Читать книгу: «Haus in Flammen»
Mischa Kopmann
HAUS IN FLAMMEN
Roman

Erste Auflage 2022
© Osburg Verlag Hamburg 2022
www.osburgverlag.de
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insbesondere das der Übersetzung, des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile.
Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Lektorat: Ulrich Steinmetzger, Halle (Saale)
Korrektorat: Mandy Kirchner, Weida
Umschlaggestaltung: Judith Hilgenstöhler, Hamburg
Satz: Hans-Jürgen Paasch, Oeste
ISBN 978-3-95510-274-6
eISBN 978-3-95510-283-8
für David & Stella & Greta
»Strike another match, go start anew –«
Bob Dylan
Zwei Fälle von Verschwinden.
Minnigk und Yvette.
Beide ganz unterschiedlich. Beide auf ihre jeweilige ganz und gar eigentümliche Weise:
Minnigk mit charakteristisch großem Getöse.
Yvette auf leisen Katzenpfoten.
Die Wahrheit ist:
Minnigk kann mir gestohlen bleiben, mitsamt seinen Selbstinszenierungen. Seinen Durchhalteparolen. Seiner Egozentrik, die Yvette, ungewohnt blauäugig und beschönigend, als Exzentrik bezeichnete.
Was Yvette anbelangt:
Bitter und süß zieht sich das Herz zusammen
beim bloßen Gedanken an sie.
Beim bloßen Gedenken an sie.
Endlose Sommer. Lang und heiß. Endlose Nachmittage, die ich zuhause in meinem Zimmer verbrachte, mit einem Buch, mit einem Traum. Eine Weile dachte ich daran, mich dem Zirkus anzuschließen, der auf dem Festplatz hinter dem Schwimmbad seine Zelte aufgeschlagen hatte. Ich kratzte mein Taschengeld zusammen und besuchte vier Nachmittagsvorstellungen in einer Woche. Am Abend lungerte ich auf der staubigen Wiese hinter dem Zelt herum. Es roch nach Heu. Und nach Pferden. Nach Rauch und wilden Tieren. Der Wind wehte gedämpft den Applaus des Publikums der Abendvorstellung herüber. Die Ahs und Ohs. Ich freundete mich mit Kurt an, dem Trommler des Zirkus-Orchesters. Er spendierte mir kandierte Mandeln und Zuckerwatte und zeigte mir die Tiere in ihren Käfigen. Nach und nach stellte er mich dem Ensemble vor. Schließlich kamen wir zu einem rot gestrichenen Wagen, auf dessen Tritt ein Mädchen saß. Mein Herz machte Sprünge. Plötzlich wusste ich, warum ich so wild darauf war, hierher zu kommen, wieder und wieder. Die Hochseiltänzerin hatte es mir angetan.
»Darf ich vorstellen?«, fragte Kurt mit ausladender Armbewegung, »Miss Esmeralda.«
Sie stand vor mir, klein, fragil, knabenhaft, mit schwarzem Haar und schwarzen Augen und den süßesten Kirschmundlippen, die ich je gesehen hatte. Hätte sie mich gefragt, ich hätte für Miss Esmeralda alles stehen und liegen lassen. Auf der Stelle. Sie hielt mir ihre kleinen, beringten Finger zum Handkuss hin und sagte etwas auf Spanisch. Fragend sah ich den Trommler an.
»Sie sagt, du siehst aus wie ein Engel«, übersetzte er. Er zog die Brauen hoch und nickte in Richtung der ausgestreckten Hand. Ich verbeugte mich und küsste Esmeraldas Finger, die süß und aufregend dufteten. Beinahe wäre ich vor ihr niedergekniet.
Die halbe Nacht lag ich wach, wälzte mich hin und her, in Gedanken an sie. Im Morgengrauen sprang ich aus dem Bett und packte meine Sachen. Dann besann ich mich. Ich setzte mich an den Schreibtisch und schrieb ihr einen Brief. Mit Absender, fein säuberlich links oben auf dem Umschlag. Für alle Fälle. Den ganzen Weg zum Festplatz rannte ich. Doch der Zirkus war verschwunden. Nur ein grauer Kreis war geblieben auf der verbrannten Sommerwiese, dort, wo das Zelt gestanden hatte. Und ein Haufen verkohlter Balken, wo das Lagerfeuer gebrannt hatte, Tag und Nacht.
»Falls du den Zirkus suchst,« sagte ein Mann, der den Abfall vom Boden aufsammelte, eine Zange in der einen und einen Müllbeutel in der anderen Hand, »sind abgereist. Noch in der Nacht. Gleich nach der letzten Vorstellung.«
Alles war ein Spiel am Anfang. Alles schien ein Spiel zu sein.
»Lass uns die da oben ein bisschen ärgern«, sagte Minnigk. »Allein kriegen die den Arsch nicht hoch.«
»Ist alles ein abgekartetes Spiel«, sagte Minnigk. »Dasselbe elitäre System seit Hunderten und Aberhunderten von Jahren.«
»Warum sollten die, die davon profitieren, irgendetwas ändern wollen?«, sagte Minnigk, »wären doch schön blöd.«
»Also musst du selbst was unternehmen«, sagte Minnigk. »Oder die Fresse halten und zusehen, wie alles vor die Hunde geht, weil die alten Säcke im Parlament, in den Gremien, in den Sendeanstalten, in den Anwaltskanzleien immer noch so tun, als wären dies die beschissenen 1980er oder von mir aus die 1990er Jahre. Als wäre irgendein Stein des 20. Jahrhunderts im 21. auf dem anderen geblieben. Digitale Revolution nennt sich das, meine Freunde. Turbo-Kapitalismus. Wenn alles Kapital auf einige wenige vereint wird. Ohne Kompromisse. Das Sterben der Welt, wie wir sie kennen. Das Sterben der Arten. Das Kippen der Ökosysteme. Apokalypse im ganz großen Stil.«
»Wer von denen, die heute das Sagen haben«, fuhr Minnigk fort, »gibt einen feuchten Dreck darauf, dass uns das Wasser bis zum Hals steht, und zwar buchstäblich und schon sehr bald. Wenn wir absaufen, liegen die Herrschaften längst in friedlichem Schlummer unter der Erde und faulen vor sich hin: Nach uns die Sintflut.«
Ich kam aus der Kleinstadt in die Großstadt. Weil mein Vater versetzt wurde. Einmal mehr. Mitsamt seiner Familie. Mit meiner Mutter, den beiden Zwillingsbrüdern, Robert und Richard, die fünf Jahre älter waren als ich. Und mir. Lias Thaden. Dem Nachzügler. Der seinen vergleichsweise modernen Namen allein dem Umstand zu verdanken hatte, dass mein Vater auf Friedensmission im Kosovo weilte, als meine Mutter, in einer seltenen Aufwallung von Renitenz, den Namen des Kindes festlegte, das sie ohne Mann an ihrer Seite auf die Welt gebracht hatte. Alles neu. Die Stadt. Die geräumige Dienstwohnung mit Garten und Garage in zweihundert Metern Luftlinie von der Führungsakademie der Bundeswehr entfernt. Einer militärischen Spitzenkraft angemessen, seines Zeichens Brigadegeneral und Geheimnisträger, dekoriert mit diversen Verdienstorden und dem Bundesverdienstkreuz. Alles neu. Die Wege. Die Schule. Die Klasse, in die ich kam.
Der erste Schüler, auf den mein Blick fiel, als ich da so am Lehrertisch stand und mich vorstellte, war Minnigk, der hinten rechts am Fenster saß und in der Nase bohrte. So als gäbe es das alles gar nicht. So als gäbe es mich gar nicht. »Nun, nimm Platz«, sagte der Lehrer und schob mich in Richtung eines freien Tisches vorne links. »Wie es bei uns Sitte ist, wird sich der Klassensprecher deiner annehmen in den ersten Tagen deiner Zeit bei uns.« Er setzte sich ans Lehrerpult und sah mich an. »In unserem speziellen Fall«, sagte er, »ist das Glück dir gleich doppelt hold. Handelt es sich beim hiesigen Klassensprecher doch praktischerweise um niemand Geringeren als den Schulsprecher dieser höheren Lehr- und Bildungsanstalt. Stimmt’s, Minnigk?«
Ich sah mich suchend um, im gesamten Raum.
»Yes, Sir!«, rief Minnigk, stand auf, salutierte, schlug die Hacken zusammen und wischte wie nebenbei die Hand an der Jacke seines Nebenmannes ab.
Minnigk war alles, was ich nicht war. Weltläufig, eloquent, belesen, bewandert. Er sprach sechs Sprachen, vier davon fließend. Er spielte Saxofon im Schulorchester. Er spielte die Hauptrolle in sämtlichen Schultheateraufführungen. Er war Klassensprecher und Jahrgangssprecher und Schulsprecher. Er brachte gute Noten in allen Fächern nach Hause. Er glänzte mit sportlichen Leistungen, sprang, warf und lief höher, weiter und schneller als wir alle. Er hielt am Ende unserer Schulzeit wie selbstverständlich die Abi-Rede und brachte den Saal zum Kochen.
Nur in einem war ich ihm immer voraus:
Ich hatte Schlag bei den Mädchen.
»Man muss das aushalten«, sagte Minnigk mit betont militärischer Schärfe. »Mit eiserner Disziplin. Das Leid. Die Lust. Die Angst. Die Panik. Die stumme Taubheit im Angesicht des Feindes. Die Qual. Die Folter. Tod und Teufel. Man muss es ausmerzen in sich. Das Schwache. Nachgiebige. Nachsichtige. Die Güte. Das Gute.«
»Er redet wie ein Diktator«, sagte ich, an Yvette gewandt.
»Ja«, sagte Yvette. »Und zwar wie der große –«
»Lächerlich«, sagte Minnigk hinter einer Wolke aus Zigarettenrauch.
»Mach dir nichts draus«, sagte Yvette achselzuckend. »Minnigk ist Masochist. Durch und durch. Die einzigen Wesen, die er je respektiert hat für ihre Leidensfähigkeit, sind die Hibakusha in Japan.«
»Die was?«, fragte ich.
»Kannte ich auch nicht, bevor Minnigk damit anfing«, sagte Yvette. »Hibakusha nennt man die Handvoll Japaner, die das Pech hatten, beim Atombombenabwurf der Amerikaner auf Hiroshima vor Ort zu sein, und drei Tage später auch in Nagasaki waren, als die Amerikaner die zweite Bombe abwarfen.«
»Das ist nicht das Entscheidende«, sagte Minnigk. »Das ist nicht das, worum es geht.«
»So«, sagte Yvette. »Worum geht es denn?«
»Es geht nicht darum, dass die Hibakusha bei beiden Atombombenabwürfen dabei waren. Es geht darum, dass sie die Abwürfe überlebt haben.«
Er liebte Steve McQueen. Immer wieder sah er sich die alten Filme an. Papillon. The Getaway. The Great Escape. Wie McQueen in seinen späten Jahren, so saß er zuhause auf der Dachterrasse neben seinem Feuerkorb und trank Kaffee, schwarz und heiß, den er aus einer alten roten Kanne mit rostigem Henkel in einen Blechnapf goss.
»The Great Escape«, sagte er, nahm einen Schluck und umfasste den Becher mit beiden Händen wie ein Cowboy am Lagerfeuer in der Prärie. »Das Einzige, was ich dem verdammten Film übelnehme, ist das Ende. Warum, frage ich dich, lassen sie McQueen auf diese Weise sterben? Nach dem Ausbruch. Am zweiten Grenzwall. Nachdem er den ersten übersprungen hat, ohne Stuntman, der für ihn den Kopf hingehalten hätte, nebenbei bemerkt, auf seiner Triumph Trophy, die Nazis im Nacken?«
Die Antwort, Minnigk, ist:
Du würdest den Film nur halb so sehr lieben, wenn McQueen entkommen wäre. Wenn es geklappt hätte mit der großen Flucht. Denn das ist es, was ihn so groß und tragisch und anbetungswürdig macht: dass er nichts unversucht gelassen hat. Dass es nicht hatte sein sollen.
Vielleicht beim nächsten Mal, Steve.
Zum 14. Geburtstag hatten meine Eltern mir ein E-Piano geschenkt. Samt Kopfhörern. Damit das Geklimper endlich aufhört, Tag und Nacht, wie mein Vater es ausdrückte. In seiner unnachahmlichen Art. Auch die Zwillinge, die damals noch zuhause lebten, atmeten auf. Fortan verstaubte das alte Klavier im Wohnzimmer, auf dem ich praktisch täglich geübt hatte, seit meinem sechsten oder siebenten Lebensjahr. Stattdessen saß ich nun oben in meinem Zimmer. Halb beleidigt, weil man mir auf diese Weise zu verstehen gegeben hatte, dass mein Spiel, das, wie ich wusste, durchaus Format hatte, familienintern nicht erwünscht war. Halb froh, nicht mehr auf dem Präsentierteller sitzen zu müssen. Mein Zimmer verließ ich nun nur noch zu den Mahlzeiten. Den Rest der Zeit übte ich. Oder ich hörte Musik. Oder las oder träumte von Natascha Meerscheid, einem Mädchen aus der Parallelklasse, das man mit Fug und Recht als meine erste große Liebe bezeichnen konnte. Die einzige vor Yvette.
Minnigk machte es sich zur Gewohnheit, mir die Mädchen abzunehmen. So nannte er es. Die, die ich nicht wollte. Die, die ich nicht mehr wollte. Die, von denen ich genug hatte. Die, die nicht genug bekommen konnten von mir.
»Eins muss man dir lassen«, konstatierte Minnigk kopfschüttelnd, »du ziehst die Weiber an wie das Licht die Motten. Was ist verdammt nochmal dein Geheimnis?«
Ich überlegte lange, ob ich ihm antworten sollte. Dann sagte ich:
»Mein Geheimnis ist es, dass ich keins von den Mädchen will, die mich wollen.«
»Nicht eins?«
»Nicht auf diese Weise.«
»Das heißt im Umkehrschluss«, sagte Minnigk in seiner unbestechlichen Logik, »wenn du eine triffst, die du willst –«
»Ich weiß, was du sagen willst«, sagte ich. »Dann werde ich sie nicht bekommen.«
»Ja«, sagte Minnigk. »Und weißt du auch, warum: Weil ich sie bekommen werde.«
Es sprach sich herum, dass ich Klavier spielen konnte. Auf der Hochzeit eines Kollegen meines Vaters, auf der ich auf ausdrücklichen Wunsch den Hochzeitsmarsch aus dem Sommernachtstraum von Mendelssohn und ein paar Beatles-Songs gespielt hatte, sprach mich der Pastor an. Er fragte, ob ich nicht Lust hätte, hin und wieder zu besonderen Gelegenheiten – Ostern, Pfingsten, Erntedank, Weihnachten, Neujahr – in der Kirche zu spielen. Der Kantor könne sich dann ganz auf den Chor und die Orgel konzentrieren.
Zusammen mit zwei armenischen Brüdern an Geige und Cello spielte ich an Himmelfahrt einige Stücke aus dem Himmelfahrtsoratorium von Bach. Von allein wäre ich niemals dort hingegangen. Obwohl ich es mochte, in der Kirche zu sein. Ich mochte die Lichter. Ich mochte die Lieder, die die Gemeinde sang. Nun ja, manche der Lieder. Ich mochte die Stille. Den Ernst, die Würde, das Feierliche. Ich mochte die Überzeugung, die der Pastor an den Tag legte beim Versuch, das Unmögliche möglich zu machen und die Gemeinde im Rahmen der Predigt daran zu erinnern, was das geschriebene Wort bedeutete und wie es sich im Hier und Jetzt anwenden ließ. Innere Einkehr. Nächstenliebe. Liebe. Ich sah, wie die Gemeinde sich wand, im Sonntagsstaat, unter den salbungsvollen Worten, bevor sie hinausdrängte durch die weit offenen Türen, wie das sprichwörtliche biblische Kamel sich durchs Nadelöhr zu zwängen sucht, die Orgelmusik im Rücken, einen sorgsam gefalteten Schein in der Hand für die Kollekte, bevor sie in ihren dicht an dicht geparkten SUVs verschwanden in alle vier Himmelsrichtungen. Moderne Reiter der Apokalypse.
So kam es, dass ich in die Kirche kam, immer mal wieder, an hohen christlichen Feiertagen.
Ein Himmelfahrtskommando, fürwahr!
Als ich sie kennenlernte, war Yvette die Einzige von uns, die nicht mehr bei ihren Eltern lebte. Sie war ausgezogen, kaum dass sie achtzehn geworden war. Nicht weil es Streit gegeben hätte zuhause. Weil sie allein sein wollte. Unabhängig. Frei. Erwachsen. Obwohl sie ein 1,7-Abi gemacht hatte, wartete sie auf einen Studienplatz. Sie wollte Veterinärmedizin studieren und Tierärztin werden. Das Geld, das ihre Eltern, ein Akademikerehepaar, ihr anboten, lehnte sie ab. Stattdessen jobbte sie als Kellnerin in einer Bar, als Kassiererin bei EDEKA, als Esskastanienverkäuferin auf dem Weihnachtsmarkt. Alle paar Monate wechselte sie den Job, weil es ihr langweilig wurde. Das war typisch für sie. Sie war schön, sanftmütig, geheimnisvoll, aber auch sprunghaft, launisch und eigensinnig. Sie hatte sehr klare Vorstellungen von den Dingen. Sowie sie die Zulassung bekam, stürzte sie sich Hals über Kopf ins Studium. Zwei Semester ging das so. Dann nahm die Sache mit DLB ihren Lauf. Die Aktionen, die wir planten, verlangten immer gründlichere Vorbereitung. Yvette fiel der Löwenanteil bei der Planung zu. Oder vielmehr: Sie riss diesen Teil der Operationen förmlich an sich. Für die Medizin blieb keine Zeit mehr. Als ich sie einmal darauf ansprach, zuckte sie nur die Schultern.
»Es gibt Wichtigeres im Leben«, sagte sie.
Das erste Mal hatte ich sie in der Kirche gesehen. Oder genauer gesagt: Auf dem Platz vor der Kirche. Ich hatte am Eingangsportal gestanden und mich mit Pastor Kuers unterhalten, als das Auto vorfuhr. Sofort war mir die Diskrepanz aufgefallen. Sie parkte ihren weißen deutschen Allerweltswagen und stieg aus. Das Gegenteil eines weißen deutschen Allerweltsmädchens. Ganz in Schwarz. Dem Anlass entsprechend: der Trauerfeier für den verstorbenen Küster, der, wie sich herausstellte, ihr Patenonkel gewesen war. Ich war ihr mit dem Blick gefolgt, während sie sich durch die Gruppe der Trauergäste bewegte.
»Dann mal los, Lias«, sagte Pastor Kuers neben mir.
»Nur einen Moment noch«, sagte ich.
Es waren vielleicht vier oder fünf Schritte, die sie noch von mir trennten. Dann wurde sie aufgehalten. Von einem älteren Herrn, den ich nicht kannte. Sie reichte ihm die Hand und verbeugte sich leicht in seine Richtung.
»Kommst du, Lias?«, fragte Pastor Kuers.
»Ja«, sagte ich und starrte wie gebannt auf die schwarzgekleidete Schönheit dort am Fuße der Haupttreppe, nur ein paar Stufen entfernt. Dann sah sie auf und sah mich an. Einen flüchtigen Moment.
»Lias«, sagte Pastor Kuers.
»Ja, Pastor Kuers«, sagte ich. »Ich komme.«
Was ich niemals für möglich gehalten hatte: Minnigk mochte meinen Vater. Und mein Vater mochte Minnigk. Der Mann, mit dem ich manchmal wochenlang kein Wort wechselte, weil er – so die offizielle Version – zu viel zu tun hatte und weil wir uns – so die inoffizielle – niemals wirklich viel zu sagen hatten, dieser Mann, hoch oben in der Rangordnung der Bundeswehr, stand nun auf unserem Vorhof, eine Flasche Bier in der Hand, und parlierte mit meinem besten Freund über die allgemeine Welt- und Großwetterlage. Durchaus konträr. Doch mit sichtbarem beiderseitigem Respekt. Flaschenhälse klirrten. Feuerzeuge klickten.
Ein komplettes Wochenende verbrachten beide damit, den Land Rover meines Vaters für die anstehende TÜV-Prüfung flottzumachen. Im Gegenzug nahm mein Vater Minnigk mit zum Schießstand auf irgendeinem Truppenübungsplatz in der Heide, zu dem normalerweise nur Bundeswehrangehörige Zutritt hatten. Wäre die Geschichte jemals herausgekommen, die Zeitungen hätten sich überschlagen: der militärische Hochsicherheitsgeheimnisträger und der militante Revoluzzer Arm in Arm beim Scheibenschießen. Dann aber war es irgendwann vorbei mit den Verbrüderungsarien. Was immer vorgefallen war, keiner von beiden sprach darüber. Minnigk kam nun immer seltener vorbei und zumeist nur noch dann, wenn er sicher sein konnte, dass der Hausherr nicht da war. Bald kam er gar nicht mehr. Und mein Vater? Nahm mich zur Seite eines Abends, mit ernster Miene, als hätte er vor, mir ein hochbrisantes Staatsgeheimnis anzuvertrauen.
»Du weißt, dass ich mich im Normalfall nicht in dein Leben einmische. Auch wenn ich nicht immer mit allem einverstanden bin – du musst selbst wissen, was für dich am besten ist. Doch was deinen Freund angeht, du weißt schon, diesen Minnigk, so möchte ich dir raten: Mach besser einen Bogen um den Kerl.«
Was seine Familie anging, gab Minnigk sich wortkarg. So viel wusste ich: Sein Bruder saß im Rollstuhl, seitdem er eines Sommernachmittags vom Balkon der heimischen, malerisch an den Elbhängen gelegenen Villa in den Swimmingpool hatte springen wollen, um seinen Kumpels zu imponieren. Wobei er irgendwie dumm aufgekommen war. Es gab da eine Pflegerin, Bonita, von der Minnigk behauptete, sie hätte ihm die Unschuld geraubt. Im zarten Alter von dreizehn. Seine Eltern habe ich nur ein oder zwei Mal zu Gesicht bekommen. Der Vater arbeitete bei DESY, einem weltbekannten Forschungszentrum, das sich mit Teilchenbeschleunigung und anderen physikalischen Phänomenen beschäftigte. Er wirkte zerstreut, wie es sich für einen Professor der Physik gehört, und fuhr einen grasgrünen Porsche Carrera. Die Mutter war Teilhaberin einer exklusiven Immobilienfirma. Mit Tausenden von Objekten, vornehmlich im Hamburger Westen. Sie war es, die ihre Kontakte spielen ließ und uns die Wohnung besorgte, die auf dem freien Markt für uns unerschwinglich gewesen wäre mit ihrer sündhaft teuren Einbauküche und der Dachterrasse.
Sie ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Ein paar Wochen fuhr ich fast täglich zur Kirche in der vagen Hoffnung, sie dort anzutreffen. Schließlich hatte ich es Minnigk zu verdanken, dass ich sie wiedersah, weil er mich überredete, auf eine Party mitzukommen, die irgendein Freund eines Freundes in Bahrenfeld gab. Ich sah sie sofort, als wir hereinkamen. Minnigk vorneweg, mit dem üblichen Gepolter, Zigarette in der Hand oder im Mundwinkel. Ich, das Anhängsel, im Schlepptau. Später behauptete Minnigk, sie wäre ihm aufgefallen, augenblicklich. Wenn dem tatsächlich so war, ließ er sich nichts davon anmerken. Er marschierte direkt in die Küche und organisierte zwei Flaschen Bier für uns, drückte mir eine davon in die Hand und verschwand im Nirwana der aus allen Nähten platzenden Wohnung. Rauchschwaden. Ohrenbetäubende Musik. Ein Mädchen, das ich aus der Schule kannte und nun versuchte loszuwerden. Um keine falschen Vorstellungen aufkommen zu lassen.
Später sah ich sie tanzen. Dann mit einem Glas Wein in der Hand auf dem Balkon. Ich trat hinaus zu ihr in die Nacht und schloss die Tür hinter mir.
»Ich kenne dich«, sagte sie und nahm einen Schluck Wein. »Aus der Kirche. Du hast Klavier gespielt. Bei der Trauerfeier für meinen Patenonkel.«
»Ja«, sagte ich. »Ich spiele manchmal dort. Zu besonderen Gelegenheiten.«
»Du hast sehr schön gespielt, fand ich.«
»Danke.«
»Ich hatte gehofft, ich würde dich wiedersehen.«
Ich traute meinen Ohren nicht.
»Ging mir genauso«, sagte ich. »Um die Wahrheit zu sagen: Ich bin ständig in der Kirche gewesen, weil ich gehofft habe, du würdest vielleicht vorbeikommen.«
»Ich war da. Zwei oder drei Mal. Aber dich habe ich nicht gesehen.«
»Nun siehst du mich.«
»Ja. Nun sehe ich dich.« Sie trank ihr Glas leer. »Wollen wir vielleicht ein Stück zusammen spazieren gehen? Weg von all den Leuten hier?«
Ich nickte.
»Ich heiße Yvette«, sagte sie, stellte ihr Glas ab und nahm meine Hand.
Ich sehne mich nach einem Weg. Sonnenbeschienen. Einsam. Fernab von allem. Nur ich und meine nackten, staubigen Füße, die mich tragen, von Kreuzung zu Kreuzung, von Lichtung zu Lichtung, bis mir unweigerlich irgendwann jemand begegnet, ein Fremder vielleicht, höchstwahrscheinlich, der alles sein kann. Freund. Feind. Verbündeter. Verräter. Die große Liebe. Tod und Teufel. Dort an der Wegbiegung sehe ich ihn. Seine Silhouette. Seinen Schatten, schier endlos in der untergehenden Sonne des späten Nachmittags. Einen Moment halte ich inne und höre nichts als meinen Atem. Und den Wind, der in den Blättern der Baumwipfel wispert. Dann setze ich meinen Weg fort.
Später spielte ich in der Kirche. Auf dem Klavier hinten im Versammlungsraum. Pastor Kuers hatte gesagt, ich könnte jederzeit vorbeikommen und spielen, wann immer ich Lust hätte. Meistens spielte ich abends, wenn der letzte Flöten- oder Batik-Kurs beendet war und ich die Kirche für mich allein hatte. Manchmal kam die Frau des Pastors herein, auf leisen Sohlen, setzte sich auf einen Schemel an der Tür und hörte eine halbe Stunde zu, bevor sie wieder ebenso geräuschlos verschwand, wie sie gekommen war. Als ich eines Abends Yvette mitnahm, sah Frau Kuers nur einmal kurz in den Raum und schloss die Tür sofort wieder. Ich spielte, wie ich nie zuvor gespielt hatte. Für Yvette.
»Gar nicht übel«, sagte sie, als ich fertig war. Einigermaßen ungerührt, wie ich fand. »Falls du willst, stelle ich dich mal meiner Großmutter vor. Sie war eine ziemlich bekannte Schauspielerin früher und spielt Klavier wie eine Göttin. Man sagt, sie hätte auch Karriere als Pianistin machen können, wenn sie gewollt hätte.«
»Wie heißt deine Großmutter?«
»Warum fragst du?«
»Vielleiche kenne ich sie.«
»Sie heißt Adele. Adele Schwindt. Sie ist Französin. Eingeheiratet. Nach dem Krieg. Irgendein Musiker. In Berlin, soviel ich weiß.«
»Wo lebt sie jetzt?«
»Hier in Hamburg. In einer winzigen Wohnung. In Altona. Sie raucht wie ein Schlot. Die Wohnung ist voll bis oben hin mit Büchern und Noten. Sie hat drei Katzen. Und ein Klavier.«
Wir trafen uns fast täglich. Aßen Eis zusammen. Tranken Kaffee in dem Café in Blankenese, das Yvette so liebte. Spazierten stundenlang durch die Stadt. Saßen am Elbstrand bei Wind und Wetter und sahen die Containerschiffe ein- und ausfahren. Streunten über Friedhöfe und lasen die Inschriften auf den Grabsteinen. Küssten uns leidenschaftlich im Torbogen von Brahms’ Geburtshaus in der Altstadt. Bis eine alte Dame uns verscheuchte.
Auch die Nächte verbrachten wir nun zusammen. Niemals im Leben war ich so glücklich wie in jenen Stunden, nachts, im Halbschlaf, nachdem wir uns geliebt hatten, Yvette in meinen Armen, das Mondlicht, das durchs Fenster hereinfiel und die Gegenstände in Yvettes Dachgeschosswohnung erhellte. Die Kommode, die sie selbst restauriert und angemalt hatte. An der Wand der riesige gerahmte Druck von Chagalls Liebenden über der Stadt. Der Bücherstapel am Fuße ihres Bettes. Quer über den Boden verteilt die Kleidungsstücke, die wir uns gegenseitig vom Leib gerissen hatten, während wir uns küssten, auf dem Weg von der Tür zum Bett.
Manchmal fuhren wir raus aus der Stadt. In Yvettes weißem VW. Wir gingen spazieren in einem Waldstück in der Heide, in dem Yvette sich sehr gut auskannte, weil sie sonntags häufig mit ihren Eltern dort gewesen war, um Pilze zu sammeln und die Ruhe zu genießen. Einmal stießen wir auf eine Rotte Wildschweine. Yvette legte den Zeigefinger auf die Lippen und nahm mich bei der Hand. Langsam, sehr langsam gingen wir rückwärts, uns immer wieder in beide Richtungen umsehend. Sobald wir den Weg erreichten, rannten wir los, lachend und wie von Furien gehetzt. Obwohl uns kein Wildschwein folgte. Einmal wurden wir von einem Gewitter überrascht. Wir flüchteten vor dem Regen und küssten uns im Schutz der Kiefern und Birken. Yvette sagte, sie könne sich keinen süßeren Tod vorstellen, als so vom Blitz getroffen zu werden, klatschnass und zungenküssend. Manchmal fuhren wir an die See. Für einen Tag oder ein Wochenende. Yvette liebte das Wasser. Selbst im Oktober ging sie noch baden, bei Nieselregen und zehn Grad Außentemperatur. Ich sehe sie vor mir in ihrem altmodischen flaschengrünen Badeanzug, meine schöne Meerjungfrau, wie sie in der Brandung aufgeregt auf und ab hüpft wie ein Kind, wie sie eintaucht in die Wellen und verschwindet, für eine kleine Ewigkeit, um schließlich prustend und juchzend an irgendeiner anderen Stelle wieder aufzutauchen und mir zuzuwinken. Manchmal überwand ich mich und folgte ihr ins eiskalte Wasser, wo wir uns küssten und uns festhielten an den verbotensten Stellen, zwei zitternde Körper im Wind. Wenn ich es nicht über mich bringen konnte, ins Wasser zu gehen, wartete ich mit dem Handtuch am Strand auf sie. Ich breitete meine Arme aus, wenn sie mit ihren typischen kurzen Schritten auf mich zugelaufen kam.
Yvette stellte mich ihrer Großmutter vor. Adele. Die Mutter ihrer Mutter. Alles war genau so, wie Yvette es mir erzählt hatte: In den beiden Zimmern unter dem Dach stapelten sich Schallplatten, Bücher, Notenhefte. Im Wohnzimmer stand ein Bechstein-Piano, das einmal im Jahr gestimmt wurde, wofür eigens ein älterer Herr aus Aschersleben anreiste, den Adele seit Ewigkeiten kannte. Es gab Tee und Plätzchen. Adele bot mir das Du an und sagte, ich könne jederzeit vorbeikommen, um Klavier zu spielen oder einfach nur mit ihr zu plaudern. Ich hatte das Gefühl, ich war bei Weitem nicht der erste Verehrer, den Yvette ihrer Großmutter vorstellte. Wahrscheinlich war ich auch nicht der Erste, den sie einlud, sie zu besuchen. Trotzdem ging ich hin, ab und an. Wir tranken Tee zusammen und aßen den Kuchen, den ich von der Konditorei ein paar Häuser weiter mitgebracht hatte. Manchmal spielte ich Klavier. Manchmal, sehr selten, spielte Adele. Bach. Brahms. Beethoven-Sonaten. Alles praktisch fehlerfrei. Alles aus dem Kopf.
Wie Yvette nahm auch ich kein Geld von meinen Eltern. Nach dem Abi jobbte ich eine Weile als Aushilfe in einem Supermarkt. Den Lohn legte ich größtenteils zurück. Im Herbst schrieb ich mich für Politik- und Musikwissenschaften an der Uni ein. Neben dem Studium arbeitete ich als Lagerist und Transporteur für eine Hamburger Speditionsfirma. In den Semesterferien oft mehrere Wochen am Stück. Wir lieferten ins gesamte Stadtgebiet. Möbel. Betten. Matratzen. Waschmaschinen. Hin und wieder ein Klavier. Die körperliche Arbeit tat mir gut. Manchmal gab es üppige Trinkgelder. Abends war ich oft so müde, dass ich einschlief über den Büchern, Abhandlungen oder Partituren. Ab und an besuchte ich meine Mutter in ihrem Reihenhaus im Schatten der Kaserne.
»Dein Vater wird wieder befördert«, sagte sie eines Nachmittags in der Küche beim Kaffee.
Ich nickte.
»Wie lange habt ihr euch jetzt nicht gesehen?«
»Keine Ahnung«, sagte ich. »Ein halbes Jahr vielleicht.«
»Ruf ihn an, bitte«, sagte sie. »Und gratuliere ihm.«
»Ja«, sagte ich. »Mach ich.«
»Versprichst du es?«
»Ja. Ich verspreche es.«
»Wir ziehen um, Lias«, sagte sie.
»Ja«, sagte ich. »Dachte ich mir. Wohin geht es diesmal?«
»Nach Potsdam. Dein Vater wird dort vor Ort eine Operation leiten. In humanitärer Mission.«
»Ja«, sagte ich. »Das war immer schon sein Traum: In humanitärer Mission den Weltfrieden herbeiführen.«
Mein Traum war es, zu verschwinden. Seit jeher. Dorthin, wo ich herkam und wo ich auch hingehöre. Wo ich ganz und gar bei mir bin. Und ganz und gar außerhalb meiner selbst. Verschmolzen mit dem großen Ganzen. Jenseits von Zeit und Raum.
Und dann wieder –
Eines Nachmittags, auf dem Weg ins Kino, trafen wir Minnigk. Er umarmte Yvette wie eine alte Bekannte.
»Lias ist mein bester Freund«, sagte er. Und:
»Ich habe schon viel von dir gehört.«
Was eine Lüge war, weil ich nie viel von Yvette erzählt hatte.
Er angelte seine American Spirit aus der Brusttasche seiner Jacke, klopfte auf den Boden des Päckchens und hielt es Yvette hin. Zu meiner Überraschung nahm sie das Angebot an. Minnigk ließ sein Zündapp aufschnappen und gab ihr Feuer.
»Und was habt ihr beiden Hübschen vor?«, fragte er.
»Wir sind auf dem Weg ins Kino«, sagte Yvette und zog vorsichtig an ihrer Zigarette. Mit einem Blinzeln, weil ihr der Rauch in die Augen stieg.
»Und du?«, fragte ich.
»Ich treffe mich mit ein paar Jungs von Fridays for Future«, sagte Minnigk. »Wegen der Demo nächsten Freitag.« Er schnippte seine Zigarette auf die Straße. »Na dann«, sagte er und salutierte spielerisch. »Man sieht sich.«
»Was für eine Demo?«, zischte Yvette, sobald Minnigk außer Hörweite war und reichte die Zigarette an einen Obdachlosen weiter, der auf einer Pappe vor der Shopping Mall saß.
Nach dem Krieg hatte Adele am Konservatorium studiert. In Straßburg. Klavier und Komposition. Dann kamen die sechziger Jahre. Und mit den Sechzigern kam der große Rausch der Freiheit. Musik, die Adele nie zuvor gehört hatte. Die niemand je zuvor gehört hatte. Drogen. Sex. Mit einer Vielzahl von Männern und Frauen. Adele hängte ihre Karriere als Konzertpianistin an den Nagel. Verkaufte ihren Flügel für viel Geld, um die Kommune zu versorgen, in der sie lebte, irgendwo auf dem Land in der Nähe von Köln. Später, Anfang der Siebziger, ging sie nach Berlin, wo sie in einer Konservenfabrik arbeitete. Sie verliebte sich Hals über Kopf in Ferdinand Schwindt, einen Jazzmusiker, den sie bei einem Tagesausflug in den Ostteil der Stadt kennengelernt hatte. Das Unglaubliche geschah: Adele wechselte die Seiten. Zog von Westnach Ost-Berlin. Um Ferdinand nahe zu sein. Und noch unglaublicher: Sie machte Karriere dort. Als Schauspielerin. Man kann sie sehen, in bunten Siebziger-Jahre-DEFA-Filmen: »Hoffender Stern«, ein Musical, in dem sie sang und tanzte. »Sommerplatte«, eine Komödie, so freizügig, dass man Adele barbusig am Strand liegen sieht, wo sie sich vor den Augen ihres Partners mit einer Freundin küsst, um ihn aus der Reserve zu locken. »Kosmonaut Kokorin«, einer russischen Co-Produktion, gedreht in Moskau, mit Pauken und Trompeten und elektronischen Sphärenklängen. Komplex durchchoreografierte Tänze Hunderter als Miniatursterne verkleideter sowjetischer Ballerinas. Das herzergreifende Ende, als Kokorin seiner Nadeshda (Adele) eine Phiole Sternenstaub überreicht und Nadeshda niesen muss vor Rührung und Glück, worauf der goldene Glitzer durch die unermesslichen Weiten des Universums verwirbelt wird. Vergeblich versuchen sie, ihn einzufangen zu den Klängen einer himmlischen Harfe, taumeln ineinander, halten sich fest aneinander, fallen schwerkraftlos ins Nichts, Hand in Hand, die Gesichter orange leuchtend, vom Glanz einer wunderschönen warmen und ewig gütigen Sonne, und verschmelzen im Fallen zum finalen Kuss.
Anfang der Achtziger war es vorbei mit Adeles Karriere, nachdem sie einen Funktionär geohrfeigt hatte, der zudringlich geworden war auf der Premierenfeier ihres letzten Films. Mitte der Achtziger starb Ferdinand, Adeles Mann und Vater ihrer beiden Kinder, an einer verschleppten Lungenentzündung. Ende der Achtziger starb der ganze Staat. Adele zog zurück in den Westen, wo ihre Cousine Elaine lebte, die Adele zwar seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen hatte, mit der sie jedoch immer in Verbindung geblieben war. Die Kinder, Jasmin und Isabell, Yvettes Mutter, waren inzwischen fast erwachsen. Elaine hatte Adele einen Job als Verkäuferin in Hamburgs renommiertem Alsterhaus direkt am Jungfernstieg besorgt. Sie sparte und kaufte sich ein Klavier. Sie begann, Stunden zu geben. Sie verkaufte das Klavier und kaufte ein besseres. Sie ließ sich die Stunden, die sie gab, gut bezahlen und gab ihren Job im Kaufhaus auf. Sie war 63 Jahre alt und dreifache Großmutter. Das Jahrhundert neigte sich dem Ende entgegen. Silvester 1999 beging sie allein mit einem Glas Champagner auf dem winzigen Balkon ihrer kleinen Wohnung in Altona.
»Ganz ehrlich, Lias«, sagte sie. »Ich habe drei Kreuze gemacht, als das 20. Jahrhundert endlich seinen Atem aushauchte.«
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