Читать книгу: «Brief an Mama»
Mikael Torfason
BRIEF AN MAMA
Aus dem Isländischen von Tina Flecken

Die Originalausgabe erschien 2019 unter dem Titel „Bréf til mömmu“,
Verlag Sögur útgáfa, Reykjavík – © Mikael Torfason
Aus dem Isländischen von Tina Flecken
Mit freundlicher Unterstützung durch:

Für die deutsche Ausgabe © STROUX edition – München, 2020
Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten
Cover: Matthias Mielitz
unter Verwendung eines Fotos © Sanchai Khudpin/shutterstock
ISBN 978-3-948065-16-4
eISBN 978-3-948065-19-5
www.stroux-edition.de
Printed in Germany
Für Mama, ich liebe dich
Inhalt
Kapitel I
Kapitel II
Kapitel III
Kapitel IV
Kapitel V
Kapitel VI
Kapitel VII
Kapitel VIII
Kapitel IX
Kapitel X
WIEN, IM SOMMER 2019
Liebe Mama!
Nachdem ich das erste Buch über meine Familie, ‚Lost in Paradise‘, im Herbst 2015 abgeschlossen hatte, begann ich mit diesem Buch. Ursprünglich sollte es im Herbst 2017 erscheinen, doch ich musste eine Schreibpause einlegen, weil Papa auf die Idee kam, mit Gelbsucht aus Thailand heimzukommen, und in der Uni-Klinik an Alkoholismus starb. Torfi wusste schon immer, wie man anderen die Show stiehlt. Ich habe den Verlust noch nicht überwunden und denke fast täglich an ihn. Nach seinem Tod im Mai 2017 legte ich diesen Text beiseite und schrieb stattdessen ein Buch über Papa, das im darauffolgenden Herbst erschien: ‚Die Fallenden‘.
Nun habe ich dieses Buch endlich beendet, Mama. Es ist ein langer Brief an dich. Danke, dass du deine Geschichte mit mir und uns allen teilst. Wir haben oft nebeneinanderher gelebt und waren lange Zeit nicht füreinander da. Es war eine unglaubliche Reise, dich noch einmal ganz neu kennenlernen zu dürfen und zu lernen, dich so zu lieben, wie du bist.
Dein bärtiger Sohn, Mikael
I
Ich rannte so schnell ich konnte aus der Bücherei, die sich im ersten Stock des Schulgebäudes befand. Ich hatte am Fenster gesessen und darauf gewartet, deinen hellen Lada zu sehen, der immer genauso plötzlich auf dem Parkplatz der Vogaskóla auftauchte, wie er wieder verschwand.
Du kamst aus dem Breiðholt-Viertel, um mich für ein lang ersehntes gemeinsames Mama-Wochenende abzuholen. Diese Wochenenden fanden damals nur unregelmäßig statt und waren kurz, von freitagmittags bis sonntagabends, bestenfalls jede zweite Woche.
Sobald ich dein Auto erspähte, flitzte ich die Treppe hinunter, flog durchs Hauptportal und preschte über den Schulhof, ohne die spielenden Kinder um mich herum wahrzunehmen. In Gedanken war ich nur bei dir, wollte dich auf keinen Fall verpassen. Doch als ich endlich auf dem Parkplatz ankam, hattest du den Lada bereits gewendet und sahst nicht, wie ich auf dich zurannte. Ruckartig legtest du mit dem dazugehörigen knarzenden Geräusch den Gang ein, gabst Gas und braustest davon, fort von mir. Ich winkte und rief dir hinterher, aber du sahst mich nicht im Rückspiegel.
Mama fährt bestimmt zu den Parkplätzen auf der anderen Schulseite, dachte ich und spurtete wieder los. Sie hat irgendwas durcheinandergebracht, hämmerte ich mir ein und rannte um mein Leben, doch als ich schweißgebadet den hinteren Schulhof erreichte, sah ich den Lada am Ende der Straße verschwinden.
Vielleicht will sie zu uns nach Hause, weil sie dachte, ich hätte früher freigehabt, überlegte ich, nahm die Beine in die Hand und raste nach Hause.
Eigentlich wusste ich, dass ich dich niemals einholen würde, und bekam Panik. So war unser damaliges Verhältnis – und so ist es vielleicht noch heute. Nie durfte etwas schiefgehen, denn dann war Ärger vorprogrammiert. Papa würde ausrasten, wenn er erfuhr, dass du mich nicht wie vereinbart von der Schule abgeholt hattest, dass du zwar gekommen, aber dann einfach wieder weggefahren warst. Er hatte das Sorgerecht für mich, und das ließ er dich spüren.
„Was sind das für Spielchen?“, würde Papa dich am Telefon anherrschen. „Du hast versprochen, ihn abzuholen, und dann lässt du ihn einfach warten und fährst wieder weg, wenn er gerade rauskommt? Was denkst du dir eigentlich, Frau?“
Wir haben uns wirklich gegenseitig das Leben schwer gemacht, Mama. Wir alle, ich, du und Papa. Natürlich war ich am allerwenigsten dafür verantwortlich, aber ich hatte trotzdem ein schlechtes Gewissen, nicht nur bei dieser Sache. Als Kind fühlte ich mich immer mitverantwortlich für eure stürmische Ehe.
Jahrelang träumte ich von dieser Rennerei über das Schulgelände und wachte oft mit einem unguten Gefühl auf, einer Mischung aus Verzweiflung und innerer Leere. Eine Zeitlang glaubte ich, ich hätte das alles nur geträumt, oder hoffte es zumindest. Dass dieses Gerenne nur eine Erinnerung an einen Albtraum wäre, der in meinem Kopf real geworden war.
Im Traum renne und renne ich, ohne dich jemals einzuholen. Ich hatte viele ähnliche Träume und erinnere mich gut an sie, auch wenn ich sie schon länger nicht mehr geträumt habe. Ich renne über den Schulhof, und der alte Lada verschwindet aus meinem Blickfeld. In einem anderen Traum haste ich die Treppe in einem Mehrfamilienhaus hinauf – manchmal auch durch einen Hotelflur – und klopfe an alle Türen, weil ich dich suche, Mama, aber ich finde dich nirgendwo.
Ich war jedes Mal furchtbar enttäuscht. Im Traum genauso wie nach dem Aufwachen, und auch als ich, nachdem ich dich verpasst hatte, vor unserem Haus im Langholtsvegur stand, wo ich mit Papa und meiner Stiefmutter wohnte. Vor Angst und Traurigkeit fühlte ich mich wie gelähmt. Als ginge die Welt unter.
Die Welt war so zerbrechlich in jenen Jahren. Für mich war es wie ein Weltuntergang, als wir bei den Zeugen Jehovas austraten, denen wir alle, Papa, du und ich, eine Zeitlang angehört hatten. Und es war auch ein Weltuntergang, als ich im Krankenhaus eingesperrt war und um mein Leben kämpfte. Wie man sieht, habe ich diesen Kampf gewonnen, aber zeitweise stand es auf der Kippe. Auch nur ein einziges Mama-Wochenende zu verpassen, war für mich dasselbe, wie die Hoffnung auf das Paradies aufzugeben. Unsere gemeinsamen Stunden waren verloren, sie würden nie wiederkommen, und es war unmöglich, ein solches Missverständnis wie das, als du im Lada davonbraustest, wiedergutzumachen. Das wusste ich. Das Verhältnis zwischen Papa und dir war so, dass ein solches Versehen – oder wie auch immer man es nennen möchte – niemals wie bei normalen Leuten als dummes Missverständnis angesehen würde.
Nein, ich ging rein, rief Papa auf der Arbeit an und fing natürlich an zu heulen, weil ich kein Mama-Wochenende verpassen wollte. Papa wischte meine Tränen mit der Bemerkung weg, ich solle mich nicht so anstellen, Mamasöhnchen seien doch Schwächlinge.
„Besonders wenn die Mutter Hulda Fríða Berndsen heißt“, sagte er in jenen Jahren oft, womit er mich daran erinnerte, dass du mich nicht bei dir haben wolltest, obwohl er dir die Wohnung, das Auto und den vollen Unterhalt für mich angeboten hatte.
Papa konnte nie richtig verstehen, warum mein Bruder Ingvi und ich dich gernhatten und uns bei dir in Breiðholt wohlfühlten. Außerdem fand er es immer albern und unverständlich, dass der Arbeitervorort Breiðholt in viele meiner Bücher Eingang gefunden hat – als wäre er das gelobte Land. In Gedanken war ich immer bei dir in Breiðholt. In deinen Armen fühlte ich mich am wohlsten. Papa und meine Stiefmutter Dóróthea bereiteten uns ein schönes Zuhause und kauften jedes Jahr ein größeres Haus. Sie schwammen damals in Geld, betrieben gut besuchte Friseursalons und reisten jeden Monat ins Ausland. Aber ich wollte immer nur bei meiner Mama in Breiðholt sein und liebte es, dich zu einem deiner Putzjobs zu begleiten, wo du den Boden schrubbtest, oder dir in der Kantine irgendeiner Firma beim Kochen zuzusehen.
Du hast mich an den Mama-Wochenenden immer verwöhnt. Damit konnte ich gar nicht umgehen, und es fällt mir heute noch schwer, mich verwöhnen zu lassen. Du hast mir Brote geschmiert und meinen Kakao umgerührt. Ich muss fast heulen, wenn ich an deine bedingungslose Liebe an diesen Wochenenden vor dreißig, vierzig Jahren zurückdenke. Als Kind hat mir sonst nie jemand den Kakao umgerührt, außer vielleicht im Krankenhaus.
Ich fühlte mich wie im siebten Himmel, wenn du mir auf dem kleinen Sofa im Wohnzimmer das Bett machtest und mich zudecktest. Oft saßest du bei mir und strichst mir über die Stirn, bis ich eingeschlafen war. Als Ingvi ins Teenageralter kam und Mama-Wochenenden doof fand, durfte ich auf dem großen Sofa schlafen und träumte davon, immer bei dir wohnen zu dürfen. Ich wäre sofort bereit gewesen, mein eigenes Zimmer bei Papa für ein Sofa in deinem Wohnblock aufzugeben. Zudem war ich fest entschlossen, niemals ein Neureicher zu werden wie Papa, sondern ein Arbeiter wie du und in einer Arbeiterwohnung in Breiðholt zu wohnen. Wahrscheinlich kann ich froh sein, dass dieser Traum nicht Wirklichkeit wurde. Heutzutage gibt es in Reykjavík keine Arbeiterwohnungen mehr, und arme Leute wohnen bei großen Immobilienfirmen zur Miete und werden bis auf die letzte Krone ausgequetscht.
Doch an jenem Freitag, genau an jenem Freitag dachte ich, ich würde alles verlieren, weil ich deinen Lada nicht einholen konnte. Papa rief bei dir an, wie ich vorhergesehen hatte, und beschimpfte dich, weil du mich enttäuscht hattest: „Warum bist du nicht in die Schule reingegangen, verdammt noch mal?“, fauchte er, und ich konnte hören, dass du sofort in Tränen ausbrachst. Genau wie ich. Du wolltest bestimmt eine Erklärung vorbringen, aber Papa hörte dir gar nicht zu, sondern brüllte, du seist eine total unfähige Mutter und er müsse eure Abmachung überdenken, wenn du noch nicht einmal in der Lage seist, den Jungen zur verabredeten Zeit abzuholen.
Anschließend schickte er mich zu Oma und Opa, damit ich an dem Wochenende wenigstens eine kleine Abwechslung hätte.
„Das ist auch so eine Art Mama-Wochenende“, erklärte er mir und krönte seine Schimpftirade mit den Worten, du seist ein hoffnungsloser Fall, eine dieser Frauen, die niemals Kinder hätten bekommen sollen.
II
Du hast dich immer noch nicht davon erholt, sagst du mir beim Videoanruf, und meinst meine Geburt vor fünfundvierzig Jahren. Wir telefonieren oft über eines dieser Tools, die das Leben im Ausland inzwischen völlig verändert haben.
„Du hast dich immer noch nicht davon erholt?“, frage ich und berühre den Bildschirm.
Du siehst mich an und kommst mir dabei unangenehm nah. Dein Gesicht füllt mein gesamtes Handy-Display aus.
„Nein“, bestätigst du und fragst mich, wie es mit dem Kistenpacken in unserer Berliner Wohnung vorangehe.
„Ganz gut“, antworte ich, und jetzt hältst du das Handy auf einmal so nah an dein Gesicht, dass ich nur noch deine Augen sehe.
„Ich spüre dich hier in mir“, sagst du und hältst das Handy so, dass ich sehen kann, wie du zu Hause auf dem Boden sitzt und dir über den Bauch streichst. Dann erzählst du mir, du würdest in letzter Zeit fast den ganzen Tag in Embryostellung daliegen.
„Wenn’s mir schlecht geht, rolle ich mich zusammen, guck mal, so“, fährst du fort und legst dich auf den Boden, damit ich sehen kann, was du meinst.
„Ich hab das auch meinem Psychologen erklärt. Ich schlafe dabei nicht unbedingt ein, ich liege nur da, so – siehst du? –, und versuche, mit dem ganzen Schmerz zu leben. Ich kann nicht denken, ich kann nicht sprechen. Das Einzige, was ich tue, ist überleben.“
Du machst das schon seit Jahren, erzählst du mir. Liegst stundenlang in Embryostellung. Dein Psychologe meint, du sollst dir das abgewöhnen, und rät dir, dich tagsüber nicht mehr hinzulegen.
„Aber weißt du, Míkael, das ist so kräftezehrend, als wäre ich ein Baby, das abgestillt wird“, sagst du, denn du kannst dir ein Leben, ohne dich tagsüber hinzulegen, nicht vorstellen.
Ich verstehe dich gut, Mama.
Ich befand mich selbst schon in der Situation, dass ich mir nicht vorstellen konnte, wie ich weiterleben sollte, ohne mich in Embryostellung zusammenkauern zu dürfen. Bei mir lag das an den heftigen Bauchkrämpfen, die ich manchmal als Folgeerscheinung meiner Krankheit in der Kindheit bekam. Ich darf mich nicht überanstrengen und muss ein geregeltes Leben führen, sonst ende ich in Embryostellung auf dem Fußboden im Wohnzimmer.
„Ich spüre dich, Míkael“, sagst du mir am Telefon. Du nennst mich immer Míkael mit langem í, nie mit kurzem i oder einfach nur Mikki. Für dich bin ich Míkael, mit Betonung auf dem i. Der kleine Junge, den du nach dem Erzengel Jehovas taufen ließest, denn damals wollten wir bis in alle Ewigkeit miteinander im Paradies leben.
Es ist so lange her, seit wir dachten, wir kämen gemeinsam mit den anderen Zeugen Jehovas ins Paradies, dass es mir manchmal so scheint, als hätten wir beide den allmächtigen Gott vergessen, nach dem wir früher jeden Atemzug ausrichteten.
„Ich spüre dich hier drin“, sagst du und fasst dir an den Bauch.
Morgen schreibst du auf meine Facebook-Seite, dass du mich liebst, und ich kommentiere es mit einem Herzchen, weil ich mich nicht mehr für dich schäme. Früher schämte ich mich und meldete mich von Facebook ab, weil ich dieses übergriffige Verhalten, dazu noch in aller Öffentlichkeit, nicht ausstehen konnte. Schon peinlich, sich einzugestehen, dass man sich als erwachsener Mann für seine eigene Mutter geschämt hat. Warum verhält man sich manchmal wie ein Kind? Welcher Mann über vierzig fürchtet sich vor seiner eigenen Mutter auf Facebook?
Kann es sein, dass man gegenüber der eigenen Mutter nie erwachsen wird? Besonders wenn man ein so kompliziertes Verhältnis hat wie wir. Es ist mir immer sehr schwergefallen, in deiner Gegenwart erwachsen zu sein, weil unsere Beziehung zum Stillstand kam und sich nicht mehr weiterentwickelte, seit ich mit knapp fünf Jahren von dir getrennt wurde. Und bevor ich mich versehe, fühle ich mich in deiner Gegenwart wieder wie ein Fünfjähriger. Ich werde immer dein kleiner Junge sein, und du wirst nie müde, mir das zu sagen.
„Mein kleiner Junge“, sagst du, und ich lächle dich an.
Wenn ich zurückblicke, erkenne ich, wie viel Einfluss du auf mein Schreiben hattest, wobei mir das erst bewusst wurde, als ich begann, über meine Kindheit und über Papa und dich zu schreiben.
Unser Verhältnis, Mama, war schon von meiner Geburt an kompliziert, als ich mit dem Ellbogen voraus und mit geballten Fäusten zur Welt kam, bereit, mich mit meiner Krankheit und den Zeugen Jehovas und Papa und dir herumzuschlagen. Manchmal glaube ich, du hättest mich am liebsten noch im Mutterleib, dabei weiß ich, dass das nicht stimmt.
„Ich fühle mich selbst wie im Mutterleib“, unterbrichst du meine Gedanken. „Und trotzdem bist du in mir. Ich liege schon seit vielen Jahren in Embryostellung. Ich spüre dich wirklich, Míkael.“
„Ich weiß“, sage ich, aber du hörst mir nicht zu und redest weiter: „Die letzten Monate der Schwangerschaft waren die schlimmsten. Ich wollte eine großartige Mutter sein. Ich wollte dich über alles lieben. Es hätte niemals so laufen dürfen. Ich hatte einen Riesenbauch, und du hast getreten und gestoßen, als wolltest du unbedingt raus. Ich konnte nicht mehr laufen. Ich bekam keine Luft. Es war, als würde etwas zwischen meinen Beinen feststecken. Ich konnte mich überhaupt nicht bewegen.“
Nach all den Jahren reden wir immer noch über meine Geburt. Sie wird wohl niemals fertig besprochen oder abgehandelt sein. Einmal fuhren wir sogar zusammen zum Archiv der Uni-Klinik in Kópavogur und ließen uns eine Kopie meines Geburtsberichts geben. Offiziell gehörte der Bericht dir, weil man seine eigene Geburt nicht besitzt. Du warst mit mir schwanger und brachtest mich zur Welt, und ich durfte den Bericht nur mit deiner Einwilligung lesen. Ich war ja in deinem Körper nur zu Gast gewesen.
In dem Bericht stand nichts Neues. Nichts, was wir nicht schon gewusst oder jahrzehntelang ausgiebig besprochen hätten. Ich wusste das alles. Du hattest einen so schlimmen Dammriss, dass du bis zum After genäht werden musstest. Manchmal kommt es mir so vor, als hätte ich schon immer alles gewusst, was in diesem Bericht steht. Seit ich denken kann, kenne ich die gesamte Geschichte meiner Geburt – beziehungsweise deiner. Früher war es mir peinlich, dass ich die Geschichte meiner Geburt bis ins kleinste medizinische Detail auswendig kannte, aber jetzt ist es mir egal.
„Es war ein Dammriss vierten Grades“, falle ich dir ins Wort, denn wir kommen auf einmal beide ins Reden und ereifern uns darüber, mit wie vielen Stichen der Arzt dich genäht hat. „Ich hab das im Internet recherchiert“, füge ich hinzu. „Man nennt es ‚grade four laceration‘.“
„Du weißt doch, dass ich kein Englisch spreche, Míkael.“
„Eine Wunde vierten Schweregrades“, erkläre ich.
„Ja, das waren wirklich viele Stiche. Der Arzt wollte gar nicht mehr aufhören zu nähen.“
Als ich klein war, habe ich dich so sehr vermisst, Mama, aber jetzt, da ich erwachsen bin, versuche ich, dich besser zu verstehen. Als Kind hat mich das alles noch viel stärker belastet. Als ich einmal allein auf dem Land war, heulte ich mich in den Schlaf, weil ich plötzlich daran denken musste, wie schlimm du aufgerissen wurdest, als ich mich auf die Welt boxte. Die Hebamme musste dich mit einer Schere aufschneiden, und der Arzt behauptete, das sei alles ihre Schuld.
Du hattest einen roten Silver Cross-Kinderwagen für mich gekauft und dir ausgemalt, wie du mit deinem Baby durch die Stadt spazieren würdest. Doch ich war zu krank, als dass dieser Traum wahr werden konnte.

Manchmal habe ich das Gefühl, ich würde mich an meine Geburt erinnern, was natürlich Quatsch ist. Ich erinnere mich nicht an sie. Aber ich habe so oft Geschichten über sie gehört, dass sie mir quicklebendig vor Augen steht. Erinnerungen sind ein geheimnisvolles Phänomen und manchmal auch reine Erfindung. Samuel Beckett hat behauptet, er erinnere sich an seine Geburt, und zwar mit Grauen. Ich weiß es nicht. Wenn einem etwas oft genug erzählt wird, wird es irgendwann zu einer Realität, die man beschreibt, als wäre man selbst dabei gewesen. So wird aus Lebensgeschichten Literatur und aus Literatur werden Lebensgeschichten. Wobei ich selbstverständlich bei meiner Geburt dabei war.
Und ich behaupte auch, dass ich mich richtig erinnere, dass ich in meinem Wohnzimmer in Berlin am Telefon mit dir über all das gesprochen habe. Ich wollte dir so viel sagen, Mama, als du anriefst und dich auf den Boden legtest, um dir meine Geburt ins Gedächtnis zu rufen. Aber ich erinnere mich auch, wie ich in deinem Wohnzimmer stehe und über meine Geburt rede. Sowohl in Breiðholt als auch in dem Viertel, in dem du jetzt wohnst. Wir reden nämlich immer darüber, und ich kann nie all das in Worte fassen, was ich eigentlich sagen möchte.
Es fällt mir wesentlich leichter, dir zu schreiben. Ich kann dir alles sagen, was ich dir schon immer sagen wollte, indem ich es in mein Tagebuch schreibe. In meinem Tagebuch erzähle ich dir, wie ich letzten Sommer auf der Suche nach Heilung nach England reiste. In Kent wohnt ein Freund von mir, der als Therapeut arbeitet und mir in den letzten zehn Jahren sehr geholfen hat. Ich erzähle dir die ganze Geschichte einfach so, als gäbe es nichts Selbstverständlicheres und als hätten wir kein schwieriges Verhältnis mehr.
Ich weiß noch, wie du mir, als ich mit zwanzig von Wut zerfressen, total pleite und frischgebackener Vater war, meinen ersten Therapeuten suchtest. Damals waren wir beide psychisch angeschlagen. Du depressiv und ich aggressiv. Wir hatten immer die Gemeinsamkeit, dass wir unentwegt an uns arbeiten, wie man so sagt. Und das ist ja eigentlich eine gute Sache: Das Ziel zu haben, sich in seiner eigenen Haut wohler zu fühlen und ein besserer Mensch zu werden. Manche Leute belächeln das zynisch. Ich halte es hingegen für ein wirklich gutes Ziel.
Doch was ich dir eigentlich erzählen wollte, aber nur mit dem Stift in Worte fassen kann, ist, dass ich dir letzten Sommer in Kent begegnet bin. Ich machte eine Zeitreise und wurde wieder zum Säugling. Es wäre mir schwergefallen, dir das bei einem Videoanruf aus meinem Wohnzimmer in Berlin zu erklären, Mama, aber ich glaube, du findest es gar nicht so abwegig, dass wir uns in einer kleinen Praxis in England begegnet sind. Du erholtest dich gerade von meiner Geburt, und ich erholte mich auch. Es ging mir nicht gut, aber ich war froh, endlich nach Luft schnappen zu können und auf der Welt zu sein. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, ein Neugeborenes zu sein und das Leben wie einen Albtraum wahrzunehmen. Wie bei Beckett. Babys haben noch kein vollständig entwickeltes Ich, sodass ihr Leben bei genauerer Betrachtung eher einem Traum oder Albtraum ähnelt. Sie haben noch kein richtiges Bewusstsein und können Schlaf und Wachsein kaum unterscheiden. Alles fließt, wie im Traum.
Ich weiß, es klingt unglaublich, zu behaupten, man könnte wissen, wie es sich anfühlt, ein frisch geborener Säugling zu sein, aber so habe ich es bei der Therapie letzten Sommer erlebt. Ich machte eine Zeitreise in meine frühe Kindheit und befand mich urplötzlich wieder im Körper des kleinen Míkael, den du aus dem Krankenhaus mit nach Hause nehmen durftest, nachdem du dich ein wenig erholt hattest und wieder laufen konntest. Um dich selbst machtest du dir die geringsten Sorgen, denn ich starb vor Hunger, weil ich die Brust verweigerte.
Ich war furchtbar durstig. Ich verdurstete. Dieses Gefühl überrollte mich während der Hypnose bei meinem Freund in Kent. Ich starb. Ich lag in deinen Armen und weinte, bis alle Kraft aus meinem Körper gewichen war und ich keine einzige Träne mehr herausquetschen konnte.
Ich war allein.
Oder es kam mir so vor, als sei ich allein, und auf einmal erwachte ich in einem dunklen Raum in der Uni-Klinik. In meinem Kopf vermischt sich das alles. All die Erinnerungen. Die Nächte im Krankenhaus, als ich allein in meinem Bett lag und an die Decke starrte. Erst als Baby und später mit ein, zwei, drei, vier Jahren und so weiter, andauernd krank.
All das holte mich in Kent wieder ein. Als Kind hing ich häufig am Tropf, und davon kriegt man schrecklichen Durst. Ich kann mich gut daran erinnern, dass ich durstig war, aber dort in Kent auf dem Stuhl vor meinem Freund Palli – er heißt Páll Jónsson – grub ich tiefer und tauchte in mein Unterbewusstsein ein und spürte das Hungergefühl des Neugeborenen, das die Brust seiner Mutter verweigert und stirbt.
Glaubst du, dass das möglich ist, Mama? Dass man diese Erinnerungen in sich trägt und wieder hervorrufen kann, wenn man nur tief genug gräbt? Das ist ja alles wirklich passiert. Das weiß ich. Du hast versucht, mich zum Trinken zu zwingen.
„Du musst trinken“, sagtest du schluchzend, „du musst trinken.“
Ich hatte riesigen Durst. Ich wollte nichts lieber als trinken, trinken, trinken. Und wie absurd es auch klingen mag, bei der Therapie in Kent sah ich, wie du versuchtest, mir deine Brustwarze in den Mund zu stopfen. Ich wand mich mit geschlossenen Augen auf dem Stuhl vor Palli, und er trommelte mit den Fingern auf meine Knie, um all die schmerzlichen Erinnerungen hervorzulocken und mich von der Unsicherheit und Angst zu befreien, die ich vor langer Zeit verdrängt hatte, indem ich vorgab, viel stärker zu sein, als ich bin.
„Was siehst du?“, fragte Palli.
„Ich hab solchen Durst“, jammerte ich. „Ich verdurste.“
Ich sehe die Szene genau vor mir, aber ich weiß nicht, welche Erinnerungen echt sind und welche nicht. Doch das ändert nichts. Das Gefühl ist da, und es ist echt.
Du verstehst mich doch, Mama, oder? Als Kind hatte ich immer das Gefühl, dass nur du mich verstehst, weil wir gemeinsam das Schlimmste durchgemacht haben, noch bevor ich zu Sinn und Verstand kam. Als ich schwerkrank war und kaum einen Unterschied zwischen Bewusstsein und Albtraum ausmachen konnte. Damals waren wir beide allein, während Papa zu Jehova betete und sich mit den Ärzten herumstritt, sie sollten mich sterben lassen, weil für unsere Familie keine Bluttransfusion in Frage käme. Damals weintest du immer mit mir. Du weintest für uns beide, als ich keine Tränen mehr hatte.

Doch, ich glaube, wir verstehen uns, Mama. Jedenfalls weiß ich, dass du sagen würdest, dass du mich verstehst. Und das hättest du mir auch gesagt, wenn ich dir von meiner Erfahrung in Kent erzählt hätte, als du mich anriefst und dich in deinem Wohnzimmer auf den Boden legtest.
„Ich verstehe dich, Míkael“, hättest du gesagt und mich durchs Telefon umarmt.
Ich hätte mich auch auf den Boden legen und mich vor meinem Handy in Embryostellung zusammenkauern sollen. Wir hätten gemeinsam auf dem Boden gelegen. Ich in Berlin und du in Reykjavík.
„Ich werde mir das nie verzeihen“, sagtest du, dich darauf beziehend, dass du nicht zu mir gehalten hast, als ich krank war und für die Zeugen Jehovas sterben sollte.
Ich nickte. Ich habe das schon so oft gehört. Wir sitzen in diesem Karussell fest, fahren Runde um Runde, haben schon letztes und vorletztes Jahr und vor zehn und zwanzig und dreißig Jahren darüber gesprochen. Ich glaube, du hast mir das alles schon vor vierzig Jahren erzählt. Ich habe in der Küche in Breiðholt mit dir darüber geredet, habe in Grafarvogur bei dir am Bett gestanden und in der Psychiatrie weinend bei dir gesessen. Wir führen immer dieselben Gespräche, und wir möchten einander verstehen. Als unsere Wege sich vor vierzig Jahren trennten, als ich den Stomabeutel loswurde und wir vorübergehend beide von den Zeugen Jehovas verstoßen wurden, begann diese Reise, auf der wir einander verstehen möchten, aber nicht zueinander finden.
Es ist eine unendliche Geschichte. Unsere Geschichte, Mama. Wir werden nie müde, sie zu erzählen. Sie gemeinsam zu rekapitulieren. Du wirst dir niemals verzeihen, und ich werde nie aufhören, dich zu vermissen. Es ist wie eine Pattsituation, aus der es keinen Ausweg gibt.
Ich vermisse dich so sehr. Allerdings nicht unbedingt als der Mensch, der ich heute bin. Ich vermisse dich als Kind, als Jugendlicher. Deshalb fallen mir Abschiede auch so schwer. Ich verabschiede mich ungern und habe oft Trennungsängste, wenn ich gezwungen bin, längere Reisen zu machen.
Daran arbeiten Palli und ich. Ich telefoniere regelmäßig mit ihm, und wir reden darüber, wie es mir geht. Manchmal geschieht es nämlich, dass ich mich aus heiterem Himmel wie zerrissen fühle und Panik bekomme. Früher überspielte ich das und prahlte damit, dass ich vor nichts Angst hätte. Aber heute kenne ich mich besser, und wenn ich ein seltsames Gefühl kriege, dann weiß ich, dass diese Angst oder Panik nichts mit dem fünfundvierzigjährigen Mann zu tun hat, der mich morgens im Spiegel anschaut. Die Angst holt mich aus der Vergangenheit ein, aus der Kindheit, und dann rufe ich Palli an, und er rät mir, tief in den Bauch zu atmen. Palli und ich haben sehr viel zusammen durchlebt. Oder vielmehr: Palli hat mich durch Vieles geleitet.
Bevor ich vor gut zehn Jahren anfing, an mir zu arbeiten, habe ich natürlich nie geweint. Das hast du mir sogar erzählt, dass ich als Kind eigentlich nie geweint habe, mich immer zusammengerissen habe, sei es bei körperlichen oder bei seelischen Schmerzen. Letzten Sommer in Kent konnte ich nicht mehr aufhören zu weinen. Obwohl ich mich in England befand, lag ich allein im Krankenbett in der Uni-Klinik, und das Einzige, woran ich denken konnte, war, wann du wohl zurückkämst. Dabei weinte ich gar nicht, während ich auf dich wartete. Nicht wirklich. Sehnsucht nach der Mutter ist ein Urgefühl, das sich durch keine menschliche Macht unterdrücken lässt.
Du kamst einfach nicht. Nie. Jedenfalls nicht dort in Kent, und ich war, wie so oft, allein, die ganze Nacht, im Krankenhaus, und ich heulte fünfundvierzig Jahre später in Pallis Armen.
Es war hart, das noch einmal zu durchleben. Den Schmerz und die Einsamkeit. Und dann, bei der Therapie in England, ging plötzlich die Tür zu meinem Zimmer in der Uni-Klinik auf und eine Krankenschwester kam herein, gebadet in das Licht aus dem Flur. In diesem Moment brach ich in Pallis kleiner Praxis zusammen. Alles löste sich, und ich weinte so heftig, dass ich dachte, ich könnte nie wieder aufhören. Diese Menschlichkeit berührte mich so tief, dass eine fremde Frau zu mir ins Zimmer kam und wissen wollte, wie es mir geht. Sie rückte mein Kissen zurecht und strich mir über die Stirn. Das war alles. Dann ging sie wieder, ließ mich zurück, und der Albtraum im Krankenhaus ging weiter. Wieder war ich allein. Verlassen.
Die letzten Jahre habe ich damit zugebracht, diesen kleinen Jungen aus dem Krankenhaus zu holen und mit nach Hause zu nehmen.
Du sagst mir am Telefon, dass du dich darauf freust, nach unserem Umzug von Berlin nach Wien im Herbst zu uns zu kommen und unsere Tochter zu hüten. Meine Frau Elma und ich haben viele Pläne, deshalb hast du angeboten, für zwei Wochen als Kindermädchen zu uns zu kommen und auf die kleine Ída aufzupassen, die dich natürlich an mich erinnert. An den kleinen Jungen, von dem du sagst, du hättest ihn im Krankenhaus betrogen und verlassen, nachdem Papa dich und Jehova betrogen hatte.
„Ich werde es mir nie verzeihen, dass ich dich weggegeben und deinem Vater überlassen habe“, wiederholst du immer wieder, und ich betrachte dein Gesicht auf dem Handy-Display.
„Ich verzeihe dir.“
Wir veranstalten diesen Tanz jedes Mal, wenn du anrufst.
„Ich hätte dich nicht verlassen dürfen, Míkael.“
„Ich weiß. Du warst selbst krank, Mama.“
„Ich konnte nicht atmen“, sagst du. „Ich konnte nicht atmen. Nur daliegen, in Embryostellung.“
„Ich weiß.“
„Mein Psychologe sagt immer: Hulda, du musst dir selbst verzeihen, weil du dachtest, du würdest das Richtige tun. Aber das ist mir egal. Ich werde mir nie verzeihen.“
III
Wir haben so viele Gemeinsamkeiten, Mama. Mein Vater soff sich zu Tode, genau wie deiner. Dieses Trauma müssen wir beide verarbeiten. Jeder auf seine Weise. Mir hat das Schreiben immer geholfen, und ich weiß, dass einige meiner Werke, ob Bücher oder Theaterstücke, dir sehr nahe gingen, denn sie drehten sich meist direkt oder indirekt um dich.
Weißt du noch, als ich mein erstes Buch, meine Gedichtsammlung ‚Gott, existieren Mütter?‘ schrieb und selbst herausgab? Ich habe dir das nie erzählt, aber es tut mir in der Seele weh, dass es dir so schlecht ging, nachdem du mein kleines Antipoesie-Album, wie ich es nannte, gelesen hattest. Wenn ich mich recht erinnere, brach für dich eine Welt zusammen, und in den darauffolgenden Wochen versankst du in Depressionen und wolltest nicht mehr weiterleben. Wir hatten uns so weit voneinander entfernt, dass ich dachte, es wäre mir scheißegal, was du von meinen Gedichten hältst.
Ich war Dichter und Künstler und würde es nicht zulassen, dass irgendeine Frau aus Breiðholt Einfluss darauf nahm, wie und worüber ich schrieb. Ich war noch ein Teenager, gerade mal sechzehn, und du eine knapp vierzigjährige brave Hausfrau und Zeugin Jehovas. Damals hatten wir absolut nichts gemeinsam, darüber waren wir uns einig.
Meine Gedichte waren größtenteils Schimpftiraden gegen dich, deshalb ist es interessant, sich dieses Buch noch einmal anzuschauen. Heute muss ich über die Instabilität des jungen Dichters schmunzeln. Die Gedichte tragen Titel wie ‚Fremde Frau‘ oder ‚Teufelsmutter‘, als Anspielung auf jenen Satan, den du zur Entstehungszeit der Texte an jeder Ecke sahst. Jahrelang fand ich das überhaupt nicht komisch und konnte die Gedichte nicht lesen, weil ich mich dermaßen schämte. Heute mag ich den Teenager, der sich nicht vor der Sentimentalität und der Wut scheute, die sein Gefühlsleben dominierten.
Papa fand den Gedichtband großartig und besaß das einzige Exemplar, das es meines Wissens noch gibt. Ich habe es in seinem Nachlass entdeckt, als ich seine Sachen sortierte. Jetzt liegt es hier auf meinem Schreibtisch, die Seiten sind vergilbt und abgegriffen, anscheinend hat Papa es oft durchgeblättert. Das meiste davon schrieb ich im Suff, während wir zu zweit im Skólavörðustígur wohnten, teilweise zusammen mit Ingvi, wenn mein Bruder nicht auf See war.
Einige Wochen nachdem ich dir das Buch geschenkt hatte, rissest du dich aus deiner Depression, riefst mich an und ludst mich zum Essen ein. Wahrscheinlich war das eine Versöhnungsgeste, wir sollten uns bei dir zum Essen treffen und wieder Freunde werden. Ich sagte zu, obwohl ich etwas anderes vorhatte, und ging dann nicht hin. Lange habe ich mir eingeredet, dass ich wirklich zu dir zum Essen wollte, es dann aber irgendwie vermasselte. Aber so war es wohl nicht. Ich glaube, ich sagte absichtlich zu und kam dann nicht, weil ich dich verletzen wollte. Vielleicht weil du am eigenen Leib erfahren solltest, wie ich mich gefühlt hatte, als ich deinem Lada hinterhergelaufen war. Damit ihr auf mich warten würdet, du und dein Mann Villi und meine Schwester Lilja, während die Lammkeule samt Beilagen auf dem Küchentisch kalt würde. Wahrscheinlich hätte Lilja sich niemals getraut, zu fragen, ob sie anfangen dürfe zu essen. Sie war damals streng gläubig und von euch und den Zeugen Jehovas einer Gehirnwäsche unterzogen worden. Ich weiß noch, dass sie immer Zöpfe und einen langen Rock trug, um Jehova nicht zu beleidigen, denn er würde ausrasten, wenn er sie in Hosen sähe.
Irgendwann würde Villi als Familienoberhaupt das Gebet sprechen: „Himmlischer Vater Jehova, wir danken dir für diese Mahlzeit …“, und dann dürftet ihr ohne mich essen.
Währenddessen stand ich mit meinen Kumpels auf dem Balkon im Skólavörðustígur und verbot ihnen, den Telefonhörer abzunehmen, weil ich wusste, dass du es warst und mich fragen würdest, ob ich noch kommen wollte. Wir sangen wie üblich Songs von Bubbi Morthens oder grölten sie vielmehr durch die ganze Innenstadt: „Stahl und Messer, das ist mein Symbol. Das Symbol der Tagelöhner.“
Wir arbeiteten damals fast alle, nur ein paar meiner Jugendfreunde gingen noch zur Schule, und ‚Stahl und Messer‘ war unser Mottolied. Papa spendierte uns Alkohol, und wenn er zufällig auch zu Hause war, echauffierte er sich darüber, dass nie Mädchen dabei waren.
„Mit Bubbi-Songs kriegt ihr nie eine rum“, tönte er und riet uns, lieber Rotwein anstatt Wodka Cola zu trinken, darauf seien die Weiber ganz wild.
In dem unwahrscheinlichen Fall, dass damals irgendwelche Mädchen mit uns hätten abhängen wollen, hätte Papa garantiert versucht, sie uns auszuspannen. Einmal gelang ihm das bei meinem Bruder Ingvi, als der ein Mädchen nach Hause einlud, in das er verknallt war. Papa stand auch auf sie, rezitierte schmalzige Gedichte und schenkte ihr Rotwein ein. Er galt in jenen Jahren als äußerst gutaussehend und war todschick, damals in unserem Wohnzimmer im Skólavörðustígur, ein Glas Wein in der Hand. Er schaffte es immer, ein paar schlüpfrige Witze einfließen zu lassen, damit auch jeder mitbekam, wie wahnsinnig gut er im Bett war. Irgendwann schritt er zur Tat und legte Rod Stewart auf, weil das seiner Ansicht nach beim weiblichen Geschlecht am besten ankam.
„If you want my body and you think I’m sexy, come on sugar let me know“, sang Papa zusammen mit Rod, von dem er behauptete, er habe ihn 1985 getroffen, als er zur Krönung von Hólmfríður Karlsdóttir, der damaligen Miss Island und späteren Miss World, nach Island gekommen sei.
Für meine Freunde und mich war das eine beeindruckende Show, aber wir verzogen uns bald wieder auf den Balkon, um zu rauchen und zu grölen. Und bevor wir es richtig mitbekamen, hatte sich Papa mit der jungen Frau, von der alle wussten, dass Ingvi in sie verknallt war, ins Schlafzimmer verdrückt.

Ich habe schon als Jugendlicher Tagebuch geschrieben, und im Lauf der Jahre wurde es immer intensiver. Nach Papas Tod vor zwei Jahren drehten sich meine Tagebucheinträge fast ausschließlich um diesen Brief an dich. Ich wuchs bei Papa auf, und im Frühling 2017 starb er in der Uni-Klinik in Ingvis und meinen Armen, aber manchmal scheine ich mich gar nicht richtig an ihn erinnern zu können, während ich die endlosen Erinnerungen an dich nicht loswerde. Dabei bist du quicklebendig und kannst jederzeit in meinem Handy erscheinen.
Nach Papas Beerdigung kamst du zu mir und batst mich, genauso schön über dich zu sprechen, wie ich über Papa gesprochen hatte. Erst dachte ich, das sei ein Witz, aber du meintest es ernst. Du vertrautest mir sogar an, dass du am liebsten wissen würdest, was ich bei deiner Beerdigung über dich sagen würde. Obwohl du nicht näher darauf eingingst, spürte ich, dass das keine Neugier war, sondern etwas viel Größeres. Vielleicht die Sehnsucht nach unserer endgültigen Versöhnung.
Ich habe viel darüber nachgedacht und sogar versucht, einen Entwurf für eine Trauerrede über dich zu verfassen, aber das erschien mir so unpassend. Unerträglich. Dieses Buch muss vorerst reichen. Es wird ungerecht sein, aber das muss es. Vielleicht war dir nicht bewusst, dass, wenn ich über dich schreibe, dieser Mensch, diese Mutter in dem Buch, dann den Kriterien unterliegt, die das Werk für sich erhebt, denn der Erzählmodus besitzt eine maßlose Unverfrorenheit.
Wie lange man die Zwiebel auch schält, stets kommt eine neue Schicht zutage, bis nichts mehr übrig ist. So sehr der Autor sich auch bemüht, aufrichtig und anständig zu sein, sobald der Stift das Blatt berührt, beginnt die Interpretation. Meine Interpretation von dir, von Erinnerungen, von der Fiktion meiner Erinnerungen. Und die Geschichte übernimmt die Kontrolle. Diese Interpretation mag für den Schreibenden von Wert sein, spielt jedoch für die beschriebene Person eigentlich keine große Rolle. Sie wird immer nur eine Figur in einem Buch sein. Das ist die Natur des Schreibens. Laut dem französischen Philosophen Roland Barthes beziehen sich Schriftstücke auf Schriftstücke, Bücher auf Bücher; sie sind Glieder in einer kontinuierlichen Kette von Texten, und dabei regieren unkontrollierbare Mächte – Prinzipien. Was jedoch nichts daran ändert, dass alle meine Bücher von dir handeln oder von der jeweiligen Vorstellung von einer Mutter, die ich gerade im Kopf hatte. Jetzt schreibe ich sogar ein Buch, das ‚Brief an Mama‘ heißt und dir gewidmet ist. Schon in den ersten Kapiteln erscheint beispielsweise der Körper der Mutter. Der Körper, den ich verließ, als ich geboren wurde. Und diese Mutter verließ mich, als Papa dich verließ. Wer ist diese Frau? Wer bist du?
Ich schreibe dieses Buch, weil ich verstehen möchte, welchen Sinn das alles hat und wohin es führt. Ich glaube, wenn du alle meine Bücher durchblätterst, wärst du überrascht, Mama, dass diese Frau, die Mutter, nicht nur viel Raum einnimmt, sondern stets stark ist, trotz ihrer diversen Erkrankungen. Das ist ein überraschendes Ergebnis, das vielleicht trotz allem mehr über dich aussagt als über mich.

Viele meiner schönsten Erinnerungen stammen aus der Zeit, als ich manchmal die Wochenenden bei dir verbringen durfte. Das habe ich dir schon gesagt, oder? In Mamas Armen schmeckte alles besser und anders. Trotzdem ging es mir mies. Besonders als Jugendlicher, als ich allein mit Papa in der Reykjavíker Innenstadt wohnte.
„Da war so viel Schmerz in dir, Míkael“, erklärst du mir heute, wenn du mir von diesen Jahren erzählst. „Zum Beispiel damals als Teenager, als du deine Gedichte schriebst, weißt du noch? Deinen Gedichtband. Da bekam ich einen Nervenzusammenbruch. Einen echten Nervenzusammenbruch.“
Manchmal bilde ich mir ein, du wärst die Einzige, die meine Texte wirklich versteht, obwohl du in erster Linie eine Person in diesen Texten bist, auch in den alten Gedichten.
„Der Schmerz in diesen Gedichten“, sagst du weiter am Telefon, oder war das bei dir im Wohnzimmer, als wir Kaffee tranken und über den Gedichtband sprachen? „Der Schmerz!“, wiederholst du.
Natürlich identifizierst du dich damit. Du nahmst mein Buch mit zum Psychologen und last ihm die Gedichte vor. Laut schluchzend. Er starrte vor sich hin, unsicher, wie er auf dieses unerwartete und hochdramatische Happening reagieren sollte. Es war eine intensive, lange Lesung, und als du dich wieder hingesetzt und dir die Tränen abgewischt hattest, bemühte sich der Psychologe, sanft zu lächeln. Und dann sagte er das Offensichtliche: „Diesem Kind ging es schlecht. Diesem Jungen. Es ging ihm sehr schlecht.“
Papa reagierte völlig anders darauf, als ich mit sechzehn unter die Lyriker ging.
„Was für eine rohe Ausdruckskraft! Klare Poesie! Du bist ein Dichter!“, stieß er hervor und schenkte sich Cognac nach, während er meine wütenden Gedichte darüber, dass Gott und Mütter nicht existieren, in sich aufsaugte.
Uns ging es gut im Skólavörðustígur 19B, fanden wir, der Friseurmeister und sein sechzehnjähriger Sohn, der Dichter und Arbeiter. Es war ein absoluter Traum. Keiner von uns konnte Wäsche waschen, die Wohnung versank im Chaos, aber wir brachten einmal in der Woche einen Zuber mit schmutzigen Klamotten in die Wäscherei im Barónstígur und ließen waschen, trocknen und bügeln. Ein echtes Bohème-Leben, doch schon bald stellte sich heraus, dass es mir nicht besonders guttat. Das Dasein war so zerbrechlich und die emotionalen Schwankungen viel zu heftig. Eine Zeitlang war ich besessen von der Idee, nach Frankreich zu ziehen und zur Fremdenlegion zu gehen, weil ich dachte, mein Leben sei so nichtig, dass ich nichts hätte, worüber ich schreiben könnte. Jedenfalls nichts im Vergleich zu den Schriftstellern, die ich bewunderte. Ich kaufte mir sogar Armeestiefel und stand jeden Morgen früh auf, um sie zu putzen. Dieses Ritual war gewissermaßen mein Halt im Leben, obwohl ich eigentlich wusste, dass meine Allüren und Hirngespinste aus den Büchern von Hemingway und anderen stammten, die ich mir in der Bücherei im Þingholt-Viertel auslieh.
Ich hatte keine Ahnung, dass du selbst am Scheideweg standst, Mama, als ich dir vor knapp dreißig Jahren ein Exemplar von meinem Gedichtband gab. Du warst nämlich ungehorsam gegenüber den Ältesten, indem du einen Termin bei einem Psychologen machtest. Das galt als ungeheuer dreist, denn die Ältesten waren der Ansicht, ein dahergelaufener Psychologe könne einem nicht helfen, stattdessen solle man sich, wenn es einem schlecht ging, stärker an Jehova Gott binden und ihn um Hilfe bitten. Doch Jehova hatte deine Gebete nicht erhört, und du versankst immer tiefer in dem Sumpf aus Depressionen, Angst und Verzweiflung, bis dir nichts anderes mehr übrig blieb, als dich den Anweisungen der Ältesten zu widersetzen, zum Psychologen zu gehen und ihm Gedichte vorzulesen.
IV
Mama-Wochenenden waren dramatisch und widersprüchlich. Ingvi und ich genossen und liebten diese Wochenenden und taten gleichzeitig alles, um sie zu verderben. Vom heutigen Standpunkt aus betrachtet ist es erschreckend, wie zerrissen unser Gefühlsleben damals gewesen sein muss. Wir befanden uns in einem bizarren Hassliebe-Verhältnis zu der kleinen Familie, die du mit Villi und Lilja in Breiðholt gegründet hattest.
Wir taten alles, um euch auseinanderzubringen, und ich erinnere mich an die vielen Wutanfälle, die wir Brüder während eines langersehnten Mama-Wochenendes beim geringsten Anlass bekamen. Mein Problem war vertrackt. Wenn ich mich fallen ließ und das Wochenende genoss, ging es mir anschließend schlechter. Dann war es viel schlimmer, wieder von dir wegzumüssen, als wenn Ingvi und ich verrückt spielten – im Alter zwischen sechs und zehn und acht und zwölf Jahren –, denn dann fühlte ich mich weniger abgelehnt, wenn Papa uns nach zwei Nächten in Breiðholt sonntags abholte. Unser zerstörerisches Verhalten war eine Art Schutz.
Rückblickend ist es schier unglaublich, mit welcher Gelassenheit Villi unsere Anfälle hinnahm. Er verlor nie die Geduld, dabei endete schon ein gemütlicher Abend beim Kartenspiel am Küchentisch regelmäßig damit, dass einer von uns – oder wir beide – wutentbrannt aufsprang und dich in Grund und Boden verfluchte.
„Ich hasse dich, du blöde Fotze!“, stand bei mir hoch im Kurs, seit ich dich nicht mehr Stinketrina anstatt Hulda Fríða nannte, wenn ich sauer war.
Wir Brüder waren an den Mama-Wochenenden manchmal wie besessen. Weißt du noch, als Ingvi aus dem fahrenden Auto sprang? Ich glaube, wir waren auf dem Weg zu einer Freundin von dir, als Ingvi plötzlich aus irgendeinem Grund, an den ich mich nicht mehr erinnere, ausflippte. Zum Glück fuhr das Auto nicht sehr schnell, denn Ingvi öffnete einfach die Beifahrertür und rollte sich auf die Straße.
„Hilfe!“, riefst du und machtest eine Vollbremsung.
Lilja und ich saßen hinten und wussten, dass wir erstmal nichts tun konnten. Ingvi war vier Jahre älter als ich und sechs Jahre älter als Lilja. Wir hatten beide keine Chance, wenn unser großer, wilder Bruder die Beherrschung verlor. Deshalb hielten wir die Luft an und warteten ab, bis sich der ganze Aufruhr legen würde. Lilja stand damals natürlich unter Dauerschock wegen uns Brüdern – wir waren die schlimmsten Rotzlöffel, mit denen sie jemals zu tun gehabt hatte.
„Ingvi! Ingvi!?“, kreischtest du, rissest die Fahrertür auf und ranntest los, um zu sehen, ob dein Erstgeborener noch lebte. Waren wir da nicht auf dem Weg zu deiner Freundin Linda? Doch, ich glaube, so war es. Wir waren auf der Jagd nach Neuigkeiten über Papa oder auf einem Ausflug, der speziell geplant war, damit Papa von ihm erfuhr. Deine Freundin Linda war nämlich mit Papas Jugendfreund Einar verheiratet, sie sind sogar immer noch ein Ehepaar, und wahrscheinlich dachtest du dir, Papa würde es erfahren, wenn wir die beiden besuchten. Wir Kinder waren oft nur Spielfiguren bei euren Schachzügen. Nichts war so, wie es schien, immer steckte etwas anderes dahinter, irgendein verborgener Zweck, ein Zeichen, das wir nie richtig zu deuten lernten. So warst du selbst auch aufgewachsen und kanntest es nicht anders.
Ich weiß noch, wie du zurück zum Auto kamst, zitternd wie Espenlaub, und Ingvi sich stinksauer auf den Beifahrersitz schmiss. Es schien ihm gut zu gehen, bis auf ein paar Schrammen, aber du weintest, als du den Motor wieder anließt. Du warst am Ende deiner Kräfte, aber du musstest trotzdem weitermachen, und du machtest weiter, du rastest weiter über die emotionale Achterbahn, aus der dein Leben bestand.
Dein ganzes Leben lang wurdest du gezielt niedergemacht, und es galt als völlig normal, dass es jetzt deine Aufgabe wäre, die Tobsuchtsanfälle und Kindereien deiner Söhne auszuhalten. Du warst von Natur aus unterwürfig und zerbrechlich, so zerbrechlich, dass es wahnsinnig wehtut, daran zu denken, dass wir Brüder dich auch schikaniert haben. Dabei waren wir weder erwachsene Männer wie Papa noch Älteste oder irre Alkoholiker wie unser Großvater. Wir besaßen keine Macht, waren nur klein und schmächtig wie du. Trotzdem hattest du in jenen Jahren große Angst vor uns, vor deinem schielenden Erstgeborenen und seinem kleinen, dauerkranken Bruder. Wem hätten wir jemals bedrohlich sein können?

Als ich zusagte, zu dir zum Essen zu kommen, und dann nicht hinging, war ich längst kein dauerkrankes Kind mehr. Ich war gerade sechzehn geworden und hatte Papa eröffnet, dass ich die Schule schmeißen und einen Job bei Plastos annehmen würde, wo Werbeslogans auf Plastiktüten gedruckt wurden. Ich kann mich nicht erinnern, dir davon erzählt zu haben, aber wir hatten damals auch kaum Kontakt. Es war kurz nach dem Jahreswechsel 1990-91, und ich war der festen Überzeugung, dass ich nur ein guter Schriftsteller werden könnte, wenn ich vorher Arbeiter gewesen wäre.
Allerdings hatte ich auch der französischen Fremdenlegion geschrieben und eine Broschüre bekommen, in der stand, man dürfe erst mit achtzehn eintreten. Ich wusste damals noch gar nicht, wer ich eigentlich war, und wäre nie selbst auf solche Ideen gekommen, hielt mich aber für besonders einfallsreich. Dabei war der meiste Quatsch auf Papas Mist gewachsen, der behauptete, Schriftsteller gehörten ins echte Leben, in die Schule des Lebens und nicht in einen Klassenraum. Er freute sich riesig, als ich ihm mitteilte, ich hätte die Schule geschmissen und einen Job in der Fabrik angenommen.
„Klasse! Total klasse!“, sagte er und eilte zum Kühlschrank, um Bier zu holen, das in Island seit zwanzig Monaten wieder erlaubt war.
Es war Löwenbräu, von dem alle isländischen Kleinbürger steif und fest behaupteten, es sei das beste Bier, das jemals gebraut worden war. Mit sechzehn war ich immer überglücklich, wenn Papa mir ein Bier anbot und wir zusammen tranken und über das Leben und die Literatur philosophierten.
„Es gibt keine bessere Vorbereitung für einen Schriftsteller, Mikki, als die Schule des Lebens. Jetzt beginnt die wahre Bildung“, faselte Papa und hob sein Glas, und wir stießen an, während unsere Blicke immer wieder zum Fernsehbildschirm wanderten, wo die Luftangriffe auf den Irak live übertragen wurden. Gut zehn Jahre später verfolgten wir wieder Gefechte im selben Land und machten uns dabei große Sorgen um meinen Halbbruder Bashir, der von der britischen Armee in den Irak geschickt worden war, um Aufstände in Basra niederzuschlagen. Doch zu dem Zeitpunkt, als ich das Gymnasium schmiss, war Bashir noch längst nicht achtzehn, lebte bei seiner Mutter in London und war noch kein Soldat.
Ich wusste damals nicht, wer ich war, Mama. Ich erinnere mich, dass ich in diesem Jahr meinen letzten Sommer als Hilfskraft auf einem Bauernhof verbrachte und an meinem sechzehnten Geburtstag draußen auf dem Feld arbeitete. Im Herbst meldete ich mich sofort auf dem Gymnasium an, fest entschlossen, das Abitur zu machen, doch in meinem Inneren war alles anders. Dieser letzte Sommer auf dem Hof Borgarholt in Biskupstungur hatte mich grundlegend verändert. In jenem Sommer wurde ich zu einer Leseratte und zog mich ganz in mich selbst zurück. Ich konnte schon immer gut allein sein, was vielleicht auf meine langen Krankenhausaufenthalte zurückzuführen ist, und Bücher eröffneten mir einen Weg, völlig in mir zu versinken. Ich glaube, in meinem letzten Sommer auf dem Land wurde ich zum Schriftsteller. Ein Schriftsteller ist immer zuerst ein Leser. Er lebt in einer Welt aus Texten und liest viel mehr, als er schreibt. Seine Welt entsteht in Büchern.
Letztens habe ich auf meinem Computer aufgeräumt und Fotos aus dieser Zeit gefunden, die ich irgendwann mal eingescannt hatte. Es sind Fotos, die Papa von mir und meinen Freunden gemacht hat, sturzbesoffen bei einer Party bei uns. Obwohl ich voller Energie war, für mich selbst sorgen konnte, wahnsinnig stolz auf meinen ersten richtigen Job war und die Schule des Lebens als meine Welt betrachtete, wirke ich auf den Fotos wie ein Kind. Ich versuchte, mich selbst davon zu überzeugen, dass ich dich nicht vermisste. Kein bisschen, im Gegenteil, ich redete mir sogar ein, unser zerrüttetes Verhältnis sei ein Geschenk des Himmels. Emotionales Chaos war die Stärke eines Schriftstellers, notwendiges geistiges Futter.

Wenn es etwas gibt, das wir schon immer gemeinsam hatten, Mama, dann ist es, dass wir arbeiten können, was vielen Isländern unfassbar wichtig ist. Besonders uns einfachen Leuten, die nie etwas anderes kannten als harte Arbeit. Schon als Kind hast du geputzt und deiner Mutter bei der Hausarbeit geholfen. Selbstverständlich wurde ich in den Sommerferien zum Arbeiten aufs Land geschickt und musste bei Papa und meiner Stiefmutter Dóróthea nach jeder Mahlzeit das Geschirr spülen und die Küche aufräumen.
Ich weiß noch, wie stolz ich damals darauf war, dass ich arbeiten konnte. Ich war kein Schwächling, auch wenn Papa und Ingvi das manchmal behaupteten und mich runtermachten, weil ich nicht so stark war wie sie. Vor allem als ich jünger war. Doch dann war ich plötzlich größer als Ingvi und bei einer richtigen Firma angestellt, dabei war er vier Jahre älter. Ich war sogar in der Gewerkschaft, stand morgens alleine um halb sieben auf und fuhr mit dem Bus zur Arbeit an den Stadtrand.
Natürlich war die Arbeit bei Plastos nicht so männlich wie zur See zu fahren, was Papa in meinem Alter gemacht hatte. Sie entsprach eher dir, Mama, denn dein erster richtiger Job als junge Frau war in der Druckerei Ísafold. Ingvi und Papa hielten jeden für ein Muttersöhnchen, der nicht unmittelbar nach der Konfirmation in See stach. Doch es sollten noch einige Jahre vergehen, bis ich zur See fuhr, nur eine Tour, um mir selbst und Papa und Ingvi zu beweisen, dass ich ein echter isländischer Mann war, der ins salzige Meerwasser gepisst hatte.
Papa wurde nicht müde, mir davon zu erzählen, wie er selbst mit vierzehn die Schule geschmissen hatte, um bei Großvater im Räucherschuppen zu arbeiten, und dann mit sechzehn auf einem Schiff angeheuert hatte. Und Großvater war sogar nur eine Woche in die Schule gegangen und hatte trotzdem Lesen und Schreiben gelernt. Später brachte er sich selbst das Dichten bei und schrieb Schmähgedichte auf den damaligen Bürgermeister Davíð Oddsson, hörte aber damit auf, als dieser Ministerpräsident wurde. Es schien ganz so, als wären seine Schmähgedichte umgekehrte Prophezeiungen. Jedes Mal, wenn Großvater ein Schmähgedicht auf Davíð und die Konservativen schrieb, gewann die Unabhängigkeitspartei an Boden. Dabei war es das Allerletzte, was wir wollten, die Macht der Konservativen in Island zu stärken, denn wir hielten uns für Kommunisten und Sozialisten, obwohl Papa als Arbeitgeber längst zum Bürgertum gehörte. Er war noch nicht einmal Gewerkschaftsmitglied wie Großvater und ich.
Du gabst natürlich nicht viel auf Schulbildung, als du bei den Zeugen Jehovas warst. Der Weltuntergang stand bevor, und Lernen war pure Zeitverschwendung. Papa stimmte dir in gewisser Weise zu und hatte eine Abneigung gegen Akademiker, lediglich die Berufsschule stand für ihn auf einem anderen Blatt, weil er selbst dort seine Friseurausbildung absolviert hatte. Deswegen hätte er es in Ordnung gefunden, wenn ich auf die Berufsschule gegangen wäre.
„Willst du nicht versuchen, bei Plastos einen Ausbildungsvertrag als Drucker zu bekommen?“, schlug Papa vor, nachdem der junge Arbeiter eine knappe Woche bei Plastos im Druckersaal gestanden hatte.
„Drucker zu werden interessiert mich nicht. Ich werde Schriftsteller“, antwortete ich vollmundig, doch Papa ließ sich nicht beirren.
„Ja, ja, kein guter Schriftsteller hat einen Uni-Abschluss. Es liegt in der Natur des Schriftstellers, gegen das herrschende System zu rebellieren“, entgegnete er väterlich.
Für Papa bedeutete das jedoch nicht unbedingt, dass jegliche Bildung schlecht war, und wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, ließ er nicht davon ab. Er leierte die Namen isländischer und ausländischer Schriftsteller herunter, die es in der Schule nicht weit gebracht hatten, gefolgt von einem langen Sermon über den Volksdichter Sigurður Breiðfjörð, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts einer der bekanntesten Verfasser von rímur, isländischen Reimgedichten. Der Vortrag begann immer mit denselben Worten: „Sigurður Breiðfjörð zum Beispiel war Fassbinder, Mikael.“
Dann dauerte es nicht mehr lange, bis er voller Überzeugung für den Wert von Berufsausbildungen für uns Angehörige der Arbeiterklasse plädierte. Mit sechzehn wusste ich absolut alles über den Fassbinder Sigurður Breiðfjörð. Papa und Opa vergötterten den Dichter, aber ich fand ihn nie besonders gut und bekam sogar Zweifel, ob es richtig gewesen war, von der Schule abzugehen, um Arbeiter und Schriftsteller zu werden. Jedenfalls wollte ich auf gar keinen Fall Fassbinder werden. Ich wollte wie Jack Kerouac und George Orwell oder Ernest Hemingway sein – Abenteurer, die durch die Schule des Lebens zu großartigen Schriftstellern wurden. Sigurður Breiðfjörðs größte Leistung waren die ‚Númarímur‘, inspiriert von einem schlechten französischen Roman, den er in dänischer Übersetzung gelesen hatte. Für mich war das nur typisch isländischer Langweilerkram, und ich lernte die Gedichte nie auswendig wie Papa und Opa. Besagter Númi aus dem Verszyklus war Soldat und schilderte Schlachten und den Krieg, was eigentlich faszinierend war, doch dem Autor gelang es in meinen Augen noch nicht einmal, das Soldatentum zum Leben zu erwecken. Trotzdem erinnere ich mich noch an einige Strophen:
Númi banget und erbleicht,
Númi ahnt was kommen wird,
Númi stürmt und Númi schleicht,
Númi bald von dannen irrt.
Heute habe ich natürlich mehr Respekt für diese Art von Verskunst, und es war gewiss eine große Leistung für den Fassbinder, diesen ewig langen Zyklus über Númi zu verfassen, während er sich gleichzeitig mit den Fässern abrackerte. Doch mit sechzehn verdrehte ich jedes Mal die Augen, wenn Papa einen Vers von Sigurður Breiðfjörð zitierte, denn ich hing die meiste Zeit in der Bücherei und las ‚Unterwegs‘ oder ‚Erledigt in Paris und London‘. Sigurður Breiðfjörð war nie in Paris oder London gewesen, hatte es aber immerhin bis Dänemark geschafft und dort Anfang des 19. Jahrhunderts das Böttcherhandwerk gelernt. Ach ja, und er war auch in Grönland. Gab es etwas Öderes? Natürlich hielt ich mit meiner Meinung nicht hinter dem Berg und stritt mich mit Papa, der behauptete, George Orwell sei ein englischer Aristokrat und Kolonialherr gewesen.
„Dann kannst du genauso gut behaupten, Marx und Engels waren Aristokraten“, erwiderte ich, und so zankten wir uns endlos weiter wie die besten Freunde.
Bitte entschuldige, Mama, dass ich immer wieder in den Modus verfalle, in einem Brief an dich über Papa zu schreiben. Aber ich glaube, du verstehst dieses außergewöhnliche Verhältnis zwischen Papa und mir und wie es in meinem Kopf mit unserer Beziehung verflochten ist. Als Kind und Jugendlicher wart ihr einfach nur meine Eltern, Mama und Papa, und gefühlsmäßig vermischtet ihr euch mitunter. Manchmal erlebte ich euch auch als unterschiedliche Individuen mit ihren jeweiligen Schwächen und Sehnsüchten, aber meistens war es schwierig, euch auseinanderzuhalten, obwohl ihr in verschiedenen Stadtteilen lebtet und wenig miteinander zu tun hattet. Du hattest häufig größeren Einfluss auf mich als Papa, obwohl du woanders warst und er immer da war. Das klingt widersprüchlich, ist es aber nicht.
Du erinnerst dich bestimmt, wie heftig wir uns zoffen konnten. Dabei war Papa Zeit seines Lebens immer mein bester Freund. Mir war vollkommen bewusst, dass er mich abgöttisch liebte, auch wenn er oft versuchte, mich umzustimmen, sich mit mir herumstritt und diskutierte, weil er mein Lehrer und Mentor sein wollte. Ich weiß, dass er sich dir gegenüber auch so verhielt. Aber ich war sein Traumsohn, Papas Liebling, und dich konnte er nicht ertragen und ließ dich das spüren. Mich behandelte er immer so, als wäre ich ein hochwohlgeborener Prinz. Wenn ich vor oder nach meiner Schicht bei Plastos zu Hause am Computer saß und an einer Kurzgeschichte arbeitete, blickte er mir über die Schulter, schwenkte sein Rotweinglas und las meine genialen Ergüsse laut vor. Es spielte keine Rolle, was für schlechte Texte ich produzierte – Papa lobte jeden einzelnen Satz, den ich in die Tastatur hämmerte, stets in den höchsten Tönen.
Manchmal schwang er auch große Reden, der alte Besserwisser, ich müsse die Figuren noch genauer ausarbeiten, das sei wichtig. Er erzählte, als ihr zusammenkamt und er noch zur See fuhr, habe er sich selbst mal als Schriftsteller versucht. Immer wenn er an Land war, schlüpfte er in seine Schriftsteller-Rolle, setzte sich in ein Café und kritzelte Personenbeschreibungen.
„Beschreib einfach das, was du siehst. Hab immer ein kleines Büchlein dabei und mach dir Notizen. Wenn du das übst, kannst du ein großartiger Schriftsteller werden“, erklärte Papa, und ich befolgte seinen Rat. Der gesamte erste Entwurf für dieses Buch steht in meinen Notizbüchern, die voller Erinnerungen sind.
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