Читать книгу: «Süßer die Schellen nie klingen!»

Michael Schlinck, Baujahr 1969, lebt heute wieder mit seiner Familie in der Südpfalz, in der er auch geboren wurde und aufgewachsen ist. Neben seiner Liebe zum Schreiben entspannt er sich beim gemeinsamen Musikmachen mit seiner Band und natürlich auch mit seinen Kindern und beim Kartfahren.
Michael Schlinck
Süßer die Schellen nie klingen!
Kommissar Schlemperts vierter Fall
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2018
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Alle Personen sind frei erfunden, Ähnlichkeiten mit
lebenden Personen sind rein zufällig
und nicht beabsichtigt.

Inhaltsverzeichnis
Cover
Titel
Impressum
Finster
Besuch beim Doktor Kleinhardt
Der mittelalterliche Weihnachtsmarkt
Was stimmt hier nicht?
Ein Rundgang durchs Haus
Alles verkohlt
Welch ein Abend
Und nun, was für ein Tag
Unsere Strategie
Willkommen bei Grunzi
Was nun?
Die Weihnachtsfeier
Ganz woanders
Die Weihnachtsfeier Teil zwei
Lerne ich denn nie dazu?
Schon wieder Montag
Der Heuler, wie er leibt und lebt
Bemitleidenswerte Yasmin Kalt
Ist der eine nicht da, dann nervt eben der andere
Wer gibt nun nach?
Heulers Entlassung
Auch noch das
Wieder einige Puzzleteilchen
Oh Tannenbaum
Gerdas Verehrer
In unserer beschaulichen Südpfalz?
Der Bone und sein Anwalt
Jungfernfahrt
Yasis Pendel
Yasi, bitte nicht
Fröhliche Weihnacht
Finster
So ein Scheißdreck, da lieg ich schon wieder auf der Nase. Sag mal, bin nur ich so ein Trottel oder gibt es noch andere, die sich so saublöde anstellen? Warum war ich aber auch derjenige gewesen, der den Hebel betätigt hatte und herausgesprungen war. Ich meine, da drinnen gab es auch noch andere Männer, die hätten nachschauen können. »Keine Sorge«, hatte ich noch geprahlt, »ich bin Polizist und werde schauen, was da los ist.« Dann hatte ich den Hebel für den Notausstieg betätigt, war lässig von der Stufe gehüpft und im Stockdusteren im Schotterbett gelandet und vorne übergekippt. Es hätte mir aber auch klar sein müssen, dass ohne Bahnsteig der Sprung ins Ungewisse etwas tiefer ausfallen würde als gewohnt. Anschließend mit einer Rolle vorwärts den Bahndamm hinab und da lag ich nun auch noch auf dem Rücken wie ein Maikäfer und mit einem klaffenden Loch in meiner Jeans. Da hätte ich endlich einmal die Zeit, um mit meiner Familie nach Karlsruhe zum Weihnachtsmarkt zu fahren und so den Abend des ersten Adventssonntags zu genießen. Dann so etwas.
Warum wir mit der Bahn gefahren waren? Bei solchen Ausflügen lass ich gerne einmal das Auto stehen und wir nehmen den Zug. Für mich ist es sehr erholsam, wenn die ganze Familie Zeit füreinander hat und auch ich meine volle Aufmerksamkeit auf sie lenken kann. Kaum hatte die Regionalbahn den Bahnhof von Kandel verlassen, schon riss es uns aus den Sitzen. Meine Familie und ich waren so schön damit beschäftigt gewesen, uns mit Fingerspielen zu duellieren, dann von draußen das schrille Kreischen von Metall, das unter hohem Druck aneinander reibt. Bevor wir das richtig wahrgenommen hatten, war ich in den Armen meiner Frau gelandet, die mich den Umständen entsprechend weich aufgefangen hatte. Mein Sohn Maik hatte es weniger gut erwischt, er war mit voller Wucht gegen den Kopf seiner Schwester geknallt. Die war natürlich auf ihren fliegenden Bruder nicht gefasst gewesen und hatte ihn unter wilden Flüchen von sich geschleudert. Die ganze Aktion war für den Familienfrieden nicht gerade zuträglich gewesen, woraufhin Quenni ihrem Ärger ordentlich Luft machte. Da sich auch keiner der anderen Insassen erklären konnte, was diese Notbremsung ausgelöst haben könnte, fasste ich eben den Entschluss, hier draußen nachzusehen, was eigentlich los sei.
Wer ich bin? Entschuldigen Sie, mein Name ist Schlempert. Dieter Schlempert. Meines Zeichens Kriminaloberkommissar. Ich arbeite für die Polizei und leite die Dienststelle in Neustadt an der Weinstraße. Ein stressiger Job, den ich nie haben wollte und ihn trotzdem bekommen habe.
Und da liegt er nun, der Oberkommissar, nachdem er kopfüber mehrere Meter nach unten gepurzelt ist. Wieder auf den Beinen, verschaffe ich mir erst einmal einen Überblick und klopfe mir den Staub aus der Hose. Circa acht Meter vor mir, auf dem Bahndamm, steht er nun, der Zug. Eine ganz normale Regionalbahn, wie sie eben auf der Strecke zwischen Neustadt an der Weinstraße und Karlsruhe eingesetzt wird. Der Dieselmotor läuft im Leerlauf, die Fenster sind hell erleuchtet und im Innenraum kann man die Köpfe der Fahrgäste erkennen. Natalie scheint gerade damit beschäftigt zu sein, eine ältere Dame zu beruhigen. Die Scheinwerfer des Triebwagens leuchten die Gleise in Fahrtrichtung Karlsruhe aus, auf denen ich nichts erkenne, was die Notbremsung ausgelöst haben könnte. Um der Sache auf den Grund zu gehen, beschließe ich den Bahndamm wieder hochzuklettern.
Am Zug angekommen, ist es zu meinen Füßen immer noch stockfinster. Durch die Fenster strahlt das Licht so ungünstig, dass der Bahndamm gänzlich im Dunkeln liegt. Nun wäre eine Taschenlampe von Vorteil. Moment! Da fällt mir doch ein, dass mir Maik so eine App aufs Handy geladen hat, die aus dem Blitzlicht der Kamera eine Taschenlampe werden lässt. Ein paar Klicks später ist es zu meinen Füßen taghell. Nun erkenne ich auch etwas Dunkles, Blutverschmiertes vor mir. Da in der Kälte davon Dampf aufsteigt, nehme ich an, dass es sich um frische Eingeweide handelt. Dies erklärt auch unseren Halt auf freier Strecke. Also ein Zusammenstoß mit Wildgetier. Jetzt in der Vorweihnachtszeit fällt mir natürlich zuerst Rudolph das Rentier mit der roten Nase ein. Allerdings hier, so nahe am Bienwald, sollte es doch eher Rotwild gewesen sein, das mit dem Zug kollidiert ist. Um mich zu vergewissern, gehe ich etwas vor den Triebwagen. Wie zu erwarten war, ist die linke Seite der Lok mit Blut und Magen- sowie Darminhalt verschmiert.
Das linke Scheinwerferglas ist zerschlagen und im Gehäuse befindet sich ein Stück blutverschmiertes Fell. Oder? Nein, es ist ein abgerissenes Ohr. Allerdings keines von Rotwild, die tragen nämlich keine Ohrringe. Das hier ist ein menschliches Ohr. Schlagartig wird mir klar, dass wir da drinnen im Warmen »Stein, Schere, Papier« gespielt haben, während hier draußen in der Kälte ein Mensch gestorben ist.
„Hey Baba, was ist hier draußen los?“, höre ich die Stimmen meiner Kinder, die im Begriff sind, den Zug zu verlassen.
„Sofort wieder rein!“ So hysterisch kenne ich mich gar nicht. Allerdings ist meine Angst vor traumatisierten Kindern so groß, dass ich die beiden nun ohne weitere Erklärungen barsch zurück in den Zug scheuche.
Erstaunlich, wie viel Licht so ein Handy erzeugen kann. Aber im Moment wäre es mir wohl lieber, wenn es nicht leuchten würde, denn was ich so nach und nach in seinem Lichtkegel zu sehen bekomme, sind Bilder, auf die ich gerne verzichten könnte. Am Abhang verteilt, finde ich immer mehr menschliche Fetzen. Als ich dicht bei den Gleisen das abgetrennte Haupt mit aufgerissenen Augen entdecke, schaff ich es gerade noch mit Mühe meinen Kopf zur Seite zu drehen, bevor sich mein Magen plätschernd über meine Füße entleert. Wieso passiert mir das auch immer wieder? Anscheinend werde ich mich nie an diese unangenehme Seite meines Berufes gewöhnen.
Benommen verwandele ich meine Taschenlampe zurück zum Mobiltelefon. In einem Automatismus rufe ich aus dem Speicher die Nummer meines jungen Kollegen Timo Gebauer auf und bestätige sie mit der grünen Taste. Obwohl sich auch Timo schon längst im Feierabend befindet, ist er noch vorm zweiten Klingeln am Telefon.
„Na Dieter, bist du noch beim Kinderpunsch oder genehmigst du dir schon einen Karlsruher Glühwein?“, trällert er fröhlich in die Leitung.
„Tttot“, beginne ich zu stottern, „zzzerfetzt“, höre ich mich noch sagen, bevor sich ein weiterer Schwall Mageninhalt vor mich ergießt.
„Langsam, Dieter, ganz langsam, was ist los bei dir?“, nun ist es meinem Kollegen nicht mehr zum Scherzen zumute.
„Vom Zug erfasst“, werden meine Sätze nun wieder länger, „vermutlich ein Farbiger. Irgendwo auf dem Bahndamm zwischen Rohrbach und Kandel.“
„Okay, Dieter, ich schicke dir die Kollegen vom Streifendienst. Beruhige dich, ich komm auch hin, okay?“
Ohne weitere Worte drücke ich den roten Knopf. Im Stockdunkeln starre ich in die Richtung, in der der Kopf liegt. In meinen Gedanken schaut er mir direkt in meine Augen. Deutlich kann ich spüren, wie der Restinhalt meines Magens sich nun wieder den Weg durch die Speiseröhre in meinen Kopf sucht. Während ich mir mit meinem Ärmel über den Mund wische, spüre ich eine Hand auf meiner Schulter. Auch ohne mich umzuschauen weiß ich, dass es sich um die Hand meiner Frau handelt, die mich berührt.
„Dieter, wir brauchen dich da drinnen“, sagt sie mit ruhiger, fester Stimme.
„Ich wüsste nicht, was ich drinnen tun könnte. Ich weiß nicht, was ich hier überhaupt tun könnte. Ich wollte, wir wären überhaupt nicht hier, Schatz.“ Nur mit Mühe kann ich die Tränen unterdrücken.
Da bin ich nun Dienststellenleiter und kann den Anblick einer Leiche nicht ertragen. Ich weiß nicht, wie das die Fernsehkommissare machen, die stolzieren durch den Tatort und achten dabei cool auf jedes erdenkliche Detail. Also mir geht es immer noch nahe, wenn ein Mensch sein Leben lässt. Ich sollte üben auszublenden, dass die Leichen auch ein Leben hatten. Auch dass sie sicher eine Familie hatten und vielleicht sogar Kinder hinterlassen, sollte mich keinesfalls in meiner Objektivität beeinflussen.
Das sind alles Sprüche unseres Betriebspsychologen, bei dem wir regelmäßig zur Supervision müssen. Pah, Psychologen, die haben gut reden, sitzen zu Hause am Kamin und ich habe hier die Sauerei.
„Komm, Dieter, der Lokführer sieht überhaupt nicht gut aus“, reißt Natalie mich aus meinen Gedanken, „rede du bitte einmal mit ihm.“
Hinter der verschlossenen Tür zum Fahrerstand sitzt ein großgewachsener Mann, ein Kerl wie ein Bär, um die zwei Meter hoch und sicher einhundertfünfzig Kilo schwer, würde ich sagen. Das kreidebleiche, schweißgebadete Gesicht will allerdings nicht so recht zu dem Sumoringertyp passen. Auf mein Klopfen hin reagiert er nicht. Einen Türdrücker suche ich vergeblich, was kein Wunder ist, wenn man so hört, was mancher Lokführer schon so über sich ergehen lassen musste. Da ist es ja nur logisch, dass die Tür zum Fahrerstand nur von innen zu öffnen ist. Jetzt wäre es allerdings wünschenswert, wenn ich zu dem apathisch dreinschauenden Mann vordringen könnte.
Mit lauter Stimme versuche ich ihn zum Öffnen der Tür zu bewegen. Doch noch immer starrt er auf die blutverschmierte Frontscheibe. Gut kann ich mir vorstellen, was sich in seinem Kopf abspielt. Plötzlich, wie aus dem Nichts, taucht ein menschlicher Körper aus der Dunkelheit auf, innerhalb eines Sekundenbruchteils klatscht es und du kannst dabei zuschauen, wie es den Körper in Stücke reißt. Was dieser Mann gesehen hat, möchte ich niemandem im Detail zumuten.
„Ich weiß, dass Sie schreckliche Dinge gesehen haben“, versuche ich die Flucht nach vorne, „bitte öffnen Sie die Tür, damit wir reden können.“
Irgendwie scheinen meine Bemühungen Früchte zu tragen, denn langsam, fast wie in Zeitlupe, dreht sich der stämmige Mann samt Sitz in meine Richtung. Von vorne sieht er noch schlimmer aus, als ich es vermutet hatte. Was will ich auch erwarten, schließlich hat er vor wenigen Minuten den Tod persönlich gesehen.
Ganz langsam hebt er die ebenfalls kreidebleiche, schweißnasse Hand an, um sie dann auf die Türklinke fallen zu lassen. Da sich die Tür nun öffnet, kann ich viel leiser sprechen: „Kann ich etwas für Sie tun? Die Polizei habe ich bereits verständigt.“
„Ich kann nicht mehr“, beginnt er kaum verständlich zu flüstern, „ich will nicht mehr. Das war bereits der Dritte.“ Mit diesen Worten beginnt der Kleiderschrank von einem Mann bitterlich zu weinen. Im Affekt nehme ich seinen Kopf, um ihn an meine Schulter zu betten.
Jetzt erst fällt mir der säuerliche Geruch in der Fahrerkabine auf. Beim Blick auf seine Schuhe wird mir schlagartig klar, dass auch er seinen Mageninhalt nicht bei sich behalten konnte.
Etwa zehn Minuten sind noch vergangen, bis der einsame Bahndamm zum Leben erwachte. Inzwischen suchen etwa ein Dutzend Schutzpolizisten mit Strahlern den Bahndamm ab. Sanitäter kümmern sich um die Blessuren der Fahrgäste, Fahrzeuge der Feuerwehr leuchten vom benachbarten Wirtschaftsweg den Bahnabschnitt aus und in der Fahrerkabine kümmert sich ein bahneigener Psychologe um unseren Lokführer.
Draußen sind auch zwei Reisebusse vorgefahren, um die Fahrgäste nach Karlsruhe zu bringen. Die Evakuierung findet selbstverständlich über die in Fahrtrichtung rechte, also die blutfreie Seite des Zuges statt.
Wer nun noch fehlt, ist Timo, der uns doch abholen wollte. Meine Kinder habe ich in dem Glauben gelassen, dass der Zug mit einem Wildtier zusammengestoßen wäre. Sie spielen wieder »Stein, Schere, Papier«, wobei ich beobachten kann, wie Maik seine Schwester besiegt.
„Scheiß Psychokasper!“, schreit plötzlich der Zugführer, der anscheinend wieder zu Kräften gekommen ist. „Ohne euch wäre ich inzwischen umgeschult oder pensioniert. Aber nein, ich musste ja wieder auf den Bock, so wie ein Kind, das vom Pferd gefallen ist. Ihr scheiß Fachidioten solltet euch so lange ins Führerhaus setzten, bis ihr wisst, wovon ihr redet.“
Ich kann ihn gut verstehen, auch ich werde noch lange an den Dingen zu kauen haben, die ich da draußen gesehen habe.
Nun wäre es an der Zeit, einmal was Angenehmes zu sehen, das mir auch genau in diesem Augenblick gelingt. Auf dem Wirtschaftsweg kommt der Dienstwagen von Timo gefahren, gefolgt von einem weiteren mir bekannten Auto. Es ist das Auto von Martin Schneider, einem Spurensicherer, mit dem ich seit langer Zeit befreundet bin. Zweimal habe ich schon in seinem Ferienhaus in Gossersweiler-Stein gewohnt. Aber das sind andere Geschichten. Wenige Sekunden später befinde ich mich auf dem Weg zu meinen Kollegen, um sie zu begrüßen.
„Sorry Dieter, es wurde etwas später“, begrüßt mich Timo, „ich habe in Kandel noch auf Martin gewartet, da er hier nicht besonders ortskundig ist.“
„Ja Martin“, gebe ich mich überrascht, „ich freue mich dich zu sehen, aber das ist doch kein Fall für die Spurensicherung, offensichtlich handelt es sich doch um einen Suizid.“
„Eben, mein lieber Dieter“, entgegnet mir der Martin fröhlich, „das Wort Selbstmord beinhaltet schließlich das Wort Mord und da werden wir eben automatisch verständigt. Deshalb werde ich mich auch gleich an die Arbeit machen. Wollen wir noch Pizza essen gehen, wenn ich fertig bin?“
„Nein Martin, beim besten Willen nicht. Zum ersten hat das »La Rusticana« geschlossen und zum anderen ist das, was du gleich zu sehen bekommst, alles andere als appetitanregend. Ich will nur noch mit meiner Familie nach Hause.“
„Du weißt doch, dass mir nichts den Appetit verschlagen kann, dazu habe ich schon zu viel gesehen. Aber wenn dir dein schwacher Magen zu schaffen macht, dann sei dir verziehen.“
Dies klingt zwar nicht nach einer Verabschiedung, sollte aber eine gewesen sein, denn Martin geht inzwischen mit seinem Koffer in Richtung Zug.
Also, der Weihnachtsmarkt ist nun auch passé, weshalb ich Timo darum bitte, mich und meine Familie nach Waldrohrbach, zu unserem alten Bauernhäuschen zu bringen.
„Ich hole dich morgen früh gegen halb acht ab“, sagt Timo, als er uns in unserem Hof absetzt, was ich mit einem fragenden Blick beantworte.
„Na, euer Familienvan steht nicht auf seinem Platz unter der Überdachung, was mich als Polizist sofort zu der Annahme bringt, dass dieser in Landau am Bahnhof parkt.“ Womit er auch richtig liegt.
Wir gehen ins Haus. Während Natalie mit den Kindern noch etwas spielt, bleib ich im Keller und bearbeite viel zu laut meine Gitarre, was meinem Gehör sicher weiteren Schaden zufügt, aber die Nerven beruhigt.
Besuch beim Doktor Kleinhardt
Heute, am frühen Montagmorgen, sitze ich ohne Frühstück im Bauch im Büro hinter einem Aktenberg. Timo hatte mich pünktlich abgeholt und davon überzeugt, dass mir die Abwechslung im Büro etwas gut tun würde. Einen Fall für die Mordabteilung gibt es zurzeit glücklicherweise nicht. Zumindest kann ich ja zu diesem Zeitpunkt nicht wissen, dass es den eigentlich schon gibt. Aber schön der Reihe nach:
Da wir also kein Kapitalverbrechen aufklären müssen, haben wir uns der Abteilung »Organisiertes Verbrechen« zur Unterstützung angeschlossen. Die beißen sich derzeit an einer Einbruchsserie die Zähne aus. In den letzten zwei Wochen wurden im Umkreis täglich gut situierte Menschen brutalst ausgeraubt, immer nach dem gleichen Muster: Die drei vermummten Täter überfallen ihre Opfer, während diese gerade ihr Haus betreten. Einmal im Gebäude, fordern sie unter Androhung von Gewalt und mit vorgehaltener Waffe Geld und Wertgegenstände. Um ihren Worten Nachdruck zu verleihen, schlagen sie dann auch gerne einmal heftig zu. Einige der meist im Rentenalter befindlichen Opfer mussten sogar stationär im Krankenhaus behandelt werden. Das Fluchtfahrzeug, ein dunkelgrauer Van, wird immer erst kurz vor den Überfällen mit frisch gestohlenen Kennzeichen versehen.
Ich finde es schrecklich, mich durch einen Aktenberg zu kämpfen. Ich schreibe und lese nicht gerne, eine Buchhandlung betrete ich höchstens aus ermittlungstechnischen Gründen. Den Schreibkram im Büro erledigt glücklicherweise mein Kollege Timo. Vor ein paar Monaten wurde er dabei noch von Laura Schmitt unterstützt, die wir eigentlich immer Lara, nach der Lara Croft, aus dem Computerspiel Tomb Raider nannten. Wenn es ein lebendes Ebenbild der Computeramazone gab, dann war es Laura. Immer sportlich und figurbetont war sie gekleidet. Topfit und durchtrainiert, ohne nur ein Gramm sichtbaren Fetts. Sie hatte immer, wirklich immer, die Dienstwaffe am Körper. Ich glaube manchmal, dass sie ihre Knarre selbst unter der Dusche trug. Allerdings hatte sie zwischenzeitlich den Polizeidienst quittiert, um für die Gerechtigkeit im Dienste der Fremdenlegion zu kämpfen. Dort hat es ihr beim ersten Einsatz beide Beine abgerissen. So habe ich beim zuständigen Innenministerium Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um sie wieder in mein Team zu bekommen. Nun sitzt sie in meinem Büro an ihrem Arbeitsplatz. Ich habe auch schon einen Aufzug beantragt, um unsere Dienststelle behindertengerecht zu gestalten.
Da ich nun der Meinung bin, etwas frische Luft zu benötigen und mein Dienstwagen zu Hause im Hof parkt, beauftrage ich Timo, mich ins Städtische Klinikum zu fahren. Dort möchte ich gerne mit einem der Überfallopfer persönlich sprechen. Timo kann bei der Gelegenheit auch gleich den von mir ungeliebten Schreibkram übernehmen und Protokoll führen. Eigentlich ist ja Timo mein offizieller Vertreter und somit sollte einer von uns beiden immer im Büro präsent sein, aber in diesem Ausnahmefall übernimmt diesen Job mal Laura, denn sie kann ja aus verständlichen Gründen das Büro nur beschwerlich verlassen. Nachdem ich mit dem Opfer geredet habe, kann Timo mich ja dann auch am Landauer Bahnhof absetzen, damit ich Natalie unseren Van nach Waldrohbach bringen kann, um den Dienstwagen wieder in meine Obhut zu nehmen.
Aber nun geht es zuerst einmal ins Neustadter Klinikum. Dort besuchen wir Herrn Doktor Kleinhardt, der vor zwei Tagen vor seinem Haus überfallen und dann in seinem Flur niedergeschlagen wurde.
Ein sehr betagter Mann, der sich allerdings aus Eitelkeit die Haare von rechts nach links über die Kopfhaut gekämmt hat. Allzu viel Sinn macht dies allerdings nicht, da seine Tonsur durch das strähnige Haar deutlich zu erkennen ist. Sicherlich hat er sich einer privaten Krankenversicherung angeschlossen, denn er liegt im Seidenpyjama in einem Einzelzimmer.
„Guten Tag, Herr Doktor“, begrüße ich ihn so, wie es mir meine Mutter beigebracht hat. »Mein Junge«, sagte sie immer, »der Titel steht immer über dem Namen.« Glücklicherweise sagen die meisten Leute »Herr Schlempert« oder einfach »Dieter« zu mir und nicht »Herr Oberkommissar«. Aber ein »Doktor« ist schon ein besonderer Titel und so rede ich den Mann auch als solchen an: „Mein Name ist Dieter Schlempert und ich komme von der hiesigen Kriminalpolizei.“
„Ach, die Polizei ist auch schon da“, sagt er sichtlich verärgert, aber mit starker Stimme, „hat auch lange genug gedauert.“
„Entschuldigen Sie“, entschuldige ich mich, „aber wenn wir Sie nicht besuchen, heißt das ja nicht, dass wir in Ihrem Fall nicht ermitteln.“
„Na, dann will ich mal Gnade vor Recht ergehen lassen. Wie weit sind denn Ihre Ermittlungen fortgeschritten?“
„Ja, die haben sich als schwierig erwiesen. Fest steht, dass es sich um eine ganze Raubüberfallserie handelt. Die Täter lauern ihrem Opfer auf, warten ab, bis diese die Alarmanlage deaktiviert haben und schlagen dann mit äußerster Brutalität zu“, umschreibe ich den Umstand, dass wir noch absolut im Dunkeln tappen.
Da Timo inzwischen seinen Laptop hochgefahren hat, kann ich nun mit dem offiziellen Teil der Befragung beginnen.
„Herr Doktor, bitte erzählen Sie einfach, was vorgestern Abend genau passiert ist.“
„Also, ich kam gegen zwanzig Uhr nach Hause und stellte mein Auto wie immer in der Garage ab. Dann ging ich zur Tür und deaktivierte die Alarmanlage. Anschließend öffnete ich die Haustür. In diesem Moment kam eine vermummte Gestalt aus dem Heckenzaun, der den Hofbereich zum Garten hin abtrennt. Er drückte mich zur Tür hinein und zwei weitere ebenfalls vermummte Gestalten kamen hinterhergestürmt. Einer von den dreien begann gleich damit, mich mit Tritten zu attackieren und forderte die Herausgabe meiner Wertgegenstände. Nachdem ich mich weigerte, ihnen mein Hab und Gut auszuhändigen, schlug dieser mir in die Magengegend. Dann wurde es mir schwarz vor Augen. Als ich wieder zu mir kam, hatten die drei Männer schon mein ganzes Haus durchsucht und den Schmuck meiner Frau an sich genommen. Anschließend zwangen sie mich, meinen Tresor zu öffnen und nahmen auch noch mein ganzes Bargeld und das Gold, das ich als Wertanlage dort deponiert hatte, mit.“
Nun macht der Alte eine Pause, um an seinem Tee zu trinken. Timo freut sich darüber, denn mit einem solchen Redetempo, welches Herr Kleinhardt an den Tag legt, kann er beim Protokollieren kaum mitthalten.
„Ist Ihnen etwas auffallen, irgendetwas, das Sie außergewöhnlich fanden?“, versuche ich den Doktor zum Weiterreden zu verleiten.
„Außergewöhnlich? Für gewöhnlich werde ich nicht überfallen. Um genau zu sein, war dies mein erstes Mal.“
„Ich meine ja nur, vielleicht ist Ihnen ja etwas aufgefallen, ein Tattoo oder ein Dialekt oder sonst etwas?“
„Jetzt, wo Sie es sagen, der eine gab sich zwar Mühe dialektfrei zu sprechen, aber es schlug deutlich durch, dass er ein Einheimischer war, während die beiden anderen nicht einen Laut von sich gaben.“
Nun gönnt er sich wieder etwas Tee. Ich denke auch, dass wir nun hier fertig sind.
Als der Doktor bemerkt, dass wir aufbrechen wollen, sagt er noch: „Einen Moment bitte“, und schon sind wir wieder aufmerksam, „komisch fand ich auch, dass, nachdem sie wirklich nur Schmuck, Geld und Gold mitgenommen hatten, plötzlich einer der Schweigsamen auch noch den Fernsehapparat hinausgeschleppt hat.“
Nun verabschieden wir uns aber endgültig und fahren nach Landau. Nachdem ich dann zu Hause unseren Familienvan gegen den Mini ausgetauscht habe, komme auch ich wieder im Büro an.
Zuerst vergleiche ich mal die Aussage von unserem Doktor mit denen der anderen Opfer. Mir fällt dabei auf, dass überall nur einer der Täter gesprochen hat. Zwei weiteren fiel auch der Pfälzer Einfluss bei der Sprache des gewalttätigen Haupttäters auf. Und immer wieder ging ein Haushaltsgegenstand mit, hier eine Waschmaschine, da eine Küchenmaschine und so weiter. Ansonsten gleichen sich die Überfälle wie ein Ei dem anderen, immer nur Schmuck, Gold und Bargeld. Und immer nur gut situierte Senioren, die vorher anscheinend gut ausspioniert wurden.
Per Mail ist inzwischen auch der Bericht von Martin Schneider zu dem Selbstmord eingetroffen. Alles scheint so, wie ich es auch schon an Ort und Stelle vermutet hatte. Keine Auffälligkeiten, anscheinend ein ganz normaler Suizid. Was man eben bei einem Suizid normal nennt.
Sicherheitshalber rufe ich noch beim zuständigen Pathologen, dem Hansi an.
„Ach, der Dieter“, begrüßt er mich, „na, magst du ein paar Kräuterbonbons? Wenn du welche magst, dann lass ich dir gerne welche bringen.“
Ja, das mit den Bonbons ist eine alte Geschichte, die ich hier nicht aufwärmen möchte. Auf jeden Fall bekomme ich immer so einen fahlen Minzgeschmack auf der Zunge, wenn ich es mit Hansi zu tun habe.
„Behalte deine scheiß Bonbons für dich!“, blaffe ich ohne Begrüßung los, was mein Gesprächspartner mit einem schadenfrohen Lachen quittiert.
„Was kann ich denn für den Herren Oberkommissar tun?“, fragt mich der Arsch, nachdem er sich wieder beruhigt hat.
„Dir deine dummen Bonbon-Witze abgewöhnen, das kannst du für mich tun!“, lass ich ihn meine Wut spüren. „… und mir dann etwas über die Leiche von dem Bahnunglück erzählen.“
„Ach, den menschlichen Fleischsalat, den ihr mir geschickt habt? Über den gibt es nicht gerade viel zu erzählen, ein Farbiger, wahrscheinlich aus Zentralafrika stammend und sehr unterernährt. Mehr war aus dem nicht herauszuholen. Auch Papiere haben wir bei ihm keine gefunden.“
„Okay! Und was passiert nun mit ihm?“, will ich wissen.
„Das Standardprogramm, ich behalte ihn noch zwei Wochen hier in der Kühlung, falls sich noch Angehörige melden und dann gebe ich die Überreste zur Verbrennung frei.“
Na, das sind ja schöne Aussichten. Wenn sich keiner meldet, dann wirst du einfach verheizt und dienst der Fernwärme. Das hat allerdings schon seine Richtigkeit, was soll man denn sonst machen? Wir können die Toten ja schlecht behalten, da wüsste man sicher irgendwann nicht mehr wohin mit ihnen.
Da ich keine weiteren Fragen mehr habe, verabschiede ich mich von Hansi und lege wieder auf.
Nun gehe ich zum Fenster und stelle fest, dass es draußen angefangen hat zu schneien. Das versüßt doch etwas die Vorweihnachtszeit, wenn sich die Landschaft in einen weißen Mantel bettet. Während sich mein Herz erwärmt, fasse ich den Entschluss, unseren Weihnachtsmarktbesuch, der gestern ja aus bekannten Gründen ins Wasser gefallen ist, heute nachzuholen. Also mach ich schon um vier Feierabend, um meine Familie zu überraschen.
Der mittelalterliche Weihnachtsmarkt
„Aber nach Karlsruhe fahren wir heute nicht“, sagt Natalie, als ich sie in meine Pläne einweihe, „dann müssten wir ja wieder an der schrecklichen Stelle vorbei.“
„Aber nein“, kann ich sie beruhigen, „wir nehmen heute auch nicht den Zug. Ich würde sagen, wir fahren heute einfach mit dem Auto nach Sankt Wendel, dort ist ein mittelalterlicher Weihnachtsmarkt.“
Damit kann ich bei der ganzen Familie punkten. So fahren wir zusammen in das saarländische Städtchen, während die Schneeflocken weiter vom Himmel tanzen.
Auf dem wunderschönen Markt vergnügen wir uns vorzüglich. Da sind die mittelalterlich gekleideten Händler, die ganz außergewöhnliche Dinge, wie Langgürtel mit den passenden Taschen oder Schwerter und Dolche anbieten. Dann präsentieren sich auch Handwerker, welchen wir auf die Finger schauen können. In den vielen Mitmachwerkstätten schmiedet sich Maik sein eigenes Messer aus einem Stück Roheisen und Quenni filzt sich einen kleinen Weihnachtsmann. Es ist einfach schön, die Familie so happy zu sehen.
Nun bleiben wir vor der Bühne stehen, auf der mittelalterliche Musik geboten wird. Sehr beeindruckend, dass die Dudelsackbläser trotz der Kälte mit ihrem Kilt und nackten Knien am Musizieren sind.
Auf einem freien Platz, nur ein kleines Stück weiter, zeigt ein Zauberer sein Können. Schwuppdiwupp lässt er einen meiner Euros, was er allerdings Goldrandtaler nennt, in seiner Hand verschwinden, um ihn dann hinter Maiks Ohr wieder erscheinen zu lassen.
Als nächstes zieht uns ein Gaukler in seinen Bann. Sehr geschickt jongliert er mit drei Möhren, anschließend zeigt er allerhand Tricks mit leuchtenden Kugeln. Zum Schluss seiner Show schluckt er auch noch einen Säbel, wobei ihm Natalie nicht zuschauen kann, da sie Angst hat, er würde sich dabei verletzen.
Bei solch einer guten Unterhaltung vergessen wir total die Zeit und so ist es schon deutlich nach zweiundzwanzig Uhr, als wir wieder zum Auto laufen. Der Schneefall hat etwas nachgelassen und am Himmel kann man vereinzelt ein paar Sterne erkennen.
So fahren wir auf der A62 der Heimat entgegen. Bei Thaleischweiler-Fröschen verlassen wir die Autobahn, um über die L497 die ländliche Route zur B10 in Richtung Landau zu nehmen. Kaum bin ich von der Autobahn runter, haben wir die gewaltige Brücke vor uns, die wir soeben noch überfahren haben.
„Schau mal!“, ruft Maik plötzlich von der Rückbank. „Da fliegt ein Müllsack von der Brücke.“
Im gleichen Moment sehe ich auch etwas, das auf dem Boden aufschlägt. Allerdings war die Fallgeschwindigkeit für einen banalen Müllsack deutlich zu hoch. Instinktiv halte ich an, um nachzusehen, was dies war. Mein Bauchgefühl lässt mich meine Familie beschwören, auf jeden Fall im Auto sitzen zu bleiben. Ich lasse auch den Motor laufen, damit sie es schön warm haben.
Während ich die große Taschenlampe aus dem Kofferraum hole, damit ich nicht wie gestern mit dem Handy leuchten muss, spielt das Radio weiter unsere Twisted-Sister-Weihnachts-CD. Hinter einer Dornenhecke liegt ein großes Stück Brachland, auf dem man in der dünnen Schneedecke auch gleich den dunklen Fleck ausmachen kann. Schon von hier aus kann ich erkennen, dass es sich dabei keineswegs um eine Mülltüte handelt. Was da ein paar Meter von mir entfernt liegt, ist ein menschlicher Körper. Nun hole ich doch mein Handy heraus und wähle einfach die eins eins null. Ich will ja nicht schon wieder Timo aus seinem verdienten Feierabend holen und an den Anblick einer Leiche gewöhne ich mich allmählich auch, so traurig es klingt.
Da ich in meiner Laufbahn reichlich von diesen Notrufen entgegengenommen habe, gebe ich routiniert alles durch, was die Pirmasenser Kollegen wissen müssen. Nun schau ich mir den Leichnam etwas genauer an. Schon wieder ein Farbiger. Komisch, wieso finde ich nur farbige Selbstmörder? Bei diesem stehen die Gliedmaßen in alle erdenklichen Richtungen vom Körper ab. Sieht schon grauslich aus, so eine Leiche mit dem Bein gleich neben dem Ohr. Der Mann scheint nicht sehr groß gewesen zu sein, könnte aber auch sein, dass der Körper beim Aufprall zusammengestaucht wurde. Dies sind alles schon wieder Bilder, auf die ich getrost verzichten könnte.
Da ich hier nichts mehr ausrichten kann, gehe ich zum Auto zurück, in dem meine Kinder das Radio auf volle Lautstärke gedreht haben. »Let it snow« gröhlt Dee Snider, der Twisted Sister Sänger mit der blonden Mähne aus den Lautsprechern. »Lass es schneien«, denke ich mir auch, damit der grausige Anblick hinter der Hecke überdeckt wird. Ich weiß zwar nicht was, aber irgendetwas zieht mich wieder dorthin. Aus irgendeinem Grund muss ich noch einmal nachschauen und wie ich da stehe, muss ich feststellen, dass hier tatsächlich etwas nicht stimmt. Irgendetwas stimmt hier ganz und gar nicht. Nur, was da nicht stimmt, kann ich nicht sagen. Es wird mir hoffentlich noch einfallen. Vielleicht fällt es auch einem der Kollegen auf, die jetzt mit reichlich Tatütata angefahren kommen. Ich gehe zur Straße, um die Herren in Empfang zu nehmen.
Kaum bin ich beim Auto angekommen, steht auch schon Natalie an meiner Seite und fragt mich aufgebracht: „Dieter, was hat das denn schon wieder zu bedeuten?“
„Nichts was du wirklich wissen willst, mein Schatz“, gebe ich ihr wahrheitsgemäß zur Antwort, denn eins habe ich in meinem Leben gelernt, belüge niemals deine Frau.
„Nicht schon wieder?“, sagt diese mit entsetztem Blick.
„Doch schon wieder!“, erwidere ich meiner Gattin mit einem Nicken.
„Und was soll ich nun den Kindern erzählen?“, will sie nun wissen.
„Erzähle ihnen doch irgendwas, zum Beispiel, dass in dem Müllsack irgendein Giftmüll wäre oder so.“
Dee Snider singt inzwischen »Home for Christmas« und ich hoffe auch, dass ich noch vor Weihnachten zu Hause bin. Mir macht es zumindest keinen Spaß, täglich eine Leiche zu finden. Am besten, ich verlasse das Haus nicht mehr.
„Haben Sie den Leichnam entdeckt?“, spricht mich der erste uniformierte Beamte an, der umständlich aus einem Streifenwagen klettert.
„Ich wünsch Ihnen ebenfalls einen wunderschönen Abend“, sag ich provokativ, um den Kollegen auf seine Unfreundlichkeit aufmerksam zu machen. „Ja, ich habe die Polizei per Notruf alarmiert.“
„Und wo liegt der Kadaver?“, vergreift sich der Mann immer mehr im Ton. Das ist in meinen Augen ein Mensch wie jeder andere, nur, dass er eben tot ist. Ob man so jemanden auch als Kadaver bezeichnet, entzieht sich meiner Kenntnis, aber ich bin der Meinung, dass dieser Begriff ausschließlich für die Tierwelt bestimmt ist.
Nichtsdestotrotz führe ich die Herren am Dornenstrauch vorbei zum Fundort. Die Polizisten fangen auch gleich damit an, die Leiche nach Papieren abzutasten.
„Moment“, sage ich, „kommt da nicht erst einmal die Spurensicherung? Schließlich beinhaltet das Wort Selbstmord ja auch das Wort Mord.“
„Was sind denn Sie für ein Klugscheißer?“, meint der unfreundliche Mann von vorhin.
Nun hole ich meinen Dienstausweis aus der Tasche und sag wie automatisch: „Ich bin Kriminaloberkommissar Dieter Schlempert und ich verlange, dass hier zumindest alles ordentlich fotografiert wird.“
„Der Schlempert?“, blafft er mir entgegen. „Der von Neustadt? Mit Verlaub, aber Ihren Namen kann ich nicht mehr hören! Er hängt mir sogar zum Hals heraus, der Name. Bei uns auf der Dienststelle heißt es immerzu: »Warum läuft das beim Schlempert und bei uns nicht? Schlempert hinten, Schlempert vorne, Schlempert, Schlempert, Schlempert!« Mein Chef scheint ganz vernarrt in Sie zu sein.“ Nun wendet er sich seinen Kameraden zu und ruft: „Ihr habt gehört, was der Oberkommissar Schlempert gesagt hat, ihr macht jetzt erst einmal Bilder und das aus allen erdenklichen Richtungen!“ Nun dreht er sich wieder zu mir und meint: „Recht so, Herr Schlempert?“
„Schon viel besser! Habt ihr auch schon oben auf der Brücke an der Absprungstelle nachgeschaut, ob es da etwas zu sehen gibt?“
Abermals dreht sich der Mann seinen Kollegen zu und ruft: „Schuncke und Schmadke, ihr zwei fahrt mal hoch auf die Brücke und schaut, ob es da etwas zu sehen gibt.“
„Können Sie mir erklären, weshalb Sie ihren Job so lustlos ausführen?“, spreche ich jetzt den Mann direkt auf sein Fehlverhalten an.
„Lustlos?“, ist er nun verblüfft. „Ich hab einfach keinen Bock mehr, alle paar Tage hierherzufahren und einen Fleischberg zusammenzukratzen. In meinem nächsten Leben mach ich hier unter der Brücke ein Bestattungsunternehmen auf. Das wäre sozusagen eine Lizenz zum Gelddrucken.“
Dabei fällt mir doch gleich der Korbinian Jansen ein Straßenbauingenieur ein, der auch bei Annweiler eine gewaltige Hochtrasse bauen lassen möchte, um den B10-Ausbau so umweltverträglich, als nur möglich zu gestalten. Witzig dabei ist nur, dass ein Umweltverband, die »Initiative zum Erhalt vom Pfälzer Wald«, vor einem Suizid-Tourismus gewarnt hat. Dass es so etwas gibt, hatte ich bisher nicht geglaubt. Hier scheint es jedoch tatsächlich so etwas zu geben.
Dann hätten wir das auch geklärt. Wenn ich nun noch wüsste, was hier nicht zusammenpasst. Aber auch dies wird mir noch einfallen.
Nun, wo sich die Aufregung gelegt hat, beginne ich zu frieren. Zudem müssen die Kinder morgen zur Schule und da ist es nicht ratsam, dass sie nun kurz vor Mitternacht noch im Auto sitzen und mit Twisted Sister zusammen Weihnachtslieder grölen.
So vergewissere ich mich noch, dass die Leiche ordnungsgemäß bei der Pathologie untergebracht wird und trete dann den Heimweg an. Meine Kinder sind fröhlich, meine Frau besorgt und ich in Gedanken. Mit diesen unterschiedlichen Stimmungen kommen wir daheim an und klettern in unsere Betten.
Was stimmt hier nicht?
Tatsächlich scheine ich mich an entstellte Leichen zu gewöhnen. Zumindest habe ich die letzte Nacht gut geschlafen, ohne Alpträume zu haben. Gut, der Anblick der Leiche gestern Abend war ja auch nicht so unappetitlich, wie der von vorgestern. Allerdings, bei der gestrigen Leiche war etwas außergewöhnlich. Es gibt da etwas, das mich stört und mich nicht loslässt. Ich schaue mal im Netzwerk nach, ob der Kollege »Unfreundlich« schon einen Bericht verfasst hat. Das ist einer der Vorteile der modernen Zeit. Früher musste man noch Akten anfordern und sich dann hindurchkämpfen, heute geht so etwas mit ein paar Mausklicks.
Allerdings ist im polizeiinternen Netz noch nichts zu finden, was ja auch nicht verwunderlich ist, immerhin haben wir noch frühen Morgen und der Kollege wird sich sicher nicht in der Nacht noch an den Schreibkram gemacht haben.
So wende ich mich eben wieder der Einbruchserie zu. Insgesamt dreihundertachtzigtausend Euro Bargeld haben die drei inzwischen gestohlen. Dazu noch einmal den doppelten Wert an Schmuck und Edelmetall. Zusammen ist das ja schon eine satte Million. Fast täglich haben sie einen Überfall begangen, allerdings ohne erkennbares Muster, sodass wir bisher keine Präventivmaßnahmen ergreifen konnten.
Was allerdings auffällt, ist, dass die Überfälle vor drei Tagen aufgehört haben. Vielleicht ist es eine Gangsterbande, die nun weitergezogen ist. Oder sie machen einfach einmal ein paar Tage Urlaub. Kann ja schon sehr anstrengend sein, so ein Gangsterleben.
Dass sie in Rente gegangen sind, kann ich mir kaum vorstellen, denn die Beute, geteilt durch drei, das reicht noch nicht, um sich zur Ruhe zu setzen.
Ich lasse meine Leute noch einmal genau schauen, ob es nicht doch irgendein Muster gibt, nach dem die Bande vorgeht.
Ich selbst wähle mal wieder die Nummer von der Karlsruher Pathologie, obwohl ich mir dabei denken kann, dass der Hansi wieder einen blöden Spruch für mich auf den Lippen hat.
„Kräuterpastillen-Fabrik, Sie sprechen mit dem Hansi“, trällert er mir entgegen und ich verfluche den Tag, an dem die Telefone erfunden wurden, auf deren Display man sehen kann, wer gerade anruft.
„Mensch Hansi, du alter Kindskopf“, kommentiere ich seine blöde Art sich zu melden, „wirst du je erwachsen?“
„Ach der Oberkommissar Schlempert von der Neustadter Polizei, was verschafft mir die außerordentliche Ehre Ihres Anrufs?“, fragt er nun und kommt sich dabei auch noch komisch vor. Wahrscheinlich würde ich auch auf solch ein niederes Niveau sinken, wenn ich den ganzen Tag mit einem Haufen Leichen im Keller hocken würde.
„Ich habe dir gestern doch noch eine Leiche schicken lassen, kannst du mir zu der schon was sagen?“
„Ne Dieter, gestern kam keine rein, da musst du etwas verwechseln. Die letzte hast du mir vorgestern geschickt und die musste ich auch zuerst einmal zusammenpuzzeln.“
„Nicht der Mann vom Zug“, kläre ich nun den Hansi auf, „ich meine den, der gestern Abend bei Thaleischweiler-Fröschen von der Brücke gesprungen ist.“
„Thaleischweiler-Fröschen? Liegt das nicht bei Pirmasens? Das ist doch schon der Hinterwald“, und schon hat er wieder einen seiner Lachanfälle, „da bin ich nicht zuständig. Da musst du in Kaiserslautern nachfragen, die sind da zuständig.“
Kaiserslautern also. Ich bedanke mich vorerst bei Hansi und suche mir die Nummer der Kaiserslauterer Pathologie heraus.
Kaum gewählt kommt: „Pathologie Claus“, aus dem Hörer, ohne dass ich weiß, ob nun Claus der Vor- oder der Nachname meines Gesprächspartners ist.
„Grüß Sie Gott, Herr Claus“, sag ich mal, um die Form zu wahren und weiter komm ich nicht.
„Ja, Sie sind mir ja ein Spaßvogel“, tönt es nun empört aus der Hörmuschel, „ich habe hier den ganzen Keller voll von denen, die Gott bereits gegrüßt haben und das persönlich.“
Okay, meine Wortwahl war bei der Begrüßung wohl nicht die passendste, aber nun ist es eben draußen und so bleibt mir nichts anderes übrig, als weiterzusprechen: „Mein Name ist Dieter Schlempert von der Neustadter Polizei. Ich habe gestern die Leiche unter der Brücke gefunden.“
Wieder unterbricht mich Claus rüde: „Ach Ihnen habe ich den zu verdanken. Ich habe hier das halbe Kühlhaus voll von denen, die dort runtergesprungen sind. Vielen Danke dafür.“
Nun wird es mir aber zu bunt: „Hören Sie mal, Herr Claus, ich habe den Mann doch nur gefunden und nicht dort hinuntergestoßen. Ich hatte nur das Gefühl, dass irgendetwas nicht gestimmt hat und wollte deshalb mal nachfragen, ob Ihnen bei der Leiche etwas Außergewöhnliches aufgefallen ist.“
„Na, davon abgesehen, dass fast alle Knochen gebrochen sind und er ein schweres Schädeltrauma hat, war alles normal.“
Also, wenn die in Kaiserslautern alle so nett miteinander umgehen, bin ich froh, hier in Neustadt zu sein. Da ich nicht das Gefühl habe, mit dem Claus ein vernünftiges Gespräch führen zu können, leg ich nun einfach auf. Dann schicke ich eben ein Mail an den Hansi, soll er sich den Autopsiebericht zumailen lassen, um ihn nach Unregelmäßigkeiten zu durchforsten.
So, nun gehe ich runter ins Erdgeschoss und hole mir einen schönen Filterkaffee. Hier oben steht nur so eine moderne Pad-Maschine, aus der ich zwar aus zwölf verschiedenen Sorten mein Traumgetränk wählen kann, doch an den Filterkaffee von unten kommt keine der vielen Sorten ran.
„Ei gugge mo do, de Schlembert“ (Schau mal einer an, der Herr Dienststellenleiter ist ja auch anwesend), grölt mir munter ein mir wohlbekannter Handwerker entgegen. Den kenn ich bereits aus den Zeiten, als ich in Landau noch ein kleines Dreimannteam leitete. Um ganz präzise zu sein, es war ein Team mit zwei Männern und einer Frau. Das tut aber nun nichts zur Sache, auf jeden Fall hat er damals in der Polizeiwache ein solches Chaos angerichtet, dass das ganze Gebäude saniert werden musste. Nun steht er vor mir und möchte Konversation betreiben, was nicht ganz einfach ist, da er nur breitestes Pfälzisch redet und auch keine andere Sprache versteht.
„Was hoschen du schunn werrer bei uns se du?“ (Und welcher Umstand hat dich zu uns in die Dienststelle getrieben?), will ich wissen.
„Ah ehr hään doch unserm Lade de uffdrach gäwwe do än Uffzuch eisebaue.“ (In unsrer Firma ging ein Auftrag ein, hier einen Lift zu installieren.)
„Was Uffziech machen ehr ach, gäbs ach äbbes was ehr nid mache?“ (Selbst Lifte baut eure Firma ein? Gibt es denn eine Tätigkeit, der euer Haus nicht gewachsen ist?), bin ich verblüfft.
„Nä, nä mer machn alles meglich un ver Umegliches hämmer värzee Daach liwwerzeid“ (Den Möglichkeiten unseres Hauses sind keinerlei Grenzen gesetzt), gib er mir schlagfertig zurück und schüttelt sich vor Lachen. Bei der Gelegenheit fällt mir auf, dass sein Gebiss schon mehrere Lücken aufweist.
„Um wu widden dänne Uffzuch hiebaue?“ (Und wo ist der passende Ort um so einen Lift zu montieren?)
„Ah dess eschemo äh guudi Froch. Do hinn gehd äh mol ganix, wäschd, die Degge un die Wänd sinn all drachend“ (Im Innern des Gebäudes sehe ich keine Möglichkeit den Lift einzubauen, da wir ansonsten die statische Struktur des Grundgerüstes zu stark schwächen würden), mimt er nun den Fachmann.
„Un was mache mehr jezzart?“ (Hättest du mir denn noch eine Alternative anzubieten?), frag ich ein wenig verzweifelt. Es geht eben darum, das Gebäude behindertengerecht zu gestalten, um auch Laura in ihrem Rollstuhl zu ermöglichen, sich im Haus frei zu bewegen.
„Ah gans ähfach, denne häng ich dehr grad drause an die Fassad, do schderder nid un siet annoch scharf aus.“ (Ich würde eine Außenmontage empfehlen, was dem äußeren Erscheinungsbild des Gebäudes einen unvergleichlichen Touch verleihen würde.)
„Un wass muss de Schdeierzahler dodefor barabbe?“ (Und welche Kosten würden dann der Landesregierung auferlegt?)
„Ei jo, so achzich Mille wärd däs Ding schunn koschde, awwer däs brauchschd du jo nid aus deim Säggel se zahle“ (Mit achtzigtausend Euro ist der Lift auch schon bezahlt und es wird auch das schempertische Privatvermögen nicht belasten), und schon schüttelt sich der schmuddelige Kerl wieder vor Lachen.
„Achzichdausend Knibbel? Ich gläb dehr raasd de Blogger.“ (Liegt da sicher kein Irrtum vor? Dieser Preis kommt mir mehr als leicht erhöht vor.)
„Do kann ich doch nix devor, des Ding muss jo ach behinnerdegerächd sei.“ (Dass in einem öffentlichen Gebäude nur behindertengerechte Aufzüge erlaubt sind, ist Ihnen schon bekannt?)
„Un was esch annem behinnerdegerächde Fahrschduhl annerschder, wie an äm billiche?“ (Welche Anforderungen muss ein behindertengerechter Lift zusätzlich erfüllen?)
„Ah, do huggen die Knebb hald diefer und dann koschd des Ding hald ball des dobbelde.“ (Eine spezielle Bedieneinheit macht einen empfindlichen Preisunterschied.)
Die Erklärung reicht mir vollkommen. Dass sich hier die Hersteller auf die Kosten von Behinderten die Taschen füllen, ärgert mich ungemein. Nun hole ich endlich meinen Filterkaffe.
Als ich wieder im Büro bin, kann ich auf meinem Bildschirm das kleine Symbol erkennen, das mich über einen Maileingang informiert.
Der Absender ist ein Polizeiobermeister Scholl und der Anhang beinhaltet den Polizeibericht von dem gestrigen Brückensturz, samt einem Dutzend Bilder.
Die Bilder schaue ich mir zuerst an und schon wieder überkommt mich dieses Gefühl, dass da etwas nicht zusammenpasst.
Nun lese ich aufmerksam den Bericht. Am Fundort ist auch alles so beschrieben, wie ich es auch gestern vorgefunden habe. Interessant allerdings ist, dass der Springer mit dem Fahrrad gekommen wäre. Zumindest war am Absprungort eines abgestellt. Das passt doch auch nicht. Ich meine die A62 ist zwar auf der Brücke nur zweispurig ausgebaut, aber mit dem Fahrrad? Also mit dem Fahrrad, das kann ich mir nicht vorstellen. Vor allem bin ich fünf Minuten zuvor über die Brücke gefahren, da wäre mir doch sicher aufgefallen, wenn einer mit dem Fahrrad herumgekurvt wäre.
Aber ob das den Kollegen in Pirmasens ausreicht, um den Fall näher zu untersuchen? Ich versuche es einfach. Zum Glück steht die Durchwahl von dem Scholl im Bericht.
„Ja, Scholl, was gibt es?“, meldet sich der Kollege in der unfreundlichen Art, die ich schon gestern Abend erleben durfte.
„Die Polizeidienststelle Neustadt an der Weinstraße, hier spricht der Leiter Dieter Schlempert“, melde ich mich provokativ dienstlich, dass der nun auch einmal weiß, wie sich eine Begrüßung bei der Polizei anzuhören hat. Mein Gott, wenn das nur der Heuler erleben dürfte. »Na Schlempert, haben Sie nun auch mal gelernt, sich ordentlich zu melden«, würde dieser jetzt wohl sagen. Aber der ist zum Glück in der Nervenheilanstalt. „Ich hätte da ein paar Fragen zu Ihrem Bericht.“
„Was passt Ihnen denn jetzt schon wieder nicht?“, motzt der Polizeiobermeister weiter.
„Das Fahrrad. Ich meine, ich habe ein paar Minuten bevor der Mann geflogen kam die Brücke befahren. Denken Sie nicht, dass mir da ein Radfahrer aufgefallen wäre?“
„Es hat nun einmal da gestanden, was sollte ich da machen? Hätte ich es auch von der Brücke werfen sollen?“
„Ermittlungstechnisch untersuchen lassen“, motze ich nun zurück, „verpacken Sie es und geben es an die Spurensicherung weiter.“
Das sollte jetzt eine klare Ansage gewesen sein. In der Hoffnung, dass er sich auch daran hält, beende ich das Gespräch. Wenn das mit dem Scholl so weitergeht, muss ich mich doch einmal mit dem Pirmasenser Dienststellenleiter in Verbindung setzen.
Nun gibt es erst einen großen Schluck von dem guten Filterkaffee. Pfui Teufel, der ist natürlich inzwischen kalt.
„Hey Dieter“, macht mich nun Laura darauf aufmerksam, dass sie inzwischen mit ihrem Rollstuhl vor meinen Schreibtisch gerollt ist, „hast du nun so viel Langeweile, dass du auch noch die Fälle der Konkurrenz lösen willst?“
„Ach, mach ich das?“, fühle ich mich ertappt. „Aber es kann doch kein Zufall sein, dass sich zwei Farbige innerhalb von zwei Tagen vor meinen Augen umbringen.“
„Anscheinend kann das doch Zufall sein und nun kümmere dich bitte einmal um unseren Fall.“
Okay, sie hat ja recht, so grabe ich mich eben wieder in den Aktenberg. Immer wieder der graue Van, die hatten es noch nicht einmal nötig, das Auto zu wechseln. Nur die Kennzeichen waren jedes Mal andere, sofern die Nummern erkannt wurden. Alle gestohlen und alle seitdem nicht mehr aufgetaucht. Über den Hersteller des Vans haben wir auch keine genauen Angaben. Ein Zeuge meinte, dass es wohl ein Mercedes war, ein andrer glaubte einen Renault Espace gesehen zu haben. Der nächste meinte, dass es ein Ford gewesen sein könnte. Auf jeden Fall ein älteres Baujahr, darüber sind sich die Zeugen einig.
Aktiv war das Trio in Bad Dürkheim, in Weisenheim am Sand, in Landau sogar zweimal und so weiter. Sie haben ihre Opfer gewissenhaft ausgespäht und somit ganz gezielt zugeschlagen. Und zugeschlagen hatte auch immer der Größere, der auch gesprochen hat und dies ohne eine Spur von Rücksicht. Immerhin waren die Überfallenen alle schon jenseits der siebzig. Da sollte man ja schon mit etwas Feingefühl vorgehen, damit da keiner einen Herzinfarkt bekommt.
In einem Haus gab es sogar eine Videoüberwachung. Diese Aufnahme schaue ich mir noch einmal an, zum gefühlten einhundertsten Mal. Zu sehen sind die drei vermummten Gestalten, eine große und zwei kleine. Der Große haut dem Hausbesitzer eine rein und die beiden Kleinen schleppen den Wäschetrockner aus dem Haus. Nun schauen wir die Überwachungsvideos der Verkehrsüberwachungskameras der infrage kommenden Straßen durch. Aber auch da nichts. Jede Menge Mercedes, Fords und Renaults, aber nichts Auffälliges.
Das ist nicht meine Stärke, hier im Trüben zu fischen. Geduld ist sicher eine Tugend, aber sicher keine, die ich beherrsche. Ich glaube, dass dies meine Kollegen besser können als ich. Mir selbst würde es nun eher Spaß bereiten, wenn ganz überraschend das Telefon läutete, und welch eine Überraschung, just in diesem Moment läutet tatsächlich mein Telefon.
Nach einem kurzen Blick aufs Display nehme ich ab und schreie gleich: „Hansi, wenn du nun einen blöden Spruch loslässt, dann lege ich gleich wieder auf!“
„Dann leg doch auf!“, sagt er beleidigt. „Dann wirst du nie erfahren, was in dem Bericht von dem Claus aus Kaiserslautern steht.“
„Ist ja schon gut“, versuche ich den Piercingträger mit dem Irokesenschnitt zu besänftigen und beobachte dabei das Teelicht, das der Decoengel auf meinem Schreibtisch in den Händen hält: „Lass mal hören.“
„Na, so klingt das doch schon besser“, scheint meine Besänftigung Wirkung zu zeigen. Die Flamme des Teelichtes droht langsam abzusterben: „Wenn ich nun noch ein »bitte Hansi« vernehme, dann kann es auch schon losgehen.“
„Sag mal Hansi, hast du nun komplett ein Rad ab?“, bin ich empört, fest mit dem Blick zum Engel. Das nun winzig kleine Flämmchen hilft mir dabei, ruhig zu bleiben.
„Nanananana, das hört sich aber nicht so an, als wärst du scharf auf die brandheißen News aus der Pathologie.“
„Also bitte, liebster Hansi, lass mich an deinem Wissen teilhaben“, springe ich über meinen Schatten und mach mich hier komplett zum Affen. Laura und Timo können zumindest ihr Lachen nicht unterdrücken, weshalb ich ein »Psst« in ihre Richtung schicke. Inzwischen ist das Teelicht beinahe aus, ich sehe nur noch einen blauen Schein um den Docht.
„Das hast du aber schön gesagt, mein lieber Dieter. Dann lass ich dich an meinem Wissensstand teilhaben und der ist Nichts.“
„Wie nichts? Was nichts? Wieso nichts?“
„Na, eben nichts Auffälliges. Es ist alles so, wie es bei einem Mann, der von einer Brücke gestürzt ist, sein soll. Schweres Schädeltrauma und alle möglichen Knochenbrüche. Wie gesagt, nichts Außergewöhnliches.“
Dafür hab ich nun das Gelächter meiner Kollegen über mich ergehen lassen? Ich behalte fest den Docht meiner Kerze im Blick, damit ich hier nicht ausraste. „Hansi, ich bin mir ganz sicher, dass dort etwas nicht gestimmt hat und der Schlüssel liegt in der Leiche. Schau noch einmal genau nach, bitte!“, flehe ich den Leichenschnippler nun fast an, was Laura und Timo schon wieder ein hämisches Lachen ins Gesicht treibt.
„Dann sag mir einmal, wo ich wühlen soll? Ich habe die Leiche doch nicht hier, wie soll ich da etwas finden?“
„Das ist mir scheißegal, lass dir eben etwas einfallen!“, schreie ich viel zu laut und puste dabei die Kerze endgültig aus.
„Dieter, das geht nicht einfach so. Ich kann doch nicht zum Kollegen fahren und an seinen Leichen herumschnippeln.“
Von dem Docht meiner Kerze steigt nur noch ein dünnes Rauchfähnchen auf. Moment! Das Rauchfähnchen ist der Schlüssel: „Hansi, ich habe es!“
„Was hast du?“, will min Gesprächspartner jetzt wissen.
„Na das, was dort unter der Brücke nicht gestimmt hat. Ich habe es gefunden. Ich weiß nun, wonach du suchen musst.“
„Muss ich nun auch »bitte mein lieber Dieter« sagen oder klärst du mich freiwillig auf?“
„Es ist der Rauch. Bei der zweiten Leiche ist kein Dampf aufgestiegen, obwohl es saukalt war. Genau der hat gefehlt. Bei dem Toten am Tag zuvor haben die Eingeweide gedampft, egal wie weit sie auch verstreut waren. Aus jedem Fetzen ist der Nebel aufgestiegen und das war unter der Brücke nicht so. Ich sage dir, der war schon kalt. Der wurde schon tot dort hinuntergeworfen.“
„Das könnte ja schon sein. Lass mich mal etwas überprüfen. Ich rufe dich wieder an“, und schon hat Hansi das Gespräch beendet.
Ein Rundgang durchs Haus
Um mich nicht schon wieder in die Berichte einarbeiten zu müssen, beschließe ich kurzerhand mal nach meinen anderen Abteilungen zu schauen. Immerhin bin ich hier ja Chef von einhundertachtunddreißig Menschen.
Zuerst schau ich einmal ins Büro von Yasmin Kalt und Helmut Glaser. Yasmin wird von jedem im Haus Yasi genannt und sie lebt in, sagen wir einmal, seltsamen Umständen. Yasi führt eine lesbische Beziehung mit vier Frauen zugleich und lebt mit diesen wiederum zusammen in einer Wohngemeinschaft. »Survival Kätz« nennt sich das Ganze und die Mädels verbindet eine grausame Kindheit, in der sie alle häuslicher Gewalt ausgesetzt waren. Yasi ist eine attraktive, junge Frau mit langem, schwarzem Haar und einem leichten asiatischen Touch, sehr quirlig und stets ein klein wenig übermotiviert.
Glaser hingegen ist das Gegenteil, also nicht so ganz, denn auch er ist motiviert, aber ansonsten besonnen und ein ruhender Pol, so wie es sich für einen Familienvater gehört.
In ihrem Büro angekommen, sitzen die beiden vor ihren Monitoren und erstellen Berichte vom Streifendienst. Auch sie haben einige von den Raubüberfällen aufgenommen, weshalb Yasi auch gleich zu erzählen beginnt.
„Ach Scheffe“, ein Wort, welches ich gar nicht mag, allerdings habe ich mich auch nie getraut, es ihr zu verbieten, „Sie wollen sicher Bescheid wissen, was uns bei der Überfallserie so alles aufgefallen ist. Also, da es alle reiche Säcke waren, die es erwischt hat, hatten die auch dementsprechend fette Anwesen. Alles mit großen Gärten und hohen Sichtschutzhecken. Da war es für die Täter ein leichtes, sich zu verstecken, um dann ungesehen zuzuschlagen. Ich persönlich glaube, dass die beiden Kleinen einen Sprachfehler haben oder einen Dialekt sprechen, der auffällig ist. Warum sonst sollen sie so verschwiegen sein? Auf jeden Fall werden ich und der Helmut uns weiter damit beschäftigen, sofern es unser Streifendienst zulässt.“
Das war nun eine Menge Information auf einmal, aber so ist sie eben, die Yasi. Kaum hat sie ihren Monolog beendet, meldet sich auch schon der Piepser an ihrem Gürtel, woraufhin sie auch schon nach ihrem Telefon greift und bei der Zentrale anruft. Ein paar »jajas« und »okays« später sagt sie zu Glaser: „Helmut, wir müssen los, da brennt ein Auto in der Sandgrube“, und schon sind die beiden verschwunden.
Ich hatte immerhin »Hallo« und »Tschüss« gesagt, soweit ist Helmut Glaser gar nicht gekommen, von ihm konnte ich keinen Laut vernehmen.
Ich gehe dann mal runter in unser Pressebüro, eine Einrichtung, für die ich viel Lob bekommen habe. Selbst der Innenminister war schon hier, um es zu besichtigen. Dabei habe ich nur zwei Streithähne, die mit der »Optimierung der inneren Abläufe« beschäftigt waren, mit einer neuen Aufgabe betraut. Die beiden haben sich aufgerafft und eine Presseabteilung aus dem Boden gestampft, um die mich andere Dienststellenleiter beneiden.
Im Büro treiben sich auch erwartungsgemäß einige Reporter herum und warten auf die nächsten brandheißen News, um sie dann gleich in ihr Notebook zu tippen, um diese dann anschließend an die jeweilige Redaktion zu schicken.
Kim Yang, unser chinesischer Fachmann für die neusten »asiatischen Studien«, sitzt an seinem Rechner und bearbeitet sämtliche Berichte, die aus den verschiedensten Abteilungen eingehen und Gerhard Treiber unterhält sich angeregt mit den Presseleuten.
Nun haben die Pressefuzzis auch mich bemerkt und lenken ihre gesamte Aufmerksamkeit auf mich.
„Herr Schlempert, welche Neuigkeiten gibt es zu den Überfällen? Was können Sie aktuell über die Täter sagen?“, fragt der Erste.
„Was ist an den Gerüchten dran, dass Sie in den letzten Tagen zwei Leichen aufgefunden haben?“, der Nächste.
Das lässt mich aufhorchen, woher beziehen diese Geier nur ihre Informationen?
„Eins nach dem anderen“, besänftige ich die Menge, „zu den Raubüberfällen kann ich nur sagen, dass wir jede gesicherte Information unmittelbar zur Pressestelle weiterleiten. Ich versichere Ihnen, wir werden weiterhin alles, was wir wissen, hierher weiterleiten.“
„Und was hat es mit den Leichen auf sich? Weshalb wurden wir darüber nicht informiert?“, bohrt der andere weiter nach.
„Das hat auch eine ganz einfache Erklärung“, gebe ich ruhig zurück. „Dass ich an den Fundorten anwesend war, ist reiner Zufall. Beide Fälle fallen aber nicht in unseren Zuständigkeitsbereich.“
„Was soll das heißen?“, lässt der Typ immer noch nicht locker.
„Das heißt, dass Sie Ihre Informationen bei den Dienststellen in Landau und Pirmasens einholen müssen.“
„Aber Sie waren doch vor Ort, da können Sie uns doch sicher auch davon berichten“, nervt der Pressefritze langsam aber sicher.
Dann lass ich ihn eben an meinem Wissen teilhaben: „Nach meinen Beobachtungen handelte es sich in beiden Fällen um einen Suizid, mehr weiß ich auch nicht. Wie Sie bereits sagten, habe ich die Leichen nur aufgefunden, mehr auch nicht.“
Bevor denen noch mehr blöde Fragen einfallen, dreh ich mich schnell um und eile die Treppe zum Keller hinab.
Auch unser Technikexperte Klaus Reuter hat es sich in seiner Werkstatt etwas weihnachtlich gemacht. In einer Ecke steht ein gezierter Weihnachtsbaum. Allerdings ist das kein üblicher Baum, so wie man ihn in diesen Tagen in jedem Schaufenster sieht, an dem von Klaus hängen anstatt Kugeln und Lametta, Schraubenschlüssel, Ersatzteile und Einbauanleitungen. Die letzteren hat er liebevoll zu Papiersternen gefaltet. An der Decke entlang baumeln Lichterketten, die ein ganz besonderes Licht auf unseren Rennwagen, den Fiat 128 3p Berlinetta werfen. Und den hat der Torben, ein Junge der uns im Herbst bei einer Amoklage ins Netzt gegangen ist, blitzblank poliert. Der Torben macht bei uns eine Art Praktikum, so als Resozialisierung kann man sagen. Sein Vater ist schon vor seiner Geburt abgehauen und seine Mutter sitzt mit ihrem Lebensgefährten in Haft. Die haben irgendwelche verbotene Videos gedreht und ins Netzt gestellt. Nun lebt der Junge in der jugendpsychologischen Abteilung des Pfalzinstituts und wurde von meinem Freund, dem Richter Eberhard Palanowski, sozusagen als Enkelsohn adoptiert. Heute ist er nicht hier, sicherlich wegen therapeutischer Maßnahmen in der Klinik.
Der Klaus dagegen ist wie immer schwer am Schuften. Seine Beine schauen wie so oft aus dem Fußraum von einem Zuffenhausener Sportwagen heraus.
Um ihn nicht wieder zu erschrecken, gehe ich zur Eingangstür zurück und klopfe an.
„Komm nur her, Dieter!“, höre ich seine Stimme aus dem Fußraum. „Heut hab ich dich kommen gehört.“
„Okay, und was macht mein Lieblingsschrauber denn heute?“ Ich will ja auch wissen, was in meinem Laden so läuft.
„Na, ich verpasse der Mühle das Standardprogramm. Steuergeräteoptimierung, Nebel- und Öl-Werfer, eine Fahrgastzellenpanzerung und eine dicke Bremse. Den bekommen die in Berlin bei der Regierung, weißt du?“
Jetzt weiß ich es. Eigentlich sollte ich diese Dienstleistung denen in Rechnung stellen, jeder nutzt aus, dass ich den besten Mechatroniker habe und das alles nur, weil mein Vorgänger, der Heuler, überall mit seiner Werkstatt geprahlt hat.
Der Klaus hat aber echt was drauf. Meinen Mini hat er so aussehen lassen, als wäre es die letzte Schleuder und dabei hat das Teil dreihundertachtzig und mit einem Booster kurzzeitig sogar vierhundertfünfzig PS. Dazu habe ich auch das Standardprogramm, nur ohne Panzerung, das würde den Mini zu schwer machen, was ich nicht wollte. Bei meinem sportlich angehauchten Fahrstil achtet man auf jedes Gramm. Zumindest beim Auto. Da mein Körper inzwischen auf stattliche einhundertzwanzig Kilo angewachsen ist, muss eben mein Wagen auf seine Linie achten. Aber ab morgen werde ich wieder Sport treiben. So oder so ähnlich sehen meine guten Vorsätze seit Monaten aus.
Da Klaus nun aus dem Fußraum geklettert kommt, versuche ich, als guter Chef, etwas Konversation zu betreiben: „Na du?“, sag ich. „Wie geht die Arbeit von der Hand?“
„Ach das wird doch von Tag zu Tag schlimmer“, schimpft er, was ich von ihm gar nicht gewohnt bin, „inzwischen muss ich alle relevanten Steuergeräte mit einer Bleihaut versehen, um sie vor Angriffen von Mikrowellen und Magneten zu schützen. Zudem bauen die Hersteller inzwischen so viel Müll in die Autos, dass für mein Zeug fast kein Platz mehr bleibt. Da werden die Karren so vollgestopft mit diesem Abgasentgiftungsscheiß, sind aber, wenn sie dann auf der Straße gemessen werden, trotzdem die größten Dreckschleudern. Da vergeht einem doch der ganze Spaß am Umbauen.“
„Ganz ruhig, Klaus“, versuche ich etwas Dampf aus dieser Unterhaltung zu nehmen, „wenn dir das alles hier zu viel wird, dann sollen die Berliner ihre Autos woanders umbauen lassen.“
„Ja, das habe ich doch schon versucht, aber die finden doch keinen. Na ja, der Torben hat da ein echtes Talent und gute Nerven, den werde ich wohl zu meinem Nachfolger ausbilden müssen.“
„Aber du weißt schon, dass der Junge zuerst einen Schulabschluss machen muss?“, werfe ich da mal ein.
„Ja und er ist da auch echt am Büffeln, das Opagetue vom Eberhard und die Arbeit hier in der Werkstatt tuen ihm echt gut.“
„Und dass er mir immer wieder Streiche spielt, gehört das auch zu dem Kapitel »tut ihm echt gut«?“
„Komm Dieter, jetzt sei doch nicht spießig, du weißt doch, was sich liebt, das neckt sich und dich liebt er eben am meisten.“
Na, das ist eine Liebe, auf die ich verzichten könnte! Also gut, ich hab ja auch einiges mit dem Jungen erlebt. Wir haben einmal zusammen Wäscheklammern von Balkonen geworfen. So als Wettkampf, ein Duell sozusagen.
Gut, das gehört nun nicht hierher. Also gehe ich doch lieber wieder nach oben. Timo, der auch mein offizieller Stellvertreter ist, nimmt mir es krumm, wenn ich mich, ohne mich abzumelden, zu lange im Haus herumtreibe. Im Treppenhaus treffe ich dann auch wieder auf unseren Handwerker, der am Boden kniet und mit einem Hämmerchen hier und da klopft.
„Was sellen des schunn werrer gäwwe?“ (Ich würde mich freuen, den Zweck dieser Tätigkeit zu erfahren), frage ich erstaunt.
„Ah wäschd, ich muss gugge wu genuch Madderial esch um die Dräächer vumm Ufzuch feschd zu mache“ (Ich ertaste die tragenden Strukturen, um später daran die statisch relevanten Teile des Außenlifts anzubringen), bekomme ich zur Antwort. Dann lass ich ihn mal machen.
In meinem Büro ist alles beim Alten, was bedeutet, dass Laura und Timo weiterhin in ihre Bildschirme vertieft sind. Timo schaut kurz auf, um mir zu sagen, dass Hansi auf einen Rückruf wartet. Wenn ich den Hansi anrufen soll, dann mach ich das eben.
„Schlempert, du Teufelskerl!“, legt er gleich los, bevor ich überhaupt zu Wort komme. „Wenn es um Mord geht, ist dein Riecher unübertroffen.“
„Jetzt bitte mal in einem Tempo, bei dem auch ich mitkomme“, trete ich auf die Bremse.
„Na, mit deiner Leiche, die bei Tahleischweiler-Fröschen. Ich habe den Claus von der Pathologie in Kaiserslautern noch einmal angerufen und die Gerinnungswerte von dem Toten überprüfen lassen, was prompt ein Volltreffer war. Der Mann war schon mindestens vierundzwanzig Stunden tot, bevor er von der Brücke gefallen wurde.“
„Hab ich dir nicht gesagt, dass da was nicht stimmt?“, freue ich mich. „Ich wusste doch gleich, dass da mehr dahinter steckt.“
„Na, da werden sich die Kollegen in Pirmasens aber freuen“, lacht Hansi, „jetzt haben die einen Mord an der Backe, den sie aufzuklären haben.“
Ach ja, da hat Hansi vollkommen recht. Das ist ja gar nicht mein Fall, da müssen sich die Pirmasenser Kollegen darum kümmern. Okay, dann lege ich wieder auf und kümmere mich um Raubüberfälle, Außenaufzüge, einen frustrieten Kfz-Mechatroniker und um die Presse.
Alles verkohlt
Lange hält die Ruhe allerdings nicht an, denn schon klingelt wieder mein Telefon: „Ja, Polizeiobermeister Scholl, Schlempert was fällt Ihnen denn ein, in unserem Teich zu fischen? Wissen Sie denn, was das für mich hier bedeutet? Wenn ich alleine an die Spurensicherung denke, die liegen mir dann gleich wieder in den Ohren, weil wir sie nicht gleich gestern Abend alarmiert haben. Was soll ich denn denen sagen?“
Am liebsten würde ich nun ein »Hab ich es nicht gleich gesagt« einwerfen, aber ich komm ja nicht zu Wort.
„Dann sind da noch die dummen Sprüche von meinem Chef, von wegen »der Schlempert hat den richtigen Riecher« und »ja, der Schlempert hat seinen Laden im Griff«. Hätten Sie das denn nicht einfach bei einem Selbstmord belassen können? Nein, Sie mussten sich ja wichtigmachen und ich habe nun den Salat! Vielen Dank auch“, und schon hat er aufgelegt. So liefen auch früher die Telefonate mit dem Heuler ab, als er noch mein Chef war.
Zum Verschnaufen bleibt mir keine Zeit, denn mein Telefon klingelt abermals.
„Ah Scheffe“, klar, es ist Yasi am anderen Ende, „ich weiß ja auch nicht genau, aber ich meine, dass Sie am besten einmal hierherkommen, glaube ich zumindest.“
„Wo soll ich denn hinkommen und was soll ich da?“, manchmal geht sie mir doch auf die Nerven, die Yasi.
„Ich weiß ja auch nicht, kommen Sie doch bitte in die Sandgrube, die in Richtung Lambrecht liegt, es wird besser sein so.“
Was soll ich jetzt schon wieder tun? Können die nicht einmal einen stinknormalen Fahrzeugbrand aufnehmen, ohne dass es gleich zur Chefsache wird?
Fünf Minuten später sitze ich eben im Auto und fahre dorthin. Wieso hat meine junge Kollegin nur so geheimnisvoll getan? Steckt da auch mehr dahinter? Sitzt vielleicht sogar eine verkohlte Leiche in dem Wrack?
Ich werde es gleich erfahren, denn schon bewege ich meinen Mini auf das Gelände der stillgelegten Sandgrube. Unten in der Grube kann ich gleich das schwarz verkohlte Auto erkennen, ein Ford Galaxy würde ich sagen. Außerdem stehen dort noch zwei Feuerwehrwagen, der Polizeibus von Yasi und Glaser und ein Abschleppwagen, dessen Fahrer allerdings keine Anstalten macht, das Wrack auf die Ladefläche zu ziehen. Um das Fahrzeug herum ist die dünne Schneeschicht geschmolzen. Das sieht von hier oben schon beeindruckend aus. Aber ich bin nicht hier, um ungewollte Sehenswürdigkeiten zu bestaunen, sondern um zu arbeiten. So befahre ich mit dem Mini den serpentinenartigen Weg nach unten. Auf dem Schnee und in den vereisten Pfützen bricht ab und an das Heck aus, was einen Heidenspaß macht. Allerdings bin ich nicht hier zum Spaß haben.
Einmal ausgestiegen, gehe ich zuerst zum verkohlten Auto, um zu schauen, ob sich tatsächlich eine Leiche darin befindet. Aber das Einzige, das ich finde, ist ein mordsmäßiger Gestank nach verkohltem, verbranntem Plastik.
„Frau Kalt“, werde ich förmlich, wie immer, wenn ich mich ärgere, „nennen Sie mir bitte doch nur einen Grund, warum ich hierherkommen sollte. Ich habe schon einmal ein verkohltes Auto gesehen! Etwas Sensationelles hat dieses hier nicht.“
„Aber Scheffe“, sagt sie ganz kleinlaut, „sehen Sie denn nicht, was ich meine?“
„Klären Sie mich auf!“, bleibe ich weiter bei meinem strengen Ton.
„Na, das ist doch ein Van und an der Heckklappe kann man auch noch erkennen, dass er dunkelgrau war. Also zumindest bevor er abgebrannt ist.“
Das war mein Stichwort: „Okay, alles abriegeln, die Spurensicherung muss hierher. Die Feuerwehr kann fahren, aber der Abschlepper bleibt hier. Wenn die Spurensicherung durch ist, dann kommt das Auto in die Dienststelle, damit es sich auch Klaus ansehen kann.“
„Ach zum Klausi, dacht ich es mir doch“, sagt der Fahrer des Abschleppwagens, als er auf mich zukommt.
Mir bleibt dabei fast das Herz stehen, denn es handelt sich dabei um Hans Groß, der hatte auch schon meinen Mini am Haken, nachdem ich ihn bei Annweiler in den Leitplanken verbogen hatte. Also den Mini und nicht den Hans Groß. Das an sich wäre ja kaum der Rede wert, wenn ich den Groß nicht zuvor mit einer viel zu kurz abgeschnittenen Latzhose unter dem Namen Friedhelm bei einem Psychologen getroffen hätte. Dort saß er und verspeiste einen Fisch. Nach der Fahrt mit dem Abschleppwagen von damals musste ich auch noch feststellen, dass er mit dem Klaus Reuter befreundet ist, weshalb ich mich bis zum heutigen Tag nicht für Details aus dem Privatleben von Klaus interessiere.
Ich versuche noch aus der Ferne einen Blick in den Galaxy zu erhaschen, aber ich kann nichts Verdächtiges erspähen. So bleibt mir auch nichts weiter übrig, als auf Martin Schneider und sein Team zu warten.
In der Zwischenzeit schenkt uns Hans einen Kaffee aus seiner Thermoskanne ein. Meiner schmeckt nach Fisch!
Glücklicherweise lässt die Spurensicherung nicht lange auf sich warten. Allerdings hat sich das Warten für mich nicht gelohnt. Der Martin lässt von seinen Leuten zwar das Gelände akribisch absuchen, doch die Fahrzeugreste schaut er sich kaum an. Klar, bei den frostigen Temperaturen untersucht er das Wrack lieber in der kuschelig warmen Werkstatt vom Klaus. Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich auch schon eine ganze Weile in meinem kuschelig warmen Büro. Genau dort fahr ich nun auch hin, also ins Büro, um meine beiden Kollegen über Yasis Fund zu informieren.
Laura und Timo haben in der Zwischenzeit leider keine neuen Kenntnisse gewonnen. Unsere Überfallserie gleicht immer mehr der Suche nach der berühmten Stecknadel im Heuhaufen. Wenn jetzt der Wagen auch noch ein Treffer ist, wird die Suche nach den Tätern trotz allem nicht einfacher, denn dann hätten wir noch nicht einmal mehr ein Fahrzeug, nach dem wir fahnden können.
Jetzt warten wir erst einmal ab, noch wissen wir ja nicht, was es mit dem Ford Galaxy auf sich hat. Wahrscheinlich handelt es sich nur um ein Fahrzeug, das Jugendlichen als Übungsobjekt in der alten Sandgrube gedient hat. Wir hatten als Kinder auch einen Klassenkameraden, dessen Eltern auch heute noch eine Autowerkstatt betreiben. Bei denen auf dem Abstellplatz durften wir auch die Karren, die zum Verschrotten waren, vollends verheizen. Da kam es auch vor, dass wir die Kisten so heiß geprügelt haben, dass diese Feuer fingen. Nur sind wir damals nicht einfach abgehauen, sondern haben die Kisten gelöscht, sodass es keinen Ärger gab. Wir wollten ja schließlich auch das nächste Auto kaputt fahren.
Als ich endlich den Hans Groß mit seinem Abschleppwagen auf den Hof der Dienststelle fahren sehe, hält mich nichts mehr hier oben im Büro. Schon eile ich in den Keller.
„Dieter, was hab ich dir denn angetan?“, jammert Klaus gleich los. „Nicht nur, dass mir der Job hier stinkt, nein jetzt stinkt mir auch noch der ausgebrannte Kasten die ganze Werkstatt aus.“
Upps, dicke Luft! Am besten ich verschwinde gleich wieder nach oben. Doch schon kommt mir der Hans entgegen und sagt: „Machen Sie sich nichts daraus, der hat nur seine übliche Feiertagsdepression. Die hat er alle Jahre wieder im Dezember. Ich fahre heute Abend bei ihm vorbei und dann ziehen wir beide die Gummistiefel an und ich schmeiße eine Runde Fisch, dann geht es dem Klausi gleich wieder besser.“
Na, das sind ja fröhliche Aussichten und Bilder, die ich nun wieder nicht aus dem Kopf bekommen werde.
Nachdem ich Martin genau erklärt habe, worum es mir bei diesem Wrack geht, erinnert er mich daran, dass ich heute ja pünktlich Feierabend machen wollte, da am Abend noch ein privater Termin anstehe.
Ach du grüne Neune, das hätte ich mal wieder glatt vergessen.
„Vielen herzlichen Dank, Martin und ich erwarte deinen Bericht“, und schon sause ich die Treppen wieder nach oben, um mich zu verabschieden. Heute darf mein Mini auf dem Heimweg mal wieder zeigen, was er drauf hat.
Welch ein Abend
Nun stehe ich schon geschlagene fünfzehn Minuten in Unterwäsche vor dem Spiegel und kann mich nicht entscheiden, was ich anziehen soll. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich mich für eine Frau halten. Was nun? Den Schwarzen mit dem weißen Hemd oder doch lieber den sandfarbenen Cord? Aber da habe ich keine passenden Schuhe dazu. Ach was, ich mache einen auf cool und locker, ziehe Jeans an und dazu ein kariertes Hemd. Jetzt noch einen lockeren Schal um den Hals und schon habe ich das passende Outfit gefunden.
Dann nehme ich noch die große Schüssel Spagettisalat unter den Arm, den ich vorhin noch gezaubert habe. Das ist ja keine große Sache, so nach meinem eigenen Rezept. Ein gutes Pfund Spagetti, dann feingeschnittene getrocknete Tomaten, ein halbes Pfund halbierte Cocktailtomaten und zwei in Würfel geschnittene Mozzarellas. Dazu Balsamico-Essig, Olivenöl, Salz, Pfeffer und zum Abrunden noch eine Ladung mediterrane Kräuter, schon ist er fertig, der schlempertsche Nudelsalat.
So, nun muss ich aber los. Susie und Chrissi habe zu diesem Anlass extra das Clubheim der Veilchenzüchter in Völkersweiler angemietet. Als ich eintreffe, sind die meisten schon da. Es sind auch erstaunlich viele gekommen. So um die zwanzig, würde ich sagen. Wenn man bedenkt, dass wir in unserer Klasse nur dreißig Schüler waren, dann ist es ein guter Schnitt. In diesem elitären Kreis feiern wir unser Klassentreffen zu Ehren des dreißigjährigen Jubiläums unseres Schulabschlusses.
Anfangs sitzen wir noch etwas verhalten um die große Tafel herum und gedenken der drei Klassenkameraden, die nicht mehr unter uns weilen.
Da ist zum ersten der Paul, der schon kurz nach unserem Schulabschluss mit seinem Moped tödlich verunglückt ist. Seinen Tod haben wir bei unseren bisherigen Treffen schon ausreichend besprochen. Dann ist da Rolf, der vor ein paar Jahren den Freitod gewählt hat. Eine Sache, die wir alle nicht verstehen können. Er war immer fröhlich und wollte alle um ihn herum zum Lachen bringen. »Klassenkasper« würde es wohl treffend beschreiben. Wir verarbeiten seinen Tod, indem wir die alten Geschichten von ihm erzählen. Als er zum Beispiel bei der Klassenfahrt die Schrauben vom Lehrerklo herausgedreht hat, was zur Folge hatte, das unser Lehrer samt der Schüssel umgekippt ist. Das war zwar eine Riesensauerei, aber lustig war es trotzdem. Auch hier auf der Party vermissen wir ihn. Gemeinsam sind wir der Meinung, dass, wenn Ralf hier wäre, die Stimmung schon am Kochen wäre. Zu guter Letzt ist vor wenigen Wochen der Hubert gestorben. Er ist der Erste von uns, der eines natürlichen Todes gestorben ist. Vermutlich ein Schlaganfall, aber ganz genau weiß es keiner von uns. Nun wird die Stimmung noch bedrückter, da wir unserer Vergänglichkeit bewusst werden. Immerhin sind wir ja nun alle kurz vor der Fünfzig. Um das leidige Thema loszuwerden, beschließen wir für unsere drei Kameraden eine Schweigeminute einzulegen, um dann endlich mit dem lustigen Teil des Abends zu beginnen.
Als erstes erzählt uns Franz Ulmer, der von uns nach wie vor Franzi genannt wird, voller Stolz, dass er inzwischen Opa geworden ist. Alle schauen sich begeistert die Handyfotos von dem kleinen Racker an. In mir löst es ein weiteres beklemmendes Gefühl aus. Opa, so alt sind wir inzwischen geworden. Egal, der Kleine ist wirklich zuckersüß. Ob mir meine Kinder auch schon bald solche Zwerge schenken werden?
Plötzlich kommt die ganze Meute auf mich zu sprechen:
„Na Schlempi“, so haben die mich schon zu Schulzeiten genannt, „was macht die Kunst? Über dich gibt es ja andauernd etwas in der Zeitung zu lesen. Du bist jetzt Oberbulle oder so etwas.“
„Ja schon“, versuche ich mich herauszureden, „aber da gibt es nichts Spannendes zu erzählen. Ist alles megalangweilig. Ich hocke fast nur an meinem Schreibtisch und delegiere.“
„Ja, ja, hockt am Schreibtisch und delegiert“, lacht Freddy gleich laut los. „Weißt du Schlempi, ich wohne in Gräfenhausen und habe genau mitbekommen, wie du damals den Mörder von unserem Ortsvorsteher gejagt und dann dingfest gemacht hast.“
„Na ja, so eine große Sache war das auch nicht damals“, spiele ich die Sache nun herunter. Immerhin hatte ich damals einen alten Kollegen ins Gefängnis gebracht.
„Ach ja“, wirft nun Susi ein, „und wie war das mit dem Doppelmord? Warst du nicht der, der das alles aufgeklärt hat und dabei noch so ne Art Menschenhändlerring ans Licht brachte? So hat es zumindest in allen Zeitungen gestanden.“
„Man soll doch nicht alles glauben, was in den Zeitungen steht“, versuche ich mich auch hier herauszuwinden.
„Und wie war das vor kurzem, als, wie war das nochmal …?“, sagt Schorsch und kratzt sich dabei am Kopf. „Das waren doch auch zwei Morde und ein Umweltskandal, was du aufgedeckt hast.“
„Mann, habt ihr denn nichts Besseres zu tun, als in der Zeitung herumzuschnüffeln? Ich mach doch auch nur einen Job, wie ihr alle. Schaut euch doch den Reginald an, der hat von seinem Vater die Autowerkstatt übernommen und muss sich um einige Angestellte kümmern, für die er verantwortlich ist. Wenn der Scheiße baut, dann sitzen die auf der Straße. Schaut mal, wenn ich rausfliege, dann macht eben ein anderer den Job.“ Hoffentlich habe ich es nun geschafft, die Aufmerksamkeit auf den Regi zu lenken, um nun wieder meine Ruhe zu haben.
Meine alten Kameraden nehmen glücklicherweise den Faden auf und der Reginald erzählt die alten Geschichten, als wir auf seinem Abstellplatz die Schrottautos verheizt haben. Dabei spiele ich zwar auch eine tragende Rolle, aber immerhin brauch ich nicht mehr vor allen zu reden. Das hab ich in der Schule schon nicht gerne gemacht und mache es auch jetzt nicht gerne. Auch heute noch steht mir der Schweiß auf der Stirn, wenn ich eine Pressekonferenz abhalten muss.
Langsam nimmt nun die Party auch an Fahrt auf und der Alkohol fließt in Strömen. Der Freddy beginnt nun, wie bei jeder anderen Gelegenheit, wenn er genug getrunken hat, sich an Chrissi heranzumachen. Regi stimmt das Autofahrerlied von der »Dorfcombo« an und Lilo kotzt sich über ihre misslungene Ehe aus.
„Das ich an so einem faulen Arsch hängen geblieben bin“, heult sie in die Runde.
Regi ist derweil beim Refrain angekommen: „Ich liebe meine Frau und die Kinder“, grölt er, „du weißt, ich lieb sie so sehr, aber ganz unter uns sag ich dir, dich lieb ich noch mehr.“ Damit meint er seinen alten Ford Capri, mit dem er in seiner Freizeit an historischen Rallyes teilnimmt. Das sind Veranstaltungen, bei denen es nicht so sehr auf Geschwindigkeit ankommt, sondern darum, eine gewisse Durchschnittsgeschwindigkeit einzuhalten. So werden die alten Wagen geschont, damit sie noch lange erhalten bleiben, um unser Herz zu erfreuen.
Lilo erklärt gerade, dass für sie keine Trennung in Frage kommt, da sie ja schließlich »ja« gesagt hat bei »bis der Tod euch scheidet«.
Oh weh, hoffentlich muss ich da nicht einmal ermitteln, wenn sie das mit dem »bis der Tod euch scheidet« wörtlich nimmt.
Da nun alle besoffen sind, würde ich mich gerne verabschieden. Aber die Klassenkameraden machen mir einen ordentlichen Strich durch die Rechnung. Schließlich bin ich ja der einzige Abstinenzler und habe deshalb die ehrenvolle Aufgabe, zu guter Letzt die Meute nach Hause zu fahren. Also werde ich der Letzte sein, der ins Bett kommt, wenn sich das ins Bett gehen bis dahin überhaupt noch lohnt.
Inzwischen zeigt Holger eine seiner berühmten Strippeinlagen, die ich nicht sehen möchte. Na ja, immerhin hat er seinen Körper, im Gegensatz zu mir, in Schuss gehalten. Er ist solariumgebräunt und hat von der Fußspitze bis zum Hals einen dreiköpfigen Drachen tätowiert.
Das ist der Moment, an dem Lilo aufhört zu weinen, um sich Holger an den Hals zu werfen. Aber da hat sie die Rechnung ohne ihn gemacht, denn der stößt sie rüde zurück. Na ja, sie ist eben nicht gerade solariumgebräunt und tätowiert, sagen wir einmal, sie ist eher der Typ Mauerblümchen. Ist ja auch kein Wunder, sie wird ja bekannterweise seit Jahren von ihrem Mann unterdrückt und somit konnte sich das Blümchen Lilo auch nicht entfalten. Apropos Wunder, mich wundert eigentlich, dass dieser nicht mitgekommen ist, um seine Lilo zu bewachen. Sicherlich späht er durch ein Fenster aus, was seine Frau hier so treibt. Lilo unterbricht meine Gedanken, indem sie erzählt, dass ihr Gatterich sich in einer Kur befindet, um mit den Problemen seines Alltags besser umgehen zu können. Klar, es ist ja auch ein harter Alltag, vor dem Fernsehen zu hocken und dabei die Frau zu schikanieren.
„Das ist gar nicht mehr so“, verteidigt sie ihn jetzt auch noch, „seit er die Playstation hat, schaut er gar nicht mehr so viel fern.“
Okay, mein Respekt, obwohl ich mir nicht sicher bin, ob das ein Fortschritt ist. Ich mache mir darüber auch keine weiteren Gedanken, da Lilo, was ihre Ehe angeht, ein hoffnungsloser Fall ist.
Regi singt inzwischen Mercedes-Benz von Janis Joplin. Da nun genug Alkohol in der Luft liegt und eh jeder das Lied kennt, wird unsere alte Klasse nun zum Chor der schrägen Töne. Allerdings ist Regi nun so glücklich, dass er Rotz und Wasser heult.
Ich muss schon zugeben, dass unser Klassentreffen ein voller Erfolg ist.
Inzwischen liegen die ersten Alkoholleichen in den Ecken, was allerdings nicht heißt, dass hier schon einer nach Hause möchte. Somit ist auch für mich noch nicht abzusehen, wann ich ins Bett komme. Und das an einem ganz normalen Dienstagabend im Dezember. Zumindest schneit es heute nicht, was es mir erleichtern sollte, die Meute nachher nach Hause zu karren.
Die Musik ist inzwischen auch leiser geworden, was wieder Unterhaltungen ermöglicht. Die Gerda hat neben mir Platz genommen. Gerda ist so eine, die man nicht wahrnimmt. Man hört sie nicht und man sieht sie auch nicht, so unauffällig ist sie. Auch damals zur Schulzeit hat sie niemand wirklich wahrgenommen.
„Hallo Dieter“, sagt sie nun mit ihrer zarten, kaum hörbaren Stimme.
„Na Gerda, wie ist es dir so ergangen?“, frag ich mehr aus Anstand als aus Interesse.
„Ach ja, du weißt ja“, wispert sie, „meine Eltern sind damals jung gestorben und seitdem habe ich den großen Hof am Hals. Ganz alleine, einen Mann habe ich doch auch nicht gefunden.“
Klar, wir haben damals schon gewitzelt, dass die Gerda wohl mit intakter Unschuld altern wird. Und wenn das so ist, möchte ich das auch ganz sicher nicht ändern. Allerdings muss ich zugeben, dass sie hier wohl das einzige menschliche Wesen ist, welches sich noch klar artikulieren kann, außer mir versteht sich.
„Ist ja auch nicht schlimm“, spricht sie weiter, „dann brauch ich auch niemanden hinterherzuräumen, hab ich mir immer gedacht, hahaha, grunz, hahaha, grunz.“
Jetzt fällt es mir wieder ein. Dieses grunzende Lachen hatte sie auch damals schon. Genau, deshalb haben wir derzeit auch Grunzi zu ihr gesagt. Und nun sitzt sie genau neben mir und grunzt noch genauso, als wären nur Tage anstatt Jahre vergangen.
Da Freddy inzwischen bei Chrissi mehrmals abgeblitzt ist, versucht er sein Glück nun bei Lilo. Die ist immerhin Strohwitwerin. Vielleicht fallen seine Bemühungen ja bei ihr auf fruchtbareren Boden.
„Aber du musst wissen, so alleine bin ich gar nicht mehr hahaha, grunz“, bemüht sich Gerda Grunzi weiterhin um meine Aufmerksamkeit.
„So Gerda, hast du nun einen Mann bei dir wohnen?“, heuchele ich Interesse.
„Ach Dieter, hahaha, grunz, du alter Schelm, doch kein Mann, hahaha, grunz, nein, nein. Ich habe zwei Flüchtlingsfamilien bei mir aufgenommen. Platz hab ich ja genug und so bin ich nicht mehr so alleine, hahaha.“
Wie war das noch gleich? Da fehlt doch was. Genau, wo ist das Grunz? Schnell schaue ich zu Gerda rüber, um zu kontrollieren, ob sie noch atmet. Alles in Ordnung, anscheinend hat sie das Grunzen einfach vergessen.
„Ach ja? Flüchtlingsfamilien, das ist aber interessant. Mensch, du hast ja eine ganz soziale Ader, das hätte ich gar nicht von dir gedacht“, bin ich erstaunt.
Das Flüchtlingsproblem hat sich ja im ganzen Land breit gemacht. Wir von der Polizei hätten reichlich damit zu tun, die Flüchtlinge zu überprüfen. Allerdings vergeuden wir die nötige Zeit damit, irgendwelche Demonstrationen gegen die Flüchtlinge zu überwachen. Das ist einfach ein Teufelskreis, wenn wir die Flüchtlinge nicht überprüfen, dann können die Straftäter unter ihnen ihr Unwesen treiben und somit ist das wiederum Wasser auf die Mühlen der Gegner.
Aber nun wieder zur Gerda: „Erzähle, wie ist das mit den Familien?“
„Ach du, das sind ganz nette und hilfsbereite Leute, die sind ja so froh, dass ich sie aufgenommen habe. Ich habe endlich eine Aufgabe und es ist endlich wieder Leben auf dem großen Anwesen.“
„Ach ja? Die Landwirtschaft hattest du nach dem Tod deiner Eltern doch nicht weitergeführt“, nun entwickele ich sogar echtes Interesse an dem Gespräch. Dem Regi ist inzwischen die Lust an den Autoliedern vergangen und er grölt nun »Trink, trink Brüderlein trink«.
„Aber nein doch, ich hatte ja zu der Zeit gerade die Ausbildung als Krankenschwester beendet und so ganz ohne Mann, hahaha, grunz, da hätte ich doch die schwere Arbeit nicht geschafft. So hab ich dann alles, was ich zu Geld machen konnte, verkauft und den Rest in die Scheune gepackt.“
Freddy hat bei Lilo mehr Glück, zumindest liegen die beiden wild knutschend auf dem Läufer neben dem Ofen. Wenn man bedenkt, dass beide verheiratet sind, ich meine, es ist ja nichts dagegen einzuwenden, wenn zwei verheiratete Menschen miteinander knutschen, nur sollten sie dann auch miteinander verheiratet sein. Ich beschließe die beiden im Auge zu behalten, um zu stören, wenn es mir zu viel wird.
„Also hast du keine schlechten Erfahrungen mit den Flüchtlingen gemacht?“, hake ich noch einmal nach.
„Oh doch“, sagt Gerda, „also mit den Flüchtlingen habe ich keine schlechten Erfahrungen gemacht, nur mit den Einheimischen. Einige Nachbarn reden nicht mehr mit mir und ich bekomme auch öfter Anrufe, dass diese Ausländer doch nicht hierhergehören würden und so. Aber weißt du“, nun kommt sie etwas näher an mein Ohr, „wenn man so lange alleine war wie ich, dann gibt man nicht mehr so viel auf das Geschwätz der Leute, hahaha, grunz.“
Regi ist nun verstummt nachdem er mit dem Kopf in der Gurkensalatschüssel eingeschlafen ist. Freddy fummelt inzwischen der Lilo unterm Pulli herum. Noch lass ich die beiden gewähren, allerdings ist meine Toleranzgrenze in Kürze erreicht.
„Und was für Familien sind das, die du bei dir aufgenommen hast?“, führe ich mein Gespräch fort.
„Ach, das sind zwei ganz liebe Familien. Die einen kommen aus Syrien und haben sechs Kinder, weißt du die verhüten dort nicht, hahaha, grunz, da kommt so etwas schon vor. Die anderen kommen aus Afrika und sprechen ganz schlecht Deutsch. Da müsste die Regierung etwas machen. Wie sollen sich die armen Leute denn verständigen können?“, dies findet Gerda wohl nicht ganz so lustig, denn das »hahaha, grunz« bleibt aus.
„Aha und wo kommen die dann genau her?“, will ich noch wissen.
„Ach die sprechen ja so furchtbar schlecht Deutsch, wenn ich es richtig verstanden habe, kommen sie aus Nigeria, also zumindest irgendwo aus Zentralafrika. Genau weiß ich das nicht. Sie brauchten Hilfe und die habe ich ihnen gewährt“, sagt Gerda und bleibt dabei weiterhin erstaunlich ernst.
Der Regi wird gerade wach und nimmt den Kopf aus der Schüssel. Irgendwie schaut er aus, als hätte er eine Schönheitsmaske aufgelegt, so mit den Gurkenscheiben auf den Augen.
„Erzähle nur weiter“, sag ich zur Gerda, „ich höre dir zu.“
„Ach was soll ich da erzählen? Die Afrikaner leben in der alten Scheune und versorgen sich selbst. Ich kann dir nicht einmal sagen, wie viele Kinder die haben. Da sind auch öfter junge Männer da. Das wären alles Cousins.“
So sehr mich auch die Geschichte von Grunzi Gerda noch interessiert, muss ich nun bei Freddy und Lilo eingreifen, denn sie hat inzwischen ihren Oberkörper entblößt und das ist ein Anblick, den man nüchtern nicht ertragen kann. Da hat die Schwerkraft ordentliche Arbeit geleistet. Das hat inzwischen auch Freddy festgestellt, worauf sie: „Ach, mein Mann hat es mir verboten, einen Büstenhalter zu tragen“, entschuldigend sagt.
Der Freddy nimmt einen ordentlichen Schluck aus der Wodkaflasche. Nun knutscht er weiter, so funktioniert das mit dem Schöntrinken also.
Egal, jetzt ist handeln angesagt. Ich stehe auf, hole mein Handy aus der Tasche und mach in Ruhe ein schönes Foto von dem Treiben auf dem Teppich neben dem Ofen.
„Hey Schlempi, was soll der Scheiß?“, schreit mich Lilo an, die gar nicht so betrunken ist. Jetzt, da sie steht, sieht man erst so richtig, was Schwerkraft so alles anrichten kann.
Nun rappelt sich auch Freddy wieder auf die Beine und verlangt schwankend: „Komm wieder zu mir runter Mausi, war doch gerade so schön mit uns.“
„Mensch, der Schlempi macht hier Bilder und tut diese zum guten Schluss noch auf Facebook posten oder wie das auch immer heißt“, brüllt Lilo weiter, was ihren ganzen Körper in Schwingungen versetzt. Was da so alles mitschwingt, möchte ich hier nicht erwähnen. Auch dies sind Bilder, die ich meinem Kopf gerne erspart hätte.
Jedenfalls hat das hysterische Gekreische nun sämtliche Partystimmung versaut und die ersten Alkoholleichen wünschen den Heimtransport. Als ich dann endlich alle zu Hause habe, muss ich feststellen, dass nun auch das leidige Aufräumen an mir hängen bleibt. Jetzt denke ich tatsächlich darüber nach, ob ich zum Vierzigjährigen überhaupt erscheinen werde. Wie ich so wutentbrannt rumstehe, kommt Gerda aus einer Tür gehuscht und sagt: „Die Küche und die Klos habe ich fertig, machen wir zusammen noch den Saal, dann können wir nach Hause fahren. Jetzt frage ich mich allen Ernstes, weshalb diese Frau keinen Mann abgekommen hat.
Als sie die Flaschen zusammenstellt, macht sie noch einmal „hahaha, grunz, hahaha, grunz“ und schon fällt mir wieder ein, weshalb sie keinen Mann abbekommen hat.
Und nun, was für ein Tag
Heute Morgen war ich doch tatsächlich der Erste im Büro, getreu dem Motto: »Der frühe Vogel fängt den Wurm.« Nachdem wir, die Gerda und ich, bis halb sechs in der Früh den Saal gewienert haben, bin ich nur kurz zum Duschen zu Hause rein und dann direkt nach Neustadt. So bin ich eben erschöpft, wenn ich allerdings für eine Stunde ins Bett wäre, dann wäre ich nun komplett am Ende.
Da sitze ich also mit einem schönen Pott Kaffee am Schreibtisch und begrüße einen Kollegen nach dem anderen. Um genau zu sein, begrüße ich Timo und Laura. Aber immerhin war ich heute der Erste. Davon nehmen die beide gar keine Kenntnis, weshalb ich beleidigt in den Keller gehe, um nach Klaus und nach dem Ford Galaxy zu schauen.
„Moin Dieter, na kannst du schon aus den Augen schauen?“, begrüßt er mich.
„Morgenstund hat eben Gold in Mund. Wieso fragst du?“, will ich wissen.
„Oder Morgenstund hat eben Blei im Arsch. Ich hatte auch schon ein paar Klassentreffen und da kam ich nie nüchtern zu Hause an“, lacht er. „Mensch, das weiß doch jeder: Derjenige, der nicht besoffen ist, muss alle nach Hause chauffieren und anschließend die Sauerei aufräumen.“
„Und hättest du mir das nicht gestern sagen können?“ Nun schüttelt der Klaus sich vor Lachen.
„So, du alter Knallkopp“, werde ich dienstlich ernst, „jetzt hör mit deinem kindischen Lachen auf und sag mir, was du gefunden hast.“
Damit kann ich ihn kaum beeindrucken und er bekommt so etwas Hysterisches beim Lachen, sodass ihm anscheinend die Atempausen ausgehen. Das hört sich etwa so an: „Hihihi, grunz, huhuhu, grunz, hahaha, grunz.“
„Sag mal, hast du eine Affäre mit einer Gerda?“, bin ich jetzt nicht nur ernst sondern auch etwas aufgebracht.
„Gerda? Wer soll denn das sein?“, fragt er unter Tränen.
„Egal, was gibt es Neues von dem Galaxy?“
„Klar, der Galaxy“, scheint er sich endlich zu beruhigen, „geht klar, du putzender Taxifahrer“, und schon ist es wieder vorbei mit seiner Ernsthaftigkeit.
„Mann, reiß dich jetzt zusammen, wenn du keine Dienstaufsichtsbeschwerde am Hals haben willst. Ich bin kein putzender Taxifahrer und Schluss jetzt.“
„Ja klar, ein Taxifahrer bekommt ja Geld dafür, wenn er eine stockbesoffene Meute nach Hause bringt, hahaha, grunz.“
Bevor ich nun einen Mord oder Schlimmeres begehe, schaff ich mich wieder nach oben. Im Erdgeschoss begegne ich dann Yasi und Glaser, die nun auch Dienstbeginn haben.
„Moin Scheffe“, begrüßt mich die junge Frau, „was gibt es Neues aus dem Keller?“
Helmut Glaser belässt es bei einem: „Guten Morgen, Chef.“
„Moin, Moin ihr beiden“, sag ich müde, „unten gibt es nichts Neues. Der Reuter ist ein Ekel und das Wrack bleibt verkohlt. Nein, da gibt es wirklich nichts Neues.“
Nun gehen die beiden kichernd vor mir her die Treppe nach oben. Da die zwei im ersten Stock zu ihrem Büro abbiegen, muss ich mich die letzte Treppe alleine nach oben schleppen. Im Büro gehe ich schweigend zu meinem Schreibtisch und lasse mich auf meinen Drehstuhl plumpsen. Hier ist es überraschend angenehm, denn die Morgensonne scheint mir durch das Fenster genau auf den Rücken. Das wohlige Gefühl verleitet mich dazu, die Augen zu schließen, um die Wärme im Nacken zu genießen. Wie eine kuschelige Decke umschließt die Sonne meine Schultern, ein Gefühl, dessen Genuss für alle Zeit anhalten könnte. Doch was ist denn das? Plötzlich friert es mich am Rücken. Hat sich denn schon wieder so eine fiese Wolke vor die Sonne geschoben? Ich mache die Augen auf, um sie zu suchen, die Sonne, und muss feststellen, dass sie nach wie vor scheint. Nur eben nicht mehr auf meinen Rücken, sondern durch die südlich gelegenen Fenster meines Büros. Der Blick zur Uhr verrät mir, dass es bereits vierzehn Uhr nachmittags ist.
„Sagt einmal“, belle ich nun Timo und Laura an, die friedlich an ihren Computern herumtippen, „seid ihr wahnsinnig, mich einfach pennen zu lassen?“
„Wieso, Dieter?“, meint Laura und Timo ergänzt: „Wir haben den Laden doch voll im Griff.“
Ist es schon so weit gekommen? Mein Laden läuft auch ohne mich? Das habe ich nun von der Delegiererei, nun habe ich meinen eigenen Job wegdelegiert.
So reibe ich mir eben kräftig die Augen und gehe zur Toilette, um mich etwas frisch zu machen.
Anschließend schaue ich im Keller nach, ob der Klaus sich inzwischen wieder beruhigt hat.
„Ach, der Dieter“, begrüßt er mich in einem normalen Ton, „hast du ausgeschlafen?“, und schon hat er wieder dieses hämische Grinsen auf dem Gesicht.
„Wie kommst du denn darauf, dass ich geschlafen habe?“, gebe ich so unschuldig wie nur möglich zurück.
„Erstens sind deine Ränder unter den Augen zurückgegangen, zweitens hast du ein zerknittertes Gesicht und drittens wurde ich seit Stunden nicht mehr von dir genervt.“
„Erstens gibt es für die Augenränder Schminke, zweitens sind das Sorgenfalten, die ich wegen diverser Mitarbeiter bekomme und drittens hab ich ja auch noch andere Sachen zu tun, als mir deine blöden Sprüche anzuhören. Und nun möchte ich nur noch hören, was es mit dem Ford Galaxy auf sich hat.“
„Ja Chef, zu Befehl, Chef!“, macht er sich schon wieder über mich lustig. „Also ich habe mit dem Martin zusammen das Wrack untersucht. Als erstes ist uns aufgefallen, dass die Fahrgestellnummer herausgeschliffen wurde. Die Kennzeichen waren gestohlen und somit haben wir kaum Anhaltspunkte, die auf den letzten Fahrzeughalter schließen lassen.“
„Wie sieht es mit Fingerabdrücken aus?“
„Negativ, die sind leider nicht hitzeresistent und somit in Rauch aufgegangen. Um das Ganze abzukürzen, alles was wir haben, sind ein paar Fasern von einem Lappen, die am Ölpeilstab hingen. Ansonsten nichts“, sagt Klaus und mir ist sicherlich die Enttäuschung anzusehen.
„Gut, das Auto bleibt bis auf Weiteres sichergestellt. Aber schaffe es rüber in den Verschlag, es stinkt ja erbärmlich bei dir“, sag ich und gehe frustriert nach oben.
Wenn bei uns schon nichts nach vorne geht, schau ich eben mal im Netz nach, wie es sich bei dem Mord in Pirmasens entwickelt. So, nun das Netzwerk der Landespolizei öffnen und schon habe ich alle Fälle vor mir, die derzeit in Rheinland-Pfalz bearbeitet werden. Was ich hier allerdings vermisse, ist der Mordfall von den Kollegen in Pirmasens. Das kann doch gar nicht sein. Sicherheitshalber schaue ich in den abgeschlossenen Akten nach und siehe da, hier ist er ja. Darunter steht, dass die Akte der Staatsanwaltschaft vorliegt, um sie zu schließen. Bin ich denn im falschen Film oder wie? Die Leiche wurde vorgestern Abend entdeckt und schon sehen die Kollegen den Fall als abgeschlossen? Haben die in Pirmasens den Mörder schon geschnappt? Das will ich nun aber genau wissen.
Wie war das gleich? 06331… und so weiter: „Scholl“, meldet sich der Kollege wie immer ohne Begrüßung.
Dieses Mal bin ich auch nicht freundlicher und melde mich genau so knapp mit: „Schlempert.“
„Ach, der Schlempert, wieso wusste ich nur, dass Sie hier anrufen?“
„Na, weil Sie wussten, dass es mich interessiert, wie Sie den Fall mit der Leiche bei Thaleischweiler-Fröschen so schnell lösen konnten.“
„Ach, das war doch ganz einfach, ein Schwarzafrikaner ohne Papiere und sicher auch ohne Aufenthaltsgenehmigung, keine Vermisstenanzeige, da kann man halt nichts machen.“
„Wie? Sie haben den Fall nach zwei Tagen einfach so zur Seite gelegt?“
„Ich habe alles getan, was im Lehrbuch steht, oder hätten Sie da noch eine bessere Idee?“, schnauzt mich der unfreundliche Kerl auch noch an.
„Ja, die hätte ich, ich würde zum Beispiel einmal ein Fahndungsfoto veröffentlichen.“
„Ach, der Schlempert, er würde also ein Bild von einem entstellten Kopf veröffentlichen, so einen von jemanden, der ein schweres Schädeltrauma erlitten hat. Tolle Idee, ganz toll. Reality Horror in der Tageszeitung und das von der Polizei veröffentlicht?“
„Wissen Sie, was ich glaube?“, bin ich nun sauer. „Ich glaube, dass ich Ihnen etwas auf die Sprünge helfen muss.“
„Und wissen Sie, was ich glaube?“, gibt er zurück. „Ich glaube, der Schwarze wäre besser in seinem Schwarzafrika geblieben, dann müsste sich nun auch ein schwarzer Bulle um die Scheiße kümmern, oder besser noch, dann würde er sicher noch am Leben sein und ich könnte mich hier in Ruhe um Verkehrssünder kümmern.“
Hör ich da etwa rechtes Gedankengut heraus? Da zumindest alles gesagt scheint, was gesagt werden muss, beende ich das Gespräch.
Aber den Hörer behalte ich gleich in der Hand, um die Nummer vom Landeskriminalamt zu wählen. Dort meldet sich auch, wie es sich gehört, ein Herr Geppert.
„Hallo, hier ist die Kripo in Neustadt an der Weinstraße, Schlempert“, melde ich mich anständig, „ich hätte gerne die Frau Dworaschinski gesprochen.“
„Die Frau wer?“, fragt mich der Herr Geppert erstaunt.
„Na die Frau Dwora ähm die Dwora Dingsbums eben, die Zeichnerin.“
„Ach, die Zeichnerin, einen kleinen Moment bitte, ich stelle Sie durch.“
Aha, auch er hat ihren Namen nicht ausgesprochen, also bin ich nicht der einzige, der sich Dworascheffski oder so nicht merken kann.
„LKA Dworatschek, Sie wünschen?“, höre ich nun die mir bekannte Stimme.
„Ja, Schlempert hier, ich grüße Sie Frau Dworatek“, oh Mann, hätte ich den Namen doch nur umgangen.
„Dworatschek, Herr Schlempert, Dworatschek“, ich habe das Gefühl, dass sie mir ihren Namen gleich buchstabiert. Das macht sie allerdings nicht, sondern führt den Satz noch unangenehmer weiter: „Was macht denn Ihre Leichenphobie? Ach und wie schmecken inzwischen die Pfefferminzbonbons?“
Sag mal, hatte heute Morgen denn jeder einen Clown zum Frühstück? Ich beschließe auf den wohl komisch gemeinten Kommentar von der Dworawasweißichwie gar nicht einzugehen: „In der Pathologie in Kaiserslautern liegt eine männliche Leiche, wahrscheinlich zentralafrikanischer Herkunft“, führe ich das Gespräch nun dienstlich professionell weiter, „von der bräuchte ich eine Phantomzeichnung.“
„Wird prompt erledigt“, bekomme ich prompt zur Antwort.
„Dann vielen herzlichen Dank auch, meine Liebe“, und schon habe ich es geschafft, das Gespräch zu beenden, ohne ein weiteres Mal ihren Namen nennen zu müssen.
Nun habe ich es mir verdient, den Kopf in den Nacken zu legen, um über weitere Schritte nachzudenken.
Da Timo und Laura plötzlich und unvermittelt ihre Jacken anlegen, gehe ich davon aus, dass wir als nächsten Schritt den Feierabend einläuten. Wie schnell so ein Tag vergeht, wenn man ihn zu zwei Drittel verschläft. Der Abend läuft nicht viel anders, den Fernsehabend auf der Couch verpennt und dann ab vier wach im Bett liegen. Scheiße, bringt mich in meinem Alter so eine durchzechte Nacht aus dem Rhythmus.
Unsere Strategie
Immerhin bin ich somit zum zweiten Mal in Folge zeitig im Büro. Heute treffe ich gleichzeitig mit Laura ein, was mir die Gelegenheit gibt, sie nach oben zu tragen. Ihr Körper ist nach wie vor sehr athletisch und sie ist ohne ihre Beine nicht einmal fünfzig Kilo schwer. Nennen wir es einmal so, ihr Körpergewicht entspricht in etwa meinem Übergewicht. Jetzt, da ich Laura trage, wird mir erst richtig bewusst, wie viel Fett ich unnötig mit mir herumschleppe. Ab morgen mach ich wieder Sport, nehme ich mir unnötigerweise vor, da ich ja doch nicht den Arsch hochbekomme. Wenn sich der innere Schweinehund einmal durchgesetzt hat, bekommt man ihn nicht mehr los. Dabei war ich vor zwei Jahren noch so fit. Beim Joggen konnte ich einfach so gut abschalten. Und nun? Pommes, Chips und Kuchen, eine Schande, wie ich mit meiner Gesundheit umgehe.
Zum Glück sind wir inzwischen oben angekommen und somit bleibt mir keine Zeit zum Trübsal blasen. Blasen tue ich schon genug, denn nachdem ich Laura mit nach oben genommen habe, brennen mir die Lungen wie Feuer und mein Hemd ist klatschnass.
Ich nehme mir die Akte der Raubserie vor und muss feststellen, dass es tatsächlich seit einer knappen Woche keinen Überfall mehr gab. Ich setze mich zu Laura an den Bildschirm und bitte sie nachzuschauen, ob es nun in einem anderen Bezirk zu Raubüberfällen, die nach unserem Muster ausgeführt wurden, gekommen ist. Bundesweit gibt es natürlich täglich Überfälle, aber keine, wie sie in meinem Revier ausgeführt wurden. Vor allem keine Serie, die erst in den letzten Tagen begonnen hat.
Am Besprechungstisch fangen wir an Fakten zusammenzutragen. Mit dabei sind auch Timo, der inzwischen auch zum Dienst erschienen ist, Yasi und Glaser, die ich ebenfalls hinzugerufen habe.
„Also, was haben wir?“, fordere ich die Anwesenden zum Sprechen auf.
Klar, Yasi hat wie fast immer das erste Wort: „Eine Raubserie mit zusammen zwölf Überfällen innerhalb von vierzehn Tagen. Jeder einzelne gut geplant und brutal ausgeführt. Nun sind allerdings seit dem letzten Überfall sechs Tage vergangen, was mich vermuten lässt, dass die Täter nun damit beschäftigt sind, weitere Opfer auszuspionieren.“
„Das ist eine Option“, bestätige ich die Ausführungen der jungen Kollegin.
„Oder sie sind weitergezogen und planen in einer anderen Gegend die nächste Serie, da es ihnen hier zu heiß wurde“, meint Laura.
Da die Damen nun gesprochen haben, schaue ich Timo auffordernd an.
„Das kann ich mir nicht vorstellen“, ist die Meinung von ihm, „ich denke, dass zumindest der Haupttäter ein Einheimischer ist. Zum einen spricht der pfälzische Dialekt dafür, den er anscheinend verstecken möchte und zum anderen brauchen sie sich so nicht auffällig in einer Pension oder sowas einzuquartieren. Campieren schließe ich aus, da es in der Vorweihnachtszeit deutlich zu kalt dafür ist.“
„Also, ich denke, dass wir im Keller das Tatfahrzeug stehen haben“, sagt nun der sonst so schweigsame Helmut Glaser, „da passt doch alles zusammen, die entfernte Fahrgestellnummer und die gestohlenen Kennzeichen.“
„Der Meinung bin ich auch“, sag ich auch einmal wieder etwas zur Sache, „nur weshalb trennen sich die Täter von dem Galaxy? Haben sie sich einen anderen Wagen beschafft, oder haben sie wirklich keine weiteren Straftaten mehr geplant?“
„Das ist kaum vorstellbar“, hat nun Laura das Wort aufgenommen, „zusammen mit dem Gold und dem Schmuck beläuft sich die Beute nicht einmal auf einen Gegenwert von einer Million Euro, wobei sie den Schmuck wohl einschmelzen müssen, da er heiß ist und somit nur sehr schlecht in Geld umzumünzen ist.“
Das wären circa dreihunderttausend pro Nase, was nicht bis zum Lebensende reicht. Die bei uns gespeicherten Täterprofile sagen, dass ein Gangster von diesem Kaliber nach einer großen Geschichte ausgesorgt haben will, um nicht im Rentenalter wieder von vorne beginnen zu müssen. Also heißt das, dass wir eine Strategie brauchen, um den Ganoven auf die Spur zu kommen.
„Wir brauchen eine Strategie, wie wir weiterverfahren“, sag ich nun laut. „Okay, dann setzt euch an die Rechner und schaut euch die bisherigen Opfer an. Ich will alle Gemeinsamkeiten wissen, damit wir schauen können, wer als nächstes Opfer der Bande in Frage kommt.“
Kaum habe ich das ausgesprochen, verteilen sich die anderen, um auszuführen, was ich ihnen aufgetragen habe. Auch ich gehe zu meinem Rechner, um festzustellen, dass eine E-Mail gekommen ist. Ich klicke auf den virtuellen Briefumschlag, um diese zu öffnen. Schau mal an, das Phantombild, da hat die Dwora-Zeichnerin schnelle Arbeit geleistet. Ich mache mir einen Ausdruck, hänge ihn an die Pinnwand und schon hänge ich wieder mit den Gedanken bei dem Fall der Pirmasenser Kollegen fest. Aber ich kann machen was ich will, ich traue dem Scholl nicht. Bei dem werde ich später noch einmal nachhaken. Nun versuche ich mich auf meine eigenen Dinge zu konzentrieren. Ich schaue auch einmal, wer als künftiges Ziel für die Bande in Frage käme. Es ist erschreckend, wie viel wohlhabende Senioren in unserem Gebiet leben. Ich finde direkt mindestens zweihundert potenzielle Opfer, Tendenz steigend. Wahnsinn, anscheinend ist es doch nicht so schwer, sich in Deutschland ein kleines Vermögen zusammenzuhäufen. Nur ich bin anscheinend zu blöd dazu. Nun bin ich Chef und trotzdem chronisch pleite. Als ich in meiner Ausbildung achthundert Mark im Monat verdient habe, dachte ich immer, mit tausend D-Mark wäre alles gut. Dann, als ich nach der Ausbildung eintausendfünfhundert Mark verdient habe, dachte ich, mit zweitausend käme ich zurecht. Dann habe ich in Landau als Gruppenleiter zweitausend Euro netto verdient und was soll ich sagen? Mit zwei fünf wäre alles gut. Nun habe ich die zweieinhalbtausend Euro monatlich und wenn ich dreitausend verdienen würde, dann könnte es passen.
Jetzt bin ich aber abgeschweift. Wir haben wohlhabende Ärzte, Winzer, Geschäftsleute und so weiter. Die meisten wohnen auch etwas außerhalb und haben Grundstücke, die schwer einzusehen sind. Inmitten von den Gärten mit Hecken, Pools und Teichen steht dann eine Villa. Welch ein Glück, für uns gibt es Google Maps, so können wir ganz einfach die Grundstücke erkunden. Allerdings können so auch Schurken, Gangster und sonstige Ganoven schnell und präzise die Anwesen ihrer Opfer ausspähen. Während ich mir Gedanken um die Staatsicherheit mache, vergeht die Zeit wie im Flug. Kaum habe ich meine Schüssel mit dem restlichen Spagetti-Salat vom Klassentreffen verdrückt, ist es auch schon vierzehn Uhr und das ganze Team sitzt wieder um den Tisch, um die Ergebnisse der Recherchen im Internet zu präsentieren.
Die meisten kamen zu dem gleichen Ergebnis wie ich. Circa zweihundert mögliche Ziele. Bei einhundertachtunddreißig Mitarbeitern im Schichtdienst habe ich nicht das Personal, um so viele Objekte überwachen zu lassen.
Nun streckt Yasi wie in der Schule den Finger, worauf ich ihr wie ein Lehrer das Wort erteile: „Ich habe mir gedacht“, beginnt sie damit uns ihre Gedanken offenzulegen, „da jeder nach Gemeinsamkeiten der bisherigen Opfer suchte, habe ich mir dir Zeit genommen und nachgeschaut, was diese gemeinsam nicht haben.“
Da sie nun eine bedeutungsvolle Pause macht, fordere ich sie auf, endlich weiterzusprechen.
„Dabei ist mir aufgefallen, dass sie alle keine Hundesteuer bezahlen. Daraus habe ich geschlossen, dass die Bande Hunde fürchtet, wie der Teufel das Weihwasser.“
„Sehr gut“, lobe ich die junge Frau mit den langen, dunklen Haaren, „nun müssen wir nur schauen, welches der zweihundert eventuellen Ziele keinen Hund hat und schon haben wir unseren Wirkungsbereich deutlich eingegrenzt.“
„Schon erledigt“, spricht Yasi weiter, „die meisten, die etwas Geld angehäuft haben, lassen ihr Grundstück von einem oder zumeist auch von mehreren Vierbeinern beschützen. Somit bleiben nur noch zweiundzwanzig übrig, die sich keinen Hund gönnen.“
„Und genau denen statten wir einen Besuch ab“, beschließe ich. „Glaser, Sie nehmen den Kleinbus und übernehmen diejenigen im Nordwesten. Yasi, du und Laura, ihr übernehmt den Nordosten und ich fahre in den Süden. Macht die Leute darauf aufmerksam, dass sie uns alles, was ihnen verdächtig vorkommt, melden sollen. Auch die Nachbarn sollten sie sensibilisieren, damit uns auch ja nichts durch die Lappen geht.“
Nun nimmt sich jeder eines der Blätter mit den Adressen, die Yasi ausgedruckt hat. Nur ich nehme auch noch ein zweites Blatt und zwar das Phantombild von der Pinnwand.
Die ersten beiden Herren auf meiner Liste sind relativ unspektakulär. Beides Witwer über achtzig Jahre alt und haben ihr gesamtes Barvermögen dem Nachwuchs überlassen, der es nun auf der ganzen Welt verjubelt.
„Wissens, Herr Kommissar, mir hanns ja gans verseimt zu leewe“, hat der Zweite gesagt, „do sollns die Jungen hald besser habe!“
Na, das ist auch eine Einstellung. Also meine Kinder sollen schon lernen, wie schwer es ist seinen Unterhalt zu verdienen, um eben auch eine Wertschätzung zu bekommen. Aber jeder soll das nach seiner eigenen Meinung tun. Nun bin ich vielleicht doch über mein viel zu geringes Gehalt froh. So komme ich zumindest nicht in Versuchung, es ohne nachzudenken in meine Kinder zu stopfen.
An der dritten Tür, an der ich läute, öffnet mir eine Dame. „Ach, ein Polizist“, begrüßt sie mich, nachdem ich mich vorgestellt habe, freundlich, „kommen Sie nur herein, ich habe gerade frischen Tee gekocht.“
„Gnädige Frau“, setze ich mich zur Wehr, „ich wollte Sie doch nur kurz …“, und schon unterbricht sie mich.
„Ach, was wäre ich denn für eine schlechte Gastgeberin, wenn ich Sie nicht hereinbitten würde?“
„Aber ich bitte Sie, es dauert doch nur …“, und wieder kann ich den Satz nicht zu Ende führen.
„Jetzt kommen Sie halt herein, Gewitter“, wird die Dame nun ungehalten, „oder wollen Sie, dass ich mir an der Tür einen Zug hole?“
Natürlich möchte ich nicht, dass die Frau sich einen Zug holt und so sitze ich eine Minute später in einem stilvoll eingerichteten Wohnzimmer. Die Möbel sind alle aus einem dunkelrötlichen Holz gefertigt, Kirschholz würde ich sagen und sind sicher von Hand gemacht. Die Schnitzereien sind allesamt kleine Meisterwerke. Am Büffet sehe ich einen Hirsch, der ein prachtvolles Geweih trägt. Die Beine, die das Büffet tragen, sehen aus wie spielende Füchse. In der Schrankwand gegenüber ist in den Türen ein ganzes Bergmassiv eingearbeitet. Die Sitzgruppe, auf der ich Platz genommen habe, ist eine original englische Chesterfield in Bull’s Blood, einem dunklem Rotbraun, das an geronnenes Stierblut erinnern soll. Ich bin ein heimlicher Chesterfield Fan, denn ich liebe diese Lederoberfläche, die in regelmäßigen Abständen mit gleichfarbigen Knöpfen nach unten gezogen wird. Im Zusammenspiel mit den Möbeln ergibt es eine stimmige Komposition, obwohl es mir ein wenig zu dunkel erscheint. Die bodentiefen Fenster haben somit sichtlich Mühe damit, reichlich Sonnenlicht einzufangen, welches dann leider von der dunklen Einrichtung gleich wieder verschlungen wird.
Die Dame des Hauses serviert mir einen dampfenden Tee in der edelsten Teetasse, die ich in meinem Leben je gesehen habe. Ich habe das Gefühl, hier ist das Paradies für unsere Bande.
Die Frau verlässt noch einmal kurz den Raum, um dann mit einem betagten Mann im Rollstuhl zurückzukommen. Der Herr starrt teilnahmslos vor sich hin und hat so eine Sauerstoffbrille unter der Nase, wie man sie aus Krankenhäusern kennt.
„Darf ich vorstellen?“, fragt die Dame. „Dies ist Ernest, mein Gatte. Ernest, das ist der Kommissar Schlempert. Er möchte uns etwas mitteilen. Verzeihen Sie, dass mein Mann Sie nicht begrüßen kann, er hatte vor ein paar Jahren einen schweren Schlaganfall erlitten, was ihn leider gesundheitlich etwas einschränkt.“
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