Читать книгу: «Die Zuschauer»

Шрифт:

Nathalie Azoulai

Die Zuschauer

Roman

Aus dem Französischen

übersetzt von Paul Sourzac


Die Originalausgabe erschien unter dem Titel

Les Spectateurs, P.O.L., Paris 2018.

Erste Auflage

© 2020 by Secession Verlag, Berlin

Alle Rechte vorbehalten

Übersetzung: Paul Sourzac

Lektorat: Tanja Ruzicska, Christian Ruzicska

Korrektorat: Peter Natter

www.secession-verlag.com

Gestaltung und Satz:

Julie Heumüller, p98a, Berlin und Marco Stölk, Berlin

ISBN 978-3-966390-20-0

eISBN 978-3-966390-21-7

Die Arbeit am vorliegenden Text wurde mit einem Stipendium des Deutschen Übersetzerfonds gefördert.

An meine Mutter

Fern, fern geht die Weltgeschichte vor sich,

die Weltgeschichte deiner Seele.

FRANZ KAFKA, Fragmente aus Heften und losen Blättern, 1922


INHALT

Kapitel I

Kapitel II

Kapitel III

EPILOG

ANMERKUNG DES ÜBERSETZERS

I

Man beobachtet sie wie einen Schmetterling, der sich eben erst auf eine Blume gesetzt hat. Alles hält den Atem an, man wartet, dass sie einen Schritt macht, einen ganz kleinen, einen einzigen Schritt. Die drei stehen im Kreis um sie, verharren reglos. Sie blickt nur ihn an. Setzt einen Fuß vor den anderen, doch noch bevor die Ferse den Boden berührt, knickt ihr rechtes Bein ein. Sie versucht, es erneut zu strecken, spannt den Fuß an, aber die Kraft, die sie aufbringt, reicht nicht bis zum Oberschenkel, und das ganze Bein gibt nach. Sie plumpst auf den Po zurück. Ihre Eltern seufzen, schütteln den Kopf, wenden sich ab.

Er nicht.

Er applaudiert ihr, lächelt sie an. Er ermutigt sie, wieder aufzustehen, streckt ihr die Hand entgegen, sagt, komm, nochmal, aber sie nimmt seine Hand nicht. Sie bleibt einige Sekunden im Schneidersitz, dann schwenkt ihr rechtes Bein nach innen, trifft aufs linke und verkeilt sich mit diesem, doch ihr Oberkörper bleibt kerzengerade. Wackelig, in fragilem Gleichgewicht, ist sie drauf und dran, auf die linke Seite zu kippen. Und so geschieht es, sie kippt.

Seine Mutter ist zur Stelle, kniet sich hin, richtet sie auf, dreht das rechte Bein nach außen, doch sobald sie die Hand zurückzieht, rotiert es wieder nach innen. Sie beginnt von vorn, das Bein auch. Ein hektisches Tauziehen setzt ein zwischen der Hand seiner Mutter und dem Knie seiner Schwester. Hör auf, meine Amazone zu ärgern!, sagt er, während er sich ganz dicht an sie schmiegt, direkt über dem Boden, so nah, dass seine Worte vom dicken Teppich geschluckt werden, so wie alles, was er ausspricht, wenn er nicht wirklich – oder nur von ihr – gehört werden will. Dieser Teppich birgt ihre Geheimnisse. Würde er stark genug geschüttelt, gäbe er sie vielleicht preis. Doch zum Glück versucht das niemand.

Er weiß, dass seine Mutter allein schon bei dem Namen Amazone Kinobilder vor sich sieht, Reifröcke an Pferdeflanken. Für einen Augenblick erstrahlt ihr Gesicht, sanft und wohlwollend wie sein eigenes. Dieser Vergleich gefällt ihr besser als der andere, den er manchmal bemüht, wenn er seine Schwester ein Stehaufmännchen nennt.

Sie hat es fast geschafft, sagt er.

Der Arzt sagt, sie soll nicht mehr aufstehen, antwortet sie.

Seid still!, es fängt gleich an, sagt sein Vater.


Am 27. November 1967, um 15 Uhr, gibt General de Gaulle, Präsident der Französischen Republik, eine Pressekonferenz. Die Veranstaltung dauert eineinhalb Stunden. Sie findet im Festsaal des Élysée-Palastes vor versammelten Journalisten statt, Männern in Anzug und Krawatte, wenigen Frauen mit Wasserwellen. Als hätten sich alle zu einem Tanztee eingefunden. Die Konferenz wird im Fernsehen und im Radio live übertragen. Zuerst geht es um England, das Pfund Sterling und den Gemeinsamen Markt. Um Zollschranken und Agrarreformen.


Ein Jahr zuvor will sein Vater einen Fernsehapparat kaufen, um die Geburt seiner Schwester zu feiern. Seine Mutter protestiert, spricht von leichtfertigen Ausgaben, im Wert eines Autos, trauert den großen Leinwänden des Kinos nach. Die ganze Fahrt über wiederholt sie, das Kino sei billiger und größer. Das Fernsehen verändert alles, entgegnet sein Vater. Angeblich sollen die Bilder sogar bald in Farbe sein. Wie aus der Pistole geschossen sagt sie, Becky Sharp, Jahrmarkt der Eitelkeiten, der erste Film in Technicolor, 1935. Mit Miriam Hopkins, erinnerst du dich an sie? Eine außergewöhnliche Schauspielerin, ihre Paillettenkleider, ihr platinblondes Haar, übrigens schöner in Schwarzweiß als in Farbe, in Becky Sharp war ihr Haar zu gelb, während es vorher wie Phosphor leuchtete. Bette Davis’ große Rivalin, ergänzt sie, aber sein Vater hört ihr nicht mehr zu. Er hält ihr nur die Tür auf, lässt sie als Erste das Geschäft betreten, doch gleich im Mittelgang beschleunigt er seinen Schritt und überholt sie.

Er zögert, weiß nicht, ob er mit ihm beschleunigen oder langsamer gehen soll, um den Erzählungen seiner schwangeren Mutter zu lauschen, die in ein blassrosa Kleid gezwängt ist, so eng, dass ihr Bauchnabel sich abzeichnet, wie eine Brustwarze unter dem Jersey drückt. Was für eine Hitze!, seufzt sie. Maria kann einfach keine Umstandskleidung nähen. Doch er ahnt, dass nur sie für dieses zu knappe Kleid verantwortlich ist und selbst einen Monat vor der Entbindung nicht verzichten kann auf Kräuselfalten, Abnäher und Gürtel, die die Taille betonen.

Sie warten im Elektrowarengeschäft. Hier haben sie auch den Kühlschrank gekauft, das Transistorradio, jedes Mal mit diesem grandiosen Gefühl, die Spitze des Fortschritts zu erreichen, sich wie die Amerikaner auszustatten. Seine Mutter schaut weniger auf die Geräte als auf die anderen Jungen in seinem Alter, die zwischen den Abteilungen umherschlendern. Er weiß, dass sie ihn vergleicht, wo immer sie sich aufhält, dass sie prüfen will, ob er wie seine Altersgenossen ist oder anders. Nur durch sein Haar unterscheidet er sich, krause Locken, die sich über seinem Schädel kringeln, den sie für gewöhnlich ganz kurz scheren lässt, bevor sich wieder neue bilden können. Wenn sie von Weitem wähnt, er habe ebenso geschmeidiges, seidenweiches Haar wie die anderen, Strähnen, in denen kein Kamm je hängenbleibt, muss er nur näherkommen, und schon zerstört, was sie nachwachsen sieht, ihre Illusion. Da er bemerkt, wie sich ihr Blick verhärtet, hört er ihre Stimme bereits am Telefon, wie sie den nächsten Friseurtermin vereinbart und seufzend klagt, Sie sagen es, ja, schon wieder …

Er streicht über die gewölbten Bildschirme, die Knöpfe, die Metallrillen. Sein Vater ermahnt ihn mehrmals, nichts anzufassen. Er tut, als würde er gehorchen, lässt seine Finger aber trotzdem die Bildschirmflächen berühren. Seine Mutter bewegt sich nicht. Ihr Bauch ist ungleich gewölbter als alle Bildschirme. Und plötzlich werden die Apparate ringsum zu ebenso graviden Kreaturen, beauftragt, neues Leben zu liefern. Er wiederholt, abseits von ihnen im Gang, leise das Wort »gravid« – gravide. Er hat es kürzlich erst im Sachkundeunterricht gelernt, hat es sofort gemocht, es in das Heft notiert und unterstrichen, in das er ihm noch unbekannte Wörter schreibt, bevor er sie zu Hause einweiht: Jedes Mal blicken seine Eltern erst ihn, dann sich an, entzückt, dass ihr Sohn Frankreichs Französisch so gut beherrscht. Seine Mutter fragt bisweilen nach der Bedeutung eines neuen Wortes, sein Vater im Grunde nie. Während seine Mutter über der von ihm gegebenen Definition den Kopf wiegt, starrt sein Vater ihn ungerührt an. Mehr braucht er nicht, um die Rolle zu ermessen, die ihm zukommt, den Wert des Vertrags, dessen Gegenstand er ist: Er soll die Lösung ihres Problems sein.

Seine Mutter sieht sich an, was über die Bildschirme flimmert; diese Weinreklamen gefallen ihr nicht recht. Sein Vater antwortet, Wein sei wichtig in Frankreich, aber es gebe auch Reklame für Milch, nicht wahr, Monsieur? Ah, antwortet seine Mutter müde, der Verkäufer bringt ihr schließlich einen Stuhl. Milch ist ganz ausgezeichnet für Kinder, sagt er. Vor allem die Milch aus der Normandie, bekräftigt sie und zeigt auf ihren so großen, so weißen Sohn, der herantritt. So was hat der Verkäufer noch nicht erlebt, plötzlich hat er den Eindruck, dass diese zwei Kunden seine Abteilung überschwemmt haben, mit Bächen roter und weißer Flüssigkeit, die sich vor seinen Augen schließlich vermischen, ihn unter rosa Fluten begraben. Um nicht dem genervten Blick des Verkäufers zu begegnen, entfernt er sich wieder, läuft lieber Gefahr, seinen Vater dadurch zu verärgern, dass er in den Gang der Apparate zurückkehrt, als sich so etwas anzutun. Der Verkäufer fängt sich, diese Werbespots würden ohnehin nur einige Minuten täglich gesendet, sieben, um genau zu sein. Woher wissen Sie das?, fragt seine Mutter. Madame, das ist streng reglementiert und außerdem mein Beruf, sagt er milde lächelnd, ich verkaufe den ganzen Tag Fernsehgeräte.

Auf dem Rückweg schimpft und seufzt sie ohne Unterlass, sie könne das Fernsehen nicht ausstehen, sie holten sich den Teufel ins Haus, sie ziehe das Kino vor. Sie werde sich die Filme nun ansehen können, ohne vor die Tür gehen zu müssen, sagt sein Vater, sogar im Nachthemd, wenn sie möchte. Und warum nicht in Pantoffeln? Einen Film schaut man sich angezogen und geschminkt an, giftet sie. Niemals werde sie es hinnehmen, angesichts all dieser schicken Schauspielerinnen derart herabgesetzt zu werden. Niemals eine solche Benachteiligung dulden angesichts der Heerscharen an Maskenbildnerinnen, Friseurinnen und Garderobieren, die jeden Auftritt überwachen. Gedemütigt würde sie sofort den Apparat ausschalten. Niemals, sagt sie, hörst du, niemals!

Vom Rücksitz aus verfolgt er den Streit, ohne Partei zu ergreifen. Bei ihren Auseinandersetzungen ist er stets uneins mit sich, als würde eine Metallstange seinen Körper spalten, ihn daran hindern, sich einer der beiden Seiten zuzuneigen. Doch jetzt bewegt er sich auf der Sitzbank, rückt zum Fahrersitz, hinter seinen Vater, und ahnt, der Fernseher könnte das Kino endlich bis zu ihm tragen, und die ganze Bilderflut, die seine Mutter schon so lange mit sich führt, würde auch endlich ihn erreichen, obwohl er kurzzeitig den Verdacht hegt, sie wolle diese Bilder für sich behalten. Im Rückspiegel begegnet er dem zufriedenen Blick seines Vaters.


Der 27. November 1967 ist ein Montag. Sein Vater sollte nicht zu Hause sein, aber er ist da. So wie er, der um 15 Uhr schon wieder im Unterricht sein müsste, aber ausnahmsweise vorgibt, am Nachmittag schulfrei zu haben. Er weiß, dass seine Mutter den Moment mag, der auf das Mittagessen folgt, wenn sie alles abgeräumt, die Kleine ins Bett gebracht hat und sich endlich ein wenig Ruhe gönnen kann. Oft nascht sie ein Stück Schokolade, zündet sich eine Zigarette an, die einzige des Tages, blättert in einer ihrer Zeitschriften. Kurz bevor er wieder zum Unterricht geht, kuschelt er sich mit ihr aufs Sofa, atmet die Mischung aus Zigaretten- und Schokoladenduft ein, nimmt die zarten Laute auf, die aus ihrem Mund, vom Reiben ihrer Fingerkuppen auf den Seiten kommen. Jahrelang ist er für ein paar Minuten am Tag – bevor seine Schwester und das Fernsehen Einzug halten – mit ihr allein. Ihr Atem geht sanft, angenehm langsam.


Sie haben gerade Gilda geschaut, sagt sie zu ihm. Der Bürgersteig am Kinoausgang ist überfüllt mit Menschen, sodass sie nicht sieht, wohin sie tritt. Inmitten der Menge stolpert sie, und stürzt. Er läuft weiter, ohne sich umzudrehen, entfernt sich mit großen Schritten. Sie ruft ihm nach, massiert ihren Knöchel, er aber kommt nicht zurück. Sie steht allein auf, hinkt, holt ihn humpelnd ein. Ohne sie anzublicken, erklärt er, dass Glenn Ford den Launen dieser teuflischen Gilda zu Recht nicht nachgibt und seiner Wege geht. Behandelt man so etwa seine zukünftige Frau, lässt man sie einfach auf den Bürgersteig fallen?, fragt sie, da in wenigen Wochen ihre Heirat bevorsteht. Er blickt sie genauso unerbittlich an, wie er Gilda anblicken würde, wäre sie da, und beschleunigt seinen Schritt. Als sie nach Hause kommt, weint sie nicht, bläst keine Trübsal, hat keine Angst, erzählt sie weiter, drei Monate später einen Tyrannen zu ehelichen. Sie denkt nur an Gildas Kleid, kann nicht aufhören, es vor dem Einschlafen auf den Seiten ihrer Zeitschrift zu betrachten. Ein Kleid ist, was mir von einem Film bleibt, sonst geht man mit leeren Händen hinaus, in dem Gefühl, nur Zeit gekauft zu haben, fügt sie hinzu, höchstens zwei Stunden, bevor das richtige Leben wieder einsetzt. Auf einem der Zeitschriftenfotos hebt sich vom feinen schwarzen Satin ein Etikett aus dickem, weißem Stoff ab: Rita Hayworth, Columbia. Ihre Augen können sich nicht mehr davon lösen; sie weiß nicht, ob es am groben Stoff liegt oder an der wunderbaren Verbindung, die diese drei Namen miteinander eingehen, Rita, Hayworth, Columbia. Und dann entdeckt sie Jean Louis’ Namen. In Amerika, sagt sie, haben die Kostümbildner oft nur Vornamen, Jean Louis, Adrian, Irene, als wären sie Kinder ein und derselben Familie. Ein so aufreizendes Kleid gestatten ihre Eltern dem sechzehnjährigen Mädchen nicht. Sie ist einverstanden, dass man es ihr ohne Schlitz anfertigt und in einem dezenteren Stoff als schwarzem Satin, sie schlägt Krepp vor, Baumwolle, Jersey, eine dickere Schleife, irgendetwas anderes, aber die Schneiderin der Familie blickt ihren Vater an und antwortet, das Problem liege beim Schnitt, nicht beim Stoff. Sofort macht sie die großen Falten geltend, die sich an Ritas Taille bilden, dieser Schnitt sitze gar nicht so gut, wie man glaubt, schauen Sie, sagt sie, hält der Schneiderin ihre Zeitschrift hin und deutet mit dem Zeigefinger darauf, es steht ab und könnte noch mehr abstehen, doch die Schneiderin hat das letzte Wort: Dann wäre es kein Etuikleid mehr. Sie gibt auf und wünscht sich insgeheim, eines Tages ihre eigene Schneiderin zu finden, eine ihr treu ergebene Komplizin, da anscheinend alle großen Schauspielerinnen eine solche haben. Sie blättert um, und als könnte er mit nur einem Wort einen längst erhörten Wunsch erfüllen, spricht er den Vornamen Maria aus.


Als die Lieferanten ins Haus kommen, steht sein Vater in der Tür, hat es eilig, muss in die Klinik, wo seine Mutter kurz vor der Entbindung steht. Sie stellen den großen Karton mitten im Wohnzimmer ab. Maria ist nach oben gekommen. Normalerweise wäre er nach unten gegangen, um nicht allein zu bleiben, doch an diesem Tag muss auf das Paket aufgepasst, die Installation überwacht werden. Sein Vater gesellt sich zu ihnen, würde lieber dableiben, als plötzlich im Zimmer eines Entbindungsheims gefangen zu sein, zwischen einer Frau und einem Säugling, verlässt aber schließlich die Wohnung. Maria merkt an, dass sie daheim noch keinen haben, er müsse sehr glücklich sein. Aber wenn man näht, kann man sowieso nicht aufsehen. Es sei schon ein merkwürdiger Zufall, fügt sie hinzu, dass die Lieferung am selben Tag stattfindet wie die Geburt des Kindes, doch sie will ihn nicht fragen, worüber er sich am meisten freut. Die Lieferanten gehen ihr Werkzeug unten aus dem Lastwagen holen. Ständig sagt sie »dein Papa« und »deine Mama«, manchmal auch nur »Papa«, »Mama«, als wären es genauso ihre Eltern, als würde diese Geburt über alle Welt ihre elterlichen Fittiche breiten. Bei seinen Freunden in der Schule beschränkt er sich auf »meine Mutter« oder »mein Vater«, und wenn er jemanden mit nach Hause bringt, ruft er erst gar nicht nach ihnen, hütet sich davor, die einzigen Wörter zu gebrauchen, die ihm annähernd – und wirklich nur annähernd – passend erscheinen, importierte Bastardwörter, jeglicher Vermischung, jeglicher Unbeständigkeit der Sprachen entrissen, mangels Besserem in unaufhebbarer Willkür belassen; Wörter, die er nicht einmal sicher buchstabieren kann: Mummy. Papy. Wörter, die er seinerseits verwandelt, indem er sie amputiert, auf fast nichts reduziert, auf Töne von vager Bedeutung, vokale Anspielungen, an Lautmalerei grenzend, und die er nicht mag: Ma. Pa. Widerspenstige Wörter, kalte Einsilbler, gezückten Messern ähnlich.

Nein, es ist kein Zufall, antwortet er Maria und äfft sie gekünstelt, betont freudig nach, Mama und Papa wollten das Ereignis ja gerade feiern. Ist das nicht ein bisschen viel, gleich doppelter Zuwachs in der Familie?, fragt sie. Hier weiß er keine Antwort mehr, schweigt lieber, richtet seine Augen starr auf den großen Karton und sperrt Maria gedanklich hinein, mitsamt ihren Bemerkungen, ihren unangebrachten Worten, ihren indiskreten Fragen.

Wäre nur Pepito da, Marias Sohn, sie wären beide schon in sein Zimmer gegangen, wo sein Schatz verborgen liegt. Nur Pepito kann sich mit ihm auf den Bauch legen und unter sein Bett kriechen, um den Papierhaufen zu berühren, der, vor Blicken geschützt, seit drei Jahren unter den Sprungfedern des Bettgestells anwächst. Jedes Mal streckt Pepito seine Hand wie nach einem Haufen zarter Federn aus, in der Erwartung, seinem Blick zu begegnen und ihn sagen zu hören, er hat Frankreich gerettet, und dann noch die rasche Hinzufügung, dass auch er Frankreich retten wolle, womit er endlich seine Hand darauf ablegen kann. Und wovor soll es gerettet werden?, fragt Pepito manchmal vorsichtig. Er überlegt, will sich erklären, mögliche Gefahren ausfindig machen, doch mit der Zeit begreift er, dass dies keine Rolle spielt: Wenn die Formulierung wiederkehrt, dann weil sie für sich steht, ganz ohne Begleitumstände. So, wie man Nägel kaut, will man auch Frankreich retten, sagt er einmal, so ist das eben.

Die Installateure klingeln erneut. Er rennt zur Tür, um ihnen zu öffnen. Eine Weile lang – er weiß nicht, ob es Minuten oder Stunden sind – laufen sie im Wohnzimmer hin und her, umrunden den Karton, schließlich den Apparat. Maria bringt kein Wort mehr heraus. Man hört nur den Atem der Männer, die Namen der Werkzeuge, die sie verlangen und einander wie Chirurgen reichen. Er genießt diesen Moment der Stille und Konzentration, diese Verschmelzung von Mensch und Maschine, von Eingeweiden mit Metall, meint den Kern des Fortschritts zu erkennen. Endlich treten sie vor den Apparat und schalten ihn ein. Im selben Augenblick, in dem das Bild aufflackert, klingelt das Telefon. Komödien, Dramen, Melodramen, alles, was das Herz begehrt, zählen die Techniker munter auf.

Maria nimmt den Hörer ab und verkündet ihm, dass er eine kleine Schwester hat.


Er bückt sich, beugt sich zu ihr, um ihr einen Würfel, ein Spielzeug hinzuhalten, drückt seine Stirn an ihre, ihre so weiche, wie ein Bildschirm gewölbte Stirn. Er mag es, wie sehr sich der Bau ihres Skeletts mit dem Fleisch deckt, das sich straff und faltenlos darüber spannt. Ein Zeichen für Kraft und Gesundheit, denkt er. Seine Mutter betrachtet sie aus den Augenwinkeln, tut so, als starrte sie auf den Fernsehapparat. Er weiß, dass in dem Augenblick, da ihre Köpfe sich vereinen, ihrer beider Haar zu einer einzigen, dichten Masse wird – das genaue Gegenteil von dem, was sie sich für ihre Tochter erhofft, blondes Haar, fein und glatt, wie das der anderen Mädchen im Viertel, Haar, über das sie in den Monaten ihrer Schwangerschaft streicht, bei den Händlern, in den Warteschlangen. Mit dieser zerstreuten, lässigen Miene, obgleich er ahnt, dass ihre Fingerspitzen vor beschwörender, vorausahnender Hoffnung pulsieren. Das englische Wort »fair«, sagt sie einmal, bedeutet blond und schön, man muss sich nur Miriam Hopkins oder Marlene Dietrich anschauen, fügt sie hinzu. Wo denn?, fragt er, damit sie ihren Zeitschriftenstapel durchforsten geht und mit leeren Händen zurückkommt: Sie habe vor allem die aus den Vierzigerjahren aufbewahrt, sagt sie dann, und er will sie nicht fragen, was sie mit den Jahrzehnten davor und danach gemacht hat.

In den ersten Lebensmonaten der Kleinen heftet sie den Blick auf den blonden Flaum und betet wahrscheinlich zu Gott, sie möge nicht wie sie selbst dem neidvollen Entzücken ausgesetzt sein, dem er beiwohnt, wenn er mit ihr in den Friseursalon geht. Sie haben Glück, so viel Volumen zu haben, Madame, so dichtes Haar, ein wahrer Segen ist das, sagen die anderen Kundinnen, und eine neue Angestellte fragt schließlich jedes Mal, haben Sie ausländische … Mit einem Sprühstoß Haarlack über ihrem Haupt belässt sie den Satz in der Schwebe. Er sieht, wie seine Mutter lächelt, dem Blick der Chefin begegnet, unter dem Zucken des letzten Durchkämmens beipflichtet, ausländische Wurzeln? Ja!, und vage Fragen mit ebenso vagen Antworten bedenkt.

Doch nun, auf dem Teppich, ist er sich genau so sicher wie ihre Mutter: Sie haben das gleiche Haar, ihre beiden Köpfe formen ein dunkles, krauses Haarbüschel, welches ihr derart missfällt, dass sie nach all den Monaten der Hoffnung plötzlich den Blick abwendet, wobei ihr entfährt, Margarita Carmen Cansino wäre ohne Versetzung des Haaransatzes niemals zu Columbias Rita Hayworth geworden, allein Hollywood habe einen solchen Fluch beenden können. Um abzulenken und gegen seine Enttäuschung anzukämpfen, brüllt er wie ein Löwe, einmal, zweimal, dreimal, und schüttelt die Mähne ihrer zwei verschmolzenen Köpfe. So was Lustiges hat ihre Mutter noch nie gesehen. Sie bückt sich, um beide in den Arm zu schließen, fügt ihre eigene Haarpracht der ihren hinzu – wie Blut zu Blut. Genau wie der MGM-Löwe, erklärt sie dann, L. B. habe persönlich darauf bestanden, dieses dritte, überraschende Brüllen anzuhängen, leicht zeitversetzt, für sie stets unerwartet, genau wie das Brüllen, das er eben von sich gegeben hat. L. Bi.?, wiederholt er stutzig.

Louis B. Mayer, Chef der MGM. Er wurde nur bei seinen Initialen genannt, L. Bi., die amerikanische Art.


Als er Pepito das erste Mal mit nach Hause bringt, sagt seine Mutter, Pepito mache mit seinen Locken und dunklen Augen – dunkel wie Tropfen von Schokolade, pépites de chocolat –, seinem Namen alle Ehre. Sie mustert ihn eingehend. Er weiß, dass sie wie immer nach Ähnlichkeiten sucht, dass sie mit James oder John oder Bill Irgendwer den Namen eines amerikanischen Schauspielers nennen möchte, doch ihr will an diesem Tag keiner einfallen. Was sie nicht daran hindert, jedes Mal wieder damit anzufangen und am Ende zu beteuern, er liege ihr auf der Zunge, sie werde schon noch darauf kommen. Ihr Gedächtnis hat so viele Bezüge zu Hollywood geknüpft, dass diese wie Reflexe aktiv werden, wie Fühler oder Finger im Dunkeln auf den geringsten Reiz reagieren, begierig, alles wiederzukennen, was erscheint.

Seltsamerweise sagt Pepito ständig, er selbst hätte gern einen kleinen Bruder bekommen. Und so ist er, auch wenn er weiterhin großtut, vor Pepito zärtlicher zu seiner Schwester, während er sie vor den anderen als Bürde darstellt, eine Sache, auf die er achten, aufpassen muss. Zwölf Jahre sind sie auseinander. Manche wundern sich, bemitleiden ihn. Ein Baby, was für ’ne Plage, sagen sie. Er kann diesen Ausdruck nicht leiden, weist jedoch niemanden zurecht, verscheucht alle Bilder von Seuchen und Heimsuchungen. Ein Mädchen aus dem Viertel spielt auf die Geheimnisse der Natur an, eine Frau könne durchaus eines Tages ein Kind bekommen und dann nie wieder, oder eben erst zwölf Jahre später. Sie spricht, als verfügte sie über die unanfechtbare Autorität der Eingeweihten, ohne zu merken, dass sie dem Abkömmling damit die wundersame Aura biblischer Ahnenfolgen verleiht. Er hütet sich zu erklären, dass seine Eltern vor genau zwölf Jahren nach Frankreich gekommen sind. Weder sagt er, dass er dort drüben gezeugt wurde, noch macht er es sich wirklich bewusst, so sehr klammert er sich an den Gedanken, hier geboren zu sein.

Ist er hingegen allein mit ihr, wird sie zu einer Art fleischlichem Talisman, den er berührt und knetet, dessen Geruch er tief einatmet, besonders wenn er seine Nase in die Mulde ihres Nackens gräbt, zwischen den geschwungenen Rändern abgründige Zartheit findet. Manchmal schimpft seine Mutter mit ihm, er solle neben ihr nicht so laut atmen.

Sie kommt im September zur Welt, und als sie acht Monate alt ist, erklärt er stolz, dass sie ihren ersten Frühling erlebt. Etwa zur selben Zeit fällt ihm die merkwürdige Stellung auf, die ihr rechtes Bein einnimmt, wenn sie sich in den Schneidersitz setzt. Tagelang verliert er kein Wort über das, was er sieht, doch wenn er an ihr vorbeigeht, bückt er sich, um das Bein zu richten, als stellte er einen Gegenstand neu auf, der ständig in sich zusammenfällt. Er achtet darauf, seine Geste rein mechanisch auszuführen, frei von Sorge, fast schon wie einen Gag, und schafft es sogar, nicht länger verwundert zu wirken. Und doch hofft er jedes Mal, der Aufwand möge sich lohnen, das Bein so bleiben, das Problem endgültig behoben sein. Zuerst geht er ganz sachte vor, dann gröber, als wolle er sichergehen, dass sie keinerlei Schmerz verspürt, dass diese Stelle ihres Körpers frei von Leiden ist. Irgendwann wundert sich seine Mutter, was machst du da? Ich richte ihr Bein, aber … Aber was? Schon seltsam, es knickt immer wieder weg … Der Blick seiner Mutter verfinstert sich: Zu ihrer früheren, unausgesprochenen Befürchtung kommen prompt weitere hinzu, lassen sie nicht länger denken, dass sie die Einzige sei, die sich zu viele Gedanken mache, sodass die Einsamkeit der Bangnis weicht.

Und dann ist es wie ein Lauffeuer, für das er sich verantwortlich fühlt: das Wort seines Vaters, das er am liebsten vom Tisch fegen würde, stimmt, sagt dieser mit hochgezogenen Augenbrauen, dann Pepito, der betont, dass kein anderes ihm bekanntes Baby sich so hinsetze, oder Maria, die vorschlägt, einen Gegenstand zwischen die Beine der Kleinen zu legen, um zu sehen, was passiert. Sodass er es schließlich vorzieht, sie so oft es geht auf den Bauch oder Rücken zu legen, um eben nichts zu sehen. Doch je größer sie wird, desto öfter bleibt sie sitzen. Ihre Mutter freut es, der Rücken entwickle sich. Er stellt sich vor, wie sich unter ihrer Haut eine weiße Koralle ausbreitet, sich verzweigt; er muss sie wachsen lassen, darf sie nicht zerdrücken.

Ohne es aussprechen zu wollen, schraubt die ganze Familie in den nächsten Monaten ihre Ambitionen zurück, und hofft bald nicht mehr, dieses Baby im lauffähigen Alter möge endlich seine ersten Schritte tun, sondern nur noch, dass sein rechtes Bein in der Sitzposition nicht mehr nach innen rotiert. Ein Zurückschrauben, das als Geduld durchgehen könnte oder als schlichte Anpassung an die Wirklichkeit, und doch in einen einzigen besorgten Seufzer mündet.


Am 27. November 1967 – die Konferenz fängt gleich an, sein Vater kann es kaum erwarten – bereitet seine Mutter gerade das Mittagessen vor, als sie verkündet: Ich war heute Morgen beim Arzt. Warst du so angezogen?, sagt sein Vater prompt. Ja, natürlich, gefällt dir das Kleid nicht? Gloria Grahame trug dieses Modell in The Bad and the Beautiful. Oder war es in Human Desire? Ich weiß es nicht mehr. Jedenfalls standen ihr die Kleider, obwohl sie so böse aussah: Nur ein paar Millimeter mehr Fleisch und es wäre ganz anders für sie gekommen, hier, über dem Mund, auf der Oberlippe, schon seltsam, dass sie nicht operiert wurde, obwohl sie doch sonst alle operieren ließen. Und sie tritt aus den Dämpfen der Küche hervor, wo Wasser sprudelnd in einem Topf kocht, geht ins Wohnzimmer zu dem kleinen Möbelstück, in das sie ihre Zeitschriften einsortiert hat; sie kniet sich nieder und sucht nach der Ausgabe, die sie Maria bei der Bestellung des Kleids hingehalten hat. Sie hasst es, wenn sie ihre Erinnerungen durcheinanderbringt, wenn sie ins Zweifeln gerät; sie zückt sie viel lieber hervor, ganz klar und deutlich, als könnte sie mit bloßer Willenskraft deren Existenz und Beständigkeit garantieren, sodass diese Erinnerungen die Macht hätten, Gloria Grahame direkt vor ihnen im Raum in Erscheinung treten zu lassen.

Von drüben hat sie nicht viel mitgebracht, ein paar Kleidungsstücke, ein paar Gegenstände, ihren Stapel Photoplays. Oft bittet er sie, diesen Moment zu beschreiben, als die Koffer gepackt werden mussten, will von ihr ganz genau wissen, wie man sein Haus aufgibt, seine Heimat, was man letztlich mitnimmt, was man zurücklässt, welchen Blick man auf seinen Sachen ruhen lässt, wie viel Zeit man zur Verfügung hat, um diese Auswahl zu treffen. Er klammert sich an die Tatsache, dass seine Mutter damals schwanger war, weil er sie selbst schwanger erlebt hat, an die Rundung ihres Bauchs, an ihre Art, beschwert zu sein – er will sich die Szene lebhaft vorstellen, ein Bild fixieren, denn auf seine Fragen antwortet sie stets ausweichend oder wiederholt genervt, was weiß ich, ich erinnere mich nicht mehr! Manchmal ändert er die Strategie und spricht in der Gegenwartsform von einer konkreten praktischen Handlung, wie nimmst du zum Beispiel deine Zeitschriften mit? Sie verbringt mehrere Stunden damit, sie zu sortieren. Und wenn er merkt, dass sie anbeißt und ebenfalls in der Gegenwart antwortet, fährt er fort. Wie viele? Zwei, drei Stunden oder mehr? Sie kann sich nicht genau erinnern. Was fühlst du? Nur Unmut, denn sie muss nach Titelseite auswählen, und zwar schnell, zwischen Olivia de Havilland und Joan Fontaine, Bette Davis und Joan Crawford, die ohnehin schon in solcher Feindschaft leben, während sie doch am allerliebsten schwankt zwischen beiden, mal die eine, mal die andere vorzieht, je nach Film, nach Rolle, nach Gerücht, das gerade im Umlauf ist. Und wie gehst du dann vor? Weil ich keine Zeit habe, die Zeitschriften durchzublättern, entscheide ich wie gesagt nach Titelseite, ich spule die Bilder ruckzuck im Gedächtnis ab, die Ehemänner, die Kleider, die Frisuren, alles. Wie viele nimmst du mit? Ich musste einen Großteil zurücklassen, vielleicht die Hälfte, wer weiß, zum Zählen war keine Zeit, ich konnte nur zwischen zwei Stapeln wählen. Die Zeitschriften, die sie mitnimmt, schnürt sie fest zusammen, stellt sich vor, wie sie mit ihrem kleinen Papierbündel über die Meere fährt und sich bei Schiffbruch daran klammert, ihre Finger am Knoten der Schnur festkrallt. Die Zeitschriften, die sie nicht mitnimmt, hat wahrscheinlich jemand verbrennen lassen, sie weiß es nicht. Plötzlich tränen ihre Augen, und er kann nicht sagen, ob sie an den Rauch denkt oder traurig ist. Obwohl sie von seiner Fragerei erschöpft sein müsste, fährt sie fort. Dein Vater kaufte mir meine Photoplays. Gern sah sie ihn einmal im Monat mit der neuen Ausgabe unterm Arm heimkommen, die sich, kaum war er über die Türschwelle getreten, schon in ihren gierigen, ungeduldigen Händen befand, die alles stehen und liegen ließen, um durch die Seiten zu blättern. Sie verschlang die Fotos, die Bilder, die Werbung, las die Bildunterschriften laut auf Englisch vor. Und wenn sie die Ausgabe selbst besorgen wollte, zusammen mit den übrigen Einkäufen, lehnte er rundweg ab, bestand darauf, diesen Kauf von den anderen Käufen zu trennen, er wollte ihre Träume nähren, ohne diese durcheinanderzubringen oder auch nur anzutasten, denn jedes Mal legte er den Gegenstand mit demselben Kommentar auf den Tisch, hier, deine Zeitschrift, ich weiß wirklich nicht, wie du so was lesen kannst, wo es doch so viele Probleme auf der Welt gibt, was sie mit einem Lächeln quittierte, einem entzückten, begierigen, überlegenen Lächeln.

Monat für Monat wächst der Stapel an, bis er einen wackeligen Turm bildet, und so reiht sie die Zeitschriften schließlich horizontal auf, um bestimmte Nummern hervorziehen zu können, ohne dass alles zusammenstürzt. Und als die Schneiderin der Familie ihr vorschlägt, nicht die ganze Zeitschrift mitzubringen, sondern nur die betreffende Seite herauszureißen, protestiert sie und schwört sich, eine solche Schmach niemals hinzunehmen. Er wundert sich über ihre Ausdrucksweise, unterbricht sie aber nicht.

In Frankreich angekommen, bringt er ihr als Ersatz für Photoplay diverse andere Magazine mit, bis sie sich halbherzig für eines entscheidet. Für ihre Kleider indessen lässt sie sich weiterhin von Photoplay inspirieren. Schließlich, so sagt sie, waren die Vierzigerjahre das Paradies, die Sternstunde, danach ist es mit allem bergab gegangen. Einmal weist er sie darauf hin, dass die Vierziger doch die Kriegsjahre gewesen seien. Warum ist es danach bergab gegangen?, fragt er, immerhin war der Krieg vorbei. Nein, danach haben die Hollywoodstudios an Einfluss verloren, und uns hat man ausgewiesen. Wir alle wurden aus dem Paradies vertrieben. Sie genau wie wir. Über die Stunden, die diese Sternstunde gefährden, schweigt sie jedoch.

Ja, es war in The Bad and the Beautiful, betont sie auf dem Weg zurück in die Küche, das Kleid aus weißem Krepp Georgette mit Sonnenplissee und wallendem Jabot. Aber wie du siehst, habe ich auf das Jabot verzichtet. Der Stoff war einfach zu teuer. Und Maria hätte sich völlig verausgabt. Was hat denn der Arzt gesagt?, fragt sein Vater beiläufig, während sie mit ihren Armen samt Töpfen große Gesten macht, für jeden Handgriff weit ausholt, um sich Platz zu schaffen, ja keine Flecken zu bekommen, lieber solche Mühen auf sich nimmt, solche Vorsichtsmaßnahmen ergreift, als ihr Kleid durch einen gewöhnlichen Hausanzug zu ersetzen.


Kurz nachdem er das Wort »seltsam« ausgesprochen hat, vereinbart sie einen Termin im Krankenhaus. Sein Vater beschließt, dieses Bein werde sich schon von selbst richten, für dieses bisschen werde er sie nicht ins Krankenhaus begleiten. Als sie mit der Kleinen im Arm schon in der Tür steht, hört er sich sagen, ohne dass er dabei seinen Vater ansieht, wartet auf mich, ich komme mit!

Überall, auf den Schildern, an den Gebäudefassaden, ist der Name Kinderkrankenhaus, Hôpital des Enfants Malades, zu lesen. Bei der Vorstellung, dass die Kleine ein krankes Kind ist, gefriert ihnen das Blut in den Adern. Wortlos, vor sich hinstarrend, laufen sie die Gänge entlang. Als sie das Gebäude erreicht haben, wo die Sprechstunde stattfindet, senkt seine Mutter vor den Frauen in Weiß, die nach ihrem Namen fragen, nach ihrer Adresse, den Blick hinab zur Brust, das changierende Blau ihres Kleids schenkt ihr Kraft; wie schön, dass sie nur den Kopf senken muss, um den Himmel zu sehen, flüstert sie ihm zu.

Sie bewegt sich durch den breiten Flur wie durch ein feindliches Meer. Hinter ihr erntet er die bösen Blicke, nimmt die ersten Fetzen von Bemerkungen auf, die die anderen Mütter machen. Plötzlich hat er den Eindruck, ihr blaues Kleid würde leuchten. Und als sie sich endlich setzt, lächelt er den anderen Frauen zu, wie um ihnen zu verstehen zu geben, dass seine Mutter erstens die Schönste unter ihnen ist, und sie es zweitens nicht wagen würde, solche Farben zu tragen, wäre die Kleine genauso krank wie ihre Kinder.

Im Warteraum lässt sie sie im Kinderwagen liegen, vermeidet nach Möglichkeit, sie auf den Arm zu nehmen, aus Angst, den Stoff zu knittern; vergeblich erklärt sie Maria jedes Mal, ich trage die meiste Zeit ein Baby mit mir herum, wissen Sie, und noch dazu eins, das nicht laufen will, ich brauche einen Stoff, auf dem keine Spuren zurückbleiben. Ava Gardner hat keine Kinder bekommen, und Lana Turner ihre arme Tochter bestimmt nicht oft getragen … Die Kinder der Schauspielerinnen waren für die Fotografen da, aber den Rest der Zeit blieben sie bei ihren Kindermädchen. Maria nickt, gibt jedoch zu, sich von solchen Erzählungen manchmal mitreißen zu lassen und sich ihre Kundin nicht wirklich woanders vorstellen zu können als am Filmset. Zutiefst gerührt erwidert diese das Kompliment und betont, dass sie weit mehr sei als nur eine Kundin.

Im Behandlungszimmer sind alle in Weiß gekleidet. Selbst als sie sitzt, sticht ihr blaues Kleid noch wie ein Fleck hervor. Um weniger verlegen zu sein, wendet er einen mentalen Trick an, den sie ihm beigebracht hat: sich die Welt in Schwarzweiß vorzustellen. Das entspannt, sagt sie. Er konzentriert sich, versucht, eine harmlose Abstufung von Kontrasten und Nuancen vor sich erscheinen zu lassen, eine sanfte Einheit aus Schwarzweißtönen, und als die Sekretärin endlich den Namen seiner Schwester aufruft, ist das blaue Kleid grau geworden. Seine Mutter gibt die Kleine an den Arzt weiter und setzt sich wieder neben ihn.

Mit Staunen beobachten sie, wie die großen Hände die winzigen Beinchen abtasten, sich an ihnen zu schaffen machen, sie auseinanderspreizen. Bei jeder Bewegung die Angst, sie könnten reißen wie Schmetterlingsflügel, doch die Finger des Arztes scheinen das weiße Fleisch wunderbar geschmeidig zu machen.

Daheim posaunt sie zuallererst, dass ihr Arzt, der Arzt deiner Tochter, korrigiert sein Vater barsch, doch sie fährt fort, mein Arzt sieht aus wie Robert Taylor. Sie kniet sich neben ihren Stapel, zieht eine Ausgabe hervor und hält sie hoch: ein sehr schöner Mann, sehr elegant, nicht wahr? Er weiß nicht, ob sie sich für das Fernbleiben seines Vaters rächt oder ob Charme die Sorge verflüchtigen soll, denn am Ende hat der Arzt eine ganze Reihe von Untersuchungen verordnet. Er war lange mit Barbara Stanwyck zusammen, sagt sie weiter, und die war mal wer, nämlich die bestbezahlte Schauspielerin Hollywoods, eine männermordende Frau, nicht zu vergleichen mit dem Bild, das sie heute abgibt. Und schließlich schwört sie, nie wieder mit grellen Farben ins Krankenhaus zu gehen, im Reich des Weißen werde sie Weiß tragen, selbst wenn man sie für einen Hochzeitsgast hält, der die Braut überstrahlen will. Ist er Bob Taylor nicht wie aus dem Gesicht geschnitten?, fragt sie und hält ihm eine Photoplay vors Gesicht.

Zu dritt nehmen sie Platz um den Gurkensalat, den sie vorsichtig serviert, um keine Ölspritzer abzubekommen, ihr weißes Kleid nicht zu beflecken. Bis ins kleinste Detail erzählt sie ihnen von der morgendlichen Sprechstunde, ohne zu merken, dass sein Vater die Geduld verliert, immer angespannter wirkt, und als sie die Schüssel Spaghetti mit Soße bringt und die Teller füllt, fragt er: Was genau hat sie? Ach, eine kongenitale Luxation der Hüfte, antwortet sie so nüchtern wie möglich, als hätten diese Wörter schon immer zu ihrem gemeinsamen Vokabular gehört. Sein Vater starrt auf den dampfenden Teller, den sie ihm hingestellt hat, wartet einige Sekunden, wickelt dann ein paar Spaghetti um seine Gabel und führt sie zum Mund. Aber er spuckt sie sofort wieder aus. Er ruft ihr in Erinnerung, dass er zu heißes Essen hasse, dass sie das auch wisse. Ruckartig stülpt er den vollen Teller um, seine Mutter kann nicht mehr ausweichen, sodass die Soße auf das Oberteil ihres weißen Kleids spritzt. Er geht zum Sessel, setzt sich vor den Fernseher.

Die rote Soße läuft von der Spitze des Spaghettibergs bis zum Tischrand. Er springt vom Stuhl auf, hebt, um etwas zu tun, die Tischdecke an, damit die Soße nicht auf den Teppich läuft. Von so viel hausfraulicher Achtsamkeit ist er selbst überrascht, doch irgendeine freundliche Geste muss der ganzen Gewalt entgegengesetzt werden. Seine Mutter streichelt ihn an der Schulter, während sie die roten Flecken auf ihrem weißen Kleid mit der Ecke einer befeuchteten Serviette abreibt, und bedeutet ihm dann mit einem Blick, den Raum zu verlassen. Zum Glück habe ich auf das Jabot verzichtet, murmelt sie. Er hebt seine Schwester vom Boden in der Nähe des Tisches auf und nimmt sie mit, behält so die Fassung, obwohl er die eigenen Arme und Beine nicht mehr spürt. Und als würde seine Schwester nicht ausreichen, läuft er noch einmal zurück, einen Arm mit der Kleinen beladen, den anderen nun mit dem dicken Wörterbuch, das er jüngst zu seinem dreizehnten Geburtstag bekommen hat. Noch ein wenig außer Atem erklärt er, dass kongenital ganz einfach angeboren heiße, dass es nicht unbedingt schlimm sei. Das denke sie auch, antwortet seine Mutter, es sei denn … Es sei denn was?, fragt sein Vater, der an den Tisch zurückkehrt. Am Ende sprach er von einem emotionalen Schock, aber mein Kleid war so zerknittert, dass ich nicht weiter nachbohren wollte. Nächsten Monat werde ich ihn fragen, was er darunter versteht, und ein Kleid anziehen, das nicht knittert, ich sage es Maria jedes Mal, aber sie hört ja nicht, vor allem nicht in letzter Zeit. Wer weiß, ob ich jemals das perfekte Kleid für solche Besuche kriege, immer stimmt irgendwas nicht. Du kannst nächsten Monat mit mir kommen, wenn du willst, sogar mit dem Wörterbuch, sagt sie zu ihm. Gut, lasst uns essen, sagt der Vater und nimmt seinen Platz wieder ein, wir verpassen sonst den Anfang.

Sie hat alles aufgesammelt, alles sauber gemacht, die kalt gewordenen Spaghetti in die große Schüssel zurückgegeben. Sie serviert mit den gleichen behutsamen Gesten, als ob nichts geschehen wäre, obwohl er ihre Finger leicht zittern sieht. Die Kleine ist wieder auf dem Teppich, sie essen schweigend, sein Blick kreuzt den Blick seines Vaters, folgt ihm, verfolgt ihn bis zu den braunen Spuren auf dem weißen Kleid, und er denkt, dass die Soße sich mit einem Jabot noch viel stärker verteilt hätte, dass es viel schlimmer gewesen wäre, mit einem farbigen Stoff dagegen weniger. Keiner kommt auf den Ausdruck zurück, der um den Tisch schwebt, zwischen den Tellern, sich den Weg in seine Gedanken bahnt, sie gerinnen lässt, bis die sechs Silben verklumpen und rein gar nichts mehr bedeuten, Emotionalaschock, weder Szene noch Bild noch sonst irgendetwas erahnen lassen.

Am Fuß des Fernsehers plappert sie. Verstreut um sie herum liegen Würfel, Puppen, Spielzeuggeschirr. Sie schaut zum Fernseher auf, ihr Blick gleitet über die Silhouette des Generals, dem niemand zuhört, da er noch immer von England spricht. Sie greift nach einem roten Plastikbecher, führt ihn zum Mund, wirft den Kopf nach hinten. Er rutscht vom Stuhl hinunter, um sich neben sie zu setzen, nimmt sich einen eigenen Becher, den er sanft gegen ihren stupst. Sie stoßen an. Er sagt: Zum Wohl! Sie bricht in Lachen aus. Und noch einmal: Zum Wohl! Sie lacht und gluckst noch lauter. Ihr Glucksen reinigt den Raum vom Gezeter, von den Flecken. Ihre Mutter bückt sich – komm, Zeit zum Mittagsschlaf –, hebt sie auf wie ein Wäschebündel und verschwindet mit ihr im hinteren Teil der Wohnung.

Er bleibt auf dem Boden sitzen, hantiert mit dem Spielzeuggeschirr in der Hoffnung, dass seine Schwester protestiert, nicht schlafen gehen will, doch vom Flur aus dringt kein einziger Schluchzer zu ihm. Sein Vater rügt ihn schließlich, ein Junge in seinem Alter mit solchen Babyspielen, zumal für Mädchen, also wirklich!, und befiehlt ihm zusammenzuräumen. Langsam sammelt er die Einzelteile ein, will alles, nur nicht aufstehen und wieder seine volle Körpergröße annehmen. Erst als sein Vater sich in den Sessel setzt, richtet er sich auf, allerdings weit hinter ihm. Hast du denn heute keine Schule?, fragt er ihn, während er unverwandt auf den Fernseher starrt. Er lügt schamlos, ohne weitere Erklärung, da verkündet der General: »Nun zum Orient.« Sein Vater richtet sich im Sessel auf, und obwohl er dachte, sie würde nicht zurückkommen, tritt seine Mutter ins Zimmer, mit einer Tasse Kaffee in der Hand, und wiederholt prompt, der Orient, der Orient, mit einer Spottlust, die ihr gar nicht ähnlichsieht. Erinnerst du dich an das Ende von Morocco?, fragt sie und stellt den Kaffee auf den Couchtisch neben seinem Vater ab. Marlene Dietrich zögert lange, Gary Cooper in die Wüste zu folgen. Sie trägt ein Tulpenkleid und Stöckelschuhe. Er weiß nicht, wem all diese Ausführungen gelten, wo der General doch zu sprechen beginnt. Es war das Tor zum Orient, sagt sie. Sein Vater erwidert bloß, dass sie den Orient mit der Wüste verwechsle, und bittet sie zu schweigen. Nach der Szene am Mittagstisch will er keinen schärferen Ton mehr anschlagen. Sie schweigt, bleibt jedoch stehen und lächelt weiterhin. Sein Vater trinkt den Kaffee in kleinen Schlückchen.

Er nähert sich ihr, um leise zu fragen: Und? Was macht sie? Wer? Marlene Dietrich. Ah, na klar geht sie! Natürlich! Zunächst mit ihren beigen Stöckelschuhen, bestimmt aus schönstem italienischem Leder gefertigt. Sternberg nahm es mit seinen Kostümen sehr genau. Er hatte in einer Stickereiwerkstatt angefangen und widmete sich dem Kino, weil er sehr feine Finger hatte, die mit Filmstreifen genauso gut umgehen konnten wie mit Spitze. Dann zieht sie ihre Schuhe aus und folgt der Karawane. Sie lässt alles zurück, um in der Wüste Marketenderin zu werden. Das Bild ist immer noch hier drin, sagt sie und zeigt auf ihre beiden Schläfen: die herrlichen, in den Sand geworfenen Pumps, kurz davor, von den Dünen geschluckt zu werden, was für ein Jammer … Sie hält inne. Meinst du, sie hat die richtige Entscheidung getroffen oder die falsche?, fragt er. Sie legt den Zeigefinger auf ihre Lippen, deutet mit einer Kinnbewegung auf den Bildschirm, aber er ahnt, dass sie zögert, nicht weiß, welche Antwort sie ihm geben soll. Sie schweigt einige Sekunden, dann flüstert sie, in der letzten Filmszene packt die Dietrich energisch eine Ziege bei der Leine, und ballt zur Nachahmung die Faust. So, sagt sie lauter und zieht an einem unsichtbaren Strick.

Seid ihr endlich still!, knurrt sein Vater, ohne sich umzudrehen.

Sie müsse nach unten zu Maria, sagt sie. Nein, sagt er, bleib noch kurz, wagt aber nicht, ihr in die Augen zu sehen. Sie nickt und setzt sich aufs Sofa. Er nimmt links neben ihr Platz.

Er sollte sich freuen über diesen Moment, dem er seit Tagen entgegenfiebert, für den er alle belogen hat außer Pepito: Ich komme heute Nachmittag nicht, ich gucke mir den General an, sag einfach, ich sei krank, oder dass es wegen meiner Schwester ist, such dir was aus. Es ist seine erste Pressekonferenz, seit sie einen Fernseher haben. Ein Anflug von Neid flackert im Schokoladenblick seines Freundes auf, der zaghaft hinzufügt, ich könnte ja auch die Schule schwänzen und die Konferenz mit dir zusammen schauen. Schon sieht er Pepito neben sich sitzen, hinter seinem Vater, verschüchtert und zahm, und also erwidert er, gesetzt den Fall, du guckst mit, wer leiht mir dann seine Hefte, um den Stoff nachzuholen? Pepito wird wie immer unsicher, wenn er sich ungewohnt ausdrückt, was ihn zufrieden stimmt, weil diese Verunsicherung seinen Vorsprung bezeugt, das Ausmaß seines Wortschatzes.

Der General spricht ohne Notizen, ohne Teleprompter.

Er weiß, dass er seine Texte auswendig lernt, sich stundenlang in sein Arbeitszimmer einschließt und sie unermüdlich einübt. Sein Gedächtnis ist so beeindruckend wie seine Körpergröße, von klein auf trainiert unter Anleitung seines Vaters, einem Geschichts- und Lateinlehrer. Mal stellt er sich dieses Gedächtnis länglich vor, aufgehängt wie ein Gestirn im Inneren seines großen Körpers, mal als zirkulierende Flüssigkeit. Vielleicht hat er sogar einen Repetitor, jemanden vom Theater, der seine Sprechweise korrigieren kann, seinen Rhythmus, seinen Umgang mit stummen Konsonanten, damit er sich genauso tadellos ausdrückt wie ein französischer König. Ein Staatschef muss sein Volk überragen, durch die Bauten, die er errichten, die Medaillen, die er prägen, und die Reformen, die er verabschieden lässt, doch genauso muss er sich durch gewandte Reden hervortun, die er vor laufenden Kameras hält, denkt er eng an seine Mutter geschmiegt, um kurz darauf zusammenzuzucken.

Was ist los mit dir?, fragt sie.

Sie haben es nicht gehört. Sie können es unmöglich nicht gehört haben, denkt er Schlag auf Schlag.

Dem General ist ein Velours unterlaufen, sagt er mit kaum hörbarer Stimme. Sein Vater dreht sich abrupt um. Sein Kopf, seine Arme, sein ganzer Körper bringt die Luft zum Zischen. Mit der Hand ist er gegen die kleine Kaffeetasse gestoßen, hat sie umgeworfen. Seine Mutter will sie schnell aufheben, doch er macht eine Geste, bedeutet ihr zu bleiben, wo sie ist. Aber der Teppich …, protestiert sie. Die braune, körnige Substanz läuft auf das grüne Muster, wird in Sekundenschnelle aufgesogen. Sie setzt sich wieder, ohne den Fleck aus den Augen zu lassen. Was hast du gesagt?, fragt sie. Dem General ist ein Velours unterlaufen, er hat einen Konsonanten gesetzt, wo keiner hindarf. Spricht man ein S, wo keins hingehört, heißt das Velours – wie der samtige Stoff –, erklärt er. Setzt man fälschlicherweise ein T, wie z. B. »il va-t-à la plage«, statt einfach »il va à la plage«, nennt man das hingegen Cuir – Leder. Seine Mutter schielt mit zusammengekniffenen Augen zum braunen Fleck auf dem grünen Teppich, froh, nichts unternommen zu haben, denn die zwei Farbtöne vermischen sich langsam. Sie wiederholt mechanisch die Wörter Velours und Cuir, als kämen sie ihr zum ersten Mal über die Lippen. Warum Schneiderbegriffe? Man sagt Velours, weil es weicher ist als Leder, und deshalb heißt der Konsonantenfehler, der für unsere Ohren am härtesten klingt, auch Cuir. Sie blickt ihn verständnislos an. Er setzt neu an: Cuir bedeutet, dass man ein T setzt, wo keins hingehört. Man sagt Cuir, weil man die Sprache entstellt, ihr geradezu die Haut herunterreißt, aber das hier war weicher, also ein Velours: »ce qu’ils avaient-s-été de tout temps« statt ce qu’ils avaient été de tout temps – was sie von jeher waren.

Sein Vater dreht sich nicht mehr um, obwohl sie ununterbrochen weitertuscheln. Eigentlich müsste er sich nochmals umwenden und brüllen, dass sie still sein sollen, doch er rührt sich nicht. Er müsste zu ihnen sagen, aber das ist ja noch schlimmer, c’est pire qu’un cuir, als würde er den Ausdruck schon kennen, pirkincuir, in einem Zug gesprochen. Doch nichts. Plötzlich ängstigt ihn die Reglosigkeit, das Schweigen seines Vaters, fast fürchtet er, ihn tot in seinem Sessel vorzufinden. Ohne mich hätten sie es nicht mitbekommen, denkt er noch einmal, und er will gar nicht erst hinzufügen, dass es klingt, als richtete der General sich direkt an sie drei, in der zweiten Person Plural, ce que vous avez été de tout temps, was ihr von jeher wart, als spräche er vom Apparat, vom Élysée-Palast aus direkt zu ihnen, vor den Kameras der ganzen Welt. Manche fürchteten sogar, dass ihr, die ihr bis dahin in alle Winde zerstreut gelebt habt, doch geblieben seid, was ihr von jeher wart …

Seit Tagen warten sie auf diese Konferenz, seit Tagen probt de Gaulle sie mit einem Theaterschauspieler, und nun lispelt er fast. Er lehnt sich leicht an seine Mutter an, die noch immer auf den Teppich starrt und am liebsten aufstehen würde, um die umgeworfene Tasse aufzuheben und den Kaffeefleck abzureiben, ihn vollständig verschwinden zu lassen.

Haben es sonst noch irgendwelche Zuschauer gehört? Diejenigen Freunde seines Vaters, die auch einen Fernseher haben? Wäre es ihm im Radio genauso aufgefallen? Und was, wenn sie sich mit diesem Fernseher tatsächlich den Teufel ins Haus geholt haben? Die Kamera bleibt auf den General gerichtet, der keinerlei Verwirrung erkennen lässt, argumentiert und skizziert, während sein Vater sich jetzt im Sessel windet. Sieh ihn dir an, wie ungerührt er ist, zuckt nicht mal mit der Wimper, hockt da wie im Gottesdienst, sagt er und zeigt auf einen der Männer, die rechts neben dem General sitzen. Wer?, fragt seine Mutter. Michel Debré, antwortet er. Sie wundert sich nicht, dass er anstelle seines Vaters antwortet, dass er Bescheid weiß. Und Raymond Aron, ist der auch da?, fragt sie lauter. Aaron, verbessert sein Vater, indem er das a verdoppelt, es in die Länge zieht. Nein, aber er schaut bestimmt zu. Ja, natürlich, Aaron, dein größtes Schreckgespenst, sagt sie leicht stolz, als begrüße sie seine Streitlust. Nicht mehr, stellt er richtig. Ach ja? Warum nicht mehr? Er ist also nicht mehr dein Schreckgespenst?, fragt sie fast schon enttäuscht.

Vergiss den Juni nicht, bekommt sie lediglich zur Antwort. In ihm aber kommen Bilder auf, in dem zwei Größenordnungen aufeinanderprallen: Das Schreckgespenst erscheint in Gestalt einer großen schwarzen Bestie, die ein wildes, im Schatten der Wälder jagendes Rudel anführt, aber auch in Form sehr kleiner schwarzer Viecher, flirrender Insektenschwärme auf wenigen Quadratmillimetern. Schwarze Biester, mal draußen in der Welt, mal auf dem Fernsehbildschirm, oder sogar im Apparat selbst.


Sein Vater hat Raymond Arons Bücher nie gelesen, ja nicht einmal dessen Zeitungsartikel, abgesehen von jenem einen, auf den ihn am 4. Juni ein Freund hinweist. An diesem Tag kauft er sofort die Zeitung und schneidet den Artikel aus. Zu Hause geht er auf und ab und liest ihn mehrmals laut vor, sogar im dunklen Flur: »Wenn die Großmächte, dem nüchternen Kalkül ihrer Interessen gemäß, den kleinen Staat, der nicht meiner ist, der Zerstörung anheimgeben, wird dieses Verbrechen, das rein zahlenmäßig kein allzu großes ist, mir die Kraft zum Leben rauben.« Seine Mutter ist mit der Kleinen in der Küche und hört mit halbem Ohr zu. Er geht die Erklärung Zeile für Zeile durch, hält ihr den Artikel schließlich unter die Nase. Lustlos folgert sie, dass Aaron vielleicht endlich auf sein Herz höre. Eine solche Trennung zwischen Herz und Verstand missbilligt er und geht gereizt ins Wohnzimmer zurück. Ich weiß nicht, was schlecht daran sein soll, ein Herz zu haben, beharrt sie. Sein Vater antwortet nicht. Zur Strafe streckt sie ihm die Kleine entgegen. Nimm sie, ich hab’ zu tun, Maria wartet auf mich. Mit der Tochter im Arm schaut er weiter auf seinen Zeitungsausschnitt und deklamiert von Neuem.

So steigt Arons Satz schließlich in die Raumluft auf und lässt ein Bild entstehen, den kleinen Staat, der nicht meiner ist, Konturen aus Erde und Fleisch, zuckend wie ein lebenswichtiges Organ. Vom Flur aus, wo er sich versteckt, stellt er sich vor, wie das Herz seines Vaters am kleinen Schenkel seiner Schwester zu pochen beginnt, die es vielleicht spürt, ohne zu begreifen, was es ist, und Angst bekommt. Außer Atem setzt der Vater sie plötzlich auf dem Teppich zwischen ihren Spielsachen ab und schaltet den Fernseher ein. Er durchmisst weiter das Wohnzimmer, umkreist sie und befindet, dass dieser Aaron mit harten Bandagen kämpfe, dass es fast schon unangenehm sei, wie er mir nichts dir nichts alles auf den Tisch legt, seine Seele, sein Herz, und warum nicht seine … Wo kommst du denn her?, fragt er barsch, als er ihn wieder auftauchen sieht. Er wirft sich auf den Teppich, vergräbt den Kopf im Nacken seiner Schwester, antwortet nicht.

Über ihnen setzt das Deklamieren von Neuem ein, aber sie sehen nur das Ballett seiner Beine, zwei braune Stelzen, die sich hin und her bewegen, sich vereinen, sich überkreuzen, und sie manchmal streifen, als wären sie ein einziger geballter, grober und geschlechtsloser Körper. Das kommt davon, wenn man jahrelang einen auf großen Geist macht; lässt man sich erst mal gehen, dann richtig, tönt er. Er kann nicht sagen, ob sein Vater von der eigenen Feststellung erleichtert oder verärgert ist, zufrieden gestimmt oder entnervt. Er richtet sich ein wenig auf und fragt ihn. Die Beine erstarren für einen Augenblick. Du hast doch vom Krieg gehört, oder?, sagt sein Vater, sie müssen gewinnen. Er nimmt die Sorge, die Schärfe in seiner Stimme wahr, während er weiter an der zarten Haut riecht, am frischen Nacken, an den Locken seiner Schwester, die seine Wange kitzeln. Und können sie gewinnen?, wagt er sich vor. Sie müssen gewinnen!, entgegnet sein Vater. Er sieht, wie das Bein der Kleinen nach innen rotiert. Vorsichtig nimmt er es in die Hand und dreht es, bringt es wieder in Stellung, steht auf und sagt, er gehe zu Pepito.

An der Tür merkt er, dass das Bein nicht gehalten hat. Nimmst du sie nicht mit?, fragt sein Vater. Er zögert, er könnte sie überallhin mitnehmen, um sich nie von ihr trennen zu müssen, aber er schüttelt den Kopf, unterdrückt diese Anwandlung wie an jenem Tag, an dem seine Mutter mit der Kleinen im Arm aus der Klinik zurückkam: Er betrachtete die beiden von Weitem, wollte nichts überstürzen, verließ das Sofa nicht, auf dem er in Abwesenheit seiner Mutter die ganze Zeit allein gesessen hatte. So an ihre Brust geschmiegt, nimmt sie allen Platz in ihrem Herzen ein, dachte er für sich, und gleich darauf, dass sie mit ihr ihr Kleid schmücke wie mit einer Brosche – ein hübsches, dekoratives Accessoire. Seine Mutter wunderte sich, worauf wartest du noch? Komm deine Schwester begrüßen.

Er stand endlich auf, näherte sich mit plötzlich weichen Knien, weich wie diese kleine Fleischmasse, die er zwischen Tüchern entdeckte; er legte die Finger darauf, drückte sie hinein. Trotz der zwölf Jahre, die sie auseinander sind, begriff er, dass er und dieses wenige Tage alte Baby ein und denselben Fleischblock bildeten, urwüchsig, verschmolzen, alterslos, weder Mädchen noch Junge, weder von hier noch dort.

In Pepitos Zimmer bekommen sie alles mit, das Rattern der Nähmaschine, die Gespräche, das Reiben der Stoffe während der Anproben, denen sie natürlich nicht beiwohnen dürfen. Wenn ich nachts aufwache, lege ich mich drüben aufs Sofa, sagt Pepito. Meine Mutter setzt sich dort auch manchmal hin und näht im Schein ihrer kleinen Lampe. Am liebsten, fügt er hinzu, schlafe ich wieder ein, während sie in diesem Lichtkreis näht. Selbst wenn die Maschine rattert? Ja. Ich habe das Gefühl, das Kleidungsstück zu sein, der Stoff zwischen ihren Händen, weich und leicht, eine Baumwollhülle, ein Gespenst, das in der Luft schwebt, ich fühle mich geborgen. Sie legen sich aufs Bett, lauschen derart angestrengt, dass sie durch die Wand sehen können.


Cora, sagt sie beim Ablegen der Zeitschrift und des Stoffballens. 1946, mein Hochzeitsjahr. Aber für mich ist 1946 zuerst Coras Jahr – Im Netz der Leidenschaften –, und natürlich auch das Jahr von Gilda. Weit dahinter erst kommt meine Hochzeit. Seltsam, aber so ist das eben. Cora Smith ist Lana, Lana Turner. Schauen Sie, sagt sie und schlägt die Zeitschrift auf: Kleid aus weißem Krepp mit Schlüssellochkragen, kleiner Halsschleife, Taillengürtel über Tasche mit Ziernähten.

Ihre Beschreibungen stützen sich stets auf die Bildunterschriften, die sie übersetzt und auswendig gelernt hat. Sie verleiht ihnen Rhythmus, betont sie, spricht sie artikellos, wie abgefeuerte Salven. Es wäre ihm lieber, wenn sie weniger schwatzte und Maria sprechen ließe, aber sie macht weiter: In diesem Jahr wollten wir uns alle wie Cora anziehen, sogar ihren Badeanzug wollten wir, sehen Sie nur, wie wunderbar! Endlich äußert sich Maria: Das ist Sportkleidung, sagt sie kritisch. Stimmt schon, aber ist das nicht schick? Die Geschichte spielt in Kalifornien, und bei uns war es auch ein bisschen wie in Kalifornien, stellen Sie sich mal vor, was los war, als der Film angelaufen ist. In Filmen sind Schauspielerinnen selten gebräunt, und als wir Lana dann gebräunt in diesen so weißen Kleidern gesehen haben … Also wenn Sie mich fragen, ist diese Kleidung unsittlich, befindet Maria.

Pepito richtet sich auf, dreht sich zu ihm, der flüchtig die Augen öffnet. Die schweren Lider fallen ihm sofort wieder zu. Maria ist die Anstandsdame seiner Mutter, so, wie Pepito seine ist, im Viertel trennt sie die Spreu vom Weizen, erspart ihr unnützen oder heiklen Umgang. Ihm ist bewusst, dass die Eitelkeit seiner Mutter sich bisweilen durchsetzen kann, nach der Schule etwa, wenn sie ihn ganz in Schale geworfen abholen kommt, als wäre sie auf dem Weg zu einer Feierlichkeit, einem Fest, ihre Füße in Sandalen beim geringsten Sonnenstrahl, stets zu früh im Vergleich zu den anderen Müttern.

Als sie eines Nachmittags mit Maria vor dem Gitterzaun wartet und ein blaues Gürtelkleid trägt – das Maria mit dem Stolz der Ausstatter- und Kunsthandwerkerin betrachtet, stets versucht, eine Knitterfalte zu glätten, einen Abnäher zu korrigieren –, ist der Schuldirektor ihm und Pepito einen Schritt voraus und postiert sich vor den beiden Müttern. Senkt er plötzlich den Blick, weil sie schon kommen? Den nackten Beinen ausweichend, taucht er hinab zu den perlmuttschimmernden Zehennägeln in den blauen, zum Kleid passenden Sandalen. Für einen Moment ziehen die Fußspitzen seiner Mutter sämtliche Blicke an, bündeln sie, den Blick des Direktors, seinen, Marias, vielleicht Pepitos. Alle sind befangen, seine Mutter indessen redet weiter, wird immer mitteilsamer, ohne den Blick zu senken oder auch nur hinzusehen. Der Direktor klammert sich an ihre leichte, unbeschwerte Stimme und lässt den Blick wieder hinaufwandern, erregt, verwirrt, sekundenlang unfähig, sich zu beruhigen und den Faden seiner Lobrede wieder aufzunehmen, die er wie immer auf eine so glänzende, vorbildliche Schullaufbahn gehalten hat, ganz gleich, in welchem Fach. Auf dem Rückweg erklärt Maria, es sei noch zu kühl, um Sandalen zu tragen. Seine Mutter bestreitet das und fügt hinzu, dass diese arme Kim Novak welche anziehen wollte, um das graue Kostüm aufzulockern, das Hitchcock ihr in Vertigo aufzwang, doch Hitchcock lehnte rundweg ab und bezeichnete sie als schamlos. Ohne es deshalb gleich leid zu sein, begreift Maria abermals, dass sie nur scheinbar eine Anstandsdame ist und keinerlei Autorität genießt, nie auch nur eine dieser Eitelkeiten unterbinden wird, die sie verzweifeln und zugleich wahre Wunder vollbringen lassen.

Seit der Geburt seiner Schwester kommt sie nicht mehr an den Gitterzaun, aber sobald die Kleine laufen kann, verspricht sie, werde sie wieder da sein, um dem Lobgesang zu lauschen.

Übertreiben Sie nicht immer gleich, Maria! Ich finde Coras Sachen fantastisch. Vor allem dieses Kleid, mein liebstes. Ihr Handrücken klatscht auf die Zeitschriftenseite. Pepito und er wissen, dass die nun folgende Stille Marias Bedenkzeit ist, während der sie mit gekräuselter Stirn, gekräuselter Nase das Modell erneut beurteilt. Aber warum gibt es nur eine einzige Tasche?, fragt sie, zumal so groß und direkt am Gürtel … seltsam … wirklich seltsam … sieht fast aus wie eine Kellnertasche, ein ganzer Kellnerblock fände Platz darin. Eben, Cora ist Kellnerin! Sie haben wirklich ein gutes Auge, Maria!, ruft sie, aber ich glaube ja, dass in dieser Tasche nur ihr Lippenstift einen Platz hat … Genau das meine ich, beharrt Maria … Ihm und sogar Pepito wäre es lieber, wenn Maria ihre scharfsinnigen Urteile für sich behielte – obwohl es Pepito nicht unlieb ist, wenn sie ihre unterwürfige Zurückhaltung ablegt –, aber sie wiederholt das Wort »schamlos«. Seine Mutter kränkt es eher, mit einer Kellnerin verglichen zu werden als mit einer schamlosen Frau, und so bekräftigt sie: Die MGM hat all das Weiß verwendet, um die Sündhaftigkeit der Heldin herunterzuspielen, immerhin hat sie ja nicht Lana Turner selbst, sondern ihre Tochter des Mordes bezichtigt. Maria schweigt. Denken Sie, was Sie wollen, ich will genau das gleiche, spricht sie entschieden weiter. In Weiß? Ja, in Weiß. Haben Sie sich denn auch etwas zuschulden kommen lassen?, fragt Maria. Weil es in Rosa oder Grau schon weniger nach Kellnerin aussehen würde … Für Schwarzweiß spielen die tatsächlichen Farben sowieso keine Rolle, sagt Maria noch, der langsam die Argumente ausgehen. Man erhält grau, beige oder sogar rot, wenn man man weiß in Tee oder Kaffee tunkt. Woher wissen Sie das alles, Maria? So was weiß man eben im Schneiderhandwerk. Pepito bewegt sich neben ihm, behutsam, die Brust vor Stolz leicht geschwellt. Arbeitet deine Mutter wirklich als Schneiderin?, fragt er. Wem außer meiner Mutter schneidert sie denn noch Kleider? Zig anderen Frauen. Er fragt weder nach Namen noch nach Zahlen, glaubt, dass Pepito wichtigtut. Tee oder Kaffee! Und was ist mit Jezebel, als Bette Davis auf ihrem Ball mit rotem Kleid erscheint, anstatt Weiß zu tragen wie alle anderen Debütantinnen, meinen Sie, sie trägt da ein weißes, in Kaffee getunktes Kleid? Kann schon sein, stammelt Maria. Das ist furchtbar ungerecht, weil Henry Fonda sie deswegen ablehnt. Ich mag gar nicht daran denken, eine so große Schauspielerin, gezwungen, in einem schmutzigen, besudelten Kleid zu spielen, das noch dazu klatschnass ist … Andererseits ist mir das vielleicht sogar lieber, in Technicolor hätte ich Bette Davis ungern in einem echten roten Kleid gesehen … Ein Grund mehr, warum ich ein reines, unbeflecktes Weiß will; ich wüsste ja gern, was Sie gegen diese Farbe haben. Nichts, aber Weiß ist eine Farbe für junge Frauen. Aber ich bin eine junge Frau, Maria!, ruft sie mit schriller Stimme. Als der Film 1946 anläuft, bin ich noch nicht mal verheiratet. Also, wie viel Zeit brauchen Sie? Mein Mann sagt, wenn sie den Krieg gewinnen, werden wir das feiern, ich muss also bereit sein. Ein Krieg kann dauern, den gewinnt man nicht einfach so, murmelt Pepito. Die Ziernähte, betont Maria, sind viel Arbeit. Ich frage mich ja, ob man nicht doch zwei Taschen bräuchte, zögert seine Mutter. Dann wird es noch mehr Arbeit, antwortet Maria. Nein, das geht nicht, es muss wirklich sehr schnell gehen. Dann gehen Sie eben in ein Geschäft!, sagt Maria ärgerlich. Auf gar keinen Fall!, ruft sie entrüstet, drüben kam unsere Schneiderin um acht Uhr morgens, und um vier Uhr nachmittags war mein Kleid fertig. Ich zähle auf Sie, Maria, vier, fünf Tage, mehr nicht.

Dann fällt die Tür zu. Er schreckt auf. Bleib noch ein bisschen, sagt Pepito und legt eine Hand auf seinen Arm.

Nein, ich gehe wieder nach oben.

Wenn sie diesen Krieg gewinnen, hört er schon an der Wohnungstür – die sie nicht schließt, weil sie weiß, dass er ihr folgt –, kaufe ich dir dein Traumkleid. Seide, Satin, Musselin, was du willst! Wirklich?, fragt sie erstaunt über seine Großzügigkeit und gute Laune, obwohl er es doch hasst, mit der Kleinen lange allein zu bleiben, und sich für gewöhnlich, wenn sie wieder nach oben kommt, beschwert oder im Schlafzimmer verschwindet.

Sie hockt sich neben sie auf den Teppich, richtet ihr Bein, reibt die Lippen leicht an ihrer Wange und murmelt: Dein Vater wirkt zufrieden. Ist er am Ende sogar seine Schreckgespenster los? Auch gegenüber der Kleinen sagt sie nicht Papa, obwohl sie beginnt, genau diese zwei Silben zu bilden, zu wiederholen. So kann sie sich vielleicht bis zum Wort vortasten, es gebrauchen wie jedes andere französische Kind auch. Er fragt sich, ob er es in diesem Alter ebenfalls gesagt hat, wie lange und bis wann … Aber natürlich, erwidert sein Vater. Wir werden ja sehen, was sie nach dem Krieg alle sagen, angefangen bei diesem Aaron. Aaron, wiederholt sie summend, Aaaron, mit fröhlicher Miene, wie belustigt angesichts der Feststellung, dass ihr Mann dessen Unbehagen auskostet, dass die Schwärze seiner Schreckgespenster ebenso unbestimmbar ist wie deren Größe. Er bückt sich seinerseits und nimmt auf dem Teppich Platz.

Mein Traumkleid? Du hast wirklich mein Traumkleid gesagt? Dann wird es Gildas Etuikleid sein, Gilda Farrell, erklärt sie der Kleinen, 1933 von Lubitsch in Gestalt von Miriam Hopkins ins Leben gerufen, wiedergeboren 1946, und diesmal ist es Rita von der Columbia! Niemand weiß das außer mir … Warum erzählst du ihr das alles?, fragt er gereizt. Einfach so! Ich habe es letztens auch Pepito erzählt und ihm sogar gezeigt, wie Gilda tanzt, sagt sie und steht plötzlich auf. So … mit ihren Armen … ihren Handschuhen … über dem Kopf zu einer zarten Blütenkrone erhoben … leicht schlaff … sie wiegt sich in den Hüften … der Kopf leicht nach hinten geneigt … ihr langes Haar schwingt über den nackten Schultern … über ihrem Rücken. Er wagt es kaum, ihr zuzusehen. Du hast wirklich in deren Wohnzimmer getanzt?, fragt er, vor Pepito? Ja, also nur ein bisschen, antwortet sie und setzt sich wieder auf den Teppich, er aber springt auf, kneift seine Augen zusammen, um die Haut, die hellen Kleider seiner Mutter und Schwester verschwinden zu lassen und für ein paar Sekunden, am Fuß des Fernsehers, die Form eines einzigen Körpers erscheinen zu sehen, lang, röhrenförmig, mit Mundwerkzeugen und Zangen, ein flacher Gliederpanzer im Licht, ein schwarzes Schreckgespenst mit zwei Köpfen, das ihm noch lieber ist als diese aufrechte Silhouette, die sich unablässig vor Pepito schlängelt. Doch seine Vorstellung jagt ihm Angst ein. Er dreht sich um und geht auf seinen Vater zu.

Gibst du mir später den Zeitungsausschnitt? Den Artikel von Aaron?, fragt er ihn. Warum? Doch kurz darauf, hier, da ist er, ich kenne ihn sowieso auswendig: »Wenn die Großmächte, dem nüchternen Kalkül ihrer Interessen gemäß, den kleinen Staat, der nicht meiner ist, der Zerstörung anheimgeben, wird dieses Verbrechen, das zahlenmäßig kein allzu großes ist, mir die Kraft zum Leben rauben.« Er schiebt ihn in die kleine Brusttasche, ganz nah an sein Herz, und flitzt in sein Zimmer. Seine Schwester krabbelt ihm durch den dunklen Flur hinterher. An seinem Bett angelangt, schaut sie zu, wie er sich bückt und den Zeitungsfetzen seinem Papierhaufen hinzufügt. Sie kann inzwischen mühelos unters Bett kriechen, kommt schneller und näher an seinen Schatz heran als er. Ihre kleinen Finger wühlen emsig darin herum. Mit Daumen und Zeigefinger greift sie eine Zeitschrift, zupft an der Ecke eines Fotos; behutsam nimmt er ihr beides weg.


Seine Mutter verkündet, sie werde gleich morgen den schwarzen Satin für das Etuikleid kaufen gehen, sein Vater wiederum lädt ihn ein, zu einer Solidaritätskundgebung mitzugehen. Sein Satz ist wie eine Salve, die ihm keinen Raum zum Ausweichen lässt: Am Donnerstag hat er schulfrei; solange ein Krieg nicht gewonnen ist, kann man ihn verlieren, und sollten sie verlieren … Er spricht nicht weiter.

Eine Gabelung, ein Delta tut sich in seinem Gedankenstrom auf: Mit seinem Vater auf die Champs-Élysées gehen oder seine Mutter zum Marché Saint-Pierre begleiten? In seinem Wörterbuch schlägt er Etui nach – ein Futteral, eine Hülle, in der auch ein Messer oder ein Dolch aufbewahrt werden kann. Die Expedition zum Marché Saint-Pierre erscheint ihm auf einmal nicht weniger männlich als der Krieg, und in der Dunkelheit seines Zimmers blitzt der Körper seiner Mutter auf, reckt sich spindelförmig, wie um gezückt, geschwenkt zu werden. Am nächsten Morgen begreift er jedoch, dass er keine Wahl hat, dass er seinem Vater keinen weiteren Grund zu der Anklage geben darf, er lebe unter den Röcken seiner Mutter, geschützt vor Licht und Tatendrang. Also sagt er, dass er mitkomme, fügt aber hinzu, er könne genauso gut mit der Kleinen zu Hause bleiben, falls ihnen das entgegenkäme. Kommt gar nicht infrage, erwidert seine Mutter. Aber Pepito darf doch auch! Das ist was anderes, Pepito muss nicht auf ein Baby aufpassen.

Alle treffen sich unten vor dem Wohnhaus – selbst Pepito ist da, obwohl er sonst nirgends hingeht –, alle stehen sie auf den Stufen des Portalvorbaus, wie auf einem der Familienfotos, die er im Unterricht sieht, abgedruckt in den Geschichtsbüchern, Fotos voller Leute, treppenförmig aufgereiht vor alten Fassaden. Plötzlich bewegt sich seine Mutter, tritt aus dem Rahmen. Ohne dass sie ihn darum gebeten hätte, kommt Pepito allen zuvor und hilft ihr, den Kinderwagen der Kleinen die Stufen hinunterzutragen. Als der Wagen auf dem Bürgersteig steht, hebt er den Kopf, wischt sich die Stirn, die roten Backen. Betty Boop! Du siehst aus wie Betty Boop, Pepito!, ruft sie. Du kennst Betty Boop nicht, stimmt’s? Das ist eine Zeichentrickfigur aus den Dreißigerjahren, das Gesicht ist an Clara Bow oder Helen Kane angelehnt … ach, ich kann mich nicht erinnern, ist schon so lange her, aber jetzt weiß ich es endlich, ja, ganz sicher, du siehst aus wie Betty Boop! Wenn das nicht witzig ist! Sie lacht, während Pepito schwitzt, und noch röter wird, gekränkt, nicht nur mit einem Mädchen verglichen zu werden, sondern dazu noch mit einer Zeichentrickfigur, fleisch- und konsistenzlos. Wo er seit Monaten darauf wartet, dass sie endlich den Namen ausspricht, der die Nebel lichten wird, durch die sie ihn anblickt, weil ihr dieser Name auf der Zunge liegt, ohne dass sie ihn nennen kann; wo er jedes Mal hofft, den Namen eines amerikanischen Schauspielers zu hören, dessen Foto sie anschließend in ihrem Zeitschriftenstapel entdecken werden – ein schönes Gesicht, männlich, verführerisch –, räumt sie ihm lediglich einen Namen ein, der kaum einer ist, drei plumpe Silben, bet-ty-boop. Gern würde er ihren Kinderwagen von der höchsten Stufe runterrasen lassen, wenn er noch dort stünde, doch er ringt sich ein Lächeln ab, während sie hinzufügt, dass Betty Boop ein entzückendes Wesen sei, dunkle Locken, kugelrundes Gesicht, zwei große Augen, genau wie Pepitos. Mit langen Wimpern, sagt sie in Marias Richtung, und einem hübschen roten Etuikleidchen. Ein rotes Etuikleid für ein Kind? Maria ist empört. Betty Boop ist nicht wirklich ein Kind, eher eine Mischung aus Frau und Kind, und in den Vierzigern haben sie das rote Kleid ohnehin abgeschafft. Doch ihre Erklärungen machen nichts wett, im Gegenteil. Pepito hat genug gehört und entfernt sich. Wo gehst du hin? Weiß nicht. Und selbst als sie sagt, Marilyn habe später ein berühmtes Lied von Betty Boop neu gesungen, I wanna be loved by you, ja, Marilyn höchstpersönlich, wobei sie die Melodie trällert, poo-poo-pee-doo, ist nichts mehr auszubügeln. Pepito marschiert Richtung Park. Maria belehrt sie, dass José ein Junge sei. José ist Pepitos richtiger Name, den nie jemand benutzt, außer in der Schule und in seltenen Momenten wie diesem, da die Silben von Pepito denen von Betty Boop plötzlich zu ähnlich sind. Sie beharrt nicht weiter und schlägt vor loszugehen.


Бесплатный фрагмент закончился.

1 612,99 ₽
Возрастное ограничение:
0+
Объем:
241 стр. 3 иллюстрации
ISBN:
9783966390217
Издатель:
Переводчик:
Правообладатель:
Bookwire
Формат скачивания:

Похожие книги