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ZwölfUhrTermin

Roman

Nora Adams

Erstausgabe im September 2020

Alle Rechte bei Verlag/Verleger

Copyright © September 2020

Booklounge Verlag

23923 Schönberg

Johann-Boye-Str. 5

Bild: @artofphoto - CanStockPhoto

978-3-947115-13-6

Inhalt

  Bilanz

  Vermögensplanung

  Portfolio

  Wealth Management

  Start-up

  Venture Capital

  Börse

  Rendite

  Konzern

  Bonität

  Zinssätze

  Franchise

  Bitcoin

  Investment

  Währung

  Rating

  Wertpapier

  Immobilien

  Budget

  Finanzmarkt

  Stiftung

  Sparquote

  Private Banking

  Gesellschaft

  Liquidität

  Volatilität

  Devisenkurse

  Epilog

  Über die Autorin

  Fangirlgruppe

Bilanz

»Ei­nen Kaffee, bit­te.«

Die Frau, die vor Marc an der The­ke stand, zück­te ei­nen Schein aus ih­rem Geld­beu­tel und sah ver­wun­dert auf, als sie kei­ne Ant­wort er­hielt.

»Ei­nen nor­ma­len Kaffee?«, er­kun­dig­te sich der Ver­käu­fer und stutz­te da­bei däm­lich.

»Gibt es ei­nen un­nor­ma­len Kaffee?«, ent­geg­ne­te sie schlag­fer­tig, stemm­te ei­ne Hand in ih­re Sei­te.

Die­se Frau hat­te Tem­pe­ra­ment, dach­te Marc und üb­te sich in Ge­duld. »Ist es denn so son­der­bar, dass ich Fil­ter­kaffee oh­ne künst­lich hin­zu­ge­füg­te Aro­men und ton­nen­wei­se Sah­ne oder Milch­schaum mag?« Marcs Mund­win­kel zuck­te. Wenn die mal kei­nen schlech­ten Tag hat­te … Oder war sie immer so ag­gres­siv? Im Grun­de ge­nom­men war es ihm egal, denn was zähl­te, war, dass er ei­nen Termin hat­te, den er ver­pas­sen wür­de, soll­te sie nicht gleich zum En­de kom­men.

»Bo­ah! Mom!« Der Jun­ge, der ne­ben ihr stand, ramm­te ei­nen Ell­bogen in ih­re Sei­te. »Chill mal dein Ge­sicht! Aa­al­ter, das geht ja gar nicht!«

Was zum Teu­fel?, frag­te er sich in dem Mo­ment, als sie sich ruck­ar­tig dem klei­nen Möch­te­gern-Co­olio zu­wand­te, so­dass Marc die zar­ten Kon­tu­ren ih­res Ge­sich­tes er­bli­cken konn­te. Win­zi­ge Som­mer­spros­sen schmei­chel­ten ih­ren Wan­gen­kno­chen, wäh­rend sich ih­re lan­gen, ro­ten, wel­li­gen Haa­re über ih­re Schul­ter er­gos­sen. Ei­ne schwar­ze Bril­le stand im Kon­trast zu ih­rer hel­len Haut. Das war mal ei­ne ex­trem hei­ße Er­schei­nung, dach­te er sich, wäh­rend er ih­ren vor­wurfs­vol­len Ge­sichts­aus­druck be­ob­ach­te­te und sich da­bei fast schon amü­sier­te.

»Ma­ri­us, sprich nicht so mit mir. Wie oft soll ich dir das sa­gen?«, zisch­te sie dem Jun­gen lei­se zu, an­schei­nend da­rauf be­dacht, dass nicht alle in der Schlan­ge mit­be­ka­men, wie sie ih­ren Sohn rüg­te. Augen­rol­lend wen­de­te die­ser sich ab. »Voll LOL, Mom! Du bist so pein­lich!«, sag­te er in vol­ler Lauts­tär­ke.

»Du spielst ge­ra­de um dei­ne Plays­ta­tion, mein lie­ber Freund!«, platz­te es be­herrscht aus ihr her­aus.

Die Zeit rann­te ihm da­von, in­des Marc wie an­ge­wur­zelt hin­ter die­sem Schau­spiel stand und sich kei­nen Zen­ti­me­ter vom Fleck be­weg­te. Er muss­te sich ein­ge­ste­hen, dass es ihm trotz des Termin­drucks nicht so viel aus­mach­te, weil sei­ne Ge­dan­ken mo­men­tan ein ver­fluch­tes Eigen­le­ben ent­wi­ckel­ten.

Er stell­te sich vor, wie sie nackt auf ihm saß und ih­re sünd­haf­te Mu­schi – er nahm an, dass sie bei die­sem Er­schei­nungs­bild ei­ne mehr als nur ap­pe­tit­li­che Spal­te hat­te – immer wie­der über sei­ne Er­ek­tion rieb. Ih­re lan­gen Haa­re fie­len nach vor­ne, um­schmei­chel­ten ih­re hüb­sche Fi­gur, wäh­rend ih­re schma­len Fin­ger sanft über sei­ne Brust strei­chel­ten. Ihr Stöh­nen glich ei­nem lei­sen Hau­chen. Doch das ge­nerv­te Auf­stöh­nen vor ihm, brach­te ihn in die Rea­li­tät zurück. »Tall, gran­de oder ven­ti?«, frag­te er mit viel zu ho­her Stimm­la­ge und stemm­te sei­ne Hand in die Sei­te, wäh­rend er mit hoch­ge­zo­ge­ner Augen­braue auf sie blick­te.

Mein Gott, hat­te der Ba­ris­ta Schraub­zwin­gen um sei­ne Ei­er, oder wa­rum piep­te er so ab­ar­tig? Shit! Ging ihm das hier auf die Ner­ven! »Ge­ben Sie die­ser Frau so­fort ih­ren«, nach Wor­ten su­chend, ge­sti­ku­lier­te Marc mit ei­ner Hand in der Luft he­rum, »Re­tro-Kaffee«, for­der­te er sto­ckend auf, wäh­rend er sich an den bei­den vor­bei­schob, die ihn er­staunt mus­ter­ten. Er knall­te ei­nen Fünf­zi­ge­uro­schein auf die The­ke und tipp­te, un­ter­malt von ei­nem ge­nerv­ten Kopf­schüt­teln, die Fin­ger­spit­zen un­ge­dul­dig auf die Holz­the­ke. »Groß und ei­nen Lat­te mac­chia­to«, warf er et­was zu laut hin­ter­her und warn­te ihn mit ei­ner eben­falls pro­vo­kant hoch­ge­zo­ge­nen Augen­braue – ja, er konn­te das auch -, kei­ne wei­te­ren dum­men Fra­gen zu stel­len. »Und wenn das Gan­ze heu­te noch ge­schieht, wä­re das ein glanz­vol­ler Dienst an die Mensch­heit.«

Wäh­rend er war­te­te, sah er sich das klei­ne Übel, was ne­ben der Schön­heit stand und schänd­li­cher­wei­se eben­die­se Mutter nann­te, et­was ge­nau­er an. Mit of­fe­nem Mund und gro­ßen Augen starr­te er Marc an und ramm­te den Ell­bogen er­neut mehr­mals in die Sei­te sei­ner Mutter. »Was ist mit dir? Kannst du dich nicht an­stän­dig ar­ti­ku­lie­ren?«

Ge­dank­lich rüg­te er sich, denn wenn Marc ehr­lich war, sag­te er selbst be­stimmt zehn­mal am Tag Al­ter, fuck oder ähn­li­che ka­ta­stro­pha­le Wor­te, wo­bei er er­wach­sen war und ein Un­ter­neh­men lei­te­te. Der ein­zi­ge Un­ter­schied war, dass Marc es nicht in der Öf­fent­lich­keit tat. Außer­dem muss­te der Furz­kno­ten das nicht er­fah­ren. »Und was ist das mit die­sem deutsch-eng­lisch Kau­der­welsch? Ist das ei­ne Art Sprach­stö­rung?«

Ma­ri­us schluck­te schwer, das konn­te Marc an sei­nem Kehl­kopf se­hen. »Mom, du kannst doch nicht zu­las­sen, dass der so mit dei­nem Sohn spricht?«, sag­te er in ei­ner merk­wür­di­gen Mi­schung aus klein­lau­tem Auf­be­geh­ren. Als Marc den Blick hob, konn­te er er­ken­nen, wie sich klei­ne Lach­fält­chen um ih­re Augen bil­de­ten. Sie war schein­bar amü­siert und er­staunt, wie man dem skep­ti­schen Zu­cken ih­rer Augen­braue ent­neh­men konn­te. »Doch, Ma­ri­us, ge­nau das kann ich«, ant­wort­ete sie und er­wi­der­te Marcs Blick.

Fuck. Augen­bli­cklich dach­te er aber­mals, dass sie se­xy und da­bei fast schon nied­lich aus­sah. Sie wirk­te ir­gend­wie zer­brech­lich, wo­bei sie nicht dürr war und ein paar ge­schmei­di­ge Run­dun­gen vor­zu­wei­sen hat­te.

»Wie ist denn Ihr Na­me?«, frag­te der Typ hin­ter der The­ke ge­lang­weilt und Marc hät­te ihn am liebs­ten auf der Stel­le ver­gif­tet. So ein un­ge­ho­bel­ter Klotz stör­te ihn beim Gaf­fen und of­fen­sicht­lich hat­te er nicht nur ihn ge­stört, son­dern auch sie, denn ih­re Wan­gen er­rö­te­ten. »Das ist Rot­schopf und ich bin Super­man«, ent­geg­ne­te er prompt, oh­ne den Blick von ihr ab­zu­wen­den. Als ein lau­tes La­chen aus ihr her­aus­platz­te, konn­te er sich ein Grin­sen eben­falls nicht ver­knei­fen. Hot!

Das Klin­geln sei­nes Tele­fons riss ihn ins Hier und Jetzt zurück, wo­rauf­hin er es aus der Ta­sche nahm. Das war Si­na. Shit, der Termin. »Eden«, mel­de­te er sich, in wei­ser Vor­aus­sicht, dass sei­ne Se­kre­tä­rin ihn gleich fra­gen wür­de, wo er denn blieb. Da­bei hat­te er ihr be­reits vor ei­ner Stun­de ge­schrie­ben, als sein Aus­wärts­mee­ting be­en­det war, dass er sich auf den Weg ma­chen wür­de.

»Es ist drei Uhr, Ihr Termin ist da, von Ih­nen ist aber weit und breit kei­ne Spur.«

Schnell reich­te er Miss Be­au­ty ih­ren schwar­zen Kaffee, die ihn dan­kend ent­ge­gen­nahm. Oh­ne dass sie es mer­ken konn­te, präg­te er sich ih­re Er­schei­nung ein, denn sie wür­de er wohl nicht flach­le­gen. Wenn sie schon ei­nen Balg hat­te, stan­den die Chan­cen nicht schlecht, dass sie ver­hei­ra­tet war.

»Ciao, Rot­schopf«, sag­te er lei­se und zwin­ker­te ihr zum Ab­schied zu.

»Tschüss und dan­ke.« Sie hob ih­ren Kaffee und lä­chel­te ihn an. Ih­re Augen strahl­ten, sie ver­ström­te pu­re Lebens­freu­de. Was für ein po­si­ti­ver Mensch, wenn sie auch de­fi­ni­tiv ei­ne an­de­re Sei­te hat­te, wie sie zu­vor be­wie­sen hat­te. Doch die­ses Lä­cheln ließ gan­ze Eis­klöt­ze – so wie Marc eben­so ei­ner war – da­hin­schmel­zen.

»Marc?«, blaff­te Si­na durch den Hörer.

»Bin in fünf­zehn Mi­nu­ten da«, sag­te er und be­en­de­te die Un­ter­hal­tung, wäh­rend er den Laden ver­ließ und auf die Fuß­gän­ge­ram­pel zu­steu­er­te. Auf der an­de­ren Stra­ßen­sei­te stand sein Auto, mit dem er gleich zu sei­ner Fir­ma ED – Eden Dy­na­mics fah­ren wür­de. Marc hass­te nichts mehr als Un­pünkt­lich­keit und ge­ra­de er kam zu spät zu ei­nem wich­ti­gen Pro­jekt-Kick-Off-Ge­spräch. Immer­hin ent­schied sich, ob sei­ne Fir­ma den Auf­trag des Köl­ner Uni­kli­ni­kums er­hielt, in des­sen kom­plet­tem Haus im Zu­ge ei­ner Qua­li­täts­ma­nage­ments-Auf­fri­schung alle PCs so­wie Soft­wa­res op­ti­miert wer­den soll­ten.

Im Grun­de hat­te Marc mit sei­ner Mu­sic-App so­wie­so den Jack­pot ge­knackt, denn die be­scher­te ihm Ein­nah­men in Mil­lio­nen­hö­he. Aber ein ver­ant­wor­tungs­be­wuss­ter Ge­schäfts­mann wuss­te, dass der Hy­pe um sol­che Platt­for­men ra­sant ab­flach­te, so­bald ein an­de­rer et­was Neu­es und Ge­nia­les auf den Markt brach­te. Des­halb war es ihm ein Be­dürf­nis, für sei­ne An­ge­stell­ten ei­ne gu­te Basis zu schaf­fen, die ih­re Ge­häl­ter auch im Ernst­fall ab­deck­ten. Da­von war ak­tu­ell noch lan­ge kei­ne Re­de und selbst wenn der Not­fall ein­trat, hat­te er ge­nug auf sei­nen Kon­ten, um ED ei­ne ge­wis­se Zeit auf­recht zu hal­ten.

Okay, wenn er ehr­lich war, ging es hier im Grun­de nur da­rum, dass er den Hals nicht voll be­kam. Kurz lach­te er auf und schüt­tel­te den Kopf über sei­ne wir­ren Ge­dan­ken, die wie immer in ei­ner stren­gen selbst­ref­lek­tie­ren­den Ein­sicht en­de­ten.

End­lich an­ge­kom­men, stieg er aus dem Auto und be­gab sich un­ver­züg­lich auf den Weg in die Büro­räu­me.

»Man, Chef!« Mit ei­nem vor­wurfs­vol­len Blick kam Si­na ihm ent­ge­gen, als er den Auf­zug ver­ließ, nahm ihm den Be­cher aus der Hand, sei­ne Ta­sche ab und lief ge­ra­de­wegs vor­aus in sein Büro. »Was ist los mit Ih­nen? Un­pünkt­lich­keit ist für Sie ein Kün­di­gungs­grund, wenn ich Sie er­in­nern darf?« Si­na hat­te Recht, den­noch war es jetzt nun ein­fach mal so und er konn­te es nicht än­dern.

»In wel­chem Raum sind sie?«

»Im Jazz­raum«, ant­wort­ete sie, drück­te ihm ei­nen Sta­pel Un­ter­lagen in die Hand, die er ge­stern schon vor­be­rei­tet hat­te, und mach­te sich auf den Weg. Als er den Raum be­trat, fiel ihm zu aller­erst sein Ge­schäfts­part­ner – es sträub­te ihn in­ner­lich, die­sen Flach­wich­ser so zu nen­nen – auf, der dort saß, vor sich auf den Tisch starr­te und die mög­li­chen Neu­kun­den ig­no­rier­te. Er muss­te da­mals nicht zu­rech­nungs­fä­hig ge­we­sen sein, als er sein Un­ter­neh­men zur Hälf­te an Ale­xan­der Kra­mer über­schrieb.

Es war in der Zeit sei­nes Start-ups, als die Fir­ma Start­schwie­rig­kei­ten hat­te, ihm alles über den Kopf zu wach­sen droh­te und die in­ne­ren Dä­mo­nen Marc auf­fres­sen woll­ten. Da­mals war es ei­ne gu­te Lö­sung ge­we­sen, dass sich sein ehe­ma­li­ger Kom­mi­li­to­ne an­bot, sein Part­ner zu wer­den und sich in die Fir­ma ein­kauf­te. Das war der Start­schuss für Marc Edens Kar­rie­re. Er be­hielt sich den Na­men des Un­ter­neh­mens vor und das Stimm­recht im Streit­fall. Schon schnell nach dem Zu­sam­men­schluss frag­te er sich, was für ein Teu­fel ihn da ge­rit­ten hat­te, ihn mit ins Boot zu neh­men.

Die Zeit wür­de kom­men, da ver­pass­te er dem Nichts­nutz ei­nen hef­ti­gen Arsch­tritt. Die Fir­ma be­fand sich dort, wo sie jetzt stand, und zwar an der Spit­ze der in­ter­na­tio­na­len IT-Un­ter­neh­men, weil Marc sie dort­hin brach­te. Marc Eden und nicht Hohl­bir­ne Ale­xan­der Kra­mer. Er hat­te nichts da­zu beige­tra­gen. Er de­le­gier­te ver­meint­lich die Ar­beit im Haus, zu­min­dest dach­te er das, wenn er mal wie­der stun­den­lang durch die Büros der An­ge­stell­ten fla­nier­te, sich über­he­blich auf die Tisch­kan­ten setz­te und die Leu­te bei der Ar­beit be­ob­ach­te­te. Letz­tend­lich lief eh alles über Marcs Tisch. Sei­ne Pro­jekt­ma­na­ger mel­de­ten sich aus­schließ­lich bei ihm oder eben Si­na, wenn es et­was außer­halb der re­gu­lä­ren Mee­tings zu be­spre­chen gab. Marc war stolz auf sein mittel­stän­di­sches Un­ter­neh­men und wür­de kei­nes­wegs zu­las­sen, dass die­ser Mie­se­pe­ter ihm das Ge­schäft rui­nier­te. Soll­te er halt schweig­sam sein, je­doch nicht am Tisch po­ten­ziel­ler Kun­den. Idi­ot!

»Herz­lich will­kom­men bei Eden Dy­na­mics.« Be­stimmt trat er auf die bei­den zu und reich­te ih­nen die Hand. »Marc Eden«, stell­te er sich vor und setz­te sich an den Kopf des Ti­sches. »Ent­schul­di­gen Sie mei­ne Ver­spä­tung, der Ver­kehr steckt manch­mal vol­ler Über­ra­schun­gen.« Ni­ckend stimm­ten sie zu, in­des Marc ei­ne Er­leich­te­rung durch­flu­te­te, als es merk­te, dass noch nichts ver­lo­ren war. Das Eis war ge­bro­chen.

Nach fünf Stun­den, ei­ner kur­zen Un­ter­bre­chung, um ei­nen vom Ca­te­rer be­reit­ge­stell­ten Snack zu sich zu neh­men, ver­ließ Marc mehr oder we­ni­ger zu­frie­den den Kon­fe­renz­raum.

»Wir ha­ben den Auf­trag«, mur­mel­te er Si­na zu, als er auf dem Weg in sein Büro ih­ren Schreib­tisch streif­te, setz­te aber gleich hin­ter­her: »Kannst du Ale­xan­der ru­fen?« Auch wenn jetzt alles gut lief, so konn­te es nicht weiter­ge­hen. Sein Ge­schäfts­part­ner ar­beit­ete nicht für das Un­ter­neh­men.

»Was hat er denn schon wie­der an­ge­stellt?«, mur­mel­te sie die rhe­to­ri­sche Fra­ge vor sich hin und griff zum Hörer. »Hier ist Si­na, Herr Eden möch­te Sie ger­ne spre­chen!«

Marc ver­kniff sich ein La­chen, als er sah, wie Si­na die Augen roll­te. Sei­ne Se­kre­tä­rin wuss­te ge­nau, wer wel­che Leis­tun­gen für die­ses Un­ter­neh­men voll­brach­te. Und wenn ihr Ale­xan­der dumm kam, er­trug sie es still­schwei­gend. Das war kein Zeichen von Schwäche, nein. Sie re­spek­tier­te ihn ein­fach nur nicht und nahm ihn nicht ernst. Je­dem an­de­ren wür­de Marc et­was er­zäh­len, wenn ei­ner der An­ge­stell­ten ge­gen­über der Ge­schäfts­füh­rung re­spekt­los wer­den wür­de. Denn egal wel­chen Krieg sie aus­foch­ten, Marc wür­de das nie­mals nach außen zei­gen. Was sie sich letz­tend­lich dach­ten, lag nicht in sei­nem Er­mes­sen. Si­na hat­te sich die­sen Frei­fahrts­schein aller­dings hart er­ar­bei­tet. Sie war mehr an Marcs Sei­te, als es Ale­xan­der je­mals war. Si­na mach­te Über­stun­den, so­bald er mit dem Fin­ger schnipp­te, war Be­ra­te­rin in allen Lebens­lagen und dien­te oft­mals als ei­ne Art Schutz­panzer, sor­tier­te An­fra­gen jeg­li­cher Art nach Wich­tig­keit aus und reich­te nur an Marc weiter, was Prio­ri­tät hat­te. Sie wuss­te über sei­nen Frust detail­liert Be­scheid, nicht sel­ten half sie Marc, et­was aus­zu­bü­geln, was Ale­xan­der ver­bockt hat­te.

»Was willst du?« Ale­xan­der kam kurz da­rauf in sein Büro ge­platzt, setz­te sich vor Marcs Schreib­tisch und sah ihn mit dem Fuß wip­pend an, als hät­te er kei­ne Zeit.

»Wir soll­ten uns über dei­ne Zu­kunft in die­sem Un­ter­neh­men un­ter­hal­ten«, be­gann er, räum­te ein paar Un­ter­lagen zur Sei­te und be­trach­te­te ihn mit ern­ster Mie­ne.

»Ich wüss­te nicht, was es da zu be­spre­chen gibt. Ich bin dein Part­ner und das wird auch so blei­ben.«

»Ale­xan­der, mach dir nichts vor. Du bist für das Un­ter­neh­men ei­ne Last, denn sind wir mal ehr­lich, wel­che Kun­den hast du uns ge­bracht? Was trägst du im Ge­schäfts­all­tag bei? Wann kann ich mich nur ein­mal auf dich ver­las­sen?«

»Hey«, sprang Ale­xan­der auf und stütz­te sich dro­hend auf der Tisch­plat­te ab. »Wer ist eben zu spät ge­kom­men, wer­ter Herr Eden?« Sei­ne Stim­me trief­te vor Sar­kas­mus. »Das warst du, nicht ich. Merkst du noch was?«

»Merkst du noch was?«, wie­der­hol­te Marc zor­nig und bau­te sich eben­falls in ei­ner dro­hen­den Hal­tung vor die­sem Idio­ten auf. »Du fragst mich allen Ern­stes, ob ich noch et­was mer­ke, nach­dem ich uns ei­nen De­al mit ei­ner ge­schätz­ten monat­li­chen Mar­ge im fünf­stel­li­gen Be­reich ein­ge­han­delt ha­be? Du hast da­zu ge­nau was beige­tra­gen? Ver­zeih mir, wenn ich so stut­zig bin, aber ich kann mich da­ran er­in­nern, dass du dort schwei­gend wie ein Mönch ge­ses­sen hast und dann über die Ca­napés her­ge­fal­len bist. Und jetzt sieh mir in die Augen und er­klä­re mir noch ein­mal, was hier falsch läuft!« Ale­xan­der fo­kus­siert, blick­te er ihm un­er­bitt­lich ent­ge­gen. Nein, vor­her muss­te er sich die Zun­ge ab­bei­ßen, sie zer­kau­en und über den Darm aus­schei­den, doch kei­nes­falls wür­de er den Blick vor die­sem Voll­honk sen­ken.

Es dau­er­te ei­ne gan­ze Wei­le, bis Ale­xan­der sich dem Du­ell der Ti­ta­nen ent­zog und lei­se flüs­ter­te: »Du wirst mich nie­mals los­wer­den. Denn oh­ne mei­ne fi­nanz­iel­le Sprit­ze wä­re die Fir­ma nicht da, wo sie jetzt ist, ver­giss das nicht.«

Das hör­te sich wie ei­ne Dro­hung an und Marc wuss­te ge­nau, dass es auch ei­ne war. Ale­xan­der war ein Meis­ter im Ma­ni­pu­lie­ren und Quä­len an­de­rer Men­schen. Er wür­de so schnell nicht hin­wer­fen, aber Marc wür­de auf kei­nen Fall auf­ge­ben, das stand fest. Den­noch wuss­te er, dass er in die­ser Si­tua­tion nichts mehr er­rei­chen konn­te, wes­halb er schwieg. Ein letz­tes sieges­si­che­res Seuf­zen, als wür­de er den­ken, dass er tat­säch­lich Recht hat­te und Ale­xan­der ver­ließ sein Büro. Arsch­loch! Ja, es stimm­te so­gar. Oh­ne sei­ne an­fäng­li­che Un­ter­stüt­zung hät­te Marc sei­ne Träu­me nie ver­wirk­li­chen kön­nen, aber dass die Fir­ma nun er­folg­reich war, war auf sei­ne Fä­hig­kei­ten zurück­zu­füh­ren – Marcs Un­ter­neh­mens­füh­rung und Know-how. Wenn es ihm nur um das Geld ge­hen wür­de, könn­te er ihm mehr als ge­nug in den Ra­chen schüt­ten. Doch mehr als ein­mal hat­te er be­reits be­kräf­tigt, dass er sich nicht aus der Fir­ma ki­cken ließ.

Ein Klop­fen er­tön­te und kurz da­rauf be­trat Si­na sein Büro. »Alles okay hier?«, woll­te sie von ihm wis­sen.

»Das Üb­li­che!«, gab Marc knapp zurück. Er muss­te die­sen Ab­schaum los­wer­den und das am be­sten so­fort!

Vermögensplanung

»Al­ter, da sind wir bei Star­bucks, Mom wie­der voll pein­lich mit ih­rem Fil­ter­kaffee, und auf ein­mal steht da Marc Eden ne­ben mir und la­bert mich an. Marc Eden! Kannst du das glau­ben?« Wäh­rend er sei­ner Zwil­lings­schwes­ter von dem Hö­he­punkt des Tages be­rich­te­te, leuch­te­ten Ma­ri­us’ Augen, als hät­te er den All­mäch­ti­gen höch­stper­sön­lich ge­se­hen. Da­bei war er vor­hin sehr klein­laut und fand es gar nicht mal so toll, wie er von ihm an­ge­spro­chen wur­de.

»Nenn Ama­lia nicht Al­ter, Ma­ri­us!«, fuhr An­ni da­zwi­schen. »Was ist heu­te nur los mit dir?« Kopf­schüt­telnd stand sie in der Kü­che und wuss­te nicht, was sie am meis­ten auf­reg­te. War es ihr Sohn, der schein­bar von allen gu­ten Geis­tern ver­las­sen war, oder der Löf­fel, der in ei­nem an­ge­trock­ne­ten Jog­hurt­be­cher kleb­te, an dem wie­der­um ein be­nutz­tes Taschen­tuch hing. Gro­ßer Gott, das hier war ein ver­damm­ter Schwei­ne­stall, an­ders konn­te sie sich das kaum er­klä­ren. Ih­re Tochter stand an den Kühl­schrank ge­lehnt und be­ob­ach­te­te un­be­ein­druckt das Schau­spiel, wäh­rend sie ei­ne Ba­na­ne aß.

»Außer­dem hat er dich nicht bloß an­ge­spro­chen, er hat dich ge­rügt und da­rauf hin­ge­wie­sen, dass du dich an­stän­dig ar­ti­ku­lie­ren sollst!« In­ner­lich ju­bel­te sie, als sie an die­sen Mo­ment zurück­dach­te. Der Typ hat­te solch ein Selbst­ver­trauen, dass selbst sie kurz in­ne­hielt, um ihn an­zu­schau­en.

Zu­erst fie­len ihr sei­ne Tä­to­wie­run­gen auf. Lan­ge ver­schnör­kel­te Aus­läu­fer sah man un­ter dem Ja­ckett her­vor­lu­gen. Am Hals konn­te man das Por­trät ei­nes Man­nes er­ah­nen, wäh­rend sei­ne Haa­re zu ei­nem un­or­dent­li­chen Kno­ten am Hin­ter­kopf zu­sam­men­ge­bun­den waren. Er war groß, stolz und hat­te sie schon selbst­be­wusst er­wähnt? Den knall­har­ten Ge­schäfts­mann, der er war, nahm man ihm oh­ne mit der Wim­per zu zu­cken zu ein­hun­dert Pro­zent ab. Dass er das war, wuss­te An­ni wie­der­um, weil man Marc Eden, den Ent­wi­ckler der die an­ge­sag­tes­te Mu­sic-App ge­schaf­fen hat­te, in Köln ein­fach kann­te. Für die ei­nen war er der be­gehr­te Jung­ge­sel­le, für die an­de­ren ein Mann, den man aus den Tratsch­spal­ten di­ver­ser Zei­tun­gen, in de­nen er immer mal wie­der mit ir­gend­wel­chen Schön­hei­ten ab­ge­lich­tet wur­de, kann­te. Für ih­ren Sohn war er wei­taus mehr. Er sam­mel­te so­gar Ma­ga­zi­ne, in de­nen The God­fat­her of IT-Mist ein In­ter­view nach dem an­de­ren gab, sta­pel­te sie fein säu­ber­lich in sei­nem Regal, wenng­leich der Rest des Zim­mers ei­nem Trüm­mer­feld glich.

»Aber er hat mich an­ge­spro­chen, das ist der sprin­gen­de Punkt!«, triump­hier­te Ma­ri­us, hiev­te sich zeit­gleich mit den Hand­bal­len auf die Ar­beits­flä­che der Kü­chen­zei­le und nahm ei­nen Schluck aus der Spru­del­fla­sche. Nun gut, wenn er das so se­hen woll­te, bit­te.

»Gott, Ma­ri­us. Komm mal wie­der klar«, ent­geg­ne­te Ama­lia be­lus­tigt. »Hof­fent­lich träumst du heu­te Nacht nicht von dei­nem Zu­cker­berg 2.0.«

»Halts Maul, Sis! Du hast doch kei­ne Ah­nung. Geh mit dei­nen Bar­bies spie­len.«

»Hey, Leu­te! Jetzt ist Schluss hier. Habt ihr für die Deutsch­ar­beit ge­lernt?« An­ni war­te­te nicht auf Ant­wort, denn die­sem Ge­zan­ke durf­te man er­fah­rungs­ge­mäß kei­nen Raum zum Rei­fen ge­ben, sonst schau­kel­te sich das pu­ber­tä­re Rum­ge­strei­te im Nu zu ei­nem mons­trö­sen Klein­krieg hoch. »Geht ler­nen, da­mit ver­bringt ihr eu­re Zeit we­nigs­tens sinn­voll!«

Auch wenn die zwei sie ak­tu­ell an den Ran­de ei­nes Ner­ven­zu­sam­men­bruchs trie­ben, eins funk­tio­nier­te immer. Ih­re Kin­der waren wiss­be­gie­rig und ehr­gei­zig, was sie oft­mals frei­wil­lig hin­ter ih­re Schreib­ti­sche be­weg­te und zum Ler­nen an­imier­te. Das er­spar­te An­ni ei­ne Men­ge un­schö­ner Mo­ti­va­tions­ar­beit, wenn sie da­ran dach­te, wie häu­fig sich die an­de­ren Müt­ter da­rüber be­schwer­ten.

Ama­lia ging zum Kü­chen­tisch, um dort ih­re Ba­na­nen­scha­le ab­zu­le­gen, und ver­ließ den Raum. Kopf­schüt­telnd stand An­ni da und be­trach­te­te den Tisch mit gro­ßen Augen. Ja, war es denn zu fas­sen? Der Müll­ei­mer be­fand sich ge­nau an je­ner Stel­le, wo sie zu­vor ge­stan­den hat­te und dann wun­der­te sie sich, wa­rum sie in letz­ter Zeit so aus­ge­laugt war? »Ama­lia, räum dei­nen Müll weg. Manch­mal fra­ge ich mich, wie ihr bei­de es aufs Gym­na­si­um ge­schafft habt. Das ist doch un­glau­blich!«, rief sie in den Flur und war­te­te, bis ih­re Tochter zurück­ge­kehrt war, die Auf­ga­be er­le­digt hat­te und wort­los die Trep­pen her­auf­lief.

Als An­ni letz­tend­lich zwei Türen zu­knal­len hör­te, wuss­te sie, dass sie jetzt min­des­tens ein paar Stun­den Ru­he ha­ben wür­de. Er­mü­det stütz­te sie sich an der Tisch­kan­te ab und at­me­te tief durch.

An­ni war nor­mal­er­wei­se ei­ne Po­wer­frau. Sie re­gel­te Haus­halt, Kin­der, war über­aus en­ga­giert in der Dorf­ge­mein­schaft und ging re­gel­mä­ßig zur Kir­che. Zu­dem ar­beit­ete sie im Back­of­fi­ce, in­klu­si­ve der Buch­hal­tung, in der Fir­ma ih­res Man­nes, der Ver­mö­gens­be­ra­ter war. An­ni war mit ihm liiert, seit sie sich beim Schwimm­un­ter­richt in der Schu­le un­ster­blich in­ei­nan­der ver­liebt hat­ten.

Heu­te noch hat­te sie das Bild vor Augen, wie er mit sei­nen Klas­sen­ka­me­ra­den am Be­cken­rand stand und sich über ir­gend­et­was amü­sier­te. Sein La­chen be­wirk­te, dass sich klei­ne Grüb­chen auf den Wan­gen bil­de­ten, die sie um­hau­ten. Zwan­zig Jah­re war das her und na­tür­lich hat­te sich die Fas­zi­na­tion um Cons­tan­tins Grüb­chen ge­legt. Sie ver­brach­ten so viel Zeit mit­ein­an­der, wie es für ei­ne Un­ter­neh­mer­fa­mi­lie mög­lich war. Zu­ge­ge­be­ner­ma­ßen war das nicht un­be­dingt oft. Wenn er mal wie­der auf Ge­schäfts­rei­se war, waren zum Aus­gleich die Dorf­frau­en, die sie mehr­mals wö­chent­lich sah, für sie da. An­ni hat­te alles, was ei­ne Bil­der­buch­fa­mi­lie aus­mach­te. Sie hat­te tol­le Eltern, Schwie­ge­rel­tern, groß­ar­ti­ge Kin­der, wenn sie manch­mal auch ein biss­chen nerv­ten, und ei­nen treu­en Ehe­mann.

»Hi.« Cons­tan­tin trat hin­ter sie, gab ihr ei­nen Kuss aufs Haar und setz­te sich an den Kü­chen­tisch.

»Hal­lo«, grüß­te sie ihn mü­de. »Wie war dein Tag?«

»An­stren­gend! Die­ser Meier ist so ein Idi­ot. Er ist ab­so­lut be­ra­tungs­re­sis­tent«, sag­te er und blick­te An­ni nach Zu­stim­mung su­chend an.

»Ein un­sym­pa­thi­scher Kerl«, be­stä­tig­te sie, drück­te ei­nen Espres­so aus dem Kaffee­voll­auto­ma­ten und stell­te ihn auf dem Tisch vor ihm ab.

»Aber was bringt es? Er be­zahlt nun mal an­stän­dig und auch wenn ich weiß, wie du die­se ab­ge­dro­sche­nen Sät­ze ver­ab­scheust: Der Kun­de ist Kö­nig!« Er pus­te­te in die Tas­se, nipp­te vor­sich­tig an dem hei­ßen Ge­tränk, und stell­te sie mit ei­nem schmerz­ver­zerr­ten Blick wie­der ab, wäh­rend er sich die ver­brann­te Lip­pe rieb. Skep­tisch be­äug­te er An­ni kurz da­rauf. »Alles okay? Du siehst mü­de aus!«

»Das bin ich. Viel­leicht ist ei­ne Er­käl­tung im An­marsch, wer weiß?«, er­wi­der­te sie und spür­te in der Tat die­se aus­lau­gen­de Schwe­re, die sie seit ei­ni­gen Ta­gen be­glei­te­te.

»Leg dich hin. Ich mach hier Klar­schiff!« Mit ei­ner aus­laden­den Be­we­gung zeig­te er auf die voll­ge­stell­te Kü­chen­zei­le, was er nicht nä­her er­läu­tern muss­te.

Ent­schul­di­gend hob An­ni die Schul­tern. Es brauch­te kei­ne weite­re Er­klä­rung, schließ­lich wuss­te Cons­tan­tin, wel­ches Pen­sum An­ni tag­täg­lich er­füll­te und was für Schwei­ne in punc­to Sau­ber­keit ih­re Kin­der waren. Er stand schon immer hin­ter ihr und wür­dig­te, was sie tat.

»Bin im Bett!«, sag­te sie, warf ihm ei­nen dank­ba­ren Blick zu und ließ die chao­ti­sche Kü­che mit ih­rem geord­ne­ten Ehe­mann im Ein­klang zurück. Schnell ent­le­dig­te sie sich ih­rer Kla­mot­ten, putz­te sich die Zäh­ne, zog sich ein viel zu gro­ßes Shirt über, wel­ches sie zum Schla­fen ger­ne trug, und floch­te sich ih­re fast hüft­lan­gen Haa­re zu ei­nem Zopf. Als sie end­lich die küh­len Bett­la­ken auf ih­rer Haut spür­te, merk­te sie, wie sich zu­min­dest ih­re Mus­keln ent­spann­ten und sie lang­sam run­ter­fah­ren konn­te. Das Kis­sen un­ter ih­rem Kopf mit den Hän­den zu­recht­ge­rückt, be­trach­te­te sie akri­bisch die Zim­mer­de­cke, wäh­rend sie den Tag Re­vue pas­sie­ren ließ: Sie weck­te die Kin­der, fuhr ins Büro, koch­te für Ama­lia ve­ge­ta­risch, für Ma­ri­us fleisch­hal­tig und räum­te das Haus auf, wie je­den Tag. Da­rauf­hin fuhr sie mit ih­rem Sohn in die Stadt, denn er brauch­te drin­gend ein Zu­be­hör­teil für sei­nen Lap­top, oh­ne das sein Le­ben schein­bar spä­tes­tens am Abend sinn­los ge­we­sen wä­re. Dass ein Weg bis in Kölns In­nens­tadt im Feie­ra­bend­ver­kehr ei­ne Stun­de dau­er­te, ver­such­te sie, zu ver­drän­gen. Denn die­sen Weg muss­ten sie immer­hin zwei­mal fah­ren, um nach Hau­se zu kom­men. Und dann woll­te sie sich ein­fach nur ei­nen Kaffee ge­neh­mi­gen, da tick­te ihr Sohn wort­wört­lich aus, weil sie auf die­sen IT-Gu­ru tra­fen. Wie er sie ge­nannt hat­te: »Rot­schopf und Super­man«, mur­mel­te sie lei­se vor sich, be­vor über ih­re Lip­pen ein Lä­cheln husch­te. Er war wirk­lich süß. Nein, das pass­te nicht. Er war eher se­xy, ja. Sei­ne gan­ze Hal­tung strotz­te vor Selbst­be­wusst­sein und die­ses ge­wis­se Fünk­chen Ar­ro­ganz stand ihm außer­or­dent­lich gut. Ei­ne Gän­se­haut über­zog ih­re Ar­me. Er war auf ei­ne Art un­nah­bar und den­noch war er, den sie nor­mal­er­wei­se nur von ge­druck­ten Zei­tungs­fotos kann­te, für An­ni heu­te wahr­haf­tig greif­bar. Er hat­te es ge­schafft, sie zum Lä­cheln zu brin­gen, und auto­ma­tisch frag­te sie sich, wann Cons­tan­tin das zum letz­ten Mal fer­tig­ge­bracht hat­te. Ein un­gu­tes Ge­fühl misch­te sich zu dem zar­ten Krib­beln, was durch den Ge­dan­ken an Marc er­weckt wur­de. Ei­nen sol­chen Ver­gleich hat­te sie noch nie ge­zo­gen, fiel ihr in die­sem Mo­ment auf und gleich­zei­tig auch, dass es schon sehr lan­ge her war, dass sie, bis auf ein net­tes und re­spekt­vol­les Lä­cheln, seit Mo­na­ten nicht mehr mit ih­rem Mann herz­haft ge­lacht hat­te. Die Augen­braue zu­sam­men­ge­zo­gen, roll­te sich An­ni zur Sei­te. Was soll­te sie nun mit die­ser Er­kennt­nis an­fan­gen? War es über­haupt von Be­deu­tung? Klar, war es das. Bis­her exis­tier­te in An­nis Le­ben nur ein Mann und das war Cons­tan­tin, den sie lieb­te. Er war für­sor­glich, hilfs­be­reit, kul­ti­viert und stand für sei­ne Fa­mi­lie ein. Aber ein Bauch­krib­beln gab es ewig nicht mehr.

Das war nor­mal, wenn man be­dach­te, dass sie be­reits seit so lan­ger Zeit ein Paar waren. Der All­tag hat­te sie fest im Griff, da blieb kei­ne Zeit für der­ar­ti­ge Lie­be­lei­en, die auch nur an­satz­wei­se et­was in ihr aus­lö­sen könn­ten. Dass das völ­li­ger Quatsch war, war ihr durch­aus be­wusst und trotz­dem ver­such­te sie sich mit dem Er­geb­nis ih­rer geis­ti­gen Ar­beit zu­frie­den­zu­ge­ben.

Un­wei­ger­lich dach­te sie an Marc, wie er sie, mit sei­ner lo­cke­ren Art, be­stim­mend und über­le­gen vor die­sem däm­li­chen Kaffee­hei­ni ge­ret­tet hat­te. Er konn­te es ein­fach, da war nichts ge­schau­spiel­ert, er war, wie er war. Das Krib­beln kehr­te wie­der in ih­ren Bauch zurück. Er war de­fi­ni­tiv ei­ne Mar­ke für sich und gar nicht so ab­ge­ho­ben, wie er in der Pres­se dar­ge­stellt wur­de. Was hät­te ihr Cons­tan­tin in die­ser Si­tua­tion ge­tan? Er hät­te sie wahr­schein­lich auf­ge­for­dert, et­was an­de­res zu be­stel­len, um kein Auf­se­hen zu er­re­gen, und Ma­ri­us hät­te er eben­falls zu­recht­ge­wie­sen, aber ganz si­cher nicht so cool wie Marc Eden, stell­te sie schmun­zelnd fest. Wenn sie nur da­ran dach­te, wie Ma­ri­us sich in der Schu­le mit dem Tref­fen brüs­ten wür­de, muss­te sie sich ein Auf­la­chen ver­knei­fen. Un­ter den Nerds konn­te er da­mit Ein­druck schin­den, das war Fakt. Nun gut, sie gönn­te ihm sei­nen glanz­vol­len Mo­ment.

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280 стр. 1 иллюстрация
ISBN:
9783947115136
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