Читать книгу: «Deutschlandlieder. Almanya Türküleri»

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Nedim Hazar

Deutsch

landlieder

Almanya

Türküleri

Zur Kultur der türkeistämmigen Community

seit dem Anwerbeabkommen 1961

Rotbuch Verlag

Die Fotos im Bildteil stammen alle von Gökhan Yılmaz. www.goekhanyilmazfilms.de

Dank für die Karikatur auf Seite 120 an Muhsin Omurca. www.mussin.de

eISBN 978-3-86789-846-1

1. Auflage

© 2021 by BEBUG mbH / Rotbuch Verlag, Berlin

Umschlaggestaltung: fuxbux, Berlin

Umschlagabbildung: picture alliance / CITYPRESS24 /

Tilman Jentzsch

Ein Verlagsverzeichnis schicken wir Ihnen gern:

Rotbuch Verlag

Axel-Springer-Str. 52

10969 Berlin

Für Ekrem, Tereza, İlyas, Elijah

Und für Ulli

Grußwort

Dr. Lale Akgün

Sechzig Jahre Einwanderung aus der Türkei. Eine Einwanderung, die als temporärer Aufenthalt aus wirtschaftlichen Gründen begann und eine unerwartete Dynamik entwickelte.

In Deutschlandlieder. Almanya Türküleri zeigt uns Nedim Hazar diese Entwicklung auf, von ihren Anfängen bis heute. Es kamen Menschen, die sich in dem neuen Land zurechtfinden mussten. Ihre Gefühle und Bindungen drückten sie durch ihre Musik aus. Deutschlandlieder spiegeln somit die Lebenssituation, aber auch die immerwährende Akkulturation der Türkeistämmigen in Deutschland wider.

Die Zeit schritt voran. Die Lieder der Gastarbeiter der 1960er-Jahre waren irgendwann nicht mehr aktuell, es kamen neue Generationen, die ihre eigenen Lieder hatten, und es tauchten immer neue Vorstellungen von Identität, Heimat und Zusammenleben auf.

Kein Wunder. Lebten 1961 gerade mal sechstausend­achthundert zumeist männliche Türken in Deutschland, waren es 1981 bereits anderthalb Millionen, 2001 knapp zwei Millionen. Heutzutage leben in Deutschland um die drei Millionen Menschen, die ihre Wurzeln in der Türkei haben.

In diesen sechzig Jahren entstanden immer neue Konstruktionen, was das Zusammenleben von Türken und Deutschen und die dabei entstehenden Konflikte betraf. Zum Schlagwort des gelungenen Zusammenlebens geriet der Begriff »Integration«, obwohl seine Definition bis heute nicht richtig glücken mag. Zu seinem Antonym wurde die »Assimilation«, weil damit die Aufgabe der eigenen Kultur assoziiert wurde. Obwohl die Migration nach Deutschland mehrheitlich wirtschaftliche Gründe hatte und hat, drehte sich der gesellschaftliche Diskurs weniger um wirtschaftliche Erfolge oder Misserfolge der Einwanderung aus der Türkei, sondern vorzugsweise um Kultur. Wobei auch dieses Wort – ähnlich wie Integration – im Zusammenhang mit Einwanderung kaum eine Definition erfahren hat. Was bedeutet Kultur für die Migrant*innen? Und: was bedeutet die Kultur der Einwanderer*innen für die Mehrheitsgesellschaft?

Der Prozess der Akkulturation und noch mehr der Enkulturation waren in den Augen der Mehrheitsgesellschaft nicht vorstellbar und somit auch nicht vorhanden. Man hielt an dem Konzept des Nebeneinanderlebens im Sinne von Multikulturalität oder Interkulturalität fest. Noch heute, sechzig Jahre nach der ersten Arbeitsmigration aus der Türkei nach Deutschland, werden für die meisten Menschen die Nachkommen der türkeistämmigen Gastarbeiter*innen in die Schublade »Türken und türkische Kultur« einsortiert.

Mitte der 1970er-Jahre entstand in fast jeder Stadt die Initiative »Die Woche des ausländischen Mitbürgers«, die sich durch Kulturveranstaltungen auszeichnete, immer mehr Kommunen veranstalteten immer mehr interkulturelle Straßenfeste. Sie sollten den Ausländer*innen die Chance geben, »ihre Kultur« darzustellen, vor allem ihre Küche und ihre Musik. Folklore halt. Diese Definition des »gelungenen Zusammenlebens« wurde von den Migrant*innen widerspruchslos übernommen, unterschiedlichste Kulturvereine schossen wie Pilze aus dem Boden.

Für die meisten stand fest: Die Türken, Ausländer, Musliminnen und Muslime, Migrant*innen oder Menschen mit Migrationshintergrund (die Bezeichnung lässt sich beliebig variieren) haben eben ihre eigene Kultur. Integration bedeutet dann Rückzug in die eigenen kulturellen Räume, um diese Kultur ausleben zu dürfen. Bis heute hat sich an dieser Sichtweise wenig verändert. Schaut man sich die Webseite des DOMiD, Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland e.V., an, so finden sich dort aktuell Ankündigungen unterschiedlichster Art zur Kultur im weitesten Sinne. Und da, wo es nicht um Kultur geht, geht es meistens um Religion, präziser formuliert, um den Islam. Als die Kultur der Eingewanderten wird ein ganzes Bündel zusammengefasst: Wir sprechen hier nicht nur von Sprache, Musik, Malerei oder Literatur, sondern auch von Habitus und Kleidung, Werten und Normen. Alle Kommunikations- und Interaktionsprobleme wurden und werden vor allem auf Kulturdifferenzen zurückgeführt. Voraussetzung für eine gelungene Integration scheint es bis heute zu sein, kulturelle Differenzen zu verstehen und die Wertedivergenzen bestehen zu lassen. Denn – so die überwiegende Überzeugung – es geht um verschiedene Kulturen, die nicht oder kaum zusammenzubringen sind.

Diese Annahme rührt daher, dass unsere Vorstellung von der Kultur und ihrem Einfluss von einem Kulturbegriff ausgeht, der mit einem Einwanderungsland nicht kompatibel ist, nämlich dem Herder’schen Kulturbegriff. Er prägt bis heute das europäische Denken und lautet: »Jede Nation hat ihren Mittelpunkt der Glückseligkeit in sich wie jede Kugel ihren Schwerpunkt.«

Kultur ist somit die unverwechselbare Substanz eines Volkes, die dieses von anderen deutlich unterscheidet und dessen »Charakter« zum Vorschein bringt. Sie wird als ein Ensemble von Merkmalen verstanden, bestehend aus Sprache, Denken, Wahrnehmen, Habitus, Institutionen und materiellen Hervorbringungen wie Kunst, Musik und Architektur, das zusammen eine Einheit und organische Ganzheit ausmacht. Damit wird auch das Denken und Handeln eines Menschen untrennbar mit seiner Kultur verbunden und bestimmte intrakulturelle Verhaltensformen werden immer im Licht eines dazugehörigen Sozial- und Wertesystems sowie Kulturverständnisses gesehen.

Dies nährt die Vorstellung, dass Migrant*innen auch nach sechzig Jahren immer noch in ihrer Blase leben und mit der Mehrheitskultur kaum oder wenig in Berührung kommen. Eine Vorstellung, die zugleich eine Beleidigung für die Migrant*innen und für die Mehrheitskultur ist: Die einen leben in ihrer abgeschotteten Welt und die anderen haben eine so schwache Kultur, dass diese nicht in der Lage ist, Einfluss auf Eingewanderte zu nehmen.

Während universalistische Positionen davon ausgehen, dass es nur eine allgemein gültige Ethik bzw. eine soziologische Theorie gibt, die für alle Menschen und Situationen gilt, schränken der Herder’sche Kulturbegriff und daraus folgend der Kulturrelativismus die Anwendbarkeit bestimmter ethischer Begriffe und soziologischer Kategorien auf die Kultur ein, die sie hervorgebracht hat. Dementsprechend können kulturelle Phänomene nur in ihrem eigenen Kontext betrachtet, verstanden und beurteilt werden.

Kulturrelativismus zeugt für mich von der Hilflosigkeit einer Gesellschaft, mit dem Phänomen der Einwanderung umzugehen, einer Gesellschaft, die noch im »kulturellen Wir« verharrt und versucht, mit dem »kulturellen Anderen« in Kommunikation zu treten. Kann Interkulturalität da überhaupt die Lösung sein, solange traditionelle Kulturvorstellungen gelten? Dazu ein Zitat des Philosophen Wolfgang Welsch:

»Die Misere des Konzepts der Interkulturalität rührt daher, dass es die Prämisse des traditionellen Kulturbegriffs unverändert mit sich fortschleppt. Es geht noch immer von einer insel- bzw. kugelartigen Verfassung der Kulturen (damit ist das Bild von Hegel gemeint; Anm. d. Verf.) aus. Eben deswegen vermag es zu keiner Problemlösung zu gelangen, denn die interkulturellen Probleme entspringen der Insel- bzw. Kugelthese der Kulturen. Das klassische Kulturkonzept schafft durch seinen Primärzug den separatistischen Charakter der Kulturen. Das Sekundärproblem sind strukturelle Kommunikationsunfähigkeit und schwierige Koexistenz dieser Kulturen. Daher sind die Empfehlungen zur Interkulturalität zwar gut gemeint, aber ergebnislos. Das Konzept versäumt es, die Wurzel des Problems anzugehen. Es ist nicht radikal genug, sondern bloß kosmetisch.

Ähnliches gilt für das Konzept der Multikulturalität. Es greift die Probleme des Zusammenlebens verschiedener Kulturen innerhalb einer Gesellschaft auf, widmet sich also strukturell der gleichen Frage wie das Konzept der Interkulturalität. Dabei bleibt aber auch dieses Konzept im Status des traditionellen Kulturverständnisses. Es geht von der Existenz klar unterschiedener, in sich homogener Kulturen aus, nur jetzt innerhalb ein und derselben staatlichen Gemeinschaft.

Das Multikulturalitätskonzept sucht dann nach Chancen der Toleranz, Verständigung, Akzeptanz und Konfliktvermeidung oder Konflikttherapie. Das ist ebenso löblich wie die Bemühungen um Interkulturalität, aber ebenso ineffizient, denn vom alten Kulturverständnis aus lässt sich allenfalls ein Stillhalten auf Zeit erreichen, nicht aber eine wirkliche Verständigung zwischen den kulturell heterogenen Gruppen oder eine Überschreitung der separierenden Schranken konzipieren.«

Erst Georg Auernheimers Definition von Kultur als »Aushandlungs-, Diskurs- und Darstellungsprozess« liefert einen möglichen Ausweg.

»Wenn wir Kultur als Orientierungssystem verstehen, so ergibt sich daraus die Konsequenz, dass Kultur sich mit der Änderung von Lebensverhältnissen verändern muss, um weiter zur Orientierung tauglich zu sein. Um Veränderungsprozesse aber verstehen zu können, müssen wir totalisierende Kulturbegriffe aufgeben.«

Das heißt: der postmoderne Kulturbegriff versteht sich nicht mehr als Festlegung, denn dies ist einer Einwanderungsgesellschaft unangemessen.

Kultur und kulturelle Differenzen können für die aufnehmende Gesellschaft ohne Zweifel bereichernd sein, sie haben jedoch auch immer etwas Ausschließendes. Eine Einwanderungsgesellschaft braucht eine Inklusionspolitik. Ohne Wenn und Aber. Im Großen wie im Kleinen.

Damit zurück zu Nedim Hazar. Einem Künstler, der gleichermaßen in der türkischen und deutschen Kultur zu Hause ist und sich in beiden wie ein Fisch im Wasser fühlt. Menschen wie er werden schnell als Brückenbauer bezeichnet.

Das Wort »Brückenbauer« bezieht sich wieder auf den Herder’schen Kulturbegriff und legt damit fest, dass es unterschiedliche, voneinander unabhängige Kulturen gibt, die mit irgendeiner Brücke verbunden werden müssen. Und Menschen wie Nedim sollen dann Brücken bauen, die andere passieren können. Wohin sollen die aber führen? Von einer Kultur zur anderen? Und dann? Was macht man auf der anderen Seite? Schaut man sich als Gast die andere Kultur an? Wie in einem Museum oder beim Sightseeing in einer fremden Stadt? Und nach der Besichtigung? Kehrt man wieder zurück nach Hause? In die eigene Kultur?

Ich lernte Nedim bereits 1984 bei einer Veranstaltung kennen. Das Duo Yarinistan, bestehend aus Nedim Hazar und Geo Schaller, trat als Kulturpart auf. Den Begriff »Morgenland« als türkische Wortneuschöpfung »Yarinistan« zu übersetzen war eine ebenso schräge wie gute Idee, um die Zuhörerschaft neugierig zu machen. Ich erwartete eine von den üblichen Kulturvorführungen, denn damals oblag es den Ausländer*innen, vor allem den Türk­*innen – einst war das Wort Türke ein Synonym für Ausländer –, sich und ihre Kultur zu präsentieren. Oder sich über ihre Kultur zu präsentieren. Ich erwartete ein Nebeneinander von »deutscher« und »türkischer« Kultur, ganz im Herder’schen Sinne. Vielleicht noch ein gemeinsames Liedchen als Krönung des Auftritts.

Bei Nedim Hazar und Geo Schaller war es aber ganz anders. Sie traten gleichberechtigt auf der Bühne auf und rissen Witze über Kulturunterschiede und Kulturverständnis. Nedim wirbelte mit seinem Akkordeon über Geo Schaller hinweg, genauso wie Geo Schaller souverän seinen Part spielte. Und dann die Musik! Das war keine typisch türkische Musik, aber auch keine typisch deutsche. Sie hatten gemeinsam etwas Neues erschaffen, so wie es Georg Auernheimer von einer Kultur einer Einwanderungsgesellschaft erwartet. Die Musik war zum Aushandlungsfeld für eine gemeinsame Zukunft geworden.

Ich höre immer wieder, wie Menschen darüber klagen, aber gleichzeitig auch damit kokettieren, sie würden sich in Deutschland als Türken und in der Türkei als Deutsche fühlen und auch so wahrgenommen werden. Wie oft habe ich den Satz gehört: »In der Türkei hält man mich für einen Deutschen.«

Wenn schon solche Beschreibungen, dann ist Nedim jemand, der sich in der Türkei als Türke und in Deutschland als Deutscher fühlt. Weil er nicht fremdelt. Weil er sich weder überlegen noch unterlegen fühlt.

Er ist jemand, der in allen Kulturen zu Hause ist und der diese Kulturen zusammenführt, der Neues erschafft und somit die Fortentwicklung der Einwanderungsgesellschaft anregt.

Umso mehr freue ich mich, dass er es ist, der auf die Anfänge der Einwanderung zurückblickt und den weiten Weg darstellt, den wir alle zusammen gegangen sind. Auch wenn viele meinen, dass sich seit 1961 nicht viel geändert hat und wir immer noch in unseren kulturellen Räumen leben. Dieses Buch zeigt, dass es anders ist!

Intro mit den türkischen Barden Kölns

Die Idee zu diesem Buch entstand im Frühjahr 2019, als wir – die türkischen Barden Kölns aus drei Generationen – zusammen auf der Bühne standen: Metin Türköz, Deutschlands erster türkischer Liedermacher, Eko Fresh, einer der erfolgreichsten Rapper des Landes, und ich, Sänger der ersten deutsch-türkischen Rockband.

Metin Türköz sang über die Arbeit. In seinem Song »Guten Morgen Mayistero« führt er, halb auf Türkisch, halb auf Deutsch, augenzwinkernd den Fabrikvorarbeiter aufs Glatteis.

Ich sang von der Liebe. Das Lied »Max und Gülistan« meiner Band Yarinistan erzählt eine Romeo-und-Julia-­Geschichte an Kölner Schauplätzen der 1980er-Jahre.

Eko rappte über das vermeintliche Ankommen in der Fremde. Sein Stück »Quotentürke« beschreibt mit Humor die gesellschaftliche Rolle der türkeistämmigen Migrant*innen in Deutschland.

Der Auftritt war die Zugabe nach einer anderen Show und fand auf der Volksbühne am Rudolfplatz statt, der ehemaligen Bühne des legendären Kölner Volksschauspielers Willy Millowitsch. Das Publikum aus verschiedenen Generationen kannte die Lieder und sang munter mit. In knapp fünfzehn Minuten haben wir die wesentlichen Themen migrantischen Lebens in Songs abgearbeitet: Arbeit, Liebe und das Ankommen. Darum ging es ebenfalls in der zuvor aufgeführten Musikrevue Lieder und Geschichten im Transit von der Band Die Mampen, zu der ich auch gehöre: »Musik ist die schönste Sprache der Welt, die jeder sofort versteht. Deshalb sind Musiker auch in allen Teilen der Welt zu Hause und können ihre Geschichten erzählen: von Transit, Flucht, Exil genauso wie von den schönen Dingen des Lebens – dem Ankommen, der Heimat, der Liebe.«

Was die Geschichte der Türkeistämmigen in Deutschland angeht, stimmte dieses Motto der Show leider nicht ganz mit der Wirklichkeit überein. Als die Bundesrepublik Deutschland und die Republik Türkei am 30. Oktober 1961 das Anwerbeabkommen abschlossen, waren die menschlichsten Dinge des Lebens wie Unterhaltung, Musik oder Kultur gar nicht vorgesehen. Als die ersten Gastarbeiter*innen ankamen, gab es kein türkischsprachiges Radio, Telefonieren mit Verwandten in der Heimat war teuer und der Briefverkehr dauerte Wochen. Satellitenantennen, Internet oder YouTube waren damals nicht vorstellbar.

Die Menschen fingen an, ihre eigenen Lieder zu singen: Deutschlandlieder, Almanya Türküleri. So nennen wir die Songs der Migrant*innen, die in Deutschland entstanden sind. Die ersten Lieder wurden beim Feierabendbierchen mit Zimmerkameraden in Arbeiterheimen gesungen und handelten vom Fernweh, von der Geliebten in der Heimat, von Arbeitsbedingungen und vom Leben in der Fremde. Mit der nächsten Generation entstanden Romeo-und-Julia-Songs und nach den Brand­anschlägen in Mölln und Solingen in den 1990er-Jahren verbitterte Hip-Hop-Stücke.

Dieses Buch umfasst zehn solcher Lieder. Es ist ein Konzeptalbum wie Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band, allerdings ohne Musik. So setze ich mich hier nicht mit der Musik der Türkeistämmigen in Deutschland auseinander, sondern mit den Themen und Geschichten hinter diesen Songs: Arbeit, Liebe, Frauen, Männer, Sprache, Essen, Alter, Sterben, Exil … und Rassismus.

In Rachel Joyces bezauberndem Roman Mister Franks fabelhaftes Talent für Harmonie spürt der Plattenladenbesitzer Mister Frank, welche Musik Menschen brauchen, um glücklich zu werden: »… aber welche Musik brauchte diese andere Frau? Blues? Motown? Mozart? Patti Smith?« Drehen wir den Spieß um. Ich wäre überglücklich, wenn meine Songauswahl mindestens einen winzig kleinen Einblick in die Gefühlswelt und die Sichtweisen der immerhin drei Millionen türkeistämmigen Menschen von damals und von heute geben könnte.

Ach ja, das hier ist kein Soloalbum. Ich sprach mit den Kolleg*innen, die diese Lieder sangen oder schrieben, und mit vielen anderen Menschen. Auf dem Titelblatt des Buches fehlt der Eintrag »Special Guests« oder »Featuring«: Lale Akgün, Mustafa Altıoklar, Robert Andjelkovic, Mevlüt Âsar, Ferda Ataman, Ali Ekber Aydoğan, Ali Baran, Ekrem Bora, İdil Baydar, Cenap Boztepe, Ercan Boztepe, Ata Canani, Fatih Çevikkollu, Mehmet Çoban, Can Dündar, Erci Ergün, Aytaç Eryılmaz, Serpil Eryılmaz, Ömer Erzeren, Ali Güngörmüş, İpek İpekçioğlu, Melisa Karakuş, Shermin Langhoff, Muhsin Omurca, Cem Özdemir, Rosario Pennino, Eberhard Seidel, Tuba Tunçak, Metin Türköz, Fehiman Uğurdemir, Deniz Utlu und Kutlu Yurtseven. Ich bin ihnen allen sehr dankbar, dass sie sich Zeit für dieses Buch nahmen. Mein Dank gilt auch Kristina Wydra, die meine Texte lesbarer machte, bevor ich sie an meine Lektorin Eleni Pavlidou schickte. Ευχαριστώ Ελένη!

Mit vielen dieser Gäste und Gesprächspartner*innen bin ich seit jeher befreundet, habe mit ihnen schon mal zusammengearbeitet oder sie in der Vergangenheit interviewt. Einige habe ich neu kennengelernt. Denn ich war zwischendurch gut fünfzehn Jahre in der Türkei. Um präziser zu sein, habe ich knapp zehn Jahre lang dort bei einem Fernsehsender gearbeitet. Danach wurde ich zusammen mit vielen Kolleg*innen aus politischen Gründen vom Sender entlassen. Meine Ehefrau Dr. Ulrike Dufner, die dort die Heinrich-Böll-Stiftung leitete, war auch nicht konform genug. Sie wurde Ende 2017 als Staatsfeindin ausgewiesen. Wir kamen wie Exilleute, wie Geflüchtete in die eigene Heimat zurück.

Unsere Eindrücke von Deutschland nach so langer Zeit im Ausland waren gemischt. Einerseits konnten wir in einem demokratischen Rechtsstaat wieder aufatmen. Andererseits fanden wir die Parallelwelten, in denen Migrant*innen und Einheimische nun lebten, bedenklich. Es war alles fast friedlich, aber existierte nebeneinander. Auch unter den Türkeistämmigen waren Parallelwelten entstanden. Gefühlt waren die Türken, die Kurden, die Aleviten, die Laizisten und so weiter hier noch eins, als ich 2003 nach Istanbul ging. In diesem Buch kommen sie als eine Einheit vor, als »Türkeistämmige«, also Türkiye kökenli.

Genervt hat uns der Diskurs über die Integration. Bis auf Max Czolleks Streitschrift Desintegriert euch! und die dazugehörigen wenigen Veranstaltungen im Umfeld des Maxim Gorki Theaters in Berlin schien die Zeit in Deutschland diesbezüglich stehen geblieben zu sein.

Last but not least möchte ich den Kameramann Gökhan Yılmaz vorstellen. Er schoss die Fotos im Bildteil des Buches. Sie entstanden während der Dreharbeiten für den Videoclip zum Titelsong der Konzertreihe »Deutschlandlieder / Almanya Türküleri«. Der Song heißt »Duy ­Sesimi / Hör mir zu«. Die Konzertreihe mit über zwanzig Musiker*innen aus mehreren Generationen findet im Herbst 2021 in Berlin, Köln, Bonn, Essen, Stuttgart und Istanbul statt. Viele der hier vorgestellten Musiker*innen spielen mit.

»Die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland wird mit dieser Konzertreihe neu erzählt – anhand der Lieder und aus der Sicht seiner Migrant*innen: Zehn Stars von damals und heute und eine elfköpfige Band singen Lieder von Sehnsucht und vom Ankommen, von Fernweh und von Liebe, vom Leben und vom Kämpfen – und vom Feiern!« So heißt es in der Pressemitteilung zu der Reihe. Die Idee dazu entstand auch im Jahr 2019, als wir – die türkischen Barden Kölns aus drei Generationen – zusammen auf der Bühne standen.

Quotentürke

Wir nennen es Arbeit

Klopf! Klopf! »Wer ist da?« Der Quotentürke, ihr Bitches

Manche schaffen’s durch die große Türe ins Business

Zum Beispiel machʼ ich schon seit ich vierzehn bin Rap-Lieder

Doch die Leute denken: Was will dieser Türke jetzt schon wieder?

Denn egal, wie viel Talent auch in mir ruht

Ich werd’ hauptsächlich gebucht, wenn man ein’

Ausländer sucht

Mann, ich check’s nicht, egal, wie sehr am Start auch Ek ist

Die Gesellschaft will nicht mich, sondern Nazan Eckes

Fatih Akın hattʼ schon jeden Scheiß-Kanacken vor der Cam

Doch irgendwie scheint er den Freez-Man leider nicht zu kennʼ

Was Kinofilm? Ich bleibʼ bei Wok-WM oder Autoball-EM für die Scheibenwischer-Fans

Ich weiß, dass es manche neuerdings verwirrte

Denn der König von Deutschland ist ein Türke

Wärʼ längst Millionär wie Rapper aus den Staaten

Doch das Geld für Mukke schmeißt der Türk in

Automaten

Eko Freshs Hit »Quotentürke« präsentiert eine Art Whoʼs who der türkeistämmigen Promis aus Deutschland im Jahr 2013. Im Gegensatz zu dem, was der Songtitel suggeriert, kamen Fatih Akın, Nazan Eckes, Sibel Kekilli, Cem Özdemir, Bülent Ceylan, Kaya Yanar, Serdar Somuncu und Mesut Özil allerdings nicht als Quotentürken ins Abendprogramm. Oder vielleicht doch? Jedenfalls schufteten diese Menschen hart, um auf ihre Plätze in der Mitte der deutschen Gesellschaft zu gelangen.

»Ey yo, Eko, seit wann haben denn die Türken WLAN?«

Seitdem Bülent Ceylan meinen Bülük seh’n kann

Denn Ekrem lässt den Sack häng’n vor der Webcam

Woraufhin Bülent meinte: »Respect, man!«

Bis dann Kaya Yanar auf einmal da war

Im scheiß Pyjama, weil er auf Skype nicht klarkam

Wir laufen über ’n roten Teppich, die Quotentürken

Die mit Schuhen aber nicht mal in die Wohnung dürfen

Bei manchen guckt man zu, Leute, der kann’s

Der Somuncu spricht zum Beispiel besser Deutsch als Herr Lanz

Doch da gibt’s auch welche, denʼ das Sprechen schwerfiel

Zum Beispiel »Der Gerät« oder Mesut Özil

Du findest uns sogar im Pay-TV

Die Sibel Kekilli ist dort doch stets beliebt

Ich wärʼ schon Millionär, doch Türken kaufen keine CDs

Sie brauchen Gel, um am Wochenende saufen zu geh’n

– Was geht?

Es brauchte wahnsinnig viel Zeit – Jahrzehnte, bis man in Deutschland unter dem Nachwuchs der Migrant*innen Superstars suchte und fand. Für die erste Generation war das weder vorstellbar noch vorgesehen. Das Arbeitsabkommen zwischen beiden Staaten aus dem Jahr 1961 – zwei schmale Seiten – sah einen zeitlich begrenzten Einsatz gelernter und ungelernter Arbeitskräfte aus der Türkei in der deutschen Industrie vor. Der Rest der Geschichte ist allseits bekannt: Die Migration hat das Antlitz des Landes verändert. Sie ist zu einem prägenden Teil der Nachkriegshistorie Deutschlands geworden. Längst bedarf Max Frischs Satz von 1965 – »Man hat Arbeitskräfte gerufen, und es kommen Menschen« – einer Aktualisierung. Heute müsste er ergänzt werden: »Ihre Kinder wurden zu den international erfolgreichsten Filmemachern des Landes«, oder: »Sie zählen zu den innovativsten Wissenschaftlern der Welt.« Außerdem müsste der Nachsatz mit folgender Fußnote versehen werden: »Obwohl der Besuch des Gymnasiums für diese Kinder meist ausdrücklich nicht empfohlen wurde.« Journalistin Ferda Ataman bringt es auf den Punkt, wenn sie von der Vereinsarbeit der Neuen deutschen Medienmacher*innen erzählt: »Die meisten von uns haben keine Gymnasialempfehlung bekommen. Und wenn wir das Abitur dann doch gemacht haben, dann über den zweiten oder dritten Bildungsweg und irgendwie zufällig, oder weil vielleicht eine Lehrerin da war, die die Schüler*innen besonders gefördert hat. So ähnlich war es im Journalismus. Wir haben uns vor zwölf Jahren gegründet, um uns zu vernetzen, um Hilfe anzubieten. Wir wollten zeigen, dass es uns gibt. Heute hat sich die Lage komplett verändert.«

»Was ist mit Gülcan, dude? Sie ist Türkin, so wie du.«

Als Jugendlicher wolltʼ ich auch mein sucuk in ihr

Brötchen tun

Heute bin ich dreißig und hab eine german Frau

Und wenn sie schläft, darf ich mal Türkisches im

Fernsehʼn schauʼn

Vielleicht wundert es dich und du hältst es für einʼ Witz

Doch warte ab, bis der erste von uns Bundeskanzler ist

Denn wenn du einmal nur den Spam öffnest hier

Guckst du Fanpost von mir, von Cem Özdemir

Ich heiße auch die Neuen willkommen im

Quoten­türken-Club

Sila Sahin oder Sükrü vom Trödeltrupp

Hier ist für jeden Platz, crazy, ey

Mehr Platz als in der Mumu von Lady Ray

Man besetzt uns schon bei Action-Shows

Wie »Alarm für Cobra 11« mit 1, 60 groß

Ich wärʼ schon Millionär, doch die Türken laden sich den Scheiß

Und wenn sie mich mal treffen, heißt es: »Lad mich doch mal ein!«

Quotentürke, Quotentürke, oh, Quotentürke!

Ganz egal, wie sehr ich mich auch änderʼ

Ich bleibʼ immer dieser scheiß Ausländer

Quotentürke, Quotentürke, oh, Quotentürke!

Scheißegal, wie viel Kohle ich auch mache

Am Anfang gab es keine Quotentürken. Am Anfang galt es, fleißig zu sein. Feste Arbeit bei Krupp, Thyssen, Ford und Daimler-Benz galt früher als Statussymbol unter den Türkeistämmigen. Ein Höhepunkt in den Erinnerungen der ersten Arbeiter*innen war immer der Moment, in dem der Vorarbeiter oder Chef ihren Fleiß lobte.

»Eigentlich müsste die Zuschreibung heißen: ›Um Gottes willen, die Türken sind derartig fleißig, dass sie uns Deutsche ziemlich in den Schatten stellen.‹« Die Kabarettistin İdil Baydar wird zynisch und wütend zugleich, wenn ich sie nach ihrer Mutter frage. »Das fanden die deutschen Arbeiter gar nicht so gut. Denn weil es so wahnsinnig fleißige Türken gab, wurden die Maßstäbe am Fließband höher gesetzt, die Arbeitsbedingungen noch verschärft.«

Uns beiden sind die ursprünglichen Motive der älteren Generation glasklar. Sie wollten schnellstens Geld verdienen, sparen und nach Hause zurückkehren. Aber İdil muss noch eins daraufsetzen. Das mag ich an ihr. »Was sie für einen Willen hatten! Was für schlimme Bedingungen sie durchmachen mussten! Ob Außenklo, ob schlechte Wohnbedingungen! Aman, aman, aman! Ihr Essen nicht zu haben – und du weißt, wie die Türken ihr Essen lieben. Wie sie gekämpft haben! Wie sie es durchgezogen haben! Wie sie ihre Kinder auf die Spur gebracht haben. Nichts davon kommt in der Beschreibung der Türken in Deutschland vor. Nichts von diesen Credits, die wir uns verdient haben, kommt darin vor. Ich sage ›wir‹ als kollektive Bezeichnung der Gastarbeiter*innen und ihrer Kinder. Das ist etwas, was mich unfassbar wütend gemacht hat. Wenn du mit einer Mutter groß geworden bist, die immer müde war, die eigentlich nie wirklich Zeit hatte, weil sie immer arbeiten, arbeiten, arbeiten musste, immer besser, besser, besser sein, dann ist dabei auch vom eigenen Leben viel kaputtgegangen.«

İdils Eltern waren typische Arbeitsmigranten. Sie trennten sich, als die Tochter zwei Jahre alt war. Laut İdil war die Ehe ihrer Eltern eine Gemeinschaft zu dem Zweck, die Türkei zu verlassen. Sie blieb bei ihrer Mutter, die zuerst im einstigen Telefunken-Werk im niedersächsischen Celle arbeitete. Zwischendurch betrieb die Mutter eine Änderungsschneiderei, später ließ sie sich zur Maskenbildnerin ausbilden und zog mit Tourneetheatern durchs Land. İdil wurde mit zehn Jahren ins Waldorfinternat geschickt, wo sie es etwa fünf Jahre aushielt. Über viele Umwege gelangte İdil Baydar zu ihrer heutigen Tätigkeit als Kabarettistin, Schauspielerin und YouTube-Star in Berlin. Die Mutter kam auf den Namen von İdils Alter Ego Jilet Ayşe, der kabarettistischen Prollfigur mit der scharfen Zunge, die alles sagen darf.

»Unsere Eltern waren sehr höflich«, fährt sie fort. »Sie haben noch nach diesen alten Werten funktioniert: Söyleme, konuşma, açma ağzını, ›Sag es nicht, sprich nicht, halt den Mund‹. So sind Deutsche nicht. Deutsche brauchen ein Gegenüber, das ihnen ganz klare Kante gibt. Sonst respektieren sie den anderen nicht. Das war aber nicht Teil unserer Kultur. Was sie damals gebraucht hätten, wären Leute wie ich gewesen, die sagen: ›So, jetzt mal stopp hier, du Kartoffel! Jetzt mal vorbei mit deiner ganzen Spielerei!‹ Das hätten sie gebraucht. Immerhin kommen sie in meine Show. Sie bezahlen mich, damit ich ihnen das sage. Es geht mir nicht darum, Deutsche abzulehnen. Ich wünsche mir keine Welt ohne Deutsche. Sie sind lustige Leute. Aber ich lasse mich nicht demütigen.«

Der Vater des Politikers Cem Özdemir nahm seinen Sohn oft beiseite und klärte ihn darüber auf, wie er sich zu verhalten habe: »›Wenn du redest, wenn du auftrittst, vertrittst du nicht nur dich. Du vertrittst viele andere mit. Und jeder Fehler, den du machst, den machen wir alle mit. Umgekehrt, wenn du einen Erfolg hast, ist es nicht dein Erfolg, sondern unser aller Erfolg.‹ Daran habe ich mich leider nicht gehalten. Ich habe viele Fehler gemacht«, reflektiert Özdemir. »Aktuell hat mir die Fraktion den Job des Verkehrsausschussvorsitzenden gegeben. Wenn ich dort mittwochs pünktlich um neun Uhr mit Anzug und Krawatte erscheine, selbst wenn ich mittlerweile fast der letzte Krawattenträger bin, sehe ich immer meinen Papa da oben, wie er auf mich schaut und aufpasst. ›Vergiss niemals, du heißt nicht Hans oder Detlev oder Eberhard. Du heißt Cem, und wenn du Cem heißt, dann schauen die Leute anders auf dich.‹«

Selten erlebte ich Cem Özdemir privat von sich plaudernd. Am Anfang seiner politischen Karriere spielte ich mit meiner Band auf seinen Wahlkampfveranstaltungen in Baden-Württemberg – um ehrlich zu sein, ohne je daran zu glauben, dass er, ein Türkeistämmiger, ins Parlament gewählt werden würde. Jahre später begegneten wir uns oft in Istanbul, als ich dort bei einem Fernsehsender arbeitete. Einmal hat er uns sogar kurz bei der Entwicklung einer Fernsehserie beraten, der ersten (und letzten) Unterhaltungsserie im türkischen Fernsehen, in der es um den Erhalt der Natur und Umwelt ging. Er wirkte immer professionell auf mich – fleißig, pünktlich, stets auf den Punkt. Vielleicht weil seine Mutter gestorben war, kurz bevor ich ihn traf, war er diesmal nachdenklich, fast verlegen.

»Mein Vater kam zuerst nach Nagold im Schwarzwald. Nach einem Jahr fing er bei einer Spinnerei in Bad Urach an – damals, als es die Textilindustrie im Südwesten noch gab. Dann wurde er von der Feuerlöscher produzierenden Firma Minimax abgeworben. Dort hat er lange im Schichtbetrieb, oft im Akkord, gearbeitet. Und weil das Geld nicht reichte, hat er sogar noch eine Zeitlang an den Wochenenden einen Zweitjob an einer Tankstelle gehabt. Nach seiner Rente half er in der Änderungsschneiderei meiner Mutter aus. Bis die Firma Konkurs anmeldete, arbeitete meine Mutter in einer Papierfabrik. Dann wurde sie arbeitslos und hat danach bis zu ihrem Tod als Selbständige gearbeitet, in ihrer eigenen Änderungsschneiderei.«

Ich versuche ihn aufzumuntern und frage ihn, ob er von Anfang an Politiker werden wollte.

»Ursprünglich wollte ich Schaffner werden. In meinem Geburtsort gab es einen Zug, der irgendwann eingestellt wurde. Meine Mutter fuhr damit zur Arbeit. Ich durfte ab und zu mitfahren. Leute, die für den Erhalt der Strecke waren, haben damals Sonderzugfahrten veranstaltet, damit die Strecke wieder in Betrieb genommen wird. Und ich durfte dabei eine Uniform anziehen und den Schaffner spielen. Das war für mich das Größte. Danach wollte ich Sänger in einer Rockgruppe werden, doch meine Stimme war nicht die beste und ich war im Gitarrenunterricht zu ungeduldig. Da blieb mir nur noch die Politik.« Die politische Arbeit gelang ihm schon in relativ frühem Alter. In der Realschule von Bad Urach wurde er zuerst Klassen-, ­danach Schülersprecher. Es folgten Engagements in Bürgerinitiativen, zum Beispiel für die Eisenbahnstrecke Ermstalbahn. In den linksalternativen Kreisen, in denen er sich bewegte, war er allerdings der Einzige, der aus einer Arbeiterfamilie stammte. »Das war lustig. Ich habe bemerkt, wie Nichtarbeiter ständig über die Arbeit redeten. Ohne dass sie auch nur den Hauch einer Ahnung davon hatten, noch nie eine Fabrik von innen gesehen hatten, wollten diese Bildungsbürger, Mittelschichtsleute, die in vergleichsweise privilegierten Verhältnissen aufgewachsen sind, mir immer erklären, was gut für mich, meine Eltern, meine Mutter war. Das ist bis heute so. Auch in meiner Partei.«

Kurswechsel des Realos Cem Özdemir?

»Ich bin der Erste aus einer sogenannten Gastarbeiterfamilie, der in den Bundestag gewählt wurde. Und das bezieht sich ja nicht nur auf die Menschen türkischer Herkunft. Als ich 1994 durch die Straßen gegangen bin, haben mich die Griechen genauso umarmt und mir auf die Schulter geklopft wie die Spanier und Italiener. Sie sagten: ›Du bist unser Vertreter. Einer von uns, der auch aus einer Arbeiterfamilie kommt, das Leben nicht immer auf der Sonnenseite verbracht hat.‹«

In einer Diskussionsrunde fragte mich kürzlich eine Politikwissenschaftlerin, warum das Liedgut der ersten Gastarbeitergeneration, im Vergleich zu den Rapsongs der Migrantenkids ab den 1990er-Jahren, so apolitisch sei. Mir fiel sofort das Lied »Guten Morgen Mayistero« von Metin Türköz ein.

Der Refrain des Songs aus dem Jahr 1973 ist überschaubar. Das »Yeah yeah yeah yeah«, entnommen aus englischsprachigen Rock- und Popstücken, ersetzt das bei türkischen Volksliedern übliche »Oy oy oy oy«, bei kurdischen Liedern »Lo lo lo lo«. Die Liedstrophen sind etwas komplizierter. Da helfen gängige Türkischkenntnisse partout nicht, um die in Fabrikkantinen und Wohnheimen in kurzer Zeit entstandene Mischsprache der einstigen Gastarbeiter zu verstehen.

Na bitte schön Mayistero

Az ücretle çalışmamo

Ich kaputt dich de kaputt

Verstanden mı hıyaro

»Also lieber Meister«, singt Türköz, »ich will nicht für wenig Lohn arbeiten. Versteh es endlich: Bei diesem Arbeitstempo gehen wir beide unter.« Wobei der deutsche Vorarbeiter gleichzeitig närrisch geschimpft wird, weil er die Tatsachen nicht begreift. Hıyar (»Gurke«) heißt im übertragenen Sinne »Blödmann«.

»Guten Morgen Mayistero« ist der Soundtrack des Ford-Streiks im August 1973 und insofern hochpolitisch.

»Als es im August 1973 zu ›wilden Streiks‹ der Türken bei Ford in Köln kam, erhielt das Bild des unterwürfigen, für jede Drecksarbeit dankbaren Gastarbeiters die ersten Kratzer«, schrieb Serhat Karakayalı in einem Arbeitspapier für die 1998 in Berlin entstandene Initiative »Kanak Attak«. Karakayalı leitete mehrere Jahre lang die Abteilung Migration des Deutschen Zentrums für Inte­grations- und Migrationsforschung (DeZIM) in Berlin und bekleidet seit Juli 2021 eine Professur für Migration und Mobility Studies an der Leuphana Universität Lüneburg. »Obwohl die Kanaken vielerorts bald den Beweis antraten, dass sie so brav nicht waren, hat sich die Mär vom zuverlässigen und treuen Ausländer lange gehalten. Ein Grund dafür ist die kollektive Amnesie, unter der die lange Geschichte migrantischer Kämpfe in Deutschland begraben liegt.«

Im Jahr 1973 waren zwölftausend türkeistämmige Arbeitnehmer bei Ford angestellt. Mehr als ein Drittel von ihnen arbeitete vor allem an den Fließbändern in der Endmontage und erhielt einen Stundenlohn zwischen 7,15 und 8,24 Mark, während die Deutschen als Facharbeiter zwischen 8,98 und 10,59 Mark verdienten. Als etwa dreihundert Arbeiter ohne Erlaubnis verspätet aus dem Sommerurlaub in der Türkei zurückkamen und deshalb entlassen werden sollten, demonstrierten sie spontan. Die Demo entwickelte sich zu einem Streik. Viele der deutschen Kollegen befürworteten die Entlassungen. Die IG Metall war ausdrücklich gegen den Streik, der auf türkische Art geführt wurde. Man streikte nicht von zu Hause aus. »Die Türken, einige Italiener und nur noch wenige Deutsche übernachteten im Polsterlager des Ford-Werkes und organisierten den Streik von hier aus«, rekon­struiert Karakayalı. In einer Würdigung, die die Zeitschrift Lunapark21 in ihrem Heft vom März 2021 zitiert, heißt es: »Es wurde diskutiert, abgestimmt, gesungen, musiziert, gebetet, getanzt, gemeinsam gegessen, organisiert, einem Erzähler türkischer Märchen zugehört … Baha mit dem Megafon und Tausende andere rufen: Altı hafta Urlaub (›sechs Wochen Urlaub‹), Bir mark zam (›eine D-Mark mehr‹) …«

Baha Targün, Deutsch sprechendes Mitglied des Streikkomitees, war der erste Türke, der von den deutschen Mainstream-Medien wahrgenommen und namentlich genannt wurde. War der erste Quotentürke ein Rädelsführer? Im Spiegel vom 9. September 1973 hieß es: »Sicher ist die Ausweisung bislang freilich nur einem: dem millionenfach abgebildeten Streik-Promoter Baha Targün.«

Die Geschäftsleitung und der Betriebsrat von Ford Köln knickten nicht ein. Sie setzten auf Spaltung und waren letztlich erfolgreich. In einer gemeinsamen Aktion der Polizei, angeheuerter Schläger (angeblicher Arbeitswilliger), des Werkschutzes, der Gewerkschaftsfunktionäre, Meister und Vorarbeiter wurde der Streik nach dreieinhalb Tagen gewaltsam niedergeschlagen. Mehrere Hundert Arbeiter wurden fristlos entlassen. Baha Targün wurde allerdings nicht sofort ausgewiesen, wie der Spiegel damals suggerierte. Nach dem Ford-Streik wurde er angeklagt, weil er ausgerechnet den Musikproduzenten Yılmaz Asöcal »räuberisch erpresst« und »körperlich gefährlich verletzt« habe, und 1975 zu sechs Jahren Haft verurteilt. Zuletzt saß er in der JVA Remscheid-Lüttringhausen. Sein Antrag auf politisches Asyl wurde abgelehnt. Nach seiner Freilassung 1979 wurde er ausgewiesen. Baha Targün starb 2020 nach einem Kletterunfall in der Türkei.

Guten Morgen Mayistero

Affedersin formenago

Heute ich bin sehr müde

Morgen vielleicht nicht meyo

1973 streikten Arbeitsmigrant*innen quer durch Deutschland »wild«. Bei dem Traktorenhersteller John Deere in Mannheim streikten sie gegen niedrige Löhne und das unmenschliche Arbeitstempo. Beim Karosseriewerk Karmann in Osnabrück trieben schlechte Urlaubsregelungen die spanischen und portugiesischen Arbeiter*innen auf die Barrikaden. Beim Werkzeughersteller Hella in Lippstadt und Paderborn löste die Übergehung nichtdeutscher Arbeiter*innen bei den Tariferhöhungen im Juli 1973 einen Streik aus. Beim Automobilzulieferer Pierburg in Neuss protestierten Arbeiterinnen gegen ein Lohnmodell, das Gastarbeiterinnen benachteiligte.

Die Gewerkschaften waren nicht dabei, in den meisten Fällen die deutschen Kolleg*innen auch nicht. Migrationsforscher Serhat Karakayalı versetzt sich in die Lage der deutschen Belegschaften: »Sie selbst waren immer pünktlich gewesen, sollte das nicht auch für die anderen gelten? Zum anderen hatten sie wenig Verständnis für die Situation der türkischen Kollegen, die von den vier Wochen Werksurlaub zehn Tage auf der An- bzw. Abreise verbrachten, wodurch ihnen nicht mal drei Wochen bei der Familie blieben.«

Mehr als zehn Jahre später hatte sich bei den Streiks für die Einführung der 35-Stunden-Woche das Bild der »vereinigten Arbeiter aller Länder« allerdings geändert, zumindest für mich als Musiker. Als ab Mai 1984 die Arbeiter der Metallindustrie in Hessen und Baden-Württemberg sieben Wochen lang streikten, wurden sechs Musiker*innen und ich von der IG Metall Hessen als Streikband engagiert. Wir fuhren sieben Wochen lang von Streiktor zu Streiktor durch fast jede Stadt in Hessen. Ein seitlich zu beladender Lkw diente als Bühne. Die Klappe ging auf, der Strom wurde angeschlossen und wir spielten. Ich sang ein türkisches Arbeiterlied, oft fünfmal am Tag. Zugegeben: Ich war der Alibitürke, der Quotentürke der Band. Das war aber eine Win-win-Situation. Die Gewerkschaft sammelte Punkte bei den streikenden Türkeistämmigen, die mit unterhalten wurden, und ich verdiente gut dabei.

Heute steht die türkeistämmige Community nicht allzu sehr mit der Arbeitswelt der Industrie in Verbindung. Seit langem gilt das eigene Gewerbe als Wohlstandssymbol: die Änderungsschneiderei, das Taxiunternehmen, der Friseurladen, das Bauunternehmen und, freilich, die Dönerbude. Dies kann man einerseits zurückführen auf fehlende Qualifikationen, die der heutige Hightech-Arbeitsmarkt verlangt. Andererseits neigen die Türkeistämmigen im Vergleich zu den Einheimischen, die eine Festanstellung bevorzugen, offensichtlich zu mehr Risiko und Abenteuer. Doch es wird immer noch viel für wenig Geld gearbeitet. Heutzutage beutet man sich jedoch selbst aus.

Während meiner Zeit in Istanbul amüsierten wir uns köstlich über die Geschichte eines Berliner Kleinunternehmers, der sein Glück mit einem Dönerwagen auf verschiedenen Wochenmärkten in den östlichen Bundesländern versuchte. Vermutlich durch Neonazis wurde sein Wagen dreimal beschädigt. Nachdem er auf die Idee gekommen war, ausgerechnet Skinheads als Wachbedienstete zu engagieren, war die mobile Dönerbude vor Angriffen gefeit. Unternehmergeist.

Diese Geschichte kannte keiner hier in Deutschland. Eine kurze Internetrecherche mit den Stichwörtern »Dönerbude« und »Skinheads« beförderte jedoch unzählige rassistische Angriffe auf türkische Imbisse in Brandenburg, Thüringen oder Sachsen-Anhalt ans Licht. Und Gegenangriffe. 2002 haben zum Beispiel in der sächsischen Kleinstadt Pirna die Betreiber des Antalya-Grills örtliche Rechtsextremisten mit Baseballschlägern durch die Innenstadt gehetzt und sie verprügelt. Die Imbissbetreiber – die damals achtundvierzigjährige Keziban Şendilmen, ihr Mann Adem und die erwachsenen Kinder Selda, Süleyman und Recep – wurden 2002 von der Staatsanwaltschaft Dresden wegen »gemeinschaftlicher gefährlicher Körperverletzung« angeklagt. Unter den einundzwanzig jungen Männern, die als Belastungszeugen benannt wurden, waren auch sechs Mitglieder der verbotenen Skinheads Sächsische Schweiz (SSS). Laut einem Medienbericht beachteten die Juristen dieses Detail kaum und verwiesen darauf, »dass die Straftaten der SSS und die Prügelattacken, die man der Familie Şendilmen vorwirft, nicht zwingend etwas miteinander zu tun haben müssten«. (Spiegel vom 8. April 2002)

Sechs Jahre nach Beginn ihres Pirna-Abenteuers flüchteten die Şendilmens zurück nach Berlin. 2007 entschied das Amtsgericht Pirna, den Fall wegen Gering­fügigkeit und der zur erwartenden Länge des Prozesses einzustellen. Da sie suizidgefährdet war, erschien Keziban Şendilmen nicht zur Verhandlung. Heute sind sie und ihr Mann in Rente. Sie führen ein Pendelleben zwischen Berlin und ihre Heimatstadt Gölhisar in Burdur. Für den Sohn Süleyman kommt ein neuer Dönerimbiss nicht mehr in Frage. Er lebt mit seiner Ehefrau und den beiden Kindern in Berlin-Wedding und arbeitet als Reinigungskraft in einem Krankenhaus.

Süleyman Şendilmen fragte mich, ob ich Gedichte brauchen könnte. Er schreibe Lyrik, seitdem er von Pirna umgezogen ist. »Vielleicht fürs nächste Buch«, antwortete ich.

Ich bin sehr müde

Leben im Exil

Çok yorgunum, beni bekleme kaptan.

Seyir defterini başkası yazsın.

Çınarlı, kubbeli, mavi bir liman,

Beni o limana çıkaramazsın …

Ich bin sehr müde, warte nicht auf mich, Kapitän.

Lass jemand anders das Fahrtenbuch schreiben.

Ein blauer Hafen mit Kuppeln und Platanen,

Du kannst mich nicht mehr in jenen Hafen bringen.

Rocksänger Cem Karaca vertonte diesen Vierzeiler von Nâzım Hikmet während der einsamsten Zeit seines Lebens, die er Anfang der 1980er-Jahre im Exil seiner kleinen Wohnung im Kölner Univiertel verbrachte. Um nachempfinden zu können, wie es Karaca erging, nützt es, zuerst die Geschichte hinter Hikmets Gedicht zu rekonstruieren.

Der oppositionelle türkische Dichter wurde 1938 wegen seiner politischen Überzeugungen zu achtundzwanzig Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Nach zwölf Jahren Gefängnisaufenthalt, einem Hungerstreik und internationalen Protesten wurde er in einer Generalamnestie be­gnadigt. Die Freilassung war vorgetäuscht. Der bald Fünfzigjährige wurde prompt zum Militärdienst berufen. Es war die Zeit des Kalten Krieges und Hikmet hatte Angst, ermordet zu werden. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion floh er auf einem Motorboot vom nördlichen Bosporus Richtung Schwarzmeer. Auf offener See hatte das Boot eine Panne. Ein vorbeifahrendes, rumänisches Schiff ließ sich jedoch zwölf Stunden Zeit für die Rettung. So lange brauchten die Genossen in Bukarest und Moskau, um zu entscheiden, ob sie den fliehenden Dichter bergen mochten, oder nicht. Der »romantische Kommunist« – so Hikmets Spitzname – hatte bekanntlich seine Probleme mit der stalinistischen Diktatur.

Letztlich durfte Hikmet doch an Bord. Der Dichter freundete sich mit dem Kapitän an, und die beiden verabredeten sogar die spätere Rückfahrt Hikmets in dessen Heimat. Laut Absprache sollte der Dichter sich mit den Worten »Nâzım Hikmet ist an Bord« auf jener geplanten Rückfahrt selbst in das Fahrtenbuch eintragen dürfen.

Nach mehrjährigen Aufenthalten in Bulgarien, in der Sowjetunion und in Polen starb Nâzım Hikmet 1963 im Moskauer Exil. Als er den Vierzeiler »Ich bin sehr müde« 1957 in der bulgarischen Küstenstadt Varna schrieb, war ihm klar, dass er niemals mehr den »blauen Hafen mit Kuppeln und Platanen« von Istanbul betreten würde. In seinem Gedicht spricht der ermüdete Hikmet den rumänischen Kapitän an, um klarzustellen, dass die verabredete Rückreise nicht stattfinden wird.

Die Pointe dieser Verse, die jede*r Exilant*in aus der Türkei auswendig kennt: Einmal im Exil, immer im Exil.

Die Geschichte der Republik Türkei ist von Machtübernahmen durch das Militär und der Verfolgung ihrer politischen Gegner geprägt. Was Bertolt Brecht und Albert Einstein unter der Naziherrschaft erlitten, mussten Oppositionelle in der Türkei in einem Turnus von durchschnittlich zehn Jahren immer wieder erleiden. Wobei die Geschichten von Brecht und Einstein in einem Happy End münden. Andere Intellektuelle hingegen, die Autoren Ernst Toller, Walter Benjamin, Kurt Tucholsky, Stefan Zweig und Klaus Mann zum Beispiel, die Meilensteine der deutschsprachigen Literatur hervorbrachten, hielten das einsame Exilleben und die Entwurzelung nicht aus und wählten den Freitod.

Cem Karaca, 1945 in Istanbul geboren, war der Udo Lindenberg der Türkei. Seine Vertonung des Hikmet-Gedichts wurde zur inoffiziellen Hymne der etwa dreißigtausend politisch verfolgten Lehrer*innen, Politiker*innen, Schriftsteller*innen, Schauspieler*innen, Akademiker*innen und so weiter, die die Türkei nach dem Militärputsch am 12. September 1980 verlassen mussten und nach Deutschland kamen. Die Fluchtwege waren damals ein wenig anders. Selbst zu Transitzwecken war der sozialistische Ostblock gänzlich zu. Viele reisten ausgerechnet über Syrien hierher. Wie heute war allerdings auch damals der Weg über Griechenland der bevorzugte.

Die Fluchtgeschichte von Cem Karaca war weniger spektakulär. Sein langjähriger Freund und Kollege, der Gitarrist Fehiman Uğurdemir, erinnert sich: »Ende 1979 hatten wir ein sehr erfolgreiches Konzert im Londoner Rainbow Theatre. Danach folgte eine Tournee durch Deutschland und die benachbarten Länder. Ich kehrte zurück nach Istanbul. Cem wollte noch eine Weile in Deutschland bleiben und Freunde besuchen. Derweilen putschte das Militär in der Türkei und forderte ihn und andere oppositionelle Künstler, die im Ausland waren, auf, in die Türkei zurückzukehren. Er folgte den Aufforderungen der Soldaten nicht. Daraufhin wurde er ausgebürgert. Er wurde staatenlos – ein ziemlich unglücklicher Zustand.«

Es gab eine Kluft zwischen der ersten Arbeitergeneration aus der Türkei und den neu angekommenen Exilleuten – nicht nur intellektueller Natur. Die Arbeiter*innen waren entweder regierungstreu oder sie hatten Angst davor, selbst verfolgt und ausgebürgert zu werden. Das war eine damals weitverbreitete Maßnahme der türkischen Militärjunta gegen Andersdenkende. Politische Diskrepanz herrschte auch unter den Exilant*innen selbst. Nicht nur Parteibücher spielten dabei eine Rolle, sondern auch die eigentlichen Ziele.

Dem Beispiel griechischer Kolleg*innen wie Mikis Theodorakis und Melina Mercouri während der griechischen Junta folgend, strebte der Produzent und Schlagerkomponist Şanar Yurdatapan die Bildung einer Front gegen die Militärdiktatur an. Cem Karaca dagegen suchte den Dialog mit den Politikern, vor allem mit denen, die unmittelbar nach der Militärregierung an die Macht kamen.

Karaca wollte das Schicksal des Dichters Nâzım Hikmet nicht teilen und zu Lebzeiten in seine Heimat zurückkehren. In seinen Kölner Jahren plagte ihn Heimweh. Er durfte nicht einmal bei der Beerdigung seines Vaters dabei sein. Verzweifelt holte er seine Mutter Toto Karaca, die Istanbuler Theaterlegende armenischer Herkunft, zu sich nach Deutschland. Zu dieser Zeit lernte ich ihn kennen. Wir wohnten nahe beieinander in Köln. Karaca besuchte uns einige Male und brachte Irish Whiskey mit, den wir gemeinsam leerten. Ekrem, Eko Fresh, war damals noch keine zwei Jahre alt und tobte bis zur Schlafenszeit um uns herum. Dabei wurden zunächst Strategien für meine neue Band erarbeitet, zu fortgeschrittener Stunde wurde aber auch auf die ungebildeten anatolischen Arbeiter in Deutschland geschimpft, die mit Cem Karacas Protest­balladen wenig anfangen konnten.

Im Gegensatz zu seinen Schicksalsgenoss*innen, denen es nicht gelang, den Schock der Entwurzelung zu überwinden, war Cem Karaca immerhin produktiv. Zumindest tagsüber. Zudem sprach er Deutsch. Während der Starjournalist Aydın Engin als Taxifahrer in Frankfurt am Main jobbte, um sich und seine Ehefrau – die Schriftstellerin Oya Baydar – über Wasser zu halten, erhielt Cem Karaca ein Engagement in einem Rock-Musical am Westfälischen Landestheater in Castrop-Rauxel. Daraus entstand ein Album, das bei dem linken Dortmunder Label Pläne erschien: Die Kanaken. Dieses Album wurde mit professionellen türkischen Rockmusikern eingespielt, dar­unter der Gitarrist Fehiman Uğurdemir, der Keyboarder Sefa Pekelli und Betin Güneş an der Posaune. Lieder wie »Mein deutscher Freund« und »Es kamen Menschen an« befassten sich nicht mit der Türkei, sondern mit gesellschaftlichen Themen in Deutschland, wie der zunehmenden Ausländerfeindlichkeit und anderen Problemen der türkeistämmigen Arbeitnehmer. In dem Song »Willkommen« sang Karaca:

Komm Türke, trink deutsches Bier,

Dann bist du auch willkommen hier,

Mit Prost wird Allah abserviert

Und du ein Stückchen integriert.

Solche Stücke kamen in Einwandererkreisen allerdings nur mäßig an. 1987 wurde Karaca rehabilitiert und kehrte in die Türkei zurück. Sein deutschsprachiges Album erreichte nach seinem Tod in Istanbul im Jahr 2004 Kultstatus in der Türkei und Deutschland. Die Mitglieder der Band Kanaken leben heute noch im Kölner Raum.

Jung und neugierig, jobbte ich damals zeitweise bei Şanar Yurdatapan, der seit 1980 zusammen mit seiner damaligen Frau, der Schlagersängerin Melike Demirağ, bei Bonn lebte. In den Augen des türkischen Militärs war Melike allein schon deshalb Staatsfeindin, weil sie in zwei Filmen von Enfant terrible Yılmaz Güney mitgespielt hatte. In seiner aktiven Zeit als Produzent und Komponist war Yurdatapan eine Art Ralph Siegel der Türkei. Vor dem Militärputsch komponierte er sogar türkische Beiträge für den Eurovision Song Contest – und er gilt als Entdecker der gefeierten Sängerin Sezen Aksu, die er anfänglich auch produzierte. Im Rahmen seiner Aktivitäten gegen die türkische Junta war ich als Bürokraft tätig. Vom Souterrain des Familienhauses in Swisttal aus kommunizierten wir über ein Telex, Vorgänger des Faxgeräts, mit Hinz und Kunz der türkischen Opposition in der ganzen Welt. Ich gehe davon aus, dass die phänomenale Flucht des kurdischen Filmemachers Yılmaz Güney 1981 nach Frankreich auch dort in Swisttal mitorganisiert wurde – in meiner Abwesenheit natürlich. In den Augen der Profi-­Exilanten war ich wahrscheinlich zu jung, unerfahren und folglich nicht vertrauenswürdig für solch konspirative Projekte.

Ich kam als Zwanzigjähriger nach Deutschland als einer, der »mit Akkordeon-Streiks provoziert« – so hieß es in dem Prozess, in dem ich – allerdings in Abwesenheit – zu anderthalb Jahren Freiheitsstrafe verurteilt wurde. Eigentlich hatten meine Gefährten und ich vor etwa zwanzig streikenden Arbeiter*innen eines kleinen Textilateliers in einem Stadtteil Istanbuls gespielt. Wir, die Musiker, waren zu sechst. Mit der Begründung, der Streik sei unerlaubt, intervenierte die Polizei und nahm uns alle mit. Die Arbeiter*innen wurden abends freigelassen. Meine Freunde und ich wurden verhaftet und in das gefürchtete Sağmalcılar-Gefängnis gesteckt, wo wir sechs Wochen in Haft blieben. Das war 1978, noch vor dem Putsch; im Erscheinungsjahr des umstrittenen Hollywood-Streifens Midnight Express, in dem es um ebendieses Gefängnis ging. Nach der vorläufigen Freilassung wollte ich das endgültige Gerichtsurteil zu meiner Akkordeon-Provokation nicht abwarten und schaffte es, wieder nach Australien, zu meiner Mutter, zu gelangen. Ich bin nämlich in Sydney aufgewachsen. Nach der Scheidung von meinem Vater hatte meine Mutter meine Schwester und mich auf eine Odyssee nach Australien mitgenommen. In Sydney besuchte ich die Grundschule und danach die renommierte Fort Street High School. Aufgrund pubertärer Eigenwilligkeit haute ich von zu Hause ab und ließ mich in Eden an der Südostküste Australiens nieder. Dort lebte ich bei einer christlichen Aborigine-Familie und sang Gospels mit ihnen. Nach drei Monaten wurde ich von meiner Mutter aufgefunden und nach Istanbul zu meinem Vater geschickt, um die türkische Kultur und Sprache zu lernen. »Einmal im Exil, immer im Exil« trifft jedenfalls auf mich zu. Die türkische Redewendung Deliye her gün bayram, »Für den Verrückten ist jeden Tag Feiertag«, ist vielleicht noch treffender. Denn nicht alle meine Migrationen oder internationalen Umzüge waren politisch bestimmt.

Als ich Ende 1979 wieder in Australien ankam, hatte die Band Men at Work ihren legendären Song »Down Under« noch nicht eingespielt. In meinen Augen spielte die Musik in Deutschland, in Europa, und ich wollte Musiker werden. Doch neben John Lennon gehörte auch Wladimir Iljitsch Lenin zu meinen damaligen Vorbildern. Um genau zu sein, auch David Bowie war ein Held für mich. Bowie war allerdings nicht kompatibel mit der linken Bewegung, der ich damals angehörte. Meine musikalischen Vorlieben musste ich erst mal für mich behalten, als ich an der Tür meiner Genoss*innen in Köln-Chorweiler anklopfte. Wenige Monate danach übernahmen die Generäle die Macht in der Türkei. Ich blieb in Deutschland. Als angehender Musiker benutzte ich das Pseudonym »Hazar« in der Öffentlichkeit, um die Gefahr der Ausbürgerung zu umgehen. Mit bürgerlichem Nachnamen heiße ich Bora. Mit diesem einfachen Trick konnte ich mich damals den analogen Recherchen des türkischen Geheimdienstes entziehen. 1987 verjährte mein Verfahren und ich konnte wieder, ohne dass mir eine Verhaftung drohte, in die Türkei zurückkehren. Doch Deutschland war längst zu meiner Heimat geworden.

Auch der kurdische Sänger Ali Baran floh kurz vor dem Putsch nach Deutschland, da er als angeblicher Terrorist auf der Fahndungsliste stand, weil er 1978 in einem in einer anatolischen Stadt aufgeführten Theaterstück einen Song auf Kurdisch gesungen hatte. Die kurdische Sprache, die Muttersprache von etwa einem Fünftel der Bevölkerung der Türkei, war noch bis vor wenigen Jahren verboten. Kurdisch Sprechende galten als potentielle Staatsfeinde. In Deutschland angekommen, wurde Ali Baran von den türkischen Behörden in Abwesenheit ausgebürgert. Da er sich aber nach seiner Ausbürgerung nicht mehr amtlich ausweisen konnte, sollte er auch noch aus Deutschland ausgewiesen werden. Er sorgte damals für Schlagzeilen, als er vor den Augen schockierter Beamter all seine Unterlagen zerriss und schlichtweg behauptete: »Ihr werdet mich nicht los.« Heute ist er ein angesehener Bürger von Karlsruhe, wo er seit über vierzig Jahren lebt. Vor seinem denkmalgeschützten Haus in der Altstadt von Karlsruhe-Durlach hängt eine Tafel, auf der die Hausbewohner*innen aufgelistet sind:

1698 – Hans Jacob Geißler: »ein ohngebautes Häuslein« (!)

1706 – Hans Georg Kühner, Weingärtner

1742 – Hans Adam Grameter, Waffenschmiede

1743 – Opfer eines Großbrandes, dann wieder aufgebaut

1746 – Israel Hegel, Schuhmacher, und seine Frau

1782 – Ernst Gottlieb Korn, Perückenmacher

1802 – Adam Korn, Schlosser

1842 – Friedrich Korn, Schlosser

1888 – Karl Korn, Schlosser

1906 – Ernst Korn, Schlosser

1912–1961 – Philipp Bull, Malermeister; baut Stall / Scheune zu Werkstatt um

1961–1988 – Karoline Bull, Witwe

1988 – Erbengemeinschaft …

1990 – Ali Baran, kurdischer Musiker, mit Familie

Ali Baran war einer der Ersten, der Kontakt zur lokalen Szene suchte. 1980 gründete er eine Gruppe mit deutschen Musiker*innen und trat mit ihr bei Newrozfeiern (kurdisches Neujahrsfest) auf. Die Zuschauer*innen hielten die dunkelhaarige Geigerin der Band für eine Kurdin, küssten sie und sprachen sie an. Vergeblich erklärte die Frau, dass sie Deutsche sei und kein Kurdisch spreche: »Ali, hilf mir!«

Anfang der 1980er-Jahre kamen sehr viele verfolgte Kurd*innen aus der Türkei nach Westeuropa. Nicht nur Aktivist*innen, sondern fast die gesamte Kunst- und Kulturwelt. Die kurdische Musik und Literatur von 1980 bis in die Nullerjahre entwickelte sich vor allem in Deutschland und anderen EU-Ländern – eben dort, wo sie sich frei entfalten konnten. Der Musiker Nizamettin Ariç zum Beispiel veröffentlichte nacheinander mehrere Alben in Berlin. 1985 produzierte Şanar Yurdatapan den bekanntesten Hit »Canê Canê« des kurdischen Stars Şivan Perwer. Sie stritten sich danach. Perwer, der zu der Zeit in Schweden lebte, nahm sein Folgealbum mit dem türkischen Musiker Orhan Temur in Köln auf. Dutzende seiner Landsleute folgten Perwers Beispiel. Die meisten kurdischen Tonträger der 1980er- und 1990er-Jahre weltweit wurden in Temurs kleinem Studio am Kölner Ebertplatz aufgenommen. Für die Kurden war das die seltene Chance, in ihrer damals in der Türkei verbotenen Sprache Lieder aufnehmen zu können. Und für den Studiobetreiber war es eine wahre Markt­lücke. Die produzierten Kassetten wurden in Deutschland legal über die Arbeitervereine und bei New­rozfeiern vertrieben. In die Türkei wurden sie heimlich in Urlaubs­koffern geschmuggelt. Einen Zwiespalt, wie etwa zwischen den türkischen Exilkünstler*innen und Arbeitsmigrant*innen, gab es unter den kurdischen Einwanderer*innen nicht. Hier ging es unter anderem um herkömmliche Liebes- oder Kreistanzlieder, allerdings in einer verbotenen, offiziell nicht existenten Sprache. Wie »Tew lê Tew lê« zum Beispiel, ein Lied von Ali Baran. Dieses Stück stammt eigentlich aus dem Repertoire seines Vaters Mahmut Baran, der ein populärer und verehrter Dengbêj war, ein Volksbarde in den kurdischen Gebieten der Türkei. Seine blumige Sprache mag exotisch wirken, die Metaphern ungewöhnlich. Die Melodie dieses Songs allerdings brachte meine Kollegen bei der Band Yarinistan und mich ganz aus dem Häuschen. Wir spielten eine Coverversion dieses verbotenen, als staatsfeindlich eingestuften Lieds gleich auf unserem ersten Album ein:

Es regnete,

Es donnerte am Himmel.

Der Kuss alter Frauen ist wie Schwarzbrot.

Steh auf, mein Junge, steh auf, mein Mutiger,

Unsere lieben Gäste sind gekommen.

Man sieht sie schon am Fluss.

Diese Rose hat blondes Haar.

Prächtig sieht sie aus, wie ein Laden im Basar.

Der Kuss junger Frauen ist wie Weißbrot.

Steh auf, mein Junge, steh auf …

Ein Held für alle war Yılmaz Güney. Im Berliner Online­magazin renk. wird er als »Kurde, Schauspieler, Regisseur, Drehbuchautor, Ehemann, Vater, politischer Aktivist, Kommunist, Draufgänger, Vorbild, Haustyrann, Häftling, Mörder, Exilant … und schließlich Çirkin Kral« beschrieben. Çirkin Kral heißt »der hässliche König« nach einem gleichnamigen Film Güneys. Während eines Hafturlaubs – er hatte 1974 in einem Kasino einen Staatsanwalt erschossen und saß eine neunzehnjährige Freiheitsstrafe ab – gelang ihm 1981 die Flucht aus der Türkei nach Frankreich. Dort schnitt er das Sozialdrama Yol – Der Weg zu Ende, zu dem er das Drehbuch in Haft geschrieben hatte. Zusammen mit Missing – Vermisst des griechischen Filmemachers Costa-Gavras über den Militärputsch in Chile erhielt Yol 1982 die Goldene Palme in Cannes. Mit gleichgesinnten Kulturschaffenden gründete Güney 1983 das Kurdische Institut in Paris. 1984 drehte er seinen letzten Film Duvar – Die Mauer, der die wahre Geschichte eines Aufstands von Kindern und Jugendlichen in einem Gefängnis in Ankara erzählte. Kurz danach starb Yılmaz Güney siebenundvierzigjährig an Magenkrebs und wurde auf dem Pariser Friedhof Père Lachaise begraben.

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