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Gespalten

Vorwort

Ich bin Nils und mit einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte zur Welt gekommen. Ich werde in diesem Buch meine Erfahrungen, überwiegend im zwischenmenschlichen Bereich, schildern. Meine Aufzeichnungen sollen dazu dienen, die für mich prägenden Erlebnisse besser verarbeiten und mich und mein Umfeld klarer sehen zu können sowie Menschen in ähnlichen Situationen aufzuzeigen, dass das Leben zwar grausam sein kann, aber auch für jeden ein Fenster offen hält.

Ich bin 1982 per Kaiserschnitt zur Welt gekommen. Meiner Mutter hat es sicherlich einen gehörigen Schreck eingejagt, als sie mich das erste Mal in die Arme geschlossen hat.

Wie der Name der Behinderung schon sagt, hatte ich eine Spalte durch Oberlippe, Kiefer und Gaumen. Im früheren Sprachgebrauch nannte man diesen Geburtsfehler Hasenscharte, wegen der Ähnlichkeit mit der Y-förmigen Spalte von Oberlippe zu Nasenlöchern bei Hasen. Ebenso hieß es, die Mutter habe sich während der Schwangerschaft sehr heftig erschrocken, was zu diesem Fehler geführt hätte. Das ist natürlich Unsinn. Damals meinten die Ärzte, ein Vitaminmangel oder auch Vitaminüberschuss könnte der Grund für die Fehlbildung sein.

Leider gab es fast so viele unterschiedliche Meinungen, wie die Zahl der Ärzte, die meine Eltern mit mir konsultierten.

Dass meine Eltern Zahntechniker waren, war ein großer Vorteil. So fertigte mein Vater eine Schnabeltasse für mich an, da ich nicht an der Brust meiner Mutter trinken konnte. Außerdem studierte er jede zur damaligen Zeit vorhandene Literatur, die mein Problem behandelte. Ich bin meinen Eltern sehr dankbar, dass sie vom ersten Tag an nur das Bestmögliche für mich wollten.

Frühe Kindheit

Meine Eltern erzählten mir, ich sei stets ein fröhliches Kind gewesen und habe alle Operationen willig über mich ergehen lassen. Auf die Frage, wie ich auf andere Leute gewirkt habe, meinte mein Vater, dass es für einige nicht ganz einfach gewesen sei. Verständlich, wenn sich bei einem lachenden Kind plötzlich die Oberlippe spreizt.

Für meinen älteren Bruder wurde meine Behinderung rasch zur Normalität.

Für die ersten Operationen entschieden sich meine Eltern für einen Operateur, der gebürtig aus der ehemaligen DDR kam. Er hatte auf diesem Gebiet eine neue Operationstechnik entwickelt, die meinen Eltern am vernünftigsten erschien.

Mit einem halben Jahr hatte ich die ersten beiden Eingriffe hinter mir. Die Lippe war geschlossen, scheinbare Normalität kehrte ein.

Ich kann mich noch gut an einige Krankenhausaufenthalte erinnern. Insgesamt mögen es ungefähr fünfzehn gewesen sein. Als ich wieder einmal an der Nase operiert wurde, war mein Vater dabei. Er hatte mich danach gefragt, ob ich den Verband im Spiegel anschauen möchte. Dies habe ich natürlich bejaht. Als er mich dann auf einen Stuhl gestellt hatte und ich den riesigen Verband auf meiner Nase im Spiegel entdeckte, wurde mir ganz schwindlig. Ich hatte das Gefühl, als hätte ich eine riesige weiße Knollennase im Gesicht.

Bei einer weiteren Operation wurden zum ersten Mal Knochen aus meinem Beckenkamm entnommen und im Oberkiefer eingesetzt. Der Verband mit dem vielen Draht im Gaumen war äußerst unangenehm und meine Mutter musste mich im Krankenzimmer regelrecht einfangen, bevor sie mich in das kleine Untersuchungszimmer bringen konnte. Ich mochte den Arzt nicht, der den Verband prüfte und schmerzhaft in meinem Mund herumfuhrwerkte. Der Narkosearzt hingegen war sehr nett. Er besuchte mich öfter und spielte mit mir Tischkicker. Später erfuhr ich, dass das Personal gedacht hatte, ich wäre Privatpatient.

Allerdings war ich kein Privatpatient, somit mussten meine Eltern einen Teil der Kosten decken, da die Krankenkasse nicht für alle Behandlungen aufkam.

Meine Kindergartenzeit verlief recht entspannt. Die Erzieherin hieß Elli und war meine erste große Liebe. Sie war eine ausgesprochen liebenswerte Person. Besonders liebte ich ihre langen dunkelblonden Haare und ihr freundliches Lächeln, mit dem sie mich jeden Morgen empfangen hat. Dass ich kein großer Maler werden würde, hat sich schon damals abgezeichnet. Meine Stärken lagen in anderen Bereichen. Ich war gerne in Bewegung, hatte Freude beim Fangen spielen oder anderen Action-Spielen.

Erste Schuljahre

1988 wurde ich eingeschult. Bereits nach einigen Tagen hatte ich ein negatives Erlebnis mit dem Hausmeister. Kann sein, dass ich gerannt bin. Ich weiß es nicht mehr so genau. Auf jeden Fall bin ich mit meiner Jacke an einem Blumenstrauß im Flur hängen geblieben. Eh ich mich versah, lag die bunte Pracht samt zersplitterter Vase auf dem Boden, Herr Weimer, der Hausmeister, hat getobt. Am nächsten Tag habe mich nicht mehr in die Schule getraut. Schließlich habe ich meiner Mutter von meinem Missgeschick erzählt. Sie hat sich furchtbar darüber aufgeregt, wie man gegenüber einem Sechsjährigen derart überreagieren konnte. Kurz entschlossen brachte sie mich zur Schule. Dort gab es wohl ein klärendes Gespräch zwischen ihr und Herrn Weimer. Von da an hat er mich erst mal in Ruhe gelassen.

Die Grundschule stellte sich im Großen und Ganzen als sehr angenehm dar. In meiner Straße wohnten meine besten Freunde, Markus und Jan, mit denen ich jeden Morgen den Schulweg antrat.

Bei drei Jungs war es natürlich oftmals auch der Fall, dass beim Spielen einer von uns das fünfte Rad am Wagen war. Markus war immer der Dreiste von uns dreien, egal wo wir waren, er hat sich immer auf die Couch geschmissen und sich wie zu Hause gefühlt. Jan war immer etwas zurückhaltender und ruhiger. Ich war eher der Clown in unserer Truppe.

Oft sind wir mit unseren großen Brüdern zum Fußball spielen gegangen. Ich kann mich noch gut an den löchrigen Bolzplatz am Friedhof erinnern.

Manchmal haben wir mit unseren Kettcars kleine Crashtests durchgeführt. Ich fuhr von unserem Grundstück auf den Gehweg, Jan fuhr bei sich Zuhause los und kam mir frontal entgegen. Bei einem dieser Frontal-Crashs hat mein Modell leider einen Achsbruch erlitten.

Später bin ich noch mal negativ mit Herrn Weimer in Kontakt gekommen, es stand die Fahrradprüfung an. Diese wurde immer mit den Kindern der dritten Schulklasse durchgeführt. Auf jeden Fall hatte ich das Pech, dass ich als Letzter auf die Strecke gehen musste. Laut Hausmeister musste der Letzte der Gruppe immer ein orangefarbenes Cappy aufsetzen, damit alle wussten, dass der letzte Fahrer kam. Aufgrund meines blumigen Erlebnisses mit Herrn Weimer, war ich ihm so gut es ging aus dem Weg gegangen. Aus meinem Verhalten schloss er wohl, dass ich nicht gern im Mittelpunkt stand. Er hat das mit dem Cappy vor allen anderen zelebriert, als wäre ich der Prinz of Wales, dem die Krone verliehen wird. Ich hätte im Boden versinken können.

Eigentlich war ich ein fröhliches Kind, oft habe ich meine Familie durch meine Art aufgeheitert. An ein Weihnachtsfest bei meinen Großeltern kann ich mich noch gut erinnern, damals gab es einen Hit namens “Hier kommt Kurt”.

Mit der Sonnenbrille meines Onkels und dem Hut von meinem Opa habe ich das Lied zum Besten gegeben. Mit einem Kamm als Mikrofon und einer Decke als Mantel bewaffnet, bin ich durchs Wohnzimmer gewirbelt, habe getanzt und gesungen. Meine Großeltern, Onkel und Tanten waren von meinem Auftritt begeistert und haben herzhaft gelacht.

Es war eine schöne Zeit damals in der ich nie wirklich mit meiner Behinderung konfrontiert wurde. Nur Timo, ein Bekannter meines Cousins, äußerte sich ab und zu abfällig und nannte mich „Elefant“, wenn er mich sah. Natürlich war mir das unangenehm, dennoch kam ich im Prinzip gut mit ihm zurecht.

Außerdem war ja meine Nase tatsächlich nicht so wie die anderer Kinder, was mir dadurch immer wieder verdeutlicht wurde.

Durch die Spalte auf der rechten Seite fehlte dort der Knorpel in der Nase, was im Verlauf meines Wachstums immer deutlicher wurde. Obwohl Timo mich öfter „Elefant“ nannte, gehörte er nie zu den Menschen, über die ich eine negative Meinung hatte.

Mit ungefähr acht Jahren musste ich zum ersten Mal zum Kieferorthopäden. Die Orthopädin meinte, dass sie diesen schweren Fall nicht übernehmen könne, und empfahl meiner Mutter die Uniklinik in Münster.

So kam es, dass meine Mutter und ich einmal im Monat nach Münster in die Universitätsklinik fuhren. Sie hat sich nie über diese zusätzliche Belastung neben Haushalt und Beruf beklagt.

Dort machte Dr. Rehmer zum ersten Mal einen Abdruck von meinem Kiefer. Leider ist es so, dass es dort viele junge Ärzte gibt, die sich über kurz oder lang selbstständig machen. So kam es, dass sich viele unterschiedliche Ärzte um mich bemühten.

Eines Tages kam uns in einem der schmalen Gänge, die die einzelnen Gebäudekomplexe miteinander verbanden, ein Kind mit einem Wasserkopf entgegen. Ich spürte, dass meine Mutter genauso erschrak wie ich. Ich wollte ihn nicht anstarren, konnte aber den Blick nicht abwenden. Gleichzeitig empfand ich ein tiefes Mitleid mit dem Jungen. Dieses Mitleid sollte mir in meinem Leben, beim Umgang mit Menschen mit Behinderung, noch oft begegnen. Im Laufe der Jahre entwickelte ich ein ganz besonderes Einfühlungsvermögen für benachteiligte Menschen.

Eines Tages war ich zum 9. Geburtstag von meinem Klassenkameraden Pierre eingeladen. Dessen Vater lag zu diesem Zeitpunkt nach vielen Krankenhausaufenthalten querschnittsgelähmt zu Hause im Bett.

Ich saß mit den anderen Jungs auf der Terrasse und ließ mir die Pommes schmecken, als ein Bruder von Pierre zu mir kam und meinte, dass sein Vater mich kurz sprechen wolle. Erstaunt folgte ich ihm ins Zimmer des Vaters, der fern sah. Als wir eintraten, schaute er mich an und meinte, dass er mich durchs Fenster gesehen habe und ich wie Mike Krüger aussehen würde. Dann lachte er herzhaft und wandte sich wieder dem Fernseher zu.

Ich habe damals nicht wirklich verstanden, was er mir damit sagen wollte. Heute denke ich, wenn es ihm was gebracht hat und er in dieser schlechten letzten Zeit seines Lebens noch ein wenig Spaß gehabt hat, warum nicht.

Ich habe nie mit jemandem über diese Begegnung gesprochen, wie ich all meine Negativ-Erlebnisse gegenüber meinen Eltern verschwiegen habe. Heute weiß ich, dass das falsch war.

Eines Tages hat es an der Tür geklingelt, als ich in meinem Zimmer spielte. Meine Mutter öffnete und sah sich jemandem gegenüber, der Geld für Menschen mit Behinderung sammelte. Meine Mutter erklärte dem Mann, dass sie selbst ein Kind mit Behinderung hätten und dadurch finanziell stark belastet seien. Diese Worte haben sich bis heute tief in mein Bewusstsein eingegraben. Auch darüber habe ich nie gesprochen.

Mit zehn, die Grundschulzeit neigte sich ihrem Ende zu, begannen meine ersten Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht. Markus, Jan und ich spielten immer mit drei Mädchen aus unserer Klasse. Wir spielten Vater, Mutter, Kind, bauten einen Staudamm oder sahen zusammen Videokassetten an. Irgendwann war es so, dass ich beim Fangen lieber von Esther gefangen werden wollte als von Julia. Damals begannen meine Probleme mit Markus, von denen er bis heute nichts erfahren hat.

Wir verliebten uns beide, wie wir damals zu empfinden glaubten, in dasselbe Mädchen. Ich habe jedoch meine Gefühle für mich behalten.

Eines Tages hatten mein Cousin Karsten und ich die Idee, dass wir jeder eine Kiste vergraben wollten, in die wir ganz persönliche Dinge legen wollten. Erst viele Jahre später würden wir unsere Schätze wieder ausgraben. Gesagt, getan. In meine Schatzkiste wanderte auch ein Zettel, auf den ich geschrieben hatte, dass ich Esther liebe.

Es kam, wie es kommen musste. Mein Cousin, der es scheinbar nicht mehr aushalten konnte, buddelte nach kurzer Zeit beide Kisten wieder aus. Natürlich ohne mich! Als Markus und ich auf dem Heimweg von der Schule waren, rief Karsten: „Nils liebt Esther, Nils liebt Esther …“ Ich dachte, ich müsste im Erdboden versinken. Selbstverständlich habe ich heftig widersprochen. Bestimmt war ich knallrot angelaufen. Zu Hause habe ich mich aufs Bett geworfen und vor Scham und Enttäuschung bitterlich geweint.

Ich war als Kind im Gegensatz zu meinem Bruder noch in keinem Sportverein. Bjarne gehörte der Leichtathletik-Gruppe an. Auf diese Weise kam ich zum Waldlauf und habe ein paar Wettkämpfe gewonnen. Trotzdem war es nicht das Richtige für mich. Recht schnell wechselte ich zum Fußball. Zu Beginn als Torwart und später als Verteidiger. Ich war ziemlich gut, doch dann konnte ich mich nicht mehr aufraffen, hinzugehen, was mich im Nachhinein doch sehr ärgert.

Heute sage ich meinen Eltern immer, dass sie mich doch besser hätten fördern müssen, was ich natürlich nicht böse meine. Meinen Eltern war es ein Dorn im Auge gewesen, dass ich Fußball gespielt habe, da sie es viel zu gefährlich für mich fanden. Ich bin ihnen dankbar, dass sie mich trotz ihrer Bedenken spielen ließen.

Mit dem Ende der Grundschulzeit meldeten mich meine Eltern in der Realschule an.

Hänseleien – das andere Geschlecht – Freundschaft – Alkohol

In der Realschule hatte ich das Glück, dass ich einige Kameraden wiedertraf. Dazu gehörten mein bester Freund Jan, außerdem Mark und Manuel. Wir fuhren gemeinsam mit dem Bus nach Oelde. Zunächst war mein Bruder noch dabei, was den Vorteil hatte, dass ich mich als Fünftklässler zu ein paar Zehntklässlern stellen konnte.

Natürlich waren wir Stromberger an der neuen Schule in Oelde erst mal Außenseiter. Die anderen haben über uns getuschelt. Durch die eine oder andere nicht allzu ernst gemeinte Keilerei fanden wir aber bald unseren Platz in der Klasse. Trotzdem gab es schwierige Situationen für mich.

Eines Tages auf der Heimfahrt saß ich mit meinem Bruder vorn im Bus, als aus den hinteren Reihen, wo sich meist die Hauptschüler aufhielten, verletzende Bemerkungen zu meinem Aussehen kamen. „Komm mal zu uns nach hinten Behindi“ oder „Spasti, willst du mich heute Abend mal besuchen?“ Plötzlich stand ein Mädchen neben mir, kicherte blöd und sagte dann: „Hey Plattnase hörst du mich nicht? Schau mich mal an.“

Am liebsten wäre ich vor Scham im Boden versunken. Mein Bruder stieß mich in die Seite und zischte: „Hör nicht auf den Scheiß“. Mühsam unterdrückte ich meine Tränen. Zu Hause verkroch ich mich in mein Zimmer und gab mich meinem Schmerz hin. Auch über diesen Vorfall habe ich nie mit meinen Eltern gesprochen.

An einem anderen Tag, mein Bruder und ich waren wieder auf dem Heimweg, stiegen wir aus dem Bus und überquerten den Schulhof der Grundschule, als ein Junge auf mich zugerannt kam und mir meine Tasche entriss.

Bjarne wurde stinksauer und holte sie für mich zurück. Diese ersten erniedrigenden Erlebnisse nahmen mir jegliche Lust auf die Schule. Vielleicht war das bereits der Anfang vom Ende.

Der Spott der anderen bezog sich natürlich auf mein Aussehen. Durch die kieferorthopädische Behandlung sollten meine verdrehten Schneidezähne in die richtige Stellung gebracht werden. Leider war es so, dass sie sich durch die Korrektur lockerten. Einen konnten wir ohne Betäubung herausziehen.

In der Parallelklasse gab es einen behinderten Jungen. Er hieß David, hatte einen verstümmelten Arm und nur ein halbes Bein. Er war total schräg drauf und hat ständig irgendwelche Leute angemacht. Auch ich war ein Opfer seines Spotts, was ich überhaupt nicht verstehen konnte. Schließlich war er doch selbst behindert.

Wahrscheinlich wollte er durch sein Verhalten seine Schwäche ausgleichen. Ich habe nie dieses vermeintliche Selbstvertrauen besessen und auch nie den Mut gefunden, es ihm mit gleicher Münze heimzuzahlen.

Mein mangelndes Selbstbewusstsein zeigt sich auch in folgender Szene. Wir standen nach der Schule wieder einmal am Busparkplatz. Irgend so ein Volltrottel aus der Hauptschule rempelte mich auf einmal an und rief: „Hey du Vollassi, aus welcher Tonne haben sie dich denn geholt?“ Ich habe mich nicht gewehrt und bin einfach in den Bus gestiegen. Da hat er an die Scheibe geklopft, dumm gelacht und eine Fratze gezogen, die wohl mein Äußeres widerspiegeln sollte.

Sein Gesicht habe ich bis heute nicht vergessen. Später sah ich ihn auf der einen oder anderen Party. Ich hab ihn aber nie angesprochen. Außerdem gehörte er zu denen, die mir nur einmal dumm kamen.

Von anderen wurde ich dagegen meist täglich schikaniert. Während der Pausen haben wir auf dem Schulhof oft mit einem Tennisball Tischtennis gespielt. Meist kamen drei Jungs aus den oberen Klassen hinzu und sahen uns zu. Dabei haben sie dämlich gelacht und sich über mein Aussehen lustig gemacht. Wenn wir uns dann verzogen haben, sind sie hinter uns her und haben weiter dumme Sprüche, wie „Plattnase, Spasti, Behindi, Spachtelnase etc.“ losgelassen. Es war einfach nur grausam, dies fast täglich erleben zu müssen. Bei diesen erniedrigenden Aktionen habe ich mich oft gefragt, wie es wohl an der Hauptschule gewesen wäre.

Aufgrund dieser Vorkommnisse habe ich mit der Zeit genau darauf geachtet, wem ich wann über den Weg laufen könnte, um solch peinliche Situationen zu vermeiden. Mein „Gefahrenscanner“ funktionierte, zumindest außerhalb der Schule, recht gut. Jedoch hatte ich fast immer das Gefühl, die Leute würden hinter meinem Rücken tuscheln.

Ich weiß nicht, was passiert wäre, wenn ich meine Eltern oder Lehrer über die Geschehnisse informiert hätte. Vielleicht wäre ja alles noch schlimmer geworden. Damals hatte ich das Gefühl, meine Probleme selbst lösen zu müssen.

Manchmal fühlte ich mich so mies, dass ich partout nicht zur Schule wollte. Dann habe ich das Fieberthermometer an die brennende Nachttischlampe gehalten, um Fieber vorzutäuschen, damit mich meine Mutter von der Schule abmeldete.

Einmal hatte ich so schlimme Bauchschmerzen, dass meine Mutter mit mir in einer Nacht- und Nebelaktion zum nächsten Notarzt gefahren ist. Er konnte nichts feststellen und meinte, die Schmerzen könnten psychosomatisch bedingt sein. Ich habe beteuert, dass es keine Probleme gäbe. Das war im Nachhinein gesehen ein Fehler.

Neben mir gab es ein weiteres Mobbingopfer in unserer Klasse. Es war Manuel aus Stromberg, er war ein sehr schüchterner Junge mit lockigen Haaren. Wir haben ihn als „Römer-Löckchen“ aufgezogen. Ich habe mich damals an den Hänseleien beteiligt, was mir heute sehr unangenehm ist. Aber es tat einfach nur gut, mal nicht der Depp der Nation zu sein. Ich wusste, dass ich mich dadurch nicht von den Idioten, die mir das Leben schwer machten, unterschied. Dennoch konnte ich nicht anders und schäme mich heute dafür.

In einer relativ frühen Phase der kieferorthopädischen Behandlung ist es uns einmal gelungen, einen Überbiss (Oberkiefer vor dem Unterkiefer) hinzubekommen, doch das war das letzte Mal denn dann begann der Unterkiefer zu wachsen. Durch dieses Wachstum war der zurückgebliebene Oberkiefer immer deutlicher zu erkennen und machte mir das Leben nicht einfacher.

Die Anfeindungen wurden leider nicht weniger, es gab noch eine zweite Gruppe von Tyrannen. In den Fünfminutenpausen beschimpften sie mich immer aus dem dritten Stock, während wir unten Tischtennis spielten. An einem Tag wurde mir alles zu viel. Als meine Mitschüler zum Unterricht in die Klasse liefen, setzte ich mich abseits auf eine Treppe und weinte mir die Augen aus dem Kopf. An diesem Tag beschloss ich, in den kleinen Pausen nicht mehr nach draußen zu gehen.

Ich war dreizehn, als ich mich erstmals ernsthaft für ein Mädchen interessierte. Sie hieß Christina, war das süßeste Mädchen, das ich jemals kennengelernt hatte, und veranlasste mich zu einem erneuten „Anfang“, dem Beginn der unglücklichen Lieben. Das Verliebtsein war doch recht einseitig. Christina hat sich nie wirklich für mich interessiert, obwohl sie mich nett fand, wie sie mir versicherte. Ich war sogar einmal bei ihr zu Hause, als ihre Eltern nicht da waren. Christina hat mir auf der Gitarre vorgespielt. Mehr ist nicht passiert. Wenn wir auf dem einen oder anderen Geburtstag, bei dem auch Christina war, „Wahrheit oder Pflicht“ spielten, verspürte ich den großen Wunsch, sie zu küssen. Es blieb allerdings beim Wunsch.

Während eines Sommers ist Ulrike, eine Klassenkameradin von mir, nach Stromberg gezogen. Sie war ein unglaublich niedliches Mädchen mit ihren roten Haaren. Ich habe sie des Öfteren begleitet, wenn sie zum Reitunterricht musste, oder wir haben zusammen Radtouren unternommen. Die Zeit mit ihr war immer wunderschön. Es kam, wie es kommen musste. Ich verliebte mich in sie. Wieder einmal unglücklich. Dieser Zustand hat lange angedauert und kam später immer wieder auf.

Zu dieser Zeit habe ich außerdem meine beste Freundin Katja kennengelernt. Sie ist zur gleichen Zeit in die Landjugend eingetreten wie ich und in die Parallelklasse gegangen. Ich habe sie immer sehr gemocht, aber verliebt habe ich mich nie in sie, eine Zeit lang war sie mit Markus zusammen. Katja war immer für mich da, sie war verdammt tough und hat mich in etlichen unangenehmen Situationen verteidigt. Oft eckte sie mit ihrer rebellischen Art an, aber wir verstanden uns sehr gut und wussten immer, wie’s dem anderen ging. Während des Unterrichts schrieben wir uns lange Briefe, in denen wir unsere Wünsche und Sehnsüchte austauschten. Es war so vertraut mir ihr, sie war wie eine Schwester, die ich nie hatte.

In unseren Briefen schworen wir uns, immer füreinander da zu sein. Meine Mutter sagt immer, es gibt für jeden Topf den richtigen Deckel, schrieb Katja mir in einem ihrer Briefe. Diese Hoffnung hatte ich immer.

An meinem vierzehnten Geburtstag hielt der Alkohol Einzug in mein Leben, wenn ich mich an diesem Tag auch noch nicht betrunken habe. Anlässlich meines „Freudentages“ veranstalteten wir unsere erste richtige Mai-Tour. Jemand hatte Zigaretten und Bier mitgebracht. Ich habe nur mal probiert und mich mit meiner Mutter später darüber unterhalten. Sie meinte, dass es schon etwas früh sei in unserem Alter.

Einige Monate später kam es zu meinem ersten Besäufnis. Wir zelteten auf einer abgelegenen Wiese. Mein Bruder besorgte uns eine Palette Bier. In der Garage fand die geheime Übergabe statt. Wir mussten ihm schwören, ihn nicht zu verraten. Aufgrund unserer Verschwiegenheit war dies nicht das letzte Mal, dass wir seine Unterstützung in Anspruch nehmen durften.

Freitags, während des Kunstunterrichts, vereinbarten wir unseren nächsten Treffpunkt, wo wir wieder einen draufmachen wollten. Natürlich waren zu Beginn die Abstände zwischen den Saufgelagen noch größer, was sich allerdings rasch änderte. Oft fuhren Jan und ich mit dem Fahrrad nach Oelde zu Klassenkameraden und betranken uns dort. Meist war es so, dass ich dann der Vollste war. Wenigstens erlangte ich auf diese Weise die Anerkennung und den Respekt der anderen.

Selbst wenn wir uns zum Lernen trafen, fehlte nie der Alkohol, auch wenn wir am nächsten Tag in die Schule mussten. Einmal hatte ich mir im Suff das Knie an einer Tischtennisplatte demoliert und heftige Schmerzen. Zum Glück hatte mein Vater, der mich später abholte, offensichtlich weder meine Schmerzen noch meine Fahne bemerkt.

An einem Abend, als ich sturmfreie Bude hatte, hat Mark bei mir gepennt. Während des Zockens am Computer haben wir eine Flasche Roten (Schnaps) getrunken. Ich habe mich vollkommen abgeschossen und fand mich irgendwann in meinem Bett wieder. Ich kotzte in den Eimer, der danebenstand. Meinen Eltern, die inzwischen wieder zu Hause waren, konnte ich weismachen, dass ich wohl etwas Schlechtes gegessen haben musste.

In unserem Ort gab es einen Getränkehändler, der abends privat Getränke an der Haustür verkaufte. Da wir noch keine sechzehn waren, haben wir eine schriftliche Erlaubnis unserer Eltern verfasst, wonach wir in ihrem Auftrag Bier kaufen sollten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Mann das damals geglaubt hat, er wollte sich wohl eher das Geschäft nicht entgehen lassen.

Wenn wir wieder einmal eine Kiste Bier ergattert hatten, sind wir zu einer alten Kapelle gefahren und haben sie dort einträchtig geleert. Des Öfteren waren auch zwei schräge Typen dabei, die laut unserer Eltern ein schlechter Umgang für uns waren. Obwohl meine Eltern wussten, dass ich zwischendurch mit diesen Jungs unterwegs war, haben sie es mir nicht verboten. Das beweist ihr Vertrauen, das sie schon früh in mich gesetzt haben. Damals kam es zu meiner ersten und letzten Straftat. Einer der beiden schrägen Typen hatte Geburtstag. Auf unserer Tour kamen wir bei einem anderen Getränkehändler vorbei, der seinen Kühlwagen auf der Straße geparkt hatte. Leicht angetrunken probierten wir, ob er offen war. Das Glück war auf unserer Seite. Wir nahmen ein paar Flaschen und ließen uns im hell erleuchteten Vorraum einer Bank nieder.

Plötzlich stand der Händler vor uns. Wir hatten es ihm ja wahrlich leicht gemacht. Unser Glück war, dass er von einer Anzeige absehen wollte, wenn wir ihm am nächsten Tag eine Kiste Bier bringen würden. Es lag wohl an unserem jugendlichen Alter, dass wir uns darüber aufregten. Der Mann wollte eine ganze Kiste, obwohl wir doch nur ein paar Flaschen genommen hatten. Die Erleichterung, dass er uns nicht mit der Polizei konfrontiert hatte, überwog schließlich.

Mein Bruder lehrte mich, auf öffentlichen Partys möglichst wenig zu trinken, damit ich eventuellen Auseinandersetzungen gewachsen war. Da mein „Gefahrenscanner“ recht gut funktionierte, kam es selten zu Konfrontationen. Weniger trinken dagegen, war da schon ein größeres Problem. Nach einer solchen Party wollte aus unerklärlichen Gründen mein Haustürschlüssel nicht so wie ich. Kurzerhand machte ich es mir auf der Bank vor unserem Haus bequem. Mein Vater hat mich am Morgen gefunden. Meine Mutter war gerade mit ihrem Kartenklub verreist und Oma hatte sie vertreten. Sie konnte gar nicht verstehen, dass ich vor Müdigkeit kaum die Augen offenhalten konnte. Der Grund dafür blieb ein ewiges Geheimnis zwischen meinem Vater und mir.

Unser übermäßiger Alkoholkonsum blieb natürlich nicht verborgen. An der Schule wurde aus diesem Grund eine Klassenkonferenz einberufen, wie mir meine Mutter später erzählt hat.

Das Ergebnis war, dass wir nicht mehr gegenseitig übernachten durften. Unsere Eltern haben an einem Strang gezogen. Wir wussten nichts von dieser Konferenz und mussten uns auf die abendlichen Veranstaltungen beschränken.

Meine nächste heimliche große Liebe galt Marie. Wir feierten im Keller ihren fünfzehnten Geburtstag. Markus war ebenfalls da. Zwischen den beiden hatte es gefunkt und ich stand wieder im Abseits. In meinem Kummer setzte ich mich vor die Tür des Partyraums und ließ meine Tränen zu. Später fragte mich Marie, ob mit mir alles In Ordnung sei. Natürlich habe ich meine Gefühle für sie für mich behalten.

Die vielen Partys, die Nebenkriegsschauplätze im zwischenmenschlichen Bereich, mein Liebeskummer und nicht zuletzt meine Faulheit, haben mich zu einer Nachprüfung gezwungen. Biologie! Wie habe ich dieses Fach gehasst. Trotzdem lernte ich das ganze Heft auswendig und war relativ fit. Dennoch, die Prüfung war ein einziger Reinfall. Sie ließen mich bestehen, weil es bei mir eine besondere Situation sei. Der Versetzung in die Abschlussklasse stand nichts mehr im Wege.

Das letzte Schuljahr war geprägt von den Vorbereitungen auf die letzten Klausuren und den Überlegungen, was ich nach der Schule machen wollte. Meine schulischen Leistungen waren ja nicht so besonders. Viele meiner Mitschüler wollten nach ihrem Abschluss eine weiterführende Schule besuchen und das Abitur machen. Diesen Weg hätten sich meine Eltern auch für mich gewünscht, doch das erschien mir zum damaligen Zeitpunkt nicht realistisch. Also bewarb ich mich für alle möglichen Ausbildungsstellen. Da meine Noten für den kaufmännischen Bereich nicht ausreichten, blieb mir nur das Handwerk.

Daniel und ich waren bald die Einzigen, die noch keine Stelle gefunden hatten. In der Zeit der letzten Klausuren hatte ich mich nach vielen Absagen dazu entschlossen, zu einem Installationsbetrieb in unserem Ort zu gehen, um mich dort vorzustellen. In diesem Betrieb hatte mein Onkel schon seine Ausbildung absolviert. Vielleicht war dies mein entscheidender Vorteil gegenüber den Mitbewerbern gewesen. Nach ein paar Tagen Probearbeit wurde ich eingestellt. Ich war froh, diese Lehrstelle bekommen zu haben, wenn sie auch nicht meine erste Wahl war.

Operation

Vor meinem Start in die Ausbildung stand eine weitere Operation an. Es wurde wieder ein Knochen aus dem Beckenkamm in den Oberkiefer eingepflanzt. Dieser Knochen sollte den Oberkiefer stabilisieren und helfen, dass sich die Schneidezähne festigten. Zudem wurde der rechte Nasenknorpel eingesetzt, um etwas besser Luft zu bekommen und die Nase ästhetischer aussehen zu lassen. Ferner wurde der Ringmuskel, welcher durch die Spalte nicht zusammengewachsen war, verbunden. Wie schon zu früheren Zeiten, wurde diese Operation in den Ferien durchgeführt. Diesmal war’s leider so, dass zu diesem Zeitpunkt unsere Abschlussfeier stattgefunden hat. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, dass mich meine Klassenkameraden im Krankenhaus angerufen, sich nach meinem Befinden erkundigten und von der Abschlussfeier erzählt haben. Die Schmerzen und die Tatsache, nicht dabei gewesen zu sein, stimmten mich sehr traurig. Ich fühlte mich sehr einsam.

Lehrjahre sind keine Herrenjahre

Mit einem etwas veränderten Gesicht, einem vollkommen anderen Tagesablauf, ungewohnter körperlicher Arbeit und Leuten, die meine Vorgeschichte nicht kannten, begann ein vollkommen neuer Lebensabschnitt für mich.

Die Arbeit mit meinem Altgesellen Werner hat mir sehr viel Freude bereitet. Er war ein begeisterter Fußballfan, wodurch uns die Gesprächsthemen während der Pausen nie ausgingen.

Mein Seniorchef war ein recht entspannter Zeitgenosse. Schwieriger war da schon die Zusammenarbeit mit meinem leicht cholerischen Juniorchef. Lehrjahre sind eben keine Herrenjahre.

In dieser Zeit begann ich, nach ein paar Jahren Pause, wieder Fußball zu spielen. Ich war immer ein sehr ehrgeiziger Sportler, egal ob beim Tennis oder beim Fußball, und habe nie halbe Sachen gemacht, mich immer voll reingehängt. Erfolge waren stets Balsam für meine Seele. Zu der Zeit gab es Phasen, in denen ich am Wochenende abends nichts unternommen habe, weil ich am Samstagmorgen arbeiten musste und am Sonntagmorgen ein Spiel hatte. Dadurch habe ich etliche Monate keinen Alkohol getrunken. Ansonsten gehörte das Trinken standardmäßig zum Wochenende.

Neben dem Alkohol zählte Kaffee zu unseren Aufputschmitteln. Gekifft haben wir in unserer Clique eher selten, im Schnitt vielleicht alle zwei Monate.

Einmal haben wir Kekse gebacken und dort Peace eingearbeitet, es stank nicht nach Rauch und war irgendwie „stilvoller“. Aufgrund des Kiffens hatten wir Kontakt zu etwas zwielichtigen Jungs. Einer dieser „Kein-guter-Umgang-Jungs“ war einer derjenigen, die mich auf dem Schulhof schikaniert hatten. Ich habe das nie thematisiert, wurde aber kein großer Fan von ihm. Wenn die anderen mich gefragt haben, warum ich ihm gegenüber so negativ sei, kam meinerseits nur ein „Ich mag ihn halt nicht.“ Eines Abends haben wir bei Robin im Partyraum Kekse gegessen. Bei Katja waren es so viele, dass sie erst mal ins Krankenhaus gebracht wurde.

Bisher hatten wir uns bei solchen Keks-Treffen immer amüsiert. Aber an diesem Abend wurde mir klar, dass die Gefühle beim Kiffen verstärkt werden und sie bewusstseinsverändernd wirken können. An besagtem Abend war ich sehr schlecht gelaunt, weil der Typ ebenfalls dabei war. In meinem Kopf wirbelten die Halluzinationen wild durcheinander und ich hatte das Gefühl, jeden Moment etwas Schlimmes zu tun.

Einmal sind wir zum Kiffen nach Holland gefahren. Die anderen meinten, dass es dort kein Problem wäre, im Freien zu kiffen. Wirklich wohl war mir dabei nicht. Trotzdem war es spannend.

Als wir nun angekommen waren, sind die zwei älteren zum Einkaufen in einen Coffeeshop gegangen. Erst als sie mit einem recht großen Paket aus dem Shop gekommen waren, wir nur einen kleinen Joint geraucht haben und sie begannen, das Päckchen in der Seitenverkleidung der Tür zu verstauen, hatte ich den Sinn dieser Tour verstanden.

Als wir die Grenze passierten, brach mir der Schweiß aus allen Poren. Ich dachte, das Zeug würde sicherlich gefunden und wir augenblicklich verhaftet werden. Wir hatten Glück. Ich bin jedoch nie mehr mitgefahren.

Meine Mutter hatte Geburtstag, als ich wieder mal bei meinem Kumpel Simon im Wohnzimmer saß und wir harten Alkohol in uns hineinschütteten. In einem lichten Moment vermisste ich Katja und machte mich auf die Suche nach ihr. Sie saß mit einer Schulfreundin im Auto eines der beiden Junkies. Der Wagen war total verraucht, ich bin trotzdem eingestiegen, habe einmal tief durchgeatmet und schon war´s vorbei. Mir wurde kotzübel. Katjas neue Errungenschaft hat mich direkt nach Hause gefahren. Bei einer Geschwindigkeit von 170 km/h hatte ich meine Premiere im Aus-dem-Auto-Kotzen. Ich wundere mich heute noch, dass ich bei diesem Tempo – keine Autobahn versteht sich – meine Brille nicht verloren habe.

Zu Hause musste ich mich in der Garage erst mal auf der Motorhaube unseres Autos erholen. Das ganze Wohnzimmer war voller Gäste. In diesem Zustand konnte ich mich dort unmöglich blicken lassen.

Auf der nächsten Silvesterparty gestand ich Ulrike endlich meine Gefühle für sie. Ich bat sie, mit nach draußen zu kommen, wo ich von Liebe, Treue und solchen Dingen sprach. Leider hat sie mich nicht erhört. Dennoch war ich viele Jahre unsterblich in sie verliebt. Heute sind wir gute Freunde.

Ich fragte mich oft, wie anders mein Leben wohl verlaufen wäre, wenn sie für mich genauso empfunden hätte.

Ulrike war der Grund, warum ich mich fast mit einem anderen Jungen geschlagen hätte. Ein Verehrer von ihr hatte wohl mitbekommen, wie sehr ich Ulrike mag, und war eifersüchtig. Auf einer Party hat er mich dann blöd angemacht und wollte sich mit mir schlagen. Am Ende hat aber doch die Vernunft auf beiden Seiten gesiegt.

Damals ging das Chat-Zeitalter los. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich an einem Sonntagmorgen im Sommer mit einem Mädel aus Kiel gechattet habe. Sie hieß Lua (benannt nach ihrer Geburtsstadt Honolulu). Ihr Vater war Ozeanograf. Wir haben uns damals sehr viele E-Mails geschrieben. Diese digitale Kommunikation kam mir sehr entgegen, da man sein Gegenüber nicht sehen konnte, somit keinerlei Vorurteile hatte und sich nur auf das Inhaltliche konzentrieren musste. Irgendwann war sie dann bei einer Freundin in Bochum und hat gefragt, ob wir uns treffen wollen. Ich wollte nicht, dass wir uns sehen und meinte, ich hätte keine Zeit. Der Kontakt ist mit der Zeit eingeschlafen. Ich hab sie aber nie ganz vergessen.

Durch das Chatten habe ich später weitere Mädels kennengelernt und getroffen. An ein Treffen kann ich mich noch besonders gut erinnern. Sie hieß Silke. Wir hatten recht intime Mails ausgetauscht. Jetzt ging es um die Frage, ob sie bei mir im Bett schlafen sollte, wenn sie zu Besuch kam.

Als sie dann da war, fand sie Robin, einen Freund aus der Realschulzeit, total toll. Sie schlief zwei Nächte bei mir – im Zimmer jedoch nicht mit mir in einem Bett. Danach hatten wir nur einmal Kontakt. Aus dieser Erfahrung habe ich zumindest gelernt, dass ich eine Freundin erst dann meinen Kumpels vorstelle, wenn ich wirklich eine Beziehung mit ihr habe.

Meine Wahrnehmung von „Gefahrensituationen“ brachte mich gut durch die Berufsschulzeit. Personen, die mich angreifen konnten, ging ich einfach aus dem Weg. Dafür war ich, trotz ihrer Beziehung, sehr viel mit Markus und Marie zusammen, bis zu jenem Tag, als Marie versucht hatte, sich das Leben zu nehmen.

Ich habe sie in der Uni-Klinik besucht, in der ich mich ja bestens auskannte, wenn mir auch die Psychiatrie fremd war. Marie hatte eine schwierige Kindheit, sie kam nie so richtig darüber hinweg, dass ihre Eltern sich getrennt hatten. Sie war stets unzufrieden mit sich und hatte immer Selbstzweifel.

Wir alle machten uns große Sorgen um Marie. Ich habe mich während dieser Zeit viel um Markus gekümmert, wenn er das auch nicht so empfunden hat. Später machte er mir Vorwürfe, dass wir alle nur an Marie gedacht und ihn dabei vollkommen vergessen hätten. Das kann ich bis heute nicht nachvollziehen.

Während meiner Ausbildungsjahre begann für mich die Zeit der Rock-Festival-Besuche. Auf diesen Festivals geht es ungemein locker zu. Die Menschen dort wollen nur eins, Spaß haben.

Mein erstes Festival war das Bizarre-Festival. Vor unserem Start dort hin haben wir fleißig einkauft – Dosenfutter und große Mengen Dosenbier. Mit voll beladenen Autos sind wir zum Festival aufgebrochen.

Das Gelände war riesig und es war nicht so einfach, sich zurechtzufinden. Nachdem wir uns für einen Zeltplatz entschieden hatten, schleppten wir unser gesamtes Material vom Parkplatz viele Hundert Meter zu unserem Platz. Da wir bereits am Mittwoch angereist waren und das Festival erst am Freitag begann, hatten wir ziemlich weit vorn einen Platz ergattern können. Um uns herum waren nur die Hardcore Festival Besucher. In den Nächten war nicht wirklich an Schlaf zu denken.

Tagsüber haben sich die Leute die Zeit mit Saufspielen aller Art um die Ohren geschlagen. So konnte jeder recht gut vorsaufen und extrem betrunken auf das Konzertgelände gehen. Das hatte auch den Vorteil, kein Geld mehr für Alkohol ausgeben zu müssen. Mein erster Besuch eines solchen Rock Festivals war eine extreme aber auch eine superwitzige Erfahrung.

Ein Jahr später waren wir zum ersten Mal auf dem Rock am Ring. Wir waren relativ früh vor Ort und es herrschte warmes Sommerwetter. Nachdem wir unsere Zelte aufgestellt hatten, haben wir uns zu dritt auf den Weg gemacht, um uns das Festivalgelände anzusehen. Unterwegs haben wir uns als Aufbauhelfer verkauft und auf diese Weise das eine oder andere Bier erarbeitet. So sind wir dann bei einer Gruppe sitzen geblieben. Als Robin und Simon zu unserem Zelt zurückwollten, hatte ich keine Lust, mitzugehen. Also blieb ich noch eine Weile sitzen. Schließlich verspürte auch ich den Wunsch, zurückzugehen. Inzwischen war es dunkel geworden und ich hatte keinerlei Orientierung mehr. Ich verlief mich und kletterte, nur mit kurzer Hose und Badeschlappen bekleidet, über einen Bauzaun. Das brachte mir erhebliche Kratzer an den Beinen ein. Als ich schließlich in einem Wald landete, kehrte ich wieder um. Beim erneuten Überklettern des Zauns passierte es. Ich bin mit der rechten Hand an einem dieser spitzen Drähte hängen geblieben und riss mir zwischen Ringfinger und Mittelfinger ein Loch in die Handfläche. Nachdem ich mit meiner blutigen Hand noch eine Weile herumgeirrt war, fand ich endlich einen Sanitäter. Er brachte mich in ein Rettungszelt, wo die Wunde ohne Betäubung mit sechs Stichen genäht wurde. Eine Betäubung war aufgrund meines Alkoholpegels nicht nötig. Nachdem die Wunde versorgt war, suchte ich erneut das Zelt meiner Freunde und landete bei der Gruppe, bei der ich zuletzt gesessen hatte. Die Leute wussten, wo unser Zelt stand und brachten mich zu meinen Freunden, die froh waren, als ich endlich wieder auftauchte.

Bis heute war ich auf ca. sechs Rock-Festivals und habe dort nicht einmal eine negative Erfahrung in Bezug auf mein Äußeres gemacht.

Während meiner Ausbildung habe ich recht schnell gemerkt, dass ich nicht bis zu meinem Rentenalter auf der Baustelle arbeiten wollte, und habe mich entschieden, nach meiner Ausbildung das Fachabitur zu machen.

Im Frühjahr vor dem Eintritt in die Fachoberschule stand dann die so ziemlich schwierigste Operation an. Ziel war es, den Unterkiefer zurückzusetzen und den Oberkiefer nach vorne zu drehen, um wieder einen Überbiss zu schaffen.

Vor der Operation war eine der wenigen Situationen, in denen ich mit einem Außenstehenden über meinen Geburtsfehler gesprochen habe. Meinem Fußballtrainer musste ich mitteilen, dass ich eine Zeit lang nicht auflaufen konnte. Ich bin an einem Abend zu ihm gefahren, um darüber zu sprechen. Da ich nie mit jemandem darüber gesprochen habe und ich nicht wusste, inwiefern er diesen Geburtsfehler kannte, war es eine seltsame Situation für mich. Es war ein sehr gutes Gespräch. Mein Trainer hatte damals zwei kleine Kinder und konnte sich in die ganze Sache gut hineinversetzen.

Schmerz – Trauer – Qual

Das Vordrehen des Oberkiefers muss man sich wie bei einer Beinverlängerung vorstellen. Dabei wird der äußere Teil vom Knochen geschnitten und der innere gedehnt. Durch das langsame Vordrehen soll der Knochen Zeit haben, die entstandene Lücke zu schließen. Die Operation ist relativ gut verlaufen. Trotzdem war es eine der extremsten Erfahrungen, die ich in meinem Leben gemacht habe.

Das tägliche Vordrehen des Kiefers wurde in der Kieferorthopädie des Krankenhauses vorgenommen.

An einem Abend machte ich mich wieder auf den Weg durch die langen Krankenhausgänge. Einer der Ärzte, die an diesem Abend Dienst hatten, begrüßte mich und begleitete mich zum Behandlungsstuhl. Ich öffnete meinen Mund und der Arzt setzte seinen Schraubendreher an die Schraube im Oberkiefer an. Zweimal am Tag wurde eine halbe Umdrehung gedreht, so auch diesmal. Es war normal, dass mir direkt nach dem Drehen die Tränen in die Augen schossen. Normalerweise legte sich der Schmerz, sobald ich in mein Zimmer zurückgekehrt war. Doch diesmal war etwas anders, der Schmerz raubte mir fast die Sinne. In der Einsamkeit meines Krankenzimmers konnte ich die Tränen nicht zurückhalten. Das war jener Abend, der meine Beziehung zu Gott grundlegend verändert hat. Ich wusste, dass ich diese Schmerzen allein durchstehen musste, dennoch fragte ich mich, wie Gott so etwas zulassen konnte. Alle Anfeindungen und Hänseleien der letzten Jahre brachen aus mir heraus. Es war einer der Momente, in denen ich ernsthaft an Selbstmord gedacht habe. In meinem rasenden Schmerz und meiner Einsamkeit fragte ich mich, wie es wohl wäre, wenn ich einfach nicht mehr da wäre, nie mehr diesen Schmerzen ausgeliefert wäre. Ich war mir nicht sicher, ob mich jemand vermissen würde.

Später habe ich mich oft gefragt, und tue es noch heute, wie mein Leben in einem anderen Körper verlaufen wäre. Hätte ein hübsches Gesicht wirklich so viel verändert? Es kamen mir auch Gedanken, dass ich vielleicht gar nicht das Kind meiner Eltern war. Dabei läuft es mir noch heute kalt über den Rücken.

Ich weiß, wie ungerecht diese Fragen gegenüber meinen Eltern waren und sind. Sie haben alles für mich getan. Und dafür bin ich ihnen von Herzen dankbar.

Wie wohl mein Leben in einem Rollstuhl, statt mit einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte verlaufen wäre? Jeder hätte sofort meine Einschränkung gesehen. Im Grund ist es vollkommen unsinnig, solche Situationen miteinander zu vergleichen. Schließlich bewertet jeder Mensch seine Lage anders und geht individuell damit um.

Während des Krankenhausaufenthaltes hatte ich eine Magensonde, über die ich ernährt wurde bzw. mich selbst mit Astronautenkost ernährt habe. An einem Tag habe ich mir überlegt, dass ich mal die hochchalorische Variante nehme und davon ein wenig mehr. Es endete mit den heftigsten Bauchschmerzen, die ich je hatte, es war quasi eine Art Schmerzverlagerung. Ich wurde zwar im Gesicht operiert, hatte aber die Schmerzen in der Bauchgegend.

Unmittelbar vor und während meines Krankenhausaufenthaltes habe ich mit Simone gechattet. Das hat mir über viel hinweggeholfen. Nach meiner Entlassung haben wir uns dann getroffen. Es wurde mal wieder nichts draus. Meine Freunde erzählten von OneNight-Stands und ich wusste sozusagen nicht mal, wie man das Wort schreibt.

Die OP war eigentlich gut gelungen, doch leider entwickelte sich der vorgedrehte Kiefer nach einigen Wochen wieder leicht zurück und wir mussten mit einer Delaire Maske entgegenwirken. Die Maske sitzt auf dem Kinn und auf der Stirn, diese beiden Auflagepunkte sind mit einem Metallbogen verbunden. An diesem Bogen können Gummibänder befestigt werden, die mit Metallhaken, welche an den Zähnen im Oberkiefer befestigt sind, verbunden werden. Durch diese Maßnahme wird ein Zugdruck auf den Oberkiefer ausgeübt, um diesen nach vorne zu ziehen bzw. ihn sich nicht weiter nach hinten entwickeln zu lassen. Es war sehr deprimierend, dass wir diese Maßnahme ergreifen mussten. Eventuell wurde zu früh entschieden, die Schrauben aus dem Oberkiefer zu entfernen. Der Kiefer hatte sich wohl noch nicht genug gefestigt.

Nach dieser Operation waren wir dann auf dem Rock am Ring. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie wir die Maske „Moped“ getauft haben, und ich morgens mit dem Teil auf dem Kopf aus dem Zelt gestiefelt war.

Bis heute trage ich nachts immer noch eine Miniplast-Schiene mit Gegenbiss, um den Kiefer und die Zähne in der jetzigen Position zu halten. Da ich nach der Operation entschieden habe, keine kieferorthopädischen Eingriffe mehr vorzunehmen, haben sich die Schneidezähne im Oberkiefer gut gefestigt. Selbst wenn ich die Miniplast-Schiene mehrere Tage nicht trage, passt sie trotzdem noch recht gut.

Nach der Operation begann ich auch mit meiner „Gitarrenkarriere“. Als Kind wollte ich schon immer Gitarre spielen, aber bei meinen sportlichen Aktivitäten hat sich das aus zeitlichen Gründen nie wirklich ergeben. Da ich während der Realschulzeit das ZehnFinger-Schreiben erlernt hatte, habe ich mir gedacht, so viel Fingerfertigkeit zu besitzen, dass das mit der Gitarre nicht so schwer sein konnte. Na ja, wirklich einfach ist es bis heute nicht. Ich hatte das Glück, dass Maries damaliger Freund Boris sehr gut Gitarre spielte und mir viel beigebracht hat. Ich spiele heute noch ab und zu.

Fachabitur – Jennifer – Glückseligkeit

Die letzte Operation war endlich ein Schritt zur Normalität. Hinzu kam, dass die Zeit an der Fachoberschule sehr schön war. Das ganze Jahr mal wieder mit Jan zusammen zur Schule zu gehen, war schon eine lässige Sache.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie wir eine wichtige Klausur komplett abgeschrieben haben, weil der Lehrer sie im Raum vergessen hatte. Ein Klassenkamerad hat sie abfotografiert.

Auf einer Klassenfahrt nach Österreich habe ich meine ersten Erfahrungen mit dem Skifahren gemacht. Es war eine super Tour mit der ein oder anderen Après-Ski Party.

Während der Fachoberschule sind wir nach Norderney in der Nordsee gefahren, da Robin dort an einem Beachvolleyball Turnier teilnehmen wollte. Daniel, Simon und ich sind mit seinem Hobby-Volleyball-Klub mitgefahren, um ein wenig zu feiern und ihn zu unterstützen. Es war eine recht witzige Aktion, da wir damals in einer Strandkorbhalle übernachtet haben. Für mich war es schon ein sehr spezielles Erlebnis, zum Duschen zu gehen und nicht zu wissen, dass es keine getrennten Duschen für Jungs und Mädels gab. Ich war natürlich überrascht und aufgeregt, als im Duschzelt ein nacktes Mädchen vor mir stand.

Robins Erfahrungen waren da schon etwas weiter gediehen. Er hatte nachts in der Strandkorbhalle den ultimativen One-Night-Stand, von dem wohl viele träumen. In der überfüllten Halle kamen plötzlich Geräusche aus Robins Schlafsack, die normalerweise allein im Schlafsack nicht üblich sind.

Irgendwann in dieser Zeit habe ich mir gesagt, dass ich die Liebe nicht erzwingen kann und das Leben eben so kommt, wie es kommt. Genau so war es dann auch.

Zwischen dem Fachabitur und meinem Studium bin ich mit Daniel zum Hurricane Festival, das zwischen Bremen und Hamburg stattfindet, gefahren. Zu zweit zu einem Festival zu fahren, war schon eine sehr spezielle, aber im Nachhinein sehr positive Erfahrung. Wir haben uns mal wieder ziemlich betrunken und ein wenig gekifft. Als wir uns beim Rocken aus den Augen verloren haben, bin ich ein wenig nach hinten gegangen und habe mich auf eine britische Schmuserock-Band gefreut. An diesem Abend sah ich sie das erste Mal. Jennifer. Sie stand mit ihrer Freundin direkt neben mir und ihr sympathischer Blick und ihre wundervollen blonden Haare sprachen mich sofort an. Ich fand sogar den Mut, sie anzusprechen, und konnte damals noch nicht ahnen, wie sich diese erste Begegnung entwickeln würde. Am Ende des Abends haben wir tatsächlich unsere Handy-Nummern ausgetauscht. Sie hatte nur eine Tageskarte für diesen Abend, hat also nicht auf dem Camping-Platz übernachtet. Ich war happy und habe später voller Begeisterung Daniel von Jennifer erzählt. In dem Moment ging es mir richtig gut. Ich konnte nicht glauben, dass sie sich so gut mit mir unterhalten hat, obwohl ich jede Menge Alkohol und Gras im Blut gehabt haben musste.

Am nächsten Morgen hat sie mir dann prompt eine SMS geschickt und sich bedankt, dass ich sie durch unser Gespräch von der Kälte abgelenkt habe. Wir haben uns zu einem Telefonat am Montag nach dem Festival verabredet. Was für eine Zeit, das Fachabitur bestanden, einen Studienplatz erhalten und dann noch diese Frau kennengelernt.

Unser Telefonat an dem Montag war sehr schön, wir haben uns auf Anhieb wieder ausgezeichnet verstanden und unterhielten uns über Musik, unsere Interessen und Ausbildungen. In der Folgezeit haben wir oft und lange telefoniert, einmal sogar sechs Stunden – meine absolute Telefongesprächsrekordzeit. Jennifer wohnte in Rothenburg. Zwischen uns lagen 250 km, was unser Kennenlernen nicht unbedingt erleichterte. Sie war so ziemlich die Erste, die meine Gitarren-Künste zu hören bekam. Es war das Lied „Ein Kompliment“ von Sportfreunde Stiller. Was für eine Bedeutung die eine oder andere Textpassage für mich noch haben sollte, war mir zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst. Zwei Wochen nach dem Rock-Festival bin ich zu ihr gefahren. Es war herrliches Wetter und sehr warm im Auto. Um meine verschwitzten Achseln zu trocknen, habe ich mir Taschentücher unter die Arme geklemmt und die Lüftung voll aufgedreht. Jennifer war das erste Mädchen, das ich nicht übers Chatten kennengelernt hatte. Auf dem Festival war es zwar dunkel gewesen, dennoch musste sie mein Gesicht gesehen haben. Außerdem hatte ich ihr per Mail ein Foto von mir geschickt, das ich vorher per Selbstauslöser geschossen hatte. Dabei habe ich eine Nahaufnahme vermieden. Jennifer hat mir im Gegenzug ein Strandfoto geschickt.

Während einem unserer langen Telefonate habe ich meine Lippen-Kiefer-Gaumenspalte angesprochen. Ich lag im Wohnzimmer auf der Couch und habe ihr davon erzählt. Jennifer hat super reagiert. Für sie war das kein Problem. Sie meinte, sie hätte noch nie so gute Gespräche mit einem Jungen geführt. Das wäre doch das Wichtigste.

Als ich dann vor ihrer Haustür stand, war ich ziemlich aufgeregt. Nach der freundlichen Begrüßung haben wir gemeinsam gefrühstückt. Nach einer kleinen Hausführung sind wir in ihr Zimmer gegangen. Es ist wirklich traurig, wenn ich das so schreibe, aber ich war 21, als ich zum ersten Mal ein Mädchen küssen sollte. Wir saßen auf ihrer kleinen Couch, als ich ihr von meiner ziemlichen Unerfahrenheit beichtete. Es hat ihr nichts ausgemacht. So fühlt sich also der Beginn einer Beziehung an, dachte ich, als ich ihre samtweichen Lippen auf den meinen fühlte.

Fortan sahen wir uns regelmäßig alle zwei Wochen, manchmal auch öfter.

Diese Sommerferien vor dem Studienbeginn war eine der schönsten Zeit in meinem Leben. Dass es alles nicht so einfach werden würde, habe ich damals noch nicht geahnt.

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0+
Дата выхода на Литрес:
08 июля 2025
Объем:
140 стр.
ISBN:
9783969877159
Издатель:
Правообладатель:
Bookwire
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