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Mira Schwarz
Böse Jungs dringend gesucht
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Böse Jungs dringend gesucht
Prolog - Böse Jungs
Kapitel 1 - Freunde bleiben
Kapitel 2 – Ernste Gespräche
Kapitel 3 - Ein Hauch von Freiheit
Kapitel 4 - Auf die alten Zeiten
Kapitel 5 - Hitzige Gedankenspiele
Kapitel 6 - Peppermind Nights
Kapitel 7 – Musik im Blut
Kapitel 8 - Schläge in die Magengrube
Kapitel 9 - Überraschungen
Kapitel 10 - London calling
Kapitel 11 - Schmerzende Wahrheiten
Kapitel 12 - Ein Hauch von Normalität
Kapitel 13 - Schatten der Vergangenheit
Epilog - Böse Jungs dringend gesucht – und gefunden
Inhalt
Impressum tolino
Böse Jungs dringend gesucht
Böse Jungs dringend gesucht
November 2015
Copyright © Mira Schwarz
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Mira Schwarz
Böse Jungs dringend gesucht
Da stand er nun – Chris, der Rockstar.
Und er hatte nichts mehr mit dem kleinen, unsicheren Jungen aus der Nachbarschaft gemein.
Außer vielleicht seine Augen, die mich immer noch ansahen,
als wäre ich von einem anderen Stern.
Doch das Schlimmste war, ich liebte es. Immer noch.
Prolog - Böse Jungs
Das Wasser im Swimming-Pool war immer noch lauwarm, obwohl es schon fast Mitternacht war. Sie hatten ihre Schuhe ausgezogen und ließen die Füße ins Wasser hängen. Über ihnen funkelten die Sterne am klaren Himmel.
Jenny griff zum dritten Mal nach der Rolle Mentos und steckte sich einen Bonbon in den Mund. Der Minzgeschmack beruhigte ihre aufgewühlten Nerven. Sie sah zur Seite und lächelte Chris schüchtern an.
Er strich sich eine blonde Strähne aus dem Gesicht. „Weißt du, was ich glaube?“, fragte er.
Sie schüttelte den Kopf, sprachlos und verwirrt von der Tatsache, dass er hier wirklich neben ihr saß.
Er lehnte sich zurück und ließ sich auf seine Ellenbogen sinken. Seine Füße bewegten sich leicht im Wasser. „Ich glaube, du bist das netteste Mädchen, das ich kenne.“
Sie hielt den Atem an. Sie war siebzehn Jahre alt und hatte keine Ahnung von der Liebe. Sie drehte sich zu ihm und zog die Beine vor ihren schmalen Körper. „Ich dachte bis jetzt, dass du nichts für nette Mädchen übrig hast.“
Er streckte die Hand nach ihr aus, streifte leicht ihren Arm. „Es ist kompliziert, wenn man selbst kein netter Junge ist.“
Sie sahen sich in die Augen. Dann stand er auf. Sie wollte ihn aufhalten, aber sie fand keine Worte. Er stand vor ihr – groß und erwachsen. Unerreichbar. Mit seinen neunzehn Jahren hatte er schon eine Menge von der Welt gesehen. Er würde mit seiner Band auf Tour gehen und sie hier alleine lassen. Er nahm ihre Hände in seine und zog sie auf die Füße.
„Wir sollten wieder zu den anderen gehen“, sagte er leise. Der Partylärm drang zu ihnen herüber, aber Jenny nahm nichts wahr außer seiner Stimme. Jetzt, dachte sie. Jetzt wird er mich küssen. Stattdessen legte er ihr einen Arm um die Schultern.
„Kann ich dir was sagen?“ Seine Stimme war warm.
„Natürlich.“ Sie nickte und sah ihn gespannt an.
„Ich komme bald wieder. Versprochen.“
Sie glaubte ihm. Es war der erste große Irrtum ihres Lebens.
Kapitel 1 - Freunde bleiben
Zwölf Jahre später
Die Abendsonne schien auf den aufgeschütteten Sand, Strohschirme im Karibik-Stil und bunte Cocktails verbreiteten Urlaubsflair und die Spree plätscherte vor der Berliner Skyline gemächlich gegen die Kaimauer. In die Musik vom DJ-Pult mischte sich das Gelächter der Gäste – zum Großteil Touristen, die den ersten warmen Abend im Mai nutzten, um sich von ihrem anstrengenden Sight-Seeing-Programm zu erholen. Das Leben schien zu sagen: alles easy, einfach mal durchatmen.
Aber Jenny war alles andere als entspannt.
Wie konnte sie auch?
Anstatt sich zurückzulehnen und das schöne Wetter zu genießen, zappelte sie unruhig auf ihrem Liegestuhl herum. Alle zwei Minuten zog sie ihr Smartphone aus ihrer Umhängetasche, schaute genervt auf die Uhr und steckte es wieder zurück. Dann griff sie nach ihrem mexikanischen Bier, trank einen Schluck, fischte ein Haargummi aus ihrer Jeanstasche und band sich ihre langen, hellbraunen Haare zusammen. Sekunden später löste sie den Zopf und ließ sich wieder in den Liegestuhl zurückfallen. Nach wenigen Augenblicken griff sie erneut nach dem Telefon und das Spiel begann von Neuem.
Typisch, dachte Jenny wütend. Sie hätte sich ja denken können, dass Anouk es nicht pünktlich schaffen würde. Ihre beste Freundin war eine notorische Zuspätkommerin. Ohne Frage, wenn jemand heutzutage noch ein Lexikon lesen würde, also so ein richtiges, mit Seiten, dass im Schrank steht, dann würde er ihren Namen und bestimmt auch ein Foto, neben dem Eintrag 'zuspätkommen' finden. Wieder zerrte Jenny ihr Telefon hervor. Jetzt wartete sie schon eine halbe Stunde. Warum war sie bloß nicht erst mal nach Hause gefahren, um sich umzuziehen? Jetzt saß sie hier in ihrer viel zu warmen Jeans und dem langärmeligen Shirt und schwitzte. Aber nein, sie war direkt nach ihrer Schicht im Krankenhaus in den Bus gesprungen, um Anouk nicht warten zu lassen. Bescheuert!
Ärgerlich krempelte Jenny ihre Ärmel hoch.
Eigentlich konnte sie eine kleine Pause ganz gut gebrauchen. Seit sie als Assistenzärztin auf der Kinderstation arbeitete, waren die Momente selten geworden, in denen sie einfach nur herumsitzen konnte. Aber gerade jetzt wollte sie sich nicht ausruhen. Sie wollte ihre verdammten Neuigkeiten loswerden. Sofort. Am liebsten Vorgestern.
Wieder griff sie nach ihrem Bier, aber es war leer. Sie nahm die volle Flasche, die sie vorhin schon für ihre Freundin bestellt hatte.
„Hey! Ich glaube, das ist mein Bier.“ Anouk kam mit langen Schritten auf sie zugeeilt. In ihren hochhackigen Schuhen und mit der dramatischen Sonnenbrille sah sie aus wie ein Filmstar. Sie ließ sich in den gelben Liegestuhl neben Jenny fallen und griff nach dem Bier wie eine Verdurstende.
„Mann, wo hast du denn so lange gesteckt?“ Jenny funkelte ihre Freundin wütend an, obwohl sie ihr nie lange böse sein konnte. „Ich warte hier schon seit Ewigkeiten.“
Anouk ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Sie schlüpfte aus ihren Riemchen-Sandalen und steckte ihre nackten Füße in den Sand. „Ach, komm schon. Die paar Minuten“, sagte sie und schlug lässig die Beine übereinander.
Jenny schüttelte den Kopf. „Offenbar hast du dir die Zeit genommen, dich in aller Ruhe umzuziehen.“ Sie betrachtete den kurzen, roten Rock und das silberne Spaghettiträger-Top ihrer Freundin. „Wieso rutscht dein Rock nicht hoch?“, fauchte sie dann angriffslustig. „Wenn ich mich so hinsetzen würde wie du, würde jeder sofort meine Unterwäsche sehen.“
Anouk hob nur leicht die Schultern, stellte gelassen ihr Bier ab, streckte die Arme in die Höhe und verschränkte sie hinter ihren raspelkurzen, blondierten Haaren. Ihr Top rutschte ein Stückchen hoch und gab den Blick auf ihren Bauch frei.
Auch dieser Anblick brachte Jenny in Rage. „Warum zum Teufel ist dein Bauch so braun?“
Anouk zog halbherzig ihr Top herunter. „Ich habe eine gute Ausrede“, sagte sie dann grinsend. Jennys schlechte Laune prallte einfach an ihr ab. „Ich meine nicht für den Rock und den Bauch. Sondern fürs Zuspätkommen. Du errätst nicht, mit wem ich gerade eben telefoniert habe.“
„Ist mir völlig egal“, erwiderte Jenny patzig. „Ich muss dir auch etwas erzählen und weil ich hier schon ewig warte, bin ich zuerst dran.“ Sie setzte sich auf. „Florian schläft mit Kessy.“ Sie atmete heftig aus und ließ sich dann erschöpft nach hinten sinken, als wäre ihre Aussage eine sportliche Höchstleistung gewesen.
„Oh“, sagte Anouk mit ungerührtem Ausdruck. „Und wer ist?“
„Die Laboranten-Kuh, die seit einem halben Jahr mit Florian zusammen arbeitet? Über die ich ständig rede? Die, von der ich dir das Foto auf der Homepage gezeigt habe? Verdammt, hörst du mir überhaupt nie zu?“
„Doch, als du mir diese Manolo Blahnik-Schuhe im Ausverkauf beschrieben hast, habe ich sehr genau zugehört.“ Anouk musterte Jenny. „Warum regst du dich so darüber auf, dass dein Ex-Freund mit einer anderen schläft? Soweit ich mich erinnern kann, hast du mit ihm Schluss gemacht.“
„Ja, und?“ Jenny lachte freudlos auf. „Aber muss er deshalb mit so einer ...“, sie suchte nach dem passenden Wort, fand aber keins, „... mit so einer zusammen sein? Ich meine, was sagt das über mich aus?“
Anouk seufzte. „Ich würde sagen, mit dir hat das nichts mehr zu tun. Florian hat sich in eine andere Richtung entwickelt und du hast es rechtzeitig erkannt. Das war doch dein Hauptvorwurf: dass er nicht Arzt geworden ist, sondern sich an die Pharmaindustrie verkauft hat. Es macht also Sinn, wenn er sich jetzt auch eine andere Freundin sucht.“
Anouk trank ihre Flasche leer und sah Jenny fragend an. „Soll ich uns noch zwei holen?“
„Das ist alles?“ Jenny hatte so laut gesprochen, dass sich ein Pärchen am Nachbartischchen nach ihnen umdrehte. Sie senkte ihre Stimme etwas. „Mehr hast du dazu nicht zu sagen?“
„Doch“, erwiderte Anouk trocken. „Aber das willst du nicht hören.“
Jenny nickte ihr kurz zu. „Versuch es trotzdem.“
Anouk nahm die Sonnenbrille ab. „Du hast nicht mit Florian Schluss gemacht, weil er - Achtung, ich zitiere dich nur - eine Pharma-Hure geworden ist. Du hast dich von ihm getrennt, weil er dir noch keinen Heiratsantrag gemacht hat.“
Jenny schnappte nach Luft, aber Anouk redete einfach weiter. „Klar, die Phase der ersten Verliebtheit ist vorbei. Aber du wolltest dich gar nicht wirklich trennen, sondern nur ein bisschen Pep in eure eingeschlafene Beziehung bringen.“ Sie drehte ihre leere Flasche in den Händen. „Du bist neunundzwanzig, Jenny. Seit dreiundzwanzig Jahren erzählst du mir, dass du drei Kinder willst. Da wird es doch langsam Zeit. Immerhin musst du ja auch noch deinen Facharzt machen, bevor du endlich aus Berlin rauskommst, dir ein Häuschen kaufen kannst und einen guten Halbtagsjob in einer Kinderarztpraxis findest.“
Jenny starrte Anouk sprachlos an. „Das denkst du von mir?“
Anouk nickte. „Das und Schlimmeres“, bestätigte sie mit einem Augenzwinkern. „Ich denke, diese Kessy ist völlig in Ordnung. Du bezeichnest jede Frau als Schlampe, die regelmäßig die Haare färben lässt, Röcke trägt, die nicht das Knie bedecken und Spaß an Sex hat.“ Sie erhob sich und zeigte wieder auf ihre leere Bierflasche. „Noch eins?“
Jenny starrte ihre Freundin an. „Ich mag Sex“, zischte sie.
„Womit wir wieder bei deinem impotenten Ex-Freund wären.“
„Er ist nicht impotent.“ Jenny war jetzt so sauer, dass sie fast schrie. Mehrere Leute drehten sich zu ihnen um und guckten neugierig, wer da dieses offenherzige Gespräch führte. Jenny lief rot an und drosselte ihre Lautstärke. „Es war nicht so, dass er nicht …“ Sie brach ab, setzte dann neu an. „Er hat nicht nicht …“ Sie warf die Hände gen Himmel. „Es ist nur ein einziges Mal passiert, okay? Ich hätte dir das überhaupt nicht erzählen dürfen. In deinen Händen wird jede Information zur Waffe.“
Anouk nickte verständnisvoll. „Stimmt. Aber wenn du nicht mehr über Sex reden würdest, dann hättest du überhaupt keinen Grund dafür, es noch zu tun.“
„Ich war sechs Jahre mit Florian zusammen“, erklärte Jenny. „Es ist doch klar, dass man dann nicht mehr so aufeinander steht, wie in den ersten Wochen.“
„Stimmt schon wieder“, gab Anouk ihr Recht. „Deshalb habe ich ja auch meine Dating-Regel. Höchstens fünf Mal Sex und dann ist Schluss.“ Sie stand auf. „Was ist nun - trinkst du noch eins?“
Jenny nickte stumm und sah ihrer Freundin nach, die sich Richtung Bar entfernte. Das hatte sie jetzt wirklich alles nicht hören wollen. Anouk brachte es immer wieder fertig, dass sie sich fühlte wie eine langweilige Spießerin. Nur weil sie nicht in Clubs ging, um fremde Typen abzuschleppen, war sie doch weiß Gott keine Nonne. Sie drehte sich noch einmal zu Anouk um, die gerade die Getränke bestellte und dann lachend den Kopf in den Nacken warf, während sie eine Frage des süßen Barkeepers beantwortete.
Nein, mit Anouk musste sie sich wirklich nicht vergleichen. Die war eine Klasse für sich. Und ihr beste Freundin – und die liebenswerteste Person, die es auf diesem Planten gab.
Aber was war mit den anderen Dingen, die Anouk gesagt hatte? Hatte sie Florian vielleicht wirklich bewegen wollen, ihr einen Heiratsantrag zu machten?
Jenny verzog das Gesicht. Gott, nein. Sie hatte schon seit längerem nur noch lauwarme Gefühle für ihn. Sie wollte ihn nicht zurück, aber sie wollte ihn auch nicht verlieren. Das machte zwar keinen Sinn, war aber die Wahrheit. Florian war ihr bester Freund – und irgendwie hatte Jenny angenommen, dass er das auch nach ihrer Trennung bleiben würde.
Sie fuhr zusammen, als Anouk ihr plötzlich eine eiskalte Bierflasche an den warmen Nacken hielt. „Na, hab ich ins Schwarze getroffen?“, fragte sie selbstzufrieden.
„Keine Ahnung“, seufzte Jenny. Die Wut war verraucht. Auf einmal fühlte sie sich nur noch so ausgelaugt, wie es sich nach einem Elf-Stunden-Tag im Krankenhaus gehörte. „Aber das Schlimmste kommst noch.“
Anouk beugte sich zu ihr herüber. „Er hat dir gesagt, dass sie besser im Bett ist.“
Jenny verdrehte die Augen. „Ha, ha.“ Sie trank einen Schluck. „Nein, er hat gefragt, ob es mich stören würde, wenn Kessy mit uns in den Urlaub fährt.“
„Ha!“ Triumph leuchtete in Anouks Augen. „Ich will ja nicht sagen, dass ich es dir gleich gesagt habe.“ Sie erhob ihre Stimme. „Aber habe ich es dir nicht gleich gesagt? Dieses Freunde-Bleiben-Getue ist vollkommen bescheuert. Ich meine, welches Ex-Pärchen fährt drei Monate nach der Trennung gemeinsam in den Urlaub?“
„Wir fahren doch jedes Jahr alle zusammen in das Haus“, erklärte Jenny kleinlaut. „Ich liebe das Haus.“
Das Haus war ein altes Bauernhaus in der Nähe von Schwerin, das Anouks Mutter in den 90er Jahren gekauft hatte. Mittlerweile wurde es als Seminarhaus vermietet, aber die erste Woche im Juni gehörte seit Ewigkeiten Anouk und ihren Freunden. Es war eine bunt zusammengewürfelte Truppe, die Jahr für Jahr für ein paar Tage zu diesem Trip in die Natur aufbrach: Anouk und ihr Mitbewohner Simon, Jenny und Florian und seit einigen Jahren auch Florians Schwester Sophie mit ihrer kleinen Tochter Emilia.
Jenny liebte diese Juni-Woche mit ihrer Clique. Sie freute sich schon Monate vorher darauf – es war für sie das Highlight des ganzen Jahres. Das wollte sie trotz der Trennung von Florian auf keinen Fall aufgeben.
„Ich will weiter ins Bauernhaus fahren“, wiederholte Jenny trotzig.
„Du sollst doch auch weiter hinfahren.“ Anouk sah sie an, als wäre sie ein wenig zurückgeblieben. „Du musst nur Florian sagen, dass er nicht mehr mit kann.“
„Aber was ist dann mit Sophie und Emilia? Sie sind Florians Verwandte, aber für mich sind sie doch auch fast so etwas wie Familie.“
„Weißt du, sieh es doch mal so.“ Anouk stuppste Jenny leicht an. „Diese Kessy-Sache hat dir wenigstens geholfen, Klartext zu reden. Ist wie nach einer Scheidung. Ihr müsst euren Freundeskreis aufteilen.“ Sie beugte sich ein wenig vor. „Ich bleibe natürlich bei Florian, jetzt wo er Hunderttausend im Jahr verdient. Nimm es nicht persönlich.“
Jenny boxte sie in die Schulter. „Sehr witzig. So viel verdient er nun auch wieder nicht.“
Anouk lehnte sich zurück und schloss für einen Moment die Augen. „Also, dann sind es diesmal nur du und ich, Simon und Sophie mit Emilia?“
„Na ja.“ Jenny wich Anouks Blick aus. „Ich habe Florian eigentlich nicht wirklich abgesagt.“
„Dann kommt er ohne seine neue Flamme?“
Jenny betrachtete interessiert die Aufschrift auf ihrer Bierflasche. „Ich habe auch nicht gesagt, dass ich etwas dagegen hätte, wenn er Kessy mitbringt.“
„Sag, dass das nicht wahr ist“, stöhnte Anouk.
Jenny verbarg ihr Gesicht in den Händen. „Ehrlich gesagt habe ich gesagt, dass ich mich freuen würde, sie kennenzulernen.“
Anouk brach in Gelächter aus. „Das wird sicher ein unvergesslicher Urlaub.“ Sie schüttelte den Kopf. „Jetzt verstehe ich auch, warum du so durcheinander bist. Ich habe übrigens auch Neuigkeiten, was Schwerin angeht. Das wollte ich dir vorhin schon sagen.“
„Was denn?“ Jenny sah Anouk ängstlich an. „Gute oder schlechte?“
„Kommst auf den Blickwinkel an. Unser Rockstar hat mich vorhin angerufen.“
Sofort beschleunigte sich Jennys Herzschlag und sie versuchte, ihrer Stimme einen beiläufigen Ton zu geben. „Meinst du Chris?“
„Kennen wir sonst noch irgendwelche Rockstars?“
„Eigentlich ist er ja eher Britpopper“, murmelte Jenny.
Anouk winkte ungeduldig ab. „Seine 'Sad Cowboys' spielen ein paar Konzerte in Deutschland, deshalb ist er im Lande. Und da hatte er die glorreiche Idee, seine Stiefschwester mal wieder zu sehen.“
Jenny schluckte. „Chris kommst nach Berlin?“
„Nein, er besucht unsere Eltern in Hamburg. Aber ich habe ihn gefragt, ob er danach mit uns ins Bauernhaus fährt.“
Jenny war auf einmal so aufgeregt, dass ihr fast übel wurde. „Und? Was hat er gesagt?“
„Er überlegt es sich.“
„Cool“, quiekste Jenny wie ein kleines Mädchen. Wie ging das noch mit dem Ein- und Ausatmen? Sie hatte das Gefühl, dass sie irgendwie aus ihrem normalen Atemrythmus geraten war.
„Cool?“ Anouk runzelte die Stirn. „Geht's dir gut?“
„Ja, toll, meinte ich. Ich meine, wäre doch toll, wenn er mitkommt“, stammelte Jenny. Sie spürte, dass sie einen hochroten Kopf bekommen hatte.
Anouk musterte ihre Freundin durchdringend. „Du stehst doch nicht immer noch auf ihn?“
„Ich stehe nicht auf deinen Stiefbruder“, entfuhr es Jenny. „So ein Blödsinn. Wie kommst du bloß auf so einen Quatsch? Ich habe ihn seit Jahren nicht mehr gesehen. Außerdem ist er ein totaler Angeber mit seinem ganzen coolen Musiker-Getue und...“
Weiter kam sie nicht, denn Anouk unterbrach sie lachend. „Du hast aber heute wirklich ein explosives Temperament. Ich weiß, dass du nicht auf Chris stehst. Ich meine, wie oft sind wir damals bei ihm auf dem Dachboden reingeplatzt, wenn er gerade dabei war, an sich herumzuspielen.“
Jenny hielt sich die Ohren zu. „Sei still, das will ich gar nicht hören. Außerdem stimmt das gar nicht.“
„Oder diese ganzen Groupies, die er abgeschleppt hat“, redete Anouk ungerührt weiter. „Nee, Frau Doktor, du mit deinem geordneten Lebenswandel und mein chaotischer Stiefbruder, das wäre sicher lustig, aber wahrscheinlich nur für mich.“ Sie ließ ein wenig Sand durch ihre Hand rieseln. „Aber du hast das Wesentliche noch nicht bedacht - wenn Chris mitkommt, rastet Florian bestimmt aus. Er war schon immer eifersüchtig auf ihn.“ Sie streckte die Beine von sich und machte ein wohliges Geräusch. „Der Urlaub wird auf jeden Fall viel lustiger, als ich gedacht habe.“
Als Jenny diese Worte hörte, wurde ihr mulmig im Bauch.
Gut, das war leicht übertrieben, man könnte sagen, dass mehrere Kampfjets ihre Übungen in ihrem Unterleib absolvierten. Und das betrunken.
Trotzdem zwang sie sich ein Lächeln ab und versuchte gleichgültig zu wirken. „Wenn du meinst.“
***
In Jennys Kopf herrschte nichts als Chaos, als sie sich schließlich auf den Weg nach Hause machte. Fast hätte sie ihre Bushaltestelle verpasst, so vernebelt war ihr Kopf. Der einzige Gedanke, der sich deutlich herauskristallisieren ließ, war: Bitte, lieber Gott! Mach, dass Chris mitkommt.
Vergessen waren Florian und seine neue Freundin, vergessen ihre Eifersucht und die Frage, ob sie ihren Ex-Freund zurück wollte. Jetzt war sie in Gedanken nur noch mit einem Mann beschäftigt: Einem unnahbaren Musiker, der Deutschland seit Jahren den Rücken gekehrt hatte. Einem einundreißigjährigen Gitarristen mit verstrubbelten, blonden Haaren, der zu viel trank und zu wenig redete, seit sie ihm vor fast sechzehn Jahren das erste Mal begegnet war.
Mit aller Kraft versuchte Jenny, das Bild von Chris aus ihrem Kopf zu vertreiben. Aber immer wieder tauchte sein Gesicht vor ihrem inneren Auge auf. Er war das perfekte männliche Gegenstück zu Anouk. Ebenfalls blond, mit ebenmäßigen, fast schon zu gleichmäßigen Gesichtszügen und einer raubkatzenhaften Geschmeidigkeit. Während Anouk jedoch zierlich und schmal war, war ihr Stiefbruder groß und breitschultrig. Beide kamen aus reichen Künstlerfamilien, beide hatten erschreckend wenig mit normal Sterblichen wie Jenny gemein. Man hätte sie wirklich für Geschwister halten können, dabei waren Anouk und Chris keineswegs blutsverwandt.
Anouks Mutter, eine erfolgreiche Schauspielerin, hatte Chris Vater kennengelernt, als die beiden schon Teenager waren. Chris hatte jedes zweite Wochenende in der Hamburger Luxusvilla verbracht, in der Anouk aufgewachsen war. Dort hatte auch Jenny ihn kennengelernt: einen coolen Fünfzehnjährigen, der regelmäßig mit einer Gitarre in der Hand und einer Sporttasche über dem Arm vor der Tür stand.
Schluss!, befahl sich Jenny streng und konnte gerade noch einem Auto ausweichen, als sie eine Straße überquerte. Diese Träumerei führte zu nichts. Chris würde sicher nicht mit einem Haufen Normalos in ein Bauernhaus in der Pampa fahren. Sie würde ihn nicht zu Gesicht bekommen, sondern sich nur stundenlang Geschichten über ihn von Anouk anhören und dabei vor Sehnsucht zerfließen.
Und genau das würde sie natürlich niemals, nie-ma-ls zugeben.
Jenny hatte Chris seit Jahren nicht gesehen. Jedes Jahr kündigte Anouk an, dass ihr Stiefbruder irgendwo aufkreuzen wollte. Aber er tat es nie. Jenny hatte Jahre gebraucht, um sich Chris aus dem Kopf zu schlagen. Jetzt würde sie nicht wieder damit anfangen, von ihm zu träumen. Sie war verdammt noch mal kein dummes Schulmädchen mehr, sondern eine ausgebildete Ärztin!
Chris gehörte so wenig in ihr Leben wie Designerklamotten und Filmstars. Das war die Welt von Anouk, nicht ihre.
Jenny atmete tief ein und aus und verbot sich jeden weiteren Gedanken an Chris. Als ob es nichts Wichtigeres gäbe! Sie musste sich auf ihren Job konzentrieren. Die nächste Woche in der Klinik würde besonders heftig werden: Jenny hatte drei Nachtdienste und es war verdammt stressig, zehn lange Nachtstunden die Verantwortung für die ganze Kinderstation alleine zu tragen. Sie musste allein entscheiden, was zu tun war, wenn ein Kind einen Fieberkrampf bekam oder plötzlich apathisch wurde.
Aber wenn sie diese Woche geschafft hatte, lag endlich der Urlaub vor ihr - und den würde sie sich nicht kaputt machen lassen. Nicht von Ex-Freunden mit ihren blöden, neuen Flammen und schon gar nicht von Gitarristen, die nicht mal auftauchten. Ein Gutes hatte Anouks Ankündigung von Chris‘ Anreise auf jeden Fall: Jenny war es auf einmal vollkommen egal, ob ihr Ex-Freund Florian mit seiner neuen Freundin oder einem Yeti in dem alten Bauernhaus auftauchen würde.
***
In ihrer Wohnung angekommen riss Jenny alle Fenster auf, um die Abendluft herein zu lassen. Dann ließ sie sich aufs Sofa fallen und schaltete den Fernseher ein. Ohne richtig hinzusehen zappte sie fahrig durch die Kanäle. Es war wie verhext.
Egal, welches Programm sie wählte, sie sah überall blonde Männer, E-Gitarren oder britische Bands. Alles schien sie an Chris zu erinnern. Wütend schaltete sie den Fernseher wieder aus.
Dann hörte sie auf, gegen sich selbst anzukämpfen. Sie ging zu ihrer Musikanlage und zog eine CD aus dem Stapel, der darauf lag. Sekunden später war der Raum von melancholischen Akkorden erfüllt und eine leicht kratzige Männerstimme sang von bittersüßen Erinnerungen und verpassten Chancen.
Jenny nahm die CD-Hülle und ließ sich wieder auf die Couch fallen. Sie hörte den Song vom ersten Akkord bis zum letzten Klang und starrte dabei auf das kleine Cover, das fünf Männer im Post-Grunge-Look zeigte. Aber Jenny hatte nur Augen für den Blonden mit der Gitarre in der Hand. Christoph Emanuel Safier.
Es war nicht seine Stimme, die sie hörte – schließlich war er nicht der Sänger der Band. Trotzdem hatte Jenny das Gefühl, dass dieses Lied nur für sie geschrieben worden war.
„Peppermint Nights“, murmelte sie leise den Songtitel vor sich hin, um den Klang der Worte zu hören. Es erinnerte sie an den Geschmack von Mentos und den Geruch von Lavendel in einer längst vergessenen, fernen Nacht.
Ihr Blick wanderte wieder zu dem Foto von Chris. Er war älter geworden, aber er sah auf jeden Fall genauso aus, wie sie ihn in Erinnerung hatte. Er trug die blonden Haare immer noch im Beckham-Look der neunziger Jahre – mit Strähnen, die ihm in die Stirn fielen und im Nacken so lang, dass sie sich ein wenig kräuselten. Seine Augen sahen leicht zusammengekniffen und konzentriert in die Kamera.
Jenny schloss die Augen und ließ den Kopf an die Sofalehne sinken. Chris. Was wäre, wenn sie ihn wirklich wiedersehen würde? Würde sie jetzt immun sein - gegen seine blöden Sprüche, seine Überheblichkeit und seine blauen Augen?
Er fährt sowieso nicht mit, erinnerte sie sich.
Richtig. War auch besser so.
Sie stand auf, stellte resolut die Musik aus und holte die Wäsche aus dem Trockner. Dann schaltete sie die Abendnachrichten an und faltete Handtücher. Sie hatte weder die Zeit noch die Energie sich in so eine dumme Sache hineinzusteigern. Sie würde sich keine falschen Hoffnungen machen.
Diesmal nicht.
Kapitel 2 – Ernste Gespräche
Es war eine harte Woche, aber auch eine Gute.
Jenny meisterte ihre Nachtdienste mit Bravour und schon war ihr letzter Arbeitstag vor dem Urlaub geschafft und sie stand vor ihrem Kleiderschrank, um ihre Tasche zu packen.
Als sie ein kurzes Strandkleid aus dem Schrank zog, musste sie daran denken, wie sie vor einem Jahr für die Juni-Reise gepackt hatte. Florian hatte auf ihrem Bett gesessen und auf seinem Tablet irgendeine Wissenschaftsdoku gesehen. Sie sah ihn förmlich vor sich. Seine schwarzen, kurzen Locken in die Hand gestützt, seine Augen konzentriert hinter der schwarzen Brille. Die Haare waren ein Erbe seiner Großmutter mütterlicherseits. Einer Brasilianerin, die ihrer großen Liebe nach Deutschland gefolgt war. Auch Florians Schwester Sophie und ihrer Tochter Emilia hatten die dunklen Locken geerbt.
Jenny hatte Florian leicht rütteln müssen, um seine Aufmerksamkeit zu erregen. Dann hatte sie ihm das Minikleidchen hingehalten und gefragt, ob sie es mitnehmen solle. Er hatte gelacht und gesagt, wenn sie nicht irgendwelche Typen aufreißen wolle, würde sie es nicht brauchen.
Florian war nie ein eifersüchtiger Freund gewesen. Schon vor ihrer Trennung hatten er und Jenny nicht allzu viel Zeit miteinander verbracht. Sie waren keines dieser Pärchen gewesen, die fortwährend zusammen sein mussten. Seit sie die Uni verlassen hatten, hatten sie sich nur noch an den Wochenenden gesehen. Ihre Berufe ließen es kaum zu, sich abends zu verabreden. Jenny war mit ihrem Job als Assistenzärztin eigentlich ständig überlastet und Florian musste für seine Pharmafirma neben seiner normalen Arbeit eine Fortbildung nach der anderen besuchen.
Aber Anouk hatte Recht, sobald die Rede auf Chris gekommen war, hatte Florian immer ungewöhnlich heftig reagiert. Dabei hatten sich die beiden Männer nur zweimal getroffen.
Auf einer Silvesterparty und bei einer Galerieeröffnung, die Anouk organisiert hatte. Florian hatte kein gutes Haar an Chris gelassen und sich furchtbar über seine schlechten Manieren aufgeregt. Jenny hatte Chris verteidigt und sie hatten einen Riesen-Krach deshalb gehabt.
Jenny legte seufzend das Kleid in den Schrank zurück und suchte ihr Schwimmzeug heraus. In der Nähe des Bauernhauses lag ein wunderschöner Badesee. Eigentlich war es noch zu kalt zum Schwimmen, aber zum Sonnen war es sicher schon warm genug. Dann steckte sie noch die üblichen Jeans und Shirts ein und zog den Reißverschluss der Tasche zu.
Jenny hatte die Hoffnung in den letzten Tagen fast aufgegeben, dass Chris tatsächlich auftauchen würde. Anouk hatte ihn nicht mehr erwähnt. Die Freundinnen hatten sich seit dem Abend in der Spreebar nicht mehr gesehen. Immerhin hatte Anouk schon Urlaub und war für ein paar Tage zu ihrer Familie nach Hamburg gefahren. Durch Jennys Nachtdienste hatten die beiden kaum Gelegenheit gehabt, miteinander zu telefonieren.
Da Anouk kein Auto hatte, wollte Jenny ihre Freundin auf dem Weg zum Bauernhaus am Schweriner Bahnhof abholen. Der Rest der Gang würde erst einen Tag später kommen - ihr Ex Florian und seiner Freundin Kessy ebenfalls mit dem Auto, die anderen mit dem Zug.
Jenny fühlte sich seltsam, als sie wenig später mit ihrer Tasche in ihr Auto stieg. Einerseits konnte das natürlich daran liegen, dass sie in der Woche so unregelmäßig geschlafen hatte. Aber wenn Jenny ehrlich war, gab es dafür nur einen Grund: die minimale Möglichkeit, dass Chris gleich mit Anouk am Bahnhof stehen würde.
Deshalb hatte Jenny ihren ganzen Kleiderschrank auf den Kopf gestellt, um die passenden Klamotten für die Autofahrt zu finden. Am liebsten hätte sie einfach ihren weißen Ärztekittel angezogen. Sie liebte diese weißen Baumwollmäntelchen, die einem jede modische Entscheidung komplett abnahmen. Da der Kittel als Freizeit-Outfit aber nicht in Frage kam, hatte sich Jenny für ein schwarzes Tanktop und eine lindgrüne Cargohose und Sandalen entschieden. Ihre glatten Haare hatte sie so lange mit dem Lockenstab bearbeitet, bis sie sich über ihre Schultern wellten, als hätte die Natur es so vorgesehen. In der Sonne schimmerten sie goldbraun. Ihre Augen waren dezent schwarz umrandet, die Augenlider glänzten in mattiertem Silber.
Bei ihrem Aufbruch war Jenny noch zufrieden mit ihrem Aussehen gewesen, aber je näher Schwerin rückte, desto mehr verfluchte sie ihren Look. Sah sie nicht eher aus, als würde sie einen Wandertrip durch die Berge machen? Sie wollte sich gar nicht ausmalen, was Anouk für die Reise anziehen würde.
Aber egal. Chris würde ja doch nicht da sein, beruhigte sie sich.
Als Jenny an der Ausfahrt Schwerin-Zentrum den Blinker ihres lila Fiat Pandas setzte, hätte sie sich am liebsten an der nächsten Tankstelle umgezogen. Nur der Umstand, dass sie ohnehin nichts Besseres in ihrer Tasche hatte, hielt sie ab. Als sie den Bahnhof am Ende der Straße auftauchen sah, spielte ihr Herz komplett verrückt. Sie brauchte Chris nicht erst zu sehen.
Sie wusste plötzlich, dass sie gleich ihrer Jugendliebe gegenüberstehen würde.
***
Jennys Herz hatte sich nicht getäuscht. Anouk und Chris standen auf dem Bahnhofsvorplatz in der Sonne. Sie hatten ihre Taschen abgestellt, hielten jeder einen Kaffeebecher in der Hand und lachten über irgendetwas, als Jenny auf den Haltestreifen fuhr. Sie war zwanzig Meter von ihnen entfernt und die beiden hatten noch keine Notiz von ihrem Auto genommen. Das gab Jenny einen Moment Zeit, sich von ihrem Gefühlscocktail aus Schock und überschäumender Freude zu erholen.
Sie griff mit zitternden Fingern nach ihrer Sonnenbrille – die würde ihr wenigstens einen gewissen Schutz geben. Dann betrachtete sie die beiden Stiefgeschwister, bevor sie ausstieg. Anouk trug ein kurzes Sixties-Kleid mit schwarz-weißen Karos und dazu wie so oft hochhackige Riemchensandalen. Ihr Gesicht wurde von einer großen, schwarzen Sonnenbrille verdeckt, die ihren platinblonden Kurzhaarschnitt nur noch mehr betonte. Ihre Lippen waren das einzig farbige an ihr: glutrot leuchteten sie in der Sonne. Erst dann wanderte Jennys Blick verstohlen zu Chris. Er sah genauso aus, wie auf dem Cover der CD. Ausgeblichene Jeans, dazu ein schwarzes T-Shirt mit buntem Aufdruck - wahrscheinlich von irgendeiner coolen Band, von der Jenny noch nie gehört hatte. Seine von der Sonne gebleichten Haare fielen ihm in die Stirn. Die beiden sahen aus, als hätten sie gerade einen Calvin-Klein-Werbespot abgedreht. Jennys Selbstbewusstsein schnurrte zusammen wie ein Ballon, dem die Luft entweicht. Innerhalb von Minuten war sie wieder die unsichere Dreizehnjährige, die alles dafür gegeben hätte, einmal so cool zu sein wie diese beiden.
Sie sah wie in Zeitlupe, dass Anouks Kopf sich drehte. Die Schonzeit war vorbei. Anouk hatte ihr Auto entdeckt und die beiden griffen nach ihren Taschen und kamen auf sie zugeschlendert. Mit weichen Knien stieg Jenny aus ihrem Auto.
„Na, da bist du ja endlich“, begrüßte Anouk ihre Freundin und umarmte sie, als sie bei ihr angekommen war. „Sonst bist du doch immer oberpünktlich. Wir dachten schon, du lässt uns sitzen.“
Jetzt hatte auch Chris den Haltestreifen erreicht und blieb vor Jenny stehen, unschlüssig, ob er sie ebenfalls umarmen sollte. „Hi.“
„Hey, trauriger Cowboy“, sagte sie mit einem kleinen Lächeln.
Er gab sich einen Ruck und zog Jenny kurz an sich. „Hallo, Frau Doktor Bergmann.“
Ein absurdes Glücksgefühl breitete sich in Jenny aus, weil er ihren Nachnamen noch wusste. Außerdem hatte er mitbekommen, dass sie ihr Studium erfolgreich abgeschlossen hatte. Jenny war einen knappen Kopf kleiner als Chris und sie konnte kurz sein raues Kinn an ihrer Stirn spüren, als sie sich voneinander lösten. Er roch nach Duschgel und Kaffee.
Es war schon fünf Uhr nachmittags. Wenn sie vor Anbruch der Dunkelheit bei ihrem Häuschen sein wollten, mussten sie sich beeilen. Jenny öffnete den Kofferraum und Anouk und Chris warfen ihre Taschen und Jacken hinein.
„Ist richtig warm in Deutschland“, stellte Chris fest.
„Ja“, antwortete Jenny und zerbrach sich den Kopf, was sie als nächstes sagen konnte. Sie konnte es immer noch nicht fassen, dass sie wirklich neben ihm stand. „Und du willst also wirklich mit uns ins Bauernhaus fahren?“, fragte sie schließlich, um überhaupt etwas zu sagen.
Er nickte. „Ich war schon ewig da. Endlich mal wieder schwimmen.“
„Du bist doch in England ständig von der Nordsee umgeben“, erwiderte Jenny mit einem leichten Kopfschütteln.
„Ich war dieses Jahr trotzdem noch nicht ein einziges Mal am Strand.“
Das war ja schon fast ein Gespräch! Jenny entspannte sich etwas. „Kein Wunder. Ihr seid ja im Moment auch total erfolgreich.“
Er nickte. „Ja, irgendwie schon.“
Komisch. Irrte sie sich oder sah er ein bisschen traurig aus? Jenny konnte nicht weiter nachbohren, denn Anouk drängte sich zwischen die beiden. „Kann ich vielleicht fahren?“, wandte sie sich mit einem Augenaufschlag an Jenny. „Du weißt doch, dass ich in so kleinen Autos nicht hinten sitzen kann. Mir wird da immer total übel.“
Nach Jennys Beobachtung hatte Anouk eine sehr angenehme Form der Reisekrankheit: sie schien immer dann aufzutauchen, wenn es gerade passte. Jenny überlegte kurz, wie sie reagieren sollte. Aber sie hatte keine Lust, in ihrem eigenen Auto hinten zu sitzen.
„Ich fahre“, sagte sie deshalb und schob die Freundin sanft zur Seite. „Ihr könnt euch einigen, wo ihr sitzt.“
Chris lachte. „Na, bevor unserer Prinzessin schlecht wird“, sagte er gutmütig und öffnete die hintere Tür. „Hauptsache, wir hören nicht die Spicegirls.“
Wie auf Kommando fingen Jenny und Anouk an, den Song 'Wannabe' zu singen und setzten sich lachend auf die Vordersitze. Chris hielt sich die Ohren zu und Jenny ließ immer noch singend den Wagen an. Es fühlte sich an wie vor ewigen Zeiten, als Chris von seinem Vater den alten Mercedes bekommen hatte und sie am Wochenende zu dritt kleine Spritztouren unternommen hatten.
Auf der Autobahn legten Anouk eine CD ein und Chris lehnte sich zurück, ohne sich am Gespräch zu beteiligen. Im Rückspiegel sah Jenny irgendwann, dass er den Kopf nach hinten gelehnt hatte. Sie konnte seine Augen hinter der Sonnenbrille nicht sehen, aber alles an seiner Körperhaltung sprach dafür, dass er sie geschlossen hatte.
Jenny wandte sich an Anouk, die aus den Sandalen geschlüpft war und ihre zierlichen Füße mit den dunkelroten Nägeln am Handschuhfach abstützte. „Und? Was hast du letzte Woche so gemacht?“
„Ach, das Übliche“, antwortete Anouk. „Ich war mit meiner Mutter auf einer Filmpremiere, wir haben kurz bei einer Vernissage reingeschaut - ein grauenhafter Künstler! - und ansonsten habe ich an meiner Mappe gearbeitet.“
Jenny warf ihr einen überraschten Blick zu. Das Thema Mappe und eigene Kunst war eigentlich ein Tabuthema zwischen ihnen.
Anouk war mit großen Plänen an die Kunsthochschule in Berlin gekommen. Aber sie hatte sich dort nicht ausreichend gefördert gefühlt und das Studium abgebrochen. Sie hatte es nicht wirklich verwunden, dass sie sich trotz der Unterstützung ihrer Eltern mit ihren Bildern nicht hatte durchsetzten können. Sie machte schräge Kohlezeichnungen mit geometrischen Formen, die einen gewissen, morbiden Charme hatten. Als sich abzeichnete, dass sie in der Berliner Kunstszene nicht Fuß fassen konnte, hatte ihr Vater ihr den Job in einer Galerie besorgt. Anouk machte ihren Job hervorragend und war inzwischen zur Geschäftsführerin aufgestiegen. Doch selbst das schien sie nicht wirklich zufrieden zu stellen.
„Ich wusste gar nicht, dass du wieder etwas planst“, erwiderte Jenny vorsichtig, aber offenbar war Anouk nicht bereit, das Thema zu vertiefen.
Stattdessen streckte sie sich wie eine Katze. „Du weißt ja, wie meine Mutter ist. Wir haben ein bisschen zu viel Gras geraucht und ich bin mit ihr den neuen Text für einen Film durchgegangen.“
„Und wie lange warst du in Hamburg?“, fragte Jenny nach hinten.
„Meinst du mich?“, kam es vom Rücksitz, dann tauchte Chris Kopf zwischen den Lehnen der Vordersitze auf.
Jenny warf ihm einen kurzen Seitenblick zu und lächelte. „Ja, ich hab dich gefragt, wie lange du schon in Hamburg bist.“
„Ich bin gestern Abend erst angekommen. Wir haben vorgestern in Holland auf einem Festival gespielt. Die anderen Jungs sind schon wieder zurück nach London geflogen.“
Er blieb vorgerückt in der Mitte der Rückbank sitzen. „Und du hast im Krankenhaus noch ein paar Leben gerettet?“, fragte er dann und zog Jenny leicht an einer leicht gelockten Strähne.
Das Ziehen ging ihr durch den ganzen Körper und ein albernes Lachen stieg in ihrer Kehle hoch. Sie hatte sich schon ewig nicht mehr so lebendig gefühlt. Sie konnte es kaum glauben. Sie saßen hier im Auto, fuhren in den Urlaub und führten normale Gespräche, als würde Chris immer noch zu ihrem Leben gehören. Was für ein Paralleluniversum.
„Na ja, Gott sei Dank geht es auf unserer Kinderstation nicht oft um Leben und Tod. Blinddarm, Mandeln und diverse Infektionen – das ist das Tagesgeschäft.“
„Wahnsinn, dass die kleine Jenny wirklich Ärztin geworden ist, was?“ wandte sich Chris an seine Stiefschwester.
Anouk gab ein unverständliches Brummeln von sich, dann setzte sie ihre Sonnenbrille ab und drehte sich halb zu Chris um. „Ich hab dir noch gar nicht von Jennys großem Urlaubsplan erzählt“, begann sie, ohne seine Frage zu beantworten. „Du erinnerst dich doch noch an ihren Freund?“
„Florian?“, fragte er.
Wieder hüpfte Jennys Herz auf und ab, weil sich Chris den Namen ihres Freundes gemerkt hatte. Das würde er doch nicht wissen, wenn sie ihm total gleichgültig wäre, oder? Jetzt nicht ausflippen, ermahnte Jenny sich. Sie konzentrierte sich wieder auf Anouk. Warum fragte sie Chris, ob er sich an Florian erinnerte?
„Genau“, bestätigte Anouk jetzt und ihr Grinsen verhieß nichts Gutes.
„Ex-Freund“, mischte sich Jenny in das Gespräch ein. „Florian und ich haben uns vor einer Weile getrennt.“ Es war, als hinge ihr Leben davon ab, dass Chris diese Information wirklich verstand.
„Vielleicht ja nicht mehr lange.“ Anouk drehte sich jetzt ganz nach hinten. „Jenny hat Florian abserviert, weil er ihr keinen Heiratsantrag gemacht hat. Seit Florian sich eine Neue gesucht hat, ist er auf einmal wieder hochinteressant.“
„So ein Schwachsinn“, entfuhr es Jenny heftig. „Das habe ich nie gesagt.“
„Das hörte sich aber vor einer Woche noch ganz anders an.“ Anouk schüttelte den Kopf. „Wir sind doch unter uns, Jenny. Chris ist Familie, der kann das doch ruhig wissen. Dann weiß er wenigstens, was Sache ist, wenn du mit ihm flirtest, um deinen Flori-Schatzi eifersüchtig zu machen.“
Hitze schoss Jenny ins Gesicht. „Was soll das, Anni?“, fragte sie wütend. „Ich will Florian nicht zurück.“ Verdammt, warum musste Anouk nur immer so sein wie sie war. Jetzt konnte Jenny machen, was sie wollte: Chris würde denken, sie wollte nur ihren Ex-Freund zurückgewinnen.
„Na gut, du musst es ja wissen.“ Anouk hob abwehrend die Hände, sah sie aber gleichzeitig an wie eine arme Irre. „Ich habe nichts gesagt.“
„Warum habt ihr euch denn getrennt?“, fragte Chris und wieder war Jenny erstaunt, dass er mit ihr ein ganz normales Gespräch führte. Vielleicht hatte sie ihn in der Vergangenheit zu selten nüchtern gesehen, aber er wirkte so anders als früher. Bodenständig, geerdet. Erwachsen? Er war ja auch über dreißig.
„Wir sind immer noch gute Freunde“, erklärte Jenny ihm. „Aber … wir haben uns auseinandergelebt.“
„Mein Theorie dazu?“, fragte Anouk.
„Nein“, antwortete Jenny scharf, aber ihr war klar, dass sich Anouk nicht aufhalten lassen würde.
„Sie wollte Kinder, er noch nicht“, erklärte Anouk an Chris gewandt.
Jetzt war Jenny wirklich sauer. Natürlich, die kleine, spießige Jennifer will heiraten. Das passte ja auch so gut ins Bild. „Und wenn es so wäre?“, fragte sie bissig. „Normale Menschen tun so etwas. Sich verlieben, heiraten, Kinder kriegen. Auch wenn ihr beide natürlich zu cool für so was seid.“
Jetzt waren die Fronten wieder geklärt. Die coolen Kids auf der einen Seite, die Spießer auf der anderen. Jenny umklammerte das Lenkrad so fest, dass ihre Knöchel weiß wurden.
Die Stimmung im Auto hatte sich verändert. Anouk verschränkte die Beine zum Schneidersitz. „Siehst du? Du willst diesen ganzen bürgerlichen Quatsch, also hatte ich doch Recht“, sagte sie spitz. „Dann solltest du dir deinen Florian zurückholen. Einen besseren Kandidaten für dein Familienprojekt wirst du nicht auftreiben können.“
Chris lachte leise und das zerriss Jenny das Herz. Wieder war er auf Anouks Seite. Schon immer. Bitteschön. Sollte er doch denken, dass sie hinter ihrem Ex-Freund her war. Immer noch besser, als wenn er herausfinden würde, dass er der verdammte Mann ihrer Träume war.
„Vielleicht hast du Recht“, sagte Jenny und zwang sich zu einem Lächeln.
„Und bei diesem Vorhaben könnte Chris dir doch ein bisschen helfen“, setzte Anouk hinzu, jetzt wieder ganz die fürsorgliche Freundin.
„Im Gegensatz zu dem Ruf, der mir offenbar vorauseilt, bin ich kein wirklich guter Hochzeitsplaner“, scherzte Chris von hinten.
„Ihr könnt so tun, als hättet ihr was miteinander“, erklärte Anouk ihren Plan. „Wie ich Florian kenne, hat er seine Candy in die Wüste geschickt, bevor du auch nur in die Nähe von Jennys Bett kommst.“ Sie grinste zufrieden.
„Kessy. Sie heißt Kessy und nicht Candy“, war das Einzige, was Jenny spontan zu diesem bescheuerten Plan einfiel.
„Tja, dafür bin ich dann natürlich bestens geeignet“, sagte Chris trocken. „Im Leute nerven bin ich ganz große Klasse.“
„Dann ist es beschlossene Sache.“ Anouk kramte im Handschuhfach nach einer neuen CD. Offenbar war das Gespräch für sie beendet. „Operation Hochzeit kann beginnen“, setzte sie dann noch hinzu. Daraufhin brachen sie und Chris in Gelächter aus.
Jenny musste schwer schlucken. Es war wie früher. Die beiden waren eine Front und sie war der Trottel, über den sie lachten. Doch zumindest heute gefiel ihr der Plan gar nicht mal schlecht. Oder zumindest die Aussicht mit Chris hemmungslos zu flirten.
„Ihr spinnt doch“, sagte sie kopfschüttelnd und drehte die Musik ein bisschen lauter. „Was für eine bescheuerte Idee.“
***
Für den Rest der Fahrt ließen sie das Thema Florian fallen, hörten Musik und redeten über die kommende Woche. Chris war vor Jahren zuletzt in dem Ferienhaus gewesen und schien sich wirklich auf ein paar ruhige Tage zu freuen. Jenny hätte ihm gerne tausend Fragen gestellt:
Wie es dazu gekommen war, dass eine so bekannte Band wie die 'Sad Cowboys' ihn als Gitarristen engagiert hatte?
Was aus seiner eigenen Band und seinen eigenen Songs geworden war?
Wie er mit den anderen Jungs klarkam?
Wie er in London so lebte und ob er eine Freundin hatte?
Aber sie hatte Angst, schon wieder ausgelacht zu werden. Deshalb redete sie nur noch das Nötigste und schließlich lehnte sich Chris wieder auf seinem Sitz zurück und schloss die Augen.
Als Jenny von der Landstraße in den kleinen Waldweg einbog, der zum Haus führte, hatte sich entspanntes Schweigen ausgebreitet. Trotz der vielen ungeklärten Fragen und der ungewohnten Gegenwart von Chris war Jenny glücklich, dass sie endlich wieder hier waren.
Das alte Bauernhaus mit dem großen Grundstück lag malerisch zwischen einem Wäldchen und ein paar Wiesen und Feldern. Anouks Mutter hatte zwar die Grundstubstanz des alten Gebäudes erhalten, aber alles komplett renovieren lassen. Im Erdgeschoss befand sich ein riesiges, offenes Wohnzimmer, das in eine große Küche überging. Die Schlafzimmer befanden sich im oberen Stockwerk. Hinter dem Haus lag eine gemütliche Terrasse, umgeben von einem traumhaften Garten.
Mit ihren Taschen gingen sie ins Haus und ließen sich auf die Sofas fallen. Die erste Nacht würden sie nur zu dritt hier verbringen.
„Was meint ihr? Fahren wir gleich zum Supermarkt?“, fragte Jenny.
„Klar“, meinte Anouk und sprang wieder auf. Seit sie angekommen waren, war sie wieder ganz die Alte. Jenny fragte sich schon fast, ob sie sich die Spannungen im Auto nur eingebildet hatte. Oder ging am Ende die Missstimmung doch von ihr selbst aus?
Auch Chris stand bereitwillig wieder auf. „Von mir aus gerne.“
Also machten sie sich wieder auf den Weg. Im Supermarkt war die alte Vertrautheit wieder da. Sie diskutierten über die Geschmacksrichtungen von Chips- und Biersorten und besorgten alles, um am Abend Pizza und Salat zu machen. Als sie wieder beim Häuschen ankamen, dämmerte es schon.
„Ich muss noch einmal zum See rübergehen“, sagte Jenny, als sie die Einkäufe verstaut hatten. Der Frage nach der Zimmerverteilung waren sie bislang aus dem Weg gegangen. „Kommt ihr mit?“
Anouk sah von einem zum anderen. „Jetzt noch durch den Wald?“, fragte sie mit wenig Begeisterung.
„Ich komme mit“, erwiderte Chris entschlossen. „Ich will unbedingt noch das Wasser sehen.“
Bei der Vorstellung, mit Chris allein einen abendlichen Spaziergang auf dem einsamen Waldweg zu machen, lief ein leichtes Kribbeln durch Jennys Körper. Aber zu ihrer Enttäuschung erhob sich Anouk jetzt doch von dem Barhocker vor dem Küchentresen. „Was soll's. Bringen wir es hinter uns.“
***
Der Weg führte durch den Wald und dann querfeldein über ein paar Wiesen. Zu Fuß dauerte es gut zwanzig Minuten bis zu einer einsamen Bucht an dem Badesee. Obwohl die Tage frühsommerlich warm waren, wurde es kalt, sobald die Sonne sank.
Jenny zog ihre Kapuzenjacke enger um sich und ärgerte sich fast, die anderen zu dem Spaziergang überredet zu haben. Aber als sie am See ankamen, war ihre Erschöpfung vergessen.
Die Sonne stand tief über dem grünlichen Wasser und färbte die Wölkchen am Himmel rosarot. Das Schilf bewegte sich sanft im Abendwind und ein paar Frösche quakten. Die drei setzten sich in eine kleine Sandbucht und betrachteten schweigend das Naturschauspiel.
Schließlich erhob sich Jenny, atmete tief durch und ging dann mit forschen Schritten auf das Wasser zu. Sie schlüpfte aus ihren Sandalen und trat ins Wasser. Es war so kalt, dass sie ein Quieken unterdrücken musste. Trotzdem krempelte sie ihre Hose hoch und ging noch ein paar Schritte weiter hinein. Kurz darauf waren auch die Stiefgeschwister neben ihr und die drei tobten ausgelassen im flachen Wasser, spritzten sich nass und rannten über den Sand. Die Sonne stand plötzlich nur noch als schmaler Streifen am Horizont und es wurde immer dunkler.
„Wir sollten uns jetzt wirklich auf den Weg machen“, mahnte Anouk. „Ich friere mir hier gleich den Arsch ab.“ Kein Wunder, ihr dünnes Nichts von einem Kleidchen war nicht gerade ein Schutz gegen die einbrechende Kälte der Nacht.
Der Rückweg kam ihnen lang vor und Anouk jammerte über die Kälte. Schließlich zog sich Chris genervt sein T-Shirt über den Kopf und reichte es ihr. Jenny stockte der Atem, als sie seinen nackten Oberkörper im Halbdunkeln musterte. Seine Schultern waren breit und wirkten stark und auch wenn er schlank war, hatte er viel mehr Muskeln, als sie erwartet hatte.
Anouk zog sich zufrieden das Shirt über den Kopf und Chris verzog keine Miene, während er halbnackt neben ihnen durch den kühlen und nun fast dunklen Wald trabte. Sie waren alle froh, als sie endlich wieder am Haus angekommen waren.
Während sie ein Bier tranken, bereiteten sie die Pizza vor und deckten den Tisch. Als es an der Tür klopfte, sahen sie sich verwirrt an.
„Wer kann denn das sein?“, fragte Jenny, während sie sich erhob.
„Vielleicht ein Nachbar ohne Dosenöffner?“, witzelte Anouk. Das nächste Haus war mehrere Kilometer entfernt.
Schon hatte Jenny die Tür erreicht und öffnete sie. „Oh, ihr seid es“, entfuhr es ihr, als sie sah, wer vor der Tür stand. „Wir dachten, ihr kommt erst morgen.“
Vor ihr stand ihr Ex-Freund Florian, den Arm um eine zarte Rothaarige gelegt. Kessy sah überhaupt nicht so aus, wie Jenny sie in Erinnerung hatte. Sie hatte Florians Kollegin auf der Weihnachtsfeier des Pharma-Konzerns kennengelernt, für den Florian seit einem knappen Jahr arbeitete. Vielleicht hatte es an der schiefen Weihnachtsmütze und dem kleinen Schwarzen gelegen, dass Jenny Kessy für eine Art Vamp gehalten hatte. Vor ihr stand aber eine junge, fast schüchtern wirkende Frau in modisch zerrissenen Jeans und einem gelben Blüschen. Sie sah verfroren und ein wenig ängstlich aus.
Florian grinste verlegen und fuhr sich durch die schwarzen Locken. Dann nahm er seine schwarz umrandete Brille ab, zog ein Tuch aus der Jeanstasche und putzte sie mechanisch, wie immer, wenn er nicht weiterwusste.
Schnell trat Jenny zur Seite. „Entschuldigung. Kommt rein.“
Die beiden betraten zögernd das Wohnzimmer. Sie wirkten ungefähr so entspannt wie bei einem Vorstellungsgespräch. Warum hatte Kessy sich bloß überreden lassen, mit Florian hierher zu kommen? Sie musste schließlich gewusst haben, dass sie hier auf Jenny treffen würde. Auch wenn das Haus schön war - es war nur ein Bauernhaus in der Einöde und kein Luxushotel auf den Malediven.
Aber dann sah Jenny, wie die beiden Neuankömmlinge einen Blick wechselten und da verstand sie es. Kessy wollte Florian vermutlich einfach wirklich näherkommen und wenn man es mit jemandem ernst meinte, nahm man eben auch unangenehme Situationen auf sich. Vermutlich wollte sie auch gerne seine Schwester und seine Nichte kennenlernen. Vielleicht sogar seine Ex-Freundin.
Das alles hatte ihr noch gefehlt.
Jenny fühlte sich von der Situation überfordert und blieb stumm und wie festgewachsen in der Nähe der Haustür stehen. Gott sei Dank schlüpfte Anouk in die Rolle der perfekten Gastgeberin, versorgte alle mit Getränken und verfrachtete Florian und Kessy unter leichtem Geplauder auf die Couch. Anouk hatte schon immer ein ganz eigenes Verhältnis zu Florian gehabt. Obwohl sie sich immer über ihn lustig machte, hatten sich die beiden über die Jahre kennen- und schätzengelernt.
Anouk zog sich einen Sessel an den Couchtisch heran und Jenny ließ sich auf das gegenüberliegende Sofa fallen. Vielleicht war das Schwerste ja schon geschafft, dachte sie hoffnungsvoll. Vielleicht war es doch ganz einfach, die Uhr zurückzudrehen und in Florian nur noch einen guten Freund zu sehen. Sie sah, wie er Augenkontakt zu ihr suchte und rang sich ein Lächeln ab. Dann hörte sie hinter sich ein Geräusch, als würde jemand Anlauf nehmen. Noch bevor sie den Kopf drehen konnte, war Chris über die Lehne des Sofas gesprungen und landete elegant neben ihr auf der Couch. Er legte Jenny lässig den Arm um die Schulter und wandte sich dann an Kessy.
„Und? Wie ist es so, mit dem Ex von meiner Süßen zusammen zu sein?“ Chris redete so überzogen wie in einer schlechten Soap-Opera.
Jenny zuckte zusammen. Okay, sie hatte sich vielleicht insgeheim gewünscht, dass Chris wirklich mit ihr flirten würde. Aber er hatte offenbar vor, diese blöde Idee von Anouk durchzuziehen und sich gleichzeitig über Jenny lustig zu machen. Jenny rückte leicht von ihm ab, sah Anouks Grinsen und verstand. Die beiden machten sich einen gemeinsamen Scherz aus der Situation.
„Chris macht nur Witze“, sagte Jenny entschuldigend zu Florian und Kessy. „Er hat einen schrägen Sinn für Humor.“
Chris rückte wieder ein bisschen näher an Jenny heran und legte ihr eine Hand auf das Bein. Sie hatte das Gefühl, seine Hand wäre elektrisch geladen. Außerdem hatte sie den unwiderstehlichen Drang, ihren Kopf an seine Schulter zu legen – egal, ob das ein Witz war oder nicht. Aber sie widerstand ihrem Drang und blieb steif auf ihrem Platz sitzen. Chris warf ihr einen Seitenblick zu. Für einen Moment hatte sie das Gefühl, er würde sie wirklich ansehen. Dann grinste er wieder frech, hob die Hand und fuhr ihr leicht über die Haare. „Wir haben uns darauf geeinigt, dass wir uns nicht einigen können, wie wir mit der Situation umgehen sollen“, erklärte er dann. „Jenny will deine Gefühle nicht verletzen, Florian.“
Was? Jenny war sprachlos. Auch Florian sah verwirrt von einem zum anderen. „Wieso sollte mich das verletzen?“, fragte er dann zögernd.
„Na ja, wie es scheint, war Jenny schon immer ein bisschen in mich verliebt“, sagte Chris und ließ sich ins Polster zurücksinken. „Auch, als ihr noch zusammen wart.“
Jenny schnaubte. „Und wovon träumst du nachts, du arroganter Angeber?“, fuhr sie Chris an.
Kessy verfolgte das Geschehen mit wachsender Hilflosigkeit. „Florian, was soll denn das alles?“, fragte sie ihn leise.
Er zog sie an sich. „Ehrlich, ich hab auch keine Ahnung, was hier vorgeht“, raunte er ihr zu. „Die sind sonst alle völlig normal.“
Als Jenny erneut die Vertrautheit zwischen den beiden bemerkte, spürte sie einen leichten Stich. Nein, sie wollte Florian nicht zurück. Aber die beiden benahmen sich nach so kurzer Zeit wie gute Freunde und das tat weh.
Einen Moment lang sagte niemand etwas, dann rettete Anouk die Situation. Sie erzählte eine lustige Geschichte aus ihrer Galerie und alle ließen sich erleichtert auf den Themenwechsel ein. Der Abend plätscherte von da an ruhig vor sich hin. Nach seinem Sofasprung ließ es Chris ruhiger angehen. Er blieb zwar neben Jenny sitzen, hielt jetzt aber einen gewissen Sicherheitsabstand.
Sie redeten über ihre Jobs, tranken Bier, hörten Musik und selbst Kessy schien sich zu entspannen. Wie sich herausstellte kannte sie die 'Sad Cowboys' und stellte Chris eine Menge Fragen zu seiner Band. Es war offensichtlich, dass Florian sich über ihre Begeisterung nicht gerade freute.
„Es ist schon fast Mitternacht“, stellte Florian irgendwann fest. „Ich bin völlig zerschossen. Was haltet ihr davon, wenn wir schlafen gehen?“
Anouk nickte. „Klar, sucht euch einfach einen Raum aus. Wir haben die Zimmer noch nicht aufgeteilt.“
„Okay“. Florian und Kessy erhoben sich und nahmen ihre Sachen. Sie gingen in den ersten Stock hinauf, eine Tür klappte.
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