Читать книгу: «Im Auftrag der Dunkelheit»
Narcia Kensing
Im Auftrag der Dunkelheit
Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Ausblick auf Band 2:
Weitere Werke der Autorin:
Impressum neobooks
Prolog
Haven, Südengland, 12. August 1849
Der Liebreiz dieser Nacht war trügerisch, denn nach dem anhaltenden Regen der letzten Tage war sie wie geschaffen für einen Hinterhalt. Eine Schande, den Frieden mit Blut besudeln zu müssen, aber eine Gelegenheit wie diese würde alsbald nicht wiederkehren. Keine Wolke trübte den Blick auf das schwarze, mit unzähligen Sternen gespickte Firmament. Hier am Stadtrand brannten die Gaslaternen nicht die ganze Nacht hindurch, und so umhüllte die Dunkelheit zwei Gestalten, die sich lautlos über die Dächer bewegten. Die Straße unter ihnen war zu so später Stunde menschenleer, nur ein paar Ratten huschten über den Bürgersteig, reckten ihre Nasen schnüffelnd in den Wind und verschwanden dann in einem Loch unter der Bordsteinkante.
»Hier ist es. Bleib stehen«, flüsterte Lesward. Ray drehte sich zu ihm um und nickte. Mit einer Hand umfasste er eine verzierte steinerne Säule, die den oberen Abschluss der Gebäudemauer bildete. Er suchte mit den Füßen einen sicheren Halt zwischen den Dachpfannen und ließ sich langsam auf sein Hinterteil sinken. Sein Kamerad tat es ihm nach. Wie so oft oblag Lesward das Kommando über die Gruppe. Ray respektierte seine Entscheidungen, obwohl er nur widerwillig Befehle ausführte.
Ray verengte die Augen zu Schlitzen und spähte auf die von hohen Pappeln gesäumte gegenüberliegende Straßenseite. Das dichte Laubwerk verwehrte ihm den Blick auf die dahinter liegende alte Lagerhalle.
»Bist du sicher, dass es der richtige Ort ist?«, knurrte er.
»Camael observiert die Halle schon seit mehreren Nächten«, sagte Lesward, den Blick starr nach vorn gerichtet. »Es ist ein Treffpunkt für Jugendliche und Verliebte.« Lesward verdrehte unmerklich die Augen, und die Art, wie er seinen letzten Satz betonte, ließ keinen Zweifel darüber offen, was er von romantischen Liebeleien hielt. Sich selbst hingegen betrachtete Lesward als einen finsteren, unwiderstehlichen Gesellen, dem die Frauen zu Füßen liegen mussten. Und meistens behielt er in diesem Punkt sogar Recht. Seine blonden, stets ungekämmten Haare und der gelbliche Schimmer in seinen Augen verliehen ihm ein geheimnisvolles Aussehen.
Ray schüttelte seine Gedanken ab. Sie hatten schließlich eine Mission zu erfüllen. »Was lagern die Menschen dort?«
»Nichts mehr. Die Halle ist leer. Zumindest war sie es bis gestern noch.«
Ray wandte den Kopf nach vorn und suchte die Straße mit den Blicken ab. »Wo sind die anderen?«
Lesward deutete mit dem Kinn auf die Halle. »Sie behalten den Hintereingang im Blick. Ich weiß nicht genau, welchen Platz sie sich ausgesucht haben. Ich denke, sie sitzen irgendwo in den Bäumen.«
Ray lauschte in die Nacht hinein. Außer dem weit entfernten Lärm der Stadt konnte er keine verdächtigen Geräusche ausmachen. Nur wenige Schritte hinter der Lagerhalle warfen sich seichte Wellen gegen die Kaimauer, ansonsten blieb es still. Dieser alte Teil des Hafengeländes wurde von den Menschen schon seit langem nicht mehr genutzt. In der Ferne flackerten vereinzelt Lichter, die auf der Wasseroberfläche zu tanzen schienen. Es waren die erleuchteten Behausungen auf Falcon’s Eye, der Insel der Besserverdienenden, die auch für Ray und die anderen Krieger eine Heimat war.
Ray verlor das Zeitgefühl. Er wusste nicht, wie lange sie bereits vom Dach des dreistöckigen Gebäudes auf die darunter liegende Straße starrten. Seine Muskeln waren angespannt, er fühlte sich hellwach. Eine Mischung aus Erregung, Anspannung und Vorfreude durchflutete seinen Körper. Er wusste, dass seine Augen aufgrund der Konzentration und der inneren Unruhe gelblich funkelten. Lesward erging es scheinbar wie ihm.
Ray fürchtete sich nicht. Er fürchtete sich nie. Er konnte sich nicht einmal mehr daran erinnern, wann er das letzte Mal das beklemmende Gefühl von Angst in sich gespürt hatte. Er wusste, dass es ihm eines Tages zum Verhängnis werden konnte, aber auch in dieser Nacht rang er seine Emotionen nieder. Es zählte einzig ihre Mission.
Die Haare auf seinen Armen sträubten sich, als er in der Ferne das lauter werdende Geräusch von schlurfenden Schritten vernahm. Er drehte den Kopf und sah, wie sich zwei Gestalten aus der Dunkelheit schälten. Sie waren noch zu weit entfernt, um mehr als ihre vagen Silhouetten erkennen zu können.
Lesward schnaubte. »Ein Mann und eine Frau. Möchte wetten, sie treiben sich heimlich in der Hafengegend herum. Ehebrecher möchte ich meinen.«
Ray bewunderte Leswards scharfe Sinne bisweilen. Erst eine ganze Minute später konnte auch Ray den Hut des Mannes und das wallende Kleid der Frau erkennen. Rays Sinne waren zwar schärfer als die der Menschen, aber Lesward war um Jahrhunderte älter als er und sein Blut war rein. Er konnte in der Dunkelheit perfekt sehen.
Ein glockenreines Lachen hallte von den Häuserwänden wider. Der Mann legte seinen Arm um die Hüfte der Dame, die Ray auf höchstens achtzehn Jahre schätzte. Sie stieß den Arm ihres Begleiters herausfordernd beiseite, lachte ihn dabei jedoch an. Ihr Verehrer drückte sie daraufhin nur noch fester an sich und küsste sie energisch auf den Mund. Arm in Arm verschwanden die beiden hinter der nächsten Ecke. Noch Minuten später konnte Ray ihr angeheitertes Lachen hören.
Ein frischer Wind kam auf. Er peitschte Ray die Haare ins Gesicht. Er fror nicht, trotzdem schloss er die Knopfleiste seines Ledermantels. Plötzlich riss Lesward in einer ruckartigen Bewegung den Kopf nach oben und neigte ihn, als ob er lauschte. Seine gelben Augen zuckten hin und her. Ray erinnerte er in diesem Moment an einen Raubvogel.
»Es kommt jemand«, flüsterte Lesward.
Aus einer Seitengasse, die neben dem Gebäude, auf dem sie sich befanden, in die breite Hafenstraße mündete, tauchten fünf Menschen auf, drei junge Männer und zwei Damen. Sie unterhielten sich flüsternd. Ihre schlurfenden Schritte hallten überdeutlich laut in Rays Ohren. Sie steuerten geradewegs auf die alte Halle zu. Um die Schultern der jungen Frauen hingen Umhänge aus dickem Pelz. Vermutlich gehörten sie zur Oberschicht. Die halbwüchsigen Kerle trugen je einen Rucksack. Ihre Haare waren streng gescheitelt, die Anzüge tadellos.
»Sind sie das?«, flüsterte Ray.
Lesward nickte. »Das sind sie. Sie treffen sich hier, um zu trinken und sich der Wollust hinzugeben. Mehrmals pro Woche kommen sie hierher. Das wissen unsere Feinde auch.«
Ray beobachtete, wie der erste Mann durch ein zersplittertes Seitenfenster in die Halle hinein stieg. Er reichte seiner weiblichen Begleitung eine Hand. Als auch die anderen beiden Männer und die verbliebene Frau im Inneren der Halle verschwunden waren, drang ein schwacher Lichtschein durch die zerstörten Fenster. Vermutlich hatten sie eine Lampe entzündet. Wenn Lesward Recht behielt, würden ihre Feinde ebenfalls bald hier aufkreuzen. Junge Menschen allein in einer abgelegenen Halle – das war ein gefundenes Fressen für diesen Abschaum. Lesward bezeichnete sie auch gerne als die Parasiten der Unterwelt. Sie kamen nachts aus ihren Löchern und vergingen sich an ahnungslosen Menschen. Seit mehr als einem Jahrhundert lieferten sie sich Kämpfe mit dem Orden, in den Ray hinein geboren wurde und der sich seinerseits einen Spaß daraus machte, die Ritter zu töten. Genau genommen gehörten sie allesamt zur selben Art und es handelte sich um Brudermord, aber davon wollte Lesward nichts wissen.
Das Licht im Inneren der Halle flackerte, gelegentlich drangen Wortfetzen oder Gelächter an Rays Ohren. Es dauerte keine halbe Stunde, als sich erneut etwas auf der Straße bewegte. Ray lief ein kalter Schauder über den Rücken. Er krallte sich in den Stuck der Gebäudemauer, bis sich seine Fingerknöchel weiß färbten. Sein Blut schien zu kochen, als er die drei Gestalten beobachtete, die lautlos über die Straße schwebten. Ihre Bewegungen waren schnell, schneller als die der Menschen, und trotzdem von einer Eleganz wie man sie nur bei Raubkatzen findet. Sie trugen lange Mäntel, deren Kapuzen sie tief ins Gesicht gezogen hatten. Sie sahen sich kurz nach allen Seiten hin um, bevor sie ebenfalls durch das zerbrochene Fenster in die Halle eindrangen. Ray knurrte und knirschte mit den Zähnen.
»Da sind sie. Ich will ihr Blut riechen«, sagte er.
Er wollte gerade mit einem gewaltigen Satz vom Dach springen, als Lesward ihn an der Schulter zurück hielt.
»Lass das. Wir wollen da drin keine Panik. Wir warten, bis sie wieder heraus kommen. Lass uns hoffen, dass sie wenigstens den Anstand besitzen, den Menschen anschließend das Gedächtnis zu löschen.«
Wenn sie sie nicht vorher töten, fügte Ray in Gedanken an. Er spürte Wut in sich aufschäumen. Er suchte mit schnellen Augenbewegungen die Bäume und Gebäude rings um die Halle ab. Irgendwo dort hockten sein Vater und die beiden anderen Krieger. Nichts rührte sich. Scheinbar warteten sie auf Leswards Befehl.
Ein spitzer Schrei drang aus dem Inneren der Halle. Danach rumpelte es. Rays Muskeln verhärteten sich, Schweiß trat auf seine Stirn. Lesward saß noch immer regungslos neben ihm, die Beine über die Dachkante baumelnd. Als es abermals rumpelte und jemand hustete, hielt es Ray auf seinem Posten nicht mehr aus. Er stieß sich von der Mauer ab und landete beinahe lautlos auf dem Bürgersteig.
»Bist du verrückt? Komm sofort wieder her«, krächzte Lesward mit gedämpfter Stimme. Ray ignorierte ihn. Er tastete nach den beiden Säbeln, die an seinem Gürtel baumelten und schlich auf das zerbrochene Fenster der Halle zu. Die Reste der Fensterscheiben waren staubblind. Ray spähte durch das Loch. Eine kleine Laterne stand in einiger Entfernung auf dem Boden der Halle. Einer der Anhänger des befeindeten Vampirclans hatte den Arm um die Schultern einer Frau gelegt, ein anderer lieferte sich ein Gerangel mit einem der jungen Burschen.
Rays empfindliche Ohren vernahmen einen leisen Pfiff hinter ihm. Blitzartig drehte er sich um, konnte aber nichts sehen.
»Hier oben«, flüsterte eine Stimme.
In einer der Pappeln hockte sein Vater auf einem Ast. Auch seine Augen glühten gelblich. »Was machst du da unten? Willst du uns verraten?« Er zog die Augenbrauen verärgert zusammen.
Ray schüttelte den Kopf. »Ich kann das einfach nicht mit ansehen.« Er wandte sich ab und machte sich daran, die Halle durch das zerbrochene Fenster zu betreten. Hinter ihm verspürte er einen Luftzug, dann lag eine Hand auf seiner Schulter. Sein Vater war ihm gefolgt. »Du gehst dort nicht alleine hinein. Ray, wie oft habe ich dir schon gesagt, dass du vorsichtiger sein musst. Deine Starrköpfigkeit wird dich eines Tages umbringen.«
Ray ließ sich von seinem Vorhaben nicht abbringen. Sein Vater stieß nur ein kurzes Knurren aus, zog ein Klappmesser aus seiner Tasche und folgte ihm.
Die Halle war groß, und bis auf ein paar Fässer und Kisten, die überall verteilt herum standen, auch vollkommen leer. Ray zog seine Säbel und stürzte sich wütend auf den Vampir, der die Frau belästigte. Sie kreischte, als sie die Waffen sah. Als sie Ray erblickten, machten zwei der drei Vampire einen unmenschlich hohen Satz, hangelten an der Deckenkonstruktion entlang, traten ein weiteres Fenster ein und schwangen sich nach draußen. Ray versuchte nicht, ihnen zu folgen. Er war sich sicher, dass Lesward sich um sie kümmern würde.
Ray griff nach dem Arm des verbliebenen Kerls. Zu seiner Überraschung schien sich dieser nicht einmal wehren zu wollen. Stattdessen zeigte er ihm ein breites Grinsen. Einer der jungen Menschenmänner rannte panisch zum Ausgang, stieß auf seinem Weg aber ein Fass um. Sofort stieg Ray der Geruch von Schwarzpulver in die Nase.
»Pass auf!« Die Stimme seines Vaters klang angstverzerrt. Ray hatte ihn niemals panisch erlebt. Der Vampir, der bis dahin immer noch die junge Frau festgehalten hatte, ließ sie los und griff mit der freien Hand in die Innentasche seiner Jacke. Ray erwartete, dass er einen Revolver zog, deshalb holte er mit seinem Säbel aus. Noch während sich die Klinge in den Hals seines Feindes bohrte, erkannte Ray, dass er keine Waffe, sondern ein kleines Gefäß in der Hand gehalten hatte. Die Szene spielte sich in unendlicher Langsamkeit vor Rays Augen ab. Er hörte, wie sein Vater hinter ihm schrie: »Komm da weg!«
Es war zu spät. Das Glasgefäß fiel zu Boden. Erst jetzt begriff Ray, was geschehen war. Der Vampir hatte die Krieger in eine Falle gelockt, und Ray war geradewegs hinein getappt. Nitroglycerin! Zu dumm, dass die Märchen von der Unsterblichkeit von Vampiren nicht ganz der Wahrheit entsprachen.
Das nächste, an das er sich erinnerte, waren die gewaltigen Schmerzen in seinem Gesicht und seiner linken Brustseite. Er riss die Augen auf. Er wusste nicht, wie er an die Kaimauer geraten war, aber direkt neben ihm schlugen die Wellen gegen das Ufer. Ein entsetzlicher Pfeifton in seinem Kopf übertönte jedes andere Geräusch. Er schmeckte sein eigenes Blut auf der Zunge. Als er den Kopf drehte, klaffte dort, wo sich die Lagerhalle befunden hatte, ein Loch in der Häuserreihe. Plötzlich dämmerte ihm, was geschehen war. Der Sprengstoff hatte ihm den Körper zerfetzt. Der letzte Gedanke, bevor die erlösende Ohnmacht in einhüllte, galt seinem Vater.
Kapitel 1
Fünfzig Jahre später
Sie wollte ihn töten. Ja, sie verspürte den wahrhaftigen Drang, hinaus zu gehen und ihm das Genick zu brechen. Jeden Morgen dasselbe Theater! Dieser grausame Lärm, der auf ihre Nerven einhackte, weckte Aggressionen in Jill.
Sie zog sich die Decke über den Kopf und schrie aus voller Kehle in ihr Kissen. Es tat gut, seinem Ärger Luft zu machen. Sie musste sich wieder beruhigen, ansonsten würde der Hahn des Nachbarn keinen weiteren Sonnenaufgang erleben.
Es half nichts. An Schlaf war nicht mehr zu denken, egal wie fest Jill sich die Decken auf die Ohren presste. Wie konnten nur all die anderen Nachbarn dieses Kikeriki ignorieren? Das Biest würde alsbald jedenfalls nicht aufgeben, Jill in den Wahnsinn zu treiben, deshalb setzte sie sich schlaftrunken im Bett auf. Draußen war es noch fast dunkel. Sie hatte sicherlich nicht mehr als drei Stunden geschlafen. Sie verfluchte sich dafür, die halbe Nacht durch die Wohnviertel geschlichen zu sein, nur um sich den Inhalt halb geleerter Bierflaschen einzuverleiben, die die feiernde Bevölkerung an einem Freitagabend achtlos weggeworfen hatte.
Ihr Kopf schmerzte. Jill strich sich die zotteligen Haare aus dem Gesicht, stieß einen missmutigen Seufzer aus und schlug die Decke beiseite. Dann stand sie auf, schlüpfte in ihre zerschlissenen Pantoffeln und taumelte zur Tür. Sie trat auf den Flur hinaus und lauschte. Aus dem Nebenzimmer drangen keine Laute, ihre Schwester schlief noch tief und fest. Unten aus der Stube hörte Jill das laute Schnarchen ihres Vaters. Vermutlich war er wieder betrunken zu Bett gegangen.
Es war kalt im Haus. Dana musste vergessen haben, am Abend den Kachelofen neu zu bestücken. Wenn ihr Vater erwachte, würde es ein Donnerwetter geben.
Jill zog sich ihr Nachthemd enger um die Schultern und stieg die knarrende Treppe hinunter in die Küche. Sie entzündete eine Petroleumlampe und schlüpfte in ihre Kleidung, die sie in der Nacht über eine Stuhllehne gehängt hatte. Sie wusste, dass sie sich eigentlich hätte waschen müssen, aber Jill verspürte nicht den Drang, das Haus zu verlassen und den ganzen Weg bis zur Wasserpumpe zu gehen. Sie entwirrte notdürftig ihre Haare mit den Fingern und rieb sich das Gesicht. Ihr Blick fiel auf den Herd und die alte Teekanne, die darauf stand. Sie hätte jetzt ein warmes Getränk vertragen können, doch dazu hätte sie Feuer machen müssen. Die Faulheit siegte schließlich. Jill nahm den Teekessel vom Herd. Es war noch Wasser darin. Sie goss sich etwas davon in eine Tasse und trank. Das Wasser schmeckte widerlich abgestanden. Dann setzte sie sich auf den Küchenstuhl, stemmte die Ellenbogen auf die Tischplatte und stützte ihren Kopf mit den Händen. Bald würde ihre Schwester aufstehen und frisches Wasser holen, so lange würde sie noch warten müssen. Wahrscheinlich müsste Jill sich dann wieder das Genörgel anhören, weshalb sie denn bloß so faul sei. Nebenan schnarchte der Vater noch immer.
Jill wusste nicht genau, ob sie eingenickt war, aber als sie hochschreckte, ging draußen bereits die Sonne auf. Sie stieß mit dem Arm versehentlich ihre halb geleerte Tasse vom Tisch, die daraufhin über den Dielenboden polterte und gegen den Metallfuß des Herdes stieß. Das Geräusch durchschnitt die Stille wie ein Peitschenhieb. Nur Augenblicke später vernahm Jill das verärgerte Knurren ihres Vaters aus der angrenzenden Stube. Sie hörte das Knarren des Sofas, dann schlurfende Schritte.
»Jill!« Seine Stimme war tief und laut. Er betrat die Küche, sein Hemd war zerknittert, die Schuhe hatte er scheinbar auch nicht ausgezogen, bevor er eingeschlafen war. Schon aus der Distanz roch Jill den Schnaps in seinem Atem.
»Jill, was soll das? Hast du nicht alle Tassen im Schrank?«
Jill blieb vollkommen ungerührt. »Nein, im Schrank ist die Tasse tatsächlich nicht mehr. Sie liegt unter dem Herd.«
»Wenn du wieder frech wirst, dann kannst du was erleben.« Ihr Vater machte einen bedrohlichen Schritt auf sie zu und hob die Hand, als wolle er sie schlagen. Dann schwankte er jedoch zur Seite und stützte sich gegen den Türrahmen. Jill gab sich unbeeindruckt. Sie kannte die Ausbrüche ihres Vaters nur allzu gut, vor allem, wenn er getrunken hatte.
»Du nichtsnutziges Ding, wie spät ist es?« Seine Worte und Reaktionen waren die eines Säufers, unlogisch und unberechenbar. Jills Blick glitt hinüber zu der Pendeluhr, die über der Kommode in der Küche hing. Sie hatte nie gelernt, eine Uhr zu lesen, doch sie wusste, dass die Position der Zeiger bedeutete, dass es noch furchtbar früh war.
»Entweder machst du dich bald nützlich, oder du fliegst aus meinem Haus!«
»Ohne mich könntest du deinen Suff gar nicht finanzieren, Brad.« Jill verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich im Stuhl zurück. Wenn sie sich mit ihrem Vater stritt, sprach sie ihn grundsätzlich mit seinem Vornamen an. Die Bezeichnung Vater hatte er auch eigentlich gar nicht verdient.
»Ich biete dir ein Dach über dem Kopf.«
Jill machte eine abwertende Handbewegung. »Ich streite nicht mit dir, wenn du betrunken bist.« Sie schob geräuschvoll den Stuhl zurück und stand auf. In diesem Moment hörte sie Schritte auf der Treppe. Nur wenig später erschien ihre Schwester Dana hinter ihrem Vater in der Küchentür.
»Warum müsst ihr euch schon am frühen Morgen anschreien?« Ihre Stimme klang flehend, beinahe weinerlich. Danas Füße waren nackt, die dunkelbraunen Locken unter einer Schlafhaube verborgen.
»Weil deine dumme Schwester sich die halbe Nacht herumtreibt anstatt für ihre Familie zu sorgen«, lallte Brad. »Und kalt ist es hier auch. Kannst du nicht wenigstens das Feuer im Ofen anfachen?«
Jill sog geräuschvoll die Luft ein. »Wessen Aufgabe ist es denn in anderen Familien, das Geld heran zu schaffen? Die der Kinder? Denk mal genau nach, Brad.«
Seine Augen verengten sich. »Ihr seid beide alt genug, um einen Mann zu finden, der sich um unser Haus und den Hof kümmert. Ein alter Mann sollte nicht schuften müssen, bis er in den Sarg steigt.«
Jill verbrannte ihren Vater mit einem bitterbösen Blick. »Alt. Brad, du bist noch nicht alt. Du könntest durchaus arbeiten, wenn du doch nur nicht so viel trinken würdest.« Jill wandte sich um und griff nach der Türklinke der Wohnungstür.
»Möchtest du nicht frühstücken?«, fragte Dana. Es war bewundernswert, wie sehr sich ihre ältere Schwester darum bemühte, die Familie seit dem Tod ihrer Mutter zusammen zu halten. Für Jill gab es da nichts mehr zu kitten. Mehr als eine Zweckgemeinschaft waren sie nicht.
»Ich besorge mir selbst etwas zu essen.« Jill öffnete die Tür zum Hof. Kühle Morgenluft schlug ihr entgegen. Sie hörte, wie jemand hinter ihr in der Blechdose kramte, die immer auf der Kommode in der Küche stand. Dann prallte etwas kleines Hartes gegen ihren Hinterkopf. Sie fuhr herum und bückte sich danach. Es war ein Schilling.
»Geh und bring Milch mit, wenn du wiederkommst. Und wehe du gibst das Geld für etwas anderes aus«, knurrte ihr Vater.
Jill hob das Geldstück auf und steckte es in ihre ausgebeulte Hosentasche. Dann zerrte sie die Milchkanne aus dem kleinen Schuppen hinter dem Haus hervor, öffnete das quietschende Tor zum Grundstück und trat auf die Straße hinaus.
Hier am Stadtrand bewegten sich kaum Menschen auf den Straßen, die meisten waren mit der Bewirtschaftung ihrer Felder und der Versorgung des Viehs beschäftigt. Das Grundstück von Jills Familie verfiel seit Jahren, und Vieh besaßen sie schon lange keines mehr. Die Nachbarn mieden die Familie Tevell, und Jill konnte es ihnen nicht einmal verübeln. Sie mochte diese Gegend nicht, sondern bevorzugte das geschäftige Treiben in der Innenstadt. Dort konnte sie weitgehend anonym untertauchen, dort gab es kein Gerede. Und dort konnte sie am ehesten dem nachgehen, was sie am besten konnte: stehlen. Sie war nicht stolz darauf, aber sie hatte durchaus Talent. Außerdem liebte sie die hohen Häuser, die Geschäfte, die bunten Plakate und die vornehm gekleideten Menschen, die sich in der Stadt tummelten. Manchmal bekam sie sogar eines der neuartigen Automobile zu sehen.
Jill betrat den breiten Bürgersteig der großen Hauptstraße, die Milchkanne baumelte an ihrem Handgelenk. Der Morgen war kühl und der Wind pfiff um die Häuserecken. Es war ein Tag im Spätsommer, trotzdem schaffte es die Sonne nicht, die Luft unter der dicken grauen Dunstschicht aufzuwärmen. Vielleicht würde es ein schöner Tag werden, wenn sich der Nebel gelichtet hatte.
Die ersten Kaufmänner begannen damit, die Schilder und Warenständer vor ihre Geschäfte zu zerren. Der Blumenhändler, der gerade damit beschäftigt war, die Eimer mit den Margeriten neben dem Eingang seines Ladens aufzustellen, warf Jill einen grimmigen Blick zu. Jill überlegte, ob er einen Grund hatte, sie so missmutig anzusehen. Hatte sie ihn kürzlich bestohlen? Sie konnte sich nicht mehr daran erinnern. Vielleicht war er einfach schlecht gelaunt, oder ihm missfiel Jills sonderbares Auftreten. In ihren Herrenhosen und dem groben Leinenhemd wirkte sie nicht sehr damenhaft, aber das war Jill egal.
Ein helles bing bing riss Jill aus ihren Gedanken. Sie wandte den Kopf. Eine Straßenbahn ratterte um die Ecke. Hier in der Innenstadt gab es schon elektrische Bahnen, weiter draußen zogen Pferde die Waggons. Jill sah dem leuchtend grünen Gefährt sehnsuchtsvoll hinterher. Gerne wäre sie einmal mit der Bahn gefahren, aber sie wollte das Geld für ein Ticket nicht achtlos vergeuden. Sicherlich hätte ihr eine solche Fahrt viele Wege erleichtert, doch sie war jung und gut zu Fuß. Kaum jemand konnte so schnell laufen wie sie, nicht einmal die halbwüchsigen Jungen aus ihrer Nachbarschaft.
Nachdem Jill ihren Einkauf beendet hatte, wäre sie gerne noch ein wenig länger in der Stadt geblieben und durch den Park geschlendert, aber sie wusste, dass der Vater zuhause ungeduldig auf seine Milch wartete, deshalb trat sie den Rückweg unverzüglich an. Der Griff der schweren Kanne schnitt ihr in die Handflächen.
Gedankenverloren schlenderte sie die lange Hauptstraße zurück nach Garnick, dem Viertel der Bauern und einfachen Bürger, als sie plötzlich jemand von hinten gegen die Schulter stieß. Jill stolperte und hatte alle Mühe, keine Milch zu verschütten.
»Pass doch auf!«, fuhr Jill den Rüpel an, noch bevor sie sein Gesicht gesehen hatte. Ein hagerer junger Mann stand hinter ihr, die Fäuste in die Luft gereckt, im Gesicht ein boshaftes Grinsen. Seine Haare waren kupferrot, die Ohren standen ihm vom Kopf ab. Jill hätte dieses Gesicht überall wiedererkannt.
»Was willst du, Ricky?« Sie sah ihm herausfordernd in die Augen. Er überragte sie um eine ganze Kopflänge, doch Jill fürchtete sich nicht vor ihm.
»Du schuldest mir noch etwas«, sagte er.
»Tatsächlich? Was soll ich dir denn schulden? Einen Schlag auf die Nase?«
Ricky kam einen Schritt auf sie zu. Die ersten Passanten reckten die Köpfe nach den beiden, gingen jedoch ihres Weges.
»Geld. Für Zigaretten.« Ricky verschränkte die Arme vor der Brust und klopfte mit der rechten Fußspitze ungeduldig auf den Boden.
»Zigaretten?« Jills Stimme kippte. Immer, wenn sie sich aufregte, klang ihre Stimme schrill. »Die Zigaretten waren ein Geschenk. Von Geld war nie die Rede.«
»Seit wann schenke ich dir etwas? Da du mir nicht deine Brüste dafür zeigen wolltest, muss ich eben Geld verlangen.« Er grinste und offenbarte seine schiefen Hasenzähne.
»Du spinnst wohl. Damit du irgendetwas von mir zu sehen bekommst, müsste ich schon sehr betrunken sein. Und jetzt verzieh dich.«
Jill wandte sich um und wollte die Milchkanne wieder aufnehmen, als Ricky diese mit einem Tritt umstieß. Die Milch versickerte im Rinnstein.
»Jetzt reicht’s.« Jill krempelte die Ärmel hoch und holte zum Schlag aus, aber jemand hielt von hinten ihr Handgelenk fest. Ricky rannte davon. Jill drehte sich um. Ein Mann mit Hut und Frack stand hinter ihr. Sein Schnauzbart zuckte verärgert.
»Mach, dass du hier verschwindest, oder ich hole die Polizei«, brummte er. »Eine Prügelei wollen wir hier nicht haben. Das gehört sich außerdem nicht für eine Dame!«
Jill riss ihren Arm los, nahm wortlos die leere Milchkanne auf und setzte ihren Weg fort. Unbändige Wut stieg in ihr auf. Sie achtete nicht auf die Menschen um sie herum, und beinahe wäre sie auf einen kleinen Hund getreten. Seine Besitzerin schimpfte lauthals, aber Jill achtete nicht darauf.
Sie wusste, dass es zuhause ein Donnerwetter geben würde. Sie hatte keine Angst vor Brad, aber es tat ihr leid um ihre Schwester, die nach einem heftigen Streit immer ganz aufgewühlt war und oft stundenlang in ihrem Zimmer saß und weinte.
Als Jill das Bauernviertel Garnick erreichte, war der Vormittag bereits fortgeschritten. Es roch nach Unrat, weil einige der Bäuerinnen die Nachttöpfe im Rinnstein geleert hatten. In der Innenstadt roch es niemals schlecht, dort gab es wenigstens richtige Toiletten. Jill rümpfte die Nase und ging eiligen Schrittes weiter.
Als sie das quietschende Tor zum Hof öffnete, stand Brad bereits im Vorgarten.
»Da bist du ja endlich. Hast du die Milch?«, stieß er hervor und riss Jill die Kanne aus der Hand. »Da ist nichts drin. Was soll das?« Er schlug mit der Kanne nach Jill, aber sie duckte sich rechtzeitig.
»Jemand hat die Milch verschüttet, es war nicht meine Schuld.«
Eine Weile lang sagte er nichts, als müsse er angestrengt über ihre Worte nachdenken. Mittlerweile trug er ein frisches Hemd, vermutlich hatte Dana ihm beim Ankleiden geholfen.
»Das glaube ich dir nicht. Du hast das Geld wieder ausgegeben. Für Drogen nehme ich an.« Seine Stimme wurde lauter.
»Ich nehme grundsätzlich keine Drogen.«
»Egal, wofür du es ausgegeben hast, du sorgst dafür, dass bis heute Nachmittag neues Geld da ist, sonst kannst du heute Abend nicht mehr sitzen!« Er reckte eine Faust in die Luft. Jill ließ sich nicht provozieren, deshalb nahm Brad die Hand wieder herunter. In ruhigerem Tonfall sagte er: »Dana geht gleich hinunter zum Marktplatz. Geld verdienen. Mit ehrlicher Arbeit.« Er betonte seine letzten Worte besonders abfällig. »Du wirst ihr dabei helfen.«
Jill schritt an ihrem Vater vorbei hinter das Haus. Sie hatte mit wesentlich mehr Ärger gerechnet, deshalb wollte sie ihn nicht noch weiter provozieren.
Dana stand mit aufgekrempelten Ärmeln an der Pumpe und gab sich alle Mühe, ihre Waschwanne mit Wasser zu füllen. Sie trug ein einfaches blaues Tuchkleid mit Schürze, auf ihrem Kopf saß ein weißes Kopftuch. Jill lächelte amüsiert. Ihre Schwester bemühte sich, eine redliche Dame zu sein. Manchmal tat sie ihr leid. Seit ihre Mutter gestorben war, fielen ihr sämtliche Aufgaben im Haushalt zu. Wenn Jill nicht diejenige gewesen wäre, die das meiste Geld nach Hause brächte, hätte sie vermutlich ein schlechtes Gewissen gehabt. Doch so verteilten sich die Aufgaben wohl gerecht.
»Hast du keine Kraft in den Armen, Schwesterchen?«, zog Jill sie auf.
Dana ließ den Hebel der Pumpe los. »Wenn du alles besser kannst, kümmere dich doch selbst um die Hausarbeit.« In ihrer Stimme lag Bitterkeit.
»Vater hat gesagt, ich soll mit dir zum Markt gehen.«
»Ich weiß, er war kaum zu überhören.«
Jill glaubte, Missmut in ihrer Stimme zu hören.
»Aber vorher gehst du dich waschen und kämmst dir die Haare«, sagte Dana. »Du vertreibst mir noch die Kunden.«
***
Zwei Stunden später hatte Jill sich die Haare gekämmt und ihrer Schwester zuliebe ein frisches Kleid angezogen. Sie mochte Kleider nicht besonders, weil sie sie beim Klettern und rennen behinderten. Jill betrachtete sich im Spiegel an der Innenseite der Küchentür und musste unwillkürlich lachen.
»Was ist so lustig?«, fragte Dana, die gerade damit beschäftigt war, die Kerzen und Honiggläser in den Handkarren zu laden.
»Ich sehe aus wie ein Mütterchen.«
»Du siehst endlich einmal nach dem aus, was du bist: eine hübsche junge Frau von zwanzig Jahren.«
Jill strich sich über die glatt gekämmten schwarzen Haare. Dana hatte Recht, sie sah aus wie eine anständige Frau im besten Heiratsalter. Jill verzog das Gesicht und schnitt sich selbst Grimassen. Der Gedanke war derart absurd, dass sie sich über sich selbst wunderte. Niemals würde sie heiraten.
»Willst du jetzt albern sein oder mir mit den Gläsern helfen?« Dana wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn.
Jill half ihr, die restlichen Gläser im Wagen zu verstauen. Die beiden Bienenstöcke waren der ganze Reichtum der Familie Tevell. Sie versorgten sie mit Honig, und Dana verkaufte ihre selbst gezogenen Kerzen jede Woche auf dem kleinen Marktplatz von Garnick. Sie verdiente weniger Geld als Jill mit der Stehlerei. Sie wusste, dass es ihre Schwester störte.
Sie verließen den Hof, als die Sonne hoch am Himmel stand. Es war doch noch ein schöner Tag geworden, aber nicht besonders warm. Ein angenehm kühler Wind streifte durch die Gassen.
Der Marktplatz von Garnick lag nicht mehr als zwei Meilen entfernt, sodass sie den schweren Karren nicht allzu weit ziehen mussten. Trotzdem war der Weg beschwerlich, denn weder die Straßen noch der Marktplatz von Garnick waren asphaltiert oder gepflastert. Große und kleine Steine, Löcher und Erhebungen ließen die Gläser unter der Plane beängstigend klirren. Als sie den Marktplatz erreicht hatten, stand Dana der Schweiß auf der Stirn. Sie war nicht besonders sportlich. Jill fragte sich, wie sie es bloß schaffte, diesen beschwerlichen Weg Woche für Woche allein zurückzulegen.
Dana hatte einen kleinen Klapptisch im Karren verstaut. Sogleich machte sie sich daran, ihre Waren darauf aufzubauen. Ein kleiner befleckter Sonnenschirm mit roten Streifen schützte die empfindlichen Bienenwachskerzen vor der Sonne. Sie waren nicht allein, auch andere Bauern und Händler waren gekommen, um ihre Waren feilzubieten. Eine Mannigfaltigkeit verschiedener Gerüche hüllte Jill ein.
»Lederriemen und Seile! Heute besonders günstig!«
»Haare schneiden für Damen und Herren! Kommt heran und lasst euch die Haare schneiden!«
Mit jeder Minute stieg die Anzahl der Menschen, die sich um Jill herum drängten, und auch immer mehr Händler bauten ihre Stände um sie herum auf. Blumen, Käse, Stoffe, Kräuter, Früchte, Hühner und allerhand anderen Krempel gab es hier zu kaufen. Jills Blick streifte neugierig die Waren der anderen Verkäufer.
»Denk nicht einmal dran«, sagte Dana, als sie hinter ihrem Tisch Stellung bezog.
»Wie bitte? Woran denken?« Jill warf ihr einen verwirrten Blick zu.
»Etwas davon zu stehlen.«
»Du hast eine ziemlich schlechte Meinung von mir, Schwesterherz«, sagte Jill empört. »Ich stehle nicht, wenn es nicht unbedingt nötig ist.«
Jill wusste, dass sie sich selbst belog. In Wahrheit liebte sie es, wenn sie sich etwas nur für sich allein gönnen konnte. Einer Zuckerstange oder Zigarette war sie nie abgeneigt. Nicht jeder Penny, den sie ergaunerte, kam der gesamten Familie zugute.
Jill malte mit den Fußspitzen Muster in den staubigen Boden. Sie überließ das Verkaufen ihrer Schwester. Stattdessen machte sie sich Gedanken darüber, wie sie den verlorenen Schilling wiederbeschaffen könnte.
Nach einer endlos langen Weile, in der Jill ihre Schwester beim Verkaufen der Kerzen beobachtet hatte, riss Jill schließlich der Geduldsfaden. »Dana, ich gehe noch einmal in die Stadt hinaus«, sagte sie. Es war keine Frage oder Bitte. Dana wusste, dass Jill ohnehin ihren Kopf durchsetzen würde. Was sollte sie auch weiter hier herumstehen und Maulaffen feilhalten?
Ihre Schwester verengte die Augen und presste die Lippen aufeinander. »Geh nur, du bist mir ohnehin keine Hilfe.«
Jill warf ihr einen entschuldigenden Blick zu und wandte sich ab. Sie wollte ins Stadtzentrum zurückgehen, vielleicht sogar zum Hafen. Wenn sie Glück hatte, traf sie Firio dort. Sie hatte ihn seit Tagen nicht mehr gesehen. Sicherlich würde er sich freuen, wenn Jill ihm ein wenig Gesellschaft leistete.
Sie erreichte die Hauptstraße und mischte sich unter das geschäftige Volk. Kinder mit Zöpfen und Schürzen spielten nahe der Bordsteinkante mit Glasmurmeln, gut gekleidete Herren mit Hüten und Anzügen eilten an ihr vorbei. Alle Geschäfte waren geöffnet, gemusterte Markisen überspannten die Gehsteige, bunte Werbeschilder prangten über und in den Schaufenstern. Die reich mit Stuck verzierten Häuser verfügten über mehrere Stockwerke. Frauen schüttelten Kissen und Decken hinter geöffneten Fenstern aus. Hier wohnten die Bürger, die mehr besaßen als zwei Bienenstöcke und ein heruntergekommenes Bauernhaus. Hier roch es auch nicht nach Unrat.
Jill erreichte einen großen Platz, in dessen Mitte ein Denkmal die Köpfe der Menschen überragte. Es stellte einen Reiter auf einem Pferd dar. Sein Umhang überdeckte den Rücken des steinernen Tieres beinahe vollständig. Er trug ein Schwert an seiner Seite, die Augen blickten streng nach vorn. Jill wusste nicht, wen die Statue darstellte, denn sie konnte die metallene Gedenkplatte auf dem Sockel nicht lesen. Sie war nicht einmal ein Jahr lang zur Schule gegangen, bevor sich ihre Eltern das Schulgeld nicht mehr leisten konnten. Dana war in der Lage, flüssig zu lesen und zu schreiben, doch für die Ausbildung der zweiten Tochter hatte das Geld nicht mehr gereicht.
Jill suchte mit den Augen die Parkbänke ab, die zu Füßen des Reiters den Platz säumten, doch Firio war nicht hier.
Sie setzte ihren Weg zum Hafenviertel fort. Es war ein weiter Weg, sie brauchte beinahe eine ganze Stunde, um endlich die Wasseroberfläche am Horizont aufblitzen zu sehen. Der salzige Geruch des Meeres wurde zunehmend dominanter, je näher sie dem Ufer kam. Hier waren die Gebäude niedriger, große Hallen rahmten die Hafenpromenade ein. Einige Schiffe lagen vor Anker, darunter auch ein imposantes Dampfschiff. Jill stellte sich an eine Kaimauer und beobachtete, wie Männer das Schiff beluden. Fässer wurden hinein gerollt, auch Kisten, Teppiche und Pferde bugsierte man über die Planken. Sie fragte sich, wohin das Schiff fahren würde. Seit ihrer Geburt war Jill nie weiter als bis in die Nachbarstadt gelangt, aber sie hatte Landkarten gesehen, die ganz England und sogar Europa darstellten. Sicher würde ihr nie die Ehre zuteilwerden, einmal mit einem Dampfschiff fahren zu dürfen.
Sie ließ den Blick über die Wasseroberfläche schweifen. In einiger Entfernung glitzerten die blank polierten Scheiben der Villen auf Falcon’s Eye, der Insel der Adligen, in der Sonne wie Diamanten. Nicht einmal bis dorthin war Jill in ihrem Leben je gelangt, obwohl dies sicher keine Schande war. Man bewachte die Insel pedantisch, und Jill kannte niemanden persönlich, der sie je betreten hätte. Man erzählte sich, dass die Behausungen dort durchweg über elektrischen Strom verfügten, beinahe jeder Einwohner besaß ein Automobil.
Sie riss ihren Blick von der Insel los und seufzte. Sie erschrak, denn als sie sich umdrehte, stand Firio direkt hinter hier.
»Hallo Jill, ich wollte dich nicht erschrecken.« Er strahlte sie freundlich an, sein bunter Anzug leuchtete in der Sonne.
»Das hast du aber!« Jills Miene hellte sich auf.
Firio grinste und ein Satz strahlend weißer Zähne lugte durch seinen dichten Bart hervor. »Wie siehst du denn aus?« Er musterte sie von oben bis unten. »Für wen hast du dir die Haare gekämmt und ein Kleid angezogen?« Er stieß sie freundschaftlich in die Seite.
»Ich wollte mit meiner Schwester auf dem Markt Kerzen verkaufen, aber ich habe mich schrecklich gelangweilt dort.«
»Ach Jill, du hast doch ganz andere Talente. Lass uns etwas musizieren gehen. Ich kenne einen tollen Platz.«
Firio klemmte sich sein Akkordeon unter den Arm und ging beschwingt die Straße zurück ins Innere der Stadt. Jill folgte ihm achselzuckend. Sie hatten sich tagelang nicht gesehen, aber Firio fragte niemals nach ihr, auch fragte Jill niemals nach seinem Verbleib oder Befinden. Es war eine so unbefangene Freundschaft, die sie nicht mit lästigen Fragen beschatteten. Firio war Straßenmusiker, aber für Jill war er ein Lebenskünstler. Er nahm die Dinge, wie sie waren. Sie wusste nicht einmal wie alt er war, aber sie schätzte ihn auf Mitte dreißig. Seit zwei Jahren verbrachte sie häufig Zeit mit ihm.
Er bog in eine kleine Gasse ein, deren Ende direkt in die große Hauptstraße mündete. An der Ecke befand sich eine Bibliothek, und direkt davor blieb Firio stehen.
»Hier haben die Menschen noch einen Sinn für die Kunst«, sagte er und begann sogleich damit, ein Lied auf seinem Akkordeon anzustimmen. Jill hätte sich gern mit ihm unterhalten, aber Firio war so unbeständig wie das Wetter im April. Selten konnte man ihn zu einer ernsthaften Diskussion bewegen, aber wenn es diese Momente einmal gab, bemerkte Jill, wie intelligent und gebildet er war. Sie fragte sich, wann er sich für dieses Leben entschieden hatte. Sie wusste, dass er allein in einer kleinen Scheune wohnte. Die Musik war alles, was er hatte und auch sein einziger Verdienst.
Die ersten Menschen warfen Firio einige Münzen vor die Füße. Er bedankte sich und schenkte den Leuten ein strahlendes Lächeln. Ihn interessierte nicht, wie jemand aussah oder woher er kam, das imponierte Jill am meisten.
Als sein erstes Lied endete, wandte er sich an Jill. »Möchtest du nicht zu meinen Liedern singen? Du möchtest doch sicher auch etwas verdienen.«
»Ach Firio, ich kann nicht gut singen.«
»Na und? Ich kann auch nicht gut Akkordeon spielen.« Er zwinkerte ihr zu.
Schließlich ließ Jill sich doch noch dazu hinreißen, das ein oder andere Lied mit ihm anzustimmen. Erst als die Schatten bereits länger wurden, verabschiedeten sie sich voneinander. Jill hatte genügend Geld verdient, um die umgestoßene Milch zu ersetzen, sogar für einen Butterkuchen müsste es reichen. Sie trat den Heimweg an und fragte sich, wie viel Geld Dana wohl verdient haben mochte.
Wahrscheinlich versäuft es unser Vater ohnehin.
***
»Du könntest zur Abwechslung ein freundlicheres Gesicht machen«, sagte Dana und biss in eine Scheibe Brot. Jill rührte gedankenverloren in einer lauwarmen Tasse Tee. Den anderen Arm benutzte sie, um ihren Kopf zu stützen. Sie lehnte mit dem Oberkörper halb auf der Tischplatte. Es war Sonntag, trotzdem war Jill heute Morgen schon früh aus dem Bett gefallen, weil Dana laut mit dem Geschirr geklappert hatte. Der Vater lag noch immer auf dem Sofa in der Stube, er hatte die Nacht in einer Kneipe verbracht.
»Mir ist heute nicht nach freundlich schauen«, knurrte Jill. »Ich habe mich mit kaltem Wasser gewaschen, wie sollte ich da gut gelaunt sein?«
Dana schüttelte missbilligend den Kopf. »Das bist du doch selbst schuld. Das Feuer im Ofen brennt, du hättest dir Wasser heiß machen können.«
Jill schnaubte verächtlich. »Noch früher aufstehen?« Ein scheußlicher Gedanke.
Dana zuckte nur mit den Achseln. Sie stand vom Tisch auf, sammelte Besteck und Geschirr ein und verstaute alles in der kleinen Zinkwannne auf der Anrichte. Dass Jill noch immer nicht mit dem Frühstück fertig war, schien sie nicht zu interessieren.
»Wirst du heute wieder in die Stadt gehen?«, fragte Dana, während sie die unbenutzten Teller zurück in den Schrank stellte.
»Ich weiß noch nicht. Weshalb fragst du?«
»Weil du mir heute helfen könntest. Das Wetter ist gut, ich wollte ein paar Kleidungsstücke waschen und draußen zum Trocknen aufhängen.«
»Sonntags?« Jills Stimme kippte vor Empörung.
»Weshalb denn nicht? Als ob du dich an irgendwelche Tugenden hieltest.« Dana stieß ein kurzes Lachen aus.
Jill konnte sich einen spöttischen Blick nicht verkneifen. »Und ich dachte immer, du wärest diejenige von uns, die so sittsam und korrekt ist. Gerade du, wo du doch nichts tust, das IHN dort oben verärgern könnte.«
Dana schoss das Blut in die Wangen. Schnell wandte sie sich ab, doch Jill hatte es längst bemerkt. Sie gab sich noch nicht zufrieden, sondern holte zu einem weiteren verbalen Schlag aus. »Weshalb gehst du stattdessen nicht in die Kirche? Wenn du dich beeilst, schaffst du es noch rechtzeitig.« Jill wusste genau, dass sie einen wunden Punkt getroffen hatte, doch Dana gab sich tapfer.
»Ich habe keine passende Kleidung«, presste sie mit dünner Stimme hervor.
»Glaubst du, der liebe Gott interessiert sich für einen feinen Fummel? Ich denke, du schämst dich eher vor der Nachbarschaft.«
Danas Lippen waren nun schmal vor Zorn. »Ich diskutiere mit dir nicht mehr darüber. Hilf mir beim Waschen, oder ich erzähle Vater, dass du dich weigerst.«
Jill hatte weder Angst vor einer Standpauke ihres Vaters noch waren ihr die bissigen Kommentare ausgegangen, mit denen sie Dana noch stundenlang hätte ärgern können, doch ihr stand heute nicht der Sinn nach Streit. So fand sie sich eine Stunde später mit einem Korb voll Wäscheklammern im Hof wieder. Dana hockte neben ihr auf dem Boden und schrubbte eine Hose über ein Waschbrett, das in einer Zinkwanne mit Waschwasser steckte.
»Wie lange willst du das eigentlich noch machen?«, fragte Jill. Sie streckte sich und befestigte die Wäscheleine an einer verkrüppelten Kiefer im Garten.
»Bis die Hose sauber ist«, knurrte Dana.
Jill stieß die Luft zischend durch die Zähne aus. »Du weißt genau, was ich meine. Wie lange willst du dich von unserem Vater noch schikanieren lassen?«
Dana hielt die Hose prüfend in die Luft und suchte sie nach Flecken ab. Dann versenkte sie sie wieder im Waschwasser. »Habe ich eine Wahl?«
Jill war nicht sicher, ob es Traurigkeit oder Ärger war, der in ihrem Tonfall lag.
»Du könntest heiraten. Irgendwann bist du zu alt, dann will dich keiner mehr«, stichelte sie.
Dana rollte entnervt mit den Augen. »Auf deine Ratschläge kann ich verzichten. Glaube mir, wenn ich irgendwie die Möglichkeit hätte, aus diesem Leben auszubrechen, hätte ich es längst getan.«
»Du lässt dich von Brad gängeln und schlagen. Weshalb wehrst du dich nicht?«
Dana reichte ihr die tropfnasse Hose. Jill wrang sie aus und klemmte sie an der Leine fest.
»Lass mich einfach in Ruhe«, schnaubte Dana verärgert. »Weshalb befolgst du nicht deinen eigenen Rat und heiratest selbst? Dann kann dein Ehemann sich um dieses Haus kümmern und Geld für uns alle verdienen.« Dana schleuderte ein Hemd ins Waschwasser. Ein zorniges Funkeln glühte in ihren Augen.
»Ich muss nicht heiraten, ich könnte für mich allein sorgen. Ich könnte zu Firio in die Scheune ziehen.«
»Hoffentlich weißt du, dass Vater und ich dann den Hungertod sterben müssten. Wenn es dir so großen Spaß bereitet, uns leiden zu sehen, dann geh.« Danas Gesicht färbte sich rot vor Wut.
»Ach Schwesterherz, du darfst nicht immer alles so ernst nehmen. Du bekommst noch Falten davon, und dann heiratet dich ganz bestimmt niemand mehr. Ich mache doch nur Spaß.« Jill konnte sich ein spöttisches Grinsen nicht verkneifen.
»Ich wüsste nicht, was an unserer Situation so komisch sein sollte. Du musst langsam erwachsen werden.« Dana reichte ihr das letzte Kleidungsstück, welches sie nur noch lieblos durchgewaschen hatte.
»Und du solltest langsam lernen, deine Naivität abzulegen. Mit Ehrlichkeit kommt man in dieser Welt leider nicht weit. Es ist traurig, aber leider wahr.«
Ein Ausdruck der Empörung trat auf Danas Gesicht. »Willst du damit sagen, ich soll es so machen wie du? Nein danke. Ich weiß, dass wir ohne das Geld, das du nach Hause bringst, nicht überleben könnten, aber es bereitet mir Bauchschmerzen.«
Dana zerrte die Wanne bis an den Zaun und kippte das Wasser in den Rinnstein. Jill legte den Korb mit den Wäscheklammern beiseite und trat vor ihre Schwester.
»Das Leben ist ein Buffet. Du musst schon aufstehen und dir etwas von den Köstlichkeiten nehmen, sonst wirst du hungern müssen und ein anderer nimmt deine Portion.«
Als Dana daraufhin nichts erwiderte, öffnete Jill das Gartentor und trat hinaus auf die Straße, ohne sich noch einmal umzudrehen.
Sie hatte kein Ziel vor Augen, sie wollte bloß weit weg von Dana und ihrem Vater. Sie kannte sich aus in den Straßen von Haven, trotzdem trugen ihre Füße sie immer wieder an neue Plätze. Die Stadt war groß und es gab jederzeit etwas Neues zu entdecken. An einem Sonntag wie diesem bewegten sich nur wenige Menschen über die Gehsteige, selbst die Pferdebahnen und elektrischen Straßenbahnen verkehrten nicht. Sie seufzte. Ihr tat es leid, dass sie ihre Schwester wieder einmal verlacht hatte, trotzdem konnte sie einfach nicht verstehen, weshalb Dana ihr Schicksal nicht selbst in die Hand nahm. Sie musste dringend einen Mann finden, der den Hof übernahm, andernfalls bliebe auch Jill nichts anderes übrig, als weiterhin stehlen zu gehen. Sie sehnte sich nach nichts mehr als Unabhängigkeit und Freiheit. Vielleicht sollte sie tatsächlich in Erwägung ziehen, ihr Leben endlich selbst in die Hand zu nehmen …
***
Als sie am Nachmittag in das Haus der Familie Tevell zurückkehrte, ahnte Jill bereits nichts Gutes. Sie hatte sich stundenlang in der Stadt herumgetrieben und ein paar Groschen erbeutet. Ihr Handwerk hatte sich heute als äußerst profitabel erwiesen. Sie hatte genug Geld ergaunert, um sich eine frische Pastete leisten zu können. Es war sogar noch so viel Geld übrig, dass sie sich ohne ein schlechtes Gewissen damit zuhause blicken lassen konnte.
Doch ihre Stimmung sank sogleich, als sie die Küche betrat. Aus der Stube drangen das Gebrüll des Vaters und die wimmernde Stimme ihrer Schwester. Ein Knall ertönte, gefolgt von einem spitzen Schrei.
»Du dummes Weib, was hast du mit dem Geld gemacht?« Brads laute tiefe Stimme fuhr Jill durch Mark und Bein. Vorsichtig näherte sie sich der Tür zur Stube.
»Ich habe nicht mehr verdient, ehrlich! Ich habe nichts davon ausgegeben.« Danas Stimme zitterte.
Die beiden bemerkten nicht, dass Jill den Raum betrat. Dana kniete vor dem Kachelofen, das Gesicht rot und verheult. Brad stand drohend über ihr, die krausen Haare wirr vom Kopf abstehend. Sein Gesicht konnte Jill nicht erkennen, denn er wandte ihr den Rücken zu.
»Ich habe kein Geld. Ich habe es einfach nicht«, wiederholte Dana ihre Worte und schlug die Hände vors Gesicht. Gerade, als Brad zu einem weiteren Schlag ausholte, sagte Jill mit lauter Stimme: »Ich habe das Geld.«
Der Vater fuhr herum. »Du hast das Geld? Das hätte ich mir denken können! Willst du auch ein paar Schläge?«
»Wage dich, mich anzufassen, und ich schwöre dir, es wird dir nicht bekommen«, zischte Jill. Sie legte das frisch gestohlene Geld auf den Wohnzimmertisch. Als Brad es zählte, schien sich sein Gemüt wieder zu beruhigen.
»Das ist mehr als ich erwartet habe. Wieso hast du nicht gleich gesagt, dass Jill es hat?«, fragte er an Dana gewandt.
Dana hatte indes aufgehört zu wimmern, erwiderte jedoch nichts. Brad steckte das Geld in seine Tasche und verließ das Haus durch die Tür zum Hof, die hinter ihm donnernd ins Schloss fiel.
»Danke«, flüsterte Dana. »Das hättest du nicht tun müssen.«
Jill setzte sich auf die Holzbank neben dem Ofen. »Hast du wirklich kein Geld gehabt?«
Dana schüttelte vehement den Kopf. »Nein. Vater glaubt, ich hätte die Einnahmen vom Verkauf der Kerzen für mich selbst behalten, dabei läuft das Geschäft mehr als schlecht. Ich würde es nie wagen, das Wenige, das ich verdiene, für mich selbst auszugeben.«
Jill runzelte die Stirn. »Ich war wirklich guten Mutes, als ich heimkehrte, aber immer wieder vergiftet mir dieses Haus die Laune. Ich halte es bald nicht mehr aus.« Es lag mehr Bitterkeit in ihrer Stimme als beabsichtigt.
Dana legte ihre kleine weiße Hand auf Jills Unterarm. Die Berührung war kühl und ungewohnt. Unwillkürlich zuckte Jill zurück.
»Du wirst doch deine Drohung nicht wahr machen, oder?« Dana warf Jill einen flehenden Blick zu.
»Von welcher Drohung sprichst du?«
»Dass du weggehen möchtest, zu Firio.«
Jill schmunzelte. »Nein. Vorerst gehe ich nicht weg. Uns wird schon eine Lösung einfallen.«
Jill war die Berührung ihrer Schwester unangenehm. Sie spürte, dass es Dana nicht gut ging, aber Jill empfand die Nähe anderer Menschen als bedrohlich. Sie wusste, dass Dana sich nach einer Umarmung sehnte, aber das war eindeutig zuviel verlangt. Jill stand von der Bank auf und verließ das Haus, ohne sich noch einmal nach Dana umzudrehen.
Ihre Schwester hatte sie auf eine Idee gebracht. Firios Gesellschaft würde ihr nun gut tun. Der unbeschwerte Musiker mit seiner sorglosen Art war jetzt genau das, was Jill brauchte. Obwohl ihr noch immer die Beine und Füße schmerzten, nahm sie erneut den weiten Weg in die Innenstadt auf sich.
Jill vermutete zwar, dass sie Firio nicht bei den Parkbänken unter dem Reiterdenkmal oder vor der Bibliothek finden würde, trotzdem schritt sie alle Plätze ab, die der Musiker für gewöhnlich nutzte, um die Passanten mit seinen Liedern zu erfreuen. Es war Sonntag und die meisten Menschen saßen nachmittags bei Tee und Kuchen anstatt durch die ausgestorbene Stadt zu flanieren. Wahrscheinlich musizierte Firio heute nicht. Jill seufzte und beschloss, sich auf den Weg hinunter zum Meeresufer am südöstlichen Ende der Stadt zu machen. Dort lebte Firio in einer alten Scheune, die die Besitzer des Grundstücks nicht nutzten und ihm zur freien Verfügung überlassen hatten.
In der Nähe des Wassers waren die Häuser niedriger und bei weitem nicht so alt. Hier gab es nur wenig stuckverzierte Gebäude, sondern größtenteils Flachbauten aus Holz oder Ziegelsteinen neueren Datums, weil die Herbststürme und die feuchte Witterung jegliches Gemäuer mit der Zeit zerstörten. Manchmal gab es sogar eine Flut, deshalb gab es ganz nahe am Wasser kaum noch Gebäude.
Jill passierte die Überreste einer alten Lagerhalle, die vor einigen Jahrzehnten abgebrannt war. Junge Burschen hatten sie damals in Brand gesteckt, vermutlich war es eine Mutprobe gewesen. Sie waren allesamt dabei ums Leben gekommen. Man erzählte sich noch heute die Geschichte. Jill wandte den Blick schaudernd von der Ruine ab.
Die Schatten wurden bereits länger, als Jill die kleine Scheune erreichte, in der Firio lebte. Sie stand ganz dicht am Wasser, eines der wenigen noch existierenden Gebäude auf einer kleinen Landzunge, die noch nicht vom Sturm verschluckt worden waren. Das stete Rauschen des Wassers wirkte beruhigend auf Jill. Die Scheune bestand nur aus einem einzigen Raum. Firio hatte ihr einmal erzählt, dass die Besitzer hier ursprünglich Fischernetze gelagert hatten. Der Geruch von Fisch sei seitdem nicht wieder heraus zu bekommen, egal wie gründlich man lüftete.
Jill rüttelte an der Tür, aber niemand öffnete. Es brannte auch kein Licht. Wo konnte Firio an einem Sonntag bloß sein?
Sie setzte sich auf einen Felsen neben der Hütte. Vielleicht würde Firio tatsächlich bald wiederkehren. Sie betrachtete die Wasseroberfläche, die im sterbenden Licht der untergehenden Sonne glitzerte wie tausend goldene Juwelen. Es war ein lauer Spätsommerabend. Das Rauschen des Meeres und die Rufe der Möwen wirkten beruhigend auf Jill. Vorsichtig stand sie von ihrem Platz auf dem Stein auf und balancierte hinunter bis zum Ufer. Dann zog sie einen ihrer Stiefel aus und benetzte ihren nackten Fuß mit Wasser. Es war überraschend warm. Jill legte auch ihren anderen Stiefel auf einen kleinen Felsvorsprung und setzte sich daneben, beide Füße hingen bis zu den Waden im Wasser.
Der Abend kroch über das Land, und die Nacht folgte ihm auf den Fersen. Noch immer war Firio nicht zurückgekehrt. Jill verspürte nicht den geringsten Drang, nach Hause zu gehen, obwohl der Mond bereits aufgegangen war. Sie kletterte behutsam zurück hinauf zur Straße, mit den Händen und den nackten Füßen stets nach einem sicheren Halt zwischen den Gesteinsspalten suchend. Die Straße war menschenleer. So weit unten am Hafen gab es keine Laternen mehr, sodass der Mond und die fernen Lichter auf der Insel Falcon’s Eye die einzigen Lichtquellen waren. Jill hatte noch einen weiten Heimweg vor sich und in der Dunkelheit war Haven kein schöner Ort, erst recht nicht für eine Frau. Allerhand Gesindel kroch nachts aus seinen Löchern, die Betrunkenen waren noch das kleinere Übel. Jill war nur eine Kleinkriminelle, nichts im Vergleich zu den Schlägern und Frauenschändern, die sich im Schutze der Dunkelheit auf den Straßen herumtrieben. Doch Jill hatte sich noch nie vor der Dunkelheit gefürchtet. Oft war sie nachts umhergezogen, und das ein oder andere Mal hatte sie dabei auch unangenehme Bekanntschaften gemacht.
Jill sah sich nach allen Seiten hin um. Das stete Rauschen des Wassers, das sich in seichten Wellen gegen die Felsen warf, war das einzige Geräusch, das diese laue Nacht erfüllte. Niemand außer ihr war hier. Geleitet von einer fixen Idee stieg sie zurück hinunter zum Ufer. Dort streifte sie sich ihre Hose ab, dann knöpfte sie das alte Leinenhemd auf und legte es zu ihren Stiefeln. Auch des Schlüpfers und des Unterhemdes entledigte sie sich, bis sie vollkommen nackt am Ufer stand. Unter dem Deckmantel der Nacht setzte sie einen Fuß vor den anderen, bis nur noch ihr Oberkörper aus dem Wasser ragte. Der Boden unter ihren Füßen fiel nur leicht ab, sodass sie sich bald weit draußen vor der Küste befand. Dann ließ sie sich vollständig ins Wasser sinken und schwamm ein paar Züge. Schon bald hatten sich ihre schweren Haare mit dem kühlen Nass vollgesogen. Das Mondlicht ließ ihre Haut absonderlich weiß erscheinen. Erst als Jill nach einigen Minuten den Rückweg antrat, fiel ihr ein, dass sie nichts bei sich hatte, womit sie sich hätte abtrocknen können. Ihre spontanen Einfälle hatten sie so manches Mal in unangenehme Situationen gebracht.
Jill näherte sich dem Ufer und watete zurück zu der Stelle, an der sie ihre Kleidung abgelegt hatte. Schon von weitem bemerkte sie, dass etwas nicht stimmte. Dann sah sie die dunkel gekleidete Gestalt, die genau neben ihren Habseligkeiten stand und sie zu beobachten schien. Ihr fuhr der Schreck wie ein Messer in den Leib. Sofort begann ihr Herz zu rasen, doch nach einigen Augenblicken sinnloser Panik zwang sie sich, Ruhe zu bewahren. Sie ging in die Knie, bis nur noch ihr Kopf aus dem Wasser ragte. Sie hatte sich bis auf wenige Yards dem Fremden genähert, konnte dessen Gesicht jedoch noch immer nicht erkennen. Jill schlussfolgerte angesichts seiner Größe und Statur, dass es sich um einen ausgewachsenen Kerl handelte. Sekundenlang schwiegen sie sich an, bis der Typ schließlich aus seiner Starre erwachte. Er hob Jills Hemd auf, das zu seinen Füßen gelegen hatte und wedelte damit in der Luft herum.
»Suchst du das hier, meine Schöne?« Seine Art zu sprechen erinnerte sie an ein Wiesel oder einen Fuchs, obwohl sie freilich niemals ein Tier hatte sprechen hören. Aber genau so stellte sie sich die Stimme des Fuchses in den zahlreichen Fabeln vor, die ihre Mutter ihr damals erzählt hatte.
»Entfernen Sie sich sofort von meinem Eigentum«, sagte Jill mit kalter Stimme. »Schämen Sie sich denn nicht?«
Der Mann stieß geräuschvoll die Luft durch die Zähne aus. »Schämst du dich denn nicht? In dieser gefährlichen Gegend badet man als Frau nicht nackt, und erst recht nicht nach Einbruch der Nacht.«
»Was ich tue oder nicht, geht Sie nichts an. Und jetzt verschwinden Sie.«
Jill schlang die Arme um ihren Oberkörper. Das Wasser entzog ihr stetig die Körperwärme, sie musste sich beherrschen, nicht mit den Zähnen zu klappern.
»Komm doch heraus und hole dir deine Sachen persönlich ab. Ich werde sie solange bewachen.«
Sie holte mit der Hand aus und spritze dem widerlichen Kerl einen Schwall Wasser entgegen, doch dieser gab sich unbeeindruckt. Dies war einer der seltenen Augenblicke, in denen Jill ehrliche Verzweiflung packte.
Eine kalte, boshafte Lache erklang. »Komm heraus, ich werde dir nichts tun.«
»Hallo, kann mir jemand helfen?« Jill rief aus voller Kehle, aber niemand antwortete ihr.
»Nun, meine Süße, du hast dir keinen guten Platz zum Baden ausgesucht. Hier ist niemand, der dir hilft.«
Allmählich nahm das Zittern zu, Jill spürte ihre Zehen nicht mehr. Ihr war so kalt, dass sie sich einer Ohnmacht nahe fühlte.
Es nutzte nichts. Wenn sie weiter auskühlte, war sie dem Rohling erst recht ausgeliefert. Wenn sie stattdessen jetzt herauskam, hatte sie vielleicht noch eine Chance, ihm davonzulaufen. Sie raffte all ihren Mut zusammen und ging auf das Ufer zu. Jetzt konnte sie das Gesicht des Mannes erkennen. Er war wahrlich keine Schönheit. Schulterlanges, fettiges Haar hing ihm wie ein Vorhang ins Gesicht. Seine schmalen Augen fixierten Jills Brüste, als sie auf ihn zukam. Jill bemühte sich nicht, ihre Blöße vor ihm zu verbergen, dadurch hätte sie ihm vermutlich noch mehr Freude bereitet. Obwohl ihre Beine nicht nur vor Kälte zitterten, zog sie sich ans Ufer hinauf und versuchte, so schnell wie möglich die Felsen zu erklimmen und die Straße zu erreichen. Ihre Nacktheit kümmerte sie nicht weiter, abgesehen von dem kühlen Wind, der ihr auf der nassen Haut eine Gänsehaut bescherte. Sie wollte von diesem Ort verschwinden, alles andere war ihr egal. Notfalls würde sie auch nackt nach Hause laufen, auch wenn sie ihrem Vater dann endgültig den Beweis für seine Anschuldigung lieferte, sie würde sich prostituieren.
Jill hätte sich denken müssen, dass der Kerl sie niemals kampflos würde gehen lassen. Schon spürte sie eine Hand an ihrem Knöchel. Mit dem freien Fuß trat Jill um sich, traf jedoch nur Luft. Mit roher Gewalt zerrte der Mann an ihrem Fuß, bis siel den steilen Hang hinunter glitt. Steine schlugen ihr mehrmals gegen Knie und Ellenbogen, die Haut an ihren Händen schürfte ab. Der Mann griff um ihre Taille, er roch nach Schnaps und Schweiß. Jill stieß einen Schrei aus. Dies war nicht der Moment für falsche Eitelkeiten. Sie wand sich in seinem Arm, trat ihm vor die Beine und krallte sich in seine Haare, doch der Kerl gab nicht auf. Jill rechnete mit dem Schlimmsten. Weshalb nur war sie so unvorsichtig gewesen? Dieser Fehler hätte ihr niemals unterlaufen dürfen.
»Lass mich los, du Penner!«
Seine rechte Hand packte und knetete ihre Brust. Ein Ekelgefühl überwältigte Jill, bis ihr übel wurde. Sie wollte nur noch nach Hause.
Sie hatte die Augen bereits in Erwartung des Unumgänglichen geschlossen, als der Kerl sie plötzlich losließ und ein ersticktes Keuchen ausstieß. Jill taumelte zur Seite und prallte gegen einen Felsen. Im Mondlicht beobachtete sie, wie sich eine weitere Person näherte und dem ungehobelten Rüpel mit der Faust gegen den Kopf schlug. Der Getroffene schrie auf, fuhr sich mit der Hand ins Gesicht und kroch dann den Hang hinauf. Binnen weniger Sekunden war er verschwunden. Jill hörte seine sich entfernenden Schritte auf der Straße. Der Mann, der ihn verjagt hatte, war groß, beinahe ein Riese. Er überragte sie um zwei Kopflängen. Seine Schultern waren breit, seine langen dunklen Haare zu einem Zopf gebunden. Vorsichtig näherte er sich und streckte Jill eine seiner massigen Hände entgegen. Zögernd ließ sie sich auf die Beine helfen. Sie war noch immer nackt, aber niemals zuvor hatte sie sich so erleichtert gefühlt. Sie hob den Blick. Der Mann, der mit einem milden Lächeln im Gesicht vor ihr stand, räusperte sich verlegen.
»Ich habe deine Rufe gehört.« Seine Stimme glich einem tiefen Schnurren. »Es tut mir leid, das ist sicher keine schöne Situation, um sich kennenzulernen.«
»Ist schon gut. Danke.« Jill nahm ihre Kleidung vom Boden auf und schlüpfte zuerst in ihre Hose. Wenigstens war ihre Haut mittlerweile trocken. Sie spürte die Blicke des Fremden auf ihrem Körper. Er untersuchte sie mit den Augen, schien jede Narbe und jede Unebenheit in sich aufzusaugen und sich ins Gehirn zu brennen. Es war fast vollkommen dunkel, trotzdem hatte Jill das Gefühl, dass er sie ganz genau beobachtete. Hastig zog sie ihr Hemd über und strich sich die nassen Haare aus dem Gesicht.
»Was hast du denn allein um diese Zeit am Hafen verloren? Das ist keine sichere Gegend für eine junge Frau«, sagte er.
Jill musterte den Mann. Er war gut gekleidet und verströmte einen Geruch nach teurem Parfum. Sie wusste nicht weshalb, aber sie fühlte sich von diesem Koloss keineswegs bedroht. Er strahlte Ruhe und Selbstsicherheit aus.
»Ich bin im Meer geschwommen. Es war eine dumme Idee.«
»Allerdings. Aber weshalb mitten in der Nacht?«
Jill rechtfertigte sich von Natur aus nicht gerne, aber sie glaubte, dass sie ihrem Retter eine Antwort schuldig war.
»Ich habe auf einen Freund von mir gewartet, aber er ist nicht gekommen. Er wohnt dort oben in der alten Scheune.«
Jill sah in den Augen des Mannes kurz etwas aufblitzen, das sie nicht zu deuten imstande war. Es war, als läge Wissen in seinem Blick.
»Er wird bestimmt wiederkommen. Mach dir keine Sorgen.«
»Ich gehe jetzt besser nach Hause.« Jill verspürte nicht den Drang, sich weiter mit ihm zu unterhalten.
»Ich könnte dich heimbringen«, sagte er, als Jill sich bereits zum Gehen abwandte. Sie drehte sich noch einmal um.
»Woher soll ich wissen, ob du nicht die gleichen Absichten hegst wie der Kerl, den du verjagt hast?« Da der fremde Mann ihr von sich aus sofort das du angeboten hatte, sah sie keinen Grund für Höflichkeiten. »Ich weiß nicht, was du für deine Hilfe verlangst, aber ich habe kein Geld. Und ich werde meine Hose nicht noch einmal für dich ausziehen, falls du das dachtest.«
Der Mann lächelte verlegen. »Nein, das darfst du nicht falsch verstehen. Ich verlange überhaupt nichts von dir. Ich möchte bloß, dass du sicher nach Hause kommst.« Er trat einen Schritt auf sie zu. »Du scheinst ein kesses Mädel zu sein, solche Frauen imponieren mir.« Sein Blick glitt über ihre löchrige Hose. »Zu schade, dass du dich nicht deiner natürlichen Schönheit entsprechend kleidest.«
Jill schnaubte. »Meine Familie ist arm. Ich kann mir weder teure Kleidung noch Parfum leisten. Ich bin kein Umgang für dich. Und ich kann schnell laufen, ich werde schon allein nach Hause kommen. Mach dir keine Sorgen.«
Sein Gesicht verzog sich zu einem schelmischen Lächeln. »Kannst du nicht einfach ein Kompliment annehmen? Ist es denn so schwer für dich? Ich wollte nur höflich sein. Mir scheint, dir ist es unangenehm, wenn jemand freundlich zu dir ist. Du musst wahrlich kein schönes Leben führen.«
Jill verschränkte die Arme vor der Brust und bedachte ihn mit einem anklagenden Blick. »Wenn du höflich wärest, hättest du mir deinen Namen genannt.«
»Ich entschuldige mich vielmals. Mein Name ist Cryson.« Er deutete eine Verbeugung an. »Und wie heißt du?«
»Jill.«
»Ein einfacher, aber kräftiger Name. Freut mich, dich kennenzulernen, Jill.«
Ihr fehlten zum ersten Mal in ihrem Leben die passenden Worte. Alles, was sie zustande brachte, war ein Nicken.
»Nun, hübsches Mädchen Jill, wenn du tatsächlich keinen Geleitschutz haben willst, dann lass mich dir wenigstens etwas schenken.« Er steckte seine Hand in die Innentasche seines teuren Mantels und zog einen kleinen Gegenstand heraus. Er blitzte im Mondlicht und war beinahe so groß wie Jills Hand. Wie gebannt starrte sie auf dieses Ding, das aussah, als hätte jemand mehrere Metallröhrchen aneinander geklebt. Er drückte ihr das Teil in die Hand. Es war schwer.
»Was ist das und was soll ich damit?« Es war ihr unangenehm, etwas geschenkt zu bekommen.
»Das ist ein Musikinstrument. Eine Flöte.« Er nahm Jills Hand und schloss sie um das Instrument, dann führte er sie sacht an Jills Mund heran. Nach einigen Versuchen schaffte sie es, durch Blasen in das eine Ende des Instruments einen sauberen Ton zu erzeugen.
»Es ist wunderschön, aber das kann ich nicht annehmen.«
»Doch, das kannst du. Verliere die Flöte nicht. Sie ist wertvoll. Wenn du wieder einmal Hilfe benötigst, kannst du darauf spielen.« Er zwinkerte ihr zu.
Jill stieß ein keuchendes Lachen aus. »Und dann kommt der Geist aus der Lampe, um mir zu helfen?«
Cryson verdrehte die Augen. »Natürlich nicht. Nimm das Geschenk bitte an. Einer hübschen Frau macht man doch Geschenke.«
Jill spürte, wie ihr das Blut in den Kopf stieg. Es war ein Gefühl, das sie nicht kannte. Sie steckte die Flöte in ihre Hosentasche.
»Dann bedanke ich mich dafür.« Sie warf ihm einen skeptischen Blick zu. »Bist du von der Polizei?«
Cryson runzelte die Stirn. »Wie kommst du denn darauf? Hast du etwas zu verbergen?«
Jill schüttelte den Kopf. »Zumindest jetzt gerade nicht.« Cryson nickte wissend. »Nun geh schnell heim, kleine Jill.« Er wandte sich ab und winkte ihr über die Schulter hinweg noch einmal zu. Den ganzen Heimweg lang dachte Jill unentwegt darüber nach, was ein wohlhabender Mann in der Nacht am Hafen zu suchen hatte. Ein gutaussehender wohlhabender Mann wohlgemerkt. Zudem konnte sie sich des Gefühls nicht erwehren, dass er sie noch immer verfolgte. Ein Schauder lief ihr über den Rücken, aber es war kein Schauder der Angst, sondern einer der freudigen Verlegenheit.
Kapitel 2
Waren das etwa dunkle Schatten, die unverblümt ihre Augen umspielten?
»Meine Güte, ich sehe schrecklich aus.« Jill schlug mit der flachen Hand auf die Wasseroberfläche und zerstörte ihr Spiegelbild. Dann tauchte sie beide Arme bis zu den Ellenbogen in den gefüllten Eimer und benetzte ihren gesamten Kopf mit Wasser. Es war eiskalt. Sie würde dringend mehr schlafen müssen, wenn sie nicht wollte, dass ihr Körper bald seinen Dienst versagte. Wieder einmal hatte sie der Gockel von nebenan aus den Federn gescheucht, aber die Schuld an ihrem Zustand gab Jill diesmal einzig und allein sich selbst.
Sie nahm das Tütchen mit dem Haarwaschpulver, das sie aus dem Zimmer ihrer Schwester stibitzt hatte, von dem kleinen Metallhocker im Hinterhof und rieb es in ihre Haarpracht. Schnell hatte sich der Schaum vor Schmutz dunkel gefärbt. Jill stöhnte. Ihr Hals kratzte und ihr Kopf schmerzte. Wahrscheinlich hatte sie sich bei ihrem nächtlichen Badeausflug erkältet. Es war noch früh am Morgen, ihren Vater hatte Jill seit dem Vortag nicht mehr gesehen. Sie hatte auch aufgehört, sich darüber zu wundern. In der letzten Nacht war sie froh gewesen, dass er nichts von ihrer Unternehmung mitbekommen hatte.
Jill nahm den Eimer in beide Hände und schüttete sich dessen Inhalt über den Kopf. Ihr stockte der Atem und ihr Herz machte einen Sprung. Das Wasser war wirklich unsagbar kalt, aber sie war zu faul gewesen, um es über dem Feuer zu erwärmen. Als auch der letzte Rest des Schaums im Rinnstein verschwand, wrang Jill ihre Haare aus und machte sich eifrig daran, sie mit den Fingern zu entwirren. Es nutzte nicht viel, sie würde in jedem Fall eine Bürste benötigen, um die Knoten zu lösen.
»Was machst du denn so früh am Morgen schon am Brunnen?«
Jill fuhr vor Schreck zusammen und drehte sich um. Ihre Schwester stand im Nachthemd auf der Hintertreppe und warf ihr fragende Blicke zu.
»Das siehst du doch, ich wasche mich.« Es klang harscher als beabsichtigt.
»Ist das dort etwa ein sauberes Kleid?« Ihre Schwester deutete auf das sorgsam zusammen gefaltete Kleidungsstück, das auf dem Metallhocker lag. Sie schien den Anblick belustigend zu finden, denn ein Kichern entwich ihrer Kehle.
Jills Augen verengten sich vor Zorn. »Ja, das siehst du doch.«
Dana schüttelte den Kopf, aber ihre Lippen umspielte ein Schmunzeln. »Es sieht dir einfach nicht ähnlich. Wirst du nun endlich erwachsen?«
Jill griff nach dem Kleid, stieg die Treppe hinauf und stapfte an Dana vorbei. Sie war wütend auf ihre Schwester, auch wenn sie sich nicht einmal erklären konnte, weshalb. Sie fühlte sich ertappt.
»Hey, du hast etwas vergessen.« Dana stieg die Treppe hinab und hob etwas vom Boden auf. Es war das kleine Instrument, das Cryson Jill in der Nacht zuvor geschenkt hatte. Jill machte auf dem Absatz kehrt und stürzte zurück, mehrere Stufen auf einmal nehmend. Sie riss Dana die Flöte aus der Hand und hängte sich den Lederriemen, an dem das Instrument baumelte, um den Hals.
»Wo hast du das gestohlen?« Danas Blicke hafteten auf der goldenen Flöte. In ihrer Stimme lag ein Hauch von Ehrfurcht.
»Ich habe sie nicht gestohlen. Jemand hat sie mir geschenkt«
»Hör auf zu lügen, wer sollte dir etwas so Wertvolles schenken?«
»Das geht dich überhaupt nichts an. Aber falls es deine Neugier befriedigt: Es war ein hübscher reicher Gentleman.«
Jill ignorierte Danas weitere Kommentare und ging hinauf in ihr Zimmer. Dort streifte sie ihr Nachthemd ab und schlüpfte in das Kleid, das sie seit Jahren nicht getragen hatte. Es passte ihr immer noch. Es bestand aus grünem Leinen, der Saum reichte ihr bis an die Knöchel. Sie ließ sich auf die Knie sinken und zog eine kleine Holzschatulle unter ihrem Bett hervor. Sie kramte und wühlte in ihren wenigen Habseligkeiten und zog schließlich eine Haarbürste hervor.
»Da ist sie ja.«
Jill hatte sie lange Zeit nicht mehr benutzt. Ihr Haar machte nicht oft Bekanntschaft mit einer Bürste, und wenn, dann übernahm meistens ihre Schwester das Kämmen für sie, natürlich nicht ohne Jills laute Proteste.
Sie setzte sich auf die Bettkante und begann, ihre Haare zu frisieren. Dabei dachte sie darüber nach, wie sie den heutigen Tag verbringen würde. Sie hätte nachsehen können, ob Firio zurückgekehrt war. Vielleicht erbeutete sie auf dem Weg dorthin den einen oder anderen Schilling. Heute war ein Werktag, es würden sich wieder viele Menschen auf den Straßen von Haven tummeln. Seltsamerweise verspürte Jill keine Vorfreude. Sie verspürte nicht einmal Lust, den Weg bis in die Innenstadt zurückzulegen. Sie fühlte sich nicht gut. Fieberte sie vielleicht sogar? Jill griff sich mit der Handfläche an die Stirn. Sie war ganz kühl. Wenn sie sich entschied, das Haus heute nicht zu verlassen, würde Dana sie sicherlich zur Hausarbeit heranziehen. Vielleicht würde sie ihr sogar beim Kerzenziehen helfen müssen. Kein schöner Gedanke.
Jill seufzte. Sie legte die Bürste beiseite und zog die Flöte hervor, die in ihrem Ausschnitt baumelte. Gedankenverloren strich sie mit den Fingern über das makellos glatt polierte Metall. Sicherlich könnte sie das Instrument in der Stadt verkaufen. Es würde ihr vielleicht genügend Geld einbringen, um ihr eine ganze Woche lang das Stehlen zu ersparen. Sie seufzte erneut. Nein. Sie würde sie nicht verkaufen. Niemals zuvor hatte ihr jemand etwas derart Schönes geschenkt. Jill versuchte, sich das Gesicht des fremden Mannes ins Gedächtnis zu rufen. Seine Gesichtszüge waren scharf und männlich gewesen, die glatten schwarzen Haare ordentlich im Nacken zusammen gebunden. Sie hatte ihn niemals zuvor gesehen. Woher mochte der Mann gekommen sein, der sich Cryson nannte? Jill erinnerte sich an seinen leichten Akzent, den sie nicht zuordnen konnte. Es war ein alberner Gedanke, aber sie wünschte sich, ihn noch einmal wieder zu sehen.
***
Sie hatte nicht wirklich daran geglaubt, Cryson jemals wiederzusehen. Sie war zu dem Schluss gekommen, dass er sich vermutlich nur einen Spaß mit ihr erlaubt hatte, als er ihr ein Kompliment machte. Und sie war dumm genug gewesen, ihm Glauben zu schenken. Trotzdem entglitten ihr den ganzen Tag lang immer wieder die Gedanken. Sie konnte sein Gesicht nicht vergessen, es hatte sich mit einer beängstigenden Klarheit in ihr Gedächtnis gebrannt und ließ ihr keine Ruhe. Um sich abzulenken, hatte Jill sich tatsächlich dazu hinreißen lassen, Dana bis zum Nachmittag mit der Hausarbeit zu helfen, obwohl sie die neckischen Sticheleien ihrer Schwester fast wahnsinnig machten. Als die Sonne bereits tief am Horizont stand, machte Jill sich auf den Weg zum Hafen, um nach Firio zu sehen. Sein altes rostiges Fahrrad lehnte an der Wand seiner Scheune. Das Gefährt war neben seinem Akkordeon Firios ganzer Stolz. Er hatte es damals aus dem Wasser gezogen und sich wie ein kleines Kind darüber gefreut. Die Herbststürme des letzten Jahres hatten es an die Küste von Haven gespült.
Jill klopfte an die hölzerne Tür, die von der Feuchtigkeit verzogen war. Der rostige Riegel stellte für ungebetene Eindringlinge kein Hindernis dar, aber Firio fürchtete sich nicht vor Einbrechern. Es gäbe nichts, das sich zu stehlen lohnte, das Akkordeon trüge er immer bei sich. Auch wenn Jill ihm mit der Erfahrung einer Taschendiebin in diesem Punkt beipflichtete, war es ihr dennoch unangenehm, dass Firio hier ganz allein und ohne den Schutz eines sicheren Türschlosses lebte.
»Wer ist denn da?« Firios Stimme drang deutlich durch die dünnen Holzwände.
»Ich bin es, Jill.«
Sie hörte, wie Firio den Riegel beiseiteschob. Dann öffnete sich die Tür mit einem Quietschen, das Jill durch Mark und Bein drang.
Firios Anblick erschreckte sie. Er sah müde aus und noch hagerer als in ihrer Erinnerung, und das, obwohl sie ihn erst vor wenigen Tagen zuletzt gesehen hatte. Seine Haare waren zersaust, dunkle Schatten umrahmten seine Augen. Als er Jill erblickte, verzog er das Gesicht zu einem breiten Grinsen, das ihn sogleich um Jahre jünger erscheinen ließ.
»Ich kann mich nicht daran erinnern, wann du mich zuletzt zuhause besucht hast. Hast du mich überhaupt schon einmal hier besucht?« Firio kräuselte die Stirn, als müsste er nachdenken. »Ach, wen interessiert das. Wichtig ist, dass du jetzt da bist. Was verschafft mir die Ehre?« Er strich sich mit der Hand verlegen durch die Haare. »Ich kann dir überhaupt nichts anbieten.«
Er bat Jill mit einer einladenden Handbewegung hinein. Es stimmte, sie hatte ihn erst ein einziges Mal nach Hause begleitet, im Inneren seiner Hütte war sie nie gewesen. Sie ließ den Blick durch den Raum schweifen. Eine alte Matratze lag auf dem Boden, in einer Ecke stand ein kleiner, uralter Ofen. Ansonsten gab es noch einen Hocker und einen Tisch. Allem haftete ein schwacher Fischgeruch an. Jill schluckte. Sie hatte immer geglaubt, sie selbst wäre arm, aber Firio besaß noch sehr viel weniger als sie. Trotzdem war er immer gut gelaunt. Jill fühlte sich mit einem Mal schlecht.
»Firio, ich wollte mich gar nicht lange bei dir aufhalten. Ich wollte nur wissen, ob es dir gut geht.«
Firio zuckte die Achseln. »Weshalb sollte es mir denn nicht gut gehen, kleine Jill?«
»Ich bin gestern Nacht schon einmal hier gewesen, aber du warst nicht daheim. Ich habe mir Sorgen gemacht.«
Firio schnitt eine Grimasse, als glaubte er, Jill wolle scherzen. »Natürlich bin ich gestern Nacht hier gewesen. Vielleicht sollte ich lieber fragen, ob es dir nicht gut geht?«
»Firio, du bist ganz sicher nicht zuhause gewesen. Ansonsten hättest du mich gehört. Ich habe…« Jill blieben die Worte im Hals stecken. …laut um Hilfe geschrien. Augenblicklich schossen ihr die Erinnerungen der letzten Nacht in den Kopf wie eine Revolverkugel. Sie räusperte sich und senkte die Simme. »Ich habe ordentlich Lärm gemacht. Du wärest doch heraus gekommen, wenn du mich gehört hättest.«
Firio kratzte sich am Kopf. »Ich habe nichts gehört. Was ist denn nur los mit dir, hast du schlecht geträumt?«
Jill spürte leichten Groll in sich aufsteigen. »Firio, ich bitte dich, deine Späße auf einen anderen Tag zu verschieben. Es ist mir sehr ernst. Wo bist du letzte Nacht gewesen?«
Firio machte eine beschwichtigende Geste. »Bloß nicht wütend werden. Ich war hier. Es sei denn, ich leide unter Gedächtnisverlust.« Firio zwinkerte ihr zu. Zum ersten Mal empfand Jill seine aufgesetzte Sorglosigkeit als lästig.
»Schon gut, wenn du mit mir nicht darüber sprechen möchtest, komme ich ein anderes Mal wieder«, sagte sie. »Ich muss jetzt nach Hause, es wird bereits dunkel. Glaube mir, noch einmal werde ich mich unter keinen Umständen nach Sonnenuntergang am Hafen aufhalten.« Jill wandte sich zum Gehen um.
Als sie die Tür gerade hinter sich schließen wollte, rief Firio ihr hinterher: »Ich weiß wirklich nicht, wovon du sprichst.« Jill fuhr ein Schauder über den Rücken. Niemals hatte sie Firio in derart ernster Tonlage sprechen hören.
»Ich kann mich nicht daran erinnern, fort gewesen zu sein«, fügte er hinzu.
Jill drehte sich nicht noch einmal um. Sie war erschüttert und fühlte sich wie benebelt. Sie schloss wortlos die Tür. Ihre Füße trugen sie zurück nach Garnick, eine unbewusste Handlung. Ihre Gedanken rotierten. Wollte Firio sich einen Scherz mit ihr erlauben? Etwas in ihrem Inneren sagte ihr, dass es nicht so war. Sie versuchte sich die Ereignisse der letzten Nacht ins Gedächtnis zu rufen. Hatte Firio bloß zu tief geschlafen, um ihre Hilfeschreie zu hören? War er vielleicht doch zuhause gewesen? Litt er tatsächlich an Gedächtnisverlust? Sie fand keine befriedigende Antwort auf ihre Fragen.
Als sie das Haus der Tevells erreichte, war die Nacht bereits hereingebrochen. So leise wie es ihr möglich war, öffnete sie das Tor zum Hof. Ihr blieb beinahe das Herz stehen, als sie eine Gestalt auf der Treppe zur Küche sitzen sah. Sie konnte im Dunkeln nicht genau erkennen, wer dort saß, aber sie nahm an, dass es sich um ihren Vater handelte. Jill rechnete bereits mit einem gehörigen Donnerwetter, weil sie wieder einmal so spät nach Hause kam. Sie verharrte in ihrer Bewegung und blieb stehen. Sekundenlang erzeugte niemand ein Geräusch, die Person auf der Treppe rührte sich nicht. Jill begann, dieses Spielchen zu langweilen.
»Brad, wenn du gedacht hast, du könntest mich erschrecken, dann ist es dir gelungen. Aber dein beharrliches Schweigen jagt mir keine Angst ein.« Ihre Stimme wirkte in der Stille wie ein Paukenschlag.
Die Person erhob sich und machte einen Schritt auf Jill zu. Erst jetzt bemerkte sie, dass es nicht ihr Vater war.
»Ich wollte dich nicht erschrecken, kleine Jill.« Jill kannte seine Stimme, sie hätte sie unter tausend anderen Stimmen erkannt. Ihr fuhr ein erneuter Schreck durch die Glieder, der ihre Zunge lähmte. Mit offenem Mund starrte sie in die Dunkelheit und versuchte, sein Gesicht zu sehen, erkannte jedoch nur seine Silhouette.
Cryson legte ihr eine seiner großen Hände auf die Schulter. Sein Griff war sanft, aber unnachgiebig. »Ich konnte dich einfach nicht vergessen, bitte verzeih mir.«
»Ich… weiß nicht…«, stammelte Jill. Ihr schwirrte der Kopf. Die verschiedensten Emotionen brachen über sie herein wie eine Sturmflut. Sie hatte sich gewünscht, ihn noch einmal wiederzusehen, aber sie misstraute ihm. Sie war müde und wütend, außerdem hasste sie es, wenn sie jemand überraschte und sie sprachlos machte.
»Ich habe nicht mit dir gerechnet«, brachte sie schließlich zustande.
»Ich hätte dich nicht so überfallen dürfen, aber ich habe keine andere Möglichkeit gesehen. Ich wusste nicht, wo ich dich sonst suchen sollte.« Er kam noch einen Schritt näher. Im schwachen Licht des Mondes erkannte sie nun seine hellgrünen Augen und das glatte Gesicht mit den vollen Lippen. Er trug denselben langen Mantel wie am Vorabend, und auch heute roch er wieder nach teurem Parfum.
»Woher wusstest du, wo ich wohne?« Langsam fand Jill wieder Zugang zu ihrem Verstand.
»Ich bin dir gestern nachgelaufen.« Er lächelte.
»Was willst du von mir? Kannst du nicht morgen früh wiederkommen? Es ist spät und ich bin müde.«
Seine Augen zuckten einige Sekunden lang wild hin und her, als müsse er angestrengt überlegen. »Ich kann nicht so lange warten«, flüsterte er.
»Warten? Worauf?« Jill verschränkte die Arme vor der Brust.
»Ich möchte dir etwas zeigen.« Der Tonfall in seiner Stimme verriet Jill, dass es ihm äußerst ernst damit war.
»Zeigen? Wenn es sich dabei um das Etwas hinter deinem Hosenstall handelt, dann muss ich dankend ablehnen.«
Cryson lachte. »Oh nein, du musst wirklich viele schlechte Erfahrungen in deinem Leben gemacht haben, oder? Ich möchte dir nicht zu nahe treten, sondern dich wirklich kennenlernen.«
»Wer würde mich kennenlernen wollen?« Jill drehte sich einmal um ihre eigene Achse und deutete dabei auf ihre Umgebung. »Sieh dich doch um. Ich bin arm, ich besitze nichts. Ich habe nicht einmal viel Oberweite. Außer dem Kerl von gestern Nacht wollte mich bislang nicht einmal jemand für sein Bett haben.« Sie schnaubte verächtlich und schüttelte den Gedanken ab, bevor sie fortfuhr: »Was bitte veranlasst dich dazu, mir nachzustellen?« Jill hatte sich nun richtig in Rage geredet, obwohl ihr das immer breiter werdende Grinsen auf Crysons Gesicht nicht entgangen war.
»Siehst du, genau deshalb finde ich dich so interessant.« Er zwinkerte ihr zu. Jill war noch immer nicht gewillt, ihre gerunzelte Stirn und die vor Wut zusammengepressten Lippen zu entspannen.
»Du bist so erfrischend ehrlich und nicht auf den Mund gefallen«, fügte er an. »All die Frauen aus meinen Kreisen besitzen ihre Köpfe bloß zum Frisieren. Die interessieren mich nicht.«
»Und was denkst du, was ich jetzt tun soll?«
»Sieh dir doch erst einmal an, wo ich wohne. Ich zwinge dich zu nichts, aber es ist mein größter Wunsch, diese einzigartige Frau aus diesem Elendsviertel zu befreien.«
»Ich bin doch kein kleines Kind, das man mit einem Stück Schokolade anlocken kann.«
Cryson legte seinen Mantel ab. Darunter trug er ein eng an der Haut anliegendes Hemd, das seine Muskeln umspielte. An seinem Gürtel baumelte ein Messer. Jill starrte wie gebannt darauf, als er es aus der Scheide zog. Sie setzte zur Flucht an und bereute bereits, sich je mit Cryson unterhalten zu haben, als er ihr die Klinge mit dem Griff voran entgegenstreckte. Verwirrt verharrte sie in ihrer Bewegung.
»Nimm den Dolch«, sagte Cryson. »Du kannst mich untersuchen, ich habe keine andere Waffe.« Er drehte sich wie zur Demonstration einmal um die eigene Achse. Zögernd nahm Jill das Messer entgegen.
»Du darfst mir die Klinge meinetwegen an den Hals halten, während ich dir mein Haus zeige«, sagte er. »Natürlich sollst du es dir nur von außen ansehen. Ich schwöre dir, ich hege keine bösen Absichten.«
Jill starrte verdutzt auf die Klinge, die beinahe so lang war wie ihr Unterarm. »Wenn ich mir dein Haus ansehe, lässt du mich dann für heute Nacht in Ruhe?«
Cryson antwortete ihr mit einem stummen Nicken.
»Nun gut, dann werde ich dir diesen Gefallen tun. Aber ich warne dich: Ich werde nicht zögern, dieses Messer zu gebrauchen. Außerdem kann ich verdammt schnell laufen. Unterschätze mich bitte nicht.«
»Das tue ich nicht. Ich habe großen Respekt vor einer starken Frau wie dir.«
Gemeinsam verließen sie den Hof. Jill umfasste den Dolch mit festem Griff, jederzeit bereit, Cryson damit ernsthafte Verletzungen zuzufügen.
Er führte sie quer durch die Stadt. Schon bald hatten sie die ärmeren Viertel hinter sich gelassen. Die ganze Zeit über versuchte Cryson, sie mit belanglosem Gesprächsstoff bei Laune zu halten. Jill kam sich schon bald sehr albern vor, weil sie mit gezückter Waffe neben ihm her lief, gleichzeitig aber über seine Scherze lachte. Was für eine seltsame Nacht!
Sie erreichten ein Wohnviertel am nördlichen Ende der Stadt. Die Häuser standen hier locker verteilt entlang einer breiten Straße, jedes einzelne war von hohen Zäunen umgeben. Dichte Hecken schützten die Grundstücke vor fremden Blicken. Jill wusste, dass man das Viertel Breagan nannte, aber sie kannte sich hier nicht aus. Dies war keine bevorzugte Gegend für eine Taschendiebin. Es gab wenig Schlupfwinkel und kaum Möglichkeiten, ungesehen zu verschwinden. Sie fühlte sich mit jedem Schritt, den sie sich weiter vom Zentrum der Stadt entfernte, unwohler.
»Wohnst du in Breagan?«, fragte sie, bemüht, sich ihre wachsende Unsicherheit nicht anmerken zu lassen.
»Mein Haus steht knapp hinter der Stadtgrenze. Wenn du es wünschst, bringe ich dich nachher persönlich wieder zurück nach Hause. Ich weiß, dass der Weg weit ist.« Er warf ihr einen verlegenen Blick zu. Jill entspannte sich. Sie wusste nicht, wie Cryson es anstellte, dass sie ihm freiwillig mitten in der Nacht quer durch Haven folgte. Weshalb übte er einen so großen Reiz auf sie aus? Jedes Mal, wenn sie darüber nachdenken wollte, entglitten ihr ihre Gedanken. Er brauchte sie bloß anzulächeln, und all ihre Bedenken verloren augenblicklich an Substanz.
»Du siehst aus, als wohntest du auf Falcon’s Eye«, murmelte Jill.
Cryson stieß ein amüsiertes Lachen aus. Seine Stimme hallte über die menschenleere Straße. »Oh nein, ich gehöre nicht zum Adel. Ich habe bloß ein florierendes Familienunternehmen geerbt. Ich bin mein eigener Herr.«
»Und zu welcher Familie gehörst du?«
Cryson antwortete nicht sofort, als hätte ihn diese Frage überrascht. »Ich heiße Cryson Lancum«, sagte er schließlich.
»Diesen Namen habe ich niemals gehört.«
Cryson ignorierte ihre Bemerkung, und Jill hakte nicht weiter nach. Die breite Hauptstraße verjüngte sich jäh und verwandelte sich in einen ungepflasterten Weg, der hinter eine Baumgruppe führte. Jill verlangsamte ihre Schritte. Egal, mit welcher Methode Cryson ihr den Kopf gewaschen hatte, jetzt schrillten ihre Alarmglocken unüberhörbar. Es war, als wäre sie aus einem Traum erwacht. Mit einem Mal fragte sie sich, welcher Geist in sie gefahren sein mochte, dass sie sich so weit von ihrem Elternhaus entfernt hatte. Sie starrte auf das Messer in ihrer Hand, dessen Klinge im Mondlicht blitzte. Um sie herum quakten Frösche und surrten Insekten. Es roch nach feuchtem Erdreich und lauer Sommerluft. Unzählige Sinneseindrücke prasselten plötzlich mit aller Deutlichkeit auf sie ein. Cryson schien ihre Paralyse zu bemerken, denn er drehte sich zu ihr um und streichelte sie mit sanften Blicken.
»Was hast du?«, fragte er. »Wir sind fast da, es sind nur noch ein paar Schritte.«
Mit offenem Mund starrte Jill ihn an. Einen Augenblick lang wollten sich keine Worte in ihrem Kopf formen, doch dann fand sie den Zugang zu ihrem Verstand wieder.
»Es tut mir leid, aber ich glaube, ich habe einen Fehler gemacht.« Ihre Stimme klang dünn und gepresst. Sie drehte sich herum und befahl ihren Beinen zu rennen, aber es wollte ihr nicht recht gelingen. Mit geringfügig beschleunigten Schritten stapfte sie den Weg zurück, den sie gekommen waren.
»Jill, sei doch jetzt nicht albern«, rief Cryson ihr hinterher. »Wenn ich dir hätte Gewalt antun wollen, hätte ich es längst getan. Dazu hätte ich dich nicht bis hierher bringen müssen.«
Jill spürte Crysons Hand auf ihrer Schulter. Reflexartig schnellte sie herum und stieß ihn von sich, die Klinge auf ihn gerichtet. Rückwärts gehend entfernte sie sich einige Schritte von ihm.
»Ich möchte jetzt wirklich nach Hause gehen.«
Mit einem Mal verfinsterte sich Crysons Miene. Sein Gesicht bekam raubtierhafte Züge und Jill hätte schwören können, ein gelbes Licht in seinen Augen aufblitzen zu sehen. Sie erschrak und schloss ihre Finger noch fester um den Griff des Messers, bis sich ihre Fingerknöchel weiß färbten. Jeder Muskel ihres Körpers war angespannt und bereit, ihn anzugreifen.
»Lass mich gehen, sonst ramme ich dir die Klinge in den Wanst.«
»Jill, es hätte alles so einfach sein können, aber leider zwingst du mich jetzt dazu, Dinge zu tun, die ich nicht tun möchte.«
Noch bevor Cryson die Worte ausgesprochen hatte, war er bei ihr. Es war, als fehlten einige Sekunden in Jills Erinnerung. Nur einen Lidschlag zuvor hatte er noch mindestens fünf Yards weit weg gestanden und im nächsten Moment griff er bereits mit seiner mächtigen Hand nach Jills Handgelenk und entriss ihr den Dolch. Klirrend fiel er zu Boden. Cryson nahm Jill hoch wie eine Puppe, mit einem Arm hielt er sie komplett umschlugen. Jill war unfähig, sich zu bewegen. Seine andere Hand presste er auf ihren Mund. Jill wollte schreien und um sich treten, aber Cryson war ihr körperlich so weit überlegen, dass ihm ihre Gegenwehr wie die Tritte eines kleinen Kindes vorkommen musste. Panik stieg in Jill auf, aber sie merkte bald, dass sie sich mit ihrem wilden Gezappel nur selbst verletzte. Cryson trug sie weiter den Weg entlang, bis die Dunkelheit sie beide verschluckte. Die Baumkronen verdeckten den Mond, Jill konnte den Weg unter sich nicht mehr erkennen. Cryson hingegen trug sie zielstrebig um mehrere Biegungen herum. Es war, als könnte er mühelos im Dunkeln sehen.
»Es tut mir wirklich leid, kleine Jill«, flüsterte er. »Ich möchte dir kein Leid zufügen. Du wirst bald verstehen, weshalb ich das tun muss.«
Obwohl die Situation alles andere als behaglich war, entspannte sie sich etwas. Sie war sich sicher, dass Cryson kein normaler Mensch sein konnte. Sie hätte niemals eine Chance gegen ihn gehabt, selbst wenn sie mit hundert Messern bewaffnet gewesen wäre.
Jill spürte, wie Cryson sie einige Stufen über eine kurze Treppe hinab trug. Dann blieb er stehen und stellte sie zurück auf ihre Füße. Noch immer presste er ihr eine Hand auf den Mund. Wenn die Baumkronen sich im Wind hin und her wiegten und das Mondlicht für einen kurzen Augenblick ungehindert bis auf den Waldboden drang, konnte Jill einen flüchtigen Blick auf das werfen, was sich nun vor ihr befand. Es war eine Tür, jedoch keine von der Sorte, die Jill kannte. Sie bestand weder aus Holz noch aus Stein, und ob es sich dabei tatsächlich um einfaches Metall handelte, konnte sie nicht mit Sicherheit bezeugen. Die Tür, oder was auch immer dieses Gebilde darstellen wollte, war zweieinhalb Yards hoch, mindestens zwei Yards breit und erinnerte mehr an ein Kunstwerk als an eine Tür. Der Künstler hatte verzierte messingfarbene Platten aneinandergefügt und sie mit allerhand kleinen Rohren bestückt. Um den Türrahmen herum verlief eine Reihe von Zahnrädern, große und kleine, dicke und dünne. Jill starrte das Konstrukt ehrfürchtig an und vergaß darüber sogar, dass Cryson sie festhielt.
Бесплатный фрагмент закончился.
