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Michael Schlinck, Baujahr 1969, lebt heute wieder mit seiner Familie in der Südpfalz, in der er auch geboren wurde und aufgewachsen ist. Neben seiner Liebe zum Schreiben entspannt er sich beim gemeinsamen Musikmachen mit seiner Band und natürlich auch mit seinen Kindern und beim Kartfahren.

Michael Schlinck

Upps!!?

Kommissar Schlemperts dritter Fall

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2017

Bibliografische Information durch die Deutsche

Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek

verzeichnet diese Publikation in der Deutschen

Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im

Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright (2017) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

„Für meinen Freund Klaus“


Alle Personen sind frei erfunden, Ähnlichkeiten mit

lebenden Personen sind rein zufällig

und nicht beabsichtigt.


Inhaltsverzeichnis

Cover

Über den Autor

Titel

Impressum

Widmung

Neues Leben?

Bekomme ich den denn nie los?

Nächtlicher Kult im Brannwald

Optimierung innerer Abläufe

Dienststellenvoting?

Initiative zum Erhalt vom Pfälzer Wald

Eine Fahrt ins Karlstal

Noch eine Leiche

Unser neues Pressebüro

128 3p Berlinetta

Fäden aus Kohlenstofffaser

Der Nachmittag mit Yasmin Kalt

Neuer Tag, neues Glück

Hochzeit

Amoklage

ALBIDÜW

Eberhard Palanowskys Outing

Auf der Jagd

Leuchtendes Beispiel

War er es nun oder doch nicht?

Schriftsteller und Konsorten

Wie geil ist das denn?

Da stimmt die Chemie

Na geht doch

Modellbau

Das glaube ich jetzt aber nicht

Ein Ausflug mit Laura

Das Rätsel ums Feuchtbiotop

Wer ist Hans Koch?

Ringelpietz mit anfassen

Danksagung

Vorausgegangene Krimis

Neues Leben?

Herrliches Wetter da draußen. Die Sonne scheint so schön in die bunten Blätter der Bäume, die hinterm Floßbach an der Wallgasse stehen. Ich genieße die kleine, grüne Insel hier inmitten der Stadt. Eigentlich ist ja alles gut, doch wohl fühl ich mich nicht in meiner Haut. Unwohl, das trifft es eher. Mein Magen grummelt und es stehen mir kalte Schweißperlen auf der Stirn. Auch meine Körperhaltung irritiert mich. Da stehe ich am Fenster in diesem großen Raum, schau hinaus mit den Händen auf dem Rücken und drehe ununterbrochen meinen Ehering am Finger, diesen Ring, den ich nun wieder mit Stolz tragen darf, denn Natalie und ich konnten alle Missverständnisse abarbeiten. Somit habe ich auch wieder Kraft geschöpft für die neuen Aufgaben, die nun vor mir liegen. Gut, die Aufgaben, die hinter mir liegen, waren auch nicht schlecht. Vor allem der Pool, den ich in den letzten Wochen angelegt habe, war eine Herausforderung für sich. Drei volle Tage bin ich mit einem gemieteten Minibagger in meinem Garten herumgefahren und habe das Loch ausgehoben. Am Ende hatte ich aber mein Ziel erreicht. Ein acht Meter langes und sechs Meter breites Loch, einen Meter vierzig tief. Ein schönes Loch und mitten drinnen ein schöner, gemieteter Minibagger. Klasse Schlempert, toll gemacht. Ein weiterer Tag und zwölf Liter Kraftstoff hat es dann in Anspruch genommen, mir eine Ausfahrt zu baggern, damit ich das Teil auch wieder zum Mietpark zurückbringen konnte. Aber der Pool wurde schön. Schön kalt. Na ja, bei Fertigstellung im September reichte die Sonnenkraft eben nicht mehr aus, um das Wasser auf Temperatur zu bekommen. Im nächsten Sommer klappt es bestimmt.

Genug aus dem Fenster geschaut, weshalb ich mir nun mal die Bilder an der Wand ansehe. Große Überraschungen sind nicht dabei. Ich hab sie ja auch alle selbst aufgehängt. Da ein Poster der Gibson Flying V in Originalgröße, die Kult-Heavy-Metal-Gitarre überhaupt, dann ein gerahmtes Bild eines Lamborghini Countach, daneben Edward van Halen mit seiner gestreiften Frankenstein-Gitarre. Anschließend, wiederum gerahmt, der Lancia Stratos. Ich liebe dieses Auto genauso wie den Renault Alpine A110, dessen Abbild in blau daneben hängt.

An der Wand gegenüber steht eine Vitrine, in der meine Pokale stehen, die ich mit Gusti als Rallyebeifahrer gewonnen habe. Dazwischen immer wieder einige meiner schönsten Modellautos und dann noch meine alte Fender. Meine gute, alte, elektrische Gitarre. Wenn ich sage, dass die mir sogar schon das Leben gerettet hat, ist das keineswegs übertrieben. Doch das war eine andere Geschichte.

Zwischen den beiden Wänden steht noch der total überdimensionierte Besprechungstisch, an dem mindestens zwanzig Personen Platz finden, so mit allem Pipapo, mit Beamer, Steckdosen und USB-Anschlüssen, damit ein jeder am Tisch seine Erkenntnisse auch gleich auf die Leinwand projizieren kann. Ganz toll. Wo ich ja so ein Computergenie bin. Nämlich gar keins. Dass ich meine Mails abrufen kann, ist auch schon das höchste. Etwas googeln hab ich inzwischen auch gelernt. Also bei Wikipedia kann ich eigenständig etwas nachlesen oder auf Ebay etwas beobachten, zu bieten hab ich mich allerdings noch nie getraut.

Dann steht dort noch der Schreibtisch. Eiche rustikal würde ich sagen, mit den vielen kleinen handgeschnitzten Verzierungen, riesengroß und sicher tonnenschwer, wahrscheinlich hier im Raum angefertigt. Durch die Tür passt er jedenfalls nicht. Drei Bildschirme mit Tastaturen befinden sich darauf. Zwei, ja richtig, zwei Telefone, wo doch jeder weiß, dass ich nur einem zuhören kann. Dann das Multifunktionsgerät, das drucken, kopieren, faxen und scannen kann, alles auf einmal. Der helle Wahnsinn, wenn man es bedienen kann.

An der Wand hinter dem Schreibtisch hängt auch noch dieser gigantische Flachbildmonitor, mindestens zwei Meter in der Diagonale. Und alles, was er anzeigt, ist diese Landkarte mit den Blinkpunkten darauf, unter denen so komische Zahlenkombinationen stehen.

Ne, ne, hier bin ich komplett fehl am Platz. Ich will raus. Ich schmeiße am besten gleich alles hin. Aber was sag ich dann Natalie? Bisher sagte sie, dass sie mir in den Arsch tritt, wenn ich diese Chance nicht wahrnehme. Dass mir doch nichts Besseres passieren kann in meiner Situation.

Sie hat ja auch nicht Unrecht, glaubt sie. Ich dachte mir ja, dass es das Beste war, dass mich der Heuler suspendiert hat. Ich hatte ja nie Bock auf den scheiß Kripo-Job. Immer die Verantwortung, die Angst, Fehler zu machen. Das war nichts für mich. Ich wusste immer, dass es nicht schlimmer kommen konnte. Und nun? Nun ist es schlimmer gekommen. Der schlempertsche Super-Gau sozusagen.

Da ist doch tatsächlich in Mainz bei unserer Landesregierung jemand dahintergekommen, was der Heuler hier so treibt. Dass er in der Presse bekannt gibt, dass er zum Ermitteln untergetaucht wäre und dann die Spesenrechnung eines süßen, kleinen, aber nicht ganz billigen Hotels eingereicht hat. Hot Chocolate Massage, anstatt Observierung und so. Gut, den haben sie dann nicht suspendiert. Ne, den haben sie einfach gefeuert. Gerade so. Einfach weg. Eigentlich ein Traum für mich, da ich ihn ja noch nie leiden konnte. Nur, dass sie dann ausgerechnet mich auf seinen Posten als Dienststellenleiter gesetzt haben, das ist eher ein Alptraum. Mich einfach zu versetzen und mich auch noch vom Haupt- zum Oberkommissar zu befördern. Gut, ich habe nun auch die gleichen Bezüge, die der Heuler hatte, das tröstet mich etwas. Aber was soll ich denn hier tun? Ich war doch in Landau mit meinem Team, das nur aus Timo und Laura bestand, oft überfordert. Nun hab ich einhundertachtunddreißig Beamte, für die ich verantwortlich bin. Keine Ahnung, wie das gehen soll. Nun bekomme ich ja fast schon Ehrfurcht vor dem Heuler, immerhin hat er ja den Laden jahrelang geschmissen. Zwar eher schlecht als recht, aber immerhin hat er ihn geschmissen, womit er mir gegenüber im Vorteil ist.

Es hilft alles nichts, jetzt bin ich eben da, Dienststellenleiter der Kriminaldirektion Neustadt an der Weinstraße, Dieter Schlempert.

Und als erste Maßnahme werde ich die nähere Umgebung erkunden. Man sollte ja wissen, wo es was zum Essen gibt, wenn einen der Hunger quält. Der nächste Supermarkt und auch eine Apotheke sollten sich ebenfalls in meinem Kopf einprägen, ebenso wie der nächste Geldautomat. Alles Orte, die man kennen sollte.

So ziehe ich meine Jacke über und schreite zur Tür, die sich aber auch genau in diesem Moment öffnet und mir einen Schlag gegen die Schulter versetzt.

„Sag mal, wo willst du denn hin?“, fragt Timo, der die Tür so schwungvoll öffnete.

„Raus“, sag ich, während ich meine schmerzende Schulter reibe.

„Du kannst doch jetzt nicht raus“, bekomm ich zur Antwort, „du hast in drei Minuten Teambesprechung mit den Hundeführern.“

„Mit den wem?“, bin ich verblüfft.

„Mit den Hundeführern. So steht es im Wochenplan. Montags neun Uhr Teambesprechung mit den Hundeführern. Anschließend dann Sitzung mit dem Ausschuss für innere Abläufe und Optimierung.“

Jetzt bin ich platt. Genauso lass ich mich auf meinen Sessel am Schreibtisch fallen. Komplett geplättet. Sitzung nach Sitzung. Total unvorbereitet. Das kann ja heiter werden. Nein, das wird sicher heiter werden.

Bevor ich dazu komme mich zu bemitleiden, kommen auch schon die Hundeführer, allerdings nicht alleine, denn zu jedem Führer gehört ja auch der passende Hund. Nun sitzen also vier Herrchen, zwei Frauchen und sechs Hündchen brav an meinem Besprechungstisch und machen Männchen. Also die Hündchen halt.

So erfahre ich, dass wir hier über zwei Drogenhunde, einen Sprengstoffspürhund, einen Fährtenhund und zwei Schutzhunde verfügen.

Einer der Schutzhunde, ein Schäferhund, winselt sabbernd vor sich hin und streckt mir dabei sein Pfötchen entgegen. Anscheinend verwechselt er mich mit jemandem. Warum sonst sollte er so freudig erregt sein und so schwungvoll mit seinem Schwanz wedeln?

„Haras, still! Du siehst doch, der Herr Schlempert erkennt dich nicht mehr.“

Das stimmt ja auch, den Hund erkannte ich nicht gleich wieder, was wohl daran liegt, dass für mich ein Hund wie der andere aussieht. Gut, es gibt große und kleine Hunde, auch welche mit langem oder kurzem Haar. Die Engelsstimme seiner Hundeführerin habe ich dagegen sofort erkannt. Haras und sein weibliches Herrchen haben mir doch tatsächlich damals vor der Pizzeria in Waldrohrbach das Leben gerettet. Nun freue ich mich ebenfalls über das Wiedersehen. So teile ich mit Haras meinen Schokoriegel, was von seinen Artgenossen mit neidischen Blicken verfolgt wird.

In den nächsten Minuten erfahre ich die Namen der restlichen Hundeschar und ihre Spezialgebiete. Sehr informativ. Nun fasse ich doch etwas Mut in Angesicht der tierischen Unterstützung, die ich in meinem neuen Arbeitsbereich habe.

Kaum ist die Hundestaffel abgetreten, stellt Timo auch schon wieder frische Kaffeetassen für die nächste Sitzung bereit. Der Heuler hatte seinen Laden anscheinend minuziös durchgetaktet.

Ausschuss für innere Abläufe und Optimierung steht nun an.

Fünf Personen, die ich nicht kenne, bevölkern nun meinen Besprechungstisch. Zum einen ein asiatischer Herr mit Laptop, der sich als Kim Yang vorstellt. Zum zweiten ein schnauzbärtiger Anzugträger, der Gerhard Treiber heißt und ebenfalls mit einem Laptop bewaffnet ist. Die drei weiteren, ein Herr und zwei Damen, setzen sich, ohne ein Wort zu verlieren, auf die hinteren Plätze.

Kim und Gerhard haben ihre Rechner zwischenzeitlich mit dem Beamer vernetzt.

„Zur Optimierung der inneren Abläufe habe ich, wie von Herrn Heuler gewünscht, einen Plan ausgearbeitet“, beginnt der Asiate mit seiner Ansprache. „Bei einer Verlegung der Toiletten in die Mitte einer jeden Etage könnten wir durchschnittlich 28 Sekunden pro Toilettengang je Mitarbeiter einsparen. Das würde bei 138 Beamten und vier Toilettengängen pro Schicht bedeuten, dass wir 94,5 Arbeitsstunden monatlich einsparen würden. Was wiederum bedeutet, dass wir etwas mehr als eine Halbtagsstelle einsparen könnten.“

Hab ich nun richtig gehört? Da schlägt mir wirklich einer allen Ernstes vor, wegen einer halben Stelle, das komplette Gebäude umzubauen. Nun bin ich wirklich gespannt, was der Gerhard Treiber zu sagen hat.

„Werter Kollege, sehr geehrter Vorgesetzter und alle anderen im Raum befindlichen Personen“, leitet er seinen Beitrag ein, „meinen Erkenntnissen zufolge muss ich Herrn Yang entschieden widersprechen. Einer finnischen Studie folgend, sollten wir die Toiletten im Haus schließen und auf die gegenüberliegende Seite vom Hof verlagern. Ein nicht unerheblicher Teil der Kommunikation unter Kollegen findet auf den Fluren statt. Somit sollten wir die Wege zu den Toiletten so gestalten, dass möglichst viel Raum für Gespräche entsteht. Zudem würde der Weg über den Hof zu einer erhöhten Sauerstoffzufuhr führen, was zusätzlich die Effizienz erhöht.“

Okay. Meiner Meinung nach würden wir die meisten Kosten einsparen, wenn wir die zwei Toilettenheinis wegrationalisieren würden.

„Den letzten asiatischen Forschungen zufolge ist meine Lösung die einzig richtige“, setzt sich nun Yang zur Wehr, „zielorientiertes Arbeiten ist nur am eigenen Arbeitsplatz, vernetzt in die modernen Medien, möglich.“

„Alles Firlefanz“, wird der Treiber nun etwas lauter, „der Faktor Mensch ist entscheidend. Wir müssen die Kommunikation fördern und wieder eine Verbindung zur Natur herstellen.“

„Natur, Natur. Wir können uns nicht davor verschließen, dass das natürliche Umfeld der Menschheit nun virtuell stattfindet. Vorbei mit Konversation und frischer Luft.“

So sehr mich das Schauspiel auch fasziniert, nun schwillt mir doch der Kamm. Die beiden bekriegen sich wie Politiker im Wahlkampf und dabei langweilen sich die stillen Beisitzer. Zudem sitzen Timo und ich auch noch dabei. Das sind entschieden zu viele Ausgaben für den Steuerzahler.

„Schluss mit der Seifenoper!“, schreie ich deshalb mal in den Raum. „Die Beisitzer gehen bitte zurück an Ihren Arbeitsplatz und die Herren Yang und Treiber erhalten von mir den Auftrag, für die nächsten Monate einen sozial verträglichen Dienstplan zu erstellen.“

„Und die Toilettenfrage?“, sagen die beiden Herren wie aus einem Mund.

„Gestorben!“, sag ich. „Und nun alle raus.“ Worauf auch alle gehen. „Du nicht.“ Nun bleibt Timo stehen. Wohl wissend, dass er der einzige ist, den ich mit du anrede.

„Ja, Chef“, sagt er eingeschüchtert dienstlich. Okay, er hat mich schon deprimiert, ängstlich oder freundschaftlich erlebt, aber so aufbrausend anscheinend noch nicht.

„Setz dich“, schlage ich nun ruhigere Töne an. „Gehe bitte meinen ganzen Wochenplan durch und sage sämtliche Meetings ab. Anschließend schreibe an alle Abteilungen, dass ich im Laufe der Woche ohne festen Zeitplan zu Besuch kommen werde, um mir vor Ort ein Bild von jedem Arbeitsplatz zu machen.“

Als ich geendet habe, geht Timo wieder Richtung Tür.

„Kannst du mir sagen, wo du schon wieder hin willst?“, frag ich ihn deshalb.

„Na ins Großraumbüro, die Mail schreiben.“

„Nix Großraumbüro“, sag ich, so wie man mit einem Kind redet, „du bleibst hier bei mir. So wie in Landau.“

„Dieter, das hier ist nicht Landau, das hier ist Neustadt! Und du bist nicht mehr Dieter, du bist jetzt Oberkommissar und Herr Schlempert.“

Jetzt redet der mit mir, als wäre ich bescheuert.

„Timo, rede nicht daher, als wäre ich bescheuert. Du holst auf der Stelle deinen Kram und schlägst hier dein Lager auf. Basta!“

„Oberkommissar Schlempert“, spricht Timo jetzt auch noch geschwollen, „ich werde mich Ihrer Autorität beugen.“

So zieht er von dannen und ich stehe wieder alleine in dem riesigen Büro. Zu allem Überfluss beginnt nun auch noch der Bildschirm über meinem Schreibtisch rot zu blinken und wie eine Sirene zu heulen. Wie gelähmt stehe ich davor und hab keine Idee, was das nun wieder soll. Glücklicherweise kommt Timo schon hereingestürmt.

„Los Dieter, ein Leichenfund, da musst du reagieren.“

Ach so ist das. Da reagiere ich doch gleich einmal und schnappe meine Jacke, den Autoschlüssel und mach mich auf den Weg.

„Dieter“, sagt Timo auffallend provokant.

„Was? Ich habe keine Lust auf Spielchen“, blaffe ich ihn an.

„Nicht auf und davon, Mensch. Delegieren! Du verdienst dein Geld nun mit dem Zeigefinger.“

„So ein Quatsch“, sag ich, weil das doch ein Quatsch ist, „wir fahren jetzt dorthin.“

„Wenn du das willst, kannst du das“, wird mein Kollege nun versöhnlicher, „nachdem du die Spurensicherung, den Pathologen und die Abteilung für Tötungsdelikte alarmiert hast.“

Und so sitzen wir drei Telefonate später tatsächlich im Auto und fahren durchs Elmsteiner Tal in Richtung Johanniskreuz. Eine Traumstrecke für mich und meinen Mini. Zumindest wenn man sich auf das Fahren konzentrieren kann. Ich konzentriere mich auf das Navigationssystem, das wir dieses Mal nicht mit einer Adresse gefüttert haben. Jede Menge Zahlen haben wir eingetippt. Zahlen für Längen- und Breitengrade, so ist das eben, wenn sich ein Toter dazu entschließt, irgendwo in der Botanik zu liegen und nicht in einem Gebäude mit Straße und Hausnummer.

Apropos Toter, nun fällt mir ein, dass ich gerade zum ersten Mal zu einem Tatort unterwegs bin, an dem noch nicht alle grausamen Überreste schon weggeräumt wurden. Und schlagartig wird mir schlecht. Als würde die kochende Magensäure, die mir aufstößt, nicht reichen, kommt mir nun auch noch der Geschmack von Kräuterbonbons in den Mund. Eine Macke, die ich einem Pathologen namens Hansi zu verdanken habe.

Nun holpern wir einen Feldweg entlang, was meinem tiefer gelegten Dienstwagen gar nicht gut tut. Laut Navi müssen wir drei, also Timo, ich und der Mini uns diese Folter noch mehrere Kilometer gefallen lassen.

Nach schier endlos erscheinenden Minuten steht ein aufgeregter, zwergenähnlicher Mann auf dem Weg und winkt hektisch.

„Sie kinne do nidd dorsch fahre“, sagt er in einem Dialekt, den ich nicht recht zuordnen kann, „do isch ei Verbreche bassiert, die Boolente missd ah ball do soi.“

Nun hab ich es verstanden, der ist kein Pfälzer, aber versucht die Sprache zu sprechen.

„Hören Sie“, sag ich deshalb, „zum Ersten können Sie gerne mit uns reden und brauchen nicht mit Gewalt zu babbele. Zum Zweiten sind wir die Polende. Darf ich vorstellen: Oberkommissar Schlempert und das ist mein Kollege Gebauer.“

„Dann kommen Se mit“, spricht er nun deutlich verständlicher, „dorde driwwe auf demm Trekkingblatz licht se, die Leich odder besser gsachd, was ebe ibbrig iss.“

Also ich fasse mal zusammen: Da steht nun mir gegenüber ein circa eins fünfundfünfzig großer Mann in grüner Waldkleidung mit blondem Haar und gleichfarbigem Rauschebart, einem Fahrradhelm auf dem Kopf und einer Wäscheklammer am rechten Hosenbein. Dazu versucht er krampfhaft pfälzisch zu reden, obwohl er es nicht kann. Dazu riecht er nach teurem Parfüm und behauptet, eine Leiche entdeckt zu haben. Das kann ja heiter werden.

Wir folgen ihm querfeldein in den Wald zum Trekkingplatz.

Diese Plätze wurden vor ein paar Jahren überall im Pfälzer Wald eingerichtet, um wildes Campieren zu vermeiden. In der Regel befinden sie sich an einem Bachlauf oder einer Quelle, haben eine eingeebnete Fläche, um Zelte aufzubauen, Bäume, um Hängematten aufzuhängen und eine Grube, um seine Notdurft zu entsorgen, also quasi ein Apartment für Rumpelstilzchen. So passt nun auch unser Leichenfinder ins Bild.

Was wir aber vorfinden, ähnelt nicht im Geringsten einem Trekkingplatz, eher einem Kriegsschauplatz oder der Mondoberfläche. Also, um es kurz zu machen, dort wo der Platz sein sollte, befindet sich nur noch ein Krater. Gut zwei Meter tief und fünf bis sechs Meter im Durchmesser. Etwa so zehn Meter weiter liegen am Fuße eines Baumes tatsächlich die Überreste eines menschlichen Körpers.

Schön ist der Anblick wirklich nicht, weshalb ich mir gleich mal über die Füße kotze. Bevor ich nun den Tatort noch mehr kontaminiere, geh ich mal schnell zum Auto, nehme eine Rolle von dem Absperrband, auf dem steht »Polizeiliches Sperrgebiet Zutritt verboten« und beginne damit, den Wald weiträumig abzusperren. Dabei nehme ich zur Kenntnis, dass nun nach und nach die Kollegen aus den alarmierten Abteilungen eintreffen.

Nachdem ich meine Runde mit dem Absperrband abgeschlossen habe, sehe ich meinen Freund, den Spurensicherer Martin Schneider, mit seinem Köfferchen den Weg entlang laufen.

„So eine Sauerei“, kommt er mir schimpfend entgegen, was mich auch gleich betroffen macht. Sicher ist das eine Anspielung auf meinen Mageninhalt, der so nahe bei der Leiche liegt.

„Können die ihre Opfer nicht einfach erstechen und das Messer stecken lassen?“, motzt er weiter. „Aber nein, da muss man Sprengstoff unter einer Feuerstelle vergraben, damit überall Innereien liegen. Zwei meiner Männer haben schon den Tatort vollgekotzt.“

Das beruhigt mich nun ungemein. Zum einen passiert so etwas auch Spurensicherern und zum anderen fällt somit mein Flecken nicht mehr auf und nun erfährt niemand von meinem Malheur.

„Das heißt, mit deinem Brechfleck sind es nun drei, die mir den Tatort kontaminieren.“

„Scheiße, wer hat gepetzt?“, sag ich nun, als ich endlich mal zu Wort komme.

„Da braucht niemand zu petzen, sowas erkenne ich schon an dem ganzen vegetarischen Kram. Das Zeug isst doch nur du“, hat er mich ertappt. Endlich streckt er mir seine Hand entgegen: „Grüße dich mein Freund, ich hoff, dass es dir außer deinen Magenbeschwerden gut geht. Nun musst du mich leider entschuldigen, ich muss wieder dort rüber bevor mir noch einer hinkotzt.“

Gut, dort rüber brauch ich nun wirklich nicht mehr und schau mich deshalb mal um. Es hat sich eine stattliche Anzahl Einsatzfahrzeuge eingefunden. Aus einem eben angekommenen Mercedes steigt gerade ein mir bekannter Altpunker aus. Irokesenschnitt, Nasenring, zwölf Piercings in der linken Augenbraue und einen Doktortitel, das ist der Pathologe Hansi vom Städtischen Klinikum in Karlsruhe.

Ich nicke ihm freundlich zu, was er mit einem: „Na Dieter, magst du ein Bonbon“, beantwortet.

„Du mich auch“, rufe ich zurück und strafe ihn mit Nichtbeachtung.

Was mir nun aber noch auffällt, ist, dass unser Leichenfinder gerade mit zwei Beamten in einen Kleinbus steigt. Na, dessen Aussage will ich mir doch auf keinen Fall entgehen lassen.

Am kleinen Tischchen hinten im Bus sitzen die beiden Kollegen, der eine groß, schlank, mit kurzem Borstenhaarschnitt und die andere eher klein, athletisch, mit langem schwarzem Haar und einem leicht exotischen Aussehen. Gegenüber sitzt der langbärtige Mann, bei dem ich weder Herkunft noch Alter einzuschätzen vermag.

Um die Beamten nicht zu stören, setze ich mich auf den Beifahrersitz, um durch das Abgrenzungsgitter das Geschehen zu beobachten.

Der Polizist kommentiert meine Aktion mit einem: „He he he!“

Die Polizistin ist da mit einem: „Ach Gottle, der Chef“, doch deutlich respektvoller.

„Ah Chef, sorry“, sagt nun der Beamte entschuldigend.

„Lasst euch nicht stören“, sag ich auffordernd, damit nun endlich das Aufnehmen der Aussage beginnen kann.

„Name und Adresse bitte“, sagt meine Kollegin, die bereit ist, alles was gesagt wird, auch in den Laptop vor ihr einzutippen.

„Korbinian. Korbinian Jansen“, beginnt der Bartträger zu sprechen, während die gezwirbelten Enden seines Schnauzbartes lustig wackeln, „isch wohn im Karlstal in dere alde Kutschermühle, eigendlisch geherd des zu Trippstadt. Also wohn isch in Trippstadt in de Kutschermühl äns.“

„Kutschermühle eins“, wiederholt die junge Dame mit dem prächtigen Haar, „Beruf?“

„Jo, isch bin hald Schdroßeplaner.“

„Sie sind was?“

„Schdroßeplaner bin isch. Straßenbauingenieur in gehobener Beamtenposition, nennd sich des richdisch.“

„Herr Jansen“, schaltet sich nun der Polizist ein, „können Sie mir bitte erklären, weshalb Sie krampfhaft versuchen, pfälzisch zu reden, obwohl Sie sich sichtlich schwertun damit.“

„Weil isch do dehäm bin, des isch mei geliebte Wahlheimat. Wissens wie än Transvestit im falsche Kerper gebore is, so war isch am falsche Ort gebore. Un jetzt, wo isch endlisch am rechte Fleck bin, loss isch mers ah nid nemme, so zu babbele, wie sichs do geherd.“

Somit ist dieses Rätsel schon einmal gelöst.

„Dann erzählen Sie mal, wie es zu Ihrer grausigen Entdeckung kam, Herr Jansen“, übernimmt nun der Mann mit dem Stoppelhaar die Befragung.

„Ja, des war so, wie jeden Freidach noch de Aweid hab isch mein Drahtesel gschnabbd und bin do rauf geradelt. Jeden Freidach, wos nur geht, bin isch üwwer Nacht hier und genies mei Pfälzer Wald. Jeden Freidach sitz isch do am Feuer und lausch de Nadur. Un so wars ach heud gepland, also bin isch noch de Aweid do herruf geradelt un dann heb isch des do gfunne.“

„Ist Ihnen denn noch etwas aufgefallen?“

„Ah jezd, wo Ses sachen Herr Bolezischd, ajo, äh verdel Schdunn bevor isch do war had es gerumst im Wald. Des werd die Exblosion gewehse sei.“

„Das sollte es gewesen sein“, sagt mein Kollege nun abschließend.

Für ihn vielleicht, allerdings für mich nicht, weshalb ich mich nun nach hinten begebe.

„Herr Jansen“, übernehme ich nun das Ruder, „wenn Sie hier jeden Freitag verbringen, sind Sie denn da immer alleine hier?“

„Ei nänä, do sinn ach öffder annere do, des isch jo än öffendlicher Platz, nid wahr?“

„Okay, und wer übernachtet hier dann so mit Ihnen?“

„Och des is ganz verschiede. Mo Radfahrer, so wie isch, mo Reider mid ihre Pfärdscher, annermol sinns Wannersleid oder Druidekoleche von meim Keltenkult.“

„Keltenkult?“, entfährt es mir verwundert.

„Jo, ehwe Leid wie isch. Mehr mache nix Schlimmes un beschäffdigen uns hald mit alde Brauchtümer und vehl Kräuterkunde.“

Da kann man doch alt werden wie eine Kuh und man lernt doch immer noch dazu. Druiden? Also sitzt vor mir ein Miraculix der Neuzeit?

Egal, ich habe Wichtigeres zu fragen: „Haben Sie eine Ahnung, wer das Opfer sein könnte?“

„Na, Sie hänn sischer ach gsehe, dass mar vunn dere Leich nimmi viel erkenne kann, isch wäss nid wer des gewässt sei kinnd.“

Da hat er schon recht, der Herr Jansen, auch ich konnte nicht einmal sehen, ob dort ein Männlein oder ein Weiblein liegt.

„Haben Sie eine Idee, wie wir herausfinden können, wer dort liegt?“, frage ich deshalb.

„www.trekking-pfalz.de“, sagt der Kautz nun wie aus der Pistole geschossen, „dort sollte sich jeder Nutzer von so einem Platz anmelden. Dort haben Sie sehr gute Chancen zu erfahren, wer für heute gebucht hatte.“

Nachdem ich mich artig für diese Informationen bedankt habe, druckt die junge Kollegin in Uniform das Protokoll der Befragung aus, das Korbinian Jansen auch gleich unterschreibt.

Nachdem er den Kleinbus verlassen hat, verteile ich die Aufgaben. „Herr Kollege“, spreche ich zuerst den Beamten an, „gehen Sie doch bitte noch einmal zum Tatort und fragen Sie nach, ob bei dem Leichnam irgendwelche Papiere gefunden wurden, die auf seine Identität hinweisen. Sie“, sag ich, während ich meinen Blick zu der Kollegin wende, „Sie möchte ich bitten, über den Webseitenbetreiber herauszufinden, wer alles eine Übernachtung gebucht hatte, Frau, äh Frau ähm Frau Kollegin.“

„Kalt“, kommt knapp von ihr zurück, was ich als Frechheit empfinde.

„Hören Sie, junge Frau“, gebe ich deshalb patzig zurück, „Sie können es gerne mir überlassen, ob eine Spur heiß oder kalt ist. Ich erwarte, dass Sie tun, was ich sage“, worauf sie schlagartig sämtliche Gesichtsfarbe verliert, um dann feuerrot anzulaufen.

Auf jeden Fall hat es ihr nun die Sprache verschlagen und mir ein deutliches Plus an Autorität gebracht.

„Entschuldigen Sie bitte, Chef“, schaltet sich nun wieder der Kollege ein. Während ich noch in Erwägung ziehe, ihn nun auch in seine Schranken zu verweisen, spricht er vorsichtig weiter: „Hier handelt es sich um ein bedauerliches Missverständnis. Mein Name ist Helmut Glaser und das hier ist Yasmin Kalt. Sie verstehen? Sie wollte nicht Ihre Arbeit kritisieren oder kommentieren, Sie wollte sich nur vorstellen.“

Nun nickt die junge Frau heftig und mit Bedauern sehe ich, dass ihr Tränen über das Gesicht laufen.

„Bitte entschuldigen Sie, Frau Kalt. Das tut mir nun unheimlich leid“, sag ich, weil mir das unheimlich leid tut.

„Nichts für ungut Chef“, erwidert sie, „ist ja auch ein saudummer Name.“

Nun erkenne ich in ihren tränennassen Augen, wie blutjung sie eigentlich ist. Vielleicht fünfundzwanzig, sicher frisch von der Polizeischule. Ich reiche ihr ein Papiertaschentuch und verlasse gemeinsam mit Helmut Glaser das Fahrzeug.

Nach diesem peinlichen Zwischenfall steht mir der Sinn nach frischer Luft.

Glaser stapft durch den Wald, um die von mir angeforderten Informationen abzufragen und im Bus höre ich Yasmin Kalt emsig auf der Tastatur hämmern. Ich lehne mich derzeit an meinen Mini und atme tief durch.

Nach wenigen Minuten kommt Helmut Glaser gemeinsam mit Timo wieder zurück. Aus ihren Gesten glaub ich zu lesen, dass sich die beiden Männer schon angefreundet haben. Solche Dinge fallen sicher leichter, wenn man nicht gerade Dienststellenleiter ist.

„Ja, Dieter“, beginnt Timo zu berichten, „männlich, circa Mitte fünfzig, mehr lässt sich leider noch nicht sagen. Eine Identifizierung wird nur über einen Genabgleich möglich sein.“

„Was weiß man über den Tathergang?“, hake ich nach.

„Alles deutet darauf hin, dass unter der Feuerstelle eine größere Menge auf Schwarzpulver basierenden Sprengstoffs versteckt war, der durch das Entzünden des Lagerfeuers zur Detonation gebracht wurde.“

„Vielleicht ein Blindgänger aus Kriegszeiten, Timo?“

„Nein, unmöglich. Es war ein oder wahrscheinlich mehrere in Papier gepackte Sprengkörper. Also quasi sehr große Silvesterböller.“

Nun wird die Schiebetür am Einsatzkleinbus geöffnet und Frau Kalt steigt aus.

„Ich hab da was“, sagt sie und ich freue mich darüber, dass ihre Augen wieder strahlen, „für heute waren nur der Korbinian Jansen und ein Herr Peter Brechtel angemeldet.“

Da sich Jansen bekanntlich bester Gesundheit erfreut, sollten wir unsere Suche nun auf den Brechtel konzentrieren. „Gibt es eine Adresse?“, frage ich deshalb.

„Leider nur Clausen als Wohnort“, informiert mich die Kollegin.

„Sollen wir da gleich mal hinfahren?“, will Helmut Glaser wissen.

„Das übernehme ich“, entgegne ich ihm, „komm Timo, fahren wir.“

„Wie bitte? Sie?“, sagen die Kollegen Kalt und Glaser wie aus einem Mund.

„Klar ich, wieso?“, äußere ich ebenso erstaunt wie die beiden Beamten.

„Ich meine ja nur“, beginnt nun die junge Frau zu stottern, „Sie sind doch der Chef und diese Aufgabe, ich will ja nur sagen, dass der Heuler nie am Tatort war oder so. Dann noch eine unangenehme Botschaft überbringen. Dafür haben Sie meinen vollen Respekt.“

„Eins will ich dann doch mal klarstellen“, stelle ich nun klar, „ich bin nicht der Heuler und werde auch nicht anstreben, auch nur im Geringsten so zu sein, wie der Ex-Kollege Rüdiger Heuler.“

Nun blasen die beiden Uniformierten deutlich hörbar Atemluft durch die Zähne. Ich glaube dabei auch so etwas wie »Gott sei Dank« zu hören.

„Ähm Dieter, macht es dir etwas aus, alleine nach Clausen zu fahren?“, meldet sich nun Timo zu Wort. „Ich würde gerne noch hierbleiben und die Arbeit der Spurensicherung verfolgen.“

Etwas, das ich auf gar keinen Fall verfolgen möchte. Dass es mein junger Kollege will, finde ich jedoch lobenswert, weshalb ich ihm zustimmend zunicke.

„Ich würde gerne mit Ihnen fahren“, wirft nun Yasmin Kalt in die Runde, „eine bessere Gelegenheit, direkt vom Chef zu lernen, werde ich kaum bekommen.“

Diese Haltung der jungen Frau finde ich auch äußerst lobenswert, weshalb ich auch ihr nun zustimmend zunicke.

Nach schier unendlichen Minuten auf den holprigen Waldwegen biegen wir endlich auf die kurvige Landstraße ein. Eine Herausforderung, der ich nicht widerstehen kann. Eine Straße, bei der sich Kurve an Kurve und Kuppe an Kuppe reiht, dann ein junges attraktives Mädchen auf dem Beifahrersitz, da kommen pubertäre Gefühle auf. Nun heißt es: Feuer frei. Die dreihundertachtzig PS reißen an dem Mini, als würde uns eine Rakete antreiben. Wie ein Teenager freue ich mich über das kartähnliche Fahrverhalten des Minis, der nun beginnt, quer in jede Kurve hineinzurutschen. Die Kuppe vor uns beschließe ich ungebremst zu nehmen, was mich mit einem ordentlichen Sprung durch die Luft belohnt. So macht das Arbeiten Spaß.

Was sich aber auf keinen Fall spaßig anhört, ist die Stimme vom Beifahrersitz, die ganz plötzlich: „Anhalten, sofort anhalten“, schreit und das in einer Lautstärke, die durch Mark und Bein geht.

Wie befohlen werfe ich unvermittelt den Anker, was bedeutet, dass ich eine klassische Vollbremsung mache. Da ich, wie immer wenn ich flott unterwegs bin, sämtliche elektronischen Helfer abgeschaltet hab, steht nun der Mini am Ende von einer tiefschwarzen Bremsspur in einer übel riechenden Qualmwolke. In dieser ist die junge Frau verschwunden.

Nach einer kurzen Suche finde ich sie kreidebleich an einen Baum gelehnt. Hinter meinem Mini hält gerade ein Fahrzeug, dessen Beifahrer mit einem Feuerlöscher direkt mein komplettes Auto einsaut. In so einem Moment habe ich schon das Gefühl, dass mir alles über den Kopf wächst.

Was nun hilft, ist eins nach dem anderen abzuarbeiten und so gehe ich zuerst mal auf den freundlichen Helfer zu, der gerade seinen leer geblasenen Feuerlöscher in den Straßengraben wirft.

„Vielen herzlichen Dank für Ihre unnötige Hilfe“, sag ich mit einer gehörigen Portion Sarkasmus.

„Das habe ich doch gerne gemacht“, gibt er zurück und verschwindet beleidigt im Auto, das daraufhin mit quietschenden Reifen wieder davon fährt.

Als nächstes fahre ich mal den Mini zur Seite, bevor ihn noch jemand aus Versehen löscht.

Nun kann ich endlich zu meiner Kollegin zurück, die inzwischen wieder etwas Farbe ins Gesicht bekommen hat.

„Entschuldigen Sie, Chef, aber das ist alles noch so neu für mich. Ich weiß gar nicht, wie ich mich verhalten soll, dann diese Fahrweise, die unser Sicherheitstraining bei weitem übertrifft“, redet sie etwas wirr, „und dann noch andauernd das Frau Kalt, so hat mich noch nie jemand genannt, verstehen Sie? Ich bin einfach nur die Yasi, mehr möchte ich gar nicht sein.“

Oh du heiliger Bimbam, nun heißt es auch noch den Psychologen zu spielen. Okay, auch eine schöne Übung, meiner neuen Rolle als Chef gerecht zu werden.

„Hören Sie“, sag ich deshalb, „es tut mir alles leid. Das mit dem Missverständnis mit Ihrem Namen und auch meine rücksichtslose Fahrweise. Wissen Sie, ich bin mir auch noch sehr unsicher. Vor kurzem war ich noch Bestandteil eines Drei-Mann-Teams und nun bin ich Chef von einhundertachtunddreißig Beamten. Wollen wir beide einen Deal machen?“

„Einen Deal?“, fragt sie nun ganz verunsichert und schaut mich mit ihren dunkelbraunen Mandelaugen an.

„Ganz recht“, sag ich, „einen Deal. Sie helfen mir dabei, ein guter Chef zu werden und ich nenne Sie dafür Yasi. Wäre das zu machen?“

Nun werden die Augen wieder feucht. „Wirklich Chef? Das wäre großartig.“

„Wirklich Yasi und wenn Sie wollen, sagen Sie doch einfach Dieter zu mir.“ Upps, kaum ausgesprochen wird mir klar, dass ich nun weit über das Ziel hinausgeschossen bin. Der Dieter war ich in Landau, nun bin ich Oberkommissar.

„Aber nein, mein Chef, das würde ich mich doch nie trauen“, zieht mir das sympathische Mädchen den Kopf wieder aus der Schlinge, in die ich ihn selbst hineingelegt habe.

Nach einer weitaus gemäßigteren Fahrt erreichen wir Clausen, das deutlich größer zu sein scheint, als ich es erwartet hatte. Trotzdem versuche ich es mit dem erstbesten Passanten, den ich auf der Straße sehe.

„Entschuldigen Sie“, spreche ich ihn durch das herabgelassene Seitenfenster an, „können Sie mir sagen, wo hier in Clausen ein Peter Brechtel wohnt?“

„Der Brechtel Peter? Das kann Ihnen jeder Clausener sagen, wo der wohnt. Da fahren Sie dort den Kreuzberg hoch“, und zeigt dabei auf einen Berg in nordöstlicher Richtung, „bis es nicht mehr weiter geht. Wenn Sie unsicher sind, können Sie nach Gehör fahren, indem Sie dem Hühnergegacker, dem Schweinegrunzen und dem Ziegengemecker folgen oder Sie fahren einfach der Nase nach. Es ist das Haus mit dem Misthaufen vor der Eingangstür.“

So fahre ich dem Berg in nordöstlicher Richtung entgegen, bis ich vor dem kleinen Häuschen, mit dem Misthaufen vorne dran, den Mini abstelle. Eine Frau, circa Mitte fünfzig, ist gerade damit beschäftigt, den Hühnern Körner in den Hof zu streuen und dabei »putt putt putt« zu rufen. Aus einem Kübel bei der Eingangstreppe fressen gerade zwei Hausschweine zusammen mit einigen Ziegen. So oder so ähnlich hat es zu meiner Kindheit noch an vielen Häusern ausgesehen. Leider hat es zu der Zeit auch vor vielen Häusern so gerochen. Vor allem Schweinemist hat eine ganz besondere Note.

„Guten Tag“, spreche ich die Dame an, obwohl es eigentlich schon Abend ist, „können Sie mir sagen, ob das hier das Haus von Peter Brechtel ist und wenn ja, ob er denn auch zu sprechen wäre?“

„Wer will das wissen?“, fragt die Frau unvermittelt.

„Entschuldigen Sie bitte“, entschuldige ich mich, „mein Name ist Dieter Schlempert und das ist meine Kollegin Yasmin Kalt. Wir kommen vom Kommissariat in Neustadt an der Weinstraße.“

„Und was will der Dieter Schlempert mit seiner Kollegin Yasmin Kalt vom Kommissariat in Neustadt an der Weinstraße vom Peter Brechtel?“

„Liebe, gute Frau“, probiere ich es noch einmal mit Engelszungen, „würden Sie mir bitte sagen, in welchem Verhältnis Sie zu Peter Brechtel stehen? Von dieser Information ist es abhängig, wie viel meines Wissens ich mit Ihnen teilen kann.“ Oh Mann, gleich hab ich einen Knoten in der Zunge von der geschwollenen Ausdrucksweise.

„Verhältnis ist gut“, sagt sie freundlich lächelnd, „mein Verhältnis zu Peter verhält sich folgendermaßen: Ich bin die Mutter seiner sieben Kinder und seit über dreißig Jahren sein angetrautes Weib.“

Warum nicht gleich so? „Dann tut es mir aufrichtig leid Frau Brechtel, ich fürchte, dass wir schlechte Nachrichten für Sie haben“, versuche ich mich so einfühlsam wie nur möglich auszudrücken. „Wir haben Grund zur Annahme, dass Ihr Mann einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen ist.“

Jetzt fängt die Frau auch noch an zu lachen und gibt dabei den Blick auf ihr tadelloses Gebiss frei.

„Mein Peter?“, lacht sie, „einem Gewaltverbrechen? Das glauben Sie doch selbst nicht beim Kommissariat in Neustadt an der Weinstraße. Mein Peter ist zäher als Juchtenleder. In unserer gesamten Ehe hatte er nicht einmal einen Schnupfen. Von diesem Dach da“, sie zeigt dabei zum Giebel des Wohnhauses, „ist er schon zwei Mal gefallen, ohne auch nur einen Kratzer davongetragen zu haben. Nein Dieter Schlempert und Kollegin Yasmin Kalt, da muss ich Sie enttäuschen. Meinen Mann müssen Sie schon in die Luft jagen, damit Sie ihm ein Ende setzen können.“

Der letzte Satz lässt Yasi und mir das Blut in den Adern gefrieren. Sollte diese schlaue und gewitzte Dame tatsächlich eine eiskalte Mörderin sein?

„Frau Brechtel, dass die Leiche, die wir gefunden haben, tatsächlich durch eine Sprengung gestorben ist, macht Sie nun verdächtig“, sag ich deshalb so dahin. Ob das ein cleverer Schachzug ist, weiß ich nicht. Dass sie nun ihr Hühnerfutter fallen lässt und ihre Gesichtszüge entgleisen, macht sie allerdings wieder weniger verdächtig, aber die Hühner satt.

„Jetzt machen Sie mir aber Angst“, sagt sie mit zittriger, fast schon weinerlicher Stimme, „schon als verliebter Teenager sagte ich, dass ihn nur Dynamit umbringen kann und jetzt kommen Sie daher und sagen so etwas, Dieter Schlempert vom Kommissariat in Neustadt an der Weinstraße.“

„Ich sagte, dass wir Grund zur Annahme haben, was bedeutet, dass wir es nicht wissen. Können Sie uns sagen, wo sich Herr Brechtel zu Zeit aufhält?“

„Der ist auf Tour“, sagt sie nun und scheint sich wieder etwas gefangen zu haben, „wenn er beruflich harte Wochen hinter sich hat, schnappt er sich freitags gerne mal ein paar Dosen Bier und verbringt die Nacht im Wald am Lagerfeuer. Therapie nennt er das. Nach dem Stress auf der Arbeit will er vermeiden, dass er seine Laune auf die Familie überträgt.“

Eine lobenswerte Einstellung, da muss ich auch mal darüber nachdenken.

„Kann es sein, dass er die Nacht auf einem Trekkingplatz verbringen wollte?“, schaltet sich nun Yasi ein, die sich sofort wie ein vorlautes Kind die Hand auf die Lippen presst.

Mit einem Lächeln nicke ich ihr zustimmend zu, um zu signalisieren, dass sie nichts Falsches getan hat.

„Ja, das hat er in letzter Zeit immer so gemacht“, antwortet die siebenfache Mutter, „früher blieb er einfach dort, wo es ihm gefallen hat. Dann wurde er von so einem fanatischen Umweltschützer einmal angezeigt wegen wildem Campierens. So hat er sich inzwischen entschieden, seine Touren an solchen Plätzen enden zu lassen.“

„Sie sagten, dass er angezeigt wurde?“, frag ich nach, „hat Ihr Mann Feinde?“

„Aber wo denken Sie hin, mein Peter ist der hilfsbereiteste und umgänglichste Mensch, den ich je getroffen habe. Klar hat er nicht nur Freunde, aber sicher niemand, der ihn aus dem Weg haben will. Schon gar nicht jemand, der ihm etwas antun würde.“

Ob meine Frau auch solche Worte für mich findet, wenn jemand nach mir fragt?

„Frau Brechtel“, wechsle ich nun mal das Thema, „auf solch einem Trekkingplatz ist heute ein Mensch durch eine Explosion ums Leben gekommen. Dabei kann es sich um Ihren Mann handeln. Um das festzustellen, müssten wie einen Genabgleich machen. Haare würden sich dazu gut eignen. Würden Sie uns bitte die Haarbürste Ihres Mannes zur Verfügung stellen?“

„Klar gebe ich Ihnen unsere Haarbürste, Kommissar Dieter Schlempert und Yasmin Kalt, aber ich bitte Sie, uns die Bürste wiederzubringen, damit sich meine Familie wieder die Haare bürsten kann.“

„Haben Sie nur diese eine?“, platzt es aus Yasi heraus.

„Haarbürste, Zahnbürste, Toilettenbürste, alles nur einmal vorhanden. Peter ist der Meinung, was mehrfach da ist, verliert an Wertschätzung und wird auch leichter verschlampt.“

Nachdem wir die Bürste eingetütet haben, fahren wir zurück in Richtung Neustadt zur Wache. Yasi informiert Martin Schneider telefonisch über die sichergestellte Haarprobe und redet die ganze Fahrt über wie ein Wasserfall. Ich bin am Überlegen, ob ich wieder aufs Gas treten sollte, um diesen Redefluss zu stoppen.

Ich lasse es sein und beende lieber in Harmonie den ersten Tag in meinem neuen Leben als Oberkommissar und Dienststellenleiter.

Bekomme ich den denn nie los?

„Hör mal Dieter, heute ist Samstag und der Garten sollte winterfest gemacht werden. Außerdem muss der Pool zur Hälfte abgesaugt und abgedeckt, die Pumpe und der Filter abmontiert und in den Keller gebracht werden, um das Zeug vor Frost zu schützen.“

Mit diesen herzlichen Worten möchte meine Frau Natalie mich am Verlassen des Hauses hindern.

„Natalie, ich bin nun eben einmal Dienststellenleiter und streiche auch ein entsprechendes Gehalt ein“, setze ich mich zur Wehr, „da bleibt es eben auch nicht aus, dass ich samstags nach Neustadt muss. Immerhin hast du dich ja am meisten gefreut, als ich befördert wurde“, und nach diesen Worten drücke ich ihr noch einen Kuss auf die Wange und gehe zur Tür hinaus. Wie ich so vom Hof fahre, winke ich noch meinem Freund, dem Richter Eberhard Palanowski, zu, der mit meinem Nachbarn Reiner Buttermilch vor dessen Haus sitzt und am Frühstücken ist.

Ich freue mich, dass Eberhard sich hier in Waldrohrbach so wohl fühlt und nehme mir vor, am Abend mit ihm einen Feierabendtee zu genießen.

Als ich in Neustadt bei der Wache vorfahre, fall ich dann aus allen Wolken. Hier ist ein Menschenauflauf wie bei Aldi vor den Feiertagen.

Schnell biege ich in den Hof ab und beschließe, den Hintereingang zu benutzen. Auf dem Hof treffe ich dann auch gleich Klaus Reuter, unsern Technikexperten, der auch meinen Mini ordentlich aufgepimmt hat.

„Hast du ein Glück, dass die dich noch nicht kennen“, sagt er zur Begrüßung, weshalb ich ihm mit meinem breitesten Grinsen ein: „Dir auch einen wunderschönen guten Morgen lieber Klaus“, entgegen trällere.

„Sag mal“, werde ich nun ernst, „wer sind denn die vielen Leute? Und vor allem, was wollen die alle hier?“

„Ja, Dieter, das sind die hiesigen Pressevertreter. Dein Vorgänger hat immer sehr gerne sein Wissen mit ihnen geteilt.“

„Und somit für reichlich Zeitungsenten gesorgt“, vervollständige ich den Satz.

„Das ist denen ziemlich Wurst, die stürzen sich auf alles, was eine Schlagzeile bringen könnte“, klärt mich unser Daniel Düsentrieb auf.

„Und was soll ich nun mit denen machen?“

„Entweder wirfst du ihnen etwas zum Fraß vor oder du ignorierst sie.“

Schön, eine Wahl zu haben. So gehe ich in mein Büro und ignoriere. Praktisch, das Ignorieren. Also ich könnte mich ans Ignorieren gewöhnen. Ich rufe die Berichte von unserem gestrigen Leichenfund auf, lese sie durch und ignoriere dabei angestrengt. Nachdem die aufgebrachte Menge vor der Tür mit Chorgesang die Wache beschallt, fällt es mir zunehmend schwerer, sie zu ignorieren.

„Wir wolln, wir wolln Infos“, tönt es da draußen zur Melodie von »We will rock you« von Queen.

Um das Ignorieren zu erleichtern, schalte ich das Radio ein, aus dem auch tatsächlich gerade der Megahit der englischen Band, mit dem leider viel zu früh verstorbenen, charismatischen Sänger Freddie Mercury, tönt. Nun kann ich mich endlich auf die Berichte konzentrieren. Mit der richtigen Musik auf den Ohren ist das Ignorieren ein Kinderspiel.

Leider ist auch der schönste Hit irgendwann vorbei, worauf der Moderator live zu seinem Außenreporter schaltet, der sich vor der Neustadter Polizeiwache befindet.

Wohin?

„Hallo liebe Hörer Zuhause oder unterwegs an Ihren Rundfunkgeräten, hier ist euer Rudi Renner. Ich spreche heute direkt vom Neustadter Polizeirevier zu Ihnen, wo sich eine stattliche Menge Journalistenkollegen versammelt hat. Hier soll gestern ein Fall aufgenommen worden sein, bei dem eventuell ein Mensch auf unnatürliche Weise zu Tode gekommen ist. Bisher jedoch wurden seitens der Polizei keine Informationen über dieses Ereignis an die Öffentlichkeit weitergegeben, weshalb ich mich hier mit vielen meiner Kollegen eingefunden habe, um für Ihr Recht an Informationen zu demonstrieren“, tönt es aus meinem Lautsprecher. „Nun frage ich einen der Demonstranten, ob er über irgendwelche Informationen verfügt.“ Was nun kommt, haut mich aus den Socken. „Guten Tag, verehrte Hörer“, kommt nun eine mir vertraute Stimme aus dem Radio, „mein Name ist Rüdiger Heuler und ich bin, bei aller Bescheidenheit, der führende Kriminalist landesweit. Ich weiß mit aller Sicherheit, dass am gestrigen Nachmittag die Mordkommission, wenn man das bei diesem führungslosen Haufen so nennen kann, ausgerückt ist. Kurz darauf wurden dann auch die Spurensicherung und die rechtsmedizinische Abteilung hinzugerufen. Die Summe dieser Tatsachen deutet eindeutig auf ein Gewaltverbrechen hin, über das die Bevölkerung umfassend informiert werden muss. Hier sollte die Informationspolitik eindeutig und weit über der Ermittlungstaktik stehen. Deshalb fordern wir das Recht ein, informiert zu werden. Die Menschen sollen ein Recht haben, sich unsicher zu fühlen!“

Da nun die Sendezeit des Reporters überschritten sein dürfte, spielt die Sendezentrale wieder Musik.

Ich bin inzwischen zum Fenster gegangen, durch das ich tatsächlich den Heuler sehen kann, der weiterhin unbeirrt in das Mikrophon spricht. In seinen Händen hält er ein Transparent mit der Aufschrift »Katastrophale Polizeiarbeit«.

Nun platzt mir aber doch der Kragen. Besitzt der Kerl, der vor kurzem noch mein ungeliebter Vorgesetzter war, tatsächlich die Frechheit, sich mit einem Transparent vor die Wache zu stellen. Nun stellt er sich mit wolln, wir wolln Infos!“

Also raus aus der Tür und die Treppe hinab. Unten auf dem Flur treffe ich wieder auf Klaus Reuter.

„Ah Chef“, quatscht er mich an, „wo geht es denn hin?“

„Dort hinaus“, sag ich in einem Ton, als hätte er Schuld an meiner Wut.

„Du weißt aber, dass dort draußen Hyänen sind, die jahrelang vom Heuler gefüttert wurden und sich deshalb mit ihm solidarisch zeigen und dich zerfleischen wollen?“

„Ja und?“, blaffe ich immer noch in Rage zurück.

„Das bedeutet, dass du einen guten Plan haben solltest, bevor du da raus gehst.“

Das ist sicher ein gut gemeinter Rat von Klaus, den ich kurzentschlossen nicht berücksichtige.

„Ich improvisiere“, sag ich so vor mich hin und schreite an Klaus vorbei zur Tür hinaus, wo die Menge auch direkt verstummt.

„Das ist er!“, schreit der Heuler den Reportern zu. „Er hat sich die Dienststellenleitung ergaunert, um dann die Pressefreiheit mit Füßen zu treten. Macht euch ein Bild und schreibt über diesen Skandal, um die alte Ordnung wiederherzustellen.“

Nun schauen mich alle an wie eine Hexe auf dem Scheiterhaufen. Fehlt nur noch, dass sie mich in Brand setzen. Das Schöne dabei ist, dass ich nun ihre volle Aufmerksamkeit habe.

„Sehr geehrte Vertreter der Presse“, beginne ich ruhig zu sprechen. Absichtlich rede ich mit leiser Stimme, damit sie mir alle angestrengt zuhören und mich keiner zu unterbrechen wagt.

„Richtig ist, dass wir gestern einen Leichenfund protokolliert haben. Allerdings wissen wir derzeit noch nicht, unter welchen Umständen diese Person ums Leben kam, noch, um wen es sich dabei handelt. Selbstverständlich werden wir eine Pressemitteilung herausgeben, sobald wir gefestigte Informationen haben.“

„Alles leere Phrasen“, kreischt der Heuler hinter seinem Transparent hervor, das er sich zur Tarnung vor die Birne hält, „merkt Ihr denn nicht, dass der mit vielen Worten nichts sagen tun tut.“

Tun tut? Nun verliert er doch deutlich die Fassung. Zeit für einen weiteren Schachzug.

„Diese Informationen, die Sie bekommen werden, sind alle fundiert und verbindlich. Informationen die Sie drucken können, ohne dass Sie tags darauf bei Ihrem Redakteur vorsprechen müssen.“ So, das sollte gesessen haben.

„Der will euch doch nur manipulieren“, kommt es nun etwas kleinlauter hinter der Aufschrift »Katastrophale Polizeiarbeit« hervor. „Helft dabei, die alte Ordnung wiederherzustellen.“

„Oder freut euch auf eine neue Ordnung“, setze ich nahtlos an, „wir werden hier in der Wache schon nächste Woche ein Pressebüro einrichten. Somit ist dann gewährleistet, dass jeder von Ihnen zu jeder Zeit an Informationen kommt, ohne auf den guten Willen einer einzelnen Person angewiesen zu sein.“

Nun herrscht Totenstille vor dem Haupteingang der Wache. Selbst der sonst so gesprächige Heuler muss sich anscheinend erst einmal von diesem Schlag erholen. So gerne ich diese Situation auch auskoste, nun sollte ich mich zurückziehen, bevor die Gegenseite zu einem Verzweiflungsangriff ausholt.

„Nun entschuldigen Sie mich bitte“, sag ich deshalb, „ich hab noch einen Stapel Berichte auszuwerten.“ Dann drehe ich mich um und gehe in das Gebäude.

Drinnen stehen die Kollegen rechts und links an der Wand entlang und beginnen erst verhalten, dann jedoch euphorisch zu applaudieren.

Am Ende der Reihe steht Klaus Reuter, klopft mir anerkennend auf die Schulter und sagt: „Wenn du so improvisierst, möchte ich mal eine geplante Aktion von dir erleben.“

Mit reichlich Gänsehaut gehe ich in mein Büro zurück, wo ich mich dann durch den Stapel von Berichten arbeite. Von der Straße höre ich noch ein Weilchen eine einsame Stimme: „Wir wolln, wir wolln Infos“, krächzen.

Den in meinen Augen wichtigsten Bericht bringt mir allerdings Yasmin Kalt ins Büro. Er besagt, dass der menschliche Fleischsalat vom Trekkingplatz tatsächlich von Peter Brechtel stammt.

„Dann wollen wir mal“, sag ich zu Yasi, schnappe meine Jacke und kontrolliere dabei, ob sich mein Autoschlüssel auch darin befindet.

„Gerne Scheffe“, gibt sie als Antwort, „und was wollen wir mal, wenn ich fragen darf?“

Mann, kann die Fragen stellen: „Na, zur Frau Brechtel, ihr die schlechte Nachricht und ihre Haarbürste überbringen“, sag ich reichlich genervt. Dass ich das Wort »Scheffe« absolut nicht ausstehen kann, sag ich mal lieber nicht, bevor sie hier wieder das große Flennen bekommt.

„Aber Chef“, jetzt klingt sie auch noch empört, „dafür haben wir doch eine spezielle Einsatzgruppe mit geschulten Beamten und einem Seelsorger.“

„Was haben wir?“, bin nun ich erstaunt. „Und wofür bin ich da?“

„Na zum Delegieren, zum Instruieren und zum Repräsentieren.“

Nun beginn ich zu hyperventilieren. Da ich allerdings nun überraschenderweise nichts mehr zu tun habe, beschließe ich nach Hause zu fahren, um zu regenerieren.

Nächtlicher Kult im Brannwald

„Komm Dieter, mach dir mal keine Sorgen, ich kenne dich gut genug, um zu wissen, dass du deine neue Aufgabe voll im Griff hast“, sagt Eberhard Palanowski, der mir gegenüber auf der Bank einer Festzeltgarnitur sitzt.

„Wirklich?“, frag ich zurück. „Ich habe null Plan, wie das gehen soll. Ich bin jetzt Chef von Abteilungen, von denen ich vor ein paar Tagen nicht einmal wusste, dass es sie gibt.“

Nun muss der Richter lachen. „Eben Dieter, du hast doch nie einen Plan. Du erledigst doch die Dinge, indem du sie tust und nicht, indem du sie planst. So wirst du es auch in Neustadt machen und dafür werden dich deine Mitarbeiter lieben.“

Die werden mich lieben? Als Chef bin ich doch da, um autoritär zu sein und nicht, um geliebt zu werden. Aber Eberhard wird schon wissen, was er sagt. Immerhin ist er als oberster Richter am Landauer Amtsgericht ja auch Chef. Mein Vertrauen in ihn ist unerschütterlich, nachdem, was wir im Sommer so alles zusammen durchgemacht haben. Sogar einen Alkoholentzug bei ihm haben wir gemeinsam durchgezogen und seitdem wohnt er bei meinem Nachbarn Reiner Buttermilch und seiner Freundin Kordula in der Ferienwohnung als Dauermieter.

Auch Reiner und Kordi sitzen mit an der Festzeltgarnitur, die wir auf der gepflasterten Fläche gleich neben unserem neuen Pool aufgestellt haben. Quendoline und Mike, meine beiden Kinder, und Quennis Freund Marc stehen zusammen am Grill und wenden was das Zeug hält, während Natalie damit beschäftigt ist, massenhaft Salate und frisches französisches Baguette herbeizuschleppen.

Nachdem ich heute ja schon zeitig nach Hause gekommen bin, habe ich mich der Gartenarbeit gewidmet und dann beschlossen, den Tag mit einem gemütlichen Grillabend mit den Nachbarsleuten ausklingen zu lassen.

So sitzen wir nun bei dem für den Winter halb abgepumpten und abgedeckten Pool.

Reiner Buttermilch schenkt gerade eine Runde von seiner frischen Buttermilch ein. Da ich weiß, dass er die Brühe von der nahe gelegenen Butterfabrik mit einem alten Güllefass nach Hause karrt, um es dort auf seine ganz eigene biologische Art weiterzuverarbeiten, mag ich das Zeug nicht trinken. So werde ich das Getränk nachher wieder langsam und Schluck für Schluck unauffällig an die Rosen schütten, um dann heimlich in der Küche meinen Durst zu stillen.

Also, alles in allem ein Samstagabend wie aus dem Bilderbuch.

Gerne würde ich das Gespräch mit Eberhard noch vertiefen, aber nun rufen uns die Kinder zum Grill, um unsere Teller zu füllen. Mike und Marc verteilen Steaks und Würstchen, während Quenni für die vegetarische Abteilung zuständig ist. Irgendwann hat sie sich meiner vegetarischen Ernährungsweise angeschlossen und bereitet mit viel Liebe fleischlose Gerichte zu. So gibt es heute leckere Gemüsespieße, gegrillten Schafskäse und gefüllte Auberginen, alles mit den feinen Röstaromen der knisternden Holzkohle.

Auffallend ist, dass Kordula ihren Teller in null Komma nichts leergeputzt hat und nun wieder an Reiners Ohr knabbert. Dann und wann unterbricht sie das Geknabbere, um ihm irgendwelche Liebesschwüre ins Ohr zu hauchen, was bei Reiner nicht gerade auf Begeisterung stößt.

„Nein Kordi“, platzt ihm nun der Kragen, „ich werde nicht sofort meinen ehelichen Pflichten nachkommen, insofern wir ja gar nicht verheiratet sind. Ich bleibe hier mit meinen Freunden sitzen und genieße den schönen Abend.“

Nun schaut sie betröppelt aus der Wäsche, wie ein Kleinkind, das sich eine Rüge eingefangen hat.

Da soll mal einer sagen, dass eine Affäre tödlich für jede Beziehung sei. Bei Kordi und Reiner war die Story im letzten Sommer eher beflügelnd, aber das ist auch wieder eine ganz andere Geschichte.

Zwei Stunden später haben sich mit der Herbstsonne auch die meisten Menschen aus meinem Garten verzogen. Nur Eberhard, der den Abend unter Freunden sichtlich genießt, und Reiner, dem frieren lieber ist als zu Hause seinen außerehelichen Pflichten nachzukommen, sind bei mir verblieben.

So philosophieren wir der Dunkelheit entgegen. Am meisten faszinieren uns die Lichtspiele im Wald am Berg auf der gegenüberliegenden Seite des Dorfes. In den bunten Blättern des herbstlichen Waldes spiegelt sich ein flackerndes Licht. Moment! Ein Feuerschein im Waldrohrbacher Wald?

„Ein Waldbrand“, sage ich voller Aufregung, „ich rufe die Feuerwehr.“

„Ruhig Blut“, meint Reiner in seiner gewohnten Lässigkeit, „da sind sicher nur ein paar junge Leute am Feiern. Denen wollen wir doch nicht die Feuerwehr auf den Hals schicken, ganz abgesehen von den Kosten.“

„Aber wenn es doch brennt?“, erwidere ich ängstlich.

„Am besten“, schaltet sich nun Eberhard ein, „wir schauen nach.“

„Du wirst doch nicht im Ernst annehmen, dass ich nun durch den dunklen Wald stolpere“, bin ich empört, „so stark ist meine Neugier dann doch nicht.“

„Du meinst, so stark ist dein innerer Schweinehund und die Trägheit deines übergewichtigen Körpers“, trifft mich der Richter an meinem wunden Punkt. „Nach dem üppigen Mahl würde uns allen etwas Bewegung gut tun.“

Der hat gut reden, seit seinem Alkoholentzug ist er das blühende Leben. Wird schlanker und schlanker, während mein Äußeres immer mehr an Obelix den Gallier erinnert.

Mürrisch erhebe ich mich von der Bank und trotte den beiden hinterher.

Ich kann mich genau erinnern, dass der Weg zum Brannwald hinauf in meinen Kindertagen nicht so steil war. Nichtsdestotrotz schwöre ich mir, ab morgen Sport zu treiben. Okay, das schwöre ich mir zum gefühlten fünfhundertsechsundvierzigsten Mal, aber vielleicht wird es ja morgen wahr. Einige endlose und schweißtreibende Minuten später verlassen wir den Weg, um uns durchs Unterholz in die Richtung des Feuerscheins zu schlagen.

Am Rande einer kleinen Lichtung werden wir auch fündig.

Dort befindet sich inmitten einer kleinen Sandsteinfläche eine befestigte Feuerstelle, mitten im Wald. Nicht zu fassen, der Erbauer muss das Baumaterial komplett hierher geschleppt haben.

Der herbstliche Lärchenwald, der seine gesamten gelb gewordene Nadeln noch trägt, rundet dieses Bild noch zusätzlich ab. Immerhin ist die Lärche der einzige Nadelbaum, der im Winter seine Nadeln verliert, was wohl dem hohen Harzgehalt geschuldet ist. Im Feuerschein des in der Feuerstelle lodernden Feuers hat man den Eindruck, dass der Wald aus purem Gold besteht.

Ein Anblick, der mir eine ordentliche Gänsehaut verpasst, da er an Schönheit kaum zu überbieten ist.

Um das Feuer stehen zwölf Gestalten mit weißen Mönchskutten, die wohl aus Leinen gefertigt sind. Die Kapuzen haben sie sich tief ins Gesicht gezogen, sodass es unmöglich ist, ihre Gesichter zu erkennen. Unten aus den Kutten schauen nackte Beine und nackte Füße heraus. Da alle vierundzwanzig Beine mehr oder weniger behaart sind, gehe ich davon aus, dass es sich ausschließlich um Männerbeine handelt.

Sie murmeln unverständlich eine Litanei vor sich hin, die an Mönchsgesang erinnert. Inmitten des Feuers steht ein großer gusseiserner Kessel, aus dem Dampf aufsteigt. Der Blick zu meinen beiden Freunden sagt mir, dass sie ebenso wie ich von diesem Schauspiel fasziniert sind.

Hier und da tritt einer der Gestalten nach vorne, um eine weitere Zutat in den Kessel zu werfen. Nach einer Weile steigen dann die Intensität und die Lautstärke des Gesangs deutlich an. Nun löst sich die kleinste Gestalt aus dem Kreis und tritt mit einer hölzernen Kelle zum Kessel. Er taucht die Kelle in den Kessel, rührt kräftig um und führt sie zum Mund, um den Inhalt durch Pusten abzukühlen.

Nachdem er mit der Unterlippe die Temperatur am Löffel geprüft und anscheinend für gut befunden hat, wirft er zum Trinken die Kapuze zurück. Erwartungsgemäß erinnert sein Äußeres an eine Märchengestalt namens Rumpelstilzchen. Moment? Rumpelstilzchen? Da war doch was? Genau, im Feuerschein steht Korbinian Jansen, unser Leichenfinder vom Trekkingplatz auf dem Johanniskreuz und das hier scheint der Druidenkult zu sein, von dem er sprach.

Als er seinen Löffel ausgetrunken hat, springt er in die Luft, klatscht die Fußflächen aneinander und ruft voller Freude ein »Heureka« aus.

Dass ich mir bei diesem comicähnlichen Schauspiel das Lachen nicht verbeißen kann, ist schon klar. Auch meine beiden Begleiter können sich nicht beherrschen und prusten laut drauf los.

„Schänder, Schänder!“, ruft eine der Gestalten. „Unser Ritual wurde entweiht.“

„Ungläubige!“, ruft ein Weiterer.

„Auf sie mit Gebrüll“, schließt sich ein Dritter an, bevor sie mit einem gemeinsamen, „Attacke!“, in unsere Richtung stürmen.

Reflexartig flüchten wir drei in den schützenden Wald.

Das ganze Szenario erinnert mich an meine Jugend. So mit dreizehn waren wir im Wald zelten. Zu der Zeit war es noch nicht üblich, in den Ferien nach Spanien oder sonst wohin zu fahren. Dann hat sich eben die Dorfjugend zusammengerottet und mit einem Bollerwagen Zelte und Schlafsäcke in den Wald geschafft, um ein Lager zu errichten.

Ernährt haben wir uns dann von Konserven und allem, was wir auf dem offenen Feuer grillen konnten.

Viel cooler jedoch war es, sich selbst etwas Nahrhaftes zu beschaffen. So sind wir also einmal in einer dunklen Nacht los, um aus privaten Fischweihern ein paar Forellen zu angeln.

Die benötigte Ausrüstung war in den damals modernen Überlebensmessern im Schraubgriff untergebracht.

Als wir so am Weiher lagen und uns auf die Schwimmer und auf den Zug an der Angelschnur konzentriert haben, kam ein Auto den Feldweg entlanggebraust.

Ein guter Grund, den Weiher fluchtartig in Richtung des stockdunklen Waldes zu verlassen.

Genau an diese Episode vergangener Tage erinnert mich die Flucht durch den sackdusteren Wald gerade jetzt. Nur bin ich ja keine dreizehn mehr und hab auch nicht im fremden Teich gefischt. Ganz im Gegenteil, wir haben doch nur als besorgte Bürger nach dem Rechten geschaut. Ist ja fast schon lächerlich, da fliehen der oberste Amtsrichter, ein unbescholtener Biowarenhersteller und der Neustadter Polizeidienststellenleiter vor ein paar bärtigen Männern, die Asterix spielen.

Meinen Freunden scheint gerade der gleiche Gedanke in den Kopf gekommen zu sein, denn sie bleiben im gleichen Augenblick wie ich stehen.

Nun fällt uns auf, dass wir gar nicht mehr verfolgt werden. Klar! Die zwölf Herren sind ja barfuß unterwegs und haben soeben ihre gepflasterte Komfortzone verlassen. Wir dagegen sind geradewegs in einen Kastanienwald gerannt. Wer Kastanienigel kennt, kann sich ja vorstellen, was diese an blanken Fußsohlen anrichten. Mit dem Gejammer der Druiden im Rücken und voller Freude über unser gutes Schuhwerk spazieren wir gemütlich nach Hause, was auch mir keine Mühe bereitet, da unser Weg ja nun bergab führt.

Optimierung innerer Abläufe

Nach so einem schönen und vor allem abwechslungsreichen Wochenende fällt es mir fast schon schwer, in meinen Arbeitsrhythmus zu finden. Gut, es ist eben Montagfrüh und da werde ich wohl nicht der Einzige sein, der Probleme hat, in die Gänge zu kommen.

Im Allgemeinen werden wohl in diesen Minuten Millionen Tassen Kaffee getrunken, um den Morgenmuff aus den Köpfen zu vertreiben und die Leiber mit Leben zu füllen, ich für meinen Fall probiere es mit der Zeitung. Was mich nun aber überrascht, ist, dass mein Name die Titelseite ziert.

NEUSTADT WEINSTRAßE:

DIENSTSTELLENLEITER SCHLEMPERT

REFORMIERT POLIZEILICHE PRESSEARBEIT.

So lautet die Schlagzeile der Rheinpfalz, dem Pfälzer Tageblatt. Nun fällt mir auch wieder ein, was ich heute Morgen zu tun habe. Um mich von dem Geschriebenen in meinen Plänen nicht beeinflussen zu lassen, wechsle ich ganz schnell zum nächsten Bericht.

„ALLES NUR BLÖDSINN“, SO OBERFÖRSTER

PHILIPP HUBERTUS

Keine Wölfe im Waldrohrbacher Brannwald

Nachdem mehrere Bürger von Wolfsgeheul aus dem Wald südwestlich vom Ortskern von Waldrohrbach berichtet haben, gibt der zuständige Oberförster Entwarnung. „Eine Zuwanderung von einem ganzen Rudel Wölfen ist faktisch unmöglich“, berichtet der Fachmann für Tieransiedelungen im Pfälzer Wald im Interview mit unserem Reporter. „Auch im Silzer Wild- und Wanderpark sind keine Tiere abgängig.“ Somit verbannt er das Geheul von Samstagnacht in den Bereich Mythen und Sagen. „Oder“, bringt Hubertus eine weitere Theorie ins Spiel, „es handelt es sich dabei um einen dummen Jungenstreich.“

Okay, zur Aufklärung dieser Geschichte könnte ich wohl so einiges beitragen, nur ob ich das möchte, steht auf einem anderen Blatt.

Ich mache mich nun mal lieber auf den Weg zum Büro für »Optimierung der inneren Abläufe«.

Da die Tür nicht geschlossen ist, trete ich einfach ein. Die beiden Herren, also Kim Yang und Gerhard Treiber, sitzen nebeneinander am Tisch und schauen gemeinsam auf zwei Bildschirme, die direkt nebeneinander stehen.

„Wir sollten Schmitt, Schneider und Schulz in den Frühdienst nehmen“, sagt Treiber mit einem sichtbar geröteten Kopf.

„Sagen Sie mir nur einen vernünftigen Grund, warum wir dies tun sollten“, erwidert Yang.

„Einen Grund wollen Sie hören?“, sagt Treiber, dessen Mundwinkel nun wie bei einem Smilie nach unten hängen, was die Enden seines Schnauzbartes ebenfalls in die Tiefe zieht. „Weil die drei Herren schulpflichtige Kinder haben. So sollten wir ihnen Gelegenheit geben, gemeinsame Zeit, auch mit der Mutter, als komplette Familie zu verbringen.“

„Dass ich nicht lache“, kontert der Asiate, „laut den neusten asiatischen Studien sollte Kindern rund um die Uhr ein Elternteil zur Verfügung stehen, welches sie motivierend antreibt.“

„Antreiben? Habt ihr Chinamänner den Knall nicht gehört? Kinder brauchen Zuneigung und Verständnis! Liebe und Vertrauen macht unsere Kinder stark und kein motivierendes Antreiben.“

„Ach ja, ihr Deutschmänner wisst alles besser und könnt alles besser“, meint nun wieder Kim Yang, der nicht den Eindruck erweckt, als würde er die Fassung verlieren. „Wie kommt es dann, dass mein Sohn auf seiner Violine bei einem einhundertachtziger Metronomschlag fehlerfrei von Sechzehntel in Triolen wechselt, während Ihr Sohn nicht einmal weiß, was Triolen sind?“

„Weil mein achtjähriger Sohn sagen würde: ‚Papa leck mich da, wo die Sonne nicht hin scheint‘, jawohl das würde er sagen, mein Sohn“, schreit Treiber nun und dabei läuft ihm ein Tropfen Schweiß an der Schläfe entlang und bleibt an der Spitze seines Schnurrbartes hängen.

„Eben, weil europäische Kinder keinen Respekt vor ihren Erzeugern haben. Mein Sohn würde sich nie trauen, mich mit du anzureden.“

„Mein Sohn hat den gebotenen Respekt vor Erwachsenen! Aber er hat auch den Mut und die Kraft zu widersprechen, das hat er. Jawohl Mut und Kraft!“ Inzwischen laufen ihm auf beiden Seiten Schweißbächlein die Schläfen hinab und färben den Kragen seines Seidenhemdes ein.

„Meine Herren, ich muss doch sehr bitten“, schreite ich nun ein, bevor noch Tränen fließen, „es sollte doch möglich sein einen Dienstplan zu erstellen, ohne sämtliche Erziehungsmethoden in Frage zu stellen.“

„Ah, Chef“, beruhigt sich Treiber, „wir sind nur bemüht, sämtliche Faktoren zu berücksichtigen.“

„Ganz recht“, ergänzt der Asiate, „und auch die neuesten Forschungsergebnisse einfließen zu lassen.“

„Wenn Ihr die Wünsche der Kollegen mit einfließen lasst, werdet Ihr auch sicher an Beliebtheit gewinnen.“

Die nun einkehrende Ruhe lässt Gerhard Treiber die Gelegenheit, sich mit einem Taschentuch das Gesicht zu trocknen.

„Meine Herren“, werde ich nun förmlich, „ich darf Ihnen mitteilen, dass wir ab sofort Ihr Büro umfunktionieren.“

Nun läuft bei Gerhard Treiber der Schweiß wieder wie Weißbier auf dem Oktoberfest.

„Sie können doch nicht meine Stelle wegstreichen“, fängt er nun auch noch das Jammern an. „Ich habe doch Familie, einen pflegebedürftigen Vater und eine Tochter, die ein uneheliches Kind erwartet.“

„Tja, lieber Kollege, das sollte Ihnen alles nicht helfen, denn mein Job ist in Stein gemeißelt, denn wenn Sie die Statistiken kennen würden, dann wüssten Sie auch, dass ich hier absolut notwendig bin, um die Immigrantenquote aufrecht zu erhalten“, sticht Yang nun in die klaffende Wunde.

Zeit für mich einzuhaken: „Zum Ersten wird hier nur das Büro unstrukturiert und nicht das Personal. Das heißt, dass Sie beide ab nun die Presseabteilung leiten. Und zum Zweiten ist es für mich auch kein Problem, weitere Immigranten einzustellen, nur um klarzustellen, dass hier kein Arbeitsplatz in Stein gemeißelt ist.“

Da nun Treibers Stirn getrocknet ist, reicht er sein Taschentuch weiter zu dem Asiaten, dem inzwischen der Schweiß ausbricht.

Mit dem Satz: „Bereiten Sie bitte alles vor, damit wir den Raum morgen seiner neuen Bestimmung übergeben können“, verlasse ich nun das Büro mit dem Vorsatz, später noch einmal nach dem Rechten zu schauen.

Die Abteilung für »Optimierung innerer Abläufe« übergebe ich an Timo und die Dienstpläne werden künftig im Personalbüro erstellt, basta.

Dienststellenvoting?

Unglaublich, mit welch einem Verwaltungskram ich mich hier herumschlagen muss. Dabei müssten wir einen Fall aufklären. Es sollte doch Priorität haben zu erfahren, warum Peter Brechtel nicht mehr unter den Lebenden weilt.

Mein Weg führt mich nun direkt zu Yasi Kalt und Helmut Glaser ins Büro. Die beiden sitzen zusammen vor einem Monitor im Großraumbüro und sind offensichtlich damit beschäftigt einen Bericht auszuarbeiten.

„Na, Ihr beiden“, sage ich ganz locker, während ich mir einen Stuhl zu ihnen hinziehe, „gibt es Neuigkeiten in unserem Fall?“

„Hallo Scheffe“, klar, dass dieser Ausdruck von Yasi kommt, „wir haben soeben einen dreiseitigen Bericht in Ihr Büro gemailt.“

„Wenn ich nun schon mal hier bin, können wir das ja auch auf altmodische Art erledigen“, fordere ich die beiden auf mich zu informieren.

„Wir waren heute Morgen bei der Arbeitsstelle von Brechtel. Dort scheint er bei Kollegen und Vorgesetzten gleichermaßen beliebt gewesen zu sein. Auch seiner Bürokollegin, mit der er anscheinend sehr vertraut war, hat er nie etwas von Feinden erzählt. Er war wohl Umweltaktivist und hatte nur mal erwähnt, dass er wegen wilden Campierens ermahnt wurde.“

Das hat nun Kollege Glaser schön zusammengefasst.

„Okay, dann wollen wir einmal“, versuch ich meine Mittarbeiter zu motivieren: „Versucht doch herauszufinden, in welcher Art er als Umweltaktivist tätig und wie vertraut er mit seiner Kollegin war, denn Eifersucht könnte ja ein Motiv gewesen sein. Befragt doch dazu bitte auch die Witwe, mit dem nötigen Taktgefühl. Ich fahre derzeit mit Timo zum zuständigen Förster, um zu klären, wie es zu der Ermahnung gekommen ist.“

Yasi und Glaser greifen zum Schlüssel ihres Dienstwagens und ich wenig später in meinem Büro, in dem Timo am Computer beschäftigt ist, zum Telefonhörer. Nach dreimal Läuten knackt es auch schon in der Leitung und Oberförster Philipp Hubertus meldet sich. Nachdem ich ihm mein Anliegen vorgetragen habe, erteilt er mir bereitwillig Auskunft, was mir die Fahrt auf den Taubensuhl erspart.

„Ja, Herr Kommissar, ich habe Peter Brechtel selbst die Ermahnung ausgesprochen. Aber das hatte keinen aggressiven Hintergrund. Ganz im Gegenteil, wir waren anschließend noch auf ein paar Bierchen zusammengesessen.“

Auf meine Frage, ob Brechtel etwas erwähnt hätte, das darauf schließen lässt, dass ihm jemand nach dem Leben trachten könnte, reagiert Hubertus glaubwürdig erstaunt.

„Feinde? Dieser liebenswerte und hilfsbereite Mann? Das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Schauen Sie mal, ich habe ihn ermahnt und ihn aus dem Wald verscheucht und er hat mich anschließend auf ein paar Bier eingeladen. So jemanden bringt man nicht um.“

So habe ich ja den Oberförster noch nie reden hören, fast glaube ich, dass er mir von seinem Bruder berichtet und nicht von jemanden eigentlich wildfremden. Nun will ich doch noch etwas vom Inhalt des Gespräches wissen.

„Ach, das war eben so ein Stammtischgespräch“, erzählt Philipp Hubertus weiter, „dass er sich der Natur sehr verbunden fühlt, hatte er erzählt und dass er einer Initiative gegen den Ausbau der Bundesstraße 10 zwischen Landau und Hinterweidental angehört. Von Frau und Kindern berichtete er und nach mehreren Bier ist er an eine alte Buche gelehnt einfach eingeschlafen. Ich habe ihn dann noch in eine Decke gewickelt und ihn in seiner geliebten Natur seinen Rausch ausschlafen lassen.“

Meine letzte Frage beinhaltet dann noch, ob es zu einem Wiedersehen kam.

„Leider nicht, Peter hat sich anscheinend strikt an die Ermahnung gehalten, was mir sogar etwas leid tat.“

Damit beenden wir das Gespräch.

Eine Seele von einem Mensch also, wer sollte so jemanden in die Luft sprengen?

„Mensch Dieter“, es ist Timo, der mich aus meinen Gedanken reißt, „laut unseres Dienststellenvotings ist die Zufriedenheit der Mitarbeiter schon um elf Prozent gestiegen, seitdem du das Ruder übernommen hast.“

„Dienststellen was?“, bin ich neugierig.

„Na, das interne Dienststellenvoting! Da ist jeder Mitarbeiter hier aufgefordert immer zu Arbeitsbeginn und zum Arbeitsende einen Fragekatalog zu beantworten, aus dem dann täglich eine Statistik erstellt wird.“

„Den Scheiß hat doch sicher der Heuler erfunden.“

„Eingeführt hat er es“, lacht mein Lieblingskollege, „erfunden wurde es anhand der neuesten asiatischen Studien.“

Alles klar, eine Errungenschaft der ehemaligen Abteilung für innere Abläufe und Optimierung, die ich ja inzwischen abgeschafft habe. Dann werde ich wohl das Dienststellendingsbums auch bei Gelegenheit abschaffen.

„Du hast die Abteilung für »Innere Abläufe und Optimierung« abgeschafft?“, fragt Timo besorgt. „Aber wir müssen uns doch weiterentwickeln.“

„Richtig“, antworte ich ihm gelassen, „deshalb macht das künftig eine Person meines Vertrauens.“

„Aha! Und wer soll das bitte sein?“, fragt Timo neugierig.

„Na, du natürlich!“

„Das dachte ich mir“, meint Timo resignierend.

Nun ist es auch für mich an der Zeit mal in die Röhre zu schauen. Also in die Bildröhre oder besser gesagt in den Flat-Screen, so heißt das ja inzwischen, glaub ich mal zumindest. Also schau ich an meinem Monitor die Berichte durch. Okay, so nebenbei klicke ich auch das Dienststellenvoting an. Nicht gerade etwas was ich interessant finde. Ich weiß auch beim besten Willen nicht, warum es die neuesten asiatischen Studien für wichtig erachten, wie viel Putzmittel, Seife oder Toilettenpapier wir täglich verbrauchen.

Da mach ich doch lieber etwas, das ich schon seit Monaten nicht mehr getan habe. Ich logge mich bei Facebook ein. Stolze dreizehn Nachrichten warten darauf von mir gelesen zu werden. Okay, die erste ist nicht gerade sehr wichtig. Sie stammt von einer Susi, die mir wiederum von einer Anette ausrichtet, dass sie mich sehr vermisst und ich mich auf einer »heiße Luder«-Seite anmelden soll, um mit ihr in Kontakt zu treten. Ich entscheide mich spontan dagegen, da mir eine Anette Luder gänzlich unbekannt ist.

Ebenso entscheide ich mich auch gegen Pia Schlüpfer und gegen Renate Granate.

Die nächste Susi kenn ich dann doch, denn sie ist eine ehemalige Klassenkameradin, die mich zum Klassentreffen einlädt. Was? Tatsächlich! Dreißig, wirklich dreißig Jahre ist es inzwischen her, als wir unseren Schulabschluss gemacht haben. Und ich fühle mich keinen Tag älter. Zumindest wenn die Schmerzen in der Lendengegend nicht wären und die vierzig Kilo Übergewicht. Aber sonst bin ich noch ganz der Alte, eben nur mit zwei pubertierenden Kindern und etwas dünnerem Haar.

Nun informiert mich Facebook darüber, dass sie ihre Nutzungsbedingungen geändert haben, was wohl bedeutet, dass meine Nachrichten nun »Just in Time« der Werbeindustrie zur Verfügung gestellt werden. Na egal, irgendeinen Preis muss ich eben zahlen, um mit allen meinen sechshundertfünfundachtzig Freunden kommunizieren zu können.

Nun bereue ich doch, meine Nachrichten schon so lange nicht mehr abgerufen zu haben. Die restlichen acht sind von Laura. Richtig, allesamt von Laura Schmitt, unsere liebe Kollegin aus Landauer Zeiten, die wir immer Lara, nach Lara Croft aus dem Computerspiel Tomb Raider, genannt haben.

Ohne Vorwarnung ist plötzlich ihr verschollen geglaubter Vater aufgetaucht, mit dem sie dann zur Fremdenlegion gegangen ist, um gegen den Terror auf der Welt zu kämpfen.

Durch ihren Fleiß, Mut und vor allem durch ihr atemberaubendes Äußeres war sie in der Landauer Wache mehr als beliebt.

Auch in meinem Herzen hat sie ein klaffendes Loch hinterlassen. Und nun? Nun sind da acht Nachrichten von ihr. Mir ist, als würde sie neben mir stehen, ich kann förmlich ihr Deo riechen. Spüre ich da ihren Atem im Nacken? Nein! Alles was von Laura hier ist, sind diese acht Nachrichten.

Sieben handeln davon, wie sie untergebracht ist, wie es ihrem Vater geht und wie sehr sie uns und die Pfalz vermisst.

Die achte, die gerade einmal vier Wochen alt ist, ja die, genau die, ach was lest sie doch einfach selbst.

„lieber dieter, nun ist es soweit. meine ausbildung ist nun abgeschlossen. ich bin trainiert im nahkampf, sodass ich mit bloßen händen einem zweimeter mann das genick brechen kann. zudem kann ich dir als scharfschützin bei berücksichtigung der windverhältnisse auf dreitausent metern einen apfel vom kopf schießen. nun geht es in den kampf. wo und gegen wen kann und darf ich dir aus sicherheitsgründen nicht sagen. alles was ich sagen kann ist, dass wir heute nacht abspringen werden. papa ist auch dabei und ich soll dir von ihm sagen, dass er mich auch nicht aus den augen lässt und mich selbst mit seinem leben beschützen wird. dieter du sollst wissen, dass ich bei dem einsatz an dich denken werde. ich möchte, dass du und alle anderen im westen sicher leben können, deshalb kämpfe ich gegen die fanatischen bastarde. du warst immer mehr als nur ein chef für mich. vorbild, vater und vor allem freund!!! Ich meld mich, wenn ich zurück bin, deine la(u)ra“.

Jetzt erst mal den Kloß im Hals herunterschlucken und die Nase nach oben ziehen, besser gesagt deren Inhalt.

„Mensch Dieter“, spricht mich nun Timo an, der mir ein Papiertaschentuch entgegen hält, „putz dir die Nase, bist ja kein kleines Kind mehr.“

Ich nehme das Angebot gerne an und verstecke mein Gesicht darin. Timo braucht ja nicht sehen, dass ich hier heule wie ein Wasserspender.

Um auf andere Gedanken zu kommen, beschließe ich Yang und Treiber zu besuchen, um zu sehen, wie weit unser neues Pressebüro gediehen ist. Nun haut es mich aber total aus den Socken, steht doch da ein mir nicht unbekannter Arbeiter in einer Latzhose, die den Schmutz eines ganzen Arbeitslebens gespeichert hat.

„Ei jezzard bin ich awwer blatt. S’ Schlämberds ehrn Jingschder. Ah dich häb ich jo Johre nimmi gsäne (ich fühle mich wie von einer Walze überrollt. Treffe ich doch tatsächlich der Familie Schlempert ihren Letztgeborenen, den ich schon seit geraumer Zeit nicht mehr begrüßen durfte)“, trällert er mir in tiefster Eingeborenensprache entgegen. Leider ist dies auch die einzige Ausdrucksweise, die er beherrscht.

Da bleibt mir ja nichts anderes, als ebenso zu antworten: „Jezd haldemo de Balle flach, was hoschd dann du bei uns zu suche (neige doch bitte nicht zum Übertreiben. Welche Umstände verschaffen uns die Ehre deines Besuches?).“

„Ich sell dänne zwä Kaschber do än Dreese hiezimmere. Awwer die wärren jo nid ähnich, wie hoch des Ding werre sell (Mir wurde der Auftrag erteilt, hier einen Empfangstresen zu errichten. Allerdings konnten die Herren Yang und Treiber mir die Höhe des Tresens bisher noch nicht nennen, was mich an der Ausführung des Auftrages hindert).“

Die beiden bringen mich noch zur Weißglut. „Werte Kollegen“, probiere ich es deshalb im Guten, „woran scheitert es denn, die Höhe eines gewöhnlichen Empfangstresen zu definieren?“

„Laut neuster asiatischer Studien sollte die Höhe eines Tresens im Empfangsbereich einen Meter nicht überschreiten, um Gesprächsbereitschaft zu signalisieren.“ Von wem dieser Satz stammt, brauche ich wohl nicht zu erwähnen.

„Mir sind die asiatischen Studien Jacke wie Hose“, setzt sich nun Treiber zur Wehr, „wenn ich auf einem so tiefen Tresen Formulare ausfüllen soll, bekomme ich Rückenschmerzen. Unter eins zehn ist da nichts zu machen.“

Bin ich denn hier bei der Polizei oder der Leiter einer Kindertagesstätte? Ruhig Schlempert, ganz ruhig. Du bist Führungspersönlichkeit, da zeigt man keine Nerven. Durchatmen, Plan erstellen und dann delegieren, so war einer der Tipps, die mir mein Freund Eberhard Palanowsky mit auf den Weg gegeben hat.

„Du machschd jezerd äfach dänn Drese halwer än Meder un halwer än Meder zeh hoch (Lieber Handwerker, ich bitte dich den Tresen in der Mitte zu teilen und die Höhen den Wünschen des jeweiligen Mitarbeiters anzupassen).“ Nun wende ich mich den beiden Streithähnen zu: „Und Ihr beiden arbeitet nun einmal an der Harmonie eurer Zusammenarbeit und bringt dieses Projekt zeitnahe zu Ende. Wenn euch das nicht gelingt, droht euch die Versetzung zur Putzkolonne, was unserer Immigrationsquote keinen Schaden zufügt.“

Und jetzt nichts wie raus hier, bevor ich noch ausfallend werde.

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Дата выхода на Литрес:
22 декабря 2023
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234 стр. 8 иллюстраций
ISBN:
9783961451746
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