Читать книгу: «Lumine»
Inhaltsverzeichnis
Impressum 3
England, 1886 4
Kapitel 1 – Hilflos 15
Kapitel 2 – Die Perfektion in Person 21
Kapitel 3 – Satan in Menschengestalt 43
Kapitel 4 – Die von Finsternis zerfressene Seele 61
Kapitel 5 – Das Verwelken der scharlachroten Blume 74
März 1879 75
35 rote Rosen 86
31 rote Rosen 91
April – 29 rote Rosen 95
26 rote Rosen 97
Juni – 19 rote Rosen 112
August – 13 rote Rosen 117
8 rote Rosen 119
Oktober – 3 rote Rosen 121
November – 1 scharlachrote Rose 123
Kapitel 6 – Des Bestiens Päckchen 134
Kapitel 7 – Umgeben von Masken 152
Traum 174
Kapitel 8 – Letzte Gedanken 178
1873 178
Kapitel 9 – Tanz der Gestalten 184
Kapitel 10 – Der letzte Brief 190
Kapitel 11 – Weder Traum noch Realität 207
Kapitel 12 – Neugier ist der Katze Tod 213
Kapitel 13 – Nacht der Befreiung 223
Epilog 236
Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.
Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.
Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.
© 2022 novum publishing
ISBN Printausgabe: 978-3-99131-077-8
ISBN e-book: 978-3-99131-078-5
Lektorat: Volker Wieckhorst
Umschlagfoto: Alona Stepaniuk, Watthano | Dreamstime.com
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
www.novumverlag.com
England, 1886
Ein kühler Wind wehte dem obdachlosen Dieb um die Ohren und veranlasste ihn dazu, seinen alten zerfetzten Schal enger um seinen Hals zu schlingen. Es war tiefschwarze Nacht. Keinerlei Menschenseele war in der Stadt vorzufinden. Keine einzige Kutsche fuhr die Straßen hinunter. Herrlich. Wie angenehm ruhig so eine Stille doch sein konnte. Mit leicht zitternden Händen griff der nicht besonders große Mann nach seiner Taschenuhr, um sich über die Uhrzeit zu informieren. Mittlerweile war es zwei Uhr morgens. So spät schon. Und immer noch keinen geeigneten Schlafplatz entdeckt. Um draußen zu nächtigen, war es viel zu frisch. Verdammter Mist. Weshalb konnte er sich nicht wie gewohnt in ein Hotel schmuggeln? Diesen Gedanken hat er zu seinem Leidwesen den ganzen Tag über verworfen. Na ja. Vielleicht hätte er sich nicht so vollsaufen sollen. Aber wie anders ließ sich denn ein Abschied feiern? Eine ausgelassene Stimmung herrschte zwischen ihnen. Das Saufgelage wurde vor jedem einzelnen Schluck mit einem schallenden Lachen begleitet, während die Musik dumpf im Hintergrund dröhnte. Der Alkohol drohte wieder aus deren Nasen zu fließen. Die Schlägerei anderer Gäste wurde zur Nebensache. So gute Laune hatte Alester seit langer Zeit nicht mehr verspürt. Doch so schnell die Kerze der Freude und Laune entzündet wurde, so schnell erlosch die kleine Flamme wieder und hinterließ eine zerfallene Hülle aus Wachs zurück, gepaart mit einem verbrannten Geruch, der die Luft verpestete und die Finsternis zurückkehren ließ. Seine innere Leere war erdrückend und ließ ihn gegenüber gar nichts auch nur einen Hauch an Wichtigkeit verspüren. Ähnlich wie ein veraltetes Spielzeug, das bereits vor Jahren kaputt ging. Eine vom Hund verrissene, mit Speichel überzogene Stoffpuppe, der ein Knopfauge fehlte und deren Füllung zur Hälfte vermisst wurde.
Er würde diesen mysteriösen Herren vermissen. Ein sehr freundlicher und sympathischer Geselle. Schien aus gutem Hause gestammt zu haben. Eine stattliche Statur. Seine Haut besaß einen leicht gebräunten Teint. Giftgrüne Augen musterten die Umgebung, und sein Haupt besaß eine dunkelbraune Mähne. Vincent Gregwood. Dieser Name klang von Bedeutung. Ob sich dies bestätigen ließ, war die Frage. Ungefähr vor einem Monat machte er seine Bekanntschaft. Es wunderte ihn, dass ein ungewaschener Landstreicher, wie er es war, von einem scheinbar Wohlhabenden Beachtung geschenkt bekam. Sie verstanden sich von Anfang an. Ihm wurde erzählt, dass der Mann auf Reisen, quer durch das ganze Land, war. Gregwood wollte mehr sehen und erleben, da er bis vor Kurzem sein bisheriges Leben nur der Arbeit gewidmet hatte. Zwar konnte er aufgrund seiner Tätigkeit gut leben, allerdings bereute er eine Sache. Was das war, wusste der Halunke jedoch nicht. Mehr erläutern wollte sein einziger Freund auch nicht. Aus welchem Grund auch immer.
Nun war er fort. Keine Ahnung wohin. Darüber wurde er nicht in Kenntnis gesetzt. Dies machte ihn zu Anfang stutzig. War er etwa auf der Flucht? Hämisch verwarf er diesen Gedanken wieder. Das war doch absurd.
Erschöpft rieb der Herr sich die Hände, um das Blut, das durch seine Adern floss, wieder in Wallung zu bringen, damit seine Gliedmaßen wieder spürbar waren. Ein Seufzen. Was für ein armseliges Leben er doch führte. Alester Frow. Ein unbedeutender Name, den niemand kannte. Allerdings war sein Gesicht des Wiedererkennens wert, und danach verspürten sämtliche Leute das Verlangen, es zu bespucken. In den Augen der Gesellschaft war seine Person bloß irrelevanter Abschaum. Auch musste seine Wenigkeit bereits aus einigen Dörfern und Städten fliehen, da Steckbriefe ausgestellt wurden. Allerdings war dies einzig und allein sein Verdienst. Ein freudloses Lächeln bildeten seine spröden Lippen. Warum setzte er diesem Dasein nicht ein Ende? Niemand würde ihn vermissen. Ganz im Gegenteil. Man würde sich seines Verlustes bereichern. Einen Verbrecher weniger. Und wenn er doch ehrlich zu sich selbst war, stand er doch bereits auf dem Stuhl und sein Hals in der Schlinge des Galgenstricks. Er musste lediglich sein Gewicht nach vorn verlagern, um die Balance zu verlieren und sich von der Schwerkraft nach unten fallen zu lassen. Weshalb erwies sich dies noch als schwierig? Die Last würde sich auf den eng geschnürten Hals übertragen und langsam die Luftzufuhr verhindern. Das verzweifelte Hecheln nach Sauerstoff würde nicht lange anhalten und bald im wahrsten Sinne des Wortes ersticken. Aber er konnte es nicht, weil er ein Feigling war. Ein verfluchter, erbärmlicher Feigling. Feigling. Feigling. Feigling.
Er bog in eine Gasse ein. Seine Schritte hallten laut wider. Die Fassaden der Gebäude waren alt und brüchig. Dieser Teil der Stadt war größtenteils unbewohnt, aufgrund der schlechten Zustände der Häuser. Die Holzplatten knirschten gefährlich, als könnten sie jeden Moment zusammenbrechen. Die Fensterläden waren nicht mehr vorhanden, und die Türen ließen sich nicht mehr verschließen. Bedauerlicherweise kümmerte sich niemand darum, und somit entschlossen die meisten sich dazu umzuziehen. Unachtsam trat Frow in eine Pfütze. Fluchend setzte er seinen Weg mit durchnässten Schuhen fort. Noch vor wenigen Stunden peitschte der Herbstregen schmerzhaft zu Boden und überflutete jede einzelne Regenrinne.
Ein Rabe krächzte vom Dach einer veralteten Kirche, an der Frow eben vorbeilief. Ein widerliches Geräusch. Es klang aggressiv. Der Vogel breitete seine Flügel aus, um jeden Moment loszufliegen. Das Vieh krächzte immer noch ununterbrochen. Den Kopf richtete er hinauf zum Mond. Genervt biss Alester sich auf die Zähne und nahm an Geschwindigkeit zu. Bloß weg von diesem Störenfried, dachte er sich. Er wollte diesen schrecklichen und immer lauter werdenden Gesang nicht weiter ertragen. Er folgte dem Gang nach rechts und fand sich schlussendlich auf einem kleinen Platz mit einem Brunnen in der Mitte wieder. Hektisch näherte er sich ihm, um kaltes Wasser in sein Gesicht zu schütten. Seine Lider wurden immer schwerer. Die Kraft ließ nach. Die kalte Herbstluft raubte ihm die Energie sowie die stechenden Kopfschmerzen. Dieses penetrante, stechende Bohren in den Schläfen konnte unerträglich sein. Für einen Moment betrachtete Frow sein Spiegelbild. Wie mitgenommen er doch aussah. Dunkle Augenringe zierten seine Visage. Nichts war mehr übrig geblieben von seiner früheren Gestalt.
Unglaublich. Es war doch wirklich unglaublich, wie nur ein einziger Moment eine riesige Auswirkung auf die eigene Zukunft haben konnte. Ein trockenes Lachen entkam seiner Kehle. Jedoch verklang es schnell wieder. Dieser Scheiß-Rabe saß auf einmal auf der Mauer zu seiner Linken und starrte ihn an, als würde er auf einen Wurm lauern und den richtigen Augenblick abwarten, um zuzuschnappen. Leichtes Unbehagen machte sich in ihm breit. Schwarze, leblose Augen starrten ihn an. Nein. Es waren finstere Löcher der Hölle, die alles verschlingen konnten.
Erbärmlich. Fing er wirklich an, sich vor einem blöden Vogel zu fürchten?
Plötzlich begann das Vieh wieder zu krächzen und flog direkt auf sein anvisiertes Opfer zu. Schützend hob Frow seine Arme und schlug den Raben zu Boden. Blut rann seine Hand hinab. So was. Hatte er ihm doch tatsächlich ein Stück seiner Haut entrissen. Wütend blickte er auf das nun hilflos sich windende Federbündel hinunter. Was fiel diesem Mistvieh ein? Rachedurstig hob er sein Bein und grinste vorfreudig wie ein kleines Kind, das es kaum erwarten konnte, sein Weihnachtsgeschenk zu öffnen. Nur mit dem kleinen Unterschied, dass die Augen nicht vor Freude, sondern vor Wahnsinn funkelten. Jetzt war er dran. Er wird diesen vermaledeiten Raben zertreten, bis ihm die Eingeweide rausplatzen. Er ließ sich doch nicht von einem kleinen Tier verarschen. Davon hatte Alester genug. Viel zu oft musste er Blamagen über sich ergehen lassen. Davon hatte er genug. „Stirb, du verficktes Mistvieh!“, schrie er und trat mit aller Kraft auf das Tier. Noch mal. Noch mal. Und noch mal. So lange, bis nichts weiter als eine rote Pfütze mit blutdurchtränkten schwarzen Federn übrig war.
Ein dunkles Lachen ließ ihn innehalten und nach vorn blicken. Aus dem Schatten des Mondlichtes trat ein komplett in schwarz gekleideter Mann mit Hut. „Nehmt Euch in Acht, mein Freund. Sich noch so spät herumzutreiben, könnte gewisse Konsequenzen mit sich bringen!“, ertönte seine tiefe Stimme. Na und? Was interessierte ihn das? „Was schert Ihr Euch denn um mich?“, kam es spöttisch und skeptisch zurück. Dabei zog er eine Augenbraue hoch und trat von seiner Schandtat weg. Was glaubte der Mann denn, wer er war? Wieder ein Lachen seitens des Unbekannten. „Nicht doch. Machen Sie keine Späße. Ich wollte Sie lediglich vorwarnen!“, lächelte sein Gegenüber kalt. Warnen? Wovor denn bitte schön? Etwa vor der schneeweißen Hexe, die vor wenigen Tagen hier gesichtet wurde? „Was haben Sie denn für einen Anlass dazu?“, fragte der Obdachlose irritiert. Seine Frage wurde ignoriert. Stattdessen kam der Herr einige Schritte näher. Instinktiv trat Frow bis zum Brunnenrand zurück. Dieser Typ hatte etwas Bedrohliches, wenn nicht sogar Teuflisches an sich. Sein Blick schien durch ihn hindurchzugehen. Er fühlte sich wie ein eingeschüchtertes Tier, das in die Enge getrieben wurde. Dieses Schauspiel gefiel ihm gar nicht. Er musste den Herrn so schnell wie möglich loswerden. All seine Muskeln spannten sich an, bereit, jederzeit loszurennen. Weshalb er sich vor ihm fürchtete, war Alester ein Rätsel. Muskulös sah er nicht gerade aus. Der stechende Blick des Hutträgers richtete sich auf die kleine Blutlache vor ihm.
Der Fremde streckte seine Hand nach einer schwarz-roten Feder aus und hielt sie zwischen seinen behandschuhten Fingern. Abwesend und gelangweilt betrachtete er den Fund, während er sich wieder erhob. Seine Körpergröße betrug etwas mehr als sechs Fuß.
„Blut verlangt nach Blut, nicht wahr?“, erhob der Mantelträger wieder das Wort, und seine Augen richteten sich auf des Landstreichers blutende Hand, dessen Verletzung leicht brannte. Betroffen verdeckte der Verletzte die Wunde. Hat er deswegen tatsächlich seine Beherrschung verloren? Die Müdigkeit nahm ihm doch mehr jegliche Hemmungen und Anstand, als er dachte. Das war doch nicht nötig gewesen. Aber diese Einsicht kam nun ein bisschen zu spät. Dies war definitiv nicht sein Tag. Ob dies auch sein letzter war? So viel Pech auf einmal hatte ihn schon lange nicht mehr verfolgt. War das möglicherweise das Werk der Hexe? Hat sie ihn mit ihrem Fluch belegt? Panik stieg in ihm hoch. Innerlich flehte er den Himmel an, dass dies hoffentlich nicht der Fall war. Frow begann zu zittern. Erschrocken zuckte er zusammen, als die schwarze Gestalt zu sprechen begann. „Wären Sie so freundlich, mir ein paar Fragen zu beantworten?“, grinste er amüsiert. „Zu welchem Zweck?“
Seine Stimme klang heiser, drohte zu versagen. Idiot. Er war ein Idiot. Sein Gegenüber zischte: „Das hat Sie nicht zu interessieren, Mr. Frow. Beantworten Sie mir lediglich folgende Frage, und ich verspreche Ihnen, dass Sie mich nie wiedersehen werden!“ Der Kleinere setzte an, um zu antworten, stutzte aber. Woher kannte er seinen Namen? Sein Gedanke stand ihm wohl ins Gesicht geschrieben, da der Andere erwiderte: „Woher ich Ihren Namen kenne, spielt keine Rolle. Ich möchte bloß ein paar Angaben bezüglich Vincent Gregwood!“
Moment mal. Gregwood? „Wie bitte?“, war alles, was er entgegnen konnte. Nun knurrte der Schwarzgekleidete. Seine Geduld war langsam am Ende.
Verdammt. Wollte er sich wirklich schon heute von der Welt verabschieden? Der Hutträger zog eine Pistole aus seinem Mantel und richtete sie auf den Kleineren. Hörbar schluckte Alester. „Ich weiß es nicht. Er hat mir nichts erzählt. Ich schwöre bei meinem Leben!“, antwortete Frow wahrheitsgemäß mit zitternder Stimme und versuchte seinen Peiniger zu besänftigen. „Und das soll ich Ihnen glauben?“, meinte der Bewaffnete kalt. Seine Stimme war ruhig. Zu ruhig. „Versuchen Sie mich doch zu verstehen. Wir sind uns ähnlicher, als Sie denken!“ Ein spöttisches Glucksen entfloh seinem Mund. Da hatte er sich doch hoffentlich verhört. „Richten Sie bitte Ihr Augenmerk auf Ihr Werk und sagen Sie mir, bereuen Sie Ihre Tat? Ich wage es zu bezweifeln!“ Eine kurze Pause folgte. „Nein. Ganz im Gegenteil. Sie haben es genossen. Es genossen, jeden einzelnen und letzten Lebensfunken aus diesem unbedeutsamen Tier auszuhauchen. Und aus welchem Grund?“ „Aus Rache!“, beantwortete Frow wie benommen die Fragestellung, seine Augen auf die rote Pfütze gerichtet. Das dunkle Kichern ließ ihn aufschauen. „Genau. Sie und alle anderen Menschen auch sind rachsüchtige Wesen, die dazu bereit wären, alles und jeden zu zerstören, nur um ein Gefühl der Befriedigung hervorrufen zu können!“ Seine Stimme wurde lauter. „Deswegen bitte ich Sie höflichst, mir dabei nicht im Wege zu stehen!“
Er wollte sich also an Vincent Gregwood rächen. Aber weshalb? Was hat Gregwood denn diesem Herrn angetan?
Der Mann war definitiv verrückt. Wer war er überhaupt? Eingeschüchtert schluckte der Dieb, als er feststellte, dass der Größere immer näher kam. „Ich gebe Ihnen mein Wort. Ich weiß wirklich nichts. Ich habe keinerlei Kenntnis darüber, wo Gregwood sich aufhält!“, beschwichtigte Frow. Als die beiden sich näher als zuvor gegenüberstanden, packte der Hutträger ihn seufzend am Hals. Reflexhaft griff der Obdachlose nach der Hand des Anderen. Es wurde immer fester zugedrückt. Die Luft wurde knapp. Er drohte sein Bewusstsein zu verlieren. Punkte flimmerten vor seinen Augen. Dann nahm der Druck auf einmal ab. Nach Luft ringend wand Alester sich auf dem kalten Steinboden. Verängstigt schaute er nach oben in das Gesicht des Fremden. Sein Lächeln war nichts weiter als verabscheuenswert. Ein eiskaltes und skrupelloses Lächeln, das selbst die Hölle zu Eis gefrieren konnte. Um dem Anblick zu entfliehen, schloss er seine braunen Augen, die keinen noch so winzigen Teil von Lebensfreude ausstrahlten. Und trotzdem fürchtete der Obdachlose um sein Leben.
Welch eine Ironie, dachte er sich. Nun befand er sich in genau derselben Position wie der Rabe, den er zuvor zertreten hatte. „Erbärmliche Made!“, zischte der Stehende abfällig und entfernte sich von Frow. Ließ er ihn etwa am Leben? Noch traute er sich nicht, sich zu rühren. Schwer atmend betrachtete er den Himmel. Wie es wohl dort oben war? Vielleicht viel angenehmer als hier in seinem trostlosen Leben.
Endlich von all den Sorgen befreit sein und die Menschen hinter sich lassen. Alles und jeden vergessen. Ein Neuanfang. Es gab nichts, nach dem er sich mehr sehnte.
Nach einer Weile stützte Alester sich erschöpft auf seinen Armen ab, um sich aufzurichten. Was war das eben? Einfach nur verrückt. Ein verständnisloses Seufzen entfloh seiner Kehle.
Der Klang einer gelösten Sicherung ließ ihn zu Eis erstarren. Wie naiv es doch war zu glauben, der Verrückte wäre tatsächlich verschwunden und hätte ihn verschont. Wie in Zeitlupe wagte er es, sich umzudrehen und blickte einem Pistolenlauf entgegen. Der Bewaffnete nahm seinen Hut vom Kopf und hielt ihn sich demonstrativ entschuldigend auf die Brust. Alesters Augen weiteten sich. Dieses Gesicht kannte er doch von irgendwo her. „Es tut mir wirklich leid, Ihnen das mitteilen zu müssen. Aber schließlich kennt der Fluch der schneeweißen Hexe keine Gnade. Wenn Sie also gestatten. Ich empfehle mich!“, grinste er und drückte ab.
Lumine – Kapitel 1
Licht und Dunkel waren von Grund auf verschieden. Dies wusste ein jeder. Am Tage erhellte die Sonne jedermanns Pfad, und in der Nacht wiesen die funkelnden Sterne den Weg, aber nur die Wenigen wussten die Richtung rauszulesen. Man glaubte, das reine Herz ließ die Punkte am Himmel erstrahlen. Und eben jener, der Böses beabsichtigte, würde von der Finsternis verschlungen werden. So geschah es, dass ein kleines Dorf ein paar Jahre nach der Geburt eines bestimmten Kindes von der Bildfläche verschwand. Dieses Kind, von dem Fluch des Geistes des Mondes betroffen, welcher ihre Haare silbern färbte und dessen Augen beinah durchsichtig waren, trug den Namen Lumine. Die Bewohner spielten ein trauriges Theater mit ihr, bis sie eines Tages verstand. Furcht und Abscheu wurde ihr hinterrücks entgegengebracht. Von außen aber schienen die anderen freundlich zu sein. Töricht war es, dem Glauben zu schenken. Die erhobenen Mundwinkel wurden mit feinen Pinselstrichen aufgemalt. Sogar ihr Vater stellte sich gegen sie. Hinter ihm die Meute als Anhänger. Die Mutter konnte nichts für sie tun, da ihre Seele bereits lange Zeit zuvor für immer und ewig eingeschlafen war. Trotzdem, so war sie immer noch wunderschön, wie eine Puppe. Zutiefst verletzt, gepeinigt vom inneren Schmerz, rannte Lumine davon. Weit, weit weg. Ohne einen einzigen Blick zurück. Die heißen Tränen versiegten immer mehr, je weiter sie sich entfernte, und die Erinnerungen verschwanden im schwarzen Nebel, wie das Dörflein selbst.
Kapitel 1 – Hilflos
Ihr bewundernder Blick folgte dem wunderschönen Naturschauspiel, wie die Sonne den Horizont küsste, um dann langsam von der Dunkelheit verschlungen zu werden. Die Seelenspiegel trieften vor Faszination. Ihre schmalen Lippen formten tonlos das Wort: „Wunderschön!“ und bildeten ein wohliges Lächeln. Ein leichter Wind spielte mit ihren schneeweißen Haaren und ließen sie, wie die farbigen Blätter, wild in der Luft umher- tanzen. Auch der Saum des weißen Kleides regte sich verspielt.
Der Herbst war angebrochen. Die schönste aller Jahreszeiten. Die Tage werden kürzer, die Nächte wiederum länger sein. Der Himmel leuchtete in einem saftigen Orange, und der Übergang wurde immer dunkler. Nur noch zur Hälfte war der Feuerball präsent. Es würde nicht mehr lange dauern, bis man die Sterne funkeln sah. Für einen kurzen Moment schloss sie verträumt die Augen. Schwärze. Das Licht und Farbenspiel waren auf einmal komplett erloschen. Erinnerungsstücke tauchten auf. Traurig stimmende Bilder zeigten sich nach einer Ewigkeit wieder, die sie zuvor so stark verdrängt hatte.
Ihre Mundwinkel zogen sich automatisch wieder nach unten. Diese Szenarien würden sich bestimmt nicht schnell vergessen lassen. Wie von fremder Hand gesteuert, griff die Frau sich an den Hals und zog an der Schlaufe des weißen Bandes, das vorhin noch ihre grässliche Narbe verdeckt hatte. Vorsichtig berührten die Fingerkuppen der anderen Hand die verheilten Schnitte, die ihr zugefügt wurden und ihre sanfte Stimme raubten, um sie auf ewig zum Schweigen zu bringen. Das Gesicht des damaligen Täters war verschwommen. Ihn wiederkennen zu können, wäre ziemlich unwahrscheinlich gewesen. Allerdings gab es mit Abstand viel mehr Dinge, die ihr lieber gewesen wären, als diesem Monster erneut zu begegnen. Nie wieder. Bitte.
Dafür würde sie alles tun. Fröstelnd verschränkte die zierliche, kleine Frau die Arme. Ein Schluchzen. Erneut richtete die weißhaarige Schönheit ihren Blick gen Horizont, der immer dunkler wurde. Das Gras um sie herum begann ebenfalls langsam an Schwärze zu gewinnen, so wie der See vor ihr. Das klare Blau wurde immer mehr von der Finsternis verschlungen und erinnerte an ein riesiges Loch, ein Tor zur Hölle. Verschwunden. Nun war die Sonne vollständig untergegangen und würde sich in den nächsten Stunden nicht zeigen. Das Spiegelbild ihrer Gestalt im Wasser war nur noch an leichten Umrissen zu erkennen, aufgrund des Mondscheins hinter ihr.
Leicht erschrocken zuckte ihr Körper zusammen, als sie plötzlich zwei Hände auf ihren Schultern spürte. „Lady Luna, Ihr solltet euch des Wetters angemessener kleiden. Nicht, dass ihr noch krank werdet!“, vernahm sie die fürsorglich klingende, tiefe Stimme ihres Butlers Benedict, der ihr die Kapuze des schwarzen Mantels behutsam über ihr Haupt zog. Die eben Angesprochene wendete sich von dem See ab und drehte sich vollends zu dem Schwarzhaarigen um. Freudestrahlend schaute sie in die blauen Augen des Mannes, dem sie so viel zu verdanken hatte. Ohne ihn hätte sie wahrscheinlich ihre restliche Kindheit nicht überstanden. Ohne ihn hätte sie ihre Lebensfreude verloren. Ohne ihn wäre sie vermutlich bereits tot. Ohne ihn wäre sie einfach nur hilflos. Immerhin war er der Einzige, den Luna noch hatte. Seine Hand fand seinen Platz auf der Wange seiner Herrin, um die heißen Tränen wegzuwischen.
Unschlüssig, jedoch darauf bedacht, sich nichts davon anmerken zu lassen, musterte er seine Herrin. So wehrlos und verloren. Wahrlich Mitleid erregend.
Als der Butler kurz davor war, es zu wagen, sie in den Arm zu nehmen, um ihr Trost spenden zu wollen, hielt sie ihn davon ab und distanzierte sich von ihm, dabei signalisierend, dass es ihr gut ging. „Seid Ihr sicher, dass es Euch gut geht? Ich wage es, mir zu erlauben, Euch zu sagen, dass ich anderer Ansicht bin. Ihr braucht keinesfalls Euch zu verstellen und Euren Schmerz zu leugnen. Vergesst nicht mein Versprechen, dass ich Euch damals gab!“ Betroffen nickte Luna und ballte ihre Hände zu Fäusten. Die seelischen Verletzungen waren anscheinend noch zu frisch. Wie auch immer. Aber sie war kein kleines Mädchen mehr, auf das ständig Rücksicht genommen werden und den ganzen Tag über betreut werden musste. Sie war stark. Musste es jedenfalls sein. Schließlich wollte sie Benedict unter keinen Umständen zur Last fallen. Die Vergangenheit ließ sich nicht ungeschehen machen. Man musste sich immer den Umständen anpassen.
Tief atmete das feenhafte Wesen ein und aus. Ihre Lungen füllten sich gierig mit Sauerstoff und schieden den giftigen Kohlendioxidgehalt wieder aus. Erneut wagte sie, den Augenkontakt mit dem Mann vor ihr zu halten. Nie war es ihr jemals möglich gewesen, seinen Blick zu deuten. Aber sie glaubte, in diesem Moment einen Hauch von Sorge zu erkennen und noch etwas, das allerdings nicht einzuordnen war. Was war es? Mitleid? Trauer? Zuneigung? Ein Rätsel und viel zu irrelevant, um sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Wahrscheinlich würde sie niemals dazu in der Lage sein, hinter seine Fassade blicken zu können. Doch war dies bei Weitem nicht nötig, da Luna ganz genau wusste, dass er das Herz am rechten Fleck besaß, selbst wenn er nicht den Anschein erweckte, der darauf hindeuten mochte. Da war sich die junge Herrin absolut sicher.
Das weiße Band immer noch fest in ihrem Griff. Wieder wurde der Augenkontakt unterbrochen. Diesmal war es ihr Butler, der sein Augenmerk auf die entblößte Verunstaltung des sonst makellosen Körpers der Frau richtete. Wut keimte in ihm auf. Wut auf sich und auf IHN. Er hätte es verhindern können. Der eigentliche Drahtzieher hinter allem Übel ist glücklicherweise bereits von der Bildfläche verschwunden.
Wie konnte man nur? Er hätte es ahnen sollen. Innerlich schüttelte er den Kopf. Es war geschehen und somit auch unwiderruflich. Mit dem mussten sie nun leben. Langsam näherte sich der treu Ergebene und entnahm ihr das Band, um es ihr wieder umzubinden. Sie ließ es zu. Nachdem er sein Tun beendet hatte, erhob er seine Stimme: „Bitte begebt Euch nun wieder in die Kutsche und versucht zu schlafen. Ihr müsst Euch ausruhen. Und bis wir den Wald vollständig durchquert haben, wird es noch eine Weile dauern!“ Nachgebend folgte Luna seiner Bitte und schritt auf die schwarze Kutsche zu, die auf dem breiten, leicht unebenen Waldweg stand. Dankbar lächelte sie Benedict zu, als er, wie schon so oft, die Tür aufhielt und ihr half einzusteigen. Erschöpft ließ sie sich auf die Sitzbank fallen, schlief nach kurzer Zeit ein und wurde, wie jede Nacht, von alten, bedrückenden Bildern ihrer Vergangenheit in ihren Träumen heimgesucht.
Mit eisernem Griff hielt der treue Butler die Zügel in seinen Händen und beobachtete während der Fahrt die finstere Umgebung. Verärgert musste er feststellen, dass auch seine Kräfte langsam verschwanden.
Die Müdigkeit drohte ihn wie eine riesige Welle mit in die Tiefe zu reißen. Wann hatte er das letzte Mal ausgiebig geschlafen? Selbst wenn es ihm schwerfiel, so musste er ebenfalls an seine Gesundheit denken. Denn sein Leichnam würde Lady Luna nichts bringen. Für ihn hatte ihre Sicherheit stets höchste Priorität. Nichts, aber auch gar nichts würde ihn davon abhalten können, sie zu beschützen.
Lumine – Kapitel 2
Der kleine Hügel unter dessen Baum das Mädchen schlief, wurde von einem kegelförmigen Sonnenstrahl erhellt. Ein neuer Tag war angebrochen. Ein Neubeginn. Unter dem Rascheln der Blätter war es das flatternde Flügelschlagen, das Lumine erwachen ließ. Ihr trüber Blick klärte sich und sie erblickte vor sich eine weiße Taube, die auf einem Stein saß und sie musterte. „Wie du wohl heißen magst?“, erhob sie ihre Stimme und beschloss daraufhin, den Vogel auf den Namen Kuro zu taufen. Ab diesem Zeitpunkt wich Kuro ihr nicht mehr von der Seite.
Kapitel 2 – Die Perfektion in Person
Wer war schon perfekt? Das Aussehen entsprechend einer in Stein gemeißelten Schönheit. Helle und reine Haut, die im Scheine des Mondlichtes zu strahlen begann, gepaart mit roten, wohlgeformten Lippen, die schneeweiße Zähne beherbergten. Kräftiges, schimmerndes Haar und leuchtende Augen, die jeden in ihren Bann ziehen konnten. Eine makellose und unvergleichbare Statur, die in jedem den Ehrgeiz erweckte, ebenfalls so auszusehen. Einen besonnenen Charakter, eine reine Seele mit einem Herz aus Gold. Tadellose Verhaltensgewohnheiten wie eine gerade Haltung, dem einer Linie entsprechend, und eine überaus gewandte Wortwahl sowie Ausdrucksweise, die den Verdacht erwecken ließ, dass dies einem zuvor verfassten Text, der lediglich auswendig gelernt wurde, gleichkam. Die Fähigkeiten besitzen, ein Instrument oder im Idealfall mehrere spielen zu können, wie auch die Tanzkunst zu beherrschen und allen Fehlern und Makeln vorzubeugen.
Man durfte keine negativen Eigenschaften aufweisen. Nicht sie. Die Adligen der Gesellschaft.
Aber all diesen strengen Vorschriften musste eine Person im Stillen widersprechen. Tonlos, aufgrund der Angst, verstoßen, verachtet und allein gelassen zu werden. Die Tochter einer Adelsfamilie musste perfekt sein. Erst recht die Tochter der Familie De Menciums.
Allerdings fragte sie sich: War sie denn nicht bereits, wenn nicht seit Jahren, allein? Es fühlte sich zumindest so an. Das wohlhabende Leben war kalt und nur begleitet von langweiligen und oberflächlichen Gesprächen, die keinerlei Farben beinhalteten. Deren Privileg war Quantität, nicht Qualität. Wie traurig dies doch war. Jedoch schienen diese verkorksten Leute tatsächlich glücklich damit zu sein. Am liebsten wollte das Mädchen aus dem goldenen Käfig entfliehen. Doch wie? Wahrscheinlich würde ihm das niemals gelingen, außer es würde einen äußerst beängstigenden Entschluss fassen, vor dem es sich mehr als nur fürchtete. Allerdings wäre sie nicht die Erste, die in ihrer Familie Suizid begehen würde. Ihre Tante Sherry wurde vor knapp fünf Jahren in ihrem Gemach erschossen aufgefunden, so wurde ihr erzählt. Da war Luna gerade mal sieben Jahre alt gewesen, zu jung, um sowas verstehen zu können. Nun war diese Tat ihr eher ein Begriff. Traurigerweise hatte sie keinen Abschiedsbrief hinterlassen, um wenigstens erahnen zu können, was die rotblonde Frau dazu veranlasst hatte, die Waffe ihres Mannes zu greifen, sich auf das Bett zu setzen, ihre Hand mit der zuvor entsicherten Pistole an ihren Kopf zu führen und den Abzug zu drücken. Ihr Make-up war komplett verwischt. Sie musste offensichtlich geweint haben.
Um das schreckliche Kopfkino zu beenden, schüttelte das zwölfjährige Albino-Mädchen verzweifelt den Kopf. Den Tränen nahe, schloss sie ihren feuerroten Seelenspiegel. Sie sollte nicht mehr allzu oft darüber nachdenken. Schliesslich konnte man es nicht mehr rückgängig machen. Der Kummer aufgrund des Verlustes saß wahrlich tief. Überraschenderweise jedoch nicht nur Trauer, sondern zusätzliche Wut war spürbar. Wut deswegen, weil sie sich im Stich gelassen fühlte. Ihre Tante war der einzige Halt gewesen. Sie war die einzige Person, die sich ihr gegenüber nicht entfremdet benahm, als wäre Luna nur ein Vorzeigeprodukt, aufgrund ihres sonderbaren Aussehens. Ihre Eltern mochten von außen hin als wunderschön und charmant betrachtet werden, allerdings richtige Liebe konnte sie von ihnen nie erwarten. Vielleicht, als sie noch ein Baby und Kleinkind war. Aber nun?
Mittlerweile hatte sie immer wieder das Gefühl, dass ihre Familie sich immerzu verändert hatte in den letzten Jahren, an die sie sich zumindest erinnern konnte. Besuch bekamen sie auch immer seltener und falls dies mal der Fall war, dann ausschließlich nachts. Aus dem Büro ihres Vaters Earl Edwin De Mencium schien nahezu noch bis zum Morgengrauen Licht. Bekam er denn noch genug Schlaf? Selbst wenn Luna noch so wenig das Gefühl übermittelt bekam, Liebe von ihren Eltern zu erhalten, so machte sie sich dennoch Sorgen um ihren geliebten Vater. Geliebt? Natürlich. Die eigenen Eltern musste man doch lieben. Sie musste doch dafür dankbar sein, in solch einem Luxus leben zu dürfen, und das nur dank ihnen. Dank dem, was ihr Vater aufgebaut hatte. Ja, aber was denn? Ihr wurde nie erklärt, woher der Ruhm und Reichtum kam. Wahrscheinlich war sie noch zu jung, um das richtig zu verstehen, wurde ihr gesagt – oder eingeredet?
Seufzend schloss die Weißhaarige ihr über alles geliebtes Buch, das ihre Tante ihr einst zu Weihnachten geschenkt hatte und in dem sie bis eben noch gelesen hatte.
Es war in dunkelbraunes Leder gebunden und besaß goldene Verschnörkelungen, die die Ecken unterstrichen. Der Titel des Märchenbuches war ebenfalls in goldener und gebundener Schrift geschrieben. Das Buch wurde nach dem Namen des Hauptcharakters der Geschichte benannt. Es hieß Lumine. Ein sehr schöner Name. Er gefiel der Adelstochter sehr, und sie mochte die erfundene Person. Sie konnte sich mit ihr irgendwie identifizieren. Wie sie selbst besaß Lumine ein ungewöhnliches Aussehen.
Mit Sicherheit wäre Luna dazu in der Lage gewesen, jeden Satz des Märchens zu rezitieren, da sie es nach so häufigem Lesen auswendig kannte. Sie liebte ihr Geschenk wirklich. Aber es war nun nicht bloß ein Geschenk, sondern auch ein Andenken.
Langsam erhob sich die Weißhaarige aus ihrem Stuhl, auf dem sie gesessen hatte, um aus dem Fenster blicken zu können und lief an dem Bett vorbei, um vor ihrem Regal, das sich neben ihrem riesigen Schrank befand, stehen zu bleiben. Sanft strich Luna verträumt mit ihren bleichen Fingerkuppen der Schrift entlang. Ein kleines Lächeln von einer Mischung aus Freude und Trauer setzte sie auf. Ein paar Minuten verharrte sie in dieser Position, bevor sie sich aus ihrer Starre wieder löste und sich auf die Zehenspitzen stellend, die Lektüre zurück ins hölzerne Gestell verfrachtete. Neben den Büchern saßen ihre zwei alten Stoffpuppen mit Zierkleidchen, deren Wert womöglich mit dem eines echten, maßgeschneiderten Kleides vergleichbar war. Ihre glänzenden schwarzen Knopfaugen starrten ins Nichts. Diese kalten und leblosen Augen, bei denen man das Gefühl hatte, sie würden einen beobachten. Unheimlich.
Schnellen Schrittes näherte das kleine Mädchen sich wieder dem Fenster und nahm wieder Platz auf ihrem Stuhl. Neugierig folgte sie dem Tun des Gärtners. Draussen schien die Sonne und die Blumen begannen zur Frühlingszeit zu blühen. Es herrschte ein überaus herrliches Wetter. Keine einzige Wolke konnte man oben am hellblauen Himmel entdecken. Am liebsten wäre die Kleine zum Angestellten nach Draußen gefolgt und hätte ihm geholfen. Allerdings: Ohne Erlaubnis war es ihr nicht gewährt, das Anwesen zu verlassen, aufgrund ihres geschwächten Immunsystems. Selten ließ man sie das Haus verlassen. Ihr Gemach konnte noch so groß sein. Trotzdem fühlte sie sich darin eingesperrt, wie in einem Käfig, dessen Schlüssel zur Sicherheit weggeworfen wurde.
Ein für sie viel zu riesiges Bett stand an der Wand mittig des Raumes. Daneben auf der rechten Seite, wie erwähnt, der mit mehreren Dutzend von Kleidern gefüllte Schrank und das Regal aus Eichenholz. Der Boden wurde von einem roten Teppich mit goldenen Mustern bedeckt. Ihre Vorhänge der Fenster waren so weiß wie ihr Haar.
Was sie nur alles dafür getan hätte, um sich an die frische Luft begeben zu dürfen. Da kam ihr ein gewisser Gedanke. Zwar war es ihr nicht gewährt sich außerhalb des Hauses aufzuhalten, aber für kurze Zeit wäre dies doch kein Problem. Verschmitzt grinste die Kleine. Sie würde nicht lange weg sein, dachte sie sich. Schritte die sich ihr näherten, ließen Luna aufhorchen. Sie kannte diesen versteiften Gang. Nur noch ein paar Meter und die Person würde in ihrem Türrahmen stehen. Innerlich seufzend erhob das Kind sich und wandte sich, noch mit geschlossenen Augen, in die Richtung des Klanges um. Die Stimme des Zimmermädchens Genevieve veranlasste sie dazu sie nun anzuschauen. In diese freudlosen grünen Augen, die denen eines Fisches ähnelten, musste sie jeden Tag starren.
„Lady, Luna ich hoffe doch, Ihr habt nun Eure Lektion gelernt und werdet es doch wohl vermeiden, weitere Unannehmlichkeiten zu verursachen. Das würde Eurem Vater vieles ersparen und den Namen der Familie nicht weiter in den Schmutz ziehen!“
Luna mochte ihre raue Stimme nicht. Sie mochte ihre Art nicht. Eigentlich mochte sie gar nichts an ihr. Genevieve war eine unangenehme Person. Jeden Tag vernahm sie einen Text dieser Art. Mittlerweile war dies zur Gewohnheit geworden. Aber dennoch hinterließ es jedes Mal einen kleinen Kratzer im Inneren, der überraschenderweise viel mehr schmerzte als zuvor angenommen. Ob es der nicht besonders alten Frau Freude bereitete, über die Adelstochter zu tadeln oder ihr dies von ihren Eltern aufgetragen wurde, wusste sie nicht. Noch vor Genevieve hatte das Mädchen viele andere Zimmermädchen. Jedoch blieben diese nie lange, denn schon nach kurzer Zeit haben sie gekündigt oder es wurde ihnen gekündigt, und daraufhin sah die Kleine sie nie wieder. Anders bei Genevieve. Ausgerechnet sie. Aber vielleicht würde sich auch dies bald ändern. Schließlich wusste man nie.
Die eben geäußerten Worte, die Luna wie Steine an den Kopf geworfen wurden, schluckte sie tapfer herunter und überspielte ihre Reue mit einem gekünstelten Lächeln.
„Diesbezüglich entschuldige ich mich nochmals. Aber Genevieve, erlaubst du mir vielleicht, mir ein bisschen die Beine zu vertreten?“ Unschuldig verschränkte sie dabei die Arme hinter ihrem Rücken.
Misstrauisch legte die schwarzhaarige Frau ihre hohe Stirn in Falten, ehe sie antwortete: „Nein. Euch ist es für heute strengstens untersagt, Eure vier Wände zu verlassen. Habt Ihr das etwa vergessen? Wagt es also nicht, auch nur einen Schritt über die Türschwelle zu wagen. Dies könnte Konsequenzen nach sich ziehen!“ Was für ein törichtes und ungezogenes Balg sie doch war. Und so eine wie sie sollte eine Adlige sein? Pah! Dass sie nicht lachte. Eine ungehobelte und tollpatschige Person wie sie hatte nicht einmal ansatzweise das Zeug dazu, zum höchsten Rang der Gesellschaft zu gehören. Noch ein strenger Blick des Zimmermädchens unterstrich den Befehl, bevor auch sie auf dem Absatz kehrtmachte und ihren Tätigkeiten nachging.
Nachdenklich starrte Luna die nun geschlossene Tür an. Was für Konsequenzen denn? Sie wollte doch nie ihre Eltern verärgern oder ihnen im Weg stehen. Sie wollte lediglich ein Kind sein, das nicht eingesperrt und wie ein Vorzeigeprodukt behandelt wurde. Was war daran so verwerflich? Eigentlich gar nichts. Eigentlich. Jedoch: Ihr Wunsch, bloß für wenige Minuten ihr Zuhause zu verlassen, das sie noch nie komplett durchquert hatte, da es ihr immerzu verboten wurde, war zu groß. Sie würde niemanden stören und auch bald wieder zurück sein. Versprochen. Voller Elan und Spannung betätigte ihre kleine Hand die Türklinke und eröffnete ihr den Weg ins Abenteuer. In ein Abenteuer, mit dem sie niemals gerechnet hätte und dessen Folgen sie niemals hätte verursachen wollen.
Leisen Schrittes lief sie den Flur entlang, um zur großen Treppe zu gelangen, die in die Eingangshalle führte. An der Wand hinter dem ersten Treppenabsatz hing ein großes Gemälde, auf dem ihre Eltern abgebildet waren. Die engelsgleichen blonden Haare ihrer Mutter wurden von dem Maler mit einer Mischung aus den Farben Weiß, Gold und Gelb gemalt. Ihre schmalen Lippen, die ein minimales Lächeln andeuteten, waren rosa und ihr fabelhaftes, beaurdauxrotes Kleid, das ihr ein majestätisches Antlitz zauberte, machte den Augen Lunas nicht ansatzweise Konkurrenz. Ihre schmalen Schultern wurden von einem kräftigen Arm in Beschlag genommen, der ihrem Vater gehörte. Seine braunen Augen strahlten selbst auf dem Bild eine gewisse Strenge aus und ließen vermuten, dass sein erheitertes Gesicht nur eine Fassade war, die jederzeit wieder in sich zusammenbrechen würde, sobald der Zeitpunkt gekommen war. Seine dunkelbraunen Haare verschmolzen leicht mit den sanften Schattierungen im Hintergrund. Er war ein Mann, dessen Größe den Durchschnitt etwas übertraf.
Voila. Ein Vorzeigeehepaar, dessen Ruhm und Anerkennung kein Ende zu nehmen schien.
Die perfekten Adligen Earl Edwin De Mencium und seine Gattin Lady Valanice De Mencium. Und nur ein einziger kleiner Störfaktor existierte in ihrer ach so perfekten Scheinwelt. Ein Parasit. Das schwarze Schaf, das sich nicht in die Herde eingliedern wollte, nicht konnte.
Achtsam wagte Luna es, sich einen Überblick zu verschaffen, bevor sie sich nach Vergewisserung, dass niemand sich in der Halle aufhielt, nach unten begab. Immer noch darauf bedacht, keinen Lärm zu verursachen. Stufe um Stufe. Nach links abgebogen, folgte sie dem Gang entlang und betrachtete im Vorbeigehen gewisse Bilder oder Vasen. Das Zeitgefühl und die Orientierung ließen immer mehr nach, je länger die Zwölfjährige den verzweigten Gängen folgte. Das Anwesen kam ihr vor wie ein Labyrinth. Irgendwann kam sie an einer Sackgasse an. Erschrocken versteckte die Kleine sich aber wieder hinter der Ecke. Genevieve staubte die Gemälde und Wandleuchter ab. Hoffentlich hatte das Zimmermädchen sie nicht bemerkt. Dieser Teil des Hauses wurde merkwürdigerweise weniger beleuchtet. Rechts und links befanden sich jeweils noch zwei Türen. Diese führten wahrscheinlich ihres Wissens nach in die Vorrats- und sonstige Lagerräume. Ihr Herzschlag legte einen Zahn zu. Sie wollte keinen Ärger bekommen. Nicht noch mehr eingeschränkt werden. Ein deutlich hörbares Rumpeln und ein erstickter Schrei ließen ihren kleinen Körper zusammenzucken. Erwischt. Bestimmt hatte Genevieve sie entdeckt.
Wenn sie sich stellen würde, bekäme sie möglicherweise eine mildere Strafe.
Allen Mut sammelte sie an und atmete tief ein und aus.
Danach überwand die Adelstochter sich, trat um die Ecke und hob zaghaft den Kopf. Auf alles gefasst, schluckte Luna, jedoch alle Anspannung löste sich auf, als sie auf eine bis auf mit zwei Wandleuchten bestückte leere Wand starrte.
Nanu? Womöglich hat sie einen der Räume betreten und ist irgendwo dagegengestoßen, dachte sie sich. Hoffentlich hatte die Frau sich nicht allzu schwer verletzt.
Dies sah Luna als Chance, um so schnell wie möglich umzukehren. Schnellen Schrittes begab sie sich zurück. Aber dieser Laut war äußerst merkwürdig. Waren die Türen so morsch? Oder steckt was … Ihr Gedankengang wurde unterbrochen aufgrund des Zusammenstoßes mit einer anderen Angestellten des Hauses, die zuvor ein Tablett, beladen mit Porzellan und einer bescheidenen Mahlzeit, trug. Jedoch lagen diese nun zerbrochen und ungenießbar auf dem Boden. Ihr weißes Kleid bekam einiges von der Sauerei ab. Aus ihrer Trance erwacht, stand die Weißhaarige schnellstmöglich wieder auf den Beinen und entschuldigte sich. „Nicht doch, Lady Luna, euch trifft keine Schuld!“, beschwichtigte das dunkelblonde Hausmädchen namens Serina sie und machte sich daran aufzuräumen. Was für ein Tollpatsch sie doch sein konnte. Mist. Das Scheppern hallte genug laut wider, dass man es meilenweit hätte hören können.
„Was ist das hier für ein Krach?“, ertönte Earls beherrschte Stimme, als er sich dem Tatort näherte, dabei die beiden weiblichen Geschöpfe inspizierend. Seine stechenden Augen musterten Lunas verschmutztes Kleid, und wie ein Blitzschlag keimte eine Wut in ihm auf. Niemals. Nie ging ein Tag in Ruhe zu Ende, ohne dass auch nur ein Missgeschick widerfuhr, ob von den ungehobelten Angestellten verursacht oder seitens seines eigenen Fleisch und Blutes, das er nur zu gerne vor der Öffentlichkeit versteckte. Und dieses Ding sollte eines Tages seinen Namen vertreten? Vermaledeit! Hätte er doch bloß einen Sohn bekommen, der dem eines edlen Ritters gleichgekommen wäre. Ein perfektes Geschöpf, das alles und jeden in den Schatten stellte. Jedoch war dem nicht so. „Scher dich davon!“, meinte das Oberhaupt des Hauses zynisch an das Zimmermädchen gewandt. Wortlos und ergeben leistete die Frau seinem Befehl Folge und verschwand mit den scharfen, schneidenden Scherben in ihren Armen. „Und nun zu dir“, setzte der Earl an, wurde aber unterbrochen. „Es tut mir leid, Vater. Ich wollte mir doch nur ein wenig die Beine vertreten. Ich hätte es mit Garantie nicht gewagt, mich nach Draußen zu begeben. Bitte verzeih mir!“, äußerte Luna ertappt, den Blick gesenkt. Leichte Überraschung huschte über sein Gesicht.
Aber sein Ärger wurde dadurch nicht besonders minimiert. Sein Entschluss stand fest. Ab morgen würde er sie einsperren lassen, wenn er der Ansicht war, es würde vonnöten sein. Zwar wollte er noch bis vor Kurzem sein Kind mit einer äußerst erhöhten Lautstärke seiner Stimme zurechtweisen und seine Hand erheben. Allerdings verzichtete er darauf. Kraft und Nerven würde er in den nächsten Tagen in hohen Mengen gebrauchen. Somit wäre es am Besten, wenn er sich seine Reserven aufsparte. Immerhin sollte dabei nichts schiefgehen.
Die folgenden Tage verbrachte die Adelstochter ausschließlich in ihrem Zimmer und verließ ihr Gemach nur, um entweder zu speisen, damit sie nicht an mangelhafter Ernährung irgendwann krepieren würde, und um im Musikzimmer ihrem Geigen- sowie Französischunterricht nachzugehen. Sie liebte ihr Instrument. Außerdem war sie talentiert. Zweifellos. Die sanft gespielten Melodien, die den niedergeschriebenen Noten entsprachen, zogen sie jedes Mal in eine andere Welt. Dabei konnte sie sich entfalten und sah vor ihrem inneren Auge immer eine Szenerie, die sie sich so gerne ausdachte. Ihr absolutes Lieblingsstück war Bianco vom italienischen Musiker Cedriano. Dieses Lied hatte sie schon so oft gespielt. Es war Ihr absoluter Favorit. Wenn sie traurig war, sich einsam fühlte oder generell ihr irgendwas auf dem Herzen lag, spielte sie diese Melodie und verschmolz mit den Klängen, die sie für einen kurzen Moment alles vergessen ließen.
Ihr Musiklehrer Henry Rue legte seinen Taktstock auf den Notenständer, richtete sich seine Brille, die ihm viel zu oft von der Nase rutschte, und klatschte anerkennend mit den Händen. Dabei schenkte er ihr zusätzlich ein freundliches Lächeln. „Wundervoll, Lady Luna. Ihr habt Euch heute selbst übertroffen!“ Glücklich über die Anerkennung seitens des mittlerweile grauhaarigen Lehrers, bedankte die Kleine sich und vollführte einen leichten Hofknicks.
Ihre Mutter betrat den Saal und erkundigte sich. Wie jeden Tag sah die Gattin des Earls atemberaubend aus. Leicht schmunzelnd an Mr. Rue gewandt, erhob sie das Wort: „Und wie macht sich meine Tochter?“ In ihrer Stimme schwang ein gewisser Ton mit, den man als hoffnungsvoll bezeichnen konnte. Der ältere Herr breitete demonstrativ die Arme leicht aus und erwiderte: „Wahrlich hervorragend. Nahezu perfekt. Eure Tochter ist offenkundig talentiert!“ Leichtes Stutzen seitens der blonden Schönen. „Nahezu perfekt?“, wiederholte sie leise ungläubig. Das breite Lächeln, das noch bis vor Kurzem Lunas Gesicht zierte, war verschwunden. Selbstverständlich kümmerte ihre Eltern nur Perfektion. Wie konnte sie auch nur einen einzigen Gedanken daran verschwenden, dass ihre Eltern stolz auf sie sein würden? Nichts und niemand war perfekt. Oder? Zumindest nicht ihre Wenigkeit. Sie wollte es auch nicht sein. Langsam begann sie, dieses Wort wirklich zu verabscheuen. Während die beiden Erwachsenen ihr holpriges Gespräch weiterführten, packte die weißhaarige ihre Geige mitsamt Bogen wieder ein und machte sich daran, den Saal zu verlassen. Vorher verabschiedete sie sich noch von dem lieben Musiklehrer. Draußen aber verblieb sie, nicht weit von der Tür entfernt, und wartete, bis ihre Mutter ihr folgen würde, da sie Luna dazu gebeten hatte.
Erschöpft schloss sie ihre blutroten Augen und atmete tief ein und aus. Ihre Arme eng um ihre Geige geschlungen. Als das Mädchen nach einer ungewissen Weile Schritte vernahm, blickte es auf. „Liebling, vernachlässige niemals dein musikalisches Talent, ja? Bald wirst du dazu in der Lage sein, deine Kunst zu perfektionieren. Immerhin liegt dir die Musik. Aber bitte zier dich nicht, auch an deinen Tanzkünsten und Manieren zu arbeiten. Deine Tollpatschigkeit mit eingeschlossen. So was schickt sich nicht für eine Adlige. Wir sind besser als die normalen Leute. Verstehst du? Wir sind perfekt. Wir müssen perfekt sein!“ Sanft legte Lady Valanice ihrer Tochter die Hände auf die Wangen. „Bitte tu es für mich“, hauchte weinerlich ihre Mutter. Erschrocken stellte Luna fest, dass die Frau vor ihr den Tränen nahe war. Aber weshalb? Aus welchem Grund? Noch war es der Kleinen ein Rätsel.
Eine Antwort bekam sie zu ihrem Bedauern nicht.
In der folgenden Woche startete die Familie De Mencium den Tag mit einem höflichen Empfang für ihre Gäste. Nach langer Zeit beehrten sie die Snootfields und Stanvishes wieder. Gemeinsam saßen alle im Garten zu Tisch, speisten und unterhielten sich. Deren Gespräche besaßen so viel Tiefgang wie ein flacher Teller. Wundervolle und köstliche Speisen wurden von dem Personal serviert. Das hölzerne Möbel war beige gedeckt. Der Himmel war schön blau. Nur wenige Wolken wagten es, sich zu zeigen. Im Hintergrund konnte man die vielen Sträucher, Hecken und Blumenbeete betrachten. Und etwas abseits in der Mitte des Gartens befand sich ein großer Baum, dessen Äste das Doppelte an Volumen eines Nudelholzes besaßen. Gezwungen brachte Luna nicht mehr als ein Schmunzeln zustande und lauschte gespielt interessiert, während sie ihre Teetasse anhob, um sich einen Schluck zu genehmigen, darauf bedacht, keinen Laut von sich zu geben. Das penetrante Starren ihres Gegenübers machte sie nervös, und sie verspürte das Bedürfnis, einfach aufzustehen und zu gehen, um dem Unwohlbefinden zu entgehen. Der Sohn der Madam Snootfield konnte sein Augenpaar nicht von Lady Luna abwenden. Sie sah viel zu sonderbar aus. Ihre schneeweißen Haare, die zu einer tollen Flechtfrisur mit einer beigen Schleife kombiniert frisiert waren. Nicht zu vergessen ihre roten Augen und diese helle Porzellanhaut. So was hatte er noch nie zuvor zu Gesicht bekommen. Faszinierend.
„Ach, wirklich? Wie entzückend und beeindruckend euer Sohn Lawrence doch ist, Earl Snootfield!“, kicherte Lady Stanvish und hielt sich die Hand etwas vor den Mund. „Er ist geradezu der perfekte zukünftige Ehemann für eine meiner beiden Töchter!“, äußerte sich die schwarzhaarige Lady mit zu viel Schminke im Gesicht, dabei ihren beiden Mädchen zunickend. „Da stimme ich Euch ohne jeden Zweifel zu, Lady Stanvish!“, entgegnete Madam Snootfield mit einem leicht arroganten Unterton und schaute ihren brünetten Sohn unauffällig auffordernd an. Dieser bedankte sich daraufhin höflichst und war so frei, endlich seinen Blick von Luna abzuwenden. Statt dessen lächelte er Lady Stanvish charmant an. „Die Perfektion in Person, wie man es doch zu sagen pflegt!“, lachte das Oberhaupt der Snootfields. Trotz aller inszenierter guter Laune spürte man eine Spannung. Irgendwas lag in der Luft. Man konnte sie beinah zerreißen. Dunkle Wolken zogen plötzlich auf.
Ein Räuspern. „Auch ich teile selbstverständlich Eure Meinung, jedoch dürft Ihr meine Tochter Luna da nicht außer Acht lassen. Sie ist nämlich eine sehr talentierte Geigenspielerin!“, mischte Earl De Mencium mit und setzte ein gespielt fröhliches Lächeln auf, um seinen Ärger zu überspielen. Dieser unauffällige verbale Wettkampf, welches der Kinder doch die Perfekteren waren, war zum Erbrechen. Alle Köpfe drehten sich in die Richtung der Weißhaarigen. Verdammt! Gerade eben noch konnte sie sich dem Starren von Lawrence entziehen. Es war zu schön, um wahr zu sein. Ihr war sichtlich unwohl. Allerdings versuchte sie, ihre Unsicherheit mit aufgerichteten Mundwinkeln zu verstecken. Sie mochte keine Aufmerksamkeit. Bedauerlicherweise aber würde ihr der schützende Schatten des Lichtes wahrscheinlich immer verwehrt bleiben. Alleine schon aufgrund ihres Aussehens.
„Oh, wie toll. Dürften wir uns später vielleicht an einer kleinen Kostprobe Ihrer Gabe erfreuen?“, stellte Earl Stanvish die Frage, die sich alle gestellt haben. Edwin nickte einverstanden. „Gewiss!“, grinste der Earl und hoffte insgeheim, dass er heute einer Blamage entgehen konnte. Ewig konnte er solch ein Verhalten nicht dulden.
Somit müsste er eines Tages gewisse Konsequenzen ziehen. Welch einer Art eben diese entsprechen würden, darüber musste er sich noch Gedanken machen. Aber man sollte doch nicht gleich übertreiben und voreilig den Teufel an die Wand malen, selbst wenn der undurchschaubare Mann bereits den Pinsel in seiner Rechten fest im Griff hielt.
Der plötzliche Groll des Donners ließ Luna zusammenfahren. Der peitschende Regen folgte nach nur wenigen Sekunden, gepaart mit dem heulenden Wind, der die Servietten wild vom Tisch und durch die Luft wirbelte. Eilend flüchtete die Gruppe ins Trockene und machte es sich im Wohnzimmersaal gemütlich, während die Butler den Tisch abräumten. Zumindest das, was davon übrig geblieben war.
Angespannt hielt die Kleine ihr geliebtes Instrument in den Händen. Alle Augenpaare waren erwartungsvoll auf sie gerichtet. Noch immer von der Nervosität beherrscht, setzte Luna an zu beginnen. Konzentriert schloss sie langsam die Augen und begann, mit dem Bogen sanft über die Seiten der Geige zu streichen. Die Abfolge der Noten brauchte sie seit langer Zeit nicht mehr sich vor Augen zu halten. Dieses wundervolle Lied würde ihr ein Leben lang im Gedächtnis bleiben und sie somit bis am Ende ihres Daseins begleiten. Die Melodien flossen graziös ineinander, verschmolzen und hinterließen ein wohliges Kribbeln in ihrem Bauch. Unbewusst schlich sich ein entspanntes und seliges Lächeln auf ihr blasses Gesicht.
Erstaunt und wie hypnotisiert weiteten sich Lawrence’ Augen. Luna befand sich in ihrem Element, ihrer Welt. Auf einmal strahlte ihre Person solch eine Ruhe und Gelassenheit aus. Sie wirkte in diesem Moment glücklich und befreit von all ihren Belastungen. Belastungen? Was konnte denn ein kleines Mädchen belasten? Zwar konnte er eine Antwort nur erahnen, aber eigentlich war ihm durchaus bewusst, was es sein konnte. Nicht zuletzt, weil auch seine Wenigkeit davon betroffen war, wenn nicht die Zwillingstöchter auch, die leicht abwesend wirkten. Irgendwann. Eines Tages würde er eine Möglichkeit finden, um wirklich glücklich zu werden.
Die Musik verstummte, und zunächst herrschte Ruhe. Eine Qual für das einzige Kind der De Menciums. Ihr Blick war auf das Wandgemälde hinter dem Publikum gerichtet. Ihr Herz schlug schneller. Jedoch jegliche Anspannungen waren für die Katz und nicht nachvollziehbar. Applaus und begeistertes Lob wurde der Weißhaarigen entgegengebracht. Was für eine Erleichterung.
„Ich muss gestehen, ich bin wahrlich beeindruckt, welch eine musikalische Leistung Eure Tochter vollbracht hat, werter Earl!“, gab das Oberhaupt der Snootfields zu.
„Ich danke Euch!“, entgegnete Lunas Vater selbstbewusst mit einem Hauch von gespielter Bescheidenheit. „Nun, zugegeben, solch eine Fähigkeit will geschenkt sein. Jedoch ist noch kein Meister vom Himmel gefallen!“, warf Lady Stanvish ein. Daraufhin wurden Blicke ausgetauscht, die jeden noch so unverwundbaren Krieger zum Erliegen gebracht hätten.
Es folgten noch für weitere zwei Stunden inhaltslose Gespräche, die mehr Energie erforderten als jeder Wettlauf. Kurz vor allzu später Zeit beschlossen die verehrten Gäste heimzukehren.
„Earl De Mencium, es war mir und meiner Familie ein wahres Vergnügen, Euch nach langer Zeit mal wieder zu besuchen. Wir würden uns freuen, wenn auch Eure Familie uns mal wieder mit ihrer Anwesenheit beehren würde!“ Lächelnd ergriff Earl Snootfield die Hand seines Gastgebers.
Der Angesprochene erhellte ebenfalls seine Miene. „Selbstverständlich. Sobald sich die nächste Gelegenheit in Zukunft bietet!“
„Seit Kurzem haben wir unseren Pferdehof erneuern und unser Land erweitern lassen. Es wäre zu schade, wenn Euch dies entgehen würde!“, fügte die Gattin Snootfield kichernd hinzu.
„Wir melden uns, sobald sich ein Besuch arrangieren lässt!“, antwortete Valanice und hielt sich am Arm ihres Mannes fest.
Im Hintergrund der Gespräche stand Luna dem Sohn der Snootfields gegenüber. Beide lächelten verlegen. Plötzlich kam der Braunhaarige näher und flüsterte in ihr Ohr: „Du kannst echt wunderschön Geige spielen. Und außerdem fände ich es toll, wenn du mich auch mal besuchen würdest!“ So schnell der Junge sich auch genähert hatte, entfernte er sich wieder und kam neben seinem Vater mit einem noch breiteren Grinsen zum Stehen. Die Kleine war viel zu perplex und es fiel ihr schwer, einen anständigen Satz zu formulieren. Ihre einzige mögliche Reaktion bestand aus einem zustimmenden Nicken.
„Wir wünschen Euch eine angenehme Heimreise. Bis bald!“, lauteten die letzten gewechselten Worte.
Und die schweren Holztüren wurden wieder verriegelt.
Der Regen schien kein Ende nehmen zu wollen. Die Blitze und den Donner durfte man natürlich auch nicht vergessen. In den folgenden zwei Tagen bildeten die Wassermassen dauerhaft kleine, strömende Flüsse aus den Waldgräben. Jeder noch so leichtfüßige Schritt hinterließ einen matschigen Fußabdruck.
Es herrschte tiefschwarze Nacht. Bemüht, endlich einzuschlafen, wälzte Luna sich abwechselnd hin und her. Jedoch die Wetterunruhen hielten sie wach – und noch ein winzigen Aspekt, der ihr seit dem Sturm aufgefallen war. Ergeben seufzte sie und starrte an die Decke. Wenn sie präziser darüber nachdachte, dann fiel ihr auf, dass ihr Vater momentan ziemlich angespannt zu sein schien. Er entfremdete sich noch mehr als zuvor, stürzte sich nahezu in seine Arbeit und verließ kaum noch sein Büro. Irgendwas lag in der Luft. Oder war dies bloß nur Einbildung? Denn um ehrlich zu sein, kannte die Kleine ihn überhaupt nicht. Seine Launen wechselten so schnell, wie der Blitz einschlagen mochte. Außerdem gab es noch eine Person, die sie bereits seit einer Weile nicht mehr zu Gesicht bekommen hatte.
Es erschien ihr als äußerst eigenartig. Seltsam. Ungewöhnlich. Zumal sie sonst nahezu täglich ihr Zimmer betreten hatte, um sie zu beschimpfen.
Ob Genevieve ihres Amtes enthoben wurde?
Lautes Gepolter veranlasste Luna, sich hastig aufzusetzen und aufzuhorchen. Was war das? Wurde jemand verletzt? Mit einem mulmigen Gefühl erhob das Mädchen sich aus ihrem Bett und schritt zur Tür. Zum Glück war diese nicht verschlossen.
Darauf bedacht, keinen auffälligen Krach zu veranstalten, folgte sie den beunruhigenden Geräuschen, die immer lauter wurden. Die Stimme Earl Edwins und ein leises Wimmern waren zu vernehmen. Durch einen kleinen Spalt fiel Licht aus dem Büro und erhellte teilweise den finsteren Flur. Neugierig beobachtete Luna die folgenden Szenarien.
Erschrocken zuckte sie kurz zusammen aufgrund des Bildes, das sich ihr bot.
Earl Edwin De Mencium stand inmitten des Raumes, dabei auf das Zimmermädchen Genevieve kalt und gefühllos herabblickend, als wäre die Frau bloß ein widerliches Insekt. Ein Parasit, den man so schnell wie möglich loswerden musste. Seine Augen durchbohrten ihren vor Furcht zitternden Körper. Hilflos und ergeben kniete sie wimmernd vor ihm und murmelte immer wieder eine Entschuldigung.
„Du unfähiges Stück, aus welchem Loch du auch immer gekrochen bist, du hast nichts in meinem Hause herumzuschnüffeln!“ Er hob seine Faust. Luna schloss die Augen und hielt sich vor Schreck ihren Mund zu. Bitte nicht. Nein. Nein. Ihr Vater würde niemals …
„Bitte verzeiht mir. Ich verspreche Euch, mir wird nie wieder solch ein fataler Fehler widerfahren, und ich werde still schweigen bis zuletzt. Aber bitte verschont mich. Ich flehe Euch an!“
Ihr Gesicht spiegelte blanke Angst und pure Verzweiflung wider. Sie verhielt sich dem Mann gegenüber, als wäre er eine Bestie, die dazu bereit gewesen wäre, sie jeden Moment zu zerfleischen. So hatte die Adelstochter Genevieve noch nie erlebt.
Was für einen Fehler hatte sie denn begangen? Lag es wohl an ihr, weil sie nicht gehorsam war? Luna wurde übel. War sie der Grund, weshalb Genevieve so bestraft wurde?
Am liebsten hätte sie sich auf der Stelle entschuldigt. Aber sie hatte nicht den Mut, ihrem Vater unter diesen Umständen gegenüberzutreten.
Ein verachtendes Zischen seitens des Earls. Kurze schneidende Stille herrschte. Er fletschte seine Zähne und äußerte sich beherrscht: „Wo denkst du hin. Natürlich verzeihe ich dir, und ich weiß auch, wie du deinen Fehler entschädigen kannst!“, kicherte er und strich ihr ein paar Strähnen aus dem Gesicht.
Welch eine Erleichterung. Alles ist wieder gut, dachte Luna glücklich. Natürlich. Wie konnte sie auch nur einen einzigen Gedanken daran verschwenden, ihr Vater würde Genevieve mit Gewalt zurechtweisen. Nicht doch. Earl Edwin mochte vielleicht nicht viel Emotionen zeigen, jedoch besaß er trotzdem ein Herz.
Oder?
Lumine – Kapitel 3
Die Sonne schenkte Lumine Wärme und ließ die Federn der Taube neben ihr leuchten. Sie war nicht mehr allein, und noch dazu kam sie sich nicht mehr so anders vor, da sie beide Weiß trugen. Sie lächelte zufrieden. An einem Fluss entlang entdeckten sie eine Feuerstelle, die kurz zuvor noch gebrannt haben musste. Neugierig näherte das Mädchen sich dem verbrannten Haufen. Ihr Gleichgewicht verlor sie, doch kurz bevor sie in die Glut fallen konnte, zog Kuro sie an den Haaren rückwärts in Sicherheit. „Danke, Kuro!“, bedankte die Kleine sich mit großen Augen. Fußspuren führten in den Wald vor ihnen. Der einzige Weg, dem sie folgen konnten. Einen anderen gab es nicht. Wie tief der Wald war, wusste sie nicht. Doch einen Grund, Angst zu haben, hatte sie nicht. Solange sie die Taube bei sich hatte, der sie vertraute, so konnte ihr nichts passieren. Ihr bester und einziger Freund auf ewig.
Kapitel 3 – Satan in Menschengestalt
Umgeben von Finsternis. Nichts als Schwärze. Von einer natürlichen Mauer mit Blättern gefangen. Die Orientierung konnte man in solch einer Nacht wie dieser leicht verlieren, würde man nicht zielstrebig dem breiten Pfad folgen, der endlos zu sein schien. Diese Wut, die bereits seit Jahren in ihm brodelte, wollte kein Ende nehmen. Zumindest nicht, bevor er sein Ziel erreicht hatte. Sie zerfraß ihn regelrecht. Sein Rachedurst war nahezu nicht mehr auszuhalten. Das Verlangen nach Vergeltung stieg ins Unermessliche und drohte wie ein Tornado alles erbarmungslos mit sich zu reißen, dabei alles und jeden zerstörend. Jeder, der es wagen würde, sich ihm in den Weg zu stellen, würde dafür büßen müssen. Wer kümmerte sich denn um Außenstehende? Die waren bloß jämmerliche kleine Bauern auf dem Schachbrett, die zu nichts zu gebrauchen waren und die man mit Leichtigkeit aus dem Weg räumen konnte. Zum Falle zu bringen war der König. Der widerliche schwarze König, der ihm hämisch von der anderen Seite aus, sich hinter seiner schwachen Armee versteckend, zulächelte, dessen Grimasse nur so von Spott und Hohn triefte. Exakt. Er würde ihn genießerisch schach- und mattsetzen. Er wollte ihn leiden sehen. Seine Stimmbänder sollten brennen während des Klanges seiner qualvollen Schreie, die das Feuer der Hölle fordern. Dies würde auch seine letzte Gelegenheit sein, gehört zu werden. Er wollte es sehen. Einmal noch. Nur noch ein letztes Mal. Sehen, wie der letzte Hauch seines erbärmlichen Lebens verschwand und seine Seele sich von seinem Körper trennte, um sich danach in Luft aufzulösen. Seine Hände ballte der dunkel Gekleidete zu Fäusten. Nun war er am Zug. Kurz hielt der Mann inne und reckte sein Haupt gen Vollmond wie ein heulender Wolf.
Tief einatmend schloss er seine stechenden Augen. „Monster“, flüsterte der große Mantelträger kaum hörbar und verzog seine Lippen zu einem teuflischen Lächeln. So hatten sie ihn früher gerne genannt. Jedoch aus welchen Beweggründen, war ihm ein Rätsel. Weshalb auch? Ab wann erklärte man jemanden zu einem Monster? Wie definierte man ein Monster? Waren denn nicht alle Menschen Monster? Blutrünstige Bestien, die hinterhältig sein konnten. Wie amüsant. Sein erheitertes Gemüt wandelte sich in ein Lachen. Wahrlich amüsant. Das Leben jedes einzelnen war ein Spiel. Sahen die anderen das denn nicht? Bedauerlich. Es kam bloß darauf an, welche Entscheidungen man traf. Und Gregwood hatte offenkundig die falsche Wahl getroffen. Einen entscheidenden Faktor hatte er außer Acht gelassen. Dieser Faktor war seine Wenigkeit. Der Herr wird noch so vieles bereuen. Darauf gab er sein Wort. Wieder verstummt, setzte der Hutträger seinen Weg fort und trat hin und wieder achtlos auf kleine Äste, die unter seinen Schuhen knackten und in einem schuhförmigen Abdruck auf dem feuchten Waldboden hinter sich gelassen wurden. Einige Büsche waren zertreten und wiesen somit eine offensichtliche Spur auf. Er war demnach nicht der Einzige, der sich hier herumtrieb. Wie viele es wohl waren? Nur eine Person oder eine Gruppe? Vor Neugier fletschte die dunkle Gestalt die Zähne und folgte den beschädigten Pflanzen. Vielleicht ergab sich eine Möglichkeit, für einen kurzen Moment die guten Manieren zur Seite legen zu können. Ein kleines, flackerndes Licht war nach einigen Minuten in der Ferne zu erkennen. Nur noch wenige Meter. Stimmen waren zu vernehmen. Gelächter. Die heitere Stimmung würde bald wie das kleine Lagerfeuer ersticken, und eine erdrückende Plane der Stille würde sich über das Lager legen.
Verschmolzen mit der Dunkelheit versteckte der Handschuhträger sich hinter einem Baum, dessen Äste dicker waren als seine beiden Arme zusammen. Das Lager der Gruppe war nicht besonders groß. Lediglich vier kleine Zelte, aus alten Laken gefertigt, dessen Löcher mit alten Lumpen gestopft wurden, haben sie aufgestellt. Daneben an einem Baum angebunden befand sich ein Esel mit Zügel. Waren diese Maden etwa Händler oder Zigeuner? Wie auch immer. Beides wertlose Gesellen. Um das Feuer herum saßen fünf Männer. Der Auffälligste von allen: ein wesentlich älterer und rundlicher Herr mit ergrautem Haarwuchs. Der Rest war noch ziemlich jung. Ein Blondschopf mit Locken, zwei mit einer braunen, kurz geschnittenen Mähne, und der Letzte besaß rabenschwarzes Haar.
Anerkennend klopfte der Blondschopf seinem schwarzhaarigen Freund auf die Schulter. Ein Feuer mit durchnässtem Holz zu entfachen war bei Weitem nicht einfach. Dank ihm konnte sich ihre Zigeunergruppe aufwärmen und ebenfalls den freundlichen Händler vor der Kälte entziehen. „Ich möchte mich aufrichtig bei euch dafür bedanken, dass ihr mir kurzzeitig Obdach bietet und mir geholfen habt, meinen Wagen aus dem Schlamm zu ziehen!“, sagte der Bärtige, nachdem er sich erhoben und seine Mütze vom Kopf gezogen hatte. Das plötzliche Unwetter ließ den Pfad dermaßen erweichen, dass die Räder nicht weiter vom Fleck kamen, sondern stattdessen leicht einsanken und tiefe Spuren hinterließen. Die Räder mussten ersetzt werden. Sie waren mittlerweile zu morsch und brüchig. Lange würden sie nicht mehr standhalten können. Zum Leidwesen des Händlers. Die Güter werden verspätet ankommen und der Zaster spärlich ausfallen. „Kein Problem!“, lächelte der junge Mann mit schwarzen Haaren verschmitzt und wollte dem Älteren eine Flasche alkoholischer Flüssigkeit reichen. Allerdings lehnte er dankend ab und meinte: „Ich muss bei Sonnenaufgang wieder bei vollständigen Kräften sein. Und außerdem habe ich euch schon genug zu verdanken!“ Daraufhin setzte er sich wieder auf einen der Baumstämme. Erneut widmete sich die Gruppe einem heiteren Gespräch, das so vielfältige Themen beinhaltete, wie der Regenbogen Farben hatte. Aber schon bald tauchten unheimliche, dicke, fast schwarze Wolken auf, die den Regenbogen verschwinden ließen. Plötzlich kehrte Stille ein. Sie war bedrückend und schnürte jedem die Luft ab. Keiner wusste ein Wort zu wechseln.
Nur eine Sache ließ dem alten Mann keine Ruhe. Seine Frage brannte ihm förmlich auf der Zunge und war nicht mehr auszuhalten. Er konnte sich nicht erklären, weshalb so junge Leute sich ziellos durch das Land bewegten. Unangenehme und zwielichtige Gestalten schienen sie nicht zu sein. Waren sie etwa Waisenkinder? Oder hatten sie tatsächlich etwas verbrochen und waren nun auf der Flucht? Er musste es wissen. Ein gutes Mittel, um das Eis zu brechen, dachte er sich. Leider war denken nicht immer seine Stärke gewesen.
„Ohne die Absicht, euch zu nahe treten zu wollen, möchte ich eine Frage stellen. Und zwar: Was genau veranlasst euch dazu, ziellos durch das Land zu reisen ohne ein festes Zuhause?“ Seine Stimme klang voller Neugier und leichter Faszination. Es war ungewöhnlich. Mutig oder einfach nur dumm? Die Stimmung war nun noch betretener als zuvor. Die jungen Herrschaften schienen sich zu versteifen, und ihre Mimik wirkte betrübt. Definitiv. Es war mehr als nur unangebracht gewesen. Offenbar hat er eine alte Wunde erneut aufgerissen, die zuvor schon viele Male geeitert und sich entzündet hatte. Vermutlich drohte diese Verletzung sie sogar mit in den hoffentlich erlösenden Tod zu reißen. „Verzeiht mir. Ich wollte auf keinen Fall mit der Tür ins Haus fallen. Bitte entschuldigt!“, äußerte sich der Händler beschämt mit schlechtem Gewissen. Der Blondschopf winkte grinsend ab: „Nicht der Rede wert!“ Was für ein ungehobelter und taktloser Trottel er doch war. Für so was hätte er sich selber am liebsten eine Backpfeife verpasst. Seit 59 Jahren existent und kein Stück schlauer. Der Braunhaarige mit der schwarzen Weste zögerte noch, kurz bevor auch er sich zu Wort meldete: „Wir gehören nirgendwo hin. Wir sind sozusagen Gespenster. Als Seelen ohne Hüllen könnte man uns bezeichnen!“
„Wo wir uns doch schon über mysteriöse Gestalten unterhalten. Ist euch der Fluch der schneeweißen Hexe eigentlich bekannt?“, lenkte der Größte von ihnen ein. Verwundert zog der Grauhaarige seine Stirn kraus. Wie bitte? Ein Fluch? Das war doch lächerlich. Allerdings kam ihm die Bezeichnung bekannt vor, als hätte er davon schon einmal gehört. Von ihr. Die schneeweiße Hexe. Angeblich sollen in jeder Stadt und jedem Dorf mindestens eine bestialisch zugerichtete Leiche aufgefunden worden sein, in der sie zuvor gesichtet wurde. Die leblosen Körper waren nicht mehr identifizierbar, und an jedem Hals wurde ein Seil zu einer fest zu schnürenden Schleife gebunden. Die riesigen Pfützen aus rotem Lebenssaft tränkten die zerrissene Kleidung und färbten den Boden. Und mysteriöserweise fand man an jenen Tatorten schwarze Federn eines Raben.
„Was faselst du denn nun wieder für einen Nonsens?“, seufzte sein Gefährte neben ihm kopfschüttelnd und strich sich mit seiner von Narben gezeichneter Hand durch sein kurzes, dunkelbraunes Haar. „Es scheint was dran zu sein. Jedoch bezweifle ich, dass ein Fluch und eine Hexe dahinterstecken!“ Nachdenklich kratzte der Anführer mit schwarzen Haaren sich am stoppeligen Kinn. Ein kühler Luftzug spielte mit der lodernden Flamme und ließ sie sich winden. Die Büsche raschelten, und Blätter wischten dem Boden entlang. Zu solch schrecklichen und unmenschlichen Schandtaten konnte doch keine Frau fähig sein. Oder? Dafür war sie von viel zu zierlicher Statur, wenn man den Beschreibungen Glauben schenken konnte. Noch niemand stand ihr von Angesicht zu Angesicht persönlich gegenüber. Jedenfalls niemand, der lebend zurückkehrte. Außerdem wurde die schneeweiße Hexe angeblich nur nachts gesichtet. Ihre Haut sowie ihre Haare und ihr Kleid waren weiß wie Schnee, und ihre Augen hatten die Farbe Rot des Blutes aller Lebewesen. Die Augen des Teufels, so behaupteten viele. Man nahm an, dass die einst verstorbene Tochter der Familie De Menciums diejenige war, die wiederauferstand, um sich möglicherweise zu rächen. Es wurde gesagt, sie verstarb infolge einer Erkrankung an einer Lungenentzündung. Wie man auf den Verdacht kam? Vor wenigen Wochen brannte das komplette Anwesen ihrer Familie nieder. Unter dem Schutt und der Asche wurde gefunden, was von den Körpern noch übrig geblieben war. Eine irreparable Theorie. Nur ein Narr mochte dieser Erzählung einer Wiederauferstehung glauben. Ein rachsüchtiger Leichnam. Wie naiv. Vielleicht diente aber ihre Erscheinung als Omen, um die Menschen zu warnen. Oder aber es steckte ein psychopathischer Mörder dahinter, der sich diese Figur nur ausgedacht hatte.
„Vielleicht wurde Lady Luna einst weggesperrt aufgrund eines fatalen Fehlers, den sich ihresgleichen niemals hätte erlauben dürfen, und nun, nach ihrer Befreiung, zog der betörende Duft nach Rache sie in den Bann!“, sprach der Jungspund mit einem gespielt bedauernden Unterton. Sein blonder Freund lachte und fügte theatralisch gestikulierend hinzu: „Sie liebte wohl einen der Butler, und ihr dunkles Geheimnis kam irgendwann ans Tageslicht. Und als Bestrafung dafür, einen Unwürdigen geliebt zu haben.“ Abrupt verstummte er, da die Gruppe vor Schreck zusammenfuhr. Des Händlers Maultier gab plötzlich panische Laute von sich. Es zog wie wild am Seil, als wollte es fliehen. Aber vor was? Außer ihnen war doch niemand hier. Der alte Mann war der Erste, der sich aus seiner Starre löste, und er trat mit Bedacht und Vorsicht an das Tier heran, dabei versucht, es zu beruhigen. Alarmiert ließen die Zigeuner ihren suchenden Blick durch die Natur schweifen. „Sind wir etwa nicht allein?“, flüsterte der Blonde angespannt. „Ich könnte mir auf keine andere Weise erklären, weshalb sein tierischer Gefährte ansonsten in Panik verfallen würde“, sagte sein Gruppenführer und Freund und nickte in die Richtung des Tieres. Eine finstere Präsenz schien sich in unmittelbarer Nähe zu befinden.
Perfekt. Sie waren die Auserwählten, die er sich nehmen würde, um das Verlangen, seine lodernde Flamme der Wut zu entfachen, zu stillen. Vorerst.
Stets angetrieben von seinem Überlebensinstinkt, versuchte das Maultier, sich loszureißen. Die Zügel schnitten mittlerweile in die Haut und hinterließen leichte Einschnitte. Noch. Der Gesang der Angst und des Schmerzes nahm an Lautstärke zu. Es wollte weg. Weit weg. Egal wohin. Bloß weg. In Sicherheit sein vor dieser diabolischen Aura, die nur Leid und Tod im Sinne hatte.
„So beruhige dich doch!“ Der ältere Mann hob seine Hände. Was war nur in ihn gefahren?
Die Stimmung nahm an Spannung zu. Ein Kloß im Halse der Reisenden bildete sich. Eigenartig und äußerst furchteinflößend. So was hatten die jungen Leute noch nie zuvor verspürt. Sie fühlten sich aus einem unerklärlichen Grund wie gefangen in einer Falle.
Vollkommen berechtigt.
„Nun ist aber gut!“ Dem Größten der Gruppe riss allmählich der Geduldsfaden. In einem raschen Tempo näherte er sich der tierischen Sirene und wollte es endgültig zum Schweigen bringen. „Halt. Bleib lieber weg von ihm!“, riet der Schwarzhaarige hastig und wollte seinen Freund noch am Arm festhalten, verfehlte ihn jedoch. Plötzlich traf der Huf den Brünetten am Kopf. Die Wucht des Schlages warf seinen Körper so dermaßen stark zurück, dass sein Schädel ein zweites Mal ungehemmt abprallte. In diesem Falle auf den Boden. Eine Blutspur rann an seiner linken Schläfe hinab. Tja, wer nicht hören wollte, musste fühlen, falls er jemals wieder sein Bewusstsein erlangen würde. Dummer Bauer.
Die Gruppe behandelte den Verletzten, so gut es ging, und sie legten ihn in eines ihrer Zelte, das näher am Lagerfeuer aufgebaut war. Der Esel hatte sich wieder beruhigt. Welch ein Glück. Außerdem verflog die Anspannung, die zuvor noch in der Luft gelegen hatte.
Wie erfreulich.
Der Rest der Mannschaft, bis auf den Händler, begab sich letztendlich ins ersehnte Land der Träume. Gemütlich verschanzte man sich unter der löcherigen Decke, dabei die Beine angezogen und das Haupt auf den Armen oder Händen gebettet, um Insekten im Gehörgang zu vermeiden.
Etwas hielt den älteren Herrn davon ab, zu entspannen und veranlasste ihn dazu, sich die Beine zu vertreten, bevor auch er sich ausruhen würde. Sein Weg führte ihn ziellos gerade- aus zur Rechten des Rastplatzes. Der Baum, an dem der Bärtige sich kurzzeitig abstützte, fühlte sich noch sehr feucht an. Ein unangenehmes Kitzeln im Rachen ließ den Mann einen Moment lang herzhaft husten. Dann richtete sich intuitiv seine Aufmerksamkeit auf den Sternenhimmel, der noch nie schöner war.
Es war Ruhe im Lager eingekehrt, zumindest für diesen Moment. Denn bekanntlich hielt nichts für ewig. So naiv vermochte hoffentlich niemand zu sein.
Deren letztes Stündlein hatte geschlagen, und der Spielspaß war eröffnet.
Schließlich hatten diese Menschen es nicht besser verdient.
Der dunkle Baron der Nacht breitete seine Arme aus und knurrte vorfreudig:
„Laßt die Spiele beginnen!“
Wie bedauerlich. Dabei war seine Person früher doch so tierlieb gewesen, zumindest als er noch ein Mensch war. Aber den vierbeinigen Hahn nicht umzulegen, da kam er nicht drum herum. War überraschenderweise ziemlich anstrengend, die Klinge zieltreffend hineinzu- rammen. Zu seinen Gunsten war das Vieh nicht mehr dazu in der Lage, allzu hörbare Geräusche von sich zu geben. Nun lag es tot, immer noch angebunden, auf dem nassen Waldboden. In ein paar Tagen würden die Fliegen damit beginnen, ihre Larven in den Kadaver zu setzen. Langsam würden die Maden das Fleisch so dermaßen zerfressen, bis nicht mehr viel davon übrig bleiben würde. Eine große Blutlache tränkte das Gras, und die Flammen des klagenden Feuers schimmerten in der pechschwarzen Pfütze. Seine Waffe drehte er desinteressiert in seiner Hand und wischte die rote Flüssigkeit am Fell des Esels ab. Nun glänzte sie wieder schön. Seine Augen spiegelten sich im Metall wider. Vereinzelte Bluttropfen fanden ihren Platz auf seinem Gesicht. Mit seiner linken Hand machte er sich daran, diese langsam wegzuwischen, bevor er sich erhob.
Selbst wenn ein Lebewesen weniger nun präsent war, minderte dies sein Verlangen nicht. Es war nicht dasselbe, als wenn er einem Menschen den Gnadenstoß versetzte. Nicht so süß.
Er begann zu grinsen und näherte sich dem Zelt, in dem sich der vorzeitig Totgeweihte befand. Hoffentlich erlag er noch nicht seinen Verletzungen. Und falls er Schmerzen verspüren sollte, brauchte er sich nicht weiter zu sorgen. Bald würde er von seinem Leid erlöst werden.
Der amateurhaft bandagierte Kopf des Brünetten lag auf einem mit Gras gepolstertem Sack gebettet. Seine Haut hatte bereits an jeglicher gesunder Farbe verloren. Jedoch verstorben war er nicht. Sein Brustkorb hob und senkte sich noch.
Der Geruch von Blut stieg dem Mantelträger in die Nase. Kurz hielt er noch inne, um den betörenden Duft in Mischung mit dem Geruch des Waldes zu inhalieren.
Die Klinge schwebte nur wenige Zentimeter über die entblößte Kehle des jungen Mannes. Sicherheitshalber fand seine freie Hand auf dem Mund seines Opfers Platz, bevor sein Instrument waagerecht den Hals entlangstrich, wie der Bogen einer Geige, dessen erklungener Ton einem Röcheln entsprach.
Voller Vorfreude verlagerte der Hutträger sein ganzes Gewicht des Körpers auf seine Arme, um stärkeren Nachdruck zu erzeugen. Vorzugsweise hätte er ihn am liebsten enthauptet. Aber man konnte nicht immer alles haben.
Der Tod war mittlerweile zu einem ständigen Begleiter geworden. Beinah hätte der Schwarzgekleidete ihn als Freund bezeichnen können. Aus ihm noch unbekannten Gründen jedoch nur beinah. Dieser betörende Rausch, für einen kurzen Moment die nahezu zerfleischende Wut betäubt zu haben, war viel zu stark. Aber dagegen ankämpfen wollte der Mann nicht. Nein. Gewisse Menschen hatten wahrlich nichts Besseres verdient. Davon war er überzeugt.
Das Lagerfeuer, das für eine kurze Zeit erlosch, wurde von der ominösen Gestalt neu entfacht. Mittlerweile lagen drei seiner vier Spielzeuge mit durchgeschnittenen Kehlen leblos vor dem flackernden Licht. Es galt, den Letzten zu entsorgen. Einen Körper nach dem anderen warf er ins Feuer und ließ somit deren leeren Hüllen brennen. Seine rechte, behandschuhte Hand griff zu einem der fackelnden Stöcke und entzündete zunächst die Säcke voller Güter und die leeren, halb ineinanderfallenden Zelte. Es musste brennen. Diesen kompletten Schandfleck galt es zu verbrennen. Deren Raststätte wurde von gelb-orangem Licht erhellt, und der Geruch des Verbranntem verteilte sich in der Luft. Gemütlich näherte er sich dem letzten Häuschen, das aus nichts anderem als einer zerfetzten Stoffplane bestand.
Die ganze Zeit über hatte sich der schwarzhaarige junge Mann unruhig im Schlaf gewälzt. Ihn ließ ein gewisses Gefühl nicht los, dem er mit Sicherheit mehr Beachtung hätte schenken sollen. Zu spät. Die Bilder seines Traumes wurden verzerrt und verschwammen letztendlich im einem grellen, orangenen Licht. Schweißperlen liefen an seiner Stirn hinab. Sein Körper nahm eine unfassbare Wärme wahr. Verschlafen öffneten sich seine Augen, nur um dann vor Schreck weit aufgerissen zu werden. Sein Zelt brannte. Sofort raus hier, dachte er sich instinktiv und sprang heraus, dessen ungeachtet, dass die Öffnung seines Unterschlupfs ein buchstäblicher Feuerring war. Seine veraltete Jacke fing Feuer, und der überaus heiße Schmerz ließ ihn schreien. Ohne seine Umgebung richtig wahrzunehmen, schmiss er sich zu Boden und wälzte sich im Dreck wie ein Schwein, um den Brand zu löschen. War es etwa schon wieder Morgen? Es war so hell. Oder befand er sich in der Hölle?
Ihm wurde schwindlig und schlecht zugleich. Seine Kameraden. Er musste sie warnen. Sein Puls beschleunigte sich, sowie seine Atemzufuhr. Angespannt rief er ihre Namen, seine Augen schweiften angespannt zwischen den anderen Zelten hin und her. Waren sie etwa schon verstorben? Alles brannte lichterloh. Egal wo er hinsah, der ganze Platz war betroffen. Und nicht nur deren Wertgegenstände. Fassungslos fasste der Zigeuner sich an den Kopf und sank auf die Knie, als er den mit Abstand schrecklichsten Fund seines Lebens machte.
Dumpf erklangen die Worte einer tiefen Stimme in seinen Ohren. Im Augenwinkel erkannte er eine dunkle Gestalt, die sich vor ihn positionierte und demonstrierend die Arme breit ausstreckte. Offensichtlich war dieser Herr für das Chaos verantwortlich, vermutete der Jüngere zumindest. Seine Worte konnten seine schalldichte Aura nicht durchdringen. Zu betäubt war er, und es scherte es ihn auch einen Dreck, was dieses Biest zu faseln hatte.
Missbilligend starrte dieses kleine wertlose Schwein, das ohnehin in wenigen Minuten geschlachtet sein würde, dem mit einer Klinge bewaffneten Hutträger in die Augen. Gelassenheit traf auf Hass. Unendlicher Hass. Interessant.
„Nun sind wir schon zwei, Herr Zigeuner!“
Stille.
„Ihnen hat es wohl die Sprache verschlagen, wie mir scheint!“, kicherte der Mörder, und seine Linke umklammerte den Griff der Waffe ein Stück intensiver.
„Sie …“, hauchte der Zigeuner atemlos. Seine Hände verkrampften sich schmerzhaft zu Fäusten.
„Ich bedaure, ich verstehe Sie schlecht!“ Seine Stimme klang monoton. Langsam wurde es ihm zu langweilig. Wie enttäuschend. Dabei hatte er sich erhofft, solch eine Szenerie würde unterhaltender werden. Möglich. Allerdings nicht mit jemandem, der die Ausstattung eines miserablen Rückgrats besaß.
„Sie haben meine Freunde ermordet, Sie widerliches Monster!“, schrie der Zigeuner aus vollem Halse, sodass sein Rachen zu brennen begann.
„Offensichtlich. Wollen Sie mir noch was mitteilen, was ich möglicherweise nicht weiß, wie beispielsweise, dass es hier brennt?“, zischte sein Gegenüber. Von hoher Intelligenz gepriesen schien er nicht zu sein. Da waren selbst Kakerlaken bei Weitem höher gebildet.
„Wie konnten Sie nur?“
„Nicht doch, wie konnte ich nicht!“ Ein Seufzen seinerseits.
„Wie kann ein Mensch nur zu so was in der Lage sein?“, knurrte der junge Mann und erhob sich langsam. Seine Glieder zitterten vor Adrenalin, welches geradezu danach schrie, entladen zu werden. Verachtend verengten sich seine Augen zu Schlitzen.
Für Trauer fand sich momentan kein Platz.
„Ihrer Spezies gehöre ich seit bereits langer Zeit nicht mehr an. Seien Sie doch froh. Oder würden Sie es bevorzugen, ich würde mich dazuzählen, ein sogenannter Mensch zu sein?“
Irritation zeichnete sich im Gesicht des Jüngeren wieder. Wovon sprach dieser Mann?
„Genug der Worte!“ In einem erstaunlich schnellen Tempo schoss der Hutträger auf den Zigeuner zu, der nur knapp ausweichen konnte. Der Jüngere stolperte zu Boden, fing sich zu seinem Glück schnell wieder und versuchte, Abstand zwischen sich und ihm zu gewinnen. Außer Frage stand: Er war absolut im Nachteil. Alle waren fort. Für immer. Warum? Warum musste ihre Gruppe so ein Schicksal ereilen? Er besaß nichts. Er war ein Nichts. Ein Hieb nach dem anderen folgte. Jeder hatte sein Ziel bisher verfehlt, jedoch nicht ohne Grund. Ihm wurde von einer Wand, bestehend aus Flammen, der Weg abgeschnitten. Die Möglichkeit, nach einem anderen Ausweg zu suchen, wurde ihm verwehrt, da ihn der letzte und kraftvollste Hieb fast durchbohrte. Er spürte, wie die messerscharfe Klinge in das Fleisch seines Bauches eindrang und seine lebenswichtigen Organe beschädigte. Blut quoll aus seinem Mund. Hechelnd sackte er in sich zusammen, dabei seine Hände nutzlos auf die Wunde pressend, in der Hoffnung, die Blutung stoppen zu können. Dieser metallene Geschmack im Mund widerte ihn an. Hilflos wie eine Schildkröte lag der Schwarzhaarige auf dem Rücken, in das lächelnde Gesicht des Wahnsinnigen blickend. Die Sicht um ihn herum begann zu verschwimmen. Das war’s. Er war ihm ausgeliefert, umgeben von einem Meer aus Flammen. Die blutverschmierte Waffe schwebte wenige Zentimeter über der Nase des Sterbenden.
Und noch bevor die dunkle Gestalt auch diesem minderwertigen Geschöpf die Stimmbänder mitsamt der Kehle zerschnitt, röchelte es folgende letzte Worte: „Sie sind kein Mensch. Sie sind Satan in Menschengestalt!“
Vor Schock gelähmt, beobachtete der Händler die Szenerie, als er von seinem kurzen Spaziergang zurückkehrte. Die Schreie des jungen Mannes und das helle Licht, gepaart mit emporsteigendem Rauch, veranlassten ihn dazu, kehrtzumachen. Allerdings zu spät. Heilige Mutter Gottes. Was war bloß geschehen? Hinter einem Busch hielt der Ältere sich versteckt. Er musste fliehen. Zu seinem Bedauern ohne sein Maultier, da dieses ebenfalls nicht mehr atmete. Wie konnte man nur eine schreckliche Tat wie diese vollbringen? Etwa aus Zeitvertreib? Widerwärtig und außerordentlich beängstigend zugleich. Wenn nicht sogar herausragend verstörend. Sein Leib zitterte, und der Mund wurde trocken. Regungslos stand der Mann für einige Minuten am Tatort, bevor er dann wieder in den Wald lief und mit der Dunkelheit verschmolz. Dem alten Herrn wurde mulmig zumute. So schnell wie es ihm möglich war, setzte er seinen vorgesehenen Weg fort. Dabei murmelte er leise immer wieder: „Um Gottes willen. Um Gottes willen!“ Diese schrecklichen Bilder. Die ohrenbetäubenden Geräusche. Die ekelhaften Gerüche. Alles würde sein Leben lang in seinem Gedächtnis verankert bleiben. Innerlich dankte er dem Himmel, dass es ihn verschont hatte. Welch ein Glück. Seine Geschwindigkeit nahm, aufgrund seiner schweren Stiefel, die bei jedem Schritt in den nassen Matsch leicht einsanken, etwas ab. Als er sich kurzzeitig auf seinen Beinen abstützte, um zu verschnaufen, erblickte er weiter vorne eine Kutsche, die abseits des breiten Waldweges stand. Was für eine glückliche Fügung. Vielleicht besaßen die Besitzer die Güte, ihn für eine kurze Strecke mitzunehmen. Dies würde ihm die Reise erleichtern und ihn schnell und so weit wie möglich von diesem Wald wegbringen.
Erleichtert erhob er seine Faust und wollte auf sich aufmerksam machen, indem er an das Fenster klopfte. Aber als er ins Innere des Fahrzeuges blickte, erstarrte er zu Eis. Aus seinem Gesicht wich jede Farbe, und er fiel rückwärts auf seinen Hintern. Rücklings krabbelte er zurück, bevor er wieder aufstand, um ein zweites Mal zu fliehen. Nein. Das durfte nicht wahr sein. Das konnte doch nicht wahr sein. Sie war es. Die Hexe. Sie hatte die Zigeuner verflucht und dazu verdammt, in deren Verderben zu stürzen. „Gott verschone mich“, flüsterte der Bärtige verzweifelt und außer Atem. Seine Füße und Beine brannten. Die Müdigkeit setzte ein. Aber nein. Er musste weg. Weg. Weg. Weit weg. Er wollte nicht verflucht werden. Die schneeweiße Hexe und ihr Monster durften ihn nicht kriegen. Bitte nicht. Er hätte alles dafür getan.
Бесплатный фрагмент закончился.
