Читать книгу: «Die Ankündigung»

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SCM Hänssler ist ein Imprint der SCM Verlagsgruppe, die zur Stiftung Christliche Medien gehört,

einer gemeinnützigen Stiftung, die sich für die Förderung und Verbreitung christlicher Bücher,

Zeitschriften, Filme und Musik einsetzt.

ISBN 978-3-7751-7509-8 (E-Book)ISBN 978-3-7751-6053-7 (lieferbare Buchausgabe)

© der deutschen Ausgabe 2021

SCM Verlagsgruppe GmbH · Max-Eyth-Straße 41 · 71088 Holzgerlingen

Internet: www.scm-haenssler.de; E-Mail: info@scm-haenssler.de

Copyright 2018 by Nancy Mehl

Originally published in English under the title

Mind Games

by Bethany House Publishers,

a division of Baker Publishing Group,

Grand Rapids, Michigan, 49516, U.S.A.

All rights reserved.

Die Bibelverse sind, wenn nicht anders angegeben, folgender Ausgabe entnommen: Neues Leben. Die Bibel, © der deutschen Ausgabe 2002 und 2006 SCM R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH, Witten/Holzgerlingen

Übersetzung: Heide Müller

Lektorat: Esther Middeler - www.middeler.com Umschlaggestaltung: Oliver Berlin, www.oliverberlin.biz Titelbild: Adobe Stock Satz: Satz & Medien Wieser, Aachen

An Gott

Danke, dass du jeden meiner Schritte begleitest.

Du bist mein Herz, meine Seele, mein Leben.

Inhalt

Über die Autorin

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Dank

Leseempfehlungen

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Über die Autorin


NANCY MEHL ist Autorin von über 45 Büchern, für die sie es ins Finale des begehrten »Christy Awards« schaffte. Ihre Krimis bestechen durch eine optimale Mischung aus Spannung und Romantik. Sie lebt mit ihrem Mann Norman und ihrem Hund Watson in Missouri.

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Prolog

Er stand in der Mitte seines Geheimkabinetts und starrte auf die unzähligen Zeitungsausschnitte an den Wänden. Der modrige Geruch von altem Papier wirkte wie eine starke Droge, die seinen Hass schürte. Immer wieder ballte er die Hände zur Faust. Entsetzliche Geschichten standen ihm vor Augen. Bilder von Menschen, bevor sie einem widerwärtigen Mörder zum Opfer fallen sollten, der in Des Moines vor zwanzig Jahren Furcht und Schrecken verbreitet hatte. Lächelnde Frauen auf Führerscheinfotos oder Familienbildern. Da wussten sie noch nicht, dass ihre Tage gezählt waren. Sie ahnten noch nichts von den Gräueln, die ihnen bevorstanden. Nichts deutete darauf hin, dass sie schon bald wieder abgelichtet werden würden – diesmal von Polizeifotografen, die ihre Arbeit taten, als sei ein Blutbad Routine. So etwas konnte niemals Routine sein.

Er trat näher und betrachtete ein Foto des Monsters, das schließlich hinter Schloss und Riegel kam. Ed Oliphant. Ehemann, Vater, Kirchgänger. Er hatte manches gemein mit Dennis Rader, dem berüchtigten Serienmörder, der Wichita in Kansas über viele Jahre in Atem gehalten hatte. Aber im Gegensatz zu Dennis bereute Ed seine Taten bis heute nicht. Natürlich glaubten viele Fachleute Rader seine sogenannte Reue nicht. Sie nahmen es ihm nicht ab, dass ihm seine furchtbaren Verbrechen wirklich leidtaten. Bestimmt bedauerte er nur, dass sie ihn gefasst hatten. Aber anders als Rader hatte Ed die Familien der Opfer niemals um Entschuldigung gebeten.

Er riss Eds Bild von der Wand und starrte in seine Augen – seine abgrundtief bösen Augen. 14 Menschenleben hatte dieser Mann offiziell auf dem Gewissen. Nach Ansicht vieler Fachleute noch mehr. Zwar waren nicht alle seine Opfer tot. Einige von ihnen lebten noch – schwer gezeichnet von Ed Oliphant. Er spuckte auf Eds Bild, heftete es wieder an die Wand und wischte sich angewidert einen Rest Spucke am Hosenbein ab.

Der Lumpenmann. Serienmörder sollten eigentlich keine Spitznamen bekommen. Das stachelte nur ihr Ego an. Erst nach dem siebten Mord kristallisierte sich durch Aussagen von Freunden und Angehörigen der Opfer langsam heraus, dass alle Opfer vor ihrem Tod Kontakt zu einem Obdachlosen gehabt hatten. Ein junges Mädchen hatte Ed auf eine Frau zugehen sehen, die dann 24 Stunden später tot aufgefunden wurde. Die Zeugin sprach von einem »Lumpenmann«. Daher der Name. Seine anfängliche Tarnung war geschickt gewählt, weil Obdachlose quasi unsichtbar waren. Sie wurden von den meisten Leuten ignoriert, sodass Ed es lange Zeit schaffte, sich vor aller Augen zu verstecken. Was für eine grausame Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet Menschen, die ihn beachteten und ihm freundlich gesinnt waren, zu Opfern wurden.

Kaum hatten die Ermittler begonnen, nach einem Mann in Gestalt eines Obdachlosen zu fahnden, änderte Ed sein Vorgehen und verkleidete sich als Polizist. Er erkannte, dass die verängstigten Bürger von Des Moines inzwischen äußerst misstrauisch gegenüber Fremden waren. Ein Polizist hingegen galt als vertrauenswürdiger Freund und Helfer, der für Sicherheit sorgte. Zu Unrecht, was Ed Oliphant betraf. Sein Plan ging auf und machte es ihm leicht, sein grausames Spiel weiterzutreiben. Den Spitznamen »Lumpenmann« aber wurde er nie los. Er haftete ihm sogar noch in der Gerichtsverhandlung an. Einem Profiler vom FBI gelang es irgendwann, Ed das Handwerk zu legen. Der Mann vermutete richtig, dass Ed sich als Polizist ausgab. Mit diesem entscheidenden Hinweis konnten die Behörden die Fahndung eingrenzen und Ed schließlich festnehmen.

Er trat ein paar Schritte nach rechts, bis er vor einem Familienbild der Oliphants stand. Marcie, Eds Ehefrau. Bescheiden, still, freundlich. Angeblich hatte sie damals keine Ahnung, mit welchem Monster sie verheiratet war. Er glaubte ihr nicht. Auch Jessica, ihre Tochter, wollte nichts gewusst haben. Er fluchte bei dem Gedanken. Leute, die sie als Kind kannten, beschrieben sie als aufgeschlossen und kontaktfreudig – als ein intelligentes Mädchen mit einer gesunden Portion Neugier, das in der Schule glänzte. Wie konnte sie so ahnungslos gewesen sein? Bestimmt hatte sie es gewusst. Hatte nur einfach nichts gesagt. Hatte Menschen einfach sterben lassen.

Er starrte ihr Bild an. Ein Engelsgesicht, umrahmt von kastanienbraunen Locken. In ihren großen Augen lag ein argloser Blick. Ein bezauberndes Lächeln. Aber auf späteren Fotos, nachdem die Wahrheit ans Licht gekommen war, wirkte sie verändert. Ein Schatten lag über ihren einst so unschuldigen dunklen Augen. Ihr Lächeln war erloschen. Die Leute meinten, ihre kindliche Unbekümmertheit sei einer entschlossenen Wachsamkeit gewichen. Er wusste es besser. Sie litt unter der Last ihrer Schuld. Denn sie hätte ihren Vater aufhalten können. Menschenleben hätten gerettet werden können.

Nach der Verhandlung zog Marcie mit Jessica und ihrem jüngeren Bruder Jason nach Nebraska und heiratete irgendwann wieder. Er fragte sich, wie sie jemals wieder einem Mann vertrauen konnte. Glaubte sie wirklich, Männer wie Ed seien eine Seltenheit? Er schnaubte. So mancher Mann hatte seine Geheimnisse. So manche Angehörige sahen erst dann hinter die Fassade, wenn die grausame Wahrheit ans Licht kam. So war der Mensch nun einmal: hartherzig, voller Falschheit, Hass und Egoismus. Etwas anderes zu behaupten, wäre naiv.

Zum großen Leidwesen ihrer Mutter ging Jessica nach dem College zum FBI. Dann absolvierte sie in Quantico/Virginia eine Ausbildung zur Verhaltensanalytikerin – genau wie die Männer, die zur Verhaftung ihres Vaters beigetragen hatten. Jetzt lebte Jessica in St. Louis. Wegen ihres schlechten Rufs als Tochter eines Serienmörders hatten sie sie versetzt. Aber das FBI konnte es sich nicht leisten, sie zu entlassen. Sie wurde dort gebraucht. Denn sie hatte eine seltene Begabung, dem Bösen auf die Spur zu kommen. Es ging ihr um Gerechtigkeit – als ob es so etwas überhaupt gäbe! Anscheinend glaubte sie, sie könnte etwas von dem Schaden wiedergutmachen, den ihr Vater angerichtet hatte. Aber Ed Oliphant und seine Tochter würden damit nicht so leicht davonkommen.

Für das Blutbad, das er auf der Welt angerichtet hatte, gab es keine Wiedergutmachung. Und Jessica konnte niemals die böse Saat ausreißen, die tief in ihr Herz gepflanzt worden war. Niemand konnte unbeschadet auf so engem Raum mit dem Bösen leben. Und dies, ohne überhaupt etwas davon zu bemerken. Ed Oliphants Gräueltaten trieben auch in Jessica ihre Blüten. Davon war er fest überzeugt. Er war sich sicher, dass ihr Wunsch, dunkle Machenschaften aufzudecken, aus ihrem Verlangen herrührte, für ihre Schuld zu büßen. Aber er hatte nicht die Absicht, mit ihr in diesem Punkt gnädig zu sein. Das Böse musste mit der Wurzel beseitigt werden.

Er lachte leise in sich hinein. Jessica war längst nicht so schlau, wie sie glaubte. Er würde sie herausfordern. Ihren selbstgerechten Feldzug durchkreuzen und die Dinge in Ordnung bringen. Die Sünden des Vaters mussten an seinem Kind heimgesucht werden. Und er würde das Urteil fällen. Auf Gott war da kein Verlass. Er und Gott gingen schon seit Jahren getrennte Wege. Diese Tür war für immer versperrt.

Er setzte sich an den klapprigen Tisch in der Mitte des Zimmers und öffnete sein Notizbuch. Er hatte seinen Plan klar vor Augen und wusste, wie er ihn in die Tat umsetzen würde. Er hielt den Schlüssel zur Zerstörung von Ed Oliphants Tochter in der Hand – der Frau, die sich heute Kaely Quinn nannte.

Er lächelte in sich hinein. So etwas wie Euphorie stieg in ihm auf. Es war so weit. Das Psychospiel konnte beginnen.

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1

Als sie dem Serienmörder roten Perlwein einschenkte, fragte sie sich, ob er ihn wohl an Blut erinnerte. Sie schob ihm das Glas hin, aber er beachtete es gar nicht. Kaely lächelte. Das hatte sie sich schon gedacht.

»Du erwürgst deine Opfer, weil du kein Blut sehen kannst«, stellte sie fest. »Du hast dich an ihren Lebensmitteln bedient. Weil du knapp bei Kasse bist, kam es dir gelegen, wenn der Kühlschrank voll war. Aber du hast nur Käse, Obst, Gemüse, Desserts, Joghurt und solche Dinge genommen.« Sie tippte an den Sockel des Weinglases. »Du bist also Vegetarier, aber kein Veganer.«

Sie zog das Weinglas weg und schob ihm ein anderes hin – diesmal mit Weißwein. Im Dunkel streckte er die Hand danach aus.

Kaely blätterte die Seiten der Akte durch, die sie mitgebracht hatte. Dann lehnte sie sich zurück und starrte auf den Stuhl gegenüber. Er war weiß und männlich. Zwischen 25 und 35. Er hatte keinen hohen Posten, war schüchtern und zurückhaltend. Im Umgang mit Menschen vermutlich sehr unbeholfen. Und doch verfolgte er eine Absicht. Nur welche? Seine Opfer konnten verschiedener nicht sein. Ein erfolgreicher schwarzer Rechtsanwalt, eine arme lateinamerikanische Künstlerin, ein weißer Collegestudent. Dass sie zum Opfer wurden, lag also nicht in ihrer Natur. Was immer ihn trieb, sie zu bestrafen, musste mit ihrem Tun zusammenhängen. Er war zornig auf die Menschen, die er tötete, empfand aber keine Lust am Töten an sich. Fühlte sich nicht gut dabei. Wenn er seine Opfer von hinten erwürgte, brauchte er ihnen nicht in die Augen zu sehen. Danach legte er sie auf den Rücken und faltete ihnen die Hände über dem Brustkorb. Das war ein Zeichen von Reue.

»Ich bin verwirrt«, sagte sie. »Es gibt keine Verbindung zwischen deinen Opfern. Unterschiedliches Geschlecht. Unterschiedliche Ethnien. Sie wohnen weit voneinander entfernt. Du scheinst dich nicht auf ein bestimmtes Gebiet zu konzentrieren.«

»Du bist verwirrt?«, flüsterte er. »Das ist ja was ganz Neues.«

»Pst!«, zischte sie. »Ich sage dir, wann du den Mund aufmachen darfst.« Kaely runzelte die Stirn. Die Regeln waren eindeutig. Sie durften nur dann sprechen, wenn sie es ihnen gestattete.

Ein Aufruhr am rechten Nachbartisch weckte ihre Aufmerksamkeit. Ein rundlicher Herr mit gerötetem Gesicht und seine eher hagere Ehefrau blickten finster zu ihr herüber. Sie hatten gerade den Kellner kommen lassen und beschwerten sich lautstark.

»Was ist das eigentlich für ein Laden hier?«, herrschte der Mann ihn an und zeigte dabei mit dem Finger auf Kaely. »Sie lassen hier Verrückte rein? Werfen Sie sofort diese Frau raus!«

Louis Bertrand, der Inhaber des Restaurant d’André, eilte herbei. Er blickte entschlossen und gestikulierte wild mit den Händen, als führten sie ein Eigenleben. »Diese Frau ist nicht verrückt, Monsieur. Das ist Kaely Quinn, die berühmte Profilerin vom FBI. Dies ist ihr Tisch, und sie darf kommen und gehen, wann immer sie möchte.«

»Aber das ist untragbar!«, schimpfte der Mann und wurde immer röter. Kaely machte sich langsam ernsthaft Sorgen um seinen Blutdruck.

»Nicht für mich, Monsieur«, stellte Louis ungerührt fest. »Aber Sie sind untragbar. Ich fordere Sie auf, sofort mein Lokal zu verlassen. Ihr Essen geht auf meine Rechnung.«

Der Mann schäumte vor Wut und fing an zu fluchen. Seine Frau, der die ganze Sache offensichtlich höchst peinlich war, packte ihre Handtasche, stand auf und stolzierte aus dem Gastraum. Der Mann aber protestierte weiter. Wütend und fassungslos, die Augen weit aufgerissen, deutete er immer wieder auf Kaely. »Aber sie spricht mit sich selbst. Da ist doch niemand!«

Kaely wäre am liebsten im Boden versunken. Eigentlich hatte sie ihre ganz eigene Methode gar nicht vor anderen Leuten anwenden wollen. Sie war nur so in die Akte versunken gewesen und hatte dabei völlig vergessen, dass sie sich in der Öffentlichkeit befand.

»Es ist mir egal, was sie tut, Monsieur. In meinem Restaurant ist sie jederzeit willkommen.« Louis packte den Mann am Arm und zog ihn auf die Füße. »Sie hat den Mörder meines Sohnes überführt und Andrés Ruf wiederhergestellt. Sie wird mit Respekt behandelt, n'est-ce pas? Wenn Ihnen das nicht passt, dann gehen Sie bitte, oui? Und setzen Sie niemals wieder einen Fuß über meine Türschwelle!«

Kaely seufzte leise. Schon oft hatte sie wegen ihrer Methode bei ihren Kollegen Kritik einstecken müssen. Nervös sah sie sich im Raum um. Auch andere Gäste starrten sie an, wenngleich offenbar keiner die Absicht hatte, Louis’ Zorn auf sich zu ziehen. Es war ihr äußerst unangenehm, den Inhaber so in Verlegenheit zu bringen. Er wollte sich erkenntlich dafür zeigen, dass sie zur Ergreifung des Mörders seines Sohnes beigetragen hatte. Aber sie wollte auf keinen Fall sein Geschäft schädigen. Sie würde sich besser hier nicht mehr blicken lassen. Um Louis’ willen.

Kaely lächelte dem Inhaber kurz zu und konzentrierte sich wieder auf ihre Akte, während Louis den wütenden Mann zum Ausgang führte.

»Er ist nicht der Einzige, der dich für verrückt hält, stimmt’s?«, wandte der Serienmörder leise ein.

»Nein, aber das bin ich ja gewöhnt. Und jetzt sei endlich still. Ich kann nicht mehr mit dir reden.«

Sie blätterte gerade noch einmal die Akte durch, als Louis an ihren Tisch trat. »Es tut mir leid, dass der Mann sich so unmöglich benommen hat. Das wird nicht wieder vorkommen, ma chère amie. Was möchten Sie denn heute gerne speisen?«, fragte er.

»Ich nehme Nizzasalat mit Lachs, Louis.«

»Eine gute Wahl. Délicieux. Und zu trinken einen Eistee?«

Sie nickte.

Früher hatte Louis immer gemeint, ein bisschen Wein könne ihr nicht schaden. Sie hatte eigentlich auch nichts gegen Wein, mied aber aus Angst vor Kontrollverlust Alkohol und Drogen jeder Art. Ihre Mutter war süchtig nach Schmerzmitteln gewesen, als Kaely 17 war. Zum Glück kam sie später davon los, aber den Kampf ihrer Mutter hautnah miterleben zu müssen, hatte in Kaely den Entschluss reifen lassen, Medikamente nur wenn unbedingt nötig zu nehmen. Langsam zog sie das Wasserglas, das sie als Weinglas für ihren unsichtbaren Tischgenossen verwendet hatte, wieder auf ihre Seite.

»Und für …?« Er deutete mit einem Kopfnicken auf den Stuhl ihr gegenüber.

»Schon gut, Louis. Ich weiß, dass da niemand ist. Es ist nur … es ist eine Art, Hinweise durchzuarbeiten. Es … es tut mir leid, dass ich Sie in Schwierigkeiten gebracht habe.«

Der Gastwirt schwieg einen Augenblick, bevor er versicherte: »Sie könnten mir nie Schwierigkeiten machen, mon amie. Wir sind Freunde und werden es immer bleiben. Mein Haus steht Ihnen immer offen. Wenn Sie nicht gewesen wären, würden die Leute immer noch glauben, André hätte sich das Leben genommen. Der Beweis, dass er Opfer eines Serienmörders geworden ist, hat meinem Jungen seine Würde wiedergegeben. Das hat seiner Mutter – und auch mir – eine Last abgenommen. Wir werden Ihnen immer dankbar dafür sein.«

»Ich habe einfach nur meine Arbeit getan, Louis. Nicht mehr.«

»Für Sie war es vielleicht nur ein Job, ma chère, aber ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie viel es mir bedeutet.« Mit einer Verbeugung wandte er sich um und ging zurück in die Küche. Kaely freute sich, dass das Restaurant d’André ein solcher Erfolg geworden war. Für Louis war es richtig heilsam. Er hatte sich mit Leib und Seele in seine Arbeit gestürzt und das hatte ihm ein Stück weit geholfen, mit seinem Schmerz fertigzuwerden.

Kaely wandte sich wieder ihrer Akte zu. Sie betrachtete die Berichte und Bilder, die vor ihr ausgebreitet lagen. Die Akte hatten sie per Eilboten aus Nashville kommen lassen, wo vor Kurzem drei Morde passiert waren. Wegen des Bundes-Serienmörderstatuts hätte Nashville auch vom FBI in Quantico Hilfe anfordern können. Aber der dortige Polizeichef hatte sich an Kaelys Vorgesetzten, Special Agent in Charge Solomon Slattery, den Leiter der FBI-Außenstelle in St. Louis, gewandt. Der Polizeichef hatte Solomon gebeten, Kaely als Erste die Akte prüfen zu lassen. Er befürchtete, dass es zu einem weiteren Mord kommen könnte, bevor das FBI genügend Personal bereitgestellt hätte.

Kaely las die Informationen noch einmal. Jedes der Opfer war zu Hause gestorben, erwürgt mit einem Gegenstand, der vom Tatort entfernt worden war. Der Gerichtsmediziner vermutete aufgrund der Würgemale eine Art Lederband, wollte sich aber nicht genauer festlegen. Nichts deutete auf Einbruch hin. Wer immer der Täter war – die Opfer mussten ihn freiwillig in ihre Häuser oder Wohnungen gelassen haben. Die Opfer kannten einander nicht und hatten auch sonst nichts gemeinsam. Der Täter musste jemand sein, von dem sie nichts Böses befürchteten. Vermutlich verkleidete er sich als Mitarbeiter eines öffentlichen Dienstleisters. Vielleicht jemand vom Stromanbieter, Kabelnetzbetreiber oder Wasserwerk. Aber die Opfer hatten unterschiedliche Anbieter für diese Dienste. Zwei davon waren zwar beim gleichen Stromversorger, aber einer lebte in einem Mietshaus, in dem alle Nebenkosten vom Eigentümer beglichen wurden. Natürlich hätte der Mörder seine Arbeitskleidung wechseln können, aber Kaely glaubte das nicht.

Er war zwar bis zu einem gewissen Grad organisiert, aber auch der Zufall spielte eine Rolle. Bei der Planung seiner Morde bewies er Organisation. Aber er konnte natürlich niemals sicher sein, ob die Leute zu Hause und für ihn erreichbar waren. Einer der Morde passierte, als ein Opfer einen Tag freigenommen hatte, um seine Mutter zum Arzt zu fahren. Das war eine spontane Entscheidung gewesen. Der Mörder konnte es unmöglich gewusst haben.

»Deine Vorgehensweise ist zwar immer gleich, aber was ist deine ganz persönliche Handschrift?«, flüsterte sie ihrem Gegenüber zu, so leise, dass niemand es mitbekommen konnte. »Was treibt dich dazu, Menschen zu töten?«

Sie bekam keine Antwort von ihrem Tischgenossen.

Während sie die Akte Seite für Seite noch einmal durchblätterte, brachte eine Bedienung ihr Essen. Hastig raffte Kaely die Fotos zusammen und klappte ihre Unterlagen zu, damit die junge Frau die verstörenden Bilder nicht sehen konnte. Zu Beginn ihrer Ausbildung in der Abteilung für Verhaltensanalyse hatten Kaely solche Bilder auch schockiert. Nun waren sie einfach wie Teile einer Art Puzzle. Es war nicht so, dass die Opfer ihr egal wären. Ganz im Gegenteil. Aber anders konnte sie ihre Arbeit nicht tun. Sie arbeitete für die Opfer. Ihre Art der Sorge war es, ihnen Gerechtigkeit zu verschaffen. Wenn sie an ihren Schicksalen zerbrach, wäre niemandem geholfen. Mit der Zeit hatte sie gelernt, um sich selbst und ihre Gefühle eine Mauer zu bauen. Zwar bekam diese Mauer manchmal Risse, aber Kaely schaffte es immer, sie irgendwie zu reparieren.

Sie dankte der Bedienung und nahm einen Bissen Lachs. Köstlich, wie immer. Nachdem die junge Dame gegangen war, nahm ihr Tischgenosse einen Suppenlöffel, begann seine Suppe zu schlürfen und bekleckerte das Tischtuch.

»Du hast keine Manieren«, stellte sie leise fest. »Du bist einfach gestrickt. Was immer dein Motiv ist, es muss einfach sein. Nichts Kompliziertes.«

Während er seine Suppe hinunterschlang, erkannte sie, dass er wohl ein sehr einfaches Leben führte. Anspruchslos. Eine kleine Wohnung oder ein Zimmer in einer Pension. Er besaß ein älteres Auto, hielt es aber vermutlich sauber. Warf keinen Müll in die Landschaft. Mochte keine Unordnung. Schnell schrieb sie ihre Gedanken auf ihren Notizblock. Sie wollte aufhören. Erst zu Hause mit ihrer »Befragung« fortfahren, aber es ließ ihr keine Ruhe. Sie musste der Sache auf den Grund gehen. Als hätte sie keine andere Wahl, als weiterzumachen, bis sie die Antwort gefunden hatte.

An einem Tisch in ihrer Nähe beglich ein Gast gerade seine Rechnung. Kaely hörte die Frau zu der Bedienung sagen: »Könnte ich vielleicht eine kleine Tüte für die Reste haben? Die bekommt mein Hund.«

»Natürlich, Ma’am«, sagte die Bedienung und räumte ein paar Teller ab. »Ich bringe Ihnen gleich eine.«

Kaely nahm noch eine Gabel von ihrem Lachs. Aber noch bevor sie sie zum Mund geführt hatte, hielt sie in der Bewegung inne. Das war es! Sie legte die Gabel wieder hin und sah erneut die Akte durch. Noch einmal las sie sorgfältig den Bericht des Gerichtsmediziners; dann die Notizen der Spurensicherung. Tatsächlich! Alles da!

Schließlich blätterte sie noch einmal die Vernehmungsprotokolle durch. Freunde, Angehörige, Nachbarn. Nach und nach formte sich vor ihrem inneren Auge ein deutliches Bild. Kaely fixierte ihr Gegenüber.

Dort saß ein Mann. Mittelgroß, etwas untersetzt, Anfang 30. Blond, schiefe Zähne und ein T-Shirt mit einem Schriftzug darauf.

»Du bist es also!«, sagte Kaely lächelnd.

»Nein, ich bin’s nicht!«, widersprach der Mann. Zwiebelsuppe tropfte auf sein T-Shirt. Darauf war ein Pandabär abgebildet und darunter ein Schriftzug: Ich sorge nicht nur für Tiere. Tiere sind mein Leben.

»Im Ernst?«, seufzte Kaely.

Sie zog ein Handy aus ihrer Handtasche. »Solomon?«, sagte sie, sobald er abgehoben hatte. »Ich habe was für Sie im Fall Nashville.« Sie hielt einen Moment inne. »Sie bekommen von mir ein Profil, aber ich kann ihnen auch gleich den Namen des Unbekannten von Nashville sagen.«

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2

Mit einem Kopfschütteln legte Special Agent Solomon Slattery, der Leiter der FBI-Außenstelle St. Louis, den Hörer auf. Er sollte Kaely Quinn mittlerweile kennen, aber sie war immer wieder für eine Überraschung gut. In all den Jahren beim FBI hatte er noch nie mit jemandem wie ihr zusammengearbeitet. Sie hatte nicht nur ein unglaubliches Talent. Sie war für ihre Tätigkeit geboren. Irgendwie war sie in der Lage, den verdorbensten Kreaturen, die diese Erde je hervorgebracht hatte, in die Seele zu blicken. Aber es war nicht nur das. Es war noch viel mehr.

Schnell wählte er eine andere Nummer. »Erwischt! Habe ich mir’s doch gedacht, dass du noch im Büro bist«, witzelte Solomon, als er die Stimme seines Freundes aus Nashville hörte.

Ein tiefer Seufzer drang an sein Ohr. »Ich versuche immer noch, diesen Kerl zu finden. Hast du was Neues für mich?«

»Wie wär’s mit einem Namen?«

Für einen Augenblick war es still in der Leitung. »Einem Namen?«, erwiderte Phil Thompson, der Polizeichef von Nashville, ungläubig. »Ich verstehe das nicht. Ich hatte ein Profil erwartet.«

Solomon lachte. »Sie meint zu wissen, wer euer Unbekannter ist.«

»Das glaube ich dir nicht.«

»Was du glaubst, ist deine Sache. Ich bin lediglich der Überbringer der Nachricht. Aber ich würde mal lieber nicht gegen sie wetten.«

Phil zögerte einen Moment. »Okay, spuck’s schon aus!«

Die Skepsis, die Solomon aus der Stimme seines Freundes heraushörte, ließ ihn schmunzeln. »Der Name eures Täters könnte Charles Morgan sein.«

»Nun mal langsam! Charles Morgan? Der Kerl, den wir nach dem zweiten Mord im Park vernommen haben? Seid ihr wahnsinnig? Der Typ könnte buchstäblich keiner Fliege was zuleide tun. Er ist einer von diesen wohltätigen Tierfreunden. Und arbeitet sogar für eine Tierschutzorganisation. Niemals!«

»Kaely hat euren Unbekannten als jemanden beschrieben, der sich für unerwünschte und misshandelte Tiere einsetzt. Er ist Vegetarier. Absolut unauffällig. Niemand, den man unter normalen Umständen verdächtigen oder auch nur bemerken würde. Wenn ihr Morgans Familienverhältnisse unter die Lupe nehmt, findet ihr bestimmt heraus, dass er als Kind von einem oder auch beiden Elternteilen misshandelt wurde, aber vermutlich eine Katze oder einen Hund hatte. Sein Tier wurde seine Familie. Mit Menschen kann er nichts anfangen. Hat wohl keine engen, dauerhaften Beziehungen. Aber Tieren fühlt er sich verbunden und versteht die Leute nicht, die keine haben wollen. Er hält sie tatsächlich für Egoisten, die für die Tiere verantwortlich sind, die keiner aufnimmt und die schließlich eingeschläfert werden. Das macht ihn zornig und er will Rache üben.«

»Das ist ja verrückt! Wie um alles in der Welt …?«

»Erstens haben eure Opfer nichts gemeinsam.«

»Das stimmt allerdings. Wir konnten keine Verbindung feststellen.«

»Keiner davon hat ein Haustier«, stellte Solomon sachlich fest.

»Da bin ich mir allerdings nicht so sicher.«

»Dann prüft das bitte.«

»Machen wir.«

»Ihr müsst auch eine Erklärung für die Tierhaare finden.«

»Welche Tierhaare?«, fragte Phil.

»Tierhaare auf den Kleidern der Opfer. Tierhaare bei ihnen zu Hause.«

»Wir haben nur ganz wenige gefunden. Bestimmt versehentlich dort eingeschleppt. Passiert andauernd. Freunde und Angehörige kommen zu Besuch und bringen ihre Tiere mit.«

»Kann sein, aber erklär mir mal die Hundehaare am Hals bei zwei Opfern.«

Solomon hörte, wie Phil Unterlagen durchblätterte. »Oh … okay.«

»Sie wurden mit einer Leine erwürgt. Einer Hundeleine.«

»Aber dieser Kerl … Ich meine …«

»Morgan ist stark genug, um jemanden von hinten zu erdrosseln, Phil. Vielleicht findet ihr bei den Opfern zu Hause eine Art Flugblatt. Du weißt schon – irgendeinen Spendenaufruf, zum Beispiel für ein Tierheim. Damit könnte er sich Zutritt verschafft haben. Selbst Leute, die keine eigenen Haustiere haben, können nur schwer Nein sagen, wenn jemand misshandelten Tieren helfen will.«

Diesmal sprach die Stille in der Leitung Bände.

»Ihr habt schon so was gefunden, stimmt’s?«

»Stimmt. Bei zwei Opfern in der Wohnung. Wir dachten, die seien in der Gegend verteilt worden.«

»Nein«, entgegnete Solomon. »Er hat sich damit Zugang verschafft. Weil er einen harmlosen Eindruck machte, haben die Leute ihn reingelassen.«

Phil schnaubte. »Jetzt warte mal. Die Opfer waren bereit, für den guten Zweck zu spenden, aber das war nicht genug?«

»Nicht für diesen Kerl. Vermutlich meint er, die wollen sich nur freikaufen.«

»Das ist doch Quatsch!«

»Oha … war das jetzt eine ernsthafte Bemerkung?«

»Nein. Also gut, wir sehen zu, dass wir ihn finden und noch einmal vernehmen. Ich halte dich auf dem Laufenden.«

»Ich bitte darum. Und … ach ja, dieser Kerl nimmt keine echten Trophäen mit, aber vielleicht entdeckt ihr ja leere Lebensmittelverpackungen aus den Wohnungen der Opfer. Ihr könntet sogar Spendengelder finden. Möglicherweise hat er sie noch nicht weitergeleitet, aber falls Schecks auftauchen …«

»Wir schauen. Und … Solomon …«

»Ja?«

»Ich danke euch. Es könnte sein, dass deine Agentin einen vierten Mord verhindert hat. Sie ist wirklich erstaunlich. Jemand wie sie ist mir noch nie begegnet.«

»Ich weiß. Und … übrigens, Phil, Special Agent Quinn ist sich durchaus bewusst, dass ihr es seid, die diese Fälle eigentlich lösen. Ohne Morgans Aussage in der Akte hätte sie diesem Kerl niemals auf die Spur kommen können.«

Vom anderen Ende der Leitung kam ein leises Lachen. »Ich weiß, dass sie Respekt vor uns hat, Solomon. Das ist einer der Gründe, warum wir sie so schätzen. Ich bin auch überhaupt nicht beleidigt. Nur sehr dankbar.«

»Seht einfach zu, dass ihr die nötigen Beweisstücke findet, um diesen Fall zu lösen, damit wir Kaely aus dem Spiel lassen können. In der Verhaltensanalyse sind ihre Alleingänge nicht so gern gesehen. Mach’s gut, Phil.«

»Du auch.«

Solomon legte auf und sah auf die Uhr. 20:30 Uhr. Eigentlich sollte er schon längst zu Hause sein, aber er war noch nicht fertig. Joyce, seine Frau, war in den letzten Monaten immer stiller geworden. Er wusste, wie sehr sie ihren Sohn Austin vermisste, der vor ein paar Monaten als letztes Kind das Haus verlassen hatte, um aufs College zu gehen. Ihre Tochter Teresa war nun im dritten Studienjahr und Hannah, ihre andere Tochter, schon verheiratet und lebte in Seattle. Das elterliche Nest war leer und Joyce fühlte sich verlassen und nutzlos. Er hatte gehofft, dass sie sich andere Beschäftigungen suchen und neue Interessen entwickeln würde. Aber bisher war das nicht geschehen. Sie schien so auf ihn fixiert und verlangte nach mehr Aufmerksamkeit, als er ihr geben konnte. Wenn er abends von der Arbeit kam, fühlte er sich körperlich und emotional ausgelaugt. Joyce wollte gern mit ihm auf eine zweiwöchige Kreuzfahrt in die Karibik gehen und lag ihm schon lange damit in den Ohren. Vielleicht würde es sich irgendwann machen lassen. Sein Stellvertreter konnte für eine Weile die Leitung übernehmen. Ron war zwar noch nicht lange da, aber er war eine hervorragende Vertretung. Und warum wehrte Solomon sich eigentlich innerlich gegen den Wunsch seiner Frau? Warum zog es ihn nicht nach Hause? Er griff zum Telefon und rief Joyce an, um ihr zu sagen, dass er nun endlich auf dem Weg sei. Sie klang bedrückt. Und er fühlte sich schuldig.


Kaely bremste vor dem Pförtnerhäuschen an der Einfahrt zu ihrem geschlossenen Wohnkomplex. Ernie Watts, der Wachmann, lächelte ihr zu und winkte sie durch. Als Polizist im Ruhestand sicherte er nun die Anlage, in der Kaely eine Eigentumswohnung hatte. Eigentlich hätte sie lieber auf dem Land gelebt, fernab der vielen Menschen. Aber Drohungen in der Vergangenheit machten einen gewissen Schutz unumgänglich.

Sie steuerte ihren Wagen auf ihren überdachten Parkplatz und stieg aus. Der Novemberwind blies ihr scharf ins Gesicht, als sie zu ihrer Eingangstür lief. Ihre Maisonettewohnung kam ihrem derzeitigen Lebensstil sehr entgegen. Sie war pflegeleicht und sicher, aber nicht mehr als ein Platz zum Schlafen und Arbeiten. Alex hatte oft gewitzelt, ihr Zuhause sei ungefähr so einladend wie ein Motelzimmer: schnörkellos, jedes Ding an seinem Ort, nichts, was nicht irgendwie funktional wäre. Aber genau so wollte Kaely es haben.

Sie schloss auf, trat ein und zog schnell die Tür hinter sich zu. Ihr erster Weg führte sie in die Küche, wo das Licht brannte. Ihre Freundin Georgie stand hinter der Küchentheke und lächelte sie an.

»Hallo«, begrüßte sie Kaely, als sie hereinkam. »Hast du Mr Hoover vergessen?«

Kaely seufzte. »Danke, dass du mich daran erinnerst. Eigentlich wollte ich gar nicht so spät kommen. Was wäre ich ohne dich?«

Ein Schmunzeln ging über Georgies freundliches, von braunen, welligen Haaren umrahmtes Gesicht. »Ich weiß nicht. Hoffentlich ist es okay für dich, dass ich mich reingelassen habe.«

»Klar. Du kommst immer genau zur richtigen Zeit.« Mr Hoover, Kaelys Kater, sprang auf die Anrichte und setzte sich. Ein schönes Kerlchen. Genau so hatte sie sich immer ihr erstes Haustier vorgestellt. Graue Streifen, eine weiße Nase und vier weiße Pfoten. Sie lächelte, als er anfing, laut zu schnurren.

»Bist du froh, dass du auf meinen Rat gehört und Mr Hoover in dein Leben gelassen hast?«, fragte Georgie.

»Ja. Du hattest recht. Er ist genial. Als Kinder durften wir keine Haustiere haben.«

»Ich weiß. Tut mir leid.« Ihre braunen Augen waren voller Mitgefühl.

»Danke, aber das ist schon okay. Vor allem jetzt, wo ich ihn habe.«

Der stattliche Kater schnurrte noch lauter, als habe er Kaelys Worte verstanden. Kaely hatte ihn richtig lieb gewonnen und sogar nach dem berüchtigten Direktor des FBI benannt. Bei ihren unregelmäßigen Arbeitszeiten und ihrer Eigenart, sich in Fälle zu verbeißen, war sie nicht so sicher gewesen, ob sie eine gute Haustierbesitzerin sein würde. Gut, dass Georgie immer in der Nähe war und sie daran erinnerte, was Mr Hoover brauchte. So war Kaely zuversichtlich, diesen Probelauf zu bestehen.

Kaely war sehr dankbar für Georgie. Eine Freundin, genau wie sie sie brauchte. Eine, mit der sie über alles reden konnte, die ihr aber andererseits nie zu nahetrat. Sie erinnerte Kaely an ihre beste Schulfreundin. Eine der vielen, die sie verloren hatte, nachdem ihr Vater festgenommen worden war.

»Was hattest du denn zum Abendessen?«, fragte Georgie.

Kaely goss sich ein Glas Eistee ein. »Den Nizzasalat mit Lachs. Er war ausgezeichnet, aber heute ist was schiefgelaufen.«

Georgie setzte sich auf einen der Stühle an Kaelys Küchentresen. »Wie meinst du das?«

»Ich war so in eine Akte vertieft, dass ich vergessen habe, wo ich war und ich … ich …«

»Du hast angefangen, mit jemandem zu reden, der gar nicht da war?«

Kaely nickte. »Ich kann das gar nicht glauben. Die Leute am Nachbartisch haben sich beschwert und Louis hat sie rausgeworfen. Das war mir vielleicht peinlich!« Kaely ließ sich auf den Stuhl neben Georgie fallen. Sie spürte die ersten Anzeichen von Spannungskopfschmerz und rieb sich die Schläfen. »Wie konnte ich bloß …? Vor allem nach dem, was in Quantico passiert ist …«

»Ach komm, meine Liebe, das war doch bloß ein Fehler. Sei nicht zu hart mit dir. Du verrennst dich so in deine Fälle, dass du manchmal vergisst, wo du bist.«

»Normalerweise nicht, aber Solomon hatte einen ganz dringenden Auftrag für mich. Und Louis besteht darauf, dass ich mich mindestens einmal im Monat zum Essen blicken lasse. Da dachte ich, ich könnte zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Offensichtlich war das keine gute Idee. Aber keine Angst: Ich nehme in Zukunft keine Akten mehr mit in die Öffentlichkeit.«

Georgie nickte. »Gut. Nimm sie lieber mit nach Hause. Hier hast du den idealen Ort, wo du sie in aller Ruhe studieren kannst.«

Georgie spielte auf Kaelys Arbeitszimmer im oberen Stock an. Dort waren an einer Wand ein großes Whiteboard und eine riesige Pinnwand aufgehängt, die sie benutzte, um Beweisstücke zu sortieren. Manchmal half ihr das, Verbindungen und Muster zu erkennen, aus denen ein stichhaltiges Profil entstehen konnte. Sie nannte diesen Raum ihre Einsatzzentrale. Hier setzte sie sich mit Leib und Seele im Kampf gegen das Böse ein. In einer Ecke hatte sie auch einen kleinen Tisch mit zwei Stühlen aufgestellt. Gewöhnlich führte Kaely hier ihre »Vernehmungen« durch. Dieser Raum war der einzige in ihrer Wohnung, der ihr wirklich etwas bedeutete. Wenn sie nicht schlief, verbrachte sie die meiste Zeit hier in ihrer Einsatzzentrale, arbeitete an Fällen, dachte nach, war einfach sie selbst.

»Irgendwann muss ich mal anfangen, mich wie andere Ermittler zu benehmen. Niemand sonst kommt auf so seltsame Ideen.«

»Na ja, du bist eben nicht wie jeder andere. Und deine Methode leuchtet absolut ein, wenn man bedenkt, wie du erzogen wurdest.«

»Dir vielleicht, aber anderen nicht. Zumindest nicht in Quantico.«

»Ach, vergiss doch Quantico! Du bist jetzt in St. Louis und dein Chef, dieser Special Agent Slattery, hält dich für genial. Gib einfach dein Bestes hier. Dann ist alles gut.«

Kaely lächelte. »Ich weiß wirklich nicht, was ich ohne dich tun sollte, Georgie. Du schaffst es immer, mich wieder aufzubauen. Das weißt du doch, oder?«

Georgie nickte. »Ja, dafür bin ich schließlich da.« Die Stirn in Falten gelegt, blickte sie Kaely einen Augenblick lang besorgt an. »Wie geht es dir denn wirklich? Ich meine, jetzt, wo Alex weg ist?«

Kaely nahm noch einen Schluck Eistee und zuckte mit den Schultern. »Ich habe kein Problem damit. Es war seine Entscheidung.«

Georgie lächelte. »Okay, also noch einmal von vorne. Und diesmal sagst du mir die Wahrheit.«

Kaely blickte ihrer Freundin in die Augen. »Ich vermisse ihn«, gestand sie leise. »Aber ich musste ihn gehen lassen. Er wollte … mehr. Das konnte ich ihm nicht geben. Verstehst du das?«

»Schon. Aber weißt du, irgendwann musst du jemanden in dein Leben lassen. Das ist gesund. Ich sehe, dass du versuchst, dich selbst zu schützen. Deine Arbeit hat oberste Priorität für dich. Aber Menschen brauchen Liebe, Kaely. Du bist jetzt vierunddreißig. Willst du einmal heiraten? Kinder haben?«

»Ich weiß nicht. Eigentlich vermisse ich gar nichts.« Sie lächelte Georgie an. »Ich habe doch dich und Richard. Das reicht mir.«

»Das reicht nicht, Kaely, und das weißt du ganz genau.«

Kaely trank ihren Tee aus und stand auf. »Nein. Richard ist extra aus Des Moines hergezogen, damit ich nicht so alleine bin. Er ist für mich der Vater, den ich niemals hatte. Ich kann gar nicht sagen, wie viel mir das bedeutet.«

»Na ja, der gruselige Reporter ist dir auch aus Des Moines hierher gefolgt. Das hat dir ganz bestimmt nicht geholfen.«

»Aber Richard ist nicht Acosta. Das sollte dir doch klar sein.«

Dr. Richard Barton war ein langjähriger Freund der Familie. Er und seine Frau Bella hatten Kaelys Eltern sehr nahegestanden. Sie waren damals am Boden zerstört gewesen, als Kaelys Vater sich als der »Lumpenmann« entpuppte. Vor allem, weil Richard Familientherapeut war. Er machte sich solche Vorwürfe, dass er Kaelys Vater nicht durchschaut hatte. Nach Bellas Tod folgte Richard Kaely nach Virginia, um sie zu unterstützen. Als sie dann nach St. Louis versetzt wurde, zog auch er noch einmal um. Er und Georgie waren die einzigen Menschen, denen Kaely vollkommen vertraute. Wann immer sie Mitgefühl, ein offenes Ohr oder ein ermutigendes Wort nötig hatte, war Richard für sie da. Sie wusste tatsächlich nicht, was sie ohne ihn tun sollte. Und Georgie konnte sie Dinge anvertrauen, die sie nicht einmal Richard sagen würde.

»Ich mag Richard auch, aber er ist schon fast 60. Und auch nicht so richtig dein Typ.« Georgie lachte. »Du warst tatsächlich noch nie verliebt. Reizt es dich gar nicht, zu wissen, wie das ist?«

»Nicht jede Frau braucht einen Mann, um sich als vollwertig zu empfinden, Georgie.« Kaely deutete zur Tür. »So sehr ich dich mag, aber bitte geh jetzt. Ich brauche ein bisschen Schlaf.«

Sonst verabschiedete Georgie sich immer sofort, wenn Kaely bereit war, allein zu sein – aber heute rührte sie sich aus irgendeinem Grund nicht vom Fleck.

»Was ist denn los?«, fragte Kaely.

»Weißt du noch, als wir mal über … ein Gefühl geredet haben? Dieses Gefühl, dass was nicht stimmt? Als ob bald irgendetwas Schlimmes geschehen würde?«

Kaely schmunzelte. »Du meinst, so eine dunkle Vorahnung wie im Star-Wars-Film, den wir neulich gesehen haben?«

Georgie stand auf und sah Kaely in die Augen – todernst. »Irgendetwas braut sich zusammen, Kaely. Ich weiß zwar nicht, was, aber ich spüre es. Du nicht?«

Kaely schwieg, als Georgie ging, aber sie musste zugeben, dass auch sie dieses Bauchgefühl schon seit Tagen mit sich herumschleppte. Ein eiskalter Schauer lief ihr über den Rücken. Sie löschte die Lichter. Während sie im Dunkeln dastand, versuchte sie, die vage Befürchtung drohender Gefahr abzuschütteln. Irgendetwas lauerte im Verborgenen und nahm sie ins Visier.

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3

Solomon hatte gerade seine zweite Tasse Kaffee ausgetrunken, als seine Assistentin mit einem seltsamen Gesichtsausdruck in sein Büro trat.

»Stimmt etwas nicht, Grace?«, fragte er.

»Tut mir leid, Solomon. Es ist schon wieder dieser Reporter vom St. Louis Journal.«

Er spürte einen Anflug von Unmut in sich aufsteigen. »Ich habe Ihnen doch schon gesagt, dass ich ihn nicht sprechen will. Schicken Sie ihn zu unserer Pressesprecherin.«

»Das habe ich ja versucht, aber er besteht darauf, mit Ihnen selbst zu sprechen. Angeblich steht Kaely Quinns Leben auf dem Spiel.«

»Ach, bitte! Er hat ihr schon so viel Ärger gemacht. Jetzt fängt er wieder damit an. Sagen Sie ihm, er soll verschwinden und sich nicht mehr hier blicken lassen.«

Jerry Acosta versuchte schon seit einem Jahr, einen Termin für ein Interview mit Kaely Quinn zu bekommen. Er war ein absoluter Plagegeist, der sogar die Frechheit besessen hatte, ihr von Virginia nach St. Louis zu folgen. Acosta war wild entschlossen, geradezu besessen von dem Gedanken, ein Buch über die Tochter eines Gewalttäters zu schreiben, die sich nun den Kampf gegen Gewalttäter zur Lebensaufgabe gemacht hatte.

In Quantico hatte Kaely wesentlich zur Aufklärung einiger schwerer Verbrechen beigetragen. Kaum hatte Acosta von der talentierten Profilerin erfahren, da plante er auch schon, ihre Geschichte zu Papier zu bringen. Erst dann erfuhr er von ihrer Vorgeschichte. Als er Kontakt zu ihr aufnahm, traf sich Kaely mit ihm, nur um ihm klarzumachen, dass sie nichts mit ihm zu tun haben wollte. Aber Acosta war hartnäckig. Er werde sie erst dann in Ruhe lassen, wenn sie ihm ein ausführliches Interview für sein Buch gewährt hätte. Das aber hatte sie bereits ausgeschlagen, weil sie ihm nicht so viel Macht über ihr Leben einräumen wollte.

Als ein Zeitungsartikel Kaely als Tochter des »Lumpenmanns« publik machte, beschloss der Leiter der Abteilung für Verhaltensanalyse, sie zu versetzen. Das FBI entschied sich für St. Louis, wo man bereit war, sie aufzunehmen. Ihre Vorgesetzten in Quantico hatten ihr versichert, sie nicht deshalb wegzuschicken, weil sie sie nicht mehr haben wollten. Sie sahen sich vielmehr gezwungen, Störungen im Team zu vermeiden – und Kaely vor Leuten zu schützen, die sie für die schrecklichen Taten ihres Vaters verantwortlich machten.

Kaelys Annahme, Acosta hätte bekommen, was er wollte, und würde sie nun in Ruhe lassen, war ein Irrtum. Er war tatsächlich in St. Louis aufgetaucht und hatte sogar schon einige Artikel über Kaely im St. Louis Journal veröffentlicht.

Solomon seufzte. Es war nicht einfach gewesen für Kaely, aber sie hatten es überstanden. Das dachten sie zumindest. Aber irgendwie hatte Acosta von Kaelys unkonventioneller Art, Profile zu erstellen, Wind bekommen. Bis heute wusste Solomon nicht, wer ihm das verraten hatte – vermutlich einer ihrer Mitauszubildenden in der Verhaltensanalyse in Quantico. Sie hatte Solomon gestanden, einer anderen Agentin, die sie für vertrauenswürdig hielt, davon erzählt zu haben. Doch diese hatte es trotzdem ausgeplaudert. Irgendwie musste es zu Acosta durchgesickert sein. Solomon fluchte leise. Es war kein Wunder, dass Kaely vielen Menschen nicht traute.

Da fiel ihm auf, dass er seine Arme gerade so stark gegen die Seiten seines Bürostuhls presste, dass sie schmerzten. Er versuchte bewusst, sich zu entspannen, aber es gelang ihm nicht. Was hatten sie nicht alles unternommen, um Kaely vor der Öffentlichkeit abzuschirmen. Aber Acosta verfolgte gnadenlos und ehrgeizig seine ganz persönliche Mission. Durch mehrere Anrufe bei der Zeitung hatte Solomon schließlich erreicht, dass die belanglose Kolumne über sie eingestellt wurde. Doch auch ohne immer neue Geschichten hatten die Menschen sie nicht vergessen. Sein Büro wurde ständig von Schriftstellern, Reportern und sogar Polizeibeamten belästigt, die etwas über die unglaubliche Kaely Quinn und ihre höchst ungewöhnliche Vorgeschichte erfahren wollten.

Solomon hatte von Anfang an beschlossen, Kaely zu behalten und die Störungen zu ignorieren. Langsam war der Hype abgeebbt. Aber nun war Acosta wieder aufgetaucht. Solomon hatte nicht die Absicht, ihm beim Schreiben seines Buches behilflich zu sein.

»Wie gesagt, Grace, schicken Sie ihn bitte zu Jacqueline Cross. Ich habe heute keine Zeit, mich mit ihm zu befassen.«

»Er sagt, er hat einen Brief. Etwas … Beunruhigendes. Eine Drohung gegen Agent Quinn. Er scheint fest davon überzeugt zu sein: Wenn Sie ihn nicht empfangen, steht Kaelys Leben auf dem Spiel.«

»Grace, bitte …«

Sie aber ließ sich nicht abwimmeln. Die Augen zu Schlitzen verengt, starrte sie ihn an. Solomon kannte diesen Blick und wusste, was er bedeutete. Für Grace war es bereits beschlossene Sache, dass er diesen Kerl empfangen sollte.

Er seufzte erneut, diesmal wesentlich lauter. »Also gut. Fünf Minuten, Grace. Und keine Sekunde länger.«

»Ja, Solomon«, entgegnete sie besänftigend. Er beschloss, die winzige Spur von Triumph in ihrer Stimme zu überhören.

Solomon griff nach seinem Kaffee und nahm einen Schluck. Kalt. Auch das noch! Acosta war ein aufdringlicher Lügner, der alles zu tun bereit war, um seine Story zu bekommen. Solomon hatte keine Ahnung, was er diesmal im Schilde führte, aber sicherlich war es wieder irgendein Trick, mit dem er das FBI dazu bringen wollte, ihm das ersehnte Interview zu gewähren.

Ein paar Minuten später trat Jerry Acosta in Solomons Büro. Heute wirkte er etwas verändert. Sein gewohntes schmeichlerisches Lächeln war verschwunden und er sah ein wenig nervös aus.

»Also, Acosta. Worum geht’s heute? Was immer Sie hierher treibt, Sie werden nicht mit Special Agent Quinn sprechen.«

Ohne Aufforderung ließ Acosta sich auf einen der Stühle vor Solomons Schreibtisch sinken. »Deshalb komme ich heute gar nicht. Es geht um … etwas anderes. Ich hatte das Gefühl, Sie sollten es sofort sehen.« Er griff in seine zerschlissene Aktentasche und zog einen wiederverschließbaren Plastikbeutel heraus. Darin befand sich offenbar ein Brief. Was hatte das zu bedeuten?

»Dieses Schreiben habe ich heute Morgen per Post bekommen. Zum Schutz habe ich es in die Plastiktüte gesteckt. Ich meine, falls Fingerabdrücke darauf sind. Beim Öffnen habe ich den Brief natürlich angefasst, meine müssen also auf jeden Fall darauf sein. Tut mir leid. Ich habe nicht gleich begriffen, was es war.«

Solomon nahm dem Reporter die Tüte aus der Hand und legte sie vorsichtig auf seinen Schreibtisch.

Druckbuchstaben auf billigem Notizpapier mit gelben Linien. Einfach aufzutreiben. Auch der Umschlag war einfach. Nichts Besonderes. Selbstklebend. Wahrscheinlich keine DNA-Spuren. Keine Absenderadresse. Abgestempelt in St. Louis. Bei näherem Hinsehen erkannte Solomon ein Gedicht.

Sieben kleine Elefanten

Eine Grabrede für Kaely Quinn

Sieben kleine Elefanten gingen mal spazieren.

Da stellte irgendwer im Wald

mit einem Schlag dort einen kalt.

Sechs kleine Elefanten packten ihre Sachen

und machten sich ganz schnell davon.

Noch hatten sie gut lachen.

Sechs kleine Elefanten schwammen im See.

Dabei ging leider einer drauf.

Er tauchte nicht mehr lebend auf.

Fünf kleine Elefanten packten ihre Sachen

und machten sich ganz schnell davon.

Noch hatten sie gut lachen.

Fünf kleine Elefanten saßen auf der Schaukel.

Da packte einer einen Strick,

ist irgendwann daran erstickt.

Vier kleine Elefanten packten ihre Sachen

und machten sich ganz schnell davon.

Noch hatten sie gut lachen.

Vier kleine Elefanten spielten mit dem Feuer.

Und einer kam – so ist das eben –

bei der Zündelei ums Leben.

Drei kleine Elefanten packten ihre Sachen

und machten sich ganz schnell davon.

Noch hatten sie gut lachen.

Drei kleine Elefanten setzten sich zum Essen.

Da legte nach dem ersten Bissen

einer sich aufs Ruhekissen.

Zwei kleine Elefanten packten ihre Sachen

und machten sich ganz schnell davon.

Noch hatten sie gut lachen.

Zwei kleine Elefanten spielten ganz allein.

Einer sorgte für Klarheit,

sagt’ dem Häscher die Wahrheit.

Eine Elefantendame packte ihre Sachen

und machte sich ganz schnell davon,

bald gab’s nichts mehr zu lachen.

Eine Elefantendame stand vor ihrem Richter.

Der befand sie für schuldig.

Nun war’s aus mit geduldig.

Jessica Oliphant packte ihre Sachen

und gab sich die Kugel,

um ein Ende zu machen.

Sag Jessica, dass die Elefantenjagd bald beginnt.

Warte nur ab!

Solomon ließ den Plastikbeutel fallen, als würde er brennen. Er fluchte laut und sprang von seinem Stuhl auf. »Was für ein faules Spiel treiben Sie diesmal?«, schrie er Acosta an. »Glauben Sie im Ernst, Sie dürften jetzt mit Agent Quinn sprechen? Da haben Sie sich aber getäuscht. Raus hier! Sofort!«

Der Reporter blieb sitzen, schlug aber nun einen deutlich gedämpften Ton an. »Bitte, Agent Slattery, glauben Sie mir: Dies ist kein Spiel. Ich … ich habe diesen Brief tatsächlich mit der Post bekommen. Eigentlich wollte ich ihn gleich meinem Chef zeigen. Aber dann habe ich es mir anders überlegt und ihn zuerst zu Ihnen gebracht. Auf der Rückseite ist eine Notiz vom Absender an mich.«

Solomon schnaubte angewidert, drehte den Beutel um und las:

Acosta,

übergeben Sie dies persönlich Solomon Slattery vom FBI, wenn Sie je wieder etwas von mir hören wollen. Wenn Sie das nicht tun, verlieren Sie nicht nur Ihre eindrucksvolle Story, sondern auch noch Ihr Leben.

Solomon drehte sich schier der Magen um. Würde ein Schleimer wie Jerry Acosta so weit gehen? Irgendwie konnte er sich das nicht vorstellen.

»Ich bitte Sie nicht um ein Interview mit Agent Quinn«, fuhr Acosta fort. »Es ist nur … dies könnte echt sein. Bitte nehmen Sie es ernst.« Er griff nach seiner Aktenmappe. »Ich habe eine Kopie von dem Brief, und nun muss ich zu meinem Chef.« Er schluckte. »Ich … ich musste mich an die Spielregeln halten. Um Special Agent Quinns willen.«

Nervös klopfte er mit den Fingern auf die Aktenmappe. »Tun Sie, was Sie für richtig halten, aber ich glaube wirklich, ihr Leben ist bedroht. Vielleicht steckt irgendein Verrückter dahinter, aber ich habe gar kein gutes Gefühl bei der Sache. Bitte tun Sie es nicht einfach so ab, nur weil Sie mich nicht ausstehen können.« Er hielt einen Augenblick inne. »Sie werden es mir bestimmt nicht glauben, aber ich habe Agent Quinn noch nie schaden wollen. Nicht einmal in Virginia. Es war nur eine Story. Ich möchte wirklich nicht, dass ihr etwas passiert.« Er wollte aufstehen, aber Solomon hielt ihn zurück.

»Wir brauchen Ihre Fingerabdrücke zum Abgleich mit den sonstigen auf dem Brief und dem Umschlag.« Solomon nahm den Hörer ab und tippte Grace’ Nummer. Er bat seine Assistentin, jemanden von der Spurensicherung zu schicken, der Acosta ins Labor begleiten würde.

Nachdem Solomon aufgelegt hatte, deutete er mit einer Handbewegung hinaus ins Vorzimmer. »Bitte warten Sie draußen«, forderte er Acosta auf. »Es kommt gleich ein Agent und begleitet Sie.«

»Ich habe es ziemlich eilig«, entgegnete Acosta stirnrunzelnd.

»Hören Sie, Acosta«, brummte Solomon. »Sie haben uns das hier gebracht. Jetzt arbeiten Sie bitte auch mit uns zusammen, damit wir prüfen können, was es damit auf sich hat.«

»Schon gut, schon gut. Aber Ihre Leute sollen ein bisschen Tempo vorlegen. Ich kann nicht den ganzen Tag bleiben.« Damit verließ Acosta Solomons Büro und zog die Tür hinter sich zu.

Solomon starrte auf das Gedicht auf seinem Schreibtisch. War das wieder nur ein übler Trick oder plante wirklich jemand, Kaely Quinn zu töten? In dem Moment, in dem er sich diese Frage gestellt hatte, war er sich tief in seinem Herzen ziemlich sicher, dass er die Antwort kannte.

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4

Immer noch starrte Solomon unschlüssig auf den Brief und überlegte, was er als Nächstes tun sollte. Einen Augenblick später wählte er erneut die Nummer seiner Assistentin.

»Grace, schicken Sie mir bitte Special Agent Noah Hunter.«

»Ja, Chef.«

Solomon legte auf und setzte sich. Sein Stuhl quietschte angenehm unter seinem Gewicht. Grace hatte schon mehr als einmal vorgeschlagen, ihn vom Hausmeister ölen zu lassen, aber Solomon wollte das nicht. Irgendwie beruhigte ihn das Geräusch.

Dies war eine verzwickte Angelegenheit. Kaely Quinn brauchte Schutz. Jemanden, der sie im Auge behalten würde, bis sie herausgefunden hätten, ob die Drohung ernst zu nehmen war. Das würde ihr natürlich nicht passen, genauso wenig wie jedem Ermittler, den er ihr zuweisen würde. Sie hatte eng mit Agent Alex Cartwright zusammengearbeitet, nachdem er vor einem Jahr nach St. Louis gekommen war. Mit der Zeit hatte er Kaely verstanden und ihr vertraut. Leider überschritt Alex dabei die rote Linie und verliebte sich in sie. Kaely allerdings war nicht der Typ für romantische Abenteuer. Ihre Arbeit war ihr Leben – daneben hatte nichts anderes Platz. Solomon hatte Cartwright von Anfang an davor gewarnt, aber der hatte seinen Gefühlen irgendwann doch nachgegeben. Jetzt war er weg.

Solomon zog Noahs Akte näher zu sich heran. Lange war er zwar noch nicht bei ihnen, aber er war der perfekte Mann. Ein Mitglied des Spezialeinsatzkommandos. Immer ernsthaft bei der Sache. Äußerst engagiert, pragmatisch und fleißig. Er war verheiratet gewesen, aber seine Frau war gestorben. Konnte man den Agenten glauben, die ihn kannten, hatte Noah kein Interesse, sich wieder auf eine Frau einzulassen. Solomon war nicht wohl dabei, Noahs Schmerz auszunutzen, um Kaely zu schützen, aber sie war ihm so viel wert, dass er kein Risiko eingehen konnte.

Ein lautes Klopfen an der Tür riss ihn aus seinen Gedanken. »Kommen Sie rein«, rief er.

Die Tür ging auf und Special Agent Noah Hunter trat ein. Schlank, mit dunklem, welligem Haar, war er der Inbegriff eines professionellen FBI-Agenten. Ein Lächeln kam ihm nur selten über die Lippen. Er machte einen etwas angespannten Eindruck, als könne nichts und niemand ihn davon abhalten, erfolgreich seine Arbeit zu tun. Solomon ließ sich von dieser Anspannung tatsächlich ein wenig anstecken, aber das schadete gar nicht. Das Letzte, was er im Moment gebrauchen konnte, war ein lockerer, entspannter Agent. Er brauchte einen Kämpfer.

»Setzen Sie sich doch, Noah«, sagte Solomon.

»Ja, Sir.« Noah nahm auf dem Stuhl Platz, auf dem gerade noch Acosta gesessen hatte.

Solomon lächelte ihm kurz zu. »Sie machen Ihre Sache großartig. Dank Ihrer Hilfe konnten wir dieses Drogenkartell zerschlagen, das in ganz Missouri sein Unwesen trieb. Ihr Teamleiter findet nichts als lobende Worte für Sie.«

Noahs blau-graue Augen weiteten sich bei diesem Lob ein wenig. »Danke, Sir. Es war mir eine Ehre, in diesem Einsatzkommando mitzuarbeiten.«

»Sagen Sie ruhig Solomon zu mir. Wir geben hier nicht so viel auf Titel.«

»Danke, Sir. Ich meine … Solomon.«

Solomon nickte. »Ich habe eine neue Aufgabe für Sie, Noah, eine, für die ich Sie besonders qualifiziert halte. Sie sollten wissen, dass ich sie nicht jedem anvertrauen würde.« Er schob Noah die Plastiktüte hin. »Jerry Acosta vom St. Louis Journal hat gerade dies hier gebracht. Er hat es mit der Post bekommen. Ich weiß noch nicht so genau, worauf diese Sache hinausläuft, aber ich denke, wir sollten sie ernst nehmen.«

Noah griff nach der Tüte und las den Brief, der darin steckte. Überrascht sah er auf. »Ist das eine Drohung gegen eine unserer Agentinnen?«

Solomon nickte. »Ich möchte, dass Sie das in die Hand nehmen. Als leitender Ermittler.«

Noah richtete sich auf seinem Stuhl auf. Offenbar war er überzeugt, dass Solomon ihm eine wichtige Mission anvertraute. Und damit hatte er recht.

»Und ich weise Ihnen für diesen Fall Special Agent Kaely Quinn als Co-Agentin zu.«

Noah biss die Zähne aufeinander und wurde kreidebleich. »Agent Quinn? Weil die Drohung auf sie abzielt?«

Solomon sah ihn stirnrunzelnd an. »Nein, das stimmt nicht ganz. Sie ist eine meiner besten Agentinnen und wir brauchen ihre Hilfe. Wenn Sie eine Zeit lang mit ihr zusammengearbeitet haben, werden Sie ihre Fähigkeiten zu schätzen wissen.«

Noah blickte ihn unschlüssig an, als wäge er seine nächsten Worte sorgfältig ab. »Okay. Ich, ich … ich meine, welche Rolle soll sie dabei spielen?«

»Wie gesagt, sie wird Co-Agentin. Kaely ist fokussiert und achtet auf kleinste Details. Sie erkennt Dinge, die die meisten anderen Agenten übersehen würden. Ihr Spezialgebiet ist es, Täterprofile zu erstellen. Da wird sie Ihnen sehr hilfreich sein. Mir ist natürlich klar, dass dieser Brief alleine da nicht viele Anhaltspunkte liefert. Aber Sie werden überrascht sein, was sie aus dem wenigen herauszieht. Und mit der Zeit bekommen wir ja hoffentlich noch mehr Hinweise. Dann kann sie Ihnen ein brauchbares Profil liefern, das Sie zu dem unbekannten Täter führen wird.«

Solomon zeigte auf den Brief. »Zunächst möchte ich, dass Sie beide dieses Gedicht zerpflücken. Sehen Sie zu, ob Sie etwas darin finden, was uns weiterbringt. Wir müssen lückenlos darüber Protokoll führen, wer das Beweisstück jeweils in seinem Besitz hat: zuerst Acosta, dann ich, dann Sie. Sie müssen es weiterschicken an das Labor in Quantico. Die Kollegen dort sollen nach Fingerabdrücken, DNA-Spuren und solchen Dingen suchen … Sie wissen ja, wie das läuft. Ich habe Acosta ins Labor geschickt, damit er seine Fingerabdrücke nehmen lässt.« Solomon fixierte Noah. »Leiten Sie den Brief dann an die Verhaltensanalyse weiter – zum Abgleich mit anderen Drohungen in ihrer Datenbank. Dieses Schreiben scheint zwar direkt auf Special Agent Quinn gemünzt zu sein. Aber es kann trotzdem nicht schaden, auf Nummer sicher zu gehen. Vielleicht möchten Sie eine Kopie an den Geheimdienst schicken. Auch dort sollten die Kollegen ihn durch ihre Datenbank laufen lassen.«

Für einen Moment wandte Solomon sich ab und versuchte, seine Gedanken zu sammeln. Hatte er etwas vergessen? Ihm fiel nichts ein. Dann richtete er den Blick wieder auf Noah. »Was Agent Quinn betrifft: Sie werden als Partner arbeiten. Zumindest so lange, bis wir die Situation vollständig abschätzen können.« Er musterte seinen Agenten. Noah wirkte nervös und ein wenig verstört. Aber das war nicht entscheidend. Er war ein ausgebildeter Ermittler. Und er würde tun, was ihm aufgetragen worden war. »Ich möchte sichergehen, dass Kaely nichts geschieht. Aber sie soll nicht erfahren, dass ich Sie gebeten habe, sie zu überwachen. Wie gesagt, das würde ihr nicht passen. Und offen gestanden kann ich ihr das auch nicht verübeln.«

Noah widersprach nicht, aber Solomon fiel der kräftige Puls an seiner Halsschlagader auf. »Also gut«, sagte Noah schließlich. »Wann soll ich anfangen?«

Solomon trommelte mit den Fingern auf die Schreibtischplatte und überlegte. »Ich möchte selbst mit Agent Quinn sprechen. Danach übergebe ich diesen Brief Ihnen und Sie beide können beginnen. Ich werde auch noch den Leiter Ihres Spezialeinsatzkommandos über Ihre neue Aufgabe informieren.«

»Ja, Sir.«

Diesmal verbesserte sich Noah nicht. Solomon ärgerte sich ein wenig, ließ es aber auf sich beruhen. Warum hatten diese Agenten eigentlich alle so eine schlechte Meinung von Kaely Quinn? Am liebsten hätte er ihnen einmal so richtig die Leviten gelesen, aber das würde alles nur schlimmer machen. Er war immer noch davon überzeugt, dass Noah und Kaely ein gutes Team bilden würden.

»Sie werden Kaely als absolut fähige Agentin kennenlernen, Noah. Falls Sie irgendetwas anderes über sie gehört haben sollten, vergessen Sie es einfach. Vorschnell zu urteilen, ist ein Fehler.« Er hatte die Ellbogen auf den Schreibtisch gestützt, legte die Fingerspitzen zusammen und beugte sich nach vorne. »Außerdem verlange ich nicht, dass Sie sie sympathisch finden. Ich bitte Sie, mit ihr zusammenzuarbeiten. Haben Sie das verstanden?«

»Ja, Solomon. Verstanden.«

Solomon unterdrückte ein Lächeln. Noah sah aus, als leide er an einer akuten Magenverstimmung. Irgendwie tat ihm sein Agent sogar ein wenig leid, aber er hatte trotzdem nicht die Absicht, seine Meinung zu ändern. Seiner Ansicht nach zählte Kaely Quinn zu den größten Schätzen, die das FBI besaß, und er würde alles für ihre Sicherheit tun.

»Ich rufe Sie an, wenn ich mit ihr gesprochen habe. Special Agent Walker von der Spurensicherung soll den Beutel ins Labor nach Quantico bringen. Sie bleiben hier und arbeiten mit Kaely. Ich schicke Walker zu Ihnen, dann können Sie ihm das Beweisstück übergeben und es im Protokoll vermerken. Es könnte einen oder zwei Tage dauern, bis wir den Bericht aus Quantico bekommen, auch wenn sie der Sache sicher höchste Priorität einräumen. Schließlich stehen Menschenleben auf dem Spiel.«

Noah nickte, erhob sich, verließ eilig den Raum und zog die Tür hinter sich zu.

Solomon griff zum Telefon, um Kaely in sein Büro zu bestellen. Wenige Minuten später klopfte es.

»Kommen Sie rein, Kaely«, rief er.

Kaely Quinn trat in den Raum. Ihr lockiges braunes Haar hatte sie flüchtig zu einem Knoten zusammengebunden. Ein paar weiche Strähnen hingen heraus und umrahmten ihr zartes Gesicht. Aber hinter ihrer zierlichen Figur Schwäche zu vermuten, wäre ein Fehler. Kaely Quinn war eine der zähesten Frauen, die ihm je begegnet waren. »Geht es um Nashville?«, fragte sie, während sie sich setzte.

Solomon schüttelte den Kopf. »Nein, es ist etwas anderes. Sie müssen sich dies hier ansehen.« Er schob ihr den Plastikbeutel hin.

Je weiter sie las, desto mehr verhärtete sich ihr Gesichtsausdruck.

»Jerry Acosta hat den Brief gebracht«, erklärte Solomon. »Auf der Rückseite steht eine Notiz an ihn.«

Kaely drehte den Brief um und runzelte die Stirn. Dann schob sie den Beutel vorsichtig zurück zu Solomon. »Acosta hat ihn also mit der Post bekommen?«

»Ja, heute Morgen.«

Sie schüttelte den Kopf. »Warum hat derjenige ihn nicht direkt an mich geschickt?«

Solomon wusste, dass dies eine rhetorische Frage war. Kaely erwartete keine Antwort von ihm.

Sie blickte ihn an. »Hätten Sie jetzt gerne eine Erklärung von mir?«

Solomon fuhr sich mit der Hand durch sein angegrautes Haar. »Versuchen Sie nicht, meine Körpersprache zu lesen, Agent Quinn. Sie wissen, dass ich das nicht mag.«

»Tut mir leid«, erwiderte sie. »Meine zweite Natur.« Sie hielt einen Augenblick inne. »Es ist klar, dass der Schreiber nicht nur mich bedroht«, stellte sie schließlich fest. »Er hat vor, unschuldige Menschen zu töten, um mir irgendetwas zu beweisen. Um mir eine Botschaft zu senden.«

»Ich finde dieses Gedicht sehr beunruhigend. Wer immer es geschrieben hat, scheint Sie aus tiefstem Herzen zu hassen.«

»Stimmt«, pflichtete Kaely ihm bei. »Es muss einen Auslöser gegeben haben. Einen entscheidenden Moment. Was immer es ist, er glaubt nun, freie Hand zu haben, Rache zu üben. Es scheint von langer Hand geplant zu sein, bis ins Detail. In diesem Kerl steckt ein Serienmörder.«

»Und offensichtlich sind Sie das letzte, das eigentliche Ziel.«

Sie nickte, ihre dunklen Augen verengten sich und sie schien angestrengt nachzudenken. »Er fordert mich heraus, ihm auf die Spur zu kommen. Wenn er es durch seine Liste schafft, bin ich dran.«

»Aber warum bringt er Sie nicht gleich um?«, fragte Solomon. »Warum bedroht er andere?«

Kaely zuckte mit den Schultern. »Dieser Unbekannte scheint einen persönlichen Groll gegen mich zu hegen. Wenn er bei diesen ganzen Morden davonkommt – so denkt er vermutlich –, dann ist das für ihn der Beweis, dass ich unfähig bin. Dass er klüger ist als ich. Er möchte mich in jeder Hinsicht besiegen. Beruflich und privat.«

»Sie müssen alte Fälle durchsehen, Kaely«, sagte Solomon. »Vielleicht waren Sie an etwas beteiligt, womit Sie seinen Zorn auf sich gezogen haben.«

»Vermutlich.«

Solomon musterte sie. Er war nicht so gut darin, Körpersprache zu lesen, wie sie. Aber es fiel ihm auf, dass der Muskel über ihrem linken Auge zuckte. Diese Drohung musste sie mehr beunruhigen, als sie zugeben wollte.

»Das Journal wird das vermutlich drucken, oder?«, fragte Kaely.

»Bestimmt, aber wir werden sie bitten, es noch ein paar Tage zurückzuhalten. Wir brauchen etwas Zeit, um herauszufinden, ob es eine echte Drohung ist oder nicht.«

»Ja. Ich halte es für wenig hilfreich, wenn es an die Öffentlichkeit dringt. Das ist etwas ganz anderes als damals das Manifest dieses Briefbombenattentäters.«

»Sie meinen den Unabomber?«

»Genau. Dieser Brief hier wurde in eine ganz bestimmte Situation hineingeschrieben. Ich glaube kaum, dass Freunde oder Verwandte etwas darin erkennen würden.«

»Das sehe ich auch so«, meinte Solomon. »Kaely, ich habe Ihnen für diesen Fall Agent Noah Hunter als leitenden Ermittler zugewiesen. Sie sind seine Co-Agentin.« Er räusperte sich und erkannte auf der Stelle seinen Fehler. Dies war verräterisch. Es zeigte, wie nervös er war. Dass er etwas vor ihr verbarg.

Kaely stieg die Röte ins Gesicht. »Sie wollen, dass er auf mich aufpasst. Warum? Ich brauche keinen Schutz. Ich bin ausgebildete Agentin.«

»Widersprechen Sie mir nicht, Special Agent Quinn. Darüber lasse ich nicht mit mir diskutieren. Ich setze Sie nur deshalb als Co-Agentin ein, weil Sie selbst die Zielscheibe sind. Und weil Sie diejenige sind, die am besten herausfinden kann, wer dahintersteckt.« Er versuchte, ihren Gesichtsausdruck zu ergründen. »Ich kann Ihnen nicht die Leitung überlassen, Kaely. Nicht, wenn sich die Drohung gegen Sie richtet.«

»Das ist mir klar. Aber dieser Hunter ist gerade einmal ein paar Monate hier. Warum ausgerechnet er?«

»Er ist gut. Fokussiert. Ich glaube, er ist für diesen Job der beste Mann.« Solomon fixierte sie. »Er hat vor einiger Zeit seine Frau verloren. Das ist nicht der Grund, warum ich Sie in einem Team haben will. Aber ich denke, die Umstände könnten ihn davon abhalten, den gleichen Fehler zu begehen wie Alex.«

Kaely schwieg. Wartete nur. Der Adrenalinausstoß, den diese Bemerkung auslöste, ließ den Puls an ihrem zarten Hals kräftig schlagen. Sie blickte ihn durchdringend an, aber er blieb unbeirrbar.

»Was soll ich jetzt tun?«, fragte sie schließlich.

»Finden Sie so viel wie möglich über den Schreiber dieses Briefes heraus, bevor irgendjemand zu Schaden kommt. Ich hoffe, dass sich das alles als harmlos herausstellt. Ein Verrückter, der nach Aufmerksamkeit heischt. Oder sogar eine neue Masche von Acosta.« Er legte die Stirn in Falten. »Ich kann den Kerl nicht ausstehen, aber hier habe ich trotzdem das Gefühl, dass er die Wahrheit sagt. Er schien echt aufgewühlt.«

Kaely schnaubte. »Ich bin mir nicht so sicher, dass Acosta echte Gefühle hat.«

»Da könnten Sie recht haben. Er ist ein Egoist. Ich traue ihm nicht so ganz.«

Kaely erhob sich. »Wir werden schon herausfinden, wer dahintersteckt. Ich mache mir da keine allzu großen Sorgen.«

»Das freut mich, aber irgendwie ist dieses Gedicht … unheimlich.«

Ein angedeutetes Lächeln ging über Kaelys Gesicht. Das kam nicht oft vor. »Alle Leute, mit denen wir zu tun haben, sind unheimlich, Solomon.«

Er seufzte zustimmend.

Sie zog ihr Handy aus der Tasche und fotografierte mehrmals Vorder- und Rückseite des Briefes. »Sie schicken ihn bestimmt ins Labor, oder?«

»Ja. Special Agent Walker fliegt ihn hin. Ich möchte, dass Noah hierbleibt und mit Ihnen an dem Fall arbeitet.«

Kaely nickte. »Ich bezweifle, dass das Labor Fingerabdrücke oder DNA findet. Dafür ist dieser Kerl zu schlau.«

»Wie schlau war es denn von ihm, seine Drohung an Jerry Acosta zu schicken?«

»Eigentlich war das ein sehr kluger Schachzug. Hätten wir den Brief direkt bekommen, hätten wir ihn bestimmt nicht in die Medien gebracht. Unser Unbekannter wusste genau, wer seinen Zwecken am besten dienen konnte. Jemand, der immer wieder Kontakt zu mir gesucht hat. Ein Mann, der sich diese Gelegenheit auf keinen Fall entgehen lassen würde. So hat der Unbekannte nicht nur uns seine Absichten kundgetan, sondern der Presse gleich dazu. Machen wir uns sofort an die Arbeit. Ich glaube nicht, dass uns viel Zeit bleibt. Die örtlichen Behörden müssen auch verständigt werden.« Kaely stand auf und ging zur Tür. »Ich durchforste schon einmal den Aktenschrank nach alten Fällen und versuche die Möglichkeiten einzugrenzen.«

»Und ich rufe bei der städtischen Polizei an. Die sollen auch nach diesem Kerl fahnden. Und … Kaely?«

»Ja?«

»Sie beide gehen an die Arbeit. Noah hat die Leitung. Zwingen Sie mich bitte nicht, Sie noch einmal daran zu erinnern.« So sehr er sich um einen strengen Ton bemühte, er wusste genau, dass sie keine Angst vor ihm hatte. Kaely brachte ihm Respekt entgegen, wusste aber auch sehr gut, dass ihm etwas an ihr gelegen war.

Anstelle einer Antwort warf sie Solomon einen Blick zu, den er nur mit einem Kopfschütteln quittieren konnte. Während sie die Tür hinter sich schloss, betete er, dass sie einen Weg finden würde, mit Noah Hunter zusammenzuarbeiten, und vor allem, dass ihr nichts zustoßen würde. Er war zwar nicht ihr Vater, fühlte sich ihr aber stark verbunden. Sie war eine gut ausgebildete Agentin mit einem außergewöhnlichen Talent. Aber etwas an ihr bereitete ihm Sorge. Furcht war nicht immer ein Feind. Unachtsamkeit konnte sie das Leben kosten, wenn die Umstände außer Kontrolle gerieten.

Und genau das befürchtete er.

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5

Als einige Stunden später der Anruf von Solomon kam, stand Noah Hunter von seinem Schreibtisch auf und eilte über den Flur. Eigentlich hätte er unverzüglich in Solomons Büro erscheinen sollen, aber er machte vorher noch einen kurzen Abstecher auf die Toilette. Froh, dort allein zu sein, stellte er sich vor eines der Waschbecken und betrachtete sein Gesicht im Spiegel. Wie sollte er diesen Auftrag angehen? Großer Bruder einer Agentin mit möglichen psychischen Problemen, die sich mit Serienmördern an einen Tisch setzte. Er schüttelte den Kopf. Es ging das Gerücht um, Special Agent Cartwright sei nur deshalb gegangen, um ihr zu entkommen.

In seinen wildesten Träumen hätte Noah sich nicht ausmalen können, der Nächste zu sein, der mit ihr zusammenarbeiten müsste. Die meisten anderen Agenten tuschelten hinter ihrem Rücken und nannten sie Jessica Elephant. Nicht nur, weil sie ihre Vorgeschichte und ihren richtigen Namen kannten. Sie fanden es auch seltsam, dass sie sich, sobald sie einen Tatort in Augenschein genommen hatte, hinterher bis ins kleinste Detail an alles erinnern konnte. Vielleicht war sie geradezu besessen von dem Verlangen, die Welt von Verbrechern wie ihrem Vater zu säubern. Aber das war nicht Noahs Problem.

»Also, was nun?«, fragte er sein Spiegelbild. Er kannte Kaely Quinn gar nicht richtig. Eigentlich hatte er auch nichts gegen sie persönlich. Aber er war aus Quantico gekommen, um das dort Gelernte anzuwenden und damit die Welt zu verbessern. Und nun sollte er nicht mehr sein als ein besserer Babysitter. Er fluchte leise. Dann drehte er den Wasserhahn auf und spritzte sich kaltes Wasser ins Gesicht. Vielleicht würde er aufwachen und merken, dass alles nur ein Traum war. Aber das nützte natürlich nichts.

Während er weiter sein Spiegelbild ansah, dachte er darüber nach, welche Möglichkeiten er hatte. Gab es einen Ausweg? Vielleicht würde Special Agent Quinn ihn ablehnen. Das war durchaus möglich, aber wie würde Solomon darauf reagieren? Er war hart, aber fair. Hätte er Verständnis dafür? Oder wäre er wütend? Eine innere Stimme beantwortete ihm seine Frage. Wenn Solomon eine Anweisung gab, dann erwartete er, dass sie befolgt wurde. Punkt. Noah schüttelte den Kopf. Vielleicht würden sie bald herausfinden, dass es eine leere Drohung war. Dann wäre diese Sache schnell vorbei. Aber sein Bauchgefühl sagte ihm etwas anderes. Es hatte etwas auf sich mit diesem seltsamen Gedicht. Die Wut, die dahinterstand, war mit Händen zu greifen. Beängstigend.

Noah schloss für einen Moment die Augen. Dann ließ er langsam und gleichmäßig seinen Atem ausströmen, um sich zu beruhigen. Es gab nur eines, was er tun konnte: Solomons Anweisung Folge zu leisten. Den Schreiber des Briefes zu entlarven. Dieser Drohung ein Ende zu machen. Er hörte förmlich die spöttischen Kommentare seiner Teamkollegen vom Spezialeinsatzkommando. Doch es blieb ihm nichts anderes übrig, als sich der Situation zu stellen.

Er richtete sich auf, straffte die Schultern und tupfte sich mit einem Papierhandtuch das Gesicht trocken. Dann verließ er die Toilette und lief zielstrebig zu Solomons Büro. Nathan Walker wartete im Vorzimmer. Er stand auf, als Noah eintrat, und nickte ihm zu.

»Gehen Sie ruhig hinein«, forderte Grace sie auf. »Er erwartet Sie beide.«

Noah klopfte und öffnete die Tür. Solomon winkte sie herein. Er unterzeichnete gerade das Protokoll, anhand dessen der Weg des Beweisstücks nachverfolgt werden konnte. Dann schob er es Noah hin, der ebenfalls seine Unterschrift daruntersetzte und es an Walker weiterreichte. Als Nächstes würde in Quantico der mit der Prüfung beauftragte Labormitarbeiter das Protokoll abzeichnen. So hatte das FBI jederzeit einen lückenlosen Nachweis darüber, wer den Brief wann in den Händen hatte.

»Halten Sie mich auf dem Laufenden«, bat Noah Walker.

»Mach ich«, versicherte Walker. Er nahm den Brief, steckte ihn in eine spezielle Aktentasche, die er mitgebracht hatte, und verabschiedete sich.

»Kaely wartet im Konferenzraum auf Sie«, sagte Solomon zu Noah.

Er nickte und verließ Solomons Büro. Der Konferenzraum lag gleich um die Ecke. Die Tür war geschlossen. Also klopfte er leise. »Kommen Sie rein«, forderte ihn eine Stimme auf.

Als er die Tür öffnete, sah er Kaely mit einem Stapel Akten vor sich am Konferenztisch sitzen. Kaum zu glauben, dass sie FBI-Agentin war. Kaely war klein. Auf den ersten Blick konnte man sie für einen Teenager halten, nicht für eine Frau Mitte 30. Sie hatte ihre Jacke ausgezogen und trug eine ärmellose Bluse zu ihrer schwarzen Hose. Ihren ausgeprägten Oberarmmuskeln nach war sie in Topform. Ihr lockiges, rotbraunes Haar war zu einem Knoten zusammengebunden, aus dem einige widerspenstige Strähnen heraushingen.

Als sie zu ihm aufsah, fielen ihm ihre kecke Nase und ihre weichen, vollen Lippen auf. Er hatte sie noch nie genauer betrachtet. Aber plötzlich war ihm, als raube ihr Anblick ihm den Atem. Ihre Augen fesselten ihn. Wie dunkle Seen, in die er sich, ohne es zu wollen, hineingezogen fühlte. Für den Bruchteil einer Sekunde hatte er etwas darin erkannt: eine Spur von Verletzlichkeit.

In diesem Moment fühlte er sich plötzlich zurückversetzt in seine Kindheit. Sein Vater war mit seinen Kameraden auf die Jagd gegangen und hatte ihn mitgenommen. Ein Schritt ins Erwachsenenleben. Ganz aufgeregt und stolz hatte Noah sich der Gruppe angeschlossen. Aber im entscheidenden Moment starrte er dem Reh, das er eigentlich erschießen sollte, in die Augen und konnte nicht abdrücken. Einer der anderen Männer bemerkte sein Zögern und erlegte das Tier selbst. Auch wenn Noah den Vorfall damals mit einem Lachen überspielte und mit den anderen zusammen die erfolgreiche Jagd feierte – an jenem Abend weinte er sich in den Schlaf. Am nächsten Tag verkündete sein Vater, dass er ihn nicht mehr mitnehmen würde, und schlug vor, etwas anderes zusammen zu unternehmen – vielleicht wandern zu gehen. Noahs Vater hatte zwar die Reaktion seines Sohnes auf sein erstes und einziges Jagderlebnis nie verstanden, aber die beiden verbrachten danach viele glückliche Tage beim Wandern in Noahs Heimat, den Hügeln von Colorado. Vermutlich konnte sein Vater es dann nicht so richtig einordnen, als sein Sohn beschloss, zum FBI zu gehen. Aber Verbrecher zu jagen, schreckte Noah nicht ab. Übeltäter zu verfolgen war etwas völlig anderes, als unschuldigen Tieren aufzulauern.

Er atmete bewusst langsam und versuchte, sein klopfendes Herz zu beruhigen. »Special Agent Noah Hunter«, stellte er sich vor. »Es sieht so aus, als würden wir in nächster Zeit zusammenarbeiten.«

»Ich weiß, wer Sie sind, Special Agent Hunter«, entgegnete Quinn mit einer sanften, fast melodischen Stimme. »Nehmen Sie doch Platz.«

Noah setzte sich ihr gegenüber an den Tisch. Er wartete darauf, dass sie das Wort ergriff, aber sie schien in eine Akte vertieft zu sein, die geöffnet vor ihr lag. Mit ihren langen, schlanken Fingern strich sie sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, die über ihre glatte Stirn gefallen war. Als sie schließlich aufsah, musterte sie ihn prüfend. Jedes Anzeichen von Verletzlichkeit war verschwunden. Ihr durchdringender Blick erfüllte ihn mit Unbehagen. Was hatte es auf sich mit dieser Frau? Hinter dieser Fassade lag etwas. Etwas, das er nicht ergründen konnte. Sie war als geradlinig bekannt. So viel er von anderen Kollegen gehört hatte, lebte sie für ihren Job – etwas anderes gab es offenbar nicht in ihrem Leben. Mit einer an Besessenheit grenzenden Hingabe hatte sie sich dem FBI verschrieben.

»Sie leiten die Ermittlungen«, stellte sie fest und schob ihm ein Stück Papier hin. Es sah aus wie der Brief, den er in Solomons Büro gesehen hatte. »Ich habe ihn abfotografiert und ausgedruckt, damit wir etwas in der Hand haben, womit wir arbeiten können.«

Er nickte. »Gut. Wie ich es verstanden habe, meint Solomon, dass sich diese Drohung direkt gegen Sie richtet.«

»Nun, ich denke eigentlich, wir müssen uns auf einen möglichen Serienmörder konzentrieren, der es auf Leute in St. Louis abgesehen hat. Das halte ich für das Wichtigste, meinen Sie nicht?«

Anstelle einer Antwort deutete er auf die Akten auf dem Tisch. »Wonach suchen Sie?«

»Ich gehe alte Fälle durch und überlege, wer etwas gegen mich haben könnte.« Sie schüttelte den Kopf. »Ich fürchte, die Liste ist ziemlich lang. Aber wie Sie vermutlich wissen, machen Verhaltensanalytiker nichts anderes, als das Täterfeld einzugrenzen. Leute, die Verbindungen zu unseren Opfern oder Tätern haben, wüssten über mich normalerweise nichts.«

»Und wie ist es mit den Artikeln von diesem Reporter? Acosta?«

»Das könnte natürlich das Bindeglied sein. Acosta hat es so hingestellt, als hätte ich in den letzten Jahren eigenhändig jeden Serienmörder, Brandstifter, Vergewaltiger und Terroristen zur Strecke gebracht. Das ist natürlich lächerlich.«

»Es eröffnet aber unzählige Möglichkeiten«, sinnierte Noah.

»Auf alle Fälle haben wir jede Menge Arbeit«, entgegnete Kaely nur. »Und Sie würden lieber etwas anderes tun. Habe ich recht?«

Er runzelte die Stirn. »Nein, natürlich nicht. Dies ist eine ernsthafte Drohung …«

Sie klappte die Akte zu und schnitt ihm das Wort ab. »Eine Partnerschaft kann nicht funktionieren, wenn Sie mich anlügen, Agent Hunter.«

Ihre Antwort ärgerte ihn. Was wollte diese Frau eigentlich? Er tat unter den gegebenen Umständen sein Bestes. »Wie sollten Sie wissen können, wie es mir damit geht, Agent Quinn?«

Sie lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. »Das erkenne ich an Ihrer Körpersprache. Schauen Sie doch mal auf Ihre Füße.«

Überrascht lenkte er den Blick auf seine Schuhe. Wovon redete sie?

»Sie zeigen zur Tür. Am liebsten würden Sie gleich wieder verschwinden. Sie haben sich so weit wie möglich von mir weggesetzt. Außerdem haben Sie, seit Sie hier sitzen, zweimal Ihren Kragen zurechtgerückt. Das ist eine besänftigende Geste. Sie versuchen sich also selbst zu beruhigen. Dann haben Sie dreimal Ihre Lippen aufeinandergepresst und mit den Händen so stark auf Ihre Armlehnen gedrückt, dass Ihre Fingerspitzen ganz weiß sind.«

»Erstellen Sie gerade mein Profil?«

»Nein, das hat mit Profiling nichts zu tun. Eher mit Menschenkenntnis. Mit aufmerksamer Beobachtung.« Sie deutete mit dem Kinn auf die Akten auf dem Tisch. »Dank der Verhaltensanalyse können wir die schlimmsten Gewalttäter auf diesem Planeten identifizieren. Deshalb bin ich zum FBI gegangen. Wie war das bei Ihnen? Sie sind doch bestimmt nicht dabei, weil Sie dann diese schicken schwarzen Anzüge tragen dürfen und diese Krawatten, die Sie so hassen.«

Noah überlegte, woher sie wohl von seiner Abneigung gegen Krawatten wusste, verbiss sich aber die Frage. Den meisten Männern ging es so. Dieser Schluss war also ziemlich naheliegend.

»Aber wenn das Beobachten von körperlichen Reaktionen kein Profiling ist, was hat es denn dann damit auf sich?« Eigentlich hatte er sie mit dieser Frage nur davon abhalten wollen, noch weiter seine Körpersprache zu deuten. Aber er merkte, dass ihn die Antwort tatsächlich interessierte.

»Wenn die Polizei Zeugen oder Verdächtige vernimmt, kann sie an ihren Reaktionen ablesen, ob sie die Wahrheit sagen. Wir alle haben bestimmte Verhaltensweisen, die zeigen, was wir wirklich denken. Das funktioniert natürlich nicht immer. Eine exakte Wissenschaft ist es nicht. Die Art, wie jemand sich an den Mund fasst, ist nichts, was wir vor Gericht bringen könnten. Wir brauchen immer noch Beweise. Aber verstehen zu können, was jemand denkt, kann dennoch außerordentlich wertvoll sein. Ich habe einmal herausgefunden, dass der mutmaßliche mehrfache Bombenleger in Washington, D.C., doch nicht unser Mann war: Es war an seinen Reaktionen beim Verhör abzulesen. Er machte im Großen und Ganzen einen ehrlichen Eindruck. Trotzdem war ihm anzusehen, dass er irgendetwas wusste. Und er führte uns dann tatsächlich zum eigentlichen Täter, obwohl er die Sprengsätze nicht selbst gezündet hatte. Offensichtlich hatte er dabei geholfen, die Bomben zu bauen, mit denen der Terrorist Tausende amerikanischer Bürger umbringen wollte.«

Sie legte die Hände ineinander und sah ihn eindringlich an. »Ich glaube, es ist unsere Aufgabe, alle Waffen in unserem Arsenal zu nutzen, um Verbrechern auf die Spur zu kommen. Und nichts anderes tue ich: Ich jage Verbrecher. Wenn wir zusammenarbeiten, würde ich Ihnen gerne ein paar Dinge beibringen, die Sie vielleicht noch nicht wissen. Aber der Chef sind Sie. Wie wir zusammenarbeiten, entscheiden also Sie.« Sie rutschte auf ihrem Stuhl nach vorne und suchte seinen Blick. »Aber eines möchte ich von vornherein klarstellen: Ich brauche keinen Babysitter.«

Noah blinzelte ein paarmal und fragte sich sogleich, ob er damit nicht schon wieder ein Signal ausgesendet hatte. Dies würde noch schwieriger werden, als er gedacht hatte. »Sie wissen also, dass Solomon sich um Ihre Sicherheit sorgt?«

Ihre Reaktion konnte man fast schon als Lachen bezeichnen. »Körpersprache, Sie wissen schon!« Sie seufzte und lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. »Solomon Slattery ist ein hervorragender Chef. Es ist mir eine Ehre, für ihn zu arbeiten. Aber er hat zwei Töchter und sieht sie in mir. Quasi schon von Anfang an. Als ich ihn einmal darauf angesprochen habe, hat er es natürlich abgestritten. Aber ich weiß, dass es so ist.« Dann winkte sie ab. »Ich kann ihn nicht ändern. So ist er einfach.« Sie runzelte die Stirn. »Sehen Sie, ich möchte wirklich mit Ihnen zusammen an diesem Fall arbeiten, aber wenn Ihre Arbeit leidet, weil ich Sie aus dem Konzept bringe, bitte ich Solomon, Ihnen jemand anders zuzuweisen. Vielleicht würde er es verstehen.«

Erleichterung erfüllte ihn. Sie hatte ihm gerade einen Ausweg angeboten. Er öffnete schon seinen Mund, um ihr Angebot anzunehmen, da war ihm, als würde jemand anders an seiner Stelle sprechen. »Ich … ich glaube, ich möchte gern noch mehr wissen.«

»Worüber?«

»Über Sie und Ihre Arbeit.«

Er wollte das wirklich, nur hatte er das erst in diesem Moment begriffen. Was würde sie dazu sagen? Mit Erstaunen bemerkte er, wie ihre Mundwinkel zuckten.

»Okay, ich biete Ihnen den gleichen Deal an wie Alex. Sie dürfen mir drei Fragen stellen. Egal, welche. Keine Einschränkungen. Und wenn ich sie beantwortet habe, entscheiden Sie, ob Sie sich auf diese Sache einlassen. Sonst werde ich Solomon bitten, Ihnen jemand anders zuzuweisen. Einverstanden?«

»Einverstanden.«

»Keine falsche Scheu. Eine solche Chance bekommen Sie nie wieder.«

»Verstehe.« Er zögerte. »Was hat Agent Cartwright gefragt?«

»Ist das Ihre erste Frage?«

»Nein.«

»Dann machen wir weiter.« Sie klopfte mit den Fingern auf den Tisch. »Aber Halt! Bevor Sie anfangen, möchte ich Sie noch etwas fragen. Wenn das für Sie okay ist.«

»Ich denke schon.«

Kaely blätterte den Stapel durch und zog eine Akte heraus. Sie öffnete sie und nahm ein paar Bilder heraus, die sie nebeneinander vor sich auf den Tisch legte. Dann drehte sie ihren Stuhl zur Wand um. »Suchen Sie sich ein Bild aus und merken Sie es sich.«

»Ist das jetzt irgendein Trick?«

»Nein. Sie haben gesagt, Sie würden gerne verstehen, was ich tue. Es ist nur ein Beispiel dafür, wie ich Körpersprache und Reaktionen deute. Unsere Aufgabe ist es, die Wahrheit herauszufinden. Um Verbrecher zu fassen, brauchen wir alle verfügbaren Werkzeuge.«

»Okay«, sagte er zögernd. Er wählte ein Bild. »Ich habe eines.«

»Wenn ich mich jetzt umdrehe, dann starren Sie bitte nicht auf die Fotos. Schauen Sie weg.«

»Alles klar.« Er wandte den Blick hin zu einem Foto des FBI-Direktors, das an der Wand hing.

Kaely schwenkte ihren Drehstuhl wieder in seine Richtung herum. Sie sammelte die Bilder ein und legte sie zur Seite. »Ich komme später noch darauf zurück. Jetzt können Sie Ihre erste Frage stellen.«

Noah sah sie einen Augenblick lang unschlüssig an und dachte darüber nach, was er eigentlich wissen wollte. In letzter Sekunde nahm er seinen Mut zusammen. Denn was hatte er schon zu verlieren?

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6

Außer Atem blieb Cindy Linthicum einen Moment stehen. Die Nachmittagsluft war belebend und die kräftigen Rot-, Gelb- und Orangetöne der Blätter im Forest Park wunderschön. Sie sog die Herbstluft ein, dann lief sie vor dem Endspurt auf ihrer Runde durch den größten öffentlichen Park in St. Louis noch kurz auf der Stelle. Am Himmel über ihr waren dunkle Wolken aufgezogen. Nun musste sie zusehen, die letzten Meter noch vor dem einsetzenden Regen zu schaffen. Sie nahm ihre Brille ab und putzte sie an ihrem Sweatshirt. Dann setzte sie sie wieder auf und zog die Wollmütze, die ihren kurzen, dunklen Haarschopf bedeckte, etwas weiter herunter. Zu Hause würde sie einen warmen Kaffee trinken und an ihrem Blog schreiben. Sie teilte ihre Vorliebe für Amisch-Romane, Scrapbooking und das Sammeln von Kochbüchern gern mit ihren Online-Freunden. Cindy war zufrieden mit ihrem Leben.

Sie bog von ihrer eigentlichen Laufroute zum Kunstmuseum ab, ihrem Lieblingsgebäude im Forest Park. Gern setzte sie sich nach ihrer Runde ein paar Minuten auf die Stufen und genoss die zauberhafte Aussicht auf das Grand Bassin, ein fantastisches Wasserbecken mit Springbrunnen auf der anderen Seite des Art Hill, des Hügels, der zwischen den beiden berühmten Sehenswürdigkeiten gelegen war. Die Bäume entlang der Allee vor dem großen Bauwerk leuchteten in einem feurigen Rot. Auf dem Weg zur Frontseite des Gebäudes sah sie zu ihrer Rechten einen Mann auf einer Parkbank liegen. Zuerst dachte sie, er würde schlafen. Doch als sie an ihm vorbeilief, bemerkte sie, dass er zwar einen eleganten Anzug trug, aber keine Schuhe. Seine Hände waren merkwürdig über der Brust gefaltet. Sie blieb stehen, drehte sich noch einmal um und joggte zurück zur Bank, um ihn sich genauer anzusehen.

Sie trat näher und sprach ihn laut an. Keine Reaktion. Als sie den Mann genauer betrachtete, stieß sie einen gellenden Schrei aus.


Solomon knallte den Hörer auf die Gabel und fluchte leise. Er stand auf und lief an Grace vorbei, die sich wohl ein wenig wunderte, dass ihr Chef von seinem so straff geplanten Tagesablauf abwich. Er riss die Tür des Konferenzraums auf und unterbrach Noah und Kaely, die anscheinend ins Gespräch vertieft waren.

»Er hat schon zugeschlagen!«, rief er. »Noch bevor wir das Gedicht in den Händen hielten, hatte er schon seinen ersten Mord begangen.«

Kaely blickte überrascht. »Woher wissen Sie, dass es unser Täter ist?«

»Der Mörder hat seinem Opfer die Zeichnung eines Elefanten an die Brust geheftet, beschriftet mit einer Eins. Gerade hat mich der Polizeichef angerufen und es mir gesagt. Gut, dass er von dem Brief wusste, sonst hätten wir diesen Mord vermutlich nicht so schnell mit unserem Unbekannten in Verbindung gebracht.«

»Ist der Tatort schon geräumt?«, fragte Kaely.

»Nein. Die Leiche wurde zwar abtransportiert, aber sonst ist alles unverändert. Doch es fängt an zu regnen. Die Polizei tut, was sie kann, um die Beweise zu sichern. Ich glaube, Sie sollten hierbleiben, Kaely. Sie fahren hin, Noah.«

Kaely schüttelte den Kopf. »Wir sind ein Team, Solomon. Entweder wir fahren beide oder ich möchte mich aus dem Fall zurückziehen.« Die Augen zu Schlitzen verengt, blickte sie ihn an. »Reden wir doch ganz offen! Ich weiß, dass Sie um meine Sicherheit besorgt sind, aber unser Unbekannter hat es noch nicht gleich auf mich abgesehen. Er hat einen ausgeklügelten Plan. Es ist wie ein Spiel für ihn. Mich jetzt herauszunehmen, würde ihm den Spaß verderben. Wer weiß, was ihm dann einfällt!« Sie blickte Noah flüchtig von der Seite an und fügte hinzu: »Außerdem brauchen Sie meine Augen dort. Vielleicht fällt mir etwas auf, was andere übersehen.«

»Sie meinen mich?«, fragte Noah scharf.

»Nein, ich meine die Polizei. Die haben ein hervorragendes Kriminallabor, aber ich traue unserer Ausbildung mehr als ihrer.«

Solomon sah sie stirnrunzelnd an. »Ich weiß nicht.«

Kaely erhob sich. »Solomon, ich bin eine professionelle, kompetente Agentin. Sie haben mich als Co-Agentin eingesetzt. Bitte lassen Sie mich meine Arbeit tun.«

Solomon blickte Noah durchdringend an. »Na schön. Aber lassen Sie sie nicht aus den Augen. Haben Sie verstanden?«

Als Kaely den Mund öffnen wollte, winkte er ab. »Darüber diskutiere ich nicht, Special Agent Quinn. Ich habe Respekt vor Ihnen und Ihrer Ausbildung. Aber wenn ich das Gefühl habe, dass eine meiner Agentinnen in Gefahr ist, dann erwarte ich, dass Sie meine Entscheidungen akzeptieren. Noch bin ich hier der Chef, denke ich.« Er wollte gar nicht mit ihr streiten. Richtig oder falsch – er hatte da so ein Bauchgefühl. Wie innere Alarmglocken. Im Laufe seiner Karriere hatte er gelernt, darauf zu vertrauen. »Haben Sie damit ein Problem?«

Kaely wurde rot, aber sie schüttelte den Kopf. »Nein, Sir.«

»Und Sie, Special Agent Hunter?«

»Nein, Sir«, sagte er. »Kein Problem.«

»Dann auf zum Kunstmuseum im Forest Park«, sagte Solomon. »Sie beide. Wenn jemand von uns bedroht ist, brauchen wir nicht zu warten, bis sie uns hinzuziehen. Aber tun wir doch einfach trotzdem so. Danken Sie dem Polizeichef und behandeln Sie ihn mit Respekt. Bisher hat er immer gern mit uns zusammengearbeitet. Er soll nicht das Gefühl haben, dass wir ihm die Ermittlungen aus der Hand reißen … noch nicht. Wir werden seine Hilfe noch gebrauchen können.«

»Okay«, entgegnete Noah. »Wir werden Respekt zeigen.«

»Können wir schon die Spurensicherung an den Tatort rufen?«, fragte Kaely.

»Wenn der Polizeichef einverstanden ist. Ich weiß, Sie haben in unsere Leute mehr Vertrauen, aber die Polizei in St. Louis hat hervorragende Tatortermittler, denen wenig entgeht. Wenn er unsere Leute nicht dabeihaben will, dann legen Sie sich bitte nicht mit ihm an.«

Kaely klappte die Akte zu und stand auf.

»Die können Sie liegen lassen«, sagte Solomon. »Dieser Raum gehört im Augenblick Ihnen.«

»Danke, Solomon«, antwortete Noah. Er nickte Kaely zu. »Sind Sie fertig?«, fragte er.

»Ja.«

Sie verließen den Raum und eilten über den Flur davon. Solomon starrte auf die Tür, die hinter ihnen ins Schloss fiel. Dies könnte das wertvollste Team werden, das er jemals zusammengestellt hatte. Solange ihnen nicht allzu Menschliches in die Quere kam.


Noah bog in die Einfahrt zum Forest Park ein und fuhr zum Kunstmuseum. Warmer Nachmittagsregen mischte sich mit kühler Novemberluft und überzog die Landschaft mit einem gespenstischen Dunst. Polizeischeinwerfer durchschnitten den Nebel und zeigten ihnen ihr Ziel. Noah folgte dem Straßenverlauf, bis er den Kleinbus der Tatortermittler stehen sah. Kriminaltechniker standen um eine Bank neben einer Reihe von Bäumen.

Diese Bank lag ganz in der Nähe des beeindruckenden Gebäudes, in dem das Museum untergebracht war. Eine Reihe von Statuen schien mit Entsetzen von oben auf den Todesschauplatz herunterzublicken, der so gar nicht in die idyllische Umgebung passen wollte. Diese Skulpturen waren anlässlich der Weltausstellung 1904 erworben worden und symbolisierten sechs bedeutende Kunstepochen: von der ägyptischen Kunst über Klassik, Gotik, orientalische Kunst, Renaissance bis hin zur modernen Kunst. Aber die Menschenmenge, die um den Tatort versammelt war, hatte keine Augen für prächtige Kunstwerke. Die Leute interessierten sich mehr für die Szene des Grauens.

Noah hielt mit seinem Wagen vor dem Museum, um Polizisten und Tatorttechniker nicht zu behindern. Kaely wollte gerade aussteigen, da hielt er sie zurück.

»Ich denke, Sie sollten lieber hierbleiben«, sagte er. »Dies könnte inszeniert worden sein.«

»Unser Unbekannter hat ein Schauspiel in sieben Akten geschrieben. Dies ist erst der erste. Noch droht mir keine Gefahr.«

Noah blickte sie bestimmt an. »Sie tun bitte, was ich sage. Ich trage die Verantwortung. Warten Sie zumindest, bis ich mir ein Bild von der Lage gemacht habe.«

»Unser Wagen hat keine schusssicheren Scheiben, das wissen Sie. Der Kerl könnte mich gleich im Auto umlegen, wenn er das wollte. Sie haben bloß Angst, Solomon zu enttäuschen.«

Noah zog eine Augenbraue hoch. »Diesmal liegen Sie daneben. Ob Sie es glauben oder nicht: Ich möchte wirklich nicht, dass Sie umkommen. Viel zu viel Papierkram.«

Kaely wandte sich ab, aber Noah war die Spur von einem Lächeln auf ihrem Gesicht trotzdem nicht entgangen. Sie sagte nichts, nickte aber schließlich.

Noah stieg aus und sah sich um. Außer ein paar Leuten, die hinten an der Straße zum Park standen, machte niemand einen verdächtigen Eindruck. Aber Noah musste Solomon recht geben. Kaely hätte nicht mit zum Tatort kommen sollen. Trotzdem setzte sie anscheinend immer irgendwie ihren Willen durch. Schließlich öffnete er den Kofferraum, holte zwei Kapuzenjacken heraus, öffnete die Beifahrertür und reichte Kaely eine davon. Nun stieg auch Kaely aus. Jeder zog sich eine Jacke an und sie gingen hinüber zu der Stelle, an der eine Reihe von Polizisten standen.

»Ihre Dienstausweise bitte, Sir«, sagte ein Beamter zu Noah, als sie sich der Schutzzone näherten, die mit einem leuchtenden gelben Band abgesperrt war. Sie trugen zwar Jacken mit dem FBI-Emblem auf Brust und Rücken – aber Vorschrift war Vorschrift.

Noah und Kaely zogen ihre Ausweise heraus. »Chief Harper hat uns gerufen, damit wir uns ein Bild von der Lage machen.«

Der Beamte nickte. »Ich wusste, dass Sie erwartet werden. Tut mir leid, aber ich musste Sie trotzdem kontrollieren.«

Noah nickte. »Kein Problem. Wir verstehen das.«

»Kein Verdächtiger in der Nähe, Officer?«, fragte Kaely. »Jemand, der allzu interessiert scheint?«

Der junge Polizist legte die Stirn in Falten. »Ja, doch. Sehen Sie den Mann dort drüben? Den Kerl mit den roten Haaren und dem Bart? Angeblich ist er Zeitungsreporter.«

Gleichzeitig wandten sich Noah und Kaely um. Jerry Acosta stand hinter der Absperrung und beobachtete sie. Er trug zwar einen Regenmantel, aber keine Kopfbedeckung. Einen Schirm hatte er auch nicht. Seine Schuhe waren mit Schlamm bedeckt. Tropfnass sah er aus. Noah erkannte, dass er etwas unter seinem Regenmantel verbarg. Vermutlich eine Kamera.

»Oh, fantastisch!«, bemerkte Kaely. Sie drehte Acosta wieder den Rücken zu und lächelte den Beamten an, was Noah etwas überraschte. »Er ist tatsächlich Reporter. Aber sagen Sie am besten kein Wort zu ihm. Bitte geben Sie keinerlei Informationen preis. Warten wir, bis Chief Harper seine offizielle Stellungnahme abgegeben hat.«

Der Polizist erwiderte Kaelys Lächeln. Er war sichtlich bezaubert von ihr. »Der Chef hat uns schon angewiesen, keinerlei Informationen an die Presse weiterzugeben. Die anderen Reporter haben das akzeptiert, aber dieser Kerl ist echt penetrant. Er hat sich dort drüben hinter einem Baum versteckt und Fotos geschossen. Jetzt haben wir ihn zumindest hinter die Absperrung gescheucht.«

»Wir hatten schon mal mit ihm zu tun«, erklärte Kaely. »Eine echte Nervensäge. Und ich traue ihm nicht.«

Der junge Beamte nickte. »Danke für die Info. Ich werde ihn im Auge behalten.«

Noah bedankte sich. Im Gehen meinte er: »Sie können also lächeln.«

»Wenn’s nötig ist, um zu bekommen, was ich will.«

»Ich werde es mir merken.«

Kaely schnaubte. »Sie nerven, wissen Sie das?«

Noah grinste. »Ich weiß.«

Als sie näher traten, erkannte Noah Polizeichef Dan Harper. Er war klein und muskulös und galt als zäh. Aber seine Erfolge sprachen für ihn. Nun hatte er sie auch gesehen und kam zu ihnen herüber, um sie zu begrüßen. Als er ihnen zunickte, tropfte ein kleines Rinnsal von seinem Hut auf seinen Poncho.

»Ich habe mir gedacht, dass der Fall für Sie interessant sein könnte. Es scheint einen Zusammenhang mit dem Gedicht zu geben, das Sie uns heute Morgen geschickt haben. Wenn Sie uns helfen könnten, Licht in die Sache zu bringen, wäre uns das sehr willkommen. Sehr merkwürdig, diese Geschichte!«

»Danke, dass Sie uns gerufen haben, Chief«, sagte Noah. »Ich bin Special Agent Noah Hunter und das ist meine Kollegin Special Agent Kaely Quinn.« Als er seinen Dienstausweis zog, fiel ihm auf, dass Kaely keine Anstalten machte, ihren zu zeigen.

Der Polizeichef lächelte. »Ich kenne Agent Quinn. Sie hat uns schon viele Male geholfen.« Er streckte Kaely zuerst die Hand entgegen. »Schön, Sie wiederzusehen«, sagte er erfreut und schüttelte kräftig ihre Hand. Dann zögerte er kurz und ließ seinen Blick über Noah schweifen, bevor er auch ihm die Hand reichte. »Wo ist denn Special Agent Cartwright?«

»Nach Detroit versetzt«, erklärte Kaely schnell. »Er hat Verwandte dort.«

Der Polizeichef nickte. »Schwerer Verlust für St. Louis. Guter Mann.«

Kaely nickte. »Da haben Sie recht.«

»Nun, es freut mich, Sie kennenzulernen, Agent Hunter. Wenn auch unter so tragischen Umständen.«

»Wie sieht es aus hier, Chief?«, fragte Kaely.

Der Polizeichef führte Kaely in den Bereich, wo bereits einige Polizeibeamte versammelt waren. Für einen Augenblick kam sich Noah wie das fünfte Rad am Wagen vor, aber er machte sich klar, dass das wohl in einem Team mit Kaely Quinn unvermeidlich war. Sie war der Rockstar, er nur der Roadie, der für den Auf- und Abbau sorgte. Dabei leitete doch er die Ermittlungen. Er fragte sich, was er sagen oder tun könnte, um seine Autorität durchzusetzen. Aber war das eigentlich so wichtig? Den Urheber des Gedichts zu finden, hatte im Augenblick oberste Priorität. Noah beschloss, sich die Demütigungen, die seine Zusammenarbeit mit Kaely mit sich bringen mochten, nicht zu Herzen zu nehmen. Denn der Fall reizte ihn wirklich. Dies könnte der interessanteste Tag in seiner bisherigen Laufbahn als FBI-Agent werden. Er war nicht bereit, freiwillig auf diesen Adrenalinstoß zu verzichten … noch nicht.

Die Leiche war bereits abtransportiert und das Team der Gerichtsmedizin durchkämmte den Bereich um den Tatort nach Spuren; nach allem, was zu dem unbekannten Täter führen könnte. Das Sammeln von Hinweisen und Beweisstücken war der Schlüssel, um Licht in das Dunkel zu bringen.

»Wissen Sie schon, wer das Opfer ist, Chief?«, fragte Kaely.

Er schüttelte den Kopf. »Hatte keinen Ausweis dabei. Mit seinem Anzug bestimmt kein Jogger. Und er trug keine Schuhe. Natürlich könnte der Täter sie mitgenommen haben. Oder vielleicht ein Obdachloser, der schon lange mal neue gebrauchen konnte. Wir werden im Park danach suchen.«

»Wie sieht es mit einem Hausschlüssel aus?«

»Er hatte keinen dabei«, erwiderte der Polizeichef.

»Entweder Ihr Unbekannter sammelt Trophäen oder er macht es Ihnen absichtlich schwer, das Opfer zu identifizieren.«

»Vermutlich.« Chief Harper rief eine Frau, die Fotos schoss, zu ihnen herüber.

»Agent Quinn, erinnern Sie sich an unsere Tatortfotografin, Officer Glans?«

»Natürlich. Hallo, Patsy. Wie geht’s Ihnen? Das ist Special Agent Noah Hunter.«

»Mir geht’s gut, danke. Freut mich, Sie kennenzulernen, Agent Hunter.« Officer Glans musterte Noah. Dann grinste sie Kaely an. »Sie haben vielleicht ein Händchen dafür, mit gut aussehenden Partnern in einem Team zu landen, Agent Quinn.«

Zu Noahs Verwunderung errötete Kaely. »Nicht mit Absicht. Agent Hunter ist einer der besten, die wir haben.«

Glans blinzelte Kaely zu. »Natürlich, Süße. Wenn Sie das sagen.«

Chief Harper räusperte sich. »Officer Glans«, sagte er streng, »wären Sie bitte so freundlich und würden diesen Agenten die Fotos von unserem Opfer zeigen?«

Auf der Stelle wich das Lächeln aus Glans’ Gesicht und sie schien sich zu erinnern, dass sie neben dem Polizeichef stand. »Ja, Sir«, entgegnete sie. Sie hielt ihre Kamera hoch, die in Plastikfolie eingewickelt war, und klappte den LCD-Bildschirm auf, sorgfältig darauf bedacht, ihn vor Regen zu schützen. Dann drückte sie auf einen Knopf und klickte die Fotos durch, die sie aufgenommen hatte. Bei einem hielt sie inne. »Hier ist er«, sagte sie. Kaely rückte näher an Glans heran und Noah sah ihr von hinten über die Schulter. Ganz deutlich war das Bild eines Mannes zu erkennen, der auf der Parkbank lag und mit ausdruckslosen Augen in den Himmel starrte. Er trug einen eleganten blauen Anzug. Krawatte. Keine Schuhe, nur schwarze Socken.

Officer Glans klickte weiter zu einer Nahaufnahme des Kopfes. »Die Gerichtsmediziner meinen, er sei heute Morgen getötet worden. Stumpfes Trauma«, erklärte sie. »Die Waffe muss eine seltsame Form gehabt haben. Keine Ahnung, was es gewesen sein könnte.«

»Golfschläger für Linkshänder«, flüsterte Kaely, sodass nur Noah sie verstehen konnte.

Er sah sie entgeistert an. Machte sie Witze? Wie um alles in der Welt konnte sie so etwas wissen?

Chief Harper, der für einen Augenblick zu einem anderen Beamten hinübergegangen war, kam zurück. »Sie müssen sich das hier ansehen«, sagte er und reichte Kaely ein Beweisstück in einem Beutel. Vorsichtig nahm sie es entgegen, als befürchte sie, es könne explodieren. Noah spähte ihr über die Schulter. Es war das Stück Papier mit der Zeichnung eines Elefanten. Darin stand die Zahl Eins geschrieben. »Gut, dass wir es noch vor dem Regen geschafft haben. Sonst wäre das Bild vielleicht verwischt worden.«

»Da haben Sie recht«, stimmte Kaely ihm zu. Sie blickte den Polizeichef erwartungsvoll an. »Dürfen wir Ihre Beweisstücke sehen? Fotos vom Tatort, gerichtsmedizinische Berichte und diese Dinge?«

Der Polizeichef runzelte die Stirn. »Natürlich. Aber können Sie mir vielleicht sagen, was das zu bedeuten hat, Agent Quinn?«

Kaely rieb sich die Hände, als wolle sie sie aufwärmen. »Hier war ein Serienmörder am Werk, Chief. Das scheint mir ein ganz übler Fall zu werden.«

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7

Jerry klopfte bei seinem Chef an die Tür und wartete darauf, hereingerufen zu werden. Gilbert Banner benahm sich, als habe er als Chefredakteur des St. Louis Journal als Einziger das Recht auf eine eigene Meinung. Jerry hasste diesen Mann, aber er war auf ihn angewiesen. Es blieb ihm nichts anderes übrig: Wenn es Banner überhaupt einmal einfiel, von ihm Notiz zu nehmen, dann musste er ihm nach dem Mund reden.

Als er darum gebeten hatte, persönlich mit seinem Chef sprechen zu dürfen, hatte Banners Assistentin ihn an seinen zuständigen Redakteur verwiesen. Auf sein hartnäckiges Nachhaken hin hatte sie ihm eiskalt zu verstehen gegeben: Wenn er den Chefredakteur zum Zorn reizte, seien seine Tage beim Journal gezählt. Jerry wusste, dass sie ihn einschüchtern wollte – aber diesmal ließ er es drauf ankommen. Nach dem, was er heute gesehen hatte, war er fest davon überzeugt, mit dieser Story einen Trumpf in der Hand zu halten, der sein Leben verändern würde. Endlich sah er eine Möglichkeit, das Buch fertigzustellen, das er vor Jahren begonnen hatte. Und jetzt war sogar er selbst ein Teil der Geschichte. Vielleicht würde Kaely Quinn alias Jessica Oliphant ihm schließlich doch noch ein Interview über ihren berühmten Vater gewähren. Mit ihrer Hilfe könnte er ebenso berühmt werden.

Er öffnete die Tür und trat ein. Auch wenn er sich bemühte, selbstbewusst aufzutreten – Banner schaffte es immer, ihm das Gefühl zu geben, als hätte er sich am Morgen vergessen anzuziehen.

»Was wollen Sie von mir, Acosta?«, bellte Banner. Er blickte seinen Reporter an wie eine schlecht gelaunte Bulldogge, der gerade jemand ihren Knochen weggenommen hatte.

»Ich habe einen Brief bekommen, Chef, den müssen Sie sich ansehen«, begann er. »Es ist wichtig.«

»Sie belästigen mich wegen eines Briefs?«, erwiderte Banner gereizt. Sein rundliches Gesicht rötete sich. »Machen Sie Witze? Vielleicht wissen Sie, dass ich eine Zeitung herauszugeben habe.«

»Es … es ist kein gewöhnlicher Brief«, erklärte Jerry. Er verabscheute den Klang seiner eigenen Stimme. Hoch und schrill. Ängstlich. Er räusperte sich und versuchte sich zu beruhigen. Ein plötzlicher Anflug von Wut schob die Angst beiseite und Jerry trat einen Schritt näher an Banners Schreibtisch heran. »Ich habe eine Notiz bekommen – eigentlich eher ein Gedicht – von jemandem, der behauptet, demnächst sechs Menschen zu töten. Einschließlich dieser FBI-Agentin … Sie wissen schon, die Profilerin.«

»Die Frau, der Sie keine Ruhe lassen?«, schnaubte Banner. »Und jetzt haben Sie irgend so ein Gedicht geschrieben und hoffen, dass die beim FBI glauben, es sei von einem Serienmörder? Und Sie meinen auch noch, damit Ihr Interview mit Quinn zu bekommen? So dumm sind die beim FBI nicht, Acosta, und ich genauso wenig. Und jetzt raus hier! Und beim Gehen können Sie gleich Ihre allerletzte Gehaltsabrechnung mitnehmen.«

»Nun mal langsam!«, erwiderte Jerry, mittlerweile richtig wütend. »Ich habe das nicht geschrieben. Das ist von einem Killer. Sein erstes Opfer hat man im Forest Park gefunden. Und sie haben Kaely Quinn hinzugezogen. Ich komme gerade vom Tatort.« Er schüttelte den Kopf. »Aber wenn ich gefeuert bin, dann kann ich damit ja genauso gut zur Kirkwood Dispatch gehen. Die hat zwar keine so hohe Auflage … zumindest noch nicht. Aber diese Story werden die Leute ihnen aus den Händen reißen.« Er drehte sich auf dem Absatz um und schritt zur Tür.

»Warten Sie, Acosta!«, rief Banner. »Lassen Sie mich mal sehen.«

Jerry hatte zwar gute Lust, seine Drohung tatsächlich wahrzumachen, aber er brauchte seinen Job beim Journal. Die Kirkwood Dispatch würde ihm nicht annähernd das gleiche Gehalt zahlen können. Jerry wartete bewusst einige Sekunden, bevor er sich betont langsam wieder zu Banner umwandte, als sei er nun nicht mehr so selbstverständlich bereit, seine Geschichte zu teilen. Sein Chef sollte ruhig zu spüren bekommen, dass er so nicht mit sich umspringen ließ. Jerry kostete diesen Moment so lange wie möglich aus, dann legte er schließlich eine Kopie des Gedichts auf Banners Schreibtisch.

»Der Brief ist heute Morgen mit der Post gekommen. Am Anfang habe ich noch gedacht, das könnte auch ein Scherz sein, aber beschäftigt hat es mich doch. Und dann … nun ja, jetzt ist der erste Elefant tot.«

Beim Lesen riss Banner die Augen weit auf. Dann griff er zu seinem Telefon. »Dixon, kommen Sie bitte gleich in mein Büro.« Er knallte den Hörer auf die Gabel und las das Gedicht noch einmal. »Warum sollte jemand das ausgerechnet Ihnen schicken?«, fragte er. »Wer sind Sie schon? Das ergibt keinen Sinn.«

Jerry holte tief Luft und verkniff sich eine abfällige Antwort. Dann meinte er: »Vermutlich wegen meiner Artikel über Agent Quinn.«

»Als Sie sie in Virginia entlarvt haben oder als Sie publik gemacht haben, dass sie in St. Louis ist?«

»Die Leute haben doch schließlich ein Recht darauf, es zu wissen, wenn die Tochter eines Serienmörders in ihrer Stadt lebt.«

Banner blickte finster unter seinen dicken grauen Brauen hervor, die seine blutunterlaufenen Augen umrahmten. »Ach so, Ihre Absichten waren also rein altruistisch.«

Jerry wollte gerade zu seiner Verteidigung ansetzen, aber Banner ließ ihn nicht zu Wort kommen. »Vergessen Sie es!«, sagte er. »Einem guten Journalisten geht es um die Wahrheit. Lassen wir die Gutmenschen draußen entscheiden, was richtig oder falsch ist. Das ist nicht unser Job. Wir …«

Ein Klopfen an der Tür unterbrach Banner. John Dixon trat ein.

»Sie wollten mich sehen, Gilbert?«, fragte er, die Augen auf Jerry gerichtet. John Dixon wirkte nervös und Jerry wusste sehr gut, warum. Wer in Banners Büro gerufen wurde, musste nicht selten seine Sachen packen und seinen Hut nehmen.

»Sie schreiben über den Toten im Park heute Morgen?«, fragte Banner.

»Ja?« Johns Blick schweifte zwischen seinem Chef und Jerry hin und her. Offensichtlich war er verwirrt.

»Erzählen Sie mir, was Sie darüber wissen.«

»Leider noch nicht viel. Ein Mann zwischen 25 und 30. Keine Papiere. Es war definitiv Mord, stumpfes Schädeltrauma. Man hat ihn auf einer Parkbank gefunden.«

»Noch was?«

»Ja, schon, aber die Polizei weiß noch nicht, was sie davon halten soll.« Dixon schüttelte den Kopf. »Sie werden vielleicht nichts darauf geben, aber an die Leiche war eine Zeichnung geheftet. Die Skizze eines Elefanten. Jemand hat die Zahl Eins reingeschrieben. Die Polizei will noch nicht, dass die Öffentlichkeit davon erfährt, aber ich schreibe es trotzdem. Ich habe es von der Frau, die die Leiche gefunden hat.«

»Halten Sie Ihre Geschichte vorläufig zurück«, sagte Banner. »Es sieht so aus, als hätten wir eine neue Spur.«

»Okay«, erwiderte John gedehnt. Dixon war sichtlich misstrauisch und fragte sich sicher, warum er seine Geschichte noch nicht bringen durfte. Bestimmt meinte er, dass Jerry dahintersteckte.

»Ich gebe Ihnen wieder Bescheid«, sagte Banner. »Sie können gehen.«

John strafte Jerry mit einem vernichtenden Blick und verließ das Büro. Dabei warf er die Tür so heftig zu, dass die Fensterscheiben zitterten. Aber Banner schien es gar nicht zu bemerken und wandte sich wieder an Jerry.

»Ihre Profilerin war dort, sagen Sie? Hat sich am Tatort umgeschaut?«

Jerry nickte. »Das ist richtig.«

»Haben Sie Fotos gemacht?«

»Ja. Jede Menge.«

Banner griff nach dem Zettel und überflog das Gedicht noch einmal. »Der erste Mord war also im Forest Park«, brummelte er. Jerry merkte, dass er keine Antwort erwartete, und schwieg. »Haben die vom FBI den Brief gesehen?«, wollte Banner wissen.

»Ja. Ich habe ihnen heute Morgen das Original gebracht. Auf der Rückseite steht eine Nachricht, die der Absender an mich hinterlassen hat. Wenn ich noch mehr von ihm hören wollte, sollte ich das Gedicht Solomon Slattery persönlich überbringen. Es war gar nicht so einfach, aber ich bin schließlich bis zu ihm vorgedrungen.« Jerry lachte trocken. »Ich war auch gespannt auf seine Reaktion. Wollte wissen, ob die das ernst nehmen.«

»Und?«

»Ja, allerdings. Und wenn sie Kaely Quinn in den Park geschickt haben …«

»Dann muss was dran sein.«

»Sieht so aus.«

»Vermutlich sollen wir es zurückhalten, stimmt’s?«

Jerry lächelte ihn an. »Ich habe nicht danach gefragt. Habe ihm nur den Brief gegeben und bin wieder gegangen.«

»Gut.« Einige Sekunden lang trommelte Banner mit den Fingern auf das Papier, die Stirn nachdenklich in Falten gelegt. »Gehen Sie sofort an die Arbeit«, sagte er schließlich. »Ich will diese Geschichte so bald wie möglich rausbringen.« Er zeigte mit dem Finger auf Jerry. »Sehen Sie zu, dass Sie das auf die Reihe kriegen. Das muss die beste Story werden, die Sie jemals geschrieben haben, verstanden?«

Jerry nickte. »Soll ich beim FBI anrufen und es ihnen sagen?«

»Nein. Überraschen wir sie lieber. Schließlich ist es unser Job, die Leute von St. Louis aufzuklären, dass da ein Killer frei rumläuft, oder?«

»Richtig, Chef.«

»Und … Acosta?«

»Ja?«

Banner winkte Jerry mit dem Gedicht nach. »Ich gehe davon aus, Sie haben noch mehr Kopien davon?«

»Ja, diese hier können Sie behalten.«

»Gut. Und jetzt ran an die Arbeit, Jerry! Schreiben Sie mir eine großartige Story.«

Es war das erste Mal, dass Banner ihn bei seinem Vornamen angesprochen hatte. Acosta schwebte wie auf Wolken. »Mach ich, Gilbert. Keine Sorge.«

Jerry eilte aus Banners Büro, bevor der launenhafte Chefredakteur es sich am Ende noch anders überlegen würde. Draußen auf dem Flur stieß er beinahe mit Dixon zusammen.

»Du hast also die Story gekriegt?«, fragte John.

Jerry nickte. »Sorry. Ich habe eigentlich heute früh schon damit angefangen. War nicht meine Absicht, sie dir wegzunehmen.«

»Du bist ein verlogener Mistkerl, Acosta. Wir haben doch erst heute Nachmittag von dem Mord erfahren. Aber das werde ich mir merken, verlass dich drauf!«

Jerry lächelte ihn an. »Nach dieser Story glaube ich nicht, dass du mir noch was anhaben kannst, John. Du hast ja keine Ahnung, was dahintersteckt – eine richtig große Sache. Ein echtes Karrieresprungbrett.«

Jerry drehte sich um und ging davon, verfolgt von Johns Flüchen. Dies war der beste Tag seines Lebens und er war fest entschlossen, ihn voll auszukosten.

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8

Auf der Rückfahrt zum FBI-Büro war Kaely schweigsam. Noah machte deutlich, dass er gern über das Gesehene geredet hätte. Sie aber brauchte erst einmal Zeit, um es zu verarbeiten. Schließlich schwieg auch er. Einen gekränkten Eindruck machte er aber nicht, sodass sie auf sein Verständnis hoffte.

Kaely musste sich eingestehen, dass sie sich in diesem Moment Alex an ihre Seite gewünscht hätte. Er kannte sie. Wusste, was ihr jetzt helfen würde. Sie konnte immer noch nicht glauben, dass er nicht mehr da war. Von Anfang an hatte sie ihm klargemacht, dass für sie nur die Arbeit zählte. Einzig und allein. Dass sie nicht mehr sein konnten als Kollegen. Nicht, solange sie nicht gelernt hatte, Menschen zu vertrauen, solange sie nicht wirklich in ihr Herz sehen konnte. So weit war sie noch nicht – trotz all der Fähigkeiten, die sie mit der Zeit entwickelt hatte. Manche Leute waren geschickte Lügner. Bis dahin, dass sie ihre eigenen Lügen für wahr hielten. Diese Menschen waren am schwersten zu durchschauen.

Sie konnte nicht riskieren, das gleiche Schicksal zu erleiden wie ihre Mutter – die an einen Mann geglaubt hatte, den es eigentlich gar nicht gab, der hinter seiner Maske ein ganz anderer war. Dieses Risiko war ihr zu groß. Im Moment jedenfalls war sie dazu noch nicht bereit – vielleicht würde sie es auch niemals sein. An diesem Punkt in ihrem Leben hatte sie nur ein Ziel: die Welt von Männern wie ihrem Vater zu befreien. Dafür stand sie morgens auf. Dafür lebte und atmete sie. Für etwas anderes war kein Platz. Auf einmal spürte Kaely, dass sie sogar ein wenig wütend auf Alex war. Wütend, weil er Schwäche gezeigt hatte. Wütend, weil er seinen Gefühlen nachgegeben hatte.

Kaely versuchte gegen die Emotionen anzukämpfen, die in ihr aufstiegen und ihr Herz schneller schlagen ließen. Sie warf einen Seitenblick auf Noah.

Mit angespanntem Kiefer, die Augenbrauen zusammengezogen, schaute er geradeaus. Er hatte beide Hände am Lenkrad, wirkte aber nicht so, als würde er es krampfhaft umklammern. Sein Gesichtsausdruck war konzentriert, nicht verärgert. Offensichtlich dachte er nach. Gut. Vermutlich versuchte er die Eindrücke vom Tatort zu verarbeiten. Für einen Moment überlegte sie, ob sie ihm sagen sollte, dass seine Grübelei Zeitverschwendung sei. Aber man konnte ja nie wissen. Manchmal kamen Leute auf Dinge, an die sie nie gedacht hätte. Eine andere Perspektive. Doch in diesem Fall war es anders. Kaely wusste genau, womit sie es hier zu tun hatten, auch wenn sie keine Ahnung hatte, wer dahintersteckte. Sie musste zugeben, dass es ihr Angst machte – ein Gefühl, mit dem sie nur schwer umgehen konnte. Deshalb kämpfte sie unablässig dagegen an. Tagsüber gelang ihr das gewöhnlich ganz gut, nachts aber überkam die Angst sie oft leise und ohne Vorwarnung. In den Albträumen, die Kaely immer wieder plagten, zeigte sie ihr Gesicht.

»Wann kommt unsere Spurensicherung in den Park?«, unterbrach Noah die Stille.

Dieses Team leistete hervorragende Arbeit. Wenn der Polizei etwas entgangen war, fanden es gewöhnlich die Kollegen von der Spurensicherung. Kaely war froh, dass Chief Harper nichts dagegen hatte, dass sie den Tatort untersuchten. »Bestimmt sind sie längst dort.« Sie seufzte. »Ich weiß, dass sie sehr sorgfältig vorgehen, aber ich bezweifle trotzdem, dass sie eindeutig feststellen können, welche Spuren von diesem Kerl stammen und welche nicht. Ein öffentlicher Park ist der perfekte Schauplatz für einen Mord. Hunderte von Menschen gehen da jeden Tag durch. Spuren ohne Ende. Und bei dem Regen …«

»Es ist schon ganz schön spät«, meinte Noah leise. »Sollten wir nicht auf dem Weg zum Büro etwas zu essen mitnehmen?«

Essen. Das hatte sie völlig vergessen. Sie konnte notfalls auch einmal einen Tag ohne Essen auskommen, es war ihr aber klar, dass bei anderen Leuten drei Mahlzeiten am Tag ein Muss waren. Alex hatte früher deswegen oft mit ihr geschimpft. »Wenn ich nur dann essen würde, wenn du mal ans Essen denkst, wäre ich längst verhungert«, hatte er oft gesagt.

»Okay«, entgegnete Kaely. »Gute Idee.«

»Was möchten Sie? Oder sollen wir vielleicht lieber Du sagen? Jetzt, wo wir Teamkollegen sind?«

»Einverstanden. Und was das Essen betrifft: Mir ist alles recht. Du hast die Wahl.«

Er wandte sich ihr zu und lächelte. »Sicher?«

Seine blau-grauen Augen erinnerten sie an Gewitterwolken. Wie passend. Sie hatte das Gefühl, dass sich dahinter etwas zusammenbraute. Was es war, konnte sie nicht sagen, und das verunsicherte sie.

»Ja. Ich bin nicht so wählerisch.«

Nach einigen Minuten fuhr er auf den Parkplatz eines chinesischen Fast-Food-Restaurants.

»Das überrascht mich jetzt aber«, bemerkte sie. »Ich hätte bei dir eher auf fette Burger und Pommes getippt.«

Er lachte leise. »Alles zu seiner Zeit. Aber das ist tatsächlich mein Lieblingsrestaurant. Ich hoffe, du magst Chinesisch.«

»Du wirst es vielleicht nicht glauben, aber ich esse hier drei- oder viermal in der Woche.«

Noah sah sie sichtlich erstaunt an. »Das ist nicht dein Ernst! Vielleicht bin ich ja hier derjenige, der die Leute durchschaut.«

Amüsiert nickte sie. »Vielleicht.«

Noah bestellte Orangenhähnchen und Rindfleisch nach Peking-Art mit gebratenem Reis, Kaely wählte Hühnerbrust mit Brechbohnen und Gemüse. Sie musste schmunzeln. Auch wenn die chinesische Küche gesünder war als Burger – Noah verleugnete auch hier nicht seine Vorliebe für Gebratenes. So viel Unterschied war da gar nicht zu fettem rotem Fleisch.

»Krabben-Rangun?«, fragte er.

»Für mich eins«, sagte Kaely.

Noah bestellte eine kleine Portion. Zwei für ihn. Eins für sie.

Kaely wollte ihm einen Zwanzig-Dollar-Schein in die Hand drücken, aber er winkte ab. »Beim ersten Mal geht’s auf meine Rechnung.« Er bezahlte am Drive-in-Schalter und steckte das Wechselgeld in seine Hosentasche.

»Danke«, sagte Kaely. »Das nächste Mal revanchiere ich mich.«

»Wie lange wird es wohl dauern, bis wir die Ergebnisse von der Spurensicherung haben?«, fragte er, während sie auf ihre Bestellung warteten.

»Wenn wir nachher beim Essen sitzen, haben wir bestimmt schon Fotos vom Tatort, eine Liste mit Beweisstücken, ein Video von den Schaulustigen und den Bericht des Gerichtsmediziners.«

»Gut, dass die städtische Polizei so bereitwillig mit uns zusammenarbeitet«, meinte Noah. »Nicht alle sind so kollegial.«

»Meist klappt es gut mit der Zusammenarbeit. Eigentlich ist es doch sowieso albern, um Zuständigkeiten zu streiten. Es sollte einzig und allein darum gehen, die Wahrheit herauszufinden.«

Noah schmunzelte. »Ja, da hast du wohl recht. Aber manchen Leuten geht es eben doch um die eigene Ehre. Irgendwie wollen wir doch alle derjenige sein, der den Schurken die Handschellen anlegt.«

»Ist es das, worauf du aus bist?«, fragte sie. »Ehre?«

Bei dem Blick, den er ihr daraufhin zuwarf, hätte sie ihre Frage am liebsten zurückgenommen. Er war nicht beleidigt. Er schien ehrlich verletzt zu sein.

»Nein«, sagte er leise. »Um Ehre geht es mir nicht. Ich denke, es geht mir um … Gerechtigkeit.«

»Viel Gerechtigkeit gibt’s nicht auf der Welt.«

»Ich weiß, aber ich will mich trotzdem dafür einsetzen.«

Sie nickte. »Gut. Ich auch. Für Wahrheit und Gerechtigkeit.«

Er lachte. »Hört sich an wie eine Zeile aus einem schlechten Film. Plötzlich fühle ich mich wie ein Mitglied der Justice League.«

Sie sah ihn stirnrunzelnd an. »Was ist die Justice League?« Sein verwirrter Gesichtsausdruck amüsierte sie. »War ein Witz. So ahnungslos bin ich nicht, Noah. Aber sind wir nicht eher X-Men? Du weißt schon, die mit den Superkräften. Die schaffen, was kein anderer schafft.«

»Vielleicht. In deinem Fall zumindest.« Er musterte sie einen Augenblick lang. »Ich bin übrigens wirklich beeindruckt von dem, was du tust. So etwas habe ich noch nie erlebt.«

»Ich habe doch noch gar nicht angefangen.«

»Ich weiß. Aber beeindruckt bin ich trotzdem.«

»Das ist keine exakte Wissenschaft. Manchmal täusche ich mich auch.«

»Wenn das nicht so wäre, würde es mir Angst machen.«

Das Fenster des Drive-in-Schalters öffnete sich und eine Frau reichte ihnen ihre Bestellung. Noah nahm die Tüte entgegen und gab sie Kaely. Der verführerische Duft ließ ihr das Wasser im Mund zusammenlaufen. Ihr Hunger war doch größer, als sie gedacht hatte.

Nach 10 Minuten erreichten sie das Büro. Kaely ging zielstrebig ins Konferenzzimmer. Noah folgte ihr. Sie schnappten sich jeder einen Stuhl und packten ihre Essensbehälter, Servietten und Gabeln aus.

»Ich hole noch etwas zu trinken aus dem Automaten. Was möchtest du?«

»Nur Wasser, danke.«

Nachdem Noah gegangen war, sprach Kaely ein Tischgebet und goss ein Päckchen Sojasoße über ihr Hühnchen mit grünen Bohnen. Noch bevor sie die erste Gabel zum Mund geführt hatte, klopfte es und die Tür ging auf. Es war Grace.

»Das hier ist gerade für Sie gekommen. Chief Harper hat es schicken lassen.« Sie legte einen großen braunen Briefumschlag auf den Tisch.

Kaely bedankte sich und Grace verließ den Raum. Gespannt öffnete Kaely den Umschlag von Chief Harper und nahm die Fotos vom Tatort heraus. Sie schätzte es sehr, dass der Polizeichef so bereitwillig Informationen teilte. Normalerweise wurde das FBI in solchen Fällen erst nach dem dritten Mord von der städtischen Polizei zur Unterstützung hinzugezogen. Da Chief Harper nicht stur auf seiner alleinigen Zuständigkeit bestand, war ihm ihre Hilfe willkommen. Und da hier eine FBI-Agentin bedroht wurde, hatte das Bureau ohnehin jederzeit das Recht, sich in die Ermittlungen einzuschalten. Dank der Zusammenarbeit zwischen FBI und der örtlichen Polizei konnten beide Behörden sich darauf konzentrieren, einen Mörder zu finden, anstatt sich um Zuständigkeiten zu streiten.

Viele Agenten sahen sich Fotos digital auf ihrem Laptop an, aber Kaely hielt lieber Papierbilder in ihren Händen. Sie war froh, dass der Polizeichef welche geschickt hatte. Als sie bei anderer Gelegenheit zusammengearbeitet hatten, hatte er ihr gestanden, dass es ihm genauso ging.

Noch einmal betrachtete sie die Leiche aus dem Park. Plötzlich erlebte sie ein Déjà-vu, das sie schier überwältigte. Sie sah diesen Tatort und dieses Opfer nicht zum ersten Mal. Jemand sandte eine Botschaft. Und diese Botschaft war allein für sie bestimmt.

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Возрастное ограничение:
0+
Дата выхода на Литрес:
04 марта 2025
Объем:
365 стр. 10 иллюстраций
ISBN:
9783775175098
Издатель:
Hänssler
Переводчик:
Правообладатель:
Bookwire
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