Gebäude in eine Welt, die ich nicht mehr kannte. Was war mit ihm geschehen? Mein Herz pumpte schnell. Ich spürte einen steigenden Druck in meinem Kopf, das Pulsieren der Adern an meinen Schläfen. Meine Hände rutschten in die Tasche, um eine Zigarette und das Feuerzeug hervorzuholen. Rauchend stand ich da, mit dem Oberkörper an die graue Hausmauer gelehnt. Was, um Himmels willen, war nur mit ihm geschehen? Ich konnte es nicht einordnen, kramte mein Mobiltelefon hervor, rief Klaus’ Mutter an. Sie hob nicht ab. Auf den Anrufbeantworter wollte ich nicht sprechen. Das konnte ich nicht. Sobald der Piepton erklang, pflegte ich stets in eine Art Mund- oder Wortstarre zu verfallen. Wenn ich aber doch sprach, kamen Sätze heraus, die keinen Sinn ergaben und kaum verständlich waren. Das wollte ich ihr ersparen. Bei Elisabeth brauchte ich es erst gar nicht zu versuchen. Sie war in der Arbeit, brachte Kindern, die noch kaum etwas verstehen, oder Jugendlichen, die gerade nichts verstehen wollen, oder Pensionisten, die leider nichts mehr verstehen können, die Bedeutung der Pinselstriche der alten Meister näher. Ich würde ihr am Abend in Ruhe den Vorfall schildern. Dann wäre da noch Klaus’ Schwester Martha. Ja, sagte ich mir, sie könnte ich anrufen. Das wäre möglich. Vielleicht weiß sie etwas über Klaus’ Zustand, das ich nicht weiß. Doch ich zögerte. Nach all den Jahren waren wir nicht miteinander warm geworden. Vor etwa einem Jahr versuchte ich ihr in einem unserer seltenen Gespräche zu verdeutlichen, dass es absolut keinen Grund gäbe, mich andauernd mit schrägen Blicken zu bedenken. Sie meinte, man werde sehen. Freilich hatte sich nichts geändert, ihr kühler Gesichtsausdruck war kühl geblieben und ich hatte nach und nach die Hoffnung aufgegeben, dass ich zu ihr durchdringen könnte. Und wofür auch?, hatte ich mich gefragt. Sie ist kaum bei ihren Eltern und wohnt weit genug von Wien entfernt, ich werde einfach damit leben müssen, dass es Menschen gibt, die mich nicht leiden können. Es kostete mich einige Überwindung, Marthas Nummer zu wählen, doch von wählen war genau genommen keine Rede. Als ich ein Kind gewesen war, hatte es noch recht lange gedauert, bis man alle Ziffern mithilfe der Wählscheibe bis an den Anschlag gedreht hatte, dazwischen konnte man es sich locker anders überlegen und den Vorgang beenden, noch bevor das Telefon auf der anderen Seite der Leitung zu klingeln begonnen hatte. Telefonieren ist heute kein Anwählen mehr, sondern zuerst ein Anwischen, gefolgt von einem Andrücken.

»Albert? Was willst du.«

»Hallo, Martha«, sagte ich, doch dann wusste ich nicht mehr weiter. Die Hand, die das Mobiltelefon hielt, zitterte.

»Hallo?«, fragte Martha. »Hast du mich unabsichtlich angerufen?«

»Nein«, stammelte ich, »nicht unabsichtlich. Es ist nur, ich …«

»Albert, sag, was du zu sagen hast, oder ich leg auf.«

Ich schluckte oder versuchte zu schlucken.

»Es geht um Klaus.«

»Sind seine Anfälle etwa stärker geworden?«, fragte sie. Ihre Stimme hatte sich verändert. Der genervte, zynische Unterton war verschwunden.

»Nein«, antwortete ich, »das ist es nicht.«

»Was dann?«

»Wenn sich das so leicht sagen ließe. Ich weiß auch nicht. Er scheint völlig verwirrt zu sein und redet sinnloses Zeug.«

»Das macht er doch sonst auch.«

»Mag sein«, sagte ich, »diesmal ist es jedenfalls anders.«

»Wie anders? Jetzt sprich doch endlich Klartext!«

»Na, er redet andauernd von Verfolgern, von irgendwelchen Priestern, die ihm an den Kragen oder an sein Geld wollen. Es klingt komplett verrückt. Als ob er ein anderer Mensch wäre. Am Anfang habe ich noch gedacht, er macht einen Witz, aber er hat nicht damit aufgehört, verstehst du?«

Es war lange still am anderen Ende der Leitung. Durch den Hörer vernahm ich das Klicken eines Feuerzeugs, ein Inhalieren und kräftiges Ausatmen.

»Das ist sicherlich eine Art Performance«, sagte Martha schließlich.

»Das glaube ich nicht«, entgegnete ich.

»Ich schon. In den Ferien hat er mir von der Performance-Klasse erzählt, da nimmt er gerade interessehalber an einem Seminar teil.«

»Das weiß ich doch«, sagte ich gereizt, »aber das hat damit nichts zu tun.«

»Bist du dir sicher?«, fragte sie. »Er hat irgendetwas von bewegten Skulpturen gesprochen, von Menschen, die in bestimmten Positionen einfrieren und verschiedenste berühmte Skulpturen nachstellen. So was in der Art. Temporäre Skulpturen hat er es genannt. Vielleicht stellt er gerade eine Figur dar und übt, oder was weiß ich. Hat er nicht in ein paar Wochen sein Diplom? Soviel ich weiß, werden kurz davor ja alle verrückt.«

Ihre Stimme war wieder ins Zynische abgerutscht. Ich dachte kurz darüber nach und fragte mich, ob sie womöglich recht hatte. Klaus hat, als wir uns kurz vor Weihnachten noch mal getroffen hatten, lange über die Erkenntnisse aus diesem Seminar erzählt. Dass es eigentlich keinen Sinn mehr mache, eine Plastik zu erschaffen, wenn sie bereits in seiner perfektionierten Form, als menschlicher Körper, vorhanden wäre, und zwar mehrere Milliarden Male über die ganze Erde verteilt. Dass wir selbst – ohne es zu wissen – das größte Kunstwerk wären. Schon von Anfang an formvollendet. Dass wir nur einfrieren bräuchten in einer bestimmten Körperhaltung und somit alles schon vorhanden wäre, dass die Haltung alles erzählen würde, die Vergangenheit des Menschen verraten und die zukünftige Entwicklung vorwegnehmen, dass alle Informationen zu jedem Zeitpunkt abrufbar wären, sobald man sich auf eine Position einlassen, sie in sich aufnehmen, sie verkörpern würde. Was, wenn Klaus sich nicht nur in Haltungen, sondern darüber hinaus auch in Charaktere hineinzuversetzen versuchte? Wenn er eine Figur, einen ganz bestimmten Typus Mensch kopiert hatte, um ihn über das Ausagieren in Form zu bringen? Was, wenn er vorhin einfach nur geübt hatte, sich in eine lebendige Sprachmaske hineinzuversetzen, um sie sozusagen an mir auszuprobieren?

»Bist du noch da?«, fragte ich.

»Nicht mehr lange«, sagte sie.

»Unter Umständen«, sagte ich, »hast du sogar recht.«

»Sag den Satz noch einmal«, sagte sie, »aber diesmal, ohne das Wort sogar zu erwähnen. Und wenn du schon dabei bist«, fügte sie hinzu, »dann kannst du auch das Unter Umständen streichen.«

»Ja, du hast recht«, sagte ich, und ich wünschte mir in diesem Augenblick, obwohl ich es nur ungern zugeben wollte, nichts anderes. Martha sollte recht haben. Was sie sagte, sollte stimmen. Sie soll doch die Wahrheit sagen. Bitte. Ich bitte darum. Ich bitte darum, damit ich daran glauben kann. Ich hörte sie noch etwas sagen, doch da ich das Mobiltelefon nicht mehr zum Ohr hielt, war das Gesagte kaum verständlich. Es interessierte mich auch nicht. Ich hatte gehört, was ich hören wollte. Alles war in Ordnung. Ich würgte Martha ab, indem ich, nicht ohne eine gewisse Befriedigung zu verspüren, den linken Daumen aufs rote Symbol drückte, sie wegwischte, sie abwählte. Der Lärm der Stadt kehrte zurück in mein Bewusstsein. Ja, alles war in Ordnung. Der Linienbus fuhr in die Haltestelle ein. Die Türen öffneten sich surrend. Ich stieg ein. Es piepste. Die Türen schlossen sich. Die Gummidichtungen quietschten. Ich hielt mich an einer gelben Schlaufe fest. Der Bus fuhr mit einem Ruck los. Morgen würde ich wieder bei Klaus vorbeischauen. Denn alles war in bester Ordnung.

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