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Nataly von Eschstruth
Bräutigam und Braut
Humoristischer Roman
Erste Auflage
Saga
Bräutigam und Braut
© 1920 Nataly von Eschstruth
Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711472910
1. Ebook-Auflage, 2016
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com
Kapitel 1
Da kam mal ein Prinz,
mit dem ward sie getraut —
und er war der Bräutigam
und sie war die Braut! —
Quickborn
Bald heissts „Bräutigam und Braut“
Freischütz
Die Sonne ging auf. — Ein sieghaft strahlendes Licht.
Durch das Gewirr des im ersten Grün sprossenden wilden Weins flutete sie hinein in das stille Erkerstübchen, in welchem soeben eine schlanke Mädchengestalt mit ernsten, übermüdeten Augen an das Fenster trat, es zu öffnen. Ein tiefer Seufzer hob die flache Brust. — Sie strich noch einmal mit der Hand über die feuchten Wimpern und blickte wie in stiller, schwermütiger Ergebung zu dem Himmel empor. Leuchtende Strahlen zuckten über denselben wie verheissende Botschaft von Keimen, Wachsen, Blühen und Fruchttragen.
Noch wogten die knospenden Baumzweige im entscheidenden Wipfelkampf, aber sie reckten sich in der kommenden Ruhe schon jetzt so gewaltig empor, als seien sie das Wahrzeichen jener wonnesamen Verheissung: Die Glocken läuten von fern und nah — sie wollen frohlocken, der Lenz ist da!
Wird er auch für sie kommen? Für sie, das einsame alternde Mädchen, welchem das Leben nur Sturm gebracht bisher, von dem ersten Frühlingsbrausen bis zu dem grausamen Eiseshauch des Winters, welcher so manches — für sie wohl jedes grüne Blatt der Hoffnung unbarmherzig von dem Lebensbaum gerissen?
Was hatte sie erreicht? — Was hatte sich von all den goldenen Jugendträumen erfüllt? Sie war so einsam gewesen inmitten der lauten, bunten, geselligen Welt.
Ihr Vater, als Rechnungsrat, hatte wohl sein gutes Auskommen, aber kein Vermögen. Jahrelang eine kränkelnde Frau und wenig Hoffnung auf eine Aufbesserung seiner Verhältnisse. Da galt es sparen, sich einrichten, abknapsen wie und wo es nur anging. Die Tochter! — es war so gut, dass sie die einzige blieb, denn der Vater hatte kein Geld und Interesse für den Luxus, Bräute ausstatten zu müssen; ein Sohn wäre ihm als Erfüllung seines ehrgeizigsten Wunsches willkommen gewesen, denn so einem flotten Streber steht die Welt offen, und die Eltern haben Aussicht, von ihm — vielleicht noch einmal in glänzendster Weise — bedacht zu werden.
Aber sie, die so wenig hübsche, ernste, zu allen Sorgen neigende und im Schatten verkümmernde Gerda, — sie kostete nur Geld, als sie ihr Lehrerinnenexamen machte und alsdann nicht einmal eine Stelle annehmen konnte, wo sie die Ausgaben wieder einzubringen vermochte!
Die Mutter starb.
Schon seit den letzten Jahren hatte Gerda den Haushalt geführt, und nun war sie in ihrem kleinen Wirkungskreis unentbehrlich geworden, denn der Vater verlangte seine gewohnte Bequemlichkeit. Da ging alles in der alten Tretmühle weiter, und Gerda war zufrieden und Gott dankbar, dass sie noch ein Plätzchen auf der Welt hatte, was ihr Zuflucht gab. — Bis vor kurzer Zeit war es so gewesen, dann kam ein furchtbarer Tag, welcher in wildem Schicksalsbrausen abermals über sie dahinfegte, als wolle er auch den letzten Rest eines friedlichen Daseins im Vaterhause vor ihr niederreissen.
Ihr Vater hatte eine junge Dame kennen gelernt, sehr gute Familie, — jung, hübsch, anspruchsvoll, ein wenig kokett, aber ohne alle Existenzmittel, — und diese allerliebste kapriziöse, kleine Ballkönigin — verlobte sich mit einem stillen, verknöcherten Zahlenmenschen, dessen Haar und Bart bereits ergrauten!
Es gibt wunderliche Rätsel im Leben, welche oft nur die Zukunft löst, welche auch gar manchmal ungelöst bleiben wie etwas Dunkles, Unheimliches, welches das Kainsmal auf der Stirn trägt.
Wie ein schneidender Schmerz ging es durch die Seele der Tochter.
Sie konnte nicht an ein Glück glauben, welches nicht da war.
Wenn sie in das hagere Angesicht des Vaters sah, in welchem Eitelkeit und Ehrgeiz sich stritten, und die kleine Braut ansah, welche mit wissenden Augen den betagten Bräutigam anlächelte, als ob sie ihn auslachte, — dann — ja dann presste sie die Hände auf das wehe Herz und seufzte: „um wie wenig bin ich abermals von einem grausamen Schicksal verschachert!“
Da oben aber ging die Sonne auf wie das grosse leuchtende Auge Gottes, welches auch auf sie herabschaut und mit segnendem Strahl versichert: „Ich übersehe auch das kleinste, unscheinbarste Wegkräutlein nicht, wenn es mich nicht übersieht!“
Und nun sass sie schon die ganze lange Nacht hier in ihrem Zimmerchen und wartete auf die Entscheidung, wie die Würfel fallen würden.
Als der Vater sich verheiratete, sollte sie fürerst im Hause bleiben, um die leidende junge Frau, bis sie Mutter geworden, zu pflegen.
Sie hatte es treu und aufopfernd getan, obwohl sie wenig Dank, geschweige denn herzliche Sympathien von ihrer lebenslustigen Stiefmutter dafür erworben hatte.
Heute nacht sollte das Kind geboren werden. Auf dem Korridor ein heftiges Hin- und Herlaufen, zweimal schlagende Türen, dann wieder alles still.
Jetzt ein lautes jubelndes Lachen, ein ungestümes Herzueilen im Nebenzimmer: „Gerda! — Gerda! — ein Sohn!!“
Der Vater steht auf der Schwelle, sein Angesicht gerötet wie vom Wein.
„Gerda! ein Sohn!“
Er schreit es ihr zu, er wirft die Arme in die Luft und keucht: „endlich! endlich, das einzige, was ich mir zu dem Leben gewünscht habe! — Prachtjunge! ein Prachtjunge!!“
Er sieht nicht, wie seine Tochter erblasst und die Hände qualvoll zusammenschlingt.
Nein, — sie war nie seine Sehnsucht, nie sein Stolz — nie sein Glück gewesen.
Und die Sonne steht über den knospenden Wipfeln und wirft plötzlich einen Mantel von Gold und Licht um die arme Paria — und ein Windstoss kommt und beugt die triumphierenden Baumkronen tief hernieder.
Die Taufe von dem kleinen Amadeus Freienfeld hatte stattgefunden.
Ein Vetter des Rechnungsrats, der sehr repräsentabele junge Hauptmann Amadeus Freienfeld war zum Gevatter des Kleinen erkoren, und zwar hatte die sehr übermütige, junge Mama den Ausschlag dabei gegeben.
„Er heisst Amadeus!“ lachte sie. „Das ist, soviel ich weiss, in freier Übersetzung ‚Liebesgott‘ — nun, und welch ein Name wäre mir für unsern süssen Jungen lieber wie der? — Nomen est omen!“
So geschah es, und der kleine, blondlockige Bub lachte mit so grossen, „göttlich“-schönen Blauaugen in die Welt, dass er nach allgemeiner Ansicht den wundervollen Namen mit Fug und Recht trug!
Nur der Patenonkel hatte sich in längerem, sehr wissenschaftlichem Schreiben an die Taufeltern energisch dagegen verwahrt, dass er mit Amor in irgendwelchen verwandtschaftlichen Beziehungen stünde, denn nach § 20 des Deutschen Reichsgesetzbuches sei das unerlaubte Tragen von Schiesswaffen, vorsätzliche Körperverletzung, sowie Vagabundieren in aller Herren Länder und Strafentziehung durch Fahnenflucht für einen strengen Haudegen wie ihn etwas direkt Kompromittierendes!
Der Onkel konnte sehr amüsant sein, aber manchmal ward seine Originalität doch etwas schrullenhaft, denn obwohl er bei der Taufe sah, dass alle Anverwandten dem kleinen Liebesgott zum mindesten einen silbernen Löffel in den Kinderwagen legten, — tat er gar nicht desgleichen, sondern schmunzelte nur die Anwesenden an mit der wohl gut gemeinten, aber doch etwas allzu sparsamen Versicherung: „Ich schenke dem Schlingel meine Freundschaft, legt sie ihm man auf Zinsen!! Geld spielt bei mir ja gar keine Rolle — denn ich habe keins.“
„Schade, schade!“ ironisierte der Rechnungsrat. „Meine kleine Frau überlegt meist erst nach Torschluss! Wenn sie schlau gewesen wäre, hätte sie sich für ihren Amor den Paten auch aus der Mythologie holen sollen, — am besten den leistungsfähigen Pluto als Inhaber aller Stammaktien von Gold-, Silber- und Kohlenbergwerken!!“ — Da lachten alle hell auf, nur der Hauptmann lächelte.
— — — Wieder sass Gerda in ihrem Stübchen am Schreibtisch und schloss einen Brief. — Ihres Bleibens war nicht länger in ihrem Vaterhause.
Das Benehmen ihrer Stiefmutter ward von Tag zu Tag beleidigender, und es war nicht das erstemal, als sie ihr heute morgen als Antwort auf die Frage: ob Gerda Mutter und Kind noch nach dem Stadtgarten begleiten solle? — die satirische Bemerkung gab: „Amadeus ist noch zu klein — und ich bin schon zu gross für eine Gouvernante!“ —
Auch der Rechnungsrat schien von ihr beeinflusst, dass es doch unerträglich für eine selbständige Frau sei, Tag und Nacht beobachtet und gegängelt zu werden, was solch alte Jungfer wie sein Fräulein Tochter wohl als Berufsnotwendigkeit auf dem Seminar mit gelernt habe? — Die Zeit war um. — Gerda musste der neuen Herrin im Hause Platz machen.
Der Zufall spielte ihr eine Zeitungsannonce in die Hand.
Eine Holländerin, nahe beim Haag auf dem Lande lebend, geborene Deutsche, suche liebenswürdige, junge Dame aus nur bester Familie zur Gesellschafterin mit Salär. Antritt der sehr angenehmen, familiären Stellung am liebsten sofort.
Welch ein Glück, wenn sie solch ein anscheinend glänzendes Unterkommen finden könnte.
Soll sie ihre Photographie mitschicken? Ist das vorteilhaft? — Sie hat so wenig Äusseres, sieht auf allen Bildern so elend und vergrämt aus. Eine Gesellschafterin soll lachen, fröhlich sein! Alle Ängste und Sorgen verscheuchen, nicht aber ihre Stempel auf dem Antlitz ins Haus tragen!
Und doch! — Es ist so viel ehrlicher, wenn sie sich selber, ihr Äusseres, ihr Wesen und Charakter vorher decouvriert, damit die Leute nicht den Hasen im Sack kaufen. Sie schreibt einen kurzen, sachlichen Brief, legt seufzend ihr Bild ein und trägt das Schreiben, welches für sie ein Spiel um die Zukunft bedeutet, selber zur Post.
Tage qualvollen Harrens vergehen. Die Zeit scheint stillzustehn, wenn man jede Sekunde zählt.
Endlich kommt ein dicker Brief, auf steifes, elegantes Büttenpapier mit sehr grossen, etwas eckigen Buchstaben geschrieben. Es ist schon ein gutes Zeichen, wenn überhaupt eine Antwort kommt.
Und Gerda liest.
„Mein liebes Fräulein. — Das freut mich und meine Frau, dass Sie kommen wollen. Sie scheinen älter zu sein, nehmen das Leben, wie es ist. — Ernst, sehr ernst. — So kann man sich verstehen ohne grosses Larifari, was nur die Grossstadt hat; — hier auf dem platten Land sind wir alle von unserm Herrgott auf Vorposten gestellt, — jeder tut seine Pflicht. — Auf einliegendem Papier schrieb meine treue Hausfrau Eliza noch Näheres über Gehalt und Beschäftigung von Ihnen, — ist alles nicht schwer. Nur guter, braver Wille. So schreiben Sie, wann Sie abreisen wollen, — deutscher Konsul im Haag ist unser Wohlbekannter, da wenden Sie sich zuerst hin. So grüsse Sie Gott. Wir warten wohl nicht lang. Mit Respekt vermeldet sich
Willem van de Eskenboom.
Gerda liest voll atemloser Erregung. Sie faltet die Hände, blickt empor zum Himmel und dankt Gott.
Droben leuchtet die Sonne.
Als Fräulein Freienfeld abreist, ist eigentlich niemand da, von dem sie Abschied nehmen kann, oder der ihr noch einen letzten Gruss nachwinkt.
Ihre Stiefmutter ist mit dem Kleinen ausgefahren, das Wetter schien ihr unbestimmt, sie musste den günstigen Augenblick benutzen.
Von dem Kind hätte sie gern noch einen letzten lachenden Blick zur Erinnerung mitgenommen. Amadeus war der einzige, welcher sie freundlich ansah, nach ihrer Hand haschte und sich daran festhielt. Aber die Mutter war eifersüchtig.
„Es ist nicht praktisch, wenn er sich so sehr an dich gewöhnt, — er muss ja auch später mit mir allein fertig werden!“
So nahm sie ihr bescheidenes Gepäck und trug es sich selber zur Droschke hinab.
Ein paar Leute, welche obere Etagen und das Hinterhaus bewohnten, kamen und gingen, schauten gleichgültig über sie hin und schlugen die Haustür schmetternd ins Schloss.
Da schien es ihr, als wäre sie auf ewige Zeiten für eine Verwaiste geschlossen.
Was liess sie in der Heimat zurück? — Scherben.
Zertrümmertes Hoffen, zerschelltes Glück. Ein Jugendtraum ging wohl noch mit ihr, ein bleiches, tränenbetautes Blümlein, in kurzer Ballnacht erblüht, ein kleines Weilchen unter Qual und Herzweh gehegt und gepflegt, bis das Schicksal mit knöcherner Hand die welkenden Myrten von dem Zweig schlug und nur das Bild eines schlanken, eleganten, jungen Offiziers wie aus weiter Ferne ein Lebewohl zu ihr herüberwinkte.
Dazwischen aber lag ein Grab, — dahinein hatte sie ihre Jugend und Liebe gelegt.
Nun bahnte sie sich einen neuen Weg; in die Fremde.
Wird er rauh und steinig sein? Stürmisch und voller Dornen?
Sie weiss es nicht.
Wenn er nur nicht so kalt, so lieblos-einsam ist wie derjenige, welchen sie seit Kindesbeinen an wandeln musste, — wenn diesmal wenigstens eine einzige dauernde Blume darauf blühen möchte — diejenige der Vergessenheit.
„Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt!“
Wie oft hatte sie dieses schöne Zitat von Menschen sagen hören, welche nach genussreichen Reisen oder „Fahrten ins Blaue“ voll köstlicher Erinnerungen und Eindrücke heimkehrten und dem blassen Hausmütterchen Gerda gar nicht genug erzählen konnten, wie schön es da draussen in Wald und Feld oder in den eleganten Sommerfrischen, Grossstädten und auf Sportplätzen sei! — Und nun sass sie selber in der Eisenbahn und sauste vorüber an neuen Wundern, welche wie im Kaleidoskop an ihr vorüberwirbelten. — Zum erstenmal hatte sie keine Sorgen, denn Herr van de Eskenboom hatte ihr im Namen seiner Frau ein sehr generöses Reisegeld geschickt, welches ihr, der so sparsam Beanlagten, sogar ermöglichte, ein paar notwendige Anschaffungen in Wäsche und Kleidung zu machen.
So war ihr schon das Bittere erspart geblieben, den Eltern noch Kosten zu verursachen, und hätte ihr das etwas missgünstige Forschen der jungen Stiefmutter nicht die Freude vergällt, so wären schon die Vorbereitungen für die Reise ein seltener Genuss für sie gewesen.
Aber die Stiefmama hatte seit kurzer Zeit ersichtlich schlechte Laune, versicherte ihrem Gatten in recht taktloser Weise, das Geschrei eines kleinen Kindes bei Tag und Nacht sei wahrlich kein Vergnügen, und wenn Gerda ginge, müsste sie unbedingt eine Bonne für den Kleinen haben!
Ja, sie seufzte ein paarmal recht rücksichtslos auf, dass es doch eine Torheit sei, sich so früh zu binden, und dass sie besser getan hätte, auch erst mal ins Ausland zu gehn, um zu erleben und zu geniessen, sich in moderner Freiheit auszuleben!
Wenn geheiratet werde, — dann nur eine reiche glänzende Partie, alles andere sei ja doch nur Misere in der Potenz, der leidige Katzenjammer nach kurzer Verblendung!
Der Rechnungsrat hörte gelassen zu, zuckte ein wenig ironisch die Achseln und sagte nur zum Schluss: „Ganz meine Ansicht, liebes Kind, — und ich hätte doch durch meine Studentenzeit, wo man allerhand Damen kennen lernt, gewarnt sein müssen!“
Das nahm Geheimrats Töchterlein nun vollends übel, und es deuchte Gerda, als werde das Verhältnis der Ehegatten täglich kühler.
Der kleine Amadeus aber bekam eine Bonne, denn seine hübsche, kleine Mama hatte ein enormes musikalisches Talent bei sich entdeckt und nahm ohne die mindesten Rücksichten auf die erheblichen Kosten Gesangunterricht bei einer der ersten Bühnenkünstlerinnen.
„Um alles in der Welt! wem willst du denn als verheiratete Frau vorsingen, Luzie?“ fragte der Rechnungsrat entsetzt, als seine kapriziöse Gattin ihm die erste Monatsrechnung für Gesangstunden überreichte. „Du weisst’s, ich bin gar nicht musikalisch, Musik macht meinen überanstrengten Kopf nur nervös und eine Geselligkeit, welche derartige Kunstleistungen verlangt, haben wir nicht.“
„Das ist es ja!“ — tobte Frau Luzie entrüstet. „Auf alle und jede Freude muss ich in diesen vier Gefängniswänden des ‚home-sweet home‘!“ — sie lachte scharf und ironisch auf — „so wie so schon verzichten, — und nun soll ich auch noch meine einzige Passion, welcher in meinem Elternhaus unbedingt Vorschub geleistet wäre, opfern, weil mein Herr Gemahl zu nervös und ... unmusikalisch ist um schöne Künste zu würdigen!“
„Wenn die schönen Künste nicht zu teuer und ich nicht zu elend wäre, würde ich gewiss nichts dagegen haben —.“ Der Sprecher hustete krampfhaft auf und tastete, wie in letzter Zeit öfter, zerstreut nach seiner schmalen Brust, als schmerze sie ihn. „Dein Vater war mein Vorgesetzter, Luzie! Er kannte mich und meine Verhältnisse, und doch machte er mir Mut, um dich zu freien!“
„Ja, ja! er wusste, dass du kränklich — sogar recht bedenklich asthmatisch seist —“ antwortete sie kurz, voll grausamer Rücksichtslosigkeit, „darum nahm er wohl bestimmt an, dass du alles tun würdest, um mich sicherzustellen, falls ich Witwe werde und für deinen Sohn sorgen muss. Frag ihn nur! Er wird dir schon klar machen, dass es deine Pflicht ist, mich zur Sängerin ausbilden zu lassen, denn dies wäre doch der einzige Beruf, durch welchen ich noch mein Brot verdienen könnte!“
Der alternde Gatte der jungen Frau blickte schweigend vor sich nieder. Er verzichtete auf eine derartige Rücksprache mit seinem „Brotherrn“.
Wie gern hätte er mal etwas für seine angegriffene Gesundheit getan!
Der Arzt hatte schon im vergangenen Winter, als er sich so schwer erkältet hatte, davon gesprochen, dass ein Aufenthalt in Görbersdorf doch recht zu empfehlen sei. — Je nun, es war bei den vielen Ausgaben seines neuen Hausstandes nicht möglich.
Sein Schwiegervater hatte ihn übertaxiert, man verlangte soviel ... und ihm war es peinlich, dem hohen Herrn, welcher von Anfang an eine Gnade daraus gemacht hatte, ihn in die Familie aufzunehmen, reinen Wein einzuschenken.
Mit Spott und scharfen Anzüglichkeiten kam er weder bei Luzie noch Geheimrats durch, das hatte er bald erkannt, — bei Gerda war das etwas anderes, da war er noch Respektsperson im Hause, — aber jetzt?
Nur keine Szenen!
Es war ja zum Verzweifeln, wenn der Schwiegerpapa ihn vor den missgünstigen Kollegen en canaille behandelte!
Also Luzie verlangte die rasend teuren Gesangstunden, und Herr Freienfeld bezahlte sie.
Das war der letzte, so jammervolle und trübselige Eindruck, welchen Gerda aus dem neuen Eheleben des Vaters mit in die Fremde nahm.
Und nun wehte eine andere frische Luft daher!
Durch die offenen Kupeefenster strich sie wie tröstend um ihre Stirn, und das blasse Mädchen atmete auf, als seien ihr plötzlich viel schwere Lasten von den Schultern genommen.
Noch wusste sie nicht, was ihr für ein neues Kreuz aufgebürdet werden sollte, — aber die Not um das Geld, die grausige tägliche Sorge, jedes Schwefelhölzchen und jede Kartoffel angstvoll berechnen zu müssen, die war wohl für lange Zeit von ihr genommen, wenn sie treu und rechtschaffen ihre Pflicht tat, wie Eskenbooms dies von ihr erwarteten.
Welch ein neues, fremdes Leben in Holland!
Wie ist da alles und jedes so interessant, selbst bei kurzem Aufenthalt auf den Bahnhöfen, wie schon die eigenartige Sprache sie in eine unbekannte Welt versetzt.
Im Haag! Welch eine Flut köstlicher, hochinteressanter Eindrücke!
Gerda ist auf das angenehmste überrascht, eine geradezu freundschaftliche Aufnahme im Hause des deutschen Konsuls zu finden. Welch hochgeachtete und allgemein geehrte Familie müssen die Eskenbooms sein! Um ihretwillen bereitet man der Tochter des deutschen Beamten eine so scharmante Aufnahme!
Frau Eliza — die ehemals auch deutsche Reichsangehörige und Tochter eines Grosskaufmanns, welchen überseeische Beziehungen nach Holland geführt, hatte Herrn Willem im Hause des Konsuls kennen gelernt. Da es ein Ausflug an die See war, welcher in grösserer Gesellschaft unternommen wurde, und Jupiter Pluvius gerade an diesem Tage alle Schalen, Krüge und Wannen voll konzentrierten Platzregens über die fröhlichen Naturschwärmer ausgoss, so flüchtete die sylphenhafte zarte, allerliebste Eliza unter den gewaltigen Düffelmantel des Herrn Willem van de Eskenboom — und dieser fand, dass es doch gar reizend sei, so ein ängstlich flatterndes Vöglein schützend unter die kraftvollen Schwingen zu nehmen.
„Jongfru Eliza,“ sagte er feierlich: „wann es Ihnen gefällt, bei mir unterzukriechen, so schlage ich Ihnen hochachtbar und in Ehren vor, bleiben Sie in dieser Formation als meine sehr liebe Hausfrau bei mir, — ich will Sie allzeit mit meinem Mantel vor jedem Sturmwind und mit diesen starken Armen vor allem Erdenleid beschützen, soweit dies in Menschenwillen steht!“
Es regnete furchtbar! So rasend nasses Wasser brauste um sie her, dass Eliza ganz schelmisch unter dem prachtvoll warmen, weichen Mantel zu dem blonden Riesen emporlächelte und flüsterte: „Wenn die Liebesflammen in Ihrem Herzen selbst bei diesem Wolkenbruch nicht gelöscht sind, Herr Willem, riskiere ich es in vollster Überzeugung und bleibe bei Ihnen!“ — Da lachte er, denn ihre Fröhlichkeit hatte es ihm angetan, und lachte noch mehr, als sie ihm erst mit ihrem duftenden Taschentüchlein die Rieselbäche aus dem Bart trocknete und ernsthaft sagte: „Du bist ein Landwirt, Willem, mit deiner Kuhmilch kannst du planschen, — was ich auch nicht hoffe — bei Liebesküssen aber wird nicht gestreckt!! — Das merke dir für alle Zeiten!“ — Und er merkte es sich und küsste seinen so lustigen Schatz, und sie küsste ihn, — wie oft? — Das hat niemand gezählt, aber erzählt hat man es sich in der ganzen Gegend, dass es kaum ein glücklicheres Paar gäbe, wie Herrn Willem van de Eskenboom und seine übermütige Frau! Deren Fingerchen war zwar nur fünf Zentimeter lang, aber sie wickelte den grössten Mann Hollands von bald zwei Metern Länge und einem Gewicht von schier zwei Zentnern glatt um dieses Liliputchen herum und bewies dadurch aufs neue, dass der wahren Liebe allerdings nichts unmöglich ist!!
Diese kleinen Vorgeschichten ihres zukünftigen Hausgenossen erzählte man Gerda schon am ersten Abend, als man gemütlich beim Tee sass und draussen abermals gewaltige Regenböen gegen die Fenster gepeitscht wurden.
„Sie haben das grosse Los gezogen, mein bestes Fräulein, dass Sie unserer allerliebsten Freundin Eliza nunmehr als freundlich helfender und sorgender Geist zur Seite stehen sollen! Sie müssen nämlich wissen, dass der Klapperstorch auf dem Gutshaus von Esken sein Nest gebaut hat, und dass er in nicht allzuferner Zeit wohl Hoflieferant bei dem glücklichen Paar wird! — Neulich war dasselbe bei uns zum Essen, und da es Schalmandeln zum Dessert gab, ass die junge Frau alsobald ein Vielliebchen mit dem Gatten.
‚Wenn ich gewinne, ist’s ein Junge — und wenn du gewinnst, Willem — ist’s ein Mädchen!‘
‚Ja, ja Liebling! Aber was soll ich dir schenken, wenn du gewinnst?‘
Da lächelte sie so schalkhaft, wie es eben nur Frau ‚Eliza‘ kann, nahm seinen Kopf zwischen die Hände und zog sein Ohr ganz nah zu sich heran.
Sie flüsterte ihm etwas hinein.
Eskenboom aber schrie laut auf vor glückseligem Gelächter, starrte meinen Mann und mich an wie verklärt und wiederholte atemlos: ‚Noch eens!!‘ sagt sie! ‚Damit wir uns nicht zanken!‘ — Diese Geschichte aber nur à discretion erzählt, sie fällt mir gerade ein, da ich an Ihre künftigen Obliegenheiten denke, Fräulein Freienfeld!“
„Wie heiter beanlagt muss die junge Frau sein,“ nickte Gerda. „Da wird es mir beinah Angst, ob ich mit meinem ernsten, stillen Wesen zu ihr passen werde?“
Ein feines Lächeln spielte um die Lippen der Frau Konsul.
„Ich will einmal ganz ehrlich zu Ihnen sprechen, mein liebes Fräulein: Herr van de Eskenboom ist ein Original. In heutiger Zeit findet man wohl kaum ein Pendant zu ihm. Goldehrlich! So treu, so aufrichtig, so angstvoll bemüht, auch nie mit einem Gedanken von dem Pfad der Tugend zu weichen und seiner vergötterten Frau das Gelübde zu halten, welches er ihr getan. Das sind die Grundzüge seines Charakters. Nun hat er sich in den reizenden Humor seines schelmischen Weibchens bis über die Ohren verliebt. — Er weiss es selber, dass nichts eine solche zärtliche Gewalt über ihn hat wie die Fröhlichkeit. Seine Eliza ist für ihn der Inbegriff alles Entzückenden, und er bringt jeder andern Dame, welche es ihm durch ihre Heiterkeit antun könnte, das grösste Misstrauen entgegen. — Gerade Ihr ernstes Wesen hat bei ihm den Ausschlag gegeben, Sie an die Seite seiner Frau zu rufen. Er möchte sich nicht unnötig in Gefahr bringen und den Verkehr mit jedweder andern Dame so ungefährlich für sich und sein Glück gestalten wie möglich! Solche Ansichten sind so edel, dass man sie gar nicht genug bewundern kann! — Also jedes ernste, nicht witzige Wort von Ihnen ist für den wackern Eskenboom ein sanftes Ruhekissen! Das wird auch Ihnen lieb sein!“
Kapitel 2
Da Gerda die freundliche Einladung der Frau Konsul von Lehnsdorf angenommen, ein paar Tage bei ihnen auszuruhen, um auf Wunsch des so liebenswürdigen Eskenboomschen Ehepaars Haag kennen zu lernen, so harrten ihrer Genüsse, welche sie daheim sehr selten, fast nie kennen gelernt hatte. Nach der Oper sollte noch ein elegantes Restaurant besucht werden, was für das so sparsam gewöhnte alternde Mädchen ein ganz neuer, reizvoller Eindruck war. Die Anregung dazu hatte ein auf dem Konsulat viel verkehrender Grosskaufmann gegeben, welcher auch in der Loge den Platz neben Frau von Lehnsdorf eingenommen.
Schon sein Äusseres verriet den Bonvivant und schien das Original, nach welchem verschiedene moderne Lustspieldichter so köstlich kopiert hatten.
Friedrich Karl Rösing war ein kleiner, sehr beweglicher Herr, trotz seiner Wohlbeleibtheit voll nervösem Temperaments, sehr gern witzig, anspruchsvoll die Unterhaltung führend und sich als massgebend in derselben behauptend.
Man musste ihm zuhören, zu rechter Zeit lachen oder empört sein über das, was just von dem Sprecher angestrebt ward, denn Widerspruch regte ihn auf, wirkte schädlich auf seinen Appetit und war ihm daher bei den Mahlzeiten ganz besonders verhasst.
Er ass gern, sehr gut und recht viel und konnte sich zur Raserei erregen, wenn ein Tischgenosse eine Speise, welche er schätzte, gleichgültig oder gar widerwillig ass, — dieselbe zu verweigern, würde einen Riss selbst in die älteste und beste Freundschaft gemacht haben, welcher als Gegenleistung und Schadenersatz selbst durch indische Vogelnester und märchenhafte Kabinettweine nicht wieder gutzumachen war.
In seinem Freundeskreis behauptete man daher, lediglich diese so stark entwickelte Eigenheit trage die Schuld an seiner Ehelosigkeit, denn noch hätte Herr Friedrich Karl Rösing trotz ungeheurer Anstrengungen seiner- und andererseits noch nicht diejenige gefunden, welche er voll Überzeugungstreue zum Altar führen konnte.
„Um alles in der Welt, Kinder! keine so lustige, fidele, kleine Schraube, die einen Tag und Nacht nicht zur Ruhe kommen lässt! Fremde Witze sind mir niemals egal, denn in der Regel ärgert es mich, dass ich sie nicht gemacht habe, und wenn ich kribbeliger Kerl auch noch ununterbrochen angeregt werde, gehe ich vollends aus der Tüte! — Also Ruhe ist die erste Bürgerpflicht. Geld, Familie — Äusseres, Alter — das ist mir nun tatsächlich schnuppe, denn dies erachte ich für Nebensache, weil ich darin auch die Hauptsache repräsentieren möchte. Wo nun eine Frau finden, welche trotzdem meinem grossen Haushalt vorstehen und ihn voll guten Verständnisses repräsentieren kann?“
Ja, da war guter Rat teuer, denn Herr Rösing war eine glänzende Partie, und wie Mückenschwärme wurden ihm die jungen Damen aus aller Herren Länder zur Brautschau zugeführt.
Aber wer so viel begehrt ist, wird mit der Zeit misstrauisch, und kam nun eine Heiratsaspirantin, auf deren vorzügliche passende Eigenschaften er von vornherein aufmerksam gemacht wurde, so war dies verfehlt. — Lachte und scherzte sie, so wandte sich Friedrich Karl indigniert ab, und war sie grüblerisch, sinnend, jeder Zoll Tragödie oder Charakterrolle, so fuchtelte der Vielbegehrte nur mit hellem Gelächter beide Hände durch die Luft und wehrte jeden weiteren Ansturm mit der Versicherung ab: „Euch Gauner durchschaue ich! Nichts wie Bluff!! War wohl ein sauer Stück Arbeit, die allerliebsten Mädels auf den Mann zu dressieren?! Nee, nee, auf den Leim krieche ich nicht! Und ausserdem — alle viel zu hübsch! viel zu jung! — Geht mir zu sehr auf die Nerven! Besten Dank für weitere Bemühungen — ich wachse mich täglich mehr zum Erbonkel aus!!“
Da musste man es eben dem guten Zufall anheimgeben, dem scharmanten Sonderling freizustellen, ob ihm das Glück auch einmal ein wattiertes Pantöffelchen in den Schoss warf!
Heute nun hatte er in der Theaterloge neben Frau von Lehnsdorf gesessen um durch sein Monokel die neue Erscheinung Gerda in ihrem sehr schlichten dunkelblauen Reisekleid mit der wohl modernen, aber doch recht anspruchslosen Frisur anzustarren. So viel Resignation im Äusseren und Wesen hatte er lange nicht gesehen.
Das wirkt verblüffend.
„Wie heisst die Dame neben ihren, Gatten, gnädige Frau?“
„Fräulein Gerda Freienfeld!“
„Also schwarz-weiss-rot — obwohl sie blau aussieht?“
„Stimmt; vom Scheitel bis zur Sohle deutsch.“
„Hm. Eltern in Öl?“
„Schämen Sie sich! — Halbwaise.“
„Geld?“
„Vakat. Gesellschafterin bei Eskenbooms.“
„Alle Donner! — — Familie?“
„Ausgezeichnet. Vater Rechnungsrat.“
„So—so! Noch viel Anhang?“
„Ach nein, sie steht wohl ganz allein im Leben, da die junge Stiefmutter den Platz im Hause für sich allein beansprucht.“
„Also Frau Rechnungsrat!! Hat sie auch noch weitere Stiefkinder zu berechnen?“
Selbstredend pruschtete die Frau Konsul vor Lachen über die drastischen Bemerkungen, was Herrn Rösing herzlich freute.
„Nein, sie ist einzig in ihrer Art!“
„Uff! Das wäre die erste! Sonst doch immer im Dutzend billiger!! Na — und ist sie immer so stillvergnügt wie heute?“
„Ob vergnügt, weiss ich nicht, still allem Anschein nach sehr!“
„Sie scheint sich königlich zu amüsieren! Hat glührote Wangen vor Entzücken über den Schnädderedeng da unten, — aber sie belästigt niemand damit! Neulich war ich Zeuge, wie so ein hysterischer Backfisch beinah den Veitstanz vor Fröhlichkeit bekam und den Vater jeden Bühnenwitz noch einmal extra in die Ohren krisch, dieweil sie der schwergeprüften Mutter die Ärmel dabei vom Leibe riss! — Grässlich! Ich sage Ihnen — grässlich! Ebenso nachher bei Tisch — das Kapitol mit sämtlichen Alarmgänsen muss die Insel der Vergessenheit dagegen gewesen sein!“
„Sollten Sie nicht ein klein wenig übertreiben, bester Herr Rösing?“
„I wo! Ich passte auf! Der kleine Lork sollte ja zur Attacke auf mich gehetzt werden! Übrigens — wie alt ist denn die Germania da neben Ihrem Gatten?“
„Ich taxiere auf Mitte der Dreissiger!“
„Also doch! Glaubte, sie sähe nur so ein bisschen verhungert aus.“
„Das wird sich bei Eskenbooms wohl bald begeben!“
„Will sie denn lange da im Haus bleiben? Man bloss nicht so ein Dauer- und Trauergelöbnis mit bindender Haft!“ — Herr Friedrich Karl hatte das Augenglas eifrig mit dem eleganten Battisttuch poliert, klemmte es wieder ein und starrte mit dem andern unbehinderten Auge ungeniert auf Gerda hin, welche ihn vollkommen ignorierte und in selig verklärter Ruhe die wonnigen Melodien auf sich wirken liess.
„Ich finde, Musik macht hungrig!“ fuhr Rösing nachdenklich fort. „Mir ist’s, als haute mich der Kerl da unten an der grossen Pauke immer auf den Magen! Finden Sie nicht auch, gnädige Frau? Solche Püffer ins Gekröse wirken wie Massage. Ich schlage vor, wir fahren nachher alle zu dem ‚leckeren Mintepottje‘ im Konigin-Restaurant und studieren die Speisekarte!“
„Wenn mein Mann einverstanden ist, sehr gern!“
„Mann einverstanden!!“ rang Friedrich Karl die Hände. — „Was die Frau will, das will Gott! Also auch Ihr vergötterter Haustyrann! Wenn Sie ihm jetzt erklären, der liebe, nette, gute, appetitliche — das heisst, der mit Appetit gesegnete — Freund Rösing hat uns eben alle, — Logierbesuch dito — zu einem Ohnmachtshappen eingeladen, dann möchte ich mal den sehn, welcher seine Gattin hungern liesse!!“
Und so war es tatsächlich.
Als Herr von Lehnsdorf hörte, dass Rösing summa summarum deutsches Konsulat zu einem seiner bekannten einfachen, kleinen Ohnmachtshappen eingeladen, lockerte er unbemerkt die zu engen Knöpfe an der Weste und nickte: „Aber selbstverständlich! Wir haben Zeit, dass Sie Umstände machen können!“
So fuhr man zum Souper.
Gerda war so plaziert, dass der Gastgeber sie ungeniert beobachten konnte.
Und das tat er.
Er bestellte sich gleich nach dein Hühnerfrikassee nach eine zweite Portion.
Das war ja etwas Entzückendes, wie es dem Mädel da drüben schmeckte!!
Und wenn er eben von einer Mastsitzung aus der Bar riche gekommen wäre, der Anblick von Gerda Freienfeld hätte ihn zum ausgehungerten Tiger gemacht. Seltsam! Wie solch ein Essen voll verständnisinnigen Genusses bei dem Zuschauer den Appetit anregt!
Und wenn er irgend was Ulkiges sagt, dann lachen ihre Augen — innig! Fabelhaft! Er hat das Empfinden, als schüttelten sich ihre sonst so ernsten Augen ordentlich vor Lachen, — aber reden tat sie nicht dabei.
Merkwürdig! Höchst merkwürdig!
Ein Heiterkeitserfolg, welcher ihm wohltut und nicht geniert.
Ob das wohl immer so bei ihr ist?
Er hat nie so recht begriffen, warum es Männer gibt, die „maulfaule“ Weiber um solcher Tugend willen missachten. Das sind meistens Stösel, welche selber nicht viel goldene Worte zuzusetzen haben! — Er denkt anders darüber.
Nur ein einziges mal redete er Fräulein Freienfeld an.
„Gar nichts Besonderes, — so vielleicht — ob es heute Dienstag wäre?“
Für gewöhnlich blitzen ihn dann die Augen der Interviewten an, empört — ironisch, gelangweilt — oft recht indigniert.
Das ist so sein Barometer.
Bei Fräulein Gerda bleibt er auf „beständig“ stehen.
Sie sieht ihn freundlich an und versichert, dass es heute Dienstag ist.
Er zieht die Uhr.
„Sie irren sich, — es ist schon Mittwoch, — fünf Minuten über zwölf.“
Die meisten nehmen so was übel. Selbst die Frau Konsul klappt ihn mit ihrem Tulpenstengel auf die Hand und sagt schmollend: „Sie Unverbesserlicher!“
Sie hat nur davon, dass die schöne Blume alle Blätter fahren lässt und Herr Rösing vergnüglich mit den Augen zwinkert: „Dass die Damen doch nie wissen, was die Glocke geschlagen hat! Auch Sie nicht, gnädigste Frau, — es ist nämlich schon genau eine Sekunde über ein Viertel eins!!“
Gerda ass ruhig und eifrig weiter, denn der Kellner wartete auf ihren Teller.
Das war vernünftig, dass sie nicht wie andere lyrische Fräuleins den ganzen schönen Pastetenrest schiessen lässt, dass sie sich auch nicht sonderlich hetzt dabei, sondern noch Zeit findet, sich wieder vor Lachen mit den Augen zu kugeln, — na, und last not least, sie beisst nicht die Würde heraus, sondern lässt sich’s weiter schmecken. Weder zimperlich, noch übelnehmerisch, noch überspannt poetisch — noch selbstbewusst ... hm ... seltsam, sehr seltsam ... und Herr Friedrich Karl Rösing ist zum erstenmal im Leben zerstreut, denn er greift nun seinerseits nach dem schönen gelben Tulpenstengel neben dem Teller und will justament die Sauce damit löffeln ...
„Dunnerknister!! wenn das einer gemerkt hätte!!“
Niemand hatte es beobachtet, weder den deplazierten Blumenkelch noch all die heftigen Erschütterungen, welche eine katastrophale Umwälzung in dem tiefsten Herzinnern des reichen Mannes hervorzubringen drohten.
Wer nach jedem Gang zweimal essen kann, ist nicht verliebt, — behaupten die Dichter und Denker, — aber auch diese Ansicht kann in der modernen Zeit nur noch durch die Ausnahmen der Regel gestützt werden.
Man sagte sich sehr vergnüglich und gesättigt Gute Nacht, und die Frau Konsul fragte beim Geleit zum Fremdenzimmer Gerda noch einmal ganz harmlos, gewissermassen als (pour parler) Gesprächsblüte: „Die Oper hat Ihnen also gefallen? Ist auch erstklassig, und Freund Rösing ist ein scharmanter, gastfreier Mann!“
„Ja, das ist er! Ich bin ihm so sehr dankbar für die Einladung!“
Das klang ebenso überzeugt wie wohlerzogen.
Gerda schlief sanft und friedlich die ganze Nacht ebenso wie Friedrich Karl — welcher die Hände über dem Magen zusammengelegt hatte und so zärtlich dabei lächelte, als hielte er denselben für sein Herz. Droben am Himmel aber ging die Sonne auf und lachte — lachte — lachte!
An Esten war die neue Zeit ziemlich spurlos vorübergegangen.
So wie es seit bald dreihundert Jahren in dem ehrwürdigen Haus lag und stand, so unverändert grüsste den Beschauer ein Stücklein Vergangenheit, welche beredter wie all die rauhen Kehllaute seiner Besitzer von holländischem Fleiss, Einfachheit und peinlichst sauberer Ordnung erzählte.
Die grosse Diele mit den gedunkelten Bildern altholländischer Kunst und dem mächtigen Kachelofen in der Ecke, welcher seinen Geburtsschein aus Delpht gleich an der Stirn trug, die grosse Standuhr mit dem geschnitzten Gehäuse und dem eigenartigen Metallzifferblatt, dessen erhabene weisse Porzellanzahlen von Zeigern bestrichen wurden, welche nebst dem Perpendikel das Bild von Sonne, Mond und Erde — verkörperten, schien der Inbegriff aller Gemütlichkeit, und als Gerda durch die offene Tür eintrat, begrüsste sie just das „Zwölfuhrgeläut“, welches ihr in Ohr und Herzen wie Glocken des Friedens wiederhallten!
Und eine friedliche gesegnete Zeit war es, welche nun für die so lange stiefmütterlich Behandelte anbrach.
Herr Willem van de Eskenboom schien alles in der neuen Hausgenossin zu finden, was er erwartet hatte, die freundliche Folie für seine herzige, kleine Frau, neben welcher er voll starren Eigensinns keine andern Göttinnen duldete. Sie musste immer einzig in ihrer Art sein, nie durfte ihm und ihr anderer Geist, Witz und Grazie gefährlich werden, diese Ruhe des Herzens verlangte er für sich und sein ganzes Haus.
Noch hatte man sich kaum recht eingelebt mit der neuen Freundin, als eines schönen Tages das Telephon klingelte.
„Lieber Eskenboom, — ich bin hier ganz in der Nähe, möchte mir gern mal deine Jungpferde ansehen, — habe Bedarf. Schicke mal zum 1-Uhr-Schnellzug einen Wagen an die Bahn!“
„Is gut! is gut, — alte Jong! Wen aber soll ich denn eigentlich abholen?“
„Deinen alten Freund Rösing! — Verstehst mich?“
„Das will ich meinen. Dann komm mal her.“ —
Dass Rösing ein reicher, netter, famoser Kerl war, — das wusste Eskenboom, dass er aber sein Freund war ...? und duzte ihn ... hm — —“ er kraute sich in den lockigen blonden Haaren —: „Seltsam — sollte er bei dem letzten Sektgelage im Konsulat Brüderschaft mit ihm getrunken haben? Einen tüchtigen Schwipps hat er gehabt, sein Elizachen hatte ihn andern morgens in das Ankleidezimmer geführt, das sah aus, wie ein Schlachtfeld. Selbstredend hatte die süsse Schelmin das Chaos selber zusammengebraut, um ihn zu necken! — Einen roten und einen schwarzen Morgenschlappen vor dem Bett, damit fing’s schon an! und einen Lackstiefel in der Waschschüssel und sein Nachthemd im Hosenstrecker ausgespannt und den Zylinder als diskretes Toilettenstück ... o du ewiger Boonekamp of Magenbitter! Das war eine schöne Bescherung!! Dass Hottjepottje, der stichelhaarige englische Terrier, seine beste Frackkrawatte als Halsband voll verbitterten Ingrimms am Stiefelknecht abzureiben suchte, war ihm vollends schleierhaft! Er hatte doch dem Köter seine beste weissseidene nicht umgebunden?! — Oder doch?! — O dieser Brummschädel! Und Eliza sah ihn immer so listig von der Seite an und legte voll sanften Vorwurfs die Händchen auf seine Schulter — „Willem, was hast du dir bei diesem allen nur gedacht?!“
Damals wusste er es selber nicht, — nachher, ja nachher! Wenn man so ein — ein — ein druwe luwe liewe lawes kreuzfideles Weibchen hat!!
Aber der Schmollis mit Rösing? — Sollte etwa auch seine Frau mit dem Kerl Brüderschaft getrunken haben?
Alle Haare sträubten sich ihm einzeln vor Eifersucht.
Unmöglich! — Die Damen hatten ja gar nicht mit gekneipt!!
So etwas würde Eliza doch auch nie und nimmer tun.
Und er?
Ja, du liebe Zeit, — wenn Rösing es behauptet, muss es wohl so sein.
Er stürmt zu seiner Gattin, um zu bitten, dass ein paar gute Schüsseln mehr für den Feinschmecker aufgetragen werden und ... ja die Tischordnung! — Er mag das nicht, wenn jeder wildfremde Duzbruder daherkommt und sich neben seine Frau setzt!
Er tut so intim, der Rösing!
Könnte ihm so passen, bei Tisch mit dem lustigsten Geplauder unterhalten zu werden und derweil zu essen — — es hat niemand sich an der Heiter keit seiner Frau zu delektieren wie er, der ihr ehelich angetraute Herzensmann!
Da wird ein Riegel vorgeschoben!
Er, Willem van de Eskenboom, sitzt an der Speisetafel seinem Gast gegenüber, und die fröhliche Hausfrau präsidiert an der Seite des Gemahls.
„Vis-à-vis ist besser, wie nah dabei“ — heisst es, und „vorgesehen und nachgedacht — hat manchem schon gross’ Leid gebracht“!
Fräulein Freienfeld lässt sich von dem teuern Schmollisbruder — er keucht immer noch vor innerer Erregung — wie komme ich nur dazu, mit dem Menschen Brüderschaft zu trinken! muss das eine Besäufnis gewesen sein!! — na also — Fräulein Gerda lässt sich vom Duzfreund Rösing den Arm bieten und dann können sie sehen, wie sie fertig werden!
Und so geschah es.
Der reiche Mann traf präzise ein, besah die Koppel für die „Pferdestudenten“, welchen er nun zu Amt und Würden verhelfen wollte, und kaufte zwei recht hübsche und nicht zu teuere Kohlfüchse. Kohlfüchse darum, weil er sich in Gedanken sagte, „es ist ja der reine Kohl mit dem Pferdehandel, — eigentlich komme ich ja, um mich selber meistbietend an die Frau zu bringen! Na, wollen mal sehen, ob ich alter Knabe noch leidlich im Kurs stehe!“ Dann begrüsste man die Damen.
Frau Eliza war immer sehr angeregt und guter Dinge, wenn Gäste kamen. Sie empfing Herrn Rösing mit einem wahren Brillantfeuer von Laune und Witz, und dieser schüttelte sich innerlich wie ein Pudel unter der Traufe und dachte: „Fürchterlich! wenn das auch beim Essen so weitergeht, gehe ich sicher an versetztem Spickaal zugrunde!!“
Eskenboom aber stand so stolz und erhaben an der Seite der entzückendsten aller Frauen, als könne er nur voll tiefsten Mitleids auf den armen Mitmenschen niederblicken, welcher endlich vor seines Schöpfers begehrenswertestem Meisterwerk steht und einen Zettel daran hängen sieht, mit den ominösen Worten: „In festen Händen!“
Während Willem und Gerda sehr den guten, wenn auch nicht ganz neuen Witz belachten, mit welchem Eliza den Pferdekauf ad acta legte: „Wissen Sie auch, Herr Rösing, warum Ihre Kohlfüchse ‚Pferde‘ heissen?“ — „Na, weil man damit ‚fährt‘!!“ antwortete er prompt: „Ach so! ich dachte, weil zu einem Rösing naturgemäss eine Rosinante gehört!“ — was einen Sturm der Heiterkeit entfesselte.
Aber dennoch waren beide Herren nicht zufrieden, der eine, weil es ihn verdross, dass seine Frau anstatt des ersten nicht den zweiten Witz gemacht hatte, und der Grosskaufmann, weil er fürchtete, durch ein derartiges Provoziertwerden um jeden beschaulichen Tafelgenuss zu kommen. Er wusste, dass auf Esken gut gekocht wird, da braucht man Ruhe zum Prustelieren!
So suchten denn seine Augen Fräulein Freienfeld, welche auch jetzt ihre ganze Begeisterung über seine Schlagfertigkeit in die Augen legte, ohne auch nur im mindesten in die Unterhaltung einzugreifen.
Langweilig? — Das wäre!! ein sehr vernünftiges, nettes Mädchen.
Und nun kam das Dessert zum Beginn der Mahlzeit.
Willem sagte ihm mit ganz undefinierbarem Ausdruck im Gesicht, er bitte, Fräulein Freienfeld zu Tisch zu führen.
Rösing knickte gefühlvoll zusammen. „Musik in meinen Ohren!“ lächelte er mit dem Brustton der Überzeugung.
Und Eliza, welche bereits am Arm ihres Gatten vorausschritt, wandte mit einem ganz allerliebsten Schelm das Köpfchen und lächelte.
„Zukunftsmusik?!“
Nun war Willem wieder obenauf, er hätte beinah einen Luftsprung vor Triumph getan, denn nach dem Blick, mit welchem Friedrich Karl die junge Dame eben angesehen, war die Bemerkung seiner geistreichen Frau geradezu glänzend!
Rösing aber presste in ergrimmter Abwehr eines jedweden weiteren Geisteskampfes den Arm seiner Tischdame gleichzeitig gegen Magen und Herz und knurrte unhörbar: „Dann ist’s der Hungergalopp!!“ Aber es würgte ihn, dass er höflichkeitshalber diesen parierenden Gegenhieb verschlucken musste!
Und Eliza dachte im Herzen: wenn es nicht gar zu unhöflich gewesen wäre, hätte ich zu dieser Musik gleich die Worte geliefert: „Beefsteakpolka!!“
Und nun sass man einander gegenüber und ass recht viel und gut, und während der moderne Lukullus Friedrich Karl mit Kennermiene erst auf der Zunge prüfte und dann schluckte, — musste der Unglücksrabe Eskenboom ohne Sinn und Verstand hinter die Krawatte kauen, denn der unbarmherzige, kleine Racker von einer Frau tischte als angenehme Tunke zu Fisch und Braten derartige Pensionserinnerungen: „an Schellfisch mit Pflaumenmus und Champignons mit Zucker und Zimt“ auf, dass ihr Eheherr immer nur den Mund zum Lachen, aber nicht zum Essen aufsperrte!
So eine amüsante Frau muss ja ein Schicksal sein! — Unglücklicher Kerl, der nicht mal in Ruhe einen Happenpappen genehmigen kann!
Und Herr Willem strich mit hochrotem Kopf den blonden Schnurrbart mittels Serviette empor und empfand ein tiefes, aufrichtiges Mitleid mit dem neuen Duzbruder, weil er sich mit einer Tischgenossin abfinden musste, die nur alle Jubeljahre mal die Monotonie des Speisezettels durch ein paar Worte unterbrach, welche immer nur den bescheiden gehorsamen Punkt hinter die Ansichten des geehrten Herrn Vorredners setzte.
Wie begeistert sah Eskenboom sein beredtes Weibchen, — wie wohlzufrieden und dankbar Friedrich Karl seine schweigsame Nachbarin an.
Nach dem Essen regnete es.
Man blieb, anstatt die projektierte Gartenpromenade zu unternehmen, in den Zimmern zurück.
Gerda spielte etliche Nocturnos und noch mehrere Sonaten, klassische Sätze und Adagios, bei denen es sich gut verdaut, und welche er infolgedessen recht gern über sich ergehen liess, bis Frau Eliza die ganze gute Wirkung wieder über den Haufen warf und Lieder trällerte, die jedweder Siesta Hohn sprachen!
„Gebt mir ein Weib — ein Weib, ein Weib! — das ich herzen kann, — das ich küssen kann!!“
— — Ja, ja! — ist ja ganz schön und gut! Friedrich Karl steht ja schon allen Ernstes im Begriff, zuzulangen!
Nur nicht so furchtbar lyrisch und pressiert! Das geht auf die Nerven.
Er weiss ja noch nicht mal, ob Fräulein Gerda will.
Sie lacht so höflich und findet es ganz nett und korrekt, dass jetzt im Lied ein „Kirschendieb“ ernstlich verwarnt wird, in Nachbars Garten zu steigen, — wo er höchstens verhauen wird; eine Möglichkeit, welche Willem in den Harnisch zu bringen scheint, denn sein sonst so mildes blaues Auge bekommt etwas kriegerisch Herausforderndes. — Hottjepottje, welcher sich gerade in bedenklicher Weise vor ihn setzt und sich zu schappen beginnt, bekommt sogar einen energischen Tritt: „Das kannst du dir auch hinter die Ohren schreiben, du elender Zuchthäusler!!“ — und dabei sieht er Herrn Rösing an.
„Ja ja — Diebe sind mir auch immer grässlich gewesen“ — nickt der Grosskaufmann harmlos und fügt mit einem beinah innigen Blick auf Gerda hinzu: „nur Herzensdiebe nicht, — zu deren Zunft möchte ich gern selber mal gehören!“
Hottjepottje kläfft los und reteriert auf den Balkon, denn jetzt hat Willem energisch zugetreten!
Fräulein Freienfeld scheint aber von der ganzen Sache nicht viel gehört zu haben, sie hat sich über den Hund erschreckt und sieht ein bisschen dämlich aus!
Es ist gut, dass schon in einer Stunde der Zug nach dem Haag zurückdampft.
Rösing hält gar nichts von mündlichen Liebeserklärungen. Wie alle Gemütserregungen wirken sie schädlich.
Er wusste auch gar nicht, was er sagen sollte. — Irgendein Liebesgedicht deklamieren? — Infam, dass die einschlägigsten schon alle so bekannt sind. Man musste da gerade auf Ovid oder Petrarca zurückgreifen.
In den Sachen Ovid ist Schwung und Feuer, — namentlich die Geständnisse an seine blonde Sklavin Bissula —! Du liebe Zeit, wie lang ist das schon her, dass er in der Prima dafür schwärmte und sich vornahm, im Falle ihn das Schicksal mal zum Lenker grosser Völker mache, um dieser Bissula willen die Leibeigenschaft wieder einzuführen! Aber gerade so etwas in eine Liebeswerbung einzuflicken, dürfte riskiert sein.
Und Petrarca? Vielleicht das hohe Lied der Liebe, für welches er den Lorbeerkranz bekam?! — Auch so ’ne Sache. — Was ist Liebe und Romantik heutzutage? Die Damen sind alle praktisch beanlagt und fussen auf dem Realen. Wenn heutzutage ein Petrarca nicht den goldenen Lorbeerkranz versilbert und ihn seiner Umworbenen in Form eines Brillantkolliers zu Füssen legt, gilt er für einen Knickstiefel und eine sehr mässige Partie.
Vielleicht tun es die Brillanten auch ohne Gedichte und poetische Aussprache! — Er versteht sich nun mal nicht auf Gefühlssachen, und über seine Kräfte kann doch der Mensch nicht.
Friedrich Karl pafft noch ein paar riesige himmelblau duftende Wölkchen aus seiner wundervollen Havannaserie und nimmt sich vor, die Sache noch zum letzten gründlich zu überlegen und dann einen ruhigen, sachgemässen Brief zu schreiben.
Binnen einem halben Jahr muss er persönlich nach den Kolonien hinaus, er muss nach dem Rechten sehen, jetzt mehr denn je, und währenddessen braucht er eine treue, zuverlässige Seele, welche hier im Haag sein Hab und Gut sowie den reichen Hausstand verwaltet. — Die Tochter eines Rechnungsrats wird doch rechnen können!!
Er drückt also Gerda noch einmal recht herzlich die Hand, und seine runden, gutmütigen Augen sehen beinah feierlich aus.
„Es war sehr schön, dass ich Sie wiedersah, Fräulein Freienfeld! — Wir haben uns ganz gut vertragen. Nun bitte ich Sie, mich während der nächsten acht Tage nicht zu vergessen“ — und mit einem Anflug seiner alten, drolligen Selbstironie: „Gehen Sie doch manchmal an die Koppel hinaus und sehen Sie sich die Rosse an, dann denken Sie schon an mich!“
Was Frau Eliza wieder zu so einer leidigen Rückäusserung veranlasste: „Lieber nicht! es sind lauter Durchgänger.“
Da hatte sie wieder die Lacher auf ihrer Seite. — Friedrich Karl aber eilte mit beflügelten Schritten dem Wagen zu und schickte ein Stossgebetlein zum Himmel: „Lieber Herrgott, behüte meine zukünftige Frau, dass sie sich nicht durch irgendeinen Humorbazillus bei Frau Eliza ansteckt!“
Fräulein Freienfeld hatte sich mit sehr höflichem, korrekten Wesen verabschiedet und wandte sich nun in ihrer stillen Art, in Haus und Hof wieder ihres Amtes zu walten.
Eskenboom aber legte den Arm um sein fideles Weibchen, sie noch ein wenig in den Garten zu führen.
„Glaubst du, Eliza, dass Rösing Absichten auf Fräulein Gerda hat? — Armer, armer Mann!!“
Und dann hörte man wieder das Kichern und Lachen des glückseligen Paars durch die Blütenbüsche, und die Sonne stand am Himmel und lachte mit.
Kapitel 3
Die freudigen Überraschungen, welche jeder einmal im Leben kennen lernt, waren bisher für Gerda verdeckte Schüsseln geblieben, nun schienen sie es mit einem Schlage nachholen zu wollen, mit einem wahren Kanonenschlag, denn wie solch einer war die Wirkung des Briefes, welchen die Gesellschafterin der Frau van de Eskenboom soeben in Händen hielt.
Von Herrn Rösing.
Ein regelrechter Heiratsantrag.
Träumt sie? Äfft sie irgendein Fieberwahn? Ist es Ironie oder eine Art Aprilscherz, welche sich der reiche Mann mit ihr erlaubt?
Undenkbar.
Er ist Ehrenmann, im ganzen Land geachtet und bekannt.
In seiner ruhigen, ehrlichen Weise erklärt er ihr ja selber diesen unbegreiflichen Schritt, dass er sie, das mittel-, sang- und klanglose alternde Mädchen, all den vielen reichen, jungen und schönen vorzog, welche so sehr um seine Gunst buhlten, wie die Frau Konsul ihr erzählt hatte.
Friedrich Karl schrieb:
„Mein hochverehrtes liebes Fräulein! Wenn Sie sich genugsam über meine Kühnheit, Ihnen diesen Brief zu schreiben, gewundert haben, verzeihen Sie mir, bitte, alles, was darin steht. Wir haben uns kennen gelernt. Sie hörten wohl, dass ich reich und völlig unabhängig, aber auch ebenso allein und einsam in dem grossen, langweiligen Haus im Haag wohne. — Ich brauche eine Frau. — Ein Mädchen, welches wie Sie wohl im Anfang der dreissiger Jahre steht, bedarf ebenso notwendig eines Mannes, wenn sie kein Herz von Stein und Sinn für behagliche Häuslichkeit hat. — Das besitzen Sie, wie ich beobachtete. Ich bin kein Freund von langen Reden. Meine Freunde nennen mich einen verdrehten Kerl, wohlwollendere ein Original. Ich möchte schriftlich um ihre Hand anhalten und fragen, ob wohl im Laufe des nächsten Monats schon unsere Hochzeit sein kann, denn ich muss durchaus notwendig eine längere Reise nach den Kolonien antreten, und da könnten Sie derweil haushalten. Es gefällt mir so gut an Ihnen, dass Sie stiller und ernster Natur sind, für einen nervösen Mann ist solch schweigsames Einverständnis ein Labsal. — Halten Sie mich nicht für unhöflich; ich werde Ihnen gegenüber stets der rücksichtsvollste, generöseste Ehemann sein, welchen man sich denken kann. Äussern Sie Ihre Wünsche. Steht die Erfüllung derselben in meiner Macht, so sichere ich sie Ihnen hiermit zu.— Und nun überlegen Sie sich die Sache, — aber nicht zu lang, — Sie können sich denken, dass man gern klare Rechnung haben möchte; es ist Ultimo! — Ich küsse Ihre Hand und freue mich jetzt schön von Herzen, Sie bald als Braut begrüssen zu können!
Stets Ihr sehr getreuer
Friedrich Karl Rösing. (Datum.)
Ja, hier steht es; schwarz auf weiss. Ihre Schweigsamkeit und gefügiges Wesen sind dem überarbeiteten Mann sympathisch. Von Liebe schreibt er nichts, verlangt sie nicht und begehrt sie ebensowenig. Das ist ehrlich. Gerade diese rückhaltlose Offenheit gibt ihr Zutrauen zu dem wunderlichen Mann, welcher gewiss die vielen heiratslustigen Damen, Fangleine und Handschellen zum Ekel bekommen hat. — Muss ja auch einem Mann angst und weh werden, wenn er nur noch auf Vogelleim einherschwankt.
Ihm einen Korb geben? das wäre ja Wahnsinn!
Dem lieben Herrgott auf Knien danken, dass er es so unfasslich gut und gnädig mit ihr im Sinne hat.
Ja, auch daheim die Menschen gedachten es böse mit ihr zu machen, aber der Herr hat alles wohl hinausgeführt.
Sie braucht nicht zu überlegen. Sie antwortet umgehend, ebenso ehrlich und geradeaus, wie er, — setzt ihm ihre Verhältnisse auseinander und gelobt ihm, in steter Dankbarkeit für sein Wohl zu sorgen.
Und dann tritt sie abermals an das Fenster und blickt auf die Obstbäume im Garten, von welchen der Segen trieft, und welche im Frühling auch von so eisigen Stürmen geschüttelt worden sind wie sie, die Einsame, Verlassene.
Über uns allen hat eine Sonne nur auf die gebenedeite Stunde gewartet, wo sie als Glücksspenderin über uns aufgehen konnte!
Nun kam eine bewegte Zeit.
Im Hause Eskenbooms schlug die Nachricht von Fräulein Gerdas Verlobung wie eine Bombe ein, aber doch wie eine solche, welche man einem Brillantfeuerwerk entnimmt, um damit Salut zu schiessen. Herr Willem hatte nur anfänglich dem Duzfreund Rösing gegenüber etwas Lakonisches; er umarmte ihn wie einer, der ein böses Gewissen hat und einen falschen Verdacht gar zu gern wieder gut machen möchte.
Und Hottjepottje bekam extra eine halbe Leberwurst für den ungerechten Fusstritt, den er für den vermeintlichen Kirschendieb in Empfang genommen hatte.
Man feierte sehr schöne Verlobung: das Brautpaar stillvergnügt, mit gutem Appetit, Frau Eliza in strahlender Laune, für alle übermütig, was ihren Mann nun nicht mehr zu extravaganter Tischordnung veranlasste.
Gerda hatte ihre Verlobung dem Vater angezeigt, ohne näheres Kommentar über den Bräutigam, und gefragt, ob sie eine Hochzeitseinladung schicken solle?
Als Antwort kam ein Telegramm. Kühl und zurückhaltend. — „Haben uns gefreut, dass du versorgt bist. Reise unmöglich. Besten Glückwunsch. Freienfeld.“ —
„Um so besser!“ lachte Friedrich Karl ungeniert.
Die Hochzeit ward nicht im Haag gefeiert, sondern auf der Besitzung Rösings, einem idyllisch in der Nähe des Meeres gelegenen Landgut, welches der vielbeschäftigte Mann dadurch auch einmal kennen lernte, und welches auf Gerda einen besonderen Reiz ausübte. — So gern wie hier in der köstlichen Ruhe holländischer Behaglichkeit war sie noch nirgends gewesen; wenn ihr Gatte die Reise über See machte, hoffte sie längere Zeit hier in Nudgerhaf Aufenthalt nehmen zu können.
Im Haag wurden die Festlichkeiten nachgeholt, und Friedrich Karl konnte es voll Genugtuung konstatieren, dass ein verheirateter Mann lange nicht mehr so beansprucht bei Spiel und Tanz ist wie ein Heiratskandidat, und das gab ihm vollends ein Gefühl — so angenehm sicher wie bei einem Mann, welcher fürchtete, es gäbe nach dem Ball nur ein ungemütliches Büfett, und hört plötzlich, dass es zum Souper geht, mit vernünftigem „Beine unter dem Tisch!“
Welch eine glückliche Ehe!
Eins lebte nur für die Interessen des andern, — nie laute Worte, nie Uneinigkeit, nie Vorwürfe oder Klagen. Dabei keine Indolenz.
Theater, Konzerte, Reisen, — alles bot reiche Abwechselung, und das Gefühl, welches beide Gatten bei allem stets neu beseelte, war das einer gegenseitigen grossen Dankbarkeit.
Nur eins fehlte. — Zwar nur etwas ganz Kleines, — aber es gehörte doch zur Hauptsache. — Die Ehe blieb kinderlos.
Friedrich Karl war anfänglich recht unglücklich darüber, denn einen Erben für sein Geschäft und Geld hätte er doch ganz gern gehabt.
Wenn er aber nach Esten kam, wo fast alljährlich ein neuer, kleiner Flachskopf ein helles Juchhe! in die Welt schrie, dann rieselte es ihm doch kalt über den Rücken, und er eilte voll Grausen aus dem Bereich dieses Mordsspektakels, wo die Kinderstube törichterweise in das Wohnhaus eingebaut war!! Warum nicht abseits auf dem Hofe wie die andern Kückenstuben?
Warum so viel unnötige Trommelfelldefekte?!
Warum so viel Holderdipolder auf den Treppen, dass alle Vierteljahr neue Juteläufer gelegt werden mussten, wie der verblendete Vater noch voll höchsten Triumphes versicherte?
Und womöglich noch Zwillinge im Kinderwagen, eins mit dem Kopp nach hüben — und eins mit dem Kopp nach drüben! Solch schiebbare Storchennester deuchten Herrn Rösing denn doch Missbrauch an den guten Gaben Gottes.
Da tröstete er sich denn schnell und versicherte es auch seiner lieben Frau, dass solch ein Glück im Dutzend einen nervösen Mann zur lachenden und weinenden Verzweiflung bringen müsse!
Eines Tages aber stand Gerda so recht allein und wohl auch etwas wehmütig in Nudgerhaf auf der weinumwachsenen Veranda und harrte auf die Rückkehr ihres Gatten, welchen eine Depesche zur Beerdigung seiner Kusine gerufen hatte.
Seufzend hatte er sich in das Unvermeidliche gefügt.
Frau Nina Rösing war Witwe, lebte mit ihrem Kindchen in einem Sanatorium und hatte niemand mehr auf der Welt, dem sie ihr Testament hinterlassen konnte, als ihrem einzigen Anverwandten Friedrich Karl.
Es war im Juni, die Rosen blühten, und die Sonne hatte ihren höchsten Stand erreicht.
Auf der Chaussee rollte ein Wagen, dann knirschte der Kies unter eiligen Schritten, und als Gerda von ihrer Handarbeit aufblickte, sah sie ihren „Hausherrn“ unter den hohen Lindenwipfeln daherkommen.
Aber nicht allein.
Hinter ihm kam eine hohe, knochige Holländerin im Nationalkostüm, die trug auf dem Arm ein kleines Mädchen.
„So, Gerda — da bin ich wieder — und wie du siehst, habe ich mich verdreifacht! — Da ist Julie, die Amme von dem kleinen Waisenkind, welches nirgends mehr ein Plätzchen hatte, wo es bleiben konnte. Weil es bei uns nun doch ein bisschen reichlich still in den letzten Jahren geworden ist, dachte ich, es ist ein ganz hübsches Geburtstagsgeschenk für dich, Frauchen! — Auf ein paar Treppenläufer kommt es uns ja nicht an, — na und so zwei winzige Füsschen und solch ein Groschensmäulchen machen nicht viel Raddau! — Komm mal her, kleen Poppje, auf meinen Arm! Siehst du, Gerda, es fürchtet sich nicht vor mir, schreit auch nicht, ist sehr lieb und artig! Und nach seiner alten Familienchronika ist es getauft: Jehovana Lya! — Schöner Namen, was? — Na — nimm’s hin! Ich schenke es dir, liebe Frau, und hoffe, dass es uns, wenn wir alt — oder besser noch älter geworden sind, all den Sonnenschein der Jugend wieder ins Haus trägt!“
Wie ein Zittern der Aufregung und des tiefsten, wehmütigsten Entzückens ging es durch die Seele der einsamen Frau. Sie trat an die Seite des Gatten und blickte auf das Kindchen nieder, welches mit grossen, wundervollen Blauaugen so sanft und geduldig wie ein kleiner Engel zu ihr aufschaute.
Ein blasses, zartes Gesichtchen, umrahmt von lichtblonden Löckchen, dass Gerda das Lied einfiel: „Die Sonne lag auf ihrem Haar — als sei sie dort zu Haus!“
„Willst du zu mir kommen, Jehovana Lya?“ fragte sie freundlich und hob die Arme nach der Kleinen!
Einen Augenblick ein ängstlich scheues Forschen in dem süssen Gesichtchen, — dann reichten die Händchen verlangend nach der fremden Frau, und Friedrich Karl sagte mit einem Seufzer der Erleichterung und höchsten Genugtuung: „Siehste? Sie will! Na, Mäuschen, halt dich mal fest an ihr! Da sitzest du weich und warm im Nestchen!“
Gerda küsste das Kind, und obwohl ihr Wesen ebenso besonnen und ruhig blieb wie zuvor, war es ihr doch plötzlich, als habe sich der Himmel zum zweitenmal über ihr aufgetan, um eine Botschaft der Liebe zu ihr herabzusenden.
Ein neues Leben tat sich ihr auf.
„Ja, sie soll mein eigen sein!“ nickte sie feierlich: „Kleine Jehovana Lya — hast wieder eine Mutter gefunden!“
Das empfand das Kind gar bald in allem Guten, denn Frau Rösing hatte viel freie Zeit, und die widmete sie nun alle ihrer „Einzigsten“! Leib und Seele wurden treulich gepflegt, aber es war unvermeidlich, dass ein so zartes Körperchen in seiner Eigenart beharrte, denn obwohl Jehovana Lya am liebsten in Nudgerhaf in wohliger Freiheit bei viel köstlicher Milch, Butter und Eiern und allem, was sonst einem Kinderschnäbelchen behagt, aufwuchs, blieb sie doch so zierlich und schlank und rank wie eine Elfe, und wenn auch die grossen Vergissmeinnichtaugen sehr heiter in die Welt lachen konnten, blickten sie doch oftmals so tiefinnerlich, als sei ein Stück Himmel in sie hineingesenkt!
Die Zeit eilte dahin und erfüllte sich an Friedrich Karl Rösing.
Abermals trieb ihn das Pflichtgefühl, wie so oft schon, hinaus in die Kolonien, und als Gerda ihn bereits auf der Heimreise wähnte, traf im Haag die erschütternde Nachricht ein, dass der prächtige holländische Passagierdampfer „Oranien“ auf der Rückkehr von Sumatra, nachdem er noch verschiedene Häfen angelaufen, den heimtückischen Stürmen auf der Höhe von Biscaya zum Opfer gefallen. — Das Unglück sei nachts geschehen und derart plötzlich gekommen, dass von den Passagieren, so viel bis jetzt bekannt, nur ein kleiner Bruchteil gerettet werden konnte.
Voll ängstlicher Sorge harrte Frau Gerda auf die Bestätigung solcher Hiobspost, und als dieselbe tatsächlich amtlich bekanntgegeben wurde und auch die Liste der Verunglückten den Namen ihres Gatten aufwies, musste sie sich wehen Herzens und in aufrichtiger Trauer um einen Mann, der ihr nur Gutes und viel Freundliches erwiesen, in das Unabänderliche fügen, dem grossen Geschäftsbetrieb fortan allein vorzustehn.
Wieder einsam und verlassen im Leben, wenn nicht die kleine Jehovana voll kindlichster Zärtlichkeit an der Pflegemutter gehangen hätte, der wunderliebe Sonnenschein in all den trüben Tagen, welche die sowieso schon einsiedlerisch beanlagte Frau noch weltscheuer wie zuvor machte. Nach der vorgeschriebenen Frist ward das Testament Friedrich Karl Rösings, welches er anlässlich seiner Verheiratung gemacht, eröffnet.
Dasselbe nannte seine Gattin Gerda geborene Freienfeld zur Universalerbin mit unbeschränkten Rechten, — ehelich geborenen Kindern ward bis zum Ableben der Mutter eine hohe Rente ausgesetzt, das Gut Nudgerhaf sollte als eine Art Familiensitz Allgemeineigentum sein, um jedem Mitglied der Rösings bis zu den Enkelkindern des Erblassers herab, eine gesicherte Wohnung oder Sommeraufenthalt zu bieten.
Dieser letzte Wille war sehr klar und kurz gefasst, und da der Verblichene keine Leibeserben hinterliess, ging das grosse Vermögen in unbeschränkten Besitz mit freiem Verfügungsrecht an das Weib des Verewigten über.
Überseeische Geschäfte erfordern viel Kraft und Wissen, und die Freunde Friedrich Karls, welche es für ausgeschlossen hielten, dass eine so welt- und handelsfremde Frau derartigen Betrieb leiten könnte, schlugen ihr vor, das Geschäft in Aktiengesellschaft umzuwandeln, um so mehr, da ja doch kein Sohn da sei, später das Erbe des Vaters anzutreten.
Gerda überlegte nicht lange.
Schon das bedeutende Privatvermögen hatte reichlich genügt, ihr und Jehovana Lya eine glänzende Existenz zu sichern. Nudgerhaf kam noch dazu; da war es entschieden — schon im allgemeinen Interesse des Exports und Imports — richtiger, wenn sie das Geschäft in tatkräftigere Hände übergehen liess.
Sie wandelte es daher in eine Aktiengesellschaft um, liess sich ihren Anteil auszahlen und behielt von all der früheren Herrlichkeit im Haag nur das grosse, altehrwürdige Patrizierhaus, in welchem sie gewohnt, in ihrem Besitz.
Jehovana Lya war auf ihrem Schoss eingeschlafen, nachdem sie voll jauchzenden Entzückens der Mutter zum erstenmal ganz selbständig aus der kleinen deutschen Kinderfibel vorgelesen.
Sie hatten dann noch ein wenig geplaudert, von dem lieben, guten Vater, welcher nun droben in dem Himmel wohnt und gewiss allezeit auf sie herabschaut, ob sein Blondköpfchen, sein kleiner Liebling auch fleissig Deutsch lerne, brav und fromm sei und bald die schöne Reise in die Heimat, auf welche sich alle schon so freuten, antreten zu können!
Ja, die Reise in die Heimat!
Gerda sehnte sich danach, sie nach so langer Zeit wiederzusehn.
Sie hatte nun ihre Pflichten hier in dem fremden Land erfüllt, sie war frei und einsam, was Wunder, wenn sie gern einmal nach Deutschland, dem herrlichen, alten zurückkehren möchte!
Draussen fegte der kalte Seewind den Schnee durch die Strassen, es dämmerte in dem niederen dunkelgetäfelten Zimmer, und Jehovana Lya wurde von dem Kuckuck aufgeweckt, welcher aus seinem geschnitzten Holzhäuschen heraus meldete, dass es Zeit zur Nachmittagsvesper sei.
Die sehr junge Erzieherin, Fräulein Betty, stand auch schon auf der Schwelle, die Kleine abzuholen, und als Frau Rösing allein zurück blieb, da flogen ihre Gedanken immer sehnsuchtsvoller nach der Heimat, und kurz entschlossen stand sie auf und setzte sich an den Schreibtisch nieder.
Nur ein paar Worte an den Vater! Ihm nur mitteilen, dass sie den Gatten hergeben musste und gern einmal, wenn auch nur zu kurzem Besuch, in das Vaterhaus zurückkehren möchte.
Der Rechnungsrat hatte sich zwar nie mehr um seine Tochter bekümmert, ebensowenig die Stiefmutter, — nur einmal war eine Postkarte gekommen mit dem stolzen „Aufschrei“ der Mama: „Kannst uns gratulieren, Gerda! Papa ist eben Oberrechnungsrat geworden!“
Das hatte sie auch getan, — auf Wunsch ihres Mannes aber nur telegraphisch, denn Herr Rösing empörte sich nicht zum erstenmal über die Lieblosigkeit, mit welcher sein Weib aus dem Elternhaus gestossen war. Und doch! Jetzt, in aller Trauer, mit dem weichen, versöhnungswehen Herzen! Da vergass sie alles, was zwischen ihnen lag und schrieb die wenigen Worte, dass sie gern im Lauf des kommenden Sommers mit Kind und Kegel die Heimat wiedersehen möchte!
Sie brauchte nicht lange auf Antwort zu warten.
Ihre Stiefmutter schrieb auf schwarzgerändertes Papier:
„Liebe Gerda! Wollte Dir gerade schreiben, als Dein Brief kam. Papa ist nun doch noch in Davos gestorben, nachdem sein langes Siechtum den kleinen Rest unsres Vermögens verschlang und mich sogar mit Schulden zurück liess. Hoffentlich geht es Dir nicht auch so, — muss Dir sonst im voraus sagen, dass ich nicht helfen kann. Will mir nun mein Brot allein verdienen, wie gut, dass ich die Jahre über mich so gründlich für die Laufbahn einer Bühnensängerin ausbilden konnte! Natürlich im Ausland, — hier hängt mir die Geheimratstochter zu sehr an. Was ich mit Amadeus anfangen sollte, machte mir anfänglich Kopfzerbrechen. Einen Jungen, der in die Schule muss, kann ich nicht dauernd in der Fremde mit herumschleppen, — stört ja auch rasend. — Sein Onkel und Pate Amadeus, welcher ihm ja zur Taufe das so ‚generöse‘ Geschenk seiner ständigen Freundschaft machte, kann den Kleinen zu sich nehmen und ihn erziehen, solch unnützer Hagestolz hat ja sonst nichts weiter auf der Welt zu tun. Ein wenig ‚überspahnig‘ soll der nunmehrige Herr Major allerdings sein, — macht nichts, — mein Sohn ist ein lieber, artiger und kluger Junge, er wird sich schon in ihn fügen lernen. Hoffentlich fordert der teure Onkel nicht eine Pension für den Kleinen — ist ja erst acht Jahre alt! — Das wäre ein bittrer Schlag in das Almosen, welches ich als Witwenpension beziehe, — kann so schon nicht damit fertig werden! — Also, liebe Gerda, es tut mir recht leid, dass Du auch den Krepphut aufsetzen musst! Aber denk’ nur immer, dass die goldene Freiheit auch nicht zu verachten ist! Sonst weiss ich Dir keinen Rat, Hilfe erst recht nicht. Ich reise schon im Laufe der nächsten Woche ab, kommst vor verschlossne Türen, wenn Du etwa überraschen willst, denn ich löse hier alles auf. — Adio! Deine verwitwete Frau Oberrechnungsrat
Freienfeld! —
Die Leserin starrte lange regungslos auf den Brief nieder.
Dann strich sie über die Stirn: „Vater — Mutter — Schwestern — Brüder — hab’ ich auf der Welt nicht mehr—“ tönte es wie eine wehmütige Erinnerung in leisem Klang durch ihren Sinn, — und sie faltete die Hände, trat vor das Bild ihres Mannes und flüsterte: „ja, dann wär’s in sel’gen Höhn wohl das schönste Wiedersehn!“
Und wieder zogen die Jahre dahin. Mit Vorliebe weilte Gerda auf Nudgerhaf, für dessen naturschöne Einsamkeit auch Jehovana Lya eine innige Zuneigung fühlte.
Den Winter über lebte die kleine Familie in der Stadt, damit das heranwachsende Kind in allem gebildet werden konnte, was Kunst ins landläufige, auch für Frauen, „mundgerechte“ Wissenschaft war.
Das ernste Wesen der Mutter und ihr Hang zur Einsamkeit teilte sich jedoch dem frühreifen Kinde gar bald mit, und da Gerda, je älter sie wurde, auch desto schärfer urteilte, so sprach sie der Pflegetochter manche Ansicht aus, welche wie Schatten, tiefe, nächtige Schatten auf all den Glanz und Schimmer ihres jungen Lebens fielen.
Wie viel Heuchler, wie viel Egoisten, wie viel kalte, herzlose Zahlenmenschen kreuzen täglich unsern Weg! Wie viele von ihnen drängen sich ungerufen heran, Unruhe und Qual in den Frieden ihrer Mitmenschen zu tragen.
Je mehr Jehovana Lya heranreifte, desto angstvoller beobachtete es Gerda, wie schon jetzt viel feine Netze und Fädchen gesponnen werden sollten, das Goldfischchen beizeiten einzufangen.
Da gab es kein besseres Mittel, als dem Kind die Augen zu öffnen, dass nicht alles Gold ist, was glänzt, und dass ein reiches Mädchen oft die Ärmste von allen wird, wenn sie nur um des Geldes willen den Freier findet.
Jehovana Lya hörte aufmerksam zu, und mit der schwärmerischen Übertreibung des Backfischchens witterte sie bald in jedem Tanzstundenverehrer nur den Harpagon, welcher sich beizeiten nach einem gespickten Portemonnaie umsieht. Immer scheuer zog sie sich von ihren Jugendgespielen zurück, und da bald nur ihre Mutter und die Erzieherin, welche nun schon seit vierzehn Jahren ihre Schritte lenkte, der einzige Umgang für sie bildeten, so sehnte sie sich kaum noch aus Nudgerhaf heraus, um so mehr, als Fräulein Betty Zoorick, die noch recht jugendliche Gouvernante, nach Lektüre des Sherlock Holmes sich selber zum wahren Detektiv ausbildete und die Grossstadt als Lasterhöhle und Sündenpfuhl verabscheute, in welchem niemand — auch dem Besten nicht mehr zu trauen sei.
Jehovana Lya ward auch in der kleinen Dorfkirche zu Nudgerhaf konfirmiert, und als sie vor dem Altar stand, in dem schlichten weissen Kleid, das Köpfchen wie von goldenem Heiligenschein umgeben, sehnsuchtsvoll und treuinnig die blauen Augen zu ihrem Herrn und Gott erhoben, da hatte die Stimme des Pfarrers einen gar seltsamen Klang, als er sie mit den Worten segnete: „Siehe, ich komme bald!“
Wie ein Engel, aus seligen Gefilden zur Erde herab gesandt, stand Jehovana Lya vor ihm, und als sie ihr Glaubensbekenntnis sprach, bebte es gleich wie Heimweh durch die ernsten Worte.
Abermals vergingen ein paar Jahre.
Gerda kränkelte.
„Sie müssen einmal heraus, gnädige Frau!“ versicherte der Arzt. „Andere Luft, andere Eindrücke! Es wird Ihnen allen gut tun! Fräulein Jehovana Lya sieht mir auch zu ätherisch aus! Die Landluft allein tut hier nicht ihre Schuldigkeit! Wir haben den schönen Rhein vor der Tür von Holland! — Fahren Sie einmal bis Wiesbaden, bleiben Sie dann ein paar Wochen in Ems oder Assmannshausen, — ein wenig kreuz und quer in Gottes schöne Welt hinein! Das wird Wunder an Ihnen allen tun!“
„Ach ja, Mama! Damit ich doch einmal meine deutschen Sprachkenntnisse verwerten kann!“ nickte Jehovana Lya voll seltenen Interesses, und auch das lustige Fräulein Betty stimmte eifrig zu: „O gewiss, der Rhein muss schön sein, ‚Am Rhein, am Rhein, da möcht’ ich leben!‘ und wenn man ja auch gerade auf Reisen sehr die Augen offen halten muss — — mit den Taschendieben fängt es an! — nun, so denke ich, sind wir drei Damen doch Manns genug, um uns unserer Haut zu wehren!“
Gesagt, getan. — Die Koffer wurden gepackt, und man reiste ab.
Der denkbar grösste Komfort und alle Bequemlichkeit gingen mit.
Nur ungern wagte man einen Schritt vom Wege, aber einmal eine Burg in der Nähe sehen — das musste doch unter allen Umständen riskiert werden.
Der Drachenfels! — Es klingt zwar grausig — aber in Köln hat man eine wundervolle Aufführung des Siegfried gesehen und gehört, denn selbst die sehr kritische Mama versicherte bei dem Anblick des blonden Drachentöters, „endlich mal ein Säuger, welcher auch in seinem Äussern den jungen Gott markiert! Mein lieber, seliger Friedrich Karl sagte so oft, ‚da lümmelt sich wieder so ein Hinterwäldler auf der Bühne rum und gleicht mehr einem unabgeführten Jagdhund als einem Sohn des Baldur!‘ — Diesmal wäre er sicher mit dem edlen Spiel und Äussern zufrieden gewesen!“
Jehovana Lya sah sehr nachdenklich aus. „Wie schade, dass es junge Götter nur noch auf der Bühne gibt! Den Menschen ist ja allen nicht zu trauen, sagte Mutter, — da müsste also wirklich schon ein Sonnengott kommen, welchem ich aus wahrer Liebe und mit vollster Überzeugung mein Herz schenken könnte!“
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