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Mitra Devi

DAS KAINSZEICHEN

Mitra Devi

DAS

KAINSZEICHEN

Nora Tabanis vierter Fall

Appenzeller Verlag

1. Auflage, 2011

© Appenzeller Verlag, CH-9101 Herisau

Alle Rechte der Verbreitung,

auch durch Film, Radio und Fernsehen,

fotomechanische Wiedergabe,

Tonträger, elektronische Datenträger und

auszugsweisen Nachdruck sind vorbehalten.

Umschlagbild: Bea Huwiler

ISBN Buch: 978-3-85882-564-3

ISBN eBook: 978-3-85882-586-5

www.appenzellerverlag.ch

eBook-Herstellung und Auslieferung:

HEROLD Auslieferung Service GmbH

www.herold-va.de

1. JULI

Der Neue war unheimlich.

Carla Manser hatte im Laufe ihrer Tätigkeit als Psychiaterin schon viele seltsame Patienten behandelt, aber dieser hier war anders.

Als sie auf sein Klingeln die Praxistür öffnete, stand er da wie ein zu schnell gewachsener Teenager, schlaksig und ungelenk. Sein Blick huschte unruhig hin und her. Er überragte sie um einen Kopf und wäre noch grösser gewesen, wenn er sich aufgerichtet hätte. Dass er vierzig war, wusste sie aus den Akten, doch seine bleiche, aufgedunsene Haut und die rötlichen Haare liessen ihn jünger erscheinen.

«Treten Sie bitte ein, Herr Berthold», sagte sie und reichte ihm die Hand. Er ergriff sie kurz und liess sie gleich wieder los.

Carla führte ihn ins Besprechungszimmer, das in blaugrünen Farbtönen gehalten war. Neben der Polstergruppe hingen zwei Meeresbilder mit Sand und Muscheln an der Wand und sollten – so hoffte sie jedenfalls – den Menschen in diesem Raum ein Gefühl von Geborgenheit vermitteln.

Paul Berthold nahm auf dem äussersten Sessel Platz. Sein Blick wich dem ihren aus, seine hellen Wimpern zitterten.

«Herr Berthold», begann sie, nachdem sie sich gesetzt hatte. Sie versuchte, ihrer Stimme einen ruhigen Klang zu geben. Ihr neuer Patient war auf der Hut, das spürte sie. «Doktor Tillmann von der Klinik ‹Seeblick› hat Sie überwiesen. Wir werden die nächsten Monate wöchentlich zwei Sitzungen abhalten.»

«Ja», sagte er monoton. Er fuhr mit dem Daumen über sein bartloses Kinn und kratzte an einem unsichtbaren Pickel herum. Plötzlich schaute er sie an, und sie spürte einen Stich im Magen. Bertholds wässrig-blaue Augen hatten etwas Bodenloses, offenbarten für einen Sekundenbruchteil innere Abgründe, die sie schaudern liessen. Dann war der Moment vorüber, und Berthold starrte auf seine Schuhe.

Carla hatte ihre Praxis in Erlenbach, ganz in der Nähe der Klinik und nur wenige Minuten von ihrer Wohnung entfernt. Ihre Kolleginnen, die täglich von Zürich, Uster oder Wetzikon pendelten und im Stau standen, beneideten sie darum.

Sie mochte die frisch Entlassenen, die den stationären Klinikaufenthalt hinter sich hatten. Diese wurden für die ambulante Nachbetreuung an sie weitergeleitet. Bei Gesprächen mit Langzeitpatienten kam es manchmal vor, dass sie in Gedanken abschweifte. Nur kurz und nicht so, dass ihr Gegenüber etwas davon merkte. Sie konnte sich jeweils sofort wieder konzentrieren und wusste, dass das Nachlassen der Aufmerksamkeit menschlich und normal war. Doch bei Neuen passierte ihr dies nie. Da war sie präsent und auf eine zurückhaltende Art neugierig.

In den Therapiesitzungen konnte sie sich auf ihre Intuition verlassen, die durch unzählige Erfahrungen gewachsen war. Weder ihr Studium noch die diversen Weiterbildungen hatten ihr wirklich vermitteln können, wie man Zugang zu einem verschüchterten, verletzten oder aggressiven Menschen fand. Manche brauchten mütterliche Worte, manche konkrete Konfrontationen, andere einfach Dasein und Aushalten ihres inneren Schmerzes. Dieser hier, das war Carla sofort klar, würde zu einer Herausforderung werden. Ihm wurde überdurchschnittliche Intelligenz attestiert. Nebst schizoiden, paranoiden und narzisstischen Anteilen.

Er hatte gemordet.

Statt eine Gefängnisstrafe verbüssen zu müssen, war er in die geschlossene Abteilung für psychotische Gewaltverbrecher verlegt worden. Nach etlichen Jahren sprach man ihm die ersten begleiteten Ausgänge zu, und seit kurzem lebte er in der betreuten Aussenwohngruppe auf dem Klinikgelände. Damit war er zu einem Fall für sie geworden. Seit seiner Tat hatte er sich nie mehr etwas zuschulden kommen lassen.

Sein Opfer, eine ihm unbekannte Frau, war geschändet, nackt und mit aufgeschnittener Kehle in einer heruntergekommenen Fabrikhalle gefunden worden. Er hatte neben ihr gesessen, seine Hände und sein Gesicht besudelt mit ihrem Blut. Die Tote hatte er auf den Rücken gelegt und auf ihre Stirn mit ihrem Blut ein Kreuz gemalt. Die Medien hatten sich auf dieses Detail gestürzt. Ein biblisches Symbol habe er hinterlassen, berichteten sie in den nächsten Tagen in reisserischen Schlagzeilen und nannten ihn den Kainszeichenmörder.

Carla verscheuchte die Bilder. Es war ihr wichtig, ihren Patienten ohne vorgefasste Meinung kennenzulernen. Menschen wie Berthold nahmen auch minime Unstimmigkeiten wahr. Ehrlichkeit und Offenheit führte zu Vertrauen und Therapiefortschritten, das hatte sie immer wieder erlebt. Seit über zwanzig Jahren tat sie diese Arbeit. Mit Mitte dreissig hatte sie einige Artikel in Fachzeitschriften publizieren können. Ihre Schwerpunkte waren seltene psychische Störungen und Phobien gewesen. Je länger sie sich damit auseinandergesetzt hatte, desto mehr war ihr bewusst geworden, dass niemand frei von psychischen Problemen war. Geistige Gesundheit und Krankheit waren relativ. Ihre eigenen Verletzungen halfen ihr, Verständnis für die Leiden ihrer Klientinnen und Klienten zu entwickeln.

Inzwischen war sie Anfang fünfzig, glücklich geschieden, wie sie gern sagte, und ging in ihrer Tätigkeit auf. Ihre kastanienbraunen Haare trug sie halblang, silbergraue Strähnchen schimmerten darin. Sie achtete auf ihr Äusseres, war natürlich, aber gepflegt gekleidet. Wenig Schmuck, flache Absätze. Kleinigkeiten konnten beim Aufbau einer therapeutischen Beziehung eine Rolle spielen.

«Mir liegt viel an einer konstruktiven Zusammenarbeit», sagte sie. «Wenn Ihnen eine Intervention von mir zu schnell oder nicht angebracht erscheint, teilen Sie es mir bitte mit.»

Er nickte. Blick abgewandt, Schultern gekrümmt.

«Möchten Sie über ein bestimmtes Thema sprechen?»

Er zögerte, knetete seine wulstige Unterlippe, starrte sie wieder an. Nur kurz. Etwas Undefinierbares lag in seinem Blick. Angst? Berechnung? Grausamkeit? Carla konnte es nicht deuten.

«Ein bestimmtes Thema», wiederholte er. «Da hätte ich eines.»

«Ja?», machte sie auffordernd.

Er lächelte. «Aber es wird Ihnen nicht gefallen.»

Sie schüttelte sanft den Kopf. «Was Sie mir anvertrauen, muss mir nicht gefallen, Herr Berthold. Sie sind für sich selbst hier.»

Berthold zog die Brauen zusammen. Seine Stimme war eisig, als er sagte: «Irrtum. Ich bin hier, weil mich Doktor Tillmann dazu verknurrt hat.»

So unrecht hatte er damit nicht. Carla war geduldig. Sie ahnte, dass er reden würde. Die meisten sehnten sich über kurz oder lang danach, sich mitzuteilen. Egal, was sie getan hatten.

«Meine Phantasien», sagte er und leckte sich die Lippen. «Ich werde Ihnen von meinen Phantasien erzählen.»

Als er nicht weitersprach, fragte sie: «Sind es belastende oder beglückende Bilder?»

«Zwanghafte.»

«Leiden Sie darunter?»

Er fixierte Carla. «Ich geniesse sie.»

Sie hielt seinem Blick stand.

«Ich töte», sagte er.

Sie runzelte die Stirn, wartete, bis er fortfuhr.

«Jede Nacht töte ich. Jeden Tag. Im Wachzustand. In meinen Träumen. Und in der Welt dazwischen. Kurz vor dem Einschlafen. Sie kennen diese Phase sicher, wenn die Farben und Formen intensiver werden.

Sie nickte. «Man nennt es hypnagoge Bilder.»

Auf ein Mal schnellte er wie eine Schlange nach vorn und zischte: «Unterbrechen Sie mich nicht, Sie Schlampe!»

Sein Ausbruch kam so plötzlich, dass sie zuerst meinte, sich das Ganze nur eingebildet zu haben. Schon lehnte er sich wieder zurück und lächelte sie an, als wäre nichts gewesen.

«Herr Berth –»

«Ich schneide ihnen die Kehle auf.»

«Ihnen?»

«Meinen Opfern.» Er betonte das Wort, als wäre es eine besondere Kostbarkeit. «Sie bluten aus. Während der Lebenssaft aus ihnen rinnt, starren sie mich an. Ihr Erkennen … ihr Blick… es ist unbeschreiblich.» Er legte die Hände auf die Knie und flüsterte: «Wenn man das einmal erlebt hat, vergisst man es nie wieder. Einem Sterbenden in die Augen zu schauen, ist berauschend. Diese Macht. Diese Schönheit. Es könnte Sie auch faszinieren.»

Carla sah ihn lange an. Er versuchte, eine Verbindung zu ihr herzustellen, auf die einzige Art, die er kannte: mit Provokation. Etwas unangenehm, aber kein schlechtes Zeichen. An seiner Methode musste er noch arbeiten, doch sein unausgesprochenes Bedürfnis nach Beziehung empfand sie als echt. «Ich glaube nicht, dass mich das faszinieren würde», gab sie zurück. «Aber fahren Sie bitte fort mit Ihrer –»

«Woher wissen Sie das?»

«Was?»

«Ob Sie es nicht geniessen könnten, einen Menschen beim Todeskampf zu betrachten.»

«Nun, ich –»

«Sie haben es noch nie probiert, nicht wahr?», sagte er mit listigem Ausdruck. «Das ist ein Vorurteil von Ihnen.»

«So würde ich das nicht nennen.»

«Sondern?»

«Eine Entscheidung. Eine Haltung. Eine, die Sie auch lernen können, wenn Sie das wollen. Mitgefühl.»

Er lachte spöttisch. «Jetzt werden Sie pathetisch!»

Carla schwieg eine Weile, dann meinte sie: «Können wir nun wieder zu Ihnen zurückkehren?»

«Natürlich.» Er sackte im Stuhl zusammen wie ein gescholtener Junge und murmelte: «Ich wollte Sie nicht verärgern. Verzeihen Sie. Ich wollte nur, dass Sie mich verstehen.»

Sie nickte. «Das versuche ich, Herr Berthold. Was ist es, das Sie mir wirklich mitteilen möchten?»

Durch seinen Körper ging ein Ruck, dann sass er kerzengerade da. Alle Unsicherheit, die noch vor einem Augenblick durchschimmerte, war verschwunden. Er legte den Kopf in den Nacken und feixte von oben herab: «Sie sind gut, Frau Psychiaterin. Wirklich gut. Immer schön verständnisvoll. Kostet das extra?»

Carla wusste nicht, ob die Entschuldigung vorhin nichts als Theater gewesen war, oder ob Bertholds abrupter Gesichtswechsel mit seiner Störung zusammenhing. In seiner Krankenakte stand zwar «Megalomanische Phasen mit fehlender Affektkontrolle», doch diese konnten sich auf verschiedenste Arten äussern. Noch kannte sie ihn zu wenig. Sie erwiderte nichts. Er schien auch keine Antwort zu erwarten.

Mit einem kalten Lächeln flüsterte er: «Es ist meine Bestimmung zu töten. Ich werde es wieder tun. Ich weiss es.»

Carla fühlte, wie ihr Herz schneller schlug. Dann erinnerte sie sich an die Worte des Klinik-Chefarztes. Der Patient neige zu Übertreibung und Inszenierung, hatte Tillmann ihn beschrieben. Allerdings nur auf verbaler Ebene. Paul Bertholds Gewaltpotenzial sei minim, seine Medikation optimal eingestellt, und die Gefahr, dass er seinen Worten Taten folgen lasse, äusserst gering.

2. JULI

Das Schrillen des Telefons riss sie aus dem Schlaf. Carla brauchte einen Augenblick, um sich zu orientieren, tastete nach dem Lichtschalter, setzte sich auf. Dann blinzelte sie in die Helligkeit. Das Klingeln hielt an. Sie schaute auf den Wecker. Halb drei Uhr morgens. Wer konnte das sein?

Sie stieg aus dem Bett und tapste barfuss ins Wohnzimmer. Der vergangene Tag lief im Schnellzugstempo vor ihr ab. Sechs Klienten hatte sie gehabt. Fünf kannte sie schon länger, der letzte war Paul Berthold gewesen. Danach hatte sie eingekauft, eine Lasagne aufgewärmt und den ganzen Abend Patientenakten durchgearbeitet.

Sie eilte den Gang entlang, stolperte über die Schwelle. Es läutete weiter. Konnte es Mark sein, ihr Ex-Mann? Zuzutrauen war es ihm, er hatte Konventionen wie Nachtruhe nie respektiert. Allerdings hatten sie sich während der Scheidung alles gesagt, was gesagt werden musste. Eveline? Carla spürte einen Anflug von Sorge. Ihre Tochter lebte ein Jahr in Australien, reiste alle paar Tage zur Nachbarinsel und beteiligte sich an einem Projekt zur Rettung des Tasmanischen Beutelteufels. In Down Under war es jetzt Nachmittag. Wenn Eveline nur nichts zugestossen war.

Carla lief im Dunkeln zur Kommode und langte nach dem Telefon. Sie hoffte, es wäre nicht bloss jemand, der sich verwählt hatte. Oder noch ärgerlicher, ein Witzbold.

Sie nahm ab.

Erstarrte, als sie die Stimme hörte.

Der Anrufer hatte sich nicht verwählt. Und war auch kein Witzbold.

Paul Berthold keuchte in den Hörer. «Ich habe es getan.»

Das Nächste verstand sie nicht, sein Schnaufen übertönte die Worte. Er stiess den Atem heftig aus, als wolle er sich von einem Alpdruck befreien. Weinte er?

«Was?», fragte sie. «Was haben Sie getan?»

«Ich wusste, dass ich irgendwann die Kontrolle verlieren würde.» Er stöhnte. Schluchzte. Es knackte in der Leitung.

«Nicht auflegen, Herr Berthold! Wo sind Sie? Was ist los?»

Ein irres Lachen erklang, das ihr einen Schauer über den Rücken jagte. Nur zwei Sekunden dauerte es, dann war es wieder vorbei, und Berthold sagte: «Ich habe getötet.»

«Sie haben was?», rief sie lauter, als beabsichtigt.

«Ich habe wieder gemordet. Vor mir liegt eine Leiche.»

Carla klemmte sich den Hörer zwischen Ohr und Schulter und lief ins Schlafzimmer zurück. Sie zwängte sich in ihre Hose, das Telefon rutschte ihr aus der Hand, schepperte zu Boden. Sie hob es auf. Und hörte gerade noch, wie ihr neuer Patient sagte: «Ich bringe mich um.»

«Warten Sie, Herr Berthold! Wo sind Sie?»

«Ich habe kein Recht mehr zu leben.»

«Berthold! Tun Sie nichts Unüberlegtes! Man wird Ihnen helfen.»

Verzweifelt stiess er aus: «Niemand kann mir helfen.»

Carla antwortete so vertrauenerweckend, wie sie konnte: «Sagen Sie mir, wo Sie sich befinden, und ich schicke jemanden vorbei, der nach Ihnen schaut.»

«Sie!», forderte er. «Sie sollen nach mir schauen.»

«Ich werde Doktor Tillmann –»

«Nein! Sie!»

Carla zog ein T-Shirt an, schlüpfte in die Schuhe, sprach dazwischen ins Telefon. «Beruhigen Sie sich. Doktor Tillman wird–»

Sein Schrei fuhr ihr durch Mark und Bein. «Nicht Tillmann!», brüllte er. «Sie! Sie kommen her! Sofort! Oder ich schneide mir die Kehle auf! Ich schwör’s, ich tu’s!»

Carla knöpfte ihre Bluse zu und hastete zur Tür. «Sie können mich nicht erpressen, Herr Berthold. Teilen Sie mir mit, wo Sie sind, und ich versichere Ihnen, dass Ihnen jemand helfen wird.»

Wieder drang ein Schrei in ihr Ohr, es klang wie das Echo einer verlorenen Seele aus der Unterwelt. «Ich bin in der alten Papierfabrik! In der hintersten Halle. Ich bring mich um, wenn Sie nicht kommen.» Eine Sekunde herrschte Stille. Carla vernahm nur das Rauschen des Blutes in ihrem Kopf. Dann kam Bertholds Stimme leise aus dem Hörer: «Und ich bring mich um, wenn Sie nicht allein kommen.»

Nora Tabani stöhnte. Sie hatte seit dem Morgen gewusst, dass dies eine schlaflose Nacht würde. Nicht nur, weil die Hitze diesen Sommer alle Rekorde brach – sie schlief mit sperrangelweit geöffneten Fenstern, liess sich für ein wenig Kühlung von Mücken, Lärm und Abgasen quälen –, sondern auch wegen des Jahrestages.

Es war jeden 2. Juli das Gleiche. Sie versuchte, das Datum zu vergessen, beschäftigte sich schon am Vortag mit Dingen, die sie ablenkten oder ihre ganze Konzentration erforderten. Nachts arbeitete sie. Heute hatte sie eine Nachmittagsvorstellung im Kino besucht. Kaum war der Abspann vorüber, kehrte das flaue Gefühl zurück. Sie hängte gleich noch einen zweiten Film an, eine seichte Komödie, die reihenweise Teenies zu entzücktem Kichern brachte und bei Nora einen schalen Nachgeschmack hinterliess. Seit sechs Uhr abends sass sie am Schreibtisch in ihrem Detektivbüro und hämmerte auf die Tasten des Laptops. Es war drei Uhr morgens.

Der Todestag ihres Vaters.

Vor sechs Jahren war er ermordet worden. Ein aktiver, humorvoller Mann, der mehr Freunde gehabt hatte, als Nora je haben würde. Einfach aus dem Leben gerissen wie ein Gepard, der über die Steppe prescht und mitten im Sprung niedergestreckt wird. Leere blieb zurück. Und eine Ohnmacht, die im Laufe der Zeit nicht abnahm, sondern nur kälter wurde.

Nora seufzte. Sie trank einen Schluck Kaffee und tippte ihr von Hand geschriebenes Protokoll des aktuellen Falles ab.

Miroslav, ein junger Sozialarbeiter, hatte sie vor ein paar Tagen mit der Suche nach seinem gestohlenen Hund beauftragt. Dass dieser entführt worden war, hatte er von der Kasse beim Coop an der Höschgasse aus beobachtet. Bevor er sich durch die Leute habe zwängen und rausstürmen können, war der Tierdieb verschwunden. Miroslav hatte das ganze Quartier abgesucht, Nachbarn befragt und Plakate mit der Beschreibung seines Lieblings aufgehängt. Als alles nichts nützte, hatte er Nora aufgesucht. Er hatte ihr ein Foto gezeigt, auf dem ein struppiggraues Hündchen abgebildet war, das er Daisy nannte, obwohl es ein Männchen sei, aber das habe er zum Zeitpunkt der Namensgebung nicht gewusst. Daisy, bei dem man kaum erkennen konnte, was vorn und was hinten war, erinnerte Nora in Form und Farbe an eine Klobürste. Doch Miroslav schien sehr an dem Hund zu hängen. Er beschrieb ihn als aussergewöhnlich intelligent und lebendig. Und leider auch als viel zu vertrauensselig.

Nora listete auf, wo sie überall nach dem Tier gesucht hatte. Dann fügte sie hinzu, was das Resultat ihrer Ermittlung war: nichts. Nach einer Weile stand sie auf, reckte und streckte sich und schaute aus dem offenen Fenster. Die Laternen beleuchteten die Seefeldstrasse. Es war still, das Innere der Häuser dunkel. Keine Autos, schon gar keine Trams um diese Zeit. Die Leute schliefen. Eine Katze überquerte die Geleise, gab ein sehnsüchtiges Miauen von sich, eine andere antwortete ihr. Dann ging das Licht in einer gegenüberliegenden Wohnung an, eine Balkontür öffnete sich, und ein Mann trat in Unterhosen heraus. Als er Nora entdeckte, hob er die Hand. Sie winkte zurück. Sie kannte ihn vom Sehen. Er zündete sich eine Zigarette an, die regelmässig aufglühte, stiess den Rauch aus, dann ging er wieder hinein. Die Balkontür liess er offen.

Nora setzte sich wieder an den Bildschirm. Seltsam, dass heute keine Post von ihrer Mutter gekommen war. Sonst trafen ihre in verschnörkelter Schrift verfassten Briefe jeweils kurz vor Vaters Todestag bei Nora ein. Sonjas seelischer Zustand hatte sich, wie Nora aus den letzten Telefongesprächen schloss, massiv verbessert. Noras Mutter hatte vor einiger Zeit darauf bestanden, dass ihre Tochter sie beim Vornamen nannte. «Mama» klinge kindlich, «Mutter» lasse sie schlagartig zu einer biederen alten Schachtel mutieren, und etwas anderes käme gar nicht in Frage. Nach fast sechs Jahren des Rückzugs in ein Atelierhäuschen in Südfrankreich, gebeutelt von einer anhaltenden Depression, hatte Sonja im Frühling die ersten Briefe geschickt, in denen sie von neuer Lebensfreude schrieb. Ihre Aquarellmalerei habe sich verändert, sie verwende nun hellere Farben und fröhlichere Motive. Und sie habe sich mit einem netten Franzosen angefreundet, der ebenfalls Künstler sei. Nora hatte sich gefreut für sie.

Bald darauf waren bunte Postkarten hereingeflattert, auf denen Sonja von einem Arzt schwärmte, der ihr aus dem schwarzen Loch geholfen habe. Die Worte auf den immer farbenprächtigeren Karten waren mit Smileys verziert, die Schrift abwechselnd in Rot, Gelb und Pink gehalten. Nora hatte sich nicht gegen den Gedanken wehren können, hinter der plötzlichen Stimmungsaufhellung ihrer Mutter stecke Chemie. Prozac oder Ritalin. Doch Hauptsache, es ging ihr besser. Vielleicht tat sie Sonja auch unrecht; vielleicht hatte diese nach all den düsteren Jahren ein verständliches Nachholbedürfnis nach Licht und Leichtigkeit.

Aus einer Vorahnung heraus klickte sich Nora ins Internet. Sie öffnete ihren Mail-Account. Und tatsächlich, hier war sie, die Nachricht ihrer Mutter. Diesmal nicht vom Postboten gebracht, sondern elektronisch verschickt.


Von:Sonja <sonja.tabani@bluewin.ch>
An:Nora <noratabani@hotmail.com>
Betreff:Überraschung!
Gesendet:2. Juli 01:12:02

Liebe Nora,

sechs Jahre ist es nun her. Ich weiss, dass du heute auch den ganzen Tag daran denkst. Darum etwas zur Aufmunterung: Ich werde dich besuchen! Ich habe eine Galerie im Zürcher Niederdorf gefunden, die meine Bilder ausstellt. Ist das nicht toll? Die Vernissage findet in zwei Wochen statt. Ich dachte, ich wohne die ersten Tage bei dir, bis ich etwas gefunden habe. Das ist dir doch sicher recht, oder?

Liebe Grüsse,

Sonja

Nora war platt. Sonjas Wandel schien tiefgreifender zu sein, als sie gedacht hatte. Seit ihrer Kindheit war das Verhältnis zu ihrer Mutter eher kühl gewesen. Noras ganze Liebe hatte ihrem Vater gegolten, der sie nach Strich und Faden verwöhnt, sie aber auch angespornt hatte, ihren Träumen zu folgen. Sonja hatte sich aus allem rausgehalten. Aus Noras Alltag. Aus ihren Beziehungen. Aus ihrem Leben. Und nun lud sie sich selber ein.

Doch Noras Mansarde war so klein, da konnten unmöglich zwei Leute drin leben. Ganz zu schweigen von Mutter und Tochter, deren Beziehung jahrelang auf Sparflamme lief. Die Mini-Wohnung, die im selben Haus wie ihr Detektivbüro lag, reichte gerade für Nora, die kärgliche Einrichtung und Gregors Terrarium. Ihr Chamäleon durfte sich nach Herzenslust ausbreiten. Für Nora galt das nicht. Gregors gläsernes Heim, mit Pflanzen, Steinen und Wurzeln bestückt, war grosszügig gestaltet und füllte fast das halbe Zimmer aus. Nur schon der Gedanke, dass ihre Mutter und sie auf ein paar Quadratmetern zusammengepfercht sein würden, löste in Nora Beklemmung aus.

Sie schrieb zurück:


Von:Nora <noratabani@hotmail.com>
An:Sonja <sonja.tabani@bluewin.ch>
Betreff:RE: Überraschung!

Liebe Sonja,

vielen Dank für dein Mail. Ich freue mich, dass du deine Werke ausstellen kannst. Dass du bei mir übernachtest, geht leider nicht, ich habe viel zu wenig Platz. Tut mir leid. Ich helfe dir aber gern, ein Hotelzimmer zu finden. Wann hast du vor anzureisen?

Herzliche Grüsse,

Nora

Ihre Mutter schien ebenfalls am Computer zu sitzen. Postwendend kam eine Antwort.


Von:Sonja <sonja.tabani@bluewin.ch>
An:Nora <noratabani@hotmail.com>
Betreff:RE: RE: Überraschung!
Gesendet:2. Juli 03:25:11

Liebe Nora,

keine Angst, ich werde dir nicht auf die Nerven gehen!

Ein, zwei Übernachtungen wirst du deiner Mutter bestimmt zugestehen. Wir werden’s lustig haben, wie in alten Tagen. Ich fahre in ein paar Stunden los. Mein Zug geht um 06.51 Uhr ab Montpellier und kommt heute nachmittag um 14.28 Uhr am Hauptbahnhof Zürich an. Holst du mich ab?

Liebe Grüsse,

Sonja

Lustig wie in alten Tagen? Ankunft heute nachmittag? Nora stiess entgeistert den Atem aus. Das war definitiv Prozac, das die Erinnerungen und Entscheidungen ihrer Mutter trübte. Sie fand es idiotisch, weiter hin und her zu mailen, wenn sie beide wach waren, und griff zum Telefon. Sie stellte die französische Nummer ein. Nach zweimal Läuten nahm ihre Mutter ab.

«Nora, Liebling? Bist du das?», zwitscherte Sonja quicklebendig, als würde sie Nacht für Nacht um diese Zeit anregende Gespräche führen.

«Ich warte am Bahnhof auf dich», sagte Nora. «Einmal übernachten, mehr liegt wirklich nicht drin. Meine Mansarde hat die Grösse einer Schuhschachtel.»

«Geht klar, Schatz. Ich helfe dir auch in Haus und Heim! Putzen, Kochen, Abwaschen. Was in einem Detektivinnenhaushalt so anfällt.» Ein perlendes Lachen folgte.

Nora wischte sich den Schweissfilm von der Stirn. Die Hitze war noch immer drückend, kein Lüftchen wehte herein. In der Ferne hörte sie einen Automotor starten. Das brachte sie auf die Frage: «Wie transportierst du deine Bilder in die Schweiz?»

«Sind bereits unterwegs. Mit einer Speditionsfirma. Ich kann sie in den nächsten Tagen abholen. Ich habe extra ein Warenlager gewählt, das im Seefeld liegt. Ganz nah bei dir.»

«Du hast wirklich an alles gedacht.»

«Ja, nicht wahr? Ich bin schon sehr ungeduldig! Ich freue mich so, dich wiederzusehen. Du dich nicht auch?» Sonjas Stimme klang erwartungsvoll und offen.

Nora schluckte. Ging sie zu hart mit ihrer Mutter ins Gericht? Diese hatte es nach dem grausamen Mord an ihrem Mann genauso schwer gehabt wie Nora. Dass Sonja nach ihrem Eremitenleben nun wieder Unternehmungslust verspürte, war nichts als wünschenswert. Kein Grund für Nora, sich überfallen zu fühlen, keine Ursache zur Abwehr. Auch wenn das Ganze mehr als unerwartet kam – sie würde das hinkriegen. Momentan war sie zum Glück nicht mit einem schwierigen Fall beschäftigt, der sie forderte. Wenn Sonja sich nützlich machen wollte, konnte sie statt Putzen und Kochen mithelfen, den gestohlenen Daisy zu suchen.

Nora lächelte und meinte es ehrlich, als sie antwortete: «Doch, Sonja. Ich freue mich auch.»

Carla stand eine Sekunde lang wie versteinert im Zimmer. Berthold, ihr neuer Patient, war erneut zum Mörder geworden. Nur wenige Stunden, nachdem er ihr seine Gewaltphantasien anvertraut hatte. Etwas in ihr weigerte sich, das zu glauben. Dann riss sie sich zusammen. Sie musste handeln. Sie warf den Hörer aufs Bett und spurtete das Treppenhaus hinunter. Dann rannte sie in die Garage und startete ihren gelben Mini. Sie brauste aus der Ausfahrt, griff während des Fahrens nach dem Handy und wählte die Notfallnummer von Klinikleiter Lorenz Tillmann. Der wirkte erschrocken und versprach, sich sofort auf den Weg zu machen. Danach rief sie die Polizei an, die ihr versicherte, in wenigen Minuten vor Ort zu sein.

Ja, Paul Berthold sollte Hilfe erhalten. Sie war seine Therapeutin. Auch wenn er getötet hatte, war er ein kranker Mensch, der Beistand verdiente. Und nein, sie würde nicht allein kommen. Sie würde ihr Leben nicht aufs Spiel setzen.

Ein einziges Mal hatte sie den Fehler gemacht, sich von einem Patienten erpressen zu lassen. Zu Beginn ihrer psychiatrischen Praxis hatte ein Börsenmakler gedroht, seine Kinder zu töten, wenn sie ihn nicht notfallmässig behandle. Carla hatte seine Verzweiflung gespürt, den Termin mit ihrer Langzeitklientin verschoben und ihn empfangen. Die Sitzung war ein Desaster geworden. Er hatte gewütet und getobt, sie unfähig und erbarmungslos genannt. Seine Drohungen hatten sich ins Unermessliche gesteigert. Mit den Worten «Jetzt bring ich meine Söhne um!» war er aus dem Behandlungszimmer gestürmt. Die Vorstellung, er könnte dies wirklich tun, weil sie falsch reagiert habe, fand Carla so unerträglich, dass sie ihm nacheilte. Es folgte eine stundenlange Diskussion vor seinem Haus, die darin gipfelte, dass eine Nachbarin die Polizei rief, die dem Ganzen ein Ende setzte. Ironischerweise stellte sich heraus, dass ihr Patient gar keine Kinder hatte.

Damals hatte sie sich geschworen, es nie mehr so weit kommen zu lassen. Wenn jemand damit drohte, sich oder einem anderen etwas anzutun oder es womöglich bereits getan hatte wie in diesem Fall, schaltete sie die Behörden ein.

Carla fuhr zu schnell. Aber um diese Zeit musste sie nicht mit Verkehr rechnen. Sie nahm die Seestrasse und folgte ihr ein Stück. Dann liess sie den Dorfkern von Erlenbach hinter sich, bog rechts ab und hielt sich Richtung Forch. Die ehemalige Papierfabrik sorgte bei den Anwohnern der Goldküste seit Jahren für Spannungen. Die Inhaberfamilie hatte während der Finanzkrise Konkurs gemacht, und die Gemeinde weigerte sich, die Kosten für den Abbruch der Gebäude zu übernehmen. Seit zwei Jahren rotteten die Hallen vor sich hin, wurden mit Graffitis versprayt und von Junkies als Drogenumschlagplatz benutzt. Vor kurzem wurden die ersten Prostituierten aus Osteuropa vor den Fabriktoren aufgegriffen, was vor allem bei politisch konservativen Männern für Empörung gesorgt hatte. Huren in ihrem Dorf! Als wären diese ehrenwerten Herren nicht die Hauptklientel der oft mit Gewalt ins Land verschleppten Frauen. Carla hasste diese Doppelmoral.

Sie quietschte um die Kurve, nahm die Abkürzung den Kiesweg hinauf und parkierte ihren Mini vor der Fabrik. Sie löschte die Scheinwerfer. Es war finster. Ein fahler Halbmond leuchtete hinter einem Wellblechdach am Himmel und erhellte die Umgebung nur wenig. Die Silhouetten der verschiedenen Gebäude hoben sich kaum von der nächtlichen Dunkelheit ab. Carla liess das Fenster einen Spalt hinunter und lauschte in die laue Nacht. Der Duft eines würzigen Krautes strömte herein, Thymian oder etwas Ähnliches. Die Grillen zirpten, doch sonst vernahm sie kein Geräusch.

Gleich würde die Polizei eintreffen. Auf einmal schoss ihr der Gedanke durch den Kopf, das Ganze könnte ein falscher Alarm sein, Berthold sie an der Nase herumgeführt haben wie damals der Börsenmakler. Vielleicht lag ihr neuer Patient friedlich in seiner Aussenwohngruppe im Bett und amüsierte sich über ihre Gutgläubigkeit. Doch seine Aufregung hatte so echt geklungen, dass sie sich nicht vorstellen konnte, ihm auf den Leim gekrochen zu sein.

In diesem Moment hörte sie Schritte.

Oder hatte sie sich getäuscht? Sie starrte in die Dunkelheit, konnte nichts erkennen.

Dann lehnte sie sich wieder zurück. Tageslicht hätte die Situation um einiges weniger unheimlich gemacht. Obwohl sie sich im Dunkeln eigentlich nicht fürchtete. Ausser mit einer unerklärlichen Scheu vor grossen Hunden – ohne je eine schlechte Erfahrung in dieser Hinsicht gemacht zu haben – war sie zum Glück nur selten mit eigenen Ängsten konfrontiert. Aber häufig mit jenen ihrer Klienten.

Was quälende Störungen anbelangte, hatte sie buchstäblich schon alles erlebt. Junge Frauen, die, sobald sie das Haus verliessen, von derart heftigen Angstattacken gepeinigt wurden, dass sie sich während Monaten nur noch daheim aufhielten. Männer, die nach aussen hin stark und selbstsicher wirkten, doch unter Phobien litten, die sie unerträglich peinlich fanden. Ein muskulöser Bauarbeiter aus Spanien kam Carla in den Sinn. Er hatte Panik vor Spinnen gehabt. Er weigerte sich, alte Häuser zu renovieren, in denen es vor Ungeziefer wimmelte, und arbeitete nur in Neubauten. Das kostete ihn den Job, was wiederum eine Depression auslöste. Die Mediensprecherin eines Pharmariesen war von Keraunothentophobie betroffen – der Furcht vor herabstürzenden Satelliten. Was anderen ein ungläubiges Lachen entlockte, war für sie eine Quelle der Angst. Sie mied offene Plätze und hatte ein Dutzend Raumfahrt- und Astronomiezeitschriften abonniert, um über die neuesten Satellitenmodelle und deren Reise um die Erde informiert zu sein.

Das Bizarrste, was Carla in ihrer Tätigkeit erlebt hatte, war der nihilistische Wahn eines Patienten, der am Cotard-Syndrom litt. Er war felsenfest überzeugt, tot zu sein. Nichts konnte ihn von seiner Meinung abbringen. Carla wies ihn auf seine Atembewegungen hin, die er aber als letztes Zucken seines verrottenden Kadavers deutete. Sie erklärte ihm, dass ihre Gespräche zwischen zwei lebenden Menschen stattfanden. Er nannte es neuronales Aufflackern im Verwesungsstadium. Als sich seine psychotischen Halluzinationen verschlimmerten, stellte er jegliche Bewegung ein, lag nur noch auf dem Rücken mit auf der Brust gefalteten Händen und wartete darauf, dass sich sein Körper zersetzte. Ohne sich der Absurdität seiner Lage bewusst zu sein, erzählte er von seinen sich auflösenden Organen, seiner stinkenden, mit Totenflecken übersäten Haut und seinen Augäpfeln, die in den Höhlen verfaulten. Ein Zustand, der für gesunde Menschen nicht einfühlbar war. Ein manifestiertes Bild des Grauens.

Plötzlich zuckte Carla zusammen. Da war es wieder, das Geräusch.

Etwas schepperte an ihrem Auto. Jemand war hier. Sie wirbelte herum.

Reflexartig schaltete sie die Scheinwerfer ein. Der Lichtkegel beleuchtete wadenhohes Unkraut und endete an einer Fabrikmauer, deren Verputz abbröckelte. Sie hörte ein Kratzen und das Knirschen von Kies. Dann tauchte Bertholds Gestalt vor der Scheibe auf. Sein bleiches Gesicht. Mit wild hämmerndem Herz sah sie zu ihm hoch. Seine Wangen und seine Stirn waren blutverschmiert. In der Hand hielt er ein Messer.

Nora stand unschlüssig in ihrem Büro und starrte auf das noch immer geöffnete Mail. Inzwischen war es halb vier Uhr morgens. Sie war hellwach und klar im Kopf. Sich nun schlafen zu legen, hatte keinen Sinn mehr. Sie fuhr den Laptop herunter, schloss den Deckel und trank den letzten Schluck des kalten Kaffees. Von draussen erklang das Lied einer einzelnen voreiligen Amsel, was sogleich ein mehrstimmiges Miauen zur Folge hatte. Wie zum Hohn legte der Vogel an Gesangsintensität noch etwas zu, worauf die Katzen erst recht schrien.

Nora stieg die Treppe vom ersten Stock zu ihrer Mansarde hoch und sah sich um. Zu chaotisch für Sonja. So konnte sie sie hier nicht einquartieren. Der Boden war übersät mit Dingen, die nicht auf einen Boden gehörten. Zeitschriften, Socken, Fachliteratur, Stifte, Coladosen, zwei Sonnenbrillen und ein angebissenes Käsebrot, das auf einer leeren Pizzaschachtel lag. Die Bettdecke war zerknautscht, der winzige Küchentisch voller Brotkrümel, im Spülbecken stapelte sich das ungewaschene Geschirr. Trotz dieser für andere nur schwer nachvollziehbaren Unordnung – da machte Nora sich nichts vor – wirkte ihr kleines Reich gemütlich. Das bekam sie immer wieder zu hören. Der alte Parkettboden knarrte sympathisch, die unrenovierte Kombination in der Küche, welche nahtlos in das einzige Zimmer mündete, aus dem die Mansarde bestand, hatte etwas Liebenswertes, das man heutzutage kaum mehr antraf. Wie eine in die Jahre gekommene Tante, deren Kleidung längst nicht mehr der aktuellen Mode entsprach, deren Ansichten antiquiert waren und deren Frisur bestenfalls für eine mittelalterliche Komödie taugte – und die man dennoch nicht anders als innig lieben konnte.

Nora machte sich daran, ihr Reich sonjatauglich zu gestalten. Sie zog die Bettwäsche ab, schmiss sie in den Wäschekorb und bezog die Matratze frisch. Dann hob sie die verstreuten Dinge vom Boden auf und legte die Zeitungen auf den Altpapierhaufen im Bad. Sie warf die leeren PET-Flaschen in die Recyclingkiste daneben und begann, das Geschirr abzuwaschen. Hoffentlich weckte das Scheppern und Klappern die anderen Hausbewohner nicht auf. Das warme Wasser, das ihr über die Hände rann, drückte ihr erneut den Schweiss aus den Poren. Die Luft hatte sich keinen Deut abgekühlt.

Nora versorgte Teller, Gläser und Besteck, reinigte die verkrusteten Herdplatten und wischte den Bistrotisch sauber. Es gefiel ihr. War lange her, seit ihre Wohnung derart sauber gewesen war. Weil sie gerade so im Schwung war, staubte sie auch gleich noch die Fenstersimse und den Schrank ab. Sie stieg auf einen Stuhl und erlaubte sich den völlig unnötigen Luxus, die obere Abdeckung der Küchenschränkchen zu reinigen. Guter Gott, was da für Staubmassen lagen! Fingerdick, bestimmt noch Überbleibsel von den Vormietern. Die Fusseln wirbelten auf und brachten sie zum Niesen. Sie schob die grauen Bäusche angewidert in einen Plastiksack und knotete ihn zusammen.

Als alles getan war, stieg sie zufrieden herunter und griff nach dem Staubsauger, um der Mansarde noch den letzten Schliff zu verpassen. Dann hielt sie inne. Nein, das konnte sie nicht tun mitten in der Nacht. Ihr Staubsauger röchelte wie ein Rhinozeros und würde das halbe Seefeld aus dem Schlaf reissen. Schade, nun, da sie so schön dabei war. Aber das musste sie auf später verschieben. Sie stellte ihn wieder zurück und betrachtete ihr Werk. Grossartig. Etwas gewöhnungsbedürftig, diese ganze Ordnung, aber grossartig.

Sie schaute zu ihrem Chamäleon hinüber, das seine gigantischen Nasenhöcker an die Scheibe des Terrariums drückte. Heute war Gregor gelbgrünlich mit einem Hauch ins Türkis. Er fixierte einen Punkt in der Ferne, wahrscheinlich ein für Nora unsichtbares Insekt, das er gerne verspeist hätte.

«Na? Was sagst du dazu, mein Lieber?», flötete sie. «Blitzblank haben wir’s jetzt.»

Gregor verzog keine Miene.

«Ich weiss schon. Du willst nicht zugeben, dass du mich auch magst», sagte sie, um das leider einseitige Gespräch nicht verebben zu lassen. Sie kniete sich zu ihm hin, nahm ihn vorsichtig heraus und sah in seine riesigen Kulleraugen. «Lass dich doch mal etwas gehen. Das wäre gut für dein seelisches Wohlbefinden.»

Gregor wahrte sein Pokerface, blieb reglos auf ihrer Hand sitzen und schwieg. Kürzlich hatte er zum ersten Mal Anstalten gemacht, sie als lebendiges, wenn auch untergeordnetes Reptil zu betrachten, doch das schien ein einmaliger Ausrutscher gewesen zu sein. Nora setzte ihn auf den Boden. Er hob seinen Kopf überheblich in die Höhe und stolzierte schnurstracks zur Heizung hinüber, die er vom Winter her als warm in Erinnerung hatte.

«Sie ist nicht an, mein Kleiner. Es ist Sommer. Heiss, wie du es liebst.»

Gregor schob seine Schnauze zwischen zwei Radiatorwindungen und verharrte in dieser Position.

Nora liess ihn eine Weile in Ruhe und machte sich nochmals einen Kaffee. Sie setzte sich an den Küchentisch und betrachtete den Kühlschrank, auf dem ein Dutzend Fotos mit Magneten befestigt waren. Ihr ehemaliger Polizeikollege Mike hielt einen Riesenfisch an der Angel und strahlte in die Kamera. Svetlana, die Präparatorin vom Institut für Rechtsmedizin, zog eine Grimasse, die ihr die Hauptrolle in einem Frankenstein-Remake eingebracht hätte. Nora war auf einem Gruppenfoto bei einem Dolomiten-Trekking zu sehen. Sonja und Noras Vater in jugendlichem Alter auf einer Venedig-Reise. Noras Blick blieb an einem Bild von Jan und Monika hängen, das an ihrer Hochzeit aufgenommen worden war. Im Hintergrund das Stadthaus und mehrere winkende Leute. Jan, ihr Partner, mit dem sie schon einige verzwickte Fälle gelöst hatte, sah so glücklich aus, wie sie ihn noch nie zuvor gesehen hatte. Erst kürzlich war er aus seinen Flitterwochen auf Madeira nach Hause gekommen. Nach der Rückkehr hatte er seine Arbeit wieder aufgenommen, so gewissenhaft, wie sie es von ihm kannte. In drei Stunden würde er im Büro eintreffen. Es war fünf. Plötzlich fühlte sie die Müdigkeit über sich hereinbrechen.

Sie setzte Gregor in sein Terrarium zurück, was er mit vorwurfsvollem Blick quittierte. Dann zog sie das Klappbett hinter dem Schrank hervor und schleppte es die Treppe hinunter in ihr Büro. Sonja konnte die Mansarde für einen Tag haben, aber Nora würde nicht mit ihr auf so engem Raum übernachten, sie würde hier unten schlafen. Sie stellte das Klappbett neben dem Schreibtisch auf und setzte sich darauf. Es quietschte. Eine der Stahlfedern bohrte sich in ihren Hintern. Nicht wirklich bequem, doch für eine Nacht würde es gehen. Nora gähnte. Nur einen Augenblick ausruhen, sagte sie sich, nur kurz entspannen. Eigentlich wollte sie die Zeit, bis Jan eintrudelte, für administrative Arbeiten nutzen, schliesslich hatte es keinen Wert mehr, sich noch hinzulegen…

Einen Atemzug später war sie eingenickt.

Carla starrte auf den blutverschmierten Berthold. Auf sein Messer. Auf seine zitternden Lippen. Bevor sie die Autoverriegelung betätigen konnte, riss er die Tür auf.

«Raus!», schrie er und hielt ihr die Waffe vors Gesicht. Speichel lief ihm vom Mund herunter. Er wischte ihn mit dem Handrücken weg. «Steigen Sie aus!»

Carla spürte ihren hämmernden Puls, doch sie dachte nicht daran, sich von ihrem neuen Patienten terrorisieren zu lassen. Wenn er sich gefasst hatte, würde sie auf ihn eingehen und eine Lösung für ihn finden. Aber das ging zu weit. Sie drehte den Schlüssel und startete den Mini. Wollte das Pedal durchtreten und losbrausen. Doch Berthold war schneller. Er beugte sich ins Wageninnere und zerrte sie nach draussen. Ihr Kopf knallte ans Autodach. Sofort schlug er die Fahrzeugtür hinter ihr zu.

Ihr Schädel pochte schmerzhaft. Sie versuchte, Berthold abzuschütteln, stolperte, rappelte sich vom Kies hoch und rief: «Hören Sie auf! Sie machen alles nur noch schlimmer!»

Sein Kinn zitterte, als würde er gleich weinen, seine Augen glänzten im Scheinwerferlicht.

Langsam streckte sie ihre offene Hand aus. «Geben Sie mir die Waffe, Herr Berthold. Ich werde Ihnen helfen. Aber das kann ich nicht, wenn Sie mich bedrohen.»

Er fuchtelte mit dem Messer herum. Sie musste möglichst ruhig bleiben. Flüchten war keine gute Idee. Wenn Berthold hinter ihr herjagte, war er gefährlicher, als wenn er ihr gegenüber stand.

Blitzschnell, so überraschend, dass sie es nicht kommen sah, ritzte er ihre Wange.

Sie zuckte zusammen. Befühlte ihre Haut, spürte das Blut. «So nicht, Berthold! Was immer Sie getan haben, wir werden –»

«Sie kapieren es nicht!», schrie er. Er schien seinen Körper nicht mehr unter Kontrolle zu haben. Sein Stand war unsicher, seine Schultern bebten. «Ich will Ihnen doch nichts tun! Aber Sie müssen mitkommen!»

Carla warf einen Blick nach hinten. Wo blieb bloss die Polizei, verdammt noch mal? Keine Motoren zu hören, kein Blaulicht zu sehen. «Erst geben Sie mir das Messer», sagte sie.

Er schüttelte den Kopf. Tränen liefen ihm über die Wangen. «Wenn ich das tu, hauen Sie ab.»

Sie hatte in all den Jahren schon etliche brenzlige Situationen mit ihren Klienten erlebt, doch so hatte sich noch keiner verhalten. Zur Not würde sie sich mit Händen und Füssen wehren, aber wichtiger als körperlicher Einsatz war, dass sie die Nerven nicht verlor. Sie musste auf Berthold eingehen.

«Was wollten Sie mir zeigen?», fragte sie.

«Da lang.» Er wies auf das Fabrikgebäude auf dem von Gras überwucherten Gelände.

«Das Messer, Berthold. Ich verspreche Ihnen, dass ich freiwillig mitkomme.»

Er heulte auf wie ein verletztes Tier. «Alle versprechen einem alles! Und niemand hält sein Wort.»

Auf einmal tat er ihr leid. Sie erkannte in dem grossen, ungelenken Mann das Kind, das betrogen worden war und vielleicht niemals Liebe erfahren hatte. Wieder hielt sie ihm die Handfläche hin. «Vertrauen Sie mir. Ich komme mit Ihnen, und wir schauen uns das Ganze an. Sie werden Hilfe erhalten.»

Er kapitulierte. Schlug den Blick nieder. Dann reichte er ihr die Waffe.

Sie schob sie in ihre hintere Hosentasche und atmete erleichtert auf. «Danke. Das haben Sie gut gemacht.»

Er ging Richtung Fabrikeingang. Sie folgte ihm. Im Lichtkegel des Autoscheinwerfers überquerten sie den Platz.

«Ich hab gesagt, dass ich wieder töte», schniefte er und schneuzte den Rotz auf den Boden. «Es ist ein Zwang. Keine Ahnung, wie ich hergekommen bin. Plötzlich war ich da und brachte ihn um.»

«Ihn?»

«Den Mann. Ich weiss nicht, wer er ist.» Er blieb stehen und starrte sie lauernd an. «Haben Sie etwa gedacht, ich ermorde einen, den ich kenne?»

Sie schüttelte den Kopf. «Ich habe gar nichts gedacht.»

«Sie sind doch meine Therapeutin, oder?», fragte er, und in seiner Stimme schwang unüberhörbares Misstrauen.

«Das bin ich.»

«Dann müssen Sie mir glauben. Ich wollte das nicht.»

«Ich glaube Ihnen.»

Er stiess ein höhnisches Lachen aus und schaute mit Verachtung auf sie herunter. «Lernt Ihr das in eurer Ausbildung? Den Irren immer schön recht geben? Ich sage Ihnen was.» Seine Augen verengten sich. Keine Spur von Weinerlichkeit war mehr in seiner Stimme. Nur noch Eiseskälte. «Sie könnten die Nächste sein.»

Carla spürte das Pulsieren ihrer Halsschlagader. Das Messer in ihrer Hosentasche gab ihr Sicherheit. Oder hatte er noch eines? Vielleicht war sie dabei, den grössten Fehler ihres Lebens zu machen, indem sie mitten in der Nacht diesem schwer gestörten Menschen ins Ungewisse folgte. Hatte er vor, sie ebenfalls zu töten? Sie horchte, vermeinte, in der Ferne Fahrzeuge wahrzunehmen, die sich näherten. Doch sie hatte sich getäuscht. Ausser Grillenzirpen war nichts zu hören. Noch war es stockfinster, aber bald würde die Morgendämmerung einsetzen.

Berthold drehte sich abrupt um, ging weiter und erreichte den Eingang der Halle. Er stemmte die Tür auf. Sie knarrte in den Angeln.

Carla verscheuchte die beängstigenden Gedanken. Berthold würde ihr nichts antun. Demnächst träfe die Polizei ein. Und Lorenz Tillmann. Berthold würde, wenn er tatsächlich erneut gemordet hatte, wieder in die geschlossene Abteilung verlegt werden. Dort wäre einer ihrer Kollegen für ihn zuständig, sie selbst betreute ausschliesslich Entlassene. In Kürze wäre diese Nacht eine weitere denkwürdige Episode ihrer Arbeit als Psychiaterin. Seit sie ihre Praxis eröffnet hatte, hatte sie Einblick in diverse unkonventionelle Lebensläufe erhalten. Einer ihrer Patienten war nach der Pensionierung nach Russland ausgewandert, um einen heruntergewirtschafteten Bauernhof auf Vordermann zu bringen. Ein anderer, ein Geschichtslehrer, hatte sich zum Atemtherapeuten umschulen lassen. Eine Patientin war eine international gefeierte Künstlerin geworden. Eine weitere hatte sich scheiden lassen und ihren Ex-Mann zwei Monate später wieder geheiratet. Doch die meisten ihrer Ehemaligen führten inzwischen ein normales Leben, arbeiteten, hatten Kinder und pflegten ihre Hobbies. Das Schlimmste, das sie je erlebt hatte – nebst der Sache mit dem Börsenmakler –, war eine junge, selbstmordgefährdete Mutter gewesen, die nach Paris gereist war und Carla vom Eiffelturm aus ein Handyfoto geschickt hatte mit den Worten: «In einer Stunde springe ich.» Carla hatte alle Hebel in Bewegung gesetzt, mit den französischen Behörden Kontakt aufgenommen und es geschafft, die Frau von ihrem Vorhaben abzubringen. Sie würde auch diese Situation meistern.

Sie traten in die Fabrikhalle. Eine Metalltreppe führte nach oben. Von weit her flackerte es schwach wie von einer Kerze, sonst war es stockdunkel. Berthold forderte sie auf, voranzugehen, schob sie die Stufen hoch und folgte ihr dicht auf den Fersen. Es roch nach Eisen. Carla versuchte, etwas zu erkennen, sie hielt sich am Geländer fest, tastete sich ihm entlang. Langsam gewöhnten sich ihre Augen an die Finsternis. Carla und Berthold kamen in das obere Geschoss, gelangten zu einem Brückengang, der quer über die Halle führte. Unter ihnen klaffte der Abgrund. Schemenhaft waren Maschinen zu erkennen, alte Rollen und Walzen für die Papierherstellung. Ihre Schritte hallten unnatürlich laut in der Stille des Gebäudes. Carla warf einen Blick zu den grossen Fenstern, deren Scheiben zersplittert waren.

Als sie das andere Ende erreicht hatten, lotste Berthold sie dem Licht entgegen, drängte sie um eine Ecke und stiess sie in einen Nebenraum, der mit Mäusedreck übersät war. Auf einem Ziegelstein stand eine Laterne. Die Flamme züngelte im Luftstrom, als sie eintraten, und warf bizarre Schatten an die Wände. Berthold krächzte, zeigte auf den Boden.

Bis zu diesem Moment hatte Carla darauf gehofft, das Ganze stelle sich als Wahnbild ihres Patienten heraus, doch nun sah sie, dass Berthold die Wahrheit gesagt hatte. Sie starrte auf die Leiche.

Der Mann lag in einer Blutlache auf dem Rücken, die Arme an der Seite, den Blick ins Leere gerichtet. Seine Kehle war aufgeschlitzt. Auf seiner Stirn prangte ein rotes Kreuz.

Die Tat des Kainszeichenmörders.

Carla konnte nicht glauben, was sie da sah. Es war schlimmer, als sie es sich ausgemalt hatte. Viel schlimmer. Sie kannte den Toten.

Bevor sie die Tatsachen richtig einordnen konnte, passierte Mehreres gleichzeitig: Scheinwerfer strahlten auf, zuckten durch die Fenster, erhellten die Geräte in der Fabrik und erloschen wieder. Autos fuhren über den Kiesplatz. Die Motoren verstummten. Es folgten Schritte, flüsternde Laute, dann ein Rumpeln, als sei jemand gegen ein Hindernis gestossen.

Berthold rief: «Wer ist das? Haben Sie mich verraten?» Dann begann er zu schluchzen. «Die Stimmen haben es mir befohlen!» Er packte Carlas Hände mit seinen blutbesudelten Fingern und flüsterte: «Nicht ich war es – die Stimmen sind schuld! Sie haben mich gezwungen!»

Nun dröhnte Getrampel durch die Halle, und die Zickzackstrahlen mehrerer Taschenlampen huschten die Wände entlang. Gleich darauf drangen fünf bewaffnete Polizisten in den Raum und erfassten die Situation sofort.

«Kantonspolizei. Rolf Lutz», sagte ein korpulenter Mann mit solch schräger Nase, als sei sie ihm mehr als einmal gebrochen worden. «Haben Sie uns gerufen?»

Carla nickte.

Berthold warf ihr einen vernichtenden Blick zu.

«Treten Sie zur Seite», befahl Lutz und machte eine herrische Geste.

Carla wich zurück. Berthold wollte fliehen, doch einer hielt ihn fest. Berthold langte nach Carlas Hosentasche, versuchte, das Messer zu ergreifen. Er schnitt sich dabei. Blut quoll aus seinem Daumen, ein Tropfen fiel auf den Boden. Carla wehrte Berthold ab. Drei Pistolen waren auf ihn gerichtet, während ein Polizist ihm Handschellen anlegte. Berthold brüllte, schlug und trat um sich, doch gegen die eisernen Griffe der Uniformierten konnte er nichts ausrichten.

«Gott sei Dank», entfuhr es Carla. Dann sah sie wieder ungläubig auf den Toten. Was hatte das zu bedeuten?

«Von wo aus haben Sie uns angerufen?», fragte Lutz.

«Von unterwegs», sagte sie, «Paul Berthold ist mein Patient.»

«Sind sie Ärztin?»

«Psychiaterin.»

«So, so, Psychiaterin.» Lutz verzog das Gesicht. «Sie haben uns also von unterwegs aus verständigt. Sie waren nicht etwa schon länger hier, Frau… ?»

«Nein, ich –»

«Wie ist Ihr Name?»

«Carla Manser.» Wo blieb nur Tillmann? Er hatte ihr doch versichert, so schnell wie möglich herzukommen.

Das Knistern eines Funkgerätes war zu hören, dann ertönte eine Stimme: «Toni, bitte melden. Toni, hörst du mich?»

Einer der Polizisten sprach ein paar Worte in das Gerät, dann steckte er es zurück in die Jacke.

Lutz trat einen Schritt näher und starrte forschend auf Carla, deren Blick unverwandt auf den Leichnam gerichtet war. «Kennen Sie den Toten?»

Carla schwieg.

«Antworten Sie. Aber denken Sie daran: Was immer Sie sagen, kann vor Gericht gegen Sie verwendet werden.» Er erklärte ihr ihre Rechte, wie sie es schon so oft in TV-Krimis gehört hatte.

«Was soll das heissen? Ich bin diejenige, die Sie gerufen hat!»

«Ich frage Sie noch einmal, Frau Manser: Kennen Sie diesen Toten?» Sein Blick wanderte ihren Körperkonturen entlang und verweilte auf ihren Händen, die rot von Bertholds blutigen Fingerabdrücken waren.

Carla schloss einen Moment die Augen. Was sich hier abspielte, war unfassbar. Dann schaute sie wieder auf die Leiche, betrachtete das starre Gesicht, die markanten Wangenknochen und die geschwungenen Brauen, die ihr so vertraut waren. Ihre Stimme hörte sich fremd an, als sie murmelte: «Ja. Der Tote ist Mark Manser. Mein Ex-Mann.»

Lutz nickte befriedigt. Er richtete seine Pistole auf Carla. «Und jetzt nehmen Sie ganz langsam Ihr Messer aus der Tasche und legen es auf den Boden.»

«Das ist nicht mein Messer.»

«Los, machen Sie schon!»

Wie in Trance griff Carla in ihre Hosentasche und legte die Waffe vor ihre Füsse.

«So ist gut, Frau Manser.» Er nickte einem Kollegen zu, der das Messer aufhob und in eine Plastiktüte versorgte, dann bellte er: «Nehmt sie fest!»

Ein Ruck ging durch die Gruppe Polizisten. Zwei Männer packten sie, und die Handschellen schnappten zu.

Lorenz Tillmann fegte über die Strasse. Kein Mensch unterwegs. Der Klinikleiter kannte alle Radarfallen auf dieser Strecke, drosselte das Tempo, sobald er sich einer näherte, gab wieder Gas, nachdem er sie passiert hatte. Er wohnte in Zürich-Fluntern und erreichte in Windeseile die Stadtgrenze, raste am Tiefenbrunnen vorüber, liess Zollikon hinter sich, brauste durch Küsnacht. Der See lag still da, die Lichter des anderen Ufers reflektierten im Wasser.

Sein weisser Chrysler gab her, was in ihm steckte. Einen Moment genoss Tillmann die Geschwindigkeit, das stroboskopartige Vorbeiflitzen der Strassenlaternen, dann schalt er sich dafür. Das war nun wirklich nicht der Augenblick, sich dem Temporausch hinzugeben. Eine seiner fähigsten Kolleginnen war in Bedrängnis, befand sich vielleicht genau in diesem Augenblick in einer äusserst prekären Lage.

Als Carla Manser – er siezte sie, wie er es mit allen Mitarbeitern tat, das war er seiner Stellung schuldig – ihn aus einem verworrenen Traum gerissen hatte, war er schlagartig wach gewesen. Sie erzählte ihm von Bertholds Anruf und dass sie unterwegs zur alten Fabrik sei. Tillmann kannte die Fabrik.

Wenn ihr etwas zustiess, würde er sich das nie verzeihen. Er hatte das Gutachten über Paul Berthold ausgestellt. Nach wie vor war er davon überzeugt, dass von seinem ehemaligen Patienten keine Gefahr ausging. Er hatte ihn über Jahre beobachtet und seine Entwicklung dokumentiert. Beim Einzug in die Aussenwohngruppe hatte er Berthold sogar in dessen Zimmer besucht, und Berthold hatte sich über die neue Freiheit gefreut. Zu acht bis zehnt lebten die Ehemaligen in je einem der vier Häuschen auf dem Klinikgelände, etwas abseits der Hauptgebäude. Sie durften ein- und ausgehen, wie sie wollten, kochten zusammen, verbrachten die Abende miteinander. Die einzige Auflage war, dass sie um zweiundzwanzig Uhr zurück sein und dort übernachten mussten. Eine Nachtwache war im Nebenzimmer, ein Betreuer tagsüber immer ansprechbar. Tillmann war stolz auf dieses Konzept für die Langzeitpatienten. Er erzielte bessere Verläufe, und die Klinikinsassen kamen eher zurecht, als wenn sie nach ihrem Austritt von einem Tag auf den andern auf sich allein gestellt gewesen wären.

Die frisch ausgetretenen Patienten überliess Tillmann für die wöchentlichen zwei Nachbetreuungssitzungen jeweils Carla Manser. Er mochte sie und schätzte ihre Arbeit. Sie war engagiert und verfügte über ein Einfühlungsvermögen, das ihm fehlte. Er war ehrlich genug, sich dies einzugestehen, auch wenn er es niemals laut zugegeben hätte. Frauen – das war kein Klischee, er hatte es immer wieder erlebt – waren Expertinnen, was Gefühle betraf. Kleinste, nonverbale Zeichen und zwischen den Zeilen versteckte Botschaften erfassten sie intuitiv. Natürlich nicht jede gleich effizient, aber jede besser als ein Mann. Das war auch in Ordnung so. Männer waren dafür die erfolgreicheren Forscher, davon war er überzeugt. Sie gingen der Sache auf den Grund. Mitfühlen und Verstehen war gut und recht, aber nicht genug. Tillmanns Ehrgeiz bestand darin, psychische Störungen nicht nur zu lindern, sondern zu heilen. Das war bereits als Kind sein Traum gewesen.

Aufgewachsen in einer Akademikerfamilie, Mutter Neurologin, Vater Psychiater, war ausgerechnet Tillmanns drei Jahre älterer Bruder Sebastian von einer heimtückischen Geisteskrankheit betroffen gewesen, für die damals niemand einen Namen gehabt hatte, bei der es sich aber vermutlich um eine besonders gravierende Form der Depression gehandelt hatte. Während Lorenz schon als Junge stämmiger und robuster als Sebastian war, zog sich dieser in sein Schneckenhaus zurück und wurde immer wortkarger. Er sprach nur noch mit seinen imaginären Freunden. Vater regte seinen Ältesten zu sportlichen Aktivitäten an, Mutter beschenkte ihn mit teuren Spielsachen, doch beides nützte nichts. Sebastian verwelkte innerlich. Lorenz musste es mit ansehen, und es brach ihm das Herz. Nach einer Lungenentzündung erholte sich Sebastian nicht wieder. Er vegetierte noch ein paar Wochen dahin. Und erhängte sich dann im Keller. Lorenz, zehn-jährig, verschwitzt nach dem Fussballspiel, fand den toten Bruder am Strick.

Damals hatte er sich geschworen, das Leiden auf der Welt zu verringern. Er träumte von einem riesigen Forschungslabor, in dem er so lange herumtüfteln wollte, bis er eine magische Pille entwickelt hatte, die alles menschliche Unglück zum Verschwinden brachte.

Tillmann lächelte wehmütig vor sich hin, als er daran dachte. Wenn es nur so einfach gewesen wäre. Vom Heilen qualvoller Störungen war er noch meilenweit entfernt. Immerhin hatte er Medizin studiert und sich für die Psychiatrie entschieden. Etwas anderes war nie in Frage gekommen. Er hatte es bis an die Spitze geschafft. Seinen Mitarbeiterstab führte er mit straffer Hand, wohlwollend, aber klar. Manche nannten ihn autoritär, sogar machtbesessen, das wusste er. Doch sie irrten sich. Er war nur ein Mann mit einem Ziel. Einer, der seine Visionen nicht aufgegeben hatte.

Er erreichte Erlenbach und fuhr langsamer. Er hoffte, dass er rechtzeitig eintraf und dass Carla Manser nichts zugestossen war. Links ging eine Strasse hoch. Er bremste ab, schaltete einen Gang herunter und fuhr ein Stück hinauf. Nach hundert Metern merkte er, dass er zu früh abgebogen war, wendete und nahm die nächste Abzweigung.

Er erkannte die Fabrik schon von weitem. Sie war lichtüberflutet. Mehrere Streifenwagen standen mit offenen Türen herum, grelles Scheinwerferlicht beleuchtete die Szenerie. Reifenabdrücke waren auf dem Boden zu sehen. Überall eilten Leute umher, riefen sich kurze Anweisungen zu, steckten das Gelände ab und suchten mit Taschenlampen nach Spuren.

Tillmann parkierte den Chrysler neben einem verrosteten Zaun und stieg aus. Sofort kam ein Polizist auf ihn zu. Er scheuchte Tillmann mit resolutem Winken weg. «Kein Zutritt! Verlassen Sie bitte das Areal!»

«Was ist denn passiert?», fragte Tillmann und trat ihm einen Schritt entgegen.

Der Uniformierte hinderte ihn am Weitergehen. «Dies ist eine polizeiliche Untersuchung. Unbefugte haben sich fernzuhalten.»

Ein anderer wurde auf sie aufmerksam und rief: «Was ist los, Koller? Wer ist das?»

«Bereits der erste Schaulustige!», gab Koller abschätzig zurück.

«Ich bin nicht aus Neugier hier», verteidigte sich Tillmann. «Ich bin der Leiter der Klinik ‹Seeblick›. Eine unserer Psychiaterinnen hat mich angerufen.»

«Carla Manser?»

«Genau.»

«Tommy!», schrie Koller quer über den Platz. «Wir haben hier einen möglichen Zeugen!»

«Bring ihn her!», kam es zurück.

«Folgen Sie mir», meinte Koller und führte Tillmann zu einem Kollegen mit scharfen Gesichtszügen, der arrogant lächelte: «Sie müssen sich von mir ein paar Fragen gefallen lassen, Herr –»

«Tillmann. Doktor Tillmann.» Seinen Titel zu erwähnen, konnte unter diesen Umständen nicht schaden.

«Doktor Tillmann. Was führt Sie hierher?»

Tillmann erklärte in wenigen Worten, wie er informiert worden war, und wollte dann wissen: «Wo ist Frau Manser?»

«Das kann ich Ihnen leider nicht mitteilen.»

Tillmann spürte, wie das Blut aus seinem Gesicht wich. «Sie ist doch nicht etwa … es geht ihr doch gut, oder?»

«Sie lebt, falls Sie das meinen», gab der Uniformierte zurück. «Sie ist unverletzt. Wenigstens beinah.»

«Was soll das heissen? Hat Berthold ihr etwas angetan?»

«Nur ein Kratzer auf der Wange.»

«Kann ich sie sehen?»

«Unmöglich.»

Tillmann schaute ihn fragend an. «Aber Sie sagten doch –»

«Ich sagte, es geht ihr gut», erwiderte der Polizist barsch und verschränkte die Arme vor der Brust. «Ich sagte nicht, sie sei hier. Und nun zu Ihnen.»

«Moment!» Tillmann hatte sich vom ersten Schock erholt. Carla Manser war am Leben, das war die Hauptsache. Doch er hasste es, wenn sich jemand so vor ihm aufspielte. Dass er bisweilen ähnlich auftrat, war ihm bewusst, aber das war etwas anderes. Er hatte schliesslich einen verantwortungsvollen Posten. Dieser Ordnungshüter hier war ein kleiner Wichtigtuer, der vor seinem Vorgesetzten den Bückling machte, darauf hätte Tillmann gewettet. «Ich will wissen, was passiert ist. Frau Manser arbeitet eng mit mir zusammen. Klären Sie mich auf, danach beantworte ich gern Ihre Fragen.»

Der Polizist herrschte ihn an: «Wir sind Ihnen überhaupt keine Auskunft schuldig! Ich informiere Sie freiwillig.»

Tillmann verbiss sich eine Antwort.

Der andere fuhr fort: «Es liegt ein Tötungsdelikt vor. Carla Manser wurde festgenommen.»

«Wie bitte – festgenommen? Wie um alles in der Welt konnte das passieren? Und wer wurde getötet?»

«Kein Kommentar.»

«Aber Frau Manser kann unmöglich –»

«Die Situation war eindeutig.»

Tillmann brauchte einen Moment, um das zu verdauen. «Und Berthold? Haben Sie ihn ebenfalls verhaftet?»

«So ist es.»

«Sie behaupten doch nicht allen Ernstes, die beiden hätten gemeinsame Sache gemacht! Das ist absolut lächerlich!»

«Ich behaupte gar nichts. Ich kläre auf.» Der andere steckte seine Hände in die Hosentaschen und liess den Blick über seine Kollegen schweifen.

Tillmann schüttelte verständnislos den Kopf. Die Psychiaterin Manser in Polizeigewahrsam. Das war ungeheuerlich. Womöglich stürzte sich schon bald die Boulevardpresse darauf und zog seine Klinik in den Dreck.

Der Uniformierte fuhr fort: «In Kürze werden die Kripo-Kollegen aus Zürich eintreffen. Polizeifotografen, Spurensicherung, Gerichtsmediziner. Bis dann muss ich Sie hierbehalten, die werden mit Ihnen sprechen wollen. Aber ich nehme ihnen schon mal etwas Arbeit ab.» Er zückte einen Notizblock, schraubte einen Kugelschreiber auf und ratterte: «Name, Adresse, Telefonnummer, Arbeitsort?»

Tillmann hatte es gewusst. Die richtigen Leute kamen erst noch, der Kerl hier von der regionalen Stelle hatte überhaupt nichts zu sagen. Der erlebte gerade zum ersten Mal einen echten Fall, den er so schnell nicht aus den Händen geben wollte. Hoffentlich würde die Polizei bald merken, dass Paul Berthold schuldig war und nicht Carla Manser. Tillmann gab seine Personalien an und sagte: «Nun können Sie mich von mir aus fragen, was Sie wollen.»

Carla sass auf dem Rücksitz des Streifenwagens, die Hände hinter dem Rücken in Handschellen. Kantonspolizist Rolf Lutz fuhr. Neben ihm befand sich sein Kollege. Langsam dämmerte der Morgen. Der Westen lag noch im Dunkeln, von Osten her tauchten die ersten rötlichen Schleier am Himmel auf. Hinter ihnen folgte das zweite Auto mit Berthold. Zum Glück hatten sie sie nicht zusammen in einen Wagen verfrachtet. Aber das gehörte wohl zum Vorgehen. Sie und Berthold könnten sich ja absprechen, ihre Alibis manipulieren oder weitere Ritualmorde planen.

Stop, sagte sie sich. Kein Zynismus. Du hast nichts Falsches getan, es wird sich alles aufklären. Nun erst wurde ihr richtig bewusst, dass ihr Ex-Mann tot war. Das Bild seines blassen Körpers auf dem Fabrikboden liess sie nicht mehr los.

Als sie Mark, einen gutaussehenden Architekten, damals kennengelernt hatte, hatte sie sich Hals über Kopf in ihn verliebt. Spontan und unkompliziert waren sie gewesen, er fast zehn Jahre älter als sie, aber viel jünger aussehend. Sie hatten zu schnell geheiratet. Schon bald begannen die Schwierigkeiten. Mark ging fremd. Anfänglich tolerierte sie seine Eskapaden und versuchte, ihn zu verstehen. Doch es wurde immer schlimmer. Sie fingen an, sich zu streiten, sich absichtlich zu verletzen und auf dem Tiefpunkt ihrer Beziehung sogar handgreiflich zu werden. Carla hatte einen Teller nach ihm geworfen, er ihr einen Faustschlag verpasst. Beiden wurde klar, dass ihre Ehe zu Ende war. Da war Eveline gerade mal zweijährig gewesen. Sie liessen sich scheiden. Lange hatte sie nichts mehr von ihm gehört und ihn keine Sekunde vermisst. Ihre gemeinsame Tochter war für sie das Beste, das dieser Ehe entsprungen war.

Siedendheiss überlief es Carla: Jemand musste Eveline informieren, dass sie ihren Vater verloren hatte.

«Was passiert jetzt mit mir?», fragte sie nach vorn.

«Sie kommen ins Propog», knurrte Lutz, als müsste ihr das etwas sagen.

«Was ist das?»

Lutz antwortete nur widerwillig. «Das provisorische Polizeigefängnis. Morgen sehen Sie den Staatsanwalt. Der entscheidet, ob Sie in Untersuchungshaft bleiben.»

Sie rutschte auf dem Sitz herum und beugte sich nach vorn. «Wie lange dauert so eine Untersuchungshaft?»

«Wie soll ich das wissen?», stiess Lutz hervor. «Einige sind nach einem Tag wieder auf freiem Fuss, wenn die Indizien nicht reichen. In Ihrem Fall allerdings …» Er schaute sie eindringlich im Rückspiegel an. «Wenn Sie Glück haben, werden Sie nach drei Monaten aus der U-Haft entlassen.»

«Drei Monate!», stiess sie aus. In Sekundenschnelle rasten Bilder vor ihrem inneren Auge vorbei: im Stich gelassene Patienten, enttäuschte Kolleginnen, eine bekümmerte Tochter.

«Und danach», fuhr Lutz ungerührt fort, «werden Sie eine sehr lange Zeit im Frauengefängnis verbringen. Ich tippe auf lebenslänglich.»

«Was?», schrie sie. «Ich habe doch gar nichts getan!»

«Das sagen alle. Aber Sie sind so was von schuldig: Blutige Tatwaffe in der Hosentasche, blutverschmierte Hände und dann das Opfer, Ihr Ex-Mann. Selten jemanden abtransportiert, der verdächtiger daherkam. Doch das ist nicht meine Sache. Erzählen Sie Ihr Unschuldsmärchen dem Staatsanwalt, und lassen Sie mich in Ruhe.» Er konzentrierte sich wieder aufs Fahren, sein Kollege warf ihm einen Seitenblick zu und murmelte etwas, das sie nicht verstand.

Carla war erschüttert. Die sprachen hier von Monaten. Oder Jahren. So weit durfte es niemals kommen! Der Staatsanwalt musste einsehen, dass sie nichts verbrochen hatte. Wie hatte sie nur so dumm sein können, Bertholds Aufforderung zu folgen und zur Fabrik zu fahren! Das Gebäude zu betreten. Das Messer an sich zu nehmen.

Doch wann hätte sie aussteigen sollen? Hätte sie Berthold nach dem Anruf einfach sich selber überlassen sollen, damit er sich umbrachte? Hätte sie im Auto bleiben sollen, als er aus dem Dunkeln auftauchte? Das hatte sie versucht, aber er war schneller gewesen. Hätte sie ihm seine Waffe lassen sollen? Damit er ihr das Messer in den Rücken rammte? Nein, sie wusste beim besten Willen nicht, wie sie sich anders hätte verhalten können. Das Ganze war eine Aneinanderreihung unglücklicher Umstände. Wer konnte ihr nun helfen?

«Bekomme ich einen Anwalt?», fragte sie.

«Ich habe Ihnen Ihre Rechte bereits erläutert», brummte Lutz.

«Tut mir leid, ich war zu durcheinander, ich habe nicht alles gehört.»

«Ich sagte, wir stellen Ihnen einen Pflichtverteidiger zur Verfügung, wenn Sie keinen eigenen Anwalt haben.»

«Danke.» Carla hatte keinen. Nachdem ihre damalige Scheidungsanwältin in den Ruhestand getreten war, war Carla nie mehr in eine Situation geraten, in der sie juristischen Beistand nötig gehabt hätte. Von Pflichtverteidigern wusste sie nichts. Erledigten die ihre Arbeit kompetent? Wen kannte sie sonst noch, der so einer Lage gewachsen war?

«Schon gut», lenkte Lutz ein.

Carla merkte ihm an, dass er seinen schroffen Ton bedauerte. Tatsächlich sagte er aus heiterem Himmel: «Nächste Woche werde ich pensioniert. Ich bin müde vom ewig Gleichen.» Dann fragte er zusammenhangslos: «Sind Sie eigentlich mit dem verschollenen Umweltaktivisten verwandt?»

«Mit Bruno Manser? Nein, aber das werde ich immer wieder gefragt.»

Sie fuhren an Zollikon vorbei und näherten sich dem Bahnhof Tiefenbrunnen. Vereinzelt kamen ihnen Autos auf der Gegenfahrbahn entgegen. Es wurde heller. Auf einmal wusste Carla, an wen sie sich wenden könnte: an Nora Tabani. Carla hatte die junge Frau, deren Vater tragisch ums Leben gekommen war, eine Weile lang psychologisch beraten. In ihrer ehemaligen Gemeinschaftspraxis am Kreuzplatz, wo sie einen Tag pro Woche gearbeitet hatte. Nora Tabani war voller Wut und Rachegefühle gewesen. Statt sich mit ihrer Trauer auseinanderzusetzen, sprach sie immer davon, den Mörder zur Strecke zu bringen. Sie quittierte ihren Job als Fotografin, liess sich zur Polizistin ausbilden und wurde später Privatdetektivin.

Nachdem sie die Beratungen offiziell abgeschlossen hatten, waren sie sich einige Male über den Weg gelaufen und hatten zusammen etwas getrunken. Carla hatte ihr das Du angeboten. Nora hatte ihr von schwierigen Fällen erzählt, die sie mit ihrem Partner gelöst hatte. Carla war beeindruckt gewesen, hatte zum Spass gesagt, wenn sie einmal einen Mörder jagen müsse, würde sie sich an Nora wenden. Sie hatten beide gelacht. Im «Odeon» am Limmatquai, mit einem Prosecco vor sich.

Und jetzt war es so weit: Carla hatte vor, einen Mörder zu jagen. Das heisst, jemand anders musste das für sie tun. Nora. Wenn die Polizei Carla für eine Mittäterin oder womöglich die Drahtzieherin hielt, musste eine Detektivin ihre Unschuld beweisen. So schnell wie möglich. Jeder Tag in einer Gefängniszelle war einer zu viel.

Bei der Festnahme in der Fabrik hatten die Beamten ihr das Messer abgenommen, sie aber nicht abgetastet. Sonst hätten sie das Handy gefunden. Es steckte in der anderen Hosentasche, hinten links. Später würde man es ihr bestimmt abnehmen. Das bedeutete, sie musste sofort handeln.

Der Streifenwagen erreichte die Stadtgrenze. Lutz hielt vor einer roten Ampel.

Carla wand sich unauffällig, versuchte, mit den aneinandergepressten Händen in ihre Jeans zu greifen. Es war nicht einfach, aber sie schaffte es. Sie hielt ihren Kopf gerade, starrte auf die Fahrbahn. Sie zog das Mobiltelefon hervor. Es lag seitenverkehrt in ihren Fingern. Sie drehte es und befühlte die Konturen der Tasten. Die 5 hatte eine kleine Erhöhung, daran orientierte sie sich. Sie musste die Nachricht verschicken, ohne einen Blick auf das Display werfen zu können. Wäre sie vierzig Jahre jünger gewesen, hätte ihr das vermutlich keine Probleme verursacht. Jugendliche konnten in atemberaubendem Tempo SMS versenden. Carla brauchte normalerweise beide Hände dafür und stellte sich wie ein Holzfäller beim Seidenspinnen an.

Sie rief sich die Menüführung ihres Geräts in Erinnerung. Fuhr mit den Fingerspitzen über die Tasten. Drückte. Zuerst das Hauptprogramm. Klick. In der Mitte befand sich das Brief-Symbol. Klick. Dann meinte sie sich zu entsinnen, dass sie die Wahl hatte zwischen SMS, MMS und E-Mail. Sie war ziemlich sicher, dass SMS sich zuoberst auf der Liste befand. Klick.

Lutz hustete. Carla erschrak. Der Wagen fuhr auf der Bellerivestrasse. Sie näherten sich der Innenstadt.

«Nachricht verfassen» kam als Nächstes. Klick. Nun tauchte wohl das leere Display auf. Glaubte sie jedenfalls. Nur nicht zu viel überlegen. Einfach ganz locker die Tasten betätigen. Wie die Jugendlichen.

Lutz hielt erneut vor einer roten Ampel, klopfte unruhig aufs Lenkrad. Dann wechselte er ein paar Worte mit seinem Kollegen. Der warf einen kurzen Blick nach hinten. Carla lächelte. Er schaute wieder nach vorn.

Wo war wohl dieses Propog? Blieb ihr noch genügend Zeit, die Nachricht zu übermitteln?

Carla schrieb, so schnell sie konnte, hoffte, dass die Worte einen Sinn ergaben. Sie drückte auf «Weiter». Dann musste sie das Adressbuch finden. Klick. Klick. Sie kannte drei Personen, deren Namen mit «N» begannen: Nick, Nora und Norbert. Nora war also die zweite. Oder die dritte? Hatte sie Nicoles Nummer letzthin gelöscht oder es nur vorgehabt? Wenn das SMS bei der ehemaligen Nachhilfelehrerin ihrer Tochter landete, wäre das mehr als peinlich. Carla hatte keine Ahnung, ob sie richtig lag, doch sie entschied sich für den zweiten Namen der Liste – falls sie sich nicht schon längst in den Tiefen des Handymenüs verirrt hatte. Vielleicht hatte sie soeben die Fotosammlung aufgerufen, ihre klassischen Musikstücke gelöscht oder den Wecker gestellt.

Lutz erreichte das Bellevue, nahm den Weg über die Quaibrücke Richtung Bürkliplatz.

Carla drückte auf «Senden» und schickte die Nachricht ab. Sie wollte das Handy zurück in die Tasche stecken, da fiel es ihr hinunter und landete auf dem Teppich.

«Was war das?», bellte Lutz.

«Nichts», sagte sie.

Sein Kollege drehte sich um, schaute nach unten und rief: «Die hat ein Handy! Wieso wurde es ihr nicht abgenommen?»

«Was fragst du mich?», gab Lutz zurück. «Das wäre deine Aufgabe gewesen!»

Der andere beugte sich über die Lehne nach hinten und langte hinunter. Erst erreichte er den Boden nicht, seine Finger tasteten auf dem Teppich herum, dann fanden sie das Mobiltelefon. Er hob es auf, murmelte «verdammt noch mal!» und steckte es ein.

Kurz darauf trafen sie beim Kasernenareal ein. Dicht gefolgt vom zweiten Streifenwagen, in dem Berthold mit wutverzerrtem Gesicht sass. Lutz zog Carla aus dem Auto und packte sie an den Oberarmen. Er führte sie zum Gebäude. Sie warf einen Blick zurück und sah, wie die ersten Sonnenstrahlen dieses Tages einen rosa Schimmer über die Stadt legten. Dann schloss sich die Tür hinter ihr. Es klang, als wäre es für immer.

Nora schreckte hoch, weil sie ein Piepsen vernommen hatte.

«Gregor?», murmelte sie.

Sie war völlig konfus. Wo war sie? Sie setzte sich auf, merkte, dass sie noch immer ihre Kleider und Schuhe trug und auf dem unbequemen Klappbett in ihrem Büro eingenickt war. Es war hell geworden, doch Trams und Autos hörte sie noch keine. Was war das für ein Ton gewesen? Er wiederholte sich nicht. Wahrscheinlich nur ein Traum. Oder einer der Hausbewohner, der seine Kaffeemaschine eingeschaltet hatte. Die Wohnungen waren so hellhörig, dass man sogar das Husten der anderen mitbekam.

Sie linste auf die Uhr, sah, dass sie noch eine Weile dösen konnte, bevor Jan auftauchen würde. Sollte sie die Turnschuhe ausziehen und sich etwas gemütlicher auf der Matratze einrichten? Irgendwo musste doch noch ein Kissen sein. Sie drehte den Kopf. Das kleine Hirsekissen lag auf dem Boden. Schläfrig langte sie danach, aber es war zu weit weg. Sie fühlte sich zu müde, um aufzustehen und es zu holen. Kurz bevor sie wieder einschlummerte, dachte sie: Dieser Piepston, das war ein SMS. Vermutlich von Sonja. Hat Zeit bis später.

Jan Berger stellte seinen klapprigen Renault in der Fröhlichstrasse ab und ging ein paar Schritte. Eigentlich hatte er nicht vorgehabt, mit dem Auto zu kommen, aber er war spät dran gewesen, weil Monika beim Frühstück noch über das neue Sofa geredet hatte, das sie kaufen wollten. Doch den Wagen zu nehmen, war ein Fehler gewesen. Er hatte so lange im Stau gestanden, dass er mit dem Tram schneller vorwärtsgekommen wäre. Seit sie zusammen eine gemeinsame Wohnung in Zürich-Wiedikon bezogen hatten, war Monika Feuer und Flamme, was die Einrichtung betraf. Ursprünglich hatte er geplant, zu ihr zu ziehen, seine Möbel mitzubringen und mit den ihren zu kombinieren. Doch die Mischung der beiden Wohnstile hätte grauenhaft ausgesehen. Sie beschlossen, ganz neu anzufangen, pilgerten von Möbelmesse zu Möbelmesse und machten aus ihrem neuen Heim ein Bijou.

Jedesmal, wenn er an Monika dachte, merkte er, was für ein Glückspilz er war. Sie waren beide vierzig und hatten völlig unerwartet die Liebe ihres Lebens gefunden. Monika war die Frau, die er sich immer gewünscht hatte. Sie war nicht nur ausgesprochen charmant und intelligent, sie sah auch gut aus. Ein Geschenk, das er nie zu erhalten gewagt hätte. Er selbst war kein Adonis, da machte er sich keine Illusionen. Noch immer etwas zu viel Speck auf den Rippen, noch immer ziemlich unsportlich. Und mit täglich schwindender Haarpracht gesegnet. Er ging davon aus, dass man ihn wegen seiner inneren Werte schätzte, und hielt es genauso. Er beurteilte die Menschen nach ihren Taten, nicht nach ihrem Aussehen. Natürlich war er nicht immun gegen weibliche Schönheit, aber er hatte nie ernsthaft in Betracht gezogen, dass eine dieser wirklich aussergewöhnlichen Frauen einmal auf ihn abfahren würde. Doch genau das war geschehen!

Auf seinen Lippen bildete sich ein Lächeln. Er überquerte die Seefeldstrasse und betrat die «Backbar», ein Bäckerei-Café, in dem die Leute eine Kleinigkeit essen konnten. Schon zu dieser frühen Stunde war es drückend heiss. Kein Lüftchen wehte, niemand trug mehr als das Allernötigste. Unter seinen Achseln hatten sich Schweissflecken gebildet, und ein feuchter Film lag auf seiner Stirn.

Er betrachtete die Vollkornbrötchen, die für Nora viel zu gesund aussahen, kaufte dann zwei Zimtschnecken und verliess den Laden Richtung Höschgasse. Als er an der Kieselgasse vorbeikam, zog ein bärtiger Mann einen kleinen Hund an der Leine zu sich heran, der gerade ein Häufchen hinterlassen hatte. Der Bärtige schaute sich um, ob ihn jemand beobachtete, stufte Jan offensichtlich als harmlos ein und ersparte sich das Entfernen des Drecks. Er zerrte an der Leine, zischte dem Tier etwas zu, dieses folgte ihm widerstrebend, dann war er verschwunden.

Jan ging weiter. Ein paar Sekunden später stockte er.

Das Hündchen war ihm bekannt vorgekommen. Grau, zerzaust, wuselig. Na, klar! Das war Daisy, Miroslavs vermisstes Haustier. Es sah genauso aus wie auf den Fotos. Dieser Typ hatte die Dreistigkeit, mit seiner Beute ganz in der Nähe, wo er sie her hatte, Gassi zu gehen. Jan eilte zurück. Er folgte der Kieselgasse, erreichte die Wildbachstrasse und schaute sich um: zwei ältere Frauen, ein Geschäftsmann, ein Junge auf einem Skateboard. Kein Mann mit Hund. Jan suchte die umliegenden Strassen ab, doch vom Dieb keine Spur. Aufs Geratewohl rief er: «Daisy!»

Kein Bellen.

Ein paar Mädchen, die an ihm vorbeigingen, kicherten und äfften ihn nach: «Daisy! Daisy!»

Jan ersparte es sich, den Hund mit weiteren Rufen herbeilocken zu wollen. Er schickte ein SMS an Nora: «Es wird später.» Dann durchstreifte er noch einmal die Umgebung, guckte in Hinterhöfe, schaute in Vorgärten. Umsonst. Nach einer Weile gab er auf. Das Ganze war zu ärgerlich.

Enttäuscht traf er an seinem Arbeitsort ein. Er stieg die Treppen hoch, öffnete die Tür des Detektivbüros – und brach in Lachen aus. Nora lag auf einem Klappbett. Auf einem, das seinem Namen alle Ehre machte: Es war zusammengeklappt.

Das Kopfteil hing schief herab, die Verbindungsstange der Vorderfüsse war unter der Matratze eingeknickt, eine Sprungfeder stach hervor und ragte in die Höhe. Nora schien von alledem nichts zu bemerken. Ihr Atem ging ruhig und regelmässig. In einer Stellung, die Jan keine Minute ausgehalten hätte, mit abgewinkeltem Arm und verdrehter Hüfte, schlief sie und pfiff leise aus der Nase.

«Aufwachen, Chef!», sagte er. Als sie sich nicht rührte, tippte er sie an der Schulter an.

Ruckartig setzte sich Nora auf, starrte ins Leere und murmelte verwirrt: «Sonja?» Dann entdeckte sie ihn. «Oh, du bist es.» Sie rieb sich den Schlaf aus den Augen, strich ihr zerknittertes T-Shirt glatt, kletterte vom Gestell herunter – und knallte kopfvoran auf den Boden. «Shit! So ein heimtückisches Teil!» Kurz darauf schnupperte sie in die Luft. Ihr Gesicht hellte sich auf. «Du hast etwas Süsses mitgebracht?»

Er grinste. «Zimtschnecken. Ich wollte eigentlich was Vollwertiges kaufen. Dann dachte ich, das isst du mir nie.»

«Du bist eine Perle.»

«Ich weiss.» Er ging in die Büroküche, machte einen Kaffee für Nora und einen Grüntee für sich. Als er mit zwei Tassen zurückkam, war Nora fluchend dabei, ihr temporäres Nachtlager zusammenzubauen und zur Seite zu stellen. Währenddessen erzählte sie ihm, dass ihre Mutter heute eintreffe und sie, Nora, noch eine Nacht auf diesem Ungetüm verbringen würde. Sie setzten sich beide an Noras Pult, assen Süsses, tranken Bitteres und besprachen den Tag. Jan würde sich um das gestohlene Hündchen kümmern, nun, da sie wussten, dass es in der Nachbarschaft gefangengehalten wurde.

Nebst dem Daisy-Fall gab es noch zwei weitere Aufträge, an denen sie arbeiteten. Eine Kioskverkäuferin beim Bahnhof Enge verdächtigte ihre Aushilfe, Zigarettenstangen zu klauen, doch die junge Teilzeitangestellte leugnete hartnäckig, etwas damit zu tun zu haben. Und dann war da noch der Achtzigjährige in Schwamendingen, der seiner Frau vorwarf, eine Affäre mit dem Hausmeister zu haben. Wiederholt hatte er die beiden mit geröteten Gesichtern aus der Waschküche kommen sehen. Er forderte von Jan und Nora «aussagekräftige Inflagranti-Fotos». Nora hatte sich des Eindrucks nicht erwehren können, er wolle sein Sexleben – zumindest jenes, welches er mit sich selber pflegte – mit den Bildern etwas ankurbeln. Es würde eine langwierige Beobachtung werden, doch wenn er Fotos haben wollte, sollte er Fotos kriegen.

«Ich werde heute vermutlich genug mit Sonja zu tun haben», sagte Nora. «Kommst du klar mit allem?»

«Sicher.» Jan schleckte sich die Krümel von den Fingern. «Als Erstes werde ich mich auf die Suche nach Miroslavs Hund machen. Er hat kläglich ausgesehen.»

«Tatsächlich kläglich?» Nora schien etwas einzufallen. «Der Piepston», murmelte sie und griff nach ihrem Mobiltelefon. «Ich habe in der Nacht ein SMS erhalten, das ich noch nicht gelesen habe.»

«Was ist denn das wieder für eine Assoziation?»

«Na ja, es hatte irgendwie einen kläglichen Unterton.»

«Nora! Handys haben keine Untertöne.»

«Meins schon.» Sie starrte aufs Display und runzelte die Stirn. «Na, was hab ich gesagt! Das ist ja unglaublich! Schau dir das mal an.»

«Was denn, Chef?»

«Eine Nachricht von Carla Manser. Ich kenne sie von früher. Hier, lies selbst.» Sie reichte ihm das Handy hinüber, und er las:

«Bhn wegen mosd festgenonen wordfn missverståndnis bin unschvldig bitte melde dicg.»

«Mosd?» Jan betrachtete die Tippfehler und dachte eine Weile nach. «Das soll wohl Mord heissen. Sieht aus, als hätte sie die Nachricht nicht sehen können, während sie schrieb.»

Nora nickte. «Handschellen hinter dem Rücken.»

«Du meinst, sie hat die Botschaft auf dem Weg ins Polizeigefängnis verfasst?»

Nora nickte. Sie schob sich den letzten Bissen der Zimtschnecke in den Mund, dann ging sie ins Bad, spritzte sich Wasser ins Gesicht und trocknete sich ab. Mit rotgerubbelten Wangen und entschlossenem Ausdruck, den er gut von ihr kannte, kam sie zurück. «Scheint, als hätte ich heute doch noch anderes zu tun, als meiner Mutter Obdach zu bieten.»

«Und das wäre?»

«Ich knöpfe mir Mike vor. Der wird wissen, worum’s geht.»

Carla ging auf und ab. Fünf Schritte hin, fünf Schritte zurück. Für mehr reichte der Platz nicht. Sie schätzte ihre Zelle auf acht Quadratmeter. Rauhe Wände, schmutzigweisslich, in den Ecken fast schwarz. Eine Pritsche, ein Waschbecken, ein halbhohes Mäuerchen, hinter dem eine Toilette ohne Klobrille stand. Gleich daneben die Tür, in der ein Guckloch angebracht war, durch das die Wärter schauen konnten, was sie tat. Manchmal verdunkelte es sich für einen Moment, dann stellte sie sich vor, wie jemand hindurchspähte und sie beobachtete. Wenn sie auf dem Klo sitzen würde, könnten sie ihren Oberkörper sehen. Keine Privatsphäre, nicht mal im intimsten Bereich. Verständlich, wenn man an die richtigen Kriminellen dachte, die normalerweise hier sassen, aber unangenehm. Bis jetzt hatte sie vermieden, das WC zu benutzen, doch viel länger konnte sie es nicht mehr hinausschieben.

Von hoch oben liess ein kleines, vergittertes Fenster etwas Helligkeit in die Zelle. Was draussen war, konnte Carla nicht sehen. Nur ein Stück Himmel erkannte sie. Wolkenlos.

Heiss war es hier drin, kaum auszuhalten. Dieser Sommer zeigte einmal mehr, dass die Klimaerwärmung längst in vollem Gange war. Die Wände, der Boden, der ganze Raum waren aufgeheizt. Abgestandene Luft mit undefinierbaren menschlichen Geruchsnoten. Urin. Schweiss. Und Angst.

Vor ein paar Stunden hatten sie sie hierher gebracht, und bereits hatte sie jegliches Zeitgefühl verloren. Sie hatten ihr alles abgenommen. Die Uhr, den Gürtel, den Fingerring, den Eveline ihr von ihrer letzten Reise mitgebracht hatte, und selbstverständlich ihre Ausweise und das Geld. Mehr hatte sie nicht auf sich getragen.

Sie versuchte, kein Selbstmitleid aufkommen zu lassen, sondern einen klaren Kopf zu bewahren. Es war ein Missverständnis, ein folgenschweres, aber eines, das sie nachvollziehen konnte. Wäre sie Polizistin gewesen und hätte eine Frau neben Marks Leiche angetroffen, wäre sie auch skeptisch gewesen. Wo stand geschrieben, Psychiaterinnen verübten keine Morde? Nein, sie durfte es nicht persönlich nehmen, durfte die Nerven nicht verlieren. Sie musste so schnell wie möglich versuchen, das Ganze zu klären.

Wie sah das eigentlich rechtlich aus? Konnte man Schadenersatz oder Schmerzensgeld fordern, wenn man über längere Zeit unschuldig eingesperrt gewesen war? Oder gehörte das einfach zu einer Ermittlung, und wer Pech hatte, an einem Tatort angetroffen zu werden, hatte – naja, eben Pech? Sie würde später ihren Pflichtverteidiger danach fragen. Nicht, dass Geld das Wichtigste war. Aber falls dieser Aufenthalt hier länger dauern sollte, musste sie das Thema ansprechen. Sie hoffte, die Sache würde sich in ein, zwei Tagen erledigt haben. Heute nachmittag würde sie die ermittelnde Staatsanwältin treffen, hatte man ihr gesagt. Möglicherweise hatte Carla voreilig gehandelt, als sie Nora den Hilferuf geschickt hatte. Zwar konnte es sein, dass sie am Abend schon wieder auf freiem Fuss war, aber geschadet hätte es nicht. Carla war froh, dass es sich um eine Staatsanwältin handelte. Obwohl sie natürlich nicht davon ausgehen konnte, eine Frau würde gnädiger mit ihr umspringen als ein Mann.

Hin und her. Hin und her. Fünf Schritte in die eine Richtung, fünf Schritte in die andere. Nach einer Weile blieb sie stehen und schaute zum Fenster hoch. Eine dünne Schleierwolke zog vorüber, zwei Tauben flatterten vorbei. Dann war der Flecken Himmel wieder strahlend blau. Sie wartete, ob noch mehr Vögel auftauchten, doch sie sah keine mehr.

«Alles kommt gut, Carla», flüsterte sie vor sich hin, so liebevoll, wie sie es jeweils zu ihren Patienten sagte. «Alles kommt gut.» Doch sie konnte nicht verhindern, dass ihr die Tränen aus den Augen liefen.

Paul Berthold verfolgte das vielbeinige Krabbeln. Quer durch seine Zelle verlief eine Ameisenstrasse. Er kniete sich nieder und beobachtete die Insekten, die in Reih und Glied hintereinander hermarschierten. Es waren Dutzende. Bestimmt würden es bald Hunderte sein. Berthold suchte den Ursprung der Invasion und sah, dass die schwarzen Tierchen aus einem Spalt in der Wand ins Innere drangen. Der Verputz rings um die schmale Öffnung war abgeblättert, immer mehr Ameisen strömten herein. Berthold wischte sich über den nackten Oberkörper. Er hatte sein Hemd ausgezogen, weil es so verdammt schwül war. Seine bleiche, haarlose Brust glänzte vor Feuchtigkeit.

Ob sie auch oben ohne in ihrer Zelle sass? Ob ihr Schweisstropfen über die Brüste liefen? Beim Gedanken an Carla Manser versteifte sich sein Penis. Berthold wusste, dass sie ganz in der Nähe untergebracht war. Nah genug, um seine Phantasie anzuregen. Seit er die Medikamente heimlich abgesetzt hatte, fühlte er zwischen den Beinen wieder etwas.

Er betrachtete erneut die Ameisen. Nun hatten die Späher die gegenüberliegende Wand entdeckt, die anderen folgten ihnen, dann verschwanden sie unter dem Türspalt. Eine scherte links aus, schien etwas aufgespürt zu haben, umkreiste es und zog daran. Es war ein Brotkrümel. Zwei weitere kamen herbei, ein aufgeregtes Treiben entstand, dann schleppten vier von ihnen den hellen Brosamen Richtung Ausgang. In der Mitte des Trupps bewegte sich ein Insekt, das etwas grösser war als die anderen. Sicher die Königin.

Berthold robbte neben der Kolonne her, bis er auf ihrer Höhe war. Er betrachtete ihren feingliedrigen Körper. Sie überholte ihre Vorgängerin und krabbelte nun dicht hinter einer anderen Ameise. Da merkte Berthold, dass sie gar nicht so gross war. Nein, das war keine Königin. Königinnen liessen sich bedienen und begatten und legten Eier am Laufmeter. Diese hier war eine ganz gewöhnliche Arbeiterin.

Er zerdrückte sie.

Sogleich kamen andere herangeeilt, liefen aufgeregt zu der sich windenden Ameise hin und betasteten sie mit den Fühlern, als wollten sie ihr helfen. Berthold zerquetschte eine nach der anderen. Er befeuchtete seinen Zeigefinger, tippte auf die toten Insekten und ass sie auf. Sie schmeckten bitter.

«Perversling», sagte eine Stimme über ihm.

Berthold fuhr zusammen. Er hatte ganz vergessen, dass er nicht allein war.

Der Afrikaner, mit dem er die Zelle teilte, lag auf der oberen Matratze des Kajütenbettes auf dem Bauch. Er hatte seinen Mund abschätzig verzogen und starrte zu Berthold hinunter. «Du bist echt krank.»

Berthold leckte seine Finger ab und erwiderte nichts.

Der Afrikaner schnalzte mit der Zunge. «Ein armes, krankes Schwein. So einer wie du überlebt hier nicht lange.» Er drehte sich zur Wand und stiess die Wolldecke mit dem Fuss zur Seite.

«Wir werden sehen.» Berthold starrte auf die Ameisen am Boden. Die meisten waren tot. Ein paar lebten noch und krümmten sich im Todeskampf. Ein abgetrennter Hinterleib zuckte.

Nora legte die Füsse auf ihren Schreibtisch und wählte die direkte Kripo-Nummer, die sie auswendig kannte. Sie liess es zehnmal läuten. Ihr ehemaliger Polizeikollege ging nicht ran. Danach versuchte sie es auf seinem Handy.

Sofort meldete er sich: «Salzmann. Richtige Nummer, falscher Zeitpunkt. Bitte fass dich kurz, Tabani.»

«Dir auch einen schönen guten Morgen», gab Nora zurück. «Ich muss dich sehen. Es geht um Carla Manser.» Als sie hörte, wie er geräuschvoll Atem holte, fügte sie schnell hinzu: «Nur kurz. Ein paar Fragen.»

Ein Quietschen drang aus dem Hörer, als stünde Mike an einer Kreuzung, an der gerade ein Tram um die Kurve ächzte. «Tabani, du behauptest nicht im Ernst, du seist mit dem Manser-Fall beschäftigt.» Die Verbindung war schlecht, es knackte in der Leitung.

«Nun ja, ich –»

«Die Leiche ist ja noch warm! Woher um alles in der Welt… Egal, ich rege mich nicht auf. Nein, Salzmann, du regst dich nicht auf…» Eine Tramglocke schrillte, er keuchte und schien die Strasse zu überqueren. «Ich habe demnächst einen Gesprächstermin im ‹Starbucks› am Stauffacher. Komm einfach her, ein paar Minuten kann ich dir geben, okay?»

«Bin schon unterwegs.»

Nora warf einen Blick ins andere Bürozimmer, wo Jan mit atemberaubender Geschwindigkeit einen Text in den Computer hackte, und fragte ihn: «Alles klar?»

Jans Finger galoppierten weiter über die Tastatur, während er zu ihr hochsah. «Alles klar, Chef. Ich hab hier bis Nachmittag zu tun.»

Dann verliess sie im Eiltempo das Haus, erwischte ein 2er-Tram und war bald danach am Stauffacher. Sie trat in den «Starbucks». Ein paar Leute sassen vor ihren Getränken und lasen Zeitung. Mike war nicht im unteren Stock. Sie holte sich einen Kaffee, stieg nach oben und entdeckte Mike neben einem Grüppchen Studentinnen, die an ihren Laptops arbeiteten. Er sprach mit einem jungen Typen, der eine Kapuzenjacke trug, und schien Nora nicht bemerkt zu haben.

Nora setzte sich an ein Tischchen neben der Treppe und beobachtete Mikes gebieterische Gesten, während er redete. Sein Gegenüber wirkte beeindruckt, um nicht zu sagen eingeschüchtert; seine ganze Körperhaltung drückte Unterwerfung gegenüber einem Alphatier aus.

Nora lächelte vor sich hin. So ging es allen am Anfang. Mike war ein Bär. Nicht nur gross und massig, mit grauem, aber beneidenswert dichtem Haar, sondern auch mit einer Stimme ausgestattet, die ihm die Opern-Hauptrolle als Bass eingebracht hätte. Viele unterschätzten ihn. Er sprach laut und als typischer Berner langsam, was unerfahrene Zürcher zur irrigen Annahme verleitete, er denke auch nicht allzu schnell. Doch Mikes Oberstübchen funktionierte mehr als einwandfrei.

Nun sah er kurz zu ihr hinüber und zwinkerte ihr zu. Die Diskussion der beiden Männer schien zu einem Ende zu kommen. Der jüngere nickte ein paarmal folgsam, schüttelte Mikes Pranke und machte sich dann erleichtert aus dem Staub.

Mike kam auf Nora zu. Sein Hinken war etwas stärker geworden, wie sie bemerkte.

«Tabani!», dröhnte er und schlug ihr breit lächelnd auf die Schulter, was noch tagelang zu sehen sein würde. «Ich habe zwar nur die Hälfte von dem verstanden, was du ins Handy genuschelt hast, aber ich hätte mir denken können, dass du kurz nach einem Mord bei mir aufkreuzt.» Er setzte sich zu ihr, stellte seinen Kaffee neben den ihren und schaute sie an. «Wärst du doch nur bei uns geblieben, du hättest die Informationen aus erster Hand.»

«Ach, ich komme auch so zu den nötigen Auskünften.»

Er versuchte, grimmig auszusehen. «Du weisst, dass ich dir nichts mitteilen kann.»

«Ich weiss.» Er würde es trotzdem tun. Sie kriegte ihn jedesmal dazu, ihr mehr zu sagen, als er durfte, warum auch immer. Vatergefühle. Wehmut aufgrund der früheren Zusammenarbeit, angeborene Hilfsbereitschaft oder aus anderen Gründen.

Er trank einen Schluck. Der Schlagrahm blieb an seinem Bart kleben. Er wischte sich den Schaum weg und sagte: «Furchtbares Gesöff. Wer will schon seinen Espresso mit Caramel, Strawberry oder anderem Schnickschnack drin?»

«Millionen von Menschen weltweit.»

Er lachte. «Unbegreiflich! Also, was kann ich für dich tun?»

Nora erzählte ihm von Carlas SMS, das sie heute morgen erhalten hatte. «Sie schreibt etwas von Mord, was ich mir bei einer Frau wie ihr nicht vorstellen kann. Es muss sich um eine Verwechslung handeln.»

Er zwirbelte nachdenklich seinen Schnurrbart. «Regina Flint von der Staatsanwaltschaft 4 hat den Fall übernommen.»

Nora war erstaunt. «Flint? Ich dachte, sie sei im Mutterschaftsurlaub.»

«Nicht mehr. Allerdings darf ich dir über den Manser-Fall keine Einzelheiten bekanntgeben, das verstehst du. Die Sache ist noch nicht mal dem Haftrichter vorgelegt worden.»

«Wer wurde getötet?»

«Tabani, du tust es schon wieder!»

«Komm schon, Onkel Mike», grinste sie und knuffte ihn in die Seite. «Morgen erfahr ich’s sowieso aus den Zeitungen.»

«Da hast du recht», gab er widerwillig zu. «Also. Der Tote ist Carla Mansers Ex-Mann. Am Tatort waren einer ihrer Patienten und sie selbst, beide höchst verdächtig. Mehr darf ich dir nicht sagen.»

«Was war die Tatwaffe?»

«Treib es nicht auf die Spitze!»

«Morgen… die Zeitungen … erinnere dich daran. Die Druckmaschinen sind schon am Laufen, in ein paar Stunden…»

«Ist ja gut, ist ja gut. Du gibst wohl nie auf. Es war ein Messer.»

«Habt ihr DNA-Spuren darauf gefunden?»

«Blut von allen dreien.»

«Das Ganze ist doch absurd, Salzmann. Lass mich mit Carla reden.»

«Unmöglich. Regina Flint müsste dir eine Besuchsbewilligung für die U-Haft erteilen. Was sie in der jetzigen Situation bestimmt nicht tut. Und wenn sie es täte, dürftest du mit der Verhafteten nicht über das Delikt sprechen.»

Nora berichtete, unter welchen Umständen sie die Psychiaterin kennengelernt hatte. «Carla hat mich um Hilfe gebeten. Früher war sie es, die für mich da war. Jetzt kann ich ihr etwas zurückgeben. Ermögliche mir einen Moment mit ihr.»

Mike schüttelte bedauernd den Kopf. «Es geht wirklich nicht.»

«Ein klitzekleines Gespräch? Unter Aufsicht? Und wir sprechen nur über das Wetter?»

«Tabani! Du bist eine unglaubliche Nervensäge!», stiess er theatralisch aus.

Sie grinste. «Das muss ich sein. Sonst erfahr ich nie was.»

Mike trank angewidert die Tasse leer. Dann schaute er auf die Uhr. «Ich sollte los. Tut mir leid, dass ich dir nicht helfen kann.»

«Du könntest schon», sagte sie, und als er gleich wieder losdonnern wollte, fügte sie hinzu: «Nein, ich meine etwas anderes. Sprich mit der Staatsanwältin. Frag sie, ob ich eine einmalige Besuchsbewilligung erhalte.»

«Regina Flint wird dir keine erteilen. Das weisst du.»

«Versuch’s.»

Er stand auf und quetschte sich am kleinen Tisch vorbei. «Ich schaue, was ich machen kann.»

Sie verabschiedeten sich. Mike ging die Treppe hinunter. Nach ein paar Stufen blieb er stehen und drehte sich um. Sein Blick hatte sich verändert. «Übrigens, Nora …»

Sie war erstaunt. Er nannte sie selten beim Vornamen. «Ja?»

Er senkte die Lautstärke, so gut er konnte, doch es hallte immer noch durch das ganze Café. «Ich habe nicht vergessen, was für ein Tag heute ist.»

Nora war gerührt. «Danke, Salzmann.»

«Glaub mir, ich denke oft an deinen Vater. Es ist mir ein Trost, dass du nach ihm kommst.»

«Du meinst, er war genauso eine unglaubliche Nervensäge?» Sie spürte, wie ihre Stimme brüchig wurde.

Mike lächelte milde. «Er war mein bester Freund. Und das wird er immer bleiben.»

Der Mann, der in Carlas Zelle trat, roch penetrant nach Zigarettenrauch. Er hatte etwas Windschiefes an sich. Sein Kinn war spitz, der Haaransatz so weit oben, dass seine Stirn unnatürlich hoch wirkte. Er hielt den Kopf schräg und streckte ihr seine knochige Hand hin. «Sigmar Spiess. Ich bin Ihr Pflichtverteidiger.»

Carla deutete auf die Matratze. «Bitte nehmen Sie Platz.»

Beide setzten sich. Spiess kramte umständlich einige Dokumente aus seiner abgewetzten Ledertasche und legte sie auf seine Knie. Seine Fingerspitzen waren gelb vor Nikotin. «Als Erstes», sagte er heiser, «sollten Sie dieses Haftentlassungsgesuch unterschreiben.»

«Jetzt schon?»

Er räusperte sich und reichte ihr ein Formular hinüber. «Je früher, desto besser.»

Sie las das Gesuch durch, setzte ihren Namen darunter und gab es ihm zurück. Dann sagte sie: «Hören Sie, Herr Spiess, bevor wir anfangen, möchte ich, dass Sie wissen, dass ich unschuldig bin.»

Er sah aus, als würde ihn dieser Satz verärgern. «Das tut nichts zur Sache.»

«Nichts? Aber … darum geht es doch!»

Er schüttelte den Kopf. «Nein, Frau Manser, darum geht es nicht. Fast alle meine Klienten versichern mir, sie hätten nicht gegen das Gesetz verstossen. Für mich spielt es keine Rolle, was Sie getan haben. Meine Aufgabe ist es, Sie –»

«Aber für mich spielt es eine Rolle! Ich möchte, dass klar wird, dass ich mit diesem … mit diesem Mord nichts zu tun habe!» Das Bild von Marks totem Körper tauchte vor ihr auf. Seine gebrochenen Augen. Der offene Mund. Die klaffende Wunde an seinem Hals.

Spiess fuhr unbeirrt weiter. «Meine Aufgabe ist es, Sie hier so rasch wie möglich herauszuholen. Oder zu erreichen, dass Ihre Strafe – sofern Sie eine erhalten, wovon ich momentan ausgehe – nicht allzu hoch ausfällt.»

«Wie meinen Sie das, Sie gehen davon aus?»

Der Anwalt hustete. Etwas schien mit seiner Stimme nicht in Ordnung zu sein. Erst da bemerkte Carla, dass nicht nur seine Finger nikotinverfärbt waren, seine ganze Haut hatte etwas Gelbliches. Er sah krank aus. Carla erinnerte sich an einen Fall während ihrer Ausbildung. Ein Mann Ende sechzig, der an Kehlkopfkrebs gelitten und ähnliche Symptome gehabt hatte.

Spiess’ Husten hielt an. Er versuchte, den Reiz zu unterdrücken, doch es gelang ihm erst, nachdem er einen Schluck Wasser aus einer mitgebrachten Flasche getrunken hatte. «Entschuldigen Sie bitte. Eine Pollenallergie.» Er stellte die Flasche zurück in die Aktentasche.

Carla sah ihn aufmerksam an. Das war keine Allergie. Das war etwas, an dem er sterben würde.

Der Anwalt nahm den Faden wieder auf. «Ich sage es Ihnen ohne Umschweife. Die wenigen Informationen, die ich bis jetzt über Ihren Fall erhalten habe, genügen mir, dass ich sagen kann: Ihre Situation ist ernst.»

Carla liess das einen Moment auf sich wirken. «Egal, was Sie von mir denken, ich habe kein Verbrechen begangen. Können Sie sich auf die Suche nach Beweisen für meine Unschuld machen?»

Spiess verneinte. «Das ist heikel. Ermittlungen sind Sache der Polizei. Ich verteidige Sie.»

«Wie geht es jetzt weiter?»

«Die Staatsanwältin, die mit Ihrem Fall beauftragt ist, bespricht sich heute oder morgen mit dem Haftrichter. Dieser kann aus drei Gründen Untersuchungshaft beantragen: Fluchtgefahr, Wiederholungsgefahr oder Kollusionsgefahr.»

«Was ist das?»

«Kollusionsgefahr heisst, dass Sie sich mit Helfern, Mitwissern oder Mittätern absprechen könnten.»

Carla schnaubte spöttischer, als beabsichtigt. «Mit wem sollte das denn sein?»

«Das wissen nur Sie.»

«Ich sagte Ihnen doch, ich sei … Ach, was soll’s. Und dann?»

«Dann warten wir auf den Bescheid des Haftrichters.»

«Wenn der negativ ausfällt, bleibe ich hier?»

«Nein, dies ist nur ein provisorischer Aufenthaltsort. Wenn Sie in Untersuchungshaft kommen, werden Sie ins Bezirksgefängnis verlegt.»

«Für lange?» Vielleicht hatte sie Lutz, der Polizist, der sie hergefahren hatte, mit der Ankündigung einer ausgedehnten U-Haft nur einschüchtern wollen.

«Lang ist ein relativer Begriff. Aber lassen Sie uns den Teufel nicht an die Wand malen.» Doch Spiess sah aus, als würde er genau dies tun.

«Mehrere Wochen?»

«Das kann sein.»

Sie zögerte, dann sprach sie es aus. «Monate?»

«Auch das ist möglich. Es ist der Anfang. Sind die Ermittlungen abgeschlossen, wird Anklage erhoben. Bis zur Gerichtsverhandlung können einige Monate verstreichen. Entweder werden Sie freigesprochen oder verurteilt. Falls Mord oder vorsätzliche Tötung geltend gemacht wird, dürften es etliche Jahre Gefängnis sein.»

«Oh, Gott.» Carla schlug die Hände vors Gesicht. Sie verharrte einige Sekunden so, nahm den Rauchgeruch von Spiess wahr, hörte seinen rasselnden Atem. Dann riss sie sich zusammen. Es musste sich aufklären lassen! Das war doch ein Witz! Niemand konnte ernsthaft davon ausgehen, dass sie, eine renommierte Psychiaterin mit florierender Praxis, gemeinsam mit einem schwer gestörten Patienten ihren Ex-Mann umgebracht und dann die Polizei alarmiert hatte.

Sie setzte sich aufrecht hin. «Falls der Haftrichter also eine Untersuchungshaft anordnet, Sie nicht ermitteln dürfen und die Polizei zu lange braucht, um meine Unschuld nachzuweisen – kann ich jemand anders mit der Beweissuche beauftragen? Beispielsweise eine Privatdetektivin?»

Spiess hustete. Trank einen Schluck Wasser und wischte sich mit dem Ärmel über den Mund. «Rechtlich gesehen gilt eine Detektivin als Privatperson. Deshalb darf sie Sie in der Untersuchungshaft nicht besuchen. Kollusionsgefahr. Sie könnte mit Ihnen – salopp ausgedrückt – unter einer Decke stecken.» Er hielt einen Moment inne und schien nachzudenken. «Ausser …»

«Ja?»

«Ausser ich gebe ihr eine juristische Vollmacht.»

«Das wäre möglich?» Carla sah einen Hoffnungsschimmer.

Spiess zog Stift und Block hervor. «Theoretisch. Sie würde sozusagen stellvertretend für mich an Ihrer Verteidigung mitwirken. Die Kosten dafür müssten Sie allerdings selber tragen. Name und Adresse?»

«Wie bitte?»

«Die Detektivin. Wie kann ich sie erreichen?»

«Oh, natürlich», sagte Carla. «Nora Tabani. Seefeldstrasse in Zürich. Die Hausnummer fällt mir nicht ein.»

«Kein Problem.» Spiess schrieb es auf, dann wartete er mit gezücktem Stift. «Weitere Personen, die ich kontaktieren soll?»

Carla bat ihn, Klinikleiter Tillmann zu informieren, damit dieser ihre Patienten an eine Kollegin weiterleitete.

«Sonst noch jemand?»

Carla spürte einen Stich im Herzen, als sie an ihre Tochter dachte. In Australien war es Nachmittag. Eveline hatte ihr vor ein paar Tagen ein langes Mail mit etlichen angehängten Fotos geschickt. Darauf war sie mit ihrer Gastfamilie und Freiwilligen aus aller Welt abgebildet. Zusammen mit Zwergkängurus und anderen Beuteltieren. Es hatte keinen Sinn, Eveline zu beunruhigen, solange noch nicht klar war, ob das Ganze eine längere Sache würde. Carla würde ihre Tochter über den Tod ihres Vaters informieren, sobald sie draussen war. «Nein. Niemand.»

Dann fiel ihr etwas ein. «Was geschieht mit meinem Auto? Das steht noch immer vor der Fabrik in Erlenbach.»

«Nicht mehr», gab Spiess zurück. «Es wurde von der Polizei zur Spurensicherung abtransportiert. Sie werden es wieder erhalten, wenn die Untersuchungen abgeschlossen sind.» Er packte seine Unterlagen ein und erhob sich. «Falls Sie in Untersuchungshaft kommen, werde ich der Privatdetektivin die Vollmacht übertragen und baldmöglichst mit Ihnen über das weitere Vorgehen sprechen. Ist das in Ordnung?»

Carla stand auf und schüttelte ihm die Hand. «Das ist es. Vielen Dank. Bestimmt ist meine Sorge unbegründet. Morgen bin ich wieder zu Hause.» Sie lächelte und hoffte, er würde zurücklächeln, ihr ein Zeichen der Zuversicht geben. Doch das tat er nicht. Er schaute sie nur an.

Ein Wärter liess den Pflichtverteidiger hinaus. Die Tür schloss sich hinter ihm. Carla blieb allein in der Zelle zurück. Sie setzte sich wieder auf die Pritsche und hörte noch lange das Husten auf dem Gang.

Die Lautsprecheransage, die durch die Halle des Hauptbahnhofs schallte, war kaum zu verstehen. Wer auch immer am Mikrophon sass, war viel zu nah dran. Die Stimme überschlug sich. So viel Nora mitbekam, hatte der Zug aus Frankreich eine Verspätung von fünfzig Minuten. Die Wartenden neben ihr schimpften und wetterten. Einer sagte, man könne froh sein, dass die Züge während des Streiks der französischen Bahnarbeiter überhaupt verkehrten. Nora setzte sich ins «Baretto», bestellte ein Mineralwasser und stürzte es hinunter. Leider war es lauwarm. Sie hätte viel für eine Abkühlung gegeben. Der Asphalt auf den windstillen Strassen war aufgeweicht, die öffentlichen Verkehrsmittel hatten sich in Brutkästen verwandelt, die Leute schleppten sich den Hausmauern entlang, die nur wenig Schatten boten. Kürzlich waren die ersten Hitzetoten gemeldet worden. Nora trank noch ein Wasser und blätterte lustlos in einer Illustrierten. Sogar das Lesen war bei diesen Temperaturen zu anstrengend.

Dann ging sie wieder zu den Geleisen. Nach einer weiteren halben Stunde und mehreren aus den Lautsprechern scheppernden Entschuldigungen traf der Zug ein. Ein Strom stöhnender Fahrgäste ergoss sich aus den Waggons ins Freie. Die feuchten Haare hingen den Reisenden in die Gesichter, die zerknitterten T-Shirts klebten auf ihrer Haut.

Nora entdeckte ihre Mutter in einer Touristengruppe. Ihr Gang war unverwechselbar, hatte etwas Jugendliches an sich. Sie zog zwei silberne Rollkoffer hinter sich her – auf einem lag ein Handtäschchen in der gleichen Farbe – und schaute sich suchend um. Nora winkte ihr. Sonja winkte zurück, aufgeregt und strahlend wie ein Kind.

In diesem Moment hätte Nora heulen können. Ohne Voranmeldung erfasste sie eine Traurigkeit, die sie lange nicht mehr wahrgenommen hatte. Alte Erinnerungen wurden wieder lebendig. Gemeinsame Picknicks mit Frisbeespiel im Grünen. Fernsehnachmittage mit Chips und Apfelsaft auf dem durchgesessenen Sofa, als die ganze Familie die Schweizer Skinationalmannschaft anfeuerte. Das Gespräch zwischen Mutter und Tochter, als sich Nora zum ersten Mal verliebt hatte. Sie hatte es geheimhalten wollen. Doch Sonja hatte es gemerkt, sie darauf angesprochen und von ihren eigenen Erfahrungen in diesem Alter berichtet. Es war einer der raren, vertrauten Momente zwischen ihnen gewesen.

Dann sah Nora ihren Vater vor sich. Sie roch das frische Holz der Baumhütte, die sie gemeinsam gebaut hatten, hörte das Klopfen des Spechts, der sie bald darauf malträtierte. Als Nora von zu Hause ausgezogen war, holte sie ihren Vater häufig über Mittag bei der Kripo ab, sie setzten sich an die Sihl und verdrückten Sandwichs mit scharfer Peperoncinisauce. Nach seinem Tod klammerte sich Sonja eine Weile an Nora. Dann flüchtete sie nach Südfrankreich, anders konnte man es nicht nennen. Jahre waren vergangen, in denen das Unaussprechliche zwischen ihnen hängengeblieben war, jede war mit ihrem eigenen Schmerz beschäftigt. Sonja hatte kein Interesse an Noras Leben gezeigt. Und Nora hatte fast vergessen, dass sie noch eine Mutter hatte.

Sie hätte nicht gedacht, dass das Wiedersehen mit Sonja sie so aufwühlen würde. Ihre Mutter eilte näher und zerrte ihre Koffer flink an all den Reisenden vorbei, als wollte sie möglichst schnell bei ihrer Tochter sein.

«Du bist gewachsen!», rief Sonja.

«Quatsch!», gab Nora lachend zurück und wich einem jungen Pärchen aus.

Ihre Mutter stand vor ihr. «Dann muss ich wohl geschrumpft sein.» Sonja stellte ihr Gepäck ab, stellte sich auf die Zehenspitzen und hauchte drei Küsschen in die Luft neben Noras Ohren. «Lass dich anschauen. Gut siehst du aus. Aber du kommst mir etwas dünn vor. Isst du auch genug?»

«Sonja! Ich bin erwachsen! Ich esse regelmässig, nahrhaft und gesund.»

Nun, das Letzte stimmte nicht ganz. Wenn Jan nicht ab und zu etwas Vitaminreiches aus der Büroküche zaubern würde, bestünden ihre Mahlzeiten aus Pommes frites, Kaffee und Schokolade. Sonja erzählte, dass sie ihre Ernährung komplett auf mediterran umgestellt habe und Fisch inzwischen liebe, vor allem «à la niçoise».

Nora nahm ihr einen Koffer ab, und sie gingen zusammen Richtung Tramstation. Sonja plauderte drauflos. Wie ungewohnt der Bahnhof aussehe. Wie Zürich sich verändert habe. Und dass in Frankreich alles ganz anders sei.

Nora betrachtete ihre Mutter von der Seite. Sie wirkte tatsächlich etwas kleiner als früher. Ihr Gesicht braungebrannt, fast ledrig, Dekolleté und Arme ebenfalls. In den rötlich getönten Haaren trug sie eine bunte Spange, um die Finger und Handgelenke Modeschmuck in schimmernden Farben. Das war neu. Früher hatte Sonja nicht auffallen wollen. Bevor sie die Schweiz verlassen hatte, war sie nur noch ein gräulicher Schatten ihrer selbst gewesen. Grau das Gesicht, grau die Kleidung, grau die Stimmung.

«Ist es nicht wunderbar, dass wir uns wiedersehen?», rief sie aus.

Nora nickte und hievte das Gepäck in das soeben eintreffende 4er-Tram. Sie setzten sich. Sonja war begeistert vom Wetter, von der Stadt und von den Menschen. Sie schaute aus dem Fenster, als sie den Limmatquai entlangfuhren, und kommentierte beschwingt alles, was sie sah.

Nora wusste nicht, wie ihr geschah; sie erkannte ihre Mutter fast nicht wieder und versuchte, sich darüber zu freuen, dass Sonja nicht mehr depressiv war. Doch ihr Verhalten wirkte etwas befremdlich auf Nora.

In diesem Moment dudelte die Schweizer Nationalhymne aus Noras Hosentasche. Sonja kicherte vergnügt, als sie den Klingelton hörte. Nora nahm den Anruf entgegen. Es war Mike.

«Ich dachte», sagte er, «ich bin dir die Neuigkeit schuldig, auch wenn du nicht erfreut sein wirst.»

«Worum geht’s denn, Salzmann?»

Sonja horchte auf, als sie den Namen hörte. Sie flüsterte aufgeregt: «Ist das Mike? Unser Mike Salzmann? Lass mich ein paar Worte mit ihm reden.» Sie griff nach dem Handy.

«Gleich, Sonja», gab Nora leise zurück und entzog ihr das Telefon.

«Ich habe den Bericht des Haftrichters erhalten», fuhr Mike fort. «Carla Manser wird heute ins Bezirksgefängnis verlegt. Untersuchungshaft bis auf weiteres.»

«Scheisse!», stiess Nora aus.

«Nora!», mahnte Sonja.

«Wer ist das?», fragte Mike.

«Meine Mutter.»

«Was? Sonja ist hier? Seit wann denn?»

«Seit gerade erst», sagte Nora.

«Grüss sie herzlich.»

«Das mach ich. Und was ist mit der Staatsanwältin? Konntest du mit Regina Flint sprechen wegen einer Besuchsbewilligung?»

«Keine Chance. Aber wir bleiben dran, Tabani. Wenn die Manser unschuldig ist, werden wir das in kurzer Zeit herausgefunden haben, und sie ist wieder auf freiem Fuss. Ein paar Tage wird sie es aushalten müssen.»

Nora seufzte. «Sofern es nur ein paar Tage sind. Du weisst, wie es in den Zellen aussieht. U-Haft ist kein Zuckerschlecken.»

«Das soll es auch nicht sein. So, ich muss weitermachen.»

«Okay. Vielen Dank und –»

«Nur schnell Hallo sagen», flötete Sonja.

«Mike, meine Mutter möchte noch –»

Sonja hatte das Handy an sich genommen und stiess erfreut aus: «Mike! Wie geht es dir, wie geht es deiner Frau und den Kindern? Was macht die Arbeit? Ist der Sommer nicht unwahrscheinlich heiss?»

Nora lehnte sich zurück und hörte mit halbem Ohr zu, wie die beiden so locker miteinander sprachen, als lägen nicht sechs Jahre Funkstille dazwischen. Sie dachte nach. Carla Manser in U-Haft. Und sie, Nora, ohne Möglichkeit, sie zu sehen. Das war nicht gut. Noch wusste sie viel zu wenig über die ganze Sache. Vielleicht brachte das Gratisblatt am Abend etwas. Oder einer der regionalen TV-Sender. Nora würde sich heute durchzappen und versuchen, genauere Informationen zu erhalten.

Sie kamen bei ihrer Haltestelle an. Nora schleppte die beiden Koffer aus dem Tram, zog sie zum Haus, während ihre Mutter hinter ihr hertrippelte und noch immer mit Mike schwatzte. Nora stieg die Treppen hoch, kam an ihrem Büro vorbei – Sonjas glucksendes Lachen hinter sich – und prallte mit einem hageren Mann zusammen, der nach Nikotin roch. Sie schaute ihn fragend an.

«Sigmar Spiess», sagte dieser und offenbarte eine Reihe gelber Zähne. In seiner Hand trug er eine Aktenmappe, die er ihr überreichte. «Ich bin der Pflichtverteidiger von Carla Manser. Ich habe hier eine juristische Vollmacht für Sie.»

Tak-tak-tak-tak klapperte der altersschwache Ventilator auf Lorenz Tillmanns Schreibtisch. Der Klinikleiter hatte viel zu tun. Er sass in seinem Besprechungszimmer im obersten Stock des Hauptgebäudes. Vom Park her drangen gedämpfte Geräusche zu ihm hoch, Gesprächsfetzen und ab und zu Gelächter. Sein Pult stand direkt vor dem Fenster, so dass er auf die Gartenanlage schauen konnte, wo etliche Patienten, Besucher und Pflegepersonen im Schatten der grossen Blutbuchen sassen. Alle Bänke waren besetzt. Unterhalb des Klinikgeländes sah man Bauernhöfe und Felder, in der Ferne lag der See, über den man von hier aus einen phantastischen Blick hatte. Die Glarner Alpen am Horizont waren von Dunst umgeben und nur undeutlich zu erkennen.

So unglaublich das in seinen Ohren auch klang, aber vor einer Stunde hatte Tillmann Bescheid bekommen, dass Carla Manser in U-Haft bleiben müsse. Er wusste noch nicht, wie er es seinen Ärzten und dem Pflegepersonal mitteilen würde. In erster Linie mussten es diejenigen erfahren, welche Carla Mansers Patienten übernahmen.

Er ging die Liste durch. Berthold fiel schon mal weg. Über ihn würde er sich später Gedanken machen. Blieben noch sechzehn weitere Entlassene, die zum Teil in der Aussenwohngruppe der Klinik oder bereits wieder zu Hause lebten und noch regelmässig bei Manser in Therapie waren. Zum Glück kannte Tillmann alle. Er wusste von den beiden Frauen, die sexuelle Übergriffe erlebt hatten und nur zu einer weiblichen Person in die Beratung wollten. Er würde sie an eine andere Psychiaterin weiterleiten. Einer der manischen Klienten hatte das Gefühl, einzig Carla Manser verstünde ihn; er war schon seit Jahren bei ihr in Behandlung. Für ihn würde es schwierig werden, eine neue Bezugsperson zu finden. Vielleicht wäre es besser, ihm zu erklären, dass seine Therapeutin bald wieder käme, er jedoch eine Weile ohne Begleitung auskommen müsse. Sein Zustand war stabil, er könnte es schaffen.

Tillmann trank einen grossen Schluck Wasser. Er richtete den Tischventilator so aus, dass ihm der Luftstrom ins Gesicht blies. Leider brachte das Aufwirbeln der stickigen Luft nicht viel. Zudem ging ihm das Rattern des Gerätes auf die Nerven. Ein neues wäre wirklich kein Luxus. Er würde sich in den nächsten Tagen darum kümmern. Aber wenn schon keine Kühlung, dann wenigstens ein Hauch von Wind.

Tillmann notierte sich die Namen und entschied, wen er wohin überwies. In solch einer Situation mussten seine Leute Überstunden machen, da musste er auf jeden zählen können. Er entlöhnte seine Angestellten gut, behandelte sie fair, dafür verlangte er hin und wieder auch besonderen Einsatz von ihnen. Von Dauer würde Carla Mansers Ausfall hoffentlich nicht sein. Sonst gäbe es über kurz oder lang Engpässe in der Nachbetreuung, und er müsste sich nach einem längerfristigen Ersatz umschauen. Das war nicht leicht. Manser war gut. Tillmann hatte in seiner Laufbahn mit Dutzenden von Psychiatern zusammengearbeitet, so eine wie sie war eine Rarität. Kompetent, ernsthaft in ihrem Bemühen und trotzdem mit einem Humor ausgestattet, der bei psychisch Kranken positiv ankam. Sie strahlte eine Leichtigkeit aus – ein Gegengewicht zur Schwermut vieler Patienten – aber niemals Respektlosigkeit.

Er schrieb weitere Namen auf, strich sie wieder durch, setzte sie an die richtige Stelle. Dann erledigte er einige Telefonanrufe. Bis am späteren Nachmittag hatte er alle sechzehn Patientinnen und Patienten bei Berufskollegen untergebracht. Er lehnte sich zurück und verschränkte die Arme hinter dem Kopf.

Die Sonne brannte durch die Fensterfront, obschon er vorhin die Storen heruntergekurbelt und schräg gestellt hatte. Von draussen drang Gläserklirren und Besteckklimpern herein. Bei diesem Wetter nahmen viele ihr Abendessen auf Tabletts in den Park und speisten unter freiem Himmel. Durch die Lamellenschlitze sah er ein Grüppchen Pflegerinnen im Gras sitzen und plaudern.

Tillmann war auch nach all den Jahren noch überzeugt von seinem Konzept. Freiheit so viel wie möglich, Einschränkungen nur wenn nötig. Ausser in der forensischen Abteilung. Da galt die Null-Toleranz-Regel. Die Klinik «Seeblick» war eine der wenigen im Land, die in einem Nebengebäude über einen eigenen geschlossenen Trakt für psychotische Gewaltverbrecher verfügte. Die Aufsichtspersonen hatten eine psychologische Zusatzausbildung absolviert und waren geschult im Umgang mit Renitenten. Die Mauern waren mit Stacheldraht versehen, die Türen doppelt gesichert. Ausgang und Urlaub gab es für die Insassen nicht, Besuch nur mit Bewilligung und unter Überwachung. Angehörige wurden abgetastet und untersucht, als würden sie jemanden in einem Gefängnis treffen, was ja auf eine Art der Fall war. Abgesehen von einer unterirdischen Tür, von der nur wenige wussten, waren die beiden Gebäude nicht miteinander verbunden.

Berthold war in der forensischen Abteilung gewesen, bis er sein Zimmer in der Aussenwohngruppe bezogen hatte, die aus vier Häusern bestand. Sie wurden scherzhaft Villen genannt, eine Bezeichnung, die sich inzwischen auch beim Ärztepersonal eingebürgert hatte. Tillmann betrachtete die vier Gebäude, die am Ende des Parks lagen. Die Patienten, die dort lebten, knüpften oft Beziehungen, die lange hielten. Häufig hatten sie Ähnliches erlebt und bereiteten sich gemeinsam wieder auf den Alltag «draussen» vor. Dass Menschen wie Berthold von dieser Möglichkeit Gebrauch machen durften, kam selten vor. Erst einmal, seit Tillmann die Leitung der Klinik übernommen hatte, war die Verwahrung eines ehemaligen Sexualstraftäters aufgehoben und dieser in die Villa Eins verlegt worden. Es war schwierig gewesen. Verständlicherweise wollte keine der Frauen ein Zimmer neben ihm haben, so dass das Haus, in dem er lebte, nur von Männern bewohnt war, was eigentlich nicht dem Konzept entsprach.

Dann kam Berthold. Tillmann hatte damals die Fotos seines Opfers gesehen. Hingemetzelt war der richtige Ausdruck. Noch nie zuvor war Tillmann mit einer derart abscheulichen Tat konfrontiert gewesen. Doch in der psychiatrischen Gefangenschaft hatte sich Berthold vorbildlich verhalten. Sein Therapeut, den er wöchentlich aufsuchte, lobte seine Fortschritte, so dass ihm schliesslich der Übertritt in die Aussenwohngruppe gestattet wurde. Tillmann selbst hatte etliche Gespräche mit ihm geführt und war zur Überzeugung gelangt, Berthold sei keine Gefahr mehr für die Öffentlichkeit.

Tillmann hörte dem rhythmischen Tak-tak-tak-tak des Ventilators zu, bis ihm das Knattern endgültig auf den Geist ging. Er stellte das Gerät ab, dann griff er nach dem Telefonhörer und wählte eine interne Nummer.

Fatma Yürkülmaz schob den Mercedes vor sich her. Zum Glück führte die Route geradeaus. Eine schotterige Steigung hätte sie bei dieser Hitze umgebracht. Sie ging den Weg, den sie Tag für Tag ging, gemächlich und in Allahs Schutz. Sie hielt hier für ein Schwätzchen inne und dort für ein Plauderminütchen, und weder ungeduldige Blicke ihrer Vorgesetzten noch irgendein Pensum, das sie erreichen musste, setzten sie unter Druck.

Natürlich gab es hier keine schotterigen Steigungen. Das war früher gewesen, in Dyarbakir. Hier war der Boden eben und aus spinatgrünem Linoleum. Und das Gefährt, das sie herummanövrierte, war auch kein Mercedes, sondern ein Putzwagen namens «Clean-Boy», beladen mit Lappen, Tüchern, Reinigungsmitteln und einem Handstaubsauger. Ihr tägliches Arbeitsgerät in der Klinik «Seeblick». Doch sie stellte sich gern vor, der Clean-Boy sei ein Luxuswagen, der bis oben mit Delikatessen vollgestopft war, so dass die Schutzbleche über die Reifen kratzten. Und sie, Fatma, sei unterwegs, um ihre grosse Kinderschar mit «baklava», «akide ekeri» und anderen Süssigkeiten zu verwöhnen, die sie vom Markt mitgebracht hatte. Ihr Ali würde im Haus auf sie warten und sie mit offenen Armen empfangen. Er würde nach seinem herben Tabak riechen, sie von oben bis unten begutachten, befriedigt nicken und ihr schmatzend einen Kuss auf jedes Auge drücken, wie er es immer getan hatte.

Fatma stiess einen schweren Seufzer aus. Ali war schon lange tot, und Kinder hatten sie nie gehabt. Eine Schande für ein hübsches anatolisches Mädchen. Nun ja, so hübsch war sie inzwischen nicht mehr, das liess sich nicht leugnen. Mit Mitte fünfzig waren ihre Haare zwar immer noch schwarz, und nach wie vor konnte sie ihre Hüften bewegen wie eine Bauchtänzerin, doch der Speck wabbelte mit. Aber Ali hätte es gefallen. Er hatte mollige Frauen immer gemocht und sie früher liebevoll «yakııklı» genannt, meine Stattliche.

Fatma stellte den Clean-Boy vor den Eingang der geschlossenen Abteilung C und fischte nach ihrem Schlüsselbund. Sie öffnete die Glastür, zog den Putzwagen hinter sich her und schloss wieder ab. Zuerst war der Gang an der Reihe, danach kamen die Zimmer dran. Auf der Bank neben der Yucca-Palme sass der bleiche Jüngling, der vor einigen Tagen eingeliefert worden war. Er erinnerte sie an ihren Ältesten, sofern sie denn Söhne gehabt hätte. Aber nur äusserlich, wegen seiner dunklen, tiefliegenden Augen. Ihr Hazim, so hätte sie ihren Jungen genannt, wäre lebensfroh und temperamentvoll gewesen, dieser hier war immer traurig. So viel sie wusste, hatte er sich umbringen wollen. Seine Handgelenke waren verbunden, er sass trübselig da und starrte Löcher in die Wand.

Fatma wrang den Lappen aus, klatschte ihn auf den Boden und setzte den Schrubber darauf. Dann begann sie, das Linoleum zu reinigen. Sie machte sich nicht die Mühe, die Stühle und Bänke zu verschieben, sondern fegte grosszügig darum herum. Schliesslich zählte nicht das Resultat, sondern der gute Wille. Sie kam am blassen Jugendlichen vorbei und schubste ihn gutmütig mit dem Schrubber zur Seite. Er hob die Beine hoch und lächelte sie kurz an. Na, also. Sie zwinkerte ihm zu, machte unter seinen Füssen sauber und reinigte den ganzen Gang. Von all diesen Therapiesachen und Pillen hielt sie nicht viel. Diese unglücklichen jungen Leute musste man aufheitern, das war alles.

Natürlich gab es ab und zu seltsame Vögel oder sogar gefährliche Patienten wie diesen Paul Berthold. Bei solchen nützte alle Aufmunterung nichts, die waren und blieben verstockt. Berthold hatte wieder jemanden umgebracht, Fatma wusste das seit kurzem. Als sie das Büro des Direktors reinigte, hatte er einen Anruf bekommen, der ihn beunruhigte. Wie üblich betrachtete er Fatma nicht als menschliches Wesen, sondern als eine Art wandelnden Einrichtungsgegenstand seiner Klinik, und sprach in ihrer Gegenwart hemmungslos weiter. Fatma hörte alles. Sie war sowieso überzeugt, dass es in den «Seeblick»-Gebäuden kein Geheimnis gab, das sie nicht kannte. Sie wusste, wer in wen verliebt war, welchen versteckten Lastern die Angestellten und Insassen frönten, und sie hatte schon Diebstähle, Sachbeschädigungen und verbotene Zimmerparties entdeckt. Normalerweise schwieg sie und liess die anderen leben.

Dass dieser Berthold aber erneut getötet und die nette Psychiaterin ihm dabei geholfen haben sollte, überraschte sie doch. Doktor Tillmann war ganz erschüttert gewesen und hatte den Hörer so stark umklammert, dass seine Knöchel weiss hervorgetreten waren, als er erfahren hatte, dass Carla Manser für längere Zeit in Untersuchungshaft bleiben musste. Was das bedeutete, wusste Fatma. Ihr Cousin Mehmet hatte auch einige Monate gesessen. Das sei zwar nicht mit türkischen Gefängnissen zu vergleichen, hatte er ihr versichert, aber lustig sei es nicht.

Fatma war am Ende des Ganges angekommen. Der Boden glänzte feucht, der bekümmerte Jüngling sass noch immer mit hochgezogenen Beinen auf der Bank. Rasch war sie mit den Badezimmern fertig gewesen, hatte den Aufenthaltsraum gereinigt; nun kamen die Patientenzimmer dran. Um diese Zeit waren die meisten leer. Die Leute sassen beim Abendessen, viele von ihnen draussen. Einige hatten wohl noch Besprechungsstunden, andere waren in der Ergotherapie.

Fatma hasste die Ergotherapieräume. Da stand alles voller frisch getöpferter, undefinierbarer Figuren und Gestalten, die anscheinend Gefühle oder andere seelische Dinge darstellen sollten. Einmal hatte sie einen Tonklumpen, der in einer Ecke lag und bei Allah wie das Abfallprodukt eines Strassenköters aussah, entsorgt. Worauf die Patientin, die ihn hergestellt hatte, in sirenengleiches Geheul ausgebrochen war, weil das Gebilde ihre Mutter verkörpert hatte. Seither machte Fatma einen grossen Bogen um die selbstgebastelten, gemalten, modellierten und geleimten Objekte in den Kreativräumen. Sollten diese Bereiche vor sich hinstauben.

Noch drei Zimmer, dann war sie mit der Abteilung C fertig. Fatma stellte den Mercedes in eine Ecke, kramte die zerknitterte Zigarettenpackung aus ihrer Rocktasche hervor und ging zur Glastür. Sie verliess die Abteilung, stieg die Treppe in den Park hinunter und rauchte genüsslich eine Zigarette. Alle zwei Stunden machte sie eine kleine Pause, das war ein Ritual, das den Tag in überschaubare Häppchen einteilte. Die Grünflächen waren voller Leute. Sie nickte ein paar serbischen Kolleginnen zu, dann kehrte sie zurück.

Sie machte sich ans Zimmer Nummer 8. Hier waren zwei Männer untergebracht. Ein junger, aus dessen Kopfhörer ununterbrochen laute Musik hämmerte, und ein älterer, der sich immer an seinem kahlen Schädel kratzte, dessen Kopfhaut sich rötlich abschuppte. Fatma brachte das Zimmer mit einigen geübten Handgriffen in Ordnung und öffnete mit ihrem Schlüssel das Fenster, um etwas Luft hineinzulassen.

Sie stockte, trat einen Schritt näher an den weissen Rahmen. Jemand hatte sich am Schloss zu schaffen gemacht. Die Patienten dieser Abteilung konnten zwar die Fenster nicht öffnen, aber vergittert waren diese nicht. Das hiess, wenn jemand einen Vierkantschlüssel besass wie sie, war es leicht, nach draussen zu gelangen, über das Sims zu klettern und die Regenrinne hinunterzurutschen. Fatma beugte sich vor. Einfach war das nicht, und es ging wohl auch kaum ohne Schrammen ab.

Sie inspizierte das Schloss nochmals. Dann sah sie die Kratzer. Nein, hier hatte niemand mit einem Schlüssel herumhantiert. Das waren Spuren eines scharfen Gegenstandes, einer Ahle oder etwas Ähnlichem. Jemand hatte das Fenster mit Gewalt geöffnet. Vielleicht war das schon länger her, Fatma konnte sich nicht erinnern, wann sie dieses Zimmer das letzte Mal gelüftet hatte. Sollte sie es der Stationsleiterin mitteilen? Verena Knecht hatte Fatma immer wieder darauf hingewiesen, sie solle ihr ungewöhnliche Vorkommnisse melden. Aber war das ungewöhnlich, ein paar Kratzspuren und Dellen? Vielleicht hatten sich die beiden Männer nur einen kleinen Ausflug in den nächtlichen Park erlaubt. Hatten sich mit Freundinnen getroffen, um ungestört zu sein. Fatma lächelte verständnisvoll vor sich hin. Verena Knecht war sowieso zu streng mit den Insassen, man musste ihre Disziplinierungswut nicht zusätzlich nähren.

Fatma staubte ab, rückte die Matratzen zurecht. Plötzlich zuckte sie zusammen. Reflexartig zog sie den Zeigefinger zurück. Sie hatte sich an einer scharfen Kante geschnitten. Es fühlte sich an wie Papier. Zwischen Leintuch und Lattenrost zog sie eine Zeitschrift hervor. Das war nun wirklich kein geeigneter Aufbewahrungsort. Sie legte das Magazin aufs Nachttischchen des hautkranken Patienten und erstarrte.

«Korkunç!», stiess sie aus. «Ağır! Das ist ja grauenhaft!»

Das Titelbild sagte alles. Fatma wusste, dass gewisse Männer auf schmutzige Bilder angewiesen waren, damit ihr «yarak» einsatzbereit war, aber so etwas hatte sie noch nie gesehen. Die nackte Frau, die da abgebildet war, war mit Ketten gefesselt und blutete aus unzähligen Wunden wie nach einer Misshandlung. Trotzdem verzog sie ihren knallroten Schmollmund zu einem verführerischen Lächeln, als würde sie den Betrachter auffordern, ihr noch mehr Schmerzen zuzufügen. Was für ein Mensch schaute sich solche Dinge an? Einem unerklärlichen Zwang nachgebend, blätterte sie das Magazin durch und stiess auf noch entsetzlichere Fotos, in denen immer wieder Messer eine Rolle spielten. Sie hatte keine Ahnung, ob das gestellte Bilder mit Schauspielblut aus Ketchup waren, oder ob diese Frauen tatsächlich fast zu Tode gequält worden waren.

Mit spitzen Fingern fasste sie die Zeitschrift an den Ecken. Sie wusste, dass es ihr nicht zustand, Patienteneffekten verschwinden zu lassen, aber solche Abscheulichkeiten widerten sie an. Das verletzte die Menschenwürde. Gut, hatte sie das Magazin entdeckt. Und nun weg damit, «Allaha ükür». Sie schleuderte es in den Abfallsack des Clean-Boys.

In diesem Moment glitt ein ausgeschnittener Zeitungsartikel zwischen zwei Seiten heraus und flatterte zu Boden. Fatma hob ihn auf. Er war uralt, das Papier vergilbt und rissig, die Schrift kaum mehr zu erkennen. Dennoch konnte sie den Titel lesen: «Die Greueltat des Kainszeichenmörders». Darunter war der Mord beschrieben, den Paul Berthold vor Jahren begangen hatte. In der Ecke war ein unscharfes Foto von ihm zu sehen. Ein schwarzer Balken verdeckte seine Augen, doch Fatma erkannte Berthold sofort. Sie schüttelte verständnislos den Kopf. Dann zerknüllte sie den Artikel und warf ihn der Zeitschrift hinterher. Er verschwand im Schlund des Mercedes.

«Hier arbeitest du also!» Sonja war beeindruckt. Sie rauschte durch Noras Büro, fuhr mit der Hand über die Schreibtischfläche, berührte den Laptop und betrachtete die Pinwand, an der die Fotos des vermissten Hündchens hingen sowie Umgebungspläne mit gelb markierten Strassen. Der Hauch eines orchideenhaften Parfüms wehte hinter ihr her. «Ich bin stolz auf dich. Wirklich.»

Sie schaute Nora mit einem Ausdruck an, der dieser etwas peinlich war. Gleich würde sie fragen, ob sie schon mal einen richtigen Fall gelöst hätte. Jan stand vor der Tür zu seinem Büro und grinste zu Nora herüber.

«Hattet ihr denn schon mal», raunte Sonja verschwörerisch, «einen richtigen Fall?»

Nora stöhnte innerlich auf.

«Ich meine, einen mit Mord und Totschlag?»

«Das ist kein Spiel, Sonja», gab Nora etwas gereizt zurück. «Das ist unsere Arbeit. Jan und ich versuchen, Verbrechen aufzuklären.»

«Entschuldige bitte. Ich dachte nur …» Sie unterbrach sich, drehte noch eine Runde, sagte dann: «Ich glaube, ich gehe jetzt wieder hoch und mache mich etwas frisch.»

«Ja, tu das.»

«Und danach essen wir zusammen zu Abend, und du zeigst mir das Nachtleben von Zürich!» Sie strahlte erst Nora an, dann Jan. «Ihr glaubt gar nicht, wie ich das alles vermisst habe!»

«Ich dachte, du hättest dich wohl gefühlt in Südfrankreich.»

«Das habe ich auch. Aber etwas fehlte, verstehst du? Das Landleben hat mich zu mir zurückgebracht, doch die Impulse von aussen sind genauso wichtig. Das weiss ich jetzt.» Sie hielt einen Moment inne, schien kurz weit weg zu sein, dann schüttelte sie den Kopf, als wolle sie den Gedanken loswerden. Aufgekratzt sagte sie: «Ich bin ja so gespannt, was du zu meinen Bildern sagst!»

«Ich habe ein Auto», wandte Jan ein. «Es ist zwar nicht sehr geräumig, aber wenn Ihre Gemälde nicht allzu gross sind, könnte ich Ihnen –»

«Bitte, wir sollten uns duzen! Ich bin Sonja, einfach Sonja.»

«Jan», sagte er und gab ihr die Hand. «Ich könnte Ihnen … also dir beim Transport deiner Werke helfen, wenn du möchtest. Und wenn du einen Ort brauchst, um sie bis zur Ausstellung zu lagern – mein Dachstock ist riesig.»

«Oh, das wäre ganz reizend von dir.» Sie warf einen Blick auf ihre Uhr und lächelte. «Darf ich euch ins ‹Mère Catherine› einladen? Sagen wir … in einer Stunde?»

Sie wartete die Antwort nicht ab, schwang ihr silbernes Handtäschchen herum und flatterte aus dem Büro. Der Orchideenduft blieb im Raum hängen.

«Sorry», meinte Nora zu Jan, als Sonja die Tür hinter sich zugeworfen hatte, «du musst selbstverständlich nicht mitkommen.»

«Wieso nicht? Sie ist doch nett.»

«Findest du?»

«Na klar. Ich wundere mich bloss. Du hast mir immer erzählt, sie sei schwermütig.»

«War sie auch.»

«Was ist passiert?»

Nora zuckte die Schultern. «Ich tippe auf ein potentes Pharmaprodukt.»

«Erstaunlich», sagte Jan.

Nora ging zum Pult, nahm die beiden Vollmachten und gab Jan eine davon. Nachdem Carlas Pflichtverteidiger aufgetaucht war, hatte Nora ihm klargemacht, dass ihr Partner ebenfalls ein juristisches Formular brauche, um Carla im Bezirksgefängnis besuchen zu können.

«Wie gehen wir vor?», fragte Jan.

«Ich werde Carla morgen früh treffen. Du könntest in dieser Zeit erste Ermittlungen zum Fall anstellen. Schau dir die neuesten Internetnachrichten an, finde mehr über diesen ‹Kainszeichenmörder› heraus, vom dem der Anwalt gesprochen hat. Vielleicht stösst du auf alte Gerichtsunterlagen, Artikel oder Polizeiaussagen.»

«Geht klar, Chef. Und was, wenn Carla Manser den Mord tatsächlich begangen hat?»

Nora zögerte keine Sekunde. «Ausgeschlossen.»

Er machte eine kleine Pause, bevor er seinen Gedanken aussprach: «Was, wenn sie ihren Patienten anstiftete, ihren Ex-Mann zu töten?»

Stationsleiterin Verena Knecht marschierte den Gang der Abteilung C entlang, schaute kurz in jedes Zimmer und kontrollierte, ob alles seine Richtigkeit hatte. Die Patienten lasen, dösten, schwatzten oder verbrachten den Abend im grösseren der beiden Aufenthaltsräume vor dem Fernseher. Einige spielten Karten. Der junge Neueingetroffene sass still in einer Ecke. Soweit alles in Ordnung.

Verena Knecht schaute auf die grosse Uhr über dem Eingang. Eigentlich müsste die Nachtwache schon da sein. Die Stationsleiterin ärgerte sich. Wenn sie eines nicht ertragen konnte, dann war das Unzuverlässigkeit mit all ihren Begleiterscheinungen von Unpünktlichkeit über Unordnung bis Faulheit.

Sie setzte sich ins Stationszimmer. Es war ein Glaskabäuschen, das als Büro diente; durch ein Schiebefenster fand die Medikamentenausgabe statt. Sie klopfte nervös mit dem Finger auf die Tischplatte. Doktor Tillmann wartete auf sie, und sie konnte nicht weg, weil die Nachtwache noch nicht eingetroffen war. Der Klinikleiter hatte sie zusammen mit Assistenzärztin Steffen und dem leitenden Arzt Gerold zu einer Sitzung ins Direktionszimmer bestellt. Es schien sich um etwas Wichtiges zu handeln, dass er das Gespräch auf diese Zeit ansetzte. Steffen und Gerold verliessen die Klinik normalerweise früher. Worum es auch immer ging, Verena fühlte sich geehrt, dass ihre Fachkompetenz gefragt war.

Sie hörte mit halbem Ohr, wie zwei Patientinnen sich stritten, eine die andere mit Schimpfworten bedachte und diese mit Beleidigungen unter der Gürtellinie konterte. Nun stürzte die erste vom Aufenthaltsraum auf den Gang, die andere eilte ihr hinterher, schrie ihr etwas nach. Dann begannen beide zu lachen. Mitten im Gestürm traf endlich die Nachtwache ein. Eine unverschämt gutaussehende Aushilfe, der die Männer hinterherhechelten; schlank, brünett, dauerlächelnd. Verena Knecht hatte sie vom ersten Moment an nicht ausstehen können. Sie konnte nichts dafür, das war schon immer so gewesen. Wenn eine aussah wie diese Melissa – und dann noch Melissa hiess! – war sie für die Stationsleiterin unten durch.

Die Nachtwache kam ins Stationszimmer, entschuldigte sich wortreich für die Verspätung und hängte ihre Tasche an den Haken. «Irgendwelche speziellen Vorkommnisse, Frau Knecht?»

«Nichts», sagte Verena eisig.

«Wie geht es dem Neuen?»

«Seine Medikation wurde angepasst. Er erhält nun eine höhere Dosis Haldol. Morgen hat er einen Termin bei Frau Doktor Steffen.»

Sie führten den Rapport fort und tauschten sich über die anderen Patienten aus. Dann legte Melissa die Krankenakten zur Seite. «Ihnen einen wunderschönen Abend, Frau Knecht.»

«Guten Abend», sagte Verena steif und ging. Melissa bestand darauf, jeweils vierzehn Tage hintereinander die Nachtwache zu übernehmen, damit ihr Biorhythmus, wie sie es nannte, nicht zu sehr durcheinander geriet. Biorhythmus!, dachte Verena Knecht. Wo kämen wir hin, wenn alle an so was glaubten?

Eine geschlagene Viertelstunde zu spät und etwas keuchend trat sie ins Direktionszimmer. Ihre Erklärung, es sei nicht ihre Schuld, wischte Lorenz Tillmann mit einer grosszügigen Handbewegung weg. «Setzen Sie sich, Frau Knecht.»

Verena nahm Platz und begrüsste die deutsche Assistenzärztin Doktor Sabine Steffen, dann Doktor Christian Gerold, den leitenden Arzt der Abteilung C.

Die Jalousien waren heruntergezogen. Die Abendsonne blitzte durch die Schlitze und warf helle Streifen in den abgedunkelten Raum. Es roch leicht nach Schweiss, wie Verena angewidert feststellte. Bestimmt nicht von Doktor Tillmann, der war ein äusserst gepflegter Herr. Frauen rochen sowieso nicht stark, also kam nur Doktor Gerold in Frage. Tatsächlich hatte er dunkle Schweissflecken auf seinem Hemd und wischte sich gerade mit einem Taschentuch über die Stirn. Er sass locker auf dem Stuhl, hatte ein Bein übers andere geschlagen und schaute sie offen an. Doktor Sabine Steffen hingegen wirkte etwas verkrampft und hielt ihre Hände auf den Knien.

«Ich komme gleich zur Sache», begann Tillmann. «Ich habe Sie zu dieser Stunde herbestellt, weil etwas Aussergewöhnliches vorgefallen ist. Die Leitenden der Abteilungen A und B wurden bereits informiert.»

Alle Blicke waren auf ihn gerichtet. Es schien ihm schwer zu fallen, weiterzusprechen. Er räusperte sich, dann fuhr er fort: «Paul Berthold hat wieder einen Mord begangen.»

«Wie bitte?», stiess Sabine Steffen aus, und Gerold sagte gleichzeitig: «Jetzt schon?»

Verena warf ihm einen irritierten Blick zu. Was sollte das denn heissen? Sie wandte sich an den Klinikleiter. «Ich nehme an, er ist in Polizeigewahrsam.»

Tillmann nickte. «Leider nicht allein. Carla Manser wurde ebenfalls festgenommen.»

Gerold wollte etwas einwenden, doch Tillmann schnitt ihm das Wort ab. «Zweifelsohne handelt es sich um einen Irrtum, der sich in den nächsten Tagen klären wird. Für Mansers Patienten ist gesorgt, bis sie ihre Arbeit wieder aufnehmen kann. Weshalb ich Sie zu mir gebeten habe …» Er schaute von einem zum anderen, und Verena verspürte ein Kribbeln im Magen. «Ich brauche Ihre Hilfe.»

«Klar», sagte Doktor Gerold sofort. «Was können wir für Sie tun?»

«Sie», meinte Tillmann, «sind als Pressesprecher ganz besonders gefordert. Bis jetzt konnten Sie diese Aufgabe neben Ihrer medizinischen Tätigkeit mit wenig Aufwand wahrnehmen. Das könnte sich ändern. Die Medien werden sich auf uns stürzen. Es ist mir sehr wichtig» – er hob den Zeigefinger in die Höhe, und Verena nickte unwillkürlich – «dass unsere Klinik nicht in Verruf gerät. Einer der Bewohner der Aussenwohngruppe hat ein abscheuliches Verbrechen begangen. Aber dies sagt nichts über unser Betreuungskonzept aus. Die Klinik ‹Seeblick› ist eine der renommiertesten psychiatrischen Institutionen, und das wird auch so bleiben. Wenn jemand die Schuld trifft, dann mich.»

«Aber Herr Doktor!», warf Verena ein. «Sie konnten doch nicht wissen –»

«Ich habe den Patienten als ungefährlich eingeschätzt, Frau Knecht. Mit dieser Meinung stand ich zwar nicht allein da, es waren ja mehrere Fachleute an der Expertise beteiligt. Doch die forensischen Psychiater stützten sich bei ihrem Gutachten unter anderem auf meine Erwägungen.» Er wandte sich wieder an Gerold. «Schreiben Sie eine Pressemeldung und legen Sie sie mir morgen früh vor.»

«In Ordnung.»

«Geben Sie nur jene Informationen an die Medien weiter, die absolut notwendig sind. Ich werde Ihnen heute abend alle Einzelheiten mailen, die mir bekannt sind. Nun zu Ihnen, Frau Doktor Steffen. Sie stehen in enger Beziehung zu den Angehörigen der Patienten. Falls diese sich besorgt oder beunruhigt zeigen oder womöglich unsere Einrichtung nicht mehr für sicher halten, teilen Sie mir dies bitte umgehend mit. Dann werde ich sie im Gespräch überzeugen, dass ihre Verwandten und Ehepartner hier gut aufgehoben sind.»

«Natürlich.» Sabine Steffen nickte ernst.

Tillmann wandte sich an Verena. Er schaute sie trotz der schwierigen Situation freundlich an, wie sie dankbar registrierte. «Ich weiss, dass ich mich auf Sie verlassen kann, Frau Knecht.»

«Gewiss, Herr Doktor!», sagte sie mit Nachdruck.

«Sie haben am meisten Kontakt zu den Patienten. Viele von ihnen sind hochgradig erregbar und steigern sich in Ängste hinein, wie Sie täglich miterleben. Je weniger sie erfahren, desto besser. Sorgen Sie dafür, dass keine Gerüchte entstehen.»

«Ganz wird es sich nicht vermeiden lassen, Herr Doktor», warf Verena ein. «Die Patienten lesen Zeitung und schauen Nachrichten. Wenn die Boulevardblätter erstmal etwas breitschlagen…»

«Dann seien Sie der ruhende Pol, als den ich Sie kenne.»

Verena spürte, wie das Blut in ihre Wangen schoss. Sie senkte den Blick und sagte: «Das werde ich, Herr Doktor.»

Tillmann erhob sich, die anderen taten es ihm gleich. Er schüttelte allen die Hand und entliess sie aus seinem Büro. Sabine Steffen und Christian Gerold nahmen den Lift zum Ausgang, Verena Knecht ging nochmals zurück zur Abteilung C.

Als sie dort eintraf, fühlte sie sich bestätigt. Sie hatte es doch gewusst! Die Nachtwache sass zwischen den Patienten im Aufenthaltsraum und schaute gebannt auf den Fernseher. Auf dem Beistelltischchen stand eine Schale Salzstangen, in die mehrere Hände griffen. Es lief eine Quizshow. Ein Dutzend Männer und Frauen riefen auf die Frage nach dem höchsten Berg der Schweiz wild durcheinander: «Jungfraujoch!», «Eiger!» und «Mont Blanc!» Melissa rief am lautesten: «Matterhorn!»

Verena blieb mit verschränkten Armen in der Tür stehen. Es dauerte eine Weile, bis die Nachtwache sie bemerkte. Wenigstens zuckte sie schuldbewusst zusammen und stand sogleich auf. «Es ist alles ruhig», berichtete sie unnötigerweise. «Deshalb habe ich –»

«Sie wissen, was ich davon halte.»

«Seien Sie doch nicht immer so strikt. Vielen tut es gut, auf gleicher Höhe mit uns zu verkehren.»

«Das ist genau Ihr Denkfehler», sagte Verena. «Ich nenne dies Anbiederung. Sie haben hier eine Autoritätsfunktion. Verhalten Sie sich dementsprechend.»

Melissa gab sich geschlagen und machte sich auf den Kontrollgang durch die Zimmer.

«Übrigens», sagte Verena, «der höchste Schweizer Berg ist die Dufourspitze.» Doch Melissa schien sie nicht mehr zu hören.

Verena erhaschte einen Blick auf Jay-Jay, die aufsässigste Patientin der Abeilung, und sah, wie sie ihre Lippen gehässig verzog und «Ratched!» ausstiess. Verena drehte sich weg. Den Namen «Ratched», nach der diktatorischen Oberschwester des Films «Einer flog über das Kuckucksnest», hatten ihr schon einige angehängt. Es kümmerte sie nicht mehr. Sie hatte den Film nicht gesehen, anscheinend zeigte er die Missstände in einer psychiatrischen Klinik auf. Aber was hiess denn schon Missstände? Wer konnte ernsthaft etwas gegen ein gesundes Mass an Disziplin einzuwenden haben?

Verena Knecht ging noch einmal zum Stationszimmer. Sie schloss die Glastür hinter sich. Sie sah die Akten der Neueintritte durch, kontrollierte, ob Melissa die Medikamente für die Nacht richtig bereitgelegt hatte und musste enttäuscht feststellen, dass dies der Fall war. Plötzlich fühlte sie sich sehr müde. Doch nach Hause gehen wollte sie nicht. Niemand wartete dort auf sie. Eine Katze hätte sie gern gehabt, aber auf Katzenhaare reagierte sie allergisch. Sie war kinderlos und hatte mit Männern nur unbefriedigende Erfahrungen gemacht. Statt den Abend in ihrer spartanisch eingerichteten Zweizimmerwohnung zu verbringen, konnte sie hier nach dem Rechten sehen.

Sie öffnete die Schublade mit ihren persönlichen Dingen, vergewisserte sich, dass niemand sie beobachtete, dann nahm sie das Foto hervor. Lorenz Tillmann lächelte sie an.

In dunklem Anzug und Krawatte und mit einem Glas Champagner in der Hand. Die Konturen waren nicht ganz scharf, da Verena den Ausschnitt aus dem Gruppenfoto des Weihnachtsessens vergrössert hatte, auf dem er nur im Hintergrund zu sehen war. Doch seine Augen mit den vielen kleinen Lachfältchen konnte sie deutlich erkennen.

Verena Knecht küsste das Bild.

Amir mochte Verena Knecht nicht. Niemand mochte sie. Die neue Nachtwache Melissa war nett, man durfte sie sogar duzen. Aber diese Furie von einer Stationsschwester konnte ihm gestohlen bleiben. In einer Erziehungsanstalt wäre sie am richtigen Ort gewesen. Dort, wo aggressive Jugendliche in die Schranken gewiesen werden mussten. Aber die Leute hier waren erwachsen. Und sensible Wesen, die mit Respekt behandelt werden wollten. Jedenfalls er, Amir.

Er sass auf der Couch im grossen Aufenthaltsraum, wo im Fernseher die Quizshow auf den Höhepunkt zusteuerte. Bunte Konfetti segelten auf den Sieger hernieder. Ein drahtiger Typ mit Hornbrille hatte gewonnen, er entsprach voll und ganz dem Klischee des intellektuellen Besserwissers.

Zu acht sassen sie auf den Sofas. Einige dösten, andere verfolgten das Geschehen mit Desinteresse. Ein Patient vergrub seine Finger gedankenverloren in seinen flauschigen, hellblauen Pantoffeln.

Jay-Jay, die sich wie immer neben Amir gesetzt hatte, nahm die Fernbedienung und zappte auf einen anderen Sender. Es war ein Horrorfilm. Niemand protestierte. Jay-Jays Autorität wurde hier nicht in Frage gestellt, obwohl sie spindeldürr und einen Kopf kleiner war als Amir. Sie hatte helle Haut und blau gefärbte Haare, deren Strähnen mit Gel modelliert waren und in alle Richtungen abstanden.

Der Fernsehfilm ging dem Showdown entgegen. Eine Gruppe Zombies näherte sich mit roboterhaften Bewegungen und ausdruckslosen Augen einer dümmlichen Frau, die verzweifelt schrie. Die Kleider der Untoten waren zerrissen, ihre Gesichtshaut hing in Fetzen von den Knochen. Sie griffen nach dem Opfer. Ein paar Patienten grinsten vor sich hin. Die alte Dame neben Amir starrte gebannt auf den Bildschirm, wo die Zombies die Dümmliche gerade zu einer der ihren machten.

Amirs Vater hätte Jay-Jay als Abschaum bezeichnet, als Teufelsweib. Doch Amir liebte sie von ganzem Herzen. Natürlich nur platonisch, etwas anderes hätte sie nicht geduldet. Sie hielt nichts von Männern. Männer zerstörten die Welt, behauptete sie, taten Kindern und Frauen Gewalt an und seien intelligenzmässig minderbemittelt. Nur er sei eine Ausnahme. Amir war genau der gleichen Meinung. Er hatte seinen Vater gefürchtet und seinen Onkel, der im gleichen Haus gelebt hatte, ebenfalls. Auch mit seinen drei älteren Brüdern verband ihn keine Zuneigung. Irgendwie waren da Dinge passiert, die er lieber nicht wissen wollte. Doch seine Mutter vergötterte er. Sie nannte ihn Prinz und schrieb ihm jede Woche einen langen Brief.

Leider hatte Amir versagt. Auf der ganzen Linie. Er hatte die teure Schule in Marrakesch nicht geschafft, so dass sein Vater einen Privatlehrer für ihn anstellte. Er hatte nicht den Mumm gehabt, in Vaters Exportgeschäft einzusteigen, das immense Vermögen der Familie war ihm gleichgültig gewesen. Später hatte ihn sein Vater in die Schweiz geschickt. Bei einer Zürcher Bank lautete ein millionenschweres Konto auf Amirs Namen, die Eigentumswohnung im Kreis 7 war mit allen Schikanen ausgestattet. Doch all das sagte ihm nichts. Er genügte den Anforderungen dieser Zeit einfach nicht. Er war für eine andere Welt gemacht.

Als er daran dachte, rann ihm eine Träne aus dem Augenwinkel. Das passierte ihm oft in letzter Zeit. Wahrscheinlich waren die Medikamente daran schuld. Sie machten ihn nicht dumpf und gefühllos, wie man immer wieder hörte, sondern drückten seine Emotionen hoch. Er wischte die Träne weg.

Jay-Jay sah ihn an, dann schnellte ihr Blick in die Runde. «Hat dir jemand etwas angetan, mein Prinz?»

Er schüttelte den Kopf.

Ihre warmen, braunen Augen waren besorgt auf ihn gerichtet. «Kommt es wieder von innen?»

«Es sind die immer gleichen, alten Geschichten.»

Sie legte den Arm um ihn und zog seinen Kopf zärtlich an ihren flachen Busen. Er spürte ihre Rippen und fühlte sich geborgen und aufgehoben.

«Wenn du willst, finde ich diejenigen, die dir das angetan haben, und bring sie um.»

«Das ist nicht nötig, Jay-Jay, aber danke.»

Sie schien nicht ganz überzeugt. «Du weisst, ich kann das.»

Er wusste es. Sie hatte sich von Anfang an um ihn gekümmert, wie es eine Löwenmutter um ihre Jungen tat. Als er ihr von seinen Gedächtnislücken erzählt hatte, vermutete sie gleich, dass jemand an seinem Hirn herumgewerkelt hatte. Wahrscheinlich genmanipulierte Klon-Agenten, wie sie ihm erklärte. Regelmässig fragte sie ihn zur Kontrolle, was er kürzlich gegessen, gelesen oder gemacht habe, und nie konnte er ihr Antwort geben. Das Einzige, was ihm einigermassen präsent war, waren ein paar Fragmente seiner Zürcher Wohnung, einige Personen dieser Klinik und seine Mutter. Und natürlich Jay-Jay. Sie verschwand nicht. Doch daneben fehlten ganze Brocken.

«Was gab es zum Mittagessen?», fragte Jay-Jay.

«Ich weiss es nicht.»

«Versuch, dich zu erinnern», sagte sie sanft.

«Es tut mir leid. Da ist einfach nichts.» Er fühlte sich erbärmlich. Etwas in ihm entschwand von Tag zu Tag mehr.

Vorsichtig löste sie seinen Kopf von ihrer Brust und schaute ihn an. «Ich gehe der Sache auf den Grund, das kannst du mir glauben, mein Prinz. Wer immer versucht, deine Erinnerungen zu stehlen, kriegt es mit mir zu tun.»

Die Filmmusik drang bedrohlich und laut durch den Raum. Die Dümmliche, die vorhin noch gekreischt hatte, war inzwischen selber ein Zombie und machte Jagd auf ihre Nachbarin. Das Blut spritzte. Der Patient mit den hellblauen Pantoffeln setzte sich ganz nah an den Bildschirm und lächelte entrückt.

Amir lehnte sich wieder an Jay-Jay. Sie murmelte etwas von den extraterrestrischen Agenten, die ihre Menschenversuche noch bereuen würden und sich ihre Gehirnimplantate sonstwohin stecken könnten. Ganz verstand Amir es nicht, sein Deutsch war noch etwas mangelhaft. Aber dem Sinn nach begriff er, dass er in Jay-Jay eine Gefährtin fürs Leben gefunden hatte, die für ihn töten würde.

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