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Nadja Losbohm
The Butterfly Tales: Imogen
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Widmung
Namensübersicht, ihre Bedeutung und Herkunft
Ein Wort an meine Leserin, an meinen Leser
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Danksagung
Über die Autorin
Impressum neobooks
Widmung
Für Sina, die schrieb, sie würde meine Fantasie lieben.
Ich hoffe, hiermit werde ich deinem Kompliment gerecht.
Namensübersicht, ihre Bedeutung und Herkunft
Herzog Warner
Namensbedeutung: „Armee, Heer“
Herkunft: irisch
Prinz Anrai
Namensbedeutung: „Herrscher der Heimat“
Herkunft: keltisch
Prinzessin Laoghaire
Namensbedeutung: „Hüterin“
Herkunft: irisch
Blake
Namensbedeutung: „dunkel, der Dunkelhaarige“
Herkunft: schottisch
Arren
Namensbedeutung: „Adler“
Herkunft: schottisch
Imogen
Namensbedeutung: „die Tochter“
Herkunft: keltisch
Reich Agrona
Namensbedeutung: „der Kampf“
Herkunft: keltisch
Herzogin Ailís
Namensbedeutung: „die Edle“
Herkunft: keltisch
Glyn
Namensbedeutung: „der aus dem Tal“
Herkunft: irisch
Dealan-Dè
Namensbedeutung: „Schmetterling“
Herkunft: schottisch
Land Beathan
Namensbedeutung: „das Leben“
Herkunft: schottisch
Reich Rohat
Namensbedeutung: „Sonnenaufgang“
Herkunft: irisch
Königin Enid
Namensbedeutung: „Leben“
Herkunft: walisisch
Greer
Namensbedeutung: „die Wachsame, die Wehrhafte“
Herkunft: schottisch
Arely
Namensbedeutung: „das Versprechen“
Herkunft: keltisch
Eivor
Namensbedeutung: „stetiger Wächter“
Herkunft: norwegisch
Vanora
Namensbedeutung: „weiße Welle“
Herkunft: schottisch
Eas
Namensbedeutung: „Wasserfall“
Herkunft: irisch
Baum Magairlín
Namensbedeutung: „Orchidee“
Herkunft: irisch
Enja Odonata
Namensbedeutung: „Feuerlibelle“
Herkunft: „Enja“ = keltisch für „Feuer/ Flamme“; Odonata = wissenschaftl. Name für Libellen
Königin Rúna
Namensbedeutung: „Geheimnis“
Herkunft: altnordisch
Blueberry
Namensbedeutung: „Blaubeere“
Herkunft: englisch
(Die Felder von) Tes
Namensbedeutung: „Dunst“
Herkunft: walisisch
Rhoslyn
Namensbedeutung: „Rose“
Herkunft: walisisch
Cerys
Namensbedeutung: „Liebe“
Herkunft: walisisch
Artis
Namensbedeutung: „Bär“
Herkunft: keltisch
Gräfin Andra
Namensbedeutung: „stark, mutig“
Herkunft: keltisch
Ein Wort an meine Leserin, an meinen Leser
Bevor es mit dem Abenteuer losgeht, möchte ich dir an dieser Stelle zwei Fragen stellen: Glaubst du, dass es mehr gibt, als dein Auge je erblickt hat? Glaubst du an Magie?
Behalte diese Fragen im Hinterkopf. Am Ende des Buches stelle ich sie dir noch einmal. Bis dahin wünsche ich dir ein wunderbares, phantastisches Lesevergnügen.
Deine Nadja
1

~
Alles begann mit einem Blick auf eine Tapete in einem Zimmer in einer Burg. Obwohl das nicht ganz stimmt. Eigentlich begann es mit dem Hereinbrechen einer eisigen Kälte, die das Reich Agrona überzogen hatte und in den Wochen, in denen sie nun bereits anhielt, viele Menschen hatte verhungern und erfrieren lassen. Aus Angst um seine Kinder, die den Schnee liebten, es genossen, in ihm herumzutollen, und die es erfreute, über den zugefrorenen Fluss auf der Ostseite unterhalb der Burg zu rutschen, hatte Lord Warner es ihnen strengstens verboten, hinauszugehen. Seine Tochter Prinzessin Laoghaire und sein Sohn und Erbe Prinz Anrai waren ihm und seiner Frau Herzogin Ailís das Liebste und Teuerste, das sie besaßen, und sie zu verlieren, so wie viele Eltern ihre Kinder verloren hatten in den vergangenen Tagen, wäre für sie das Tragischste gewesen, was sie sich vorstellen konnten, und würde dem Untergang ihres Hauses gleichen.
Doch wie Kinder nun einmal sind, voller Kraft und Bewegungsdrang, hielten es Prinzessin Laoghaire und Prinz Anrai nicht lange aus, still zu sitzen. Mit jedem verstreichenden Tag, an dem sie nicht ihre Energie verbrauchten, wurden sie unruhiger und zappeliger. Nicht einmal mehr am Esstisch konnten sie sich zusammennehmen und manierlich mit ihren Eltern speisen.
„Himmelherrgott nochmal!“, rief Herzog Warner und schlug mit der Faust auf den Tisch, nachdem der Fuß seines Sohnes wiederholt gegen das Tischbein gestoßen war. „Ihr seid schlimmer als eine Horde Wiesel! Bevor ich euch doch noch in die Kälte gehen lasse“, hierbei blickte Herzogin Ailís entsetzt drein, „steht besser auf und tut irgendetwas, bei dem ihr euch austobt, damit ihr alsbald erschöpft und müde seid und endlich stillhaltet.“ Seine Kinder, die sich vor Freude strahlend erhoben, nun da sie die Erlaubnis hatten, in der Burg zu – ja, was?
„Wir könnten Fangen oder Verstecken spielen“, schlug Prinzessin Laoghaire vor, als sie mit ihrem Bruder das Speisezimmer verlassen hatte und sie beide den Flur entlangliefen, der zur Eingangshalle führte. Prinz Anrai schnaubte verächtlich bei der Vorstellung, sich die Zeit mit seiner Schwester und kindlichen Spielen zu vertreiben. Sie mochte sich mit ihren vierzehn Jahren noch für derlei Dinge interessieren. Doch er, nunmehr sechzehn Jahre alt, war bereits dem Kindesalter entwachsen und ein Mann. Er hütete sich gleichwohl, dies seiner Schwester gegenüber zu äußern. Sie würde ihn dafür nur auslachen und sagen, dass nur er sich für einen Mann hielt. Also stimmte er, wenn auch widerwillig und ohne anderweitige Ideen im Kopf, zu, Fangen zu spielen.
Sie jagten sich durch die gesamte Burg, rannten Treppen hinauf und hinunter, sprangen um Steinsäulen herum, liefen um Rüstungen und Bedienstete herum, bis es sie langweilte und sie zum Versteckspiel wechselten.
„Du zählst bis einhundert“, wies Prinzessin Laoghaire ihren Bruder an.
„Wieso das? Das kommt mir doch sehr lange vor. Bis ich bei einhundert angekommen bin, könntest du bis ins Dorf gelaufen sein“, entrüstete sich Prinz Anrai.
Seine Schwester zuckte mit den Schultern. „Dann wirst du eben schneller zählen müssen“, sagte sie und lief lachend los. Prinz Anrai rief ihr nach, dass sie unfair spielte und er wäre noch nicht bereit. Aber es war zwecklos. Ihr langer blonder Zopf und der letzte Zipfel ihres sonnengelben Kleides waren schon hinter der nächsten Ecke verschwunden und sie war zu weit weg, um ihn hören zu können. Mit knirschenden Zähnen begann er also zu zählen und übersprang dabei die eine oder andere Zahl, immerhin hatte seine Schwester mit ihrem frühzeitigen Loslaufen ebenfalls geschummelt. Denn wenn es eines gab, was Prinz Anrai nicht ertragen konnte, dann war es zu verlieren. In dieser Hinsicht kam er ganz nach seinem Vater, der nach der größten Schlacht, wie man sie seit einem Jahrhundert nicht mehr gesehen hatte, das eroberte Reich kurzerhand in Agrona umbenannt hatte, zu dem selbst der Name Warner, dem neuen Herrscher, passte: Heer. Und genau wie dieses war der Herzog groß und stark.
Als Prinz Anrai fertig gezählt hatte, rief er: „Ich komme.“ Und schon jagte er seiner Schwester nach. Er schob Vorhänge beiseite, öffnete Truhen, hob umgedrehte Körbe an, kletterte in Kamine, krabbelte unter Betten, durchwühlte Kleiderschränke und suchte auch in den Hohlräumen unter Bodenbrettern, von denen er wusste, dass es diese Geheimverstecke gab. Unzählige Türen zu Räumen öffnete er und begegnete dabei etlichen Dienern, die ihm keine Auskunft, wo seine Schwester steckte, geben konnten oder wollten.
Die Zeit verging und Prinz Anrai kam es vor, als hätte er jeden Winkel der Burg nach Prinzessin Laoghaire abgesucht. Ob sie tatsächlich das Dorf als ideales Versteck erwählt hatte? Aber nein. So einfältig konnte selbst sie nicht und hingegen der Anordnung ihres Vaters hinausgegangen sein. Trotzdem warf er einen Blick zum Fenster hinaus, um nach verräterischen Fußspuren im Schnee zu suchen, die von der Burg wegführten. Erleichterung machte sich in ihm breit, als er den Schnee unberührt vorfand, der am Vormittag gefallen war.
„Hm, wo könnte sie sein?“, überlegte er und tippte sich mit dem Zeigefinger gegen das Kinn. Er musste lange nachdenken, bis ihm der Ort einfiel, an dem er noch nicht nachgesehen hatte: im Ostturm. Doch war es wirklich möglich, dass Prinzessin Laoghaire dorthin gegangen war? In dem Turm gab es lediglich ein Zimmer und dieses war, seit Prinz Anrai denken konnte, verschlossen. Selbst die langjährige Dienerschaft konnte nicht mit Bestimmtheit sagen, was sich dort oben befand, da der Schlüssel zu dem Raum verloren gegangen war. Nachfragen bei seinem Vater waren ebenso wenig gestattet wie bei seiner Mutter, die für gewöhnlich die Ruhe in Person war. Nur wenn es um den Ostturm, der im Gegensatz zu den übrigen Türmen aus unbekanntem Grund eine doppelte Zinnenkrone besaß, und sein Geheimnis ging, geriet Herzogin Ailís in heftige Aufregung. Prinz Anrai zuckte mit den Schultern und lief in Richtung des Turms. Einen Versuch war es wert.
Außer Atem erreichte Prinz Anrai die Stufen, die den Ostturm hinaufführten.
„Laoghaire? Bist du da oben?“, rief er und lauschte auf Antwort. Doch es blieb alles still. Er fragte sich, ob er sich geirrt hatte und sie doch nicht hierhergekommen war. Machte er sich lächerlich, suchte an völlig falscher Stelle und jeden Moment würde sie hinter ihm stehen und Buh! rufen, dabei schallend lachen? Stirnrunzelnd blickte er hinter sich. Nein, er war allein.
„Also schön“, sagte er zu sich selbst, „ich gehe hinauf und schaue nach, ob du dort bist. Aber das ist mein letzter Versuch. Wenn ich dich jetzt nicht finde, sollst du eben verschollen bleiben.“ Und so erklomm er die Stufen eine nach der anderen und erreichte schließlich die verriegelte Tür zu dem rätselhaften Raum. Allerdings – die Tür war gar nicht abgeschlossen. Im Gegenteil, sie stand weit offen und in der Mitte des runden Zimmers saß seine Schwester auf dem Boden und starrte vor sich hin. Prinz Anrai wusste nicht, worüber er sich mehr wundern sollte: über die geöffnete Tür, in deren Schloss kein Schlüssel steckte, oder über seine Schwester, die Löcher in die Luft schaute.
Schmunzelnd und mit verschränkten Armen vor der Brust lehnte er sich gegen den Türrahmen. „Wie bist du hier hereingekommen, Schwesterchen?“, fragte er. Als Antwort zog sich Prinzessin Laoghaire eine der Nadeln aus ihren Haaren, mit denen sie widerspenstige Strähnen zähmte, und zeigte sie ihrem Bruder. Anerkennend pfiff Prinz Anrai. „Ich bin überrascht, welch ungeahnte Talente du besitzt, liebste Schwester. Wo hast du nur gelernt, Türen auf diese Weise aufzubekommen?“
„Glyn“, sagte sie nur, weiterhin vor sich hin starrend. Einer der Küchenjungen, der einen Narren gefressen hatte an ihr, dachte Prinz Anrai grinsend, auch wenn es schon skandalös war, was einer der Bediensteten ihr beigebracht hatte. Er würde wohl mit ihm ein ernstes Wörtchen reden müssen.
„Und wie oft hast du dir auf diese Weise bereits Zutritt zu Orten verschafft, an denen du nicht sein solltest?“, hakte er weiter nach.
„Probiert habe ich es schon öfter. Heute war es das erste Mal, dass es tatsächlich geklappt hat und die Tür aufgesprungen ist“, antwortete sie ihm nach wie vor abwesend.
„Weißt du“, begann er zu sagen und trat in das Zimmer, „wenn du dir schon die Mühe machst, hier einzudringen, dann hättest du die Wahl eines Versteckes zu Ende treffen sollen. Setzt dich einfach hier mitten auf den Boden. Tss!“ Prinz Anrai sah sich in dem runden Zimmer um und allmählich begann er zu begreifen, wieso seine Schwester sich nicht weiter bemüht hatte, sich zu verbergen. Es gab nichts hierin, keinen Schrank, keine Kiste, kein Bett, keine Vorhänge, nur den staubigen Teppich, auf dem sie mit ihrem guten Kleid saß, und die Tapete, die das Rund, lediglich unterbrochen von der Tür und einem Fenster, vom Boden bis zur Decke umspannte.
„Hast du so etwas schon einmal gesehen?“, fragte Prinzessin Laoghaire ihren Bruder, der den Kopf schüttelte. Etwas Vergleichbares hatte er noch nie erblickt, obwohl er in seinem jungen Leben bereits unzählige adlige Häuser besucht und vieles an Prunk und Glanz zu Gesicht bekommen hatte. Doch das hier war etwas gänzlich anderes. War es ein gewaltiges Stück Papier oder ein feinst gewebter Teppich? Prinz Anrai lief zu der Wand und strich mit seinen Fingern darüber.
„Es ist tatsächlich eine kunstvoll bemalte Tapete“, bemerkte er und trat einige Schritte zurück, um sich die Wand zu betrachten. Er musste sich um die eigene Achse drehen, um alles davon in Augenschein nehmen zu können.
„Meinst du, was sie zeigt, ist nur Fantasie oder ein Stück Geschichte unseres Landes?“, fragte Prinzessin Laoghaire. Ihr Bruder setzte sich neben sie auf den Boden und ließ seine Blicke weiter über die zahlreichen bunten Abbildungen wandern, die an der Wand prangten.
„Ich glaube, es ist nur Fantasie. Wenn es Geschichte wäre, müssten die Gelehrtenbücher neu geschrieben werden oder hast du schon einmal etwas von kämpfenden Schmetterlingen gelesen?“, fragte Prinz Anrai und deutete auf ein Wesen, das mit seinen Flügeln tatsächlich Ähnlichkeit mit einem Schmetterling aufwies. Doch es war auch ein Mensch.
„Aber es gibt noch mehr als das. Sieh nur“, sagte Prinzessin Laoghaire, sprang auf und lief zu der Wand. „Hier, dieser grimmig dreinblickende Mann in seinem dunklen Mantel und über ihm das gottgleiche Wesen, das er verbittert ansieht. Und dort“, sie trat ein paar Schritte zur Seite und zeigte am unteren Rand der Tapete auf eine Höhle, „darin ist ein Schatz verborgen.“
„Ja, schon“, unterbrach sie ihr Bruder. „aber über dem Schatz ist das Gesicht eines Kindes zu sehen. Hier“, er krabbelte auf allen vieren über den Boden und tippte auf das junge Gesicht, das etwas blasser gezeichnet, aber dennoch zu erkennen war, „das ergibt keinen Sinn.“
„Ich verstehe auch nicht ganz, was das bedeuten soll. Aber sieh her“, meinte Prinzessin Laoghaire, „da sind Schmetterlinge in hellen Farben, aber auch Falter mit blau-schwarzen Flügeln, die gegeneinander kämpfen. Es kommt mir vor wie ein Kampf Gut gegen Böse. Klingt das nicht aufregend?“, rief sie und klatschte verzückt in die Hände. „Und schau, da ist noch mehr“, rief sie und eilte zu einer anderen Stelle der Wand hinter Prinz Anrai. „Pferde, ein Reitertrupp, Schwertkämpfer, ein Schloss, ein Königreich und dort – ist das ein Liebespaar? Oh ja, wie schön“, seufzte sie und betrachtete sich die zwei winzig klein gezeichneten Figuren in der untersten Ecke, die von einem roten Band und kleinen Schmetterlingen und Herzen umgeben waren.
„Tss! Ja, ganz toll. Ist dir auch aufgefallen, worauf sie stehen?“, warf Prinz Anrai ein, rutschte über den Boden zu seiner Schwester und zeigte ihr, was er meinte.
„Ist das –?“, begann sie.
„- ein Grab?“, beendete er die Frage für sie. „Ja, ich denke schon. Es sieht ganz danach aus.“ Für einen Moment schwiegen die beiden Geschwister und hingen ihren eigenen Gedanken nach.
„Wer hat sich das alles nur ausgedacht?“, flüsterte Prinz Anrai schließlich, „und vor allem, wozu?“
„Ich habe das Gefühl, als wollte derjenige uns eine Geschichte hiermit erzählen“, meinte seine Schwester und strich zärtlich über die Wandverkleidung, deren Farben allesamt verblasst waren, doch die Grundfarbe Blau war noch ausreichend erkennbar. Am oberen Rand zur Decke hin war es Petrol, das sanft in ein Türkis überging, das sich zur Mitte der Tapete in Grün wandelte und zum Boden hin heller wurde. Zarte, filigrane Efeuranken, einstmals in Dunkelblau gemalt gewesen, das hier und da noch zu sehen war, verliefen kreuz und quer über die Wand. Die übrigen Elemente wie Bäume, Blätter, Blumen, Wolken, Gebäude, Menschen und Schmetterlinge waren in Gold, Silber, Pink, Lila, Magenta, Orange, Braun, Schwarz, Grau und Weiß aufgemalt worden. Ihre letzten Spuren, nicht von der Zeit und von der Sonne ausgeblichen, leuchteten an mancher Stelle noch auf und zeugten davon, welch prächtiger, farbenfroher Anblick dies hier gewesen sein musste.
„Aber weißt du was?“, rief Prinzessin Laoghaire plötzlich aus, kniete sich vor ihren Bruder und nahm seine Hände in ihre. „Wir wissen nicht, wieso der Künstler dies hinterlassen hat und ob es nur seiner eigenen Gedankenwelt entsprungen oder Teil der Geschichte unseres Landes ist. Wir wissen auch nicht, was genau die Bilder erzählen wollen. Aber lass uns die Geschichte erzählen auf unsere Art und Weise, mit unseren eigenen Worten. Was hältst du davon?“
Prinz Anrai runzelte die Stirn. Sich Märchen ausdenken? Aus dem Alter war er doch längst heraus. Außerdem, wozu sollte es nütze sein, sich irgendetwas zu ersinnen, das fern jeder Wirklichkeit war? Er war Realist und kein Träumer wie seine Schwester, die mit ihrem Kopf in den rosa Wolken steckte. Er stand mit beiden Beinen auf dem Boden der Tatsachen. Deswegen war ihm auch das Dunkle, das der wundersamen Wandverkleidung anhaftete, aufgefallen, während Prinzessin Laoghaire das märchenhaft Schöne ins Auge gestochen war.
„Hm“, brummte er nachdenklich. Es könnte auch interessant werden, dachte er, wenn sich unsere beiden unterschiedlichen Charaktere auf das Abenteuer einlassen, gemeinsam eine Geschichte zu erzählen. „Einverstanden. Wir wechseln uns ab, und jeder bringt das mit ein, was er möchte“, meinte Prinz Anrai schließlich.
Seine Schwester nickte, führte jedoch an, dass es nicht allzu brutal und blutig werden sollte. Sie kannte die Vorlieben ihres Bruders zur Genüge.
„Wir werden sehen“, entgegnete er ihr augenzwinkernd. „Ich fange an“, sagte er und besah sich die Tapete, „und zwar mit ihm.“ Er deutete auf den miesepetrig wirkenden Mann im Kapuzenumhang.
~
2

Ein Meuchelmörder zu sein, ist manchen in die Wiege gelegt. Sie sind regelrecht für dieses Dasein geboren, ob sie es wollen oder nicht. Andere wählen den Weg oftmals aus freien Stücken, manchmal aus Verzweiflung, um das Geld einzuheimsen, das lockt. Und wieder andere werden durch Erziehung oder Zwang dazu gemacht, als heimtückische Attentäter zu leben.
Blake und Arren, in der Reihenfolge, gehörten zu den ersten zwei Kategorien. Und so wie sie sich darin unterschieden, waren sie auch in ihrem Wesen ungleich. Das stellte Blake nun einmal mehr fest, als er mit Arren an dem Lagerfeuer lag, das sie zur Nacht in einer Erdkuhle im Wald entfacht hatten. Umgeben von hoch aufragenden Bäumen, dichtem Gebüsch, war dies ein idealer Platz, um zu übernachten. Wäre da nicht das stete Geplapper von Arren gewesen, das die Geräusche des Waldes beinahe zur Gänze übertönte. Nur wenn er Luft holte, um zum nächsten Satz anzuheben, konnte Blake den nächtlichen Ruf der Eulen hören oder das Kratzen von kleinen Pfoten, die einen Baumstamm hinaufkletterten.
Seufzend rollte sich Blake auf den Rücken, den er Arren absichtlich zugedreht hatte in der Hoffnung, ihm damit deutlich zu machen, dass er sein Gefasel satthatte und schlafen wollte. Doch manchmal konnte sein Partner wirklich schwer von Begriff sein, oder aber er blendete Dinge einfach wissentlich aus, die er ausblenden wollte.
Blake rieb sich über das Gesicht und legte die Hände auf seiner Brust ab. Der Blick seiner graublauen Augen wanderte hinauf zu dem Blätterdach über ihnen. Durch die winzigen Lücken darin und durch den seichten Wind, der das Laub sachte bewegte, konnte er das Mondlicht und die Sterne funkeln sehen. Es war eigentlich ganz hübsch anzusehen, stellte er fest, und fast stahl sich ein Lächeln in sein Gesicht. Aber dann erinnerte er sich, dass er kein Mann war, dem so etwas stand. Freundlich dreinschauen, zuvorkommend reden? Nicht mit ihm. Er hielt auch nicht viel davon, wenn andere es taten. Sie kamen ihm immer falsch vor, die höflichen Worte, die netten Gesten, und er hatte schon zu viel erlebt, sodass er wusste, dass solches Getue nur Schauspielerei war, mit der die Menschen einen einlullen wollten, damit man ihre wahren Absichten nicht erkannte. Es war zur Manipulation gedacht. Das war seine, Blakes, Meinung und da konnte kommen, wer wollte, er würde von ihr nicht abrücken. So fest verankert war sie in ihm.
„Blake!“
„Was?“, fragte er scharf.
„Hast du mir zugehört?“, fragte Arren von der anderen Seite des Lagerfeuers.
„Hm“, brummte Blake. Es war eine Lüge. Nicht einmal mit einem halben Ohr hatte er den Worten des anderen gelauscht.
„Ich hatte dich etwas gefragt.“
Verdammt! Blake sah seinen Partner an, emotionslos, wie er hoffte, und nicht preisgebend, dass er tatsächlich nicht auf das Gesagte geachtet hatte.
„Was ist nun? Hast du dich je geliebt gefühlt?“, wiederholte Arren seine Frage. Blakes Innereien verkrampften sich. Dieses Gerede über Emotionen – er kam sich vor wie in Gesellschaft eines gefühlsduseligen Weibes.
„Nein“, gab er auf seine schockierend ehrliche Art als Antwort, „immer nur beurteilt.“
Arren schnaubte. „Bist du dir sicher?“
„Ja.“
„Hm“, machte Arren und zupfte an seinem Bart, der lang genug war, dass er ihn hatte flechten können und der ein passendes Gegenstück zu seinem Haupthaar bildete, das ebenfalls dunkelblond war und an den Seiten zwei geflochtene Stränge hatte, die eng an seinem Kopf lagen und im Nacken mit einem schwarzen Lederband zusammengebunden waren. „Dann ist das sehr traurig, mein Freund.“
„Ist es nicht. Es ist nur eine Tatsache“, erwiderte Blake. In Ordnung, vielleicht flunkerte er ein bisschen. Ein kleinwenig traurig und schmerzvoll war es schon, so zu empfinden und so etwas zu sagen. Doch anscheinend, so dachte er, war er nie genug für jemand anderes gewesen, um geliebt zu werden. Im Gegensatz zu Arren, der zwar einen halben Kopf kleiner und etwas stämmiger, aber nichtsdestotrotz muskulös war, einen sanftmütigen Blick und ein einnehmendes Lausbuben-Lächeln hatte, war Blake groß gewachsen wie eine Bohnenstange, hatte muskulöse lange Arme, scharf geschnittene Gesichtszüge, dunkle halblange Haare, einen dunklen Vollbart, der hier und da von Grau durchzogen war, und eine viel zu große schmale Nase. Nichts an seinem Aussehen wies Romantik oder Zartheit auf, ja nicht einmal Liebenswertes.
„Du denkst an dich immer noch als den Jungen, der du einst warst. Aber du hast dich verändert“, sagte Arren.
Blake starrte ihn überrascht an. Er hatte nicht einmal mitbekommen, dass er all das laut ausgesprochen hatte. Er richtete den Blick wieder hinauf zu den im Wind tanzenden Blättern. „Schon möglich, dass ich in der Vergangenheit lebe“, meinte er.
„Du wirst es schon noch schaffen, sie hinter dir zu lassen“, entgegnete Arren und winkte ab. „Und dann wirst du eine Frau treffen, die dir das Gefühl gibt, geliebt zu werden, so wie es bei meiner Frau und mir ist. Das haben wir alle verdient.“
An Blakes Augenwinkel zuckte ein Muskel. Hatte Arren Recht? Hatten es alle Menschen verdient, geliebt zu werden? Zumindest was ihn selbst anging, war er sich nicht sicher. Er hatte viel Schlimmes, Unverzeihliches getan. Er hatte sich verstellt, sich für jemand ausgegeben, der er nicht war, hatte gelogen, betrogen, getäuscht, gestohlen, gemordet – und das alles für Geld. Damit er leben konnte, mussten andere sterben. Er hatte nicht einmal in Erfahrung gebracht, ob die Anschuldigungen stimmten oder nicht, wenn ihm ein nächster Name genannt wurde. Nur der Auftraggeber war ihm wichtig gewesen. Ob dieser sein Opfer denunzierte, war belanglos. Immerhin wurde Blake für das bezahlt, was er mit seinen Händen tat, und nicht für das Stellen von Fragen. Dies alles zu vergessen, schien unmöglich. Wie sollte er da glauben, dass es besser werden würde? Wie sollte er glauben, dass er eines Tages liebenswert sein würde, wenn er es bis jetzt zu seinem Alter von zweiundvierzig Jahren nie gewesen war?
„Ich bin nicht dazu gemacht, jemand zu lieben und zu umsorgen“, sagte er schließlich, der Unterarm über seinem Gesicht liegend. „Ich bin auch nicht dazu gemacht, von jemand geliebt zu werden. Ich habe auch kein Interesse an zwischenmenschlichen Beziehungen.“
Arren lachte. „Und wie bezeichnest du das, was wir haben?“
Blake kam hinter seiner Deckung hervor und rollte sich auf die Seite, um sich seinem Partner zuzudrehen. Er legte ein schiefes Grinsen auf und stierte über die Flammen hinweg zu ihm. „Ein notwendiges Übel“, konterte er.
Mit dieser Antwort hatte Arren nicht gerechnet. Er verschluckte sich an seiner eigenen Lache und hustete. „Sehr freundlich. Danke“, sagte dieser und rang nach Luft.
„Habe ich dich beleidigt?“, fragte Blake zuckersüß und fasste sich theatralisch an die Brust. Arren winkte ab. „Es ist nun einmal eine Tatsache, dass es besser ist, zu zweit unterwegs zu sein. Der Zufall wollte es, dass du einer der besten Krieger bist, die es gibt“, erklärte er weiter. „Gleich nach mir natürlich.“
Arren schnaubte. „Selbstverständlich. Aber im Ernst, fehlt es dir nicht, eine liebevolle Beziehung zu einer Frau zu haben?“
„Nein.“ Die Antwort kam viel zu schnell, als dass sie ehrlich gemeint sein konnte. Dieses kleine Wörtchen wirkte vielmehr wie ein Kanonenschuss, der zum Selbstschutz abgefeuert wurde, damit nicht die Wahrheit ans Licht gelangen konnte. Arren verstand es und lächelte nachsichtig. Blake schloss seufzend die Augen.
„Ich bin ein geborener Blender und Meuchelmörder“, begann er zu sagen und sah seinem Gegenüber in die Augen. „Was ich nicht bin, ist ein Ehemann. Ich bin fähig zu töten, aber nicht zu lieben. Glaube mir, ich habe es versucht. Ich habe versucht, ein anderes Leben zu führen, aber ohne Erfolg. Das, was ich nun tue, ist das, was ich am besten kann.“ Er konnte es Arren vom Gesicht ablesen, dass dieser schockiert war von den Worten. Doch Blake sah es ganz pragmatisch. Die Dinge waren nun einmal so. Was soll’s?
„Du vergisst dabei, dass du in deinem Tun auch Gutes bewirkst. Du befreist die Welt von Tunichtguten und den übelsten Verbrechern“, erwiderte Arren. Und schaffe Platz für neue Schurken, dachte Blake bitter. „Egal wie du über dich selbst denken magst, ich werde für dich beten, mein Freund, dass du lernst, dich anders zu sehen, Seiten an dir entdeckst, die du nicht kennst, und dass du die Erfahrung einer gesunden, gegenseitigen und aufrichtigen Liebe machst“, sagte Arren und nickte bedächtig.
Nun war es an Blake zu lachen. „Spar dir das. Gebete funktionieren nicht. Es gibt nicht den einen Gott oder irgendwelche anderen Gottheiten oder höheren Mächte! Und wenn doch, dann nur solche der finsteren Sorte, die dafür sorgen, dass sich Schlechtes erfüllt, aber nicht Gutes und die darüber auch noch lachen. Und jetzt Schluss mit dem verweichlichten Gerede oder hast du noch irgendwelche Sorgen, was mich und mein Gefühlsleben angeht?“
Arren schüttelte den Kopf. „Nein, im Moment nicht. Du hast mir vorerst genug zum Nachdenken gegeben. Vielleicht fällt mir später noch etwas dazu ein.“
Blake nickte. „Viel Glück beim Grübeln. Du kannst dafür die erste Nachtwache verwenden. Ich versuche jetzt, etwas Schlaf zu bekommen.“ Und damit rollte er sich auf die andere Seite, den Rücken zu seinem notwendigen Übel gewandt, und schloss die Augen. Das Letzte, was er hörte, waren diese Arrens Worte: „Dein Name passt perfekt zu dir, mein Freund. Blake – dunkelhaarig und dunkles Gemüt.“
~
„Oh, er ist unausstehlich, dieser Blake“, seufzte Prinzessin Laoghaire. Sie mochte die Figur, die ihr Bruder erschaffen hatte, so wenig, dass sie ein Schaudern durchfuhr.
„Ich mag ihn“, sagte Prinz Anrai und betrachtete sich die Zeichnung des verbitterten Mannes auf der Tapete, der hinauf zu dem gottgleichen Wesen über sich schaute.
Der Prinz war regelrecht stolz auf das, was er sich zu ihm ausgedacht hatte. Nun gut, vielleicht war er etwas über das Ziel hinausgeschossen für den Geschmack seiner Schwester. Aber was hatten sie abgesprochen? Jeder erzählte die Geschichte auf seine Weise, und er war sich sicher, dass sich alles gut zusammenfügen würde.
„Jetzt bist du an der Reihe, Schwesterchen“, sagte er und setzte sich auf den Boden direkt vor der Wand. „Jetzt können deine Träumereien die Welt unserer Erzählung betreten. Wie geht es weiter?“ Grinsend zwinkerte er Prinzessin Laoghaire zu.
Diese raffte ihr Kleid und setzte sich im Schneidersitz hin. Grüblerisch ließ sie ihre Blicke über die Tapete wandern, während ihre Finger über die hellen rosa, grünen und blauen Stickereien ihres Rocksaums strichen. Es dauerte eine Weile, bis sie die passende Idee hatte, um die Geschichte weiterzuerzählen, und Prinz Anrai fing schon an, ungeduldig zu fragen: „Wird das heute noch was? Oder soll ich weitermachen?“
Die Prinzessin hob gebieterisch die Hand. „Still! Ich bin so weit.“
~
3

Wie lange hatte er geschlafen? Blake wusste es nicht. Es konnte allerdings keine Stunde gewesen sein. Es war nach wie vor mitten in der Nacht; das Feuer nicht viel mehr heruntergebrannt. Und doch war er hochgeschreckt durch ein lautes Geräusch, das aus den Tiefen des Waldes zu ihnen gedrungen war. Nun war es jedoch still. Er saß aufrecht auf seiner Decke, mit der Hand an seinem Schwert, das er aus Erfahrung stets bei sich behielt ganz gleich, ob er schlief oder wachte. Blake vernahm lediglich den kräftigen Schlag seines eigenen Herzens, der in seinen Ohren dröhnte, und das aufgeregte Schnaufen Arrens.
„Was war das?“, fragte dieser, griff zu seinem Bogen und legte einen Pfeil auf die Sehne, bereit ihn abzuschießen auf das, was womöglich auf sie zukam.
„Ein Tier?“, mutmaßte Blake. „Ein Mensch?“
„Ein Mensch, der uns Böses will, wäre darauf bedacht, sich geräuschlos zu bewegen“, erwiderte Arren.
„Einigen wir uns also auf ein Tier“, meinte Blake flüsternd.
„Von mir aus“, brummte sein Partner, hielt weiter Ausschau und lauschte. Die Aussicht auf einen Angreifer aus der Fauna ließ die beiden Männer sich beruhigen, bis abermals ein lautes Knacken die Stille des Waldes zerriss. Dieses Mal jedoch war es näher, was bedeutete, dass was auch immer weiter an sie herangekommen war. Die Geräusche von brechendem Holz nahmen zu, folgten in immer kürzeren Abständen und mischten sich mit einem Seufzen und Stöhnen.
Arren und Blake wechselten verwirrte Blicke. Welches Tier gab solche Laute von sich? Kein ihnen bekanntes jedenfalls. Die zwei Meuchelmörder brachten sich in Verteidigungsposition. Rücken an Rücken stehend, sich gemeinsam im Kreis drehend, suchten sie die blauen und schwarzen Schatten um sich herum ab. Schließlich machte Blake eine Bewegung in ihnen aus. Es war etwas Großes, noch Dunkleres, das da zwischen den Bäumen hervor getaumelt kam. Eine seltsame Gestalt, die Silhouette menschenähnlich und doch wieder nicht.
„Was ist das?“, hauchte er, kniff die Augen zusammen und trat einen Schritt vor.
Arren wirbelte zu ihm herum, aufgeregt fragend: „Was? Wo denn?“ Die Spitze seines Pfeils auf der Bogensehne zeigte in schnellem Tempo hierhin und dorthin, bis seine Augen das erfassten, dem Blakes ganze Aufmerksamkeit galt. „Was ist das, zum Henker noch eins?“, fragte der Schütze und richtete seine Waffe auf es. Blake zuckte mit den Achseln, trat einen weiteren Schritt vor und reckte den Hals, als könnte er so mehr erkennen.
„Ein Tier ist es jedenfalls nicht“, merkte er an, obgleich er sich dessen nicht ganz sicher war. Denn welches Wesen gab es, das derart ungleich gebildet war: groß und schlank mit zwei Beinen und Armen, aber mit einem merkwürdigen Auswuchs, der vom Rumpf abstand? Einst hatte Blake in einer Gasse darauf gewartet, dass ein Auftrag vorbeikam, als er dem bunten Treiben auf dem Marktplatz lauschen musste, wo ein Puppenspieler für die Kinder Gruselgeschichten darstellte. Über missgebildete Menschen, Monstern aus der Hölle und geflügelten Dämonen hatte er erzählt, was die Kleinen vor Spannung zum Aufkeuchen gebracht, die Eltern jedoch entsetzt hatte. Sie ahnten bereits, welche Auswirkung die mittägliche Erzählstunde über solcherlei Kreaturen mit ihren Sprösslingen in der Nacht anrichten würde. Und nicht wenige zerrten ihre plärrenden Gören von dort fort in der Hoffnung, dass der Schaden noch nicht allzu groß war.
Blake hatte damals den Kopf darüber geschüttelt, sowohl über die Menschen als auch über die Hirngespinste, die sich der Puppenspieler ausgedacht hatte. Mit keinerlei Faser seines Herzens hatte er dessen Worten geglaubt. Monster und Dämonen mit grausigen Fratzen, Fabelwesen und Magie – er war viel gereist, hatte viel gesehen und erlebt, aber in keiner noch so unwirtlichen Gegend hatte er derlei je zu Gesicht bekommen. So etwas gab es schlicht und ergreifend nicht! Aber was war es dann, das da im Wald umher wankte?
Blake schüttelte den Kopf. Es musste eine völlig normale Erklärung dafür geben, und er würde sie schon sehr bald erhalten, denn die Gestalt taumelte immer weiter in seine und Arrens Richtung. Je näher sie kam, desto mehr enthüllte der Schein des brennenden Lagerfeuers an ihr, und nur zwei Wimpernschläge später hockte Blakes Antwort zu seinen Füßen. Mit weit aufgerissenen Augen und dem Ausdruck der Überraschung und des Unglaubens im Gesicht starrte er nach unten, unfähig sich zu bewegen oder zu reden. Doch er wusste mit Sicherheit eins: Es war an der Zeit, dass er seine Meinung über Märchenfiguren änderte. Denn vor ihm kniete ein menschlicher Schmetterling.
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Prinz Anrai hielt sich lachend den Bauch. „Ich kann mir sein Gesicht so gut vorstellen“, japste er.
Prinzessin Laoghaire kicherte. „Es tut ihm gut, eines Besseren belehrt zu werden. Es gibt nun einmal mehr, als unsere Augen sehen können“, sagte sie, selbst überzeugt davon, dass es in ihrer Heimat Kobolde, Trolle und Feen gab. Ihr Bruder winkte nur ab. Die altkluge Art seiner Schwester war ihm nur allzu sehr vertraut.
„Machst du weiter?“, fragte er, und die Prinzessin nickte.
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Ein verdammter Schmetterling saß da vor ihm! Nun gut, ihm fehlte ein Flügel, aber es war ein Schmetterling. Wie konnte das sein? Sicher halluziniere ich, dachte er.
„Arren, sag mir, dass ich das träume“, sagte er, das Wesen zu seinen Füßen nicht aus den Augen lassend.
„Ich wünschte, ich könnte. Aber ich sehe es auch. Das bedeutet also, entweder träumen wir beide dasselbe oder es ist tatsächlich real“, entgegnete Arren, der den Pfeil samt Bogen gesenkt hatte.
„Aber das ist nicht möglich“, flüsterte Blake, ging in die Knie und streckte die Hand nach dem sonderbaren Geschöpf aus. Seine Fingerspitzen berührten sachte die Haut des Gesichts und zogen sich umgehend zurück. Es war also keine Einbildung. Es – sie war echt, so wie er und Arren echt waren, wenn auch nicht so hübsch wie sie, denn das war sie zweifellos: ein zauberhafter Schmetterling in Menschengestalt, eine wunderschöne Frau mit allem Drum und Dran, wie Blake mit einem forschenden Blick erkannte, plus Flügeln. Obwohl, einer fehlte ihr. Die Erkenntnis hatte kaum angefangen sich zu setzen, da packte sie seine Hand und hielt sie fest umschlossen. Im allerletzten Moment gelang es ihm, sich abzufangen, bevor er mit ihr zusammenstoßen konnte.
„Bitte, helft mir“, flehte sie, ihre Stimme so lieblich und wohlklingend, als wäre sie wie auch ihre einzigartige Gestalt einem Kinderbuch entstiegen. „Sie sind hinter mir her.“ Das klang jedoch nicht sehr märchenhaft.
„Wer?“, wollte Blake wissen. Neben ihm schickte sich Arren an, nach ihren Verfolgern Ausschau zu halten.
„Sie haben mir das angetan“, gab der Schmetterling als Antwort, mittlerweile Blakes Hand so fest umschließend, dass er das Gefühl in ihr verloren hatte. Mit Mühe lockerte er ihre Finger um sie, packte sie an den Schultern und hob sie hoch, damit sie auf ihren zwei Beinen stand. Er war erstaunt darüber, wie leicht sie war, aber wenn ein Schmetterling fliegen wollte, musste er auch leicht sein, nicht wahr?
Er schüttelte den Kopf. Wie war es möglich, dass er sich über derlei Dinge Gedanken machte?
„Wer sind sie?“, hakte er nach. Die Ungeduld fing langsam an, von ihm Besitz zu ergreifen, auch die Besorgnis, dass wer auch immer hinter ihr her war, schon bald zu ihnen stoßen würde.
„Es waren andere meinesgleichen“, antwortete sie.
„Es gibt noch mehr von deiner Art?“, fragte Blake. Geschöpfe dieser Größe und Anmut waren nicht einfach zu übersehen. Wieso war er ihnen noch nie zuvor begegnet, hatte noch nie auch nur ein Flüstern über ihre Existenz vernommen?
„Viele, sehr viele gibt es von uns. Helle und dunkle, gute und böse, loyale und untreue, Beschützer und Rebellen“, erklärte sie ihm.
„Schon gut, schon gut. Ich habe verstanden“, würgte er sie ab, bevor sie weitere Gegenüberstellungen hervorbringen konnte. „Ich nehme an, du bist eine von der guten Sorte?“
Sie nickte. „Du erkennst es an meiner Farbe.“ Blake betrachtete sie von oben bis unten, wie sie sich an seinen Arm klammerte, um nicht umzufallen. Ihr musste Schreckliches widerfahren sein. Nicht nur, dass ihre eigene Art ihr einen ihrer Flügel genommen hatte. Sie musste auch schon lange auf der Flucht sein, so kraftlos wie sie war. „Die Farbe meiner Flügel oder besser gesagt meines Flügels -“, Tränen erstickten ihre Stimme und es dauerte einen Moment, bis sie weitersprechen konnte, „ist Gelb. Sie steht für Freude, Glück, Hoffnung und für bevorstehendes Gutes. Normalerweise gilt all dies dem, der einen gelben Schmetterling sieht. Aber ich hoffe, dieses eine Mal gilt dies mir, nun da ich euch gefunden habe.“
Blake sah ihr einen Moment lang schweigend in die Augen, die golden leuchteten. So viel Angst stand in ihnen. Der gehetzte Ausdruck in ihnen, das Flehen um Hilfe und Schutz, das aus ihnen sprach – all das berührte etwas in ihm, sodass er einwilligte, ihr zu helfen.
„Weißt du, ob sie immer noch hinter dir her sind?“, wollte er wissen.
„Ich bin mir nicht sicher“, antwortete sie. „Manchmal dachte ich, sie wären fort, und dann habe ich doch wieder etwas gehört oder habe das Gefühl gehabt, beobachtet zu werden.“
Blake rieb sich sein bärtiges Kinn. „In deinen Worten stecken mir zu viele Eventualitäten, um bis zum Morgengrauen hierzubleiben. Der Weg wäre sicherlich einfacher, aber bei vielen Fragezeichen in einer Situation habe ich gelernt, weiterzuziehen“, sagte er und wies Arren an, zusammenzupacken.
„Hast du schon eine Idee, wohin es gehen soll, mein Freund?“, fragte dieser. Blake nickte ohne eine genaue Erklärung zu geben. Arren akzeptierte dies. Er vertraute auf die Fähigkeiten und die Erfahrung seines Partners, um ihm auch ohne das Wissen um ihr Ziel zu folgen. „Hast du eigentlich auch einen Namen, du schönes Geschöpf?“, wandte sich Arren an ihre neue Gesellschaft.
„Imogen“, antwortete sie.
Arren seufzte. „Ein schöner Name für ein schönes Wesen, das den Anbruch eines neuen Lebens einläutet“, sagte er und fügte mit Blick auf Blake hinzu, „oder das auch für eine neue Beziehung steht.“
Blake sah finster über die Flammen des Lagerfeuers hinweg zu ihm. Er konnte nicht glauben und es ärgerte ihn auch, dass sein notwendiges Übel selbst jetzt noch um sein Liebesleben, sein Wohlergehen, sein Seelenheil, oder wie auch immer er es verdammt nochmal nennen wollte, besorgt war und Zeichen sah, wo er Zeichen sehen wollte. Blake ließ den Unsinn unkommentiert und machte sich daran, das Feuer mit Erde zu ersticken.
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Prinz Anrai würgte. „Irgh! Ich hätte es wissen müssen, dass du den Gefühlsaspekt einbringen würdest, kleine Träumerin“, meinte er zu seiner Schwester, die sich mittlerweile ebenso wie er die Stiefel von den Füßen gestreift hatte.
Prinzessin Laoghaire streckte die Beine aus und lockerte die Muskeln in ihnen. „Du magst dir Blake als abgestumpften Grobian vorstellen, der keinen Wert auf Emotionen legt. Aber das ist nicht richtig. Für niemanden. Was auch immer ihn angetrieben hat, den Weg zu gehen und die Dinge zu tun, die er getan hat. Es steckt auch in ihm etwas, das liebenswert ist“, verteidigte sie ihren ersten Beitrag zu ihrer gemeinsamen Geschichte.
Ihr Bruder verdrehte die Augen. Mädchen, dachte er und besonders dieses Exemplar steckte mit seinem Kopf hoch oben in den Wolken und glaubte stets an das Gute in einem Menschen. Selbst dann noch, wenn dieser eigenhändig seine Gräueltaten gestanden hatte. „Ich denke, es ist Zeit, dass ich wieder übernehme“, meinte der Prinz und betrachtete grüblerisch die Tapete.
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4

Sie liefen und liefen, geführt von Blake, der trotz der um sie herrschenden Finsternis zu wissen schien, wo es für sie entlangging. Stunden mochten vorübergegangen sein, so dachte Arren. Zumindest fühlten sich seine Beine danach an und Imogen, die weit mehr Strapazen in dieser Nacht durchlebt hatte, zeigte noch viel größere Erschöpfung. Doch egal wie oft sie stöhnte, strauchelte und fiel, Blake gönnte ihr keine Rast. Im Gegenteil, er zerrte sie wieder auf die Beine und zog sie mit sich. Manchmal hob er sie auf und trug sie ein Stück des Weges, aber nie für sehr lange, und wenn sie dachte, sie könnte auf seinen Armen ruhen, belehrte er sie eines Besseren. Mit unzähligen Fragen überhäufte er sie, wollte alles in Erfahrung bringen, das es für ihn und Arren zu wissen gab über Imogens Verfolger.
„Du hast unsere Hilfe gewollt. Wenn du sie weiterhin willst, wirst du uns Informationen geben müssen, damit wir uns vorbereiten können auf das, was uns im schlimmsten Fall erwartet“, hatte er ihr bereits am Anfang ihrer nächtlichen Wanderung erklärt. Somit hatten die beiden Männer von Imogens Volk, den Dealan-Dè, erfahren. Arren und mehr noch Blake konnten kaum begreifen, dass es die Welt gab, von der sie erzählte. Doch sie brachte die Worte so glaubhaft hervor, beschrieb so detailreich, dass dieses unbekannte, verborgene Land namens Beathan existieren musste.
„Beathan und das Reich Rohat, meine Heimat, sind unsichtbar für eure Augen. Nur ein Zauberspruch vermag den Schleier, der über ihnen liegt, zu lüften. Dort leben wir, beschützen wir, heilen wir je nach dem, welche Fähigkeiten und Talente ein jeder von uns hat. Angeführt werden die Kriegerinnen, Magierinnen, Wächterinnen, Handwerkerinnen, Heilerinnen und alle übrigen von unserer Königin Enid, die die Dealan-Dè aus ihren Tränen gebiert. Sie ist eine strenge Herrscherin, die von ihren Untertanen viel erwartet, aber sie ist auch gütig, wenn dies angebracht ist. Bei aller Strenge ist sie gerecht. Sie wird sehr verehrt von ihrem Volk, so auch von mir. Ich könnte mir keine Bessere vorstellen, die die Aufgabe übernimmt. Obgleich es uns allen sehr gut geht und es niemand an etwas mangelt, kam vor einiger Zeit Unmut in einigen aus unseren Reihen auf. Erst war es nur eine, die ihre Aufgaben nur ungenügend erfüllte und Befehle verweigerte. Bald darauf schlossen sich ihr weitere an. Aus einer wurden fünf und aus fünf wurden zehn. Mittlerweile sind es etwas mehr als fünfzig Dealan-Dè, die sich zusammengetan haben und rebellieren. Sie gehen gegen anders Denkende vor, unterdrücken, bedrängen, intrigieren und reden auf andere ein, um sie zum Überlaufen zu bewegen. Wer sich ihnen nicht anschließt, ist ein Verräter. Unsere Königin befürchtet, dass sich diese Krankheit, oder was auch immer es ist, das ihre Töchter und meine Schwestern befallen hat, weiter ausbreitet und bald nur noch Dunkelheit herrscht.“
„Hat eure Königin denn nicht versucht, gegen die Aufrührer vorzugehen? Hat sie sie nicht festnehmen und einsperren lassen?“, fragte Arren. Er packte Imogens Arm gerade noch rechtzeitig, bevor sie auf die Nase fallen konnte, da ihr Fuß sich in einer Wurzel verfangen hatte.
„Natürlich hat sie das getan!“, antwortete sie scharf, erbost darüber, dass er hatte annehmen können, ihre Königin sei unfähig, mit dieser Situation umzugehen. „Sie hat sie einkerkern lassen, aber das Gift, das in den Gefangenen wütete, hatte bereits andere außerhalb der Zellen angesteckt. Jenen gelang es, die Festgenommenen zu befreien, und zusammen flohen sie. Lange haben wir nicht verstanden, wieso all das passiert und warum unsere Freunde zu unseren Feinden wurden. Eines Tages kehrte eine Rebellin reumütig in unser Reich zurück, beugte ergeben das Knie und gab uns dringend benötigte Antworten. Sie erzählte davon, dass die Abtrünnigen es auf unseren größten Schatz abgesehen hätten, der verborgen in einer für Menschenaugen unsichtbaren Höhle auf die Zeit wartet, in der er ans Tageslicht treten wird. Die Aufgabe der Wächterinnen unter uns, und ich bin eine von ihnen, ist es, diesen Schatz zu behüten nicht nur bis zu jenem Moment, sondern auch darüber hinaus, denn eine Prophezeiung besagt, dass der Schatz dafür sorgen wird, dass das Chaos in der Welt und das Leid der Menschen beendet und sie den Dealan-Dè ähnlicher werden, die weder Hunger kennen noch Kälte und keine Krankheiten erfahren, wie es die Menschen tun. Die Rebellen wollen, dass immer Chaos herrscht. Sie können die Menschen nicht ausstehen, in denen sie nur niedere Kreaturen sehen und denen sie sich überlegen fühlen. In ihren Augen sind sie schwach, der Magie nicht fähig und in ihrer Entwicklung unterlegen. Sie ergötzen sich daran, wie sie sich gegenseitig bekriegen und zerfleischen, ob nun mit Worten oder Waffen. Die Abtrünnigen haben sogar selbst Zwietracht gesät, um dies zu fördern. Doch um gänzlich zu verhindern, dass sich die Prophezeiung erfüllt, wollen sie den Schatz zerstören, und dafür gehen sie über Leichen“, erklärte Imogen weiter.
Zittrig lehnte sie sich gegen einen Baum, hoffend auf einen Moment der Erholung, nur einen winzig kleinen. Der hätte ihr schon gereicht. Doch ganz gleich, wie sehr sie vor Erschöpfung stöhnte, Blake ignorierte all diese Zeichen und nahm sie lieber Huckepack, als länger an einem Ort zu verweilen.
„Wir müssen in Bewegung bleiben“, brummte er und rutschte sich Imogen auf seinem Rücken zurecht. „Diese Höhle, die du erwähnt hast, liegt also nicht in eurer Welt. Wieso nicht? Warum habt ihr eure ach so große Kostbarkeit nicht in eurem Reich versteckt und dort beschützt?“, wollte er wissen.
Imogen seufzte. „Darüber müsstest du mit unserer Königin sprechen. Es war ihre Entscheidung. Es stand mir nicht zu, diese zu hinterfragen. Nach allem, was ich jedoch weiß, vermute ich, dass es zu den Vorkommnissen ebenfalls eine Vorhersage gibt, die nur sie kennt. Als Anführerin unseres Volkes obliegt es allein ihr, Wissen zu teilen oder für sich zu behalten.“
Das Privileg der Oberhäupter nannte Blake es. Darin unterschieden sich ihre Welten allem Anschein nach so gar nicht. Er konnte darüber nur die Nase rümpfen.
„Wenn die Aufstände bereits geschrieben standen“, fuhr Imogen fort, „wäre der Schatz auch nicht in unserem Reich sicher gewesen. Ich frage mich, ob eine der Wächterinnen die Initiatorin für den Raub war? Denn nur diese wissen, wo das Versteck liegt.“
Blake schnaubte. Er war sich absolut sicher, auch ohne die einzelnen Beteiligten zu kennen, dass jemand aus den Reihen der Wächterinnen tief mit drin steckte. Imogen mochte sich darüber noch den Kopf zerbrechen, doch er versuchte ganz anderes zu begreifen. „Du sagst, dein Volk hat das Leid der Menschen nie erfahren. Es kennt keinen Hunger, keine Kälte, keine Krankheiten. Wozu habt ihr dann Heilerinnen?“, fragte er somit.
„Die Dealan-Dè brauchen zum Leben nicht viel. Wir ernähren uns von Blütennektar und –staub“, antwortete sie ihm.
„Aha, und was ist im Winter?“, hakte Blake nach.
„In unserem Reich gibt es keinen Winter, kein Eis, keinen Schnee. Dort blühen die Blumen das ganze Jahr über, und wenn wir unsere Heimat verlassen, gibt es genug Proviant, den wir mitnehmen können.“ Sie löste ihren Arm, den sie um Blakes Hals gelegt hatte, um sich festzuhalten, und klopfte mit ihrer Hand auf ihre Hüfte, wo ein kleiner lederner Beutel an einem Gürtel befestigt war, in dem sie ihre Wegzehrung aufbewahrte. „Was die Heilerinnen angeht: Ja, wir bekommen keine eurer Krankheiten wie Erkältungen. Das heißt aber nicht, dass wir uns nicht verletzen können. Wir stolpern, fallen und brechen uns den Fuß. Wir stoßen uns den Kopf und bluten. Unsere Heilerinnen versorgen uns mit ihrer Magie, sodass nach wenigen Minuten nichts mehr von einem gebrochenen Knochen zu spüren und von einer Platzwunde nichts zu sehen ist.“
„Wie überaus praktisch“, merkte Blake unter ihr an. „Wieso kommt ihr dann nicht in unsere Welt und helft den Menschen mit euren Künsten, statt auf irgendeinen Zeitpunkt zu warten, der in ferner Zukunft liegt? Wenn das überhaupt alles stimmt.“ Prophezeiungen und schwammige Aussagen – pah! In Blakes Augen war das bloßer Humbug. „Und was zum Henker ist dieser verdammte Schatz, von dem du ständig redest?“, fuhr er sie an. Geduld war noch nie eine seiner Stärken gewesen. Er wollte stets alles und das am besten sofort. So ging es ihm auch mit Imogens Erklärungen.
„Unsere Welt existiert im Verborgenen. Die Begegnungen, die mit euch beiden im Übrigen eingeschlossen, von unseres- und euresgleichen sind abzählbar an einer Hand, geschweige denn, dass euresgleichen von uns gehört hätte“, murmelte Imogen. „Wenn das Schicksal es aber nun so wollte, dass unsere Völker aufeinandertreffen, dann ist das so“, fügte sie achselzuckend hinzu, während Blake schnaubte.
„Schicksal – was für ein Irrsinn“, nuschelte er so leise, dass Imogen es nicht hörte und sie weitersprach.
„Es ist uns strengstens untersagt, den Menschen zu helfen, indem wir ihre Gebrechen heilen, oder uns in ihre anderweitigen Belange einzumischen. Es heißt, ihr müsst all das Elend durchmachen, durch es wachsen, aus ihm lernen.“
„So ein Blödsinn!“, entfuhr es Blake heftig. „Was sollen wir lernen? Dass es egal ist, wie viel Gutes man tut, wie gut man sich benimmt, denn am Ende leidet man trotzdem? Das ist es nämlich, was ein Menschenleben bedeutet: Leiden, das von kleinen Momenten der Freude unterbrochen wird. Wenn man Glück hat.“
„Wenn wir euch vor der vom Schicksal festgelegten Zeit helfen, dann droht uns das Entfernen unserer Flügel. Ein Schmetterling ohne Flügel: das Zeichen dafür, dass man versagt hat. Es ist ein Zeichen der Schande“, sagte sie, ihre Stimme zuletzt auf ein Flüstern gesenkt.
Blake schnalzte missbilligend mit der Zunge. Er sah in ihren Worten nur eines: Die Dealan-Dè, so wundersam sie auch sein mochten, standen den Menschen in ihrer Arroganz in nichts nach und dachten zuallererst an sich selbst. Allerdings hätte er noch ewig so weiter mit ihr diskutieren können und wäre doch nicht auf einen Nenner mit ihr gekommen. Als er es hinter sich schniefen hörte, runzelte er die Stirn. Es war Imogen, die anfing zu weinen. Aufgrund der Vorwürfe, die er vorgebracht hatte? Großartig, dachte er, eine flennende Frau, ein heulender Schmetterling hockt auf meinem Rücken. Was sollte er jetzt tun? Er konnte mit so etwas nicht umgehen. Ein Beweis dafür war seine nächste Frage. „Ist das der Grund, wieso dir ein Flügel fehlt?“
Imogen schluchzte herzzerreißend und presste ein Ja hervor. Sie weinte bitterlich und Blake ließ sie, bis sie sich soweit gefangen hatte, dass sie reden konnte. „Ich kann, ich darf nicht sagen, was der Schatz genau ist. Nur so viel, dass ich ihn beschützen sollte und gescheitert bin. Ich hatte schon sehr lange Wache gehalten, bin nur für einen kurzen Moment eingenickt. Das nächste, das ich weiß, ist, dass ich von mehreren Händen gepackt durch den Dreck gezerrt wurde, man mich festband und mir meinen Flügel abschnitt. Sie haben dabei gelacht, über mein Schreien und mein Flehen, haben Scherze gemacht und sich darüber ausgelassen, welch erbärmlichen Anblick ich bieten werde mit einem Flügel.“
Imogens Verzweiflung wuchs stetig und ließ sie mehr und mehr zittern, sodass es selbst Blakes Herz erweichte. Kurzerhand setzte er sie ab und wies sie an, auf einem Baumstumpf Platz zu nehmen.
„Können eure Heilerinnen, na ja, das nicht reparieren?“, fragte er vor ihr kniend.
Zu Boden blickend schüttelte sie den Kopf. „Dazu sind nicht einmal sie fähig“, presste sie hervor. Sie vergrub das Gesicht in ihren Händen und vergoss bittere Tränen. Es schien, als würden all ihre Gefühle, die sie seit dem Überfall auf sie zurückgehalten hatte, um einfach nur zu funktionieren und fliehen zu können, nun mit einem Mal aus ihr herausbrechen.
Hilfesuchend sah Blake zu Arren auf. Dieser hatte eine Frau sowie zwei Kinder. Er musste wissen, was zu tun war. Allerdings war auch er ratlos im Angesicht dieser Situation. Wann sah man schon einen menschengroßen Schmetterling mit nur einem Flügel, der sich wegen der Schande grämte, die dies bedeutete, und tiefe Reue empfand für sein vermeintliches Versagen? Immer wieder murmelte Imogen Vorwürfe vor sich hin und schalt sich selbst für ihre Schwäche. Blake kannte derlei Gefühle sehr gut. Wie oft hatte er Bedauern empfunden für seine Entscheidungen? Wie oft hatte ihn sein Gewissen gequält aufgrund seiner verwerflichen Taten? Er konnte die Male nicht mehr zählen. Was er hingegen zählen konnte, war die Menge der Personen, die ebenso empfunden und ihn verstanden hatten: Es war genau eine gewesen, und diese saß direkt vor ihm.
Behutsam zog Blake Imogen die Hände vom Gesicht, strich ihr einige lange braune, golden schimmernde Haarsträhnen zurück, die sich aus ihrem Zopf gelöst und ihr ein zusätzliches, willkommenes Versteck geboten hatten, und wischte ihr die Tränen von den Wangen. Eine für ihn wenig vertraute Geste, die sie beide überraschte. Noch mehr verwunderte es ihn, wie er mit einem Mal eine Verbindung zwischen sich und dem wundersamen Geschöpf spürte. Mochte es zuvor Imogens hübsches Gesicht gewesen sein, das ihn anzog, war nun etwas anderes da, was ihn gefangen nahm.
„Du hast gesagt, wenn das Schicksal es wollte, dass wir uns begegnen“, begann er zu sagen, hielt kurz inne, als sie aufkeuchte, „dann ist das eben so. Wenn das Schicksal es wollte, dass dir dein Flügel genommen und der Schatz gestohlen wird, dann ist auch das so. Was geschehen ist, nach wessen Willen auch immer, ist geschehen. Die Vergangenheit kann man nicht ändern. Es ist unnütz über die Fehler, die in ihr liegen, nachzugrübeln und sich zu fragen, was gewesen wäre, wenn.“ Ihn selbst verwunderten seine Worte, und doch wusste er, dass sie aufrichtig gemeint waren. Er hätte sich gewünscht, dass jemand so mit ihm gesprochen hätte in seinen dunkelsten Momenten. Es hätte ihm so manches Elend erspart. So wie es Imogen in dem Augenblick anscheinend half. Ihr Schluchzen hatte aufgehört; die feuchten Spuren ihrer Tränen auf ihren Wangen begannen zu trocknen.
„Du hast Recht. Ich muss nach vorne schauen und versuchen, Wiedergutmachung zu leisten“, sagte sie mit neuer Kraft, stand von dem Baumstumpf auf und zog Blake an seinem Ärmel mit sich.
„Moment mal, kleiner Schmetterling“, rief Blake, packte ihr Handgelenk und stemmte sich gegen ihr Ziehen. „Du siehst aus, als würdest du einen Plan haben, wie diese Wiedergutmachung aussehen soll, und mir ist, als bestünde diese aus mehr als nur deiner Flucht vor deinen Verfolgern und unserem moralischen Beistand“, meinte er und deutete auf Arren, der gemütlich angetrottet kam und seltsamerweise erheitert wirkte. „Wieso grinst du so?“, fuhr Blake ihn an.
Arren verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich gegen einen Findling, der wie ein Tisch im Wald lag. „Ich genieße es nur, euch zuzusehen, wie ihr miteinander umgeht. Das ist wirklich sehr interessant und aufschlussreich“, antwortete er und ließ seine Blicke zwischen den beiden hin und her wandern.
Blake ließ von Imogen ab und trat auf seinen Partner zu. „Wenn du nicht mehr beizutragen hast, dann sei lieber still! Halt!“, rief er aus, machte einen Satz in Richtung Imogen, die er aus dem Augenwinkel dabei beobachtet hatte, wie sie ihren Weg fortsetzen wollte. Er bekam sie zu greifen und wirbelte sie zu sich herum. „Du wartest gefälligst und rennst nicht einfach los, ohne zu sagen, was in deinem hübschen Kopf vor sich geht. Wohin willst du? Was willst du tun?“, verlangte er zu erfahren. Er hatte sich bereits über einen Ort Gedanken gemacht, wo Imogen wenigstens vorübergehend in Sicherheit sein würde, und sie war gerade dabei, all das über den Haufen zu werfen.
„Ich allein kann nicht retten, was es noch zu retten gibt. Es braucht mehr von uns. Ich muss in meine Heimat zurückkehren, berichten, was geschehen ist, und um Unterstützung bitten, wenn man mir diese nach allem, was passiert ist, noch gewähren möchte. Doch anders kann ich nicht gegen die Rebellen kämpfen und den Schatz zurückbringen“, erklärte Imogen und entriss ihm ihren Arm. Sie wusste zwar nicht, wie sie all das angefangen bei dem Lüften des Schleiers, der über ihrer Welt lag, bewerkstelligen sollte, wenn ihr ihre Magie fehlte. Doch darüber würde sie sich Gedanken machen, wenn es so weit war.
„Und wie sieht unsere Rolle dabei aus?“, fragte Blake.
„Ihr wäret meine Leibwächter, die mich sicher dorthin bringen, wo ich hin muss. Sollten wir auf die Abtrünnigen stoßen, bin ich im Kampf gegen sie allein machtlos. Meine Magie, die in meinen Flügeln saß und die nur wirksam durch ein Paar Flügel ist, ist ebenfalls zerstört“, antwortete sie, langte über ihre Schulter und berührte wehmütig die verstümmelten, kurzen Reste auf ihrem Rücken. „Mit euch zusammen habe ich jedoch vielleicht eine Chance, wenn auch nur eine kleine, solch eine Begegnung zu überleben und an mein Ziel zu gelangen“, beendete sie ihre Erklärung.
„Diese Waffe, von der du gesprochen hast, wo ist sie? Du musst sie gut versteckt haben, denn ich kann sie nicht sehen“, meinte Blake und beäugte Imogen von oben bis unten. Seine Blicke wanderten von ihren nackten Füßen und Beinen über den Rock ihres Kleides hinauf zu ihren schlanken, aber muskulösen Armen, bis er ihr schließlich wieder in die goldenen Augen sah, in denen ein schelmisches Funkeln lag.
„Du meinst die hier?“, fragte sie und zog zwischen den Falten ihres Kleides einen silbernen, etwa zwei Finger breiten Stab hervor, der ungefähr so lang war wie ihr Unterarm.
Blake schnaubte. „Ich habe gehört, in manchen Ländern isst man mit so etwas“, kommentierte er den Anblick, was Imogen dazu brachte, missbilligend mit der Zunge zu schnalzen.
„Mit so etwas isst man nicht. Mit so etwas kämpft man“, sagte sie, trat einen Schritt zurück, hob den Arm und schwang ihn zur Seite, als wollte sie den Stab wegwerfen, ließ ihn jedoch nicht los. Und mit einem leisen Klicken verwandelte sich der Stab in ein Schwert, das wie der Mond kalt und silbern schimmerte. „Ihr braucht aber keine Angst zu haben“, redete Imogen beruhigend auf die beiden Männer ein, denn ihr war ihr erschrockenes Zurückweichen nicht entgangen, „die Klinge ist unwirksam ohne meine Magie. Ich könnte sie genauso gut wegwerfen, aber ich bringe es nicht über das Herz. Ich habe schon so viel von mir verloren.“ Sie betätigte den Mechanismus, der die Klinge zurückfahren ließ, und drehte den Stab gedankenverloren zwischen ihren Fingern.
„Woher willst du wissen, ob das Schwert ohne deine Magie nicht funktioniert? Hast du es ausprobiert?“, fragte Blake. Sowohl die Spitze als auch die Schneide konnten ihm sicherlich Schaden zufügen, mutmaßte er.
„Es war nicht nötig, es herauszufinden“, murmelte Imogen. Auf ihrem Gesicht zeigten sich abermals Spuren des Bedauerns. Das konnte Blake sehen. Er brummte vor sich hin und brachte sie so zum Aufblicken. „Was ist?“, fragte sie und verstaute den Stab wieder dort, wo er sicher war, als sie die geringschätzigen Blicke des Mannes bemerkte.
„Lass mich eines klarstellen“, begann Blake zu sagen und trat auf sie zu. „Ich glaube nicht an Gottheiten. Ich glaube nicht an Zauberei. Ich glaube nicht an Schicksal. Doch woran ich glaube ist dies: an die Kraft aus uns selbst heraus. Ich glaube daran, dass ein jeder von uns Talente und Fähigkeiten besitzt. Was wir aus ihnen machen, liegt in unseren eigenen Händen und nicht in denen von unsichtbaren Wesen, die sich einen Dreck um unser Wohlergehen scheren. Es liegt auch nicht an schön klingenden Zaubersprüchen oder am Anheulen des Mondes. Einzig und allein an uns und an unserem Vertrauen in uns selbst. Du setzt viel zu sehr auf anderes als auf dich selbst. Das ist verständlich, denn du wurdest mit deiner Magie und dem Glauben an sie und dem Vertrauen in sie geboren und erzogen. Aber du solltest dich vielleicht fragen, ob deine Magie wirklich jemals hier drin gesteckt hat.“ Behutsam berührte er ihren intakten Flügel. „Oder ob sie nicht doch eher hier drin war und ist“, sagte er und deutete auf ihre Brust.
Seine Worte riefen unterschiedliche Gefühle in Imogen hervor. Einerseits schockierten sie seine Ansichten und ließen Mitleid für Blake in ihr aufkommen. Welches Elend musste er erlebt haben, um so zu denken und um den Glauben an so ziemlich alles zu verlieren? Für Imogen selbst war es etwas völlig anderes. Sie wusste um die Wunder ihrer Welt, und sie wünschte sich, Blake würde all das ebenfalls sehen – eines Tages – und dann seine Meinung ändern. Ebenso wusste sie um die Existenz ihrer Magie, hatte sie erlebt und mit ihr gelebt. Nun war sie fort. Sie spürte aber auch Neugierde aufgrund von Blakes Rede. Was, wenn er Recht hatte? Wenn ihre wirkliche Magie aus ihr selbst herauskam, wenn sie schon immer tief in ihr gesteckt hatte? Wünschenswert wäre es allemal und ihrem Plan zuträglich gewesen.
Imogens Augen weiteten sich und sie keuchte auf vor Erstaunen. Blake nickte. Er hatte vermutet, dass sie nie auch nur einen Gedanken daran verschwendet hatte, dass es möglich sein konnte, wovon er sprach. Doch hier hatte er nun den Beweis: ihre Reaktion.
„Es ist möglich“, flüsterte er, „deine Kraft kann aus dir selbst herauskommen. Du musst nur daran glauben.“ Imogen schüttelte den Kopf. Ob nun als Verneinung auf seine Aussage oder ob aus Verwirrung vermochte er nicht zu deuten. Doch er beobachtete sie dabei, wie sie beinahe hilfesuchend zu Arren blickte. Sein notwendiges Übel, das schweigend bei ihnen gestanden hatte, nickte ihr zu.
„Ich würde seinem Rat folgen. Ich habe Leute sagen hören, dass es wie Magie wirkt, wenn Blake kämpft, ob mit oder ohne Waffe, und das kommt ganz sicher nicht von irgendwelchen phantastischen Schwingen auf seinem Rücken“, meinte Arren und zwinkerte seinem Partner zu. Dieser wandte sich wieder Imogen zu.
„Siehst du, er vertraut mir“, merkte er an, was sie höhnisch auflachen und einwenden ließ, dass sich die beiden bereits längere Zeit kannten als Imogen Blake kannte. Der Meuchelmörder hob die Hand und brachte sie zum Schweigen. „Das stimmt, aber immerhin vertraust du uns genug, um uns um Hilfe zu bitten“, erinnerte er sie.
Imogens Lippen öffneten sich, bereit, ihm eine Antwort darauf zu geben. Doch die Widerworte, die sich in ihrem Kopf zusammengefügt hatten, fanden den Weg nicht zu ihrem Mund. Somit verschränkte sie nur die Arme vor der Brust und gab sich geschlagen. Sie wusste, dass sie zumindest diesen Kampf verloren hatte.
Blake schmunzelte über ihren Anblick, kam jedoch nicht umhin zu denken, dass daran etwas nicht stimmte. Nun, es stimmte so einiges nicht an ihrem Anblick und der gesamten Situation. Immerhin stand vor ihm ein menschengroßer eingeschnappter, aber nicht minder kämpferischer und vor allem ein sehr hübscher Schmetterling. Blake schüttelte den Kopf, um Gedanken dieser Art loszuwerden, und das war es auch nicht wirklich, was nicht zur Symmetrie des Bildes passte. Symmetrie – das war es! Es war die Ungleichheit von Imogens Silhouette, die ihm Rätsel aufgab.
„Bevor wir weitergehen, habe ich noch eine Frage an dich“, sagte er und wartete auf ihre Erlaubnis, sie stellen zu dürfen. Als sie sie ihm nickend erteilte, fuhr er fort. „Warum hast du dir nicht auch den anderen Flügel abgeschnitten, wenn er doch unnütz ist? Ich könnte mir vorstellen, dass du ohne das verdammte Ding einfacher und unauffälliger durch das Gebüsch gekommen wärst.“
Vor Empörung entglitten Imogen sämtliche Gesichtszüge. Wut stieg in ihr auf, die sie an Blake ausließ. Sie versetzte ihm einen kräftigen Stoß gegen die Brust, sodass er zurücktaumelte. „Nenn es nicht Ding und auch nicht verdammt! Ich wurde mit ihnen geboren. Sie sind ein Teil von mir. Beleidigst du sie, beleidigst du mich. Und glaube ja nicht, dass ich nicht darüber nachgedacht hätte, es zu tun! Doch was auf meine Waffe zutrifft, trifft auch auf meinen verbliebenen Flügel zu. Außerdem, hast du schon einmal versucht, dir etwas abzutrennen?“, fuhr sie ihn an und musterte ihn von Kopf bis Fuß. Als Blake den Kopf schüttelte, rief sie: „Es tut verflucht weh!“ Damit drehte sie ihm den Rücken zu und deutete auf einen Schnitt, den sie sich selbst an einem Felsen zugefügt hatte in der Hoffnung, sich den Flügel an ihm abzureißen.
Blake lehnte sich vor und betrachtete sich die Verletzung. „Soll ich es machen?“ fragte er kurzerhand.
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„Oh Bruder! Ich hatte dich gebeten, dass es nicht zu blutig wird“, seufzte Prinzessin Laoghaire und verbarg ihr leidig verzogenes Gesicht in den Händen.
„Ach komm schon, Mimose. Zu einer guten Geschichte gehört so etwas dazu“, warf Prinz Anrai lachend ein. Er amüsierte sich köstlich über den Anblick seiner Schwester. Diese jedoch schüttelte den Kopf.
„Zu einer guten Geschichte gehört Liebe“, entgegnete sie ihm.
„Was das angeht, werden wir wohl niemals übereinkommen. Aber du wirst doch inzwischen einsehen, dass es Sinn ergibt, dass er ihr den Flügel entfernt? Er ist unnütz geworden, und es gibt noch zwei weitere gute Gründe dafür. Erstens, ein einflügeliger Schmetterling sieht albern aus. Zweitens, den Mann, unseren Blake, sieht man auf der Tapete mit ihr ab hier“, er deutete auf eine Stelle auf der Wandverkleidung, „gänzlich ohne Flügel.“
Prinzessin Laoghaire lugte hinter ihren Fingern hervor und stellte fest, dass ihr Bruder Recht hatte. Sie seufzte. „Na schön. Mach weiter. Aber bitte schmücke die Sache nicht zu lebhaft aus. Wenn du mir eklige Worte um die Ohren haust, schreie ich.“
Prinz Anrai rollte mit den Augen und winkte ab. „Keine Angst. Ich werde Rücksicht auf dich nehmen, und bald wirst du auch wieder an der Reihe sein zu erzählen“, sagte er und zwinkerte ihr zu. „Vorher kommt noch der Rest meiner Szene.“
~
Imogen wusste nicht, was sie mehr schockieren sollte: der Vorschlag an sich oder die Art, wie er ihn vorgebracht hatte? Trocken, ohne jegliche Emotion, ja schon beinahe herzlos und etwas müde war er in den letzten Sekunden gewesen. Wo war der Mann hin, der davor Mut machende Worte gesprochen und sie dazu angespornt hatte, auf ihre eigene innere Kraft zu vertrauen? Von Blakes Launen wurde ihr schwindelig, und einen Schmetterling schwindelig zu machen, das wollte schon etwas heißen.
Vielleicht war seine fehlende Sentimentalität aber auch das, was sie nun brauchte. Sie hatte eine innige Verbindung zu ihren Flügeln, und zugegebenermaßen war sie in der Hinsicht feige, es selbst zu tun. Sie fürchtete sich davor, zu zögern und zu zaghaft vorzugehen, was nur dazu führen würde, dass sie noch mehr litt. Was sie brauchte, zumindest in dieser Situation, waren emotionaler Abstand und zielgerichtetes Denken und Handeln. In einer Ecke ihres Kopfes wusste Imogen, dass Blake Recht hatte. Nur noch ihr Herz musste mitziehen.
Imogen atmete tief durch, straffte die Schultern und sah dem Mann in die Augen, der zwar nicht ihr Henker, jedoch ihr Folterknecht war. Sie kannte die Berichte über die menschlichen Richtmethoden und Möglichkeiten zur Erpressung eines Geständnisses oder zur Bestrafung. Sie hätte nie gedacht, dass ihr selbst solches Leid zugefügt werden würde.
„Ich bin bereit. Tue es“, sagte sie mit fester Stimme und reckte ihr Kinn stolz vor.
Umgehend nickte Blake und wies Arren an, Imogen vorzubereiten. Dieser packte sie an den Handgelenken und führte sie zu einem Baum, um den sie ihre Arme legen sollte wie zum Willkommensgruß der Natur. Imogen hätte beinahe gelacht über die Ironie, die sich hierin verbarg. Die Natur hatte ihr ihre Flügel gegeben. Nun war sie dabei, als man sie ihr nahm.
Bevor Blake auch nur die Klinge gezogen hatte, begann Imogen zu zittern und zu weinen. Arren, der auf der anderen Seite des Baumes, ihrem Richtblock, stand und ihre Arme festhielt, flüsterte ihr beruhigend zu: „Ich bin bei dir. Ich lasse dich nicht allein. Du wirst sehen, alles wird danach besser werden.“
Imogen lächelte gequält. Sie hoffte so sehr, dass er Recht behalten würde, und das dies hier ihr Opfer war, das sie für etwas Größeres hergab. Als sie aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahrnahm, wurde ihren Gedanken ein Ende gesetzt. Es war Blake, der sich zum Schlag bereit machte.
Mit den Füßen schob er Blätter und Zweige auf dem Waldboden beiseite und ebnete die Erde, um einen sicheren Stand zu haben. Er hob die Arme, mit beiden Händen sein Schwert umfassend.
„Bist du sicher, dass du das tun willst?“, fragte Arren ihn.
Blake schnaubte. „Von wollen kann keine Rede sein. Es ist nun einmal notwendig. Ich tue, was getan werden muss, und jetzt halte sie ruhig“, knurrte er. Sein Gesicht war eine versteinerte Miene, die Imogen aufkeuchen ließ. Empfand er wirklich gar nichts in diesem Moment? Kein Mitleid, keine Sympathie? Doch war dies wirklich das, was gerade vonnöten war? Nein, schalt sie sich innerlich und spannte ihren Körper an, um Arren zu helfen, sie still zu halten.
„Mach endlich“, presste sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor und kniff die Augen zusammen.
„Ich zähle bis drei“, hörte sie Blake sagen. Imogen begann zu wimmern.
„Eins.“
Sie spürte, wie ihre Knie weich wurden. Nicht mehr lange und ihre Beine würden unter ihr nachgeben. Würde Arren sie aufrechthalten können? Worüber man so nachdachte, wenn…
„Zwei.“
Der Griff um ihre Arme wurde stärker. Das konnte nur bedeuten, dass das Zittern ihres Körpers zugenommen hatte, von ihr unbemerkt. Imogen öffnete ein Auge und schielte zu Arren. Eine Schweißperle rann seine Stirn hinab, lief über seine Nasenwurzel und machte einen Bogen, um schließlich in seinem Auge zu landen. Er blinzelte verstärkt. Dann klärte sich seine Sicht auf sie wieder. Er ist immer noch da, hier bei mir. Wie er es versprochen hat, dachte sie und lächelte.
„Drei.“
Reflexartig kniff sie die Augen zusammen. Dann folgten der Schlag und unsagbare Schmerzen. Reißend, brennend, als würde sie in Flammen stehen. Ihr Schrei brachte ihre Kehle beinahe zum Bersten. Ihre körperliche Pein wurde zu seelischer, das Weinen und Klagen zu einem Wimmern, bis die Laute ganz verstummten und nur noch das Zittern blieb.
Sowohl Imogen als auch Blake besahen sich den auf dem Waldboden liegenden Flügel, dessen leuchtendes Gelb verblasste. Es wurde zu Silber und schließlich zu Schwarz, zum Tod. Der Flügel wurde faltig, kräuselte sich zusammen wie Pergament, das im Feuer verbrennt. Ein trauriger Anblick, der selbst so jemand wie den Meuchelmörder betroffen machte.
Blake dachte, er hätte schon alles auf dieser Welt gesehen. Doch dem war nicht so, wie er feststellte. Um zu verhindern, dass er noch tiefer in die Rührseligkeit tauchte, riss er seinen Blick von dem vertrockneten, toten Ding – und mehr als das war es auch nicht, ein Ding – und betrachtete sich Imogens Rücken.
„Es blutet nicht“, murmelte er, das Schwert nun an seiner Seite gesenkt, und trat näher an Imogen heran, die nickte.
„Nicht auf eine Weise, wie du es kennst“, sagte sie mit brüchiger Stimme. „Sieh hin. Dann wirst du verstehen, was ich meine.“ Und das tat er.
Er sah hin und beobachtete, wie eine silbrige Flüssigkeit aus dem Stummel, den er ihr gelassen hatte, trat. Sie leuchtete kurz auf, und als das Glühen nachgelassen hatte, war das Silber weiß und fest und die Wunde verschlossen. Imogens Rücken sah nun wieder symmetrisch aus, selbst mit zwei Stümpfen, die einmal starke, prächtige Flügel gewesen waren. Vielleicht können die Heilerinnen ihres Volkes etwas für sie tun, die Reste entfernen, glätten – ach, was auch immer, dachte Blake. Vorausgesetzt, sie würden ihr helfen. Nach allem, was sie erzählt hatte, war es nicht gewiss, dass sie es tun würden.
„Hier, nimm den“, sagte er und legte Imogen seinen Umhang um die Schultern.
Sie nickte und meinte: „Mir ist ungewöhnlich kalt.“
Blake setzte ein schiefes Lächeln auf. „Ihr seid eben doch auch nur -“, er hielt inne.
„Was? Menschen?“, fragte Imogen. Prüfend blickte sie ihn an. Das war es in der Tat, was er hatte sagen wollen. Denn jetzt, ohne jegliche Schwingen, die sie durch die Lüfte tragen konnten, kam Imogen ihm so zerbrechlich vor wie ein Mensch, ein Kind, das nicht für sich selbst sorgen kann.
„Ich habe dir den Umhang nicht gegeben, weil ich dachte, dir sei kalt. Er ist dazu da, um dich zu verbergen“, entgegnete er ihr. „Du leuchtest wie die verdammte Sonne. Jetzt passt der Umhang wenigstens.“ So schnell wie er es vermochte, zwischen Grob- und Sanftheit zu wechseln, konnte es niemand. Imogen schwindelte es bereits wieder.
„Tss, genau“, kam es aus Richtung von Blakes Füßen, wo sich Arren von den Strapazen der letzten Minuten ausruhte, „weil den Schrei ja auch niemand gehört hat.“ Augenrollend blickte er zu seinem Partner auf.
Blakes Mund verzog sich zu einer schmalen Linie. „Wollen wir hoffen, das dem nicht so ist“, erwiderte er und sah sich kurz um, suchend, ob er Bewegungen in den Schatten des Waldes ausmachen konnte, lauschend nach Schritten von Verfolgern. „Komm“, sagte er, als alles still blieb, und klopfte Arren auf die Schulter. „Wir müssen weiter und zwar schnell.“ Damit hob er Imogen auf seine Arme und stapfte mit ihr voraus.
5

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Prinzessin Laoghaire atmete auf. „Danke, dass du es so erzählt hast und nicht anders. Auch wenn ich sagen muss, dass es mich traurig stimmt, was Imogen passiert ist“, meinte sie und verdrückte eine kleine Träne. „Und der schwarze, tote Flügel war doch recht gruselig.“
Prinz Anrai zuckte mit den Schultern und streckte sich, auf dem Rücken liegend, aus. Mit den Händen hinter dem Kopf verschränkt, die ihm als Kissen dienten, schloss er lächelnd die Augen. Er fand, er konnte zufrieden sein mit seinem Teil der Geschichte. Sollte es seine Schwester erst einmal besser machen. Und das versuchte sie auch, als sie an seine Erzählung anknüpfte.
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Die Nacht schritt weiter voran. Arren und Blake kam es so vor, als würden sie buchstäblich vor ihr flüchten. Die beiden Männer wussten nicht mehr, in welchem Teil des Waldes sie waren. Imogen hingegen schien genau zu wissen, wo sie sich befanden und in welche Richtung ihr Weg weiter verlief. Ob getragen von Blake oder zu Fuß gehend – ihr wohnte eine Macht inne, die sie sich orientieren ließ wie ein Kompass auf hoher See. So gelangten sie schließlich an eine Lichtung, die in verschiedenen Blautönen und Schwarz vor ihnen lag und die von zahlreichen Glühwürmchen umschwirrt wurde. Der Zauber, den der Anblick ihres Tanzes in der Finsternis besaß, wurde jedoch getrübt. Denn in der Mitte der Lichtung standen zwei dunkle Gestalten. Ihre Formen der von Imogen nicht unähnlich, als sie noch ein ganzer Schmetterling gewesen war.
Blake starrte Imogen überrascht an. „Kannst du mir dazu etwas sagen?“, fragte er sie. Ein Kribbeln breitete sich in seinem Körper aus, wie es das immer tat, bevor er kämpfte. Und kämpfen würde er. Dessen war er sich gewiss.
„Es sind weitere Dealan-Dè. So viel kann ich dir verraten. Sind es die, die mich verstümmelt haben? Das ist möglich. Ich kann ihre Gesichter nicht erkennen und auch nicht ihre Farben eindeutig ausmachen, um mehr sagen zu können“, gestand Imogen.
„Das heißt, wir finden es nur heraus, wenn wir näher an sie herankommen?“, fragte Blake. Imogen nickte.
„Ist euch eigentlich schon in den Sinn gekommen“, schaltete sich Arren in das Gespräch ein, „dass sich in der Nähe noch weitere von denen verstecken könnten, die uns ebenso belauern wie wir die da?“ Er deutete auf die beiden Schemen auf der Lichtung, die nach wie vor wild gestikulierend beisammen standen. Stritten sie miteinander oder diskutierten sie über Blake, Imogen und Arren, deren Anwesenheit sie längst bemerkt hatten?
Das herauszufinden darauf war Blake nicht erpicht. Er hatte bereits zu oft in solch einer Lage gesteckt: mit dem Feind sowohl vor der Nase als auch im Nacken. Wichtig war hierbei, dass man den ersten Streich tat und nicht wartete.
„Die Möglichkeit besteht“, pflichtete Imogen Arren bei, „aber ich sehe niemand sonst, weder hinter noch neben uns und auch nicht zwischen den Bäumen auf der anderen Seite der Lichtung. Tatsache ist jedoch, dass der direkte Weg der kürzeste ist, um zu meiner Heimat zu gelangen. Würden wir versuchen, einen weiten Bogen um sie zu schlagen, würde uns das kostbare Zeit rauben, die wir nicht haben.“
„Also ab und direkt durch die Höhle des Löwen?“, murmelte Blake und nickte zustimmend.
„Welche Höhle? Welcher Löwe?“, fragte Imogen verwirrt. Sie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, wie er nun auf so etwas kommen konnte.
Der Meuchelmörder winkte ab. „Vergiss es. Ist nicht so wichtig. Was allerdings wichtig ist, ist die Frage, wie wir sie besiegen können? Wie können wir sie töten?“, wollte er wissen.
Imogen lächelte müde. „Ihr beide“, sie deutete zunächst auf Blake und schließlich auf Arren, „könnt sie nicht töten. Keine Menschenhand kann das bewirken. Nur magische Wesen können sich gegenseitig wirklichen Schaden zufügen. Ihr könnt sie höchstens bewusstlos schlagen, was uns allenfalls einen Vorsprung verschafft. Und da ich meine Flügel und so auch meine Magie verloren habe, kann auch ich nicht viel mehr beisteuern als das.“
Imogen entging Blakes Seufzen nicht, als sie über ihre verlorenen Kräfte gesprochen hatte. Er war immer noch davon überzeugt, dass ihr kämpferisches Können aus ihr selbst heraus kommen konnte und nicht abhängig war von ihren Flügeln und der ihnen innewohnenden Zauberkraft. Es konnte auch tatsächlich so sein, wie sie mittlerweile selbst dachte. Sie war vermutlich dazu imstande zu kämpfen und auch sehr gut zu kämpfen. Aber das änderte nichts an der Tatsache, dass sie ihre Magie benötigte, um ihresgleichen zu töten. Imogens Finger verkrampften sich um ihren silbernen Stab, den sie umschlossen hielt. Niemals hätte sie sich erträumen lassen, darüber nachdenken zu müssen, wie sie ihre Schwestern umbringen konnte. Allein der Gedanke daran, ihnen Leid zuzufügen, auch wenn sie es ihr angetan hatten, war absurd. Doch hier war sie nun. Es hatte sich viel geändert. Nein, alles hatte sich geändert.
„Wenn wir versagen, werden wir sterben. Hier und jetzt“, flüsterte sie mehr zu sich selbst als zu den beiden Männern, die dabei waren, ihr Gepäck abzulegen. Arren entledigte sich seines Umhangs und Imogen tat es ihm gleich. Für einen Moment legte sich Schweigen über die drei, bis Blake sein Schwert zog, das mit einem leisen Klirren aus dem Futteral glitt.
„Es ist nicht der Tod, vor dem ich mich fürchte, sondern das Leben“, sagte er mit fester Stimme und beinahe gelassen, sodass Imogen wusste, dass er die Wahrheit sprach. „Was ist nun? Wollen wir?“, fragte er und blickte sie an.
Imogen versuchte ihre Bestürzung fortzublinzeln und das Schaudern, das sie durchfuhr, niederzukämpfen, das seine offenen Worte in ihr hatte aufsteigen lassen. Was war das nur für ein seltsamer Mensch, der so verbittert über die Welt und das Leben sprach?
„Ich bin so weit“, sagte sie und bereitete ihre Waffe vor.
Blake nickte verstehend und sah sich nach Arren um. „Und was ist mit dir? Kann es losgehen?“
„Habe ich eine Wahl?“, fragte sein Partner.
Blake zuckte mit den Schultern und sagte: „Du kannst auch hierbleiben, allein, und dich davon überzeugen, ob nicht doch noch jemand anderes hier ist. Vielleicht auch wilde Tiere, die sich über ein üppiges Mahl zu Tagesbeginn bestimmt freuen.“
Arren schnaubte. „Das hättest du wohl gern, was? Ich komme mit dir und rette dir den Arsch – wie ich es schon so oft getan habe“, erwiderte er und machte seinen Bogen zum Abschuss bereit.
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„Erst brichst du ein Schloss mit einer Haarnadel auf und nun verwendest du solch unschickliche Worte, Schwester. Du stehst eindeutig unter schlechtem Einfluss von Glyn und mir“, sagte Prinz Anrai lachend und richtete sich auf. Er setzte sich in den Schneidersitz und beobachtete Prinzessin Laoghaire dabei, wie diese kichernd die Hand vor den Mund hielt.
„Sollte mir solch ein Wort in Gegenwart unserer Eltern herausrutschen, würde ich die Schuld auf dich schieben. Das ist dir hoffentlich klar“, meinte sie.
Ihr Bruder gluckste vor Freude. „Tu das. Allein ihre Gesichter zu sehen, wenn du Arsch sagst, wäre jede Strafe wert.“
„Ich werde es auf meine Aufgabenliste für die kommende Woche setzen. Einverstanden?“, fragte sie.
„Oh ja, bitte mach das“, stimmte er ihr zu und brach in schallendes Gelächter aus.
Prinzessin Laoghaire nickte bedächtig. „In Ordnung. Aber lass uns jetzt zurückkehren zu der Geschichte“, schlug sie vor. Und als wieder Ruhe in das Turmzimmer mit der wundersamen Tapete eingekehrt war, fuhr das Mädchen fort zu erzählen.
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Es war Blake, der zuerst zwischen den Bäumen hervortrat und sich den Fremden zeigte. Es dauerte nicht lange, bis diese ihn bemerkten und eine der Gestalten auf ihn reagierte.
„Wer bist du?“, fragte eine samtige weibliche Stimme, die Blake durchaus angenehm in den Ohren klang. Doch er durfte sich von ihr nicht einlullen lassen.
„Wer bist du?“, fragte er zurück und ließ sein Schwert kreisen.
Die samtige Stimme antwortete ihm mit einem melodischen Lachen und zog einen Stab ähnlich dem Imogens hervor. Das vertraute Klicken ertönte und die silberne Klinge blitzte gefährlich auf. „Ich bin die, die dir den Kopf abschlägt, Mensch, wenn du dich nicht auf der Stelle ergibst“, sprach sie und setzte sich in Bewegung, mit jedem Schritt ihm näher kommend.
„Du spuckst große Töne für eine schwächliche Frau“, erwiderte Blake.
„Schwächlich? Frau? Ich bin weder das eine noch das andere“, knurrte sie. Offensichtlich fühlte sie sich von seinen Worten beleidigt. Mit einem diabolischen Lachen breitete die Gestalt ihre Flügel aus und zeigte sich ihm in ihrer ganzen Pracht. Mehr noch, sie demonstrierte ihre Stärke und ihre Erhabenheit über ihn, in dem sie sich vom Boden abstieß und hoch in die Luft stieg, wo sie mit Hilfe ihrer mächtigen Schwingen schwebte und auf ihn hinabblickte.
Jeder andere hätte das Wesen für einen Engel gehalten. Nicht so Blake, der zuvor Imogens Bekanntschaft gemacht hatte und nun eingeweiht war in die Existenz des Schmetterlingsvolkes. Nichtsdestotrotz geriet seine Fassade der Ruhe und Unerschrockenheit ins Wanken. Bei wem wäre das nicht der Fall gewesen, wenn er solch ein mächtiges Geschöpf gesehen hätte, das genau das ausstrahlte: Macht. Jedoch hatte er bereits den ersten Schock bei Imogens Anblick überwunden, sodass er sich nach wenigen Momenten wieder fing. Weder die imposanten Flügel, die im Mondlicht blutrot leuchteten, noch die gefährlich blitzende Klinge konnten ihm wirklich Angst einjagen.
„Er ist nicht dein einziger Gegner“, rief Arren hinter Blake aus und stellte sich, mit Pfeil und Bogen im Anschlag, neben ihn.
Der Schmetterling lachte und schlug so kräftig mit den Flügeln, sodass der Wind, der dadurch erzeugt wurde, ihnen heftig entgegenschlug. „Ihr Menschen seid so arrogant und einfältig. Aber wenn es euer Wille ist, Seite an Seite zu sterben, dann sei es so“, rief sie. Sie legte ihre Hand an den Mund und sandte einen Schrei aus. Ein Rascheln ertönte, das schnell zu einem Brausen anschwoll. Die Bäume am Rande der Lichtung wankten und der Boden bebte, als drei weitere Dealan-Dè erschienen, von denen jede in ihren Farben strahlte.
„Ich glaube, wir haben einen Fehler gemacht“, flüsterte Arren, als er die eindrucksvollen, aber auch Furcht einflößenden Kriegerinnen sah, die sich zum Kampf bereit machten.
Blake verzog missmutig den Mund und brummte. Ja, vielleicht hatten sie einen Fehler begangen. Mehr als nur den einen in dieser Nacht, schoss es ihm durch den Kopf. Und ein winziger Teil in ihm dachte dabei auch an den Moment, als er eingewilligt hatte, Imogen zu helfen. Doch zurück konnten sie nicht mehr. Nun hieß es, Augen zu und durch. „Bereit, mein Freund?“, fragte er Arren.
„Ach, jetzt bin ich dein Freund. Zuvor war ich ein notwendiges Übel“, merkte der Bogenschütze an und schnaubte verächtlich.
„Außergewöhnliche Umstände bewirken deine Beförderung“, erwiderte Blake, umfasste den Schwertgriff fest mit beiden Händen und zwinkerte dem anderen Mann zu. Die beiden nickten. Dann stürmten sie los. Brüllend, mit wildem Blick und willens, alles zu geben und wenn es das Letzte war, das sie taten.
Klinge traf auf Klinge, Schläge und Tritte wurden ausgeteilt. Kampfgeschrei erfüllte die Luft. Blakes und Arrens Bemühungen, die Dealan-Dè zu bezwingen, blieben fruchtlos. Pfeile konnten gegen mächtige Flügel nicht bestehen.
Wo bleibt Imogen?, fragte sich Blake, während er im Schwitzkasten von einer der insgesamt fünf Kriegerinnen steckte, die sich auf der Lichtung befanden. Noch immer war ihnen der gelbe Schmetterling nicht zu Hilfe gekommen. Ob sie sich nach wie vor davor fürchtete, ohne ihre Magie zu kämpfen? Blake rang nach Luft. Seine Augen fühlten sich an, als würden sie jeden Moment aus den Höhlen springen. Imogen sollte schleunigst ihren Mut finden, dachte er. Doch bis es so weit war, musste er sich selbst helfen.
Er nahm den Kopf vor und ließ ihn dann zurückschnellen. Sein Hinterkopf traf seine Angreiferin mitten ins Gesicht. Sie keuchte auf. Die Kraft in ihren Armen ließ nach, so sehr, dass Blake sich aus ihnen befreien konnte. Um die blondhaarige Dealan-Dè mit blau-weißen Flügeln außer Gefecht zu setzen, war es allerdings zu wenig gewesen. Blake bewunderte insgeheim ihre Standhaftigkeit, ihre Ausdauer, ihre Kraft und ihr Können. Er war noch nie zuvor gegen einen weiblichen Gegner angetreten und niemals hätte er gedacht, dass ihm eine Frau im Kampf ebenbürtig sein könnte. Doch das war sie und sie hatte bei Weitem nicht genug.
Mit vor Wut verzerrtem Gesicht stand sie vor ihm, ein bedrohliches Blitzen in den Augen, schnaufend, zitternd, aber nicht vor Erschöpfung, sondern vielmehr vor Abscheu ihm gegenüber. Blake lächelte.
„Komm schon, lass es uns beenden“, sagte er und lockte sie mit einem Finger zu sich. Seine Gegnerin grinste, reckte den Schwertarm nach oben und stieg in die Luft empor. Mehrere Meter über dem Boden verharrte sie.
Blake hob den Kopf und beobachtete, wie sie dort oben zu lauern schien, dass er nur blinzelte. Sie war stur und wartete. Doch er war gleichfalls dickköpfig, schenkte ihr nicht die Genugtuung, auch wenn es sich nur um ein Augenzwinkern handelte. Er riss sich zusammen und starrte sie an. Ein Muskel an seinem Auge zuckte. Es war ein Kräftemessen der ganz anderen Art begleitet von den Geräuschen des Kampfes, den sich Arren mit zwei Schmetterlingskriegerinnen lieferte – und Imogen.
Ihr Schrei, laut und kraftvoll, fegte über die Lichtung wie ein Sturm. Blake lächelte. Er empfand Stolz für sie, dass sie sich überwunden, ihren Mut und ihre Stimme wiedergefunden hatte. Am liebsten hätte er sich nach ihr umgedreht, um zuzusehen, wie sie sich in die Schlacht warf. Er war sich gewiss, dass er einiges Aufregendes verpasste. Jedoch hatte er sein eigenes Problem am Hals, das den Moment der Ablenkung ausnutzte und auf dem Weg zu ihm war. Und auch für Arren sah es schlecht aus. Den Brustkorb von den Armen der Kriegerin mit den blutroten Flügeln umschlungen, wurden ihm von seiner anderen Gegnerin die Beine unter ihm weggefegt, sodass er zwischen den zweien hing wie ein nasser Sack. Er war ihnen vollkommen ausgeliefert. Ob Imogen noch rechtzeitig bei ihm sein würde, bevor sie ihn richteten? Blake hoffte es. Er selbst konnte nichts für seinen Partner tun. Die Entscheidung zwischen Blake und seiner Gegnerin stand unmittelbar bevor. Er nahm einen festen Stand ein, hob das Schwert und erwartete die Dealan-Dè, die zum Sturzflug angesetzt hatte.
Wenn es mit ihm hier und jetzt zu Ende gehen sollte, dann war er zumindest froh, dass es im Kampf gegen eine gleichwertige Kriegerin geschah. Gegen sie zu verlieren, kam ihm nicht wie eine Schande vor. Denn dieses Geschöpf war einmalig, beinahe engelsgleich. Nun konnte er sich vorstellen, wie Imogen in ihrer ganzen, vollkommenen Pracht ausgesehen haben musste.
Blake atmete tief durch. Mit zusammengekniffenen Augen blickte er seiner Gegnerin entgegen. Diese ließ einen ohrenbetäubenden Schrei los und holte mit dem Schwert zum Schlag aus. Blake meinte spüren zu können, wie die Flügelspitzen der Dealan-Dè seine Wangen streiften. So dicht war sie ihm bereits gekommen, als sich eine andere Stimme erhob. Sie schien von überall her zu kommen: aus dem Himmel, dem Erdboden, aus den Bäumen. Und sie brachte die Kämpfenden dazu innezuhalten.
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