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Nataly von Eschstruth
In Ungnade
II.
Roman
Mit Illustrationen von C. H. Küchler
Saga
In Ungnade – Band II
© 1894 Nataly von Eschstruth
Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711448205
1. Ebook-Auflage, 2016
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com
Das Recht der Übersetzung wird vorbehalten.
XV.
Lasst die Trompeten klingen!
Und hebt mir auf den Schild
Dies junge Mädchen,
Das jetzt mein ganzes Herz
Beherrschen soll als Königin!
Heine.
Max Christoph hatte eine schlechte Nacht gehabt. — Stunden, lange, einsame Stunden waren es gewesen, während welcher er schlummerlos in das goldgewirkte Persermuster seines Bettbaldachins emporgestarrt hatte und sich nicht losreissen konnte von einem Gedanken, welcher ihn bereits seit Monaten verfolgte, der Gedanke, dass Gräfin Judith Vare in den Augen der Welt für seine ihm heimlich angetraute Gattin galt. Er hatte es in Erfahrung gebracht, dass diese irrige Ansicht unlöslich feste Wurzel geschlagen, dass es wohl unmöglich sei, die öffentliche Meinung in dieser Hinsicht jemals zu korrigieren.
Es ist ja viel zu interessant, und dem Klatsch, der Langenweile und Standalsucht ein viel zu willkommenes Thema, welches sich in tausendfältigen Fädlein stets neu ausspinnen lässt, welches man so pikant würzen kann und welches eine unerschöpfliche Quelle bietet, daraus Frau Fama stets neu ihre Lippen netzen und man die Druckerschwärze stets im Fluss erhalten kann — als dass man hoffen könnte, Vernunft und Einsicht möchten mit der Zeit ihre lügenhaften Gegner besiegen!
Das, was Max Christoph am meisten gescheut hatte, sich als alter Mann durch die Heirat mit einer jungen Gemahlin gewissermassen der Spottlust preiszugeben, war nun doch geschehen, trotz all der heldenmütigen Entsagung, welche er sich auferlegt. Und wahrlich, eine Entsagung war es gewesen, auf den Besitz eines Wesens zu verzichten, welches auf ihn genau denselben Reiz zauberischer Unwiderstehlichkeit ausübte, wie auf alle anderen, ja auf ihn in doppeltem Masse, denn wer hatte wie er Gelegenheit, täglich den Geist, scharfen Verstand und anmutigen Witz dieser Frau zu bewundern? Wer kannte Judith Vare so gut wie er? Wer wärmte sich an dem seelischen Feuer ihres Wesens so unmittelbar wie er? Und es ist und bleibt eine unumstössliche Thatsache, dass Schönheit und Fülle des Geistes dauernder und unlöslicher fesseln als die des Körpers.
Immer und immer wieder musste er der Stunde gedenken, wo das schwergekränkte Weib, welches um seinetwillen so unschuldig alle Geisselschläge und Steinwürfe der Menge erlitt, neben seinem Sessel kniete und weinte, bittere, qualvolle und dennoch so schöne Thränen! Er sah sie noch auf ihrem Busen blitzen wie den frischen Tau auf weisser Rose, er sah sie noch an ihren Wimpern perlen, da sie zu ihm aufschaute, so ganz Vertrauen, Demut und Hingabe, mit dem süssen schüchternen Flehen im Blick: „Verschmäh’ mich nicht, ich kann dich so reich und glücklich, so gesund und so jung machen!“
Ja, in dem Moment hatte sich mehr in ihrem Antlitz ausgedrückt wie sonst, eine Liebe und Leidenschaft, welche ihn Verblendeten in jeder Stunde der Unentschlossenheit erschreckt hatten!
Die kleine, zarte Hand, welche sich damals schüchtern zu ihm hob, wie eine sturmgezauste Blumenranke, die sich anklammern möchte am schützenden Stamm, die hatte er herzlos, grausam und mitleidlos zurückgestossen; und nun? Nun war ein ganz Natürliches geschehen, sie hatte andern Halt und andere Stütze gesucht, wie es ihre Natur erfordert.
Judith Vare erschien ihm verändert seit jener Stunde. Es lag etwas hilflos Unsicheres in ihrem sonst so festen Wesen und gleichzeitig eine herbe Resignation, welche nicht zeigte, aber es doch dem sorgendem Auge des Grossherzogs nicht verbergen konnte, dass sie ihm jetzt wohl mit aller Pflichttreue und wackerer Aufopferung zur Seite stand, nicht aber mehr mit der warmherzigen Begeisterung eines Weibes, dessen Herz ebenso feurig für ihn empfand, wie ihr Geist ihm diente.
Nie zuvor hatte Max Christoph daran gedacht, die Gräfin zu seiner Gemahlin zu erheben. Es war ihm ein so Selbstverständliches und Sicheres gewesen, dass diese seltene Blüte einzig ihm zur Ehre und ihm zur Freude an seinem Hofe blühe, dass er sich nie um ihren Verlust gesorgt hatte. Und oft lehrt erst der Verlust die Grösse des Besitzes kennen.
Judith Vare hatte nie daran gedacht, im Beisein des Grossherzogs einen andern Herrn auszuzeichnen. Jetzt hatte sie nur noch Augen für Heusch von Buchfeld. Sie wollte es gern verbergen, aber die Eifersucht sieht scharf, und Max Christoph war plötzlich eifersüchtig, so fiebernd eifersüchtig wie er selbst als Jüngling nie gewesen!
Buchfeld war ein Sonderling, er behandelte seine bestrickende Gönnerin ebenso weiberfeindlich wie alle anderen Damen, aber gerade darin lag die Gefahr des grossen Reizes der Neuheit für Judith. Sie spielten beide mit dem Feuer, und über kurz oder lang werden selbst dem Weltverächter Aurel die Augen aufgehen, wie sie seinem königlichen Herrn aufgingen, dass er jetzt plötzlich erst den vollen Zauber dieses Weibes empfindet.
Und der junge Hauptmann spielt vorläufig noch Komödie mit ihnen allen! Seine vorgebliche Solidität ist der trügerische und heuchlerische Deckmantel für einen ganz unerlaubten Lebenswandel.
Max Christoph hat es mit einem gewiss feindseligen Interesse gehört, dass sein Flügeladjutant so geheimnisvoll locker gelebt, dass er nicht allein das grosse Erbe seines Bruders bereits völlig vergeudet, sondern, wie man munkelt, sogar noch Schulden gemacht haben soll. Er wird sich Aufklärung verschaffen und auch Sorge tragen, dass Gräfin Vare diese Neuigkeit erfahre. Das dämpft wohl ihr Interesse an dem interessanten Verschwender, denn wo soll er das Kapital gelassen haben? Entweder hat er es heimlich auf den grünen Tisch geworfen, oder er hat es, heuchlerisch jedes anständige Verkehren mit den Damen der Gesellschaft meidend, an leichtsinnige Weiber gehängt.
Nun, und eines wie das andere muss wohl eine gereifte und ernst denkende Frau ernüchtern. Die Nacht war so lang und einsam, die Gedanken hinter der Stirn des hohen Herrn arbeiteten immer erregter.
Da die Welt nun doch einmal an seine Ehe mit Judith glaubt, warum soll er nicht wenigstens den Nutzen daraus ziehen, nun auch thatsächlich glücklich zu sein? Seine Bedenken wegen ihres tyrannischen Einflusses sind ja lächerlich! Er ist doch wahrlich noch Mann genug, die Passionen seiner Gemahlin im Zügel zu halten! Und was sein Leiden anbelangt, — je nun, alle Ärzte versichern, es ginge mit Riesenschritten der Genesung entgegen! Die neue Massagekur, welche Judith ihm so dringend anempfahl, wirkt Wunder! Das Knie biegt sich bereits wieder, und er kann schmerzlos durch die längsten Säle gehen! Noch ein, zwei Monate, dann führt er als lebensfrischer Mann sein junges Weib zum Altar, und niemand wundert sich mehr seines Thuns! Zum Altar! Welch ein berauschender Gedanke, das Weib seiner Liebe zu eigen nehmen zu können! Und er liebt die süsse Sirene mit dem absonderlich, funkensprühenden Haar und der Glockenstimme; er liebt sie mit aller Leidenschaft und all dem jugendlichen Feuer, welches ihre Eigenart in ihm entzündet!
Es soll zu Ende kommen! er will nicht länger als Dürstender vor vollem Becher stehen, er will ihn leeren und geniessen! Warum dämmert der Tag noch immer nicht herauf?! Er soll zur Morgenröte, zur aufstrahlenden Sonne seines Lebensglückes werden!
Als der Grossherzog sein Frühstück genommen, liess er sich mit besonderer Hast und Sorgfalt ankleiden, denn er war, körperlich und geistig übermüdet, gegen Morgen etwas eingeschlafen und hatte dadurch länger wie gewöhnlich geruht. Es war bereits in der zwölften Stunde, als er Gräfin Vare bitten liess, doch unverzüglich zu einer wichtigen Besprechung in das Schloss herüber zu kommen.
Alle anderen Meldungen und Vorträge schob er voll nervöser Ungeduld um Stunden hinaus, und ignorierte vor allen Dingen die Zeit, zu welcher er Buchfeld zu sich befohlen.
Die Legationsrätin liess diesmal ganz gegen ihre Gewohnheit auf sich warten, aber es hatte einen wohl entschuldbaren Grund. Der Lakai meldete, dass gnädigste Gräfin zu einem Gabelfrühstück bei dem Herrn Minister des Auswärtigen geladen, und infolgedessen schon bei der Toilette gewesen sei.
Das Wetter verdunkelte sich mehr und mehr unter den Schneemassen, welche ohne Aufhören vom Himmel herab wirbelten, und da die tiefgebauten Gemächer des Schlosses kaum noch an die Tageshelle erinnerten, so entzündeten geschäftige Dienerhände die elektrischen Flammen, welche aus den buntfarbigen Blütengewinden der Kronleuchter ihr zauberhaft abgetöntes Licht ergossen.
Max Christoph hatte die elegante und reich dekorierte Uniform seines Leib-Kavallerieregimentes angelegt, sein sonst kurz geschnittenes Haar, welches in letzter Zeit etwas nachgewachsen war, lag zierlich gewellt an und über den schmalen Schläfen, und da die Erregung sein bleiches Antlitz höher färbte, so warf der Spiegel das Bild eines schlanken, jugendlich strammen Mannes zurück, so wie er vor zwanzig Jahren als Reiteroberst für die Gemäldegalerie des Landes gemalt war. Und der hohe Herr stand und sah lächelnd auf dieses Bild und gedachte eines alten Liedes, welches die Liebe als machtvolle Verjüngerin des Alters preist. Auch er war jung geworden, jung an Leib, Herz und Seele, und als er die duftenden Purpurrosen aus der Vase emporhob, erschienen sie vollauf berechtigt, an der Brust dieser stattlichen Rittergestalt zu blühen. Mit fiebernden Pulsen erwartete er sein Glück, und je länger es auf sich warten liess, desto erregter verlangte er nach seinem Besitz.
Endlich rauschte die atlasgefütterte Gobelinportiere an ihren schweren Bronzeringen zurück und, unangemeldet wie stets, schwebte die Lichtgestalt der anmutigsten aller Frauen über die Schwelle. Judith Vare hatte bereits Toilette gemacht, in der eigenartig, geschmackvollen Weise wie sie sich stets kleidete. Ein ganz zarter, schleierartig schmiegsamer, weisser Spitzenstoff wehte wie ein Hauch glatt und wenig faltenreich um ihre schlanke Figur. Von der etwas hochgelegten Taille fiel er schlicht herab, die Körperform völlig hüllend und sie dennoch bei jedem Schritt durch leichte Spannung markierend; eine breite Bordüre von erhabener Silberstickerei hielt am Saum des Kleides den florhasten Stoff nieder und lief in schwerer, mässig langer und etwas spitz fallender Schleppe aus. Eine Silberborde, von einer einzelnen, niedersinkenden Theerose geziert, bildete den breiten Gürtel. Die Ärmel, spannend eng und halblang, waren oben auf dem Arm mit Silberband geschnürt, eine Perlenschnur legte sich eng um den Hals und eine gleiche hielt die graziös toupierten, sehr hoch frisierten Haare zusammen.
Die ganze Erscheinung der Gräfin Vare war farblos, selbst ihr Antlitz war von müder Blässe überhaucht, und als sie mit den tiefumschatteten Augen einen Moment in regungslosem und erstauntem Anschauen vor ihrem hohen Gebieter zwischen den Portierenfalten stand, glich sie einem wunderholden, zeitverblichenen Gemälde, welches, jäh belebt, aus dunklem Rahmen tritt.
Max Christoph schritt ihr hastig entgegen, seine Hand bot sich ihr in erregtem Gruss, und sein Blick weilte mit einem Ausdruck leidenschaftlichen Entzückens auf ihr.
„Willkommen, liebe Freundin! Das Warten ist mir heute lang geworden, — — ich ... ich ... aber ... Sie sind doch nicht eilig?“ — und der Grossherzog rieb sich die Hände, was er stets that, wenn er verlegen oder unschlüssig war.
Judith schob ihm, der Gewohnheit gemäss, den nächststehenden Sessel herzu: „Nicht im mindesten, Königliche Hoheit, es gibt keine andere Dringlichkeit für mich, als die, meinem allergnädigsten Herrn zu dienen!“ sagte sie in leisem, etwas verschleiertem Ton und wollte sich neigen, das Fusskissen zurecht zu rücken. Max Christoph hielt sie zurück. Er hielt sekundenlang ihren weichen, warmen Arm. Sein Antlitz färbte sich noch höher.
„Mon Dieu, beste Gräfin. Sie beschämen mich! ich küsse Ihre Hand! ... haha ... so als alten Mann behandeln Sie mich, der geschützt werden muss, wie ein hinfälliges Schilf! Nicht doch! jene Zeiten sind Gottlob vorüber, die mich vor den Jahren zum Greis machen wollten, ich bin wieder gesund, ganz gesund, liebe Vare!“ und gleichsam, als wolle er seine Worte bethätigen, schritt er hochaufgerichtet und spornklirrend an ihr vorüber, nach einem entfernt stehenden Diwan. Ohne Stock und Stütze, ganz jugendlich und lebensfrisch. Erstaunt folgte ihm der Blick der Legationsrätin.
„Königliche Hoheit — ich sehe mit stolzer Freude, dass die Massagekur wahrhaft Wunder gewirkt hat — —“
„Die Massagekur?“ Max Christoph lachte, — noch immer etwas nervös, verlegen, „o nein, meine kleine Freundin, es war wohl ein ganz anderes Zaubermittel, welches aus einem Mann, der gewissermassen mit dem Leben abgeschlossen hatte, wieder einen feuerblütigen und begeisterten Jüngling gemacht! Setzen Sie sich an meine Seite ... ich ... ich möchte etwas mit Ihnen bereden ... oder besser ... ich möchte Sie um eine Antwort bitten“ — und dabei nahm er ihre Hand zwischen die seinen und machte tiefatmend eine kurze Pause.
Die Gräfin sah ihn frappiert an, und da just ihr Fächer zum Teppich niederglitt, hatte sie Gelegenheit, ihre Hand zu befreien. Noch war sie völlig ahnungslos, wenngleich ihr das Benehmen des hohen Herrn ganz aussergewöhnlich erschien. Sie gedachte jenes Abends, wo sie in diesem selben Zimmer eine so empfindliche Niederlage erlitten. Ein Gefühl von Trotz und Bitterkeit wallte in ihr auf.
„Ich verstehe, Königliche Hoheit, und ahne diese erbetene Antwort bereits!“ entgegnete sie hastig, „und ich will sie geben, trotz meiner Eigenschaft als lady patroness, welche ich dem Delinquenten gegenüber bisher stets bewiesen habe! Mein allerdnädigster Herr deuten den neuesten Skandal an, welcher momentan die müssigen Zungen der Residenz beschäftigt?“
Max Christoph horchte interessiert auf. „Ah! — Sie überraschen mich! Schon wieder ein neues Kapitel in der Chronique scandaleuse erschienen?“ Seine Brauen zogen sich zusammen. „Hat man etwa gewagt, Sie, liebe Gräfin, abermals in einem neuen Zeitungsartikel anzugreifen? Es war so lange Zeit Ruhe, dass ich schon die angenehme Hoffnung hegte, der Gallapfel sei jetzt bis zum letzten Tropfen ausgepresst!“
Judith schüttelte langsam, mit einem müden, resignierten Lächeln das Haupt. „O nein, Königliche Hoheit!“ sagte sie leichthin. „Die öffentliche Meinung hat mich gerichtet und unter die Füsse getreten, und damit ist der Zweck meines Verleumders erreicht, er schweigt wohl jetzt. Statt meiner hat man sich ein anderes Opfer ausgesucht.“
„Thatsächlich? — bitte vollenden Sie — wer soll —“
„Zur Zeit ist Heusch von Buchfeld la bête noire, von welchem man sich die grausigsten Märchen erzählt.“
„Soso! ach ... ich weiss bereits! Sie deuten die Gerüchte über seine mysteriösen Schulden an! Warum rechnen Sie dieselben so überzeugt unter die Märchen?!“
Auf das Höchste überrascht blickte die Legationsrätin in das Antlitz des Sprechers. Flammende Eifersucht sprühte in seinem Auge, Eifersucht durchklang seine Stimme, Eifersucht liess seine Hand sich zusammen krampfen. Eifersucht! Wie ein Blitzstrahl triumphierenden Frohlockens durchzuckte es die Gräfin, und binnen einer Sekunde war ihr Schlachtplan gänzlich verändert. Wunderbar kam ihr das Schicksal zu Hilfe! Sie war hierher gekommen, um Buchfeld zu verleumden und dadurch an seiner Stellung zu rütteln, jetzt gab ihr der Zufall eine noch viel bessere, eine zweischneidige Waffe in die Hand! Max Christoph war eifersüchtig! Die Stunde war gekommen, wo sie sich für die bittere Enttäuschung seiner herben Zurückweisung an ihm rächen und damit gleicher Zeit Buchfelds sichere Position ganz nach Gefallen erschüttern konnte, so lang erschüttern und unterminieren, bis sie es später im eignen Interesse wieder gut befinden würde, dieselbe zu festigen. Also vollständiges Wechseln der Dekoration! Die Eifersucht des Grossherzogs machte die vorsätzliche Angreiferin jählings wieder zur begeisterten, raffiniert koketten Fürsprecherin des Adjutanten. Jetzt auf dem Posten sein und alle Vorteile gewahrt!
Judiths Auge flimmerte, sie neigte ihr Haupt: „Warum ich sie zu den Märchen rechne, mein hoher Herr? Weil sie Märchen sind! Buchfeld hat wohl ganz unbedeutende Schulden gehabt, ich bin genau unterrichtet, er hat bei Scheuner & Co. einen Wechsel von zweitausend Thalern unterzeichnet, die Bagatelle aber bereits wieder abgetragen. Ich werde Scheuner veranlassen, Ew. Königlichen Hoheit bis heute abend den Beleg dafür zu unterbreiten!“
Der Grossherzog biss sich auf die Lippe. „Das ist etwas anderes“, sagte er ärgerlich, „gewiss hat der leichtsinnige Herr rechtzeitig erfahren, dass ich mit unerbittlicher Strenge jede derartige Ausschweifung ahnde. Über sein privates Thun und Handeln bin ich leider nicht ermächtigt zu richten, aber Sie wissen vielleicht darin Bescheid, liebe Vare, wie und zu welchen Zwecken Buchfeld binnen wenigen Monaten ein so bedeutendes Vermögen vergeudete, wie das hinterlassene seines Stiefbruders?!“
„Er huldigt wohl nobeln Passionen, Königliche Hoheit. Mein Gott, die jungen Herren sind so vielen Versuchungen ausgesetzt!“
„Undenkbar! Sie begütigen seinen Leichtsinn?“ die Stimme des Fragers klang scharf; „Sie befürworten es sogar, dass er sein Geld an Spiel und Weiber hängt?“
„Ich bin tolerant genug, mit den Verhältnissen zu rechnen, mein allergnädigster Herr. Buchfeld ist in Einsamkeit und Entbehrungen aufgewachsen, er steht naiv und leichtfertig wie ein unerfahrenes Kind plötzlich als reicher Mann auf dem heissen Boden einer Grossstadt. Ihm bleibt der grosse Schwabenstreich des Lebens ebensowenig erspart wie anderen Sterblichen, und auch an ihm wird sich die alte Wahrheit bestätigen, dass hohes Lehrgeld hohe Zinsen trägt!“
„Illusionen!“ Max Christoph biss die Zähne zusammen, „jeder Leichtsinn ist ein Laster, und das Unkraut lässt sich niemals völlig roden, da, wo es einmal Wurzel gefasst! Ein Spieler von Profession ist nicht zu kurieren, und wer sich einmal in schlechter Damengesellschaft bewegt, dem klebt sie ewig an.“
Judith lächelte, beinahe etwas sarkastisch. „Haben Königliche Hoheit thatsächliche Beweise für Buchfelds Verkehr in solch schlechter Gesellschaft?“
Er blickte fast zornig auf und stiess mit sichtlichem Widerwillen hervor: „Nein, das nicht; aber mit gesundem Menschenverstand ist wohl dieses Faktum leicht zu berechnen!“
„Thatsächlich? Warum müssen es zwei Passionen sein, denen er fröhnt, mein allergnädigster Herr, warum sagt man nicht: „Spiel — oder Weib?“
„Hm ... Sie sind ein Diplomat ... Sie ... ah — ich kenne das ja bereits an Ihnen, dass Sie dem ‚leichtfertigen Kind‘ mit dem Philosophenverstand stets die Stange halten! Mag’s sein, wie es will, auch dieses ‚aber‘ ist schlimm genug und verurteilt den schlechten Wirtschafter in meinen Augen. Aber, Sie fordern mit einer solchen Sicherheit Beweise, als wären Sie auch diesmal imstande, Gegenbeweise zu bringen“, er sah sie misstrauisch an: „Können Sie es? es würde dies ein Beweis sein, mit welch grossem Interesse Sie die Angelegenheiten des Herrn von Buchfeld beobachten!“ Wieder diese glimmende Eifersucht! und durch Judiths Seele zieht die Freude der Satanella.
Sie wendet wie leicht verlegen das Köpfchen zur Seite und zupft an der Rose im Silbergurt. Ihr Füsschen schiebt sich auf schwellendem Teppich vor, und der glitzernde Silberflor umspannt dadurch noch praller ihre Gestalt: „Nur den Gegenbeweis, welcher sich als Resultat von ein wenig Kombination und Menschenkenntnis ergibt! Wenn ein Mann, ernst und ehedem so weiberfeindlich wie Buchfeld, sich mit aller Leidenschaft in eine Dame der guten Gesellschaft verliebt und dieselbe zu gewinnen hofft, wird er sich nicht den Weg zu ihrem Herzen verschütten und sich in schlechter Gesellschaft bewegen! Die Verhältnisse sind selbst in einer Grossstadt so unendlich kleinstädtisch, dass man genau im Westen hört, was im Osten geflüstert wird!“
„Und doch wusste Buchfeld seine Passionen bisher geheim zu halten!“
„Bisher! Wie lange noch?“
Max Christoph zuckte ungeduldig die Achseln, erhob sich jäh und schritt ein paarmal im Zimmer auf und nieder. „Sie scheinen keine Enttäuschung von diesen Enthüllungen zu fürchten, Gräfin, und was diese Dame der guten Gesellschaft anbelangt — — bah, ich sah Buchfeld mit jeder von unseren Damen nur schroff und unliebenswürdig verkehren!“ Er sprach mit scharfer Betonung und blieb mit forschendem Blick vor ihr stehen.
Judith blinzelte neckisch über den Fächerrand zu ihm auf, erhob sich gleichfalls und legte den Arm um die seitwärts stehende Bronzestatue eines Fahnenträgers. Voll zauberischer Koketterie neigte sie das Köpfchen gegen seine Brust, und streichelte mit der Hand über das glatte Erz. „War er unliebenswürdig?“ kicherte sie, „je nun, was sich liebt, das neckt sich! und manche Menschen spielen Versteck, wenn sie ihre Gefühle nicht auf den Jahrmarkt tragen wollen!“
Der hohe Herr trat mit zitternden Lippen einen Schritt näher und fasste jählings ihre Hand mit eisernem Druck.
„Und wird solch eine Liebe erwidert, Gräfin?!“
Sie lachte silberhell auf: „Das kann doch wohl nur die Zukunft lehren, Königliche Hoheit! Wer schaut in eines Menschen Herz!!“
Er setzte sich wieder auf den Diwan nieder und stützte das Haupt in die Hand. Sein Atem ging schwer, es zwang ihn wie mit Zaubermacht, immer wieder aufzuschauen und sie anzusehen!
„Gräfin“, sagte er endlich tiefernst und wies abermals auf den Platz an seiner Seite, „hören Sie mich einen Augenblick an. Wie weit Ihr Interesse für Buchfeld geht, weiss ich nicht und will es nicht wissen. Ich frage Sie aber und verlange bei allem, was Ihnen heilig ist, eine offene Antwort. Hat er Ihnen bereits von seiner Liebe gesprochen?“
Sie verschlang die Hände und sah zu Boden. „Noch nicht!“ flüsterte sie.
„Noch nicht? Sie glauben, dass er es aber wagen wird?“
„Wagen? Ja, es ist wohl ein Wagnis, ein Weib, welches vor aller Welt gebrandmarkt ist, zu eigen zu begehren!“ sie hob jäh verändert das Haupt; ihr Auge sprühte in massloser Bitterkeit und Erregung, ihre Gestalt wuchs empor. „Es würde ein Wagnis sein, ein Weib zu eigen zu verlangeu, auf welches die öffentliche Meinung mit Steinen wirft, welches ungeschützt und unverteidigt alle Verleumdungen über sich ergehen lassen musste, unschuldig, und auch nicht imstande, dieselben zu widerlegen! Welches ... “
Max Christoph legte jählings seine Hand auf ihre Schulter; er sah sehr bleich aus. „Nicht weiter, Gräfin, ich empfinde den Vorwurf Ihrer Worte und schwöre Ihnen —“
Ein Schluchzen erschütterte ihre Gestalt, sie hob die Hände vor das Antlitz und unterbrach ihn voll fiebrischer Erregtheit. „Sie empfinden Mitleid mit mir, Königliche Hoheit, und dennoch machen Sie es mir durch Ihren Verdacht gegen Buchfeld so schwer, wieder eine ehrenvolle Stellung in der Welt einnehmen zu können! Bleibt mir Unglücklichen denn eine grosse Wahl? Muss ich mich nicht an jede Hand, die sich mir rettend entgegen bietet, anklammern, um meiner Ehre willen, gleichviel, ob mein Herz bei solcher Wahl mitspricht? Ja, lieben, umschwärmen, durch kecke Huldigung demütigen, wollen wohl alle das schutzlos an den Pranger gestellte Weib, denn wo keine Ehre mehr ist, braucht man sie auch nicht zu respektieren, zur Gattin aber begehrt keiner die Geliebte seines Fürsten, und doch kann nur der Trauring und der starke Arm eines Gemahls mich wieder emporheben auf die moralische Höhe einer Stellung, welche ich nie verlor, und doch nicht mehr besitze! Darum flehe ich Eure Königliche Hoheit an, mir diesen Schritt, welcher mich herbe Überwindung kostet, nicht zu erschweren! Ich bin fest entschlossen, Buchfeld zu heiraten.“ —
„Nein! und tausendmal nein!“ Max Christoph zog die Schluchzende tief ergriffen an seine Brust. „Gibt es einen Mann auf der Welt, der alles gut zu machen hat, was er unbewusst an Ihnen verschuldet, so bin ich es, Judith! Ich habe Ihnen die Stellung in der Welt genommen, dadurch, dass ich schuldlos zu den Verleumdungen Anlass gab, ich will Ihnen dieselbe wiedergeben, so hoch und glänzend, wie es nur die Hand eines Fürsten vermag, der ein geliebtes Weib als Gattin neben sich auf den Thron erhebt! Ich liebe Sie, Judith, und will mein Glück nicht dem Vorurteil opfern, ich will diesen Schritt, welcher mich Ihnen für das Leben verbindet, vor Gott und der Welt verantworten, ich will Ihnen Genugthuung verschaffen und uns beiden ein Glück sichern, vor dessen schäumendem Kelch wir lange genug in thörichtem Zögern gedurstet; Judith, Sie sollen durch den Segen der Kirche in offizieller Feier zu meiner Gemahlin erhoben werden!“
Einen Augenblick ruhte der geschmeidige Frauenkörper wie betäubt an seiner Brust. Diesen direkten, so urplötzlichen Entschluss hatte sie nicht vorausgesehen. Was thun? Ihm angehören? Ein Schauer rieselte durch ihre Glieder. Was sie noch vor wenigen Monaten als höchstes Erdenziel ersehnt, mit steinernem Herz und eisernem Willen dem Schicksal abgezwungen und abgerungen hatte, das erschreckte sie in seiner Erfüllung. Ihre ganze Seele, jeder Nerv und jede Fiber bebten in leidenschaftlichster Liebesglut für einen anderen. Was war aber aller Purpur der Welt, gegen eine einzige Stunde in Aurels Arm! Sie gab ihn nicht auf, sie klammerte sich mit der wütenden Energie einer Verzweifelnden an die Hoffnung auf seine Liebe. Plötzlich diese ernsthafte Wandlung in dem Entschluss des Grossherzogs. Sie hielt in diesem Moment eine Wage in der Hand, darauf lag hier eine Krone und dort ein Herz. Was wählen? Nur jetzt keinen unbesonnenen Streich. Zeit gewonnen, alles gewonnen. „Ein wenig Wehren spornt das Begehren“ sagt ein altes Wahrwort. Wehren ist nicht abweisen, und Judith Vare will noch freie Hand behalten in diesem Spiel. Sie muss Zeit gewinnen, um zu überlegen, wie diese Situation am besten auszunutzen sei. Lässt sich beides vereinen, Herz und Krone? Die moderne Zeit ist ja so leichtsinnig, und das Blümlein der Treue wächst nur sehr selten noch neben der Myrte! Aber Aurel! wird er, der nüchterne, pflichtgetreue Pedant, sich jemals entwürdigen der Page einer jungen Königin zu sein? Lächerlich! Was weiss er, der Tugendspiegel, von Strickleiter und heimlicher Minne? Und doch ... sein geheimnisvolles Verschwenden ... seine eigenen Worte, „ich bin ein wüster Gesell“, sollte er doch vielleicht ...? Mit Blitzesschnelle wirbeln diese Gedanken durch ihr Hirn. Zeit gewinnen! erst ihrer Sache sicher sein und dann handeln!
Der Grossherzog neigt sich und hebt ihr tief herabgesunkenes Köpfchen. „Judith ...“ flüsterte er mit halb erstickter Stimme, „warum keine Antwort?!“
Da gleitet sie leis, leis wie ein Mondstrahl aus seinem Arm, an ihm nieder vor seine Füsse. Ihre Hände umschliessen bebend die seinen, sie presst die heissen, zuckenden Lippen darauf nieder.
„Der Himmel segne meinen allergnädigsten Herrn für diese Worte unaussprechlicher und unbegreiflicher Gnade! Sie waren Balsam auf mein wundes Herz und haben mich in stolzem Ehrgefühl wieder stark werden lassen in mir selber, diese Stunde war der Lohn für all die wankellose Liebe und Treue, welche ich stets im Herzen für Max Christoph gehegt!“ Ihre Stimme klang weich und zitternd, jetzt hob sie energisch das Haupt und lehnte es in den Nacken zurück. Ihre Augen brannten in den seinen. „Aber ich will mich dieser hohen Weihestunde auch wert zeigen! Wehe mir, wollte ich egoistisch und selbstsüchtig genug sein, mich als ewige Bürde an eine Hand zu ketten, welche mir in einer Aufwallung tiefsten Mitleids geboten wurde! Hat ein Vorwurf in meiner Stimme gelegen, Königliche Hoheit, so geschah es unbewusst, meine Seele glänzt in schattenloser Liebe und Dankbarkeit! Ich weiss, wie gross das Opfer ist, welches mir mein allergnädigster Herr in dieser Stunde bringen will, es ist gross, unfasslich und wunderbar gross! aber es ist nicht grösser und höher als mein Empfinden! Meine Ehre soll nicht erkauft werden mit einem Kronreif, die Welt soll nicht sagen können: Judith Vare hat nach Rang und Stellung gestrebt! sie soll meinen Egoismus nicht für grösser halten als meine Liebe! Nichts hat mir im Leben ferner gelegen als die Sucht nach fürstlichem Glanz, und darum bin ich auch jetzt bescheiden und demütig genug, eine Anwandlung der Grossmut nicht zu meinem Vorteil auszubeuten —“
„Judith, herrliches, selbstloses Weib! keine Grossmut, keine Aufopferung ...“
Sie sprang empor. Voll leidenschaftlicher Erregung hob sie wehrend die Hände. „Nun so ist’s eine momentane Selbsttäuschung, ein Gnadengeschenk, welches mit geblendeten Augen gereicht wird! Ich darf es nicht annehmen, will ich meines Herrn getreue Dienerin sein, denn ich weiss, es ist viel zu reich, viel zu verschwenderisch gegeben!“ Sie trat dicht vor ihn, sank abermals vor ihm ins Knie und faltete die Hände vor der Brust: „Nicht im Nehmen, sondern im Entsagen zeigt sich die volle und ganze Grösse der Liebe“, flüsterte sie mit fascinierendem Blick, „und ich liebe Sie viel zu innig und leidenschaftlich, als dass ich dieser treuen Hand zur Fessel werden möchte! Die Welt verurteilt mich als habgieriges Weib, das seine Hände nach dem Diadem ausstreckt, mag sie es! Ich danke Gott auf den Knien, dass er mir Gelegenheit gab, Ihnen, Königliche Hoheit, beweisen zu können, dass sie mir unrecht thut! Ich will nichts weiter sein als eine bescheidene kleine Blüte, die im Sonnenglanz der Gnade und Huld blühen darf, ein Edelweiss, rein und fleckenlos, und getreu bis in den Tod!“
Sie küsste abermals hastig seine Hände, mit heissen leidenschaftlichen Lippen. Die Worte, welche sie sprach, atmeten die vollste Entsagung, ihre Augen aber lockten und glühten und hielten nur um so fester, was der Mund von sich wies. Und ehe der hohe Herr entgegnen oder sie halten konnte, war sie empor gesprungen und entfloh lautlos und schnell wie ein Lichtstrahl dem Gemach des Grossherzogs.
Max Christoph folgte ihr ungestüm, das belebte Vorzimmer aber hielt ihn zurück. Und Gräfin Judith hatte sich nicht verrechnet. Glühte zuvor nur ein Funken der liebenden Sympathie in seinem Herzen, so loderten jetzt die hohen Flammen der Begeisterung und Leidenschaft darin.
Warum enteilte sie ihm? Gerade jetzt, wo seine Sehnsucht sie mit tausendfachen Rosenketten an sich fesseln möchte? Ein seltsames Gemisch von Entzücken, Unwillen und jauchzender Ungeduld erfüllte ihn. Aber es machte ihn auch nervös, und als der Name Heusch von Buchfelds vor seinem Ohr erklang, hob die Eifersucht doch wieder ihr schillernd Natterhaupt. Die Gräfin hatte gesagt, sie sei entschlossen den Hauptmann zu heiraten, wie nun, wenn sie in übertriebenem Edelmut einen unbesonnenen Schritt thäte?! Wehe ihr und ihm!
Noch nie zuvor ward ein Flügeladjutant so misstrauisch und ungnädig von seinem Fürsten empfangen, als Heusch von Buchfeld, welcher in dem nämlichen Augenblick sein Haupt in dem bekannt kurzen, militärischen Gruss vor Max Christoph neigte.
Gräfin Judith aber sauste mit flinken Rossen davon, direkten Wegs zu dem Bankhaus von Scheuner & Co. Dort wurde bei verschlossenen Thüren ein gar seltsames Geheimnis geschaffen; die Legationsrätin bezahlte im Auftrag einer hohen Persönlichkeit die Schulden des Hauptmann von Buchfeld. Diskretion Ehrensache! Selbst der Flügeladjutant in eigner Person darf nie erfahren, wer die Vermittlerin dieser aussergewöhnlichen Mission gewesen. Der alte Herr mit dem elegant gekräuselten weissen Henriquatre und den vielen Brillantringen ist berauscht von der silberglänzenden Feengestalt der Legationsrätin, welche ihm wie eine höhere Erscheinung durch die düsteren Geschäftsräume voranschwebt. Er verspricht und gelobt alles, was sie von ihm verlangt, geleitet sie unter zahllosen Komplimenten an den Wagen zurück und sitzt noch eine lange Zeit nachdenklich vor seinem Pult, „die Welt hat recht, Gräfin Vare ist ein eigenartiges Wesen, und Max Christoph, falls Frau Fama wahr erzählt, ein beneidenswerter Mann!“ ...
XVI.
Schnell ist, was man erworben hat, zerronnen,
Die Ehre selbst! misslingt ein kühner Plan!
Tasso.
Ein einz’ger Augenblick kann alles umgestalten!
Wieland.
Der Flügeladjutant stand vor seinem Fürsten.
Max Christoph hatte ihn mit wenig freundlichem Blick kaum gestreist, als er durch kurze Geste seinen Gruss erwiderte. Er trat, seine innere Erregung und Missstimmung gegen Aurel zu bekämpfen, an eine der hohen Spiegelscheiben, schob den Store mit den darin eingestickten bunt seidenen Bouquets ungeduldig zur Seite und starrte in den Schneesturm hinaus. Seine schlanken Finger trommelten ein hastiges Tempo gegen das geschliffene Glas.
„Da wir heute weder dringliche, noch wichtige Angelegenheiten zu verhandeln haben, Hauptmann von Buchfeld, beurlaube ich Sie einstweilen, bis auf weiteres.“
Seine Stimme klang schroff und kurz, völlig anders wie sonst. Die Nerven des leidenden alten Herrn hatten öfters schon eine vorübergehend üble Laune veranlasst, darum legte Aurel kein sonderliches Gewicht auf diese Stimmung. Er trat einen Schritt näher, neigte abermals mit formellem Gruss das Haupt und wagte es, in dem Ton dienstlicher Meldung zu erwidern: „Halten zu Gnaden, Königliche Hoheit. Eine Angelegenheit von ausserordentlicher Bedeutung ermutigt mich, um Erlaubnis zu bitten, dieselbe vortragen zu dürfen!“
„Ausserordentliche Bedeutung?“ Max Christoph zuckte, ohne sich umzuwenden, etwas ironisch die Schultern.
„Unter diesem Passepartout reist so manche Bagatelle. Ich bin heute nicht zu längeren Auseinandersetzungen aufgelegt. Deuten Sie mir kurz an, um welch eine Affaire es sich handelt.“
„Mein Bericht bezieht sich auf die ominösen und skandalösen Zeitungsartikel, welche eine Zeitlang die hiesigen Hof- und Staatsverhältnisse an den Pranger stellten, Königliche Hoheit.“
Der Grossherzog wandte sich dem Sprecher jählings zu; die Finger seiner Rechten schoben sich zwischen die Uniformknöpfe auf die Brust, er richtete sich hoch empor. „Ah ... abermals ein neuer Angriff?!“ rang es sich drohend von seinen Lippen.
„Halten zu Gnaden, nein.“
„Nein? — was sonst! — reden Sie, — ich bin heute schon genugsam alteriert!“
Aurel öffnete sein Portefeuille. „Es ist mir durch gewissenhafte Nachforschungen gelungen, den Verfasser und Schreiber, respektive die beiden Autoren dieser Artikel zu ermitteln!“ sagte er mit leis bebenden Nasenflügeln.
Die Wirkung der Worte war eine ausserordentliche.
Max Christoph taumelte einen Schritt vor und fasste mit beiden Händen die Schultern seines Adjutanten, als müsse er sich vor dem Umsinken schützen.
„Buchfeld!“ schrie er fast auf, „ist das Wahrheit, Mann?!“
„Hier ist ein Streifen Manuskript, welches ich direkt aus der Druckerei erlangte, Königliche Hoheit. So ist es mir überbracht, und so liefere ich es in die Hände meines gnädigsten Herrn, überzeugt, dass Wahrheit und Gerechtigkeit die Siegel lösen werden, welche auch jetzt noch zum Teil dieses Blatt zum Rätsel machen.“
„Ein Stück Manuskript ... thatsächlich ... ah, ich danke Ihnen, lieber Buchfeld, danke Ihnen. Ist Ihnen besser geglückt wie mir. Wodurch? Haben Sie einen Beamten der Zeitungsdruckerei bestochen?“
Der hohe Herr liess sich kraftlos auf einen Sessel nieder, seine bleiche, leise bebende Hand hielt das verhängnisvolle Papier mit zitterndem Druck. Er lehnte erschöpft das Haupt zurück und schloss momentan die Augen. Die Erregungen der letzten Stunde hatten ihn emporgerüttelt, jetzt erzeigten sie sich dennoch als zu gross für seine noch immer kranken Nerven, er sank wieder schlaff und matt in sich zusammen, just, als ziehe die nüchterne und herbe Wahrheit ihm den Boden unter den Füssen fort, auf welchen ihn die Illusion für kurze Stunden gehoben.
„Allerdings, Königliche Hoheit. Ich habe in dieser Angelegenheit dem jesuitischen Grundsatz gehuldigt, dass der Zweck die Mittel heiligt, und erreichte auf dem krummen Umweg mehr, als auf der geraden Strasse.“
„Durch Geldmittel?“
„Lediglich durch solche.“
„Seltsam, ich habe Unsummen auszahlen lassen zu dem gleichen Zweck, ohne Erfolg zu erzielen! Wieviel opferten Sie meinen Interessen?“
Aurel lächelte seltsam. „Alles, was ich hatte und besass, Königliche Hoheit, aber ich vertraute es keiner fremden Hand an, ich bezahlte selber. Krumme Wege haben auch noch Abwege, auf welchen schon mancher Dukaten spurlos davon rollte!“
„Nein, nein — in diesem Fall absolut ausgeschlossen. Gräfin Vare leitete die Angelegenheit persönlich. Also alles, was Sie hatten und besassen —“ Der Sprecher strich tiefatmend über die Stirn und senkte den Blick. „Jetzt allerdings weiss ich, wo das Vermögen Ihres Bruders blieb. Beim Himmel, ein wertvoll Stücklein Papier, und ein seltener Triumph für eine Frau, dass sich ein Mann ihretwegen zum Bettler machte.“
Er sah plötzlich wieder scharf in Aurels Antlitz, die Leidenschaft der Eifersucht zitterte durch seine Stimme. Stolz und kalt hob der junge Offizier das Haupt.
„Was geschah und was ich that, geschah lediglich zur Ehrenrettung meines armen, geächteten Bruders, Königliche Hoheit“, entgegnete er gepresst.
„Ihres Bruders? Was hat der junge Dahlen mit dieser Angelegenheit zu thun?“
„Ich glaubte durch Enthüllung dieses Geheimnisses Mittel und Wege an die Hand zu bekommen, zu erfahren, inwieweit die Koketterie der Gräfin Vare meinen unglücklichen Bruder in das Verderben trieb!“
Das Haupt des Grossherzogs neigte sich vor, als habe er nicht recht gehört. Fahle Blässe überzog sein Antlitz, er wollte zornig emporfahren, aber er beherrschte sich.
„Sie erachten die Gräfin für schuldig, weil sich ein überspannter junger Mensch, dessen Liebesanträge sie als anständige Frau weder erhören wollte noch durfte, um ihretwillen erschoss?“
„Allerdings, Königliche Hoheit. Durfte sie seine Anträge nicht erhören, so durfte sie vor allen Dingen seine Leidenschaft nicht bis zur Sinnlosigkeit schüren. Wäre sie in der That eine anständige Frau, so hätte sie nicht voll schamloser Eitelkeit die Macht ihres Raffinements an einem derart jungen und naiven Menschen proben dürfen!“
Der Ausdruck in den Zügen Max Christophs wurde erschreckend, seine Zähne bissen sich in knirschendem Zorn aufeinander. Er rang nach Atem, den verwegenen Sprecher zu zerschmettern, aber Buchfeld fuhr hastig, mit beinahe rauher Stimme fort: „Es handelt sich jedoch absolut nicht um ein Opfer unglücklicher Liebe bei dieser Angelegenheit, denn für Weibereitelkeit gibt es leider Gottes immer noch schwache Entschuldigungen — Gräfin Vare hat meinen Bruder nicht in den Tod getrieben, weil sie sich ihm versagte, sondern weil sie ihm durch einen Schurkenstreich die Ehre nahm!“
„Buchfeld!“ Der Grossherzog stand ihm kerzengerade gegenüber, sein Auge sprühte. „Sie wagen es, solch empörende Verdächtigungen gegen eine Frau auszusprechen, die mir, wie Sie wissen, innig befreundet ist? Wehe Ihnen, wenn Sie nicht im stande sind, diese ungeheuren Anklagen zu begründen! Ich verlange es bei meinem fürstlichen Wort, und ich werde der Rächer der verleumdeten Unschuld sein, so wahr mir Gott helfe!“
Ruhig und furchtlos sah Aurel in das Auge seines Fürsten. „Und so, wie Eure Königliche Hoheit die verleumdete Unschuld rächen, werden Sie auch die Schuldige strafen!“ erwiderte er mutig. „Der Zettel, welchen Königliche Hoheit in der Hand halten, ist der erste Beweis für die Wahrhaftigkeit meiner Aussagen.“
Max Christoph sank in die Polster zurück; Fieberglut lag auf seiner Stirn. Seine lang verhaltene, wildzornige Erregung kam zum Ausbruch, aber sie richtete sich nicht im mindesten Verdacht gegen das Weib, welchem all seine Pulse in leidenschaftlichem Verlangen entgegenschlugen, sondern gegen ihn, den Angreifer, den Mann, auf welchen er eifersüchtig war, für welchen sich Judith in rührendster Güte so oft verwandt, dessen ganzes Glück sie begründet, und der sie nun voll krassesten Undanks in den Kot treten will, sie, die ihn zur Sonnenhöhe des Lebens erhob!
„Dieser Zettel ... ah, lasst sehen ... die Handschrift wird zu ermitteln sein ... was sagen Sie? Erklären Sie sich deutlicher. Dieser Zettel ein Beweis ihrer Schuld?!“
Aurel stützte sich schwer auf die marmorne Tischplatte. „Ich kenne die Schrift, sie ist von der Hand meines verstorbenen Bruders auf dieses Papier gebracht.“
„Ihres Bruders?“
„Meines Bruders Ortwin von Dahlen.“
„Und Dahlen hat die Schandartikel geschrieben? Ihr eigner Bruder hat mich und mein ganzes Land zu beschimpfen gewagt?! Ihr Bruder, der verschmähte Liebhaber der Gräfin, hat diese Racheangriffe gegen sie geschrieben?!“ Ein schneidendes Lachen gellte auf. „Und weil Ihr Bruder der Bube gewesen, der diesen Schurkenstreich beging, darum verurteilen Sie die Unglückliche, welche seiner Schamlosigkeit zum Opfer fiel?“
Aurel bebte an allen Gliedern, kein Blutstropfen kreiste in seinem Antlitz. Er biss die Zähne zusammen und krampfte die Finger um den kalten Marmor, seiner Gelassenheit gewaltsam Herr zu bleiben.
„Wollen Königliche Hoheit den Zettel genauer prüfen. Er trägt noch andere Schriftzüge ausser denen meines Bruders!“
„Noch andere? Oh ... ich bin begierig ... haha, vielleicht die Ihren? Soyons done ... wo? Ich sehe nichts!“
Wie eine Pagode neigte sich der junge Offizier und deutete auf die Korrekturen. „Königliche Hoheit kennen die Schrift der Gräfin Vare? Diese Abänderungen in dem Manuskript stammen von — ihr!“
„Unmöglich! Sind Sie toll geworden?!“
„Gestatten mir Königliche Hoheit eine Erklärung?“
„Zum Teufel ... reden Sie!“
Seine Lippen zitterten, schwarze Schatten senkten sich tief um die Augen — Aurel aber erklärte mit keuchendem Atem die einzelnen Korrekturen und den früheren Wortlaut des Manuskriptes und fuhr lebhaft fort, seine Kombinationen auseinander zu setzen, in welcher Weise einzig diese Doppelarbeit entstanden sein könne. Der Grossherzog hatte zuerst still und jäh entsetzt zugehört; auch er musste sich von der Ähnlichkeit der Schriftzüge überzeugen, als aber sein Adjutant in schärfsten Worten den Plan der Gräfin entwickelte und sie schonungslos der raffiniertesten aller Intriguen beschuldigte, da flammten Zorn und Empörung abermals in ihm auf, Partei nehmend für die verfolgte und allseits angefeindete Frau, welche seinem Herzen so teuer war, und deren vollster, verführerischer Zauber ihn noch so frisch und lebendig umfangen hielt.
Eine masslose Heftigkeit überkam ihn. „Weil sie meine Gattin werden wollte, weil sie nach Krone und Thron strebte?“ keuchte er mit loderndem Blick. „Schon hierin kann ich Ihre infamen Anschuldigungen widerlegen, mein Herr von Buchfeld. Jetzt gilt es die Ehrenrettung einer Unglücklichen, an welcher Sie in blindem Fanatismus den Tod Ihres leichtsinnigen, schamlosen Bruders rächen wollen, und darum treten meine eignen Interessen in diesem Augenblick zurück. So erfahren Sie es aus meinem eignen Munde, dass Judith Vare weder einst noch jetzt danach strebte, meine Gemahlin zu werden, denn Sie wies meine Hand zurück, welche ihr Krone und Purpur bot, sie verzichtete freiwillig darauf, mir je mehr zu sein, als meine treue, opfermutige Ratgeberin und Vertraute. Und diese Aussage verbürge ich mit meinem königlichen Ehrenwort! Was sagen Sie jetzt, Herr Hauptmann?“
Aurel griff wie schwindelnd nach seinem Kopf. „Ich muss gestehen, Königliche Hoheit, dass ich eine solche Eröffnung nicht erwartete“, stammelte er, „aber gleichviel, so wird sich ein anderes Motiv finden.“
Abermals ein zorniges, spottendes Auflachen. „Gewiss, mit etwas Phantasie lässt sich vielleicht ein neuer Strick zusammendrehen! Aber vorerst, mein Herr von Buchfeld, gestatten Sie mir wohl, dass ich mich überhaupt erst überzeuge, ob diese Schriftzüge, die vermeintlichen Korrekturen der Gräfin, auch echt sind! Wie leicht lässt sich von boshaft geschickter Hand solch ein kleiner Schnörkel ziehen ... also, Sie gestatten wohl, dass ich das Urteil eines Sachverständigen befrage. Selbstverständlich werden Sie auch einen solchen stellen, damit von keiner Parteilichkeit die Rede sein kann. Und somit wären wir am Ende unserer Unterredung. Sie werden in Ihrer Wohnung weitere Verfügungen erwarten.“
Eine kurze Geste — Max Christoph setzte die silberne Klingel auf seinem Schreibtisch in stürmische Bewegung. Aurel war entlassen.
Er wollte noch sprechen — er konnte nicht. Die Zunge klebte ihm am Gaumen, die Kehle war wie zugeschnürt. Bleich wie ein Mondsüchtiger schwankte er über die Schwelle.
Er sah nicht die Herren und Damen, welchen er in den Gemächern begegnete, er hörte nicht Gruss noch erstaunte Anrede — er starrte mit verglasten Augen vor sich hin ins Leere und stieg mit schweren Schritten, wie ein alter Mann, die Treppe zu seiner Wohnung empor.
Vom Turm schlug die Uhr — sie schlug seine Stunde. Eine kurze Stunde später durcheilte ein Gerücht wie auf Sturmesschwingen die Residenz: Heusch von Buchfeld war mit kolossalem Eklat in Ungnade gefallen! In Ungnade! War’s möglich? Manche schüttelten ungläubig die Köpfe, viele nickten schadenfroh: „Natürlich! Der Krug geht so lange zu Wasser, bis er bricht!“ Einzelne fühlten heimliches Mitleid, keiner aber sprach ein Wort zu seiner Verteidigung. In Ungnade! Kein Pestkranker ist so einsam und verlassen, so bar aller Hilfe und allen Zuspruchs, als ein Mann, der in Ungnade fällt.
Wer so hoch herabstürzt, der fällt mit Centnerlast, und was sich in seine Nähe wagt, wird mitgerissen; einsam, — wie vom Sturmwind gefegt ist die Bahn, welche von den Stufen eines Thrones herab in die Verbannung führt.
Gräfin Vare hatte sich noch im letzten Moment bei dem Minister entschuldigen lassen; plötzlich eingetretener Migräne halber konnte sie leider nicht von seiner so gütigen Einladung zum Gabelfrühstück Gebrauch machen! Sie lag daheim auf der Chaiselongue, die Arme unter dem Haupt verschränkt, und starrte nachdenklich zu dem Plafond empor. Sie ersann Pläne und verwarf sie wieder, sie glaubte oft das richtige gefunden zu haben und war im nächsten Moment unschlüssiger wie je. Ein Sturm von Gefühlen durchtobte sie, und das war nicht gut. Ruhe, — volle, kaltblütige Ruhe, eher lässt sich kein Gedanke fassen, darum still, du ungestümes, wildes Herz! Gräfin Judith hat einen Käufer für ihre Hand gefunden, der bietet hohen Preis, nun gilt es mit nüchternem Verstand überlegen, was aller Liebe Seligkeit und was aller Welt fürstliche Pracht wert ist, und was sich eventuell thun liesse, um beides zu eigen zu gewinnen!
Die Kammerfrau stand nach zaghaftem Klopfen auf der Schwelle. Die Legationsrätin hatte jede Störung streng untersagt, dennoch ward sie nicht zornig, sondern strich nur langsam mit der Hand über die Stirn und blickte apathisch nach dem silbernen Teller, auf welchem Frau Lorenz einen Brief präsentierte.
„Von wem?“
„Königliche Hoheit der Grossherzog lassen um alsbaldige Antwort bitten!“
„Gut, — ich werde klingeln.“ Mit hastigem Griff nahm Judith das Schreiben entgegen. Heisse Glut flammte in ihre Wangen empor, und ihr Auge blitzte voll Genugthuung, als sie auf das länglich weisse, durch roten Wappenstempel verschlossene Billet niedersah. Wie eilig! — Brennt die Glut denn plötzlich gar so hoch?! Noch ist die Adressatin nicht ins reine gekommen mit ihrer Rechnung. Also Geduld, Sir, Judith Vare hat auch lange Geduld haben müssen!!
Sie las. Plötzlich schrak sie empor, Leichenblässe bedeckte ihr Antlitz. Buchfeld im Besitz eines Stückes Manuskript, Buchfeld als ihr Ankläger vor dem Grossherzog.
Sie richtete sich auf, mit weitgeöffneten Augen starrte sie einen Augenblick wie eine Sterbende auf das Blatt nieder, — — und Buchfeld in Ungnade! Max Christoph nimmt voll fanatischem Eifer für das Weib seines Herzens Partei. —
Was nun! — Judiths Pulsschlag stockt, sie ringt verzweifelt nach Fassung. Eine tödliche, zitternde Angst erfasst sie, jetzt hat sich die Situation auf das äusserste zugespitzt, nun würfelt das Schicksal um Sein oder Nichtsein. Hat sie für sich selber zu fürchen? Ihr vertrauter Freund Sellkow hatte ihr damals guten Rat gegeben, sie war wohl sicher, aber — was ist noch Sicherheit? Sie steht auf einem Vulkan! Und fällt sie nicht zum Opfer, so ist Buchfeld gerichtet, für ewige Zeiten in der Umgebung des Grossherzogs unmöglich geworden! In Ungnade! der Donnerkeil schwebte drohend in der Luft; er muss jetzt herniederwuchten und einen zerschmettern, ihn oder sie. Muss?! — Nein! — Die Denkerin sprang leidenschaftlich empor, noch wagt sie den Kampf gegen die verderbenden Mächte, noch wird sie einen Ausweg finden, das Unheil abzuwenden! Hat sie nicht aus jeder Situation bislang Vorteil gezogen? Auch diese muss sich biegen, kneten und verarbeiten lassen, eine Form anzunehmen, wie Gräfin Vare sie just braucht. Aber vorerst eine Antwort. Samiel hilf! sie ist nicht leicht. Max Christoph drängt auf ihre Entscheidung, er verlangt voll stürmischer Leidenschaft nach ihrem Kommen.
Einen Augenblick schloss die Legationsrätin sinnend die Augen und presste die eiskalten Hände gegen die Schläfen. Dann schnellte sie wie mit gewaltsamem Ruck empor und ergriff die Feder auf dem Schreibtisch. Ein paar hastige unsichere Schriftzüge: „Königlicher Gebieter, unendlich teurer Herr über mein Leben und meinen Tod! — Aufs neue angeklagt stehe ich vor Eurer Königlichen Hoheit. Der allbarmherzige Gott segne Sie für Ihren Glauben an meine Unschuld und stärke mein schwaches, liebekrankes Herz, noch kurze Zeit stark zu sein, bis ich gerechtfertigt vor Euere Königliche Hoheit treten kann. — All meine Gedanken, mein ganzes Sein und Wesen ist bei dem Mann meiner heissen, so inbrünstigen und doch so reinen Liebe! Aber ich flehe meinen Allergnädigsten Herrn an, auf mein Kommen zu verzichten, bis die Entscheidung der Sachverständigen über meine vermeintliche Schrift eingetroffen! Ich kann nicht unter dem Schein der Schuld und der furchtbaren Wucht solcher Anklage vor Sie treten, — beim ewigen Himmel — ich kann es nicht! — Ich leide unsäglich. — Darf ich aber nach erwiesener Unschuld erhobenen Hauptes wieder meinem geliebten Herrn ins Auge schauen, — dann rufen Sie mich, — und ich werde mich jauchzend vor Ihre Füsse niederstürzen, in demütiger Liebe hoffend, an das edelste und herrlichste aller Herzen emporgehoben zu werden! — Dazu helfe mir Gott. Unwandelbar in ehrfurchtvollster Ergebenheit stets und immer meines Königlichen Herrn treueigenste Judith Vare.“
Hochatmend schloss sie den Brief, zog nach kurzem Besinnen eine rote Rose aus dem Krystallkelch und fügte sie den Zeilen bei. Dann ein Siegel auf den Umschlag, und die Legationsrätin rührte die Schelle.
„Hier die Antwort. — Jean soll augenblicklich zu dem Herrn Kammerherrn von Sellkow gehen und bestellen, ich liesse unverzüglich um seinen Besuch bitten. — Bis dahin unterbleibt jede weitere Störung. Sagen Sie, dass ich mich in meinen Zimmern eingeschlossen hätte, — gleichviel wer auch nach mir fragen sollte. Ich riegele den Salon hinter Ihnen ab, Frau Lorenz, und nur im Fall Herr von Sellkow kommt, schlagen Sie zum Zeichen an das Tamtam. Jeglich anderen Besuch, falls es verlangtwird, melden Sie durch einfaches Klopfen, — jeglichen — und wäre es der Grossherzog selber!“
„Befehl, gnädigste Gräfin. — Darf nicht das Frühstück aufgetragen werden?“
„Lassen Sie eine Tasse Bouillon im Speisesaal bereit stellen.“
Frau Lorenz knixte mit etwas beruhigterer Miene und verschwand, — hinter ihr schnappte der Riegel vor die Salonthür.
Es kursierten die seltsamsten und alarmierendsten Gerüchte in der Residenz. Irgend ein Eklat bereitete sich am Hofe vor. Der Grossherzog sollte in einer unglaublich gereizten, hochnervösen Stimmung seiner Umgebung geradezu rätselhaft erscheinen. Er war ersichtlich krank, aber er hielt sich voll zäher Energie gewaltsam empor. Fast kein Mensch hatte bei ihm Zutritt, als unerklärlicherweise nur der junge Kammerherr von Sellkow, welchem, wie es schien in wichtigen Missionen, selbst zu den ungewohntesten Stunden in den Gemächern des hohen Herrn Eintritt gewährt wurde.
Gräfin Vare war ebenso urplötzlich wie Heusch von Buchfeld von der grossen Schaubühne abgetreten. Man sagte, sie sei an heftiger Erkältung ganz urplötzlich erkrankt und müsse auf etliche Tage das Bett hüten. Keinerlei Besuch, selbst nicht die befreundetsten Damen wurden angenommen, ja man munkelte, dass sogar der Grossherzog, welcher gegen Abend im grauen Palais vorgesprochen, sehr erregt und unverrichteter Sache zurückgefahren sei. — Die Krankheit der Gräfin war selbstverständlich fingiert, denn da es nicht an unermüdlichen Beobachtern fehlte, hatte man erforscht, dass auch hier der Kammerherr von Sellkow „im nächtlich schwarzen Mantel“ durch die kleine Gartenpforte seine Visiten abstattete. Als dritte Person in diesem so plötzlich bewölkten Dreigestirn musste Heusch von Buchfeld eine gewichtige Rolle spielen.
Der Grossherzog hatte ihn an jenem ominiösen Vormittag mit allen Zeichen höchster Ungnade entlassen, Buchfeld selber war wie ein geisteskranker Mann nach seinem Zimmer geschritten, hatte sich eingeschlossen und war den ganzen Tag über nicht sichtbar gewesen. Gegen Abend musste sein Bursche einen Stoss Briefe zum „Einschreiben“ auf die Post besorgen. Für die Herren der Gesellschast war Buchfeld nicht zu sprechen, aber er empfing geheimnisvolle Besuche, mit welchen er sehr laut und heftig debattierte, zumeist in französischer Sprache. Zur Tafel erschien er nicht und war doch nicht krank. — Stubenarrest? Sein Bursche hatte sich voll Sorge geäussert: der Herr Hauptmann sähe erschrecklich aus, — wie einer, der schon acht Tage im Grabe gelegen. Von Schlaf sei keine Rede mehr, — ruhelos wandere er die ganze, lange Nacht durch sein Zimmer, oft auch sitze er stundenlang und starre finster vor sich nieder, — immer auf einen Fleck. — Was war da geschehen?
Sicherlich ein häuslicher kleiner Zwist zwischen dem Grossherzog und seiner „heimlichen“ Gemahlin, und Buchfeld war die unschuldige oder schuldige Ursache daran. War es doch allgemein aufgefallen, in welch unbegreiflicher Weise die Legationsrätin den widerhaarigen Gesellen verwöhnte und auszeichnete, welch einen schier unfasslich kühnen Ton der junge Offizier in seinem Verkehr mit ihr anschlug.
Sollte da doch noch ein kompromittierendes Geheimnis stecken, welches auf den Tod des jungen Dahlen Bezug hatte? Sollte die Gräfin zu weit gegangen sein? Sollte der junge, blondlockige Page eine zu grosse Rolle neben dem „armen, alten König“ gespielt haben?! — Vielleicht waren jetzt dem Grossherzog Enthüllungen gemacht, und sein zorniger Hass der Eifersucht überträgt sich auf den Bruder! Wieviel gab es da zu mutmassen, zu kombinieren und zu zischeln!! Die ganze Gesellschaft befand sich in fieberhafter Aufregung, und jedes, selbst das kleinste Gerücht vom Hofe wurde mit brennendem Interesse aufgegriffen. Die Neugierde flammte lichterloh, und das Publikum konnte es kaum noch erwarten, bis sich der Vorhang heben würde, um was zur Kritik zu bringen? Ein Lustspiel oder eine Tragödie?!
Es war schon zu vorgerückter Abendstunde, als Max Christoph regungslos, wie aus Stein gemeisselt, in seinem Schreibsessel sass und auf die Thüre starrte, als könne er kraft seines Blickes diejenigen citieren, deren Erscheinen er erwartete. Er sah leichenhaft blass aus; die Augen lagen tief im Kopf, rotumrändert und etwas angeschwollen, wie bei einem Menschen, der matt und übernächtigt dem neuen Tag entgegen schaut.
Kammerherr von Sellkow stand seitwärts an dem Fenster. Auch seine Züge zeigten eine ersichtliche Spannung, und bei jedem Geräusch hob er jählings das Haupt, als könne er seine Ungeduld kaum noch meistern.
Kein Wort wird gewechselt.
Endlich schlug die erlösende Stunde; die beiden sachverständigen Herren, welche ihr Gutachten über die Schriftprobe abgeben sollten, standen vor ihrem Fürsten.
Max Christoph hatte sich erhoben; er stützte sich schwer auf den Diplomatentisch, die Füsse versagten ihm beinahe den Dienst. Sein Blick lag gross und brennend, wie in angstvollem Forschen auf den Mienen der Herren. Dieselben kündeten Gutes; er atmete tief auf.
Und ebenso hob sich die Brust des Kammerherrn von Sellkow, als auch diese beiden Sachverständigen aus vollster Überzeugung und nach bestem Wissen bestätigten, dass die Schrift der Gräfin Vare — gefälscht sei, falls hier überhaupt angenommen werden solle, dass dieselbe aus der Feder der Legationsrätin stammen solle. Eine Ähnlichkeit der Schriftzüge sei vorhanden, aber die Abweichungen so plump und ins Auge fallend, dass man es ohne jeden Zweifel mit dem gröbsten Falsifikat zu thun habe.
Diese beiden Herren waren durch Herrn Hauptmann Heusch von Buchseld veranlasst, ihr Gutachten abzugeben, und da dieselben Studiengenossen und zuverlässige Freunde des jungen Offiziers waren, so fiel ihr Urteil doppelt schwer in die Wagschale.
Max Christoph dankte voll warmer und herzlichster Freude, und als die Überbringer dieser erlösenden Botschaft sich verabschiedet, stand er noch einen Augenblick wie in regungslosem! Nachschauen. Er atmete ein paarmal tief und stossweisse auf. „Sellkow!“ und dann tastete er schwindelnd nach einer Stütze. Der Kammerherr sprang zu und fing den Sinkenden in den Armen auf. — — —
Der Grossherzog war an nervösem Fieber erkrankt. Als man ihn zu Bett gebracht, fühlte er sich etwas wohler und verlangte voll beinahe eigensinniger Energie noch eine dienstliche Angelegenheit zu erledigen. Man musste ihm nachgeben. Er befahl die augenblickliche Versetzung seines Adjutanten Heusch von Buchfeld nach einer der entferntesten kleinen Garnisonen. — In Ungnade! für immer und ewig rettungslos in Ungnade.
Tags darauf war der Zustand des hohen Herrn Besorgnis erregend, die Krankheit schien sich schon längere Zeit vorbereitet zu haben und kam mit voller Heftigkeit zum Ausbruch. Es war eine Zeit voll hoher Aufregung für die Residenz.
Als Aurel das Gutachten der beiden ihm völlig zuverlässigen Herren erhielt, rang es sich wie ein halberstickter, heiserer Schrei aus seiner Kehle. „Ihr lügt!“ schrie er auf, „Ihr müsst lügen, wenn es noch einen gerechten Gott im Himmel gibt! Wohlan denn — mögt ihr mich alle verlassen, mag die ganze Welt gegen mich sein, — ich glaube noch an eine Vergeltung, und ich werde mit Gottes Hilfe der Wahrheit dennoch zum Sieg verhelfen!“
Die Nachricht von seiner Versetzung nahm er völlig gelassen, hocherhobenen Hauptes entgegen, die Wucht der Ungnade traf sein Haupt, — wird sie ihn zerschmettern?!
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