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Das Geheimnis der Madame Yin

Das Geheimnis
der Madame Yin

von

Nathan Winters

Historischer Kriminalroman


Für meine Frau,

für ihre Kritik,

ihre Motivation,

ihre Ideen

und natürlich für ihre Liebe

Inhalt

26. August 1877 Chicago Einen Monat später

29. August 1877 Im Hafen von New York

4. September 1877 London Kurz nach Mitternacht

7. September 1877 Die Themse Früher Morgen

Südlich von Westminster Bridge Zur Mittagsstunde

Southampton Am Nachmittag

Polizeistation der L-Division Kennington Lane

London Paddington Station Acht Uhr abends

8. September 1877 Früh am Morgen

The City of London Kurz vor Mittag

The City of London Zur selben Zeit

St. Bethlehem Royal Hospital Eine Stunde später

Hyde Park Am frühen Nachmittag

Lambeth Wenig später

Scotland Yard Am späten Nachmittag

Scotland Yard 9.September Früh am Morgen

Lord Ellingsfords Anwesen Park Lane

10. September 1877 Polizeistation der L-Division Kennington Lane

St. Mary's Hospital …

11. September Scotland Yard Kurz nach acht Uhr

East End Spitalfield

Lambeth Kennington Lane

12. September Das Haus der Ellingsfords

Der Friedhof von Kensal Green zur Mittagsstunde

Folly Lane am späten Nachmittag

Park Lane Zehn Uhr Abends

Vier Tage später …

Sie hatte geträumt, von einer Blumenwiese aus roten Rosen und weißen Margeriten. Alles war hell, das Sonnenlicht brach durch die Wipfel der Bäume und ließ die Blüten in allen Farben erstrahlen.

Aber dann wachte sie auf und alles um sie herum war tiefschwarz. Angeekelt verzog sie das Gesicht. Der Geschmack nach Alkohol lag ihr auf der Zunge. Kloakengestank drang ihr in die Nase. Stöhnend versuchte sie sich aufzurichten, doch es gelang ihr nicht. Man hatte sie an Händen und Füßen gefesselt und an den Boden gekettet. Sie konnte lediglich vornübergebeugt knien und gerade noch den Kopf heben. Sie erinnerte sich an das Café am Victoria Embankment. Es war Abend gewesen und sie wollte gerade eine Droschke rufen, als dieser Mann mit den Blumen kam. Er hatte ihr sofort einen feuchten Stofffetzen auf Mund und Nase gepresst und sie war ohnmächtig geworden.

Er hat mich entführt. Oh Gott. Bitte … bitte mach, dass das nicht wahr ist. Ihr Herz begann, wie verrückt zu schlagen. Ich muss hier raus.

Panisch zerrte sie an ihren Ketten. Das Metall scheuerte ihr die Haut blutig. Sie schrie und weinte, doch damit änderte sich nichts an ihrer Situation. Minuten vergingen, vielleicht waren es auch Stunden. Sie wusste es nicht. Ein furchtbarer Gedanke fraß sich in ihr fest: Sie würde sich nicht befreien können. Alles, was sie tun konnte, war zu schreien. Vielleicht würde sie jemand hören und retten. Sie begann, laut um Hilfe zu rufen, bis sich nach einer Weile links von ihr eine Tür öffnete. Sie verstummte augenblicklich und ihr Kopf ruckte herum. Ein Mann stieg die Treppenstufen hinab.

Er hielt eine Petroleumlampe in der Hand, deren Docht tief herunter gedreht war. So warf sie nur ein schwaches Licht in ihr Gefängnis aus gemauertem Stein. Der Mann bewegte sich langsam, ließ sich für jede Stufe Zeit. Das Klacken seiner Sohlen war das einzige Geräusch, das sie hörte.

Sein Gesicht verbarg er hinter einer Maske. Sie war feuerrot mit verzerrten Zügen, einer schmalen, spitzen Nase und Teufelshörnern auf der Stirn. Ein Umhang mit einer Kapuze lag über seinen Schultern. „Dich kann hier niemand hören“, sagte er und seine Stimme klang dumpf und bedrohlich.

Erneut rannen Tränen über ihr Gesicht. „Warum haben Sie mich hergebracht? Wer sind Sie?“

Er antwortete nicht. Als er das Ende der Treppe erreicht hatte, blieb er einen Moment lang stehen, ehe er langsam auf sie zukam.

„Gehen Sie weg. Kommen Sie nicht näher!“ Ihr Protest war schwach und nutzlos.

Er trat neben sie, sodass sie nur noch seine Schuhe sehen konnte, die schwarz glänzten.

„Bitte lassen Sie mich gehen. Was wollen Sie denn vor mir? Lassen Sie mich doch bitte gehen!“

Er schwieg.

„Warum tun Sie das?“

„Weil es nötig ist.“

Sie zuckte zusammen.

Ihr Peiniger hatte sich neben sie gekniet, sein Mund war nun ganz dicht an ihrem Ohr. Sie konnte seinen Atem riechen. Nun drehte er den Docht der Lampe hoch und ihre Augen waren für einen kurzen Augenblick von der plötzlichen Helligkeit geblendet. „Sieh dorthin“, sagte er nach einer kurzen Weile, streckte den Finger aus und zeigte an ihr vorbei auf die Wand gegenüber.

Sie drehte den Kopf zur Seite. Panisch biss sie sich auf die Lippen. Sie wollte nicht hinsehen, egal was dort war, aber er packte sie grob bei den Haaren und zwang sie dazu.

Ihre Augen weiteten sich. „Oh Gott, nein. Bitte. Bitte.“ Sie wollte schreien, ihre Panik, das Grauen, alles herausschreien. Doch sie krächzte nur, während ihre Augen das Entsetzliche nicht wahrhaben wollten. Aber sie konnte den Blick nicht abwenden. Ihr Magen rebellierte, verdrehte sich und ein galliger Geschmack schoss in ihren Mund. Sie würgte die letzte Mahlzeit hoch. Tomatensuppe und Apfelkuchen. Es sah aus, als würde sie klumpiges Blut spucken.

Ihren Peiniger kümmerte es nicht. Ungerührt sah er ihr zu und wischte ihr mit dem Finger über den Mund, während sein Atem über ihre nassgeweinten Wangen streichelte. „Weißt du jetzt, warum du sterben musst?“

„Bitte … tun Sie es nicht. Bitte.“

Er zögerte. Sah sie Mitleid in seinen Augen?

26. August 1877 Chicago Einen Monat später

Der Tag war sonnig und der Himmel strahlend blau. Aber für Celeste Summersteens Geschmack war es viel zu heiß. Sie schwitzte in ihrem Kleid aus dunkelblauer Seide und Taft. Ihre Spitzenhandschuhe juckten fürchterlich. Am liebsten hätte sie diesen unnötigen Tand aus dem Fenster der Kutsche geworfen und den Unterrock, der nass an ihren Beinen klebte, gleich hinterher.

Sie fuhren durch ein steinernes Tor und folgten einer schnurgeraden Allee zum Anwesen der Familie Roover.

„Schneller!“, rief sie.

„Soll ich uns umbringen?“, antwortete der Kutscher gereizt, ließ aber trotzdem die Peitsche knallen.

Celeste war wütend, doch nicht auf den Kutscher. Vielmehr waren es ihr Vorgesetzter und dieser grinsende Idiot Walters, die sie zur Weißglut getrieben hatten.

Walters hatte sie schon eine Lektion erteilt, ihr Vorgesetzter würde eine härtere Nuss werden. Schließlich war der nicht irgendwer, sondern Allan Pinkerton, der Gründer der berühmten Detektei Pinkerton. Seinen Männern sagte man nach, bei der Wahl ihrer Mittel nicht zimperlich zu sein. Viele hielten sie sogar für schießwütige Revolverhelden. Aber der Erfolg, wenn auch in manchen Fällen fragwürdig erworben, gab ihnen recht.

Über Pinkerton selbst kursierte das Gerücht, dass selbst die hartgesottensten Verbrecher anfingen zu weinen, wenn sie ihn sahen. Sie hatte keine Ahnung, ob das stimmte, aber es schreckte Celeste auch nicht länger, es herauszufinden. Für Pinkerton war sie eine Last und er gab ihr nichts anderes zu tun, als Akten zu sortieren und Briefe zu schreiben. Bisher hatte sie das stumm und geduldig ertragen und gehofft, dass sich irgendwann etwas ändern würde. Aber jetzt hatte sie erkennen müssen, dass das niemals geschehen würde.

Zwischen den Bäumen tauchte ein herrschaftliches Gebäude auf. In den hohen Fenstern spiegelte sich das Sonnenlicht und drei spitze Türmchen reckten ihre Dächer in den klaren Himmel. Es war der Stammsitz des Handelshauses Roover, einer der reichsten Familien Chicagos.

Das Pferd wieherte, Hufe stampften, die Räder blockierten und wirbelten Steinchen und Staub auf, als der Kutscher sein Gefährt zum Halten brachte. Es war ein dramatischer Auftritt, ganz im Sinne von Celeste, der es gefiel, wenn man sich den Hals nach ihr verdrehte.

So wartete sie auch nicht ab, bis jemand kam, um ihr beim Aussteigen zu helfen.

Ein Mann im schwarzen Gehrock stürmte aus dem Haus und die breite Treppe hinunter. Auf halbem Weg erkannte er sie. Seine angespannte Miene löste sich in einem höflichen Lächeln auf. Es war Mrs. Roovers Sekretär.

„Miss Summersteen.“ Er klang überrascht und warf einen hastigen Blick auf seine goldene Taschenuhr. „Wie schön, dass Sie doch noch kommen konnten. Mr. Pinkerton teilte uns mit, Sie seien verhindert.“

„Ja, das hätte er wohl gern“, presste sie hervor.

„Bitte?“

„Nichts. Sagen Sie, wo finde ich Mrs. Roover?“

„Wenn Sie mir bitte folgen wollen, ich bringe Sie zu ihr.“

Der Sekretär ging voran zur Rückseite des Anwesens. Dort befand sich ein kleiner See, in dessen Mitte eine Insel lag. Der Weg führte über einen kleinen Steg auf die Insel und geradewegs auf einen weißen Pavillon zu, in dessen Schatten ein runder Eichentisch stand.

Zwei Personen saßen an diesem Tisch. Der Wind trieb das Klirren von kristallenen Gläsern über das Wasser.

Als Celeste sich näherte und Pinkerton sie erkannte, konnte sie sehen, wie sein rundes Gesicht mit dem sauber gestutzten Backenbart rot anlief. Ruckartig stand er auf. „Was machen Sie denn hier?“, schnaubte er ungehalten.

Sie ignorierte ihn und knickste stattdessen vor der alten Dame. „Bitte verzeihen Sie die Verspätung. Mr. Walters hatte es versäumt, mich in Kenntnis zu setzen.“

Sie musste an Walters mieses Grinsen denken, als er ihr erzählt hatte, dass Pinkerton anstatt ihrer zu dem Treffen gefahren war.

„Miss Summersteen! Sie missachten meine Befehle. Ich habe Ihnen eine andere Aufgabe zugewiesen.“ Pinkerton war sehr darum bemüht, die Fassung zu wahren.

„Ich weiß und trotzdem bin ich hier.“ Sie hielt seinem Blick stand und fühlte eher Wut denn Angst. Zum Weinen war ihr auch nicht zumute – also waren die Gerüchte doch übertrieben. Aus ihrer Handtasche holte sie einen Schlüssel, den sie vor Pinkerton auf den Tisch legte. Er sah sie irritiert an.

„Der Schlüssel zum Aktenraum. Was soll ich damit?“

„Walters wollte mich nicht gehen lassen, also hab ich ihn eingesperrt.“

„Sie … So etwas ist mir ja noch nie untergekommen. Was fällt Ihnen ein? Sie sind entlassen!“, polterte Pinkerton los.

Celeste kniff die Augen zusammen. „Und wenn schon. Akten kann ich überall sortieren!“

Ein herzliches Lachen unterbrach den Streit. Mrs. Roover amüsierte sich köstlich. „Ich weiß schon, warum ich nur Sie haben wollte, meine liebe Celeste. Bitte, setzen Sie sich doch.“

„Ich soll dieses Verhalten tolerieren?“ Noch immer ähnelte die Farbe von Pinkertons Gesicht der eines heißgekochten Hummers.

„Ja, aus einem ganz einfachen Grund. Sie wollten mir Miss Summersteen vorenthalten. Obwohl ich ausdrücklich um ihre Anwesenheit gebeten hatte.“

„Aber, aber …“ Pinkerton suchte verzweifelt nach Worten.

„Ich bin Ihnen nicht böse, mein lieber Allan. Es sei denn, Sie machen Ihre Drohung wahr und entlassen sie tatsächlich. Dann allerdings sähe ich mich gezwungen, auf Ihre weiteren Dienste zu verzichten.“

Pinkerton holte tief Luft. „Nein, natürlich nicht. Sie können bleiben, Miss Summersteen.“ Er schaffte es, die Worte hervorzupressen, ohne Celeste dabei anzusehen.

„Wunderbar.“ Die alte Dame lächelte zufrieden in die Runde, und Celeste fragte: „Wie kann ich Ihnen helfen? Geht es wieder um einen betrügerischen Butler?“

„Nein, diesmal nicht. Diesmal geht es um etwas viel Wertvolleres als Geld: meine Nichte.“

„Madam. Ich bin immer noch der Meinung, dass meine Männer besser …“

„Allan. Ich bitte Sie. Ich kenne die Vorzüge Ihrer Revolverhelden. Sie sind äußerst nützlich, wenn man Pferdediebe oder Postkutschenräuber jagt. Aber meine Nichte ist ein zartes Geschöpf. Ich will sie nicht in der Obhut von Männern wissen, die keine Ahnung haben, wie man sich einer Lady gegenüber benimmt.“

„Es geht hier um den Ruf meiner Detektei. Wenn ich einen Auftrag annehme, dann will ich auch, dass er anständig ausgeführt wird“, sagte Pinkerton und sah Celeste dabei mit durchdringendem Blick an.

„Ich dachte, wir hätten das jetzt geklärt? Oder wollen Sie meinem ausdrücklichen Wunsch widersprechen?“

„Ähm … nein, Madam. Ganz und gar nicht. Ich bin immer … erfreut, Ihrem Haus zu Diensten sein zu können. Es ist nur …“

„Wenn es nicht das ist, dann wollen Sie mir mit anderen Worten sagen, dass Sie Miss Summersteen für ungeeignet halten?“

„Ähm. Nein … das hab ich damit auch nicht …“

„Gut. Dann sind wir uns also einig“, fiel ihm die alte Dame resolut ins Wort.

Pinkerton gab nach und zuckte mit den Achseln. „Na schön. Sie haben gewonnen. Ich gebe Ihnen Miss Summersteen. Ich hoffe nur, Sie bereuen es nicht.“ Er stand auf und schlug die Hacken zusammen. „Wenn Sie mich jetzt entschuldigen wollen.“ Er schnappte sich den Schlüssel vom Tisch und brummte ein: „Ich habe noch zu arbeiten.“ Damit rauschte er davon, ohne Celeste auch nur eines weiteren Blickes zu würdigen.

„Ich fürchte, er ist mit Ihrer Wahl nicht ganz einverstanden“, sagte Celeste, während sie ihm nachsah, wie er über den Steg davon stapfte.

„Papperlapapp. Er wird es verschmerzen. Schließlich bezahle ich gutes Geld für seine Dienste. Da soll er sich nicht so anstellen.“

Celeste konnte ihre wachsende Ungeduld nur schwer verbergen. „Wie kann ich Ihnen zu Diensten sein, Madam?“

„Sie kennen doch meine Nichte Dorothea?“

„Aber ja, natürlich.“ Celeste hatte sie während ihrer früheren Ermittlungen im Hause Roover getroffen. Eine freundliche, wenn auch recht schüchterne junge Frau von sechzehn Jahren.

„Sie war jetzt über ein Jahr in meiner Obhut. Nun will mein Bruder, ihr Vater, sie nach London zurückholen, und ich möchte, dass Sie Dorothea auf dieser Reise begleiten.“

Celeste konnte einen Anflug von Enttäuschung nicht vermeiden. Das klang nicht nach dem interessanten Fall, den sie sich erhofft hatte. Worte wie Gouvernante und Gesellschafterin kamen ihr in den Sinn. Doch dann drang auch die letzte Information zu ihr durch. „Nach London?“ Die Aufregung, die sie bei dem Gedanken an die ferne Stadt erfasste, gewann rasch die Oberhand.

„Freuen Sie sich nicht zu früh. Die Umstände sind komplizierter, als sie auf den ersten Blick erscheinen und auch … delikater. Alles, was ich Ihnen nun zu sagen habe, ist nur für Ihre Ohren bestimmt. Ich vertraue dahingehend auf Ihre Verschwiegenheit.“

Celeste nickte und die alte Dame fuhr fort. „Meine Nichte besitzt ein sehr zartes Gemüt. Als sie zu mir kam, war sie sehr still und weinte viel. Sie schien nur noch aus Haut und Knochen zu bestehen. Ich wusste … sie war diesem Teufelszeug verfallen. Opium. Mein Bruder schickte sie zu mir, um sie davon zu kurieren. Er war der Meinung, eine andere Umgebung könnte ihr dabei helfen.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Ich hatte nichts dagegen. Im Gegenteil, ich freute mich auf sie. Als ich meine Nichte das letzte Mal sah, war sie drei Jahre alt.“

„Wissen Sie, woher sie das das Opium bekommen hat?“, fragte Celeste.

„Das hat sie mir nie gesagt und ich habe auch nur einmal gefragt. Sie hatte sich nach dem Gespräch tagelang in ihr Zimmer eingeschlossen und wollte mich nicht mehr sehen. Das war ganz zu Beginn ihres Aufenthalts bei mir. Danach ging es ihr jedoch schnell wieder besser. Bis jetzt jedenfalls. Der Brief ihres Vaters hat sie tief erschüttert.“

„Inwiefern?“

„Sie will nicht nach Hause, aber mein Bruder besteht darauf. Er schreibt, eine Tochter müsse bei ihrer Familie sein. Er ist sehr bestimmend, müssen Sie wissen.“

„Woher kommt dieser plötzliche Sinneswandel?“

„Nun ja, sie ist seine Tochter. Ich kann es ihm nicht verdenken.“

„Könnten Sie nicht versuchen, ihn umzustimmen? Zumindest solange, bis Dorothea von selber nach Hause will?“

„Meine Liebe. Er würde nicht auf mich hören. Wir pflegen keine geschwisterlichen Bande. Er hat mir nie verziehen, dass ich unserer Familie den Rücken gekehrt habe, um einen Yankee zu heiraten, wie er sich gerne ausdrückt.“

„Das verstehe ich nicht. Wenn Ihr Verhältnis so schlecht ist, warum hat er Dorothea dann überhaupt zu Ihnen geschickt?“

„Ich weiß es nicht. Vielleicht weil ich seine einzige Verwandte bin. Ich habe aber nicht gefragt. Es ging um Dorotheas Wohl und ich habe keine eigenen Kinder.“

Celeste nickte, um dann eine Frage zu stellen, die sie seit Beginn des Gesprächs beschäftigte. „Ihre Nichte ist vom Opium geheilt. Sie fährt nach Hause. Ich finde daran nichts Ungewöhnliches. Warum wollen Sie, dass ich sie begleite?“

„Eine durchaus berechtigte Frage.“ Die alte Dame nahm eine in Leder gebundene Mappe von einem kleinen elegant verzierten Beistelltischchen und zog einen Brief heraus, den sie Celeste reichte.

„Diesen Brief hier bekam ich vor ungefähr drei Wochen von Dorotheas Mutter. Normalerweise schreibt sie nur ihrer Tochter, aber dieser hier war ausdrücklich an mich adressiert. Bitte … lesen Sie nur.“

Geschätzte Anette,

ich bedauere es, Ihnen nicht schon vorher geschrieben zu haben, so muss es Ihnen nun scheinen, dass ich mich nur in meiner persönlichen Not an Sie wende.

Zuvor möchte ich Ihnen allerdings versichern, wie dankbar ich Ihnen bin, dass Sie Dorothea mit großer Liebe bei sich aufgenommen haben.

Ich wünschte, dass dies allein der Anlass für mein Schreiben wäre, doch leider ist etwas unvorstellbar Schreckliches geschehen, worüber ich Sie dringend unterrichten muss.

Dorotheas Freundin Estelle wurde erwürgt und dann in die Themse geworfen, wo man ihren Leichnam angespült fand. Ich weiß nicht, wer zu solch schändlichen Taten fähig ist, sie war doch ein so liebes Mädchen. Und so jung. Sie hatte ihr ganzes Leben noch vor sich.

Ich habe es nicht übers Herz gebracht, es Dorothea zu schreiben. Meine Sorge war zu groß, sie könnte wieder in diese dunkle Stimmung verfallen, in der sie war, bevor sie zu Ihnen kam. Daher wende ich mich auch an Sie, liebe Anette. Sie sehen meine geliebte Tochter täglich und können eher ermessen, wie es um ihr Seelenheil bestellt ist. Entscheiden Sie, ob Sie ihr diese traurige Nachricht überbringen wollen oder nicht.

Mit geschätzten Grüßen und mit meinem zutiefst empfundenen Dank

Cynthia

Celeste ließ den Brief sinken und sah Mrs. Roover fragend an. Diese schüttelte aber nur leicht den Kopf. „Ich war nicht mutig genug und habe es ihr nicht gesagt. Ich dachte, ich hätte noch Zeit, aber dann traf der Brief meines Bruders ein. Jetzt ist es zu spät. In zwei Tagen wird sie abreisen und die ganze Reise regt sie bereits über alle Maße auf. Meine Liebe … ich fürchte, Dorothea wird in London vom Tod ihrer Freundin erfahren und ich weiß nicht, was sie dann tun wird. Ich will verhindern, dass sie wieder den alten Weg einschlägt, der sie dem Tod so nahe gebracht hat. Sie braucht eine Freundin, jemanden der ihr zuhört, der nicht aus ihrem angestammten Kreis kommt und dem sie vertrauen kann. Jemand, der ein wachsames Auge auf sie hat. Ich weiß, dass sie Sie mag. Sie hat es mir selber gesagt. Darum möchte ich Sie bitten, dass Sie Dorothea begleiten.“

Celeste war noch nicht überzeugt. „Was ist mit ihren Eltern? Haben Sie ihnen Ihre Bedenken nicht mitgeteilt?“

„Cynthia ist eine herzensgute Frau, aber von kränklicher Natur. Sie verlässt so gut wie nie das Haus und weiß nicht, was ihre Tochter tut. Und mein hoch geschätzter Bruder, der große Lord Ellingsford, hat vor allem seine politische Karriere im Sinn und weniger die seelische Gesundheit seiner Tochter. Ich hingegen kann die Augen nicht verschließen und darauf hoffen, dass alles gut wird. Bitte, helfen Sie ihr.“

Celeste atmete tief ein. Wenn sie zustimmte, war sie eine Gouvernante, aber was hatte sie schon zu verlieren? Akten sortieren und Briefe schreiben? Vielleicht würde Pinkerton sie auch gleich entlassen. Gründe hatte sie ihm genug geliefert. Wenn Sie aber Mrs. Roovers Angebot zustimmte und ihre Arbeit gut machte, würde sie sich vielleicht bei Pinkerton für sie verwenden. Ihre Zukunft als Detektivin hing von diesem einen Auftrag ab. Sie lächelte. „Ich bin einverstanden, Madam. Es wäre mir eine Freude.“

„Wunderbar.“ Die alte Dame lächelte dankbar. „Ich werde Ihnen in drei Tagen eine Kutsche schicken, die Sie abholen wird. Packen Sie ein, was Sie für nötig halten. Sie werden genug Platz haben. Und keine Sorgen wegen Ihrer Unkosten, darum werde ich mich kümmern.“

„Haben Sie vielen Dank, Madam. Auch für Ihr Vertrauen.“

„Ich muss mich bedanken. Sie haben eine alte Frau sehr glücklich gemacht.“ Sie seufzte und klingelte nach der Dienerschaft. „Dorothea wird bei Ihnen in guten Händen sein.“

„Ich werde mein Möglichstes tun, um Ihrer Nichte zur Seite zu stehen.“ Celeste wusste, ihr Leben würde sich von nun an ändern, ob zum Guten oder zum Schlechten, das musste sie abwarten.


29. August 1877 Im Hafen von New York

Die M. S. Cumberland lag mit rauchenden Schornsteinen im Hafenbecken. Gewaltige Taue hielten sie am Pier, während ihr stählerner Leib unter dem dumpfen Brummen der Maschinen erzitterte.

Bunte Fähnchen schmückten die Reling. Frauen mit ausladenden Hüten und weiten Kleidern flanierten am Arm ihrer Männer den Aufgang hinauf zum Schiff. Unter lauten Rufen, dem Ächzen von Seilwerk und dem Stampfen von Dampfmaschinen wurde die letzte Fracht verladen.

In all dem Trubel hielt eine Mietdroschke am Pier. Celeste stieg aus und atmete tief ein. Ein warmer Windhauch strich ihr über die Haut und die Luft war durchdrungen vom Geruch des salzigen Meeres. Sie liebte den Hafen, denn hier erinnerte sie alles an ihre Kindheit. Für sie bedeuteten diese Gerüche Heimat. New York war ihr Zuhause. Chicago war immer nur ihr Exil gewesen. Der Ort, an dem sie lebte, seit ihre Familie sie verstoßen hatte. Für einen Moment schloss sie die Augen und lauschte den Möwen, dem Wasser, das sich an den Schiffsrümpfen brach, und dem Gewirr verschiedenster Sprachen, die babylonisch durcheinander plapperten.

„Sie hätten sich wirklich nicht die Mühe machen müssen, mich zu begleiten.“ Die zarte Stimme gehörte Dorothea Ellingsford, die Celeste aus ihren Erinnerungen riss.

„Papperlapapp“, hörte sie Mrs. Roover keuchen. „Ich wollte es so. Außerdem hat es mir Freude gemacht. Ich bin schon ewig nicht mehr Zug gefahren.“

Celeste hielt sich etwas abseits. Sie wollte die beiden ungestört voneinander Abschied nehmen lassen.

„Ich wünschte, Sie könnten mitkommen.“ Dorothea rang mit den Tränen.

„Das wünschte ich auch, mein liebes Kind. Allein schon um das Gesicht deines Vaters sehen zu können. Er würde sicher einen riesigen Schrecken bekommen, wenn ich plötzlich vor ihm stünde.“

Beide lachten, dann deutete Mrs. Roover auf Celeste. „Miss Summersteen wird dir eine gute Freundin sein. Du bist also nicht alleine.“

Celeste fühlte, dass sie etwas sagen sollte, aber da ihr nichts einfallen wollte, lächelte sie nur aufmunternd.

Ein Nebelhorn dröhnte. Die Cumberland würde bald auslaufen.

„Es wird Zeit, mein Kind. Lass dich noch einmal ansehen.“ Die alte Dame hielt Dorothea bei den Armen. „Wir sehen uns ganz bestimmt wieder. Und solltest du Sehnsucht nach mir haben, dann schreib mir.“

Das Mädchen lächelte tapfer. „Ich schreibe Ihnen jeden Tag.“

„Du solltest kein Versprechen geben, das du nicht halten kannst.“ Ihr Lächeln verriet, dass sie die Worte nicht so ernst meinte.

Ein Diener trat hinzu. „Das Gepäck ist verladen, Madam.“

„Danke Gerald. Begleiten Sie Miss Dorothea bitte an Bord. Ich muss noch ein paar Worte mit Miss Summersteen wechseln. Gib gut auf dich Acht, mein Kind.“

Mit einer letzten Umarmung verabschiedeten die beiden sich voneinander.

„Celeste“, sagte die alte Dame gefasst.

„Madam?“

„Diese Briefe hier sind für meinen Bruder.“ In ihrer Hand hielt sie drei Umschläge.

„Der hier enthält eine Vollmacht von Mr. Pinkerton. Sie arbeiten in dieser Sache offiziell in seinem Auftrag.“ Celeste erkannte das Firmenzeichen. Ein geöffnetes Auge. Darunter der Schriftzug: We never sleep.

„Dieser hier ist von mir und erklärt, warum ich Sie angeheuert habe. Mein Bruder wird toben. Dafür kenne ich ihn gut genug. Er wird Sie nicht mit offenen Armen empfangen.“

Celeste nickte schweigend.

„Seine Ehre und sein Ansehen bedeuten ihm alles. Merken Sie sich das, wenn Sie mit ihm sprechen. Er ist ein schwieriger Mann.“

„Ja, Madam.“ Neugierig reckte Celeste den Hals und starrte auf den dritten Umschlag, den die alte Dame noch in der Hand hielt. Diese zögerte einen Moment und reichte ihn dann weiter. „Darin finden Sie alles, was ich über den Mord an Dorotheas Freundin erfahren konnte. Es ist nicht viel. Ein paar Zeitungsausschnitte, ein paar Briefe. Celeste … Ich will, dass Sie den Mörder finden und unschädlich machen. Auf amerikanische Art.“

Celeste wusste, was sie meinte. „Ich soll ihn töten?“

Die alte Mrs. Roover zuckte gleichgültig mit den Schultern. „Auge um Auge, so heißt es doch in der Bibel. Ich habe kein Mitleid mit ihm. Er hat es verdient.“

„Aber ich könnte den Falschen erwischen.“

„Das werden Sie nicht. Ich weiß von Ihrer Vergangenheit, Celeste. Sie werden es richtig machen. Ich vertraue Ihnen.“

„Aber der Krieg ist längst vorbei. Das waren andere Zeiten. Ich bin keine Mörderin“

„Ich weiß, ich verlange viel von Ihnen und ich möchte, dass Sie mich verstehen. Es geht mir alleine um Dorotheas Wohl. Sie wird Albträume bekommen, sobald sie vom Tod ihrer Freundin erfährt, sie wird trauern und Angst haben. Und ich will nicht, dass sie Angst hat.“

„Aber … was ist mit der Londoner Polizei, die ermittelt doch, oder?“

„Sicher tut sie das. Und wenn sie den Mörder finden sollte, wäre ich beruhigt. Aber ich glaube nicht daran. Ein Monat ist schon vergangen und sie haben den Kerl noch immer nicht fassen können. Ich fürchte, die würden nicht einmal eine Fliege fangen, selbst wenn sie ihnen auf der Nase säße.“

Das Nebelhorn ertönte ein zweites Mal.

Mrs. Roover drängte auf eine Antwort. „Nun?“

„Sie verlangen sehr viel von mir.“

„Das ist mir bewusst.“

„Bitte alle an Bord! Letzter Aufruf! M. S. Cumberland! New York – Southampton“, dröhnte es aus einer Flüstertüte vom Schiff herüber.

Celeste sah ihre Auftraggeberin streng an. „Ich werde den Mann finden und bestrafen, das verspreche ich Ihnen, aber ich werde nicht sein Henker sein.“

Mrs. Roovers Miene blieb unbewegt. „Sie haben Moral, Celeste. Das ist selten in dieser Welt. Ich verstehe Ihre Entscheidung und akzeptiere sie. Ich weiß, Sie werden das Richtige tun.“

Sie deutete auf den Umschlag mit den Informationen. „Darin finden Sie eine Vollmacht für die Bank von England. Ich habe Ihnen dort ein Konto einrichten lassen, über das Sie frei verfügen können. Nutzen Sie das Geld, um dieses Schwein zu finden.“

„Ja, Madam, das werde ich.“

„Sie werden mich selbstverständlich auf dem Laufenden halten.“

„Natürlich. Auf Wiedersehen.“

Celeste gehörte zu den letzten Passagieren, die an Bord gingen. Kurz darauf wurden die Taue gelöst und die Cumberland machte sich auf ihren langen Weg über den Atlantik.

Eine Stunde später war alles, was von New York blieb, nur noch ein blasser Streifen am Horizont.

Celeste und Dorothea bewohnten zwei nebeneinanderliegende Kabinen in der ersten Klasse, die durch eine Schiebetür getrennt waren. Sie war nicht verschlossen, sodass Celeste immer nach dem Rechten sehen konnte.

Inzwischen war es Abend geworden. Beide hatten das Abendessen ausfallen lassen und Dorothea hatte sich schon bald darauf zur Nacht zurückgezogen.

Es dauerte nicht lange und Celeste konnte hören, wie das Mädchen leise im Schlaf stöhnte. Besorgt betrat sie auf nackten Füßen die Kabine. Das Licht einer kleinen Gaslampe warf zuckende Schatten durch den Raum.

Dorothea lag ausgestreckt in ihrem Bett, das Kissen mit beiden Armen fest umschlungen. Ihre goldenen Locken schimmerten auf den blütenreinen Laken und ihre sanft geschwungenen Lippen zuckten, als spräche sie im Schlaf. Sie träumte. So lebhaft, dass sie die Bettdecke ans Fußende gestrampelt hatte.

Celeste deckte sie wieder zu, strich ihr beruhigend über die kühle Stirn und kehrte dann wieder in ihre Kabine zurück.

Der Umschlag mit Mrs. Roovers Informationen wartete auf sie. Er lag auf dem Sekretär, vor dem sie Platz nahm. Ihre Augen brannten, sie war müde, aber noch nicht müde genug, um sich schlafen zu legen. Also öffnete sie den Umschlag und begann zu lesen, was Mrs. Roover gesammelt hatte.

Estelle Wiggins. Sechzehn Jahre alt.

Es gab keine Fotografie, nur eine grobe Beschreibung.

Blondes Haar, blaugraue Augen. Ein Meter siebenundfünfzig. Erwürgt. Seil oder Tuch. Gefunden am 29. Juli. Themse. Battersea Park.

Aus einem Zeitungsartikel erfuhr Celeste, dass ihre Eltern sie in ihrem Zimmer gewähnt hatten. Aber irgendwann in der Nacht musste sie sich hinausgeschlichen haben. Es gab keine Spuren eines Einbruchs, nichts, was auf eine Entführung hingedeutet hätte.

Wohin Estelle gegangen war oder ob sie jemanden hatte treffen wollen, verriet der Text nicht.

Die Notizen füllten nicht einmal eine Seite und Celeste fragte sich, wo sie ansetzen sollte. Mit Dorothea konnte sie nicht sprechen, wenn nicht einmal ihre Tante den Mut aufgebracht hatte, ihr von Estelles Tod zu erzählen. Hinter ihr hörte sie ein Geräusch, das sie zwang, sich hastig umzudrehen.

Fast hatte sie das Mädchen erwartet, wie es ihr über die Schulter sah. Aber sie war allein. Vielleicht war nur jemand an ihrer Kabinentür vorbei gegangen. Dennoch, sie wollte kein Risiko eingehen. Sie schob die Papiere hastig in den Umschlag zurück und versteckte ihn zusammen mit den anderen beiden Kuverts im doppelten Boden ihrer Reisetruhe.

Sie stand auf und ging zum Waschtisch. Um ihre Müdigkeit zu bekämpfen, gab sie Wasser in eine Waschschüssel, tauchte die Hände hinein und wusch sich das Gesicht. Als sie wieder aufsah, blickte sie in den goldumrahmten Spiegel an der Wand. Kleine Tropfen rannen ihre Nase entlang und glänzten auf der feinen Zeichnung ihrer Wangenknochen. Nachdem sie sich abgetrocknet hatte, ging sie zum Bett und setzte sich auf den Rand. Ihr Blick fiel auf eine kleine Fotografie, die auf einer Konsole an der Wand stand. Das Bild steckte in einem Rahmen aus dunklem Holz. Das Papier war rissig und an den Rändern schon etwas verblichen. Eine Erinnerung an zu Hause. Celeste nahm es in den Schoss und betrachtete es.

Da war ihr Vater, in seinem Lieblingssessel sitzend. Das Haar sauber gescheitelt, der Anzug wie eine Uniform und die künstliche Hand auf seinem Knie. Ihre Mutter stand hinter ihm. Ihr teures Kleid und die noch kostspieligeren Perlen um ihren Hals und an den Ohren konnten nicht darüber hinweg täuschen, dass sie unglücklich war. Ihr Lächeln war ebenso künstlich wie die Hand ihres Mannes.

Nur ihr Bruder, der auf seinem Schaukelpferd saß, lachte herzlich und ehrlich. Celeste selbst stand neben ihm, ein pausbackiges Kind im Rüschenkleid, das ihrem erwachsenen Ich nun aus großen Augen entgegensah. Ob Mom und Dad manchmal an mich denken? Ob sie sich Sorgen machen, fragte sie sich im Stillen. Doch die stummen Gesichter gaben ihr keine Antwort.

Mit einem Seufzer stellte sie die Fotografie zurück und legte sich ins Bett.

Durch die angelehnte Tür konnte sie Dorothea im Schlaf weinen hören. Wieso hatte das Mädchen nur solch panische Angst, nach Hause zurückzukehren?


4. September 1877 London Kurz nach Mitternacht

Die Straßen in Lambeth lagen still und verlassen da. Der Regen, der seit den Abendstunden über London niederging, hatte die Menschen in die Häuser getrieben. Nur die armen Teufel, die sich keine Unterkunft leisten konnten, kauerten unter tropfenden Vordächern oder in abbruchreifen Ruinen, die weder Türen noch Fenster besaßen. Die Dunkelheit hatte schon vor Stunden einen trüben Tag abgelöst.

In einer schmalen Gasse, in der sich Abfall stapelte, balgten sich ein paar Ratten um die Kadaver zweier Katzen, denen irgendjemand das Fell abgezogen hatte.

Im verwahrlosten Hinterhof eines Gerbers bellte ein Hund.

All das kümmerte Madame Yin nicht, die, wie jeden Tag, den gleichen Weg ging.

Obwohl sie schon seit über zwanzig Jahren in London lebte, kannte niemand ihren richtigen Namen, und ebenso rätselhaft wie ihr Name war auch ihre Herkunft. Ihre mandelförmigen Augen ließen keinen Zweifel daran, dass sie aus Asien stammte, doch sie sprach ein so gutes Englisch, dass viele vermuteten, sie lebte schon immer hier. Die Jahre auf der Straße, die langen Nächte und vielen Liebhaber hatten Spuren auf ihrem einst zarten Gesicht hinterlassen. Ihre Lippen waren schmal, aber auffallend rot geschminkt. Tiefe Falten zeichneten ihr Gesicht von der Nase bis hinunter zu den Mundwinkeln. Ihre Haut wirkte blass, im Licht der matten Gaslaternen sogar kränklich gelb. Sie humpelte – ein Überbleibsel aus der Zeit, als sie noch als einfache Straßenhure ihren Lebensunterhalt verdienen musste und ein Freier sie fast totgeprügelt hatte.

Die Straße war ihr Lehrmeister gewesen. Erwarte nichts und erhoffe nichts, niemand wird dir etwas schenken. Du musst es dir selbst nehmen. Nach diesem Credo lebte sie, und nach diesem Credo handelte sie. Und nun gehörten ihr drei Opiumhöhlen und zwei Bordelle, was ihr ein beträchtliches Einkommen einbrachte, sowie den Respekt der Männer und Frauen, die ihr Geld ebenfalls im Schatten verdienten.

Ihre Häuser liefen so gut, dass sie sich die edelsten Kleider hätte leisten können, aber darauf verzichtete sie ebenso wie auf einen Leibwächter oder auf eine Kutsche, die sie trocken durch den Regen gebracht hätte. Um ihre Etablissements zu besuchen und nach dem Rechten zu sehen, ging sie, wie früher, zu Fuß. Nur einen Schirm gegen den Regen und einen Stock als Gehhilfe gestattete sie sich als Luxus, denn neben ihrem lahmen Bein bereitete ihr bei nassem Wetter auch ihr Rücken Kummer. Sie bog gerade in die Newcomen Street ein, als der Regen nachließ. Die Luft roch frisch und klar, der Regen hatte seinen Dienst getan und den fauligen Gestank nach Armut und Hoffnungslosigkeit fortgewaschen. Madame Yin blieb einen Moment lang stehen und nahm einen tiefen Atemzug. Sie konnte ihr Zuhause schon am Ende der Straße sehen. Die obere Etage lag im Dunkeln, dort wohnte sie. Aus der unteren Etage, über deren Eingang ein roter Holzdrache hing und wo tiefrote Lichter in den Fenstern brannten, konnte sie leises Flötenspiel und Lachen hören.

Sie hatte also noch Gäste, wie sie ihre opiumsüchtige Kundschaft gerne nannte. Dabei machte sie keinen Unterschied, ob jemand von hohem Stand war oder tagsüber in den Werften schuftete. Ob Mann, ob Frau, alt oder jung – Hauptsache, sie konnten die drei Schillinge aufbringen, die sie für die Jagd nach dem Drachen bezahlen mussten.

Aus dem Schatten trat eine Gestalt an sie heran, die einen Strauß Blumen in der Hand hielt. Es war ein Mann mit Mantel und Zylinder.

„Verzeihen Sie. Madame Yin?“, fragte er mit sanfter Stimme.

Sie nickte höflich. „Kann ich etwas für Sie tun, mein Freund?“

Er sagte nichts, sondern reichte ihr lediglich mit gesenktem Kopf die Blumen. Es waren rote Rosen. Madame Yin nahm sie und roch daran. „Das ist aber reizend von Ihnen“, sagte sie und schenkte ihm ein seltenes Lächeln. „Haben Sie vielen Dank. Möchten Sie mich ein Stück begleiten?“

Er hob den Kopf. Seine Augen funkelten. „Nein, Madame. Das möchte ich nicht.“ Unvermittelt stürzte sich der Mann auf sie.

Der Blumenstrauß fiel zu Boden. Er zertrat ihn.

Rosenblätter rissen ab und schwammen den Rinnstein entlang, tanzten und drehten sich auf dem Wasser. Ein Reigen, den auch Madame Yin tanzte. Sie wand sich, kämpfte, wollte fliehen, um Hilfe schreien, aber er hielt sie am Hals gepackt, drückte zu und presste ihr ein Tuch auf Mund und Nase. Sie roch und schmeckte Alkohol. Ihr wurde schwindelig. Ihre Gegenwehr erlahmte. Dann wurde es dunkel.


7. September 1877 Die Themse Früher Morgen

Die Princess of the Thames war ein altersschwacher, rostiger Kahn, der nach Öl, Kohle, Ruß und Müll stank. Tuckernd spie der Motor schwarze Rauchwolken in den Himmel. Ein Geruch, der auch den beiden Männern anhaftete, die auf der Princess ihre Arbeit taten.

Sie waren Watermen und fischten den Müll aus der Themse, den andere hinein warfen. Ihre Aufgabe nahmen sie mit Humor und einer Flasche Gin, die sie schon zur Hälfte geleert hatten. Dabei hatte Big Ben erst neun Mal geschlagen. Die reich geschmückte Fassade des Parlaments erhob sich links von ihnen, aus einem Schleier von Rauch und Nebel.

Der Jüngere der beiden wischte sich mit dem dreckstarrenden Ärmel über die Nase, während er mit der Hakenstange nach einem Leinensack stocherte, der Steuerbord am Boot vorbei trieb.

Er hoffte auf einen guten Fang. Hin und wieder fanden sie tatsächlich etwas, das sich zu Geld machen ließ.

„Bei den dick'n Titten meiner Schwesser. Das sieht mir nach 'nem guten Fang aus!“, rief der Mann seinem Kameraden zu, der am Ruder stand und das Boot ruhig im Wasser hielt. Der streckte den Hals und grinste dreckig. „Deine Schwester hat sogar verdammt dicke Titten, und weich sind die auch noch.“

Der andere winkte ab, aber der Mann am Ruder war noch nicht fertig. „Hey, Potts. Egal, was es is'. Wir machen halbe-halbe. Is' klar, nich'?“

„Ja is' klar, Dorsey, sicher. Verflixt un' Teufelsauge, verdammtes … Dreck …“ Ihm rutschte der Sack nun schon zum zweiten Mal vom Haken. Erst beim dritten Mal schaffte er es, den schweren Leinensack aus dem Wasser zu ziehen.

„Der is' verflucht drecksschwer. Dors! Wenn du artig bis', geb' ich heut' einen aus!“

Sein schwerfälliger Geist gaukelte Potts alle möglichen Kostbarkeiten vor, die sich gleich auf Deck ergießen würden. Mit seinem Messer schlitzte er den Sack auf und kippte ihn aus. „Verfluchte Scheiße“, schrie er auf und prallte zurück. Träume von reicher Beute zerplatzten wie Seifenblasen.

Was da nass, aufgequollen und von Maden zerfressen vor ihm lag, war … Potts wandte sich ab, ehe er Genaueres erkennen konnte. „Dreck, Dreck, Dreck!“

„Was is'n? Machst'n für'n Geschrei?“ Dorsey kam um die Kajüte herum. Die Princess schaukelte nur noch träge auf den Wellen.

Er stieß mit Potts zusammen und beide setzten sich auf den Hosenboden.

„Da, da …“ , stammelte Potts kreideweiß.

„Du dämlicher Bastard“, fuhr er ihn an. „Das is' nur 'n verreckter Hund.“

„Echt?“

„Klar, was has'n du geglaubt?“

Potts druckste herum.

„Etwa'n Krepierten? Is' doch viel zu klein. Ney, ney. Da scheißt du dir in die Hose. Hab' schon welche gefunden. Total aufgeduns'n. Das Maul aufgeriss'n. Ich sag dir, die Seelen von denen, die sin' immer noch hier. Geh'n nich' weg. Manche machen auch Geräusche. Roorgs. Aaach“, machte Dorsey und sein Kumpel schlug ihm gegen die Schulter.

„Blöder Scheißer.“

Dorsey lachte sich kaputt, während Potts alles dafür tat, den Gin in seinen Eingeweiden zu behalten.

„Hier, mach's weg.“ Dorsey warf ihm eine Schaufel zu. „Schmeiß es über Bord, soll'n sich annere die Finger dreckig mach'n.“

Er ging zurück und gab wieder Geschwindigkeit auf den Motor der Princess.

Die Schiffsschraube wirbelte Blasen auf, nur um sofort darauf mit einem hässlichen Knacken den Dienst zu versagen. Ein paar Ventile pfiffen so laut, dass die herumfliegenden Möwen in lautes Zetern ausbrachen. Öl spritzte aus reißenden Schläuchen.

Mit der Faust schlug Dorsey auf das Steuerrad. „Was'n nu wieder?“, fluchte er lauthals und stoppte die Maschine.

Sofort war Potts zur Stelle.

„Hast du den scheiß Köter weggemacht?“, blaffte Dorsey.

„Noch nich'. Was 'n los?“

„Wir ham' was mit der Schraube aufgegabelt.“

Beide beugten sich über die Heckreling und sahen aufs Wasser. Dann starrten sie sich gegenseitig an. Sie mussten schlucken, bis Potts nach der Flasche Gin griff, einen tiefen Schluck nahm und sie dann an Dorsey weiterreichte, der sie ohne abzusetzen leer trank, sich dann über den Mund wischte und aufs Wasser zeigte. „Das da, das is'n Krepierter. Los, hol die Haken.“

„Den will'se doch wohl nich' an Bord holen?“ Potts spürte, wie ihm der Gin brennend wieder die Speiseröhre hinaufkletterte. Er schaffte es gerade noch an die Reling. Dann übergab er sich.

„Hör auf mit'm Quatsch. Komm und hilf mir.“

„Lass 'n im Wasser.“

„Geht nich'. Hängt inner Schraube fest. Und … hey. Vielleicht hat sie was dabei. Außerdem is' es unsere Menschenpflicht.“

„Häh?“

„Nächstenliebe oder wie die Scheiße heißt. Und jetz' wisch dir's Maul ab und hol die scheiß Stangen.“

Potts stapfte davon, während Dorsey auf den schwimmenden Leichnam starrte, der ihm nur seine Rückseite zeigte. Langes schwarzes Haar. Ein Kleid, das im Wasser trieb wie eine übergroße tote Qualle. Es konnte nur eine Frau sein.

Mit den Hakenstangen unter dem Arm kehrte Potts zu ihm zurück und zusammen begannen sie nach der Toten zu stochern, bis sich die Haken in dem Kleid verfingen. Sie zogen sie an die Bordwand und endlich bekam Dorsey sie mit den Händen zu packen. „Ich hab 'se!“, rief er. „Pack mit an!“

„Was soll ich? Hol's der Teufel! Nein!“ Potts sah ihn erschrocken an.

„Mach schon, du feiger Hosenscheißer! Die Jungs im Salt 'n'Fish werd'n dir ein' ausgeben, wenn du's erzählst. Deine erste Krepierte. Jetzt pack schon mit an. Sie haut mir ab.“

Freie Drinks? Das überzeugte Potts sofort und er griff beherzt zu. Er bekam die Tote am Arm zu fassen. Das Fleisch fühlte sich weich und klamm an.

Sie schafften es, sie zur Hälfte aus dem Wasser zu ziehen, dann hing sie fest. „Ihr verfluchtes Bein“, keuchte Dorsey. „Es hängt inner Schraube fest. Los noch mal. Mit … aller … Kraft.“

Beide stemmten die Füße gegen die Reling und plötzlich gab der Widerstand nach und die beiden Männer stürzten zusammen mit der Leiche auf Deck.

Potts kroch hektisch unter der Toten hervor. Sein Gesicht war vor Ekel verzerrt. Auf der Stelle springend, als hätte er sich die Füße verbrannt, wischte er sich das stinkende Themsewasser aus dem Gesicht. „Die … die Drecksschlampe hat mich angefasst.“ Schon wandelte sich seine Gesichtsfarbe in ein blässliches Grün.

Im Gegensatz zu ihm blieb Dorsey gefasst. Er stand auf, richtete seine speckige Jacke und schob sich die Mütze in den Nacken. Sein Blick hing an der Leiche. Deren Augen waren weit aufgerissen und starrten bleich in den Himmel. „Sieht aus wie 'n toter Fisch. Stinkt auch genauso.“

Ihr Bein war unterhalb des Knies abgerissen. Entweder hing der Rest noch in der Schraube fest oder trieb nun die Themse hinunter Richtung Küste.

Dann durchsuchte er die Tote nach etwas von Wert, fand aber nichts. Auf einmal stutzte er. Etwas hing der Toten aus dem Mund. „Was 'n das?“, murmelte er und fasste mit spitzen Fingern zu. Es war ein Stück Stoff, gelb und mit einem Rosenmuster, sauber zusammengefaltet und mit einer dünnen Schnur verknotet. Neugierig öffnete er es. Darin war eine blonde Haarlocke, ebenso säuberlich zu einer Schleife verknotet.

Er kratzte sich am Kopf, aber auch Nachdenken brachte keine Lösung. Also steckte er das Päckchen ein und brachte wieder Dampf auf den Kessel.

Die Princess steuerte in Richtung der Piers, die flussabwärts von Westminster Bridge lagen. Dorsey bekreuzigte sich.

„Was mach'n wir denn jetz'?“ Potts war beängstigend ruhig geworden.

„Was schon? Wir hol 'n die Copper.“


Südlich von Westminster Bridge Zur Mittagsstunde

Drei Stunden später hatte die Nachricht von der Toten in der Themse die Runde gemacht. Die Polizei hatte Pier 14 abgesperrt, an dessen Ende die Princess vertäut lag. Inzwischen war eine große Menschenmenge zusammengekommen, die neugierig Richtung Fluss starrte. Eine Hansom-Kutsche hatte am Ende der Straße gehalten und ein Mann war ausgestiegen. Er war hochgewachsen, breitschultrig, mit schwarzem Haar, welches er seitlich gescheitelt trug. Die energisch zusammen gepressten Lippen beschattete ein Oberlippenbart. Er sah zum Himmel. Nieselregen flirrte durch die Luft und tauchte die Silhouette Londons in einen trüben Schleier. Den Kragen hochgeschlagen und die Hände tief in den Taschen seines Mantels vergraben bahnte er sich einen Weg durch die Menge, die gaffend die Köpfe in die Höhe reckten oder auf Fässern, Karren und Mauern hockten, um besser sehen zu können.

„Sie können hier nicht durch“, sagte einer der Bobbys, die den Durchgang versperrten. Der Custodian-Helm, der die Nummer seines Reviers auf einer Plakette trug, drückte ihm auf die Augenbrauen. Sein blauer Mantel glänzte vor Nässe.

„Inspector Robert Edwards“, sagte der Mann und fügte bedeutungsschwer hinzu: „Scotland Yard.“ Er zeigte seinen Ausweis.

„Verzeihung, Sir. Ich wusste ja nicht …“

„Schon gut, Constable. Machen Sie weiter.“ Edwards betrat den Pier und ging zum Boot.

An Bord konnte er zwei Beamte ausmachen. Einer von ihnen wandte ihm zwar den Rücken zu, doch seine affektierten Gesten, mit denen er seine Monologe gerne unterstrich, waren unverkennbar: Inspector Kippwell von der L-Division. Auf seinem Kopf thronte ein schwarzer Bowler, der ihm das Aussehen einer Kanonenkugel verlieh.

Edwards konnte diesen blasierten Affen nicht ausstehen, der zwei Jahre lang sein Ausbilder gewesen war. Schon fragte er sich, warum ihn Chief Inspector DeFries überhaupt herbestellt hatte.

„Guten Tag, Gentlemen“, sagte er und zwang sich, freundlich zu bleiben.

Kippwell schien wie vom Donner gerührt. Einen Moment lang suchte er nach Worten, dann zuckten seine Mundwinkel. „Edwards. Was wollen Sie denn hier?“

„Wollte mir mal die Füße vertreten und sehen, was Sie so treiben.“

„Ich brauche Sie nicht. Gehen Sie.“

Edwards grinste herausfordernd. „Ist wirklich zu dumm, was, alter Knabe?“

„Was zum Teufel meinen Sie?“

„Nun, dass die Leute immer sterben, wenn Sie gerade Dienst haben. Wo Sie doch bequem vor dem Ofen sitzen könnten, um ihre Pfeife zu rauchen.“

Kippwell erstarrte. „Gibt es nicht irgendwo eine Prügelei, die Ihre Anwesenheit erfordert?“

„Nein, momentan nicht. Es sei denn, Sie wollen eine mit mir anfangen.“

„Verschwinden Sie. Scotland Yard ist hier überflüssig.“

„Das sieht der Chief Inspector wohl anders.“

„Ich bin der leitende Beamte“, schnappte Kippwell, missgünstig sein Revier bewachend.

„Sie können ihn ja selber fragen, alter Knabe. Er will herkommen. Solange werde ich Ihrem messerscharfen Verstand bei der Arbeit zusehen.“

Kippwell pustete eine Rauchwolke in die Luft und glich dabei einem Drachen, der seinem nächsten Opfer giftigen Odem entgegen spie. Es bereitete Edwards eine diebische Freude zu sehen, wie er seinen ehemaligen Vorgesetzten aus der Fassung brachte. Dann erstarrte er, als er einen Blick auf das Gesicht der Toten erhaschen konnte. Sofort schob er Kippwell beiseite, um neben ihr niederzuknien.

„Kennen Sie die Frau?“, fragte der Sergeant, der bis dahin schweigend daneben gestanden hatte.

„Würde mich nicht wundern, wenn er so eine abgetakelte Schabracke kennen würde.“

„Halten Sie den Mund, Kippwell“, schnaubte Edwards. Für ihn war der Blick in das Gesicht der Toten wie ein Blick in die Vergangenheit. Damals, als er noch als Constable Dienst in Whitechapel getan hatte. Er schloss ihr die Augen. „Das ist Madame Yin.“ Ein seltsames Gefühl der Verbundenheit überkam ihn.

„Und wer soll das sein?“, knurrte Kippwell.

„Sie war eine der wichtigsten Frauen in Lambeth und Whitechapel. Opium, Huren, Glücksspiel. Sie hatte überall ihre Finger drin. Sollten Sie Ihr Klientel nicht etwas besser kennen, Kippwell?“

„Ersparen Sie mir Ihre verfluchte Klugscheißerei und hauen Sie endlich ab. Sie stören mich.“

„Wobei? Beim Rauchen?“

„Jetzt hab ich aber genug von Ihnen. Runter vom Schiff.“

Edwards sah auf Kippwells geballte Fäuste. „Versuchen Sie es doch. Den ersten Schlag gestatte ich Ihnen.“

„Gentlemen, sollten wir uns angesicht der Toten nicht ein wenig beherrschen?“ Die Worte des Sergeant fielen wie Blei auf Deck.

Kippwell nagte an seiner Pfeife wie ein Hund an seinem Knochen.

„Ihr Sergeant hat recht, aber an einem anderen Ort, zu einer anderen Zeit stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung.“ Edwards hatte Mühe sich zu beherrschen. Er sah wieder zu der Toten. „Armes Ding.“

„Armes Ding?“, höhnte Kippwell. „Dass ich nicht lache. Wie sie selbst gerade sagten, war sie ja wohl eine Kriminelle. Dass sie tot ist, bedeutet nur eine weniger, um die wir uns Sorgen machen müssen.“

„So sehen Sie das also? Und was ist mit dem Schwein, das sie umgebracht hat? Der hat der Stadt dann wohl einen Gefallen getan?“

Zwei Kutschen hielten am Pier und zogen die Aufmerksamkeit aller auf sich, ehe der Streit erneut aufflammen konnte.

Doktor Noah Aeglewood, der Polizeiarzt des Yard, und Chief Inspector Hendrik DeFries stiegen aus.

DeFries war wie immer tadellos gekleidet. In den schwarzen Hosen, mit Mantel, Gehrock, Weste und Zylinder schien er eher für die Oper oder den Gentlemen's Club gekleidet als für einen Tatort. Sein langes Gesicht mit der spitzen Nase war, ebenfalls wie immer, ausdruckslos.

Seite an Seite kamen die beiden Männer auf die Princess zu.

Kippwells Miene verriet tiefe Verunsicherung, als sich der Doktor unverzüglich mit der Leiche beschäftigte und ihm nur knapp zunickte. DeFries bedachte ihn mit einem adlergleichen Blick. „Inspector Kippwell. Kann ich Sie einen Moment sprechen? Unter vier Augen.“

„Ja … natürlich, Sir.“

Sie entfernten sich ein Stück, bis DeFries stehenblieb und die Hände hinter dem Rücken verschränkte.

„Ich möchte es kurz machen. Scotland Yard übernimmt von jetzt an die Ermittlungen.“

„Was? Das können Sie doch nicht machen!“ Das mopsige Gesicht lief puterrot an.

„Sie sind in dem einen Monat seit dem letzten Mord nicht ein Stück vorangekommen. Ihre Berichte sind absolut nicht befriedigend und jetzt gibt es ein zweites Opfer mit dem gleichen Stück Stoff im Mund. Aber deswegen entziehe ich Ihnen den Fall nicht.“ Er zog ein Heft aus billigem Papier aus der Manteltasche.

Das Titelbild zeigte einen riesenhaften Schatten, der über einer jungen Frau stand, die er mit langen Krallenhänden erwürgte. „Der Würger im Schatten von P.D. Wolkins“, las DeFries die Überschrift.

Kippwell blinzelte überrascht. „Woher haben Sie das?“

„Diesen Schund kann man bei jedem Zeitungshändler kaufen.“

„Damit habe ich nichts zu tun.“

„Ach nein? Und woher weiß der Kerl dann so viel über diesen Fall? Die Strangulation? Das Stück Stoff, die Haarlocke? Verdammt noch mal. Sie sind der leitende Beamte. Sollte ich nachweisen können, dass Sie Informationen an diesen Schmierfinken weitergegeben haben, sind Sie die längste Zeit Ihres Lebens Polizist gewesen. Haben Sie mich verstanden, Inspector?“

Kippwells Halsmuskeln zuckten, während er nach einer Antwort suchte und doch nur ein klägliches „Ja, Sir“ zustande brachte.

„Gut. Sie werden die Akten zum Mord an Estelle Wiggins unverzüglich zum Yard bringen lassen. Inspector Edwards wird von nun an übernehmen.“

„Ja, Sir.“ Kippwell knirschte mit den Zähnen.

„Sie können jetzt gehen.“

Ohne ein Wort wirbelte der Inspector herum und rauschte davon. Sein Sergeant folgte ihm und hatte Mühe, mit ihm Schritt zu halten.

Edwards sah den beiden hinterher. Als sein Vorgesetzter neben ihn trat, sagte er: „Kippwell sah nicht gerade glücklich aus.“

„Dazu hat er auch keinen Grund. Sie übernehmen jetzt seinen Fall. Wollen wir?“

„Sicher, Sir.“

Die beiden Watermen, Dorsey und Potts, standen da wie Salzsäulen und hatten sich die ganze Zeit über nicht gerührt. Dabei machten sie Gesichter, als wären sie die unschuldigsten Burschen in ganz London.

„Dann erzählen Sie mal“, begann Edwards, „was ist passiert?“

Dorsey machte den Mund auf und spie ihm seinen Gin-Atem entgegen. „Wir schippert 'n da so in der Midde der Themse, da fand der Potts so was, was im Wasser rumschwamm.“

„War aber nur 'n toter Köter. Hab ihn noch da, wenn'se 'n sehen woll'n.“

„Der Herr Inspector interessiert sich 'n Scheiß für dein' Drecksköter, Potts.“

„Schon gut, schon gut“, schlichtete Edwards. „Was passierte dann?“

„Die Schiffsschraube hing fest. Da ham wa 'se dann geseh'n. Tot wie meine alte Mutta. Wir ham 'se dann rausgefischt.“

„Und das Bein?“

„Hat sich wohl der Fluss geholt. Der Fluss holt sich imma sein' Anteil.“

„Wo haben sie die Tote gefunden?“

Dorsey drehte sich, um den Fluss hinauf zu zeigen. „War'n nich' weit weg, vom Parle … Perliamee …“

„House of Parliament?“, fragte DeFries.

„Ja, genau. Da schwamm sie einfach so rum. Fast inner Midde. Da zerrt die Strömung an dir, wie ne Nutte im Salt'n'Fish.“

Edwards verkniff sich ein Grinsen, während DeFries den Waterman mit strengem Blick maßregelte.

„Du bis' doch verheiratet, Dors“, flüsterte Potts.

„Halt die Schnauze“, raunzte Dorsey seinem Partner zu.

„Ich werde Ihrer Frau nichts sagen“, versprach Edwards. „Hatte sie etwas bei sich?“

„Ja, hab' ich doch schon erzählt. Das hier.“ Dorsey gab ihm das gelbe Stück Stoff mit der Haarlocke. DeFries nickte. „Wie bei Estelle Wiggins.“

„Das hat 'se zwisch'n den Zähnen gehabt“, erklärte Dorsey.

„Noch was?“

„Nein, nix.“ Die Antwort kam Edwards zu schnell. „Gentlemen, Sie wollen doch keinen Ärger mit uns, oder?“

Widerwillig griff Dorsey ein weiteres Mal in seine vor Schmutz starrende Jacke und hielt einen Haarkamm aus Schildpatt in der schwieligen Hand, der in der Mitte durchgebrochen war.

„Wo ist die andere Hälfte?“

„War nich' da.“

Edwards hob eine Augenbraue.

„Nein, ehrlich. Die hadde nich' mal Schmuck. Das da war alles. Hätt's fast überseh'n.“

„Na schön.“

Edwards betrachtete den Kamm. Er hatte die Form eines Schmetterlings, der in den Farben des Regenbogens schimmerte. Ein paar chinesische Schriftzeichen aus irgendeinem weißen Material waren in den Kamm eingelegt. Dem Schmetterling war ein Flügel abgebrochen. Ein paar Zacken fehlten. Er steckte ihn ein und widmete sich dann der Haarlocke und dem Stück Stoff. „Die Haarsträhne ist ordentlich verknotet. Sehr weicher Stoff. Rosenmuster.“

War das vielleicht Seide? Er konnte nur raten. Er hatte noch nie Seide in der Hand gehalten. Dann hielt er es sich an die Nase und atmete tief ein. Es stank fürchterlich nach Themsewasser, der Kloake Londons, und er roch den fauligen Gestank des Todes, der jeder Leiche anhaftete. Hinzu kamen die Ausdünstungen eines ungewaschenen Körpers und einer noch seltener gewaschenen Hose. Aber da war noch etwas anders? Ein Hauch Jasmin.

„So wie das hier verschnürt ist, hat sich der Mörder große Mühe gegeben. Die Schleife um die Haarlocke ist perfekt gebunden. Das hat er geplant. Sicher hat er seine Opfer vorher beobachtet.“

Edwards offen ausgesprochener Gedankengang wurde jäh unterbrochen, als Aeglewood von einem heftigen Niesanfall heimgesucht wurde.

„Entschuldigung. Jedes Jahr das Gleiche“, schniefte er, „dieser verdammte Herbst bringt mich eines Tages noch um.“

Edwards grinste. „Du klingst furchtbar, Noah. Vielleicht solltest du mal zu einem richtigen Arzt gehen.“

„Ich bin ein richtiger Arzt“, erwiderte Aeglewood verschnupft. „Ich kann auch den Coroner kommen lassen, wenn dir der lieber ist.“

„Nein, nein“, beschwichtigte Edwards. „Der sagt uns nur, dass sie tot ist, und das kann ich selbst sehen.“

Aeglewood schnäuzte sich ein weiteres Mal und zupfte am Revers seines Jacketts, ehe er sich neben dem Kopf der Toten niederkniete.

„Gentlemen. Sie ist erwürgt worden. Hier, diese Male auf dem Kehlkopf sind eindeutig. Dafür kommt nur ein dünner Strick in Frage. Er hat vermutlich ein dünnes Holz benutzt, das er in ihrem Nacken in eine Schlaufe gesteckt hat, um den Strick dann langsam enger zu drehen. Durch den Hebel braucht man nicht viel Kraft. Irgendwann hat es ihr den Kehlkopf zerquetscht.

„Starb sie schnell?“, wollte Edwards wissen.

„Das lässt sich schwer sagen. Ich weiß nur, dass sie sich sehr gewehrt hat. Sehen Sie hier. Die Quetschungen am Handgelenk, die Schnitte und Blutergüsse. Das kommt von eisernen Handschellen. Offensichtlich sehr scharfkantig. Außerdem wurde ihr die Nase gebrochen. Vermutlich durch einen einzigen Schlag ins Gesicht. Ich werde sie mir aber noch genauer ansehen. Vielleicht finde ich noch etwas anderes, was für Sie von Interesse sein könnte.“

DeFries blieb sachlich. „Wir wären schon einen Schritt weiter, wenn wir wüssten, wer die Frau ist.“

„Das ist Madame Yin“, erklärte Edwards, ohne den Blick von der Toten zu nehmen.

„Als ich bei der H-Division anfing, arbeitete sie noch als einfache Straßendirne. Es gab damals ziemlich oft Ärger mit Freiern, die handgreiflich wurden, dabei sind wir uns ein paar Mal begegnet. Dann hat sie sich hochgearbeitet. Ein paar Jahre später führte sie bereits ein Bordell in Lambeth. Als ich dann zu Kippwell kam, habe ich sie aus den Augen verloren … aber ich habe noch gelegentlich von ihr gehört. Es schien gut für sie zu laufen.“

„Eine junge Frau aus gutem Hause und eine Bordellbesitzerin. Beide auf die gleiche Weise getötet. Wie passt das zusammen?“, hörte er DeFries fragen.

„Um das zu beantworten, müsste ich mehr über das erste Opfer wissen.“ Edwards hatte vom ersten Mord nur am Rande erfahren.

„Ich habe Kippwell befohlen, Ihnen alles zu diesem Fall zukommen zu lassen.“

„Hmm“, machte Edwards bloß, während er noch einmal zur Leiche sah, die inzwischen von zwei Helfern von Deck getragen wurde. Ein weißes Leinentuch lag über ihr.

Doktor Aeglewood tippte sich an den Rand seines Hutes. „Gentlemen. Wenn es Neuigkeiten gibt, lasse ich es Sie wissen.“

„Ich denke, wir sind hier fertig“, sagte DeFries. „Wir kommen mit Ihnen.“

Einer der Watermen räusperte sich und klang dabei wie eine Katze, die ein Fellknäuel hochwürgte.

„T'schuldig'n Sie die Störung, Sörs, aber ich hätt' da mal 'ne Frage.“

„Ja, guter Mann?“, sagte DeFries.

„Sör, ahem. Wir hab'n jetzt ziemlich lang gewartet und konnten nich' arbeiten. Gibt's vielleicht so was wie 'n … Finderlohn? Versteh'n Se? Wir woll'n nich' gierig sein, aber wir kommen sons' nich' rum.“

„Ich verstehe schon. Aber nein, wir zahlen Zeugen nichts, wenn sie uns zu einem Tatort rufen. Tut mir leid.“

„Und was is' mit dem Schaden am Schiff? Der Motor hat was abgekriegt und die Schraube is' sicher auch hin. Wie soll'n wir denn den Kram bezahl'n, den wir brauch'n?“

„So gerne ich Ihnen helfen würde, aber Sie hatten Pech und Scotland Yard übernimmt nicht die Haftung für entstandene Schäden, noch für ihren entgangenen Lohn.“

„Zum Teufel“, kam es Dorsey in ehrlicher Wut über die Lippen, was ihm sofort leidtat. „Tschuldigung“, beeilte er sich zu sagen. „Is' nur so, dass wir dann heute Abend nix zu beißen ham. Und wenn die Princess nich' fahren kann, verdien' wir auch nix. Ich hab vier Mäuler zu stopfen.“

Für DeFries war das Gespräch beendet. Er nickte knapp und schloss sich Aeglewood an.

Edwards hingegen nahm drei Schillinge aus seiner Geldbörse und steckte sie den Männern zu.

„Wenn ihr noch was habt, was ich wissen müsste, fragt bei Scotland Yard nach Robert Edwards. Verstanden?“

„Ja, Sör. Vielen Dank. Sie sin' ehrvoller Kerl, ja wirklich, dass sin' Se .“

„Euch noch einen guten Tag.“

Als Edwards zu DeFries in die Kutsche stieg, erwartete der ihn mit einem väterlich tadelnden Blick, den er bereits zur Genüge kannte.

„Zurück zum Yard“, sagte DeFries und klopfte an die Decke der Hansom-Kutsche.

Der Fahrer schnalzte mit der Zunge. Das Pferd schnaubte und sie fuhren los.

„Sie sollten nicht so freigiebig sein, Robert. Wenn Sie auf jede traurige Geschichte reinfallen, sind Sie bald arm wie eine Kirchenmaus.“

„Ja, ja, ich weiß.“ DeFries konnte ihn nicht verstehen. Er musste das tun. Er hatte Glück gehabt. Vom Gossenkind zum Polizisten. Er musste nicht hungern und auf der Straße schlafen musste er auch nicht mehr. Es lief gut für ihn. Zu gut? Wie schnell konnte er wieder in der Gosse landen? Ein einziger Fehler genügte. Ein falsches Wort an der falschen Stelle. Menschen wie Dorsey und Potts erinnerten ihn daran, dass es schneller bergab als bergauf ging. Nachdenklich strich er sich über seinen Schnurrbart.

„Woran denken Sie, Robert?“

Edwards zuckte zusammen, als hätte DeFries ihn mit einer Nadel gestochen. „An nichts wirklich Bestimmtes.“

„Sie sind ein schlechter Lügner, Robert. Ich sehe immer, wenn Sie etwas beschäftigt. Sie tragen Ihre Stärken und Schwächen offen mit sich herum. Eine erfrischende Eigenschaft, aber … riskant. Besonders in unserem Beruf. Es macht Sie angreifbar. Seien Sie also auf der Hut.“

„Ich werd's nicht vergessen.“

DeFries sah ihn schräg an. „Sie vergessen meine Ermahnungen doch ständig.“

Edwards schwieg.

Eine halbe Stunde später erreichte ihre Kutsche Whitehall Place Nr. 4.

Sie fuhren durch ein Tor, das sie in einen Innenhof brachte. Dort lag der Eingang zum Gebäude von Scotland Yard. Die Mauern bestanden aus rotem Backstein. Auf den Fensterscheiben spiegelten sich die vorbeiziehenden Wolken und die beiden Straßenlaternen, die den kurzen Weg zum Eingang flankierten. Auf dem Platz, vor dem Gebäude, stand eine Black Maria. Vor der schweren Gefangenenkutsche waren zwei schwarze Friesen angespannt, die unruhig mit den Hufen scharrten. Ein paar Bobbys unterhielten sich mit dem Kutscher und rauchten.

Die Hansom hielt vor dem Eingang. Edwards und DeFries stiegen aus und verabschiedeten sich voneinander. Edwards ging in sein Büro. Dort machte er sich einen Tee, schrieb Notizen zu Madame Yin, betrachtete mehrfach den Kamm aus Schildpatt, die Haarlocke, das Stück Stoff mit dem Rosenmuster und wartete während dieser Zeit auf Kippwells Akten.

Er wartete geduldig bis in den späten Nachmittag hinein. Dann allerdings platzte ihm der Kragen.


Southampton Am Nachmittag

Die M. S. Cumberland hatte vor einer Stunde im Hafen von Southampton angelegt. Tiefgraue Wolken zogen über sie in Richtung Küste hinweg. Ein kühler Wind ließ den Union Jack flattern, der an einem Fahnenmast über der Hafenanlage hing. Die Luft roch nass und salzig nach den Wellen, die gluckernd in den Hafen rollten. Eine Dame im Pelzmantel befand näselnd, dass es für die Jahreszeit zu kühl und zu nass war. Neben ihr hatten sich nur wenige Passagiere an Deck eingefunden, um den Wartenden am Pier zuzuwinken.

Celeste und Dorothea gehörten zu diesen wenigen. Sie standen nebeneinander an der Reling und sahen zu, wie die Hafenarbeiter johlend und fluchend die Aufgänge an der Cumberland befestigten.

„Werden uns deine Eltern abholen kommen?“, fragte Celeste.

„Vater wird sicher keine Zeit haben und Mutter ist zu krank. Er wird einen Diener schicken, wie üblich.“

„Bist du denn gar nicht froh, nach Hause zu kommen? Du warst die ganze Überfahrt so still.“

Dorothea schüttelte den Kopf, sodass ihr die blonden Locken ins Gesicht fielen. „Ich wäre lieber bei Tante Anette geblieben. Bei ihr habe ich mich wohlgefühlt.“ Sie sah hilfesuchend zu Celeste, die sich des Gefühls nicht erwehren konnte, dass das Mädchen etwas sagen wollte, es aber nicht herausbrachte.

Plötzlich nahm Dorothea ihre Hand und drückte sie. „Ich bin Ihnen sehr dankbar, dass Sie bei mir sind.“

Celeste antwortete nicht, stattdessen legte sie ihre andere Hand über die des Mädchens.

Das Nebelhorn der Cumberland erschallte und mit einem Mal schien es, als hätten die Kabinen, Salons, Restaurants, Cafés und Aufenthaltsräume ihre Besucher auf einen Schlag freigegeben. Die Luft vibrierte vom Klappern unzähliger Schuhe auf den polierten Decks, vom Lärm hunderter Stimmen, die mal laut, mal leise durcheinander plapperten. Das gestochene Oxford-Englisch mischte sich mit dem geschwungenen Akzent aus Cornwall und dem gerollten „R“ eines Schotten aus Glasgow. Dazwischen hörte man Fetzen von Italienisch und Französisch. Ein Paar sprach sogar Deutsch.

Noch war etwas Zeit und Celeste nutzte den Augenblick, um Dorotheas Gesicht zu studieren. Ihre Haut war blass und wirkte kränklich. Die dunklen Ringe unter ihren Augen verrieten den Mangel an Schlaf. Seit sie New York verlassen hatten, litt Dorothea unter Albträumen. Nacht für Nacht war Celeste zu ihr geschlichen, hatte ihr über das Haar gestrichen und ihre Hand gehalten, bis die Dämonen der Nacht wieder ins Dunkel zurückgekrochen waren.

„Ich will nicht zurück nach London. Ich hasse diese Stadt. Warum kann Vater mich nicht in Frieden lassen?“

Celeste verstärkte den Druck auf Dorotheas Hand. „Ich nehme an, deine Eltern haben Sehnsucht nach dir.“

„Sie kennen Vater nicht. Er ist kein Mensch, der Sehnsucht nach etwas … oder jemandem hat. Wenn er etwas tut, gibt es dafür immer einen guten Grund.“

„Und was ist mit deiner Mutter?“

Bei der Erwähnung ihrer Mutter schwand die Härte aus Dorotheas Augen. „Oh doch. Sie freut sich ganz bestimmt. Und … ich mich auch auf sie. Aber es geht ihr nicht gut. Sie leidet sehr und es tut mir weh, sie so zu sehen.“

Celeste wollte nicht fragen, was ihr fehlte. Sie fand, das ging sie nichts an, aber Dorothea erzählte es von sich aus. „Sie leidet seit Jahren an einer Schwäche der Muskeln, die von Jahr zu Jahr schlimmer wird. Früher konnte sie noch ohne Hilfe gehen. Aber zuletzt ging es nicht mal mehr ohne einen Stock.“

„Gibt es denn keine Aussicht auf Heilung?“

„Nein, bis jetzt nicht. Vater hat schon jeden Spezialisten aus England und sogar aus Frankreich konsultiert. Keiner konnte etwas für sie tun.“ Sie schwiegen beide.

Celeste bemerkte, wie sehr es dem Mädchen zusetzte, über die Mutter zu reden, und sie befand, dass es an der Zeit war, das Schiff zu verlassen. „Komm, Dorothea“, sagte sie mit einer Fröhlichkeit, die nur ein Stück weit gespielt war. „Gehen wir von Bord. Ich kann es kaum erwarten, endlich wieder festen Boden unter den Füßen zu spüren.“ Lachend zog sie Dorothea hinter sich her, die sich von ihrer fröhlichen Unbekümmertheit anstecken ließ. Sie liefen die Gänge entlang, hielten ihre Hüte fest, an denen der Wind zerrte, jauchzten und kicherten und ernteten dafür strafende Blicke von älteren Paaren, die ihr Verhalten mit einem „Unerhört!“ oder „Was für ein Benehmen“, kommentierten.

Celeste und Dorothea liefen die Treppe hinunter, bemüht, nicht über ihre eigenen Röcke zu stolpern, die mit jedem Schritt von einer Seite zur anderen schwangen.

So erreichten sie die Laufgänge, die inzwischen festgebunden waren. Es gab derer sechs. Zwei waren für die dritte, zwei für die zweite und zwei für die erste Klasse reserviert.

„Bitte … bitte … anhalten. Ich … kann … kaum noch atmen“, keuchte Dorothea lachend und mit vor Freude geröteten Wangen.

Celeste hielt Dorothea bei den Händen, strahlte mit ihr um die Wette und ignorierte dabei die Blicke der Schiffsoffiziere, die wie Zinnsoldaten dastanden und die Passagiere mit eingemeißeltem Lächeln verabschiedeten.

An Land wurden die beiden Frauen bereits von zwei Bediensteten erwartet.

„Miss Dorothea“, sagte der ältere der beiden, der so aussah, als würde er schon seit Ewigkeiten als Butler im Dienste der Familie Ellingsford stehen. „Seine Lordschaft wird entzückt sein, Sie wieder im Kreis der Familie begrüßen zu dürfen. Ich hoffe, Sie hatten eine angenehme Heimreise?“

„Haben Sie vielen Dank, Mr. Peacock. Ich … mein Vater hatte wohl keine Zeit, mich persönlich zu begrüßen?“

Der Butler legte die faltigen Hände ineinander. „Seine Lordschaft bedauert es zutiefst, sich entschuldigen zu müssen, aber dringende Termine haben sein Kommen unmöglich gemacht.“

Dorothea nickte schwach und Celeste gewann den Eindruck, dass das Mädchen nicht einmal enttäuscht war.

Dann wandte der Butler seine Aufmerksamkeit ihr zu. „Sie müssen Miss Summersteen sein.“

Sie nickte und er deutete eine Verbeugung an. „Willkommen in England. Ich war so frei und habe die Karten für die Weiterfahrt bereits besorgt. Der Zug geht in einer Stunde. Gestatten Sie mir vorzuschlagen, dass wir aufbrechen? Andrew wird mit dem Gepäck nachfolgen.“ Der zweite Diener nickte und trottete in Richtung Schiff.

Mr. Peacock zeigte auf die wartende Kutsche. „Ich kann mir vorstellen, dass die Damen von der Reise erschöpft sind. Ich habe mir erlaubt, eine kleine Erfrischung zuzubereiten, die in Ihrem Abteil auf Sie wartet.“ Während er sprach, hatte er ihnen die Tür geöffnet und half ihnen beim Einsteigen.

„Sie sind wirklich eine gute Seele, mein lieber Peacock“, sagte Dorothea höflich. „Wie geht es meiner Mutter?“

„Ausgezeichnet, Miss Dorothea. Mit der Gewissheit, Sie wiederzusehen, ging es ihr von Tag zu Tag besser.“

Kurz darauf setzte sich die Kutsche mit einem Ruck in Bewegung und sie folgten der Hauptstraße, die sie aus dem Hafengebiet von Southampton zur Central Station bringen würde. Von dort aus ging ihr Zug nach London.

Neugierig blickte Celeste nach draußen. Das dreckige Grau der Hafengebäude, wo Ziegel nur noch wackelig im Mauerwerk steckten und Grasbüschel aus den Regenrinnen wucherten, verschmolz mit dem Wolkeneinerlei über der Stadt zu einem wenig einladenden Bild.

Die Schornsteine der nahen Fischereibetriebe stießen öligen Ruß in den Himmel. Der Geruch legte sich auf die Lunge und mischte sich mit dem Gestank fauliger Fischabfälle, die sich vor den Fabriken auftürmten. Für die kreischenden Möwen, die sich um die besten Stücke balgten, war es ein reich gedeckter Tisch. Angewidert zog Celeste die Nase kraus. Ihr erster Eindruck von England war nicht der Beste.

„In London riecht es auch nicht besser.“ Dorotheas Stimme schreckte sie auf.

„Wirklich? Das kann ich kaum glauben.“

„Wenn der Wind ungünstig steht, riecht man die Schlachtereien, in Surrey, wenn sie ihre Abfälle verbrennen, oder die Themse verpestet die Luft. Das Wasser ist so schmutzig. Wenn man es trinkt, wird man krank. Im Winter ist es in London besonders schlimm, dann zieht der Rauch aus den Schornsteinen nicht ab und sammelt sich in den Straßen. Der Nebel ist dann so dicht, dass Sie kaum die Hand vor Augen sehen können.“ Celeste machte ein ungläubiges Gesicht und Dorothea lächelte milde. „Warten Sie es nur ab. Sie werden es ja bald selbst erleben.“


Polizeistation der L-Division Kennington Lane

Kippwell hatte ihn versetzt. Wie Edwards ihn einschätzte, aus purer Boshaftigkeit. Jetzt war er stinksauer. Wie ein gereizter Stier platzte er in die Polizeistation an der Kennington Lane. Der wachhabende Sergeant hinter dem Tresen riss die Augen auf und hatte schon den Knüppel in der Hand und die Trillerpfeife im Mund, als er den Mann erkannte, der da auf so unzivilisierte Weise durch die Tür gepoltert kam. „Rob! Du verfluchter Hundesohn. Du hast mir einen verdammten Schrecken eingejagt!“ Dann lachte er prustend, wobei feine Speicheltropfen auf den Tresen regneten.

Edwards ergriff die Hand des Sergeant, um sie zu schütteln. „Waldo. Wolltest mir wohl eins überziehen, was?“

„Ach, der ist nur für Leute, die nicht wissen wie man einen Türknauf benutzt. Schön, dass du dich mal wieder blicken lässt. Scotland Yard hält dich wohl ganz schön auf Trab? Hast gar keine Zeit mehr für deine alten Kameraden.“

„Ja, tut mir auch leid. Hab' immer was zu tun.“

„Brauchst dich nicht zu entschuldigen. Willst du 'ne Tasse Tee, oder Scones? Heather hat mir welche mitgegeben. Und ein Töpfchen Honig …“

Edwards leckte sich die Lippen. „Hmm. Ich liebe ihre Scones.“

Waldo zwinkerte und machte ein Gesicht, als könne er kein Wässerchen trüben. „Sind genug da. Kannst gerne mitessen.“

„Verdammt. Ich würde zu gerne, aber ich kann nicht, ich hab's eilig. Ich bin dienstlich hier.“

„Ist wegen Madame Yin, hmm?“

„Ja, woher weißt du das?“

„Sergeant Dyers hat's mir erzählt. Hat wohl ziemlich Ärger gegeben?“

„Ich brauche die verdammten Akten zu Estelle Wiggins. Und Kippwell sollte sie mir bringen. Was denkt der sich eigentlich? Zwei Frauen sind umgebracht worden.“ Schon war seine schlechte Laune zurück. „Wenn er mich ärgern wollte, dann hat er das geschafft. Ich hätte nicht übel Lust ihm eins in seine dumme Visage zu geben. Wo steckt der Kerl?“

„Keine Ahnung. Der Sergeant kam allein zurück.“

„Mmh. Na gut. Und wo steckt der?“

„Oben, in deinem alten Büro. Du weißt ja, wo's lang geht.“

„Ja, hab's nicht vergessen.“

Edwards trat durch eine Doppeltür und folgte einem mit schwarzen und weißen Fliesen ausgelegten Flur. Links und rechts gab es mehrere Türen und am Ende eine Treppe, die in den Keller und in den nächsten Stock führte. Unterwegs begegnete er einigen Beamten, die er noch von früher her kannte, aber auch einigen unbekannten Gesichtern. Ein schneller Gruß, ein freundliches Wort, dann war er auch schon weiter. Im ersten Stock angekommen riss er die Tür zu seinem alten Büro auf und jagte Dyers einen furchtbaren Schrecken ein. Der saß auf dem Boden. Um sich herum lagen Unterlagen verstreut, aufgeschlagene Aktenmappen und auf einem Stuhl stand ein geschlossener Pappkarton.

Edwards blieb in der Tür stehen. „Die Akten im Fall Wiggins? Wo sind die?“

„In … Inspector Edwards“, stammelte Dyers und sprang auf. „Ähm. Hier … Sir.“ Er zeigte auf das Chaos um sich herum.

„Ich warte die ganze Zeit darauf. Verflucht nochmal!“

„Es … es tut mir sehr leid, Sir, aber Inspector Kippwell ist ohne ein Wort zu sagen davon. Ich wusste nicht …“

„Das sieht ihm ähnlich.“ Edwards zeigte auf die Akten. „Sammeln Sie alles ein. Ich nehm es jetzt mit. Beeilen Sie sich.“

Während Dyers die losen Blätter aufraffte, lehnte Edwards am Türrahmen, verschränkte die Arme und beruhigte sich wieder. Schließlich war Dyers nicht Kippwell, und der Sergeant hatte seine üble Laune nicht verdient.

„Was haben Sie da gemacht?“, fragte er freundlicher und bückte sich, um eines der Papiere vom Boden aufzuheben.

Dyers zupfte seine Weste glatt. „Ich wollte vorbereitet sein.“

„Vorbereitet? Auf was? Man hat der L-Division den Fall weggenommen.“

„Das weiß ich, Sir. Es ist nur …“ Er zögerte.

„Nur Mut.“

„Ich habe das Mädchen gesehen. Estelle Wiggins, meine ich. Ich will diesen Dreckskerl schnappen.“

„Tut mir leid, wie's jetzt gekommen ist. Bedanken Sie sich bei Ihrem Vorgesetzten. Er muss sicher irgendeinen Unsinn gemacht haben, sonst hätte er den Fall noch.“

„Sir. Ich möchte zu Ihnen versetzt werden. Ich kann Ihnen helfen.“

Edwards hob überrascht eine Augenbraue. „So einfach ist das nicht. Wie stellen Sie sich das vor?“

„Vielleicht könnten Sie ein gutes Wort für mich einlegen, Sir?“

„Ich versteh' Sie ja. Aber ich fürchte, Sie überschätzen meine Möglichkeiten. Außerdem arbeite ich alleine.“

„Bitte, Sir. Nur dieses eine Mal.“

„Kippwell würde Ihnen den Kopf abreißen, Sergeant.“

„Das kann auch nicht schlimmer sein, als es jetzt ist.“

„Ich weiß, was Sie meinen. Kippwell ist ein Holzkopf. Trotzdem können Sie nicht so mir nichts, dir nichts ins Yard wechseln.“

„Hier bin ich nicht mehr als ein Handlanger. Ich weiß, ich kann mehr leisten. Ich will es beweisen.“

Das war Edwards nicht unbekannt. Kippwell hatte die Angewohnheit, seine Untergebenen wie Lakaien zu behandeln und sie nicht mehr wissen zu lassen, als er für richtig hielt. „Ich war vor einigen Jahren in der gleichen Lage wie Sie. Glauben Sie mir, wenn ich Ihnen sage, dass ich Sie gut verstehen kann.“

Dyers sagte nichts, aber sein Blick sprach Bände.

Edwards seufzte. „Also schön. Ich werde mit Chief Inspector DeFries sprechen. Aber ich kann Ihnen nichts versprechen. Doch eins will ich Ihnen sagen: Wenn Sie sich bei mir lieb Kind machen wollen, um für Kippwell zu spionieren, dann Gnade Ihnen Gott.“

„Sicher nicht, Sir. Danke, Sir.“ Dyers strahlte, als hätte er gerade in der Lotterie gewonnen.

„Danken Sie mir nicht zu früh.“

Edwards Blick fiel auf die Pappschachtel und er trat näher heran, um den Deckel anzuheben.

„Die Habseligkeiten der Toten“, erklärte Dyers. „Sie hatte nicht viel bei sich.“

In diesen Schachteln lagen die Dinge, die einen Menschen vom Leben in den Tod begleitet hatten. Diese Habseligkeiten machten die Person aus, verrieten manchmal, wen sie geliebt hatte, was sie mochte und was sie getan hatte, kurz vor dem Tod.

Edwards Herz schlug heftiger, als er den Deckel anhob und in die Schachtel blickte.

Er nahm ein Medaillon heraus, klappte es auf und betrachtete es nachdenklich. Es war aus Gold.

Die Fotografie darin war vom Themsewasser zerstört worden, dennoch konnte er noch die Umrisse zweier Personen erkennen.

„Die Eltern“, sagte Dyers tonlos.

„War Estelle das einzige Kind?“

„Ja. Sie hatten noch einen Sohn, aber der ist schon seit zehn Jahren tot.“

Edwards legte das Medaillon beiseite. In der Schachtel fand er noch eine Halskette aus Perlen und einen Ring, in den ein Granat eingefasst war. Sie halfen ihm nicht weiter und verrieten ihm nur, dass der Mörder kein Interesse an wertvollen Gegenständen gehabt hatte. Zuletzt nahm er das gelbe Stück Stoff und die Haarlocke an sich. „Wie bei Madame Yin. Finden wir den Zusammenhang, haben wir eine verdammt gute Spur.“

Edwards kniff die Lippen zusammen. „Der gleichfarbige Stoff, die Haarlocke, der langsame Tod durch Strangulation. Ich müsste mich sehr täuschen, wenn das ein Zufall ist. Ich denke, ich werde noch einmal mit den Eltern sprechen.“

„Das wird nicht ganz einfach sein, Sir.“

„Wieso nicht?“

„Die Mutter ist zur Kur nach Brighton und ihr Vater ist kurz nach dem Begräbnis nach Indien gereist.“

„So plötzlich? Und wieso ausgerechnet Indien?“

„Er besitzt dort einige große Teeplantagen. Haben Sie noch nie von J. W. Teas gehört?“

„Doch, doch. Schon. Aber wieso lässt er seine Frau alleine zurück?“ Auf Edwards Gesicht zeigte sich Unverständnis.

„Es ging ihr nicht besonders gut. Die Nerven.“

„Ein Grund mehr, bei ihr zu bleiben. Nur Feiglinge fliehen“, zitierte er einen alten Spruch aus seiner Militärzeit, während er die Sachen in die Schachtel zurücklegte.

Dyers reichte ihm eine Fotografie in einem Rahmen. Es zeigte eine junge Frau mit Blumen im Haar, einem fröhlichen Lächeln auf den Lippen und einem Kanarienvogel, der auf ihrem ausgestreckten Zeigefinger saß. „Ihre Mutter hat es mir gegeben. Mir … und nicht Inspector Kippwell. Das verstehe ich nicht.“

Edwards schwieg.

„Sie war sehr schön, nicht wahr, Sir?“

„Ja, das war sie.“

„Und jetzt ist sie tot“, murmelte Dyers.

„Ich denke ich weiß, warum die Mutter Ihnen die Fotografie gegeben hat.“

„Tatsächlich, Sir?“

„Sie hat Ihren Blick gesehen. Ihr Mitgefühl gespürt. Kippwell hat das nicht, hat er nie gehabt. Die arme Frau gab Ihnen das Kostbarste, was sie noch von ihrer Tochter hatte. Eine Erinnerung.“

„Wenn Sie das so sehen, Sir.“

„Ich muss jetzt gehen“, sagte Edwards abrupt. „Sie hören von mir, Sergeant.“

Eine Viertelstunde später hatte Edwards eine Droschke gefunden und befand sich auf dem Rückweg nach Scotland Yard. Sein abwesender Blick ruhte auf der träge dahinfließenden Themse, als die Kutsche Vauxhall Bridge überquerte. Vereinzelte Dampfboote stampften durch die Fluten. Der Nieselregen war in Regen übergegangen und die Fassaden der Häuser spiegelten sich in den Pfützen auf dem Kopfsteinpflaster.

Während der Fahrt hatte er Estelle Wiggins' Bild in die Hand genommen und betrachtete es. „Ich finde diesen Wahnsinnigen“, sagte er leise zu sich selbst.


London Paddington Station Acht Uhr abends

Celeste glaubte, nur kurz die Augen geschlossen zu haben, als sie jemand an der Schulter berührte und sanft weckte. Sie blinzelte verschlafen und konnte spüren, wie der Zug seine Fahrt verlangsamte. Bremsen quietschten, begleitet vom Pfeifen der Lokomotive. Schwarzer Kohlenrauch wirbelte am Fenster vorbei und Dampf umwallte die Wartenden am Bahnsteig.

Auf den Bahnsteigen brannten Laternen. Die Uhr über einem der Wartesäle schlug acht Mal zur Abendstunde.

„Habe … habe ich lange geschlafen?“, fragte Celeste verwirrt.

„Ja, die gesamte Fahrt über.“ Dorothea beugte sich vor.

„Sechs Stunden? Es kommt mir wie sechs Minuten vor.“

Dorothea versuchte zu lächeln. „In nicht einmal einer halben Stunde bin ich zu Hause.“

Kurz darauf verließ sie in einer Kutsche Paddington Station. Sie fuhren am Hyde Park entlang in Richtung Park Lane.

Die Luft war mild und roch auch ein wenig fruchtig dank der Obsthändler, die mit ihren Karren und Bauchläden voller Äpfel und Birnen durch die Straßen zogen. Elegante Stadthäuser mit säulengeschmückten Fassaden und hohen Fenstern reihten sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite dicht an dicht aneinander. In den Vorgärten wuchsen sorgsam gestutzte Hecken und Büsche, der Rasen war so grün und gepflegt, dass es darin für Unkraut keinen Platz geben konnte. Celeste erschien das alles so sauber und geordnet, dass sie sich des Eindrucks nicht erwehren konnte, auf eine übergroße Theaterbühne zu schauen.

Sie bogen in die Park Lane ein. Dorothea holte tief Luft und Celeste nahm ihre Hand. Sie war eiskalt. „Es gibt keinen Grund aufgeregt zu sein. Du wirst schon sehen.“

Dorothea nickte, auch wenn sie vielleicht lieber den Kopf geschüttelt hätte.

„Ich habe Angst“, flüsterte das Mädchen mit gesenktem Blick.

„Vor deinen Eltern?“

„Nein, nicht vor ihnen.“

Celeste wollte fragen: Vor wem dann, aber dazu kam sie nicht, denn die Kutsche hielt vor einem dreistöckigen Haus mit weißer Fassade. Zwei Statuen mit finsteren Gesichtern trugen einen halbrunden Balkon auf ihren Schultern. Die Haustür öffnete sich. Zwei Hausdiener mit Laternen traten ins Freie und beleuchteten die Treppe hinauf zum Eingang.

Ihnen folgte ein Mann im schwarzen Anzug. Wie die bedrohliche Gestalt aus einer Gruselgeschichte tauchte er aus dem Dunkel des Hauses auf und trat ins Licht der Laternen.

Seine Hände hielt er hinter dem Rücken verschränkt. In seinem Mienenspiel war es unmöglich, ein Gefühl der Freude oder überhaupt eine Regung zu erkennen. Celeste brauchte keine Hellseherin zu sein, um zu wissen, dass sie Lord Ellingsford vor sich hatte.

Sein unterkühltes Verhalten war ganz anders als das der Frau, die in einem Rollstuhl sitzend neben ihn geschoben wurde. Ihr Gesicht wirkte verhärmt und ausgezehrt. Die Augen lagen tief in den Höhlen, doch trotz ihrer offensichtlich schlechten körperlichen Verfassung, lachte sie vor Freude und weinte vor Rührung. „Dorothea!“, rief sie herzlich und streckte ihr die Arme entgegen. Dorothea lief die Treppe hinauf, auch sie weinte und lachte. Vor ihrem Vater, Lord Ellingsford, hielt sie kurz inne und knickste vor ihm. „Willkommen zu Hause, mein Kind“, sagte er und tätschelte ihr den Kopf, als würde er einen Hund loben.

Dann umarmten sich Mutter und Tochter. Lord Ellingsford wandte sich derweil Celeste zu und warf ihr einen Blick zu, der ihr deutlich machte, dass sie hier nicht willkommen war. Celeste konnte seine Ablehnung fast körperlich spüren.

„Miss Summersteen, nehme ich an?“

„Ja, die bin ich“, sagte sie höflich.

„Sie sind Amerikanerin?“

„Ja, aus New York.“

„Nun denn.“ Ellingsford vermied es, ein abfälliges Wort über ihre Herkunft zu verlieren, doch die Abneigung, die er gegen die Bewohner der ehemals englischen Kolonie hegte, war ihm deutlich anzusehen. Er blickte Frau und Tochter nach, die in einem der Salons verschwanden. „Sie werden sich einiges zu erzählen haben. Ich denke, das gibt uns Gelegenheit uns zu unterhalten. Wenn Sie mir folgen wollen.“

Ellingsford ging voran und geleitete Celeste durch die große Eingangshalle in ein Zimmer, das in einen Wintergarten überging. Allerlei tropische Pflanzen wuchsen dort. Zwei Petroleumlampen, die von goldenen Nixen gehalten wurden, spendeten ein wenig Licht. In einer Ecke plätscherte leise ein kleiner Brunnen.

Mit einer Handbewegung deutete Ellingsford auf einen der Korbstühle, die um einen Marmortisch herum gruppiert waren. „Bitte. Nehmen Sie Platz.“ Er selber setzte sich ihr mit übereinandergeschlagenen Beinen und verschränkten Armen gegenüber.

Celeste öffnete ihre Handtasche und nahm die zwei Briefe heraus, die sie von Mrs. Roover erhalten hatte. „Ihre Schwester bat mich, Ihnen die hier zu geben.“

Er nahm sie mit starrer Miene entgegen, warf einen kurzen Blick darauf und steckte sie dann ein. „Ich werde sie später lesen“, sagte er und presste einen Schwall Luft durch die Lippen. „Wie kann sich meine Schwester anmaßen, eine Detektei einzuschalten, ohne mich vorher um Erlaubnis zu bitten?“

Celeste überhörte den angriffslustigen Ton und blieb freundlich. „Ihre Schwester ist nur um Dorotheas Wohl besorgt. Sie war der Meinung, eine Freundin würde ihr die Heimreise erleichtern.“

„Meine Tochter ist erwachsen. Sie braucht kein Kindermädchen mehr.“

„Vielleicht doch. Ich weiß, weswegen sie in Chicago war.“

Ellingsford erbleichte, dann zuckte ein Muskel an seinem Kiefer. „Das ist ungeheuerlich. Meine Schwester ist eine Klatschbase. Ich hatte ihr ausdrücklich verboten über dieses … dieses heikle Thema zu sprechen.“

„Sie müssen sich keine Sorgen machen. Niemand wird etwas davon erfahren.“

Ellingsford schien nicht überzeugt. Er stand auf, trat an die großen Fenster und sah in den abendlichen Garten hinaus. Das tat er eine schweigsame Weile, bis er fragte: „Was sollen Sie hier eigentlich tun?“

„Das wird Ihnen der Brief erklären, den Ihre Schwester Ihnen geschrieben hat.“

„Ich will es aber von Ihnen hören.“

Celeste dachte einen Moment lang nach. Sie erinnerte sich an das, was Mrs. Roover über ihren Bruder gesagt hatte. Diplomatie war gefragt. „Dorothea weiß nichts vom Tod ihrer Freundin. Ihre Schwester hat es ihr nicht erzählt und nun fürchtet sie, Dorothea könnte einen Rückfall erleiden, sollte sie es doch erfahren.“

Ellingsford blieb regungslos. „Glauben Sie wirklich, ich lasse meine Tochter noch einmal unbeaufsichtigt aus dem Haus? Es wird Zeit, dass diese Flausen ein Ende haben. Dorothea muss sich endlich wie eine Dame benehmen und lernen, was eine gute Ehefrau zu tun hat. Ich habe ihr viel zu lange, zu viele Freiheiten gelassen.“

Celeste machte große Augen. „Dorothea sollte nach London zurückkehren, um zu heiraten?“

Der Hausherr drehte sich vom Fenster weg und starrte sie an. „Das geht Sie nichts an.“

Sie presste die Lippen aufeinander und schluckte den aufkommenden Ärger hinunter.

„Sie sind nicht verheiratet, Miss Summersteen.“ Es war eine Feststellung, keine Frage.

Der plötzliche Themenwechsel irritierte sie. „Nein, bin ich nicht“, stotterte sie verwirrt.

„Ich würde Ihnen raten sich einen Mann zu suchen, ehe es zu spät für Sie ist. Dann hätten Sie es nicht nötig, sich für Geld anheuern zu lassen. Was ist das überhaupt für ein Beruf, Detektivin?“

Celeste konnte spüren, wie ihre Ohren heiß und ihre Augen zu schmalen Schlitzen wurden. „Dafür, dass Sie vorgeben ein Gentleman zu sein, sind Sie äußerst taktlos, Lord Ellingsford. Also nehme ich meine amerikanische Herkunft als Entschuldigung und sage Ihnen, dass Sie das verdammt nochmal nichts angeht.“

Er lächelte gönnerhaft. „Ihr Amerikaner.“ Er sprach das Wort „Amerikaner“ aus, als wäre es eine ansteckende Krankheit. Dann trat er vor und sah auf sie hinab. Sie stand auf und begegnete seinem Blick fast schon mit trotziger Sturheit. Celeste wusste, was er sagen würde, und sie sollte recht behalten.

„Ich danke Ihnen, dass Sie meine Tochter sicher hergebracht haben, aber ich denke, Ihre Dienste werden nicht weiter benötigt. Selbstverständlich komme ich für die Kosten auf, die Ihr Aufenthalt in London und Ihre Rückfahrt mit sich bringen.“

So leicht gab sich Celeste nicht geschlagen. „Lord Ellingsford, gestatten Sie mir eine Frage?“

„Wenn es unbedingt sein muss.“ Mit einem Seitenblick schielte er auf seine Taschenuhr.

„Der Mord an Estelle Wiggins. Wurde der inzwischen aufgeklärt?“

„Ich habe diese unglückselige Geschichte nicht verfolgt, aber nein … ich glaube nicht.“

„Wenn das so ist: Halten Sie es dann für klug, Dorothea ausgerechnet jetzt zurückzuholen?“

„Ich verstehe nicht, was Sie mir damit sagen wollen.“ Ellingsford tippte seine Fingerspitzen gegeneinander. „Sie sollten wissen, dass in dieser Stadt ständig Menschen zu Tode kommen. Das ist zu meinem Leidwesen nichts Ungewöhnliches. Und natürlich ist der Tod der jungen Miss Wiggins tragisch, wirklich, doch ich habe es kommen sehen.“

Celeste spürte, wie sich ihr ganzer Körper verkrampfte und ihre Fingerspitzen zu kribbeln begannen. Ellingsfords gleichgültige Art machte sie wütend. „Wieso haben Sie es kommen sehen?“

„Nun, sie hatte zahlreiche Liebschaften mit recht zweifelhaften Gentlemen. Aus diesem Grund hatte ich Dorothea auch verboten, weiter Kontakt zu dieser Person zu halten.“

„Was für Gentlemen? Was für Liebschaften? Woher wissen Sie das alles eigentlich so genau?“

„Man hört so einiges.“

„Ach, also beziehen sich Ihre Aussagen lediglich auf Gerüchte? Sie glauben tatsächlich das, was andere Ihnen vorplappern?“

Ellingsford sagte nichts, durchbohrte sie aber mit seinen Blicken.

Die Luft zwischen ihnen summte förmlich, bis Celeste das stumme Kräftemessen beendete und sagte: „Ihre Schwester macht sich wirklich Sorgen.“

„Meine Schwester hat sich schon immer um Dinge gekümmert, die sie nichts angehen. Offenbar eine Schwäche, die Sie mit ihr teilen.“

Celeste verbiss sich einen bitteren Kommentar und zwang sich zu einem Lächeln. „Uns interessiert eben, was sich hinter dem Vorhang verbirgt, Lord Ellingsford. Dürfte ich Ihnen einen Vorschlag machen?“

Er sah sie skeptisch an, nickte dann aber zögerlich.

„Dorothea wird Angst haben und traurig sein, wenn sie von Estelles Tod erfahren sollte, und das wird sich wohl kaum vermeiden lassen. Sie kennt mich und ich glaube, sie vertraut mir. Ich würde auf sie aufpassen und dafür sorgen, dass sie nicht wieder in die Nähe irgendwelcher Opiumhöhlen kommt. Es wird sicherlich eine schwere Zeit für sie.“

Ellingsford nahm sich Zeit für seine Antwort. Langsam ging er im Wintergarten auf und ab, tippte sich mit den Fingerspitzen an die Lippen und betastete gedankenverloren die rot gesprenkelten Blüten einer Orchidee. Schließlich sagte er: „Auch wenn ich Ihre unverschämte Art nicht gutheißen kann, möchte ich mir trotzdem nicht nachsagen lassen, dass ich nicht das Beste für meine Tochter will. Ich werde mit ihr sprechen und wenn sie Ihre Gesellschaft wünscht, gestatte ich Ihnen zu bleiben.“

„Ich bin einverstanden.“ Als ob sie eine Wahl gehabt hätte.

Sie wollten den Wintergarten gerade verlassen, als sich Schritte näherten und eines der Hausmädchen zwischen den geöffneten Türflügeln erschien. „Verzeihen Sie die Störung, Eure Lordschaft“, sagte das Mädchen und knickste.

„Ja, was gibt es denn, Francine?“

„Mr. Bradshaw ist hier. Er sagt, er bringt die Gemälde.“

Ellingsford sah auf seine Uhr. „Um diese Zeit noch?“ Er klappte den Deckel zu, schob die Uhr wieder in die Westentasche. „Na schön. Bitten Sie ihn herein.“

In der Halle trafen sie auf Ellingsfords Besucher, einen älteren Mann mit dunklem Bart und schütterem Haar. Er trug einen bereits sichtlich in die Jahre gekommenen Anzug, dessen Revers und Ärmel ein paar schlecht entfernte Farbflecke aufwiesen.

„Mr. Bradshaw. Was für eine Überraschung, zu so später Stunde.“

„Ich hoffe, mein Besuch kommt nicht ungelegen? Nur … ich war gerade in der Gegend und …“

„Nein, nein, seien Sie unbesorgt.“ Ellingsford lenkte die Aufmerksamkeit auf Celeste. „Das ist Miss Summersteen, aus Amerika. Mr. Bradshaw, ein Freund des Hauses.“

„Amerika? Was für ein faszinierendes Land. Diese unendliche Weite, die sich im Himmel zu verlieren scheint.“ Bradshaw nahm ihre Hand und deutete einen Kuss an.

„Sie waren schon einmal da?“

„Nein. Aber ich habe Gemälde bewundern dürfen, die versuchten die Schönheit des Landes wiederzugeben. Ist es wahr, dass dort Menschen mit roter Haut leben? Sie sollen sich in Lederhäute kleiden und in spitzen Häusern leben, die sie innerhalb kürzester Zeit abbauen können.“

„Ja, das stimmt. Man nennt sie Tipis.“

„Faszinierend. Was für ein wunderbar göttliches Geschöpf der Mensch in seiner Vielfältigkeit doch ist.“

„Es sind Heiden, die unseren Gott nicht kennen“, tat Ellingsford seine Meinung kund und schlug die Tücher beiseite, die die Gemälde verhüllten.

Das eine zeigte eine Seenlandschaft, mit einer Burgruine auf einem Hügel, umgeben von Strauchwerk und Tannen. Ein paar Jäger zu Pferd, die von einem Rudel Hunde begleitet wurden, brachen aus dem Tannengrün heraus.

Das andere Bild war ein Portrait von Dorothea, in einem wundervollen roten Kleid mit weißen Blumenstickereien. Sie trug das Haar kunstvoll geflochten und mit einer silbernen Spange hochgesteckt. In der Hand hielt sie eine Leine. Ein Irish Setter saß zu ihren Füßen. „Was für wunderbare Gemälde“, sagte Celeste, die zwar nicht viel von Kunst verstand, aber recht genau wusste, was ihr gefiel.

„Ich werde das Kompliment gerne weiterreichen. Albert ist äußerst begabt. Ich könnte mir keinen besseren Assistenten wünschen.“ Während Bradshaw das sagte, zeigten sich Sorgenfalten auf seiner Stirn, die Celeste nicht verborgen blieben.

„Bedrückt Sie etwas?“

„Miss Summersteen, bitte. Mr. Bradshaw ist sicher nicht hergekommen, um von Ihnen verhört zu werden.“

Bradshaw winkte ab. „Nein, nein, es ist schon gut, Eure Lordschaft. Es stört mich nicht. Sie hat ja recht. Ich bin in Sorge. Albert ist seit ein paar Tagen verschwunden und es ist nicht seine Art, einfach ohne ein Wort der Erklärung fortzubleiben.“

„Glauben Sie, ihm ist etwas zugestoßen?“

„Ich kann es wirklich nicht sagen.“

„Haben Sie denn mit der Polizei gesprochen?“

„Ja, bereits heute Morgen. Sie werden die Augen offen halten.“

„Dann ist die Sache ja geregelt“, mischte sich Ellingsford ein. „Ich danke Ihnen, mein lieber Freund. Einen besseren Zeitpunkt hätten Sie nicht wählen können. Dorothea wird das Bild sicher sehr gefallen. Ich werde meine Bank anweisen …“

Bradshaw fiel ihm ins Wort. „Miss Dorothea ist zurück von ihrer Reise?“

„Ja, seit etwa einer Stunde.“

„Wenn Sie gestatten, würde ich ihr gerne meine Aufwartung machen.“

„Ein anderes Mal, alter Freund. Sie ist erschöpft. Die lange Reise. Ich hoffe, Sie verstehen das?“

„Aber natürlich. Ein anderes Mal.“ Bradshaw schien enttäuscht. Er nahm Celestes Hand und deutete einen Handkuss an. „Es war mir eine Freude, Sie kennenzulernen. Wenn Sie mich einmal in meinem Geschäft aufsuchen möchten, wäre ich hoch erfreut, Ihnen zu Diensten sein zu können. Hier, meine Visitenkarte.“

Dann schüttelte er Ellingsford die Hand und verließ das Haus.

„Francine“, sagte Ellingsford. „Sind die Ladyschaft und meine Tochter noch im Salon?“

Sie knickste. „Nein, Sir. Sie haben sich nach oben zurückgezogen. Ihre Ladyschaft war erschöpft.“

„Hmm. Das überrascht mich nicht. Sie war so aufgeregt, dass sie ihre Ruhepausen nicht eingehalten hat.“

Celeste folgte Ellingsford hinauf in die erste Etage. Sie sprachen kein weiteres Wort mehr und so hatte Celeste Gelegenheit, die zahlreichen Porträts an den Wänden zu betrachten, die ausschließlich Männer zeigten. Unter ihnen befanden sich Sirs und Lords, Generäle, Mitglieder des Unterhauses. Jeder von ihnen sah streng, beinahe schon missbilligend auf die Besucherin herab. Alle gehörten zum Geschlecht der Ellingsfords, wie die Namen auf den goldenen Plaketten verrieten. Lord Ellingsford war ohne Zweifel einer von ihnen. Er besaß das gleiche aristokratische Gesicht, den gleichen harten Zug um Mund und Kinn und den gleichen stechenden Blick, der jedem Hexenjäger in Amerika Ehre gemacht hätte.

Sie erreichten eine Tür, die links und rechts von zwei farbenfrohen Blumengebinden geschmückt war. Ellingsford klopfte, wartete das leise „Ja, bitte“ ab und öffnete.

Das Zimmer wurde von Gaslampen erleuchtet, die ihren Widerschein auf einem Schminkspiegel fanden, der vor den Fenstern stand.

Dorothea saß neben ihrer Mutter auf dem Bett. Sie unterbrachen ihr Gespräch, als Ellingsford eintrat.

„Warten Sie hier, Miss Summersteen“, befahl er, bevor er ihr die Tür vor der Nase zuschlug.

Jetzt hing alles von Dorotheas Entscheidung ab. Sie würde nicht wollen, dass sie ging. Oder doch? Was dann? Zurück nach Chicago und sich Pinkertons Spott aussetzen? Niemals, diesen Triumph würde sie ihm nicht gönnen. Zudem würde sie mit Sicherheit Mrs. Roovers Unterstützung verlieren.

Eine so einflussreiche Frau verärgerte und enttäuschte man besser nicht.

Celeste ertappte sich dabei, wie sie nervös an ihrer Unterlippe knabberte. Eine Unsitte, die sie schon als Kind gehabt hatte.

Da öffnete sich die Tür und Ellingsford trat auf den Gang hinaus.

„Was hat Dorothea gesagt?“, fragte sie hastig.

Ellingsford kniff die Mundwinkel zusammen. „Sie wünscht, dass Sie bleiben.“ Nach diesen knappen Worten zog er an einer Kordel, die hinter einem Vorhang aus grünem Brokat versteckt war. Irgendwo im Haus ertönte ein kleines Glöckchen.

„Ich danke Ihnen.“

Er überhörte ihren Dank und sagte: „Ich habe eine Bedingung, die ich an Ihr Bleiben knüpfen muss. Gleich wohin meine Tochter geht, gleich was sie tut – Sie werden mir darüber Bericht erstatten.“

Celeste nickte.

„Sollten Sie sich meinen Wünschen widersetzen, bedenken Sie, dass Sie nur Gast in meinem Haus sind.“

Celeste nickte, weil er es so wollte. Niemals würde sie Dorothea belügen oder ausspionieren.

Das Mädchen vertraute ihr.

Auf der Treppe waren eilige Schritte zu hören. Es war Francine, die sich die Schürze glatt strich, das Häubchen richtete und die letzten Schritte langsamer zurücklegte. „Eure Lordschaft haben geläutet?“

„Miss Summersteen wird unser Gast sein. Bereiten Sie eines unserer Gästezimmer für sie vor.“ Dann wandte er sich wieder an Celeste. „Wenn Sie mich jetzt entschuldigen würden.“

Das Dienstmädchen führte Celeste in die dritte Etage hinauf. „Das Zimmer wird Ihnen bestimmt gefallen. Sie haben einen wundervollen Blick auf den Garten. Um diese Jahreszeit tollen immer die Drosseln und Eichhörnchen durch die Wipfel. Und wenn Sie …“ Das Dienstmädchen plapperte wie ein Wasserfall. Celeste blickte freundlich, hörte aber nicht zu. Sie hatte es geschafft und nun war sie müde. Sie konnte es kaum erwarten, endlich ihre Schuhe von den Füßen zu streifen. Ihre Knöchel schmerzten. Ihr Kleid war wie ein Panzer aus Stoff, der ihr das Atmen schwermachte. Sie sehnte sich danach, alles von sich zu werfen und durchatmen zu können.

Ihr Zimmer war geräumig und hoch. Ein geschwungener Kerzenleuchter hing in der Mitte. Es roch nach Möbelpolitur und altem Holz. Der Boden knarrte, als sie eintrat.

„Warten sie, Madam. Ich mache Licht.“ Schon entzündete das Mädchen eine Petroleumlampe.

Celeste öffnete eines der Fenster. Nachtluft umfing sie und blähte die roséfarbenen Vorhänge. Flirrende Wassertröpfchen kühlten ihr Gesicht. „Es ist so wunderbar ruhig hier.“ Tatsächlich schien London in einen tiefen Schlaf gefallen zu sein. Kein Klappern, Rufen, Schreien oder Stampfen. Kein Klirren von Gläsern, kein Instrument, das zum Tanz auffordert. Seit New York hatte sie keine Minute solcher Ruhe mehr erlebt.

Celeste sah dem Dienstmädchen zu, wie es das geräumige Bett in neue Laken deckte. „Es ist schön, dass Miss Dorothea wieder daheim ist. Finden Sie nicht?“

Francine lächelte herzlich. „Oh ja, Madam. Sie hat uns allen hier sehr gefehlt.“

„Kannten Sie ihre Freundin? Estelle?“

Francine hielt inne und drehte sich um. „Miss Wiggins, aber ja. Ich kannte sie gut. Sie und die junge Ladyschaft waren sehr gut miteinander befreundet. Ist es nicht schrecklich, was passiert ist?“

Celeste spielte die Unwissende. „Was ist denn passiert?“

„Jemand hat sie erwürgt.“ Sie schüttelte den Kopf. „Können Sie sich das vorstellen?“

„Ich glaube, niemand kann das. Wie schrecklich.“

„Sie war eine so lebenslustige junge Frau. Sie konnte so wunderbar tanzen. Ich habe ihr ein paar Mal zusehen dürfen.“ Verträumt presste sie den Kopfkissenbezug an ihre Brust.

„Dann gab es doch auch sicher einen Galan, der ihr den Hof gemacht hat?“

„Oh, Miss Estelle hatte viele Verehrer.“ Francine erschrak über ihre eigenen Worte. „Oh, ich dumme Pute. Ich wollte gewiss nicht schlecht über Miss Estelle reden.“

„Natürlich nicht.“ Celeste wartete einen Moment und fragte dann nach: „Und? Gab es jemanden?“

Francine wurde rot. „Nein, nein. Es gab niemanden. Ich muss jetzt weitermachen. Ich darf nicht trödeln.“

Ohne ein weiteres Wort zu verlieren kümmerte sich Francine um ihre Arbeit. Dabei presste sie die Lippen so fest aufeinander, dass keine Briefmarke mehr dazwischen gepasst hätte.

Celeste beschloss, es gut sein zu lassen. Sie wollte nicht gleich als zu neugierig erscheinen.

Das Dienstmädchen beendete zügig ihre Arbeit und verließ das Zimmer mit einem Knicks.

Endlich alleine, öffnete Celeste ihre Schuhe und strampelte sie von den Füßen. Sie seufzte erleichtert. Was für eine Wohltat. Wenn nur endlich ihr Gepäck eintreffen würde. Celeste sehnte sich danach, sich endlich frisch machen zu können. Ihrem Kleid haftete der ölige Rauch von Southhampton, der Gestank der dortigen Fischerei und der Ruß einer langen Zugfahrt an.

Sie öffnete die Knöpfe ihres Überwurfs und ließ ihn neben dem Bett auf den Boden fallen. Dann streifte sie ihre Handschuhe ab, öffnete das eng sitzende Oberteil ihres Kleides und tat zum ersten Mal seit einer gefühlten Ewigkeit einen befreiten und tiefen Atemzug. Dann ließ sie sich neben ihrer Reisetasche aufs Bett fallen und sah sich in ihrem Zimmer um. „Das ist also England“, flüsterte sie, irgendwie amüsiert und dann doch wieder ernst.

Sie öffnete ihre Tasche und sortierte den Inhalt neben sich auf dem Bett. Ein Kavallerie-Revolver und mehrere Päckchen Munition. Ein Notizbuch und die Mappe, die sie von Mrs. Roovers erhalten hatte. Ein hölzernes Kästchen, das ihre Schreibutensilien enthielt, eine kleine Tasche aus Segeltuch mit ihren Dietrichen und anderen Werkzeugen. Ihr Lieblingsbuch, die Reiseberichte von Lewis und Clarke, und ein paar Fotografien von Zuhause. Eine zeigte ihren Bruder und sie selbst. Sie standen stocksteif vor einer Leinwand in einem New Yorker Atelier. Sie erinnerte sich noch gut an diesen Tag. Sie waren so ausgelassen und fröhlich gewesen, dass erst der dritte Versuch, das Foto zu machen, geklappt hatte. Vorher hatten sie sich vor Lachen gekrümmt und den Fotografen damit in den Wahnsinn getrieben. Sie war elf gewesen und Thomas siebzehn oder achtzehn. Sie wusste es nicht mehr genau. Da hatten sie vom Krieg noch nichts geahnt.

Sie nahm den Revolver und wog ihn in der Hand. Er war schwer und groß, ein alter Armeerevolver, mit dem Wappen des neunten Kavallerieregiments im Griff. Das war alles, was ihr von ihrem Bruder noch geblieben war. Ein paar Fotografien und eine unhandliche Waffe.

Er war der Einzige gewesen, der sie je verstanden hatte.

Celeste ließ sich aufs Bett fallen, die Arme weit von sich gestreckt. Obwohl sie im Zug gut geschlafen hatte, fielen ihr die Augen erneut zu. Ihre Versuche, wach zu bleiben oder sich wieder aufzurichten, scheiterten, und schon bald war sie in einen unruhigen Schlaf gefallen.

Sie träumte von New York, ihren Eltern, ihrem Bruder, ihrem Zuhause. Eine Erinnerung, die langsam verblasste und nur in Träumen mit Macht wiederkehrte.

Sie sah sich in ihrem Zimmer stehen, die Birken vor ihren Fenstern wiegten sich im Wind und die Zeisige bauten ihre Nester in den Astgabeln. Die Tür öffnete sich und ihr Bruder trat ein. Er sah wunderbar aus in seiner blauen Uniform mit den weißen Handschuhen.

Die jungen Damen der hohen Gesellschaft waren ganz vernarrt in sein spitzbübisches Lächeln, den Schalk in seinen Augen und die tiefe Stimme, mit der er ihnen schöne Worte zuflüsterte.

Er kam, um sich zu verabschieden. In ihrem Traum versuchte sich Celeste zu erinnern, was sie zueinander gesagt hatten, aber es gelang ihr nicht. Sie strich ihm über die Uniformjacke. Er lachte und kniff sie in die Wange. Die Wehmut dieses Augenblicks traf sie selbst im Schlaf und sie wurde unruhig. Ihr großer Bruder war immer für sie da gewesen, und nun ging er fort, um in einem Krieg Bruder gegen Bruder, Freund gegen Freund zu kämpfen. Die Sklaverei hatte Amerika entzweigerissen und Thomas hielt es für seine Pflicht, dem Ruf zu folgen. Das Wort Freiheit war in aller Munde.

In ihrem Traum hielt sie ihn fest, klammerte sich an ihn. Ein dumpfes Klopfen lenkte sie ab und brachte das Konstrukt ihres Traums ins Wanken. Dann klopfte es wieder und wieder und ihr erwachender Verstand begriff, dass jemand an ihrer Zimmertür war. Sie richtete sich auf, schlug die Decke über ihre Habseligkeiten und stand auf. Ein Blick auf die kleine Uhr, die sie an einer Kette um den Hals trug, verriet ihr, dass es bald Mitternacht war.

„Ja, bitte?“, rief sie schläfrig.

„Ich bitte um Verzeihung, Madam. Ich bin es, Francine. Ihr Gepäck ist eingetroffen.“

Er waren vier kräftige Personen nötig, um Celestes gesamtes Gepäck zu tragen, das aus zwei Schrankkoffern, einer großen Überseetruhe und diversen Hutschachteln bestand. Francine war die Glückliche, die nur zwei Reisetaschen und ein Kulturköfferchen zu tragen hatte.

„Bitte stellen Sie es dort ab.“ Celeste zeigte auf den freien Platz vor dem Kleiderschrank. „Haben Sie vielen Dank.“

Nachdem sich auch Francine ihrer Last entledigt hatte, fragte sie: „Haben Sie noch einen Wunsch, Madam?“

„Ich muss eingeschlafen sein. Könnte ich noch etwas zu essen bekommen und vielleicht ein Glas Milch? Ich sterbe vor Hunger.“

Francine seufzte müde und lächelte dann. „Ich bringe Ihnen ein paar Sandwiches … und ein Glas Milch.“

Das Dienstmädchen machte einen Knicks und ging. Celeste wandte sich verwundert dem Berg von Koffern zu. Sie konnte sich gar nicht daran erinnern, so viel eingepackt zu haben.


8. September 1877 Früh am Morgen

In der Nacht hatte es geregnet. Nun rannen die letzten Tropfen an den Fensterscheiben herab oder tropften in gleichmäßigem Rhythmus von den Vordächern. Die tiefhängenden Wolken hatten sich aufgelöst. Die Sonne brach durch. Von den Straßen stieg Dampf auf, über der Themse schwebten Nebelbänke.

So gut hatte Celeste schon lange nicht mehr geschlafen. Die Arme von sich gestreckt öffnete sie die Augen und blinzelte.

Sie fühlte sich kräftig und ausgeruht. Voller Tatendrang schwang sie die Beine aus dem Bett und zog an der Klingelschnur, die neben dem Sekretär hing.

Ein anderes Dienstmädchen, nicht Francine, kam und begann sie zurechtzumachen. Celestes Haar war von der Reise arg in Mitleidenschaft gezogen worden und das Mädchen hatte ihre liebe Mühe, ihr nicht jedes einzelne Haar vom Kopf zu reißen. Zu gerne hätte sich Celeste von den Schmerzen abgelenkt, der ihr die Tränen in die Augen trieb, und die Zeit genutzt, um mehr über das Haus Ellingsford und seine Bewohner zu erfahren. Doch mehr als ein „Ja, Madam“, oder ein „Nein, Madam“, oder „Wie Sie wünschen“, kam dem jungen Ding nicht über die Lippen.

Immerhin: Ihr Name war Harriet, so viel gab sie dann doch von sich preis.

Nach einer Stunde war Celeste fertig frisiert, geschminkt und angekleidet. Das Mädchen hatte sich mit dem Hinweis verabschiedet, dass das Frühstück bereit stehe. Nun stand Celeste alleine vor dem großen Spiegel in ihrem Zimmer, klippte die bernsteinfarbenen Ohrringe an ihre Ohrläppchen und überprüfte ein letztes Mal den Sitz ihres Kleides.

Zufrieden mit dem Resultat verließ sie ihr Zimmer.

Auf dem Weg zur Treppe hörte sie Dorotheas aufgeregte Stimme aus einem der anderen Zimmer. Celeste zögerte nicht lange und schlich sich an die Tür heran, aus der die Stimmen drangen. Ein letzter wachsamer Blick den Flur entlang – niemand war zu sehen.

„Wie konntest du nur zu so etwas deine Einwilligung geben, Mutter?“

Die Antwort war zu leise, um sie zu verstehen.

„Das ist ein Albtraum! Warum hasst er mich so?“

Wieder folgte eine leise Antwort.

„Ach nein?!“ Dorotheas Stimme überschlug sich. Celeste hatte sie während ihrer ganzen Bekanntschaft noch nicht so aufgeregt erlebt. „Er gibt mich weg wie irgendein unfähiges Dienstmädchen. Ich kenne diesen Mann nicht einmal! Vater zerstört mein Leben, aber das ist ihm völlig egal.“

„So beruhige dich doch …“ Mehr verstand Celeste nicht, auch wenn sie ihr Ohr nun flach gegen die Tür presste.

„Er hat mich nur zurückgeholt, weil ich nützlich bin. Ein gutes Geschäft!“

Schritte näherten sich der Tür und Celeste stolperte zurück, doch sie kam nicht schnell genug weg. Dorothea stürzte ihr entgegen und prallte gegen sie.

Ohne Celeste eines Blickes zu würdigen, drängte sie sich vorbei und rannte schluchzend in ihr Zimmer.

Celeste blieb überrascht stehen, bis sie das helle Quietschen von Metall dazu brachte, in das Zimmer zu sehen.

Lady Ellingsford war in ihrem Rollstuhl näher gerollt. In ihrem Blick lag eine Mischung aus Interesse und Skepsis.

„Ich … ich“, begann Celeste mühsam. „Ich hatte noch gar keine Gelegenheit, mich bei Ihnen für Ihre Gastfreundschaft zu bedanken. Sie … Sie haben ein wunderbares Haus.“

Lady Ellingsford nahm das Kompliment schweigend hin. „Sie wollten zu mir?“

„Ja … ich meine, nein. Ich hatte Dorotheas Stimme gehört. Ich wollte sie … bitten, mir London zu zeigen. Aber wie mir scheint … kam ich unge …“

„Wie gut kennen Sie meine Tochter?“, unterbrach sie Lady Ellingsford.

„Ich habe sie bei Mrs. Roover getroffen. Vor etwa einem halben Jahr. Wir hatten uns unterhalten und eine Partie Krocket im Park gespielt. Ich hatte gar keine Chance.“ Celeste lachte verlegen.

Lady Ellingsford sah sie einen Moment lang nachdenklich an, dann lächelte sie matt. Celeste wusste es nicht zu deuten, bis ihre Ladyschaft sagte: „Ich denke, es ist gut für sie, dass Sie da sind.“

„Ich fürchte nur, Ihr Mann ist da anderer Meinung.“

„Das überrascht mich nicht. Aber er sorgt sich um mich. Wegen meiner Krankheit … und er möchte es vermeiden, mich allzu sehr aufzuregen. Er gibt meinen Wünschen meist nach. Deswegen durften Sie bleiben.“

„Sie haben dafür gesorgt?“

„Ich und meine Tochter. Sagen Sie, wann sind Sie geboren?“

Celeste verwirrte die Frage und sie musste tatsächlich einen Moment lang nachdenken.

„Ich wurde am 30. August 1848 geboren.“

„Also sind Sie Jungfrau. Das habe ich mir gedacht“, sagte Lady Ellingsford. „Sie besitzen ein gutes Herz. Meine Tochter kann sich keine bessere Freundin wünschen.“

„Es freut mich sehr, dass Sie das so sehen, aber hat Dorothea denn keine anderen Freundinnen hier in London?“

Lady Ellingsfords Gesicht verdüsterte sich. „Oh doch. Aber ich teile die Meinung meines Mannes. Sie sind ein schlechter Umgang für unsere Tochter.“

„Sprechen Sie von Estelle?“

„Und von Margareth. Ein gelangweiltes kleines Luder, das nur Unsinn im Kopf hat. Ich weiß nicht, wer von den beiden unsere Tochter zu diesem schrecklichen Gift verführt hat, aber ich bin mir sicher, eine von den beiden war es.“

„Und was ist mit Estelle? Sie wurde schließlich ermordet?“

„Das ist wahr und es tut mir sehr leid für das arme Mädchen … und ihre Familie. Aber … nichtsdestotrotz bin ich froh, dass sie unserer Tochter keinen Schaden mehr zufügen kann.“

Celeste erstarrte; sie hätte in dieser zerbrechlichen Frau nie eine solche Gefühlskälte erwartet.

„Wenn Sie das so sehen“, erwiderte sie ebenso kalt. „Haben Sie Ihrer Tochter von Estelles Tod erzählt?“

Lady Ellingsford senkte den Blick und starrte auf ihre Hände. „Nein. Ich … brachte es nicht übers Herz. Ich bin so froh, sie wieder bei mir zu haben. Da wollte ich nicht …“

„Es wird sich nicht ewig verbergen lassen, das wissen Sie.“

„Wer weiß, wie sie reagiert, wenn ich es ihr sage.“

Ein hoffnungsvolles Lächeln stahl sich auf Lady Ellingsfords Lippen. Ihr war offenbar ein Gedanke gekommen, der ihr gefiel. „Vielleicht könnten Sie bei passender Gelegenheit mit ihr reden.“

Celeste schnappte nach Luft. „Also … ich … ich weiß nicht, ob das eine so gute Idee ist, Eure Ladyschaft.“

Aber Lady Ellingsford schien ihre Entscheidung bereits getroffen zu haben. „Doch, doch, so machen wir es. Sie überbringen meiner Tochter die traurige Nachricht. Aber bitte taktvoll.“

Celeste war nicht bereit dazu und wollte protestieren, doch sie wurde von einem Butler unterbrochen, der hinzutrat und gekünstelt hustete.

Ihm folgte ein breitschultriger Mann, dessen Anzug eindeutig zu klein war. Sein Gesicht war kantig, die Augenlider waren schlaff. Sein Ausdruck war irgendwie – Celeste konnte sich des Eindrucks nicht erwehren – dümmlich.

Lady Ellingsford schlug die Decke beiseite, die um ihre Beine lag.

„Ich wollte nicht stören, Eure Ladyschaft, aber es ist neun Uhr. Wünschen Sie zu frühstücken?“, fragte der Butler.

„Ja, ich bitte darum.“

„Rupert!“

Der Große trat vor und nahm die gebrechliche Dame behutsam auf die Arme und trug sie an den Treppenabsatz. Dort wies Lady Ellingsford ihn an noch einmal stehenzubleiben.

„Sie erledigen das, Miss Summersteen, nicht wahr?!“ In Celestes Ohren klang es nicht nach einer Bitte, vielmehr nach einem höflich formulierten Befehl.

Obwohl sie lieber den Kopf geschüttelt hätte, nickte sie.

„Und Sie müssen noch etwas für mich tun.“

Celeste seufzte innerlich, wartete aber geduldig ab.

„Halten Sie Dorothea von Margareth fern. Ich möchte nicht, dass sie sich wieder treffen.“

„Wie Sie wünschen.“

Dann brachte der Diener Lady Ellingsford nach unten und trug sie ins Speisezimmer. Der erste Butler folgte mit dem Rollstuhl. Celeste wartete, bis alle verschwunden waren, bevor sie zu Dorotheas Zimmer ging.

Sie klopfte. Als sie keine Antwort erhielt, öffnete sie vorsichtig.

Dorothea lag ausgestreckt auf dem Bett, den Kopf zwischen den Armen verborgen, einen kleinen braunen Stoffbären in der Hand. Sein Fell war struppig und ihm fehlte ein Auge.

Celeste setzte sich zu dem Mädchen auf das Bett. „Wer ist denn dein kleiner Beschützer?“, fragte sie leise.

Dorothea sah auf und streichelte dem Bären über den Kopf. „Mr. Peaby.“

„Was für ein seltsamer Name.“

Dorothea wischte sich lächelnd eine Träne von der Wange. „Eigentlich heißt er ja auch Mr. Peabody. Aber als Kind konnte ich seinen Namen nie richtig aussprechen.“ Sie nahm den Bären in die Arme und setzte sich auf. „Er hört mir immer zu.“

„Was ist denn los?“

„Vater …“ , schluchzte Dorothea plötzlich. „Vater will mich verheiraten.“

„Aber, aber … das ist doch kein Grund zum Weinen. Wie heißt der Auswählte denn?“

„Lucius. Lucius T. Horn. Er ist ein eingebildeter Schnösel, der sich für den Mittelpunkt der Welt hält.“

„Tun das nicht alle Männer?“, erwiderte Celeste mit einem feinen Lächeln.

„Vater will ihn einladen. Zum Dinner. Damit wir uns … kennenlernen können.“

„Du bist ihm zuvor noch nie begegnet?“

„Doch … einmal. Er ist ein alter Mann, schon bald dreißig. Das einzige, woran ich mich erinnern kann, ist, wie steif er geredet hat. Außerdem riecht er nach staubigen Büchern.“

Celeste schürzte die Lippen. „Was macht er denn beruflich?“

„Er ist Bankier, glaube ich. Ach, ich habe ihm gar nicht richtig zugehört. Er hat mich unsäglich gelangweilt.“ Sie begann von neuem zu schluchzen und drückte Mr. Peaby an ihre Brust. „Wäre ich nur nie auf dieses Schiff gestiegen, um hierher zurückzukommen. Ich hasse ihn.“

„Sag so etwas nicht. Dein Vater will bestimmt nicht, dass du traurig bist.“

Dorothea warf den Bären an die gegenüberliegende Wand, was ihr sofort leidtat. Sie sprang auf, hob ihn auf, streichelte sein Fell und nahm ihn wieder mit zurück ins Bett. „Was kümmert es Vater, ob ich fröhlich oder traurig bin. Für ihn ist nur wichtig, dass ich tue, was er verlangt.“ Flehend sah sie Celeste an. „Bitte, bringen Sie mich zurück nach Chicago.“

„Das kann ich nicht.“

„Sie haben auch nur Angst vor ihm.“

„Nein, das ist es nicht“, widersprach Celeste entschieden, „aber hier ist dein Zuhause.“

„Und ich dachte, Sie wären meine Freundin.“

„Das bin ich auch. Aber man kann nicht vor allem davonlaufen, was einem nicht passt.“

„Meine Tante würde sich freuen, mich wiederzusehen.“

„Deine Tante würde mir zustimmen. Du solltest auch an deine Mutter denken. Sie freut sich so sehr, dass du wieder da bist. Willst du sie gleich wieder verlassen?“

Dorothea ließ den Kopf sinken. „Nein“, sagte sie kleinlaut.

Eigentlich konnte Celeste sie verstehen. Sie hatte auch nicht gewollt, dass ihre Eltern über ihre Zukunft entschieden. Sie hatte sich mit aller Kraft dagegen gewehrt und hatte gewonnen, aber es war ein hoher Preis, den sie dafür hatte zahlen müssen.

„Wenn ich nur mit Vater reden könnte“, hörte sie Dorothea sagen.

„Hast du es denn versucht?“

Das Mädchen schüttelte den Kopf. „Er würde trotzdem tun, was er für richtig hält. Ich wollte auch nicht zu Tante Anette und er hat es trotzdem durchgesetzt.“

„Und dann hat es dir gefallen. Und zwar so gut, dass du jetzt wieder dorthin zurückwillst.“

Das war ein Argument, dem Dorothea nichts entgegensetzen konnte.

„Vielleicht ist es jetzt auch nicht anders. Du solltest diesem Lucius eine Chance geben, findest du nicht? Du bist charmant, hübsch und klug. Du wirst ihn dir schon zurechtbiegen. Die Männer glauben zwar, sie würden über uns stehen, aber wir wissen es besser. Glaub mir. In spätestens einem Jahr frisst er dir aus der Hand. Du musst es nur geschickt und subtil anstellen.“

„Meinen Sie?“

„Natürlich. Ich kenne die Männer, schließlich bin ich ja auch schon eine alte Frau“, bemerkte sie augenzwinkernd.

Zum zweiten Mal, seit Celeste das Zimmer betreten hatte, sah sie Dorothea lächeln. Damit stand sie auf und streckte dem Mädchen die Hände entgegen. „Aber jetzt komm. Es gibt Frühstück und ich sterbe vor Hunger. Und danach musst du mir unbedingt London zeigen.“


The City of London Kurz vor Mittag

Inspector Edwards hatte schlechte Laune. Der Dauerregen in der Nacht hatte ihn nicht schlafen lassen. Das verdammte Dach war undicht und es hatte durch seine Decke ins Wohnzimmer getropft. Er hatte eine Kanne darunter gestellt und dann hatte ihn das ständige Ping, Ping, Ping der Tropfen wach gehalten. Zu allem Überfluss hatte er die Kanne nach dem Aufstehen auch noch schlaftrunken umgetreten. Sein Wohnzimmer glich nun einem Ententeich ohne Enten.

Nun lief er mit grimmigem Gesichtsausdruck durch die Straßen der City, vorbei an Häusern, deren Fassaden glänzten, als würden sie Regen ausschwitzen.

Die Straßenhändler hatten kaum Kundschaft und so stürzten sie sich lärmend auf ihn. Lumpen wurden ihm von einem zahnlosen Mann als beste Ware angepriesen. Eine runzelige Alte wedelte mit allerlei Klimperzeug vor seiner Nase herum. „Schutzamulette, Sir. Schutzamulette“, brabbelte sie.

Ein paar Jungen kamen herbeigelaufen, rannten im Kreis um ihn herum. Er achtete auf seine Börse und ging weiter, ohne den Jungs einen weiteren Blick zu schenken, die bereits ein lohnenderes Ziel ausgemacht hatten. Eine Kutsche klapperte vorbei, viel zu schnell unterwegs für die groben Pflastersteine.

Edwards war auf dem Weg zu seinem Büro im Scotland Yard. Zuvor hatte er dem Haus von Familie Wiggins einen Besuch abgestattet und obwohl er wusste, dass die Eltern der toten Estelle nicht zugegen sein würden, hatte er doch einige interessante Dinge in Erfahrung gebracht.

Der wachhabende Beamte am Tresen begrüßte ihn, indem er aufsprang und stramm stand. „Guten Morgen, Inspector. Was für ein wundervoller Tag.“

Edwards klopfte sich ein paar Regentropfen vom Ärmel. „Higgins. Haben Sie schon mal einen Blick vor die Tür geworfen?“ Er wollte weiter, die Treppe hinauf zu seinem Büro.

„Oh, Sir. Einen Moment bitte.“ Higgins eilte ihm nach.

„Ja, was gibt's denn?“

„Chief Inspector DeFries möchte Sie sprechen.“

„Wann? Jetzt?“

„Sobald Sie eintreffen, Sir. Er hat es mir persönlich mitgeteilt.“

„Ja, gut. Danke.“

DeFries' Büro lag am Ende eines breiten Flurs, dessen Parkettboden von einem dunkelroten Läufer bedeckt war. An den Wänden hingen die Porträts jener Männer, die die Geschicke Scotland Yards in der Vergangenheit geleitet hatten. Zurzeit war das Lieutenant Colonel Edmund Handerson. Ein Mann, dem Edwards tatsächlich bisher nur ein einziges Mal auf dem Flur begegnet war.

Er erreichte DeFries' Büro, öffnete den Mantel und zupfte die Weste darunter zurecht, dann klopfte er an.

„Nur herein, Robert.“

Verwirrt trat Edwards in das ausladende Büro mit den hohen Fenstern und dem riesigen Schreibtisch, hinter dem DeFries fast zu verschwinden schien. „Guten Morgen, Sir. Woher wussten Sie, dass ich …“

„Das ist kein Kunststück, mein lieber Inspector. Niemand anderes kommt den Flur so entlang gestampft wie Sie. Die Erschütterungen schlagen Wellen in meinem Kaffee.“ Er zeigte auf einen Sessel mit grünem Samtpolster und geschnitzten Armlehnen, die den Kopf eines Löwen zeigten. „Setzen Sie sich bitte. Darf ich Ihnen eine Tasse anbieten?“

Edwards konnte Kaffee nichts abgewinnen, dessen Geruch das ganze Büro erfüllte. DeFries trank ihn, seit er ihn bei einer Reise nach Frankreich probiert hatte. Er lehnte höflich ab.

„Sie wollten mich sprechen, Sir?“

„Nein, mein lieber Robert. Sie wollten mich sprechen. Haben Sie das schon vergessen? Sie haben eine Nachricht bei meinem Sekretär hinterlassen.“

Jetzt fiel es ihm wieder ein. „Natürlich. Verzeihung, Sir. Es geht um Sergeant Dyers.“

„Dyers?“

„Kippwells Sergeant aus der L-Division.“

DeFries forderte Edwards mit einer Geste auf, fortzufahren.

„Ich möchte ihn für diesen Fall anfordern.“

„Sie?“ DeFries stellte die Tasse Kaffee zurück auf den Untersetzer aus weißem Porzellan. „Warum wollen Sie das tun?“

„Er ist ein guter Mann. Er könnte mir nützlich sein.“

DeFries legte die Fingerspitzen aneinander. „Es hat nicht zufällig etwas mit Inspector Kippwell zu tun? Wenn Sie ihm nur eins auswischen wollen … dann werde ich das ganz sicher nicht unterstützen.“

„Nein, es geht nicht um Kippwell. Der ist mir völlig gleich.“

„Wenn ich das befürworte, würde ich die ohnehin schon angespannte Lage zwischen Ihnen und Inspector Kippwell unnötig verschärfen. Außerdem ist Sergeant Dyers schon für eine andere Aufgabe vorgesehen.“

„Ach ja? Welche?“

DeFries lehnte sich zurück. Seine Augenbraue zuckte. „Das geht Sie nun wirklich nicht das Geringste an, Inspector.“ Dann nahm er die Tasse und nippte am Kaffee, bevor er sagte: „Wenn Sie einen Assistenten brauchen, gebe ich Ihnen Sergeant Fulston.“

„Fulston?“ Edwards kniff die Lippen zusammen. „Der stolpert doch über seine eigenen Füße.“

„Er ist übereifrig und dadurch ein bisschen tollpatschig“, stimmte DeFries zu, „aber unter Ihrer Führung, Robert, wird er schnell lernen. Haben Sie Nachsicht. Sie haben auch mal klein angefangen.“

Edwards versuchte es erneut. „Aber Dyers hat bereits an dem Fall gearbeitet. Er kennt die Akten. Er verdient diese Chance.“

„Ich habe Ihnen meine Entscheidung mitgeteilt. Wenn sie Unterstützung wollen, dann gebe ich Ihnen Fulston. Jemand anderen habe ich nicht für Sie.“

Edwards knirschte mit den Zähnen. Er war es nicht gewohnt, klein beizugeben, wusste aber auch, dass jedes weitere Wort verschwendet war.

„Haben Sie mit den Ermittlungen begonnen?“, fragte DeFries.

„Die Akten geben nicht allzu viel her. Estelle Wiggins, Kind aus gutem Haus. Behütet aufgewachsen. Musikalisch, ein lebensfrohes Mädchen. Bevor ich herkam, war ich nochmal am Haus ihrer Eltern. Ihr Vater ist in Indien und ihre Mutter soll in einem Sanatorium in Brighton sein.“

„Das klingt so, als wäre sie es nicht.“

„Nein. Ich traf die Haushälterin und sie ließ mich ins Haus und ich konnte mich ein wenig umsehen.“ Er griff in seine Manteltasche und zog ein paar Briefe heraus, die er DeFries reichte. „Die habe ich gefunden.“

Während DeFries den ersten Brief öffnete, erklärte Edwards: „Sie ist hier. In London. Man hat sie in eine Irrenanstalt gesteckt.“

Jeder der Umschläge trug den Absender St. Bethlem. Lambeth Road.

„Und ihr Mann bezahlt die Behandlungskosten nicht.“ Edwards suchte den passenden Brief und tippte mit dem Finger darauf. „Sie schreiben, dass sie gezwungen wären, Mrs. Wiggins in einen anderen Trakt zu verlegen, wenn die Zahlungen nicht fortgeführt würden und hier: Sie haben die Behandlung eingestellt.“ Edwards ließ den Brief fallen. Er war wütend. „Ich würde sagen, die haben sie weggesperrt und vergessen.“

Er kannte die Waisen und Armenhäuser der Stadt und wusste nur zu gut, dass ein Menschenleben dort nichts zählte. Eine Irrenanstalt war ihm selbst bisher erspart geblieben, aber die Gerüchte genügten, um sie für den schrecklichsten Platz auf Erden zu halten.

„Glauben Sie, der Tod ihrer Tochter hat sie in den Wahnsinn getrieben?“, fragte DeFries.

„Möglich. Aber vielleicht hat Mr. Wiggins auch nur eine elegante Gelegenheit gesehen, seine Frau loszuwerden. Wie auch immer. Ich werde sie besuchen.“

„Gibt es noch irgendetwas Neues wegen Madame Yin?“

„Ich wollte gleich zu ihrem Haus in die Newcomen Street fahren, um mich da etwas umzusehen.“

„Nun gut. Halten Sie mich auf dem Laufenden, Robert.“

„Mach ich das nicht immer, Sir?“

„Nein, eigentlich machen Sie das nie.“

Edwards wandte sich zum Gehen, doch DeFries hielt ihn auf. „Sergeant Fulston ist in seinem Büro.“

„Ich habe nicht gesagt, dass ich ihn nehme, Sir.“

„Nein, das haben Sie nicht. Aber da das Gespräch schon auf ihn gekommen ist, halte ich es für eine gute Sache. Fulston wird Ihnen nützlich sein, außerdem kann es ihm nicht schaden, wenn er ein wenig Erfahrung sammelt.“

„Aber, Sir … ich …“

„Guten Tag, Inspector.“

Edwards ließ theatralisch den Kopf sinken. „Wie Sie meinen, Sir.“ Er schloss die Tür hinter sich.

Fulston tat ihm jetzt schon leid. Er selber war ein grauenhafter Untergebener gewesen und glaubte nicht, dass er als Vorgesetzter besser sein würde. Mit Riesenschritten stapfte er in das Büro seines neuen Sergeant. „Fulston!“, donnerte er mit tiefer Stimme.

„Sir!“ Der junge Polizist fuhr erschrocken zusammen. Ein paar Aktenblätter wirbelten um ihn herum und segelten nun langsam zu Boden. Die Augen hinter den runden Brillengläsern wirkten riesengroß.

„Klopfen Sie sich den Staub ab, Sergeant. Sie kommen jetzt mit mir. Chief Inspector DeFries hat Sie mir zugeteilt.“

„Ihnen, Sir?“ Fulston bekam hektische Flecken. Ein Gang zum Schafott hätte für ihn vermutlich nicht schrecklicher sein können, wie Edwards grinsend feststellte.

„Wir werden sicher gut zusammenarbeiten. Ich freue mich schon darauf, Sie in Aktion zu erleben.“

„Ich … ich … hab … noch zu tun … Sir. Diese Akten …“

Edwards nahm eine davon vom Stapel und sah auf den Deckel. „1870? Die Fälle sind ja uralt. Kommen Sie, ich habe etwas Aktuelleres für Sie.“

Ohne auf den erneuten Protest zu achten, ging Edwards aus dem Büro hinunter ins Foyer.

„Wohin fahren wir denn?“ Fulston beeilte sich, Schritt zu halten, während er versuchte, den rechten Ärmel seines Mantels zu erwischen.

„Zuerst nach Bedlam.“

„Was tun wir denn da?“

„Sie gar nichts. Sie warten, während ich mit Mrs. Wiggins spreche.“

„Sie ist im Irrenhaus? Was wollen Sie denn da erfahren?“

Edwards blieb abrupt stehen und sah seinen Sergeant strafend an. „Das werde ich Ihnen wohl erst sagen können, wenn ich mit Ihr gesprochen habe.“

„Natürlich, Sir.“

Edwards ging weiter. „Danach fahren wir nach Lambeth.“

„Was? Lambeth? Wieso denn ausgerechnet da hin?“

„Was wissen Sie über den Fall, Sergeant?“

„So gut wie gar nichts, Sir.“

„Sie können sich in die Akten einlesen, während ich mit Mrs. Wiggins rede. Gehen Sie und holen Sie die Akte aus meinem Büro, sie liegt auf meinem Schreibtisch.“

Als Fulston mit der Akte wieder zurückgeeilt kam, sprach Edwards weiter, als wäre dieser gar nicht weg gewesen. „Also, das zweite Opfer hieß Madame Yin. Sie war eine Größe in der Londoner Unterwelt. Prostitution, Opium und was weiß ich noch alles. Sie war sehr umtriebig. Sie wohnte in Lambeth und da werden wir uns mal umsehen.“

„Wenn Sie meinen, Sir.“

„Jetzt machen Sie mal nicht so ein Gesicht. Sie werden da nicht gleich gefressen. Wir ermitteln ein wenig, befragen die Leute, vielleicht nehmen wir jemanden fest, oder wir schlagen ein paar Köpfe aneinander. Sie werden sehen, es wird Ihnen gefallen.“ Edwards freute sich diebisch über die Panik, die in Fulstons Gesicht fröhliche Kapriolen schlug.

„Köpfe zusammenschlagen?“

Edwards grinste. „Sind Sie bewaffnet?“

„Bewaffnet? Nein, Sir.“

„Wo ist denn Ihre Waffe?“

„Ich … ich besitze keine.“

„Das ändern Sie bis morgen. Verstanden?“

„Aber ich kann nicht schießen.“

Edwards wischte die Bemerkung beiseite. „Das lernen Sie schnell. Keine Sorge. Ich werd's Ihnen zeigen.“

Fulston nickte stumm.

Während sie die Stufen zum Foyer hinabstiegen, musste Edwards an Dyers denken. Der Mann hätte sein rechtes Bein und seine rechte Hand dafür gegeben, um an den Ermittlungen beteiligt zu werden. Es tat Edwards leid, ihn enttäuschen zu müssen, und er beschloss, ihn persönlich über die Absage zu informieren.

Sie steuerten gerade auf den Ausgang zu und hatten die Tür schon fast erreicht, als Doktor Aegelwoods Assistent aus dem Keller heraufkam. „Ah, Inspector Edwards!“ Er lief ihnen nach.

„Morgen, Willoughby. Was gibt es denn so Dringendes?“

„Es geht um die Tote. Madame Yin. Der Doktor hat die Untersuchungen abgeschlossen.“

„Sehr gut. Hören wir mal, was uns der gute Doktor zu sagen hat. Kommen Sie, Fulston.“

„In den Leichenkeller?“ Sofort kamen die hektischen Flecken zurück.

„Keine Angst. Die da unten werden Sie schon nicht beißen. Es sei denn Dr. Aeglewood hat mal wieder einen schlechten Tag. Dann würde ich ihm allerdings nicht die Hand geben.“

„Meinen Sie, Sir?“

„Unbedingt.“

Sie betraten die Kellerräume, in denen es nie wärmer als zwölf Grad wurde, und folgten einem langen Flur aus weiß gekalkten Backsteinen. Gaslampen beleuchteten die Wände.

Willoughby führte die beiden Beamten durch eine Doppeltür, die beim Hin- und Herschwingen leise quietschte, in einen mit weißen Fliesen gekachelten Raum. Hier lagen vier Leichen auf Bahren aus Metall. Saubere Leinenlaken bedeckten die Körper.

Es war so still, dass jedes laute Geräusch wie ein Sakrileg erschien.

In solchen Momenten geschah es, dass die Toten die Lebenden daran erinnerten, dass sie da waren.

Dann glucksten und blubberten sie. Manche rülpsten sogar, wie nach einem guten Essen. Faulgase waren dafür verantwortlich. Aeglewood hatte eine poetischere Bezeichnung dafür gefunden: Die Toten sangen ein letztes Mal.

Er erwartete sie bereits.

Seine Nase war tiefrot und wund, als sie näher traten, schnäuzte er sich zum wiederholten Mal in ein Taschentuch. „Meine Herren. Ich bin mit Yins Untersuchung fertig.“ Dann stockte er. „Sergeant Fulston? Ist Ihnen nicht wohl?“

„Geht … schon“, brachte dieser nur mühsam heraus.

Aeglewood sah ihn zweifelnd an. „Wollen Sie sich lieber setzten?“

„Nein, es geht mir gut, wirklich“, blieb Fulston hartnäckig, „es ist nur dieser … Geruch.“

„Irgendwann gewöhnt man sich daran.“ Mit diesen Worten zog Aeglewood das Leichentuch beiseite, damit sie einen Blick auf den nackten Leib der Toten werfen konnten.

Ihre Haut wirkte merkwürdig weiß, nur an der Unterseite ihres Körpers hatten sich große dunkle Flecken gebildet. Ihr Mund stand ein wenig offen, sodass Edwards die Zunge zwischen den Zähnen sehen konnte. Ihr Haar schimmerte feucht. Auf ihn wirkte sie, als wäre sie in der Badewanne eingeschlafen.

„Der Mörder hatte sie geknebelt, vermutlich mit einem ähnlichen Knoten wie dem, mit dem er sie später tötete. Ich fand Reste davon zwischen ihren Zähnen. Irgendein grobes Material. Hanf, möglicherweise. Es stammt jedenfalls nicht von dem gelben Tuch.“

Aeglewood ging um die Leiche herum und hob ihren rechten Arm. „Hier sind Male. Von der Position her würde ich vermuten von Fingern. Sie wurde hart angefasst. Vom Abstand her bin ich mir sicher, dass es eine Männerhand war. Zudem wurde sie gefoltert.“

„Gefoltert?“

Aeglewood nahm eine Lupe zur Hand und beugte sich über Madame Yins Bauch. „Hier. Wenn man genau hinsieht, kann man feine Einstiche erkennen. Ich vermute Nadeln, wie sie zum Nähen von Leder verwendet werden. Sie sind nicht tief, aber zahlreich. Ich habe an die achtzig gezählt. Am Bauch, an den Innenseiten der Schenkel und an den Brüsten. Die Einstiche haben kaum geblutet, was mich darauf schließen lässt, dass die Nadeln glühend heiß waren, ehe sie ins Fleisch gestoßen wurden.“

„Wurde sie auch … na ja … du weißt schon?“

„Nein. Im Genitalbereich konnte ich keine Verletzungen feststellen.“

„Yin wurde gefoltert. War das bei Estelle Wiggins auch der Fall?“

„Ich habe die Untersuchung nicht durchgeführt, aber in den Akten meines Kollegen steht davon nichts. Nur die Todesursache ist identisch.“

„Seltsam. Der Mörder tötet beide, aber quält nur eine?“

„Ja, so sieht es aus.“

„Aber warum?“

„Vielleicht hat er Geschmack daran gefunden, sie erst zu quälen und dann zu töten.“

„Du glaubst, es bereitet ihm mehr und mehr … Freude?“

Aegelwood zuckte mit den Achseln. „Es wäre nicht das erste Mal.“

Edwards verzog die Lippen und nickte.

Nachdem sich die beiden Polizisten von Aeglewood verabschiedet hatten, bestiegen sie eine der Kutschen vor Whitehall und fuhren los. Die Luft flirrte vom Nieselregen. Der Geruch von nassem Leder und den typischen Ausdünstungen eines Pferdes kribbelten Edwards in der Nase. Er dachte an Madame Yin. Wer hatte sie zuletzt gesehen? Wen hatte sie gesprochen?

Wie weit reichte ihr Netzwerk und wer würde jetzt am meisten von ihrem Tod profitieren? Vielleicht war Estelle Wiggins nur eine unliebsame Zeugin gewesen? Zur falschen Zeit am falschen Ort. Aber ein Mädchen aus feinem Haus und eine Bordellbesitzerin – wo war der Zusammenhang? Gab es überhaupt einen? Vielleicht sollte Estelles Tod auch nur vom eigentlichen Ziel ablenken, das Madame Yin hieß. Schließlich war sie die ungekrönte Opiumkönigin von Lambeth, Spitalfields und Whitechapel gewesen.


The City of London Zur selben Zeit

Celeste und Dorothea waren mit der Kutsche nach Norden gefahren, die Park Lane entlang und waren dann in die Oxford Street eingebogen. Sie kamen am Princess Theatre vorbei, in dem das Stück Drink gespielt wurde. Die Hauptrolle spielte ein gewisser Charles Warner, der ernst von einem der Plakate neben dem Eingang herabschaute. Ansonsten reihten sich Geschäfte an Geschäfte. Der feine Regen fiel auf die zahlreichen Markisen, die fast bis an die Straße reichten. Der Union Jack hing nass von zahlreichen Fahnenstangen herab.

Celeste fühlte sich wie eine Forscherin, die staunend eine ihr fremde Welt erkundete und alle Eindrücke aufsog wie ein Schwamm. Obwohl die Stadt ihr einerseits vertraut erschien, so war sie ihr andererseits auch fremd. Alleine schon die Tatsache, dass die Kutschen in London auf der falschen Straßenseite fuhren, irritierte sie. Die schiere Zahl der Gefährte ähnelte allerdings der in New York oder Chicago. Dazu waren die Gehwege voller geschäftig umher eilender Menschen. Dienstboten und Arbeiter, dazwischen Straßenkehrer und Mistsammler. Reiche Gentlemen in schwarzen Mänteln und sauber geputzten Schuhen, die durch die Nässe langsam stumpf wurden, blieben an den Schaufenstern von John Lewis, Swears & Wells und dem Schuhmacher Manfield & Sons stehen.

In den Schaufenstern von Wallis & Co. sah Celeste edle Kleider für die Abendgala, die Oper oder das Theater, dazu Hüte in allen Formen und Farben, geschmückt mit Federn von Krähen, Pfauen und Papageien.

Bei John Collier standen Schaufensterpuppen aus Mahagoni. Sie trugen Smokings und gestärkte Hemden mit Salisbury- oder Mornington-Kragen. Natürlich alles passgenau und von Hand gefertigt, wie es ein Schild im Fenster verkündete.

Celeste verdrehte sich den Hals, alles war so vertraut und gleichzeitig so ganz anders als zu Hause. Werber, die große Plakate umhertrugen, liefen über die Straße und machten mit einer Glocke auf sich aufmerksam.

„Kaufen Sie Romleys Mundwasser! Mundwasser von Romley! Kaufen Sie … nur hier die Seife mit Rosenduft!“, plärrte ein anderer dazwischen, „Rosenduft Seife! Für Ihre Lieben, für sich selbst! Tun Sie sich etwas Gutes und kaufen Sie … Rosenseife!“ Die Stimme verlor sich im allgemeinen Lärm der Straße, als die Kutsche weiterfuhr.

Pferdeomnibusse rumpelten schwerfällig vorbei. Celeste kannte sie aus Chicago und hasste sie. Sie waren immer hoffnungslos überfüllt, ständig trat einem jemand auf die Füße und sie schaukelten so entsetzlich, dass sie einmal fast seekrank geworden wäre.

Bei einem der Blumenmädchen am Picadilly Square kaufte Celeste einen kleinen Strauß Primeln für ein paar Pence. Zumindest hoffte sie, dass sich das Mädchen nur ein paar Pence genommen hatte. Celeste verwirrte das fremde Geld, die englischen Münzen ähnelten sich zu sehr.

Den Strauß schenkte sie Dorothea.

Inzwischen war es Mittag geworden. Der Regen hatte sich so schnell verzogen, wie er gekommen war, die Sonne brach durch die Wolken und Dorothea führte Celeste in ein kleines Café in eine der Seitenstraßen, nicht weit von Picadilly entfernt. Sie saßen unter einer großen Markise und hatten Glück, noch einen freien Tisch bekommen zu haben. Ein paar Straßenmusikanten, die in der Nähe unter einer Laterne standen, spielten die Serenade von Franz Schubert.

Dorothea bestellte heiße Crumpets und Ingwertee für sie beide.

Ingwertee. Celeste mochte den scharfen Nachgeschmack nicht, trotzdem nippte sie tapfer an der Tasse, was ihr sofort leidtat. Die Schärfe des Ingwers brannte in der Kehle. Sie verzog das Gesicht. Dorothea kicherte leise. „Schmeckt er Ihnen nicht?“, fragte sie unschuldig.

„Ich glaube, wenn es nur noch Ingwertee zu trinken gäbe, würde ich verdursten.“

Nun kicherte Dorothea so laut, dass sich ein paar der anderen Gäste nach ihnen umdrehten.

Sie errötete, senkte den Kopf zwischen die Schultern und wurde still. Nach einer Weile sagte sie: „Sie wissen so viel über mich. Aber ich weiß gar nichts über Sie.“

Celeste stocherte in ihrem Crumpet und antwortete ohne aufzusehen. „Da gibt es nichts zu erzählen.“

„Sind Sie verheiratet?“

Nun sah Celeste auf. „Nein.“

„Warum denn nicht?“

Celeste zupfte ein welkes Blatt von dem Primelstrauß, der zwischen ihnen auf dem Tisch lag. Sie konnte Dorothea nicht sagen, dass sie sich deswegen mit ihrer Familie überworfen hatte und dafür sogar verstoßen wurde. „Das ist ein heikles Thema.“

Dorothea ließ nicht locker. „Warum ist das heikel?“

„Iss deinen Crumpet.“

Ein Zeitungsjunge kam vorbei. Er trug einen Stapel Zeitungen auf dem Arm und hielt eine hoch in die Luft gestreckt.

„Lesen Sie alles über die Tote in der Themse! Alles in der Illustrated Police News! Die Themsebestie tötet wieder! Lesen Sie alles im Innenteil! Themsebestie mordet wieder! Lesen sie den Augenzeugenbericht! Police News!“

Der Junge blieb stehen und hielt Ausschau nach Kundschaft. Ein beleibter Mann am Nachbartisch winkte ihn heran und kaufte eine Zeitung.

Dann war der Junge auch gleich weiter und versuchte sein Glück woanders.

Der Kellner kam. „Sind die Damen zufrieden? Darf ich noch etwas bringen?“ Er trug ein sauber gefaltetes Serviertuch über dem angewinkelten Arm.

„Haben Sie Kaffee?“, fragte Celeste und schob den Ingwertee demonstrativ von sich.

Der Kellner bemerkte es, lächelte aber gleichbleibend höflich. „Selbstverständlich, Madam.“

„Dorothea?“ Das Mädchen hörte nicht. Celeste beugte sich vor und berührte Dorothea am Arm. „Hörst du? Möchtest du auch eine Tasse Kaffee?“

Aber Dorothea starrte mit weiten Augen auf die Titelseite der Illustrated Police News, die der Mann am Nebentisch aufgeschlagen hatte.

Die Überschrift lautete „Themsebestie mordet wieder“. Darunter waren die gezeichneten Porträts zweier Frauen zu sehen. Die eine war jung, die andere älter und offensichtlich Asiatin.

„Estelle“, keuchte Dorothea, sprang auf und riss dem verdutzten Gast die Zeitung aus der Hand. Ihr Blick flog über das Papier. Ihr ganzer Körper wurde dabei von einem Zittern erfasst, das immer stärker wurde. Schließlich schrie Dorothea grell auf. Ihre Hände zerknüllten das Papier und sie stürzte weinend zu Boden. „Estelle. Nein, nein, nein.“

Celeste war sofort bei ihr, umfasste ihre Schultern und lehnte sie gegen sich. „Shht, shht, alles gut. Es ist alles gut.“

Der Kellner stand fassungslos da. Andere Gäste verrenkten sich den Hals, nur der Mann mit der Zigarre starrte sie wütend an und polterte los. „Ist die hysterisch geworden, oder was?“

Celeste fuhr ihn an. „Seien Sie still! Ein Glas Wasser!“ Keiner rührte sich. Sie starrte den Kellner an. „Ein Glas Wasser, haben Sie mich nicht gehört?“

Dorothea schluchzte und weinte und bekam kaum Luft, ihr Gesicht war rot geworden.

„Gibt es hier ein Problem?“ Ein Bobby war durch den Lärm aufmerksam geworden.

„Sie schickt der Himmel, guter Mann“, sagte Celeste, die Dorothea fest an sich drückte und ihr dabei sanft über den Kopf strich. „Würden Sie uns bitte eine Kutsche besorgen?“

Der Bobby nickte. „Sie sollten sie zu einem Arzt bringen.“

„Das wird nicht nötig sein. Ihr ist nur … schwindelig geworden.“

„Schwindelig?“ Der Mann mit der Zigarre schnaufte spöttisch. Celeste starrte ihn wütend an. Ihre zusammengekniffenen Augen verrieten, dass sie sich nur zu gern mit ihm angelegt hätte.

Der Mann zog es vor, nichts mehr zu sagen und sich hinter den Resten seiner Zeitung zu verstecken.

Der Kellner brachte das Glas Wasser, aber Dorothea wollte nichts trinken. Sie schlug ihm das Glas aus der Hand, das auf dem Pflaster zersplitterte.

„Bitte“, sagte Celeste flehend an den Polizisten gewandt und drückte gleichzeitig dem Kellner achtlos ein paar Münzen in die Hand.

„Na schön, wie Sie meinen. Aber ich denke, sie bräuchte wirklich einen Arzt.“ Ohne auf ihre Antwort zu warten, trat er an die Straße und winkte die erste freie Hansom-Kutsche heran.

Dann half er Dorothea beim Einsteigen.

„Danke“, sagte Celeste, setzte sich und schloss die Tür.

„Jederzeit zu Diensten, Ma'am“, sagte der Bobby und salutierte flüchtig. „Passen Sie gut auf sie auf.“

„Das werde ich.“

Die Kutsche rollte an und reihte sich in den Verkehr ein. „Wohin, Lady?“, fragte der Kutscher.

„Park Lane und beeilen Sie sich.“

Celeste lehnte Dorothea an ihre Schulter und nahm sie tröstend in die Arme. Das Mädchen schluchzte und wimmerte leise, hatte sich sonst aber beruhigt. Jetzt weiß sie es also, dachte Celeste bitter. Auf diese Weise hätte sie es nicht erfahren dürfen.

Sie beschloss, das Mädchen nach Hause zu bringen. Celeste sah sich genötigt, etwas zu unternehmen. Der Mörder von Estelle Wiggins hatte ein weiteres Mal zugeschlagen. Sie warf einen verstohlenen Blick auf das Stück Zeitung, das sie eingesteckt hatte. Da stand ein Name. Madame Yin. Sie würde herausfinden, wer das war.


St. Bethlehem Royal Hospital Eine Stunde später

„Bedlam“, hatte er dem Kutscher gesagt und der wusste sofort, was Edwards damit meinte. Jeder wusste das.

Das Bethlehem Royal Hospital für Geisteskrankheiten. Es war ein schrecklicher Ort, obwohl er eigentlich der Gesundung dienen sollte. Kaum jemand, der dort eingeliefert wurde, fand jemals wieder den Weg zurück in die Freiheit. Es gab Gerüchte. Von Schlägen und sadistischen Wärtern war die Rede. Man sprach von Eisbädern, bei denen die Patienten auf Stühle geschnallt wurden, um sie dann rücklings in ein mit Eiswasser gefülltes Becken zu tauchen. Der Moment des Schocks sollte dem Geist Linderung verschaffen.

Gewalttätige Patienten wurden tagelang ans Bett gefesselt oder auf Jahre hinweg in Einzelzellen gesteckt. Zahlende Besucher sollten die „Irren“ bestaunen dürfen, wie Tiere hinter Gittern. Ein wenig Grusel für ein paar Schillinge. An all das musste Edwards denken, während sie sich dem Gebäude mit der gewaltigen Kuppel näherten. Sie fuhren auf ein eisernes Tor zu, das den weiteren Weg versperrte und die Kutsche zum Anhalten zwang. Links und rechts erhoben sich hohe Backsteinmauern.

Edwards fühlte eine unangenehme Nervosität in seinen Eingeweiden rumoren.

Er stieg aus. „Warten Sie“, sagte er zu dem Fahrer und dann zu Fulston: „Ich bin in einer Stunde zurück. Arbeiten Sie sich solange in den Fall ein.“

„Jawohl, Sir.“

Eine Windböe spielte mit einem Fetzen Papier und Blätter raschelten an einer knochigen Buche.

Edwards schritt auf das Tor zu. An den Nieten schimmerten rostrote Flecken wie Blut.

Er zog an einer Klingelschnur, die neben dem Tor hing. Irgendwo dahinter hörte er es läuten. Schritte folgten, dann wurde eine Klappe in dem Tor geöffnet und feuchte Augen mit schlaffen Lidern starrten ihn an. „Ja?“

„Mein Name ist Inspector Robert Edwards. Scotland Yard.“ Er kramte in seinem Mantel nach dem Ausweis und zeigte ihn. „Ich möchte mit einer Patientin sprechen. Judith Wiggins.“

„Mmh“, machte der Pförtner.

„Es ist wichtig.“

Der Mann starrte weiter, ohne sich zu regen.

„Verdammt nochmal.“ Edwards verlor die Geduld und wurde lauter. „Ich weiß, dass sie hier ist. Diese Briefe habe ich im Haus der Familie Wiggins gefunden. Sie wurden von einem Doktor West unterschrieben. Also lassen Sie mich rein.“

„Warten Sie.“ Die Klappe schloss sich wieder und Edwards kniff vor Wut die Lippen zusammen. Etwas hilflos sah er zu Fulston, der aber auch nur mit den Schultern zucken konnte.

Edwards fühlte sich wie ein Trottel und er zog abermals an der Klingelschnur. Nichts geschah.

Ein paar Minuten vergingen, bis er hörte, wie das Tor entriegelt und schließlich geöffnet wurde. Der Pförtner ließ ihn eintreten. Der Mann war klein und schmächtig. Im Gegensatz dazu trug er eine viel zu große blaue Uniform mit glänzenden Messingknöpfen. „Da entlang“, sagte er und zeigte auf das Hauptgebäude.

Das Tor schlug mit einem lauten Knall hinter Edwards zu.

Er folgte dem gepflasterten Weg, den der Pförtner ihm gewiesen hatte. Das gab ihm Gelegenheit, sich umzusehen. Ein paar der Patienten kümmerten sich um den Garten. Dabei wirkten sie wie lebende Tote, die sich mühsam durch die Beete schleppten. Einer stand nur da und starrte ins Nichts. Er rührte keinen Muskel und blinzelte nicht einmal.

An jeder Tür gab es Posten, die Edwards mit kritischen Blicken musterten. Im Gegensatz zu dem Pförtner waren sie von großer, massiger Gestalt mit mitleidlosen Gesichtern.

Sie hielten ihre Knüppel in den Händen und schienen bereit zu sein, sofort loszuschlagen.

Der Haupteingang lag hinter einer offenen Vorhalle, die von griechischen Säulen getragen wurde. Als er die Stufen hinaufging, entdeckte er links und rechts zwei Statuen, die Melancholie und Wahnsinn verkörperten.

Edwards spürte, wie es ihm kalt den Rücken hinab lief.

Die Tür öffnete sich. Ein Mann mittleren Alters in einem weißen Kittel kam auf ihn zu.

Eine runde Brille klemmte auf seiner Nase. Er streckte Edwards die Hand entgegen.

„Doktor Hubert West. Bitte verzeihen Sie, dass Sie warten mussten.“

„Inspector Edwards. Scotland Yard.“ Seine schlechte Laune war noch nicht gänzlich verraucht.

Doktor West deutete auf die Tür und öffnete sie für Edwards. „Bitte. Treten Sie ein. Der Portier sagte, Sie möchten mit Judith sprechen?“

„Mrs. Wiggins. Ja. Wenn das möglich ist. Es geht um ihre Tochter.“

„Mhh. Ein tragischer Fall.“

„Sie wissen also, was mit ihrer Tochter geschehen ist?“

„Ja, natürlich. Diese arme Person. Der Tod ihrer Tochter war mehr, als ihr Geist ertragen konnte.“

„Sind Sie ihr behandelnder Arzt?“

„Nein, das ist Doktor Dillingsgate, aber ich führe Sie gerne zu ihm, wenn Sie das wünschen.“

Edwards nickte.

Sie folgten einem Gang, der mit weißen und schwarzen Fliesen gekachelt war. Links und rechts führten breite, marmorne Treppen in ein großes Treppenhaus. Überall gab es schwere Gittertüren.

Die hohen Decken vervielfachten das Stöhnen und die vereinzelten Schreie. Sie schienen von überall her auf Edwards einzudringen. In der Ferne klapperte etwas Metallisches zu Boden, eine Tür fiel ins Schloss, Schlüssel klirrten.

Edwards zog es den Magen zusammen. Doktor West stieg eine der Treppen hinauf. Zwei Pfleger, bullige Kerle mit harten Gesichtern und Händen wie Schaufeln, kamen ihnen entgegen. Beide trugen ihre Knüppel am Gürtel.

„Sagen Sie, Doktor West … Ist es unbedingt notwendig, die Patienten derart bewachen zu lassen?“

Der Doktor blieb kurz stehen und musterte ihn, als wäre Edwards nun verrückt geworden.

„Sagen Sie mir, lassen Sie die Zellen auf der Wache auch offenstehen, weil es unmenschlich ist, einen Menschen einzusperren?“

Bevor Edwards über eine Antwort nachdenken konnte, fuhr der Arzt fort: „Es dient unserer eigenen Sicherheit und der Sicherheit dieser Stadt. Ein Mensch, der in seinem Wahn gefangen ist, stellt für alle, auch für sich selbst, eine gefährliche Bestie dar. Wir verhindern, dass sie ungehindert wüten kann, nichtsdestoweniger bemühen wir uns natürlich darum, der armen Seele Linderung und wenn möglich Heilung zu verschaffen.“

Die Ausführungen klangen in Edwards Ohren wie auswendig gelernt. „Verstehe“, sagte er knapp.

Sie erreichten eine Tür, auf der Laboratorium stand. Doktor West klopfte flüchtig und öffnete.

„Doktor Dillingsgate“, sagte er in den Raum hinein. „Ein Inspector Edwards ist hier. Er möchte mit Ihnen über Judith sprechen.“

„Ausgerechnet jetzt?“, kam die barsche Antwort.

„Ich denke, Sie sollten sich die Zeit nehmen. Es geht um Judiths Tochter.“

„Also gut denn. Ich lasse bitten.“

West trat einen Schritt beiseite und machte Edwards Platz. „Sollten Sie mich brauchen, Inspector – Sie finden mich unten in meinem Büro.“

Edwards nickte und betrat das Laboratorium. Ein stechender Geruch empfing ihn. Vielleicht Alkohol, vielleicht Ammoniak, oder eine Mischung aus beidem.

Die Fenster waren mit Bettlaken verhangen. Licht kam nur von zwei Lampen auf einem Tisch, auf dem ein Mikroskop stand. Der Lichtschein fiel schummrig in den Raum und fing sich in deckenhohen Regalen voller Gläser, die mit einer gelben Flüssigkeit gefüllt waren. Edwards erschauderte, als er genauer hinsah: In der Flüssigkeit schwammen abgeschnittene Hände ohne Fingerkuppen, Augen hingen wie tote Kaulquappen in ihrem Glas. Herausgeschnittene Gehirne füllten ein ganzes Regal. Manche groß, manche klein, alle beschriftet. In einem anderen Glas schwamm ein Fötus, wie im Leib der Mutter.

Obwohl es in dem Raum stickig und warm war, kroch Edwards eine Gänsehaut über die Arme.

Erst jetzt bemerkte er den Mann, der in einem hohen Schreibtischstuhl saß und ihn durch seine großen Brillengläser hindurch anstarrte. „Haben Sie genug gesehen?“, fragte er mit näselnder Stimme. „Meine Zeit ist überaus kostbar.“ Er hielt ein Skalpell in der Hand, das er nun auf dem fleckigen Tisch ablegte. Schneidwerkzeug jeglicher Art lag darauf ausgebreitet. Direkt vor ihm lag ein menschliches Gehirn auf einem Holzbrett, wie es in jeder Küche zu finden war.

Edwards trat näher und verschränkte die Arme hinter dem Rücken. Er mochte keine Ärzte und dieser abscheuliche Ort machte ihm auf das Deutlichste klar, warum dem so war. Es fiel ihm schwer, seine Gedanken zu ordnen und er musste sich zwingen daran zu denken, weswegen er hergekommen war.

„Doktor West sagte mir, Sie behandeln Judith Wiggins.“

„Das ist korrekt.“

„Ich muss mit ihr sprechen. Es geht um den Tod ihrer Tochter. Es gibt eine weitere Tote, die …“

„Mit ihr sprechen?“, fragte Dillingsgate höhnisch. „Judith ist in ihrer eigenen Welt und ich fürchte, ihr Verstand ist nicht mehr zu retten, also denke ich nicht, dass sie Ihnen behilflich sein kann.“

Edwards fixierte den Doktor. „Davon würde ich mich gerne selbst überzeugen.“

„Das steht Ihnen natürlich frei. Wir sind schließlich kein Gefängnis.“ Dillingsgate ließ sich gönnerhaft in seinen Stuhl zurücksinken, griff nach einer Schnur, die an der Wand hing und zog daran. „Es wird jemand kommen, der Sie zu ihr bringt.“

Er wollte sich schon wieder seiner Arbeit zuwenden, aber Edwards hob die Hand. „Nicht so schnell. Ich bin noch nicht fertig.“

Dillingsgate seufzte entnervt: „Was denn noch?“

„Wer hat Mrs. Wiggins zu Ihnen gebracht?“

„Das war ihr Mann.“

„Kommt Ihnen das nicht merkwürdig vor? Ihre Tochter stirbt und er hat nichts Besseres zu tun, als seine Frau in eine Irrenanstalt zu stecken, während er selbst nach Indien abreist?“

„Wir bevorzugen den Begriff Sanatorium“, korrigierte Dillingsgate, „und nein, es kommt mir nicht seltsam vor. Judiths Geist hat durch den Tod der Tochter sehr gelitten … Hysterie war die Folge. Eine Krankheit, von der viele Frauen betroffen sind. Mr. Wiggins sah keine andere Möglichkeit.“

„Und seine plötzliche Abreise?“

„Inspector. Wir sind eine Heilanstalt und nicht Thomas Cook. Wenn jemand verreisen will, fragen wir doch nicht nach dem Grund.“

Edwards spürte, wie die Adern an seinem Hals pochten. „Und dass er die Rechnungen nicht bezahlt? Ist das auch nicht Ihr Problem?“

Dillingsgate lächelte gequält. „Ich bin Arzt und nicht für die Verwaltung zuständig. Da fragen Sie den Falschen.“

„Ohne Geld sind wohl auch die Aussichten auf Heilung für Mrs. Wiggins gesunken, nicht wahr?“

„So ist es wohl. Eine medizinische Behandlung ist langwierig und das kostet nun einmal Geld, Inspector. Zu uns kommen viele Kranke mit dem Wunsch nach Heilung und leider kann es sich nicht jeder leisten die beste Behandlung zu erfahren. Wir können nicht alle retten.“

„Verstehe. Und Mrs. Wiggins? Was geschieht nun mit ihr?“

Dillingsgate lächelte, was seine Zähne im Schein der Lampen gelb erscheinen ließ. „Machen Sie sich keine Sorgen, Inspector. Es geht ihr gut. Ihre Hysterie ist unter Kontrolle.“

Edwards hatte eine bange Ahnung, was er damit meinen konnte. „Haben Sie mit ihr gesprochen? Über ihre Tochter?“

„Aber selbstverständlich. Ein sehr delikates Thema.“

„Hat sie denn etwas gesagt? Wo ihre Tochter hingegangen sein könnte? Wen sie traf? Hat sie Freunde erwähnt? Oder … Verehrer? War etwas vorgefallen? Vor dem Verschwinden von Estelle.“

„Das sind Dinge, mit denen befasse ich mich nicht. Ich sehe nur den Patienten. Es geht mir einzig und allein um den geistigen Zustand.“

„Aber ist es da nicht wichtig, den Grund für diesen Zustand zu kennen?“

Dillingsgate sah ihn freudig überrascht an. „Gut, Inspector. Eine wirklich ausgezeichnete Frage.“

Edwards wartete nur darauf, dass der Doktor vor Begeisterung in die Hände klatschte. „Und? Haben Sie auch eine Antwort für mich?“

„Inspector. Ich habe viele Patienten. Sehr viele. Wenn ich mich mit jedem ausführlich beschäftigen würde, bliebe für die anderen keine Zeit mehr.“

„Dann gestatten Sie mir die Frage, wie viel Zeit Sie mit Mrs. Wiggins verbracht haben.“

Der Doktor machte ein fragendes Gesicht. „Das weiß ich wirklich nicht mehr.“

Edwards wandte sich ab. „Natürlich nicht“, brummte er.

„Wie meinen?“

„Nichts. Schon gut. Eine Frage noch: Was genau ist vorgefallen, dass Mr. Wiggins sich genötigt sah, seine Frau herzubringen?“

„Wie schon erwähnt. Sie wurde hysterisch und griff ihn mit einer Schere an. Ich habe die Wunden gesehen. Judith war außer sich, als sie herkam. Sie hat getreten, gebissen und um sich geschlagen. Wir mussten ihr sogar eine Zwangsjacke anlegen.“

„Sie hatten keine Zweifel?“

„Nein, wieso sollte ich? Diese Form des Wahnsinns ist mir durchaus vertraut. Dieses Gehirn hier zum Beispiel. Es gehörte einem Mann. Dieser Mann hat ein Blumenmädchen zunächst gequält und dann erwürgt und das nur, weil sie seine Avancen zurückgewiesen hat.“ Sein hageres Gesicht leuchtete, als würde er über ein wunderbares Ereignis in seinem Leben sprechen. Er nahm eine seltsam gebogene Zange mit spitzen Enden in die Hand und öffnete sie soweit, dass er das Gehirn von einer zur anderen Seite umfassen konnte und so die Größe ermitteln konnte. „Bei meinen langjährigen Studien ist mir eine Besonderheit aufgefallen. Menschen kann man in zwei Gruppen einteilen. Solche, die von Grund auf ein gutes Naturell besitzen, und solche, die von Grund auf böse sind. Mir ist bewusst geworden, dass Mörder, Vergewaltiger und sonstige Kreaturen über ein recht kleines, fast schon degeneriertes Gehirn verfügen. Es ist zu klein und zu leicht, daher bin ich davon überzeugt, dass in einem solchen Gehirn kein Platz für Emotionen wie Mitgefühl und Verständnis vorhanden sein kann.“

„Und Mrs. Wiggins ist böse, weil sie ihren Mann angegriffen hat?“

Doktor Dillingsgate zuckte mit den Schultern. „Meine Untersuchungen lassen nur diesen Schluss zu. Doch sichere Gewissheit kann nur die Untersuchung ihres Gehirns geben. Aber bisher zeigt sie alle Anzeichen.“

In diesem Moment klopfte es und ein in weiß gekleideter Pfleger tat einen Schritt in den Raum.

„Ah gut, Dennis“, sagte Dillingsgate. „Der Inspector möchte Judith sprechen. Seien Sie so gut und bringen Sie ihn zu ihr. Oder … haben Sie noch weitere Fragen, Inspector? Wenn nicht, würde ich mich gern wieder meiner Arbeit widmen.“

„Nein, keine Fragen. Danke für Ihre Zeit.“ Edwards nickte dem Doktor zu und ging hinaus. Erst auf dem Flur, als die Tür hinter ihm geschlossen war, atmete er tief ein. Selbst die Luft hier, die ihm abgestanden und schwer vorkam, war ein kühlender Hauch im Vergleich zu dem unerträglichen Gestank, der im Laboratorium herrschte.

„Die Fraun sin' unden“, grunzte ihm der Pfleger entgegen. Edwards fühlte sich an einen Affen erinnert, der sich zum ersten Mal darum bemühte, einen menschlichen Laut hervorzubringen.

Sie erreichten eine eiserne Tür, die von einem Aufpasser bewacht wurde, der sie gelangweilt ansah, ihnen öffnete und wieder abschloss, nachdem sie hindurchgetreten waren.

Edwards betrat die Stufen, die in die Kellergewölbe hinab führten, und damit eine andere Welt, vielleicht sogar eine andere Zeit, in der Folter und Martyrium alltäglich waren. Gaslaternen, versteckt in Nischen und durch eiserne Gitter geschützt, beleuchteten den Treppenabgang. Er hörte Stöhnen, Weinen, Klagen. Frauen, die verzweifelt nach ihren Liebsten riefen. Dazwischen markerschütternde Schreie. Alles mischte sich zu einem Echo, das in den Ohren schmerzte. Schlimmer konnte es auch in der Hölle nicht sein.

Sie betraten ein Gewölbe, das weiß getüncht war. An der Decke blätterte die Farbe bereits. Spinnen hatten dazwischen ihre Netze gewebt. Es roch nach Schimmel, Nässe und Verzweiflung. Der Keller war riesig, es gab einen Hauptgang und zahlreiche Nebengänge und in jedem gab es zu beiden Seiten mehrere Türen.

Der Pfleger brachte ihn zu einem Gang, der mit einer römischen Acht markiert war, die man auf eine Schiefertafel gekritzelt hatte.

„Lings. Tür vier“, brummelte der Affenmann, wie Edwards ihn inzwischen bezeichnete. „Mach'n Se' schnell. Rufense, wennse was woll'n.“

Edwards gab keine Erwiderung, als er den Korridor betrat. Auf dem Boden lag dreckiges Stroh, das an seinen Sohlen kleben blieb. Ein paar verbeulte Eimer standen zusammengestapelt in einer Ecke.

Tür vier war wie alle anderen Türen aus Holz, mit Metallbeschlägen, einem kleinen vergitterten Fensterchen und einem schweren Riegel, der quietschte, als er ihn öffnete.

Der Raum dahinter war eine kleine Zelle, mit einer Steinpritsche als Lager und losem Stroh als Matratze. Licht fiel nur durch ein kreisrundes Loch in der Decke. Fast hätte er die Gestalt übersehen, die zusammengesunken in der Ecke kauerte. Strohreste und schmierige Klumpen klebten in dem verfilzten, blonden Haar. Das Kleid musste einmal teuer gewesen sein, jetzt war es zerrissen, starrte vor Schmutz und stank nach menschlichen Exkrementen.

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9783939990352
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