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ZwölfUhrTermin

Roman

Nora Adams

Erstausgabe im September 2020

Alle Rechte bei Verlag/Verleger

Copyright © September 2020

Booklounge Verlag

23923 Schönberg

Johann-Boye-Str. 5

Bild: @artofphoto - CanStockPhoto

978-3-947115-13-6

Inhalt

  Bilanz

  Vermögensplanung

  Portfolio

  Wealth Management

  Start-up

  Venture Capital

  Börse

  Rendite

  Konzern

  Bonität

  Zinssätze

  Franchise

  Bitcoin

  Investment

  Währung

  Rating

  Wertpapier

  Immobilien

  Budget

  Finanzmarkt

  Stiftung

  Sparquote

  Private Banking

  Gesellschaft

  Liquidität

  Volatilität

  Devisenkurse

  Epilog

  Über die Autorin

  Fangirlgruppe

Bilanz

»Ei­nen Kaffee, bit­te.«

Die Frau, die vor Marc an der The­ke stand, zück­te ei­nen Schein aus ih­rem Geld­beu­tel und sah ver­wun­dert auf, als sie kei­ne Ant­wort er­hielt.

»Ei­nen nor­ma­len Kaffee?«, er­kun­dig­te sich der Ver­käu­fer und stutz­te da­bei däm­lich.

»Gibt es ei­nen un­nor­ma­len Kaffee?«, ent­geg­ne­te sie schlag­fer­tig, stemm­te ei­ne Hand in ih­re Sei­te.

Die­se Frau hat­te Tem­pe­ra­ment, dach­te Marc und üb­te sich in Ge­duld. »Ist es denn so son­der­bar, dass ich Fil­ter­kaffee oh­ne künst­lich hin­zu­ge­füg­te Aro­men und ton­nen­wei­se Sah­ne oder Milch­schaum mag?« Marcs Mund­win­kel zuck­te. Wenn die mal kei­nen schlech­ten Tag hat­te … Oder war sie immer so ag­gres­siv? Im Grun­de ge­nom­men war es ihm egal, denn was zähl­te, war, dass er ei­nen Termin hat­te, den er ver­pas­sen wür­de, soll­te sie nicht gleich zum En­de kom­men.

»Bo­ah! Mom!« Der Jun­ge, der ne­ben ihr stand, ramm­te ei­nen Ell­bogen in ih­re Sei­te. »Chill mal dein Ge­sicht! Aa­al­ter, das geht ja gar nicht!«

Was zum Teu­fel?, frag­te er sich in dem Mo­ment, als sie sich ruck­ar­tig dem klei­nen Möch­te­gern-Co­olio zu­wand­te, so­dass Marc die zar­ten Kon­tu­ren ih­res Ge­sich­tes er­bli­cken konn­te. Win­zi­ge Som­mer­spros­sen schmei­chel­ten ih­ren Wan­gen­kno­chen, wäh­rend sich ih­re lan­gen, ro­ten, wel­li­gen Haa­re über ih­re Schul­ter er­gos­sen. Ei­ne schwar­ze Bril­le stand im Kon­trast zu ih­rer hel­len Haut. Das war mal ei­ne ex­trem hei­ße Er­schei­nung, dach­te er sich, wäh­rend er ih­ren vor­wurfs­vol­len Ge­sichts­aus­druck be­ob­ach­te­te und sich da­bei fast schon amü­sier­te.

»Ma­ri­us, sprich nicht so mit mir. Wie oft soll ich dir das sa­gen?«, zisch­te sie dem Jun­gen lei­se zu, an­schei­nend da­rauf be­dacht, dass nicht alle in der Schlan­ge mit­be­ka­men, wie sie ih­ren Sohn rüg­te. Augen­rol­lend wen­de­te die­ser sich ab. »Voll LOL, Mom! Du bist so pein­lich!«, sag­te er in vol­ler Lauts­tär­ke.

»Du spielst ge­ra­de um dei­ne Plays­ta­tion, mein lie­ber Freund!«, platz­te es be­herrscht aus ihr her­aus.

Die Zeit rann­te ihm da­von, in­des Marc wie an­ge­wur­zelt hin­ter die­sem Schau­spiel stand und sich kei­nen Zen­ti­me­ter vom Fleck be­weg­te. Er muss­te sich ein­ge­ste­hen, dass es ihm trotz des Termin­drucks nicht so viel aus­mach­te, weil sei­ne Ge­dan­ken mo­men­tan ein ver­fluch­tes Eigen­le­ben ent­wi­ckel­ten.

Er stell­te sich vor, wie sie nackt auf ihm saß und ih­re sünd­haf­te Mu­schi – er nahm an, dass sie bei die­sem Er­schei­nungs­bild ei­ne mehr als nur ap­pe­tit­li­che Spal­te hat­te – immer wie­der über sei­ne Er­ek­tion rieb. Ih­re lan­gen Haa­re fie­len nach vor­ne, um­schmei­chel­ten ih­re hüb­sche Fi­gur, wäh­rend ih­re schma­len Fin­ger sanft über sei­ne Brust strei­chel­ten. Ihr Stöh­nen glich ei­nem lei­sen Hau­chen. Doch das ge­nerv­te Auf­stöh­nen vor ihm, brach­te ihn in die Rea­li­tät zurück. »Tall, gran­de oder ven­ti?«, frag­te er mit viel zu ho­her Stimm­la­ge und stemm­te sei­ne Hand in die Sei­te, wäh­rend er mit hoch­ge­zo­ge­ner Augen­braue auf sie blick­te.

Mein Gott, hat­te der Ba­ris­ta Schraub­zwin­gen um sei­ne Ei­er, oder wa­rum piep­te er so ab­ar­tig? Shit! Ging ihm das hier auf die Ner­ven! »Ge­ben Sie die­ser Frau so­fort ih­ren«, nach Wor­ten su­chend, ge­sti­ku­lier­te Marc mit ei­ner Hand in der Luft he­rum, »Re­tro-Kaffee«, for­der­te er sto­ckend auf, wäh­rend er sich an den bei­den vor­bei­schob, die ihn er­staunt mus­ter­ten. Er knall­te ei­nen Fünf­zi­ge­uro­schein auf die The­ke und tipp­te, un­ter­malt von ei­nem ge­nerv­ten Kopf­schüt­teln, die Fin­ger­spit­zen un­ge­dul­dig auf die Holz­the­ke. »Groß und ei­nen Lat­te mac­chia­to«, warf er et­was zu laut hin­ter­her und warn­te ihn mit ei­ner eben­falls pro­vo­kant hoch­ge­zo­ge­nen Augen­braue – ja, er konn­te das auch -, kei­ne wei­te­ren dum­men Fra­gen zu stel­len. »Und wenn das Gan­ze heu­te noch ge­schieht, wä­re das ein glanz­vol­ler Dienst an die Mensch­heit.«

Wäh­rend er war­te­te, sah er sich das klei­ne Übel, was ne­ben der Schön­heit stand und schänd­li­cher­wei­se eben­die­se Mutter nann­te, et­was ge­nau­er an. Mit of­fe­nem Mund und gro­ßen Augen starr­te er Marc an und ramm­te den Ell­bogen er­neut mehr­mals in die Sei­te sei­ner Mutter. »Was ist mit dir? Kannst du dich nicht an­stän­dig ar­ti­ku­lie­ren?«

Ge­dank­lich rüg­te er sich, denn wenn Marc ehr­lich war, sag­te er selbst be­stimmt zehn­mal am Tag Al­ter, fuck oder ähn­li­che ka­ta­stro­pha­le Wor­te, wo­bei er er­wach­sen war und ein Un­ter­neh­men lei­te­te. Der ein­zi­ge Un­ter­schied war, dass Marc es nicht in der Öf­fent­lich­keit tat. Außer­dem muss­te der Furz­kno­ten das nicht er­fah­ren. »Und was ist das mit die­sem deutsch-eng­lisch Kau­der­welsch? Ist das ei­ne Art Sprach­stö­rung?«

Ma­ri­us schluck­te schwer, das konn­te Marc an sei­nem Kehl­kopf se­hen. »Mom, du kannst doch nicht zu­las­sen, dass der so mit dei­nem Sohn spricht?«, sag­te er in ei­ner merk­wür­di­gen Mi­schung aus klein­lau­tem Auf­be­geh­ren. Als Marc den Blick hob, konn­te er er­ken­nen, wie sich klei­ne Lach­fält­chen um ih­re Augen bil­de­ten. Sie war schein­bar amü­siert und er­staunt, wie man dem skep­ti­schen Zu­cken ih­rer Augen­braue ent­neh­men konn­te. »Doch, Ma­ri­us, ge­nau das kann ich«, ant­wort­ete sie und er­wi­der­te Marcs Blick.

Fuck. Augen­bli­cklich dach­te er aber­mals, dass sie se­xy und da­bei fast schon nied­lich aus­sah. Sie wirk­te ir­gend­wie zer­brech­lich, wo­bei sie nicht dürr war und ein paar ge­schmei­di­ge Run­dun­gen vor­zu­wei­sen hat­te.

»Wie ist denn Ihr Na­me?«, frag­te der Typ hin­ter der The­ke ge­lang­weilt und Marc hät­te ihn am liebs­ten auf der Stel­le ver­gif­tet. So ein un­ge­ho­bel­ter Klotz stör­te ihn beim Gaf­fen und of­fen­sicht­lich hat­te er nicht nur ihn ge­stört, son­dern auch sie, denn ih­re Wan­gen er­rö­te­ten. »Das ist Rot­schopf und ich bin Super­man«, ent­geg­ne­te er prompt, oh­ne den Blick von ihr ab­zu­wen­den. Als ein lau­tes La­chen aus ihr her­aus­platz­te, konn­te er sich ein Grin­sen eben­falls nicht ver­knei­fen. Hot!

Das Klin­geln sei­nes Tele­fons riss ihn ins Hier und Jetzt zurück, wo­rauf­hin er es aus der Ta­sche nahm. Das war Si­na. Shit, der Termin. »Eden«, mel­de­te er sich, in wei­ser Vor­aus­sicht, dass sei­ne Se­kre­tä­rin ihn gleich fra­gen wür­de, wo er denn blieb. Da­bei hat­te er ihr be­reits vor ei­ner Stun­de ge­schrie­ben, als sein Aus­wärts­mee­ting be­en­det war, dass er sich auf den Weg ma­chen wür­de.

»Es ist drei Uhr, Ihr Termin ist da, von Ih­nen ist aber weit und breit kei­ne Spur.«

Schnell reich­te er Miss Be­au­ty ih­ren schwar­zen Kaffee, die ihn dan­kend ent­ge­gen­nahm. Oh­ne dass sie es mer­ken konn­te, präg­te er sich ih­re Er­schei­nung ein, denn sie wür­de er wohl nicht flach­le­gen. Wenn sie schon ei­nen Balg hat­te, stan­den die Chan­cen nicht schlecht, dass sie ver­hei­ra­tet war.

»Ciao, Rot­schopf«, sag­te er lei­se und zwin­ker­te ihr zum Ab­schied zu.

»Tschüss und dan­ke.« Sie hob ih­ren Kaffee und lä­chel­te ihn an. Ih­re Augen strahl­ten, sie ver­ström­te pu­re Lebens­freu­de. Was für ein po­si­ti­ver Mensch, wenn sie auch de­fi­ni­tiv ei­ne an­de­re Sei­te hat­te, wie sie zu­vor be­wie­sen hat­te. Doch die­ses Lä­cheln ließ gan­ze Eis­klöt­ze – so wie Marc eben­so ei­ner war – da­hin­schmel­zen.

»Marc?«, blaff­te Si­na durch den Hörer.

»Bin in fünf­zehn Mi­nu­ten da«, sag­te er und be­en­de­te die Un­ter­hal­tung, wäh­rend er den Laden ver­ließ und auf die Fuß­gän­ge­ram­pel zu­steu­er­te. Auf der an­de­ren Stra­ßen­sei­te stand sein Auto, mit dem er gleich zu sei­ner Fir­ma ED – Eden Dy­na­mics fah­ren wür­de. Marc hass­te nichts mehr als Un­pünkt­lich­keit und ge­ra­de er kam zu spät zu ei­nem wich­ti­gen Pro­jekt-Kick-Off-Ge­spräch. Immer­hin ent­schied sich, ob sei­ne Fir­ma den Auf­trag des Köl­ner Uni­kli­ni­kums er­hielt, in des­sen kom­plet­tem Haus im Zu­ge ei­ner Qua­li­täts­ma­nage­ments-Auf­fri­schung alle PCs so­wie Soft­wa­res op­ti­miert wer­den soll­ten.

Im Grun­de hat­te Marc mit sei­ner Mu­sic-App so­wie­so den Jack­pot ge­knackt, denn die be­scher­te ihm Ein­nah­men in Mil­lio­nen­hö­he. Aber ein ver­ant­wor­tungs­be­wuss­ter Ge­schäfts­mann wuss­te, dass der Hy­pe um sol­che Platt­for­men ra­sant ab­flach­te, so­bald ein an­de­rer et­was Neu­es und Ge­nia­les auf den Markt brach­te. Des­halb war es ihm ein Be­dürf­nis, für sei­ne An­ge­stell­ten ei­ne gu­te Basis zu schaf­fen, die ih­re Ge­häl­ter auch im Ernst­fall ab­deck­ten. Da­von war ak­tu­ell noch lan­ge kei­ne Re­de und selbst wenn der Not­fall ein­trat, hat­te er ge­nug auf sei­nen Kon­ten, um ED ei­ne ge­wis­se Zeit auf­recht zu hal­ten.

Okay, wenn er ehr­lich war, ging es hier im Grun­de nur da­rum, dass er den Hals nicht voll be­kam. Kurz lach­te er auf und schüt­tel­te den Kopf über sei­ne wir­ren Ge­dan­ken, die wie immer in ei­ner stren­gen selbst­ref­lek­tie­ren­den Ein­sicht en­de­ten.

End­lich an­ge­kom­men, stieg er aus dem Auto und be­gab sich un­ver­züg­lich auf den Weg in die Büro­räu­me.

»Man, Chef!« Mit ei­nem vor­wurfs­vol­len Blick kam Si­na ihm ent­ge­gen, als er den Auf­zug ver­ließ, nahm ihm den Be­cher aus der Hand, sei­ne Ta­sche ab und lief ge­ra­de­wegs vor­aus in sein Büro. »Was ist los mit Ih­nen? Un­pünkt­lich­keit ist für Sie ein Kün­di­gungs­grund, wenn ich Sie er­in­nern darf?« Si­na hat­te Recht, den­noch war es jetzt nun ein­fach mal so und er konn­te es nicht än­dern.

»In wel­chem Raum sind sie?«

»Im Jazz­raum«, ant­wort­ete sie, drück­te ihm ei­nen Sta­pel Un­ter­lagen in die Hand, die er ge­stern schon vor­be­rei­tet hat­te, und mach­te sich auf den Weg. Als er den Raum be­trat, fiel ihm zu aller­erst sein Ge­schäfts­part­ner – es sträub­te ihn in­ner­lich, die­sen Flach­wich­ser so zu nen­nen – auf, der dort saß, vor sich auf den Tisch starr­te und die mög­li­chen Neu­kun­den ig­no­rier­te. Er muss­te da­mals nicht zu­rech­nungs­fä­hig ge­we­sen sein, als er sein Un­ter­neh­men zur Hälf­te an Ale­xan­der Kra­mer über­schrieb.

Es war in der Zeit sei­nes Start-ups, als die Fir­ma Start­schwie­rig­kei­ten hat­te, ihm alles über den Kopf zu wach­sen droh­te und die in­ne­ren Dä­mo­nen Marc auf­fres­sen woll­ten. Da­mals war es ei­ne gu­te Lö­sung ge­we­sen, dass sich sein ehe­ma­li­ger Kom­mi­li­to­ne an­bot, sein Part­ner zu wer­den und sich in die Fir­ma ein­kauf­te. Das war der Start­schuss für Marc Edens Kar­rie­re. Er be­hielt sich den Na­men des Un­ter­neh­mens vor und das Stimm­recht im Streit­fall. Schon schnell nach dem Zu­sam­men­schluss frag­te er sich, was für ein Teu­fel ihn da ge­rit­ten hat­te, ihn mit ins Boot zu neh­men.

Die Zeit wür­de kom­men, da ver­pass­te er dem Nichts­nutz ei­nen hef­ti­gen Arsch­tritt. Die Fir­ma be­fand sich dort, wo sie jetzt stand, und zwar an der Spit­ze der in­ter­na­tio­na­len IT-Un­ter­neh­men, weil Marc sie dort­hin brach­te. Marc Eden und nicht Hohl­bir­ne Ale­xan­der Kra­mer. Er hat­te nichts da­zu beige­tra­gen. Er de­le­gier­te ver­meint­lich die Ar­beit im Haus, zu­min­dest dach­te er das, wenn er mal wie­der stun­den­lang durch die Büros der An­ge­stell­ten fla­nier­te, sich über­he­blich auf die Tisch­kan­ten setz­te und die Leu­te bei der Ar­beit be­ob­ach­te­te. Letz­tend­lich lief eh alles über Marcs Tisch. Sei­ne Pro­jekt­ma­na­ger mel­de­ten sich aus­schließ­lich bei ihm oder eben Si­na, wenn es et­was außer­halb der re­gu­lä­ren Mee­tings zu be­spre­chen gab. Marc war stolz auf sein mittel­stän­di­sches Un­ter­neh­men und wür­de kei­nes­wegs zu­las­sen, dass die­ser Mie­se­pe­ter ihm das Ge­schäft rui­nier­te. Soll­te er halt schweig­sam sein, je­doch nicht am Tisch po­ten­ziel­ler Kun­den. Idi­ot!

»Herz­lich will­kom­men bei Eden Dy­na­mics.« Be­stimmt trat er auf die bei­den zu und reich­te ih­nen die Hand. »Marc Eden«, stell­te er sich vor und setz­te sich an den Kopf des Ti­sches. »Ent­schul­di­gen Sie mei­ne Ver­spä­tung, der Ver­kehr steckt manch­mal vol­ler Über­ra­schun­gen.« Ni­ckend stimm­ten sie zu, in­des Marc ei­ne Er­leich­te­rung durch­flu­te­te, als es merk­te, dass noch nichts ver­lo­ren war. Das Eis war ge­bro­chen.

Nach fünf Stun­den, ei­ner kur­zen Un­ter­bre­chung, um ei­nen vom Ca­te­rer be­reit­ge­stell­ten Snack zu sich zu neh­men, ver­ließ Marc mehr oder we­ni­ger zu­frie­den den Kon­fe­renz­raum.

»Wir ha­ben den Auf­trag«, mur­mel­te er Si­na zu, als er auf dem Weg in sein Büro ih­ren Schreib­tisch streif­te, setz­te aber gleich hin­ter­her: »Kannst du Ale­xan­der ru­fen?« Auch wenn jetzt alles gut lief, so konn­te es nicht weiter­ge­hen. Sein Ge­schäfts­part­ner ar­beit­ete nicht für das Un­ter­neh­men.

»Was hat er denn schon wie­der an­ge­stellt?«, mur­mel­te sie die rhe­to­ri­sche Fra­ge vor sich hin und griff zum Hörer. »Hier ist Si­na, Herr Eden möch­te Sie ger­ne spre­chen!«

Marc ver­kniff sich ein La­chen, als er sah, wie Si­na die Augen roll­te. Sei­ne Se­kre­tä­rin wuss­te ge­nau, wer wel­che Leis­tun­gen für die­ses Un­ter­neh­men voll­brach­te. Und wenn ihr Ale­xan­der dumm kam, er­trug sie es still­schwei­gend. Das war kein Zeichen von Schwäche, nein. Sie re­spek­tier­te ihn ein­fach nur nicht und nahm ihn nicht ernst. Je­dem an­de­ren wür­de Marc et­was er­zäh­len, wenn ei­ner der An­ge­stell­ten ge­gen­über der Ge­schäfts­füh­rung re­spekt­los wer­den wür­de. Denn egal wel­chen Krieg sie aus­foch­ten, Marc wür­de das nie­mals nach außen zei­gen. Was sie sich letz­tend­lich dach­ten, lag nicht in sei­nem Er­mes­sen. Si­na hat­te sich die­sen Frei­fahrts­schein aller­dings hart er­ar­bei­tet. Sie war mehr an Marcs Sei­te, als es Ale­xan­der je­mals war. Si­na mach­te Über­stun­den, so­bald er mit dem Fin­ger schnipp­te, war Be­ra­te­rin in allen Lebens­lagen und dien­te oft­mals als ei­ne Art Schutz­panzer, sor­tier­te An­fra­gen jeg­li­cher Art nach Wich­tig­keit aus und reich­te nur an Marc weiter, was Prio­ri­tät hat­te. Sie wuss­te über sei­nen Frust detail­liert Be­scheid, nicht sel­ten half sie Marc, et­was aus­zu­bü­geln, was Ale­xan­der ver­bockt hat­te.

»Was willst du?« Ale­xan­der kam kurz da­rauf in sein Büro ge­platzt, setz­te sich vor Marcs Schreib­tisch und sah ihn mit dem Fuß wip­pend an, als hät­te er kei­ne Zeit.

»Wir soll­ten uns über dei­ne Zu­kunft in die­sem Un­ter­neh­men un­ter­hal­ten«, be­gann er, räum­te ein paar Un­ter­lagen zur Sei­te und be­trach­te­te ihn mit ern­ster Mie­ne.

»Ich wüss­te nicht, was es da zu be­spre­chen gibt. Ich bin dein Part­ner und das wird auch so blei­ben.«

»Ale­xan­der, mach dir nichts vor. Du bist für das Un­ter­neh­men ei­ne Last, denn sind wir mal ehr­lich, wel­che Kun­den hast du uns ge­bracht? Was trägst du im Ge­schäfts­all­tag bei? Wann kann ich mich nur ein­mal auf dich ver­las­sen?«

»Hey«, sprang Ale­xan­der auf und stütz­te sich dro­hend auf der Tisch­plat­te ab. »Wer ist eben zu spät ge­kom­men, wer­ter Herr Eden?« Sei­ne Stim­me trief­te vor Sar­kas­mus. »Das warst du, nicht ich. Merkst du noch was?«

»Merkst du noch was?«, wie­der­hol­te Marc zor­nig und bau­te sich eben­falls in ei­ner dro­hen­den Hal­tung vor die­sem Idio­ten auf. »Du fragst mich allen Ern­stes, ob ich noch et­was mer­ke, nach­dem ich uns ei­nen De­al mit ei­ner ge­schätz­ten monat­li­chen Mar­ge im fünf­stel­li­gen Be­reich ein­ge­han­delt ha­be? Du hast da­zu ge­nau was beige­tra­gen? Ver­zeih mir, wenn ich so stut­zig bin, aber ich kann mich da­ran er­in­nern, dass du dort schwei­gend wie ein Mönch ge­ses­sen hast und dann über die Ca­napés her­ge­fal­len bist. Und jetzt sieh mir in die Augen und er­klä­re mir noch ein­mal, was hier falsch läuft!« Ale­xan­der fo­kus­siert, blick­te er ihm un­er­bitt­lich ent­ge­gen. Nein, vor­her muss­te er sich die Zun­ge ab­bei­ßen, sie zer­kau­en und über den Darm aus­schei­den, doch kei­nes­falls wür­de er den Blick vor die­sem Voll­honk sen­ken.

Es dau­er­te ei­ne gan­ze Wei­le, bis Ale­xan­der sich dem Du­ell der Ti­ta­nen ent­zog und lei­se flüs­ter­te: »Du wirst mich nie­mals los­wer­den. Denn oh­ne mei­ne fi­nanz­iel­le Sprit­ze wä­re die Fir­ma nicht da, wo sie jetzt ist, ver­giss das nicht.«

Das hör­te sich wie ei­ne Dro­hung an und Marc wuss­te ge­nau, dass es auch ei­ne war. Ale­xan­der war ein Meis­ter im Ma­ni­pu­lie­ren und Quä­len an­de­rer Men­schen. Er wür­de so schnell nicht hin­wer­fen, aber Marc wür­de auf kei­nen Fall auf­ge­ben, das stand fest. Den­noch wuss­te er, dass er in die­ser Si­tua­tion nichts mehr er­rei­chen konn­te, wes­halb er schwieg. Ein letz­tes sieges­si­che­res Seuf­zen, als wür­de er den­ken, dass er tat­säch­lich Recht hat­te und Ale­xan­der ver­ließ sein Büro. Arsch­loch! Ja, es stimm­te so­gar. Oh­ne sei­ne an­fäng­li­che Un­ter­stüt­zung hät­te Marc sei­ne Träu­me nie ver­wirk­li­chen kön­nen, aber dass die Fir­ma nun er­folg­reich war, war auf sei­ne Fä­hig­kei­ten zurück­zu­füh­ren – Marcs Un­ter­neh­mens­füh­rung und Know-how. Wenn es ihm nur um das Geld ge­hen wür­de, könn­te er ihm mehr als ge­nug in den Ra­chen schüt­ten. Doch mehr als ein­mal hat­te er be­reits be­kräf­tigt, dass er sich nicht aus der Fir­ma ki­cken ließ.

Ein Klop­fen er­tön­te und kurz da­rauf be­trat Si­na sein Büro. »Alles okay hier?«, woll­te sie von ihm wis­sen.

»Das Üb­li­che!«, gab Marc knapp zurück. Er muss­te die­sen Ab­schaum los­wer­den und das am be­sten so­fort!

Vermögensplanung

»Al­ter, da sind wir bei Star­bucks, Mom wie­der voll pein­lich mit ih­rem Fil­ter­kaffee, und auf ein­mal steht da Marc Eden ne­ben mir und la­bert mich an. Marc Eden! Kannst du das glau­ben?« Wäh­rend er sei­ner Zwil­lings­schwes­ter von dem Hö­he­punkt des Tages be­rich­te­te, leuch­te­ten Ma­ri­us’ Augen, als hät­te er den All­mäch­ti­gen höch­stper­sön­lich ge­se­hen. Da­bei war er vor­hin sehr klein­laut und fand es gar nicht mal so toll, wie er von ihm an­ge­spro­chen wur­de.

»Nenn Ama­lia nicht Al­ter, Ma­ri­us!«, fuhr An­ni da­zwi­schen. »Was ist heu­te nur los mit dir?« Kopf­schüt­telnd stand sie in der Kü­che und wuss­te nicht, was sie am meis­ten auf­reg­te. War es ihr Sohn, der schein­bar von allen gu­ten Geis­tern ver­las­sen war, oder der Löf­fel, der in ei­nem an­ge­trock­ne­ten Jog­hurt­be­cher kleb­te, an dem wie­der­um ein be­nutz­tes Taschen­tuch hing. Gro­ßer Gott, das hier war ein ver­damm­ter Schwei­ne­stall, an­ders konn­te sie sich das kaum er­klä­ren. Ih­re Tochter stand an den Kühl­schrank ge­lehnt und be­ob­ach­te­te un­be­ein­druckt das Schau­spiel, wäh­rend sie ei­ne Ba­na­ne aß.

»Außer­dem hat er dich nicht bloß an­ge­spro­chen, er hat dich ge­rügt und da­rauf hin­ge­wie­sen, dass du dich an­stän­dig ar­ti­ku­lie­ren sollst!« In­ner­lich ju­bel­te sie, als sie an die­sen Mo­ment zurück­dach­te. Der Typ hat­te solch ein Selbst­ver­trauen, dass selbst sie kurz in­ne­hielt, um ihn an­zu­schau­en.

Zu­erst fie­len ihr sei­ne Tä­to­wie­run­gen auf. Lan­ge ver­schnör­kel­te Aus­läu­fer sah man un­ter dem Ja­ckett her­vor­lu­gen. Am Hals konn­te man das Por­trät ei­nes Man­nes er­ah­nen, wäh­rend sei­ne Haa­re zu ei­nem un­or­dent­li­chen Kno­ten am Hin­ter­kopf zu­sam­men­ge­bun­den waren. Er war groß, stolz und hat­te sie schon selbst­be­wusst er­wähnt? Den knall­har­ten Ge­schäfts­mann, der er war, nahm man ihm oh­ne mit der Wim­per zu zu­cken zu ein­hun­dert Pro­zent ab. Dass er das war, wuss­te An­ni wie­der­um, weil man Marc Eden, den Ent­wi­ckler der die an­ge­sag­tes­te Mu­sic-App ge­schaf­fen hat­te, in Köln ein­fach kann­te. Für die ei­nen war er der be­gehr­te Jung­ge­sel­le, für die an­de­ren ein Mann, den man aus den Tratsch­spal­ten di­ver­ser Zei­tun­gen, in de­nen er immer mal wie­der mit ir­gend­wel­chen Schön­hei­ten ab­ge­lich­tet wur­de, kann­te. Für ih­ren Sohn war er wei­taus mehr. Er sam­mel­te so­gar Ma­ga­zi­ne, in de­nen The God­fat­her of IT-Mist ein In­ter­view nach dem an­de­ren gab, sta­pel­te sie fein säu­ber­lich in sei­nem Regal, wenng­leich der Rest des Zim­mers ei­nem Trüm­mer­feld glich.

»Aber er hat mich an­ge­spro­chen, das ist der sprin­gen­de Punkt!«, triump­hier­te Ma­ri­us, hiev­te sich zeit­gleich mit den Hand­bal­len auf die Ar­beits­flä­che der Kü­chen­zei­le und nahm ei­nen Schluck aus der Spru­del­fla­sche. Nun gut, wenn er das so se­hen woll­te, bit­te.

»Gott, Ma­ri­us. Komm mal wie­der klar«, ent­geg­ne­te Ama­lia be­lus­tigt. »Hof­fent­lich träumst du heu­te Nacht nicht von dei­nem Zu­cker­berg 2.0.«

»Halts Maul, Sis! Du hast doch kei­ne Ah­nung. Geh mit dei­nen Bar­bies spie­len.«

»Hey, Leu­te! Jetzt ist Schluss hier. Habt ihr für die Deutsch­ar­beit ge­lernt?« An­ni war­te­te nicht auf Ant­wort, denn die­sem Ge­zan­ke durf­te man er­fah­rungs­ge­mäß kei­nen Raum zum Rei­fen ge­ben, sonst schau­kel­te sich das pu­ber­tä­re Rum­ge­strei­te im Nu zu ei­nem mons­trö­sen Klein­krieg hoch. »Geht ler­nen, da­mit ver­bringt ihr eu­re Zeit we­nigs­tens sinn­voll!«

Auch wenn die zwei sie ak­tu­ell an den Ran­de ei­nes Ner­ven­zu­sam­men­bruchs trie­ben, eins funk­tio­nier­te immer. Ih­re Kin­der waren wiss­be­gie­rig und ehr­gei­zig, was sie oft­mals frei­wil­lig hin­ter ih­re Schreib­ti­sche be­weg­te und zum Ler­nen an­imier­te. Das er­spar­te An­ni ei­ne Men­ge un­schö­ner Mo­ti­va­tions­ar­beit, wenn sie da­ran dach­te, wie häu­fig sich die an­de­ren Müt­ter da­rüber be­schwer­ten.

Ama­lia ging zum Kü­chen­tisch, um dort ih­re Ba­na­nen­scha­le ab­zu­le­gen, und ver­ließ den Raum. Kopf­schüt­telnd stand An­ni da und be­trach­te­te den Tisch mit gro­ßen Augen. Ja, war es denn zu fas­sen? Der Müll­ei­mer be­fand sich ge­nau an je­ner Stel­le, wo sie zu­vor ge­stan­den hat­te und dann wun­der­te sie sich, wa­rum sie in letz­ter Zeit so aus­ge­laugt war? »Ama­lia, räum dei­nen Müll weg. Manch­mal fra­ge ich mich, wie ihr bei­de es aufs Gym­na­si­um ge­schafft habt. Das ist doch un­glau­blich!«, rief sie in den Flur und war­te­te, bis ih­re Tochter zurück­ge­kehrt war, die Auf­ga­be er­le­digt hat­te und wort­los die Trep­pen her­auf­lief.

Als An­ni letz­tend­lich zwei Türen zu­knal­len hör­te, wuss­te sie, dass sie jetzt min­des­tens ein paar Stun­den Ru­he ha­ben wür­de. Er­mü­det stütz­te sie sich an der Tisch­kan­te ab und at­me­te tief durch.

An­ni war nor­mal­er­wei­se ei­ne Po­wer­frau. Sie re­gel­te Haus­halt, Kin­der, war über­aus en­ga­giert in der Dorf­ge­mein­schaft und ging re­gel­mä­ßig zur Kir­che. Zu­dem ar­beit­ete sie im Back­of­fi­ce, in­klu­si­ve der Buch­hal­tung, in der Fir­ma ih­res Man­nes, der Ver­mö­gens­be­ra­ter war. An­ni war mit ihm liiert, seit sie sich beim Schwimm­un­ter­richt in der Schu­le un­ster­blich in­ei­nan­der ver­liebt hat­ten.

Heu­te noch hat­te sie das Bild vor Augen, wie er mit sei­nen Klas­sen­ka­me­ra­den am Be­cken­rand stand und sich über ir­gend­et­was amü­sier­te. Sein La­chen be­wirk­te, dass sich klei­ne Grüb­chen auf den Wan­gen bil­de­ten, die sie um­hau­ten. Zwan­zig Jah­re war das her und na­tür­lich hat­te sich die Fas­zi­na­tion um Cons­tan­tins Grüb­chen ge­legt. Sie ver­brach­ten so viel Zeit mit­ein­an­der, wie es für ei­ne Un­ter­neh­mer­fa­mi­lie mög­lich war. Zu­ge­ge­be­ner­ma­ßen war das nicht un­be­dingt oft. Wenn er mal wie­der auf Ge­schäfts­rei­se war, waren zum Aus­gleich die Dorf­frau­en, die sie mehr­mals wö­chent­lich sah, für sie da. An­ni hat­te alles, was ei­ne Bil­der­buch­fa­mi­lie aus­mach­te. Sie hat­te tol­le Eltern, Schwie­ge­rel­tern, groß­ar­ti­ge Kin­der, wenn sie manch­mal auch ein biss­chen nerv­ten, und ei­nen treu­en Ehe­mann.

»Hi.« Cons­tan­tin trat hin­ter sie, gab ihr ei­nen Kuss aufs Haar und setz­te sich an den Kü­chen­tisch.

»Hal­lo«, grüß­te sie ihn mü­de. »Wie war dein Tag?«

»An­stren­gend! Die­ser Meier ist so ein Idi­ot. Er ist ab­so­lut be­ra­tungs­re­sis­tent«, sag­te er und blick­te An­ni nach Zu­stim­mung su­chend an.

»Ein un­sym­pa­thi­scher Kerl«, be­stä­tig­te sie, drück­te ei­nen Espres­so aus dem Kaffee­voll­auto­ma­ten und stell­te ihn auf dem Tisch vor ihm ab.

»Aber was bringt es? Er be­zahlt nun mal an­stän­dig und auch wenn ich weiß, wie du die­se ab­ge­dro­sche­nen Sät­ze ver­ab­scheust: Der Kun­de ist Kö­nig!« Er pus­te­te in die Tas­se, nipp­te vor­sich­tig an dem hei­ßen Ge­tränk, und stell­te sie mit ei­nem schmerz­ver­zerr­ten Blick wie­der ab, wäh­rend er sich die ver­brann­te Lip­pe rieb. Skep­tisch be­äug­te er An­ni kurz da­rauf. »Alles okay? Du siehst mü­de aus!«

»Das bin ich. Viel­leicht ist ei­ne Er­käl­tung im An­marsch, wer weiß?«, er­wi­der­te sie und spür­te in der Tat die­se aus­lau­gen­de Schwe­re, die sie seit ei­ni­gen Ta­gen be­glei­te­te.

»Leg dich hin. Ich mach hier Klar­schiff!« Mit ei­ner aus­laden­den Be­we­gung zeig­te er auf die voll­ge­stell­te Kü­chen­zei­le, was er nicht nä­her er­läu­tern muss­te.

Ent­schul­di­gend hob An­ni die Schul­tern. Es brauch­te kei­ne weite­re Er­klä­rung, schließ­lich wuss­te Cons­tan­tin, wel­ches Pen­sum An­ni tag­täg­lich er­füll­te und was für Schwei­ne in punc­to Sau­ber­keit ih­re Kin­der waren. Er stand schon immer hin­ter ihr und wür­dig­te, was sie tat.

»Bin im Bett!«, sag­te sie, warf ihm ei­nen dank­ba­ren Blick zu und ließ die chao­ti­sche Kü­che mit ih­rem geord­ne­ten Ehe­mann im Ein­klang zurück. Schnell ent­le­dig­te sie sich ih­rer Kla­mot­ten, putz­te sich die Zäh­ne, zog sich ein viel zu gro­ßes Shirt über, wel­ches sie zum Schla­fen ger­ne trug, und floch­te sich ih­re fast hüft­lan­gen Haa­re zu ei­nem Zopf. Als sie end­lich die küh­len Bett­la­ken auf ih­rer Haut spür­te, merk­te sie, wie sich zu­min­dest ih­re Mus­keln ent­spann­ten und sie lang­sam run­ter­fah­ren konn­te. Das Kis­sen un­ter ih­rem Kopf mit den Hän­den zu­recht­ge­rückt, be­trach­te­te sie akri­bisch die Zim­mer­de­cke, wäh­rend sie den Tag Re­vue pas­sie­ren ließ: Sie weck­te die Kin­der, fuhr ins Büro, koch­te für Ama­lia ve­ge­ta­risch, für Ma­ri­us fleisch­hal­tig und räum­te das Haus auf, wie je­den Tag. Da­rauf­hin fuhr sie mit ih­rem Sohn in die Stadt, denn er brauch­te drin­gend ein Zu­be­hör­teil für sei­nen Lap­top, oh­ne das sein Le­ben schein­bar spä­tes­tens am Abend sinn­los ge­we­sen wä­re. Dass ein Weg bis in Kölns In­nens­tadt im Feie­ra­bend­ver­kehr ei­ne Stun­de dau­er­te, ver­such­te sie, zu ver­drän­gen. Denn die­sen Weg muss­ten sie immer­hin zwei­mal fah­ren, um nach Hau­se zu kom­men. Und dann woll­te sie sich ein­fach nur ei­nen Kaffee ge­neh­mi­gen, da tick­te ihr Sohn wort­wört­lich aus, weil sie auf die­sen IT-Gu­ru tra­fen. Wie er sie ge­nannt hat­te: »Rot­schopf und Super­man«, mur­mel­te sie lei­se vor sich, be­vor über ih­re Lip­pen ein Lä­cheln husch­te. Er war wirk­lich süß. Nein, das pass­te nicht. Er war eher se­xy, ja. Sei­ne gan­ze Hal­tung strotz­te vor Selbst­be­wusst­sein und die­ses ge­wis­se Fünk­chen Ar­ro­ganz stand ihm außer­or­dent­lich gut. Ei­ne Gän­se­haut über­zog ih­re Ar­me. Er war auf ei­ne Art un­nah­bar und den­noch war er, den sie nor­mal­er­wei­se nur von ge­druck­ten Zei­tungs­fotos kann­te, für An­ni heu­te wahr­haf­tig greif­bar. Er hat­te es ge­schafft, sie zum Lä­cheln zu brin­gen, und auto­ma­tisch frag­te sie sich, wann Cons­tan­tin das zum letz­ten Mal fer­tig­ge­bracht hat­te. Ein un­gu­tes Ge­fühl misch­te sich zu dem zar­ten Krib­beln, was durch den Ge­dan­ken an Marc er­weckt wur­de. Ei­nen sol­chen Ver­gleich hat­te sie noch nie ge­zo­gen, fiel ihr in die­sem Mo­ment auf und gleich­zei­tig auch, dass es schon sehr lan­ge her war, dass sie, bis auf ein net­tes und re­spekt­vol­les Lä­cheln, seit Mo­na­ten nicht mehr mit ih­rem Mann herz­haft ge­lacht hat­te. Die Augen­braue zu­sam­men­ge­zo­gen, roll­te sich An­ni zur Sei­te. Was soll­te sie nun mit die­ser Er­kennt­nis an­fan­gen? War es über­haupt von Be­deu­tung? Klar, war es das. Bis­her exis­tier­te in An­nis Le­ben nur ein Mann und das war Cons­tan­tin, den sie lieb­te. Er war für­sor­glich, hilfs­be­reit, kul­ti­viert und stand für sei­ne Fa­mi­lie ein. Aber ein Bauch­krib­beln gab es ewig nicht mehr.

Das war nor­mal, wenn man be­dach­te, dass sie be­reits seit so lan­ger Zeit ein Paar waren. Der All­tag hat­te sie fest im Griff, da blieb kei­ne Zeit für der­ar­ti­ge Lie­be­lei­en, die auch nur an­satz­wei­se et­was in ihr aus­lö­sen könn­ten. Dass das völ­li­ger Quatsch war, war ihr durch­aus be­wusst und trotz­dem ver­such­te sie sich mit dem Er­geb­nis ih­rer geis­ti­gen Ar­beit zu­frie­den­zu­ge­ben.

Un­wei­ger­lich dach­te sie an Marc, wie er sie, mit sei­ner lo­cke­ren Art, be­stim­mend und über­le­gen vor die­sem däm­li­chen Kaffee­hei­ni ge­ret­tet hat­te. Er konn­te es ein­fach, da war nichts ge­schau­spiel­ert, er war, wie er war. Das Krib­beln kehr­te wie­der in ih­ren Bauch zurück. Er war de­fi­ni­tiv ei­ne Mar­ke für sich und gar nicht so ab­ge­ho­ben, wie er in der Pres­se dar­ge­stellt wur­de. Was hät­te ihr Cons­tan­tin in die­ser Si­tua­tion ge­tan? Er hät­te sie wahr­schein­lich auf­ge­for­dert, et­was an­de­res zu be­stel­len, um kein Auf­se­hen zu er­re­gen, und Ma­ri­us hät­te er eben­falls zu­recht­ge­wie­sen, aber ganz si­cher nicht so cool wie Marc Eden, stell­te sie schmun­zelnd fest. Wenn sie nur da­ran dach­te, wie Ma­ri­us sich in der Schu­le mit dem Tref­fen brüs­ten wür­de, muss­te sie sich ein Auf­la­chen ver­knei­fen. Un­ter den Nerds konn­te er da­mit Ein­druck schin­den, das war Fakt. Nun gut, sie gönn­te ihm sei­nen glanz­vol­len Mo­ment.

An­ni wälz­te sich von ei­ner Sei­te zur an­de­ren, fand kei­ne Ru­he. Ih­re Ge­dan­ken dreh­ten sich im Kreis, lie­ßen sie auf­ge­bracht zurück. Und immer, wenn sie knapp da­vor war, in ei­nen ent­spann­ten Schlaf ab­zu­drif­ten, tauch­ten Marcs Augen vor ih­ren auf und mach­ten sie von der ei­nen auf die an­de­re Se­kun­de wie­der hell­wach. Ge­dank­lich durf­te sie sich die­se ent­glei­sen­den Aus­rut­scher ru­hig er­lau­ben, so­lan­ge Cons­tan­tin das nicht mit­be­kam.

Ein kur­zes Klop­fen er­tön­te an der Zim­mer­tür: »Mom!«, flüs­ter­te Ma­ri­us lei­se, als er nä­her­trat.

»Hm?«, brumm­te An­ni, nicht ge­willt, auch nur ein Wort von sich zu ge­ben. Mü­de, schla­fen, Ge­hirn­gu­lasch … Lasst mich doch alle in Frie­den. In Ge­dan­ken spul­te sie noch mal ei­nen Schritt zurück und er­gänz­te, hei­ßer und schar­fer Ge­hirn­gu­lasch. So weit war es schon mit ihr ge­kom­men, dass sie so ei­nen geis­ti­gen Un­fug fa­bri­zier­te.

»Mom!«, er­klang ei­ne vor­wurfs­vol­le Stim­me.

Ma­ri­us. Ihr Sohn, ach Gott, da war doch was. Wi­der­wil­lig schal­te­te sie das Nacht­licht an. »Was?«, frag­te sie mo­no­ton.

»Meinst du, wir könn­ten mor­gen noch mal zu Star­bucks fah­ren? Wir set­zen uns ein­fach ein biss­chen da­hin und war­ten, viel­leicht kommt Marc Eden ja wie­der. Dann könn­te ich mich rich­tig mit ihm un­ter­hal­ten.«

»Hä?« Er muss­te durch­ge­dreht sein. Und sie gleich mit, denn jetzt war es um ih­re Ar­ti­ku­la­tion ge­sche­hen. Was soll­te man zu solch ei­nem Vor­schlag nur sa­gen? Ihr Sohn woll­te sich in ein Café set­zen, Stun­den dort ver­brin­gen, nur um mög­li­cher­wei­se sein Vor­bild an­zu-tref­fen. »Ma­ri­us, ich sags nur ein ein­zi­ges Mal: Geh so­fort in dein Bett!«

»Al­ter, bleib mal cre­mig. Du gehst ja ab.«

Jetzt setz­te sich An­ni doch auf. »Du glaubst doch nicht ernst­haft, dass ich mei­ne Zeit mit dir ir­gend­wo in Köln ver­ge­ude, nur weil die­ser Eden sich dort ein­mal ei­nen Kaffee ge­holt hat? Fer­nab da­von, dass das to­tal be­scheu­ert ist, weißt du nicht mal, ob er re­gel­mä­ßig da ist oder doch nur spo­ra­disch. Lass mich da­mit ein­fach in Ru­he, okay? Ich möch­te schla­fen.«

»Darf ich denn we­nigs­tens nach der Schu­le da­hin? Ich könn­te mei­ne Haus­auf­ga­ben da ma­chen.«

»Raus!«, for­der­te An­ni schrof­fer, als es ge­plant war und re­gis­trier­te be­ru­higt, dass er die Tür hin­ter sich ge­schlos­sen hat­te. Himmel Herr­gott, wie konn­te man nur in ei­nen der­ar­ti­gen Fan­mo­dus ver­fal­len, das war ja schon fast krank­haft.

Portfolio

»Soll ich dir ei­nen bla­sen?« Nan­cy drück­te sich schein­bar un­auf­fäl­lig, aber doch ir­gend­wie auf­rei­zend, an sein Bein und raun­te ihm ins Ohr, be­vor sie die Ge­trän­ke auf dem run­den Tisch ab­stell­te, an dem Marc und sei­ne Kum­pels sa­ßen.

»Lass mal, ich bin heu­te nicht in Stim­mung«, wie­gel­te er in nor­ma­ler Lauts­tär­ke ab und kas­sier­te vier vor­wurfs­vol­le Bli­cke. Nein, fünf, wenn man Nan­cy mit­zähl­te. »Sor­ry!«, mur­mel­te er und nahm ei­nen kräf­ti­gen Schluck von dem Whis­key, den er so­eben ser­viert be­kom­men hat­te. Sei­ne Jungs wuss­ten, dass sie fick­ten, da muss­te sie nicht so ein Af­fent­hea­ter ab­hal­ten und sich fast das Ge­nick aus­ren­ken, nur um ihm ins Ohr zu flüs­tern, und außer­dem soll­te er das Gan­ze eh be­en­den, da sie ei­ne für ihn wich­ti­ge Gren­ze über­schrit­ten hat­te.

»Was war das denn? Sonst treibt ihr es doch immer wie die Ramm­ler, egal wann und wo«, brach­te Finn es oh­ne gro­ße Um­schwei­fe auf den Punkt und er­hielt sog­leich ni­cken­de Be­stä­ti­gung von Vin­ce, Tom und Björn, die eben­falls mit am Tisch sa­ßen.

Marc und Nan­cy trie­ben es tat­säch­lich oft und ja, er muss­te zu­ge­ben, es kam schon mal vor, dass sie es im Per­so­nal­raum mach­ten oder eben in der Kü­che, die so­wie­so nie be­nutzt wur­de. Das Hells Bells, die Stamm­knei­pe der Jungs, bot ih­nen so ei­ni­ge Ecken, in de­nen man un­ge­stört schnell ab­sprit­zen konn­te. Mehr als das war es nicht. Nan­cy hat­te ei­nen Or­gas­mus, Marcs Ei­er waren leer, das Ver­gnü­gen war beid­sei­tig er­folgt, al­so ging je­der wie­der sei­ner We­ge.

»Dass ich das noch er­le­ben darf«, mur­mel­te Björn.

»Ach, komm. Selbst ein trieb­ge­steu­er­ter Marc braucht ir­gend­wann mal ei­ne Ver­schnauf­pau­se«, warf Vin­ce ver­tei­di­gend ein, was die Meu­te zum Auf­la­chen und ihm ein Lä­cheln auf die Lip­pen brach­te.

»Was ist los?«, frag­te Finn, der ihn von sei­nen Jungs am ehe­sten zu durch­schau­en schien. Nicht nur dort, im Hells Bells am Tisch, son­dern in allen Lebens­lagen war er stets der rich­ti­ge An­sprech­part­ner und stand ihm auf ei­ne ganz be­son­de­re Art und Wei­se zur Sei­te. Er schwieg, wenn es an­ge­bracht war und er brach­te ihn zum Re­den, so­fern es nö­tig war. Wie auch immer, er hat­te ein gu­tes Händ­chen für Marc.

»Ich weiß nicht, wie ich Ale­xan­der aus der Fir­ma ki­cken soll. Er scha­det mir und dem Un­ter­neh­men, was ich fak­tisch na­tür­lich nicht nach­wei­sen kann, da er dies­be­züg­lich wirk­lich mal sei­ne drei Ge­hirn­zel­len an­strengt und die Schnei­se der Ver­wü­stung oh­ne gro­ße Be­wei­se hin­ter­lässt. Heu­te hat er es echt über­trie­ben, das ist nicht mehr trag­bar.«

»Er war schon immer ein Voll­trot­tel«, be­merk­te Tom ne­ben­bei. »Du hät­test es da­mals oh­ne sei­ne Hil­fe ge­schafft!«

»Tja, das weiß ich heu­te, nur bringt mich das mei­nem ak­tu­el­len Ziel kei­nen Schritt nä­her.« Ge­dan­ken­ver­lo­ren nahm er ei­nen wei­te­ren Schluck von der gol­de­nen Flüs­sig­keit, die ihm ein an­ge­neh­mes Bren­nen im Hals be­scher­te.

»Hast du mit dei­nen An­wäl­ten ge­spro­chen?«, woll­te Finn wis­sen, wäh­rend er sei­nen Freund mit ern­ster Mie­ne mus­ter­te.

»Ber­ger ist im Ur­laub und da ich nichts akut Hand­fes­tes vor­zu­wei­sen ha­be, bleibt er auch dort.«

»Du kriegst das hin, Al­ter. Es fin­det sich ei­ne Lö­sung«, warf Tom ein.

»Hof­fen wir es!« Wenn Marc nach außen auch immer der Taf­fe war, kei­ne Schwäche zeig­te und un­nah­bar wirk­te, wie man ihm nach­sag­te, so waren es ge­nau die Men­schen an die­sem Tisch de­nen er un­ein­ge­schränkt ver­trau­te und die sei­ne an­de­re Sei­te kann­ten. Er konn­te nicht zu­gu­cken, wie sein Ba­by, wie er ED lie­be­voll nann­te, den Bach her­un­ter ging und zu ei­ner von vielen Fir­men mu­tier­te. Das wür­de ihn zers­tö­ren.

»Und was ist mit Nan­cy?«, hin­ter­frag­te Björn, der so­mit alle Auf­merk­sam­keit wie­der auf Marc lenk­te.

»Was soll mit ihr sein? Ich mag nicht, wenn sie klam­mert. Neu­lich stand sie abends vor mei­ner Tür, das müsst ihr euch mal vor­stel­len. Fi­cken, ja. Be­zie­hung, nein. Das waren die Rah­men­be­din­gun­gen und so ma­chen wir es seit Mo­na­ten. So gut kann sie gar nicht sein, dass ich ihr Ein­tritt in mein Pri­vat­le­ben ge­wäh­re. Außer­dem hab ich der­zeit an­de­re Sa­chen im Kopf.«

»Gut zu wis­sen«, blaff­te plötz­lich ei­ne grel­le Stim­me hin­ter ihm. Das voll­ge­stell­te Ta­blett wur­de et­was zu schwung­haft auf den Tisch ge­scho­ben, so­dass die Glä­ser leicht über­lie­fen und ei­ne stink­wü­ten­de Be­die­nung da­von­lief.

Na, su­per, Marc! Gra­tu­la­tion.

»Heu­te hab ich lei­der kei­nen Nerv, um mich mit so ei­nem Kin­der­gar­ten zu be­fas­sen.« Er warf ei­nen Fünf­zi­ge­uro­schein auf den Tisch, sah ein­mal in die ver­wun­der­ten Augen sei­ner Kum­pels, ver­ließ die Bar und fuhr auf di­rek­tem Weg nach Hau­se.

Ge­ra­de hat­te er es sich auf der Couch ge­müt­lich ge­macht, die Bei­ne auf dem Tisch ab­ge­stellt und das Bier, wel­ches er sich zu­vor aus dem Kühl­schrank ge­nom­men hat­te, an­ge­setzt, als sein Smart­pho­ne ei­ne What­sApp Nach­richt an­kün­dig­te.

Finn: Soll ich dir viel­leicht ei­nen bla­sen, Ho­ney?

Marc: Mas­sierst du mir da­bei die Ei­er?

Finn: Mal gu­cken … Quatsch, soll ich vor­bei­kom­men?

So war Finn – her­zens­gut und selbst in sol­chen Si­tua­tio­nen brach­te er ihn zum Lä­cheln. Wenn er das auch zu schät­zen wuss­te, stand ihm der Kopf ge­ra­de nicht nach Be­such. Er wür­de sich gleich ins Bett le­gen und ver­su­chen, ei­ne Müt­ze Schlaf ab­zu­be­kom­men.

Marc: Mach dir kei­ne Sor­gen, ich bin nur ge­stresst, das wird mor­gen bes­ser sein.

Finn: Du weißt, wo ich woh­ne. Bis dann, Al­ter.

Ein klein we­nig Wär­me, ver­ur­sacht durch den Rück­halt, den er durch Finn und die Jungs er­fah­ren durf­te, leg­te sich schüt­zend um sein Herz. Dass die Tür sei­nes Seelen­ver­wand­ten für ihn of­fen­stand, war ihm be­wusst, oh­ne dass Finn ihm das sa­gen muss­te. Das galt auch für die an­de­ren, den­noch war es un­er­klär­li­cher­wei­se meis­tens Finn, zu dem es ihn hin­zog, wenn es ihm schlecht ging. Marc wuss­te, dass er ein Spaß­vogel war und als die­sen ge­mocht wur­de. Aber es gab tief in sei­nem in­ne­ren ei­ne Wun­de, die immer wie­der auf­riss und ihn über­for­dert und schmerz­er­füllt zurück­ließ. In die­sen Mo­men­ten war er ein­fach froh, die Jungs zu ha­ben. Schnell schob er den Ge­dan­ken bei­sei­te, denn heu­te hat­te er ge­nug un­ge­lös­te Rät­sel im Kopf, so­dass er sich nicht mit sei­nen Dä­mo­nen aus­ein­an­der­set­zen konn­te.

Ale­xan­der muss­te raus, das hat­te Prio! Viel­leicht hat­te Ber­ger tat­säch­lich ei­nen ent­schei­den­den Hin­weis pa­rat, so­dass das Gan­ze end­lich ins Rol­len kam.

Er nahm den letz­ten Schluck aus der Fla­sche, stell­te die­se in die Kü­che und ging auf di­rek­tem Weg ins Bad. Acht­los warf er sei­ne Kla­mot­ten ne­ben den Wä­sche­korb und dreh­te schon mal das Was­ser der Du­sche an. Zwi­schen­zeit­lich stell­te er sich vor den Spiegel, ent­fern­te den Haar­gum­mi, und putz­te sich die Zäh­ne, wäh­rend das pras­seln­de Ge­räusch des Was­sers wie immer ei­ne be­ru­hi­gen­de Wir­kung auf ihn hat­te.

Frisch ge­duscht, lag Marc nur Mi­nu­ten spä­ter in sei­nem Bett, schal­te­te den Bild­schirm ne­ben ihm ein, ak­ti­vier­te den Ti­mer und stre­am­te über Net­flix ei­ne ame­ri­ka­ni­sche La­wy­er-Se­rie, die er ganz un­ter­halt­sam fand und ihm beim Ein­schla­fen half, weil er sei­ne Ge­dan­ken auf et­was an­de­res als die ak­tu­el­len Pro­ble­me lenk­te.

Schnell drück­te Marc sei­nen We­cker aus. Er schlug die De­cke zur Sei­te und schlurf­te in die Kü­che. Wäh­rend ihm schon der Duft des frisch auf­ge­brüh­ten Kaffees in die Na­se stieg, den sein ge­tim­ter Voll­auto­mat ihm je­den Mor­gen zu­ver­läs­sig in ei­ne Tas­se ein­lau­fen ließ, check­te er die E-Mails auf sei­nem Han­dy. Wenn heu­te nichts Gro­ßes an­stand, wür­de er von Zu­hau­se ar­bei­ten. Marc war ein­fach mü­de. Kei­ne Nach­rich­ten, die nicht Si­na für ihn be­ant­wor­ten konn­te, der Ka­len­der gab nur ei­nen wich­ti­gen Termin am Nach­mit­tag vor, den er auch vor Ort wahr­neh­men wür­de, aber bis da­hin blieb er im Ho­meof­fi­ce.

Er schrieb Si­na ei­ne Mail, dass er von zu­hau­se ar­beit­ete und setz­te sich erst mal mit sei­nem Kaffee an den Tisch, um on­li­ne die Tages­zei­tung zu le­sen.

Er fühl­te sich krank, nach­dem er wie­der so un­ru­hig ge­schla­fen hat­te. Marc war kein Typ, der viel litt. Er ge­hör­te eher zu der Ka­te­go­rie ›Augen zu und durch‹, war stets zum Scher­zen auf­ge­legt und lieb­te es, in Ge­sell­schaft zu sein. Doch wenn es ihn er­wisch­te, dann rich­tig!

Nach­dem er so­gar ei­nen zwei­ten Kaffee ge­trun­ken hat­te, und auf dem neu­es­ten Stand des welt­li­chen Ge­sche­hens war, hör­te er, wie sich die Tür öff­ne­te. Ein Schrei, der direkt da­rauf folg­te, ließ ihn zu­sam­men­zu­cken. Er hat­te ganz ver­ges­sen, dass sei­ne Rei­ni­gungs­kraft heu­te bei ihm sau­ber mach­te.

»Gu­ten Mor­gen, Mon­sieur Eden. Sie sind da­heim!«, stell­te sie er­schro­cken fest und sah ihn ir­ri­tiert an, bis sie sich rasch schüt­zend ei­ne Hand vor die Augen hielt und nach Luft schnapp­te. Sie stand dort wie ein klei­nes Kind, das sich selbst die Sicht nahm, weil es et­was nicht se­hen durf­te, dach­te er sich schmun­zelnd.

»Hal­lo, An­ge­li­que«, grüß­te er sie und ging er­ho­be­nen Haup­tes, nur mit sei­ner Bo­xers­horts be­klei­det und sich am Bauch krat­zend, läs­sig an ihr vor­bei. »Sie kön­nen jetzt wie­der gu­cken, die Luft ist rein«, sag­te er amü­siert, wo­rauf­hin sie sich tat­säch­lich in Be­we­gung setz­te, was er an den Ge­räu­schen im Ab­stell­raum hör­te, wo die Putz­sa­chen ge­la­gert wur­den. Himmel, sie war fast sein Al­ter und doch so ver­klemmt, dass sie ihn nicht mal an­bli­cken konn­te? »Bin im Büro«, rief er ihr zu, nach­dem er ei­ne Jog­ging­ho­se und ein Shirt über­ge­zo­gen hat­te. Es dau­er­te nicht lan­ge, bis es an sei­ner Tür klopf­te.

»Par­don, Mon­sieur Eden. Ich will Ent­schul­di­gung sa­gen, ich woll­te nicht gu­cken, aber sie waren da und ich war über­rascht und …«

»Es ist nichts ge­sche­hen, An­ge­li­que. Wo­her hät­ten Sie wis­sen sol­len, dass ich mich halb­nackt in der Kü­che auf­hal­te?« Er zwin­ker­te ihr zu, wäh­rend ihr aber­mals die Rö­te in die Wan­gen schoß. Okay, das war et­was un­an­ge­bracht. »Es ist alles okay«, sag­te er ab­schlie­ßend und lä­chel­te sie be­ru­hi­gend an, be­vor sie zu­frie­den drein­bli­ckend ging.

Sie war ein Gold­stück, aus tief­stem Her­zen loy­al und ehr­lich. Sie sab­ber­te ihm nicht hin­ter­her wie an­de­re Weiber, die ihn aus ir­gend­wel­chen Zei­tun­gen oder dem In­ter­net kann­ten. Sie er­le­dig­te ih­re Ar­beit zu­ver­läs­sig und war höf­lich, sorg­te nicht nur für Ord­nung und Sau­ber­keit, son­dern auch da­für, dass sein Kühl­schrank stets voll war und die Woh­nung ge­müt­lich aus­sah. Sie trau­te sich zu­dem, ab und zu et­was De­ko­ra­tion auf­zu­stel­len, und war immer ziem­lich ner­vös, ob es von ihm ak­zep­tiert wur­de. Lie­ber wür­de er sich die Zun­ge ab­bei­ßen, als ir­gend­et­was zu kri­ti­sie­ren, was sie lie­be­voll ar­ran­gier­te. Selbst wenn es mal nicht Marcs Ge­schmack ent­sprach, ei­nes war es immer: Es kam aus tief­stem Her­zen und das ver­lieh sei­nem Zu­hau­se ei­ne an­ge­neh­me Wär­me. Kurz um, er moch­te sein Mäd­chen für alles und soll­te sich lie­ber nicht all­zu viele Scher­ze mit ihr er­lau­ben, denn er woll­te sie noch ein we­nig be­hal­ten.

Wealth Management

»Macht euch ei­ne Piz­za in den Ofen, ich komm heu­te erst am spä­ten Nach­mit­tag aus dem Büro«, sag­te An­ni in den Hörer, den sie mit der hoch­ge­zo­ge­nen Schul­ter ge­gen ihr Ohr drück­te.

»Da wird sich un­se­re Bio­ton­ne aber freu­en, wenn es nichts Ve­ge­ta­ri­sches zum Fut­tern gibt«, er­wi­der­te Ma­ri­us schaden­froh und keuch­te da­rauf­hin scharf, als er sich ver­mut­lich ei­nen Schlag von Ama­lia ein­ge­fan­gen hat­te. »Mom, dei­ne Höl­len­brut schlägt mich!«, me­cker­te er gleich vor­wurfs­voll los und be­stä­tig­te An­ni ih­ren vor­aus­ge­gan­ge­nen und wohl­wis­sen­den Ge­dan­ken­gang.

»Ama­lia soll sich den Back­fisch warm ma­chen«, riet sie, wäh­rend sie die Rech­nun­gen von Cons­tan­tins letz­ter Ge­schäfts­rei­se ab­hef­te­te.

»Mach ich!«, hör­te sie sie im Hin­ter­grund ru­fen.

»Wie war die Deutsch­ar­beit?«

»Ea­sy«, er­klär­te Ma­ri­us kurz. »See you, Mom. Ich hab jetzt Kohl­dampf«, wo­mit er das Ge­spräch be­en­de­te.

»Tschüss, Kin­der. Eu­re Mutter hat euch lieb. Seid schön brav und ver­tragt euch. Lasst euch das Es­sen schme­cken«, mur­mel­te sie sar­kas­tisch vor sich hin. Tja, die­se Zeiten waren vor­bei, was ei­ner­seits in Be­zug auf die Selbst­stän­dig­keit der Kin­der an­ge­nehm war und an­de­rer­seits da­zu führ­te, dass sie immer grö­ßer wur­den und auf der­ar­ti­ge Aus­sa­gen kei­nen Wert leg­ten. Rea­lis­tisch ge­se­hen konn­te sie eh nichts da­ge­gen tun und so­mit war das The­ma schon be­en­det.

Ein Blick auf die Uhr be­stä­tig­te ihr, dass es be­reits halb vier war. Ihr Schä­del rauch­te vor lau­ter Papier­kram, den sie heu­te er­le­digt hat­te. Man soll­te nicht mei­nen, was in ei­nem Ein­mann­be­trieb, plus Tele­fo­nis­tin an der An­mel­dung, die die Termi­ne ih­res Man­nes ver­ein­bar­te, alles an­fiel. Gut, es war nicht immer so stres­sig, aber ak­tu­ell war es ein­fach zu viel, als dass An­ni pünkt­lich aus dem Büro kä­me.

Sie stand von ih­rem Schreib­tisch auf, öff­ne­te das Fens­ter, um fri­sche Luft rein­zu­las­sen, und mach­te sich auf den Weg in die Kü­che, um ei­nen Kaffee zu ko­chen, den sie jetzt drin­gend brauch­te. Ge­ra­de griff sie in die Keks­do­se, die für alle zu­gäng­lich stand, als Cons­tan­tin den Raum be­trat.

»Kaffee?«, frag­te sie ihn, doch er lehn­te dan­kend ab. »Alles okay?«

»Hab gleich ei­nen Neu­kun­den«, sag­te er bloß und An­ni wuss­te so­fort, dass ihr Mann mehr als nur hun­dert Pro­zent ge­ben wür­de, um ei­nen gu­ten er­sten Ein­druck zu hin­ter­las­sen. Da­her goss sie sich ih­ren Kaffee ein, oh­ne ihn in sei­ner Kon­zen­tra­tion zu stö­ren, und ver­ließ den Raum mit ei­nem lei­se ge­mur­mel­ten Viel Glück.

Als sie an der An­mel­dung vor­bei­ging, öff­ne­te Su­san­ne, die Tele­fo­nis­tin, via Fun­kan­la­ge die Tür, wäh­rend sie An­ni nett zu­lä­chel­te. »Ei­ne tol­le Blu­se ha­ben Sie an, Frau Weis­haupt.«

»Dan­ke. Ich hab sie mir erst kürz­lich neu ge­kauft.«

Die Tür öff­ne­te sich und her­ein kam … »Super­man?«, platz­te es er­schro­cken aus ihr her­aus, be­vor sich ih­re Ge­hirn­zel­len ver­eint ge­gen die­sen Schwach­sinn stell­ten, den sie dort raus­ge­hau­en hat­te. »Ver­zei­hung, ich mein­te, Herr Eden. Oh Gott, das tut mir leid!« Die Far­be ih­res Ge­sich­tes muss­te der ei­ner To­ma­te glei­chen. Das war mehr als un­pro­fes­sio­nell, es war pein­lich und dumm. Ein ton­nen­schwe­rer Stein der Er­leich­te­rung fiel sog­leich von ih­ren Schul­tern, als eben an­ge­spro­che­ner ihr grin­send zu­zwin­ker­te.

»Hi, Rot­schopf. Lebt der Ba­ris­ta noch?«, frag­te er flap­sig, wäh­rend er die Tas­se in ih­rer Hand ins Au­ge fass­te. Das Ge­fäß fest um­klam­mert, brach sie in ein La­chen aus, was auch sei­ne Lip­pen brei­ter wer­den ließ.

Wie er da stand, der gro­ße stol­ze Mann, in ei­nem fei­nen An­zug und doch so lo­cker und läs­sig. Sei­ne ver­zot­tel­ten Haa­re, die wie­der zu ei­nem Zopf zu­sam­men­ge­bun­den waren, die­se Tat­toos, die ihn ver­we­gen wir­ken lie­ßen … Dann kam An­ni um die Ecke und be­ti­tel­te ihn als Super­man, was er humor­voll hin­nahm. Ihr Herz schlug fäl­schli­cher­wei­se ei­nen Takt zu schnell, so­dass sie sich rasch mit ei­nem freund­li­chen Ni­cken von ihm ver­ab­schie­de­te und in ihr Büro zurück­lief.

Die Tür hin­ter sich ge­schlos­sen, lehn­te An­ni sich da­ge­gen und starr­te ei­ni­ge Se­kun­den den Fuß­boden an. Wür­de er sich bit­te auf­tun, da­mit An­ni da­rin ver­schwin­den konn­te? Marc Eden war der Neu­kun­de von Cons­tan­tin? Oh Gott, wie bla­ma­bel war ihr Auf­tritt nur. Pro­fes­sio­na­li­tät ging Cons­tan­tin über alles und wenn er das mit­be­kom­men hat­te, wür­de sie sich spä­ter ei­ne Stand­pau­ke an­hö­ren kön­nen. Denn eins muss­te man mal klar sa­gen: Cons­tan­tin war nicht nur ihr Ehe­mann, son­dern hier und jetzt war er ihr Chef und als die­ser ver­lang­te er von sei­nen Mit­ar­bei­tern ab­so­lu­te Kon­zen­tra­tion und Per­fek­tion.

Ein Grin­sen schlich un­wei­ger­lich auf ih­re Lip­pen, es war un­ver­meid­bar. Marc Eden konn­te sich an sie er­in­nern. Kopf­schüt­telnd ver­such­te sie, den Ge­dan­ken bei­sei­te­zu­schie­ben, be­gab sich statt­des­sen wie­der an die Steu­er­un­ter­lagen, die sie vor­hin am Sor­tie­ren war.

Als sie ei­ne Stun­de spä­ter den PC her­un­ter­fuhr und in den Flur trat, hör­te sie die Män­ner durch die ver­schloss­ene Büro­tür spre­chen. Noch ein­mal lausch­te sie Super­mans Stim­me, die ihr in die­sem Augen­blick ei­ne Gän­se­haut ver­pass­te, dann mach­te sie sich auf den Heim­weg. In­ner­lich er­mahn­te sie sich selbst, als ihr be­wusst wur­de, dass sie den Kun­den ih­res Man­nes ganz of­fen­sicht­lich an­him­mel­te und das in sei­nem Bei­sein. Am Sonn­tag wür­de sie drei ex­tra Vater Un­ser in der Kir­che be­ten und hof­fen, dass ihr die­se ge­dank­li­che Sün­de ver­ge­ben wur­de. Um Got­tes wil­len, was dach­te sie da nur für ei­nen un­fass­ba­ren Mist?

End­lich stell­te sie das Auto in der Ga­ra­ge ab und be­trat das Haus, in dem ihr lauts­tark die Musik ent­ge­gen plärr­te. Im Flur lag ein Zet­tel von Ama­lia, dass die­se heu­te bei So­phie war und ger­ne dort über­nach­ten wür­de. Ein Blick in die Kü­che brach­te ihr Stress­le­vel augen­bli­cklich fast zum Über­lau­fen. »Un­mög­lich«, mur­mel­te sie. Ei­ne Piz­za und ein Back­fisch soll­ten die zwei sich ma­chen. Es sah aller­dings aus, als hät­te ein Tor­na­do sein Un­we­sen in der Kü­che ge­trie­ben. Heu­te wür­de zu­min­dest Ma­ri­us ihr hel­fen, das stand fest. Die­sen Saus­tall be­rei­nig­te sie nicht allei­ne: ein Topf mit an­ge­brann­ten Pud­ding­res­ten, ver­schüt­te­te Milch auf Tisch und Boden, be­nutz­te Schüs­seln, Piz­za­res­te, of­fe­ne Ge­trän­kef­la­schen. So­gar ein ver­welk­ter Kopf­salat lag ne­ben dem Kühl­schrank. Wa­rum? Was hat­ten sie vor? Woll­ten sie ei­nen Vi­ta­min­an­griff star­ten? Nie­mals wür­den ih­re bei­den Kin­der frei­wil­lig und oh­ne Auf­for­de­rung auch nur ein Blatt Salat an­rüh­ren. Oder woll­ten sie nur schon mal vor­sor­gen, da­mit An­ni ja nicht auf die Idee kam, ih­nen das Grün­zeug vor die Na­se zu set­zen? Immer­hin war er welk und konn­te so­mit in den Müll­ei­mer. Nicht zu ver­ges­sen waren die Schu­he, die mit­ten in der Kü­che auf dem Boden lagen, als hät­ten sie kein Schuh­regal im Flur ste­hen. Das Licht brann­te, weil die Strom­rech­nung of­fen­bar noch nicht hoch ge­nug war. Ent­schlos­sen mach­te sie sich auf den Weg nach oben, be­trat nach ei­nem kur­zen Klop­fen Ma­ri­us’ Zim­mer und frag­te sich zu­gleich, wa­rum sie das ge­tan hat­te, denn bei die­ser Lauts­tär­ke wür­de man nicht mal sein ei­ge­nes Wort ver­ste­hen, ge­schwei­ge denn ein An­klop­fen.

»Ma­ri­us, mach die Musik …« Ein wil­des auf­sprin­gen­des Et­was, was sich von dem Schoß ih­res drei­zehn­jäh­ri­gen Soh­nes schlag­ar­tig ent­fern­te, schaff­te es tat­säch­lich, dass An­ni sprach­los war. Wäh­rend Ma­ri­us den Lärm lei­ser stell­te, ver­ab­schie­de­te sich das jun­ge Fräu­lein mit ei­nem knall­ro­ten Ge­sicht und hän­gen­den Schul­tern zur Tür her­aus.

»Hi, Mom.« Er dreh­te sich zu sei­nem Lap­top und tipp­te et­was schein­bar sehr Wich­ti­ges.

»Hi, Mom?«, frag­te An­ni per­plex und hoff­te ver­zwei­felt, dass da noch weite­re In­for­ma­tio­nen aus sei­nem Mund kom­men wür­den. Ver­geb­lich. »Mehr fällt dir nicht ein? Was war das ge­ra­de? Und sieh mich ge­fäl­ligst an, wenn du mit mir sprichst!«

»Bleib mal smooth, es ist doch nichts pas­siert!«

Das waren Si­tua­tio­nen, in de­nen sich selbst lie­be­vol­le, lie­ben­de und für­sor­gli­che Müt­ter da­ran er­in­nern muss­ten, dass Ge­walt egal in wel­cher Form kei­ne Lö­sung war. Okay, ru­hig blei­ben, An­ni. »Kön­nen wir bit­te da­rüber re­den?«

»Es gibt nichts zu be­re­den, ich hab sie nicht flach­ge­legt, Mann!«, motz­te er.

Wenn ei­nes fests­tand, dann war es das, dass An­ni de­fi­ni­tiv in der fal­schen Stim­mung war, um ein solch fra­gi­les The­ma ge­gen sei­nen Wil­len und mit Sam­thand­schu­hen an den Fin­gern, die ihn am liebs­ten ge­ra­de er­wür­gen wür­den, zu be­spre­chen. Sie wür­de Cons­tan­tin da­rum bit­ten, das zu über­neh­men. Wenn sie ehr­lich war, fehl­te ihr die Kraft da­zu, wes­halb sie nur sag­te: »Das The­ma ist noch nicht vom Tisch. Du kommst jetzt run­ter und räumst mit mir zu­sam­men die Kü­che auf.«

An­stands­los folg­te Ma­ri­us ihr, was ihr ei­nen wei­te­ren klei­nen Schock ver­pass­te. In­ner­lich auf­ge­wühlt fand sich An­ni nur Se­kun­den spä­ter in dem Saus­tall wie­der, wäh­rend sie das Spül­was­ser ein­ließ und Ma­ri­us den Salat in den Kühl­schrank le­gen woll­te. »Müll!«, kom­men­tier­te sie et­was zu harsch und be­ob­ach­te­te aus dem Augen­win­kel, wie er ih­rem Wort stumm folg­te. Of­fen­sicht­lich hat­te Ma­ri­us ein schlech­tes Ge­wis­sen und ver­such­te es sich mit Haus­ar­beit rein­zu­wa­schen. Um das Ge­spräch wür­de er den­noch nicht drum­he­rum kom­men. Drei­zehn Jah­re war er alt. Ja, ist es denn zu fas­sen? An­nis Mutter war wirk­lich lieb, den­noch hät­te sie sich ei­ne zwei­mona­ti­ge Aus­gangs­sper­re ein­ge­han­delt, wä­re sie in dem Al­ter beim Knut­schen er­wischt wor­den. Wo­mög­lich hät­te sie auf ein Mäd­chen­in­ter­nat wech­seln müs­sen. Ih­ren Kin­dern muss­te man nicht er­klä­ren, wo die Ba­bys her­ka­men, sie wuss­ten, was Sex war. Außer­dem waren sie heu­te de­fi­ni­tiv auf­ge­klär­ter, als sie es selbst da­mals war und doch be­schlich sie ein un­gu­tes Ge­fühl da­bei, dass ihr Sohn sich schein­bar alt ge­nug fühl­te, um sich dem an­de­ren Ge­schlecht auf die­ser Ebe­ne zu nä­hern.

Ma­ri­us half ihr die Kü­che auf­zu­räu­men und lief da­rauf­hin wort­los in sein Zim­mer, nur um kurz da­rauf wie­der die Musik an­zu­stel­len, die man im gan­zen Haus hör­te.

Mü­de. An­ni war er­schöpft, sie fühl­te sich schlapp und doch wuss­te sie, dass sie sich ei­ne Aus­zeit nicht gön­nen konn­te, denn dann wür­de Fa­mi­lie Weis­haupt sang- und klang­los un­ter­ge­hen. Ei­nen kur­zen Mo­ment gönn­te sie sich je­doch, in­dem sie sich ein­fach an den Tisch setz­te, die Fü­ße auf dem ge­gen­über­lie­gen­den Stuhl ab­leg­te und mit den Hän­den die Oh­ren zu­hielt, so­dass sie we­nigs­tens ein paar Mi­nu­ten Ru­he fin­den konn­te.

Nach­dem An­ni spä­ter das Es­sen für alle vor­be­rei­tet hat­te, mach­te sie sich auf den Weg zum Sport. Sie moch­te es, dass es ein der­ar­ti­ges An­ge­bot in der Ge­mein­de gab und sie nicht erst nach Köln fah­ren muss­te, um das näch­ste Fit­nesss­tu­dio nut­zen zu kön­nen. Wenn man in solch ei­nem klei­nen Kaff wohn­te, lern­te man, ge­nau die An­ge­bo­te an­zu­neh­men, die man auch mal oh­ne Auto er­rei­chen konn­te.

»Hi, An­ni, spät dran heu­te!«, wur­de sie von der Trai­ne­rin be­grüßt, die ihr mit aus­ge­streck­ter Hand ei­ne be­reit­lie­gen­de Gym­nas­tik­mat­te zu­wies.

»Ging nicht eher«, ant­wort­ete sie knapp und be­gann, ih­re Mus­keln zu deh­nen und sich auf­zu­wär­men. Der Alters­durch­schnitt in die­ser Grup­pe lag de­fi­ni­tiv über fünf­zig, weil Boden­gym­nas­tik bei der jün­ge­ren Ge­ne­ra­tion schein­bar nicht mehr so an­ge­se­hen war. An­nis Rü­cken dank­te es ihr je­doch je­de Wo­che, dass sie sich um ih­ren Körper küm­mer­te.

Ei­ni­ge Sport­übun­gen spä­ter räum­ten sie ge­mein­sam die Mat­ten in den Ge­rä­te­raum und fan­den sich in der Um­klei­de­ka­bi­ne, wo das Ge­schnat­ter der äl­te­ren Damen längst vol­le Fahrt auf­ge­nom­men hat­te, wie­der.

»Nein, und sie hat ihn wirk­lich ver­las­sen?«, hin­ter­frag­te Hil­trud ge­schockt. An­ni wuss­te sog­leich, um wen es sich han­del­te, denn, dass die Ehe­leu­te Rom­mel­fan­gen sich ge­trennt hat­ten, war am Sonn­tag schon das Top-The­ma nach der Kir­che.

»Ja. Das muss man sich mal vor­stel­len. Da ge­hen die mit gro­ßem Tam­tam hei­ra­ten, bauen ei­nen Luxus­bun­ker …«

»Es ist ein nor­ma­les Haus«, warf An­ni ein. Nicht dass man sie wahr­ge­nom­men hät­te, die Fas­zi­na­tion alles zu dra­ma­ti­sie­ren, ließ die Dorf­ge­mein­de über Lei­chen ge­hen.

»… set­zen drei Kin­der in die Welt – Gott hab sie se­lig – und dann tren­nen sie sich, weil der Mann ei­ne an­de­re hat«, en­de­te sie mit ih­rem Vor­trag und kas­sier­te zu­stim­men­des Ni­cken aller An­we­sen­den.

»Die Kin­der sind nicht tot, sie ha­ben jetzt le­dig­lich ge­trenn­te Eltern«, ver­such­te An­ni auf das un­fass­bar über­trieb­ene ›Gott hab sie se­lig‹ ein­zu­ge­hen. Im Auf­plus­tern waren die­se Damen un­schlag­bar.

»Le­dig­lich?«, echauf­fier­te sich Brun­hil­de augen­bli­cklich. Ganz toll, An­ni. Sonst hört dir hier kei­ne Sau zu und wenn du dich mal un­glü­cklich aus­drückst, wird direkt da­rauf hin­ge­wie­sen.

»Ich woll­te das kei­nes­wegs ver­harm­lo­sen, son­dern ein­fach da­rauf hin­wei­sen, dass die Kin­der heu­te viel stär­ker sind, ge­wis­se Si­tua­tio­nen meis­tern kön­nen. Si­cher ist das schwer für sie und ich wün­sche es kei­nem, aber …«

»Kind­chen, man hei­ra­tet nicht, um sich dann zu tren­nen, nur weil der Mann sich mal nach ei­ner an­de­ren um­ge­guckt hat«, fuhr ihr Brun­hil­de aber­mals über den Mund.

Wie bit­te? »Frau Rom­mel­fan­gen wird von ih­rem Mann hin­ter­gan­gen und ihr nehmt ihn in Schutz?« Was war das denn für ei­ne haar­sträu­ben­de Lo­gik?

»Frü­her hat man sol­che Kri­sen über­stan­den. Die Leu­te ha­ben heu­te kein Durch­hal­te­ver­mö­gen mehr.«

»Al­so jetzt schlägt es ja Drei­zehn!« An­ni stemm­te ih­re Faust in die Hüf­te und sah in die Run­de, die ih­re vol­le Auf­merk­sam­keit auf sie ge­rich­tet hat­te. »Sie wur­de ver­dammt noch­mal be­tro­gen und hat alles Recht der Welt sich von ihm zu tren­nen. Zu­mal uns das über­haupt nichts an­geht. Wenn die bei­den den­ken, dass ih­re Ehe be­en­det ist, ha­ben wir das still­schwei­gend zu ak­zep­tie­ren. Wa­rum soll­ten sie sich durch ihr Le­ben quä­len, wenn sie bei­de glü­cklich sein kön­nen? Man lebt nur ein­mal!«

Ver­ein­zelt senk­ten sich die Köp­fe, was An­ni als ein Schuld­ein­ge­ständ­nis auf­fass­te. Nicht so Brun­hil­de, die sich ge­ra­de vor ihr auf­bäum­te.

»Pass mal auf, Kind­chen. Komm du erst in un­ser Al­ter. Er­le­be du das, was wir er­lebt ha­ben, dann re­den wir weiter. Du hast doch kei­ne Ah­nung, wie das Le­ben funk­tio­niert.« Sie griff sich ih­re Sport­ta­sche und ver­ließ die Hal­le.

Als An­ni ih­re Sa­chen eben­falls zu­sam­men­ge­packt hat­te und auf dem Heim­weg war, frag­te sie sich, wa­rum sie das eigent­lich mit­mach­te? Klar, der Sport war wich­tig, aber je­de Wo­che die­ses glei­che stu­pi­de Ge­re­de und Ge­läs­ter über die Dorf­be­woh­ner? An­ni woll­te gar nicht wis­sen, was sie über ih­re Fa­mi­lie spra­chen. Ihr Mann war oft un­ter­wegs, weil er für man­che Ge­sprä­che zu den Kun­den rei­sen muss­te. Ih­re Kin­der wur­den recht lo­cker er­zo­gen, gin­gen bei­de nicht auf die hie­si­ge Schu­le, son­dern auf ein pri­va­tes Gym­na­si­um in Köln. Fa­mi­lie Weis­haupt füg­te sich ins Dorf­le­ben ein, ja. Den­noch waren sie spe­ziell, wenn man das aus der Sicht der Gym­nas­tik­damen sah.

Start-up

»Mor­gen, Si­na. Gibt’s was Aku­tes?«, frag­te Marc, wäh­rend er an ihr vor­bei­ging und sein Büro be­trat. Denn wenn es nichts Bren­nen­des gab, wür­de er nach dem Acht-Uhr-Termin erst mal die In­ves­ti­tions­mög­lich­kei­ten stu­die­ren, die ihm die­ser Weis­haupt ge­stern mit­ge­ge­ben hat­te.

Traf er doch tat­säch­lich den hei­ßen Rot­schopf in des­sen Büro. Ein Grin­sen schlich sich auf sei­ne Lip­pen. Die­se Frau hat­te es ihm an­ge­tan. Un­fass­bar hübsch, sich ih­rer Schön­heit aber kei­nes­wegs be­wusst. Sie war so er­fri­schend. Vor al­lem war sie ver­dammt noch­mal mit sei­nem Ver­mö­gens­be­ra­ter ver­hei­ra­tet, wie sich im Ge­spräch her­aus­stell­te. Noch immer ver­pass­te ihm die­ser Ge­dan­ke ei­nen un­an­ge­neh­men Stich in der Ma­gen­ge­gend.

Ge­ra­de setz­te er sich hin, als Si­na her­ein­kam – ele­gant ge­klei­det wie immer, ei­ne Seiden­blu­se und ein Bleis­tif­trock um­schmei­chel­ten ih­re Hüf­ten. Sie war wirk­lich ei­ne Augen­wei­de, wenn man es so woll­te. Ihr Ver­lob­ter konn­te sich glü­cklich schät­zen, so ei­ne tol­le Frau an sei­ner Sei­te zu ha­ben. »Der Be­cker aus der Fi­nanz­ab­tei­lung möch­te gleich mit Ih­nen spre­chen«, ver­kün­de­te sie und stell­te ei­nen Kaffee vor ihm ab.

»Was will der denn?«, frag­te er und zog die Tas­se nä­her, wäh­rend er dan­kend nick­te.

»Es eilt, mein­te er nur und da Ihr Acht-Uhr-Termin ab­ge­sagt hat, Sie jetzt dem­nach ei­nen ein­stün­di­gen Slot zur Ver­fü­gung ha­ben, hab ich ihn rein­ge­scho­ben«, er­klär­te sie und mach­te auf dem Ab­satz kehrt.

Klar doch. Es wä­re oh­ne­hin zu viel ver­langt, ihm ein­fach et­was Zeit zu gön­nen. Dass das kein wirt­schaft­li­ches Den­ken war, wuss­te er selbst und den­noch, waren wir mal ehr­lich, wer freu­te sich nicht da­rüber, wenn ein Termin kurz­fri­stig ab­ge­sagt wur­de und man un­ver­hofft ein biss­chen Zeit hat­te, um an­de­re wich­ti­ge Din­ge zu er­le­di­gen. Nun gut, das Gan­ze galt nur, wenn es ein un­wich­ti­ger Termin war und dann auch nur, wenn ihm da­durch kei­ne Un­kos­ten ent­stan­den. Ach, was re­de­te er da, eigent­lich war es immer schei­ße, wenn man nicht zu ei­nem ver­ein­bar­ten Termin auf­tauch­te.

Es klopf­te, und her­ein­kam Be­cker, der Chef sei­ner Fi­nanz­ab­tei­lung. »Mo­in, Marc«, grüß­te der schlak­si­ge jun­ge Kerl, der ein wah­res Zah­len­ge­nie war. Klar, gab es ei­nen ge­wis­sen Dres­sco­de im Haus zu be­ach­ten, aber Be­cker war eh und je in Je­ans und Shirt an­ge­tanzt, so­gar zum Vor­stel­lungs­ge­spräch. Die­ser Kerl hat­te Marc mit sei­ner fach­li­chen Kom­pe­tenz be­ein­druckt und des­halb be­schloss er schon da­mals, dass er, was die Klei­dung be­traf, ei­nen Frei­fahrts­schein er­hielt. Immer­hin leg­te er ein Sta­te­ment ab, als er in eben­je­nem Dress zum In­ter­view er­schien: Man be­kommt mich so oder gar nicht, strahl­te er aus und Marc woll­te ihn ge­nau so und nicht an­ders.

»Be­cker«, grüß­te er ni­ckend und wies ihm sei­nen Platz vorm Tisch zu. »Was ha­ben Sie auf dem Her­zen?« In­ner­lich hoff­te er, dass er nicht gleich ei­ne münd­li­che Kün­di­gung sei­ner­seits er­hal­ten wür­de, denn das wä­re wirk­lich scha­de. Aber Be­cker war eigent­lich nicht un­zu­frie­den, zu­min­dest ver­mit­tel­te er ihm nicht den Ein­druck.

»Mir ist et­was auf­ge­fal­len, was ich mit Ih­nen be­spre­chen muss«, er­öff­ne­te er das Ge­spräch.

»Schie­ßen Sie los!« Marc lehn­te sich im Stuhl zurück und be­trach­te­te ei­nen sei­ner be­sten Mit­ar­bei­ter skep­tisch.

»Vom Stamm­ka­pi­tal wur­de ei­ne Mil­li­on Eu­ro ab­ge­zweigt«, sag­te er und leg­te sei­ne Fin­ger­kup­pen auf­ein­an­der. Wo­für wur­de so viel Geld ab­ge­ho­ben? Ei­ne grö­ße­re In­ves­ti­tion stand nicht an. Un­ge­dul­dig sah er ihn an. »Das Geld wur­de be­nutzt, um ei­ne hoch­ris­kan­te In­ves­ti­tion zu tä­ti­gen.«

Un­ver­züg­lich spür­te Marc, dass ein un­fass­ba­rer Zorn in ihm auf­koch­te. Er muss­te Be­cker an­schau­en, als wä­re er ein Alien, denn sei­ne Ge­sichts­mus­ku­la­tur fühl­te sich plötz­lich ge­lähmt an. Ihm könn­te der Spei­chel aus dem Mund trop­fen, es wä­re ihm egal. »Ale­xan­der!«, knurr­te er mehr, als er es nor­mal aus­sprach, denn kei­ner sonst hat­te frei­en Zu­griff auf die Fir­men­kon­ten, wo­rauf­hin Be­cker ni­ckend be­jah­te.

»Die Aus­ga­be ist auf Ale­xan­der Kra­mer zurück­zu­füh­ren.« Be­cker er­hob sich, zog ei­ne ge­knick­te Map­pe aus sei­ner Ge­säß­ta­sche. Marc griff nach den zerk­nit­ter­ten Un­ter­lagen, die Be­cker ihm ent­ge­gen­hielt und wuss­te sog­leich, dass das, was er ihm hier of­fen­bart hat­te, un­an­ge­nehm en­den wür­de. Fuck! Was hat­te die­ser Pen­ner sich bloß ge­dacht? Wäh­rend Marc sein pri­va­tes Ver­mö­gen ver­such­te, sinn­voll und ge­winn­brin­gend an­zu­le­gen, sich in­for­mier­te, schmiss Ale­xan­der das Fir­men­ka­pi­tal zum Fens­ter hin­aus. Denn wenn er die Art des Un­ter­neh­mens be­trach­te­te, den For­schungs­stand und die Si­cher­heit, die Be­cker hier detail­liert auf­ge­lis­tet hat­te, wur­de ihm speiü­bel.

»Dan­ke! Gu­te Ar­beit«, sag­te er zu Be­cker, dem er die Hand schüt­tel­te und ihn so­mit ent­ließ.

Die näch­sten Mi­nu­ten zo­gen an ihm vor­bei, wäh­rend er die Un­ter­lagen stu­dier­te und immer wie­der fas­sungs­los den Kopf schüt­tel­te. »Chef, Ihr näch­ster Termin ist …«

»Jetzt nicht!«, blaff­te er Si­na an, die sich da­rauf­hin zurück­zog und die Büro­tür, die meist of­fen­stand, hin­ter sich zu­zog. Er muss­te sich sam­meln, stell­te sich des­halb vors Fens­ter und at­me­te ei­ni­ge Ma­le tief durch. Was hat­te der Typ sich da­bei ge­dacht? Die Fra­ge war rhe­to­risch ge­meint, denn alles, was die­ser Mist­kerl neu­er­dings mach­te, muss­te man dop­pelt und drei­fach kon­trol­lie­ren, weil man nie si­cher sein konn­te, was sei­ne Be­weg­grün­de waren. Kra­mer dach­te ein­fach gar nicht nach, be­vor er et­was tat, zu­min­dest kam es ihm so vor.

Marc be­weg­te sei­nen Kopf nach links und nach rechts, ließ Ge­len­ke kna­cken, ehe er die Sprech­an­la­ge zu Si­na be­tä­tig­te. »Si­na, holst du bit­te Ale­xan­der her? Es eilt!«

»Wird er­le­digt«, er­wi­der­te Si­na.

Ei­nen Ent­schluss ge­fasst, setz­te er sich hin und war­te­te.

»Marc?«, frag­te Ale­xan­der, als er wie immer, oh­ne zu klop­fen, sein Büro be­trat. Nicht, dass er so­wie­so schon reich­lich gut ge­launt ge­we­sen war, die­ser Voll­pfos­ten schaff­te es immer wie­der, ihn selbst in ru­hi­gen Mo­men­ten aus der Fas­sung zu brin­gen, wo­bei er ak­tu­ell meilen­weit von ru­hig ent­fernt war.

Marc warf Be­ckers Un­ter­lagen quer über den Tisch, so­dass sie knapp vor der Kan­te lie­gen blie­ben, dann über­schlug er die Ar­me und war­te­te sei­ne Re­ak­tion ab. Ar­me über­schla­gen war im Üb­ri­gen ei­ne sehr gu­te Idee, so waren die Körper­tei­le, mit de­nen er ihm Schmer­zen zu­fü­gen konn­te, erst mal ver­hin­dert und er kam nicht in Ver­su­chung, ihm direkt ei­ne rein­zu­knal­len.

»Marc …«, setz­te er an, den Blick auf die Un­ter­lagen ge­rich­tet. Mit ei­nem Mal wirk­te er fahl, sei­ne Ge­sichts­far­be war ge­wi­chen. Marcs Augen fo­kus­sier­ten ihn und nah­men das Un­be­ha­gen, wel­ches er aus­strahl­te, wahr. Je­de Fa­ser sei­nes ei­ge­nen Körpers war an­ge­spannt und dur­stig nach der Er­klä­rung, die er ihm gleich ab­lie­fern wür­de. Er er­war­te­te ei­ne bom­bas­ti­sche Be­grün­dung für sein Ver­hal­ten, denn alles an­de­re wä­re un­zu­rei­chend. Na gut, wenn Marc ehr­lich war, konn­te ihn bei die­ser Fak­ten­la­ge ver­mut­lich gar nichts be­sänf­ti­gen.

Ale­xan­der be­gann ganz un­be­wusst, sei­ne Fin­ger zu ei­ner Faust zu bal­len und mach­te da­bei ei­ne pum­pen­de Be­we­gung. Nicht ei­ne je­ner, die ei­nem Angst ein­ja­gen soll­ten, son­dern ei­ne, bei der man ge­nau wuss­te, dass der­je­ni­ge ner­vös und ver­un­si­chert war. Das war Ale­xan­ders Spe­zi­al­ge­biet. Ent­we­der pump­te er mit den Hän­den oder er zog sei­ne Lip­pen mi­ni­mal aus­ein­an­der, was so viel zum Aus­druck brin­gen soll­te wie: Shit! Er­wischt!

»Ich kann das er­klä­ren!«

»Nur aus die­sem Grund ha­be ich dich herz­itiert. The sta­ge is yours!«, for­der­te er ihn in ei­nem un­ter­kühl­ten, aber ru­hi­gen Ton auf, end­lich zu spre­chen.

»Die Zeit lief mir da­von«, sag­te er lei­se und hob da­rauf­hin die Un­ter­lagen an, als müss­te er sie ge­nau stu­die­ren. Das war rei­ne Ab­len­kungs­tak­tik, um sei­ne Ner­vo­si­tät zu ver­tu­schen. Da­bei hat­te Marc ihn schon längst durch­schaut und das nicht erst seit die­sen Se­kun­den.

»Es wä­re toll, wenn ich dir nicht je­des Wort aus der Na­se zie­hen müss­te. Wer­de kon­kre­ter, um mei­ne Ge­duld steht es heu­te nicht sehr gut«, platz­te es aus Marc her­aus, wäh­rend er die Hän­de auf die Tisch­plat­te stemm­te. Er könn­te schwö­ren, dass sich Schaum vor sei­nem Mund bil­den wür­de, wenn sich die­se un­bän­di­ge Wut noch weiter stei­ger­te.

»An­de­re woll­ten die­se In­ves­ti­tion tä­ti­gen, da­bei steht das Start-up kurz vor sei­nem Durch­bruch. Die wer­den ganz groß, Marc. Das ist un­se­re Chan­ce«, re­de­te er ihm mit ei­ner plötz­li­chen Eu­pho­rie zu.

Ale­xan­der er­in­ner­te ihn ein we­nig an ei­nen klei­nen Jun­gen, der am Mon­tag nach Weih­nach­ten je­dem in der Schu­le von sei­ner tol­len Ca­rer­ra Bahn, die un­ter dem Baum ge­le­gen hat­te, er­zähl­te. Ver­stand er denn ver­dammt noch­mal nicht, dass ED längst groß raus­ge­kom­men war? Und zwar durch Marcs Ent­wi­cklung? Sie waren die ver­fick­te Num­mer Eins der in­ter­na­tio­na­len IT-Un­ter­neh­men.

Tief durch­at­men, sprach er sich zu. Ver­giss nicht, Marc Eden, dass du ei­nen ge­wis­sen Ruf in der Bran­che ge­nießt. Ver­sau es dir nicht, in­dem du die­sem Dre­cksack die Fres­se po­lierst. Er leg­te den Zei­ge­fin­ger und Dau­men an sei­ne Na­sen­wur­zel und zähl­te in­ner­lich bis drei, be­vor er weiter­sprach: »Ei­ne Mil­li­on Eu­ro? Willst du mich eigent­lich ver­ar­schen?« Na ja, pro­fes­sio­nell war an­ders, aber hey, sein Ge­gen­über leb­te we­nigs­tens noch. »Wes­halb bist du so si­cher, dass das Geld gut an­ge­legt ist? Du hast jetzt ge­nau fünf Mi­nu­ten. Wenn du die­ses Büro ver­las­sen hast und wie­der her­ein­kommst, möch­te ich dei­ne gut re­cher­chier­ten Un­ter­lagen sich­ten, in de­nen die Fak­ten, die be­sa­gen, dass das Start-up kürz­lich sei­nen Durch­bruch er­rei­chen wird, detail­liert auf­ge­führt sind. Fünf Mi­nu­ten, Ale­xan­der. Kei­ne Se­kun­de län­ger!«

Als Ale­xan­der die Hän­de, mit den Flä­chen zum Boden ge­rich­tet, vor sei­nen Körper hielt, die ihn schein­bar be­ru­hi­gen soll­ten, wuss­te Marc augen­bli­cklich, dass er nichts vor­zu­wei­sen hat­te.

»Be­ru­hi­ge dich! Du musst mir ver­trauen.«

»Ich ver­las­se mich eher auf die Klof­rau im Köl­ner Bahn­hof als auf dich«, sag­te er mehr zu sich selbst. Marc war heil­froh, dass sich sein Schreib­tisch in der Mit­te von ih­nen bei­den be­fand, das brach­te ein we­nig Ab­stand zwi­schen sie. »Die Papie­re, Ale­xan­der!«, for­der­te er ihn ein letz­tes Mal auf.

»Es gibt kei­ne. Wie ge­sagt, du musst mir glau­ben. Das ist si­cher!« Ein selbst­ge­fäl­li­ges Grin­sen schlich sich auf sei­ne Lip­pen. War er wirk­lich so dumm? Es gab kei­ne ver­damm­ten Papie­re, die ihm zu der Ent­schei­dung ver­hal­fen, ei­nen Groß­teil des Fir­men­ka­pi­tals zu in­ves­tie­ren.

»Ich hab ei­nen hei­ßen Tipp be­kom­men«, trat er nä­her und flüs­ter­te ver­schwö­re­risch.

Be­vor Marc um­kip­pen wür­de, ließ er sich nach hin­ten in sei­nen Stuhl fal­len, der da­rauf­hin ein knar­ren­des Ge­räusch von sich gab. Er hat­te ei­nen Tipp be­kom­men? Ja, war es denn die Mög­lich­keit! Die Hand vor die Stirn ge­legt, schüt­tel­te er un­gläu­big den Kopf. »Der Tipp ba­siert auf wel­chen Fak­ten? Von wem stammt er?« Bei so viel Dumm­heit ver­schlug es selbst ei­nem Marc Eden die Spra­che.

»Kennst du Lou­is Fel­ten noch? Ei­ner un­se­rer Kom­mi­li­to­nen. Der ar­bei­tet für das Un­ter­neh­men und er hat mir ei­nen In­si­der­tipp ge­ge­ben, da­mit wir die Er­sten sind und uns kei­ner in die Que­re kommt.«

Er kann­te die­sen Lou­is und konn­te ihn noch nie lei­den: »Hast du auch nur ei­ne Se­kun­de da­ran ge­dacht, dass das für je­des klei­ne Start-up ei­nem Rit­ter­schlag gleich­kommt, wenn ED mit drin hängt? Was ist los, Ale­xan­der, dass du auf In­si­de­rin­for­ma­tio­nen hin so viel Geld in­ves­tierst? Bist du dir des­sen be­wusst, dass du dir hier­mit dei­ne Kün­di­gung ein­ge­han­delt hast?«

Erst wur­den sei­ne Lip­pen schmal, die Stirn leg­te sich in Zor­nes­fal­ten, dann wie­der­um er­kann­te Marc, dass er be­griff, was ge­ra­de pas­siert war.

Marc stell­te sich hin, schob sei­ne Schul­tern et­was nach hin­ten und blick­te Ale­xan­der direkt in die Augen. Er war kein Ju­rist, doch ein ge­wis­ses Grund­maß an Kennt­nis­sen hat­te er vor­zu­wei­sen. »Das Agie­ren, ba­sie­rend auf In­si­de­rin­for­ma­tio­nen, ist straf­bar. Hier­mit bist du frist­los ent­las­sen. Der Ver­trag, der uns bei­de an­ein­an­der­bin­det, ist so­mit auf­ge­ho­ben.«

Die­sen Mo­ment hat­te er sich ir­gend­wie fest­li­cher vor­ge­stellt. Wie oft hat­te er da­von ge­träumt, wie es sein wür­de, wenn er Ale­xan­der end­lich ei­nen Lauf­pass ge­ben durf­te. Doch was er jetzt spür­te, war rei­ne Frus­tra­tion, Zorn und ei­ne läh­men­de Schwe­re, die immer wie­der die glei­che Fra­ge in ihm her­vor­rief: Wie kann ein Mensch so dumm sein?

»Das kannst du nicht brin­gen!« Fas­sungs­lo­sig­keit mach­te sich auf sei­nem Ge­sicht breit.

Ale­xan­der ig­no­rie­rend drück­te er den Sprech­knopf, der ihn auto­ma­tisch mit Si­na ver­band: »Ver­ein­ba­re ei­nen Termin mit Ber­ger. Es eilt!« Pro­vo­kant sah er Ale­xan­der ent­ge­gen, wäh­rend er die Rechts­be­ra­tung or­der­te. Selbst ihm müss­te so­mit klar wer­den, dass das wohl das En­de ih­rer lang­jäh­ri­gen Part­ner­schaft war. »Und jetzt darfst du ge­hen und wa­ge es nicht, auch nur ei­nen Schritt in mei­ne«, er be­ton­te das letz­te Wort, in­dem er ihm den Fin­ger ent­ge­gen­streck­te, »Fir­ma zu set­zen!«

Stumm stand er da, starr­te Marc mit of­fe­nem Mund an und ver­harr­te. Sei­ne Augen schlos­sen sich für ei­nen kur­zen Mo­ment, ehe er lei­se sprach: »Das wirst du be­reu­en!« Dann ver­ließ er end­lich Marcs Büro.

»Chef, Ber­ger ist im Ur­laub«, stand Si­na plötz­lich vor ihm, die ihn in ei­ner Mi­schung aus Stolz und Schock an­blick­te.

»Ruf ihn her! Du hast ja mit­be­kom­men, was los ist.« Kurz­ent­schlos­sen trat Si­na hin­ter den Schreib­tisch, sah ihn ei­nen Augen­blick an und leg­te die Ar­me um ihn. »Ich weiß, die Um­stän­de sind ka­ta­stro­phal, aber, Chef … Mein Gott, er ist weg, ich kanns gar nicht glau­ben«, be­teu­er­te Si­na bei­nahe flüs­ternd, mit ei­nem ehr­li­chen Strah­len in den Augen, das ihm zeig­te, dass das, was hier ge­ra­de ge­sche­hen war, die Rea­li­tät war. Sie hat­te ver­fickt noch­mal recht und doch hoff­te er jetzt in er­ster Li­nie, dass ED kei­nen grö­ße­ren Schaden da­von­trug. Si­na klopf­te ihm fast schon auf­mun­ternd auf die Schul­ter, be­vor sie ihm ei­nen Kuss auf die Wan­ge drück­te und zu ih­rem Schreib­tisch zurück­lief, um zu tele­fo­nie­ren.

Er öff­ne­te ei­ne E-Mail, füg­te den Ver­tei­ler der be­fug­ten Per­so­nen im Un­ter­neh­men ein, ent­fern­te Ale­xan­der und ver­fass­te ei­nen Text, aus dem knapp her­vor­ging, dass sich ED mit so­fort­iger Wir­kung von ihm ge­trennt hat­te und ver­an­lass­te, dass alle re­le­van­ten Zu­gangs­daten und Pass­wör­ter neu ver­ge­ben wur­den. Das war de­fi­ni­tiv nicht über­trie­ben, denn heu­te hat­te Ale­xan­der ge­zeigt, wie kopf­los er agier­te.

Um sein Geld mach­te er sich kei­ne Sor­gen, denn das wür­de er ver­mut­lich oh­ne Pro­ble­me zurück­be­kom­men, wenn Ber­ger das Gan­ze über den juris­ti­schen Weg ins Rol­len ge­bracht hat­te. Die Ge­set­ze stan­den ein­deu­tig auf sei­ner Sei­te.

Venture Capital

»An­ni?« Er­schro­cken zuck­te sie zu­sam­men, als Cons­tan­tin kurz vor Feie­ra­bend in ihr Büro stürm­te. »Die Kin­der hab ich bei dei­nen Eltern ge­parkt, du musst heu­te Abend mit zu ei­nem Ge­schäfts­es­sen kom­men.«

Immer wenn Cons­tan­tin das sag­te, wuss­te An­ni, dass der Neu­kun­de alles an­de­re als gut zu hän­deln war. Ihr Mann hat­te ein glü­ckli­ches wirt­schaft­li­ches Händ­chen, auch was die Kon­ver­sa­tion mit Kun­den be­traf, aber wenn es schwie­rig wur­de, hat­te er sie ger­ne an sei­ner Sei­te, das war schon immer so ge­we­sen und ir­gend­wie mach­te es An­ni stolz, dass sie ei­ne be­ru­hi­gen­de Wir­kung auf ihn hat­te. Schmun­zelnd nick­te sie: »Kein Pro­blem.«

Cons­tan­tin er­wi­der­te ihr Lä­cheln und hock­te sich auf die Tisch­kan­te, so­dass er gleich ne­ben ihr saß. »Und sonst, En­gel­chen? Du siehst mü­de aus«, stell­te er fest. An­ni nahm sei­ne Hand und leg­te sie sich auf ih­re Wan­ge. Viel zu sel­ten spür­te sie die­se Nä­he.

»Ich bin auch mü­de. Kei­ne Ah­nung, was los ist, im Augen­blick füh­le ich mich täg­lich aus­ge­laugt, selbst wenn ich zwölf Stun­den ge­schla­fen ha­be.«

»Kann ich dir was ab­neh­men?«, frag­te er und sah sie be­sorgt an. Doch im sel­ben Mo­ment wuss­te sie, dass Cons­tan­tin ge­nug zu tun hat­te und sie ihm nie­mals mehr Ar­beit als nö­tig auf­bür­den wür­de. Wo­bei sich der Ge­dan­ke schlag­ar­tig in Luft auf­lös­te, als sie an ih­ren Sohn dach­te.

»Du kannst tat­säch­lich was tun«, platz­te es aus ihr her­aus. Auf­recht saß sie da, war plötz­lich an­ge­spannt und auch et­was auf­ge­regt, Cons­tan­tin end­lich von die­sem Kuss er­zäh­len zu kön­nen. »Ich hab Ma­ri­us …«

Ab­rupt wur­de sie un­ter­bro­chen. »An­ni, lass uns jetzt nicht über die Kin­der re­den. Wir sind auf der Ar­beit und hier soll­ten wir die Zeit in Be­ruf­li­ches in­ves­tie­ren. Wir spre­chen da­heim über Ma­ri­us, okay?«

Was zum Teu­fel? Wie vor den Kopf ge­stoßen be­trach­te­te sie ihn mit of­fen­ste­hen­dem Mund. Das hat­te ge­ra­de weh­ge­tan!

Na­tür­lich spra­chen sie Zu­hau­se. Nur wann? Mor­gens, wenn sie sich die Tür­klin­ke in die Hand ga­ben, oder abends, wenn An­ni vor Mü­dig­keit die Augen zu­fie­len und sie nur noch ins Bett woll­te? Wer hät­te ah­nen kön­nen, dass sich sein groß­zü­gi­ges An­ge­bot nur auf das Büro be­zieht. Sie wand­te sich ih­rem PC zu und be­gann mit der Ak­tua­li­sie­rung der Ex­cel-Ta­bel­le, die auf ih­rem Bild­schirm er­schien, so­bald der Bild­schirm­scho­ner er­lo­schen war.

Cons­tan­tins Aus­sage hat­te An­ni ge­kränkt, immer­hin waren es ge­nau­so sei­ne Kin­der und An­ni saß in die­sem Augen­blick, den sie eigent­lich mit ih­nen ver­brin­gen soll­te, im Büro und ar­beit­ete, weil er sie brauch­te. Das war ein Un­gleich­ge­wicht und ver­setz­te An­ni ei­nen ge­fühl­ten Stich in der Ma­gen­ge­gend. Pff, mor­gen wür­de sie um Punkt zwei Uhr das Büro ver­las­sen und kei­ne Se­kun­de län­ger blei­ben, dach­te sie trot­zig, wenn auch we­nig er­wach­sen. Bis­her leb­ten sie nach dem Mot­to, fü­rei­nan­der da zu sein, aber dass er ihr so ei­ne Ab­fuhr er­teil­te, ver­letz­te sie.

Schnell schrieb sie Ama­lia: Be­nehmt euch bei der Oma. Ich drück dich, bis spä­ter!

Wäh­rend sie ih­re Tochter noch in die Ar­me schlie­ßen konn­te, ge­hör­te Ma­ri­us schon eher der co­olen Frak­tion an und ver­zich­te­te auf der­ar­ti­ge Ge­fühls­zu­nei­gun­gen in der Öf­fent­lich­keit. Schein­bar nahm er sich die­se neu­er­dings wo­an­ders, dach­te sie sar­kas­tisch.

Ama­lia: Nur even­tu­ell bis spä­ter, es schneit oh­ne En­de. Viel­leicht pen­nen wir hier, außer­dem hat Oma Pfann­kuchen ge­macht.

An­ni: Das möch­te ich vor­her mit Oma be­spre­chen. Gu­ten Ap­pe­tit!

Ama­lia: Wenn das bis da­hin noch mög­lich ist. Opa sagt, sein Bein juckt.

Auto­ma­tisch schlich sich ein Lä­cheln auf An­nis Zü­ge. Wenn das Bein ih­res Vaters juck­te, war das kei­ne gu­te Wett­er­vor­her­sa­ge. Je schlim­mer es ihn är­ger­te, de­sto hef­ti­ger wur­de das Un­wet­ter. Wer brauch­te ei­nen un­zu­ver­läs­si­gen Wett­er­dienst, wenn man Vaters ver­narb­tes Bein hat­te, wel­ches er sich bei ei­nem Ar­beits­un­fall vor drei­ßig Jah­ren ver­stüm­melt hat­te? Es war immer wie­der bahn­bre­chend, wie man sich auf die­ses ei­ne fa­mi­liä­re Glied­maß ver­las­sen konn­te.

»Schei­ße! Schei­ße! Schei­ße!«, brüll­te Cons­tan­tin plötz­lich aus sei­nem Büro, was An­ni er­schro­cken auf­sprin­gen ließ. Schon im Flur kam er ihr ent­ge­gen­ge­rannt und we­del­te wild mit Un­ter­lagen in der Luft he­rum. Die freie Hand schlug er sich ge­gen den Kopf. »Ver­damm­te Schei­ße!«

Ihm jetzt zu sa­gen, dass er sich wie­der­hol­te, kä­me wohl nur se­mi­gut an, dach­te sie sich, noch et­was be­lei­digt von sei­ner Ab­fuhr. »Was ist denn?« Mut­los hielt er ihr das Blatt vor die Na­se und schüt­tel­te im­mer­zu den Kopf. »Ei­ne Daten­schutz­er­klä­rung?« Fra­gend blick­te sie ihn an. »Sprich, Cons­tan­tin! Ich kann nicht hell­se­hen!«

»Nicht bloß ei­ne, das ist die von Marc Eden und fällt dir was auf?« Was mach­te er für ei­nen Auf­stand? Sie war nicht un­ter­schrie­ben, aber das konn­te doch nicht der Grund für sei­nen Aus­bruch sein. Weiter­hin blick­te sie ihn ver­wirrt an. »Da fehlt die Un­ter­schrift!«

»Ja«, rea­gier­te An­ni zö­ger­lich auf das Of­fen­sicht­li­che.

»Fakt ist, ich darf oh­ne die­sen un­ter­schrie­be­nen Wisch kei­ner­lei Daten spei­chern und ver­ar­bei­ten. Ich brau­che sie, wenn ich sei­ne Geld­an­lagen be­rech­nen will und eben­falls Fakt ist, dass ich da­mit schon be­gon­nen ha­be. Weil wie­der­um ein drit­ter Fakt ist: Ei­nen Marc Eden lässt man nicht war­ten! Ka­pierst du das?« Sein Ge­sicht war feu­er­rot, wäh­rend er sei­ne Hän­de kne­te­te.

»Sag ihm halt nicht, dass du be­reits an­ge­fan­gen hast«, fuhr sie ihn ver­ständ­nis­los an. Bei je­dem an­de­ren Kun­den wür­de er kei­nen Auf­stand ma­chen. Sie kann­te ih­ren Mann gar nicht so pro­mi­fo­kus­siert. Auto­ma­tisch frag­te sie: »Gehts dem Un­ter­neh­men schlecht?« Gott, das war ih­re Exis­tenz, wenn die Fir­ma auf der Kip­pe stand, konn­te sie es doch plötz­lich nach­voll­zie­hen.

Cons­tan­tin blick­te sie an, als hät­te sie ei­nen fet­ten Her­pes auf der Lip­pe. »Was?«, frag­te er bloß und vern­ein­te ent­geis­tert mit ei­nem Kopf­schüt­teln.

»Na, ich kann lei­der nicht ver­ste­hen, wa­rum du bei Eden so ei­nen Auf­riss machst!«

Es dau­er­te ge­fühl­te Mi­nu­ten, bis er re­de­te – ru­hig, be­dacht und wie­der ganz fo­kus­siert. »Pass auf, wie du mit mir sprichst, An­ni. Wir sind hier auf der Ar­beit und ich bin dein Boss, ver­giss das nicht.« Un­fass­bar, jetzt strit­ten sie sich we­gen ei­ner be­scheu­er­ten Daten­schutz­er­klä­rung. Wie konn­te es nur so weit kom­men, dass so viel Feind­se­lig­keit zwi­schen ih­nen lag? Re­si­gnie­rend schloss sie die Augen, immer­hin hat­te sie im Ge­fühl, dass jeg­li­che Art, das Gan­ze jetzt an­zu­spre­chen, zum Schei­tern ver­ur­teilt war. Sie griff sich das Blatt aus sei­ner Hand und steu­er­te die Gar­de­ro­be in ih­rem Büro an. »Was tust du?«

»Ich wer­de zu ihm fah­ren!« Ih­ren Man­tel zu­ge­knöpft, leg­te sie die Daten­schutz­er­klä­rung an­schlie­ßend schnell in ein Ku­vert, rief Marc Eden in der Daten­bank auf, schrieb so­wohl die Adres­se des Fir­men­sit­zes, als auch sei­ne pri­va­te auf und er­griff ih­re Ta­sche.

»An­ni …« Er hielt sie am Arm fest, be­vor sie den Raum ver­las­sen konn­te.

»Was, Cons­tan­tin?« Sie wuss­te, dass ih­re Stim­me et­was zu laut war und doch woll­te sie ih­ren Frust nicht un­ter­drü­cken.

»Ich woll­te dich eben nicht so an­fah­ren, aber das ist ein über­aus wich­ti­ger Kun­de. Es tut mir leid.«

»Ich ha­be es be­grif­fen und jetzt lass mich los, wir sind hier schließ­lich auf der Ar­beit«, sprach sie, wohl­wis­send, dass sie ge­ra­de sei­ne ver­nich­ten­den Wor­te be­nutz­te, die sie eben ver­letzt hat­ten. Heu­te soll­te er sie bloß in Ru­he las­sen.

»Pass auf dich auf, es wur­de ein Schnees­turm an­ge­kün­digt. Viel­leicht nimmst du lie­ber die Bahn, da­mit du pünkt­lich zum Abend­es­sen da bist. Adres­se schick ich dir per Mail«, rief er, als sie die Tür schon er­reicht hat­te, al­lem An­schein nach voll­kom­men ein­ver­stan­den da­mit, dass sie sich jetzt auf den Weg mach­te, um ihn zu ret­ten, höhn­te ihr In­ne­res. Oh­ne zu rea­gie­ren, ver­ließ sie das Büro.

Na toll! Das auch noch! Sie blick­te zum Himmel und es fiel ihr schwer, ir­gend­et­was zu er­ken­nen, außer die wei­ße, dich­te Flo­cken­pracht, die auf sie nie­der rie­sel­te. Ihr Auto war schon von ei­ner di­cken Schnee­schicht be­deckt und doch ent­schied sie sich für die­sen Weg. In der Stadt wur­den die Stra­ßen recht schnell ge­räumt, so­dass sie op­ti­mis­tisch war. Immer­hin hat­te sie so ei­ne Hei­zung un­term Hin­tern und muss­te sich nicht durch die küh­le Däm­me­rung schla­gen. Wo­mög­lich war es ein­fach nur Trotz, weil Cons­tan­tin ihr ge­ra­ten hat­te, mit den öf­fent­li­chen Ver­kehrs­mitteln zu fah­ren.

Sie ent­rie­gel­te ihr Auto, setz­te sich seit­lich auf den Sitz und stieß mit ih­ren Stie­feln an­ein­an­der, so­dass der gan­ze Schnee ab­fiel. Dann dreh­te sie sich nach vor­ne, schloss die Tür und hoff­te, dass der Schei­ben­wi­scher den Neusch­nee weg­fe­gen wür­de. Es war zwar viel, aber nicht fest. Et­was ver­lang­samt, den­noch ziel­si­cher, schob er sich über die Schei­be und sorg­te für ei­ne freie Sicht.

Lang­sam schlän­gel­te sie sich durch Kölns Stra­ßen, immer da­rauf be­dacht, ihr Auto nicht zu schrot­ten. Cons­tan­tin wür­de sie kil­len, nach­dem er ihr vor­hin noch an­ge­ra­ten hat­te, die Bahn zu neh­men. All­mäh­lich frag­te sie sich, ob das so ei­ne gu­te Idee ge­we­sen war, sei­nen Rat zu ig­no­rie­ren. Die Flo­cken­dich­te wur­de immer ge­wal­ti­ger und von ei­nem Räum­dienst war weit und breit kei­ne Spur.

Es dau­er­te ei­ne knap­pe hal­be Stun­de, bis An­ni end­lich die Adres­se der Fir­ma an­vi­siert hat­te. Ei­nen Park­platz zu be­kom­men, war heu­te mal aus­nahms­wei­se kein Pro­blem, weil alle an­de­ren of­fen­kun­dig ver­nünf­ti­ger waren und ihr Auto bei die­sem Cha­os­wet­ter Zu­hau­se ste­hen­lie­ßen. Oder aber sie fuh­ren aus rei­ner Vor­sicht heim und be­weg­ten sich nicht mehr vor die Haus­tür, was de­fi­ni­tiv sehr ver­nünf­tig ge­we­sen wä­re.

Ge­ra­de trat sie auf das im­po­san­te und be­rühmte Fähr­haus zu, wel­ches am Rhei­nu­fer stand, als ihr Han­dy klin­gel­te. »Weis­haupt?«, nahm sie das Ge­spräch ent­ge­gen und ver­such­te oh­ne Kno­chen­brü­che ihr Ziel zu er­rei­chen.

»Das Es­sen heu­te Abend fällt aus. Der Kun­de hat­te ei­ne Auto­pan­ne und hat ab­ge­sagt«, er­klär­te Cons­tan­tin ihr seelen­ru­hig.

Immer noch leicht an­ge­säu­ert, ant­wort­ete sie kurz an­ge­bun­den: »Dan­ke, dass du Be­scheid gibst! War sonst noch was? Es ist schwei­ne­kalt und ich muss schau­en, dass ich vor­an­kom­me.«

»Nein, sonst war nichts. Ich schau jetzt, dass ich nach Hau­se komm. Pass auf dich auf, En­gel­chen.«

An­ni leg­te auf. En­gel­chen? Blöd­mann! Das En­gel­chen steht ge­ra­de mit­ten in ei­nem Schnees­turm, über ei­ne Stun­de von ih­rem Haus ent­fernt, und ver­sucht dem Blöd­mann sei­nen Arsch zu ret­ten. Aber schön, dass Herr Weis­haupt schon mal nach Hau­se fährt. Ist ja auch wirk­lich das Ver­nünf­tigs­te bei dem Wet­ter, wenn man sich nicht auf den Stra­ßen her­um­treibt. Ha! Ha!

End­lich hat­te sie das war­me Foy­er be­tre­ten und ging zur An­mel­dung. »Ich möch­te ger­ne zu Eden Dy­na­mics«, sag­te sie und war­te­te.

»Ihr Na­me, bit­te?«, frag­te ei­ne rund­li­che Mitt­vier­zi­ge­rin, wäh­rend sie den Tele­fon­hörer in die Hand nahm.

»Weis­haupt. Ich ha­be kei­nen Termin«, ge­stand sie, be­vor ihr das Of­fen­sicht­li­che eh gleich mit­ge­teilt wur­de.

»Ei­ne Frau Weis­haupt, hat kei­nen Termin!« Die Da­me sah An­ni ins Ge­sicht, wäh­rend sie den Hörer weiter­hin ans Ohr hielt. »Was ist Ihr An­lie­gen?«, frag­te sie.

»Das sind Un­ter­lagen, die von Herrn Eden drin­gend un­ter­schrie­ben wer­den müs­sen«, ver­deut­lich­te sie, in­dem sie lä­chelnd den Um­schlag hoch­hielt.

»Herr Eden ist nicht mehr im Haus. Sie sol­len die Un­ter­lagen bei mir hin­ter­las­sen, sei­ne Se­kre­tä­rin wird sie ihm vor­le­gen«, er­klär­te sie, in­des sie den Hörer oh­ne ein Wort des Ab­schieds auf­ge­legt hat­te.

Oh Mann! Dann hät­te sie es ein­fach per Post schi­cken kön­nen, das wä­re der­sel­be Ef­fekt ge­we­sen, dach­te sich An­ni de­pri­miert. »Ist Herr Eden denn zu­hau­se?«, frag­te sie, als sie sich er­in­ner­te, dass sie sei­ne pri­va­te An­schrift eben­falls no­tiert hat­te.

Arg­wöh­nisch wur­de sie be­trach­tet: »Bei al­lem Re­spekt, jun­ge Da­me. Selbst wenn ich es wüss­te, wür­de ich Ih­nen die­se In­for­ma­tion nicht ge­ben dür­fen.« Ver­ständ­nis­los schüt­tel­te sie den Kopf. »Ei­nen schö­nen Tag«, mur­mel­te sie, wen­de­te sich ih­rer Ar­beit zu und ig­no­rier­te An­ni. Man konn­te es we­nigs­tens ver­su­chen, auch wenn sie die Re­ak­tion jetzt we­nig über­rasch­te.

Frus­triert ver­ließ sie die An­mel­dung und als sie her­aus­trat, frag­te sie sich nur ei­nes: Wie lan­ge war sie in die­sem ver­damm­ten Ge­bäu­de? Es konn­ten doch höch­stens fünf Mi­nu­ten ge­we­sen sein. Der neu ge­fal­le­ne Schnee mach­te eher den An­schein, dass sie min­des­tens ein paar Stun­den da­rin ver­bracht ha­ben muss­te. Ge­nervt stapf­te sie zu ih­rem Auto, wel­ches schon wie­der nicht mehr sicht­bar war. »Mann!«, fluch­te sie, wäh­rend sie aus­ge­laugt die Auto­tür, fes­ter als nö­tig, hin­ter sich ins Schloss zog. Tief durch­at­men, An­ni. Kurz über­leg­te sie, auf di­rek­tem We­ge heim­zu­fah­ren und Cons­tan­tin die­se däm­li­che Daten­schutz­er­klä­rung mit Schwung um die Oh­ren zu hau­en, ent­schied sich aber dann da­für, bei Marc Eden an­zu­hal­ten, des­sen Adres­se auf ih­rem Heim­weg lag. Zu­min­dest muss­te sie kei­nen gro­ßen Um­weg fah­ren, we­nigs­tens et­was Gu­tes.

Mitt­ler­wei­le war der Ver­kehr fast kom­plett zum Er­lie­gen ge­kom­men. Autos stan­den im Gra­ben, so­dass An­ni im Schritt­tem­po weiter­fuhr. Auf ei­nen Un­fall konn­te sie ge­trost ver­zich­ten. Das war das Letz­te, was sie jetzt brauch­te.

Für ei­nen Weg, den sie nor­mal­er­wei­se in zwan­zig Mi­nu­ten zurück­le­gen wür­de, be­nö­tig­te sie sa­ge und schrei­be ein­ein­halb Stun­den. In­zwi­schen war es Abend, die Fens­ter in die­ser ru­hi­gen Wohn­ge­gend, in der Eden wohn­te, waren be­leuch­tet. Fa­mi­lien sa­ßen an ih­ren Ess­ti­schen, lach­ten, un­ter­hiel­ten sich und sa­hen dem fröh­li­chen Schnee­trei­ben zu und sie? … Ja, An­ni ver­fluch­te ih­re Si­tua­tion, wünsch­te sich nach Hau­se in ei­ne hei­ße Wan­ne, mit ei­nem Glas Rot­wein und ei­nem tol­len Buch. Doch von die­sem Ge­dan­ken konn­te sie sich ver­ab­schie­den. Wenn sie heu­te, oder auch mor­gen, je nach­dem wie lan­ge sie un­ter­wegs war, heim­kam, wür­de sie tod­mü­de und vol­ler Schmerz durch ih­re ver­kram­pften Mus­keln ins Bett fal­len und drei Ta­ge durch­schla­fen. Aber da­von war sie so­wie­so noch meilen­weit ent­fernt, al­so muss­te sie sich des­we­gen kein Kopf­zer­bre­chen be­rei­ten.

Sie park­te auf ei­nem klei­nen Park­platz, wo zu­vor ein an­de­rer mit sei­nem Fahr­zeug ge­stan­den hat­te, denn sonst wä­re der Schnee dort di­cker ge­we­sen, er­griff ih­re Ta­sche, die Un­ter­lagen und stieg aus. Cons­tan­tin saß mitt­ler­wei­le in ih­rer war­men Kü­che, hat­te er ihr eben ei­ne Nach­richt ge­schickt, und sie saß tief und fest im Schla­mas­sel. An­ni hob bei je­dem Schritt ihr Bein ganz hoch, an­ders wä­re es ihr nicht mög­lich, durch den Schnee zu stap­fen. Sie stieg ei­ne Trep­pe hin­auf, die zu ei­ner Rei­he von Wohn­häus­ern führ­te, wo er laut Adres­san­ga­be woh­nen muss­te, hielt sich da­bei an dem ver­eis­ten Ge­län­der fest, denn man wuss­te ja nicht, wie glatt es un­ter all­dem war. Ge­streut hat­te hier de­fi­ni­tiv nie­mand, ver­mut­lich mach­te das eh noch kei­nen Sinn.

Sie hat­te den Ge­dan­ken noch nicht zu En­de ge­bracht, da rutsch­te sie mit ei­nem Fuß aus, knall­te kurz da­rauf mit bei­den Knien auf die Stufen. Ihr Ge­sicht konn­te sie noch schüt­zen, in­dem sie hef­tig mit den Hän­den auf den Be­ton auf­schlug und doch lan­de­te auch ihr Kopf im Schnee. »Ahh!«, gab sie ei­nen kräch­zen­den Laut von sich. Was war hier ge­ra­de pas­siert? Fuck! Leb­te sie noch? Ja, denn sonst wür­den ihr nicht sa­ge und schrei­be alle ver­damm­ten Stel­len an ih­rem Körper weh­tun. Sie muss­te auf­ste­hen, es wur­de kalt, vor al­lem wä­re sie aber im Nu völ­lig durch­nässt und die Un­ter­lagen … »Mist, die Un­ter­lagen!«, schim­pfte sie, ig­no­rier­te den Schmerz und griff nach dem Um­schlag, in dem sich das hei­li­ge Do­ku­ment be­fand. Ver­dammt, wa­rum hat­te sie ihn nicht zu­ge­klebt? Schnell sprang sie auf, schüt­tel­te das Ku­vert, aus dem da­rauf­hin ei­ne Men­ge Schnee her­aus­fiel. Ganz toll, An­ni! Gran­di­o­se Leis­tung!

Re­si­gnie­rend setz­te sich An­ni auf die Stufen und käm­pfte da­rum, nicht in Trä­nen aus­zu­bre­chen. Das hat­te sie aber so was von ver­sem­melt. Und die­ser ät­zen­de Schnee hör­te nicht auf, sich zu ver­meh­ren. Sie streck­te ih­re Bei­ne aus und be­trach­te­te das Di­lem­ma. Ih­re Strumpf­ho­se war vol­ler Schnee, an den Knien war der Stoff auf­ge­ris­sen, ih­re blu­ten­de und ver­letz­te Haut kam zum Vor­schein. An­ni hat­te kei­ne Kraft mehr, sie war so­wie­so schon täg­lich so mü­de und die­se Stra­pa­zen brach­ten sie fast um. Ei­nes war Fakt, durchs Rum­sit­zen wür­de sie kei­nes­falls schnel­ler nach Hau­se kom­men. Des­we­gen rap­pel­te sie sich end­lich auf, raff­te ih­re Ta­sche vom Boden, schüt­tel­te den Um­schlag noch ein­mal aus, wenn das auch nicht mehr viel be­wirk­te, und ging zu Haus­num­mer fünf­zehn.

Sie klin­gel­te.

Börse

Wer ver­dammt noch­mal klin­gel­te abends um halb neun bei ihm? Marc über­leg­te, ob er über­haupt auf­ma­chen soll­te, denn eigent­lich war der Tag heu­te so be­schis­sen, dass er ge­nug Ar­beit nach­zu­ho­len hat­te und jetzt kei­ne Stö­rung mehr brau­chen konn­te. Er schal­te­te die Über­wa­chungs­ka­me­ra an, die ge­nau auf den Ein­gang sei­nes Hau­ses aus­ge­rich­tet war, kniff die Augen zu­sam­men und beug­te sich nä­her zum Bild­schirm. Zeugen Je­ho­vas? Bett­ler? Mein Gott, was war das denn für ei­ne Ge­stalt? An­ge­wi­dert schloss er das Pro­gramm und be­fass­te sich wie­der mit der E-Mail.

Ale­xan­ders Raus­wurf hat­te viel un­nö­ti­ge Ar­beit mit sich ge­bracht. Ein Mee­ting reih­te sich an das an­de­re. Ei­ni­ge Tele­fo­na­te muss­ten ge­führt wer­den, die ihm die Zeit ge­raubt hat­ten.

Es klin­gel­te er­neut. Ab­rupt sprang er auf, mar­schier­te los, be­reit, den Frust sei­nes gan­zen be­kack­ten Tages an die­sem Bett­ler­volk aus­zu­las­sen. Er öff­ne­te schwung­haft die Tür und er­starr­te. Zer­ris­se­ne und dre­cki­ge Kla­mot­ten, ein in Schnee pa­nier­ter Mensch? Haa­re, die nass und un­or­dent­lich an den Wan­gen kleb­ten … und, was zum ver­fick­ten Teu­fel? Das hüb­sches­te Ge­sicht, das er je­mals ge­se­hen hat­te. Er hob ei­ne Augen­braue und be­gann er­neut mit der Mus­te­rung. Ja, Marc Eden war für ei­ne Na­no­se­kun­de sprach­los. »Rot­schopf? Sind Sie heu­te als Schnee­weiß­chen un­ter­wegs?«, frag­te er scho­ckiert. Gleich da­rauf wur­de ihm be­wusst, dass sie in ih­rer ak­tu­el­len La­ge mög­li­cher­wei­se kei­nen Scherz ver­tra­gen konn­te. Trotz al­lem bil­de­ten sich um ih­re wun­der­schön strah­len­den Augen, Gott sei Dank, klei­ne Lach­fält­chen, die ge­folgt von ei­nem kaum wahr­nehm­ba­ren Schluch­zer stand­haft blie­ben. Die Ir­ri­ta­tion nahm ge­wal­ti­ge Aus­ma­ße an! »Kom­men Sie rein!«

Sie trat le­dig­lich ei­nen Schritt in sei­nen Flur, fast schon vor­sich­tig und sah sich hil­fe­su­chend um. Schein­bar be­sorgt da­rum, dass sie ihm alles schmut­zig ma­chen könn­te.

»Es ist nicht so, dass ich mich nicht freu­en wür­de, Sie zu se­hen. Trotz­dem fra­ge ich mich: Was führt Sie her?« Schwei­gend stand sie da, ih­re Augen glänz­ten, als wä­re sie kurz vor ei­nem Trä­nen­aus­bruch und den­noch ver­such­te sie, nett zu schau­en. Ei­ne an­stän­di­ge Da­me, wenn man mal das Äu­ßer­li­che un­be­ach­tet ließ. Ent­kräf­tet hielt sie ei­nen durch­näs­sten Um­schlag hoch. »Un­ter­lagen? Von Ih­rem Mann?«, er­kun­dig­te er sich. Was konn­te so wich­tig sein, dass sie hier der­ma­ßen zers­tört an­kam? Wa­rum war sie nicht Zu­hau­se im War­men, bei ih­rer Fa­mi­lie?

»Die Daten­schutz…« Mit­ten im Wort brach sie ab, beug­te sich nach vor­ne und hielt sich den Bauch. Kurz dach­te Marc, sie hät­te Krämp­fe, wür­de sich über­ge­ben müs­sen, oder so­gar zu­sam­men­bre­chen, doch ein glo­cken­hel­les und aus den Tie­fen ih­res In­ne­ren stam­men­des La­chen, über­zeug­te ihn so­fort vom Ge­gen­teil. Was zum Teu­fel ging hier vor sich? Sie klang, als wä­re sie von ei­nem Wahn­sinn be­fal­len. »Die Daten­schutz­er­klä­rung«, krä­chzte sie plötz­lich in ei­nem prus­ten­den Un­ter­ton, der so ko­misch er­tön­te, dass Marc kurz auf­lach­te, sie dann aber wie­der an­starr­te wie ei­ne bom­bas­ti­sche Natur­ka­ta­stro­phe. »Sie … Sie müs­sen sie un­ter­schrei­ben, sonst … sonst kann mein Mann nicht für Sie ar­bei­ten.« In­zwi­schen schlich sich auf Marcs Lip­pen ein Grin­sen, wäh­rend er be­ob­ach­te­te, wie Rot­schopfs Augen sich mit Trä­nen füll­ten, die sie vor lau­ter La­chen nicht mehr zurück­hal­ten konn­te. Es klang auf ei­ne Art dra­ma­tisch und dann wie­der­um wie ein Ven­til, wel­ches kon­trol­liert ih­ren in­ne­ren Druck ab­ließ, nur dass der Druck hier so ge­wal­tig war, dass das Ven­til aus allen Näh­ten platz­te – eben so, als wür­de ihr gan­zer Körper von Lach­krämp­fen ge­schüt­telt wer­den.

»Und wes­halb se­hen Sie so aus?«, woll­te Marc wis­sen und konn­te sich das La­chen nun end­gül­tig nicht mehr ver­knei­fen. Wa­rum er mit ein­stimm­te, wuss­te er noch nicht ge­nau, aber die­se hys­te­ri­sche Hei­ter­keit war ir­gend­wie an­ste­ckend. Wie sie da stand … Mitt­ler­wei­le drück­te sie ih­re Bei­ne zu­sam­men, die Knie leicht ge­beugt, als müs­se sie zur Toi­let­te und we­del­te sich mit die­sem nas­sen Et­was, das gleich in sei­ne Ein­zel­tei­le zer­fal­len wür­de, wenn sie so weiter­mach­te, Luft zu. Ihr Kopf war rot an­ge­lau­fen und die Schmin­ke un­ter ih­ren Augen ver­schmiert.

Marc leg­te sich die Hand auf die Stirn und frag­te sich, wäh­rend er selbst fast ei­nen Er­sti­ckungs­tod durch den har­ten La­chan­fall er­litt, wie das, was auch immer hier vor sich ging, pas­sie­ren konn­te? Ge­ra­de saß er noch völ­lig ver­är­gert und de­pri­miert im Büro und jetzt stand er in sei­nem Flur und ver­stand die Welt nicht mehr. We­gen ei­ner ver­schis­se­nen Daten­schutz­er­klä­rung?

Ein tie­fes, brum­men­des, we­nig se­xy Ge­räusch ver­ließ ih­re vom La­chen ver­zerr­ten Lip­pen, wahr­schein­lich in der pan­is­chen Hoff­nung, ih­ren Lun­gen so aus­rei­chend Sau­er­stoff zu­fü­gen zu kön­nen. Es war zu ko­misch! Marcs Körper schüt­tel­te sich, wäh­rend ihm Trä­nen die Wan­ge hin­ab­lie­fen.

Es dau­er­te ge­fühl­te Stun­den, bis sie sich bei­de et­was be­ru­higt hat­ten und Rot­schopf ihm nur noch kopf­schüt­telnd das auf­ge­weich­te Papier hin­hielt, das kurz be­vor er es er­grei­fen konn­te, aus­ein­an­der­fiel und zu Boden klatsch­te. »Die Daten­schutz­er­klä­rung?«, frag­te Marc ne­ckisch und bück­te sich, um sie auf­zu­he­ben.

»Ja«, be­stä­tig­te sie und wisch­te sich mit der an­de­ren Hand die Trä­nen aus dem Ge­sicht. »Die­se scheiß, ver­fluch­te Daten­schutz­er­klä­rung, die so wich­tig ist, dass ich bei die­sem Dre­ckswet­ter mein Le­ben ris­kie­re!« Sie ließ ih­ren Blick an sich hin­ab­schwei­fen. »Ver­zei­hung«, setz­te sie kurz hin­ter­her. »Nor­mal­er­wei­se flu­che ich nicht, jetzt bin ich aller­dings seit Stun­den un­ter­wegs, mir ist kalt, ich bin ge­nervt und ein­fach heil­froh, dass ich end­lich bei Ih­nen an­kom­men bin, nach­dem ich schon in Ih­rer Fir­ma war. Und dann fällt mir die­ser däm­li­che Wisch in den Schnee und ich gleich mit und …« Sie be­gann wie­der zu ki­chern und ver­schluck­te den Rest des Sat­zes.

»Zie­hen Sie erst mal die­sen Man­tel und die Schu­he aus«, for­der­te Marc sie grin­send auf. Wäh­rend sie das tat, ver­schwand er kurz in sein Schlaf­zim­mer, nahm ei­nen Hoo­die so­wie di­cke Woll­so­cken und ging zurück. »Kom­men Sie ins Wohn­zim­mer, hier ist es schön warm.« Er reich­te ihr wort­los die Kla­mot­ten, die sie dank­bar ent­ge­gen­nahm. »Sie ha­ben sich ja ver­letzt!«, merk­te er an und führ­te sie zu ei­nem Stuhl in der an­gren­zen­den Kü­che.

»Ach, das ist wirk­lich nur halb so wild. Bei dem ak­tu­el­len Ver­kehr dort drau­ßen, ist es ein Wun­der, dass ich über­haupt noch le­be. Ich sags Ih­nen, die Stra­ßen sind dicht. Es gibt kein Durch­kom­men mehr.«

»Wa­rum ha­ben Sie mir das nicht per Post ge­schickt?« Un­ver­ständ­nis mach­te sich in ihm breit, denn das hät­te bö­se en­den kön­nen.

»Nun ja, wie be­reits ge­sagt, dür­fen wir oh­ne ih­re Un­ter­schrift nicht mit der Ar­beit be­gin­nen und da mein Mann da sehr ge­nau ist, ha­be ich mich auf den Weg ge­macht.«

»Was für ein Arsch!«, platz­te es un­über­legt aus Marc her­aus, was er zu­sätz­lich mit ei­nem Kopf­schüt­teln be­kräf­tig­te. Ein An­ruf, oder ei­ne In­for­ma­tion per E-Mail, oder sei­ne An­ge­le­gen­hei­ten wur­den eben erst zwei Ta­ge spä­ter be­ar­bei­tet, was soll­te es schon? Gro­ßer Gott, er konn­te schwö­ren, dass er bei je­dem an­de­ren nicht so ei­nen Auf­riss ge­macht hät­te. Die­se Pro­miaas­gei­er!

»Bit­te?«, ruck­te Rot­schopf über­rascht nach hin­ten.

»Er kann Sie doch nicht bei so ei­nem Wet­ter los­schi­cken!« Durch­at­men. Er nahm ein feuch­tes Tuch, leg­te es auf dem Stuhl ne­ben ihr ab. Mit den Fin­ger­spit­zen griff er vor­sich­tig nach dem Zip­fel des zer­ris­se­nen Stoffs, der um ihr Knie spann­te und riss ihn mit Schwung weiter auf. Sie wehr­te sich kei­nes­falls, auch nicht, als er das Glei­che mit ih­rem zwei­ten Bein mach­te. Dann tupf­te Marc die Knie ab, ent­fern­te das Blut und die klei­nen Stein­chen. Oh­ne zu zu­cken, ließ sie es über sich er­ge­hen. Ver­mut­lich war ihr noch so kalt, dass sie eh nichts spür­te.

»Wis­sen Sie was?«, sag­te sie plötz­lich. »Ich weiß, dass es höchst un­pro­fes­sio­nell ist, aber ja: Was für ein Arsch! Ge­nau das ha­be ich mir heu­te schon ein paar Mal ge­sagt.« Sie nick­te be­kräf­ti­gend.

Ha, da hing der Haus­frie­den aber ex­trem schief, wenn sie so sprach. Marc stell­te sich auf­recht vor sie und stemm­te sei­ne Fäus­te in die Hüf­ten. »Gehts Ih­nen sonst gut?« Wie sie da saß, in dem ihr viel zu gro­ßen Pul­li, ih­re nas­sen Haa­re, die wie trost­lo­se Sträh­nen an ihr her­ab­hin­gen. Die­se gol­di­gen Som­mer­spros­sen, ih­re zar­ten Knie, wie sie ver­letzt und ent­blößt vor ihm stand. Wie schon beim er­sten Tref­fen dach­te er sich, sie war ver­fickt noch­mal heiß wie die Höl­le und sich des­sen nicht be­wusst.

»Ent­schul­di­gen Sie, ich hät­te das nicht sa­gen sol­len.« Sie stand ab­rupt auf und ging wie­der zum Flur.

»Stopp!«, rief Marc et­was zu laut, so­dass sie leicht zu­sam­men­zuck­te. »Er­stens möch­te ich, dass Sie Marc zu mir sa­gen. Zwei­tens, ent­schul­di­gen Sie sich nicht für Ih­re Ge­dan­ken und über­haupt, las­sen Sie die­ses zu Kreu­ze krie­chen sein. Drit­tens wer­den Sie heu­te de­fi­ni­tiv nicht mehr die­ses Haus hier ver­las­sen!« Okay, letz­ter Satz könn­te rein theo­re­tisch auch von ei­nem Se­rien­mör­der stam­men, wes­halb er schlich­tend ein sanf­tes Lä­cheln auf­setz­te. »No Way«, be­ton­te er und stell­te sich zur Ver­deut­li­chung mit ver­schränk­ten Ar­men vor sei­ne Haus­tür. »Wein?« Gott, das hier war ja an Skur­ri­li­tät nicht zu über­tref­fen.

Es dau­er­te ei­nen Mo­ment, bis sie rea­gier­te und Marc hat­te den Ein­druck, als wä­re da ein Hauch von Dank­bar­keit, der über ih­re Ge­sichts­zü­ge husch­te, als sie ih­re Augen kurz schloss.

»Ich bin An­ni«, ent­geg­ne­te sie ihm, »und ja, ein Wein wä­re toll. Ich muss nur schnell tele­fo­nie­ren.«

»Pri­ma, komm da­nach ein­fach wie­der in die Kü­che.« Er sah noch, wie sie sich nach der Ta­sche bück­te, die immer noch auf dem Flur­boden lag, dann ließ er sie zurück. Marc nahm den Rot­wein und zwei Glä­ser aus dem Schrank, ei­ne Box aus dem Kühl­schrank, in dem sich fri­scher Kä­se be­fand. Marc lieb­te das Zeug, nicht um­sonst hat­te er An­ge­li­que be­auf­tragt, immer da­für zu sor­gen, dass es reich­hal­tig und stets ver­füg­bar war.

Das Es­sen so­wie ein Kä­se­mes­ser und ein paar Stü­cke Brot leg­te er auf ein Holz­brett. Wenn sie so lan­ge un­ter­wegs ge­we­sen war, muss­te sie hung­rig sein. Alles auf dem Wohn­zim­mer­tisch plat­ziert, setz­te er sich, öff­ne­te die Fla­sche und goss ein, wäh­rend er ge­spannt auf die Wort­fet­zen ach­te­te, die ihn aus dem Foy­er er­reich­ten.

»… das ha­be ich selbst­ver­ständ­lich nicht«, motz­te sie in ei­nem är­ger­li­chen Ton, die Stim­me lei­se ge­hal­ten, so­dass Marc nichts da­von mit­be­kom­men soll­te. »Cons­tan­tin …« Durch die Glas­tür sah Marc sie auf und ab wan­dern. »Möch­test du es nicht ver­ste­hen? Es gibt kein Durch­kom­men mehr. Es wä­re frag­lich, ob ich den Heim­weg über­haupt schaf­fen wür­de!«

Okay, jetzt reich­te es. Eigent­lich hat­te er die­sen Weis­haupt als ei­nen an­stän­di­gen Men­schen ken­nen­ge­lernt und die Gel­der soll­ten bei ihm in gu­ten Hän­den sein. Er wur­de ihm immer­hin von Finn emp­foh­len und wenn er sag­te, er war okay, dann muss­te das so sein. Aber, wie um alles in der Welt, ging er mit sei­ner Frau um? Es kos­te­te ihn sämt­li­che Be­herr­schung, nicht auf­zu­sprin­gen und die­sem Wich­shän­schen die Ei­er ab­zu­rei­ßen. Doch da­zu kam es gar nicht, denn in dem Augen­blick schien sie das Ge­spräch be­en­det zu ha­ben, als sie plötz­lich in der Tür stand.

»Är­ger?«, frag­te Marc über­flüs­si­ger­wei­se, denn er hat­te es be­reits mit­be­kom­men.

Sie zog den Stoff von sei­nem Hoo­die über ih­re Fäus­te und wipp­te von den Ze­hen­spit­zen auf die Fer­se und zurück. An­schei­nend zö­ger­te sie. »Na ja«, be­gann sie. »Du bist Cons­tan­tins Ge­schäfts­kun­de.« Nicht mehr lang, wenn das so weiter gin­ge, dach­te er sich sar­kas­tisch. »Cons­tan­tin ist ein gu­ter Mensch, aber was das Ge­schäft­li­che an­geht, gibt er mehr als hun­dert Pro­zent, des­we­gen ist er dies­be­züg­lich emp­find­lich. Und wie du dir si­cher vor­stel­len kannst, sieht ein Ehe­mann es ge­ne­rell nicht so ger­ne, wenn die Frau sich über Nacht bei ei­nem Frem­den ein­quar­tiert.«

»Komm, setz dich!«, wies er ihr den Platz auf der Couch zu und ig­no­rier­te das Ge­re­de über ih­ren Mann. Weis­haupt war ihm ab heu­te un­sym­pa­thisch, be­schloss er. Sie könn­te ihm die plau­si­belst klin­gen­den Ar­gu­men­te vor­le­gen, es hat­te kei­nen Sinn.

»Darf ich kurz in dein Bad?«

Ni­ckend zeig­te er in die Rich­tung, in der sich sein Bad be­fand und lehn­te sich zurück. Was für ei­ne ver­kork­ste Si­tua­tion. Er war scharf auf An­ni Rot­schopf. Es krib­bel­te ihm un­ent­wegt in den Fin­gern, wenn er sie an­se­hen muss­te. Mü­de fuhr er sich mit der Hand durch sein Haar. Was wür­de er jetzt da­für ge­ben, wenn er sie be­rüh­ren durf­te? Was war das nur mit ihr? Schwung­haft lehn­te er sich nach vor­ne, um nach sei­nem Glas zu grei­fen. Er muss­te sich ab­len­ken, sonst hät­te er gleich ein Pro­blem, denn die dün­ne Ho­se, die er trug, wür­de es kei­ne Se­kun­de ver­ber­gen kön­nen.

»Da bin ich«, sag­te sie und setz­te sich auf die Couch. Ih­re Strumpf­ho­se, be­zie­hungs­wei­se den zer­fetz­ten Lum­pen, leg­te sie zu­sam­men­ge­knüllt ne­ben sich auf den Boden, wäh­rend der brau­ne Fal­ten­rock lo­cker ih­re hei­ßen Bei­ne um­schmei­chel­te. Was für ei­ne Iro­nie, dass sich auf ih­rer zar­ten Haut ei­ne Gän­se­haut zeig­te, ihr muss­te es kalt sein. Marc griff auto­ma­tisch nach der Woll­de­cke, die hin­ter ihm lag und reich­te sie ihr. Ih­re Haa­re muss­te sie im Bad zu ei­nem Zopf ge­floch­ten ha­ben, denn zu­vor hat­te sie den de­fi­ni­tiv nicht ge­habt. Er reich­te ihr den Wein, den sie mit leicht zit­tern­der Hand ent­ge­gen­nahm. Trotz­dem nahm sie direkt ei­nen Schluck und ver­dreh­te ge­nuss­voll die Augen: »Mh, ein Pri­mit­ivo«, sag­te sie. »Mein Lie­blings­wein!«

Da waren sie bei­de auf ei­ner Wel­len­län­ge, denn auch Marc be­vor­zug­te die­sen ver­hält­nis­mä­ßig güns­ti­gen Wein allen an­de­ren ge­gen­über. Er schnitt den Ap­pen­zel­ler an und hielt ihr das Mes­ser hin. Wie­der ver­ließ ein ge­nuss­vol­les Ge­räusch ih­re Lip­pen, was Marc augen­bli­cklich in die Lenden fuhr und dort ein sanf­tes Krib­beln ver­ur­sach­te. Wa­rum spre­chen, wenn man auch auf der Ge­nus­se­be­ne kom­mu­ni­zie­ren konn­te. Grin­send be­ob­ach­te­te er sie.

Rendite

Da saß sie nun im dick­sten Win­ter, nur in ei­nem Röck­chen, frem­den Woll­so­cken und ei­nem wär­men­den Hoo­die in Marc Edens Haus, auf sei­ner Couch und trank Wein, der zu­fäl­lig auch noch ihr Lie­blings­wein war. Das wür­de ihr kei­ner glau­ben, dach­te sie und ver­kniff sich ein La­chen. Sie hat­te sich vor­hin schon auf­ge­führt wie ei­ne Ir­re. Außer­dem war sie ver­ant­wort­lich da­für, dass er Cons­tan­tin nicht mehr moch­te und wenn der Ge­schäfts­ab­schluss auf­grund des­sen schei­tern soll­te, trug sie die Schuld da­ran. Er hat­te ihr am Tele­fon klar und deut­lich ge­sagt, dass ihr Ver­hal­ten, ein­fach bei ei­nem Kun­den Un­ter­schlupf zu su­chen, mehr als un­pro­fes­sio­nell war. Im Grun­de hat­te sie das ja gar nicht ge­tan, er­in­ner­te sie sich an den Mo­ment, als er ihr den Weg zur Tür her­aus ver­sperr­te und klar­mach­te, dass sie heu­te Nacht blei­ben wür­de. »Dan­ke, Marc. Das ist wirk­lich nett von dir, dass ich hier­blei­ben darf.«

»Kei­ne gro­ße Sa­che«, wink­te er ab und nahm ei­nen Schluck.

»Du hast ein tol­les Haus. Es ist wun­der­schön ein­ge­rich­tet, sehr ge­müt­lich«, stell­te sie fest und ließ ih­ren Blick um­her­schwei­fen.

»Wenn ich ehr­lich bin, ist das das Werk mei­ner Putz­frau. Sie ist ein Gold­stück und um­sorgt mich mit die­sen ty­pi­schen Frau­en­sa­chen wie De­ko, Ge­müt­lich­keits­fak­tor und Pflan­zen.« An­ni schmun­zel­te. Dass er das so frei aus­plau­der­te, mach­te ihn noch sym­pa­thi­scher. Bis­her hat­te sie ein an­de­res Bild von ihm im Kopf, oder bes­ser ge­sagt, die Me­dien hat­ten ihr die­ses Bild ver­mittelt. »Was?«, frag­te er neu­gie­rig, ei­ne Augen­braue empor­ge­zo­gen.

»Nichts, ich dach­te nur nicht, dass du Wert auf sol­che Klei­nig­kei­ten legst«, ent­geg­ne­te sie und lehn­te sich an die Couch­leh­ne. Es war so ku­sche­lig un­ter der war­men De­cke, dass sie sich augen­bli­cklich pu­del­wohl fühl­te.

»Nun ja, wenn man den Me­dien glaubt, fi­cke ich den gan­zen Tag durch die Ge­gend und sta­ple im Kel­ler mein Geld wie Da­go­bert Duck!« Er zwin­ker­te ihr zu, so­dass ihr ganz warm wur­de. Eigent­lich dach­te sie auch, dass er sich ge­wähl­ter aus­drück­te. Das hieß aller­dings nicht, dass ihr das nicht ge­fiel. Marc Eden steck­te vol­ler Über­ra­schun­gen.

»Dem ist nicht so?«, woll­te sie keck von ihm wis­sen.

»Na ja, wie du weißt, la­ge­re ich mein Geld neu­er­dings bei Weis­haupts«, kon­ter­te er und grins­te fast schon spitz­bü­bisch in sein Glas hin­ein.

»Ach, komm. Wenn das dein gan­zes Geld ist, bin ich schwarz­haa­rig«, warf An­ni ki­chernd ein und hob ei­ne ih­rer knall­ro­ten Sträh­nen zur Ver­deut­li­chung an. Sie hat­te mit­be­kom­men, dass sich sein An­la­ge­wert vor­erst im sechss­tel­li­gen Be­reich be­fand und, dass Marc Eden um ei­ni­ges rei­cher war, das wuss­te sie de­fi­ni­tiv. Als An­ge­stell­te und Ehe­frau ei­nes Ver­mö­gens­be­ra­ters ent­wi­ckel­te man da­für im Lau­fe der Jah­re ein Ge­spür.

»Zu­min­dest ein Teil des Gel­des«, kor­ri­gier­te er sich.

»Ha!«, ent­geg­ne­te sie sieges­si­cher. »Und was das an­de­re be­trifft …«, be­gann sie und wur­de un­ter­bro­chen.

»Du willst ernst­haft über mein Sex­le­ben re­den?«, frag­te er mit fes­tem Blick. Gott, die­se Hit­ze war plötz­lich un­er­träg­lich. Was hat­te er für hüb­sche und wil­lens­star­ke Augen. Er fo­kus­sier­te sie, in­spi­zier­te ih­re Lip­pen, und er­wi­der­te wie­der ih­ren Blick. Sein Mund­win­kel zuck­te.

»Ähm, nein, sor­ry!«, ent­geg­ne­te sie schnell. Mist, sie muss­te so rot wie ei­ne To­ma­te sein. Was ge­schah hier nur mit ihr? Die­ser Mann setz­te et­was in ihr frei, was ein Krib­beln in ih­rem gan­zen Körper aus­lös­te. Himmel!

»Scha­de«, sag­te er und zwin­ker­te ihr zu. Die­ses Lä­cheln, was er nun zu Ta­ge trug, mach­te das Gan­ze nicht bes­ser. Mo­ment mal! Was hieß hier eigent­lich scha­de? Woll­te er tat­säch­lich mit ihr über Sex spre­chen? Wie lan­ge kann­ten sie sich jetzt? Sie war ver­hei­ra­tet, hat­te ei­ne Fa­mi­lie, saß gleich­zei­tig mit dem Helden ih­res Soh­nes in ei­nem Raum und er­kann­te be­schämt, dass sie sei­ne An­we­sen­heit an­mach­te. Sein Blick war so ein­dring­lich, for­dernd und … Gott, so hin­rei­ßend, dass An­ni am liebs­ten von die­ser Sün­de auf zwei Bei­nen kos­ten wür­de. Reiß dich zu­sam­men, rief sie ih­re in­ne­re Mutter Bei­mer zur Rä­son. Du ver­hältst dich wie ein spät­pu­ber­tä­res klei­nes Mäd­chen, da­bei war sie doch ei­ne er­wachs­ene und ge­stand­ene Frau. Und die­ser Ka­pu­zen­pul­li war so un­fass­bar weich und roch nach Mann, nach ei­ner ver­hei­ßungs­vol­len Um­ar­mung. Nach mehr. Sie nahm noch ei­nen Schluck von der köst­li­chen Flüs­sig­keit und be­merk­te erst dann, dass Marc sie, wäh­rend ih­res in­ne­ren Klein­kriegs mit Mutter Bei­mer, die gan­ze Zeit be­ob­ach­tet hat­te. Ein lau­tes La­chen ver­ließ sei­nen Mund und auto­ma­tisch blick­te An­ni ge­nau dort­hin und stimm­te mit ein.

»Er­zähl mal«, be­gann er im Plau­der­ton. »Was ist denn heu­te alles schief­ge­lau­fen, dass du so ei­nen Groll auf dei­nen Mann hegst?«, frag­te er und An­ni woll­te sich gleich­zei­tig in den Aller­wert­es­ten bei­ßen, dass sie den Kom­men­tar vor­hin, dass Cons­tan­tin ein Arsch war, nicht lie­ber her­un­ter­ge­schluckt hat­te.

»Ach«, wink­te sie ab und wur­de aber­mals un­ter­bro­chen.

»Das kannst du dem Schnee­mann vor der Tür er­zäh­len. Ich se­he, wenn Men­schen wü­tend sind und das warst du vor­hin de­fi­ni­tiv. Al­so red es nicht schön.«

»Ich möch­te Cons­tan­tin nur nicht schlecht ma­chen, weil er das nicht ist und du ei­ne ge­schäft­li­che Bin­dung zu ihm hast.«

»Wenn du wüss­test, mit wie vielen Arsch­lö­chern ich tag­täg­lich zu­sam­men­ar­bei­te.«

»Er ist kein Arsch­loch«, ver­such­te sie, klar­zu­stel­len.

»Aus die­ser Num­mer kommst du nicht mehr raus. Vor­hin war er es noch«, wies er keck da­rauf hin.

»Ich hab mich heu­te ein­fach ge­är­gert, weil ich ihm seit zwei Ta­gen hin­ter­her­lau­fe, dass er ein Ge­spräch mit Ma­ri­us su­chen soll, er mir aber nicht mal an­satz­wei­se die Mög­lich­keit gibt, ihm mei­ne Bit­te vor­zu­tra­gen. Außer­dem …« Kurz dach­te sie nach, weil das sei­ne Mei­nung über Cons­tan­tin ga­ran­tiert nicht auf­bes­sern wür­de.

»Was?«

»Es fuchst mich, dass er mich hat fah­ren las­sen und mir dann noch ei­ne Nach­richt schickt, dass er mitt­ler­wei­le gut Zu­hau­se an­ge­kom­men ist und jetzt et­was isst«, kom­plet­tier­te sie das Cha­os, in­dem sie ih­rem Mann wohl­wis­send in den Rü­cken fiel.

»Nicht dein ernst!« Er ball­te sei­ne Hand zu ei­ner Faust und pump­te die­se, schein­bar völ­lig un­be­wusst.

»Ich hät­te das nicht sa­gen sol­len. Er ist nor­mal­er­wei­se sehr für­sor­glich, aber ir­gend­wie ist mo­men­tan der Wurm drin.« Sie sah Marc zu, wie er ein Stück des Bro­tes nahm und es ihr hin­hielt.

»Nimm so viel du möch­test. Ich könn­te dir auch was ko­chen.«

An­nis Herz schlug et­was schnel­ler, wäh­rend ihr von die­ser lie­ben Ge­ste warm wur­de. »Dan­ke, der Kä­se und das Brot rei­chen voll­kom­men. Ich bin nicht sehr hung­rig, die Sa­che an sich hat mich nur ge­är­gert.« Das Klin­geln ih­res Han­dys er­tön­te und be­vor sie das Ge­spräch an­nahm, ent­schul­dig­te sie sich für die Stö­rung mit ei­nem scheu­en Grin­sen. »Hal­lo, Ma­ri­us.«

»Opas Bein hat ge­juckt!«, er­klang sei­ne vor­wurfs­vol­le Stim­me und An­ni strich sich lä­chelnd die Hand über die Stirn.

»Ja, Ama­lia hat­te mich schon vor­ge­warnt. Ich sit­ze in Köln fest. Alles okay bei euch?«

»Ama­lia könn­te ru­hig mal ei­ne Run­de chil­len, die ist nicht mehr ganz fresh in der Bir­ne. Will hier die gan­ze Zeit Brett­spie­le zo­cken und frisst Oma noch die Haa­re vom Kopf. Plus Tou­pet. Ich sags dir, Mom. Die La­ge ist ernst!«

»Ma­ri­us!«, rüg­te sie ih­ren Sohn, konn­te sich aber ein Glu­cksen nicht ver­knei­fen. Das muss­te der Wein sein, der sie lo­cke­rer mach­te, als sie es sonst war. Nor­mal­er­wei­se ver­such­te sie immer, zu schlich­ten. Ein lau­tes La­chen ne­ben ihr ließ sie zu­sam­men­zu­cken. Oh Mist, bei die­ser Ru­he im Raum hat­te Marc alles mit an­hö­ren müs­sen und schien sich köst­lich zu amü­sie­ren.

»Das war nicht Dad«, sag­te Ma­ri­us plötz­lich tod­ernst. »Wo bist du, Mom?«

»Sor­ry«, mur­mel­te Marc ne­ben ihr und zog die Lip­pen leicht aus­ein­an­der, wie Kin­der es tun, wenn sie vor­aus­se­hen, dass es Är­ger gibt.

»Ich bin bei Marc Eden«, sag­te sie und hielt das Tele­fon ein we­nig vom Ohr weg, schon mal ge­wap­pnet für den Re­de­schwall, der sie gleich er­rei­chen wird. Doch nichts ge­schah. Fra­gend sah sie ihr Tele­fon an, nein, sie hat­te nicht auf­ge­legt. »Ma­ri­us?«, frag­te sie des­we­gen.

»Aaa­al­ter!«, er­klang sei­ne Stim­me bloß. Leer und hei­ser.

Den Mund weit auf­ge­ris­sen, wen­de­te sie sich kurz an Marc und flüs­ter­te: »Er ist sprach­los!« Und das sag­te sie nicht, um ihm zu schmei­cheln, son­dern weil sie ganz ein­fach ge­schockt war. Ma­ri­us Weis­haupt hat­te immer, wirk­lich ver­dammt noch­mal immer et­was zu sa­gen. Außer man stell­te ihn we­gen di­ver­ser Knut­sche­rei­en zur Re­de, dann ver­fiel er in ei­si­ges Schwei­gen. Aber das war kei­ne ver­gleich­ba­re Si­tua­tion.

Be­acht­lich zog er ei­ne Augen­braue empor, und nick­te mit ei­nem Nicht-schlecht-Blick. So muss­te er gu­cken, wenn ei­ner sei­ner Kol­le­gen ei­nen Mil­lio­nen­de­al an Land zog. »Glück­wunsch«, sag­te er und An­ni sah, wie sich klei­ne Lach­fält­chen um sei­ne Augen bil­de­ten.

Nach Mi­nu­ten des Schwei­gens mel­de­te sich Ma­ri­us, der schein­bar doch nicht in Ohn­macht ge­fal­len war, er­neut zu Wort. »Mom, du musst mir un­be­dingt ei­nen Ge­fal­len tun«, sag­te er ganz ver­schwö­re­risch. »Du musst mir sein Equip­ment foto­gra­fie­ren. Ich woll­te schon immer wis­sen, was für …«

Sie drück­te den Hörer dich­ter ans Ohr, in der Hoff­nung, dass Marc nichts mit­krieg­te, doch sein fre­ches Grin­sen, of­fen­sicht­lich kurz vor ei­nem aus­ge­reif­ten Lach­krampf, so­wie sein Kehl­kopf, der hüpf­te, zeig­ten ihr, dass es An­ni nicht ge­lun­gen war.

»Moooom, sprich mit mir. Bo­ah, ich halts nicht aus, ey. Un­fass­bar! Be­nimm dich, ja?«

Laut lach­te sie auf, be­vor sie weiter­sprach. »Ma­ri­us, es reicht! Krieg dich ein!« Wenn er wüss­te, wie tref­fend die­ses ›Be­nimm dich‹ war … Ein biss­chen pein­lich war ihr das schon. »Ich be­en­de jetzt das Ge­spräch. Bis mor­gen.« Sie hör­te noch, wie er durch den Hörer plärr­te, dass sie das nicht ein­fach ma­chen kann, ih­ren ge­lieb­ten Sohn ab­wür­gen, da hat­te sie das Han­dy be­reits zur Sei­te ge­legt. Sie spür­te, wie ih­re Wan­gen leicht er­rö­te­ten, und wag­te ei­nen vor­sich­ti­gen Blick zu ihm. Er saß nach wie vor da, läs­sig nach hin­ten ge­lehnt, sei­ne Tat­toos lie­ßen ihn ver­we­gen, wild und un­bän­dig wir­ken, ge­nau wie sei­ne Haa­re, die un­fri­siert von ei­nem Gum­mi am Hin­ter­kopf ge­hal­ten wur­den. »Tja, was soll ich sa­gen?«, be­gann sie und nahm erst mal ei­nen Schluck Wein. Grin­send schüt­tel­te Marc den Kopf.

»Er …« Marc schien nach Wor­ten zu su­chen. Ma­ri­us mach­te es ei­nem nicht leicht und doch lieb­te sie ih­ren Sohn ge­nau so. »Er scheint smart zu sein«, er­klär­te Marc, wäh­rend er sie fest im Blick be­hielt.

Ein Lä­cheln schlich sich auf ih­re Lip­pen. »Ja, Ma­ri­us ist toll. Ge­nau wie Ama­lia. Es sind Zwil­lin­ge.«

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280 стр. 1 иллюстрация
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9783947115136
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