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Michelle Harrrison

Eine Prise Magie

Aus dem Englischen von Mareike Weber


© Atrium Verlag AG, Imprint WooW Books, Zürich 2021

Alle Rechte vorbehalten

© Michelle Harrison 2019

Aus dem Englischen von Mareike Weber

Die Originalausgabe erschien 2019 unter dem Titel

A Pinch of Magic bei Simon & Schuster UK Ltd, London

Lektorat: Sophie Härtlin, Hamburg

Coverillustration: Melissa Castrillón

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages.

ISBN 978-3-96177-544-6

www.WooW-Books.de

www.instagram.com/woowbooks_verlag



In liebevoller Erinnerung an Elizabeth May Harrison, 1943–2017

Die kühnste, mutigste Betty, die es je gab.


Liebe Leser,

ist »Widdershins« nicht ein großartiges Wort? Ich bin darauf gestoßen, als ich alles Mögliche über Hexen recherchiert habe (für die Arbeit natürlich)! Es bedeutet, sich in die falsche Richtung bewegen oder gegen den Uhrzeigersinn, und es wird mit Unglück in Verbindung gebracht. Deshalb habe ich die Familie in diesem Buch so genannt.

Mithilfe dreier magischer Gegenstände machen sich die Widdershins-Schwestern Betty, Fliss und Charlie daran, einen tödlichen Familienfluch zu brechen. Doch werden die Gegenstände sie zu den Antworten führen, die sie brauchen, oder womöglich nur in weitere Gefahr?

Solange ich denken kann, haben mich Geschichten über verzauberte Gegenstände fasziniert. Ob es der Kamm ist, der in der Schneekönigin Gerdas Erinnerungen stiehlt, oder das Gemälde, das in Hexen hexen das kleine Mädchen gefangen hält – die Idee, dass alltägliche Gegenstände versteckte Kräfte haben können, macht Magie etwas greifbarer. Und in diesem Buch findet sich jede Menge Magie, zusammen mit einer Ratte namens Hopsi, einer Katze namens Pfui und einem Gefängnisausbruch, der überhaupt nicht nach Plan verläuft!

Ich hoffe, die Widdershins und die neblige Marsch von Krähenstein werden eure Fantasie genauso in den Bann ziehen wie meine. Folgt nur nicht den Irrlichtern …

Ein nebliges, magisches Leseerlebnis wünscht euch

Michelle Harrison

Prolog


Die Gefangene starrte aus dem Fenster. Es gab vier davon im Krähensteinturm, diesem hohen, steinernen Käfig, in dem man sie eingesperrt hatte.

Wenn sie hier stand und den Blick nach oben richtete, konnte sie so tun, als würden die Gefängnismauern darunter nicht existieren, als würde sie die Welt von einer Burg aus betrachten, oder vielleicht von einem Berg.

Doch heute hatte sie endgültig genug davon, sich vorzugaukeln, es wäre alles ein Traum oder jemand würde kommen, um sie zu retten. Das Mädchen schlang die Arme fester um seinen Körper, versuchte sich gegen den unbarmherzigen Wind zu schützen, der durch die offenen Fenster pfiff. Er roch nach der Marsch: brackig, mit einem Hauch von Fisch. Es war Ebbe, und vor ihr erstreckte sich eine endlose Schlicklandschaft. Dazwischen konnte sie Möwen erkennen, die an gestrandeten Fischen herumpickten, Büschel von Sumpfgras und ein verlassenes zerschelltes Ruderboot. Eine Locke ihrer langen rotbraunen Haare wehte ihr zwischen die Lippen. Sie zog sich die Strähne aus dem Mund, schmeckte Salz und beugte sich über den zerkratzten Steinsims, so weit sie es wagte.

Die Fenster hatten keine Gitter. Das brauchten sie auch nicht. Die Höhe des Turms war Abschreckung genug. Der Lärm der dort draußen kreisenden Krähen hörte nie auf. Am Anfang hatte sie in den Vögeln Freunde gesehen, die ihr mit ihrem Gekrächze Gesellschaft leisteten. Manchmal landete eine von ihnen auf dem Fenstersims. Pickte, lauerte, beäugte sie mit starrem Blick. Das Krächzen klang bald nicht mehr so freundlich. Vorwurfsvoll, spöttisch klang es. Moorhexe, schienen die Krähen mit den Stimmen der Dorfbewohner zu krächzen. Aus dem Moor kam sie, drei von uns fanden den Tod durch sie.

Sie hatte nie jemandem etwas zuleide tun wollen.

Die Kerben im Stein erstreckten sich über den ganzen Fenstersims, eine für jeden Tag, den sie gefangen gewesen war. Einst hatte sie gewusst, wie viele es waren, aber jetzt zählte sie nicht mehr.

Sie ging eine Runde durch das Turmzimmer und fuhr mit den Fingern über den Stein. Da waren noch weitere Kerben in der Maueroberfläche: einige zu zornigen Wörtern geformt, andere tiefe Furchen, wo sie Dinge gegen die Wand geworfen hatte. Sie hatte den Stein zum Bröckeln gebracht, doch befreien konnte sie sich nie.

Ein blasser roter Mond war gestern am Himmel erschienen und hatte unter den Wärtern für viel Gerede gesorgt. Es war immer ein schlechtes Omen, wenn der Mond bei Tageslicht zu sehen war, aber ein roter Mond war noch schlimmer. Ein roter Mond war ein Blutmond, ein Zeichen, dass Böses im Gange war.

Das Mädchen suchte die rauen Steine ab, bis sie die kleine Lücke im Mörtel fand, die sie entdeckt hatte, als sie noch nicht lange im Turm gewesen war und die Wände nach möglichen Trittlöchern abgetastet hatte. Als sie noch Hoffnungen gehabt hatte, fliehen zu können. In diesen Spalt hatte sie ein abgebrochenes Mauerstück geklemmt und vor den Gefängniswärtern versteckt. Der Mauerbrocken war zu klein, um als Waffe zu taugen, aber die Wärter würden ihn ihr mit Sicherheit wegnehmen, wenn sie davon wüssten.

Sie hebelte den Stein heraus und hielt ihn in der Hand. Sie erkannte ihre eigenen Finger kaum wieder. Ihre einst gebräunte Haut war dreckig und grau, ihre Nägel rissig. Sie nahm den Stein und kratzte damit auf der Wand, als würde sie mit Kreide schreiben. Sie schrieb ein einziges Wort: einen Namen … den Namen des Menschen, der ihr unrecht getan hatte. Mit jedem Buchstaben bündelte sie ihre dunklen Gedanken, bis sie den Stein aus ihren Fingern fallen ließ. Sie brauchte ihn nicht mehr. Dies war das Letzte, was sie schreiben würde.

Sie starrte hinüber nach Krähenstein. Zur Mittagsstunde sollte ein Boot sie über das Wasser bringen, zum Platz an der Wegkreuzung. Dort wurde in diesem Moment der Galgen aufgestellt. Es würde ihre erste und letzte Reise zur Hauptinsel sein. Ihre letzte Reise irgendwohin.

Dort würde sie hingerichtet werden.

Sie fragte sich, wie den Wärtern wohl bei dem Gedanken zumute war, eine vermeintliche Hexe über die Marsch zu transportieren. Natürlich würde man sie in Ketten legen, was Hexen angeblich wehrlos macht, aber selbst der furchtloseste Wärter würde ein mulmiges Gefühl haben, in ihrer Nähe zu sein, sobald sie nicht mehr im Turm war. Besonders, wenn ein Blutmond am Himmel stand.

Ihr Blick schweifte hinaus über die Marsch, wo alles begonnen hatte, auf einem kleinen Boot, in einer stürmischen Nacht. Als drei Menschen ihr Leben verloren hatten.

»Ich wollte nie jemandem etwas zuleide tun«, flüsterte sie. Ihre tauben Finger klammerten sich an den Fenstersims. Es stimmte, damals hatte sie niemandem etwas antun wollen, aber jetzt war Rache das Einzige, woran sie denken konnte.

Und Rache würde sie bekommen, auch wenn sie wusste, dass sie das nicht retten würde.

Kapitel 1

Süßes oder Saures

Der Tag, an dem Betty Widdershins von dem Familienfluch erfuhr, war ihr Geburtstag. Es war ihr dreizehnter, für manche eine Unglückszahl, aber Betty war zu vernünftig veranlagt, um an solchen abergläubischen Unsinn zu glauben, auch wenn sie damit aufgewachsen war.

Es war ein Samstagabend; da war immer viel los in der Gaststätte, die Bettys Zuhause war. Im Wildschütz trafen sich die Raufbolde der Insel Krähenstein. Die Gaststätte war schon seit Generationen im Besitz der Familie Widdershins. Jetzt gehörte sie ihrer Großmutter, die auch Betty hieß, aber von allen Granny oder Bunny genannt wurde, um Verwechslungen zu vermeiden. Sie wohnten dort mit Bettys Schwestern, Felicity (genannt Fliss), dem ältesten der Mädchen, und der sechsjährigen Charlotte, die nur auf »Charlie« reagierte.

Wie es der Zufall gewollt hatte, fiel Bettys Geburtstag außerdem auf Halloween. Als sie und Charlie in ihren wehenden Kostümen die Treppe hinunterstürmten, kamen sie sich ganz verwegen vor. Tatsächlich fühlte sich Betty in ihrer Verkleidung richtig wagemutig, und das war auch gut so, denn sie und Charlie waren kurz davor, das wichtigste Verbot ihrer Großmutter zu brechen. Nur, dass Charlie davon noch nichts wusste.

Als sie die Tür zur Bar aufrissen, drang warme, bierdunstige Luft durch die Löcher in Bettys Totenkopfmaske. Sie hob Grannys Lieblingshufeisen auf, das scheppernd auf den Boden gefallen war, und hängte es wieder über den Türrahmen. Charlie stieß zur Begrüßung ihr bestes Hexengekicher aus und schwang ihren Umhang. Sie schnappte sich Grannys Besen aus der Ecke und begann, um die verschrammten Tische und zusammengewürfelten Stühle herumzutanzen und zu singen, während ihre Augen aus ihrem grün geschminkten Gesicht hervorblitzten.

»Süßes oder Saures … das Moor ist neblig, der Zucker ist klebrig!« Sie drehte sich und hopste wie ein Kobold, während die Stammgäste sie amüsiert beobachteten.

»Pass auf, Charlie!«, rief Betty und sah den herumwirbelnden Umhang ihrer Schwester schon im Kamin Feuer fangen. Sie selbst hatte vorhin das Feuer angezündet, nachdem sie und Charlie Kürbislaternen geschnitzt hatten. Sie zupfte ihren langen schwarzen Mantel zurecht und winkte ungeduldig zur Bar hinüber, wo Granny gerade den Tresen abwischte.

»Wir gehen jetzt los, Granny«, sagte sie und war froh, dass ihr Gesicht unter der Maske verborgen war. Sie hatte diesen Abend seit Wochen geplant und dabei nichts als Aufregung empfunden, aber jetzt, wo es so weit war, den Plan in die Tat umzusetzen, konnte sie ihre eigene Ungehorsamkeit kaum fassen. Sie hoffte, ihre Großmutter würde das Zittern in ihrer Stimme der Aufregung zuschreiben und nicht dem Muffensausen, das in ihrem Innern herumschwirrte wie ein Schwarm Sumpffliegen.

Granny stampfte mit schwerem Schritt auf sie zu. Sie stampfte überall hin, statt zu gehen, knallte Türen, statt sie zu schließen, und brüllte meistens, statt zu sprechen.

»Schnorren gehen wollt ihr?«, rief sie und pustete sich das graue Haar aus der Stirn.

»Das ist kein Schnorren«, korrigierte Betty sie. »An Halloween machen das doch alle.«

»Pah!«, machte Granny. »Ich weiß sehr gut, was alle machen, vielen Dank. Und für mich ist das Schnorren, wenn ihr euch doch hier nützlich machen könntet.«

»Ich hab mich den ganzen Tag nützlich gemacht«, murmelte Betty schnippisch. Ihr wurde heiß unter der Maske, und ihre struppigen Haare kitzelten sie am Hals. »So viel zum Thema Geburtstag.«

Granny schnaubte. Geburtstag hin oder her, alle Widdershins mussten in der Gaststätte mit anpacken, sogar Charlie.

»Ihr geht nur einmal um den Park herum«, befahl Granny. »Weiter nicht, hört ihr? Und spätestens zum Abendbrot –«

»Sind wir zurück«, beendete Betty den Satz. »Ich weiß.«

»Nun, dann haltet euch auch daran – vergesst nicht, was letztes Jahr passiert ist.« Grannys Stimme wurde sanfter. »Und nachher gibt es Geburtstagskuchen.«

»Oooh!«, rief Charlie und unterbrach bei der Erwähnung von Essen ihren Koboldtanz.

Als Granny an die Bar gerufen wurde, um einen Gast zu bedienen, warf Betty einen Blick zu Fliss.

»Bist du sicher, dass du nicht mitkommen willst?«, fragte Betty mit einem flehenden Tonfall in der Stimme. Es hatte immer so viel Spaß gemacht, wenn sie sich alle drei an Halloween verkleidet hatten. »Ohne dich ist es nicht das Gleiche.«

Fliss schüttelte den Kopf und warf ihr dunkles, glänzendes Haar über die Schultern. Auf ihrer perfekten Stupsnase war ein kleiner Klecks grüner Farbe zu erkennen, mit der sie Charlies Gesicht geschminkt hatte. »Ich bin zu alt für so was. Außerdem werde ich hier gebraucht.«

»Vielleicht willst du es ja nur nicht verpassen, wenn Will Turner vorbeikommt?«, witzelte Betty. »Oder ist es diese Woche Jack Humble? Wer bekommt den nächsten Fliss-Kuss? Ich komm nicht mehr hinterher, Flissy-Kissy.«

Fliss funkelte sie wütend an. »Ich hab dir doch gesagt, dass du mich nicht so nennen sollst!«

Betty verdrehte die Augen und beschloss, den Farbklecks auf der Nase ihrer Schwester nicht zu erwähnen. Seit ihrem Geburtstag war Fliss nicht mehr sie selbst. Sie war schweigsam, manchmal auch launisch und verschloss sich, sobald Betty fragte, was sie bedrückte.

»Betty?«, sagte Fliss mit einem wachsamen Blick zu Granny. »Ihr bleibt wirklich beim Park, nicht wahr?«

Betty verzog unter ihrer Maske das Gesicht. Sie kreuzte unter den Falten ihres Mantels die Finger und flunkerte: »Ja, wir bleiben beim Park.«

Fliss blickte mit undurchdringlicher Miene an Betty vorbei zum Fenster. »Es ist ohnehin besser, wenn ihr in der Nähe bleibt. Sieht etwas neblig aus da draußen. Eine Fähre über die Marsch zu nehmen könnte gefährlich sein.« Sie wandte sich ab, als ein hochnäsiger Stammgast namens Queenie ungeduldig auf den Tresen klopfte.

Betty sah ihrer Schwester nach und verdrehte die Augen. »Dies dürft ihr nicht, das könnt ihr nicht«, murmelte sie. Was war nur seit ihrem Geburtstag mit Fliss passiert? Sicher, sie war so eitel wie immer und starrte oft gedankenverloren in einen alten Meerjungfrau-Spiegel, den Granny ihr geschenkt hatte, aber all ihre Heiterkeit war mit den Kerzen auf ihrem Kuchen weggepustet worden. Im Grunde klang sie allmählich genau wie Granny.

Betty hatte das Gefühl, dass ihr Leben im Wildschütz ein Korsett war, das sie mehr und mehr einzwängte. An der einen Schnur zog Granny, und an der anderen zerrte jetzt Fliss, sodass sie kaum noch Luft bekam. Heute Abend war Betty entschlossen, diese Schnüre zu kappen, wenn auch nur für eine kurze Weile.

Sie rief nach Charlie, die ein paar Gäste beim Domino-Spiel unterbrochen hatte, um ihnen stolz die Lücke zu zeigen, wo ihr Schneidezahn herausgefallen war. Gemeinsam bahnten sich die beiden ihren Weg zur Tür, vorbei an Tischen mit Gesichtern, die Betty so vertraut waren wie ihr eigenes. Sie waren schon fast an der Tür, als sich Charlies Fuß in Bettys Mantel verfing. Sie stolperte und fiel gegen einen Tisch, an dem ein griesgrämiger Kerl namens Fingerty saß. Er stieß einen unfreundlichen Laut aus, irgendetwas zwischen einem Grunzen und einem Knurren, und machte ein mürrisches Gesicht, als das Bier in seinem Glas schwappte.

»’tschuldigung«, murmelte Betty und hastete an ihm vorbei.

Eiskalte Luft strich um ihre Knöchel, als sie sich an weiteren Gästen vorbeidrängten, die in die Gaststätte strömten. Dann waren sie draußen in der frostigen Nacht. Aber, ach – was für eine Nacht … Freiheit! Zumindest, sobald sie in ein paar Minuten auf der Fähre sitzen würden. Betty jubelte innerlich. Sie zitterte vor Erwartung ebenso wie vor Kälte. Aber sie spürte auch einen Anflug von Angst. Fliss hatte recht: Es sah tatsächlich etwas neblig aus hier draußen. Soweit Betty wusste (denn das hatte sie überprüft), war kein Nebel vorhergesagt. Doch sie wusste auch, dass die Marsch unberechenbar war und dass die Vorhersagen manchmal falsch waren.

Charlie störte die Kälte nicht. Sie stieß weiße Atemwölkchen aus, während sie vorausrannte und mit ihrem kleinen Hexenkessel schlenkerte, in dem sie Süßigkeiten sammeln wollte. Betty eilte ihr nach und ließ ihren Blick die Straße entlangschweifen. Ein paar weitere kostümierte Kinder gingen von Haus zu Haus, und sie zählte fünf Kürbisse, die auf den Türschwellen leuchteten. Die meisten Häuser am Nestleinpark jedoch lagen im Dunkeln. Viele Leute hatten keinerlei Bedürfnis, sich von maskierten Fremden stören zu lassen – aus gutem Grund.

Im letzten Jahr hatte der Halloween-Spaß ein plötzliches Ende gefunden, als die Glocke von Krähenstein zu läuten begann. Es war ein Warnsignal und bedeutete, dass auf der anderen Seite der Marsch der Alarm im Gefängnis ausgelöst worden war. Die »Süßes oder Saures«-Rufe waren verstummt, und stattdessen schrien alle »Gefangene auf freiem Fuß! Geht alle ins Haus und schließt eure Türen!«. Betty und ihre Schwestern waren zurück zur Gaststätte gerannt und hatten oben in Bettys Zimmer ihre Nasen am Fenster platt gedrückt. Während Fliss nervös an den Nägeln kaute und Charlie den entgangenen Süßigkeiten nachtrauerte, war Betty ganz zappelig vor Aufregung gewesen und hatte im Stillen gehofft, dass die Gefangenen erst in ein paar Tagen gefasst würden, nur damit auf Krähenstein einmal etwas los wäre. Ausbrüche waren selten, und wenn man wie sie im Schatten des Gefängnisses aufwuchs, konnte man fast vergessen, wie nah es war – und wie gefährlich es sein konnte. Die Mädchen hatten aus dem Fenster geguckt und gewartet, aber abgesehen von zwei Gefängniswärtern, die mit Laternen die Straßen absuchten, sahen sie niemanden. Beim Frühstück war die Aufregung bereits vorbei, denn sie hatten gehört, dass die Verbrecher in der Marsch gefasst worden waren. Betty hatte solche Fluchtgeschichten schon immer mit Interesse verfolgt, manchmal fühlte sie sich nämlich selbst wie eine Gefangene. Unglücklicherweise hatte der Vorfall der ausgebrochenen Häftlinge Granny nur einen weiteren Vorwand geliefert, den Mädchen jedes Herumstromern zu verbieten.

Betty riss sich aus ihren Erinnerungen und warf einen Blick zurück zum Wildschütz. Fliss hatte das Gebäude einmal als müde alte Brieftaube beschrieben, mit losen Dachziegeln und klappernden Fensterläden, die herunterhingen wie zerrupfte Federn. So hockte das Haus am Rande des Parks, seine verwitterten Ziegelsteine ein Flickwerk der vielen Jahre. Es war, als hätte die Zeit dem Haus einen Ellbogenstoß versetzt, und jetzt neigte sich das ganze Gebäude wie betrunken zur Seite. Aus den Fenstern leuchtete bernsteinfarben das Licht, unterbrochen von Gestalten, die drinnen umherhuschten, und ein paar Hühnergöttern und anderen Glücksbringern, die Granny aufgehängt hatte. Niemand war draußen, niemand ahnte etwas.

Gut. Die Möglichkeit, von einer wutentbrannten Granny zurück nach Hause gezerrt zu werden, war beängstigend und erniedrigend zugleich. Sicher, Granny hatte ein übellauniges Temperament, aber es waren die Konsequenzen, vor denen Betty am meisten Angst hatte. Wenn Granny herausfände, was sie geplant hatte, würde sie Betty nie wieder allein mit Charlie aus dem Haus lassen … und jede Chance auf ein Abenteuer wäre dahin. Die Riemen des Korsetts würden nur noch fester gezurrt werden und ihr die Luft endgültig abschnüren.

Schon hatte Charlie an der ersten Haustür geklopft und trällerte »Süßes oder Saures!«. Die ersten Gaben wurden in ihren Hexenkessel geworfen. Charlie hüpfte zurück zu Betty, während sie eine klebrige Karamellkrähe von Hubbard auspackte, dem Süßigkeitenladen. »Hast du denn gar nichts mitgebracht, wo du deine Süßigkeiten reintun kannst?«

»Nee, ich schnapp mir einfach ein paar von dir«, sagte Betty und fingerte in Charlies Hexenkessel herum, bis sie ihr Lieblingskonfekt fand: eine Marschwaffel. Eine Wolke von Puderzucker stieg auf, während sie sich die Waffel in den Mund stopfte und durch die knusprige Hülle in das schaumige Innere biss. Sie warf einen Blick auf die Turmuhr, als sie sich der alten Feldsteinkirche näherten. Noch sieben Minuten. Unter der Maske prickelte der Schweiß auf ihren Schläfen, und ihr Puls begann zu rasen. Wir dürfen nicht erwischt werden … nicht jetzt, wo wir so nah dran sind. Mit einem weiteren Blick zurück zur Gaststätte griff sie nach Charlies Ärmel und zog sie ungeduldig die Gasse hinunter. »Hier entlang. Ich hab eine Überraschung für dich.«

»Eine Überraschung?« Charlie sah mit großen Augen zu ihr auf. »Aber du hast Granny doch gesagt, dass wir in der Nähe bleiben. Du hast gesagt –«

»Ich weiß, was ich gesagt hab.« Betty lotste Charlie die Straße hinunter. »Aber du und ich gehen jetzt gleich auf ein kleines Abenteuer. Es ist ein Geheimnis, das du für dich behalten musst. Kannst du das?«

Charlie hörte auf zu kauen und nickte ihr mit einem schelmischen, zahnlückigen Grinsen zu. Ihre Zöpfe hüpften auf und ab. »Was denn für ein Abenteuer?«

»Wir wollen nach Marschweiler.«

»Heiliger Krähenfuß!« Charlies große grüne Augen wirkten auf einmal noch riesiger. »Marschweiler? Aber da … da muss man doch auf die Fähre!«

»Ganz genau.« Betty befühlte ihre Jackentasche. Sie spürte das Gewicht der drei Münzen. Wochen hatte sie gebraucht, um das Geld für die Hin- und Rückfahrt zusammenzukratzen, zum Preis von einem silbernen Raben für jeden. Dazu hatte sie die kleine Summe Taschengeld gespart, die Granny ihnen zugestand, und alles zur Seite gelegt, was sie fand, wenn sie in der Gaststätte den Fußboden kehrte. Sie hatte heimlich jede Münze gesammelt: ob nun Krähen oder Federn. Schließlich hatte sie den Fahrpreis zusammengehabt, und jetzt, da Fliss nicht mitkam, war sogar noch Geld übrig.

»Aber Betty, wir werden bestimmt erwischt!«

»Diesmal nicht.«

»Das sagst du immer, bevor etwas schiefgeht.«

Da hatte Charlie nicht ganz unrecht, aber Betty ließ sich nicht von ihrem Plan abbringen.

»Ich habe das alles durchdacht.« Sie war sich ihrer Sache so sicher, dass sie sogar ein neues Motto erfunden hatte, aber das behielt sie noch für sich.

»Was, wenn Granny das rausfindet?«, flüsterte Charlie, halb freudig und halb ängstlich. »Dann können wir aber was erleben!«

»Sie wird es nicht rausfinden«, sagte Betty. »Warum, meinst du, habe ich mir den heutigen Abend ausgesucht? Alle werden verkleidet sein oder Masken tragen. Das ist doch perfekt! Wenn uns niemand erkennt, kann uns auch niemand bei Granny verpfeifen.«

»Und was gibt es in Marschweiler?«, fragte Charlie. »Größere Häuser? Mehr Süßigkeiten?«

»Besser als das.« Betty scheuchte Charlie weiter die dunkle Gasse hinunter. »Da ist ein Jahrmarkt. Spiele wie Apfeltauchen, Seelenbrot und andere Leckereien und ein Preis für das beste Kostüm … und Zuckerwatte!« Und ein Abenteuer, fügte sie in Gedanken trotzig hinzu. Es war ihr egal, wohin sie sich davonmachten – Hauptsache, sie kamen raus aus Krähenstein. Marschweiler war weit genug entfernt, um ihre Lust auf Neues und Abenteuer zu befriedigen, und gleichzeitig nah genug, um ungeschoren davonzukommen. Sich jetzt heimlich ins Unbekannte aufzumachen fühlte sich an, als hätte sie ihr Leben lang einen Juckreiz gehabt und dürfte endlich kratzen.

»Zuckerwatte!«, sagte Charlie atemlos. Seit sie ihren Schneidezahn verloren hatte, klang ihre süße Stimme leicht lispelnd. Sie schob ihre heiße, klebrige Hand in Bettys. »Aber es ist so weit weg. Was, wenn wir es nicht rechtzeitig zum Kuchenessen zurückschaffen?«

»Bis dahin sind wir allemal zurück«, sagte Betty. »Ich hab alles durchgeplant. Und meinen Geburtstagskuchen werden sie bestimmt nicht ohne mich essen! Aber jetzt beeil dich – wir haben nur noch ein paar Minuten, bis die Fähre ablegt.«

Sie huschten weiter die Gasse hinunter und bogen um die Ecke. Unter ihrer Maske grinste Betty triumphierend. Ihr Herz schlug wild. Sie würden es wirklich tun! Sie würden endlich zu sehen bekommen, wie das Leben außerhalb Krähensteins aussah, und das war alles ihr zu verdanken.

Betty lockerte ihren Mantelkragen, und sie fingen an zu rennen. Neben ihr zählte Charlie die Kürbisse und Laternen in den Fenstern und zeigte auf einen Kürbis vor der Schule, den sie gestern geschnitzt hatte. Die Lichter begleiteten sie durch die kopfsteingepflasterten Straßen wie Geister, die sie zur Marsch führten.

Hier gab es immer weniger Häuser, und bald kam die Wegkreuzung in Sicht, wo gar keine Häuser mehr standen. Stattdessen waren in einiger Entfernung auf der anderen Seite der Marsch mehrere Reihen winziger Kerkerfenster zu sehen, die wie wachsame Augen in der Dunkelheit leuchteten. Noch weiter oben flackerte ein anderes Licht in einem allein stehenden Turm, der den Rest des Gebäudes überragte.

Charlie verlangsamte ihren Schritt, und sie traten zur Seite, um ein paar Leute vorbeizulassen, die zur Fähre eilten. »Wie lange ist Vater jetzt schon da drinnen?«, fragte sie.

»Charlie!«, schimpfte Betty und hoffte, dass die Leute vor ihnen nichts gehört hatten. Sie senkte die Stimme. »Zwei Jahre und acht Monate.« Sie ging in Gedanken die Daten durch und sagte nach einer Pause: »Und vier Tage.«

»Und wie lange noch, bis er rauskommt?«

Betty seufzte. Wie immer löste der Gedanke an ihren Vater eine Mischung von Gefühlen in ihr aus: Traurigkeit, Wut, Enttäuschung. Ähnlich wie der Tod ihrer Mutter hatte seine Abwesenheit Betty und Fliss härter getroffen als Charlie. Auch wenn Barney Widdershins ein – um mit Grannys Worten zu sprechen – armseliger Nichtsnutz war, konnte Betty nicht anders, als eine gewisse Loyalität ihm gegenüber zu empfinden, obwohl er kein guter Vater war. »Zwei Jahre, drei Monate und sechsundzwanzig Tage«, antwortete Betty schließlich.

»Warum flüsterst du?«, fragte Charlie. Sie war erst drei gewesen, als sie ihren Vater festnahmen, und da sie seitdem keinen Kontakt zu ihm gehabt hatte, empfand sie keine besondere Bindung, sondern einfach nur Neugier. »Du sagst doch immer zu Fliss, es gibt keinen Grund, sich zu scharnieren, weil er im Gefängnis sitzt.«

»Genieren«, korrigierte Betty sie. Wenn sie irgendwo anders wohnten, würde sie sich dafür schämen, aber nicht hier. Schließlich war nahezu jeder, der in der Nähe des Gefängnisses wohnte, mit jemandem dort drinnen verwandt. »Das stimmt schon. Aber hör auf, über persönliches Zeug zu plappern, wenn wir nicht erkannt werden wollen. Man weiß nie, wer zuhört. Und jetzt nimm die Beine in die Hand, die Fähre wartet schon.«

»Oh!« Charlie grinste und zog ihren Hexenhut tiefer ins Gesicht. Es machte ihr sichtlich Spaß, etwas auszuhecken.

Betty rannte voraus, die hüpfende Charlie im Schlepptau, den Blick auf das Gefängnis geheftet. Welche Zelle wohl die ihres Vaters war? Es war unmöglich, das von hier zu erkennen. Häftlinge wurden oft verlegt. Er war vielleicht nicht einmal mehr in derselben Zelle, woher sollte Betty das wissen. Es war sechs Monate her, dass Granny Fliss und Betty zuletzt zu einem Besuch mitgenommen hatte. Angeblich hatte ihr Vater behauptet, er fühle sich zu elend und schäme sich zu sehr, um seinen Töchtern unter die Augen zu treten oder wenigstens auf ihre Briefe zu antworten.

Bettys Blick verfinsterte sich. Das hätte er sich mal überlegen sollen, bevor er sich einbuchten ließ. Sie warf dem Gefängnis einen letzten zornigen Blick zu und wandte sich entschlossen ab. Sie würde es nicht zulassen, dass ihr Vater ihr diesen Abend verdarb, so, wie er alles andere verdorben hatte. Sie rannten die letzten Schritte bis zum Anleger. Offensichtlich gab es keine Nebelwarnung, denn der Fährmann schien sich nicht an den feinen Schwaden zu stören, die um das Boot waberten. An Bord saßen schon eine Handvoll kostümierter Leute, die offenbar auch zum Halloween-Jahrmarkt wollten. Betty bezahlte das Fahrgeld und quetschte sich dann auf den schmalen Sitz neben Charlie.

Glücklich blickte sie den Weg zurück. Waren sie wirklich unbemerkt und ohne weitere Schwierigkeiten davongekommen? Trotzdem wippte sie ungeduldig mit dem Fuß, bis der Fährmann das Boot abstieß, und dann glitten sie auch schon über das Wasser.

»Dem Wagemutigen winkt das Abenteuer!«, flüsterte Betty aufgeregt. Sie hatte sich schon den ganzen Tag darauf gefreut, ihr neues Motto laut auszusprechen.

Charlie beeindruckte das wenig. »Was meinst du, welche Farbe hat die Zuckerwatte?«

»Grün vielleicht, oder orange …«, antwortete Betty gedankenverloren. Sie starrte zurück zum Ufer. Ein Stück vom Fähranleger entfernt war der Hafen. Irgendwo zwischen den anderen Booten lag ihr eigenes, ein zusammengezimmertes Gebilde aus morschem Holz. Ihr Vater hatte es bei einer Wette gewonnen und seitdem immer wieder vorgehabt, es auszubessern und wieder seetauglich zu machen – ohne Erfolg. Vielleicht würde er das nie auf die Reihe bekommen. Doch in diesem Moment war es Betty egal. Sie brauchte ihren Vater oder sein Boot nicht, um Abenteuer zu erleben. Hier, auf dem Wasser, in der Nacht, war sie nicht mehr nur die mittlere Widdershins-Schwester: plump und unattraktiv gegenüber Fliss mit ihrer Schönheit und ihrem Charme, und zu vernünftig im Vergleich zur niedlichen, verschmitzten Charlie. Hier war sie Betty, die Kühne; Betty, die Abenteurerin! Sie konnte machen, was sie wollte, sie konnte gehen, wohin sie wollte!

Alles sah jetzt anders aus, gruseliger und geheimnisvoller, und in der Ferne konnte sie seltsame flackernde Lichter sehen, wie magische Leuchtkugeln, die über der Wasseroberfläche schwebten. Die Leute nannten sie Irrwische. Manche sagten, es wären die Seelen derer, die in der Marsch umgekommen waren, andere hielten sie für boshafte Wassergeister, die versuchten, Reisende auf Irrwege zu führen.

Sie starrte hinüber zum Gefängnis. Die Festung befand sich auf der Insel der Sühne, einer der drei nahe gelegenen Inseln in der Marsch; dort würden sie zuerst vorbeikommen. Die zweite, kleinere Insel war bekannt als Insel der Klagen, wo alle Toten Krähensteins begraben waren. Betty war nur zweimal dort gewesen, zuletzt als ihre Mutter kurz nach Charlies Geburt gestorben war. Eine tiefe Traurigkeit überkam sie, als sie daran zurückdachte. Eine Wunde, die noch immer nicht verheilt war.

Die letzte der Inseln hieß Insel der Qualen. Sie war unzugänglich für jene, die auf der Hauptinsel lebten. Die Bewohner dieser Insel waren Verbannte: Menschen, die aus dem Gefängnis entlassen worden waren, aber noch ihre Strafe verbüßten, indem man sie nicht auf das Festland zurückkehren ließ. Oder jene, deren Verbrechen nicht schwerwiegend genug waren, um eine Haftstrafe zu fordern, aber ernst genug, um eine Verbannung zu rechtfertigen. Zusammen wurden die drei kleineren Inseln als Inseln des Jammers bezeichnet und gehörten zu Krähenstein. Neben der Hauptinsel waren diese Inseln alles, was die Mädchen je kennengelernt hatten – niemals war eine von ihnen weiter gereist.

Heute Abend, nach all der Zeit der Sehnsucht, würde sich das ändern. Es war ihr Geburtstagsgeschenk an sich selbst, hatte Betty beschlossen. Ein Schritt in die Richtung des Lebens, das sie wollte, ein Leben voller Möglichkeiten und Abenteuer; eines, in dem sie keinen Kohlestaub mehr unter den Fingernägeln hätte, sondern goldenen Sand.

Das Boot war noch nicht weit gefahren, als Betty merkte, dass etwas vor sich ging. Der berüchtigte Nebel der Marsch machte seinem Ruf alle Ehre: Die Gefängnislichter waren verschwunden. Stattdessen konnte man nur noch dichten grauen Dunst sehen. Der wabernde Nebel strich um sie herum und fuhr ihnen in die Knochen. Bettys Kopfhaut fing vor Angst an zu kribbeln. Eine Mutter, die ihnen gegenübersaß, zog ihren kleinen Sohn näher an sich heran und murmelte beunruhigt vor sich hin.

»Betty?« Charlie zupfte sie am Ärmel. »Was, wenn das Boot sich verirrt oder wir nachher den Weg zurück nicht finden können …«

Betty schluckte. Granny hatte über die Jahre viele Ausreden gehabt, sich mit den Mädchen nicht weit von zu Hause wegzubewegen, und jetzt schossen ihr all diese Ermahnungen wieder in den Kopf. »Wir könnten die Fähre zurück verpassen … in der Marsch sind schon viele Boote auf Felsen gelaufen und gesunken … man munkelt, dass es in dieser Gegend noch Sklavenhändler gibt, die nur darauf warten, Menschen zu entführen und zu verkaufen …« Plötzlich fühlte sich Betty gar nicht mehr so scharfsinnig oder mutig, sondern ziemlich töricht und ängstlich.

»Man sieht ja kaum noch was!«, rief die Frau mit dem kleinen Jungen dem Fährmann zu.

»Stimmt«, grunzte er. »Is’ vielleicht nur ein kleines Nebelfeld. Doch wenn’s nicht gleich aufklart, müssen wir umkehren.«

Charlies Unterlippe begann zu zittern. »A-aber meine Zuckerwatte …«

Betty antwortete nicht. Sie versuchte krampfhaft, ruhig zu bleiben, ihrer Schwester zuliebe. Vielleicht war Granny gar nicht übervorsichtig gewesen. Vielleicht hatte sie recht gehabt, sich zu fürchten …

Beängstigend schnell wurde das Boot von dichtem Nebel eingehüllt, und die Temperatur fiel nun merklich. Das war kein kleines Nebelfeld. Sie waren vollkommen von undurchsichtigem Dunst umgeben. Der Fährmann hörte auf zu rudern und hob seine Laterne. Betty spürte, wie Charlies kleine Hände nach ihr griffen. Sie legte ihrer Schwester einen Arm um die Schultern und hob die andere Hand vor ihr Gesicht. Ihre Finger berührten schon fast ihre Nase, als sie die Hand endlich sehen konnte.

Da erschütterte ein dumpfer Schlag das Boot. Die Leute hielten vor Angst den Atem an, und einige schrien, als das Boot gefährlich ins Wanken geriet.

»Was war das?« Charlies Stimme klang schrill vor Angst. Ihre Finger gruben sich schmerzhaft in Bettys Arm.

»Ich weiß nicht!«, stieß Betty aus und klammerte sich am Bootsrand fest. Eiskaltes Wasser schwappte bis zu ihrem Ellbogen. »Vielleicht sind wir gegen einen Felsen gestoßen?«

»Ich will nach Hause!«, jammerte Charlie. Kein Gedanke mehr an Zuckerwatte.

Das Boot schwankte noch einmal, und plötzlich baute sich eine vertraute Gestalt über den Mädchen auf. Betty stieß einen überraschten Laut aus, als ein Gesicht dicht vor ihrem auftauchte und sie fast mit der Nase anstieß.

»Gut!«, sagte Granny. »Denn genau dort geht es jetzt hin: nach Hause!«

Kapitel 2

Gefangene

Für einen Moment saß Betty vor Schreck und Verwirrung stocksteif da. Auch Charlie neben ihr rührte sich nicht und klammerte sich an Bettys Arm.

Granny war nicht an Bord gewesen, als das Boot abgelegt hatte, davon war Betty überzeugt – aber jetzt bekam sie Zweifel. Konnte es sein, dass Granny sich verkleidet hatte? Sonst hätte sie doch wohl nicht an Bord kommen können, ohne dass die Mädchen sie bemerkt hätten … aber warum hätte sie dann überhaupt zugelassen, dass die Fähre mit ihnen ablegte? Das ergab doch keinen Sinn.

»Granny?«, flüsterte Betty fassungslos. Sie wollte es noch nicht glauben, doch sie wusste schon, was das bedeutete. Jedes Fünkchen Hoffnung auf zukünftige Freiheiten war erloschen und so unmöglich geworden, wie den wabernden Nebel zu erhaschen. »Wie bist du … wo bist du hergekommen?«

»Das lasst mal meine Sache sein!« Granny starrte mit finsterem Blick auf sie herab. Sie sah beinahe wie eine Verrückte aus mit ihrem wirren grauen Haar, das sich aus dem Knoten gelöst hatte, ihrem schäbigen Mantel, dem Schultertuch und den abgetragenen Gummistiefeln. Und zu all dem hatte Granny noch diese hässliche alte Reisetasche mitgebracht, die sie ständig mit sich herumschleppte, auch wenn kein Mensch wusste, warum. Betty war auf einmal dankbar für den Nebel. Immerhin war er eine Schutzwand gegen neugierige Blicke. Kein Zweifel: Das Einzige, was ihrem Wagemut nun winkte, waren Peinlichkeit und Verwirrung, nicht Abenteuer. Sie brauchte ein neues Motto.

»Steuern Sie dieses Boot zurück!«, befahl Granny. »Wir steigen aus!«

»Das versuche ich ja schon«, blaffte der Fährmann, ohne den Blick von der Kompassrose abzuwenden, über die er sich gebeugt hatte.

Die Blicke der anderen Passagiere huschten über Grannys seltsame Erscheinung oder das, was sie davon erkennen konnten. Sie blinzelten, als versuchten sie herauszufinden, welche Art von Halloween-Kostüm es wohl sein sollte. Betty verzog das Gesicht.

»Beeilung, bitte!«, wiederholte Granny laut. »Dies ist kein Ort für Kinder!«

»Na, Sie ha’m se doch selbst hergebracht!«, sagte der Fährmann unmutig. Dann runzelte er die Stirn. »Obwohl, wenn ich’s mir recht überlege, ich hab Sie gar nich’ an Bord kommen seh’n …«

»Unsinn. Ich war die ganze Zeit hier!«

Aber das kann nicht stimmen!, dachte Betty verwirrt. Sonst hätte Granny sicher schon früher etwas gesagt. Sie unterdrückte ein mürrisches Knurren. Der ganze Aufwand, die ganze Heimlichtuerei – für nichts und wieder nichts! Sie fühlte sich überhaupt nicht mehr wie eine große Abenteurerin. Sie fühlte sich wie ein dummes kleines Mädchen. Und das Schlimmste daran war: Sie war sogar ein winziges bisschen erleichtert, denn vor Grannys Auftauchen hatte sie in all dem Nebel richtig Angst gehabt.

»Aber Granny«, wisperte Charlie. »Du warst nicht hier!«

»Still jetzt!«, sagte Granny ganz und gar nicht leise.

Der Fährmann musterte Granny genauer. »Ich hab die Mädels an Bord gehen seh’n, aber Sie nich’. Sie ha’m nich’ bezahlt!«

»Aber sicher habe ich das.« Grannys ohnehin schon kalter Tonfall kühlte sich noch um ein paar Grad ab. »Oder wollen Sie etwa behaupten, dass ich bekleidet hier rübergeschwommen und wundersamerweise ganz und gar trocken an Bord geklettert bin?« Sie kniff die Augen zusammen. »Und werden Sie mir mal nicht frech, junger Mann. Ich kenne Ihren Vater!«

Das schien dem Fährmann einen größeren Schrecken einzujagen als zuvor der Nebel.

»Jetzt ist er aber dran«, sagte Charlie leise.

»Nein«, blaffte Granny. »Ihr zwei seid dran, wenn wir zu Hause sind. Und diesmal könnt ihr euch auf etwas gefasst machen.«

Betty schluckte. Sie hätte wissen müssen, dass es unmöglich war, Granny auszutricksen – schließlich war es ihr noch nie gelungen. Und jetzt stand ihnen ganz offensichtlich eine besonders unliebsame Überraschung bevor, als wäre Bettys Geburtstag nicht schon genug ruiniert. »Was soll denn das jetzt heißen?«

Granny antwortete nicht. Stattdessen wandte sie sich in einem noch strengeren Tonfall an den Fährmann: »Und nun schlage ich vor, Sie hören auf, herumzureden, und bringen diese frierenden nassen Leute zurück in Sicherheit. Ich schätze, viele von ihnen werden wissen wollen, warum die Fähre überhaupt ablegen durfte, wenn Nebel vorhergesagt war.«

»A-aber es war ja gar kein …«, widersprach der Fährmann.

»Dann müssen Sie aber furchtbar unerfahren sein«, sagte Granny. »Oder zu geldgierig.« Sie wandte demonstrativ den Blick ab.

Der Fährmann hörte auf zu protestieren, warf noch einen Blick auf die Windrose und begann gehorsam zu rudern. Auf der ganzen Fahrt zurück ans Ufer sagte niemand mehr ein Wort, aber Betty konnte spüren, wie die Anspannung in ihrer Großmutter wuchs. Im Augenblick mochte sie still sein, aber sobald sie wieder an Land wären, würde sie zweifellos eine Menge zu sagen haben. Betty allerdings auch. Etwas Merkwürdiges war hier passiert, und weder Grannys Zorn noch ihre Strafen würden Betty davon abhalten, Fragen zu stellen.

Wie war Granny bloß auf dieses Boot gekommen? Sicher, sie hatte schon immer eine unheimliche Gabe dafür gehabt, die Mädchen aufzuspüren. Wenn sie für irgendwelche Besorgungen zu lange brauchten oder beim Pilzesuchen zu tief in den Wald liefen, amüsierten sie sich immer darüber, dass Granny plötzlich auftauchte wie ein Spürhund. Aber dieses Mal fand Betty überhaupt nichts Lustiges daran. Stattdessen beschlich sie ein unbehagliches Gefühl – wie hatte Granny das gemacht?

Als sie anlegten, zitterten Betty und Charlie, und das lag nicht nur an der kalten Luft, die um ihre Beine strich. Der Schrecken, erwischt worden zu sein, steckte ihnen in den Gliedern. Granny hingegen kochte regelrecht vor Wut. Mit schnellen Atemstößen blies sie fast wie ein Drache Nebelwölkchen in die Luft. Sie befahl ihnen zu warten, bis alle anderen von Bord gegangen waren, dann kletterten sie an Land und machten sich auf den Rückweg zum Wildschütz. Betty warf einen Blick zurück zur nebelverhangenen Marsch. Manchmal zog der Nebel den ganzen Weg hinauf an Land und schlängelte sich durch die Straßen. Heute Abend jedoch verharrte er an den Uferrändern und schwebte dort wie ein unheimliches Marschwesen, das sein Versteck bewachte. Als die anderen Passagiere weitergegangen waren, begann Betty zu sprechen.

»Wie hast du das gemacht, Granny? Wie bist du auf dieses Boot gekommen, ohne dass wir dich gesehen haben? Das ist doch nicht möglich.«

»Ich war die ganze Zeit an Bord«, antwortete Granny knapp. »Ihr wart nur so mit eurem kleinen Abenteuer beschäftigt, dass ihr mich nicht gesehen habt.«

Betty musterte Grannys Gesicht und versuchte, irgendetwas daraus abzulesen. Alles, was sie darin erkennen konnte, war Wut, und das hielt sie normalerweise davon ab, zu viele Fragen zu stellen oder Granny zu widersprechen – aber heute Abend war nichts normal. All ihre Hoffnungen und Pläne waren zerschlagen worden. Sie hatte nichts mehr zu verlieren, wenn sie ihre Gedanken offen aussprach, auch auf die Gefahr hin, mit zusätzlicher Hausarbeit bestraft zu werden. »Das glaube ich dir nicht. Dann hättest du schon früher etwas zu uns gesagt.«

»Ich wollte sehen, ob ihr es tatsächlich wagt«, sagte Granny gereizt, aber ganz ehrlich klang sie immer noch nicht. »Oder ob du zur Vernunft kommen und umkehren würdest.«

»Zur Vernunft kommen?« Betty wurde heiß im Gesicht, als der Zorn in ihr aufstieg – oder vielleicht waren es auch Grannys harsche Worte, die sie trafen.

»Charlie hierher mitzunehmen war dumm und unverantwortlich. Da hätte alles Mögliche passieren können!«

»Genau«, zischte Betty. Sie schob das nagende Gefühl der Scham beiseite. Jetzt, wo sie angefangen hatte, musste sie weiterreden. »Womöglich hätten wir sogar Spaß gehabt.«

Granny ignorierte sie und zog ihr Tuch fester um den Körper. Dann bohrte sie einen Finger zwischen Bettys Schultern und schob sie vor sich her die Gasse entlang. »Ich dachte, ich könnte mich auf dich verlassen, Betty Widdershins. Ich dachte, ich könnte dir vertrauen, aber da habe ich mich wohl getäuscht.«

»Das ist nicht fair!« Bettys Stimme klang jetzt laut durch die Nacht. »Gut, ich hätte das nicht hinter deinem Rücken machen sollen. Komm schon, Granny! Ein klein bisschen Freiheit zu wollen – das ist doch kein Verbrechen, und du weißt, ich würde nie zulassen, dass Charlie etwas zustößt …«

»Das denkst du«, warf Granny ein. »Aber du bist dreizehn Jahre alt! Du weißt nichts von der Welt. Es gibt so vieles da draußen, das euch zustoßen könnte – Dinge, von denen du nichts weißt …«

»Ich werde auch nie darüber Bescheid wissen, wenn du mich nicht lässt.« Betty sprach jetzt ganz ruhig, doch mit so viel Trotz, wie sie es wagte. Grannys grimmige Art reichte normalerweise bereits, um sie von frechen Widerworten abzubringen, und dazu kam das Gefühl, nicht noch eine größere Belastung sein zu wollen als ohnehin schon. Und trotzdem: Genug war genug. Sie wartete auf den üblichen Protest ihrer Großmutter, die üblichen Versprechungen, mit den Mädchen Ausflüge oder Urlaubsreisen zu unternehmen – aber diesmal schwieg Granny. Sie sah jetzt furchtbar müde aus und noch älter als sonst.

Das schlechte Gewissen saß wie ein Kloß in Bettys Hals. Granny war immerhin diejenige gewesen, die sich um Betty und ihre Schwestern gekümmert hatte. Wenn sie nicht da gewesen wäre, um sie aufzunehmen, wären die Mädchen im Waisenhaus gelandet oder, schlimmer noch, getrennt worden und bei Fremden untergebracht. Sie schob den Gedanken beiseite. Dankbar zu sein sollte sie nicht davon abhalten, Antworten zu verlangen. »Du sagst, du kannst mir jetzt nicht mehr vertrauen, aber du hast mir noch nie vertraut – zumindest nicht, wenn es darum ging, sich aus Krähenstein wegzubewegen.«

Granny stampfte über das Kopfsteinpflaster. »Hör auf, Betty. Das ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt oder der richtige Ort.« Sie ging schnellen Schrittes weiter. Mit der einen Hand hielt sie ihr Tuch fest, in der anderen trug sie die Reisetasche.

Betty griff nach Charlies Hand und eilte Granny hinterher, entschlossen, sich nicht so schnell abwimmeln zu lassen. »Wie hast du herausgefunden, wo wir sind?«

»Das Flugblatt«, sagte Granny knapp.

Am Nachmittag war Betty das Flugblatt aus der Manteltasche gefallen, und Fliss hatte es stirnrunzelnd aufgehoben.

»Was ist denn das? Ein Halloween-Jahrmarkt in Marschweiler?«

»Oh«, hatte Betty mit klopfendem Herzen gesagt. »Ich hab gefragt, ob wir da hingehen können, aber Granny hat natürlich Nein gesagt.«

»Natürlich«, hatte Fliss wiederholt und das Flugblatt einen Augenblick zu lang in der Hand gehalten.

»Dann hat Fliss uns also verpfiffen?«, fragte Betty, kochend vor Wut. »Oder hat sie das Flugblatt absichtlich rumliegen lassen, damit du es findest?«

Granny wich der Frage aus. Sie beugte sich kurz hinunter, um einen Strumpf hochzuziehen, und sagte nur: »Es ist ein Glück, dass ihr eure Spuren nicht besser verwischt habt.«

»Ein Glück?« Betty blieb mitten auf der Straße stehen. Als Glück empfand sie es nun wirklich nicht, dass Granny ihr Abenteuer durchkreuzt hatte. Wieso wollte Fliss der täglichen Schinderei nicht ebenso entkommen wie sie, und warum schien es sie nicht mehr zu stören, dass Granny sie ständig kontrollierte?

Granny blieb ebenfalls stehen und schimpfte: »Hört auf zu trödeln!«

»Komm schon, Betty«, bettelte Charlie. »Mir ist kalt!«

Betty ließ die Hand ihrer Schwester los und ballte ihre eigene langsam zur Faust. Das Flugblatt für den Halloween-Jahrmarkt mitzunehmen war leichtsinnig gewesen, und jetzt würde es schwieriger werden als je zuvor, irgendwelche geheimen Ausflüge zu planen, denn Granny würde sie von nun an auf Schritt und Tritt bewachen. Aber Pläne würde sie trotzdem schmieden, und nächstes Mal würde sie keinen Fehler machen. Ach was, nächstes Mal würde sie vielleicht gar nicht mehr zurückkommen.

Schritte klangen durch die Stille, als Granny sie überholte und plötzlich vor ihr stand.

»Hör auf zu schmollen. Und ich will keinen Streit, wenn wir zurückkommen. Fliss hat absolut keine Schuld an dieser Sache.«

»Nein.« Betty lockerte ihre Fäuste. »Du hast Schuld.«

»Wie bitte?«, fragte Granny. Ihre gedämpfte Stimme klang unheimlich, doch Betty ließ nicht locker. All ihr aufgestauter Ärger, all ihre Enttäuschung und die vielen Ermahnungen, immer in der Nähe von zu Hause zu bleiben, die Art, wie Fliss sie in letzter Zeit ausgeschlossen hatte – all das brach aus ihr heraus.

»Früher wollte Fliss auch Abenteuer erleben, so wie ich«, sagte Betty. Sie zog sich die Maske vom Gesicht, und die kalte Luft traf auf ihre Wangen. »Sie hat immer von all den Orten gesprochen, die sie sehen wollte … aber jetzt nicht mehr. Dabei ist sie sechzehn! Sie sollte überall hingehen dürfen. Dass sie aufgegeben hat, ist allein deine Schuld.«

Da wich auf einmal die Wut aus Granny, und sie schien in ihrer Kleidung zusammenzuschrumpfen. »Das ist nicht gerecht.«

»Nein, das ist es nicht.« Tränen brannten in Bettys Augen. »All deine Geschichten und das ständige Was-wäre-wenn haben Fliss entmutigt. Du hast ihr die Abenteuerlust ausgetrieben. Ich werde nicht zulassen, dass mir oder Charlie das auch passiert.«

Granny schüttelte den Kopf, und es sah aus, als würde sie selbst auseinanderfallen wie die Haarsträhnen, die sich aus ihrem Knoten lösten. »So ist es nicht.«

»Dann erklär es mir«, sagte Betty und konnte selbst kaum glauben, welche Worte da aus ihr herausplatzten. »Warum all die gebrochenen Versprechen und Ausreden? Du tust immer so knallhart, aber vielleicht bist du ja diejenige, die Angst hat, Krähenstein zu verlassen!«

Granny wich Bettys Blick aus und sah zu Boden. »Wir waren schon oft woanders. Du warst nur zu klein, um dich zu erinnern.«

»Das glaube ich dir nicht«, sagte Betty. Ihre Stimme wurde fester, als sie sich ihrer Sache sicherer wurde. Jetzt, wo sie richtig darüber nachdachte, war schon immer etwas Merkwürdiges daran gewesen, dass Granny sie nie irgendwo hingehen ließ. Und ihr Griff schien nicht lockerer zu werden, je älter die Mädchen wurden – im Gegenteil. Es fühlte sich einfach alles falsch an. »Ich müsste mich doch an etwas erinnern können, zum Beispiel an besondere Ausflüge. Aber da ist nichts!«

Granny schwieg.

»Betty«, wisperte Charlie. »Bitte hör auf. Ich will nach Hause.«

»Warum?«, fragte Betty verbittert. »Wozu die Eile? Zu Hause sind wir doch schließlich immer!« Sie fuchtelte mit dem Finger in Richtung des Gefängnisses. »Wir sind auch nicht besser dran als die Gefangenen da drinnen.« Wütend ließ sie ihren Blick durch die kleinen, verwinkelten Gassen streifen. »Es mag vielleicht nicht heute Abend passieren, aber ich werde diesem Ort entkommen. Es gibt noch mehr im Leben als Krähenstein.«

»Nein, gibt es nicht«, sagte Granny mit gequältem Blick. »Es gibt keinen Weg aus diesem Ort. Nicht für uns.« Ihre Worte waren wie kleine scharfe Nadelspitzen. Charlie begann zu weinen.

»N-nicht für uns?«, wiederholte Betty. Bestimmt versuchte Granny nur wieder, sie einzuschüchtern. Warum sollten sie Krähenstein nicht verlassen können?

»Bist du sicher, dass du bereit für die Wahrheit bist?«, fragte Granny niedergeschlagen.

Betty erwiderte hilflos ihren starren Blick. Sie war nicht sicher – nicht, nachdem Granny im Grunde zugegeben hatte, dass Betty die ganze Zeit über recht gehabt hatte. Aber sie konnte nicht anders, als zu nicken.

»Also gut.« Granny senkte zustimmend den Kopf. »Ich werde es dir erzählen. Schluss mit den Geheimnissen.« Sie trat schwerfällig näher und legte eine Hand auf Bettys Wange. »Aber ich warne dich: Es ist nichts Gutes.«

Charlie schmiegte sich näher an sie und weinte noch heftiger. Bettys Mund wurde ganz trocken. Hatte das alles irgendwie mit ihrem Vater zu tun? Wollte man sie wegen ihm bestrafen und ihnen deshalb wie den Menschen auf der Insel der Qualen verbieten, fortzugehen? Anders konnte sie es sich nicht erklären.

»Was meinst du? Sag schon!«

»Nicht hier.« Granny ließ ihre Hand sinken. Ihre alten Wangen wabbelten, als sie den Kopf bewegte und sich nervös umsah.

»Es wird nur eine kurze Reise, aber ihr müsst jetzt voll bei der Sache sein. Wir dürfen nicht gesehen werden.«

»Nicht gesehen werden? Granny, ich verstehe nicht …«

»Du musst auch nichts verstehen, halt dich einfach fest.« Granny schob ihren Arm unter Bettys. Die Reisetasche baumelte an ihrem Handgelenk. »Hak dich bei Charlie unter. So ist es richtig – haltet euch schön fest. Was auch immer euch geschieht, lasst nicht los.«

Betty fragte sich, ob ihre Großmutter jetzt endgültig verrückt geworden war. Warum sonst würde sie sich so sonderbar verhalten? »Granny, du machst mir Angst …«

»Nun ja, ich kann nicht anders. Und früher oder später hättet ihr es sowieso herausgefunden.« Granny hielt Bettys Arm noch etwas fester. Ihr vertrauter Geruch nach Tabak und Bier wirkte wärmend in der frostigen Luft. »Seid ihr bereit?«

»Für was?«, fragte Betty verwirrt, als Granny ihre Tasche öffnete.

Ihre Großmutter antwortete nicht. Stattdessen griff sie in die riesige Reisetasche, stülpte sie um und sagte mit klarer Stimme: »Wildschütz!«

Betty spürte einen ungeheuren Ruck in ihrem Inneren, als würde sie aus großer Höhe fallen. In ihren Ohren rauschte es, und ein gewaltiger Stoß eiskalter Luft fegte an ihr vorbei, sodass sie die Augen zukneifen musste und mit den Füßen jeden Halt verlor. Sie hörte, wie Granny nach Luft schnappte und Charlie ein seltsames kleines Stöhnen ausstieß, aber sie hielt sich entschlossen an beiden fest. Dann verlor sie ihr Gleichgewicht, und ihre Füße traten ins Leere.

»Granny!«, jammerte sie und riss die Augen auf, während sie stürzte. Unsanft landete sie auf dem Boden, ihre Großmutter und Charlie noch immer untergehakt. Unter ihrem Po spürte sie harte Pflastersteine, und der pfeifende Wind war von lärmenden Stimmen und Lachen abgelöst worden. Betty sah verblüfft auf und erkannte, dass sie alle drei vor der Eingangstür zum Wildschütz saßen.

»Nicht gerade eine meiner besseren Landungen, das gebe ich zu, aber ich bin auch keine Passagiere gewohnt.« Granny ließ Bettys Arm los und stand auf. »Uff, meine Hüften.« Nachdem sie sich den Staub von der Kleidung geklopft hatte, überprüfte sie ihre Reisetasche und ließ dann mit einem Nicken die Schnalle zuschnappen. »Wir sind zu Hause.«

Kapitel 3

Die drei Gaben

Hopp, hopp, weiter geht’s!«, sagte Granny. Sie spähte von dem dunklen Hauseingang hinaus auf den verlassenen Park. »Gut – niemand hat uns gesehen.«

Starr vor Schreck rappelte Betty sich auf und zog Charlie neben sich hoch. Beide starrten ihre Großmutter an. Auch wenn Betty noch zu benommen war, um zu sprechen, quoll ihr Kopf doch über vor Fragen. Was zum Raben war da gerade passiert … wie war so etwas überhaupt möglich? Und wie konnte Granny so tun, als wäre das alles ganz selbstverständlich? Charlie hatte aufgehört zu weinen, aber auf ihrem dreckverschmierten Gesicht waren noch Tränenspuren zu sehen. Ihr kleiner Körper zitterte.

»Kommt schon.« Granny schob sie auf die Tür zu. »Rein mit euch, raus aus der Kälte.«

Warme Luft, fröhliches Stimmengewirr und Musik strömten aus der Gaststätte. Betty trat ein, den Arm fest um Charlies Schultern gelegt. Drinnen war es schummrig, und der Schein der Kürbislaternen tauchte alles und jeden in ein goldenes Licht. Es war schwierig, sich zwischen all den Leuten zu bewegen, aber Granny schubste und drängelte, um sich einen Weg zur Bar zu bahnen, wo Fliss und ein anderes Mädchen, Gladys, einen Drink nach dem anderen ausschenkten.

Granny drückte Betty die Reisetasche in die Hand. »Nimm die mit hoch in die Küche. Und setzt schon mal Teewasser auf.«

Betty hielt die Tasche auf Armeslänge von sich. Sie hatte Angst, von dem Ding verschluckt und an irgendeinem unbekannten Ort wieder ausgespuckt zu werden.

»Heiliger Krähenfuß!« Granny riss die Reisetasche wieder an sich und klemmte sie sich unter den Arm. Sie nahm ein Glas von der Theke und schenkte sich einen großen Whisky ein. »Fliss!«, rief sie. »Nach oben.«

»Jetzt?«, platzte Fliss überrascht heraus.

»Jetzt.«

Die beiden sahen sich an, und Fliss machte auf einmal ein ganz ernstes Gesicht. Sie nickte, wischte sich die Hände an ihrer Schürze ab und warf Betty einen Blick zu. Betty starrte zurück, und da entdeckte sie etwas, was aus der Schürzentasche ihrer Schwester ragte. Fliss versuchte hastig, es zurückzustopfen, aber Betty hatte es sofort erkannt: Es war eine Ecke des Jahrmarkt-Flugblatts, die da herauslugte. Fliss hatte sie also tatsächlich verraten. Doch all das, was gerade passiert war, hatte Bettys Wut abkühlen lassen und dafür nur noch mehr Fragen aufgeworfen. Wusste Fliss, was Grannys alte Reisetasche wirklich konnte und was für ein großes Geheimnis ihre Großmutter ihnen erzählen wollte? Ungewohnte Gefühle von Eifersucht versponnen sich wie feine Fäden zu einem fremdartigen Muster. Früher waren es immer Betty und Fliss gewesen, die Geheimnisse geteilt hatten; jetzt war sie diejenige, die ausgeschlossen war.

»Wo wollt ihr denn hin?«, kreischte Gladys. »Ich stehe hier knöcheltief im Bier! Das schaffe ich nicht allein!«

»Wir brauchen nicht lang, und ich zahl dir heute Abend doppelten Lohn.« Granny trank den Whisky in einem einzigen Schluck und schenkte sich dann gleich einen zweiten ein.

»Das wird nicht helfen«, sagte Fliss.

»Du warst ja noch nie betrunken, woher willst du das also wissen?«, sagte Granny ärgerlich und drehte sich dann zu Betty um. »Hatte ich euch beiden nicht gesagt, ihr sollt nach oben gehen?«

Wie betäubt legte Betty ihre Hände auf Charlies Schultern und schob sie in Richtung Treppe. Als sie die Stufen hinaufstiegen, versuchte Betty, sich auf normale, alltägliche Dinge zu konzentrieren, betrachtete die abgeblätterte Tapete und den ramponierten Teppich. Das hier war ihre Welt, nicht eine, in der muffige alte Reisetaschen Leute von einem Ort zum anderen beförderten. Vielleicht war ja Schnupftabak in der Tasche gewesen, überlegte sie. Etwas, was sie vorübergehend benebelt hatte. Das war die einzige vernünftige Erklärung.

Sobald sie in der Küche waren, setzten sich Betty und Charlie an den Tisch. Charlie zog ihre Knie an und lugte über sie hinweg wie eine verängstigte kleine Maus, die Augen weit aufgerissen. Granny zog einen Stuhl hervor und verscheuchte schimpfend eine zerzauste schwarze Katze, die darauf gesessen hatte.

»Verschwinde!«, blaffte sie das fauchende Tier an. Die Katze hasste jeden, nur Charlie versuchte immer wieder, sich mit ihr anzufreunden. Sie war eines Tages einfach ins Haus spaziert (auch wenn Betty vermutete, dass Charlie sie mit Essensresten angelockt hatte), und jetzt wurden sie die Katze nicht mehr los. Granny hatte strenge Anweisung erteilt, ihr keinen Namen zu geben, und jedes Mal, wenn die Katze Anstalten machte, Charlie zu kratzen, rief sie »Pfui!« und fuchtelte mit dem Besen, aber die Katze kam immer wieder zurück und machte, was sie wollte. Und dank Charlie hatte sie nun doch einen Namen.

»Arme Pfui«, murmelte sie, als die Katze die Treppe hinunterschlich.

Fliss füllte die Teekanne. Granny setzte sich an den Kopf des Tisches, nahm ihre Pfeife hervor und stopfte sie mit Tabak.

Eine Minute später stellte Fliss jedem eine Tasse Tee auf den Tisch und rührte haufenweise Zucker hinein. »Das hilft, wenn man unter Schock steht.«

»Nicht so gut wie Whisky«, brummte Granny und griff wieder nach ihrem Glas.

Fliss schnaubte missbilligend. Dann fing Charlie an zu schluchzen.

»Na, na.« Granny tätschelte ihren Arm. »Ich weiß, du bist jetzt ein bisschen durcheinander. Weine ruhig und lass alles raus.«

Ein bisschen durcheinander? Und dabei war das wohl noch nicht alles, Granny wollte doch noch mit etwas anderem herausrücken, mit irgendeiner Erklärung, warum sie in Krähenstein gefangen waren. Das muss aber schon eine gute Erklärung sein, dachte Betty. Eine echte, solide Begründung, um ihre Träume zu zerschlagen, und nicht nur fadenscheinige Befürchtungen.

Charlie weinte noch immer. Ihr Körper wurde jetzt von heftigem Schluchzen geschüttelt. »Granny? Ich verstehe nicht, was da gerade passiert ist. Bist du eine … eine Hexe?«

»Eine Hexe? Du liebe Zeit, nein!«, rief Granny.

»A-aber deine T-tasche …«

»Ja, ja, ich weiß. Erst waren wir an einem Ort, dann landeten wir an einem anderen. Es ist eine Reisetasche, kein Hexenbesen. Und weißt du was? Eines Tages wird sie dir gehören!«

Da wimmerte Charlie nur noch lauter.

»Aber wie …?«, begann Betty. Denn auch wenn Granny es abstritt, Betty konnte nicht anders, als weiter darüber nachzugrübeln. Hexen gab es in der Wirklichkeit nicht, oder etwa doch?

»Ich weiß es nicht.« Granny zündete ihre Pfeife an und nahm einen tiefen Zug. Dichter Rauch hüllte sie ein, der stark nach Nelken und anderen Gewürzen roch. »Ich weiß nicht, wie es funktioniert, ich weiß nur, dass es funktioniert.«

»Musst du unbedingt rauchen?«, schimpfte Fliss und rückte ihren Stuhl weg. »Du weißt, was für ein Gestank das ist und dass wir den Rauch nicht gerne einatmen.«

»Ich will auch nicht, dass ihr ihn einatmet«, sagte Granny. »Das ist mein Rauch. Ich habe viel Geld dafür bezahlt.«

Das vertraute Gezänk schien Charlie etwas zu beruhigen. Ihr Schluchzen wurde zu einem leisen Schniefen. Schließlich streckte sie den Arm aus und griff nach ihrer Tasse wie eine Maus, die sich ein Stück Käse schnappt und damit zurück in ihr Loch flitzt.

Betty nahm einen großen Schluck Tee und verzog das Gesicht. Er war schwach und zu süß, genauso miserabel wie alles, woran sich Fliss in der Küche versuchte. »Wie lange weißt du schon davon, Fliss? Du scheinst von all dem ja nicht gerade überrascht zu sein.«

»Seit ein paar Monaten.« Fliss spielte mit einem kleinen Zopf, den sie in ihr Haar geflochten hatte. »Granny hat es mir an meinem Geburtstag erzählt.«

Dann hatte sich Betty die Veränderung ihrer Schwester also doch nicht eingebildet. Die ganze Zeit über hatte Fliss ihr Dinge verheimlicht. Grannys Geheimnisse gehütet. Die Fäden der Eifersucht verknüpften sich immer fester und mischten sich mit dem Gefühl eines Vertrauensbruchs. Warum hatten Fliss und Granny ihr beide nicht vertraut?

Granny paffte eine weitere Wolke süßlichen Rauchs in die Luft. »Das ist noch nicht alles.«

Betty schwieg. Das hatte sie sich schon gedacht.

»Dieser … dieser Spiegel, den Granny mir zum Geburtstag geschenkt hat«, fuhr Fliss fort. »Der kann auch etwas.«

Charlie lugte über den Rand ihrer Teetasse. »Der Meerjungfrau-Spiegel?«

Betty taten die Finger weh, weil sie ihre Tasse so fest umklammert hielt. Sie stellte die Tasse auf den Tisch. »Und was kann der Spiegel?«

Fliss warf einen Blick zu Granny und wurde ganz rot im Gesicht. »Er … er lässt mich mit Leuten reden, die … nicht da sind.«

»Die nicht da sind?«, wiederholte Betty. Vor diesem Abend hätte sie darüber gespottet – vor dem ganzen Hokuspokus mit Grannys Reisetasche. Sie hätte gern geglaubt, das alles wäre ein raffinierter Trick, um sie dafür zu bestrafen, dass sie ausgerissen war, aber sie wusste, Granny würde normalerweise nie eine Gaststätte voller durstiger Gäste im Stich lassen – und Fliss war genauso schlecht darin, zu lügen, wie zu kochen. »So was wie … Geister?«

Charlie stieß ein erschrockenes Krächzen aus.

»Nein!«, sagte Fliss eilig. »Nicht so etwas. Leute, die woanders sind. Auf der anderen Seite der Insel vielleicht oder einfach im Zimmer nebenan. Auf einer der Inseln des Jammers – oder weiter weg.«

Die Inseln des Jammers. Sofort musste Betty an ihren Vater denken. Hatte Fliss den Spiegel benutzt, um mit ihm zu sprechen? Sie öffnete den Mund, um zu fragen, aber dann überlegte sie es sich anders. Barney Widdershins konnte warten. Zu viele andere Fragen zu diesen merkwürdigen Gegenständen drängten sich in ihrem Kopf nach vorn und verlangten Antworten.

Betty nippte noch einmal an ihrem Tee. Der Schock wich allmählich von ihr, und sie fing an zu zittern. So etwas wie magische Gegenstände gab es doch gar nicht, höchstens in Träumen und Geschichten … Aber so vernünftig Betty auch war, sie konnte nicht leugnen, was sie da vorhin erlebt hatte – und sie wusste, dass sie nicht träumte. Wie war es möglich, in Sekundenschnelle von einem Ort zu einem anderen zu reisen, einfach indem man eine alte Tasche umstülpte? Und wie konnte jemand durch Spiegelglas mit Leuten an anderen Orten sprechen? Es gab nur eine Möglichkeit, so etwas zu beschreiben: Magie. Sie erinnerte sich an andere Momente, als sie mit Fliss und Charlie versucht hatte auszureißen und Granny sie in letzter Minute aufgespürt hatte … und dass Granny nie zu spät kam – egal, wohin. Jetzt ergab das alles einen Sinn.

»Woher kommen sie überhaupt?«, fragte Betty schließlich. »Die Tasche und der Spiegel?«

Granny zog noch einmal an ihrer Pfeife, hustete und zögerte. »Das weiß ich nicht so genau. Niemand weiß das. Aber sie sind seit Jahrzehnten in der Familie. Wurden durch Generationen von Widdershins-Mädchen weitergereicht. Das war schon immer so – zumindest, solange ich mich erinnern kann.«

»Und wie lange ist das?«, fragte Betty.

Granny schürzte die Lippen, während sie nachdachte. »Ungefähr hundertfünfzig Jahre.«

»Und wann wolltest du Charlie und mir davon erzählen?«, fragte Betty weiter. »Falls du es uns überhaupt erzählen wolltest?«

»Das wollte ich«, antwortete Granny. »An eurem sechzehnten Geburtstag. So, wie ich das bei Fliss gemacht habe.«

»Und du?«, fragte Charlie. »Warst du auch sechzehn, als du die Tasche bekommen hast?«

»Nein«, sagte Granny. »Ich hab die Tasche am Tag meiner Hochzeit bekommen.«

Natürlich, dachte Betty. Granny war keine geborene Widdershins. Sie hatte in die Familie eingeheiratet, genau wie Bettys Mutter. »Ein Hochzeitsgeschenk, das es in sich hatte«, bemerkte sie.

Granny lächelte matt. »Ich schätze, es war ein kleiner Ausgleich für den Rest des –« Sie verstummte, als wäre ihr etwas herausgerutscht, das sie nicht hätte sagen sollen, aber Betty sprang sofort darauf an.

»Der Rest wovon?«

»Dazu komme ich gleich.«

Betty warf einen Blick zu Fliss, und es schnürte ihr die Brust zu. Worum auch immer es sich handelte, sie konnte am Gesichtsausdruck ihrer Schwester ablesen, dass sie Bescheid wusste und es nichts Gutes war.

Granny nahm die Pfeife in die andere Hand, um an ihrem Whisky zu nippen. »Es gibt drei Gegenstände … drei Gaben, wenn du so willst. Jedes ist ein alltäglicher Gegenstand. Mit jedem ist eine andere Fähigkeit verbunden. Ich nenne es eine Prise Magie.«

Angst oder Aufregung – oder eine Mischung aus beidem – begann in Bettys Bauch zu kribbeln. Granny das Wort »Magie« aussprechen zu hören hatte etwas Fantastisches. Und doch … Grannys unvollendeter Satz schwelte noch immer beunruhigend in ihren Gedanken. Was hatte das alles damit zu tun, dass die Widdershins in Krähenstein gefangen waren? Sollten die magischen Gaben ihnen nur etwas Unheilvolleres versüßen? Sie lehnte sich über den Tisch. »Du meinst … wenn Charlie und ich sechzehn werden, bekommen wir auch eine von diesen … diesen Gaben?«

»So war es geplant, ja.«

Betty runzelte die Stirn. »War?«

»Nach dem, was heute Abend passiert ist … als ihr euch einfach so davongemacht habt, ist mir klar geworden, dass manche Pläne geändert werden müssen.«

»Oh, Granny, bitte …«, sagte Betty. »Ich weiß, es war falsch, deine Regeln zu brechen, und egal, welchen magischen Gegenstand du für mich aufgehoben hast – ich habe ihn nicht verdient. Aber bitte bestrafe Charlie nicht dafür.« Sie sackte betrübt auf ihrem Stuhl zusammen. »Es ist nicht ihre Schuld. Es war alles meine Idee.«

»Ich weiß«, sagte Granny mit sanfter Stimme. »Ich habe aber nicht vor, irgendeine von euch zu bestrafen. Darum ging es nie, sondern einzig darum, euch zu beschützen. Aber heute Abend habe ich begriffen, dass es euch nur noch mehr in Gefahr gebracht hat, euch die Dinge zu verheimlichen. Und deshalb habe ich mich entschlossen, ab jetzt mit offenen Karten zu spielen.« Sie legte ihre Pfeife in den Aschenbecher und stand auf. »Wartet hier.«

Granny verschwand im Flur. Betty griff nach Charlies Hand. Sie war eiskalt. »Du musst keine Angst haben«, sagte sie zu ihr, auch wenn sie sich insgeheim fragte, ob Charlie das alles verkraften würde. Schuldgefühle nagten an ihr, aber jetzt war es zu spät für Reue. Was auch immer nun passieren würde, Betty allein hatte es heraufbeschworen. Trotzdem konnte sie sich noch immer nicht vorstellen, wie Granny sie überzeugen wollte, Krähenstein nicht zu verlassen – oder sie dazu bringen könnte, ihre Träume aufzugeben.

Da kam Granny zurück, mit einer kleinen Kiste in der Hand. Sie war aus dunklem Holz, mit einem gewölbten Deckel und verschlungenen Eisenverzierungen. Vorn hing ein großes Schloss, und auf beiden Seiten war ein großes, schnörkeliges W in das Holz geschnitzt. Die Kiste sah aus wie etwas, das Geheimnisse barg und Spannung, oder einen Schatz. Und doch durchlief Betty ein angstvolles Zittern, als Granny den Schlüsselring von ihrem Gürtel löste. Bedeutete ein Schloss zu öffnen, dass jetzt ein anderes um sie zuschnappen würde? War der Preis für diese magischen Gegenstände ihre Freiheit?

Trotz dieser Gedanken beugte Betty sich neugierig vor, als Granny das Schloss abnahm und den Deckel der Kiste hob. Ein muffiger Geruch strömte ihnen entgegen. Betty spähte hinein. In der Kiste lag ein kleines Paket, eingewickelt in schlichtem braunem Papier und zusammengehalten von einer Schnur.

»Wie ich schon sagte«, erklärte Granny. »Als Jüngste wird Charlie die Letzte sein, die etwas erbt, also steht fest, dass sie die Reisetasche von mir bekommt. Das hier, Betty, gehört dir. Aber bevor du es auspackst, lasst mich klarstellen, dass jeder der Gegenstände speziell nur für eine von euch bestimmt ist. Es gibt kein Tauschen untereinander.«

Zögernd streckte Betty die Hand nach dem Bündel aus. Ich muss das nicht annehmen, sagte sie sich. Nicht, wenn es bedeutet, dass ich für immer in Krähenstein bleiben muss. Nicht einmal Magie war diesen Preis wert. Und trotzdem durchfuhr sie ein Schauer von Nervenkitzel. Der Gegenstand war leichter als erwartet. Sie zog an der Schnur und löste den Knoten.

»Warte«, sagte Granny. »Erst müsst ihr alle versprechen, dass ihr diese Dinge geheim halten werdet. Habt ihr das verstanden? Ihr dürft niemandem außerhalb der Familie von diesen Gegenständen und ihren magischen Kräften erzählen.«

»Du meinst … Vater weiß davon?«, fragte Betty.

Grannys Gesichtsausdruck verfinsterte sich. »Ja. Und soweit ich weiß, ist es das einzige Geheimnis, das er für sich behalten hat.«

»Das wundert mich«, sagte Fliss scharf. »Ich hätte gedacht, so eine große Sache wäre das Erste, was er ausplaudern würde.« Es fiel ihr schwer, über ihren Vater zu sprechen. Als er damals ins Gefängnis gekommen war, hatte Fliss am längsten gebraucht, sich damit abzufinden.

Betty würde den Tag seiner Verhaftung nie vergessen: Fliss, die unter Tränen beteuerte, dass alles ein Irrtum sei; Granny, die Vater mit furchtbaren Schimpfwörtern überhäufte und dann den Kopf in den Händen vergrub und sich fragte, wie sie drei Mädchen alleine großziehen sollte. Auch auf Charlie, die eigentlich noch zu klein war, das alles zu verstehen, hatte sich die Stimmung übertragen, und sie hatte doppelt so viel geweint wie sonst. Betty selbst hatte sich verraten gefühlt. Das Gefühl hätte nicht stärker sein können, wenn er sie aufs Meer hinausgerudert und dort ausgesetzt hätte. Wie konnte er sie nur so im Stich lassen, nach dem, was mit Mutter passiert war?

Granny seufzte. »Ja, das habe ich auch gedacht. Aber er hat mir bewiesen, dass ich unrecht hatte, und darüber bin ich heilfroh. Euer Vater ist ein Prahler und ein Narr, und das wird sich auch nicht ändern. Aber trotz all seiner Fehler hat er dieses eine Geheimnis bewahrt, und das hat er aus Liebe getan. Das dürft ihr Mädchen nicht vergessen.«

»War es nicht schwierig, es zu verbergen?«, fragte Betty. »Die Magie, meine ich?«

Granny zuckte die Achseln. »Die Magie der Reisetasche hab ich schließlich all die Jahre vor euch dreien geheim gehalten, oder etwa nicht?« Sie verstummte und deutete mit einem Kopfnicken auf das ungeöffnete Päckchen.

Endlich riss Betty das Papier auf.

Darin war eine hölzerne Matroschka, eine hohle Puppe, in der sich mehrere, immer kleiner werdende Puppen verbergen, bis zur letzten winzigen, die sich nicht öffnen lässt. Vorsichtig drehte Betty die erste Puppe auf und nahm die nächste heraus und dann die nächste. Sie stellte sie in einer Reihe auf. Die Puppen waren wunderschön bemalt, jede ähnlich wie die nächste und doch anders. Vier waren es insgesamt, jede mit welligem, rotbraunem Haar und kastanienbraunen Augen, so fein gezeichnet, dass ihre Wangen sogar mit winzigen Sommersprossen gesprenkelt waren.

Jede Puppe hatte in der Mitte eine kreisförmige Fläche, auf der das gleiche kleine Häuschen, eine Wiese und ein Fluss gemalt waren. Mit jeder Puppe änderte sich die Jahreszeit: Auf der größten Puppe sah man blühende Bäume und ein Gelege von Eiern in einem Nest. Auf der nächsten waren Entenküken im Wasser zu sehen, und auf der dritten die ausgewachsenen Vögel, die Richtung Süden flogen, während rotbraune Blätter von den Bäumen fielen. Auf der letzten Puppe war eine verschneite Winterlandschaft dargestellt, gemalt in blassen Blautönen. Jede Puppe hielt einen kunstvoll verzierten Schlüssel in der Hand, der so auf die Oberfläche graviert und gemalt worden war, dass jede Hälfte einen Teil des Schlüssels hatte, wenn man die Puppe auseinandernahm.

»Sie sind wunderschön.« Betty strich mit dem Daumen über den Schlüssel auf der äußersten Puppe.

»Ich will die Puppen«, beschwerte sich Charlie. »Die Tasche ist hässlich!«

»Pech gehabt«, sagte Granny mit einem Achselzucken. »Außerdem geht es nicht darum, wie sie aussehen, sondern was sie können.«

»Was können sie denn?«, fragte Betty.

Grannys Gesichtsausdruck hellte sich auf. »Etwas ziemlich Grandioses«, sagte sie, rieb sich die Hände und schmunzelte. »Nimm irgendetwas von dir, etwas, das klein genug ist, um in die zweite Puppe zu passen.«

Betty lief ein erwartungsvoller Schauer über den Rücken. Sie warf einen Blick zu Fliss, doch ihre Schwester sah genauso verwirrt aus, wie sie selbst sich fühlte. Offensichtlich hatte Granny ihr nicht von der Magie der Puppen erzählt. »Etwas Kleines, so was wie … wie eine Münze?«

»Nein, nein.« Granny fuchtelte mit ihrer Hand durch die Luft wie eine aufgeregte Wespe, die um ein Marmeladenglas schwirrt. »Etwas Persönliches … ein kleines Schmuckstück vielleicht?«

»Ich hab gar kein – autsch!«

Granny hatte sich vorgebeugt und Betty ein krauses braunes Haar ausgerissen. »Damit wird’s gehen.«

Betty rieb sich die Kopfhaut und stopfte das Haar in die untere Hälfte der zweiten Puppe.

»Jetzt schraub den Deckel zu«, sagte Granny. »Das ist wichtig, sonst funktioniert es nicht: Du musst so weit drehen, bis die zwei Hälften des Schlüssels wieder genau zusammenpassen, dann steckst du diese Puppe in die größte und machst es genauso.«

Betty tat es und fragte sich, was um Himmels willen jetzt wohl passieren würde. Als sie die zwei Hälften der äußeren Puppe zusammenschraubte, schnappte Fliss laut nach Luft, und Charlie stieß einen schrillen Schrei aus.

Betty runzelte die Stirn. »Was ist denn?«

Charlie sprang von ihrem Stuhl auf. »Betty? Wo bist du?«

»Na hier«, sagte Betty verwirrt. »Wo soll ich denn sein?« Aber weder ihre Schwestern noch Granny sahen sie an. »Granny? Was ist passiert?«

»Du bist unsichtbar«, sagte Granny kichernd. »Niemand von uns kann dich mehr sehen.«

»Unsichtbar? Jetzt erzähl keinen Marschdreck …«

»Guck doch in den Spiegel, wenn du mir nicht glaubst.«

Betty ging zu dem kleinen Spiegel an der Wand. Wie gewöhnlich prangten darauf etliche Fingerabdrücke von Fliss. Aber eines war ganz und gar nicht gewöhnlich: Im Spiegel war nur die Küche hinter Betty zu erkennen. Betty selbst war nirgendwo zu sehen. Sie war verschwunden.

Kapitel 4

Bei Sonnenuntergang

Fassungslos hob Betty ihre Hände vors Gesicht. Sie konnte sie sehen, aber der Spiegel zeigte nichts – und es war klar, dass auch niemand anders Betty sehen konnte. Um ganz sicherzugehen, machte sie eine unanständige Geste in Richtung ihrer Großmutter, doch Granny sah nur weiter starr durch sie hindurch.

Eine prickelnde Freude stieg in ihr auf. Sie schnappte sich ein Geschirrtuch, das über einem Stuhl lag, und schüttelte es. Im Spiegel sah sie es durch die Luft fliegen, als hätte es ein Eigenleben. »Huuuuuuuuu!«, heulte sie mit tiefer Stimme.

»Oooh!«, rief Charlie, sichtlich begeistert.

Fliss schauderte. »Betty, hör auf damit! Das ist gruselig!«

»Ach, jetzt sei kein Spielverderber«, sagte Betty. »Es wird Zeit, dass hier mal richtig was los ist und wir unseren Spaß haben!«

»Das hier ist kein Spaß«, sagte Granny. »Das sind keine Spielzeuge.«

Das Geschirrtuch glitt Betty aus der Hand und landete auf dem Boden. »Und wozu sollen sie dann gut sein?«

»Sie sind zum Schutz gedacht. Um uns zu helfen, wenn wir mal so richtig angeschmiert sind.«

»Dann werden sie wohl nicht oft benutzt werden«, sagte Betty mürrisch. »Das Einzige, was hier schmierig ist, sind die Teller, die Fliss nicht richtig abgewaschen hat.«

»Hey!«, rief Fliss empört.

»Oder der Fußboden, wenn Pfui nachts im Haus eingesperrt war«, fügte Charlie hinzu.

»Wie mache ich mich denn jetzt wieder sichtbar?«, fragte Betty. »Nehme ich einfach das Haar wieder aus der Puppe?«

»Nicht ganz«, sagte Granny. »Du drehst die obere Hälfte gegen den Uhrzeigersinn einmal ganz herum, dann ziehst du die Hälften auseinander und nimmst das Haar heraus.«

Betty tat es und beobachtete ihr Spiegelbild. Und wirklich – es kehrte zurück!

»Nun«, sagte Granny. »Du kannst auch andere Menschen verschwinden lassen. Du machst genau das Gleiche, nur dass du diesmal die dritte Puppe nimmst. Daran musst du denken. Die zweite Puppe ist für dich, und zwar nur für dich.«

»Mich!«, bettelte Charlie. »Mach mich unsichtbar!« Sie griff in ihre Tasche, holte etwas winziges Weißes hervor und warf es über den Tisch. »Hier, nimm Stummel.«

»Bei der diebischen Elster!«, rief Fliss überrascht. »Trägst du immer noch diesen Zahn mit dir herum? Und seit wann hat der einen Namen?«

Charlie grinste und zeigte stolz ihre Zahnlücke. Seit sie ihren ersten Zahn verloren und beim Aufwachen am nächsten Morgen einen glänzenden Kupferraben unter ihrem Kopfkissen gefunden hatte, hatte sie beschlossen, ihre zweite Opfergabe die ganze Zeit in ihrer Tasche zu tragen, in der Hoffnung, die Zahnfee zu erwischen. Das war nun schon drei Wochen her, und weder Granny noch Fliss hatten es geschafft, den Zahn aus ihrer Tasche zu fischen, ohne Verdacht zu erregen. Charlie war allmählich enttäuscht über die offensichtlich doch geringe Einsatzbereitschaft der Zahnfee und war deswegen sogar dazu übergegangen, ihr erboste kleine Zettelbotschaften zu hinterlassen.

Betty nahm den Zahn und legte ihn in die dritte Puppe, drehte sie zu und steckte sie in die äußeren Puppen. Sofort war Charlie nicht mehr zu sehen.

»Bin ich schon unsichtbar? Bin ich?«, fragte Charlie ungeduldig.

»Ganz und gar.« Betty streckte die Hand aus und erwartete, auf nichts als Luft zu stoßen, aber ihre Finger berührten warme Haut.

»Ach ja«, sagte Granny. »Man kann euch zwar nicht sehen, aber man kann euch fühlen.«

Sehr zu Charlies Enttäuschung entfernte Betty den Zahn und steckte die Puppen wieder ineinander.

Charlie zog einen eifersüchtigen Schmollmund. »Warum bekommt Betty die Puppen? Sie ist doch diejenige, die auf Abenteuersuche gehen will! Die Tasche wäre viel besser für sie!«

»Die Tasche ist genauso gut, Charlie«, redete Betty ihr zu. »Besser als die Puppen eigentlich.« Die Reisetasche wäre wirklich perfekt für sie gewesen, das wurde ihr wehmütig klar. Wie einfach könnte sie sich damit blitzschnell an einen anderen Ort bringen lassen, wo auch immer sie hinwollte … und wieder zurück, bevor Granny sie aufhalten konnte. Allerdings könnten die Puppen genauso nützlich dabei sein, sich unbemerkt aus dem Staub zu machen. Der Gedanke war ebenso verwerflich wie verlockend. Sie hatte immer noch das Gefühl, Granny versuchte, mit den magischen Gaben ihren Gehorsam zu erkaufen, während Betty schon wieder alles andere im Sinn hatte als das.

»Ist mir egal«, fuhr Charlie schmollend fort. »Ich will die Puppen, weil sie so sind wie wir.« Sie zeigte auf die größte Puppe. »Seht ihr? Diese hier ist Granny, die auf die drei kleineren aufpasst.«

»Ja«, sagte Fliss mit einem matten Lächeln. »Stimmt, sie sind wirklich wie wir.«

»Die Puppen gehen an Betty«, sagte Granny. »Für Fliss war der Spiegel bestimmt, und bis du alt genug bist, Charlie, bleibt die Reisetasche bei mir. Jeder Gegenstand geht am sechzehnten Geburtstag an ein Widdershins-Mädchen oder, wie bei mir und eurer Mutter, am Tag der Hochzeit mit einem Widdershins.« Sie fuhr mit dem Finger um den Rand ihres Glases. »Sobald ein Gegenstand euch gehört oder euch zugesprochen wird, ist er der Einzige, den ihr benutzen könnt.«

Charlie sah auf. »Heißt das, ich könnte die Tasche benutzen … schon jetzt?«, fragte sie, auf einmal gar nicht mehr so mürrisch.

Alle drei Mädchen sahen Granny erwartungsvoll an. So wie ihre Großmutter den Mund verzog, hatte Betty den Eindruck, dass sie die Frage am liebsten nicht beantworten wollte.

»Ja«, sagte Granny schließlich. »Das könntest du. Aber das heißt nicht, dass du es versuchen sollst – nicht, bevor du sechzehn bist!«

»Sechzehn?«, stieß Charlie hervor. »Das ist nicht fair! Betty ist erst dreizehn, und sie kriegt die Puppen schon jetzt!«

Granny schloss gequält die Augen. »Also gut, dreizehn. Dann kannst du sie haben.«

»Ja!«, rief Charlie. Sie zählte die Jahre an ihren Fingern ab und machte wieder ein mürrisches Gesicht. »Das ist immer noch furchtbar lange hin.«

»Nicht so lange, wie es hätte sein können, deshalb gib dich besser damit zufrieden.«

»Also«, begann Betty. Während Charlie versucht hatte, mit Granny zu feilschen, hatte sie nachgedacht. »Die ganze Zeit über hat nur die Reisetasche eine Besitzerin gehabt? Was ist mit dem Spiegel und den Puppen? Wie lange haben die auf ein weiteres Widdershins-Mädchen gewartet?«

»Eine ganze Weile.« Granny nahm ein Streichholz und zündete ihre Pfeife wieder an. »Ich hatte nie eine Tochter, nur euren Vater, wie ihr wisst. Aber er hatte eine Cousine, Clarissa. Der Spiegel ging an sie. Sie starb kurz nachdem eure Eltern geheiratet haben, als ihr alle noch nicht geboren wart.« Granny deutete auf die alte Holzkiste. Ihre Augen wirkten dunkel und abwesend. »Und so kam der Spiegel wieder hier hinein, um auf seine nächste Besitzerin zu warten.«

»Und Mutter?«, fragte Betty. »Du hast doch gesagt, sie hätte an ihrem Hochzeitstag einen dieser Gegenstände bekommen?«

Granny nickte. »Die Matroschka. Aber soweit ich weiß, hat sie die Puppen nie benutzt.«

»Warum nicht?«, fragte Fliss.

»Sie hatte nie Grund dazu«, antwortete Granny. »Wie all die Frauen vor ihr wurde eure Mutter gewarnt, sie nicht leichtfertig zu benutzen. Und sie mochte sie nicht – zumal sie nicht wusste, woher sie kamen und wie wir sie bekommen hatten.«

»Weiß das denn niemand?«, fragte Betty zaghaft.

Ein gequälter Ausdruck huschte über Grannys Gesicht. Wieder hatte Betty das Gefühl, dass die alte Frau ihnen nicht die ganze Wahrheit erzählte. »Wenn es jemanden gibt, der es weiß, dann hat er beschlossen, es nicht zu sagen.«

In der Küche wurde es still, so still, dass man das Ticken der alten Wanduhr mit dem Raben hören konnte. Betty beäugte die Holzpuppen jetzt mit einem unbehaglichen Gefühl. Es war etwas Unheimliches an verzauberten Familienerbstücken, die weitergereicht wurden, ohne dass jemand wirklich über sie Bescheid wusste. Aber ihre Verlockungen waren einfach zu groß, um ihnen zu widerstehen.

»All diese Magie«, meinte Betty wehmütig, »und du sagst, wir sollen sie nicht benutzen?«

»Ich sage«, erklärte Granny, »dass sie für Zeiten der Not gedacht ist – nicht dafür, euch mit banalen Zaubertricks zu unterhalten.«

»Warum sollten wir sie aber brauchen?«, fragte Betty.

»Man weiß nie«, murmelte Granny und unterdrückte einen Schluckauf. »Es könnte ja einmal sein, dass ihr Mädchen euch verstecken oder schnell flüchten müsst. Wie ich eines Abends, bevor ihr drei hier gewohnt habt. Es gab einen Einbruch nach Feierabend, als ich allein war. Da habe ich die Reisetasche benutzt, um mit den Einkünften des Abends sicher aus dem Haus zu kommen und Alarm zu schlagen. Ohne die Tasche wäre ich nie entkommen.« Sie griff nach ihrem Glas, stellte fest, dass es leer war, und schob es verärgert zur Seite. »Ich sage nicht, dass ihr sie unbedingt brauchen werdet. Aber ihr dürft diese Gegenstände nie unbedacht verwenden, besonders in einem Ort wie Krähenstein. Die meisten Leute hier haben Verbindungen zu den Häftlingen im Gefängnis. Gefährliche Leute, die vor nichts zurückschrecken würden, um solche Dinge in die Hände zu bekommen. Stellt euch vor, sie wüssten von einer Tasche, die sie auf die andere Seite der Gefängnismauern transportieren könnte … oder von einer Matroschka-Puppe, die sie unbemerkt an den Wärtern vorbeischmuggeln könnte. Deshalb hört mir gut zu: Eure Magie darf nur benutzt werden, wenn sie wirklich benötigt wird. Alles andere ist ein zu großes Risiko.«

»Aber du hast es doch auch getan«, wandte Betty ein. »Du hast heute Abend deine Reisetasche benutzt, um uns zu finden und direkt auf unserem Boot zu landen, wenn du doch einfach auf das nächste hättest warten können.«

»Das ist der springende Punkt – ich konnte nicht warten. Ich hätte euch nie rechtzeitig gefunden.«

»Rechtzeitig wozu?«, fragte Betty. »Um uns den Spaß zu verderben, bevor er überhaupt begonnen hatte?« Sie wartete auf den sicheren Kommentar zu ihrem frechen Mundwerk, aber er kam nicht. In ihrem Bauch breitete sich Angst aus. Das ganze Gerede über die Puppen und die Magie hatte sie von ihrer wichtigsten Frage abgelenkt. »All das ist noch keine Antwort auf das, was du vorhin versprochen hast zu erzählen … warum wir Krähenstein nicht verlassen können.«

Granny griff nach ihrem Tabaksbeutel. »Ich dachte, ihr solltet die gute Nachricht zuerst hören.« Sie zündete ihre Pfeife an und nahm einen tiefen Zug, als wollte sie noch etwas Mut in sich aufsaugen. »Die Wahrheit ist: Wir sind verflucht … jede von uns. Kein Widdershins-Mädchen hat Krähenstein je verlassen können. Wenn wir es tun, werden wir beim nächsten Sonnenuntergang sterben.«

Kapitel 5

Der Fluch der Widdershins

Betty starrte ihre Großmutter an. Für einen Moment regte sich in der Küche nichts, wie in einer Szene, die ein Maler auf Leinwand gebannt hatte. Grannys Gesicht war eine Maske des Kummers. Fliss’ dunkle Augen starrten auf ihren Schoß. Selbst der Rauch aus Grannys Pfeife wirkte bewegungslos, eine benebelnde Wolke, die über ihnen hing.

Ein furchtbarer Laut drang aus Bettys Kehle, halb Stöhnen, halb Schluchzen. Es kam ihr vor, als wäre kein Sauerstoff mehr im Zimmer, als hätte die Wahrheit die ganze Luft herausgesaugt. So wie all ihre Träume und Hoffnungen aus Betty herausgerissen worden waren. Das war es also, das große Geheimnis. Die Antwort, nach der sie gegraben hatte wie nach etwas, das im Dreck verscharrt war. Sie waren hier in Krähenstein gefangen, für immer.

Die vernünftige Seite in ihr wollte lachen, herausplatzen, wie lächerlich die Vorstellung eines Fluchs doch war. Nur fühlte Betty sich im Moment überhaupt nicht vernünftig, nach allem, was gerade passiert war. Wenn sie sich Grannys Ausreden in all den Jahren und ihre Angewohnheit, plötzlich aus dem Nichts irgendwo aufzutauchen, vor Augen führte, dann erschien dieser Fluch erschreckend möglich.

Sie würde niemals hier wegkommen. Niemals davonsegeln und Betty, die Kühne, sein, Betty, die Abenteurerin. Sie war nur ein weiteres Widdershins-Mädchen, verdammt zu einem Sklavenleben in endloser grauer Eintönigkeit. Sie saßen alle genauso fest wie Vaters ramponiertes Boot, das im Hafen vor sich hin rottete: auf den Wellen dümpelnd, doch ohne Aussicht, jemals in See zu stechen.

Sie blinzelte, als Grannys Pfeifenrauch ihre Augen tränen ließ. Neben ihr begann Charlie leise zu weinen. Doch Betty war zu benommen, um sie zu trösten.

»Verflucht …?«, fragte Betty tonlos. »Wie? Warum?«

»Dieselben Fragen habe ich mir auch gestellt, als ich zum ersten Mal davon erfahren habe.« Granny zog an ihrer Pfeife. Ihre Augen waren ganz glasig. »Ich dachte, es wäre nur eine Geschichte, die neugierige Mädchen daran hindern sollte, zu weit umherzustreunen. Aber selbst ich musste zugeben, dass der Tod von acht Widdershins-Mädchen im Laufe der letzten hundertfünfzig Jahre kein Zufall sein konnte. Seltsame, unerklärliche Todesfälle von gesunden Mädchen und Frauen.«

»Wann hast du denn davon erfahren?«, fragte Betty schaudernd. »War das auch an deinem Hochzeitstag?«

»Nein.« Granny lächelte matt. »Davor. Euer Großvater hat mich schon lange vorher gewarnt, als wir noch frisch verliebt waren. Er hat mir reichlich Chancen gegeben, es mir noch einmal anders zu überlegen.«

Betty starrte sie mit offenem Mund an. »Und du hast trotzdem keinen Rückzieher gemacht?«

Granny zuckte die Achseln. »Die Menschen bringen alle möglichen Opfer für …«

»Für die Liebe«, beendete Fliss den Satz. Sie legte ihre Hand auf Grannys alte, faltige.

»Entschuldige«, stotterte Betty. »Aber ich verstehe das alles nicht … es ist einfach zu seltsam.« Und verwirrend und unfair, setzte sie in Gedanken wütend hinzu. All die Möglichkeiten, die Grannys verzauberte Gegenstände zu bieten schienen, waren ihnen wieder entrissen worden, und nachdem sie die Magie selbst erlebt hatte, fiel es ihr schwerer, Grannys weitere Worte in Zweifel zu ziehen. »Bist du sicher?«, fragte sie kraftlos. »Kann es nicht auch einfach … Pech gewesen sein?«

»Ich war damals ganz ähnlich wie du«, fuhr Granny fort. »Erst habe ich mich geweigert, es zu glauben. Doch dann habe ich es mit eigenen Augen gesehen. An dem Tag, als die Anzahl der Todesopfer auf neun anstieg.«

Die Luft im Zimmer schien immer dichter zu werden, nicht nur wegen des Rauchs. Betty hatte plötzlich Schwierigkeiten zu atmen. »Neun … neun Mädchen sind gestorben?«, fragte sie zaghaft. »Ich meine … ich weiß, du hast gesagt, es passiert bei Sonnenuntergang, nachdem die Mädchen Krähenstein verlassen haben, aber was genau passiert da? Fallen sie … fallen wir … dann einfach tot um?« Sie sah Granny forschend an und machte sich auf weitere furchtbare Enthüllungen und Geschichten von tragischen Unfällen gefasst. Eine Vision zog an ihrem inneren Auge vorbei: Sie hatte das Gefühl, aus großer Höhe zu fallen, der Boden raste auf sie zu, der Wind rauschte in ihren Ohren, und eine Welle von Angst und Trauer erfasste sie. Betty kniff die Augen zusammen. Der Adrenalinschub ließ sie zittern. Was war das denn gewesen?

»Es ist immer das Gleiche«, sagte Granny. »Es fängt an mit Vogelgesang. Dem Krächzkonzert der Krähen.«

Betty runzelte die Stirn. »Aber das findet doch immer statt, wenn es abends dunkel wird, oder?«

Granny nickte. »Der Unterschied ist: Egal, wie sehr du deine Augen anstrengst, sehen kannst du die Vögel nicht. Die Geräusche existieren nur in deinem Kopf.«

Aus dem Augenwinkel sah Betty, wie Fliss schauderte.

»Dann wird es immer lauter«, fuhr Granny fort und starrte in die Ferne, als würde sie sich erinnern. »Während der Lärm anschwillt, wird dein Körper kalt und noch kälter. Und auch wenn deine Haut sich wie Eis anfühlt, ist das Letzte, was du vor dem Ende spürst, ein kalter Kuss.«

Betty bekam eine Gänsehaut. »Wie kannst du das denn … wissen?«

Grannys Lippen bebten, und ihre Hand tastete nach dem leeren Whiskyglas. »Weil ich es bei Clarissa, der Cousine deines Vaters, gesehen habe«, sagte sie schließlich. »Ich war dabei.«

»Wusste sie denn von dem Fluch?«, fragte Betty. »Oder war es ein Versehen?«

Grannys Finger umklammerten das Glas und sanken dann wie leblos auf die Tischplatte. »Ja, sie wusste davon. Sie dachte, sie könnte den Fluch aufheben. Sie hatte von einem Ort gehört, wo man der Legende nach Wünsche aussprechen kann. Die Hufeisen-Bucht auf der anderen Seite der Marsch. Sie dachte, ein Wunsch dort könnte uns alle von dem Fluch befreien, aber es funktionierte nicht. Was auch immer für ein Zauber in dieser Bucht existiert – wenn da überhaupt einer ist –, er ist nicht stark genug, um den Fluch der Widdershins aufzuheben. Und als sie zurückkam, wusste sie schon, dass sie gescheitert war. Die Krähen krächzten in ihrem Kopf, ihre Haut war wie Eis. Wir konnten sie überhaupt nicht wärmen …«

»Sie kam zurück nach Krähenstein?«, fragte Betty. »Aber hätte das den Fluch nicht stoppen müssen, wenn sie vor Sonnenuntergang zurückkam?«

»Nichts kann ihn stoppen«, murmelte Granny mit glasigem Blick. Sie hakte ihre Daumen ineinander und fächelte ihre Finger wie Vogelschwingen über ihrem Herzen – das Zeichen der Krähe.

»Erzähl ihnen von den Steinen«, sagte Fliss. Sie sah blass und beinahe wächsern aus.

»Steine?«, hakte Betty nach.

»Jedes Mal, wenn der Fluch ausgelöst wird, fällt ein Stein aus der Turmmauer«, sagte Granny mit ungewöhnlich leiser Stimme.

»Du meinst aus dem Krähensteinturm …? Beim Gefängnis?«

Granny nickte.

»Aber was hat das Gefängnis mit dem Fluch zu tun?«, fragte Betty. Das Bild der frierenden, sterbenden Clarissa ging ihr nicht mehr aus dem Kopf, und das aschfahle Gesicht ihrer Schwester trug nicht gerade zur Beruhigung bei. Wie mutig war es gewesen, auch nur zu versuchen, den Fluch zu brechen, und dabei alles zu riskieren! Clarissa musste sich genauso sehr gewünscht haben zu fliehen wie Betty, und sie musste geglaubt haben, dass es einen Weg gab … auch wenn sie gescheitert war.

Granny zuckte die Achseln. »Der Turm ist uralt, älter als der Rest des Gefängnisses. Was seine Verbindung mit dem Fluch anbelangt, nun … da gibt es Geschichten. Aber keine, die uns verrät, wie man den Fluch brechen kann.«

Betty schluckte den Kloß in ihrem Hals hinunter und versuchte, nicht zu weinen. Tränen würden die Probleme nicht lösen, aber das schien ihre feuchten Augen nicht zu kümmern. Vor heute Abend hatte sie noch davon träumen können, Krähenstein zu verlassen und ein anderes Leben zu leben. Sie hatte nicht geahnt, dass ihr Gefangensein hier noch mit etwas anderem zu tun hatte als mit Grannys Überbehütung; dass wegzugehen wirklich unmöglich war. Sie konnte verstehen, warum Fliss aufgegeben hatte, aber Betty konnte es nicht akzeptieren. Noch nicht. »Es muss doch einen Weg geben, den Fluch zu brechen. Es muss einfach …«

Granny stieß ein hohles Lachen aus. »Tja, das sagen alle. Glaubst du, Mädchen wie du haben nicht seit Generationen denselben Gedanken? Natürlich haben sie das. Clarissa war so entschlossen wie alle anderen! Alles, was du dir vorstellen kannst, ist versucht worden, vom Heiraten, um den Namen Widdershins loszuwerden, bis zu der Idee, etwas aus Krähenstein mitzunehmen oder etwas von sich selbst in Krähenstein zurückzulassen. Nichts hat funktioniert. Jetzt wisst ihr also, warum ich nicht zulassen kann, dass einer von euch das zustößt.« Sie griff unvermittelt nach Bettys Hand und riss sie aus ihren Gedanken. »Bitte, Betty.« Ihre durchdringenden alten Augen wirkten ruhelos. »Ich flehe dich an … versuch es nicht. Ich könnte das nicht noch mal ertragen, nicht mit einer von euch. Das würde ich nicht überleben.«

Betty hatte das Gefühl, als würde sich ihr Herz zusammenziehen. Das letzte Mal, dass sie Granny so verletzlich gesehen hatte, war an dem Tag gewesen, als man ihren Vater abgeführt hatte. Es war leicht, so zu tun, als würde es diese Seite in ihr nicht geben, wenn sie so gut verborgen war.

»Und Vater weiß also von dem Fluch«, stellte Betty fest.

»Ja, wie ich vorhin schon sagte«, meinte Granny mit düsterer Stimme. »Bei so einer Sache … muss die ganze Familie Bescheid wissen, sonst wäre das zu gefährlich. Ich frage mich oft, ob es neben dem Tod eurer Mutter auch Schuldgefühle waren, die ihn auf die schiefe Bahn gebracht haben.«

»Schuldgefühle?«, fragte Fliss. »Du meinst … weil er den Fluch an uns weitergereicht hat?«

Granny nickte. »Er hasst die Ungerechtigkeit dieses Fluchs, durch den keine Widdershins-Frau Krähenstein je verlassen kann. Und doch hat er durch seine eigene Torheit dafür gesorgt, dass er jetzt genauso gefangen ist wie wir.«

»Und Mutter?«, fragte Betty. »War es wirklich ein Unfall, wie du gesagt hast, oder war … war es der Fluch?«

Charlie war gerade erst geboren worden, aber Fliss und Betty erinnerten sich beide an den Morgen, an dem Granny ihnen die Nachricht überbracht hatte, dass ihre Mutter tot war. Granny und Vater waren beide krank gewesen, wobei es Vater besonders schlimm erwischt hatte. Ihre Mutter war in der Nacht losgelaufen, um einen Arzt zu holen. Ein dichter Nebel hatte über der Insel gelegen, und so war sie vom Weg abgekommen, auf einen dünn zugefrorenen Teich geraten und im Eis eingebrochen.

»Nein, da habe ich euch die Wahrheit gesagt.« Granny rieb sich ihre rote Nase. »Ich weiß nicht, ob ihr euch dadurch besser oder schlechter fühlen werdet, aber bei eurer Mutter war es nicht der Fluch. Es war einfach Pech.«

Pech: der unerwünschte Gast, den Granny immer versuchte, mit all ihren Glücksbringern abzuwehren. Doch es nützte alles nichts. Ihre Eltern waren fort. Die Gaststätte brachte nicht mal genug ein, um die Schulden zu tilgen. Fliss hatte ständig einen neuen Freund, und alle Reisepläne, die Betty jemals geschmiedet hatte, waren kläglich gescheitert. Selbst Charlie bekam laufend Läuse. Ja, dachte Betty. Man konnte wohl sagen, dass sie nicht gerade in Fortunas Gunst standen. Vielmehr schien die Glücksgöttin die Straßenseite zu wechseln, wenn sie die Widdershins kommen sah.

Sie wurden von ordinärem Gejohle unterbrochen, begleitet von einem rhythmischen Poltern aus dem Untergeschoss. Einen Augenblick später hörte man, wie eine Tür aufgerissen wurde. »Bier! Bier! Bier!«, grölte es von unten, gefolgt von einer kreischenden Gladys am Fuße der Treppe: »Bunny! Wenn mir hier nicht sofort jemand hilft, bin ich weg!«

»Sie hauen mit den Fäusten auf den Tresen, diese Rüpel!«, rief Granny erbost. Sie sprang mit neuer Energie von ihrem Stuhl auf, dass ihre Kniegelenke knackten. »Jetzt fang dich mal wieder, Fliss«, sagte sie. »Und dann komm mit runter. Wir sind schon viel zu lange weg.« Sie ging aus der Küche, und einen Moment später brandete der Lärm unten noch einmal auf, als Granny durch die Tür in die Bar platzte. Kurz schien der Bann gebrochen zu sein, der über der Küche gelegen hatte, und alles fühlte sich fast schon wieder normal an.

Normal? Wie konnte da unten das Leben weitergehen wie immer, wenn sich für Betty doch alles verändert hatte? Die ganze Zeit hatte sie geglaubt, sie hätte ihr Schicksal selbst in der Hand, aber wenn das, was Granny erzählt hatte, die Wahrheit war, dann war das hier ihr einziges Schicksal. Eines, aus dem es kein Entkommen gab.

Betty warf einen Blick zu ihren Schwestern. Charlie, der es vor Entsetzen die Sprache verschlagen hatte, lutschte an ihrem Daumen, was sie sich eigentlich längst abgewöhnt hatte. Fliss grübelte still vor sich hin.

»Du hättest mir von dem Fluch erzählen sollen«, sagte Betty schließlich. Sie fühlte sich bleiern schwer, als würden die Enthüllungen des Abends sie erdrücken wie Steine, die aus der Mauer des Gefängnisturms gefallen waren.

Fliss sah mit müdem Blick zu ihr auf. »Ich wollte dir die Hoffnung nicht nehmen, dass du diesen Ort eines Tages verlassen kannst.«

Betty spürte, wie die Wut in ihr hochkam. »Und was soll das, wenn es doch nie möglich sein wird? Wäre es da nicht menschlicher gewesen, die Wahrheit zu sagen?«

»Ja, ich meine … nein, ach, ich weiß nicht!« Fliss biss sich auf die Unterlippe. »Ich wollte das ja, aber ich musste Granny versprechen, nichts zu sagen.«

»Das hat dich doch sonst auch nicht davon abgehalten«, sagte Betty mit einem gekränkten Ton in der Stimme. »Wir haben uns immer alles erzählt.«

Fliss’ Wangen färbten sich rot. »Weißt du noch, als du klein warst?« Sie warf einen bedeutungsvollen Blick zu Charlie. »Die Sache, die ich dir erzählt hab?«

Betty nickte mürrisch. Als Fliss acht gewesen war und Betty erst fünf, hatte Fliss herausgefunden, dass die Zahnfee nicht echt war, sondern dass es Granny gewesen war, die einen Kupferraben unter das Kopfkissen gelegt hatte. Sie hatte sofort Betty davon erzählt. Granny war furchtbar wütend gewesen und hatte Fliss das lange nachgetragen.

»Ich hab mir das nie verziehen«, sagte Fliss leise. »Dass ich dir den Zauber verdorben hab. Dabei hättest du ihn noch eine Weile länger haben können.«

»Das ist aber nicht das Gleiche«, sagte Betty. »Das war ein alberner Kinderglaube. Ein Familienfluch ist etwas ganz anderes!«

»Das finde ich nicht. Letzten Endes geht es um das Gleiche, nämlich Unschuld.« Fliss lächelte verkrampft. »Und die wollte ich dir gerne noch eine kleine Weile erhalten. Dass diese Sache nicht das Erste ist, woran du am Morgen denkst, und das Letzte am Abend. Denn wenn es erst einmal raus ist, dann war’s das.« Ihre Augen glänzten auf einmal. »Für den Rest unseres Lebens.«

Den Rest unseres Lebens. Betty sah ihrer Schwester in die Augen, in denen sich ihre eigene Verzweiflung widerspiegelte. Sie hatte sich schon vorher eingeengt gefühlt, aber das war nichts gewesen gegen das, was sie jetzt empfand. Der Fluch hatte sich ihr wie eine unsichtbare Schlingpflanze um den Hals gelegt und jede Hoffnung aus ihr herausgepresst. Und selbst Magie konnte keine Entschädigung dafür sein.

Stunden später lag Betty hellwach in ihrem Bett, die leise schnarchende Charlie neben sich. Nach ewigem Hin- und Herwälzen und Daumenlutschen war sie endlich in einen ruhelosen Schlaf gefallen. Um sie zu beruhigen, hatte Betty ihr jede Geschichte erzählt, die ihr einfiel – doch keine war so merkwürdig und düster wie jene, die sie heute gehört hatten.

Von unten war das Plappern von Stimmen zu hören. Was führten sie doch für ein seltsames Leben, dachte Betty. Auch wenn die Gaststätte ihnen gehörte, kam es ihr doch nie so vor. Immer war das Raunen fremder Stimmen zu hören, immer das Knarzen fremder Schritte.

Selbst ihr Zimmer musste Betty teilen, ein Durcheinander von Charlies Kuscheltieren, Stoffpuppen, Muscheln und Kieselsteinen. Dazwischen Bettys Bücher, Marmeladengläser voller Knöpfe und anderer nützlicher Dinge und ihr Nähzeug. Am meisten hing sie an ihrem Briefmarkenalbum und ihrer Landkartensammlung. So manch ruhigen Nachmittag hatte sie damit verbracht und sich all die Orte notiert, die sie entdecken wollte.

Ihre Leidenschaft für Landkarten hatte damit begonnen, dass ihr Vater eines Morgens mit ihr auf den Markt am Hafen gegangen war. Betty war mit der Tochter eines Kartenmachers von einem der Schiffe herumgestromert. Sie hieß Roma, und sie hatte glatte braune Haut und geflochtenes Haar sowie tausend Erinnerungen an klare türkisfarbene Meere, ausgedörrte Wüsten und schneebedeckte Berge. Betty hatte wie gebannt zugehört und sich nichts sehnlicher gewünscht, als das alles auch einmal zu sehen. Später, als Roma geholfen hatte, die Karten zu verstauen, hatte Betty so lange gebettelt, bis ihr Vater nachgegeben und ihr eine gekauft hatte: ihre erste Landkarte. Sie hatte sie gehütet wie einen Schatz, als das Schiff des Kartenmachers wieder die Segel setzte und bald nur noch ein winziger Fleck am Horizont war. Sie sahen Roma nie wieder, aber das Fernweh und die Liebe zu Karten, die sie in Betty geweckt hatte, blieben bestehen.

Sie betrachtete die Kartenrollen. In ihnen verbarg sich eine ganze Welt, die sie so gerne entdeckt hätte. Jetzt hatte der Fluch sie ihr verdorben, wie eine verlockende, aber vergiftete Schachtel Pralinen. Sie konnte sie ansehen, doch ein einziger Bissen davon würde sie das Leben kosten. Ihr Blick glitt von den Karten zum flimmernden Mondlicht, das auf die rissige Zimmerdecke fiel, und eine Träne lief ihr die Wange hinunter. Eine Welt, die sie nicht entdecken durfte, konnte sie sich nicht vorstellen, genauso wenig, wie sie sich vorstellen konnte, dass es nicht irgendwo da draußen eine Lösung gab, um das möglich zu machen.

Dann setzte sie sich ruckartig auf. Ihr war gerade etwas klar geworden. Granny hatte nicht gesagt, dass es nicht möglich war. Sie hatte gesagt, nichts, was die anderen Mädchen vor ihnen versucht hatten, war erfolgreich gewesen. Was bedeutete, dass Granny noch immer glaubte, dass es eine Möglichkeit gab, den Fluch aufzuheben, auch wenn sie selbst zu viel Angst hatte, es zu versuchen.

»Es tut mir leid, Granny«, flüsterte Betty in der Dunkelheit entschlossen vor sich hin, »aber wenn es eine Möglichkeit gibt, den Fluch zu brechen, dann muss ich es versuchen.«

Kapitel 6

Blutegel-Bastion

Betty lauschte noch eine halbe Stunde, bis sie die Stufen knarren hörte, als Granny und Fliss die Treppe heraufkamen. Es folgten das Geräusch fließenden Wassers, das Klicken der Schlafzimmertüren, die geschlossen wurden, und das Ächzen der Betten, als Granny und Fliss sich hinlegten. Dann Stille.

Betty wartete, bis Grannys grunzendes Schnarchen durch die Wand drang. Dann kroch sie aus dem Bett und fröstelte, als sie die kalte Luft an ihren nackten Füßen spürte. Schnell schlüpfte sie in ihre Hausschuhe und schlich hinaus auf den Flur. Eine prickelnde Gänsehaut lief ihr über die Arme, als sie an der unheimlichen, feuchten Besenkammer auf dem Flur vorbeikam. Sie war voller Putzsachen und Gerümpel und der Teil des Hauses, den alle drei Mädchen nicht mochten. Ganz besonders Charlie hasste die Besenkammer, nachdem sie sich einmal beim Versteckenspielen darin eingeschlossen hatte. Betty schauderte und ging schnell weiter. Das Schnarchen klang jetzt ganz gleichmäßig und tief. Sie stieß Grannys Tür ein Stück auf und schlüpfte in das dunkle Zimmer.

Der Geruch von Grannys Pfeifenrauch lag in der Luft, vermischt mit dem unverkennbaren Dunst ihres Whiskyatems. Gut, Granny schien außer Gefecht zu sein. Betty erinnerte sich an Grannys Bitte und spürte einen Anflug schlechten Gewissens.

Bitte, Betty … versuch es nicht. Ich könnte das nicht noch mal ertragen … Das würde ich nicht überleben.

Der Gedanke, Granny zu verletzten, war schlimmer als der Gedanke, sie zu verärgern. Aber ich muss es tun, erinnerte sich Betty. Für Granny genauso wie für uns.

Sie ging zum Schrank, öffnete ihn und nahm die alte Keksdose heraus. Dann schlich sie auf Zehenspitzen in die Küche. Sie wollte nicht, dass Charlie aufwachte und Fragen stellte. Falls Granny aufwachte, könnte sie die Dose schnell verstecken und sagen, dass sie sich nur etwas zu trinken holen wollte.

Sie setzte sich an den Tisch und hob vorsichtig den Deckel an. Sie tat an sich nichts Verbotenes, denn alle drei Mädchen hatten diese Dose schon viele Male gesehen. Granny hatte ihnen oft zum Spaß all die Kleinode und die Familienandenken darin gezeigt: die Karten und Zeichnungen der Mädchen, ein paar alte Fotografien und ein Paar Babyschuhe, die sie alle drei getragen hatten. Da war auch ein Bündel Papiere, die Granny immer gleich hatte verschwinden lassen, »damit nichts verloren« ginge, aber heute Abend war dieses Bündel genau das, was Betty suchte. Sie nahm es hervor und breitete die Papiere auf dem Tisch aus.

Als Erstes fand sie einen Stoß Briefe, die ihr Großvater Granny während des Krieges geschickt hatte, allesamt wellig und vergilbt. Die Briefe waren alles, was Granny von ihm geblieben war. Betty legte sie zur Seite. Sie gingen sie nichts an.

Sie überflog die Geburtsurkunden der Mädchen und die Sterbeurkunde ihrer Mutter. Ein flüchtiger Blick bestätigte, was Granny gesagt hatte: Ihre Mutter war ertrunken. Sie schob die Papiere zurück in den Stapel – und erstarrte, als plötzlich ein leises Knarren aus dem Flur zu hören war. Grannys polterndes Schnarchen hatte aufgehört! Verzweifelt raffte Betty die Papiere zusammen, aber der Stoß Briefe geriet ins Wanken und flatterte zu Boden, genau in dem Moment, als jemand die Küche betrat. Das Licht einer Kerze flackerte über ein herzförmiges Gesicht und einen großen Schopf dunkler, glänzender Haare.

»Zum Donner-Raben!«, zischte Betty mit klopfendem Herzen.

»Betty?«, wisperte Fliss und rieb sich die Augen. »Was machst du hier?«

»Ich hab nur nach etwas gesucht … irgendetwas, das uns helfen könnte, mehr über den Fluch herauszufinden«, sagte Betty. »Etwas, das Granny übersehen haben könnte.«

»Aber Betty«, begann Fliss besorgt. »Granny hat doch gesagt –«

»Ich weiß, was sie gesagt hat.« Betty warf ihr einen warnenden Blick zu. »Gucken schadet doch nicht.« Sie raffte noch eine Handvoll Briefe zusammen. »Ich hoffe, die waren nicht irgendwie sortiert.« Sie runzelte die Stirn und hielt einen Briefumschlag ins Licht.

»Was ist?«, flüsterte Fliss.

»Diese Briefe … ich dachte, das wären alles Grannys, aber darunter war noch ein anderer Stapel. Schau.« Sie hielt ihrer Schwester den Briefumschlag vors Gesicht und zeigte auf das vertraute Gekrakel auf der Vorderseite. »Er ist noch verschlossen.«

Fliss griff verblüfft nach einem anderen Briefumschlag. »Aber … Granny hat doch gesagt, Vater hätte aufgehört zu schreiben, weil er sich zu elend fühle und zu sehr schäme. Warum sollte sie uns anlügen? Es sei denn … was, wenn er krank ist? Sterbenskrank?« Sie schob ihren Daumennagel unter das Siegel. »Wir müssen die Briefe öffnen!«

»Nein!« Betty riss ihr den Brief aus der Hand. Irgendetwas stimmte hier ganz und gar nicht, das spürte sie so deutlich wie Fliss. Granny war meistens schonungslos ehrlich, besonders, wenn es um ihre Eltern ging, warum also sollte sie diese Briefe vor ihnen verbergen? Die einzigen Dinge, die sie versteckt hatte, hingen mit dem Fluch zusammen …

»Aber es sind doch unsere!«, beharrte Fliss. »Es ist unser Recht, zu sehen, was in den Briefen steht!«

»Ich weiß«, antwortete Betty. »Doch es muss einen Grund geben, warum Granny sie uns vorenthalten hat. Wir müssen geschickt vorgehen – sie hat bestimmt geplant, uns die Briefe irgendwann zu geben. Sonst hätte Granny sie doch nicht aufgehoben, oder?«

»Aber wann? Schau … der Poststempel ist schon drei Monate alt!«

Betty musterte den Briefumschlag mit zusammengekniffenen Augen und versuchte herauszufinden, was daran anders war. Dann sah sie es. »Da!« Sie drückte ihren Zeigefinger auf das Papier, wo ein leicht verschmiertes Emblem auf den Umschlag gestempelt worden war. »Siehst du das? Ich kann nicht glauben, dass ich das nicht sofort bemerkt habe!«

Fliss nahm den Umschlag genauer in Augenschein. »Warte … das ist ja gar nicht das Wappen des Krähenstein-Gefängnisses! Das sieht anders aus.«

»Na klar sieht das anders aus.« Betty konnte sich genau an das Krähenstein-Emblem erinnern: ein kunstvoller Kupferstich des Gefängnisturms, umkreist von einem Schwarm Krähen. Dieses Wappen hingegen war ihr unbekannt: ein schweres Vorhängeschloss, umschlungen von sich windenden Aalen.

»Er hat also nie aufgehört, uns zu schreiben«, murmelte Betty und schämte sich auf einmal, wie bereitwillig sie den Gedanken akzeptiert hatte, dass ihr Vater den Kontakt abgebrochen hatte. Dass er sie wieder einmal im Stich gelassen hatte. Dabei hatte er das gar nicht. Eine plötzliche Woge der Zuneigung lockerte den Groll in ihrem Inneren. »Er ist in ein anderes Gefängnis außerhalb Krähensteins verlegt worden, und Granny wollte nicht, dass wir das erfahren.«

Fliss entzifferte die winzigen Wörter unter dem Stempel. »Blutegel-Bastion?«

»Klingt nicht gerade nett.« Betty beäugte voller Abscheu das Wappen. Also keine Aale, sondern Blutegel. Sie blätterte durch die anderen Briefumschläge. Auf manchen war der Poststempel deutlicher zu erkennen.

»Nimmermoor …«, las Betty. Das kam ihr bekannt vor. »Warte hier.« Sie verließ die Küche und schlich zurück in ihr Zimmer. Charlie atmete tief, eingerollt unter der Decke wie ein Siebenschläfer. Betty durchwühlte ihre Karten und zog schließlich die hervor, die sie gesucht hatte.

Sie nahm die Karte mit in die Küche und legte sie auf dem Tisch aus. Das wächserne Papier war durch Zeit und Gebrauch schon ganz knitterig, aber die mit Tinte geschriebenen Ortsnamen und winzigen handgezeichneten Details waren so schön wie immer. Es gelang Betty schnell, Nimmermoor fast in der Mitte auf der Karte auszumachen. Der Ort war umgeben von Bergen, Tälern und sonst kaum etwas. Betty spürte einen Kloß in ihrem Hals. Wie weit weg war ihr Vater nur? Ihr Finger glitt das Papier hinunter bis zu vier felsigen Landmassen am unteren Kartenrand: Krähenstein und seine drei Inseln des Jammers in der Nebelmarsch. Rund um die Insel der Klagen krümmte sich ein Halbmond aus tödlichen Felsen, die als Teufelszähne bekannt waren. Und dort, auf der Insel der Sühne, war mit Tinte der Krähensteinturm eingezeichnet worden, der älteste Teil des Gefängnisses.

Betty nickte. »Granny wollte uns beschützen. Sie konnte nicht riskieren, dass wir versuchen würden, Krähenstein zu verlassen, um Vater zu besuchen. Es war einfacher, die Briefe zu verstecken und so zu tun, als wäre er immer noch hier, aber …« Sie brach ab, als ein Gedanke ihr einen Stich versetzte wie eine Distel.

Fliss runzelte die Stirn. »Mir hätte sie es aber erzählen können … ich wusste doch, dass keine von uns Krähenstein verlassen durfte. Und warum sollte man ihn überhaupt verlegt haben?«

»Vielleicht war es einfacher, dass keine von uns Bescheid wusste«, sagte Betty hastig, denn der Stachel des anderen Gedankens saß jetzt schon fest. »Es gibt wahrscheinlich viele Gründe, warum Häftlinge verlegt werden, aber warum hat Granny weiter Gefängnisbesuche gemacht, obwohl Vater gar nicht mehr hier ist? Es sei denn, sie hat nur so getan, als ob …«

Fliss schüttelte den Kopf. »Sie war dort.«

»Warum bist du da so sicher?«

»Weil ich die Wäsche mache«, antwortete Fliss, »und Granny meistens vergisst, ihre Taschen auszuleeren. Warte hier.« Sie ließ Betty allein in der dunklen Küche zurück und verschwand in ihr Zimmer. Kurz darauf kam sie mit einem Blatt Papier zurück, auf dem das Krähenstein-Emblem prangte. »Siehst du? Ein Besuchsschein von letzter Woche.«

»Warum hast du den aufgehoben?«, fragte Betty. »Du konntest doch noch nicht ahnen … oh.« Als sie das Blatt umdrehte, entdeckte sie ein kitschiges Liebesgedicht in Fliss’ schnörkeliger Handschrift, verziert mit gekritzelten Herzen und Blumen. »Igitt!«

»Nicht lesen!«, fauchte Fliss und riss mit hochrotem Gesicht das Papier an sich. »Entscheidend ist: Das hier ist der Beweis, dass Granny tatsächlich in letzter Zeit im Gefängnis war.«

Betty beschlich erneut ein ungutes Gefühl. »Aber wenn sie nicht Vater besucht hat, wen dann?«

Kapitel 7

Das Gefängnis in der Marsch

Als der Morgen dämmerte, wehte ein dichter Nebel von der Marsch in den Ort. Er breitete sich in den Straßen aus und drang als feuchter, salziger Luftzug durch die Fenster des Wildschütz.

Betty erwachte mit noch krauseren Haaren als sonst. Zitternd zog sie ihre kalten Kleider über und schlüpfte in ein Paar Stiefel, die sie von Fliss geerbt hatte und die noch eine Spur zu groß waren. Als sie in die Küche stapfte, um sich aufzuwärmen, sah sie Fliss am Herd stehen.

»Morgen«, sagte Fliss.

»Morgen«, antwortete Betty verschlafen und unterdrückte ein Gähnen. Sie sah zu, wie ihre ältere Schwester Haferbrei in eine angeschlagene Schüssel schöpfte und sie Charlie reichte, die geduldig wartete. Die Szene war so wohltuend vertraut, dass Betty sich für einen Moment fragte, ob sie die Ereignisse des letzten Abends nur geträumt hatte und es gar keinen Fluch und keine magischen Familienerbstücke gab … Aber dann sah sie, wie angespannt Fliss’ Lächeln war, und hörte das Klappern von Charlies Löffel in ihrer Schüssel, das mehr ein nervöses Scheppern war als ein fröhliches Klimpern. Bettys Magen krampfte sich zusammen. Nein, alles, was sie gestern Abend erlebt hatten, war Wirklichkeit, kein Zweifel. Ein Fluch … und drei magische Gegenstände. Steine, die aus Turmmauern fallen. In Gedanken ging sie noch einmal die magischen Kräfte der verschiedenen Gegenstände durch und grübelte dann wieder über den Fluch nach. Auch wenn Granny es mit keinem Wort gesagt hatte, konnte sie nicht anders, als sich zu fragen, ob die magischen Gaben und der Fluch zusammenhingen.

»Granny ist noch im Bett«, sagte Fliss zerstreut. »Sie sagt, sie hat fiese Kopfschmerzen.«

»Wohl einen ordentlichen Kater«, murmelte Betty. Der Whiskygeruch, den ihre Großmutter ausgedünstet hatte, als sie noch einmal in ihr Zimmer geschlichen war, um die Keksdose zurückzulegen, hatte Betty Tränen in die Augen getrieben. Jetzt traten ihr noch einmal Tränen in die Augen, als sie daran dachte, wie schwer es für die arme Granny gewesen sein musste, für sie alle verantwortlich zu sein und gleichzeitig ein so furchtbares Geheimnis zu bewahren.

Fliss rührte den Brei noch einmal um. Der Geruch von angebranntem Hafer stieg Betty in die Nase. »Willst du auch?«

Betty beäugte die graue Pampe. »Äh …«

»Ich esse Bettys Portion, wenn sie nicht will«, rief Charlie dazwischen und kratzte ihre Schüssel aus.

Charlie hatte immer Hunger und würde praktisch alles essen. Weil sie schon als Baby so gewesen war, hatte Granny oft gedacht, sie müsste Würmer haben. Vater, der immer übertreiben musste, hatte dann gesagt, es seien keine Würmer, sondern Aale.

»Du kannst den Rest haben.« Betty ignorierte ihren knurrenden Magen. Das war leichter als sonst, weil ihre Gedanken nur um den Fluch kreisten – besonders, seit sie beschlossen hatte, ihn zu brechen.

Fliss warf Betty einen bedeutungsvollen Blick zu. »Granny sagt, sie besucht Vater heute nicht.«

Betty horchte sofort auf. »Ach, tatsächlich nicht?«

Granny hatte in letzter Zeit einige Besuche mit fadenscheinigen Begründungen ausfallen lassen. Doch angesichts der Entdeckung des letzten Abends war das kaum noch verwunderlich, zumal ihr Vater ja schon seit Monaten nicht mehr dort war. Das Einzige, was die Widdershins sonst mit dem Gefängnis verband, waren die Steine, die aus der Turmmauer fielen. Hatten Grannys kürzliche Besuche womöglich mit dem Fluch zu tun und nicht mit ihrem Vater? Vielleicht konnten sie das herausfinden – wenn sie es wagten.

Fliss warf einen Blick zu Charlie, die immer noch ihr klumpiges Frühstück in sich hineinschaufelte.

»Und was ist mit der Kirche?«, fragte Betty.

Fliss verzog das Gesicht. »Wohl kaum.«

Granny ging eigentlich nur zur Kirche, um sich mit den Gästen des Wildschütz gutzustellen. Da Krähenstein so ein sündiger Ort war, bemühten sich alle außerhalb des Gefängnisses ganz besonders, zu beweisen, wie gesetzestreu und reumütig sie waren. Betty ging auch nicht gerne zur Kirche. Man fror sich auf den Kirchenbänken immer fast den Hintern ab, und Granny nickte oft ein und blamierte sie mit lautem Schnarchen.

Fliss dagegen suchte immer nach Möglichkeiten, ein besserer Mensch zu werden. Ihre Aufmerksamkeit driftete allerdings manchmal ab und richtete sich eher auf den männlichen Kirchgänger, für den sie gerade schwärmte. Charlie ging einzig wegen der warmen Brötchen mit, die nach dem Gottesdienst an die ärmere Bevölkerung verteilt wurden, und lungerte dort so lange mit leidvoller Miene herum, bis man sich ihrer erbarmte.

»Ich frage mich, ob wir dann auch nicht zur Sonntagsschule müssen?«, überlegte Fliss. »Wenn Granny heute nicht zum Gefängnis geht.« Sie kratzte noch ein wenig Haferbrei für sich selbst aus dem Topf und verzog das Gesicht, als sie einen Bissen hinunterwürgte.

»Aber ich will hingehen«, meldete sich Charlie zu Wort und leckte ihre Schüssel aus. »Wir wollten diese Woche die Decken für die Waisenkinder fertig machen!«

»Du kannst ja trotzdem hingehen«, beruhigte Fliss ihre Schwester. »Wir wissen doch, wie viel Spaß es dir macht.«

»Weißt du eigentlich«, sagte Betty mit einem Seitenblick zu Fliss, »jetzt, wo du sechzehn bist, müsste Granny gar nicht mehr ins Gefängnis mitgehen, wenn wir Vater besuchen. Falls er uns überhaupt noch sehen wollte, meine ich.«

»Da hast du recht«, antwortete Fliss. Sie senkte die Stimme und machte ein nachdenkliches Gesicht. »Aber so allein zu sein muss ihn doch nur noch trauriger machen. Vielleicht bräuchte er mal eine schöne … Überraschung.«

Sie sah Betty in die Augen, und die zwei Schwestern tauschten einen Blick – die Art Blick, die sie früher häufig, aber nun schon lange nicht mehr ausgetauscht hatten. Es war ein verschwörerischer Blick, und es war einer, den Betty vermisst hatte. Und ohne es auszusprechen, wussten sie beide plötzlich ganz genau, was sie tun würden.

Ein paar Stunden später liefen Betty und Fliss auf dem Rückweg von der Kirche eilig durch die gepflasterten Straßen und verbargen ihre Gesichter, sobald ihnen jemand entgegenkam. Köstlicher Bratenduft drang durch die Fensterritzen der Häuser. Bettys Magen knurrte, aber als sie sich der Marsch näherten, dämpfte die brackige Luft ihren Hunger.

»Ich weiß nicht so recht, Betty. Was, wenn Charlie sich bei Granny verplappert?« Fliss hatte ihre Stimme gesenkt und klang nervös.

Feuchte Luft wehte ihnen die Haare ums Gesicht. Fliss’ Haare waren wie ein langer Seidenschal, Bettys wie ein Haufen glanzloser Wolle. Zitternd zogen sie beide ihre Umhänge fester um die Schultern.

»Charlie wird viel zu sehr damit beschäftigt sein, von der Sonntagsschule zu erzählen, als an uns zu denken«, sagte Betty. »Es macht ja auch nichts, wenn sie es sagt.« Sie dachte an die versteckten Briefe ihres Vaters. »Bis Granny davon erfährt, haben wir herausgefunden, wen sie besucht hat und warum. Wir können uns dumm stellen und sagen, wir wollten Vater überraschen. Wir tun doch im Grunde nichts Verbotenes.«

In der Ferne kam jetzt das Gefängnis in Sicht. Weiter links davon waren die anderen Inseln des Jammers zu sehen und jenseits davon ein grauer Fleck am Horizont.

»Der nächste Ort nach Marschweiler ist Marschfreud«, sagte Fliss leise. »Glaubst du, wir werden je herausfinden, was den Leuten da so viel Freude macht?«

»Ich werde alles dafür tun«, antwortete Betty mutiger, als sie sich fühlte. Gestern war es einfach ein Abenteuer gewesen, die Grenzen Krähensteins zu überschreiten. Heute wusste sie, dass sie dabei ihr Leben verlieren würden. Trotzdem konnte Betty nicht leugnen, dass sie bei diesem Gedanken eine unterschwellige Aufregung spürte. So lange schon hatte sie sich gewünscht, dass etwas passieren würde, und jetzt passierte wirklich etwas … oder könnte es zumindest. Was auch immer Granny sagte, es musste eine Möglichkeit geben, die Dinge zu ändern.

Sie erreichten den Fähranleger kurz bevor das Boot am Kai festmachte. Abgesehen von einer runzeligen alten Frau waren sie die einzigen Passagiere. Sie bezahlten das Fahrgeld und kletterten an Bord. Der Frühnebel hatte sich gelichtet, und hinter der dichten Wolkendecke schauten Flecken blauen Himmels hervor. In der Ferne tanzte ein winziges Schiff auf den glitzernden Wellen und erinnerte Betty an den Tag, den sie mit der Tochter des Kartenmachers verbracht hatte. Wo war Roma wohl jetzt? Wie viel mehr von der Welt hatte sie gesehen, während Betty hier festgesessen hatte?

»Erinnerst du dich noch an die Geschichten, die Vater immer erzählt hat?«, fragte Betty. »Die Geschichten, die er von Händlern und Matrosen gehört hatte, von Stränden mit goldenem Sand, fein wie Zucker, und von Wasser, so klar, dass man bis auf den Grund sehen kann?«

Fliss nickte und verzog den Mund, während sie auf das trübe Wasser sah, das sich vor ihnen erstreckte. »Früher habe ich diese Geschichten geliebt, aber irgendwann wurde es immer schwieriger, sie sich vorzustellen.«

Betty sah mit starrem Blick zur Insel der Sühne hinüber, als ihr ein beunruhigender Gedanke kam. »Was, wenn Granny nur hergekommen ist, um Berufung einzulegen? Damit Vater wieder zurückverlegt wird?« Plötzlich drängten sich ihr Zweifel auf. Sie hatte ja schon gewusst, dass die Chancen auf einen Zusammenhang mit dem Fluch gering waren, aber eine andere Spur hatten sie eben nicht.

Fliss runzelte die Stirn. »Das glaube ich nicht. Auf den Besucherscheinen steht doch eine Häftlingsnummer.«

»Eine Häftlingsnummer? Aber die werden wir brauchen!«

Fliss grinste und klopfte auf ihre Tasche. »Na, dann ist es ja gut, dass ich sie mitgebracht habe.«

Betty lehnte sich erleichtert gegen die Bootswand. »Mich wundert, dass Charlie nicht darauf bestanden hat, mit uns zu kommen«, murmelte sie, nachdem das Boot abgelegt hatte. Hier draußen auf dem Wasser war es noch kälter, und ihr warmer Atem bildete kleine Wölkchen in der frostigen Luft.

»Warum sollte sie?«, meinte Fliss zähneklappernd. »Sie tut gut daran, im Warmen zu bleiben, statt sich für jemanden die Zehen abzufrieren, an den sie sich außerhalb der Gefängnismauern kaum noch erinnert.«

In Fliss’ Stimme schwang eine Verbitterung mit, die Betty eigentlich nicht von ihr kannte. Sie selbst spürte sie auch, aber nicht mehr so stark, seit sie die Briefe ihres Vaters entdeckt hatten. Die Briefe zeigten, dass er doch noch an sie dachte. Dass sie ihm nicht egal waren.

»Du hast Vater nie verziehen, dass er uns verlassen hat, oder?«

Fliss stieß einen langen Atemzug aus. »Ich habe es versucht. Ich versuche es immer noch, nur … es fällt mir nicht leicht. Er sollte hier sein, bei uns, und nicht da drinnen … vor allem, nachdem wir Mutter verloren haben. Ich weiß, er hat auf seine eigene, ungeschickte Art versucht, sich um uns zu kümmern, doch …« Sie brach ab und warf einen Blick über Bettys Schulter. Betty wurde bewusst, dass der Fährmann ihnen mit Interesse zuhörte. Aber Fliss brauchte auch nichts mehr zu sagen. Sie erinnerten sich beide noch gut daran, wie es alles gewesen war.

Nach dem Tod ihrer Mutter hatte Barney Widdershins begonnen zu trinken und zu spielen, bis er zunehmend die Kontrolle verloren hatte. Bevor irgendjemandem klar geworden war, wie viel Geld er verspielt hatte, war die Gaststätte schon hoch verschuldet. Er beharrte jedoch immer noch darauf, eine Lösung zu haben: Schmugglerware verkaufen. Allerdings hatte er vor den falschen Leuten damit geprahlt und musste das mit einer fünfjährigen Gefängnisstrafe bezahlen.

»Ich bin vor allem wegen Charlie so wütend«, sagte Fliss mit aschfahlem Gesicht. Sie war noch nie besonders seefest gewesen. »Charlie kann sich nicht genug an Mutter erinnern, um sie zu vermissen, aber sie hätte erfahren können, wie es ist, einen Vater zu haben. Selbst so einen Trottel von Vater wie unseren.«

Im Stillen war Betty da anderer Meinung. Charlie wirkte doch eigentlich glücklich und vermisste nichts, was sie nie gehabt hatte. Es waren Betty und Fliss, die sich erinnerten und den Verlust stärker empfanden. Und mit etwas Neid erinnerte Betty sich daran, dass Fliss als erstgeborene Tochter manchmal bevorzugt worden war. Daddys Liebling.

Fliss stöhnte leise, als das Boot schwankte.

»Wenn du kotzen musst, bitte ins Wasser«, sagte der Fährmann ohne eine Spur Mitleid.

»Schau auf das Gefängnis«, riet Betty ihr. »Granny sagt immer, es hilft, auf einen Punkt in der Ferne zu gucken.«

Granny. Für beide Mädchen war es das erste Mal, dass sie diese Fahrt ohne sie unternahmen, und noch dazu mit dem Wissen über den Fluch, der in ihren Adern floss. Es war ein düsterer Gedanke, dass sich das Boot auf die Randgebiete von Krähenstein zubewegte – wo ihre Welt endete.

Als Betty am Vorabend die erleuchteten Fenster und flackernden Irrlichter auf dem Wasser gesehen hatte, hätte sie sich fast ausmalen können, dass das Gefängnis ein Märchenschloss in der Ferne war.

Bei Tageslicht jedoch gab es keine Illusionen. Das Steingebäude wirkte wuchtig und grau und überragte die Landschaft wie ein Koloss, der sie zu verschlingen drohte. Die Reihen winziger Fenster blickten einem wie böse Augen leer entgegen. Als die Fähre sich näherte, kamen auch die Gitter in Sicht. Nur eines passte nicht ins Bild: der hohe steinerne Turm. Er sah nicht so aus, als ob er dazugehörte oder überhaupt Teil eines Gefängnisses war.

Betty sah an ihm hinauf und schirmte ihre Augen gegen den immer heller werdenden Himmel ab.

Jedes Mal, wenn der Fluch ausgelöst wird, fällt ein Stein aus der Turmmauer …

Ohne Vorwarnung flackerte noch einmal die Vision des Fallens aus großer Höhe vor ihrem inneren Auge auf. Ihr Atem ging schneller. Was war das nur? Dazu gesellte sich eine Erinnerung: die Geschichte eines Mädchens, das von diesem Turm in den Tod gestürzt war. Betty riss ihren Blick los, als die Fähre anlegte. Sie ging von Bord und reichte Fliss die Hand, um sie zu stützen. Ihre Schwester wankte an Land, vorbei am Fährmann und an der Schlange von Menschen, die darauf warteten, an Bord zu gehen.

»Es geht mir schon etwas besser«, murmelte Fliss, und die Farbe kehrte allmählich in ihr Gesicht zurück. »Sieht so aus, als würde ich meinen Haferbrei doch bei mir behalten.«

Auf dem Weg zum Gefängnis knirschten Kies und Muschelschalen unter ihren Füßen. Dort oben, direkt vor den Gefängnismauern, war ein Verkaufsstand mit Meeresfrüchten.

»Igitt …«, stöhnte Fliss, als der fischige Gestank zu ihnen herüberwehte. Ungeduldig trieb Betty ihre Schwester an und tat ihr Bestes, sie von dem Anblick der eingelegten Aale und Schnecken abzuschirmen. Dann waren sie an dem Verkäufer vorbei und standen vor den riesigen Gefängnistoren.

Betty war angespannt, denn sie sah, dass die Wachposten sie – und vor allem Fliss – mit Interesse beobachteten.

Fliss konnte aber auch nirgendwo hingehen, ohne angestarrt zu werden, selbst wenn sie vor Seekrankheit ganz grün im Gesicht war. Es stand außer Frage, dass sie hübsch war. Ihr seidenes Haar und ihre dunklen Augen hatten schon immer bewundernde Blicke auf sich gezogen, aber es war mehr als das. Ihre Gutherzigkeit und Bereitschaft, immer das Beste in allem zu sehen, waren etwas, das die Leute zu spüren schienen. Heute war es das Letzte, was sie gebrauchen konnten, wenn sie etwas auskundschaften wollten: unerwünschte Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.

»Namen?«, fragte der Wachposten und strich seine Uniform glatt wie ein Vogel, der sich das Gefieder putzt.

»Widdershins«, antwortete Betty in demselben abgehackten Tonfall, den Granny immer benutzte, wenn sie die Dinge – oder die Leute – antreiben wollte.

»Und ihr besucht wen?«

»Unseren Vater«, antwortete Fliss, bevor Betty etwas sagen konnte.

Betty hätte sie ohrfeigen können. Was, wenn der Wachposten wusste, dass Barney Widdershins nicht mehr länger in diesem Gefängnis saß? Sie hielt den Atem an und hoffte, dass es mehr Häftlinge gab, als die Wärter sich merken konnten – oder dass die Bewunderung für Fliss Ablenkung genug sein würde.

»Brr!«, sagte Fliss und blies sich in die Hände. Sie warf dem Wachposten einen flehenden Blick zu, und dieser machte sofort einen Schritt zurück, als hätte ihn jemand in Trance versetzt.

Die Mädchen wurden durch das Tor geführt und traten in einen Gang mit steinernem Gewölbe. Vor ihnen huschten dunkel und schemenhaft Ratten über den Boden und quiekten, worauf Fliss mit einem noch lauteren Quieken reagierte.

Über einer weiteren Tür hing ein verrostetes Schild, auf dem »BESUCHER« stand. Dahinter lag ein großer Raum mit Holzbänken und zahlreichen, ernst dreinblickenden Menschen, die Schlange standen, um sich in das Besucherbuch einzutragen.

»Oh, nein«, murmelte Fliss. »Schau mal, da drüben!«

Betty lächelte angespannt, als sie weiter vorn in der Schlange ein paar Stammgäste aus dem Wildschütz entdeckte, die in ihre Richtung schauten. Es war unvermeidbar gewesen, in einem so kleinen Ort wie Krähenstein jemanden zu treffen, den sie kannten.

»Was, wenn die Granny erzählen, dass sie uns hier gesehen haben?«, fragte Fliss und zog ihr Schultertuch weiter hoch.

»Ich glaube kaum, dass sie das tun würden«, sagte Betty. »Jeder weiß, wie wütend Granny wird, wenn jemand es wagt, zu erwähnen, dass Vater im Gefängnis ist. Und selbst wenn sie es tun würden, hätte Granny noch mehr zu erklären als wir, nämlich, wen sie die ganze Zeit hier besucht hat.«

Während sie anstanden, wurden die Taschen der Mädchen nach Schmuggelware durchsucht und ihre Kopfhaut mit einem langzinkigen Kamm auf Flöhe inspiziert.

»Was für eine Demütigung«, schimpfte Fliss.

Kurz darauf erreichten sie das vordere Ende der Schlange, und das Besucherbuch lag aufgeschlagen vor ihnen. Fliss nahm die Schreibfeder und tauchte sie in das Tintenfass auf dem Tisch. Unter Besuchername schrieb sie einfach »Widdershins«, gefolgt von Datum, Zeit und Besuchernummer.

»Fünf eins drei«, las Betty und versuchte sich zu erinnern, was Vaters Nummer gewesen war.

»Vier vier neun«, sagte Fliss leise, ohne aufzuschauen. »Falls du dich das gerade gefragt hast.«

Unter Name des Häftlings kritzelte sie ein unlesbares Geschnörkel, dann riss sie den Besuchsschein heraus. Sie quetschten sich auf einen kleinen Platz auf der harten Bank und warteten. Ein paar Minuten später bellte jemand laut »Widdershins!«.

Betty und Fliss standen auf und wechselten einen nervösen Blick.

Es war Zeit herauszufinden, wer Häftling fünf eins drei war.

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30 июля 2024
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352 стр. 5 иллюстраций
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9783961775446
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