Читать книгу: «Die Angst der Schweigenden»
Nienke Jos
Die Angst der Schweigenden
Thriller

Impressum
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
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Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Teresa Storkenmaier
Herstellung: Julia Franze
E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © FrauG / photocase.de
ISBN 978-3-8392-6564-2
1
Nicht pünktlich, nicht zu spät, sondern viel zu früh.
Schon mit ihrer Geburt, knapp sechs Wochen vor dem errechneten Geburtstermin und eine ganze Stunde bevor ihr Vater überhaupt im Kreißsaal eingetroffen war, war sie mit dem ersten Schrei an seiner Enttäuschung vorbeigerauscht, hatte ihn abgehängt, bei jeder Gelegenheit und mit leichtem Gemüt, während ihm das gestohlene Erlebnis ihrer Geburt bis heute fehlte.
Oder auch nicht.
Vielleicht hatte Henri sie nie geliebt, weil er ihre Geburt verpasst hatte. Vielleicht hatte er ihre Geburt verpasst, weil er sie nie geliebt hatte.
Vielleicht.
Vielleicht war das Erlebnis ihrer Geburt vergänglich, so, wie Glück und Freude vergänglich waren. Und vielleicht hätte es keinen Unterschied gemacht, ihr Vater hätte sie trotzdem nicht geliebt. Nicht mit ihrem ersten Schrei, nicht mit ihrem letzten. Jetzt war Henri tot, und übrig blieb nur, dass Inna noch immer zu früh war und nichts früh genug sein konnte, auch nicht an diesem Morgen.
Sie tänzelte in die Küche, und obwohl es niemanden gab, den sie mit ihrer morgendlichen Geschäftigkeit stören konnte, bewegte sie sich lautlos, leichtfüßig, wendig. Sie öffnete die Kaffeedose, genoss den feinen Geruch gemahlener Bohnen, ihre Handgriffe sicher, geübt, routiniert. Trotz der Gänsehaut, trotz des beständigen Fröstelns. Wie ein hauchfeiner Überzug, der sie begleitete, warnte, zurückhielt. Der an ihr klebte wie getrocknetes Blut.
Inna wartete, bis die Maschine das Röcheln aufgegeben hatte, keinen Laut mehr von sich gab. Goss den heißen Kaffee in ihre Tasse, der Dampf drängelte sich an ihrer Nase vorbei, verschwand irgendwo und nirgendwo.
Wie Nebel, dachte Inna.
Sie huschte ins Bad, ihren Blick aus dem kleinen Fenster in die Dunkelheit gerichtet, die oberste Kante der Sonnenscheibe hatte sich noch nicht über den wahren Horizont erhoben.
Und dann hörte sie es wieder. Das kaum merkbare Rascheln.
Inna hielt die Luft an, ihre Arme hoch über dem Kopf verschränkt, das Haargummi an ihrem Handgelenk schnürte die Blutzufuhr ab. Sie ließ ihre Finger vorsichtig herausgleiten. Kein weiteres Geräusch, nichts, was Inna verdächtig vorkam, wenngleich ihr die Stille in der Wohnung plötzlich Unbehagen bereitete. Inna drehte sich rasch zur Tür. Die geheimnisvolle Ruhe künstlich, unnatürlich, beängstigend. Sie spürte einen Hauch, einen Luftzug aus der Ferne, der ihre winzigen Nackenhärchen aufstellte.
Wie empfindlich sie war, dachte Inna. Eine lästige Eigenschaft. Hin und wieder konnte sie über ihre Angst sinnieren, sie einfangen, sie belächeln. Heute Morgen nicht. Allein in ihrem Haus um halb fünf in der Früh, die Tiere im Wald schliefen noch, kam ihr die Angst unbändig vor. Ihr erschien die Luft wie zum Zerreißen gespannt, vielleicht rührte daher das Rascheln, sie hatte es sich eingebildet, nichts von echter Bedeutung, von welcher auch?
Sie rümpfte die Nase. Ihr Spiegelbild lächelte schief.
Bald würde der kleine Ort strebsam an seiner Geschäftigkeit arbeiten. Menschen. Hier und da Gedrängel. Weihnachtskäufe. Vielleicht sollte sich Inna daruntermischen. Dann konnten sich keine verdächtigen Geräusche über gespannte Nerven legen. Dann würde sie es nicht mehr hören, das Rascheln. Es würde einfach verschwinden.
Eins, zwei, drei.
Inna duschte, schob den Vorhang in unregelmäßigen Abständen zur Seite, den Flur im Blick. Dampf krabbelte hinauf, zur Hälfte war der Spiegel bereits beschlagen, es machte sie nervös. Sie drehte das Wasser ab, lauschte, hörte winzige Schaumbläschen zerplatzen. Sie stieg aus der Dusche, trocknete sich ab, ihre Bewegungen jetzt weniger grazil, eher hektisch. Sie wickelte sich das Handtuch um den Körper. Viertel vor fünf. Zeit, dass die Eichhörnchen in ihrem Garten erwachten und sie mit überschwänglichem Geräuschpegel empfingen.
Aus dem Kleiderschrank zog sie ihre graue Jeans hervor, dazu eine weiße Bluse. Sie ließ ihre Fingergelenke knacken, es lenkte sie ab, beruhigte sie, manövrierte ihre Angst zurück in die Mitte ihrer pragmatischen Einstellung.
Inna setzte sich an den Tisch, las Zeitung, schaute mehrmals auf, war unkonzentrierter als an anderen Tagen. Niemand hier, beruhigte sie sich. Da waren nur ihre geschärften Sinne.
Und trotzdem.
Etwas lag in der Luft.
Nicht nur das Rascheln. Noch etwas anderes. Etwas Unheilvolles.
Von wem bloß hatte sie diese Antennen?
Sie waren für nichts gut, fand Inna.
Schon damals nicht.
2
Jenke lief und lief, den Kopf eingezogen, sein Gesicht vergraben. Er eilte über gerostete Schienen und an Mauerresten vorbei. Er fror, dachte an den Tod. Tagein, tagaus. Daran zu denken, war eine Selbstverständlichkeit. Der Tod hatte seine Zuneigung, hielt ihn im Fahrwasser. Es war fast wie eine Schwärmerei, für die es sich zu leben lohnte.
Die Bänke zwischen den heruntergekommenen Wanderwegen verlassen und leer. Schienen getränkt in saftigem Moos und giftigem Farn. Eine raue und gefährliche Gegend, weitab von vorweihnachtlicher Stimmung, weitab von Glühweinbonbons und Räuchermännchen.
Jenke steuerte auf den alten Rostbahnhof zu. Es genügte ein kurzer Blick an dem Gebäude vorbei und er entdeckte, wonach er suchte: Der alte Mann lag dort in seine Decken gehüllt, neben ihm Tüten, Taschen, ein Rucksack. Ohne zu zögern, stürzte er sich auf ihn und drückte zu, während der Penner seine Augen aufriss und keinen Laut von sich gab. Nicht einmal ein Gurgeln oder Röcheln. Nichts. Der Alte zappelte und strampelte, aber Jenke war schwer und groß. Fasziniert von den weit aufgerissenen Augen kostete er den Moment aus, obgleich er wusste, dass er eine Straftat beging. Es war die stumme Begeisterung, mit der er dem Mann etwas schenkte, was er selbst so sehr begehrte.
Es dauerte.
Der Penner war betrunken.
Vielleicht lag es daran. Vielleicht aber auch daran, dass sich der Obdachlose eines Lebenswillens bediente, den er selbst nicht aufzubringen vermochte.
Endlich hörte der Penner auf zu atmen.
Stille.
Jenke ließ von ihm ab, richtete sich auf, schaute sich um. Niemand weit und breit. Nur die Dunkelheit.
Er betrachtete seine Hände.
Und den Toten.
Es vibrierte. In der Ferne leises Schrillen. Es kam näher, wurde lauter, er wollte es abschütteln, aber es ließ sich nicht verscheuchen. Er fiel, schreckte hoch. Das Telefon klingelte unablässig, er tastete danach, benetzte seine Lippen, räusperte sich.
»Ja?«, hauchte er in den Lautsprecher.
Es knackte. Jemand legte auf.
Er schaute auf die Uhr. Früher Abend, er musste dringend los. Auf allen vieren kroch er ins Bad, zog sich am Waschbecken hoch. Er sah müde aus. Vielleicht, weil er im Traum einen Penner erwürgt hatte.
Plötzlich tat ihm der Penner leid.
Er zog sich an, schnürte seine schweren Boots. Es hatte geschneit. Schnee machte die Menschen großzügig. Er würde heute viele Spenden sammeln. Es würde das letzte Mal sein.
Auf dem kleinen Adventsmarkt besorgte er sich Eierpunsch und beobachtete still die Flammen, die neben der aufgestellten Krippe in einer Feuerschale züngelten. Sie bildeten zuweilen groteske Fratzen, die ihm hämisch vorführen wollten, dass er die Fähigkeit zur Veränderung seiner eigenen Lebenssituation längst verloren hatte.
Jenke schloss die Augen, lauschte den Geräuschen und Stimmen um ihn herum. Sollten die Flammen doch alles verschlingen. Sollten sie doch glauben, was sie wollten. Jenke würde es ihnen schon zeigen.
Er schlenderte über den Markt. Heiße Maronen und Anisbonbons, fettige Pommes, Würstchen und Waffeln schmiegten sich um seine Nase. Jenke lief über Holzraspel, vorbei an einem Stand mit handbemalten Schüsseln und Strohkörben. Menschengruppen drängelten zur Krippe, ein Pärchen küsste sich, eine Mutter schimpfte ihr Kind, weil Ketchup von seinem Brötchen auf die Jacke getropft war.
Er kaufte sich einen weiteren Eierpunsch, trank gierig, ließ sich durch die Menge schieben. Seine Hand hatte er in die Tasche gesteckt, nervös befühlte er das Messer und strich mit dem Daumen die glatte Oberfläche entlang.
»Geht es Ihnen gut?« Eine Frau mit Mütze sah ihn besorgt an. »Sie weinen ja«, stellte sie fest.
Er wischte die Tränen weg, schleppte sich zur Kirche, das kalte Bauwerk empfing ihn dunkel und herrisch. Er zog sich um, nahm die Spendendose aus dem Korb. Stahlblech mit lackiertem Außenmantel, verschlossen mit einer Plombe. Er taumelte los, stolperte die breiten Treppenstufen hinunter auf den kleinen Marktplatz. Er trank den Punsch in großen Schlucken. »Eine Spende bitte«, lallte er.
Nach zwei Stunden lehnte er sich müde und benommen an das Kassenhäuschen des Kinderkarussells und wartete. Ich muss zu Henri, dachte er wie ein Mantra in die Kälte hinein. Er schleppte sich vorwärts, hatte Schwierigkeiten, niemanden anzurempeln. Der Kircheneingang schwankte. Jenkes Gedanken wirbelten umher wie betrunkene Geister. Er schüttelte sie ab, drängelte sich durch den überfüllten Weihnachtsmarkt, die Dose schleppte er mit. Er konnte sie heute nicht mehr zurückgeben.
Jemand rempelte ihn an. »Scheiße.« Ein Mann hob abwehrend seine Hände. »Scheiße, was hast du denn da?«
Jenke schaute an sich herunter. Das Messer hielt er fest umklammert. Er entschuldigte sich und steckte es zurück in seine Tasche.
Er dachte angestrengt nach. Seine Gedanken kamen träge, mussten sich durch heillos viele Gänge schleppen, gerieten durcheinander.
Nur der gesellschaftliche Status eines erwachsenen Mannes, dachte er gekränkt. Über die vielen Jahre. Eine Nuance, die seinen Vater wie einen Phönix aus der Asche getragen hatte, während er darin erstickt war.
Er ließ sich aus der Menge schieben, schaffte es vom Weihnachtsmarkt auf die schmale Hauptstraße. Er trottete in den nahegelegenen Wald, am Trafohäuschen vorbei und von dort den steilen Pfad hinauf. Er rutschte aus, fiel. Seine Wange drückte sich in den Schnee. Er sah den Penner. Der Alte stand im Licht und weinte.
Er würde sein Versprechen halten. Der Glaube daran trieb ihn weiter durch die Kälte.
Zu Henri.
Zur Höhle.
Er würde nie mehr zurückkehren.
3
Schnee. Überall lag Schnee. Massen von Schnee, festgefahren und gefroren. Eisiger Wind fegte über den weißen Boden.
Inna parkte ihren Wagen, eilte zum Fabrikgebäude. Ein Backsteinbau mit schmalen grünen Sprossenfenstern. Erbaut 1880, umzingelt von dunklen Gestalten, die sich aus dem Wald zu ihr herüberschoben. Alte Bekannte.
Sie schaltete die Alarmanlage aus, das Licht ein. Niemand hier. Seit gestern waren alle im Urlaub, trafen Vorkehrungen für Weihnachten. Wenige Tage noch, dann würden Geschenke unter dem Weihnachtsbaum liegen, dann würden die Familien am Tisch sitzen und gestopfte Gänse essen.
Inna nicht.
Sie wartete geduldig auf ihren Kaffee. Während der Automat die Bohnen mahlte, ließ sie ihren Blick durch Grunewalds große Halle schweifen. Die unverputzten Backsteinmauern wirkten stumpf und kalt. Im Herbst glänzte das Hirnholzparkett honigfarben, sobald kräftiges Sonnenlicht durch die Sprossenfenster fiel. Im Winter nicht. Im Winter war alles trist. Nicht einmal die überdimensional großen Glühbirnen an den eingehängten Laufkatzen konnten heute etwas ausrichten.
Sie setzte sich an ihren Schreibtisch, rieb ihre Hände aneinander. Die alte Fabrikhalle war nicht leicht zu beheizen. Langsam laufende Ventilatoren drückten die aufsteigende Warmluft herunter. Immerhin.
Sie erschrak, als das Telefon schrillte. Es war nicht einmal 7 Uhr. Sie legte vorsichtig ihre Hand auf den Hörer, hob ab, lauschte.
»Ich bin’s.« Grunewald räusperte sich unbehaglich. »Ich habe etwas vergessen, etwas wirklich Wichtiges.«
»Ja«, nickte Inna erleichtert.
»Ein Freund von mir besitzt eine alte Halle. Er möchte sie umbauen lassen. Ich hätte gestern vorbeischauen und sie mir ansehen sollen.«
»Ja.«
»Ja? Heißt das, du fährst vorbei?«
»Nein.«
»Nein?« Grunewald stöhnte ungeduldig. »Du musst. Es ist wichtig. Ich habe es ihm versprochen. Fahr hin, wirf einen kurzen Blick drauf.«
Inna schwieg.
»Inna, ich muss meinem Freund …«
»Ich fahre vorbei.«
Grunewald seufzte erleichtert. »Und rufst mich anschließend an.«
»Nein.«
»Nein?«
»Es braucht keinen weiteren Anruf.«
»Also wirst du nicht vorbeifahren?«
»Die Adresse per E-Mail.«
»Ich habe nur die Koordinaten.«
»Dann eben die.«
Vielleicht würde Inna doch vorbeifahren, aus Neugier, auch wenn es fast kein Bauwerk in der Umgebung gab, das sie nicht schon kannte.
Sie öffnete Grunewalds E-Mail und übertrug die Koordinaten.
Grunewald räusperte sich ungeduldig. »Es ist dringend. Heute noch. Du musst heute noch hinfahren. Jetzt. Für den späten Nachmittag ist ein Schneesturm angekündigt, besser, du machst dich sofort …«
Inna legte auf.
Sie fröstelte.
Ihre gesamte Kindheit hatte aus dieser unheilvollen Gänsehaut bestanden. Nachmittags, wenn sie die dunklen Flure entlanggeschlichen war, hatte sie sich wie ein Kleidungsstück über ihre Haut gelegt. Allein in dieser riesigen Burg mit schweren Vorhängen und schwarzen Ecken. Allein mit den übergroßen Skulpturen, die nachts zum Leben erwachten, hervorgekrochen kamen und bedrohlich wisperten. Gierige Schatten, die nach ihr langten, sich geisterhaft durch die Gemäuer bewegten.
Inna schloss ihre Augen.
Geisterhaft.
Sie arbeitete bis zum späten Nachmittag, war so vertieft, dass sie den Wetterumschwung erst bemerkte, als sie die schwere Tür öffnete. Ihr schlug eine gewaltige Bö entgegen, warf Schnee vor ihre Füße. Inna hüpfte hinaus. Ihr Auto war eingeschneit, es hatte Unmengen Neuschnee gegeben. Sie zog ihren Kopf ein, schwere Schneeflocken wurden aus grauen Wolken geschüttelt. Inna hielt schützend die Hand vor ihre Augen, die Tannen verneigten sich tief in alle Richtungen. Sie kämpfte sich über den Parkplatz zu ihrem Auto, befreite das Schloss, weil die Funkfernbedienung nicht funktionierte, riss die Wagentür auf und quetschte sich umständlich auf ihren Sitz. Schnee fiel in ihren Schoß. Es war dunkel und still im Auto. Sie schaltete das Licht ein, sah ihre Atemluft in Intervallen weiß und hektisch herausströmen.
Inna startete den Motor, die Scheibenwischer gaben nur ein hilfloses Summen von sich. Mit klammen Fingern holte sie ihr Telefon hervor. Kein Empfang, nicht einmal ein einziger Balken zeichnete sich ab.
Sie ließ den Motor laufen, stapfte zur Fabrikhalle zurück, zwängte sich durch die schwere Tür. Ihre Füße waren nass und kalt, ihre Finger steif und ungelenk.
Etwas ließ sie stutzen.
Sie war denselben Weg hin- und wieder zurückgelaufen. Sie war sich sogar sicher, dass sie in dieselben Fußspuren getreten war. In ihre eigenen, in welche sonst, es hatte keine anderen gegeben.
Oder doch?
Inna trat hinaus, blinzelte ratlos, schaute sich um. Es dämmerte bereits. Niemand war zu sehen.
Aber da waren Fußspuren.
Fußspuren eben.
Von einem Spaziergänger. Jemandem, der Schutz gesucht, Licht gesehen hatte.
Was war schon dabei?
Inna schluckte nervös. Das ungute Gefühl von heute Morgen kroch in ihr hoch.
Sie hastete zu ihrem Wagen, kletterte auf den Sitz. Sie suchte hektisch nach dem Schalter für die Zentralverriegelung. Ihre steifen Finger wollten nicht gehorchen, sie drückte zweimal, ehe sie das vertraute Geräusch der sich schließenden Anlage hörte.
Sie berührte behutsam das Gaspedal.
Nichts.
Inna spürte es. Jemand war hier, ganz in ihrer Nähe.
Sie trat erneut auf das Gaspedal, getrieben, energisch, mit weniger Vorsicht. Das Heck des Autos rutschte und rutschte nach rechts und nach links, aber keinen Zentimeter vorwärts.
Sie stieg aus.
Und dann sah sie ihn.
Er stand da und starrte sie an. Mit weit aufgerissenen Augen.
Jenke hatte ihn geschickt.
So musste es sein, entschied Inna.
4
Es war dunkel, still, kalt um ihn herum. Das Einzige, was Jenke wirklich wahrnahm, waren seine Kopfschmerzen. Unaufhörlich pulsierte ein pochender Schmerz von seinem Hinterkopf bis zu den Schläfen.
Er versuchte, darüber nachzudenken, wer er war, wo er sich befand. Nasse Kälte kroch in seine Knochen.
Er entschied, sich nicht zu bewegen.
Schritte.
Ob er in seinem eigenen Urin lag?
5
Was auch immer es war, Marga hatte es heute Morgen zum ersten Mal entdeckt. Ganz hinten lag es auf dem eingeschneiten See und wirbelte ihr vertrautes Bild vom winterlichen Hof durcheinander.
Ein Stein.
Ein besonderer Stein.
Ein leuchtend roter Stein, der zuvor aufgestanden war und sich wenige Meter weiter zu den verschneiten Fichten bewegt hatte, ganz so, als wollte er dort Schutz suchen.
Marga stand regungslos vor dem Küchenfenster und blickte hinaus: Einen solchen Stein hatte sie noch nie zuvor gesehen.
Sie kaute langsamer, als könnte sie damit hinauszögern, was ihr bevorstand. Keine Ausrede, auch wenn es ihr Bauchschmerzen bereitete, da konnte nicht einmal ein Honigbrötchen helfen.
Vielleicht Gisela? Hatte sie sich über das Eis gewagt und war dort eingeschlafen?
Marga verwarf den Gedanken.
Ein Dachs oder ein Fuchs?
Ein Wildschwein. Vielleicht. Vielleicht auch nicht, denn eigentlich kam ihr der rote Stein sehr groß vor.
So groß wie ein Mensch.
Marga holte ihren Wintermantel, Schneeboots, Mütze. Sie vergewisserte sich, dass der Stein noch an seinem Platz lag. Ihre Augen tränten, so sehr strengte sie sich an, in der Ferne etwas zu erkennen.
Und ihre Eltern?
Schliefen.
Was sollte Marga auch sagen?
»Sehr weit draußen auf dem See liegt ein Stein.«
»Ist gut, Marga, und jetzt geh wieder schlafen«, würde Mama gähnen.
»Der Stein hat sich bewegt. Er ist rot.«
»Es hat diese Nacht unaufhörlich geschneit. Da ist nichts, Marga, bestimmt nicht.«
Sie könnte die Polizei rufen.
Marga schüttelte den Kopf. Herausfinden, was da draußen lag, musste sie schon selbst.
Sie beeilte sich, die Haustür zu öffnen. Beißende Kälte verschlug ihr den Atem. Gestern war sie noch die Stufen hinunter und über gefrorenes Gras gelaufen. Die Halme hatten knirschend nachgegeben. Wie dünne Glasstäbchen, die unter ihren Tritten zerbrachen. Sie war über tiefe Traktorspuren gehüpft, in denen das Wasser zu Eis gefroren war. Erdklumpen hatten sich daruntergemischt, hässlich und dreckig. Gräser hatten schlaff und träge über die Oberfläche gehangen, abgebrochene Zweige, die zur Hälfte herausragten, gefrorene Blätter unter der Eisdecke.
Heute nicht.
Heute gab es überall nur Neuschnee. Weiß, weiß, weiß. Alles war weiß.
Sie verengte ihre Augen, schützte sie vor der scharfen Kälte, hörte eine Krähe, erst laut, dann immer leiser. Der schwarze Vogel verschwand im Fichtenwald. Marga fröstelte. Dicht und müde lauerten die schweren Äste, beugten sich wie trauernde Halbtote unter der schweren Last des Schnees.
Sie hörte Gisela. Mit den kurzen Beinchen kam sie aus ihrer Hütte gelaufen.
»Du kannst nicht mit«, bedauerte Marga. Das Bentheimer Landschwein musste warten. Warten, bis sie wieder zurück war.
Sie stapfte los.
Die Schneedecke hatte alles unter sich begraben, auch den See, der unterirdisch schlummerte, lautlos schlief, wie alle anderen.
Wie alle anderen.
Alle.
Nur Marga nicht. Marga war unterwegs auf einer Mission mit ungewissem Ausgang und lief an gepuderten Spinnweben vorbei.
Sie musste verrückt sein.
Plötzlich bewegte sich der Stein wieder. Sie blieb stehen, horchte. Ein ungewöhnlich idyllischer Moment, wären da nicht der graue Himmel und die beißende Kälte.
Wäre da nicht ihr Unbehagen.
Sie lief weiter, und je näher sie ihrem Ziel kam, desto sicherer war sie. Der Stein war kein Stein und auch kein Dachs. Der Stein war kein Wildschwein, erst recht kein Fuchs. Das, was da hinten auf dem See lag und in der Kälte zu erfrieren drohte, war ganz eindeutig ein Mensch.
Marga stapfte weiter.
Nicht sehr entschlossen.
Sie verlangsamte ihr Tempo, tastete sich vorsichtig heran. Der rote Samtanzug sah schwer und vollgesogen aus. Die schwarzen Stiefel ragten aus dem Schnee wie glänzende Steine.
Es war unwürdig, den Weihnachtsmann mit dem Fuß anzustoßen, aber sie hatte keinen Stock, wollte den nassen Stoff nicht mit den Händen berühren.
»Hallo?«, flüsterte sie.
Sie schlurfte um den regungslosen Körper herum, kam sich schäbig vor, als sie sich weit über ihn beugte und ein schleimiger Pfropf aus ihrer Nase auf seine Schulter tropfte.
Plötzlich gab der Mann ein stöhnendes Husten von sich. Marga erschrak. Sie trat hastig einen Schritt zurück, hektisch lief sie los, schaute sich um. Sie hatte Angst, der Weihnachtsmann würde hinter ihr herkommen, sie lautlos verfolgen, aber er lag dort.
Wie tot.
Es hatte erneut zu schneien begonnen. Harte kleine Flocken wirbelten in Margas Augen. Nirgendwo Fußspuren, die verrieten, aus welcher Richtung er gekommen war.
Und wenn er Hilfe brauchte?
Sie blieb stehen, horchte angespannt. Ein Geräusch. Ein leises Knistern. Es schlich sich heran, wurde lauter, zog sich wie ein peitschendes Gummiband an ihr vorbei zum Ufer des gefrorenen Sees. Auf das Knacken der brechenden Eisdecke folgte ein ungeheuerlicher Knall.
Marga hielt die Luft an, konnte nicht glauben, dass sie das kalte Wasser überleben würde. Sie würde sterben. Genauso elend, wie der Weihnachtsmann sterben würde. Oder wie Kater Otto gestorben war. Oder das Katzenbaby.
Weihnachten würde ausfallen.
Für immer und ewig.
6
Groß. Eine große, dunkle Gestalt.
Inna hastete zurück auf ihren Sitz, verriegelte die Türen. Sie keuchte angespannt. Da war niemand. Niemand, der sich hierher verirrt hatte. Die Gestalt existierte nur in ihrer Fantasie, emporgestiegen aus der Essenz ihrer Ängste, ihrer feinen Sinne.
Ihr Auto wackelte. Der Sturm hatte an Stärke zugenommen, hob ihren Wagen an, ließ ihn fallen, klopfte an ihre Seitenscheibe. »Machen Sie auf!«, schrie er.
Inna traute sich nicht, blieb erstarrt in ihrem eingeschneiten Auto sitzen, die Verbindung zur Außenwelt nahm mit jeder weiteren Schneeflocke ab.
Es klopfte erneut an die Scheibe. Energischer. Lauter. Eher ein Hämmern. »Machen Sie auf!«, schrie der Sturm. »Bitte, machen Sie die Tür auf!«
Inna hatte sich auf die Zunge gebissen. Sie schmeckte Blut.
»Nicht wegfahren! Bitte, reden Sie mit mir!«
Reden Sie mit mir.
Reden.
Sie dachte an Grunewald.
»Kannst du dich überhaupt unterhalten, Inna? Kannst du? Mal hier und da ein wenig plaudern? Eine verdammte Konversation führen? Ist gut für die Geschäfte«, hatte er vor vielen Jahren lamentiert.
»Ich arbeite. Das ist gut für die Geschäfte.«
Grunewald hatte den Kopf geschüttelt. »Menschen können sehr nett sein. Man kann mit ihnen reden. Der gemeine Mensch …«
»Ich bin …«
»Du bist kein Mensch. Du bist Statikerin«, hatte Grunewald sie unterbrochen.
»Ich …«
»Versuch’s doch mal.«
»Was denn versuchen?«, hatte Inna hilflos gefragt.
»Unterhalten. Versuch, dich mit anderen Menschen zu unterhalten.«
»Und worüber?«
»Über dich. Über dein Leben. Über andere. Über das Leben anderer.«
»Über das Leben? Über das Leben anderer?«
»Über Hobbys, Lieblingsfarben, Musikgeschmack. Man fragt sich, wie es geht oder was man am Wochenende vorhat. Man erzählt sich Geschichten aus der Kindheit. So macht man das!«
»Aus der Kindheit?« Inna hatte verständnislos die Augenbrauen hochgezogen.
»Zum Beispiel.«
»Was denn für eine Kindheit?«
»Herrgott, Inna! Kindheit! Hattest du denn keine? Mit Fingerfarben malen, schwimmen gehen, Sandburgen bauen und von Mauern springen. Hat dir dein Vater nicht das Fahrradfahren beigebracht? Das nennt man Kindheit! Man spielt mit Steinen und malt Bilder, man spielt Verstecken, kriecht in Höhlen und …«
In diesem Moment hatte Inna ihm ins Gesicht geschlagen.
»Inna …«, hatte Grunewald entsetzt gestammelt und seine Wange gehalten. »Ich …«
»Es gibt keine Höhle. Gibt es nicht.«
Sie holte tief Luft, zögerte, drückte mit klammen Fingern den Knopf der Zentralverriegelung.
Reden.
Über das Wochenende. Über die Kindheit.
Es dauerte einen Moment, dann wurde die Beifahrertür aufgerissen. Der Fremde schob sich mühsam auf den Sitz. Die Autotür fiel zu. Der Knall wirkte bedrohlich, endgültig.
Kein Zurück mehr.
Stille. Noch mehr Stille, nur der Sturm heulte in der Eiseskälte wie ein wildes Tier um sein Opfer. Inna hielt den Atem an.
»Danke«, stöhnte der Mann. »Das ist sehr freundlich von Ihnen.«
Reden.
Über das Leben. Über die Kindheit. Über das Wochenende.
»Was machen Sie am Wochenende?«, fragte Inna steif.
»Wie bitte?«
Sie schüttelte den Kopf. »Hier? Was machen Sie hier?«
»Ich war spazieren. Der Schneesturm hat mich überrascht.«
»Haben Sie den Wetterbericht nicht gehört?«
»Sie auch nicht«, spottete der Mann. »Wir könnten die Fußmatten unter die Räder legen.« Der Fremde machte eine bedeutungsvolle Pause. »Ehrlich gesagt …«
»Schnee«, sagte Inna schnell. »Sehr viel Schnee.«
Der Mann nickte. »Ich hatte überlegt zurückzulaufen, aber dann wäre ich drei Stunden unterwegs gewesen, wahrscheinlich länger. Der Sturm ist gewaltig, und es wird schon dunkel.« Er lachte nervös. »Ein Glück, dass Sie mir geöffnet haben.«
Inna presste ihre kalten Hände um den Lenker. Ein Glück. Ein Glück, dass sie ihm geöffnet hatte. Oder?
Der Mann lehnte sich zurück, verschränkte seine Arme, als könnte er damit seine Körperwärme speichern. Er schloss zufrieden seine Augen.
»Gut«, begann Inna. »Wir schaufeln die Räder frei, wir machen das mit …« Sie fuchtelte mit ihren Händen Richtung Fußraum. »Wir machen das mit diesen Matten.«
»Und dann?«
»Und dann.«
»Wir schaffen es nicht einmal vom Parkplatz, und das hier ist erst der Anfang. Der Sturm wird weiter zunehmen und es wird noch mehr Schnee fallen.«
»Wir müssen es versuchen.«
»Wir stecken hier fest. Da hilft nur abwarten.« Der Fremde öffnete seine Augen. »Seien Sie nicht albern.« Er streckte ihr seine Hand entgegen. »Geben Sie mir die Schlüssel zu Ihrer Fabrikhalle. Ich möchte nicht erfrieren.« Er räusperte sich. »Sie können ja im Auto bleiben.«
Inna presste ihre Lippen aufeinander, ihren Blick auf die Mittelkonsole gerichtet. Der Mann langte blitzschnell nach dem Schlüsselbund und stürmte hinaus.
Sie öffnete ihren Mund, kein Laut kam heraus, nur ihr Atem, der sich feige in die eiserne Finsternis verflüchtigte. Sie zog den Autoschlüssel ab, wartete. Wartete auf einen Impuls, die Tür aufzureißen und in die Kälte zu stürzen. Sie würde sich keuchend durch den Tiefschnee kämpfen, hier und da Gestalten sehen.
Etwas war ihr aufgefallen. An den Handgelenken des Mannes. Es hatte sie irritiert.
Der Sturm hämmerte erneut gegen ihre Scheibe. »Seien Sie nicht albern! Kommen Sie da raus, bitte!«, schrie er.
Kommen Sie da raus.
Inna nickte.
Kommen Sie da raus.
Wie gern wär’ sie damals aus der Höhle gekrochen. Einfach so.
Sie öffnete die Tür, ließ sich vom Sitz gleiten. Tobende Schneeböen empfingen sie. Der Mann packte ihren Arm, stieß die Tür zu. Sie bückte sich, schützte sich vor den gewaltigen Schneeflocken. Mit großen Schritten stapfte der Fremde durch den tiefen Schnee und zog sie hinter sich her. Wann immer sie stolperte, weil seine Schritte viel zu groß waren, riss er sie hoch und zog sie weiter. Ihr Arm schmerzte. Seine groben Hände bohrten sich durch ihre Jacke. Sie kniff ihre Augen zusammen.
»Rein hier!«, hörte sie ihn brüllen.
»Rein hier!«, hörte sie Jenke.
Inna öffnete ihre Augen einen Spalt, zwängte sich durch die schmale Türöffnung.
Der Mann stieß sie aus dem Weg, zog die Tür mit einer kräftigen Bewegung zu. Er klopfte seine schwere Jacke ab und stampfte auf den Boden. »Geschafft«, verkündete er erleichtert. »Haben Sie nasse Füße?« Er zeigte auf ihre Turnschuhe.
Inna wackelte mit den Zehen.
»Schön warm ist es hier«, bemerkte er.
Schön warm ist es hier.
Inna nickte wieder.
Der Mann zeigte in die Halle. »Viel angenehmer, als die ganze Nacht in Ihrem Auto zu verbringen. Wir haben es warm, wir haben …« Er schaute sich um. »Wir können uns setzen, wir haben einen Weihnachtsbaum.« Er lachte. »Vielleicht sind die Kugeln etwas groß, aber er passt in das spärliche Ambiente.«
Inna zog ihre Jacke aus und hängte sie an die Garderobe.
Menschen.
Nette Menschen.
Nette Menschen fragt man nach ihren Hobbys. Oder danach, was sie am Wochenende vorhaben.
Er reichte ihr seine Jacke, lächelte dankbar. »Ich heiße Igor.«
Igor.
Igor hatte große, raue Hände. Arbeiterhände. Und dann sah sie erneut, was sie im Auto bereits irritiert hatte. Ein bläulicher Schatten um seine Handgelenke.
»Gibt es jemanden, der auf Sie wartet? Der Sie heute Nacht vermisst?«, fragte er.
Jenke. Jenke wartete auf sie.
Sie ging zu einem der Telefone, wählte Grunewalds Nummer. Kein Freizeichen. Nicht einmal ein Knacken. Sie schluckte. »Grunewald?«, fragte sie in den Hörer, klammerte sich am Schreibtisch fest. »Du musst herkommen.« Sie legte auf, räusperte sich. »Grunewald kommt.« Inna schaute auf ihre Armbanduhr. »Gleich«, log sie.
Igor lächelte. Sein Lächeln wirkte aufgesetzt.
»Dann …« Sie lief gezielt auf den Wasserkocher zu. »Sie wollen vielleicht einen Tee.« Sie holte zwei Tassen aus dem Schrank. Während der Kocher das kalte Wasser erhitzte, starrte sie auf die Anrichte.
Fragen.
Fragen stellen.
Fragen beantworten.
Zum Beispiel über das Leben.
Sie öffnete eine Packung Christstollen.
»Wenn Sie ein Messer haben?« Igor streckte ihr erwartungsvoll seine Hand entgegen. »Dann kann ich ihn in Scheiben schneiden.«
Inna schüttelte den Kopf. »Nein«, entgegnete sie, zeigte auf das Sofa am Fenster. »Setzen Sie sich.« Weit genug weg. Bis Grunewald kam.
Ihr Herz klopfte.
Grunewald würde nicht kommen. Es gab keinen Grunewald, der sie abholen würde. Es gab überhaupt niemanden.
Igor schaute zu Boden. »Ich jage Ihnen Angst ein, oder? Nach einem Messer zu fragen, ist nicht sehr hilfreich.«
»Nein.«
»Nein«, lachte er. »Das verstehe ich.« Er schlenderte zum Sofa und setzte sich. »Sie heißen Inna.«
Sie schluckte trocken.
Und dann hörte sie es wieder. Das unheilvolle Rascheln.
Igor wusste also Bescheid. Bescheid darüber, dass Grunewald nicht kommen würde. Bescheid darüber, dass sie nicht hatte telefonieren können. Igor wusste Bescheid, weil er selbst dafür gesorgt hatte, dass die Telefonleitungen tot waren.
7
Marga hielt die Luft an.
Geisterhafte Stille. Nicht ein einziges Geräusch. Regungslos, wie erstarrt, stierte sie zum Hof. »Nicht auf den See, Marga«, hörte sie ihre Mama sagen.
»Aber ich muss nach den eingefrorenen Schildkröten gucken.«
»In ein paar Tagen.«
Marga hatte trotzig ihre Arme verschränkt. »Ich will Schlittschuh laufen.«
»Übermorgen.«
»Warum erst übermorgen?«
»Weil der See erst dann richtig gefroren ist.«
»Weil der See erst dann richtig gefroren ist«, hatte Marga sie nachgeäfft. »Du versaust mir meine ganzen Ferien. Meine ganzen!«
»Wenn du den See betrittst, sperre ich dich ein, hörst du, Marga?«
Marga presste ihre Augen zusammen. Jetzt würde sie einbrechen und erfrieren. Nur, weil sie nicht auf Mama gehört hatte.
»Mädchen?«, fragte jemand.
Ein Buchfink flatterte von einem der Fichtenzweige. Marga schaute sich vorsichtig um.
»Steh nicht so rum.« Der Mann hatte sich aufgesetzt. Er streckte ihr seine Hand entgegen. »Hilf mir lieber.«
»Die Eisdecke«, flüsterte sie.
»Die Eisdecke hat sich nur vom Ufer gelöst.«
Marga nickte schwach. »Okay«, hauchte sie. »Und bist du wirklich der Weihnachtsmann?«
»Was bin ich?«
»Der Weihnachtsmann.« Sie zeigte auf seinen Anzug. »Wo ist dein Rentier? Und dein Schlitten? Und warum hast du keinen Bart?«
Der Mann hustete.
»Natürlich gibt es dich nicht, aber wie kommt ein normaler Mensch hierher, ohne Fußspuren zu hinterlassen? Du bist …«
»Bin ich nicht.«
»Und aus welcher Richtung bist du dann gekommen?« Sie breitete ihre Arme aus. »Und warum sieht man nichts davon?«
Der Mann ließ sich schnaufend auf den Rücken fallen, mit ausgebreiteten Armen lag er im Schnee, während um ihn herum weiße Flocken durch die Luft wirbelten und seine rote Jacke verzierten.
Marga zuckte mit den Schultern. Keine Diskussion mit dem Weihnachtsmann. »Und wirst du einfach da liegen bleiben?« Sie trat dicht an ihn heran und beugte sich über ihn. »Bist du verletzt?«
Umständlich drehte sich der Mann auf die Seite.
»Ich kann meinen Papa holen. Er hat einen Unimog. Wir können dich …«
»Nein«, stöhnte er. »Mich darf niemand sehen.« Er zeigte zum Himmel. »Weihnachtsmänner sind geheim.«
»Gibt es denn mehrere?«, staunte Marga. Sie winkte ab. »Mein Papa wird nichts sagen.« Sie zögerte. »Außerdem würde er gar nicht glauben, dass du der Weihnachtsmann bist. In meiner Familie glaubt auch niemand an Gott.«
Der Mann schüttelte den Kopf. »Dein Papa darf nicht herkommen. Niemand darf das.«
Marga zuckte ratlos mit den Schultern. »Und was jetzt?«
»Ich muss mich eine Weile verstecken.«
»Verstecken?«
»Ich bin …« Er fuchtelte mit seiner Hand durch die Luft. »Vom Himmel gefallen. Abgestürzt. Mich darf niemand sehen.«
Marga schaute verständnisvoll. »Und wie lange?«
»Ein paar Tage. Dann bin ich wieder …« Der Mann zupfte an seiner nassen Jacke. »Dann bin ich wieder unsichtbar.«
»Klar.« Marga nickte. »Ich helfe dir.« Sie streckte ihm ihre Hand entgegen. »Wo willst du dich denn verstecken?«
Der Mann stützte sich ab. »Bei drei.« Er reichte ihr seine Hand. »Eins, zwei, …«
»Ich habe mich vertan«, unterbrach Marga und zog ihre Hand hektisch wieder zurück. »Du musst alleine aufstehen«, entschied sie. »Ich muss das auch immer. Mama sagt, es ist gut fürs Leben.«
»Oh Gott.«
»Gott gibt es nicht.«
Der Mann atmete geräuschvoll aus. »Ich muss mich trotzdem verstecken. Das hast du doch verstanden?«
»Ich glaube eigentlich nicht, dass du der Weihnachtsmann bist.«
»Bin ich aber.« Er zeigte in den Fichtenwald. »Ich bin abgestürzt. Mit meinem Schlitten. Irgendwo da hinten.«
»Ist dein Rentier gestorben?«, fragte sie. »Bist du deswegen so schlecht drauf?«
Er hob angestrengt den Kopf und schaute sie feindselig an.
»Ich habe ein Meerschweinchen«, sagte Marga. »Im Sommer nehme ich es in einem Körbchen mit in den Wald. Manchmal fahren wir mit dem Fahrrad, da klemme ich es hinten auf den Gepäckträger. Einmal bin ich aus Versehen über eine Wurzel gefahren, da ist Anton aus dem Fahrradkorb vom Gepäckträger gefallen, obwohl er in ein Handtuch gewickelt war.«
»Was für eine Scheiße.« Der Weihnachtsmann schüttelte den Kopf, rieb sich mit beiden Händen seine Augen.
»Weinst du jetzt?«, fragte Marga vorsichtig. »Wegen deines Rentiers?« Vielleicht musste sie ihm doch aufhelfen. »Gut.« Marga holte tief Luft. »Ich helfe dir, aber erst muss ich dich trösten.« Sie stapfte vorsichtig um den Mann herum, und weil sie ihn nicht in den Arm nehmen konnte, kletterte sie auf ihn und presste sich an seinen Rücken.
Eine ganze Weile verging. Marga fragte sich, ob der Mann vielleicht eingeschlafen war.
»Du kannst jetzt wieder herunterrutschen«, forderte er sie auf.
»Hast du geschlafen?«
»Nein. Ich habe ausgehalten, dass du auf mir liegst.«
»Ich habe dich getröstet.«
»Ja, und jetzt musst du mir aufhelfen.« Er zeigte zum Hof. »Da wohnst du also, ja?«
Marga nickte. »Warum kannst du nicht alleine aufstehen? Jeder kann das. Es ist ganz einfach. Wenn man liegen bleibt, dann geht es nicht mehr weiter. Dann ist das Leben zu Ende.« Marga presste ihre Lippen aufeinander. Vielleicht hatte sie etwas übertrieben. »Man kann einen Moment weinen, aber dann muss man wieder aufstehen«, tadelte sie ihn und segelte von seinem massigen Körper hinunter in den Schnee.
Der Weihnachtsmann holte Schwung. Angespannt saß er da, den Rücken zu ihr gewandt. Er keuchte.
»Du hast es fast geschafft«, feuerte sie ihn an und tapste dabei hin und her. Als sie in sein schmerzverzerrtes Gesicht blickte, wurde sie ernst. »Du hast dir wehgetan, oder?«, fragte sie besorgt.
»Hör auf, Fragen zu stellen oder irgendwas zu quatschen. Wenn du mir nicht hilfst, dann gibt es dieses Jahr gar keine Geschenke, verstehst du? Nix, niente, absolutamente nada, aus, Ende, Peng. Kein Weihnachten.«
Marga kaute an ihrer Unterlippe und beobachtete sorgenvoll sein rot angelaufenes Gesicht. Bluthochdruck. Daran wäre Opa beinahe gestorben. »Ich bin auch oft wütend, wenn ich mir wehgetan habe. Mama tröstet mich dann trotzdem.« Sie schlang ihre Arme um seinen dicken Oberkörper. »Du bist komisch«, stellte sie fest. Die schwere Gürtelschnalle seiner Jacke drückte sich unangenehm an ihre Wange.
Der Weihnachtsmann schubste Marga weg. »Dann eben nicht.« Er legte sich wieder auf den Bauch, sein Gesicht ließ er in den Schnee fallen. »Dann eben kein Weihnachten.«
»Ist das nicht eiskalt?«, fragte sie besorgt. Eine Weile wartete sie ratlos. »Gut, ich helfe dir«, entschied sie. »Ich habe ein Versteck, wenn du willst.«
»Ich kann nicht laufen.« Der Mann zeigte auf sein Bein. »Verletzt.«
»Aber …«
»Mit deinem Schlitten.« Er zeigte zur Scheune. »Du holst deinen Schlitten.«
»Ich …« Sie schaute sich unglücklich um.
»Du hast doch einen Schlitten?«, fragte der Weihnachtsmann.
Marga nickte wieder.
»Dann hol ihn.«
»Mama erlaubt mir nicht, dass ich …«
»Mama darf’s nicht wissen! Mama nicht, Papa nicht und auch sonst niemand«, zischte er. »Hol deinen Schlitten. Du musst nur deinen Schlitten holen.«
»Und dann?«, fragte Marga skeptisch. Mama würde sie einsperren. Für immer.
»Und dann rettest du das Weihnachtsfest. Du ganz allein.«
Marga überlegte. »Ich darf nicht auf den See. Eigentlich. Erst übermorgen.«
»Mama wird enttäuscht sein, wenn Weihnachten dieses Jahr ausfällt. Erst recht, wenn du daran schuld bist.«
Marga schluckte.
»Das willst du doch nicht?«
»Nein«, flüsterte sie.
»Dann hol deinen Schlitten!« Er fuchtelte mit seiner Hand durch die Luft. »Und beeil dich!«
Unbehaglich stapfte sie los.
8
»Tut gut«, schwärmte Igor und nippte an der heißen Teetasse. »Was sind Sie? Architektin?«
»Nein.«
»Nein.« Igor hob seine Augenbrauen. »Was dann?«
»Was dann?«
»Na ja, was sind Sie?« Er zeigte in den Raum. »Hier?«
»Statikerin.«
Er nickte knapp, deutete auf seine Hände. »Wonach sehen die aus?«
Inna wartete geduldig.
»Ich habe eine eigene Schreinerei.« Er zog seine Hände enttäuscht zurück. »Sie wollen sich gar nicht unterhalten, oder?«
Konversation. Sie lächelte schief.
»Ich möchte mich vergrößern.« Igor schaute sich um. »Ich habe auch so eine Fabrikhalle. Nicht so schön nostalgisch, aber ähnlich.« Er nahm sich eine Scheibe Christstollen, pulte umständlich das Marzipan heraus und schmierte es an den Rand seines Tellers. »Ich hatte gehofft, Sie hier anzutreffen. Eigentlich hatte Grunewald versprochen, dass Sie heute Vormittag zu mir kommen, aber das sind Sie nicht.«
»Grunewald?«
»Grunewald.« Er räusperte sich. »Sie sind Inna Lies.«
»Ja.«
»Ja«, wiederholte Igor und lachte laut. »Ja. Ich mache ein paar Tage Betriebsferien. In dieser Zeit hätte Grunewald die Pläne machen sollen. Aber er hat es vergessen.«
»Ich verstehe Sie nicht.« Inna schob ihren Teller zur Seite.
»Grunewald hat mich heute Morgen angerufen. Er hat gesagt, Sie würden sich meine Fabrikhalle anschauen. Aber Sie sind nicht gekommen.«
»Die Koordinaten«, fiel es Inna ein. »Sie sind der Freund. Ihnen gehört das Gehöft.« Sie schloss erleichtert ihre Augen. »Ich …« Sie zeigte hilflos aus dem Fenster. »Ich habe mich umentschieden. Der Schneesturm. Ich habe nicht damit gerechnet, dass …«
»Sehr ärgerlich«, bedauerte Igor. »Aber jetzt bin ich ja hier.«
»Ihre Fabrikhalle aber nicht.«
»Sie sind witzig.«
»Das war kein Witz.«
»Nein.« Igor kaute. »Das war kein Witz.« Er musterte sie nachdenklich. »Nun ist es so.«
Inna schaute auf ihre Armbanduhr. »Grunewald wird gleich …«
»Grunewald wird nicht kommen«, unterbrach Igor sie mit vollem Mund. »Das haben Sie nur behauptet.« Er lachte. »Die Telefone funktionieren ja gar nicht.«
»Haben Sie …«
»Nein.«
»Nein?«
Igor schlürfte geräuschvoll seinen Tee. »Sie wollten fragen, ob ich etwas damit zu tun habe.«
Inna nickte vorsichtig.
»Natürlich nicht.«
»Natürlich nicht«, wiederholte sie heiser. »Woher wissen Sie dann, dass …«
»Weil ich versucht habe, eines Ihrer Telefone zu benutzen. Da saßen Sie noch im Auto.«
»Wen haben Sie versucht anzurufen?«
Er stopfte sich den Rest Christstollen in den Mund. »Kennen Sie Grunewald gut?«
Inna schüttelte den Kopf.
»Aber Sie sind in ihn verliebt.«
»Nein.«
»Sie wollten, dass er Sie rettet.«
»Nein.«
Igor grinste. »Sie haben so getan, als würde das Telefon funktionieren. Sie hätten jeden nehmen können, aber Sie haben sich für Grunewald entschieden.«
»Er war der Erste, der mir eingefallen ist.«
»Er ist der Einzige, den Sie kennen.«
»Warum haben Sie mich auflaufen lassen?«
»Mit dem Telefon?«
Inna knackte mit ihren Fingergelenken.
»Sie hätten mir unterstellt, dass ich etwas damit zu tun habe.«
»Das tue ich auch so.«
»Sehen Sie? Es macht also gar keinen Unterschied.« Er lächelte. »Können wir das nicht einfach lassen?«
»Das Gespräch?«
»Nein, dass Sie mir nicht trauen, dass Sie Angst vor mir haben.« Er fuchtelte genervt mit seiner Hand durch die Luft. Puderzucker flog in alle Richtungen. »Ich kann nichts für den Schneesturm. Ich habe ihn wohl kaum bestellt.«
»Nein?« Inna strich mit beiden Händen herausgelöste Haarsträhnen hinter die Ohren. Der Sturm hatte ihren Dutt durcheinandergebracht. »Heute Morgen gab es schon Vorboten eines Tiefausläufers vom Nordpolarmeer, die sich laut Wetterbericht im Laufe des Tages zu einem Schneesturm kumulieren sollten.«
»Und?«
»Sie wären nicht hier, wenn Sie den Wetterbericht gehört hätten.«
»Sie auch nicht.«
»Ich war in meine Arbeit vertieft.«
Igor erhob sich. »Dass Sie Angst haben, tut mir leid.«
»Angst wovor?« Vor dem Sturm, dachte Inna.
»Angst vor mir. Ich finde, das passt nicht zu Ihnen. Wo Sie sonst so pragmatisch sind.«
»Pragmatisch.« Inna lehnte sich zurück und verschränkte ihre Arme. Sie hörte den Sturm an den Fenstern zerren. Sie hörte Igor, der seine Finger nacheinander auf die Lehne fallen ließ.
»Sie sind knapp 50?«, fragte er.
»Nein.«
»Sehen Sie?«
Sehen Sie? Eine Frage. Inna verzog ihren Mundwinkel. »Was sehe ich?«
»Ihrem Pragmatismus geschuldet kümmern Sie sich nicht darum, wie alt ich Sie schätze.«
»Woher wollen Sie das wissen?«
»Sie haben sich nicht gewehrt.«
»Und wogegen hätte ich mich wehren sollen?«
»Dagegen, dass ich Sie älter geschätzt habe, als Sie sind.« Igor lächelte. »Andere Frauen wären beleidigt.«
»Vielleicht bin ich 50.«
Er schüttelte den Kopf. »Sie sind 39.«
Inna schaute sich um. »Das haben Sie gelesen. Wo?«
»Das finden Sie selbst heraus. Gibt es hier eine Toilette?«
Inna tat so, als müsste sie ein Gähnen unterdrücken. »Das finden Sie selbst heraus.« Sie schloss ihre Augen, hörte Igor ziellos durch die Halle laufen, bis er fand, wonach er suchte. Er verriegelte die Toilettentür.
Innas Herz klopfte hart in ihrer engen Brust. Sie schaute hinaus. Der Sturm. Unerbittlich und wütend. Die schwarzen Tannen vor den Fenstern verneigten sich tief, wurden nach oben gerissen und zur anderen Seite geschleudert. Inna schüttelte den Kopf. Sie musste bleiben. Hier mit Igor. Sich ablenken. Die Wände. Die Fenster. Das Mauerwerk. Der Sturm. Sie holte tief Luft. Der Sturm brachte alles durcheinander.
Immerhin. Henri war tot.
»Haben Sie geschlafen?«
Sie zuckte zusammen, räusperte sich. »Nein.«
»Seit wann sind Sie hier?«
»Seit heute Morgen«, sagte sie heiser und setzte sich auf.
»Nein.« Igor schüttelte den Kopf. »Hier.« Er zeigte in die Halle hinein. »Hier in diesen Gemäuern. Seit wann gibt es Ihre Firma schon?«
»Grunewald. Es ist Grunewalds Firma. Seit 14 Jahren.«
»Seit 14 Jahren«, wiederholte er. »42.« Er setzte sich. »Ich bin 42 Jahre alt. Haben Sie herausgefunden, woher ich weiß, wie alt Sie sind?«
Inna schob ihre Unterlippe vor. »Hätte ich das tun sollen?«
»Es hatte Sie beunruhigt.«
»Sie haben sich vorbereitet.« Inna lächelte. »Sie wissen viel besser über mich Bescheid, als ich glauben soll.«
Igor runzelte die Stirn. Er zeigte zu der Wand, an der eingerahmte Auszeichnungen und Zertifikate hingen. »Da steht Ihr Geburtsdatum drauf.« Er lachte laut. »Machen Sie sich nicht lächerlich. Ich bin Schreiner. Und ein Kunde von Grunewald. Sonst nichts.«
»Sonst nichts.«
»Sie sind nicht sehr gesprächig.« Igor rieb seine Stirn. »Schwierig mit Ihnen.«
Sie deutete aus dem Fenster. »Der Sturm. Er bringt mich durcheinander.«
Igor lächelte schwach.
»Haben Sie Geschwister?«, fragte sie.
»Zwei Brüder. Beide sind jünger. David war Zimmermann, mein Bruder Victor ist Landwirt. Er baut Kohl an.«
»Igor kommt von Ingvar. Ingvar bedeutet Gotteskrieger«, bemerkte Inna.
»David ist letztes Jahr gestorben.« Igor zögerte. »Haben Sie schon mal einen Menschen verloren?«
Inna nickte langsam.
»Wen?«
»Henri.«
»Wer ist Henri?«
»Mein Vater. Er ist vorgestern gestorben. Vorgestern Nacht. Er wurde erstochen.«
»Was?«, fragte Igor entsetzt.
»Deswegen sind Sie doch hier?«
»Das glauben Sie wirklich, oder? Dass ich nicht zufällig hier bin?«
»Mein Bruder Jenke hat Sie geschickt.«
Igor schaute sich demonstrativ um. »Und was genau soll ich hier machen?« Er hob seine Finger zu einem Schwur. »Niemand hat mich geschickt. Auch nicht Jenke.« Er setzte sich und rutschte zur Sitzkante vor. »Wer hat Ihren Vater erstochen?«
»Ich kann mich nicht erinnern.«
Igor rückte seine Tasse zurecht und goss sich neuen Tee ein. »So?«
»Welchen Auftrag haben Sie? Sollen Sie mich holen?«
»Nein.« Er nahm einen Schluck Tee, lehnte sich zurück. »Sie haben etwas gesehen. Etwas, was Jenke vertuschen will. Ist er derjenige, der Ihren Vater erstochen hat?« Igor lachte komisch. »Das ist absurd.«
»Sie haben ja keine Ahnung.«
»Nein, habe ich nicht, aber ich glaube, dass Sie weggelaufen sind. Hierher, um sich vor ihm zu verstecken. Und jetzt glauben Sie, dass ich …«
»Schon als Kind.« Sie blinzelte. »Schon als Kind bin ich weggelaufen. Vor der Angst. Aber sie findet mich immer wieder. Sie ist wie eine Gestalt, die mich verfolgt.«
»Und vor was oder wem haben Sie Angst?« Igors Haut glitzerte. Er wischte mit dem Handrücken seine Stirn trocken.
»Vor den Schatten. Die Burg hatte viele davon. Überall lauerten sie und haben auf mich gewartet.«
Igor nickte. »Sie sind nicht mehr ganz dicht, oder?«
»Ich war noch ein Kind. Kinder fühlen so etwas. Das ist ganz normal. Hatten Sie denn keine Angst? Vor dem Monster unter Ihrem Bett? Meine Monster haben sich in den Skulpturen versteckt und sie lebendig gemacht. Die gesamte Burg war voll damit. Alles war so dunkel und bedrohlich, so kalt und so schwer. Schwere dunkle Möbel, knarzendes Parkett. Bücher. Regale vollgestopft mit Büchern und dunkler, ewiger Stille. Kinder haben Angst vor Stille und vor Geistern und vor Dunkelheit.«
»Sind Sie in einer Burg aufgewachsen?«, fragte er amüsiert.
Inna nickte. »Ja.«
»Ja.« Igor grunzte. »Gut. Also, in einer Burg. Hier?«
»Nein, hier ist eine Fabrikhalle, keine Burg.«
Igor rollte mit den Augen. »Hier in der Nähe.«
»Ja.«
»Die Burg Eisenfels. Am Fuße des Felsenmeers«, sagte er triumphierend. »Dort sind Sie aufgewachsen?«
»Ja.«
»Und vor den Gestalten oder den Schatten in dieser Burg sind Sie weggelaufen?« Er ließ seine Finger hin und her flattern. »Oder vor was auch immer?«
»Die Schatten kamen aus den Skulpturen. Sie haben immerzu an mir gezerrt. Wenn ich von meinem Zimmer aus in den Speisesaal wollte, habe ich mich von Vorhang zu Vorhang gerettet. Ich bin ein Stück gerannt, habe mich versteckt, den richtigen Moment abgepasst.«
»Sie hatten einen Speisesaal?« Igor lachte.
»Haben Sie sich das so vorgestellt?«
»Mit Bediensteten?«
»Das Gespräch.«
»Was?«
»Haben Sie sich unser Gespräch so vorgestellt? Läuft es in die richtige Richtung?«
Igor stöhnte. »Hören Sie auf damit. Das ist albern. Ich kenne Ihren Jenke nicht einmal, und mitnehmen oder irgendwo hinbringen will ich Sie auch nicht. Ich will mir nur ein wenig die Zeit vertreiben. Aber wenn Sie sich lieber nicht unterhalten wollen, lassen wir das einfach.«
»Vielleicht will ich aber. Nur bin ich nicht sehr gut darin. Ich kann nicht sprechen. Nicht gut. Nicht so wie andere.« Sie schaute auf die Uhr. »Haben Sie Hunger?«, fragte sie.
»Hunger!« Igor sprang auf, klatschte in seine Hände. »Warum nicht? Wir haben ja Zeit.« Er lachte schrill.
9
Die Luft war grau, und dicke Flocken fielen schwer vom Himmel. Ihren Schlitten durch den frischen Tiefschnee zu ziehen, war mühsam. Hier und da fand Marga Spuren von Hasen und Rehen, aber nirgendwo Hinweise auf ein abgestürztes Rentier.
Gisela streckte neugierig ihren Kopf aus der Hütte.
»Ich habe jetzt keine Zeit für dich«, keuchte Marga.
Im Sommer schon. Im Sommer hatte sie Zeit. Da gab es keinen Weihnachtsmann, der verletzt im Schnee saß und gerettet werden musste. Da gab es nur die Sonne und Blumen und Gras und Insekten und ihren Hof und Wasser zum Spritzen und Mama, die Melonen rausbrachte und ihr über den Kopf streichelte, wenn sie mit ihrem Meerschweinchen dicht an Giselas Zaun saß und sich Geschichten ausdachte. Anton hatte dabei mal einen schrecklichen Sonnenbrand bekommen. Seine weißen Ohren waren knallrot geworden und hatten sich wenige Tage später gepellt. Seitdem cremte Marga sie sorgfältig mit Sonnenlotion ein.
Sie hörte neben sich das Knacken eines abbrechenden Astes. Gewaltige Schneemassen fielen mit ihm herab, ein Eichhörnchen sprang zurück zum Stamm und lief hektisch die Baumkronen entlang, dabei löste sich immer mehr Schnee, der auf Marga herabfiel, sodass ihr Kragen bald durchnässt war und ihre Wangen vor Kälte brannten.
Sie lief weiter, hatte die Kordel fest um ihre Hand gewickelt. Eigentlich gab es den Weihnachtsmann nicht, genauso wenig, wie es das Christkind gab oder Gott oder die Zahnfee oder den Osterhasen oder den Nikolaus. Und wenn doch? Wenn es ihn doch gab und nur keiner Lust hatte, an ihn zu glauben?
Marga seufzte, stapfte weiter durch den tiefen Schnee. Der Weihnachtsmann lag da und schlief, hatte seine Arme und Beine weit von sich gestreckt.
Marga beugte sich über ihn. »Du musst wach werden.«
Erschrocken öffnete er seine Augen. »Wie lange liege ich hier?«
»Das habe ich mich auch schon gefragt.« Sie runzelte ihre Stirn. »Als ich gefrühstückt habe, warst du noch nicht vollgeschneit, so wie jetzt.« Sie zeigte auf seinen roten Samtanzug. »Kannst du dich eigentlich an nichts erinnern?« Marga legte ihren Kopf in den Nacken. Mit ihrer ausgestreckten Zunge fing sie Schneeflocken auf. »Ich darf keinen Schnee essen«, bedauerte sie. »Mama hat es mir verboten. Sie meint, dass ich vom Schneeessen Durchfall bekomme.« Sie zuckte mit den Schultern. »Ich habe Anton mal mit Schnee gefüttert. Kein Durchfall. Mama erlaubt es mir trotzdem nicht.« Sie schielte auf die Flocken, die auf ihrer Nase zu schmelzen begannen. »Übrigens hätte ich auch lieber keinen Bart, wenn ich der Weihnachtsmann wäre.« Marga zog besorgt ihre Augenbrauen zusammen. »Du hast eine Gehirnerschütterung.«
»Hör mal, Mädchen, du …«
»Marga, und du brauchst keine Angst zu haben. Ich hatte auch mal eine, das ist gar nicht schlimm. Man ruht ein paar Tage und jemand leuchtet einem in die Augen.« Sie räusperte sich. »Ich habe sogar gekotzt.«
»Und was ist passiert?«, stöhnte der Mann ungeduldig.
»Nichts. Mama hat mir meine Haare zurückgehalten und meinen Rücken gestreichelt.« Sie winkte ab. »Ich bin geritten. Letzten Sommer.«
»Scheißpferde.«
»Nein. Gisela ist ein Schwein. Ein Bentheimer Landschwein. Sie ist vom Aussterben bedroht.«
»Du bist auf einem Schwein geritten?«
»Auf Gisela, ja. Sie hat ganz viele schwarze Flecken.«
»Mit einem Sattel und Zaumzeug?«
»Und einem Einhorn.«
»Vom Schwein gefallen.« Der Weihnachtsmann tippte sich mit dem Zeigefinger an die Stirn.
»Gisela wiegt 187 Kilo.« Marga lächelte stolz. »Ich habe sie mal gewaschen und eingeschäumt.« Sie brachte den Schlitten in Position. »Und wie soll das jetzt gehen? Du bist so dick.«
»Wie soll denn ein dünner Weihnachtsmann den riesigen Sack mit den Geschenken schleppen und die Rentiere versorgen und die Wichtel beaufsichtigen?«
»Wichtel?«, hauchte Marga.
Der Weihnachtsmann stemmte sich krächzend auf alle viere. Er verharrte mit schmerzverzerrtem Gesicht.
»Bekommst du ein Baby?« Marga wich zurück.
Mama hatte damals geblutet und geschrien und einen roten Kopf bekommen, und als Robert aus ihrer Scheide geflutscht war, hatte Mama noch mehr geblutet und noch mehr geschrien. Marga hatte ein Handtuch besorgen und Robert darin einwickeln wollen, aber Papa war zur Haustür hereingestürmt und hatte Marga unsanft zur Seite geschubst. »Lass mich durch«, hatte er gebrüllt und sich auf Robert gestürzt, der nun nicht mehr rosig war, sondern lila. Marga hatte sich mit Anton in die Scheune verkrochen. Sie war in den Unimog geklettert und erst wieder herausgekommen, als sie am Abend Papas Stimme gehört hatte. Papa hatte ihr erklärt, dass es Robert und Mama gut ginge. Ständig war eine Frau im Haus umhergeschlichen, die nach Mama und Robert geschaut hatte. Marga hatte Bilder malen dürfen und mit der Frau über alles sprechen können, wozu Marga Lust hatte. Mama hatte immerzu auf der Couch gelegen und geweint, obwohl Robert ganz weich und warm war, gar nicht mehr lila. Marga hatte seine Milch probieren dürfen, die wässrig und süß geschmeckt und im Hals gebrannt hatte. Papa war ihr kaum von der Seite gewichen. Ständig hatte er sie besorgt angesehen und ihr über den Kopf gestreichelt, und Mama hatte in besonderem Maße fürsorglich gewirkt, weil sie ständig gefragt hatte, ob ihr warm genug sei, ob sie Hunger habe oder kuscheln wolle. Mama hatte Geschichten von neuen Babys und Familien vorgelesen, und ihr wurde ein besonderes Nachtlämpchen ans Bett gestellt.
»Mädchen?«
Marga zuckte zusammen.
»Was ist jetzt?«
Eifrig positionierte sie den Schlitten unter seine Körpermitte. Der Weihnachtsmann ließ sich herabsinken. Er stöhnte und sog geräuschvoll die Luft ein.
»Geschafft!«, rief Marga und hüpfte von einem Fuß auf den anderen. »Ich bringe dich in die Scheune«, erklärte sie wichtig. »Da kannst du trocknen.« Sie straffte das Seil, zog, aber der Schlitten ließ sich nicht bewegen. Nicht einen Zentimeter.
Marga ließ sich in den Schnee sinken, trotzig griff sie hinein, steckte sich eine Handvoll davon in den Mund. Dann fiel ihr Gisela ein. »Natürlich!«, rief Marga laut und sprang auf. »Warte hier«, befahl sie und rannte los. Sie hörte sich keuchen, ihr Herz klopfte wild.
Jetzt würde doch alles gut werden, dachte sie, auch wenn sie den Weihnachtsmann lieber nicht retten wollte.
10
Alles schwarz.
Der Abend war schwarz. Der Sturm war schwarz.
Sie hörte ihn, er schleuderte Unmengen Schnee an die Scheiben.
Inna lehnte sich an die Anrichte. Ihr war schwindelig.
»Ist Ihnen nicht gut?«
Sie winkte ab, holte einen Topf heraus.
»Ich kann Ihnen helfen«, bot er an. Er machte eine ausladende Geste in die Halle. »Ihre Berufung?«
»Eine Berufung hat für mich etwas Wohltätiges und Gemeinnütziges. Das Verspüren eines inneren Rufes zu einer bestimmten Lebensaufgabe«, antwortete Inna.
Igor nickte. »Zahlen, Tragfähigkeitsannahmen und Berechnungsmodelle.«
»Nein.«
»Dann eben nicht«, bemerkte er eingeschnappt. »Für mich ist es Holz. Mein Beruf als Schreiner. Deswegen will ich umbauen und größer werden.«
»Woher kennen Sie Grunewald?«
»Ich habe ihm eine Haustür gebaut.« Igor lächelte. »Aus einer Geschäftsbeziehung wurde Freundschaft. Wir kennen uns schon viele Jahre.«
Das Wasser im Topf begann zu sieden. Inna holte eine Packung Spaghetti aus dem Schrank. Igor war ein guter Lügner, dachte sie. Sie musste ihn bei Laune halten. Ein paar Stunden. Bis sich der Sturm gelegt hatte und sie verschwinden konnte. »Haben Sie Hobbys?«, fragte sie.
Igor lehnte sich an die Anrichte und verschränkte seine Arme. »Ich spiele Eishockey. Mit fünf Jahren habe ich angefangen.« Er zeigte seine Schneidezähne. »Den hier habe ich mal verloren«, sagte er. »Ist ersetzt worden.«
Inna wartete.
»Und ich liebe Eisstockschießen, falls Sie danach fragen wollten.« Igor überlegte. »Eigentlich mag ich alle Wintersportarten.«
Das kochende Wasser bildete große Blasen. Inna ließ den Inhalt der gesamten Packung in den Topf gleiten, rührte um.
Sie würde nichts essen können. Sie würde Igor gegenübersitzen und ihm nervös beim Kauen zusehen. Sie würde sich rechtfertigen müssen, das würde ihr schwerfallen. Am Ende würde sie sich zum Essen zwingen.
In ihrem Bauch flatterte der Sturm.
Sie schüttete das heiße Nudelwasser mitsamt den Spaghetti in ein Sieb. Der heiße Dampf stieg auf.
Wie heute Morgen.
»Soll ich übernehmen?«, fragte Igor.
Inna schüttelte den Kopf. »Nein.« Sie stellte zwei Teller und Gläser bereit, holte Besteck aus der Schublade, reichte Igor das Pesto.
»Dann wollen wir mal«, sagte er fröhlich.
Dann wollen wir mal.
Sie tischten auf und setzten sich, Igor kaute erwartungsvoll.
Fragen. Sie musste ihn ablenken. »Wie war Ihr Wochenende?«, fragte sie.
»Mein Wochenende?« Igor schüttelte verständnislos den Kopf. »Wieso denn …«
»Oder Ihre Kindheit? Wir können uns auch über Ihre Kindheit unterhalten.«
Er hob seine Augenbrauen. »Sie stellen komische Fragen.« Igor schob sich eine Gabel Spaghetti in den Mund und kaute. »Ich habe zwei Brüder«, erklärte er mit vollem Mund. »Aber das wissen Sie ja schon.«
»Ja. David ist gestorben. Letztes Jahr. Victor baut Kohl an.«
»Wollen Sie denn gar nicht wissen, woran mein Bruder gestorben ist?«
»Nein.«
»Er hatte einen Unfall. Er hat sich mit einer Kreissäge die Hauptschlagader am Oberschenkel …« Igor räusperte sich. »Er ist verblutet.«
»Okay.«
»Okay? Ist das alles, was Ihnen dazu einfällt?«
»Ja.«
»Ja«, wiederholte Igor, zeigte auf ihren Teller. »Essen Sie denn nichts?«
Inna schluckte trocken. »Ich habe keinen Hunger.«
»Weil Sie Angst haben.«
Inna presste ihre Lippen aufeinander. »Schon den ganzen Tag«, nickte Inna.
»Vor mir?«
Sie schüttelte den Kopf. »Ich hatte schon Angst, da war ich noch zu Hause. Ich bin aufgestanden und habe es rascheln hören.«
Igors Blick drückte vollkommenes Unverständnis aus. »Es hat geraschelt?«
»Eine Intuition. Irgendetwas hat mir am Morgen schon gesagt, dass heute etwas Unheilvolles passiert.«
»Sind Sie spirituell?«
»Nein.«
»Und das Rascheln? Was soll das gewesen sein? Irgendein Wink des Universums?« Er machte eine abwertende Geste. »Das passt überhaupt nicht zu Ihnen.«
»Unheilvoll.« Inna machte eine Pause. »Etwas Unheilvolles hat sich angekündigt.«
»Der Schneesturm.«
»Nein.« Inna hob ihren Kopf. »Sie.«
Igor legte sein Besteck ab. »Grunewald hat es mir schon gesagt.«
»Was gesagt?«
»Dass Sie nicht ganz dicht sind.« Er verschränkte seine Arme.
Da sah sie ihn wieder, den blauen Schatten um seine Handgelenke. Inna schloss ihre Augen.
»Was, wenn wir uns einfach weiter unterhalten?«, schlug Igor vor. »Vielleicht legt sich Ihre Angst.« Er zuckte mit den Schultern. »Sie müssen ja nicht über das sprechen, was vorgestern passiert ist.«
»Und über was dann?«, fragte sie.
Igor überlegte. »Erzählen Sie mir von Ihrer Kindheit. Sie sind Geschwister. Sie und Jenke. Und Ihr Vater heißt Henri. Sie sind in einer Burg aufgewachsen. Was ist mit Ihrer Mutter? Lebt Sie noch?«
»Ich darf nicht über meine Mutter sprechen.«
Igor rollte mit den Augen. »Dann erzählen Sie mir eben etwas über Ihre Kindheit, ohne dass Sie Ihre Mutter dabei erwähnen.«
Inna nickte ernst. »Sich in einer Höhle verstecken. Ist das Kindheit?«
*
Sie sah das dicke Edchen. Edchen, die ihre Hände an der Schürze abwischte und sorgenvoll eine Dose Kekse aus dem Schrank zog. »Möchtet ihr noch heißen Kakao?«
»Wir nehmen alles«, sagte Inna. »Alles. Oder, Jenke?«
Jenke schnippte ungeduldig mit den Fingern. »Können wir jetzt los?«
»Aber nur bis zu den Steinriesen«, warnte Edchen. »Ich komme sonst um vor Sorge.«
»Wissen wir.« Jenke schnappte sich die Tasche mit dem Kakao und den Keksen.
»Und es ist kalt. Und nass.« Edchen zeigte aus dem Fenster. »Seht ihr?«
»Sind wir aus Zucker?«
Edchen seufzte. »Nicht zum Felsenmeer!«
»Hat Henri aber erlaubt«, erwiderte Jenke. Er griff nach Innas Hand und stürmte los. Aus der großen Küche über den langen dunklen Korridor.
»Euer Vater wird trotzdem mit mir schimpfen, wenn ihr nass und verfroren zurückkehrt!«, rief Edchen hinterher.
Sie rannten. Durch die nasse Kälte, durch den schweren Nebel. Jenke vorweg. Inna hatte Bauchschmerzen, aber das hatte sie immer. Vor Angst. Vor Angst, dass ihre Mutter wieder tagelang weg sein würde. Sie kannte keine einzige andere Mutter auf der Welt, die ganze Nächte lang fort war, ohne ein Wort darüber zu verlieren.
»Ich kann nicht mehr!«, rief Inna und schnappte nach Luft.
»Henri hat mir etwas gezeigt, weit hinten im Felsenmeer.« Jenkes Augen blitzten. »Eine Höhle. Komm!«, forderte Jenke sie auf, mit verengten Augen, um sie vor dem Nieselregen zu schützen.
Sie erreichten den Wald, waren die Einzigen weit und breit. In den Pfützen schimmerten Millionen kleine Diamanten wie glänzende Perlen auf der Wasseroberfläche. Sie balancierten über bemooste Schienen. Rostige Venen, die in der Erde verschwanden und wieder auftauchten.
»Hier entlang!«, rief Jenke.
»Weiter will ich nicht.« Inna blieb stehen. »Komm zurück!«
»Angsthase.« Er zog sie hinter sich her, vorbei an den Steinleichen, den drei Riesen. Die Felsenköpfe lauerten still. Bereit, wenn sie nur einen Schritt zu nahe kamen.
Sie liefen, bis das Moos von der nassen Erde verschluckt wurde. Sie kletterten einen Abhang hinunter, stiegen über entwurzelte Bäume, immer tiefer in den Wald hinein. Inna war noch nie so weit von zu Hause fort gewesen. Sie schaute sich um. Keine Steinriesen mehr, keine Schienen. Stattdessen der graue Himmel, Regen, der die Sicht auf die Burg durch seine milchigen Vorhänge verschleierte. Kleine Steine wurden zu größeren, bis sie als riesige Felsen das ganze Tal auskleideten. Inna zog sich Schürfwunden zu, hangelte sich mit klammen Fingern die Felsen hinauf. Kekse, Kakao. Sie verschlangen ihren Proviant gierig. Schon nach wenigen Minuten sprang Jenke ungeduldig auf. »Wir müssen uns beeilen, es darf nicht dunkel werden.«
Irgendwann gelangten sie zu einer schmalen Spalte, umschlossen von bemoosten Felsen, die weit über das Tal ragten.
»Hier durch«, verkündete Jenke. »Siehst du?« Er zeigte auf ein kleines Steinmanderl. »Damit wir uns nicht verlaufen.«
Sie zwängten sich durch die schmale Kluft, Inna brannte der Rücken. Vor Kälte und Anspannung. Und weil die Felswand ihre Haut wund gescheuert hatte.
»Weiter!«, forderte er sie auf.
Weiter. Es wurde noch enger, noch kälter. Dunkler.
»Hier kommen wir nie wieder raus«, hauchte Inna. »Wenn wir weitergehen, bleiben wir stecken.«
»Hosenschisserin!«
»Selber!« Sie streckte Jenke die Zunge raus, schob sich weiter durch die Felsspalte. Sie kletterten auf einen Vorsprung, tief unter ihnen eine mit Farn ausgekleidete Schlucht.
Er deutete auf die gegenüberliegende Seite. »Siehst du?«
Inna verstand nicht sofort, was Jenke ihr zeigen wollte.
»Da!« Er drehte ihren Kopf mit der Hand in die richtige Richtung, und dann entdeckte Inna ihn. Den Eingang zu einer Höhle. Ein dunkler Einstieg, verdeckt und getarnt durch Brennnesseln und Efeu, die sich kränklich durch die sonst so raue Schlucht rankten.
»Henri hat sie mir gezeigt.« Jenke schnappte aufgeregt nach Luft. »Er hat gesagt, dass uns hier niemand finden kann.«
Eine ganze Weile standen sie da. Starrten auf den engen Einstieg der Höhle.
»Und jetzt?«, fragte Inna vorsichtig.
»Jetzt gehen wir da rein.«
Inna schluckte. »Ich will da nicht rein.«
»Und warum nicht?«, stöhnte Jenke. »Wenn du nicht mitkommst, gehört alles, was ich darin finde, mir allein. Auch das Gold.«
Inna zögerte. »Du zuerst.«
»Das geht nicht.«
»Warum nicht?«
»Was, wenn ich nicht mehr rauskomme?«, flüsterte Jenke. »Du kennst nicht einmal den Weg zurück. Du müsstest sterben. Verhungern und erfrieren und sterben!«
»Hör auf damit!«
Jenke verschränkte seine Arme und presste entschlossen seine Lippen zusammen. »Alles Gold gehört mir!«
»Vielleicht sind dort Skorpione und Spinnen.« Inna knabberte an ihrer Unterlippe. »Lass uns wieder nach Hause gehen.«
Jenke schaute sie feindselig an.
Sie roch Steine, Erde, Moos. Es begann, stärker zu nieseln. Kalter Regen, der sich wie nasser Staub auf ihre Haare legte. »Ich laufe zurück.« Inna zitterte. »Es wird dunkel.«
»Morgen. Morgen klettern wir runter.« Jenke stemmte seine Hände in die Hüften. »Und holen uns das Gold. Versprochen?«
Inna nickte zaghaft.
»Und kein Wort zu niemandem«, befahl er.
Jenke lief vor, orientierte sich an den Steinmanderln. Einmal rutschte er ab und schürfte sich seinen Knöchel auf.
»Siehst du?«, schimpfte Inna. »Nur, weil du in die Höhle willst. In der Höhle ist kein Gold! In der Höhle sind Spinnen und Kröten und Skorpione.«
»Sind Sie am nächsten Tag zurückgekehrt?«
Inna schaute auf. »Ja.«
»Und?«
»Und? Könnten Sie bitte in ganzen …«
»Bitte!« Igor presste Luft durch seine geschlossenen Lippen. »Bitte erzählen Sie weiter.«
Inna blinzelte.
*
Jenke konnte beim Frühstück kaum stillsitzen. Er ließ nervös seine Beine baumeln, stieß mit seinem Fuß ständig gegen das Stuhlbein.
»Hör auf damit!« Henri sah von seiner Zeitung auf. »Was ist mit dir, Junge?«
»Inna und ich …« Er blickte Inna eindringlich an. »Wir wollen los.«
Inna nickte unbeholfen. »Spielen.«
»Bei dem Regen?« Henri faltete seine Zeitung zusammen. »Wo wollt ihr hin?«, fragte er prüfend.
»Wissen wir noch nicht.« Jenke zuckte teilnahmslos mit den Schultern.
»Inna?« Er legte seine Finger unter Innas Kinn und hob ihren Kopf an. »Wohin?«
»Wissen wir noch nicht«, flüsterte sie.
Henri köpfte sein Frühstücksei. Mit einer einzigen schnellen Bewegung. Er ließ Jenke nicht aus den Augen, als er mit bloßen Händen in das Salztöpfchen griff und ein paar Körner auf sein Ei rieseln ließ. »So?«, fragte er. »Hast du Inna die Höhle gezeigt?«
Jenke schüttelte den Kopf.
»Das ist kein Ort zum Spielen.«
»Wissen wir.«
»Warum wart ihr dann dort?«
»Waren wir nicht«, flüsterte er.
»Wo ist Mama?«, fragte Inna.
»Das wüsste ich auch gern.« Henri leerte seinen Orangensaft in einem Zug. Seine lauten Schlucke hallten durch den Speisesaal. »Ich habe dir die Höhle gezeigt, um dich zu warnen. Das Felsenmeer ist gefährlich.«
»Weiß ich doch. Dürfen wir jetzt los? Wir gehen nur bis zum Rostbahnhof.« Jenke schob seinen Stuhl zurück. »Bitte!«, flehte er.
Henri zeigte mit dem Löffel auf Inna. »Pass auf deinen Bruder auf.« Er biss in sein Brötchen.
»Okay«, piepste Inna.
»Zum Rostbahnhof.« Er schüttelte den Kopf, schob einen Löffel mit Ei in seinen vollen Mund. »Soso.«
»Ich will zu Mama.« Inna hielt die Luft an und starrte auf ihren Teller. Tränen sammelten sich, tropften auf das Geschirr. »Kann ich zu ihr?«, fragte Inna kaum hörbar.
»Wenn sie wieder da ist.« Henri strich sich über seinen Bart, einzelne Krümel rieselten auf den Tisch. »Wenn sie wieder da ist. Und wenn sie sich auf ihre Mutterrolle besinnt. Und wenn sie nicht betrunken ist.«
Jenke sprang auf. »Können wir jetzt gehen?«
»Setz dich wieder«, befahl Henri. »Ihr geht nirgendwohin, solange das Frühstück nicht beendet ist.«
Sie saßen weitere Minuten still und mit gesenkten Köpfen am Tisch, während Henris laute Kaugeräusche den Knoten in Innas Magen weiter zuzogen.
Plötzlich öffnete sich die Tür und Mama spazierte herein. Sie trug einen Minirock und ein bauchfreies Oberteil. »Guten Morgen!«, zwitscherte sie fröhlich. Sie warf ihre Schuhe auf den Boden und tapste zu ihrem Stuhl. »Kaffee?« Sie schaute sich um. »Wo ist Edchen? Warum habe ich keinen Kaffee? Und warum sehen alle so betroffen aus?«
Inna beobachtete Henris angespannte Kaumuskeln und wagte nicht zu antworten.
»Ist irgendetwas passiert?«, fragte Mama. »Ihr seht ja aus wie bei einer Beerdigung.«
»Hattest du eine schöne Nacht?«, fragte Henri kalt.
»Was soll ich sonst gehabt haben?« Mama nahm sich ein Croissant. »Ich habe mit meiner Agentin gesprochen. Sie hat ein neues Angebot für mich.«
»So?«
»Willst du nicht wissen, welches?«
»Nein.« Henri räumte sein Geschirr zusammen.
»Wo ist Beeke?«
»Mit Ede auf dem Markt«, antwortete er. »Eine gute Mutter sollte das wissen.«
Mama lachte spöttisch. »Und ihr? Was werdet ihr heute machen? Bei dem scheußlichen Wetter? Ich …«
»Geh!«, unterbrach Henri sie. »Los, verschwinde!«
»Ich darf doch …«
Henri schlug mit der Faust auf den Tisch. »Darfst du nicht! Du führst mich vor, alle wissen es. Ich will, dass du verschwindest, ich will, dass du …«
»Aufhören!« Jenke packte Innas Arm. »Komm!«, forderte er Inna auf und zog sie vom Stuhl.
Sie rannten bis zu den Steinleichen. Kalt, grau, nass. Der Herbst zerrte an ihren Lungen. Inna stützte sich ab, schnappte nach Luft.
»Mama, Mama, Mama«, winselte Jenke. Er holte sich einen Stock und schlug damit in tiefhängende Äste. »Du bist doch kein Baby mehr.«
Inna schaute ihn feindselig an.
»Ist doch so.« Er warf den Stock ins Gebüsch. »Komm jetzt. Wir haben keine Zeit mehr.«
Sie liefen. Entlang der Steinriesen, an ihnen vorbei, sprangen über die Schienen und durchkletterten das Felsenmeer. Innas Hände waren rot vor Kälte, tausend Nadeln stachen in ihre Haut. Jenke war getrieben, wütend, sie konnte kaum mithalten. Irgendwann gelangten sie zu der engen Felsspalte, zwängten sich hindurch, auf den Felsvorsprung, mit Blick in die Schlucht, in die tiefe Schlucht.
»Jemand war hier«, flüsterte Jenke.
Inna folgte seinem Blick. Jenke starrte vor sich auf den Boden.
Regungslos, ungläubig, enttäuscht.
Unter ihnen verteilt lagen ausgedrückte Zigarettenstummel. Einige von ihnen so zerrieben, dass der Tabak in schwarzen Bröseln wie der Schweif einer Sternschnuppe auf dem Stein klebte.
»Lass uns verschwinden«, bettelte Inna. »Ich will nicht hier sein. Was, wenn …«
»Nein!« Jenke baute sich vor ihr auf. »Die Höhle gehört uns. Das Gold darin gehört uns! Wir müssen sie verteidigen. Gegen …« Er zeigte auf die Zigarettenstummel. »Gegen die hier.«
Und dann hörten sie Stimmen. Dunkle Männerstimmen und ein Geräusch, das Inna nicht zuordnen konnte.
»Bitte«, flüsterte Inna. »Jenke, ich …«
»Okay, verschwinden wir!«, lenkte Jenke ein.
Sie schoben sich durch die enge Felsspalte zurück, kletterten behände durch das Felsenmeer, Inna hörte Jenke keuchen. Die Felsen waren rutschig. Sie kamen durchnässt zurück. Graupel hatte ihnen die Sicht erschwert, sie hatten lange gebraucht. Sehr lange.
»Wo wart ihr?«, fragte Henri.
»Spielen.«
»Wo, Junge?« Henri schaute ihn eindringlich an.
»Wir waren am alten Rostbahnhof. Wie immer.«
»Nicht weiter?«
Beide schüttelten sie mit dem Kopf. »Zug gespielt. Und Restaurant.«
»So?« Henri hob seine Augenbrauen. »Und das bei dem Wetter. Ihr müsst verrückt sein.«
Edchen strich ihre Schürze glatt. »Kommt, Kinder«, sagte sie und nickte Richtung Tür. »Ihr holt euch noch eine Lungenentzündung.« Sie ließ ein Bad ein. In dem heißen Wasser ertränkte Inna ihre Angst.
»Und dann?«, fragte Igor.
»Und dann?« Inna schloss ihre Augen. »Und dann kam wenige Tage später der Nebel.«
Igor räumte die Teller zusammen. Er stellte sie unsanft übereinander. »Der Nebel.«
Inna nickte.
»Und das heißt?«, fragte er ungeduldig.
»Gar nichts.«
»Gar nichts?«
»Nein.«
»Und die Höhle?«
»Und die Höhle? Was ist das für eine Frage?«
»Haben Sie sich hineingetraut? Waren Sie jemals wieder dort?«
Inna schüttelte den Kopf. »Bis zu jenem Tag.«
*
Sie rannten, orientierungslos. Nebel drückte sich in ihre Lungen. Kalter, schwerer Nebel. Nebel, der alles verschluckte. Nur Mamas Gesichtsausdruck nicht. Den hatte nicht einmal der Sturm davongetragen.
»Jenke!«, rief Inna. Sie versuchte, ihm zu folgen. Er war schnell, zu schnell. Sie hatte plötzlich Angst, dass er verschwinden würde. »Warte auf mich!«, schrie sie.
Jenke nahm ihre Hand und zog sie. Zerrte sie über das vereiste Moos und die gefrorenen Gräser, über harte Zweige und große Steine. Inna stolperte. »Weiter«, keuchte er. »Wir müssen weiter.«
Schier endlos rannten sie durch die graue Landschaft Richtung Felsenmeer. Weiter, wir müssen weiter. Und dann rief jemand. »Kinder?« Eine Männerstimme. Inna hielt Ausschau. Zwei Männer in Wanderschuhen und ein Junge, mit Mützen und Schals und schweren Rucksäcken. Sie hielten lange Geräte in der Hand, der Junge hatte seine Augen weit aufgerissen.
»Lauf!«, brüllte Jenke.
»Bleibt stehen!« Der Bärtige der Männer setzte sich in Bewegung. »Du blutest ja.« Er zeigte auf Inna.
Inna senkte ihren Kopf, starrte auf ihre Hände. Rot. Ihre Hände waren über und über mit Blut bedeckt. Jacke und Hose getränkt. Der Stoff klebte nass an ihren Beinen. Inna wurde schwindelig, aber Jenke packte sie. »Weiter!«, schrie er. Weiter. Innas Beine gehorchten. Jenke. Sie durfte Jenke nicht verlieren. Die erschrockenen Männer hatten die Verfolgung aufgegeben, vielleicht, weil die Rucksäcke zu schwer waren oder weil sie fanden, dass Inna doch keine Hilfe brauchte. Oder weil sie Kinder nicht mochten. Oder weil sie Probleme mit Kindern nicht mochten. Oder generell Probleme. Inna folgte Jenke, obwohl sie ahnte, wohin er wollte. Zur Höhle. Um sich dort zu verstecken. Vor dem Blut. Vor der Kälte. Vor der Angst. Sie tauchten in das schützende Felsenmeer, sprangen, rannten, kletterten. Zwängten sich durch die enge Spalte. Inna japste nach Luft, der kalte Nebel nahm ihr das Denkvermögen. Der Vorsprung, unter ihnen die felsige Schlucht durchmischt mit Farn, Moos, Efeu. Jenke zögerte nicht, kletterte flink hinunter. Hinunter in die Tiefe. Hinunter in die Schlucht, die sie eisig und kalt empfing. Inna war zu langsam, rutschte ab, fing sich wieder, hatte sich die Beine aufgeschürft. Irgendwann verlor sie den Überblick, rollte über Totholz und spitze Steine, riss sich die Hände auf beim Versuch, sich an den Efeuranken festzuhalten. Den Eingang der Höhle ließ sie nicht aus den Augen. Sie musste Jenke aufhalten, ihm sagen, dass die Höhle eine Falle war. Dass sie leicht hinein-, aber nie wieder hinausgelangen würden. Eine unterirdische Höhle, Spuren des ältesten Tiefbaus auf Eisenstein, versteckt in einer bizarren Felslandschaft, umklammert von Buchen und Farn, Totholz, kühlen und feuchten Felsspalten, Klüften, leicht abgedeckt mit losem Zweigwerk und nassem Laub, Schnee, Eis. Lebensgefährlich, deswegen durften sie nicht hier sein, deswegen durften sie nur bis zu den Steinleichen, nicht weiter, niemals. Es würde kein Entkommen mehr geben. Die Höhle war gefährlich, das Felsenmeer unberechenbar, erst recht im Winter, in der Eiseskälte. Hier war niemand unterwegs. Niemand. Sie waren allein. »Wir müssen nach Hause!«, schrie Inna. »Das ist zu gefährlich, wir dürfen nicht weiter, wir dürfen nicht in die Höhle, Jenke, komm zurück!« Niemand würde sie hören, wenn sie um Hilfe riefen. Niemand würde sich hierher verirren. »Wir müssen nach Hause, Jenke!« Sie mussten nach Hause. Nur nach Hause. Zu Edchen und in die Badewanne. Ihre Angst in heißem Wasser ertränken. Das Blut in heißem Wasser ertränken. Das viele Blut.
Jenke half ihr auf, zog sie zum Eingang der Höhle. »Da rein, schnell.«
»Ich habe Angst, Jenke. Ich will nicht da rein. Was, wenn …«
»Wir haben keine Zeit!«, brüllte er panisch.
Inna schob sich bäuchlings mit den Füßen voran in das schwarze Loch, in den winzigen Eingang, spürte keinen Boden mehr unter ihren Beinen, krallte sich mit den Händen ans Efeu, an gefrorene Erde, es roch kalt und modrig. »Jenke!«, schrie sie. »Jenke!« Immer tiefer rutschte sie, versuchte, sich festzuhalten, flehte mit weit aufgerissenen Augen ihren Bruder an.
Sie schaute auf.
Igor stand ihr gegenüber, mit offenem Mund, die Teller noch immer in der Hand. Er starrte sie entgeistert an.
»Wir haben Verstecken gespielt. Einen ganzen Winter lang.« Inna lachte. Das Lachen schleuderte gegen die Fenster. Schnee rutschte hinab. Hinab in die Tiefe.
Wie Inna, wenn sie an die Höhle dachte.
11
Marga rannte am Haus vorbei in die Scheune und holte Giselas Trense.
»Gisela!«, rief sie außer Atem. »Gisela, jetzt!«
»Marga, was machst du denn da?«
Marga schaute erschrocken auf.
Mama stand im Nachthemd am Schlafzimmerfenster und blickte zu ihr in den Hof. »Es gibt Frühstück!«, rief sie.
»Ich kann jetzt nicht«, antwortete Marga schnell. »Ich habe zu tun. Leider.«
»Und was genau hast du vor?«
»Es hat geschneit, siehst du das denn nicht?«
»Willst du Gisela retten?«
»Nein!«, rief Marga zurück. »Nicht Gisela.« Marga zeigte auf den See, zog ihre Hand erschrocken wieder zurück. Sie durfte nichts verraten.
»Keine Experimente, hörst du?«
»Meinst du, Gisela könnte einen Schlitten ziehen?«
»Marga!«
»Das Weihnachtsfest fällt aus, und ich bin schuld. Ist dir das etwa egal?«, fragte Marga empört. »Gisela ist die Einzige, die noch helfen kann.«
»Wir fahren gleich in die Stadt, den Großeinkauf erledigen. Anschließend zünden wir für Oma Gitte eine Kerze an.«
»Ich bleibe hier!«, rief Marga entschlossen.
»Zum Friedhof, Marga. Oma wird sich freuen.«
»Oma ist tot. Wie soll sie sich da freuen?«
»Hör auf, so etwas zu sagen«, schimpfte Mama.
Marga antwortete nicht. Stattdessen reparierte sie die Trense, während Gisela unbeteiligt im Schnee wühlte.
»Rein mit dir!«, rief Mama.
Marga stapfte ins Haus, setzte sich mürrisch an den Frühstückstisch.
»Dann bleibst du eben mit Opa hier«, schlug Mama vor.
»Ich muss Zeitung lesen«, brummelte er.
»Aber doch nicht den ganzen Tag?«
»Egal«, winkte Marga ab. »Ich habe sowieso zu tun.«
»Und wer passt jetzt auf wen auf?« Mama wischte Roberts Mund sauber. »Sag doch auch mal etwas dazu!«
Papa schlürfte seinen Kaffee. »Was denn?«
»Marga möchte hierbleiben.«
»Und?«
Mama seufzte, räumte den Tisch ab, wickelte Robert auf der Couch, stopfte Windeln und Lätzchen in eine Tasche, holte ein Gläschen Obst und einen Löffel aus der Küche, zwängte einen wütenden Robert in seinen Schneeanzug und erteilte Befehle. Marga saß ungeduldig auf der Treppenstufe und wartete. Dann endlich öffnete Mama die Haustür, schleppte Robert und das Gepäck zum Auto, setzte ihn in den Sitz, während Marga summte und mit einer Rassel über seinem Kopf herumzappelte.
»Was bin ich froh, dass du schon so groß bist, Marga«, betonte Mama. »Sechs Jahre schon. Das ist so, so groß«, quietschte sie. »Opa ist im Haus. Er hat den Kamin angefeuert und sich auf das Sofa gelegt. Du könntest zu ihm gehen, er liest dir bestimmt etwas vor.« Sie küsste Marga auf den Kopf. »In der Küche steht noch ein Teller mit Plätzchen und in der Tiefkühltruhe ist Pizza. Vielleicht könnt ihr eure Figuren weiter schnitzen oder aus Mandarinen neue Anhänger …«
»Anni, bitte!«, unterbrach Papa genervt.
»Und nicht raus auf den See«, befahl Mama.
Marga nickte ernst und winkte brav, als ihre Eltern vom Hof fuhren, dann lockte sie Gisela in den Unterstand. Sie verlor fast das Gleichgewicht, so gierig suchte das Schwein nach den Eicheln in ihrer Tasche. Sie packte Giselas Ohren und zog sie durch die schmale Tür in den Schuppen. »Du bist viel zu dick. Ist ja wie durch eine Katzenklappe«, motzte sie. Entschlossen stemmte sie sich gegen Giselas Hintern, dabei berührte sie mit ihrer Wange versehentlich die verkrusteten Borsten. Sie verzog das Gesicht. »Du stinkst«, beschwerte sie sich. Ihr fiel das verweste Katzenbaby ein, das sie im Sommer hinter der Scheune gefunden hatte. Sie würgte.
Gemeinsam stapften sie durch den tiefen Schnee zum Weihnachtsmann, und während Gisela genüsslich die letzten Eicheln kaute, erzählte Marga ausführlich, warum sie so lange gebraucht hatten. »Ich habe mal ein totes Katzenbaby hinter der Scheune gefunden. Das war ganz kalt und labbrig und es hat genauso gestunken.« Sie verzog angewidert das Gesicht. »Weißt du eigentlich, was ich mir wünsche? Zu Weihnachten?«
Der Weihnachtsmann schaute Marga grimmig an.
Eigentlich wäre Marga viel lieber mit einkaufen gefahren. »Ist es wegen Anton? Weil ich ihn mit Kreide angemalt habe?«, fragte sie vorsichtig. »Kriege ich deswegen keine Geschenke? Anton fand’s nicht schlimm, und ich habe ihn mit in die Badewanne genommen. Er sieht wieder aus wie neu«, versicherte sie.
»Wir müssen uns beeilen, das hast du doch verstanden?«
Marga dachte angestrengt nach, schrubbte Giselas Ohr. Sie nickte skeptisch. »Warum bist du nicht unsichtbar?«, fragte sie.
Der Weihnachtsmann seufzte genervt. »Weil ich vom Schlitten gefallen bin.«
»Vielleicht müssen wir dich gar nicht verstecken. Vielleicht kann nur ich dich sehen. Weil ich ein reines Herz habe.« Marga wackelte unsicher mit dem Kopf. Da war der Sonnenbrand auf Antons Ohren und sie hatte Mama im Stich gelassen und Robert wäre fast gestorben, und dann war da noch Queen Enina, die nun doch keine Schneckenkönigin mehr war, weil Marga sich vertan hatte. Sie hatte die Weinbergschnecke gefunden und zu den anderen in ihre Nachttischschublade gesetzt, hatte regelmäßige Gewichtskontrollen durchgeführt, die Ergebnisse in eine Tabelle eingetragen. Margas neue Schnecke hatte 26,4 Gramm gewogen, das Gehäuse war 4,2 Zentimeter groß gewesen, dickwandig und stabil, mit quer verlaufenden Riefen. Von Opa hatte sie gelernt, dass man eine Schnecke mit linksgängigem Gehäuse eine echte Schneckenkönigin nannte. Also hatte sich Marga eine Heißklebepistole besorgt und das Gehäuse verziert. Mit einem pinken Glasstein, flach und deswegen besonders gut geeignet, einem Stein aus Perlmutt, den Marga bis dahin wie einen Schatz gehütet hatte, und grünem Glitzerstaub. Marga hatte ihr Salat und Blätter und auch ein paar Eierschalen für den Kalkhaushalt gegeben, und Queen Enina hätte bis an ihr Ende glücklich werden können, wenn Marga nicht zufällig herausgefunden hätte, dass sie sich vertan hatte. Mit Schrecken hatte sie auf das Häuschen gestarrt, es immer wieder mit den anderen verglichen. Erst hatte sie gehofft, dass alle ihre Schnecken Königinnen waren, aber dann hatte sie entschieden, dass Queen Enina genauso wenig eine Schneckenkönigin war wie alle anderen und dass sie Enina zu Unrecht so wunderschön verziert hatte. Sie hatte geweint und der Gerechtigkeit wegen entschieden, dass sie Enina zurück in den Wald bringen musste.
Marga holte tief Luft. »Gut, dann verstecken wir dich eben«, sagte sie unglücklich. »Du musst trocknen. Ist dir kalt?«
Der Weihnachtsmann zupfte an seiner roten Jacke. »Ganz nass«, bemerkte er.
Marga rückte die Trense zurecht. »Ich darf Gisela kein Einhorn mehr aufsetzen, hat Mama gesagt. Schade, aber da kann man nichts machen.« Marga band das Ende des Stricks an den Schlitten. »Los!«, befahl sie. Gisela lief in kleinen Schritten durch den Schnee, ihre Ohren wippten auf und ab. Marga fand, dass Gisela gar nicht wie ein Schwein wirkte, das vom Aussterben bedroht war. Und dann konnte Marga nicht so recht einordnen, was sie sah: Aus den Taschen des Weihnachtsmanns flatterten lauter bedruckte Papiere. Sie wirbelten durch die Luft, und je schneller der Schlitten fuhr, desto wilder flatterten die schmalen Blätter aus seinen Taschen und fielen in den Schnee. Marga blinzelte. Vor ihren Füßen landete ein Fünfeuroschein, der allmählich von dicken Schneeflocken betupft wurde.
Sie schaute sich um. Mit aufgerissenen Augen starrte sie auf den Schnee. Auf den Schnee, der sich rot gefärbt hatte. Genau da, wo zuvor der Weihnachtsmann gelegen hatte.
Marga schluckte ängstlich.
12
Polizeimeldung:
Zwei 6-jährige Kinder gesucht
Besorgte Passanten informierten die Polizei am Sonnabend darüber, dass ein 5 bis 6 Jahre altes Mädchen und ein 5 bis 6 Jahre alter Junge allein entlang der Schienen Richtung Felsenmeer gerannt seien. Man habe sie angesprochen, aber sie hätten nicht reagiert und seien den Männern entwischt. Das Mädchen sei verletzt gewesen und habe stark geblutet. Nach Einschätzung der Situation benötigen beide Kinder dringend medizinische und psychologische Betreuung.
Wer hat die beiden Kinder gesehen?
Sachdienliche Hinweise bitte an die Polizeidienststelle.
13
Es knackte trocken. Igor zuckte zusammen, starrte auf die Teller in seiner Hand. Ein großer Riss hatte sich gebildet. Er ließ los, die Teller zerfielen in einzelne Teile und landeten laut scheppernd auf dem Boden.
»Dass ich Ihnen davon erzählt habe, war ein Fehler.« Inna erhob sich. »Vergessen Sie meine Kindheit. Vergessen Sie die Höhle. Es ist der Sturm. Er zerrt an meinem Verstand.« Sie bückte sich und begann, die Scherben aufzusammeln.
»Setzen Sie sich!«, befahl Igor streng.
»Wie bitte?«
»Hinsetzen!« Er zeigte auf das Sofa. »Wir sind noch nicht fertig.«
Inna ließ den zerbrochenen Teller auf den Boden gleiten, setzte sich steif.
»Sie sind durch den Eingang gekrochen. Bäuchlings mit den Füßen voran.« Er verengte seine Augen. »Und dann?«
»Und dann?«
Igor ließ seine flache Hand auf den Tisch sausen. »Herrgott noch mal!«, brüllte er. »Hören Sie auf damit! Hören Sie auf, so dämliche Rückfragen zu stellen!« Sein Haaransatz zitterte. »Erzählen Sie, was passiert ist«, keuchte er heiser.
Sie nickte langsam. »Ich hatte keine Kraft mehr. Zu kalt. Meine Hände waren zu kalt.«
Igor rieb seine Augen. »Weiter?«, hauchte er. Er vergrub sein Gesicht. »Erzählen Sie weiter.«
*
Ihre Finger krallten sich in die kalte Erde, aber sie fand keinen Halt. Sie rauschte in die Tiefe, immer tiefer mit dem Bauch an spitz hervorstehenden Steinen entlang, es schnürte ihr die Luft ab. Sie wollte schreien, aber ihr fehlte die Kraft in den Lungen, dann endlich empfing sie harter Boden. Sie war mit den Füßen gelandet, drei oder vier Körperlängen unter dem Einstieg. Sie konnte sich nicht auf den Beinen halten, fiel rückwärts und stieß sich ihren Hinterkopf an der Felswand. Sie kauerte sich vornüber, hielt ihren Kopf, unfähig zu weinen oder etwas zu sehen, alles um sie herum war schwarz, die Luft nass und modrig, sie hörte feines Geröll herunterfallen.
»Inna?«, rief Jenke von oben.
Inna wollte antworten, aber es kam kein Laut heraus. Ihre wunden Handflächen brannten, ihre Zunge klebte am Gaumen, ihr Brustkorb verengte sich unter der Atmung und schnürte ihr die Luft ab. Sie hörte Jenke, wie er sich rückwärts durch den Eingang schob und herabglitt.
Inna schloss ihre Augen und kauerte sich in die Ecke. Die Kälte fraß sich durch ihre Knochen. Sie saßen auf dem harten Boden, mit eng angezogenen Beinen. Mit der Zeit hatte sie sich an die Dunkelheit gewöhnt. »Was sollen wir jetzt machen?«, fragte sie irgendwann.
Jenke presste seine Handballen auf die Augen. »Nicht«, er schlotterte. »Nicht fragen.«
Inna stand auf, legte ihren Kopf in den Nacken. Hoch über ihr ein diffuser Lichtstrahl, der sich feige in der gegenüberliegenden Felswand verkroch. »Wir müssen es versuchen.« Sie stupste Jenke an. »Wir müssen!«
Jenke schaukelte vor und zurück.
»Jenke!« Sie packte und schüttelte ihn. »Steh auf!«
»Warum denn?«, schrie er und sprang auf. Er stieß sie gegen die Felswand. »Warum sollen wir denn überhaupt wieder hier rauswollen?«
Inna blickte auf.
Igor war bis zur vorderen Sitzkante gerutscht, die Augen weit aufgerissen. Tränen hatten sich gesammelt. »Würden Sie den Weg zur Höhle heute noch kennen? Ihn wiederfinden?«
Inna blinzelte. »Vielleicht, aber ein Erwachsener passt nicht durch die enge Felsspalte.«
»Nein? Wie sind die Männer dann dorthin gelangt?«
»Welche Männer?«
»Die Männer, die ihre Zigaretten auf dem Felsvorsprung ausgedrückt hatten. Wie sind die Männer dorthin gelangt, wenn nicht durch die Felsspalte?«, fragte Igor.
»Von oben, also von der anderen Seite.«
»Und kennen Sie den Weg über die andere Seite?«
Inna dachte nach. »Mit einem Pick-up. Die Männer waren mit einem Pick-up dort«, fiel ihr ein. »Sie haben den Pick-up am westlichen Eingang zum Felsenmeer geparkt.«
»Würden Sie ihn wiederfinden?«
»Den Pick-up?«
Igor stöhnte. »Herrgott, den Zugang von der anderen Seite und damit den Weg zur Höhle.« Er fächerte sich Luft zu.
»Was ist mit Ihnen? Ist Ihnen heiß?«, fragte Inna.
Igor wehrte ab. »Und Jenke?«
»Was ist mit Jenke?«
»Würde er die Höhle wiederfinden? Sich dorthin zurückziehen? Sich dort verstecken, wenn er müsste?« Er stand auf, verschränkte seine Arme.
»Warum sollte er?«
Igor nickte knapp. »Zum Beispiel, weil er seinen Vater ermordet hat.«
Inna schüttelte den Kopf.
»Wo ist die Höhle?«, fragte Igor ernst.
»Warum wollen Sie das alles wissen?«
»Wo, Inna?«
Sie lächelte schief. Wie groß Igor war, dachte Inna. Sie erhaschte einen Blick auf seinen behaarten Bauch. »Jenke hat Sie gar nicht geschickt.«
»Wie bitte?«
»Nicht er hat Sie geschickt.« Sie räusperte sich. »Sie sind auf der Suche nach ihm«, verkündete sie triumphierend. »Und ich soll Ihnen sagen, wo er ist.«
14
Der Schnee sah verlockend aus, weich wie Watte oder eine Wolke, aber Marga wusste, dass der Schnee in Wirklichkeit kalt war und nass. Sie ließ die Scheine liegen, rannte über den zugeschneiten See zum Weihnachtsmann, der sich inzwischen aufgesetzt hatte und nach ihr schaute.
»Mädchen«, setzte der Weihnachtsmann an, aber Marga winkte ab.
»Ich kann jetzt nicht mehr«, erklärte sie. »Und Gisela auch nicht.« Marga schrubbte Giselas Ohren und vergewisserte sich, dass der Weihnachtsmann ihr erschöpftes Gesicht sehen konnte. »Gisela ist vom Aussterben bedroht. Sie muss jetzt zurück in ihr Gehege.«
Er zeigte zum Hof. »Noch ein winziges Stückchen. Du willst doch, dass es dieses Jahr Geschenke gibt?«
Marga überlegte. »Aber nur bis zur Scheune«, entschied sie. Sie nahm die Trense und zog Gisela mit beiden Händen hinter sich her.
Vor der Scheune machten sie Halt.
»Du darfst niemandem erzählen, dass ich hier bin.«
»Hab ich ja längst verstanden.« Marga zupfte an seinem nassen Ärmel. »Kannst du krank werden?«
Sie würde sich kümmern, so, wie Mama sich um Marga kümmerte, wenn sie krank war, dann nämlich lag sie auf dem Sofa, zugedeckt mit der blauen Decke, die sich in der Truhe neben dem Kamin befand. Das Beste am Kranksein war, dass man umsorgt wurde, ohne Unterlass, und dass man Kartoffeln mit Möhren und Butter zu essen bekam, sogar mit Petersilie.
Einmal war Marga ohnmächtig geworden. Anton hatte kalte Pfoten gehabt, und weil er nach Kaffeebohnen gerochen hatte, war ihr übel geworden. Aufgewacht war sie in Mamas Bett, ohne sich zu erinnern, wie sie dort hingelangt war, aber geweint hatte sie, weil Anton die Nacht in seinem Käfig verbringen musste. Am nächsten Morgen hatte sie ihn mit auf das Sofa nehmen dürfen. Sie hatte frische Trauben und Multivitaminsaft bekommen. Mama hatte aufgeräumt und in regelmäßigen Abständen Margas Stirn gefühlt, und dann war Opa zu ihr gekommen und hatte ihr eine Schachfigur gezeigt. »Siehst du, Marga? Das ist einer der beiden Türme«, hatte er erklärt und die Figur in seinen Fingern hin- und hergedreht. »Ich habe ihn geschnitzt. Gefällt er dir? Die Figuren stellen ein Sinnbild von Hofstaat und Heer traditioneller Königreiche dar.«
»Warum sehen deine Figuren immer gleich aus?«
»So sind sie eben«, hatte Opa erklärt. »Ich schnitze sie nach der allgemein üblichen Figurenform. Nathaniel Cooke hat sie kreiert. Ist schon fast 170 Jahre her.« Er hatte überlegt. »Man nennt sie Staunton-Figuren. Nach dem großen Schachspieler Howard Staunton.«
»Und hat Howard Staunton auch Einhörner entworfen?«
Opa hatte gelacht, dann war er ernst geworden. »Wenn du Einhörner haben möchtest, dann musst du lernen, wie man schnitzt.«
So hatte Marga ein Schnitzmesser und eine eigene Werkbank bekommen. In der Scheune hatte sie eifrig Skizzen angefertigt, die Gisela eines Tages sabbernd und schmatzend verschlungen hatte. Nicht eine einzige Zeichnung war verschont geblieben. Marga hatte Gisela ins rechte Ohr gekniffen, aber Gisela hatte unbeirrt weitergekaut.
»Weißt du, Marga«, hatte Opa begonnen, als sie weinend auf seinem Schoß gesessen hatte. »Erinnerst du dich an den Namen Nathaniel Cooke?«
Marga hatte enttäuscht genickt.
»Nathaniel Cooke hatte die Originalzeichnungen für seine berühmten Schachfiguren im Werk Jaques of London hinterlegt. Diese Manufaktur stellte damals die Schachfiguren her, mit denen die ganze Welt spielte.« Opa hatte eine seiner bedeutungsvollen Pausen eingelegt. »Und weißt du, was eines Tages mit diesen Zeichnungen passierte?«
Marga hatte schluchzend den Kopf geschüttelt.
»Das Werk Jaques of London wurde im Krieg von der deutschen Luftwaffe bombardiert. Nicht nur die Originalzeichnungen wurden zerstört, sondern auch die Muster der Staunton-Figuren.« Opa hatte geheimnisvoll mit der Zunge geschnalzt. »Nichts mehr da«, hatte er geflüstert. »Alles weg! Verbrannt, für alle Zeiten, für immer und ewig!«
»Und niemand hatte Kopien?«, hatte sie erschrocken gefragt.
»Niemand«, hatte Opa bestätigt. »Niemand!«
»Und dann?«
»Nichts. Man hat die Figuren einfach weiter hergestellt, sich nicht davon beirren lassen. Die Staunton-Figuren werden bis heute produziert, auch ohne die Originalzeichnungen.«
Marga scheuchte Gisela über den Hof zurück in ihre Hütte, hätte sich gern feierlich bedankt, aber Gisela würde sowieso nicht zuhören, so ersparte sie sich die aufwendige Zeremonie.
Als Marga zurück zur Scheune kam, war der Weihnachtsmann bereits vom Schlitten auf den Boden gerutscht und hatte sich auf allen vieren in den Schnee gehockt.
»Jetzt nur noch aufstehen«, sagte sie. Vielleicht konnte sie dann gehen und ihn allein lassen. Vielleicht.
Der Weihnachtsmann stemmte sich hoch, suchte Halt an der Scheunentür. Er humpelte los, stolperte über den Sack mit Opas leeren Dosen zum Büchsenwerfen und stieß mit seinem Kinn an die Deichsel eines Anhängers. Der Weihnachtsmann fluchte laut.
»Schscht«, befahl Marga. Der Samtanzug war mit Spänen und Staub übersät. Marga klopfte ihn ab. »Letzten Sommer hatte ich einen Unfall. Ich wollte im Wald picknicken und nach Enina suchen. Ich bin mit meinem Fahrrad über eine Wurzel gefahren und gefallen, dabei ist Anton aus seinem Körbchen geschleudert worden und ganz weit geflogen.« Sie schaute zu, wie sich der Weihnachtsmann in den Stand hievte. »Hast du schon mal geweint?« Weil er nicht reagierte, erzählte sie weiter von ihrem Unfall. »In meinen Beinen steckten lauter Dornen, und Anton habe ich aus den Brennnesseln geholt. Das war schlimm.« Sie schob den Weihnachtsmann durch die Scheune. »Das ist ein Dreiseitenkipper. Typ 120 DK, Baujahr 1975 von Krone. Und das hier«, sie zeigte auf den nächsten Anhänger, »ist ein Einachs-Dreiseitenkipper, vier Jahre jünger. Opa hat mal Halteösen an alle Bordwände geschweißt.« Sie zeigte ihm die Ösen für den Holzaufbau. »Ich habe geholfen«, erklärte sie. »Und das hier ist mein allerliebstes Fahrzeug auf dem ganzen Hof.« Marga machte einen Umweg und steuerte auf einen Unimog zu. »Leiterrahmen ohne Kröpfung, ein Ur-Unimog, der Letzte, der gebaut wurde. Damit fährt mein Onkel immer Schnee weg, wenn er dran ist. Papa hat ihn im Frühling zu meinem sechsten Geburtstag gefahren und schwarze Luftballons drangehängt. Die waren noch übrig von der Beerdigung.« Sie zuckte mit den Schultern. »Letzten Winter ist Otto gestorben. Otto war unser Kater. Papa hat ein Loch gegraben, und wir haben ihn in ein Handtuch gewickelt und hineingelegt. Otto ist auch der Vater von dem toten Katzenbaby, das ich mal gefunden habe.« Marga zupfte an ihrem Ohrläppchen. »Beide tot. Auf jeden Fall hatten wir schwarze Luftballons.« Marga zog den Weihnachtsmann in die hinterste Ecke der Scheune. »Kann ich jetzt gehen?«, fragte sie schnell.
Der Weihnachtsmann verengte seine Augen. »Du hast doch verstanden, was ich dir gesagt habe?«
Marga nickte vorsichtig.
»Niemand darf wissen, dass ich hier bin.« Er berührte ihren Arm. »Wenn du deinen Eltern oder deinem Opa von mir erzählst …« Er bohrte seine Finger in ihre Haut. »Weißt du, was dann passiert?«, fragte er prüfend.
»Dann fällt Weihnachten aus«, hauchte sie.
»Dann fällt Weihnachten aus«, wiederholte er. »Nicht nur das. Wenn du jemandem erzählst, dass ich hier bin, dann kann ich nicht mehr zurück. Wenn ich von Erwachsenen gesehen werde, zerfällt der Zauber und alle Engel und Wichtel werden sterben. Alle.« Er räusperte sich. »Und dann, Mädchen, wirst du ganz schlimm bestraft.«
Marga schluckte.
»Du kommst in ein Kindergefängnis. Ganz allein. Damit würdest du Mama und Papa großen Kummer bereiten. Und in einem Kindergefängnis ist es …«
Marga befreite sich aus seinem Griff. »Mach ich ja nicht«, unterbrach sie ihn.
»Gut«, nickte der Mann. »Darauf muss ich mich verlassen.« Er faltete seine Hände. »Und jetzt besorgst du mir trockene Anziehsachen von deinem Papa. Das kannst du doch? Wie alt bist du? Sechs?«
Marga schüttelte den Kopf. »Fast sieben«, hauchte sie.
»Sieben!« Er klatschte in die Hände. »Dann muss ich mir ja gar keine Sorgen machen. Mit sieben ist man fast schon erwachsen.«
Marga lächelte schief.
»Und wenn du das geschafft hast, habe ich eine Überraschung für dich.« Der Mann knuffte ihr in die Wange. »Magst du Überraschungen?«
Marga zuckte mit den Schultern. Sie wollte ihm nicht sagen, dass sie ihn längst durchschaut hatte. Es gab keinen Weihnachtsmann. Genauso wenig, wie es den Osterhasen gab. Es gab ja nicht einmal Gott.
»Du darfst mitkommen«, verkündete er.
»Mitkommen? Wohin?«
»Möchtest du sehen, wo ich wohne?«
Marga öffnete ihren Mund. Sie durfte weder Hundewelpen noch Süßigkeiten annehmen. Sie durfte in kein fremdes Auto steigen. Auch nicht bei Regen oder Gewitter.
»Du musst schwindelfrei sein«, sagte der Mann. »Du bist doch nicht ängstlich?«
Marga schüttelte den Kopf.
Er zählte auf. »Schwindelfrei, nicht ängstlich. Und du musst Geheimnisse für dich behalten können. Wirklich wichtige Geheimnisse.«
Keine Hundewelpen. Marga atmete erleichtert auf.
»Soll ich dir die Überraschung verraten?«, fragte der Mann.
Sie nickte skeptisch.
»Wir fliegen hoch über den Wolken. Ganz nah bei den Sternen. Du wirst staunen!«
»Mit deinem Schlitten?«
»Und den Rentieren.«
Marga knabberte an ihrer Unterlippe. Schlitten war wie Auto. Sie würde richtig Ärger von Mama bekommen. »Geht ja nicht«, erklärte sie. »Der Schlitten und die Rentiere sind doch weg.«
»Die werden wir morgen suchen.« Er zögerte. »Du kannst doch sicher gut mit Tieren umgehen?«
Marga wippte auf und ab. »Ich habe eigentlich keine Zeit«, log sie.
»Keine Zeit?«
Sie schüttelte den Kopf. »Leider.«
»Keine Zeit«, sagte der Mann nachdenklich. »Also gut. Dann bleibst du eben hier. Dann werde ich den Schlitten allein suchen.« Er räusperte sich. »Und wenn ich ihn nicht finde …« Er hob seine Augenbrauen. »Ja, dann …«
»Ich glaube eigentlich nicht, dass du der Weihnachtsmann bist.« Marga strich mit der Hand über eine Plane. »Es gibt keinen Weihnachtsmann.«
»Macht nichts!«
»Macht nichts?«
Der Mann zuckte mit den Schultern. »Mir egal, was du glaubst und was nicht.«
Marga schluckte. »Und das Weihnachtsfest?«
»Und das Weihnachtsfest?«, äffte er Marga nach. »Was ist mit dem Weihnachtsfest?«
»Habe ich es dann trotzdem gerettet?«
»Nein«, sagte er scharf.
Marga holte tief Luft. »Kann ich jetzt gehen?«
»Eine Sache noch.« Der Weihnachtsmann stützte sich an der Wand ab. »Bevor es morgen losgeht, brauche ich eine Zeitung.«
»Eine Zeitung? So eine Zeitung, wie Opa sie hat?«
Er nickte. »Eine Tageszeitung. In der Zeitung …« Er fuchtelte mit seiner Hand durch die Luft. »Da stehen geheime Botschaften für mich drin.«
»Der Schnee war rot«, stieß Marga hervor. »Hast du geblutet?«
Der Mann schüttelte traurig den Kopf. Er zeigte auf Marga. »Du glaubst nicht an mich, deswegen! Deswegen färbt mein Anzug ab.« Der Mann zupfte an seiner Jacke. »Ich verliere nach und nach an Zauber, nur, weil du so misstrauisch bist. Wenn du nicht an mich glaubst, verliere ich meine Kraft. Genau so ist es nämlich.«
»Eine Zeitung«, sagte sie schnell.
»Eine Zeitung. Und trockene Kleidung.«
Marga beeilte sich und rannte über den Hof ins Haus. Im Flur begegnete sie Opa.
»Was machst du da draußen, Marga?«, fragte er prüfend. »Ist dir auch warm genug?«
»Hast du trockene Kleidung für mich? Erwachsenenkleidung? Ich brauche eine Unterhose und einen Schlafanzug.« Margas Herz klopfte schnell. »Für jemanden, der trocknen muss. Ich bringe die Sachen auch wieder zurück.«
»Du spinnst.« Opa schlurfte zurück zum Sofa und legte sich wieder unter seine Decke.
Marga fand, dass Opa blass aussah, gar nicht wie sonst.
»Was ist mit dir?«, fragte sie und legte sich zu ihm. »Wirst du heute sterben?«
Opas Bauch wackelte, so laut lachte er. »Bestimmt nicht.« Er streichelte ihren Rücken. »Ich sterbe nicht.«
»Weißt du, ob der Weihnachtsmann sterben kann? Wie alt ist er überhaupt?«
Opa überlegte angestrengt. Er forderte Marga auf, von seinem Bauch zu klettern, und schlurfte zum Bücherregal. Er brauchte lange, bis er fand, wonach er suchte. Er holte ein dickes schwarzes Buch aus dem Regal und blätterte sorgfältig darin herum. Dann nickte er abwesend. »Manche behaupten, der Weihnachtsmann sei eine blöde Erfindung, eine Symbolfigur weihnachtlichen Schenkens von der Coca-Cola Company. Stimmt aber nicht. Es gibt einen Holzschnitt von 1881. ›Merry Old Santa Claus‹ von Thomas Nast.« Er blätterte weiter. »Und es gibt Beschreibungen aus dem Jahr 1821, in denen der Weihnachtsmann als freundlicher alter Mann mit langem Rauschebart, rotem und mit weißem Pelz verbrämtem Gewand dargestellt wird.« Opa schaute auf. »Also könnte der Weihnachtsmann fast 200 Jahre alt sein.« Mit dieser Feststellung knallte er das schwere Buch zu und stellte es zurück an seinen Platz. »200 Jahre«, wiederholte er und schlurfte zum Sofa.
»200 Jahre?«, fragte Marga ungläubig. »Und gibt es den Weihnachtsmann auch ohne Bart und nicht ganz so alt?«
Opa zuckte mit den Schultern. »Vielleicht.«
Marga sprang auf. Sie lief die Treppe hinauf. Dem Weihnachtsmann würde schon irgendetwas aus Papas Schrank passen. Sie suchte sorgfältig und fand eine Trainingshose, einen Rollkragenpullover und Socken. Sie fischte eine Unterhose und ein T-Shirt aus Papas Schmutzwäsche. Sie stopfte die Kleidung in ihren Rucksack, holte Anton aus seinem Stall. Sie nahm ihn hoch und küsste ihn. »Dann gibt es ihn also doch«, flüsterte sie. »Und wir beide können das Weihnachtsfest retten.«
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