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Nataly von Eschstruth

Ewige Jugend

Roman

Saga

Ewige Jugend

German

© 1920 Nataly von Eschstruth

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711472927

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

Erstes Kapitel

In goldenen Sonnenschein gebadet lag die Welt.

Reich üppig, zauberhaft schön, — verschwenderisch in alle Pracht und Farbenglut getaucht, mit der der erste südliche Lenz seinen Malkasten aus des lieben Herrgotts Überfluss gefüllt.

„Lobelia! Hast du dich auch nicht auf den hohen Thermometerstand verlassen und an warme Kleidung für den Heimweg gedacht?“

Der ältere Herr, der mit fröhlich kraftvoller Stimme die Worte gerufen, blieb stehen und atmete in tiefen Zügen die köstliche Himmelsluft. Schon auf zehn Schritte weit sah man ihm den pensionierten Offizier, den kernigen Soldaten an.

Ein scharf gezeichnetes Profil, graumelierter, starker Schnurrbart, noch etwas altmodisch wagrecht gedreht, ein Sportanzug, der einen leichten Einschlag in das Weidmännische hatte, und den Ferngucker am Riemen, um den Hals gehängt, war das äussere Signalement des Oberst von Welten, des Onkels der früh verwaisten Nichte Lobelia, die ihn sowohl wie Tante Adele zum Winteraufenthalt nach Meran begleitet hatte.

Herr Alois Sturmlechner, der freundliche alte Hagestolz und Villenbesitzer in Obermais, der Herrn von Welten im Café an der Gilf kennengelernt und sich als leidenschaftlicher Naturschwärmer und Lokalpatriot der Familie für Ausflüge in die Umgebung Merans zur Verfügung gestellt hatte, repräsentierte den dritten im Bund von der tatenlustigen kleinen Partie, die heute den Kurs nach Schönna, resp. der Masulschlucht genommen. — Er war gross und hager, hatte enorm lange Beine und kleidete sich mit Vorliebe echt tirolisch, ein wenig mit „Salonbeigeschmack“, ohne jedoch gigerlhaft zu übertreiben. Es waren überraschend frühe Lenzestage in das gottgesegnete Blütental Meran eingezogen.

Die Sonne stand am tiefblauen Himmel und zauberte auf der Gilfe ein wahrhaft italienisches Leben hervor — das Wintergrün in den Gärten stand dunkel gesättigt im grellen Licht, und drunten auf den sammetigen Rasenflächen begann es zu knospen und zu blühen, zu duften und zu maien, als ob alle Glocken von nah und fern den Siegeseinzug von Lenz und Liebe in seligen Akkorden verkünden wollten.

Herr von Welten stand einen Augenblick auf der Strasse von Obermais still, um noch einmal nach dem Parkhotel, den Fenstern seiner erholungsbedürftigen Frau zurückzuwinken und alsdann den Blick voll Entzücken über das ideale Landschaftsbild schweifen zu lassen.

„Ja, es ist ein herrliches Erdenfleckchen, dieses Meran!“ nickte der Oberst, und er wandte sich und sah der Nichte mit beinah schalkhaftem Blick in das morgenfrische, süsse Mädchengesicht: „so ganz dazu angetan, Jugend und Schönheit in seinen Grenzen aufzuspeichern! — Da drunten die Löselbuben, mit den flatternden Bändern und Sträusslein am Hut, und hier die wandelnden Blumen in Menschengestalt!“

Herr Sturmlechner verneigte sich wie in selbstverständlicher Huldigung vor Lobelia. „Da hat der Herr Onkel recht, Gnädigste! Küss die Hand! Wie ich zum erstenmal Ihren schönen Namen Lobelia gehört habe, gedachte ich meiner Mutter selig, die so viel schöne Lobeliablüten in ihrem Garten gepflegt hat! Akkurat so rosig und sammetweich, wie Ihre Wangen sind!“

Das junge Mädchen lachte.

„Wenn ich Sie heut aus der Tauf’ heben sollte, Gnädigste, so würde ich den Schalk im Nacken haben und Ihnen einen gar absonderlichen Blumennamen geben.“

„Hört, hört! Jetzt werden Sie wohl galant, Freund Loisl!“

„Na, so gar schmeichelhaft ist er am End’ nit! — Ich schaute mir nur grad das flotte, kurze Gewandel mit dem vieltaschigen Jopperl an, und das Grünhütel, na, und nit grad zum Schluss den prallen kleinen Rucksack, den die Baroness’ sich umgeschnallt haben; da wär’ zu den Löselbuam wohl ein Blümerl passend, das man bei uns dahier ‚Hirtentäschel‘ nennt!“

Onkel und Nichte lachten hell auf, und Herr Sturmlechner freute sich, dass er einen Witz gemacht hatte.

„Heut nehmen wir kein’ Umweg, wenn wir in die Masulschlucht wollen. Da ist ein so gottherrlicher Weg, den sonst kein Fremder zu sehen kriegt. Ein bisserl abseits in die Schluft hinein. Droben weiss ich eine Senne. Möglicherweise sind schon Leute droben, dann haben wir auch gute Einkehr!“

Fröhlicher Gesang schallte ihnen entgegen. Weinselige Stimmen.

Ein Trupp Löselbuben, die jungen österreichischen Rekruten, die zur Ausmusterung in die Stadt beordert sind.

Junge, stramme Alpner, flotte, wetterfeste Burschen, sehnig und gebräunt, aus den südlich gelegenen Tälern, die Hüte keck auf einem Ohr, Sträusse und flatternde Bänder und glühheisse Gesichter, aus denen grell die Zähne blitzen.

„Angetrunken sind sie alle!“ lachte Herr Alois, „aber an Schaden tuen’s nit!“

Die Strasse sperrend, schwanken und stampfen sie heran.

Aller Augen richteten sich auf Lobelia.

Das Entzücken über ihre reizende, jugendfrische Schönheit flammt in den Augen auf.

„Grüass di Gott, du sakrisch, blitzsauberes Dirndel!“ grölt der eine, und ehe sich das junge Mädchen versieht, haben sie zwei starke Arme gefasst und mit einem Jodler in die Luft geschwenkt. — So ist es beim Schuhplattler Sitte, wenn der Tänzer seine Partnerin hoch emporhebt, in urwüchsiger Freude zu zeigen, wie das Madel des Burschen Höchstes und Liebstes ist, das er noch über sich selbst erhebt.

Auch bei den Löselbuben herrscht diese verliebte Sitte, aber sie kam der völlig ahnungslosen jungen Dame so überraschend, dass sie einen lauten Schrei des Schreckens ausstiess.

Herr von Welten glaubte auch nicht anders, als dass es sich um die kecke Ungehörigkeit eines angetrunkenen Burschen handele; er sprang jäh herzu und hob den Arm, seine Nichte an sich zu reissen, um sie vor weiteren Frechheiten zu schützen. Da stellte der Rekrut aber sein ‚I-Tipferl‘ fein säuberlich und sogar recht sanft auf den Erdboden zurück, sah dem reizenden Mädchen mit blitzenden Augen in das heiss erglühte und erschreckte Antlitz und schwenkte sein Grünhütel so übermütig lachend in der Luft, dass die metallenen Zitternelken zwischen dem farbigen Band lichte Funken sprühten.

„Nix für ungut!“ rief er. „Mir san heut all ausser Rand und Band, und so an Liebeserklärung an ein rosetes Madel is unser gutes Recht ... Koan Larifari! „I hab’ kein’ Rauschika! I siech alleweil noch sehr genau, wo so zwa Sterndel am Himmel zum Schatz leuchten!“

Wieder ein brausendes Hallo seiner beiden Begleiter, alle wirbelten die Hüte mit Spielhahn, Rosetten und Buschen wie in harmloser und versöhnlicher Biederkeit auch gegen die Herren.

„Der Vinzenz hat recht! — Itz kennet ma den Weg!“

Und dann setzten die frischen, weinfeuchten Kehlen ein:

„Zwoa Sterndel am Himmel,

Die leuchten zusamm,

Der oan leucht zum Dierndel

Der andre leucht hoam!“

Und nun ein Jodler, so schneidig, so köstlich frisch, echt und gewaltig, dass es weit zu Tal widerhallte.

Arm in Arm, von neuem eine Kette bildend, sperrten die Rekruten abermals die Strasse, und in flotten Sprüngen ging’s hinab durch Obermais.

Vinzenz schaute noch einmal zurück. Es schien, als könne der den Blick gar nicht von seinem blitzsauberen Madel losreissen.

„Wo soll’s dann hingehn?“ rief er noch zurück. „Auf’m Jauffen habt’s noch Schnee bis an die Knie!“

„Ni nöt!“ lachte Sturmlechner freundlich zurück. „Grad’ zufrieden sind wir, wann’s bis in die Masulschlucht kommen!“

„’Hüt’s Gott! — Da gehabt’s euch wohl!“

Und weiter ging’s.

„Hast dich wohl sehr erschrocken, Lobelia?“ fragte der Oberst und neigte sich vor, der Nichte in das immer noch heiss errötete Gesichtchen zu schauen. „Bös gemeint war es nicht, nun — und Publikum hatte das kleine Intermezzo ja auch nicht.“

„Schade!“ zuckte Herr Alois lakonisch die Achseln.

„Schade? Wollen Sie zum Spötterl werden?“

„Im Gegenteil! Ich kenn’ viele, grausig viele Damen, die solch ein Abenteuer am liebsten vor ganz Obermais Augen erlebt haben möchten!“

„Wie ist das zu verstehen?“

„Nun, es ist eine wirklich sehr grosse und spontane Huldigung, die Ihnen akkurat gebracht ist, Gnädigste! — Wen die Löselbub’n als schönstes Dirndel auf offner Strassen hochschwenken, von der sprechen’s halt in der ganzen Stadt! — Früher, da kam’s schon öfters vor, da ist’s mehr ein Jux gewesen; aber seit etzlichen Jahren, da scheint es unter den Burschen ein ganz ernsthaftes Abkommen zu sein, nit jedem Fratz so eine Anbetung zu gönnen. Da sind’s gar wählerisch geworden. — Wollen auch ihr herrisches Ansehn haben!“

„Ich habe nie zuvor davon gehört.“

„Moderner Komment der Löselbub’n!“

„Ich mein’ halt, ich kenn’ den Bub! Es muss der Vinzenz vom Brunnecker gewesen sein, wann ich net irrig bin!“

„Also der Vinzenz vom Brunnecker schien doch die Antike studiert zu haben!“

„Es wird ja immer hübscher. Antike! Nun werde ich schon völlig zum alten Eisen geworfen.“

„Mag schon sein, Gnädigste, so wie die Frau Ninon de Lenclos, — die mit weissen Haaren noch den Enkelsohn närrisch machte!“

„Warum nicht gleich die ‚Wala‘?“

„Wala? Wen verstehen’s unter solcher Dam’?“

„Nun, die Urmutter des Weltenalls, die Urewige, wie uns die alten Göttersagen des Nordens berichten!“

„Jetzt wirst du arrogant, Lobelia! Solche Antike spreche ich dir denn doch nicht zu mit deinen zwanzig Jahren!“

„Zwanzig Jahre? — Ich bitte dringend, mir nicht zwei mühsam abverdiente Jahre, genau genommen sogar zwei und ein halbes Jahr zu streichen!“

„Richtig, Kind, ich vergass nachzuzählen! Die Zeiten vergehen so schnell! Aus kleinen Mädchen werden Leute — und Leute werden Bräute!“

„Du weisst doch, Onkelchen, dass ich zum Verloben absolut noch keine Musse habe!“

„Natürlich! Jetzt bist du ja noch mit deinem Pinsel verlobt!“

„Ja du mei!“ schrie Herr Alois entsetzt. „Mit an’ Pinsel hat sich die Gnädige verlobt?“

„Nichts für ungut, bester Sturmlechner, dieser minderwertige Liebhaber besteht aus Dachshaaren und Schweinsborsten. Mein Pflegetöchterchen hier ist Malerin, bester Herr, und so völlig der Kunst verschworen, dass bisher alle andern Interessen zurücktreten mussten.“

„Na — dann schnauf’ ich wieder! Mit solchem Rivalen, den man noch beliebig aus der Hand werfen kann, nimmt es hoffentlich bald ein schneidiger Kavalier auf.“

Lobelia lachte. „Ich bezweifle, dass es mit Erfolg geschieht.“

Höher und höher steigen die drei Wanderer empor.

Eine ganz andere Luft strich schon hier um die Stirnen.

Von Zeit zu Zeit blieb das Trio stehn und schaute auf den Weg zurück.

Welch ein Ausblick auf die Alpen, — welch ein Panorama, das sich im Tal drunten entrollte!

Da jauchzt das Herz bei so viel Kraft, Gewalt und Schönheitswundern.

Lobelia atmete tief auf.

Sie war leichtfüssig vorangeeilt, die nächste Wegbiegung zu erreichen, die den Ifinger in neuen, grotesken Formen zeigte.

Sie stand und schaute verklärten Blicks ringsum.

Die Herren blieben nach schnellen Schritten an ihrer Seite. Verstohlen beobachteten sie das reizende Mädchen.

Fräulein von Welten galt nicht nur für sehr hübsch, sie war es auch.

Eine mittelgrosse Gestalt, schlank und doch von weicher, üppiger Fülle, eine vollendete schöne Figur — wie jeder Kenner zugeben musste —, stand sie inmitten des hellen Sonnenlichts wie die verkörperte Jugend und Schönheit. Das reizend Oval ihres Gesichtchens mit der sammetweichen Haut, so auffallend in frischen und doch zarten Farben, hatten Herrn Sturmlechner zuerst geradezu bezaubert, und wenn er dann gar in die grossen, weit offenen Augen von goldigem Braun schaute, die von dunkeln Brauen überwölbt und beinah schwarzen Wimpern beschattet wurden, so konnte er gar wohl den stürmischen Löselbuben begreifen, der solch herziges Madel im Triumph auf die Arme hob. Das Haar, in der Farbe der Augen, lag in duftigen Wellen um Stirn und Schläfen, ein Rahmen, wie ihn keine Menschenhand um ein Porträt legen kann.

Klug und lebhaft war der Ausdruck des Gesichts, am anziehendsten, wenn das freundlich schelmische Lächeln die roten Lippen schürzte und die Zähne, gesund und weiss, dahinter blitzten. Wenn Herr Alois nicht immer noch mit allen Fasern seines Herzens seinem flachshaarigen Nannerl mit den blauen Vergissmeinnichtsguckerln nachgetrauert und nicht schon allzu graumeliertes Gelock gehabt hätte, so würde er sich fraglos bis über die Ohren in das reizende Fräulein Lobelia verliebt haben. —

Und immer weiter führte der Weg in die köstliche Alpwildnis hinein.

Die Umgegend war so recht nach dem Herzen einer Malerin!

Schade, dass man sich nicht auf einen dieser dichtbemoosten Felssteine niedersetzen und sein Skizzenbuch zur Hand nehmen konnte.

Jedes Bild ein Meisterstück!

Diese wundervollen uralten Tannen, über deren Häupter gar viele Jahrhunderte schon hingezogen waren, breiteten die tief dunkelgrünen Nadelarme weit über Weg und Halde hinaus.

Sonnenlichter stiegen flimmernd an den borkigen Stämmen empor, ein fast berauschender Duft strömte von den Latschen herab, und die ersten Fliegen, Käfer und Schmetterlinge blitzten wie kleine Geheimnisse, wohl geschaut, aber viel zu schnell, um erforscht zu werden, um das sprossende und knospende Grün.

An den Südhängen war die Vegetation schon ziemlich vorgeschritten, während an den tief schattenden Nordseiten der Schnee noch in letzten schmalen Streifen lag.

Von droben grüssen die majestätischen Häupter der Bergweltkaiser.

Sie tragen urewige Kronen, und die Reiche der Welt liegen bezwungen zu ihren Füssen, weit hingestreckt, wie der Körper eines Besiegten.

Droben in blauer Luft, am Saum des Himmels, zieht ein Adler seine stolzen Kreise.

Man steht und schaut empor in die leuchtende Bläue.

„Welch eine Staffage für diese wunderbar schöne Landschaft! — Hier sieht man erst, wie hoch und schlüftig die Alpen sind. Ist nicht dort in der breiten Rinne eine Lawine herniedergegangen? Man sieht am Rand der Schlucht noch die Eisblöcke lagern.“

„Ganz recht! Wir haben die kleinen Schneerutsche viel in den Alptälern. Auch die Wasser reissen zur Schmelze ungeheure Mengen an Geröll und Gesperr mit in den Grund. Da schauens hier zur Seite die Prachttannen! Die grossen haben getrotzt, aber die kleinen sind scharf niedergerissen ...“

„Von einem Gebirgswasser?“

„Wann der Schnee droben schmilzt, löst sich das Erdreich und stürzt zur Tiefe, führt allerhand Sammelsuri mit sich und füllt oft ganze Talbecken. — Da kann die Naiv Illustrationen liefern!“

„Ich hörte von den Verwüstungen, die dies kleine, so harmlos aussehende Wässerchen oft schon angerichtet hat!“

„Man hat uns sogar ein schönes und frommes Wunder im Naivtal gezeigt, das sich bei dem letzten Hochwasser abgespielt hat.“

„Sie meinen das mit dem gnadenreichen Muttergottesbild!“

„Ganz recht! Eine steinerne Statue der Mutter Gottes!“

„Die Wasser sind voll rasender Wucht zu Tal gestürzt, alles, was sich ihnen in den Weg stellte, herabreissend und zerstörend. — Als die Fluten das Muttergottesbild erreichten, das frei auf der Wiese im Grund stand, teilten sie sich in zwei Ströme, die rechts und links neben dem Heiligenbild vorbeibrausten und die Madonna, wie auf einer kleinen, grünen Insel, inmitten der rasenden Gebirgswasser, unbeschädigt stehenliessen. — Da lacht einen halt das Gnadenbtld so wunderselig an, wann man jetzt dahergeht und es zwischen all seinen Blumen stehen sieht, als wollt’s sagen: ‚Dahier der kleine Herrgott Jesus Christ, der hebet nur sein Patscherl und befiehlt dem Wasser und Sturm noch ebenso gewaltiglich, wie ehemals auf dem See Genezareth!‘“

Ein Augenblick feierliche Stille.

Der Wind strich durch die Baumkronen, und Gras und Halme neigten sich tief zur Erde.

„Später blühen an diesem Fleck die schönsten Alprosen, die man schauen kann.“

„Oh! Was liegt dort im Geröll?“

Mit schnellem Schritt eilte Lobelia herzu, neigte sich und hob ein seltsam schneckenförmig gewundenes Horn empor.

„Alle Wetter, Kind! Das muss von einem Urtier aus der Gletscherzeit stammen!“

„Ein Widderhorn!“

„Vielleicht von dem mythologischen Gespann, das der Wala goldenen Wagen über den Himmel zog!“

„Grad’ haben wir von ihr gesprochen, Gnädige, und haben Ihnen den schönen Namen gegeben! Nun findens plötzlich ein gar seltenes Zeichen ihrer Huld.“

„Ja, ja!“ lachte der Oberst sehr animiert, „das hat sie dir extra zugeworfen, Mädel! Heb’s zum Andenken auf.“

Alle standen und schauten.

„Welch schöne Zeichnung! Wie ebenmässig gewunden!“

„Der Gletscherschnee hat diese Rarität wohl seit grauen Jahren geborgen.“

Wie ein Schauer der Andacht geht es einem über den Leib, wenn man vor dem armseligen Rest eines Geschöpfes steht, das längst in Staub zerfallen, während die Alpen wie gigantische Marksteine der Zeit noch emporragen zu einem Himmel, der wieder auf die Berge niederschaut, unveränderlich und unvergänglich, eine Urewigkeit, die mit leuchtenden Sternen in das All schreibt: ‚Kennst und suchst du deinen Schöpfer, Menschenkind? Hier bin ich. Dein Herr und dein Gott!‘

Zweites Kapitel

„Noch ein paar Schritte bergauf, dann müssen wir hinter jenem Felsvorsprung die Senne sehen, wo wir hoffentlich unser Mittagessen verzehren können.“

„Und mit welchem Appetit!“

„Man glaubt gar nicht, was diese kräftige, frische Bergluft austut!“

„Gut, dass die Rucksäcke dann leichter werden.“

„Dafür wollen wir sorgen!“

„Da drüben! Da schauens über das niedere Knirksholz das Dach rauslugen?“

„Die Senne!“

„Nun aber mal trapp!“

„Ich vermisse das einladende Rauchwölkchen über dem Schornstein.“

„So ein Feuerl brennt schnell!“

„Haust ein Senn droben?“

„Du mei! Fünf Mannerleut’ und a paar Weiberl! Mit so viel Vieh gibt’s an ausgiebige Arbeit!“

Herr Aloys stiefelte mit seinen langen Beinen gewaltig bergauf, und als man sich so weit genähert hatte, dass man unter dem felssteinbeschwerten, grünmoosigen Dach die Fensterscheiben unter den schrägen Sonnenstrahlen blinken sah, blieb der Österreicher stehen und legte beide Hände hohl um den Mund.

„Holdrihohoho! — Halliho!“

Das war ein Jodler, der Gäste anmeldet, und der meist mit einem fröhlichen Juhschrei beantwortet wurde. Man stand momentan und lauschte. Alles blieb still.

„Na, tritt denn kei Zenzerl unter die Tür, Ausschau zu halten?“

„Die ganze Senne sieht noch recht tot und öde aus!“

Noch einmal jodelte Herr Sturmlechner sein Signal hinauf.

Nichts rührte und regte sich.

Ein paar Vogelstimmen schrien aufgeschreckt aus dem Geklüft herüber.

„Seltsam, — jetzt erst merkt man, wie weltfern, wie einsam wir hier sind!“

Man war an die Senne herangekommen. Grabesstill lag sie inmitten der schroff aufsteigenden, wild zerklüfteten Felsen, an denen sich die Schneerillen tief hinab bis auf die Matten zogen.

Man klopfte an den Türen.

Keine Antwort.

Man versuchte in die blindverstaubten, regen- und schneeverwaschenen Fenster zu sehen.

Keine Seele zu erblicken.

Ein Eindringen ohne Axt und Gewalt unmöglich.

„Wenn wir uns nur ein bisschen warm hinsetzen könnten!“

Sturmlechner deutete nach einem Heustadel, der, ein wenig höher als die Sennhütte gelegen, von der ziemlich steil abfallenden Halde herniederwinkte.

Es war ein spitzes Schutzdach, aus grün bemoosten Stämmen roh zusammengefügt, unter dem sich ein offner Heuboden befand.

Zum Schutz gegen Wildfrass war der Boden wie eine Art Pfahlbaute erhöht, von einer Reihe Stämmen im Viereck gestützt, unter denen im Sommer oder Herbst die Geiss Schutz bei Regen und Gewitter suchten.

„Hurra! Das Heu ist noch nit vom Stadel abgetragen. Da finden wir ein ganz behaglich weich und warmes Nestchen!“

„Ganz recht! Wir breiten die Plaids aus.“

„Die Sonne hat schon den ganzen Vormittag warm auf das Heu geschienen.“

„Gewiss ein köstlicher Duft!“

„Wie sollen wir aber hinaufkommen?“

„Schauens nöt das Hühnerleiterl zur Seite, Gnädigste? Da steigt ma halt auf!“

Lobelia lachte.

„Die Poesie lässt nichts zu wünschen übrig. Hoffentlich kracht nicht die kippliche Sache unter uns zusammen!“

„Wenn das Fräulein Lobelia da heraufschwebt, so ist’s halt Jakobs Himmelsleiter, an der die Engel auf und niedersteigen!“ schmunzelte Herr Aloys galant.

Er fasste an die Leiter und rüttelte daran.

„Na, an bisserl schief und morsch ist die Sach’ wohl, aber ich vermein’, so leichte Ware wie uns halt sie noch aus.“

Die Herren kletterten Probe und kamen wohlbehalten oben an.

„Hier ist es ideal! Grossartig! Das Heu wie von der Sonne geheizt! ‚Reich‘ mir die Hand, mein Leben — dass ich dir helfen kann!‘“ scherzte Herr von Welten, neigte sich und bot der Nichte die Hand entgegen.

„Nimm erst mal hier den Rucksack, Onkelchen!“

„Hat ihm schon!“

„So; eins ... zwei ... drei — jupplala!“

„Oben wären wir!“

„Tatsächlich, das ist ja herrlich hier!“

„Welch ein Speisesaal!“

„Jetzt spielt die Gnädige Hausfrau! Wir lagern uns hier in die Sonne.“

„Und ich packe aus!“ Man war hungrig geworden und verzehrte mit Genuss die Butterbrote.

„Wie gewaltig die Felsen ragen! Dort in der Schlucht muss es wohl schon dunkel werden, wenn die Sonne sonst noch hoch am Himmel steht!“

„Solch eine Einsamkeit hat doch etwas Gewaltiges!“

„Das Schweigen im Wald —“

„Es geht auf die Nerven.“

„Man glaubt gar nicht, was für eine beredte Sprache solch tiefe Stille spricht!“

„Die Donner des Weltenalls.“

„Wie es sich wohl in die tiefe Klamm hier hinter der Halde herniedersieht?“

„Das können wir ja konstatieren.“

„Mir deucht es manchmal, als hörte ich Wasserrauschen ...“

„Bei der Schneeschmelze gar möglich!“

„Wenn wir fertig diniert haben, werfen wir noch einen Blick hinab, ehe wir uns auf den Heimweg machen.“

Gesagt, getan.

Man legte allen Ballast auf dem duftenden Heu nieder, klomm unter Lachen und Scherzen die Stiege wieder herab und schlug querfeldein, über wild romantisch getürmtes Geröll und herrliche Moosbildungen, den Weg nach der Klamm ein.

„Hören Sie doch!“ Lobelia blieb plötzlich stehen und hob lauschend das Köpfchen.

„Ist ein Wasserfall in der Nähe? Es rollt eben wieder so ein seltsames Getöse ...“

„Ja, ja! Ich lauschte auch schon. — Kann jetzt schon ein Gewitter im Anzug sein, es klang wie ein ferner Donner!“

„Unmöglich! Da, hier oben, um diese Jahreszeit?“

„Aber was ist es sonst?“

„Hören Sie? Da grollt es wieder.“

„Und diesmal näher, als käme es aus den Felsen hinter der Wiese her.“

Man stand und lauschte.

„Joseph Maria! Heiliger Herr und Gott!“

Herr Aloys Sturmlechner schrie es gellend auf und deutete mit der Hand nach einem vorspringenden Felsblock, — kaum ein paar hundert Meter von ihnen entfernt. „Da schaut’s! A Bär — a Bär!“

Kreideweiss, mit schlotternden Knien stand er. Gleichzeitig rollte es wie ein furchtbares Donnergebrüll über ihnen. Auf dem Felsplateau zeichnete sich die gedrungene Gestalt eines sehr grossen und starken braunen Bären ab, den struppigen Kopf vorgestreckt, und die Vranken gegen die Felsschrunden gestemmt.

„Herrgott des Himmels! Wo kommt hier in diese Gegend ein solches Ungetüm her?!“ rang es sich voll bebenden Entsetzens von Lobelias Lippen; der Oberst aber riss den Arm seiner Nichte jäh an sich.

„Vorwärts! So schnell wie möglich entfliehen! Die Bären können rasend schnell laufen, und dem Gebrüll nach hat er Hunger!“

„Er sieht uns! Er hat uns entdeckt!“ keuchte Sturmlechner mit weit aufgerissenen Augen noch einmal zurückstarrend. „Nun erbarm’ sich die heilige Mutter Gottes, dös koans von uns zu Fall kommt!“

„Er setzt sich in Trab! Er folgt uns!“

Wie ein gellender Aufschrei rang es sich von den Lippen des jungen Mädchens.

„Laufens, was das Zeug haltet!“

„Wohin?“

„Nach dem Heustadel hinauf! Das ist unsre einzige Rettung!“

In wahnsinniger Flucht stürmten die drei einsamen Menschen dem rettenden Unterschlupf entgegen.

Noch einmal rollte die furchtbare Stimme des Raubtiers, schon bedeutend näher, hinter ihnen, sich an den schroffen Felswänden in grausigem Echo brechend; dann war es still, nur das Poltern und Aufkrachen der Steine in der Klamm zeigte es an, dass der Bär am Rand des Abgrunds einherrannte und jetzt anscheinend auf die Wiefenhalde abbog, seinen Opfern den Weg zum Stadel abzuschneiden.

Wie die Rasenden stürzten sich diese der Leiter entgegen.

Noch nie hatten Weltens Arme solche Kraft entwickelt, als in diesem Augenblick, wo er seine halb ohnmächtige Nichte packte und mit sich die morschen Sprossen emporriss.

„Nur jetzt verlass uns nicht, barmherziger Gott, dass das Holz unter uns bricht, sonst sind wir verloren!“ gellte es durch seine Seele wie ein Angstschrei zum Himmel.

Droben!

Gott sei ewig gedankt!

Er stiess Lobelia nach dem Heu zurück, warf sich auf die Knie und streckte die Hand helfend dem Freund entgegen. Ob die Sprossen von der doppelten Last doch eingeknaxt waren, oder ob sie in der wahnwitzigen Hast und Aufregung nicht auf das Schwanken geachtet hatten — zwei der verwitterten Stangen brachen unter Sturmlechners wuchtigen Nagelschuhen.

„Macht nix! I kimm schon hoch!“

„Halten Sie sich an meinem Arm!“

„Nix da! I reiss Ihna ja runter!“

„Da ist ja der Bär! — Ganz dicht schon hinter Ihnen!“ schrillte Lobelias Stimme voll Verzweiflung durch die Todeseinsamkeit.

„Na, na! Ich bin ja schon droben!“ — Einen letzten energischen Schwung — Herr Aloys krallte sich an den Holzpfosten und zog sich empor.

Der Schweiss rann von seiner Stirn, er stand momentan und atmete schwer auf.

„Nun fassens mit an, Herr Oberst, dass wir die Leiter umstürzen!“

„Glauben Sie, die Bestie folgt uns!“

Wieder schrie Lobelia gellend auf vor Entsetzen, Welten aber und Sturmlechner radderten mit der Kraft der Verzweiflung an der Leiter.

„Gottlob! Sie ist ja nur hier mit Haken in die Bohle gehängt!“

„Dann nicht umwerfen, heraufziehen!“

„Gewiss noch besser!“

„Sie kommt ganz leicht hoch.“

„Zurück, Gnädige. Gebt’s a Raum!“

Die Leiter schwankte einen Augenblick über dem Köpfchen der jungen Dame, dann fiel sie mit dumpfem Schlag auf das Heu nieder.

„Gerettet!“ keuchte Welten auf. — „Soviel ich von Bären gehört habe, folgen sie in keinen geschlossenen Raum, und der Stadel ist ja an den Wetterseiten mit Brettern verschalt.“

„Hier herauf kommt er nimmer!“ nickte der Österreicher und wischte sich mit dem Sacktuch die Stirn. „Das einzige wäre, dass er sich gegen die Balken stemmt und die wurmstichige alte Sache hier ins Wanken bringt!“

„Die Stämme scheinen sehr fest! Sehen Sie doch die Lasten, die sie tragen müssen!“

Lobelia war bleich, vor Entsetzen auf die Knie gebrochen und hatte die Hände wie in schaudernder Abwehr vor das farblose Antlitz geschlagen.

„Da ist er! — Jetzt, in diesem Augenblick hätte er uns erreicht, wenn der Heuschuppen nicht gewesen wäre!“

„Ein furchtbarer, ein riesiger Kerl!“

„Alt ausgewachsener Bär!“

„Das Herz muss ja dem Mutigsten stocken, dass es zu schlagen aufhört, wenn man so ein Ungeheuer als Feind schaut!“

„Diese grässlichen Augen! Wie er hier heraufstiert! — Solch ein Anblick ist ja gar nicht zu ertragen!“

Herr von Welten legte den Arm beruhigend um die Zitternde.

„Sieh nicht mehr hinab, Kind! — Komm, wir machen dir ein warmes, weiches Lager hier im Heu.“

„Ich habe keine Ruhe dazu.“ schluchzte Fräulein von Welten, und ihre Zähne schlugen hörbar, wie im Schüttelfrost, zusammen.

Der Bär hob sich mit den Vorderpranken an einem der Holzpfeiler empor und brüllte wiederum aus weitgeöffnetem Rachen.

„Dieser Unhold ist ja entsetzlich wild!“ murmelte der Oberst durch die Zähne. „Er scheint verfolgt zu sein ... vielleicht gar angeschossen, man kann in dem dicken Fell nur keine Blutspur entdecken.“

„Sonst sind Bären nicht so wütend, wenn man sie nicht reizt.“

„Gewiss nit! Als mein Vater selig noch lebte, da hatten wir öfters Bären in Obermais! Von Schloss Planta schoss man sie aus dem Fenster. Aber eine solch wilde Bestie ist dermalen nicht dabei gewesen.“

„Sicherlich haben schon Jäger seine Spur aufgenommen und ihn angeschossen.“

„Oder ist’s vielleicht eine Bärin, der man das Lager ausgehoben hat?“

„Nun hält sie uns für ihre Angreifer!“

„Wohl möglich.“

„Ihre Wut ist so grausig!“

„Gibt’s denn jetzt junge Bären?“

„Da hab’ i so gar keine Erfahrung! — Aber im Frühjahr? Man könnt’s halt meinen.“

„Ich habe mich ja noch nie mit derartigem Raubzeug befasst, — in meiner Heimat pirscht man auf einen Rehbock oder bläst einem Krummen das schwache Lebenslichtlein aus!“

„Gibt es denn hier in der Schlucht immer Bären?“

„O ka Ahnung! Seit Jahren hat man nix mehr davon gehört. — Es wechseln bei besonders strengem Winter wohl mal etzliche aus Graubünden herüber, aber heuer hatten wir kaum Kälte!“

„Wird denn das grausige Tier noch lange hierbleiben?“ ächzte Lobelia, und ihr Haupt sank wie tief ermattet zur Brust. „Wenn er Hunger hat, muss er doch Nahrung suchen!“

„Na, na! Nit immer! Grad dann halt so ein rabiates Viech die Wacht bei seinem Feind!“

„Wie sollen wir denn dann jemals von hier erlöst werden?“ Lobelia rang die Hände, und ihr Blick irrte wie in Verzweiflung zu dem Himmel, der sich von der sinkenden Sonne schon rötlich zu färben begann.

„Fürchtens Ihnen nur nit, Gnädige!“ tröstete Herr Sturmlechner und sah doch selber dabei wie eine Kalkwand aus. „So an Bärengebrumm hörens schon weithin ins Tal! — Das dauert gar nit lang, dann wimmelt’s hier auf der Halde von Schützen, die alle kommen, um uns zu retten!“

„Proviant haben wir ja auch noch.“

„Wann es sich die Gnädige nur a bisserl kommod machen möcht’!“

„Ich habe keine Ruhe, Herr Sturmlechner!“

„Ich desto mehr!“ versuchte der Oberst zu scherzen. „Jetzt wollen wir uns mal hier einen Gral bauen! — Komm, Kind! Lass deinen Verehrer da unten ruhig traben! Er scheint jetzt Karussell um das Stadel zu laufen! Das hat er billig!“

„Wir müssen doch beobachten, wo er abbleibt!“

„Warum, Lobelia? Je mehr wir uns hier oben rühren, desto mehr machen wir auf uns aufmerksam!“

„Jetzt könnten wir auf keinen Fall mehr an den Heimweg denken, die Nacht tät uns ja derquer kommen, und da ist’s nit gut mit einem solchen Mistviech Kirschen essen!“

„Wenn wir nicht nach Hause kommen, werden sie hoffentlich Boten nach uns ausschicken!“ flüsterte Fräulein von Welten und zitterte so heftig an allen Gliedern, dass der Oberst sie in das ausgehöhlte Heu mehr tragen musste, als dass sie ging.

„Aber niemand ahnt, wo wir sind, dass wir so querfeldein von dem Weg abgebogen sind!“

„Dann gehens dem Gebrüll nach.“

„Dieses schauerliche Brüllen! Ach, ich habe mich immer so sehr vor Bären geängstigt, grad, als ob mir’s wie eine Vorahnung in allen Gliedern gelegen hätte, dass ich noch einmal etwas so Unbeschreibliches mit solchem Ungeheuer erleben würde.“

„Nur nicht ohne Not sich sorgen! — Der alte, liebe, treue Herrgott lebt noch, der verlässt uns nicht!“

„Und so ein heiliges Madel, wie die Gnädige ist, die hat allerweg ihre Schutzengel.“

„Ein paar Tropfen Kognak! — Komm, wir wollen hoffen, dass auch uns freundlich der Weg aus diesem Tal gezeigt wird. — Bis dahin wollen wir uns die Zeit so gut wie möglich vertreiben, — die Nacht kommt hier in den Alpentälern, in Schlüften und Schluchten wie hier, ganz besonders schnell herauf, und wenn wir auch nicht schlafen, so wollen wir uns doch nicht ohne Not durch nervenmordendes Beobachten und Auflauern schachmatt machen!“

„Von Zeit zu Zeit vorsichtig rekognosziert!“

„In der Dunkelheit nützt das ja nichts.“

„Man sieht nichts.“

„Und unser Kerkermeister, der uns hier gefangen hält, ist, so Gott will, beim Morgengrauen über alle Berge.“

„Unwillkürlich achtet man auf jeden Laut und regt sich so auf!“ klagte Lobelia mit bebender Stimme.

Die Herren wechselten einen schnellen Blick tiefbesorgten Einverständnisses. Sie waren beide als Soldaten im Krieg gewesen, das Jahr sechsundsechzig hatte es ihnen gezeigt, was es heissen will, in dunkler Nacht angestrengt zu lauschen, auf Vorposten zu stehen und zu wissen, dass der Tod auf leisen Sohlen umherschleicht und jede Sekunde um Sein oder Nichtsein würfelt.

Sie ermassen die Schauder einer Nacht, wie sie jetzt heraufzog in all ihren ungeheuerlichen Konsequenzen; denn was es besagt, einen gereizten Bären als Todfeind in nächster Nähe zu wissen, ahnungslos, zu was alles Wut und Hunger solch ein Höllenvieh aufstacheln und aufreizen kann, das wussten nur sie als erfahrene Männer allein.

Grausige, furchtbare Nacht.

Tiefes Dunkel, — man erkennt nicht mehr die Hand vor den Augen.

Der Wind heult in den Schlüften, unheimliche Geräusche dort und hier, und dann plötzlich das wütende Aufbrüllen des Bären in allernächster Nähe.

Stille ...

Qual über Qual.

Nun hört man ihn jenseits am Stadel die Pranken in das Holz hauen, es ist, als zittere der ganze morsche Bau.

Leises, jammervolles Weinen des jungen Mädchens.

Sie umklammert die Hand des Onkels, und Welten fühlt, dass ihr ganzer Körper wie unter Fieberschauern bebt.

Wie lang ist die Nacht, wie unerträglich lang!

Die ersten Frührotlichter, die über den Himmel zucken.

Es wird heller und heller.

Lobelia liegt bewusstlos in dem Heu, und mit grimmigem Brummen rüttelt der Bär abermals an dem altersschwachen Bau.

Schüsse krachen. Ein lautes Geschrei kräftiger Männerkehlen. Ein Brüllen, Röcheln — und die Sonne hat gesiegt.

Drittes Kapitel

Als der Vinzenz vom Brunnecker Hof das reizendste Madel, das er je geschaut, auf seinen starken Armen gehalten und ihr erst so erschrecktes Fratzerl ihn nachher beim „Behüats Gott“ so freundlich mit blitzblanken Guckerln angelacht hatte, da wollte ihm so ein Erinnern nimmer aus dem Sinn kommen. Zwar sang er mit schmetternder Stimme ein Rekrutenlied nach dem andern und hakte sich just so fidel wie zuvor bei seinem Jugendgespiel, dem Sepp, in den Arm, aber er wandte doch öfters den Kopf und schaute dem schmucken Madel nach, bis sie in der Ferne dem Blick entschwand.

„In die Masulschlucht wollten die Herrischen!“ guckte der Sepp ein wenig überrascht, „und nun schwenkens zur Seiten in den Waldpfad ein. — Wetten, dös die Stadtleut’ sich noch verlaufen tun?“

„Nix da! Auf den Langen in der Joppen hab’ i mi auskennt!“ rief der Toni, der Knecht beim Seitzerbauer war; „dös is der Aloys Sturmlechner. Derselbe, dess Vater in der Lauben drunten a Bankgeschäft gehalten hat.“

„Just selbiger aus den Wasserlauben. Der is ja uns oan’!“

„Und woass seit Bubenjahren Bescheid dahier.“

„I denk’, sie möchten nach der Senn’ hinauf, nach’m Mirzel oder Anderl schauen.“

Die Burschen schritten rüstig aus.

Sie waren von Schönna heruntergekommen und sahen nun die ersten Häuser von Obermais vor sich.

Seitwärts schlängelt sich ein Fusspfad herab, der nach dem Ifinger und den Schluften abstreckt.

Zwei Tiroler Buben sprangen in wilder Hast, atemlos vom Laufen und Schreien, daher.

Sie fuchtelten wild mit den Armen durch die Luft.

„Hört’s, ihr Mannerleut’! Stillgestanden, hört’s!“

„Ja du mei, — da brennt’s!“

„Mach’s raus! — Gib’s a Auskunft!“

„Is a Malheur passiert?“

Keuchend standen die Flüchtigen.

„Anderl! Bist jo der Anderl!“

„Sell scho! — Und — droben — droben an der Klamm hab’n ma a Bär aufgespürt!“

„A Bar in der Masul?“

„Alle Heiligen soan unsre Zeugen!“ schrie der Anderl und wechselte vor Entsetzen immer noch die Farben — bald weiss wie Schnee, bald wie im Fieber sah er aus.

„Derzählt’s, Bub’n! Derzählt’s!“

„Der Bauer hat uns naufi g’schickt, mal Umschau zu halten. Auf’m Stadel haben wir noch zentnerweis’ das Heu, und hier drunten wird’s knapp.“

„Ja, ja — ganz recht!“

„Und — da habt’s an Bär geschaut?“

„Wie wir so die Senn und den Stadel observiert ham — nachen hörn wir so an narrisches Gebrummel in der Schlucht drunten.“

„Was soll’s denn sein?“ meinte der Hias, „steig’n mer mal hinauf und schauen, was es da gibt. — An an Bär hat keiner nöt denkt von uns.“

„Und kraxelt auf die Felsen? Jesus Maria, sell konnte nöt guat wären!“

„Wie mer oben hinaufkommen, — ma braucht’ sich nit weit vorzurecken, — sehen wir unten am Wasser an Riesenpetz, so an Höllenvieh wie an Ochs, der tratscht da im Geschlürf herum.“

„Der Anderl tat vor Schreck laut aufkreischen, sonst hätt’ er uns nöt derschaut.“

„Nu aber guckt er hoch — und richt’ sich auf und schlagts an Gebrüll auf —!“

„‚An Stutzen hab i nöt, aber aufbrennen tu i dem vermaledeiten Mistvieh doch oans!‘ tobt der Hias, als ob ihn akkurat der Böse plagt, und packt an grossen, damisch schweren Felsblock und schiebt und rollt ihn, und mit an Gekrach, wie wann der Fels z’sammensackt, poltert der Stoan in die Schlucht auf den Bär drauf!“

„Bub’n! Sell soll ma glauben?“

„Weiter! Da ward er aber furig, der Sakra?“

„So an Gebrüll hat’s no kan Seel’ gehört, wie der aber aufgeschlagen hat! Und ob’s ihn nu getroffen hat — —“

„Sell is gewiss! An die Schuft hat’s ihn trefft!“

„I sag’ mir: ‚Wann der jetzt no klettern kann, dann sin ma alle zwo beide hin!‘ — und nehmens die Bein in die Hand, und nun aber nach Meran, alle Schützen und die Kaiserjäger alarmiern!“

„Die Jaga! — sput’s uns!“

„I lauf’ mit!“

„Malefiz! Dös i ka Büchsen hab’! I rennt’ spornstreichs nach der Masul herein!“

„Jesses! Mei unglückseliges Dearndel!“

„Was ficht di an, Vinzenz?“

„Die Herrischen sind ja in die Schlucht!“

„Der Aloys Sturmlechner!“

„Wenn’s der Bär auswittert und in seiner Wut annimmt, soans verloren!“

„Heilige Mutter Gottes, nur dös nit!“

„So an sauberes Madel!“

„Zu Hilf’! Kommts ihr all zu Hilf’!“

„Schreits die Manner z’samm’!“

„Holts an Waffen!“

„Laufts, ihr Leut’! laufts!“

Wie ein Rasender stürmte Vinzenz voran zu Tal.

Die Burschen folgten in wildem Tumult.

Wer ihnen begegnete, hörte nur die eine Schreckensnachricht: „An Bär ist in der Masul aufgespürt! — Drei Fremde soan noch hinunter’gangen!“

Wie ein Lauffeuer gellte die Schreckensnachricht durch Meran.

Aber die Zeit stand nicht still; die Sonne war schon längst hinter die Alpen gesunken, als sich eine Schar beherzter Männer zusammengefunden hatte, um im Verein mit etlichen Kaiserjägern und Kurgästen, die sich freiwillig gemeldet hatten, die Bärenjagd zu bestehen.

Es ist und bleibt ein heldenhaftes Wagnis, solch einem Ungeheuer in unwirtlichem und kaum übersichtlichem Terrain entgegenzutreten, und das Entsetzen, dass zwei unbewaffnete Herren und eine junge Dame der wütenden Bestie in Sicht gekommen sein konnten, erfüllte ganz Meran.

„In der Dunkelheit kann man nicht vordringen.“

„Undenkbar, einen Kampf aufzunehmen, wenn man nicht die Hand vor Augen sieht!“

„Und doch darf man nicht zögern!“

„Es gilt drei Menschenleben!“

„Man muss alsbald hinauf und gleich beim ersten Morgengrauen die Spur suchen!“

„Der Vinzenz meint, die Touristen wären nach der Sennhütte hinauf.“

„Wer sind die Herrschaften?“

„Kennt man Namen?“

„Du liebe Zeit, ja! Der Oberst von Welten mit seiner Nichte, einem so bildhübschen Mädchen, das schon allgemein aufgefallen ist.“

„Herr Sturmlechner macht ihnen den Cicerone!“

„Wo wohnen sie?“

„Im Tiroler Hof.“

„Nein, nein! Im Parkhotel. Die so leidende Gattin vom Oberst ist daheimgeblieben und soll beinah Krämpfe haben vor Angst und Aufregung!“

„Gott erbarm’ sich, so eine arme Dam’.“

„Die Jäger rücken aus!“

„Dös is ka Kinderspiel, wanns dös Revier umstellen wollen.“ —

Die Strasse nach Mais schritten rüstig die beherzten Männer, von Jagdeifer und dem Verlangen beseelt, rechtzeitig den Bedrängten Hilfe zu bringen.

Die Touristen waren nicht heimgekehrt, und bange Sorge erfüllte alle Seelen, ob sich wohl in jener Todeinsamkeit einer herrlich schönen, aber so weltfernen Gegend das grausigste Drama abgespielt habe, das gedacht werden kann.

Schwarz und schweigend lag der Wald.

Kein Laut nah und fern. Nur der Wind sauste daher, und in den Zweigen knackte und raschelte es, wenn Vögel oder kleines Getier, Eichkätzchen oder gar ein Marder von Ast zu Ast huschten.

Das Gewehr im Anschlag, drängten die Beherzten sich mutig Schritt um Schritt voran.

Angestrengtes Lauschen. Jeder Laut war ein Ereignis.

Die Felsen hemmen den Schall so sehr; es ist beinah unmöglich, ein noch so starkes Gebrüll bis hierher zu hören.

Der Himmel färbt sich im Osten mit zartem, flimmerndem Grau, das erst nur matten Schein in die tiefen Schatten wirft.

Welch eine Geduldsprobe! Welch eine nervenmordende Wartezeit!

Die Herren und Männer fiebern vor Aufregung. Jeder einzelne glaubt, den eignen Herzschlag hören zu müssen.

Ein rosiges Aufflammen —!

Droben die Schneezinken des Ifingers beginnen sich zu färben.

Die letzten dunklen Wolken der Nacht stieben über den Himmel davon.

Röter und röter färben sich ringsum die Alphäupter.

Wie mit einem Zauberschlag wird es sehr plötzlich hell und lebendig im Wald.

Hastige Schritte, ein Aufspringen mit derben Nägelschuhen.

Zwei Löselbuben, der Vinzenz vom Brunnecker Hof und der Sepp, die waghalsig in den Felskessel vorangeschlichen sind, kommen atemlos.

„Er brummt! — Man hört ihn deutlich, von der Senne klingt’s herüber!“

„Gott helf’! — dass sie noch leben!“

„Nun Vorsicht! — Dort um die Felsen herum, dann haben wir die Halde mit der Sennhütte vor Augen!“

Vogelschrei hoch in der Luft.

Ein Sperber steigt der Sonne entgegen. Die letzten Schatten verwehen wie Nebel und Rauch.

Scharfe Männeraugen lugen voll heisser Spannung durch das Gezweig.

Da — ein kurzes, grimmes Aufbrüllen, droben vom Stadel herunter klingt es. Die Aufregung der Jäger erreicht den Höhepunkt.

Der Heuschober steht beinah frei auf der Wiese, — ein Heranpirschen ist kaum möglich — —

Welch ein Meisterschuss, von sicherster Hand gegeben, kann das Untier auf diese Entfernung hin niederstrecken?

„Alle müssens schiessen! Je mehr Kugeln, desto besser!“

„Dort hinten! An der Rückwand des Stadels taucht er auf!“

„Er scheint seine Opfer tatsächlich zu bewachen!“

„Ein Bär halt gern gefangen!“

„Jetzt tratscht er nach rechts!“

„Man sieht deutlich, wie er nach dem Heu hinaufwittert —“

„Er will sich an dem Holzpfahl aufrichten!“

„Das unglückliche junge Mädchen! Die Herrschaften sind sicher in das Heu geflüchtet, man merkt es der Bestie ja an!“

„Eine Salve — eine Salve geben!“

„Kommando.“

Ein kurzes, scharfes Aufblitzen aus dem Tannendickicht heraus, dann ein scharfes Knattern — und fast gleichzeitig ein kurzes, bellendes Gebrüll des vielfach getroffenen Raubtiers.

Der Bär bäumt auf — greift mit den Vorderpranken gierig in die Luft — er taumelt, — wendet sich — stiert auf die neuen Feinde und Angreifer in den Tannen —

Noch einmal ein dumpfes, furchtbares Brüllen, — dann sinkt er zur Seite, rollt sich wie ein Knäuel auf dem dicken Moos umeinander ...

„Feuer!“

Wieder knallen die Gewehre.

Weisse Pulverdampfwölkchen kräuseln aus dem dichten Unterholz.

Ein Zucken des zottig schweren Körpers, abermals ein ruckweises Brummen, das in kurzes Röcheln übergeht.

„Gut getroffen!“

In dem grünbuschigen Knirks, noch die rauchende Büchse im Anschlag, stand ein Schütz.

Klein und etwas zur Fülle neigend war seine Gestalt, dabei sehnig gedrungen, von anscheinender Muskelkraft, wie sie den an Sturm, Wetter und Gefahren gewohnten Einwohnern wilder Berggegenden eigen ist.

Hohe Schnürstiefel, ein mehr derb praktisches als elegantes Jagdzivil, die Mütze, die sogar etwas Schäbiges hatte, von fremdartiger Fasson, fest über den ganzen Kopf gezogen, stand er vorgeneigt und schien mit stierem Blick seine Kugel verfolgen zu wollen, ob sie, wie gewohnt, ihr Ziel erreichen werde.

Sein Gesicht war nicht hübsch, ein rüder Zug lag um den Mund, dessen wulstige Lippen von starkem, nicht sonderlich gepflegtem Schnauzbart umstarrt waren.

Die Nase, kurz und stumpf, zeigte breite Nüstern, und etliche Blatternarben verdarben ihre Form und erzählten von einer Zeit, die ihre Schreckensspuren unauslöschlich in die Physiognomien ihrer Opfer schreibt.

Eine gewisse Gutmütigkeit lag auf den breiten, fleischigen Wangen, gepaart mit Sinnlichkeit, die den dunkeln, leicht vortretenden und von starkbuschigen Brauen umsäumten Augen einen Ausdruck von Leidenschaft und tierischem Instinkte gab.

In diesem Moment glühte der Jagdeifer, sein Opfer niedergestreckt zu haben, voll gieriger Gewalttätigkeit darin.

„Basse manelka!“ lachte er mit dröhnender Stimme. „Der hat’s! Die Kugel, die ihms Lebenslicht ausblasen hat, wor meinigte!“

Er hob den Arm und wehrte zwei Kaiserjägern, die an seiner Seite gestanden hatten, energisch ab.

„Laufts no net sogleich hin. — I sprech’ aus Erfahrung! Bin seit Bubenjahren auf a Bärenjäger! — Ma denkt, er liegts im Feuer dabei, und kommt man in die Näh’, rackert sich so an sakrischer Hund auf und gibt’s noch an Treff!“

Wieder fielen etliche Schüsse aus dem Hinterhalt und schienen den Körper der Bestie abermals getroffen zu haben.

Er zuckte empor — ein kurzes, halb ersticktes Röcheln ... dann schüttelten sich die zottigen Glieder, und die Beine zogen sich wie im Krampf an den Leib.

„So wahr i der Gaj Gyurkovics bin! Da brennens no die schöne Schur in Fetzen!“ grollte der kroatische Bärenjäger ärgerlich. „No ein paar Minuten Geduld, und er hätte ausgeschnauft g’hobt, — ohne die Mandel Löcher mehr im Pelz!“

Ein lautes, jubelndes Siegesgeschrei aus kräftigen Männerkehlen.

Die Jäger stürmten über die freie Halde, dem Heustadel zu.

„Sturmlechner! — Heda! Sturmlechner! Seid Ihr dahier innen?“

Hoch hinter dem Dachgespärr tauchte der Kopf des Herrn Alois auf.

Das Entsetzen spiegelte sich noch auf seinem farblosen Gesicht.

„Schiessts net mehr! Dahier sind wir!“

Oberst von Welten trat an die Luke über der Leiter.

Er hob den Hut und winkte dankbar erfreuten Gruss hernieder.

Sein Blick traf den kolossalen Körper des Bären, und ein tiefes Aufatmen hob seine Brust.

„Es ist auch eine Dame droben?“ rief ein Offizier der Kaiserjäger. „Die Herrschaften können ohne Gefahr herniedersteigen!“

„Ist’s nur ein Bär gewesen?“

„Habts ihr mehrere gespürt?“

„Na, na! — Der hat’s allein grad g’schafft, vermein’ i!“

„So a Mordsvieh!“

„Grad g’fangen g’halten hat er sie!“

Gaj Gyurkovics war langsam nähergestapft und schaute unter seiner spitz gebogenen Mützenkrempe nach dem Stadel herauf.

Dort hatte sich der Baron eben zurückgewandt und führte eine zierliche Mädchengestalt der Leiter zu.

Sein Arm stützte die anscheinend halb Ohnmächtige.

Der Blick des Kroaten schärfte sich plötzlich.

„Teremtete!“ stiess er wie mit einem leisen Pfiff durch die Zähne hervor. „Dös ist ja meiner Seel’ das Madel aus dem Theater drunt!“

Eine Glutwelle schoss in sein Gesicht, bis unter die buschigen Haare hinauf.

„Sakra, da find’ i ’s doch wieder! So an Fratzel an goldiges! Aber erbärmlich schaut’s drein ... du mei!“

Mit ein paar gewaltigen Sätzen sprang er zu, und während ein paar Männer eine neue Leiter, die unter dem weit vorspringenden Dach der Sennhütte gehangen hatte, heranschleppten und gegen die Luke des Stadels aufstellten, schob er sie mit kraftvollem Arm beiseite.

Ein paar gewandte Sprünge — er schwang sich empor und stand neben Lobelia.

Die Dam’ ist zu schwach zum Absteigen, i trags scho’!“ — Und ehe der überraschte Oberst oder Sturmlechner nur Zeit zum Denken fanden, hatte er mit gewalttätigem Griff das junge Mädchen gepackt und auf den Arm gehoben.

Sehr geschickt fand er die Leiter mit dem Fuss.

„Festholten! Greifts zu! Gib a Obacht, Bub, dös ma gut nunter komm’!“

Der Vinzenz vom Brunnecker Hof, der als Eifrigster die Leiter herzugeschleppt und grad’ den Fuss auf die unterste Sprosse gestellt hatte, um als erster droben zu sein, fühlte sich unsanft zurückgeschoben und starrte nun mit finsterm Blick empor, wo der Kroate mit seiner reizenden Bürde den Abstieg begann.

„Sell is nöt recht!“ dachte er; „die Leiter hab’ i und der Franzel dahertragt, da stand mir auchs Recht zu, dem Madel beizuspringen.“

Aber er fasste mit beiden Fäusten zu und hielt das Holz so sicher, als sei es gar ein Engerl vom Himmel selber, das da herniederstieg.

„Nur nit so lamentabel, — das verhüt’s Gott und alle Heiligen!“

Er starrte auf das wachsbleiche Antlitz.

„Ja, Fräulein! Du mei Herrgott! So muass i Ihna wiederschaun!“ rief er voll herzlicher Teilnahme, und Lobelia schien ihn tatsächlich wieder zu erkennen. Ein mattes Lächeln huschte um ihre Lippen; sie versuchte ihm freundlich zuzunicken.

Gaj Gyurkovics liess ihre Gestalt aus seinen Armen niedergleiten, beugte sich vor und stierte der Geretteten mit heissem Blick in das Antlitz.

Lobelia sah empor, sah ihn an.

Wie ein jäher Schreck spiegelte es sich in ihren Augen — unwillkürlich wich sie zurück, dicht an des Vinzenz Seite.

„I hob die Gnädige schon gesehn! Im Theater neulich! Wissens noch ... im Apajune?!“

Fräulein von Welten wich noch weiter zurück, und Vinzenz, der sie scharf beobachtete, trat jäh neben sie, als wolle er sich instinktiv schützend zwischen sie und den Fremden schieben.

„Nein ... ich kenne Sie nicht!“ stammelte Lobelia und wich dem Blick des Kroaten aus, ängstlich nach dem Stadel zurückschauend, ob der Oberst noch nicht folge.

„No, no! Bekannt gemacht hab’ i mi den Herrschaften noch nit, so viel Müh’ ich mir an selben Abend und die Tag nachher auch gegeben hab! I hol’s nach, Gnädige. Gaj Gyurkovics bin i genannt — unter den kroatischen Edelleuten findens mi an der Spitzen!“

Die andern Herren drängten näher; Herr von Welten schwang sich die Leiter herab und stand neben der Nichte.

Sein Blick traf nicht allzu erfreut den Bärenjäger aus dem Ivantschitzkagebirge, der ihm derb vertraulich die massive Hand entgegenstreckte.

„Sind’s der Vater dazu?“ fragte er. „Da freut’s mi, dös mei Kugel Ihrem Gefangenwärter grad zur Zeit eins aufbrennt hat!“

Herr von Welten verneigte sich etwas steif und förmlich. Sein Blick traf Vinzenz.

„Ah — unsre fröhlichen Löselbuben!“ lächelte er; „sicherlich haben Sie unsre Wanderung in die Schlucht beobachtet und uns Hilfe gebracht?“

„Sell schon, Euer Gnaden! — I bin zwoar nur a simpler Bauer, der Vinzenz vom Brunnecker Hof, aber der Stutzen, den i mir in der Kasern’ drunten geholt, trefft a sein Ziel. Gell’, Franzel?“

Sein Spezi hatte das Grünhütel gleich dem Sprecher gelüftet; ehe er aber antworten konnte, stiess Vinzenz, dessen Blick eben noch ein wenig aufbegehrerisch über das frischfarbige Gesicht des Kroaten geschweift und dann zu Lobelia zurückgekehrt war, einen leisen Schrei des Schreckens aus.

„Heilige Mutter Gottes! Wie schaut denn das Madel drein?“

Das schwere Wolltuch war von Lobelias Köpfchen zurückgeglitten.

Um Stirn und Schläfen lag das gestern noch so volle nussbraune Haar — es war weiss wie silberner Schnee.

Und abermals ein Aufschrei des Obersten, der voll Entsetzen, wie abwehrend die Hände hob ... und ringsum die Männer im Kreise traten jäh näher und schauten wie gebannt auf das Schreckliche.

Die Haare des jungen Mädchens hatte die furchtbare Aufregung, die grausige Todesangst einer langen, bangen Nacht gebleicht.

Mechanisch hob sie die Hände.

„Was ist mit mir?“

„Nichts allzu Erstaunliches, armes Kind, es war zu kalt für deine zarten Nerven während unsrer Gefangenschaft heute nacht, es hat auf ... dein Köpfchen geschneit!“

Herr von Welten sagte es leise, seine Stimme bebte.

Alois Sturmlechner aber fand zuerst wieder das richtige Wort.

„Da kann sich die Gnädige aber grad bei dem Bär bedanken!“ lachte er mit viel Selbstbeherrschung. „Neulich hab’ i ein Bildel von der Damen bei der Frau Tante geschaut, vom Fasching her! Da sollte wohl ein Rokokofräulein gespielt werden! Die weisse Perücke zu den dunkeln Augen hat so gut gekleidet, wie nix andres!“

„So ist’s! Akkurat so ist’s!“ nickte Gaj Gyurkovics und schien das junge Mädchen mit den Blicken zu verschlingen: „Nur eine Schönheit mehr wird’s!“

„Da helft alles Reden nix!“ grollte Vinzenz und griff mit dem Oberst zugleich nach der wankenden Gestalt der jungen Dame.

„Schwach ist’s dem Fräulein. Schliess die Sennhütten auf, Sepp! Dös ’s a Ruah find’, bis ma an Wagen ’rannschafft.“

„Brav, Bursche, brav!“

Herr von Welten hielt die bebende, von Frost geschüttelte Gestalt im Arm und legte liebevoll das Plaid über das schimmernde Haupt der Nichte.

„Der Gedanke ist gut; wenn es erlaubt ist, bleiben wir in der Sennhütte, das Gehen ist ja jetzt eine Unmöglichkeit für meine Schutzbefohlene.“

Er sagte das letzte Wort mit besonderer Betonung, und sein Blick traf dabei wie zufällig den kroatischen Edelmann.

Dieser wollte wie ganz selbstverständlich den Löselbub zurückweisen.

„Geht’s nur, Bursch! I führ das Fräulein scho sicher, mei Arm schafft’s eher wie jeder andre.“

Lobelia umschloss jählings des Vinzenz Arm mit der Hand, während sie sich fest an den Onkel schmiegte.

Dieser, als alter Kriegsinvalide, nickte dem Tiroler freundlich zu, dass er seiner angeschossenen Schulter zu Hilfe kam und die kaum noch zum Gehen fähige junge Dame auch seinerseits stützte.

„Lasst’s mi aus!“ schüttelte der Brunnecker Sohn energisch den Kopf und mass den fremden Bärenjäger mit festem Blick, „wär’ zum erstenmal, dös mei Kraft versagen tät’!“

Stolz und doch behutsam sorglich schritt er daher und empfand unter dem jähen Druck auf seinem Arm wohl ein ähnliches Glücksgefühl, wie ehemals ein Mann, wenn er von seinem Landesherrn zum Ritter geschlagen ward.

Unverkennlich war’s! Das Madel wollte, dass er dahier an ihrer Seite bleiben sollte, den fremden, schrundigen Kerl mochte sie nöt, das sah er gleich ihrem Gesichterl an, — und die Herren Offiziere von den Kaiserjägern rief sie auch nit heran, dass sie dem Onkel helfen möchten, — just er, der Vinzenz sollte es sein, drum hielt sie ihn so erschreckt am Arm fest!

Die Mehrzahl der Schützen hatte nach ein paar teilnehmenden Worten, die wirr vor den Ohren der Erlösten durcheinanderklangen, den erlegten Bären umringt, in aufgeregter und umständlich er Debatte über den todbringenden Schuss zu sprechen. Das Jägerblut wallte, und das Interesse an dem seltenen Wild drängte momentan alles andre zurück.

Der Kroate war den meisten Meranern bekannt als vorzüglichster Schütze, der schon vor Jahren einmal bei einer Bärenjagd den Meisterschuss getan.

Er schoss aus ganz besonderer, fremdländischer Büchse, deren Kugel durch das Kaliber leicht festgestellt werden konnte.

Er hatte ja auch den besten Schuss gleich für sich in Anspruch genommen.

Man nahm es als selbstverständlich an, dass er alle Rechte geltend machen und nach seiner Kugel suchen werde.

Um so mehr staunte man, als Gaj Gyurkovics seine Büchse auf die Schulter warf, die Hände in den Taschen seines weiten Kittels versenkte und gelassen hinter dem Oberst, Vinzenz und der jungen Dame nach der Sennhütte einherschritt.

Ein Förster und der Kommandeur der Kaiserjäger untersuchten währenddessen den Körper des Bären mit all seinen Kugeleinschlägen.

„Wallberg! Was ist denn das? Die Schulter des Ungetüms scheint gebrochen?

„Die Knochen knirschen zusammen, wenn man ihm die Vorderpranke hochreckt!“

„Eine Kugel kann das doch unmöglich bewerkstelligen.“

„Dös kann i den Herren verdispetieren!“ rief ein Holzhackerknecht. „Die beiden Hauer vom Bauer dahier sind justament am Stadel gewen, um einig’schaun, obs Futter scho z’Tal gehollt wern ka. Da haben ’s den Grantigen in der Schlucht verspürt — und der Sepp hat in seiner Furosität an Felsstoan aufs Untier ’nabgeschmissen. Derentwen hat er die invalide Schulter derwischt. Un woan so an Mordsvieh dalketes so an Schmerz verspürt, stellt’s seim Feind nach; derenthalb is der Bär nöt vom Stadel hier gewichen un hat Posten gesteht bis anitz.“

„Ja, ja, so verhalt sich dös!“

„Oan kapitaler Bengel! Sell muass ma ausbalgen.“

„Wann nur das Fräulein net so arg zu Schaden kimma wär! I vermein’ halt, so a weisses Haar kreagt ma nöt um a Larifari!“

„Ah na! — Dem Madel mögen alle Haardeln oanzeln z’Berg gestanden soan!“

„Woanns nur nöt an Fieber kriegt.“

„Is ja no jung. Sell verwind ma bal.“

Währenddessen stand der Martel, der Sohn vom Schlierseebauer, dem die Senn gehörte, vor der Tür und versuchte mit der ihm eignen Umständlichkeit den rostigen Schlüssel in dem Schloss zum Drehen zu bringen.

„Her damit!“ klang eine gebieterische Stimme hinter ihm, und der Kroate schob den Burschen gelassen zur Seite, griff nach dem Schlüssel und drehte mit aller Kraft den Widerstrebenden herum.

„Seht Ihr nit, dass es der Kranken pressiert, da einzukommen?!“ sagte er kurz, drehte noch einmal mit aller Kraft, — und der Schlüssel brach in der Tür entzwei.

„Na san ma ganz gemeiert!“ schrie der Martel erschreckt.

„No lang nöt!“ schüttelte Gaj Gyurkovics mit grimnem Lächeln den Kopf. „Glaubt’s, mein’ Kraft reicht nit für so an lumpigtes Brettertürl? I bin lang genug im Österreichischen daheimgewest, um mi auf eure Pappschachterln von Häuseln scho’ auszukennen. Da schauts!“ und der Sprecher hob den Fuss ... ein gewaltiger Tritt gegen die Holztür, und krachend flog diese aus den Angeln.

„Du mei Bonifazius! Dös kost aber dem Herrn a Geld!“ schrie der Martel entsetzt.

Ein hochmütiger Blick aus den vorquellenden Augen traf ihn.

„I bin’s nöt gewohnt zu warten. Die Gnädige a nöt! A Geld? — Dös kannst haben, so viel’s willst! — Vermeinst, i genier mi um die Batzen? — Dazu langt’s bei mir.“

Er trat höflich neben die Tür und machte dem langsam nahenden Oberst und seiner Nichte eine so preisherrliche Handbewegung, als lade er, gleich dem Hausherrn, zum Nähertreten ein.

„Kiss die Hond, meine Gnädige! Wochen Sie es sich kommod. Wonn i mir gestatten darf —“, er zog eine Likörflasche aus der tiefen Tasche seines grünleinenen Überziehkittels und bot sie an: „so ein haisser Tropfen dürft’ den Herrschaften genehm sein — s’ ist an echter ... konn in Ehren bestehn.“

Herr von Welten dankte, höflich und zurückhaltend, wie es seine Art war.

„Ein Schluck heisser Kaffee wird meiner Nichte gewiss sympathischer sein!“ fügte er hinzu. „Martel sagte uns, es sei eine kleine Blechbüchse mit ‚Mokka‘ hier oben, da muss man erst mal versuchen, heisses Wasser zu bekommen.“

„Ja du mei!“ seufzte Vinzenz und hatte noch immer etwas recht Feindseliges in seinem Blick, wenn er den Kroaten ansah, dessen Augen voll unverblümten Entzückens unverwandt auf Lobelia starrten. „Alles dahier oben ist vom Winter her so nass, dass man die Holzscheite schwer zum Brennen kriegen wird.“

„Holzscheite?“

Gaj Gyurkovics trat an den Herd, auf dem etliches Holz aufgeschichtet lag. Es roch moderig und war nass wie Schwamm.

„Das nutzt freilich nix.“

„Im Wald drauss’ liegt’s no nasser!“

„Hört’s doch aber, dass die Gnädige a Tassen Kaffee verlangt!“ — Eine Falte legte sich dräuend zwischen die schwarzen Augenbrauen des Sprechers. Er griff nach dem Jagdmesser, das an kurzer Kette am Gürtel hing, zog den blinkenden, bläulichen Stahl, köstlich ziseliert, wie ihn Welten sogleich als Tscherkessendolch erkannte, aus der Scheide und trat an den einen der braungestrichenen Stühle im „Herrenstüble“ heran.

„Die Farbe hat wohl die Feuchtigkeit aufgehalten,“ sagte er gelassen, „innen wird das dicke Holz no trocken sein, die Wurmstich’ zeugen fürs Alter.“ Und mit einem unglaublichen Ruck seiner beiden Fäuste riss er den Stuhl auseinander, um ihn im nächsten Augenblick mit dem Jagdmesser in Spitter zu hauen.

„Jes’ Mari-Josef!“ kreischte der Martel und rang die Hände. „So an Stuhl is nöt um drei Gulden in ganz Meran z’haben!“

Der Kroate griff ironisch in die Tasche.

Ein Papier knisterte.

Im nächsten Augenblick flog dem Martel eine Banknote zu.

„So magst dir auf mei Wohl gleich drei derstehn!“ lächelte er. „Hast nöt Obacht g’habt? Die Gnädige wünscht an Kaffee. Und nun dahier! Könnt’s anzünden?“

Das konnte der Martel, nachdem der Fremde ihm noch eine Zeitung und sein Feuerzeug hingereicht.

Dann stand er breitspurig daneben und schaute zu, wie das Holz geschichtet ward und bald in hellen Flammen aufschlug, während Herr von Welten das junge Mädchen nach dem altmodischen Lehnstuhl neben dem Ofen führte, über dem ein Weihwasserbecken unter dem grellfarbigen Öldruck eines Muttergottesbildes prangte.

„Es ist bitterkalt hier in der Stube. Gott sei Dank, dass der Herr so energisch Feuer schafft. Unsereins hätte das ja gar nicht riskiert. — Hoffentlich kann man nun auch den Ofen heizen!“

Der Oberst hatte es geflüstert, aber Vinzenz, der grad eine Fussbank heranschleppte, sie unter die Füsse der Erschöpften zu schieben, verstand es doch.

„Dös is mei Sach’!“ rief er beinah heftig, „i zünd’ allsoglei a Feuer. Stühl’ verbrenn’ i nöt drum, vermein, dös brennt ma auch an schimmeltem Holz!“

Und nun flog seinerseits das alte Taschenmesser mit dem Hirschhorngriff aus der Lederhose, er sprang nebenan in den Stall, wühlte unter dem Stroh und packte den mächtigen alten Kachelofen hoch voll mit dem trockensten, was er tief unten heraufgewühlt.

Und dann wusste er, wo in der Ofenröhre der Kien lag — und so behend wie ein Gedanke flogen die Späne auf das Stroh.

Das Streichholz leuchtete auf, die Flamme prasselte empor — und noch schneller als auf dem Herd knisterte das Feuer im Ofen.

Hochaufgerichtet stand Vinzenz und schaute triumphierend auf den Kroaten, und Gaj Gyurkovics versenkte die Hände in den Taschen und musterte den Tiroler Bauernbursch mit langem Blick.

„Das Feuerzünden verstehen wir alle beid’!“ lachte er mit wunderlichem Ausdruck im Gesicht, „nun kommt’s nur drauf an, welches der Gnädigen mehr konvertiert!“

Ihm schien’s beinah, als ob der Löselbub, der lumpete, ihm aufbegehren wolle, wer’s besser kann.

Herr von Welten hüllte Lobelia warm in das Plaid, und in der Tür erschien Herr Alois Sturmlechner, vom Sepp gefolgt; die hatten die Rucksäcke aus dem Stadel geholt und brachten sie herein.

Der alte Junggeselle trat neben den Lehnstuhl, gegen dessen Backenlehnen das Köpfchen des jungen Mädchens so bleich und müde gesunken war.

Sorgsam und zärtlich wie eine Mutter schob er das Plaid ein wenig zurück, um sich noch einmal von dem Unfasslichen zu überzeugen.

Wahrlich, — eine weisse Haarwelle fiel auf die Stirn.

„Nit mal ergraut! Gleich weiss geworden!“ jammerte er. „So über Nacht !— Wissens noch, Gnädige, wie wir dahier hergingen? Da sprachen wir von der Urewigen, der Weltallsmutter. Und i dacht’ bei mir selbst: ‚Wann i mir selbige so vorstellen soll mit dem weissen Haar um das ewig junge, herzliebe Angesicht, dann müsste die Göttin ausschauen wie Sie. Und nun? Eh’s gedacht, ist die Wala vom Himmel niedergestiegen und schaut uns mit ein Paar Augen an — wie ... ja ... wie die Liab fein selbst!“

Viertes Kapitel

Zwei Schützen traten in die Tür.

„Will sich der Herr von Gyurkovics nöt mal das Viech drauss’ anschauen?“

Der Kroate stand vor dem Herd und starrte voll grössten Interesses auf den Wasserkessel, den der Martel aufgesetzt hatte.

Er wandte sich gar nicht den Sprechern zu, sondern streifte nur mit kurzem, aber sehr vielsagendem Blick die junge frierende Dame auf dem altmodischen Grossvaterstuhl.

„Naa —! Lasst’s mi aus. — I bin hier zur Stell’ mehr pressiert!“

Vinzenz hatte vor „seinem“ Ofen und „seinem“ Feuer Posto gefasst und trutzig die Hände in die Hosentaschen versenkt.

„Ihr redet’s ja recht als an Tiroler, Herr von Gyurkovics!“ sagte er, und man wusste nicht so recht, klang Anerkennung oder feiner Spott durch seine Stimme.

Der Kroate nickte, steckte sich die vierte türkische Zigarette an und schaute unbeirrt weiter auf Lobelia, als antworte er ihr und nicht dem Bauernbursch.

„Ist’s ain Mirakel? I bin als kleines Hascherl mit der kranken Mutter aus Kroatien nach Meran kommen und hab’ dahier zuerst die deutsche Sprach’ lernt! An Salondam’ ist meine Kindswärterin grad nit gewesen, na und da hab’ i’s halt von ihr angenommen, — das Bäurische!“

Der Oberst empfand, dass ein höfliches Wort am Platze sei.

„Ihre Frau Mutter war krank? Hoffentlich sand sie volle Genesung in dem köstlich milden Klima hier?“

„Grad nöt! — Was ihr eigentlich gefehlt hat, wusste ka Doktor und ka Mensch nöt zu sagen. Ging von Jahr zu Jahr so hin, wie a Blümerl verwelkt.“

„Sie waren nur kurze Zeit in Meran?“

Über das gerötete Gesicht des Bärenjägers zuckte es, er lächelte.

„Sechs Jahr lang sind wir jeden Winter dahier unten gewest — und dann noch ein Jahr ganz und gar, nachdem der Vater daheim weggestorben war. Die Schmuggler hatten’s ihm einen Kampf aufgezwungen. Drei der Hauptschurken hat er noch weggeputzt, — der Rest von der Bande knallte ihn dann runter. Aber genutzt hat’s, — mehr Ruh’ hat’s halt geben.“

„Ihre Heimat liegt im Gebirge?“

„Justament. Schauens Baron, da sagt man halt, das Kroatien sei kein schönes Land! Wers behauptet, der kennt’s nöt. Die Ivantschitzka ist wohl wild und rauh, aber dahier die paar saubern, glattgefegten Alpküpferln, die steckt’s zehnmal in die Taschen. So an Leben wie hier, wo jeder Saldner eim Vorschriften macht und die Polizei einem Mann auf Schritt und Tritt wie einem Sklaven am Rockzipferl hängt, das kennen wir daheim gar nöt! Da bin i der Herr und hab’ mei Freiheit wie an König!“

„A nöt! Bis auf die Schmugglers und Banditen!“ grollte der Vinzenz, und auch der Martel horchte hoch auf, aber er schwieg.

Gaj Gyurkovics lachte. „Grad dös is der Jux, sich so an Geschmeiss zu unterjochen! Geht ma drauf dabei, is a Pech! Just, als ob die wilde Bestie draus den Baron und die Gnädige übermocht hätte! Viel Vergnügung und Zerstreuung ausser der Lieb und Essen und Trinken un a Hausmusik mit nem Tanz gibt’s fein nöt, aber dafür an andern Nervenkitzel, die Jagd auf Raubzeug! Ob das nun a Bär, a Wolf oder an Luchs — oder am End’ an Schmuggler und Räuberhauptmann is, dös grad macht’s Leben interessant droben! Du meiner Seel’! So was schüttelt’s einem mehr wie dahier das Theaterl oder Zirkus mit seinen Pappkulissen und Helden, die an Blechsäbel schwingen!“

Der Sprecher sah bei jedem Wort auf Lobelia, als erwarte er von ihr eine Antwort; das junge Mädchen hatte jedoch den Kopf tief zur Seite geneigt und die Augen geschlossen, als schliefe sie.

Abermals öffnete sich die Tür.

Der Oberförster trat auf die Schwelle.

Er warf einen schnellen Blick auf die Leidende und wandte sich dann flüsternd zu dem Kroaten, den er bereits gut zu kennen schien.

„’s ist doch Ihre Kugel gewesen, Herr von Gyurkovics —! Kein andrer hätte das Auge getroffen wie Sie! Haben sich ja auch am waghalsigsten und nächsten an das Ungetüm herangepirscht.“

Gaj lachte, über sein Gesicht wetterleuchtete es. „Sie kennen sich schon aus auf mein Kaliber? — Steckts die Kugel noch im Knochen?“

„Na, naa! Habens schon rausgeklopft Ihre! — Nun behauptens die Buben, die Bärin habe Junge in der Schlucht — —“

„Teifi!“

„Da möcht’ i bitten, dös mitkommen! Sie verstehen sich auf so Pfadfinderei doch ganz besonders aus.“

Einen Augenblick stand der Kroate und atmete ein paarmal tief auf.

„Just was mir Spass macht! Möcht schon fürs Leben gern mit, Forstmeister, aber ...“ und der Sprecher machte eine kurze, leidenschaftlich abweisende Bewegung und schüttelte jäh den Kopf: „kann nöt! — Muss aufs Wasser und den Kaffee warten! Die Gnädige brauchts einen heissen Schluck.“

Alle lachten. „Den Kaffee — den übernimm halt i!“ rief Vinzenz eifrig.

„Magst’s schon mögen!“ spottete der Kroate. „Aber an echten, türkischen Kaffee kannst nöt braun. Die Gnädige hat an Nervenschock g’habt, dafür mag’s a steifen Kaffee brauchen, den schaff’ i für sie!“

„Machens ka Faxen, Herr von Gyurkovics, die Herren draussen wartens ja.“

Zum erstenmal hob Lobelia das müde Köpfchen.

„Ich bitte Sie inständigst, mein Herr, dem Ruf der Jäger Folge zu leisten!“ sagte sie leise. „Ich weiss, dass es sehr gefährlich ist, ein Bärenlager aufzuspüren, falls noch andere dieser Raubtiere in der Nähe sind. Es würde mich unsagbar aufregen, wenn um meinetwillen ein Unglück passieren würde.“

„Bei Leibe net! Das Fräulein darf doch jetzt nicht aufgeregt werden!“

„Sie sind ein so glänzender Schütz’! Sie sind ja unentbehrlich bei der Sache!“

„Wir alle kennen uns ja nimmer aus und ein solcher Brut gegenüber!“

Ein heisser Blick blitzte zu Lobelia hinüber.

„Wenn es der Gnädigen a Beruhigung ist, dös i die Jäger anweis’, so geschieht’s. Habens ja nur zu befehlen über mich! — Aber eine Lieb’ ist der andern wert. Für mi is auch a Beruhigung notwendig, dös i der Baronin mit all meinen Diensten aufwarten darf! — Da rührts mi koans an den Kaffee, — i besprech’ mi mit den Jaga und nachens habens mi selm nöt vonnöten!“

Er klappte die Hacken zusammen, als sei er für gewöhnlich Sporen gewöhnt, verbeugte sich tief und huldigend vor der jungen Dame, — aber nur allein vor ihr und nicht vor den andern, und trat wuchtigen Schritts, selbstbewusst wie ein König der Berge, über die Schwelle.

Als sich die Tür hinter ihm geschlossen, machte Fräulein von Welten eine jähe, angstvolle Bewegung.

„Ach, Onkel! können wir nicht heim?“ rief sie flehend; „erst hat uns der Bär belagert, nun macht uns der unheimliche fremde Mann hier zu Gefangenen!“

„Sie haben ka Sympathien für ihn?“ Vinzenz trat fast ungestüm näher. „Schauens, nachsagen lässt sich dem Herrn nix, ma kennt sich scho auf sei herrisches Wesen aus, aber just dös, was Sie da sagen, an ‚Unheimlicher‘, dös mögens wohl alle Madel von ihm sagen.“

„So so! Er ist nicht nur Bärenjäger?“ warf der Oberst kurz ein.

Lobelia richtete sich plötzlich auf und sah mit flehendem Blick zu dem jungen Tiroler empor.

„Ich bitte Sie inständigst, Vinzenz, verlassen Sie uns nicht, bis ich im Wagen bin! Sie haben gesehen, dass Onkel mit seinem invaliden Arm mich nicht genugsam halten und stützen kann, Herr Sturmlechner ebensowenig, und ich bin so schwach jetzt, ich fühle mich nach der schrecklichen Nacht so elend, dass ich nicht allein durch den Wald bis zu dem Wagen hingehen kann.“

Die Augen des Löselbub’n leuchteten.

„Was redens daher! Als ob i das Fräulein verlassen tät’! — Is nöt Brauch bei unsoans! Der Vinzenz halt stand! Und der Kroat’ ... mit dem will das Fräulein nex z’schaffen haben?“

Der Oberst trat dichter an den Sprecher heran und blickte ihm beinah zutraulich in die ehrlichen Blauaugen.

„Sie haben gesehen, Vinzenz, dass der Herr etwas gewalttätig seine Rolle als Helfer hier spielt!“

„Und ob i dös sieh! An Blinder muss ja stolpern über so an Getu’!“

„Wir sind schon seit etlichen Tagen in Sorge, uns des übereifrigen Herrn zu erwehren!“ fuhr Herr von Welten hastig flüsternd fort, während Lobelia die Augen wieder ermattet schloss und die kleinen Hände frierend unter dem Wollplaid ineinanderkrampfte. „Er hat meine Nichte im Theater gesehen und hat sie sofort mit seiner zudringlichen Aufmerksamkeit erschreckt.“

„Dös Kreuz müsst ma so am Dalk grad abschlagen!“ tobte der Brunneckersohn voll grimmen Zorns und stellte sich so breitspurig mit geballten Fäusten halb vor den Ofen, halb vor „dös bildsaubere Madel“, als ob er nur den Angreifer erwartete, um mit ihm loszuraufen.

„Hot er dann die Absicht z’fensterln, der Lump, dann bin i a no da, der ihm aufbegehret. Der Loderer, der lausigte, kimmt aus den Kroatebergen, wo’s sich nöt der Sünd’ scheuen und die Madeln am hellichten Tag aus den Häusern stehlen!“

Wahrhaft entsetzt riss Lobelia die müden Augen auf.

„So müssten wir sofort abreisen ... wenigstens ich, Onkel! — Der Sanitätsrat aus Wien warnte uns doch auch!“

„Oha!“ Des Vinzenz Blick flammte auf.

„Dafür bin i no da! und der Sepp steht wie an Leib un Seel’ zu mi! — Da sollts ganz in Frieden schlafen, i steh’ scho ein dafür!“

Der Oberst legte beruhigend die Hand auf die Schulter des jungen Mädchens und lächelte abermals.

„Ich bin überzeugt, Kind, dass du dich umsonst vor dem ‚wilden‘ Verehrer fürchtest, und dass wir viel zu schwarz sehen, was uns den gewalttätigen Hinterwaldler und Halbasiaten in ihm fürchten lässt; er ist ja doch ein Herr von gebildeten Sitten und Manieren, der sich zurückziehen wird, sowie er sieht, dass ein Verkehr zwischen uns und ihm nicht gewünscht wird!“

„Glaubens dös nit, Baron! Ob dös nu Serben, Montenegriner oder Kroaten un Walachen sind, — Schweinetreiber sind’s allzumal! — Und genieren tut sich so an Kerl um den Teifi nöt!“

„Sie bleiben doch an meiner Seite, Vinzenz, dass er mich nicht wieder auf die Arme hebt? — Er frägt ja gar nicht um Erlaubnis!“

„Dös gelob’ i — und san Koffee möcht’ i am liebsten in die Aschen schütten!“

„Wenn wir doch gar nicht mehr darauf zu warten brauchten!“

Vinzenz trat ans Fenster.

„Grad nach der Schlucht zu sans! — Droben am Hang wollens naufsteigen, und der Forstmeister und oaner von den Jaga hat ihn am Arm und redens zu, dös er no an Eckerl mitgeht.“

„Bis an den Rand von der Schlucht geleit’ er sie!“

„Martel! Fasst mit zu? Du an der einen Seit’ — i an der andern, — dann eskortieren mi’s Fräulein glei jetzt da quer durchs Unterholz bis an Tannenschlag ... und du laufst dem Wagen entgegen, dös er oben auf der Wiesen entlangfahrt — dann sind wir allsamt dem Tüffel aus den Augen gerückt!“

„Der Vinzenz hat recht, Onkel ... Bitte, lass uns gehn.“

„Wenn du es riskieren willst, Kind!“

„Un ob’s Courag’ hat!“

„I pass auf ... wann die Mannerleut’ um die Felsen drum san, — dann wischen wir selband durch den Stall hint’ ins Unterholz ’nein!“

„I trags Ihna, wann’s Gehen schwer fallt, i hab an Kraft!“

„Nun gut, — probieren wir! Es wäre allerdings sehr angenehm, wenn wir uns nicht noch durch weitere Hilfeleistungen durch den Herrn von Gyurkovics verpflichten liessen!“

„Obacht! — Itzt soans glei hinter dem Fels!“

Voll nervöser Aufregung erhob sich das junge Mädchen.

„Es wird gehen, — ich fühle es. — Tragen ist nicht nötig, Vinzenz!“

„So halb und halb!“

„Nur aufgestützt! Dahier unsre Arm’!“

„Holdriho! Dös soll an Jux sein, wann der Musjö san Koffee selm schluckt!“

„Keiner siecht uns. Dös Haus macht uns die Dekkung!“

„Der Wunsch, dem zudringlichen Verehrer zu entrinnen, wird dir Kraft geben, Lobelia. — Geh nur! Plaid und Rucksack trage ich.“

„Hangts mi’s Rucksel nur getrost übern Buckel! I trag’s scho mit!“

Köstlich frische, harzduftige Luft wehte ihnen entgegen.

Lobelia atmete tief, aber doch noch etwas beklommen auf.

„Der Modergeruch und Ofenrauch in der Stube haben mich eher kränker gemacht, als mir gedient!“ sagte sie leise und empfand es als grosse Beruhigung, wie die starken Arme der Tiroler sie mehr hoben und trugen, als stützten. „Es wäre so schön, wenn wir den Platz, den Vinzenz im Sinn hat, erreichten!“

„Sell is gewiss!“

„Es geht ja ganz gut!“

„Die Knie zittern mir nur noch so ungewohnt, — das schreckliche Gefühl im Kopf lässt schon nach.“

„Dös Fräulein is ja no jung. So an Schreck verwind si gar bal!“

„Die weissen Haare!“

„Macht nix! Wann’s Gesichterl no jung in die Welt eini lacht, — dann sind’s an Zierat mehr!“

„Sage ich auch!“ — Der Oberst bog sorglich die dichtbuschigen Zweige vor den ihm Folgenden zurück. „Die Ninon de Lenclos machte sie sich künstlich durch eine Perücke und begeisterte noch ihren Enkelsohn! Nun — und die Wala beweist es erst recht, dass man mit silberumwogtem Haupt urewige Jugend verkörpert.“

„Darum sorge ich mich gewiss nicht, Onkel!“ lächelte das junge Mädchen, „du weisst, dass ich nicht eitel bin! Wenn der liebe Gott mich nur gesund erhält, dass ich noch arbeiten kann!“

Die Gebüsche rauschten hinter ihnen zusammen, und das dichte Unterholz entzog sie jedem, auch dem schärfsten Blick.

Vinzenz lachte in fröhlichem Triumph über das ganze Gesicht.

„Nu scharf links gehalten! Ein kloans Eckerl no, dann soan wir im Hochwald, da schreitet sich’s halt besser aus.“

„An Bogen müssen wir scho machen, bis zur Wiese!“

„Willst du erst einmal ausruhen, Lobelia?“

„Noch ist es nicht nötig!“

„Überanstreng’ dich nicht.“

„Macht ja dem Fräulein fein selm ein Gaudi, dös ma dem Kroat’ durch die Lappen ’gangen san!“

„Mag schön platzen, wann ’r z’ruckkimmt!“

„Wann’s Fräulein nöt so an heilig’s Engerl wär’, könnt’ er grad vermeinen, die Erd’ hätt’ uns verschlungen!“

Höher und höher war die Sonne emporgestiegen, durch einen breiten Einschnitt in den Alpkolossen flammte sie jäh hindurch und vergoldete den Tannenhochwald bis auf das gelb- und braungrüne Moos herab, das über Felsblöcke und Erdboden bis an der schrundigen Borke der gewaltigen Stämme emporkletterte.

„Nu aber a Rast!“ flüsterte Vinzenz, der fühlte, dass sich das bleiche Mädchen an seiner Seite schwer und schwerer auf seinen Arm stützte, dass ihr Gang immer zögernder und schleppender wurde.

„Da hat’s grad an Holzblock, wie derschaffen fürs Fräulein! — Mit Vergunst — i brauch’ s’ Kluftel nöt mehr! Die Sonn’ meint’s halt gut!“

Er riss die Lodenjoppe mit den breiten frischgrünen Aufschlägen ab, dass die rote Weste und der breite, altertümlich gestickte Ledergürtel in dem Lichtschein leuchteten, warf sie über den morschen Stamm und wandte sich zu dem Oberst.

„Wann der Baron nun das Wolltüchel dahergeben möcht’ und die Gnädige fein einpacken! Der Martel und i laufens geschwind bis zum Weg und haltens Ausschau.“

„Wann no nix in Sicht is, lauf’ i den Rössern entgegen und lenks dahierher!“

„Un i kimm flux z’rück, dös nimmer alloan sin!“

„Danke Ihnen, Vinzenz! Danke tausendmal!“

„Fein sicher sinds hier! Tausig mal besser wie in der rauchigten Stub’ drinn’!“

Der Sprecher beobachtete noch mit schnellem Blick, ob’s dem Fräulein auch an nix mangelte, dann ruckte er energisch und wohl zufrieden das Grünhütel mit den roten Schnüren auf dem Kopf zurecht.

„Famose, prächtige junge Kerls!“ nickte Herr von Welten nachdenklich. „Ich glaube, Lobelia, wir verdanken ihnen viel, dass sie uns von der lästigen Gesellschaft deines ‚exotischen‘ Verehrers erlösten!“

Das junge Mädchen nickte lächelnd und atmete tief auf, wie aus drückender Angst erlöst.

„Ich weiss nicht, warum ich mich gleich vom ersten Augenblick an so sehr vor dem Kroaten fürchtete, — und warum der einfache deutsche Bauer mir solches Vertrauen einflösst.“

Sie blickte der hohen, schlanken und doch so kraftvollen Gestalt des Vinzenz nach, dessen grell weisse Hemdärmel noch ein paarmal durch das Tannengrün aufleuchteten.

Über ihnen in dem dichten Geäst raschelte es, ein Eichhorn oder Vögel, die, aus ihrem Genist aufgeschreckt, dem hellen Tag entgegenstrebten.

Und dann wieder still, — eine Einsamkeit in der Bergwildnis, die jetzt ihre Schrecken verloren hatte.

Fünftes Kapitel

Gaj Gyurkovics war mit ungestümen Schritten nach der Senne zurückgekehrt.

Bevor er eintrat, strich er den Schnauzbart fesch empor.

Dann schaute er sich um.

Zuerst ein wenig überrascht, beinah stier. — Dann trat er zur Ofenbank.

Die Rucksäcke und das Plaid, in das die Baronin eingehüllt gewesen, fehlten.

„So ist der Wagen scho kommen. So schnell. Sakra! Der Flank von aam Löselbub’n hat’s Madel gewiss herzugetragen. Und das Kaffeewasser kocht no nöt. — Aber im Ofen ballert’s. — Mocht nix. I find’ die Spur von am allerschönsten Madel noch sichrer wie das Bärengeschmeiss in den Schluften.“

Er stiess mit einem Holzscheit in das Feuer.

Nicht aufgeregt, nicht zornwütig, ganz behäbig.

„Wann’s kocht, trink’ i erst an Mokka. I kimm drunten scho zur Zeit.“

Die Tür knarrte hinter ihm.

Er wandte sich halb um.

„Ah so! Der Herr Aloys Sturmlechner.“

„Da habt’s wohl grad an heissen Schluck für mi braut?“ lachte er.

„No nöt. Aber bal. — Wollt’s warten darauf?“

„Wann’s verstattet is, giern. Der Oberst und die Gnädige soan woll scho z’ Tal?“

„Ni nöt! I hab’ mi nöt von der Bärenmutter trennen kunnt. Wisst’s, wann eim so an Höllenvieh, so an vermaledeites, ane ganze Nacht hat in Todesangsten gehalten, nachen schaut ma gern so an gestreckten Feind ins Gebiss!“

Der Kroate lachte.

„I hätt’ gern für das Fräulein erst no an Essenz g’braut! Sah fein zum Verjammern aus, dös arme Hascherl! — Is schnell gangen, dös mit dem Wagen!“

Einen Augenblick herrschte Stille; der Sturmlechner warf sich in den Lehnstuhl im Ofeneck zurück und streckte ächzend die dünnen Beine von sich.

Halb in die Stube reichten sie hinein, so lang waren sie.

Dann griff er nach dem Rucksack.

„An Hunger hab’ i, — und der Durst a nöt z’ knapp.“

Wieder bot der Kroate seine Feldflasche an.

„Wann’s mi a B’scheid tun wollt’?“ Und der Österreicher entkorkte sein dickbauchiges Fläschchen.

„Nix für unguat. Ma macht jo gern a neue Bekanntschaft!“ — Gaj Gyurkovics griff mit breitem Lachen zu: „I sprech’s für an Wacholderschnaps an!“

„Gewiss nöt. An Granawitter aus dem Bayrischen soll’s vorstellen!“

„A nöt schlecht.“

„Zur G’sundheit!“

„Könnens glei auf das Wohl von dem armen Madel trinken. Wie a weisses Papierel hat’s ausgeschaut. I vermein’, Ihr könnt die Herrschaften scho z’vor?“

„Gonz extra! Der Oberst is mei Bekannter vom Café Gilf her! A Baron von Welten is’. Aus Deutschland droben, — i vermein’, Hannover habens als Heimatstadt genannt.“

„Die Gnädige is sa Nichten? Heisst a so?“

„An viel feinen Namen hats: Lobelia.“

Der Kroate wiederholte: „Lobelia. Dös klingt wie a Musik. Gehört hab’ i’s no nöt z’vor.“

Einen Augenblick herrschte Stille. Das Wasser kochte, und Gaj Gyurkovics hob behutsam den Kessel und goss den Kaffee auf. Den Trichter verschmähte er, nahm alsgleich den Topf und stellte ihn mit dem „Mokka“ nochmals aufs Feuer.

Sturmlechner zuckte die Achseln. Es fiel ihm plötzlich so mancherlei ein. Von unten herauf streifte sein Blick den Fremden.

Der stand, seine robuste Gestalt grell vom Feuer beleuchtet, das Gesicht mit dem brutal sinnlichen Ausdruck über den rauchenden Topf gebeugt, dessen Inhalt er vorsichtig umrührte.

„So viel i hört hab’, is dos Fräulein scho in Deutschland versprochen, und wann die Hochzeit bal’ stattfinden soll, muss es woll z’rück.“

„Versprochen? — Dös macht nix.“ Der Bärenjäger aus dem Ivantschitzkagebirge lächelte seltsam. „Was will dös für uns moderne Menschen no besagen. Selbst a Ehering derf nöt zum Sklaven uns machen, keinen, dös Weib nöt, und den nöt, der’s haben will.“

„I versteh’ dös nöt.“

„Und is doch so kloar! Wann i mir vornimm: selb Weib willst haben, — was genieret mi an Ring, den’s tragt?“

„I sollt’ vermeinen, alles. — Wann’s scho vergeben is, kimmt a zwoater z’ spät!“

„I nöt! — I sag’: Nöx is unmöglich. Wenn ma’s nur recht anfangt. Um an Eheweib bedeutet’s scho an härteren Kampf, aber lediglich mit am Verspruch ... da macht ma ka lange Händel!“

„Und wann’s den Bräutigam liebt?“

„Daran glaub’ i nöt. A Madel will heiraten, weiter nix. Wer am meisten dransetzt, der kriegt’s.“

„An Geld dransetzt?!“

„Nöt allein. — Gehören tut’s a dazu. Aber man muss verstehn, so an Fratzel an süsses in sich verliabt z’ machen! A Kunst, die freili nöt für jedermann is!“

Wieder ein geheimnisvolles Lachen.

Aloys Sturmlechner aber sah sehr harmlos aus und lachte leise mit.

„Ma merkt’s, dös ihr nah an der türkischen Grenz’ daheim seid!“

„Der Oberst hat vorhin gemeint, die Tante tät’ sie voll Sorgen im Hotel erwarten. Mit Verlaub ... in welch oan sind’s die Herrschaften abgestiegen?“

Der alte Hagestolz schien sich an seinem „Flascherl“ verschluckt zu haben, er hustete längere Zeit so intensiv, dass er gar nicht antworten konnte, und als er wieder zu Atem kam, wetterte er auf das Pech, einen zu engen Schlund zu haben, der nicht das nötige Gefäll hat.

Der Kroate wartete ganz ruhig.

Dann wiederholte er seine Frage, und Herr Sturmlechner sah ein, dass ein Umgehen nichts nützen würde. Ausserdem hatte es keinen Zweck, denn der Mann aus dem wilden Kroatien konnte aus jeder Fremdenliste und von jedem Hausknecht eines jeden Hotels erfahren, ob ein Herr Oberst von Welten mit seinen Damen da abgestiegen sei.

Wenn er nun doch mal den Namen wusste, so gab es kein Verstecken mehr, und das tat der ehrlichen Haut leid; denn er wusste jetzt, warum der Oberst so betroffen und Lobelia so erschreckt bei dem Anblick des überraschend auftauchenden Bärenjägers ausgesehn hatte.

Er nannte das Parkhotel in Obermais ganz gelassen und gleichgültig.

Gross genug war es ja, wenn man jemanden, der nicht genehm war, aus dem Wege gehn wollte.

Dann dehnte er die Arme.

„So an Nacht macht doch sakrisch müde; anitzt ruck i mei Sackerl auf und blas’ die Feder hoamwärts.“

„Is gut. Wann’s recht is, klopf i in nächsten Tagen mal an un frag’, wie das Abenteuer bekommen is.“

Sturmlechner hatte seinen Rucksack auf den Rücken geworfen und bot dem Kroaten höflich die Hand.

„Hob’ die Ehr’! Dann sag’ i also dem Herrn von Gyurkovics ein ‚auf Wiederschaun!‘“

Der Österreicher rückte sein grünes Hütchen und der Kroate seine Jagdmütze vom rechten Ohr auf das linke, und dann wieder von dem linken aufs rechte, und dann schieden sie voneinander. Herr Aloys wollte eigentlich darüber nachdenken, warum der Mensch da ihn mit seinem Besuch beehren wollte, aber er kam nicht dazu.

All seine Sinne lagen im Bann des wundervollen Abenteuers.

Was werden die Meraner dazu sagen! Das neiden ihm viele.

So tagelang reden sie nichts weiter in der Stadt, als von dem furchtbaren Renkontre, das Herr Aloys Sturmlechner mit seinen Freunden, dem Baron von Welten und dessen Nichte, in dem Heustadel bei der Masulschlucht droben zu bestehen hatten.

Weisse Haare hat das Fräulein drüber gekriegt, daran kann man sehn, wie es auf Tod und Leben gegangen!

Grade die weissen Haare! Sie freuten Herrn Alloys am meisten.

An seinem Fenster wird er nach einer erquicklichen Rast aufpassen, bis der Bär, das Ungeheuer, vorübergefahren wird.

Dann schliesst er sich an, und der Triumphzug geht durch die Gassen Merans.

Herr Aloys Sturmlechner wird ebenso bescheiden wie verdienstvoll hinterherschreiten, um sich von der gaffenden Menge bewundern zu lassen.

Das gab zu denken.

Er pfiff sich eins und schritt fürbass.

Währenddessen trank Gaj Gyurkovics seinen Kaffee aus und lachte dabei sehr angeregt vor sich hin.

Das war ein Tag heut!

Das war ein Morgen gewesen!

Einen Bär geschossen, — und endlich, ganz aus Glückszufall, das verteufelt süsse Madel, das es ihm wie durch einen Zauberspuk angetan, doch noch aufgestöbert!

Im Theater hatte er sie gesehn.

Radikal geschehen war es um ihn.

Nachgespürt hatte er ihr und sie gesucht bis ins Vintschgau hinein, — wiedersehn wollte er sie um jeden Preis, und heute fand er sie!

Zum Lachen ist’s.

Nun hat er hier in der Sennhütte nichts mehr zu schaffen.

Nun kann er wieder all seiner wilden Jagdpassion die Zügel schiessen lassen.

Erst in die Schlucht hinab!

Heranschleichen — ausspähen — in keckem Wagemut zuspringen, — schiessen, schlagen, stechen — bis die Bestie sich im Blut wälzt! Juh! — Ein rauher Schrei des Triumphs! — So ist’s daheim in den dunklen, rauhen, auf Schritt und Tritt todgefährlichen Bergen. Hier ist’s zahmer.

Nachher ziehen sie alle mit der Beute durch Meran.

Gleichviel — das reizt ihn nicht.

Nur eins — wenn die Lobelia am Fenster stünd’, und die Leute schrien „Eljen! Der Gaj Gyurkovics ist ein Held!“

Auch nicht. Der Weg führt nicht am Parkhotel vorüber.

Mögen sie schreien, die Menschen, was sie wollen!

Der Gaj Gyurkovics sitzt daheim, und vor ihm steht der heisse, heisse Ungarwein und eine grosse Flasche Raki ... und er trinkt — trinkt — trinkt.

„Prost, Madel!“ — und trinkt weiter.

Die Südzimmer im Parkhotel erfreuten sich besonderer Beliebtheit.

Leuchtendes Sonnengold flutet durch die hohen Spiegelscheiben, spielt auf den blanken Dielen und dem Muster des Teppichs, der den Wintergästen ein behagliches Stücklein nordischer Kultur vorzaubert, während draussen ein fast italienischer Blauhimmel lacht, nicht ganz so ewig wie in Griechenland, aber wolkenlos und licht, wie unter südlichen Breiten.

Die Balkontür steht offen.

Wie warm die Luft, wie balsamisch und rein sie einströmt!

Lobelia erhebt sich von der Chaiselongue und schaut mit verklärtem Blick zu den Alpen empor.

Tagelang ist sie sehr elend gewesen. Die Nerven wollten den Dienst versagen, — aber der Arzt lächelte und versicherte im voraus, dass die Jugend solch einen Schock bald abzuschütteln pflege. Das junge Mädchen war ja sonst so kerngesund!

Der Aufenthalt in Meran hatte ihre Kräfte, gleichsam wie auf Vorrat, gestärkt.

Ein Spezialist nahm das Haar in Behandlung.

Es war und blieb weiss, da liess sich trotz aller Versuche nichts daran ändern.

Der Farbstoff war geschwunden, die Lufträume um ein beträchtliches vermehrt. Die Papillen arbeiteten noch, auch die Talgdrüsen taten unverändert ihre Schuldigkeit.

Eine elektrische Behandlung sollte dem noch stumpfen Weiss Glanz verleihen. Konnte man dem Haar die duftige, leicht lockige Fülle erhalten und ihm den Silberglanz der Perle verleihen, so war eine so fremdartige, neue Schönheit geschaffen, als sei eine der reizendsten Ahnfrauen, mit rosigen Wangen, tiefroten Lippen und dunklen Augen unter ihrer Allonge aus der Gruft erstanden.

Man versuchte hin und her, man verwarf und fand, — und endlich konnte der Arzt mit liebenswürdiger Verbeugung versichern: „Es ist geglückt, gnädiges Fräulein! Die ‚weisse Dame‘ aus dem Rokokoschloss rediviva!“

Er hatte recht.

Lobelia selber lachte ihrem Spiegelbild erstaunt zu.

„Nun führe ich ja eine ewige Maskerade auf! Und Tantchen hat ihren Willen, dass ich eigentlich immer eine weiss gepuderte Perücke tragen müsste! Würdig macht das weisse Haupt mich so gar nicht. — Wenn die Herren keinen Hut aufhaben, wird es keinem einfallen, sich vor mir zu neigen!“

Frau von Welten liess es sich in ihrem Entzücken nicht nehmen, die Nichte zum erstenmal zu frisieren.

Das bauschte und lockte und glänzte um das reizende, frische Gesichtchen!

„Wie doch oft auch das Schlimmste, was uns zu begegnen scheint, zu unserm Besten dienen muss!“ sagte sie. „Gott sei Lob und Dank hat dich die grausige Bestie, die dich so lang geängstigt hat, nun durch einen neuen Reiz der Schönheit entschädigt, den man sonst auf dieser Erde weder für Geld noch gute Worte hätte erwerben können. Deine Gesundheit hat auch nicht ernstlich gelitten — noch kurze Zeit Ruhe und gute Pflege, und unser Pflegetöchterchen ersteigt wie eine Phönix neu geboren und geschmückt der Masulschlucht!“

Das junge Mädchen schüttelte ein wenig ängstlich das Köpfchen.

„Ich fürchte, Tante Adele, mein Haar wird sehr auffallend sein und meine ganze Erscheinung recht ungewöhnlich machen!“

„Schadet das etwas?“

„Du weisst, dass es mir jetzt schon sehr peinlich war, so viel angestarrt zu werden!“

„Was hätte manch andere darum gegeben!“

„Ich bin so anders geartet als ‚manche andere!‘“

Frau von Welten lächelte. „Gottlob, dass es so ist, sonst hätten wir dich wohl die längste Zeit im Hause gehabt. Weisst du, Lobelia, auf was ich sehr gespannt bin?“

„Nun, Tantchen?“

„Auf den Mann, der einmal als der rechte kommt, dein bisher so unberührtes Herzchen zu eigen zu nehmen!“

Lobelia lachte. „Auf keinen Fall darf er fernab von euch wohnen. Es ist mir ein so unsympathischer Gedanke, mich von euch und Mahrendorffs trennen zu müssen!“

„Schade, schade, dass wir nur diese eine verheiratete Tochter und nicht noch einen heiratslustigen Sohn haben!“

„Er fürchtete vielleicht dieses Attentat auf seine Freiheit, darum erschien er gar nicht erst! — Aber weisst du“ — die Sprecherin blickte schalkhaft empor —, „ich hätte gut zu einer Pharaonentochter gepasst! Die Glücklichen konnten so im engsten Familienkreis heiraten!“

„Nur ihren Bruder!“

„Gerade das deucht mir zu schön! So ein und dasselbe Elternpaar besitzen ...“

„Aha! Umgehung der Schwiegermutter!“

„Wirklich, Tantel, vor der hätte ich auch Angst! Und dann womöglich so weit weg von daheim — und sie zuvor kaum kennenlernen ....“

„Nun — soviel weiss ich: Dein glühender Verehrer aus Kroatien hat keine Chancen.“

Sie lachte und steckte noch einen sehr hübschen Zierkamm in das hochgewellte Haar.

Ein altes, auffallend geformtes Stück, das Lobelia als Andenken an die Mutter fast ständig trug.

Es bestand aus ziseliertem Gold, in das Edelsteine eingelegt waren, und hatte die Form eines hochstehenden Krönchens, wie die Königinnen und Prinzessinnen in Märchenbüchern solch einen spitzzackigen Schmuck tragen.

„Der Kroate!“ Lobelia machte ein ganz entsetztes Gesichtchen. „Solch einem unheimlichen Menschen in die Bergwildnis seiner Heimat folgen, wäre ja für mich Selbstmord!“

„Ja, unheimlich; du hast recht. Woran es eigentlich liegt, weiss ich nicht. Sein Gesicht kann bei aller Derbheit etwas Gutmütiges haben!“

„Niemals, Tante! Brutal, gewalttätig! Gerade dieser sinnliche Ausdruck, dieser auf jeden materiellen Genuss lüsterne, lässt mich schuckern! — Dumm sieht er nebenbei auch aus — und jedes Gesicht, das Ähnlichkeit mit einem Tier hat, wie bei ihm, ist mir bis auf den Grund der Seele zuwider!“

„Du bist zu künstlerisch und selber viel zu schöngeistig veranlagt, um die brutale Leidenschaft ertragen zu können!“

„Das ist’s, Tante Adele! Siehst du, ich will einmal ganz ehrlich sein. Wenn ich mich einmal verliebe, so muss es ein sehr geistreicher Mann sein! — Ein Auge, aus dem ein Stück Gottheit leuchtet!“

„Lobelia! Welch ein Ansinnen!“

„Warum? Der Geist wird nicht nach Mass verliehen, — und: Gott ist Geist. — Die buddhistische Religion lehrt ja geradezu, dass alle Dichter und Denker, die Gelehrten und Künstler summa summarum, dem Himmel schon hier auf Erden um viele Stufen näherstehen als andere Sterbliche. Und mein Entzücken sind interessante, geistreiche Menschen!“

Frau von Welten umschloss die zierliche Gestalt der Nichte: „Also sehr kluge, lebhafte Augen muss dein Zukünftiger einmal haben.“

„Ein feines, durchgeistetes Gesicht —“

„Von des Gedankens Blässe angekränkelt?“

„Das ist nicht nötig!“

„Manch geistreicher Stratege ist sehr wetterfest — vom lichten Flunderbraun bis zum gebrannten Mokka nuanciert!“

Wieder leises Lachen. „Und gar die Diplomaten! Von des Südens heisser Sonne abschattiert —“

„Oder vom Nordlicht angesengelt —“

„Weltregierendes Wissen im Blick!“

„Die Stirn erscheint geradezu transparent.“

„Ohne Fürstenkrone dennoch ‚dorchleuchting‘!“

„Tanting — das war des Wortes verwegenster Sinn.“

„Auf jeden Fall das Gegenteil von Herrn Gaj Gyurkovics. Heisst er nicht so?“

„Die Visitenkarte an seinem Blumenstrauss verriet es uns. Eine Vorstellung am Heustadel fand, soviel ich mich entsinne, nicht statt.“

„Hast du dich eigentlich schon dafür bedankt, dass er sich so teilnehmend nach deinem Befinden erkundigte?“

„Um alles nicht! Onkel wollte es für mich abmachen — der Grund, dass ich mich aus Gesundheitsrücksichten zur Zeit von allem zurückziehe, ist ja stichhaltig genug!“

„Da du in nächster Zeit wohl nur hier in dem Hotelgarten — und das auch nur in unsrer Begleitung — promenierst, so ist ja eine Begegnung mit ihm ausgeschlossen oder doch sehr gleichgültig.“

„Sehr nett und überraschend manierlich war die wundervoll bunte Ansichtskarte von Schloss Tirol, die der junge Löselbub Vinzenz am Tag nach dem Bärenrenkontre an den Onkel und mich schrieb! Er fragte, wie das Befinden von der Gnädigen sei!“

„Und stellte in Aussicht, dass er bald ‚fein selber zurückkäm‘, sein Versprechen zu halten! Was meint er damit?“

„Ich ahne es nicht, Tante; ich war an jenem Morgen so elend, dass ich kaum noch weiss, was gesprochen wurde.“

„Seiner ‚Muatter‘ müsste er nur erst seinen Verbleib melden!“

„Er scheint wieder herkommen zu wollen?“

„Wenn er als Rekrut ausgehoben ist, muss er sich vielleicht bald stellen?“

„Darüber weiss ja Onkel Bescheid.“

„Jedenfalls haben wir dem braven Burschen viel, sehr viel zu danken.“

„Bis halbwegs Meran sind sie ja dem Wagen entgegengelaufen!“

„Vor Schönna haben sie zufällig noch einen Fiaker, der Fremde nach dort gebracht, erwischt, sonst hätten wir noch stundenlang in dem Wald, auf dem schrecklich harten, unbequemen Baumstumpf warten müssen! Aber doch tausendmal besser, als in der feuchten, eiskellerigen Sennhütte, unter den so entsetzlich, unerträglich mich anstierenden Augen des kroatischen Bärenjägers!“

„Hoffentlich verschont er uns mit einem Besuch.“

„Ich bin nie für ihn zu sprechen, Tante, das habt ihr mir ja schon versprochen.“

Sechstes Kapitel

Es klopfte.

Vroni trat ein.

Während der Tage, an denen Lobelia so viel allein und still auf ihrem Diwan lag, hatte Vroni sie während des Aufräumens und Reinemachens des Zimmers aufs beste unterhalten.

Ihr treuherziges Wesen gefiel der jungen Dame.

Lobelia erfuhr, dass sie beim Sandhof, hinter Tirol, an der Passer gelegen, daheim sei.

Ihr Vater hatte ein kleines, freilich nur sehr kleines Anwesen, droben in einem Alptal gelegen, wo sie gerade ein wenig Vieh für das Nötigste halten konnten.

Ein hübsches Mädel war die Vroni, stark, gerade und schlank gewachsen.

Eben stand sie wieder auf der Schwelle und brachte für die Gnädige fein extra eine Fleischbrühe.

„Hast du auch gute Nachricht von daheim, Vroni? — Hat sich kein Ötztaler bei euch gezeigt?“

„Auf dem Markt in Meran drunten hab’ i freili anfragen lasst, aber ka Seel’ is nöt vom Sarntal da’west. — No, i denk, wann i die Mess nöt versäum’, nimmts der liebe Herrgott scho in sei Schutz. Wir haben ja den heiligen Michael fein selbst zur Fürsprach.“

Sie stand einen Augenblick und wischte erst noch das kleine Tischchen blank, ehe sie das Tablett mit der Tasse niederstellte.

„Aber was Neues gibt’s doch!“ sagte sie gewichtig.

„Ei, so erzähl’! Hoffentlich ist es recht was Gutes!“

„Dös vermein’ i scho! Just der is’ ja, der das Fräulein Baronin von dem Bär hat erlöset!“

„Was meinst du?“

Vroni machte ein sehr gewichtiges Gesicht.

„Da wissen’s die Herrschaft doch, dass der Herr von Gyurkovics dermalen in der Masul den Bär, ders Fräulein belagerte, so fein derschossen hat?“

„Was ist’s mit ihm?“ — Lobelia trat jählings näher, und Tante Adele horchte hoch auf.

„In Numero siebzehn ist er vorhin eingezogen! Gerad hier in unser Hotel. Zuvor — da hat er im Meraner Hof g’wohnt, aber da hat’s ihn nimmer ’halten, nu is er hier heraufkommen!“

Die beiden Damen wechselten einen jähen Blick des Schreckens.

„In Numero siebzehn? — Hier auf unserm Flur?“

„A na! Ein Stiegen tiefer! Am liebsten hätt’ er mögen hier droben sein. Das Annerl hat ihn drunten, die meint, er sei wohl arg ein vermöglicher Mann, er schmeisset so mit dem Geld herum!“

„So kann’s auch ein Verschwender sein!“

„Sell gewiss! Aber die Wirtsleut’ sehens allweil giern. Daheim, — bei Fronleichnam, wenn’s alle von ihre Berg herniedersteigen und a Zech’ im Schankhaus machen, da klagt’s der Vater oft, dös nur der a Ansehn g’niesst, der nöt um a Gulden feilscht!“

„Der Wirt und der Herr Direktor kennen den Herrn wohl schon von früher?“

„Nöt so vom Geschäft, aber vom Anschaun gar wohl! Der Xaverl — a i mein’ unsern Hausknecht — der hat ihn schon vor Jahren als a Lutschhascherl no hier derschaut! Sei Muatter selig liegt jo am Kirchhof drob’n — dessentweg kimmt der Herr von Gyurkovics no all Jahr fast hierher.“

„Das spricht für ihn.“

„Vroni!“

„Bitt’ schön?“

„Wenn der Herr nach mir fragen sollte, dann sag’: „Ich sei allweil noch krank, und Besuche dürfte ich keine annehmen!“

„So a Wehtag!“

„Weisst’s ja, — die Damen aus der Pension Regina, die neulich hier waren und mir Blumen bringen wollten, durfte ich auch nicht zur Visite annehmen!“

„Ja, ja, ’s is a Kreuz — allweil so alloan!“

„Also du lehnst sofort jeden Besuch ab!“

„Dös is g’wiss.“

„Halt ... Vroni!“

„Bitt’ schön?“

„Eine Ausnahme ... eine einzige, muss ich aber machen!“

„Wann vielleicht Seine Kaiserli Hoheit der Herr Erzherzog aus’m G’schlossel Roseneck — i vermein’, so heisst’s — wann der fein selber heraufkäm’?“

Die Damen lachten leise auf.

„Der kennt uns nicht, Vroni! Noch nicht einmal seinen schönen Park drunten konnten wir uns ansehn! — Ein andrer ist es, um dessentwillen eine Ausnahme gemacht wird.“

„Wann’s ihn beschreiben, mirk’ i mi’s scho!“

„Als Löselbub ist er vor kurzer Zeit hier in Meran gewesen!“

Die Vroni sass beinah auf dem Stuhl vor Überraschung.

„Alle guten Geister lob’n Gott den Herrn — a Löselbuab?“

„Ja, Vroni. Just der, der uns die wahre Hilfe in unsrer Bedrängnis in der Masul gebracht hat, denn der Vinzenz ist der erste gewesen, der die Jäger in Meran alarmiert hat!“

„Un hoasst Vinzenz?“

„Ja, Vinzenz — vom Brunneckerhof bei Sankt Leonhard, da ist er daheim.“

„Der Brunnecker Vinzenz? Der von Sankt Leonhard?“ — Die Kleine tat einen hellen Schrei und schlug die Hände über dem Kopf zusammen.

„Nu springet glei ein’ arm’ Seel’ aus dem Fegfeuer! Der Brunnecker Vinzenz soll daherkommen un is der oanzige, der an Anspruch vom Fräulein derhalten soll!“

„Kennst du ihn etwa?“

Vroni machte aufgeregt eine Geste. Sie deutete mit der Hand in Stuhleshöhe.

„So a kloans Lummerl bin i no g’west, da bin i mit dem Vinzenz auf oan un derselben Schulbank g’sessen!“

„Und nachher?“

„Dar sin ma auf die Senn’ nauf ...“

Lobelias freundlicher Blick lag beobachtend auf dem Gesicht des Mädchens. Sehr frisch sah es immer aus, jetzt aber war ihr das Blut glührot in die Wangen geschossen.

„Gut, dass du dich seiner noch entsinnst!“

„Gefirmt soan ma au z’samm’!“ fuhr Vroni leise fort und starrte mit weit offnen Augen auf die sonnebeglänzten Alpen hinaus, just, als stünde der schmucke Bursch droben und nickte ihr so überraschend zu.

„Un grad der hat dem Fräulein a Rettung bringt!“

„Er scheint ein sehr braver, ordentlicher Mensch zu sein!“

Da leuchtete es in den dunklen Augen auf.

„So oan find’ ma nöt oft! — Arg guat is’r.“

„Und dein Freund?“

Vroni schrak zusammen.

„Nie nöt! — Kameraden soan ma g’west. Gunst nix. Er is der Älteste un kriegt’n Hof.“

„Aber er ist ein vermögender Mann?“

Vroni schaute fast angstvoll zur Seite.

„A Geld hat’r scho! Aber dös zieht mi nöx an.“

„Nur gut, dass du ihn kennst! — Wenn er kommt, Vroni, so sagst du es uns an — und dann bringst du ihn herauf.“

„Wann er a Post für die Gnädige hat, so is ja ka Unrecht.“

„Du glaubst, andre Besucher könnten es übelnehmen, wenn sie abgewiesen werden?“

„Hast recht, Vroni. Ich wäre dir dankbar, ebenso die Frau Baronin hier und der Herr Oberst, wenn du gar kein Wort — bei niemand, auch dem Herrn Gyurkovics nicht, — davon erwähntest, dass der Brunneckersohn hier war! — Falls er überhaupt kommt, — vielleicht muss er ja gleich zu den Soldaten!“

„Du mei! — Nach Franzensfeste!“ — Das klang bitter enttäuscht, dann aber hob Vroni wieder fröhlich den Kopf.

„Aufpassen tu i, bei Tag un Nacht. Un die erste bin i, die ihn beim Fräulein meldet.“

„Du bist ein liebes, gutes Mädchen, Vroni!“

„Kiss die Hand!“

Oberst von Welten war in das Lesezimmer hinuntergegangen, um sich über die neusten Tagesereignisse zu informieren. Er hatte sich eine Zigarre angesteckt, sich behaglich in einem der grossen, bequemen Sessel zurückgelehnt und begann gerade den Lokal-Anzeiger zu studieren, als ein Schatten auf die Zeitung fiel und eine Stimme hinter ihm seinen Namen nannte.

Er schaute auf, gerad in das weingerötete, sehr animierte Gesicht des Herrn Gaj Gyurkovics, der neben ihm stand und — im Erinnern an seine Spornstiefel daheim — die Hacken ein paarmal zusammenschlug.

„Ah — Sie sind es, Herr Gyurkovics!“ nickte der deutsche Offizier und erhob sich mehr formell als erfreut. „Sie kommen, mich hier aufzusuchen?“

„Hab’ die Ehre. Nöt grad als Besuch, wohl aber als Hausgenosse. Bis zu diesem Morgen bin ich im Meraner Hof noch gebunden gewesen, jetzt hab’ ich mich freigemacht und bin in das Parthotel übergesiedelt!“

Der Ausdruck in Weltens Gesicht war undefinierbar, beinah so, als wenn ein ahnungsloser Spaziergänger unversehens mit Lackschuhen in eine Pfütze tritt.

„Ah! Sie überraschen mich! — Und doch ist Ihr Geschmack begreiflich. Man wohnt in jeder Beziehung vortrefflich hier oben.“

„Auch selbiges. Es fangt an, recht heiss in Meran zu werden.“ Er nahm ungeniert Platz und präsentierte mit dem obligaten Griff in die Brusttasche sein massives Zigarettenetui.

Abermals dankte der Oberst, und der Kroate fuhr unbeirrt fort: „Von daheim bin ich die warme Luft nöt gewöhnt. Zuerst vermein’ ich immer, sie würgt mich dahier. — Kennens sich vielleicht auf unser schönes Kroatien aus?“

„Nein, nein! So weit habe ich meine Reisen noch nicht ausgedehnt. Aber ich habe gerade hier in Österreich viel Anerkennendes über das Land gehört.“

„Für gewöhnlich stellt man es sich halb wie eine Wildnis vor —“ der Sprecher reckte sich nonchalant aus und bestrebte sich ersichtlich, ein grammatikalisches Deutsch zu sprechen —, „aber es trefft nicht zu. Fruchtbar ist’s bei uns, und Landstriche haben wir, wo es besseres Klima ist, wie hier in Meran — nur nöt so elegant. Besonders an der Küste. — Aber man kennt sich noch nicht aus auf uns.“

„Die Industrie entwickelt sich ja jetzt, wie ich hörte, in sehr beachtenswerter Weise; dadurch hebt sich auch der Verkehr.“

„Danach frag’ ich nöt viel. Ein Kaufmann bin ich nicht.“

„Aber Soldat?“

„Dös i a Frosch wär!“ — Gaj Gyurkovics lachte hell auf und schlug sich mit der derbknochigen Hand klatschend auf das Bein.

„Die Zeiten sind für die Gyurkovics mal gewesen! Ja, früher, da habens meine Voreltern auch zu den Offiziersfamilien gehört, und selles ist für uns Nachkommen gut gewesen. Verstehens, Baron, dös war dazumal, als um achtzehnhundertundfünfzig herum die Militärgrenz’ gegen die Türkei sollt auf alle Fälle gefestigt werden; da ist mein Vater und Grossvater — Gott habs beide selig — mit erblichem Grundbesitz ausgestattet worden — so a Landadel habens schaffen wollen, und ist auch geglückt. Wies beide zum Sterben kommen sind, hab’ ich’s geerbt; war der einzige von vier Geschwistern, der dermalen die schwarzen Blattern überstanden hat.“

Der Sprecher rauchte behaglich noch ein paar dicke Wölkchen und warf die Zigarette in den Aschbecher, nachdem er sich zuvor eine neue daran angesteckt hatte.

„Mit der Landwirtschaft ist’s gut bei uns; die hat einen goldenen Boden. Bis ans Ivantschitzkagebirge zieht sich mein Besitz heran. Der Jagd wegen hat’s mein Vater nach dort gestreckt — vom Grossvater her habe ich auch noch Ländereien an der Unna, die sind fruchtbar, die halt ich um des Geldes willen.“

Der Oberst verneigte sich abermals stumm, mehr höflich zustimmend als interessiert, und dem kroatischen Edelmann schien das gerade recht zu sein, denn er fuhr jovial fort: „Dermalen konnten sich die Offiziere an Land nehmen, wie’s beliebte, da gab es noch kein so strenges Mass — fürnehmlich nicht im Gebirge. — Im Uskoken wohl schon eher, aber bei uns droben, da habens die Behörden noch die Hand küsst, wenn einer hat Ordnung schaffen wollen.“

„Der Unsicherheit wegen? Das Räuberwesen blüht noch immer?“

„Nöt grad’ Diavolos und Rinaldinis, aber Schmuggler, die sich da eingenistet haben. Wanns türkischen Tabak führen, na, da druckt ma schon ein Auge zu! — Aber mein Vater selig war noch zu hitziges Soldatenblut, der wollte ihnen dös Paschen überhaupt legen, — davon hat er den Tod g’habt.“

„Es wird sehr viel aus der Türkei herübergeschmuggelt?“

„Hinüber und herüber, — was da grad’ not tut. I frag’ nöx danach.“

„Sie sind sehr selbständig dort?“

„Selbständiger wie gar mancher König. I frag’ nach keinerlei Erlaubnis. Was i mag, dös tu i, und was i nöt mag, dös lass i. — Da gibt’s nur einen Willen, dös ist der meine.“

„Wie seltsam muss es Ihnen dann hier in geordneten Verhältnissen unter strenger Obrigkeit vorkommen?“

„Nöt zum Schlechten. Ich bin gern hier.“

Der Sprecher ruckte sich ganz manierlich empor und sprach wieder, so gut es anging, ein Salondeutsch: „Dass Ordnung sein muss, weiss ich. Daheim halt ich sie, hier nehmen mir andre die Mühe ab. So ein elegantes Leben gefällt mir. Nach Herkulesbad reis’ ich meistens im Sommer für ein paar Wochen, aber man trifft wenig Deutsche, Engländer und Amerikaner dort, meist nur Balkan, — und grad’ das feinere Europa reizt mich hier im Tirol.“

„Es sind viele Amerikaner, auch Franzosen hier im Hotel, scharmante Leute, ganz besonders die Damen; Sie werden sich gut unterhalten.“

Der Oberst lobte sehr eifrig, aber Gaj Gyurkovics sah ihn nur mit den starren Schwarzaugen gleichgültig an. „Am besten von allen Damen, die ich je geschaut, gefallt mir Ihre Nichte“, sagte er ungeniert. „Schon im Theater habe ich mir gesagt: Sie ist die Schönste, grad’ was du suchst.“

Herr von Welten schien die letzten Worte völlig überhört zu haben; er stäubte sehr umständlich ein wenig Zigarrenasche, die auf seinen Rock gefallen, von dem Ärmel ab. „Meiner armen Nichte geht es nach wie vor wenig gut“, sagte er gelassen. Der Nervenschock war doch einschneidender, als man dachte. Die Ärzte haben vollkommene Ruhe verordnet.“

„Macht nix. I für meine Person kann warten, bis die Gnädige wieder mobil ist. „La donna è mobile“ — er lachte breit und behaglich. „Just auf dem Promenadkonzert habens dös heut gespielt.“

„Wir fürchten, dass die Ärzte sie noch in ein andres Bad schicken werden.“

„Grad’ interessant. Hab’ mir immer schon gewünscht, mal ein bisserl was Neues zu schaun. Gaj Gyurkovics, hab’ ich zu mir gesagt, heuer hat’s eine Ernte gegeben zum Verlieben, und das Kapital ist arg im Säckel hochgewachsen, was sollst du daheimsitzen? Schau dir die Welt an und hol’ dir ein Weib heim, denn du bist ein reicher Mann und kannst Weib und Kind ernähren, wie kein zweiter.“

Der Blick des Sprechers zwinkerte listig forschend unter den buschigen Brauen zu dem Oberst empor, der wie ein Bild aus Stein, mit einer Miene, die nicht das geringste Interesse verriet, dem unliebsamen Hotelzuwachs gegenübersass.

Da eine kleine Pause entstand, musste er anstandshalber etwas erwidern.

„Es ist seltsam,“ sagte er gelassen, „dass heutzutage die Heiratslust bei dem männlichen Geschlecht viel lebhafter ist als bei den Damen. Ein Bekannter von mir sucht schon seit geraumer Zeit eine Lebensgefährtin und kann keine finden, beziehungsweise es zu keiner Verlobung bringen.“

„Schauens, dös begreif’ i nöt!“ Gaj Gyurkovics schlug das Bein über und rückte sich behaglich in seinem Sessel zurecht.

„Hot der Herr denn noch ka Madel gefunden, von der er sich allsogleich sagte: ‚die soll’s sein!‘?“

„Das wohl schon, — aber daran allein, dass der Mann seine Wahl trifft, liegt’s doch nicht! Zum Heiraten gehören bekanntlich zwei.“

„Dös schon!“ Der Kroate sagte es mit ein paar so erstaunten Augen, als begriffe er nicht recht, dass ein so Selbstverständliches überhaupt erwähnt werde. „Der Mann muss halt sein’ Antrag stellen.“

„Und wenn er abgewiesen wird?“

Nun sah der Bergkönig des Ivantschitzka vollends erstaunt aus.

„Ja, hat denn Ihr Bekannter wie an Aff’ ausgeschaut?“

„Durchaus nicht. Er war ein eleganter, recht stattlicher und feingebildeter Herr, vom Scheitel bis zur Sohle Kavalier!“

„Dös is an jeder Edelmann. — Na, so hat der Beklagenswerte koan Geld g’habt?“

„Nicht viel, — aber der Liebe hätte es genügt.“

„Ja, wos fehlte denn sonst?“

Herr von Welten zuckte mit einem undefinierbaren und doch sehr ausdrucksvollen Lächeln die Achseln und schwieg.

„Dann will ich’s Ihnen sagen, Baron, was dem Herrn gemangelt hat, — der Schneid’, die flotte Courag’, die Energie, dös er sei Sach’ net durchgesetzt hat bei den Weibern.“

Der Kroate sass vergnügt und preisherrlich in die Lederpolster zurückgelehnt. Nur durch seine Hände ging unmerklich ein Zucken und Krampfen.

„Man muss halt an schwereres Geschütz anfahren, um so a jungfräuliche Festung zu erobern! — Ma mirkt’s do glei, ob so ein Madel gefügig is ober nöt, — na, un wann sich’s sperrt, so weiss man“ — er verfiel wieder in Hochdeutsch — „doch sogleich, dass man sein Sach’ falsch angefangen hat.“

„Und?“

„Versucht’s noch dringlicher mit seiner Werbung, aber auf eine andere Art.“

„Und wenn diese ‚andere‘ keine bessere ist und ebensowenig Erfolg hat?“

Die wulstigen Lippen des Bärenjägers zitterten, ein Aufblitzen ging durch die dunklen Augen.

Er riss sie weit auf, dass das Weisse des Augapfels sichtbar wurde.

„So eine Möglichkeit gibt’s nöt zum Ausdenken für mich. Dös wär’ zum erstenmal, dös der Gaj seinen Willen nöt durchgesetzt hätt’.“

Er knäulte die Zigarette zwischen den Fingern und warf sie auf den Teppich. Man sah es ihm an, wie er sich gewaltsam beherrschte.

„Der is ka rechter Liebhaber, der ka Beständigkeit kennt! Nöt wanken und nöt weichen, — Manns genug sein, alle Hindernisse aus dem Weg z’ schaffen! Eitel sind’s allzumal die Weiber, und wann sie so a wortgetreue Lieb’ schauen, nachen sans doch gerührt!“

„Ich bin gespannt, ob Sie einen Erfolg dieser Theorien zu verzeichnen haben!“ Der Oberst erhob sich, der Kroate tat desgleichen. Die Erregung schien plötzlich wie weggewischt von seinem fleischigen Gesicht. Er lachte so harmlos jovial wie zuvor.

„Da verrennt ma sich in allerhand Faxen und vergisst auf das Nötigste! I komm’ daher um zu fragen, ob i nöt bald der gnädigen Frau Gemahlin und dem Fräulein von Welten meine Referenz machen dörf —“

„Leider noch gar keine Möglichkeit, Herr von Gyurkovics, — die Ärzte haben ihr noch vollste Zurückgezogenheit verordnet.“

„I wort! Die paar Blumen, die i mir derlaubt hab’ zu senden, bitt’ i huldvoll anzunehmen.“

Eine stumme kurze Verneigung des Obersten.

„Meine Nichte wird die weissen Haare leider zeitlebens behalten. Sie werden erschrecken, wenn Sie das arme Mädchen wiedersehn! Wie ihre eigne Grossmutter sieht sie aus.“

„Ja, schauens, — dös is halt G’schmackssache. Da bin i noch a Schlaeckerl gewest von kaum vierzehn Jahr, da hab’ i im Theater die ‚Herzogin von Gerolstein‘ g’sehn. Ja du mei! Wie a Verruckter bin i in die weisse Perücken gewest, und hob denkt: Wanns die Frauenzimmer a Geschmack hätten und bei den Mannern was ausrichten möchten, so sollten sie so a bildsaubere Moden wieder einführen! Un nu sagens, Baron, dös Ihr Nichten solch an Rokokopupperl geworden is!“

„Eine Perücke ist immer noch etwas andres als das eigene Haar.“ Der alte Offizier machte eine ungeduldig nervöse Bewegung. „Gerade, weil man jetzt gebleichtes Haar nur bei alten Leuten kennt, entstellt es die Jugend. Je nun, Lobelia denkt sehr gleichgültig darüber, — sie lebt ja einzig nur für ihre Kunst und beabsichtigt, sich von der Welt vollkommen zurückzuziehen.“

Der Kroate stiess einen leisen, freudigen Pfiff durch die Zähne aus und trat noch einen Schritt näher an den Sprecher heran.

„Du heiliger Laurenzius! Dös find’ ma selten heutzutag! Da strebens allweil in das vollste, bunteste Leben hinein, die jungen Damen, und langweilen sich auf so am einsamen Bergschloss halb z’ Tode! — Wann i so was hör’, dös die Gnädige nöx mehr nach der grossen Welt fraget, da jauchzet einem ja grad’ das Herz im Leibe! Wanns nur einmal schauen möchte, wie schön die Ivantschitzka in all ihrer unverderbten Wildheit is! Grad a Maleraug staunet unentwegt! — Die Trachten alloan, so bunt und phantastisch, wie geschaffen zum Konterfeien!“

„Soso —“

Herrn von Welten war’s, als glühe der Boden unter seinen Füssen. Er wollte unterbrechen und sich verabschieden, aber der „König der Berge“ stand ihm so geschickt im Wege, dass er ihn hätte beiseiteschieben müssen, um an ihm vorüberzuschreiten.

Herr Aloys Sturmlechner hatte ihm gestern erst gesagt: „Seien Sie vorsichtig mit dem Menschen, — wenn so ein Kerl verliebt ist, gleicht er einem wilden Tier, und Fräulein Lobelia kann noch nicht reisen!“

Er hatte gelacht und den Kopf zurückgehoben. „Das wäre ja noch besser, solch einem Herrn das Feld zu räumen! Wir haben doch keine Angst, dass wir ihm aus dem Wege gehn!“

Jetzt dachte er schon anders.

Solchen Fanatismus noch zu provozieren, wäre Wahnsinn und ein Verbrechen gegen seine Nichte, die er nicht schützen, sondern lediglich dadurch gefährden würde. Also die gute, alte strategische Weisheit: den Feind ermüden!

Er verneigte sich und lächelte höflich.

„Ich bezweifle nicht, dass das Leben in so ungewohnten Verhältnissen eines gewissen Reizes nicht entbehrt!“

„Wissens, Baron, — wann’s gnädige Fräulein wieder reisen darf, dann stillens ihr die Sehnsucht nach Einsamkeit und kommens all miteinand’ zu mir nach Uskodovni!“

„Sehr liebenswürdig, Verehrtester!“

„Photographien führ’ i bei mir —“

„Sehr interessant —“

Gajs Augen glühten vor Leidenschaft.

„An Schloss, dös am jeden gefallt! Früher is’ a Befestigung gegen die Türken gewest, und mei Vater selig hat’s ausgebaut! So recht a trutzige Zwingburg schaut’s von seinem Bergzinken in die Schluchten ’nab!“

„Entzückend! Recht einladend!“ dachte Herr von Welten, aber er nickte nur schweigend mit höflichem Lächeln.

„Ganz ungeheuer interessante Räume! A Kapellen mit unterirdischem Gang, dass man jedes Augenblicks davon kann, wenn mal a Gefahr drohen sollte. —“

„Gewiss so kleine Kerker und Verliese, in denen Unliebsames verschwindet!“ dachte der Oberst.

„Sinds a Reiter, Herr Oberst?“

„Ich war Kavallerist!“

„Haha!“ Der Kroate lachte triumphierend, „dann sinds schnell in Banden von meiner Fatima! Sag’ Ihnen, Baron — Pferde hab’ i im Stall — Pferde — Türken — Araber — so was von edlem Blut schauts ja gar keiner nöt dahier in Österreich, nöt in Deutschland! Um hunderttausend Kronen sinds nöt z’ haben.“

„Sicher der Dank der türkischen Schmuggler“, ging es durch Weltens Sinn.

„Da könnens reiten!“

„Ich werde den Kuckuck tun!“ dachte der Oberst abermals.

„Und malen! Malen kann die Gnädige jede Stund’ a neue Schönheit! Ihr eignes Spiegelbild, wie die Vilma Lwoff! — Aber schauens — für a Fürstin war mir die Dam’ nöt standesgemäss genug gekleidet. A weisses Atlaskleid, aber an Schmuck? — dös Gott erbarm’. Na, da sollens die Damen erst den Nachlass von meiner Mutter selig schauen! Wühlen könnens in Perlen und Edelsteinen, wann’s sich kostümieren wollen, — i frag’ nöx nach so G’flitter!“

„Sicher das Schweigegeld fürs Paschen!“ lautete noch einmal das Selbstgespräch des Obersten, dann zog er jäh die Uhr.

„Das ist sehr verlockend zu hören, bester Herr!“ sagte er so freundlich, dass Gaj Gyurkovics am liebsten auf die Tasche geschlagen hätte und getrotzt: ‚Den hab’ i, und die Weiber krieg’ i a!‘

„Aber meine Zeit ist in Anspruch genommen, ich habe Briefe zu erledigen.“

„Macht nöx! — Macht nöx — ein andermal mehr! Hab’ die Ehr’, Herr Baron — mein’ Gehorsam für die Frau Gemahlin und die gnädigste Nichte!“

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320 стр. 1 иллюстрация
ISBN:
9788711472927
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