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Michael Schenk
Sky-Navy 08 - Der Wrack-Planet
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1 Der Sucher des Wissens
Kapitel 2 Das Trump-Prinzip
Kapitel 3 Notlandung
Kapitel 4 In geheimer Mission
Kapitel 5 Die Überlebenden
Kapitel 6 Planungen
Kapitel 7 Eine grausame Entdeckung
Kapitel 8 Auf der Spur des Greens
Kapitel 9 Verschanzung
Kapitel 10 Absturz
Kapitel 11 Der Wrack-Planet
Kapitel 12 Plünderer
Kapitel 13 Auf Spähtrupp
Kapitel 14 Unerwartete Begegnung
Kapitel 15 Konsequenzen
Kapitel 16 Freund oder Feind?
Kapitel 17 Keine Alternative
Kapitel 18 Befehl zur Vernichtung
Kapitel 19 Die Anderen
Kapitel 20 Massaker in der Nacht
Kapitel 21 Keine Gnade
Kapitel 22 Unerwartete Wendung
Kapitel 23 Feinde
Kapitel 24 Kontaktaufnahme
Kapitel 25 Der Angriff
Kapitel 26 Abwägungen
Kapitel 27 Auf der Flucht
Kapitel 28 Die Verfolger
Kapitel 29 Die Beobachter
Kapitel 30 Niemand in Sicht
Kapitel 31 Unerwartet
Kapitel 32 SC7E-13
Kapitel 33 Rettungsmission
Kapitel 34 Die Tarnung fällt
Kapitel 35 Unerwartete Hilfe
Kapitel 36 Schnelle Entscheidung
Kapitel 37 Schleichfahrt
Kapitel 38 Entkommen
Kapitel 39 Unsicherheiten
Kapitel 40 Ankündigung
Kapitel 41 www.sky-navy.de
Impressum neobooks
Kapitel 1 Der Sucher des Wissens
Sky-Navy 08
Der Wrack-Planet
Military Science Fiction
von
Michael H. Schenk
© M. Schenk 2018
Kandahaar, leichtes Zweischiff der Norsun
Hen-Talar 367 war Hoch-Wort eines Zweischiffes der Norsun. Es war nur ein kleines Schiff der 200-Meter-Klasse, aber es war sein Schiff, dem er als Kommandant vorstand. Hen-Talar wusste, dass dies keine Selbstverständlichkeit war, denn er gehörte zu den Suchern des Wissens. Im Volk schätzte man die Wissenden durchaus, vor allem, wenn ihre Kenntnisse der Raumfahrt und der Waffentechnologie galten. Hen-Talar interessierte sich jedoch für das Wesen anderer Intelligenzen und für das Leben an sich. Man hätte bereitwillig geduldet, wenn er nach Wegen geforscht hätte, wie man neue Völker in den Bund der Stämme zwang, aber sein Streben galt fremden und unverfälschten Kulturen. Das Hen-Talar 367 zum Hoch-Wort eines eigenen Schiffes ernannt worden war, verdankte er der Erkenntnis der großen Mutter und der Mütter, dass die Erforschung fremder Völker vielleicht einen Weg eröffnete, diese in den Bund der Stämme einzuverleiben.
Natürlich war das junge Hoch-Wort davon überzeugt, dass die Vollkommenheit der Schöpfung durch die Norsun verkörpert wurde. Nichts kam ihnen gleich.
Die Norsun waren humanoid und ähnelten auf große Entfernung in Körperbau und Größe einer menschlichen Gestalt. Zwischen Oberkörper und Unterleib befand sich eine deutliche Verengung und die Gliedmaßen waren länger, als die eines Menschen. Der Kopf war elliptisch und wurde von zwei großen Facettenaugen beherrscht, in deren Mitte sich zwei senkrechte Schlitzpupillen befanden. An Stelle der Nase gab es einen kurzen Rüssel, welcher der Nahrungsaufnahme diente. Der darunter befindliche Mund war ein schmaler senkrechter Schlitz und diente der Atmung und der akustischen Kommunikation. Auf dem Kopf ragten zwei kurze Fühler auf, die in der Lage waren, Duftmoleküle wahrzunehmen. Diese Fähigkeit ließ jedoch zunehmend nach. Inzwischen dienten die Bewegungen der Fühler eher dem Ausdruck der Stimmungslage ihres Besitzers. Auch die Bedeutung des unterarmlangen Stachels am hinteren Ende des Unterleibs hatte sich gewandelt. Seine Funktion als Waffe war im Verlauf der Generationen verkümmert. Nun diente er dazu, körpereigene Duftstoffe zu produzieren, sie abzusondern und fremde Gerüche zu analysieren. Diese Eigenschaften wurden von den Norsun bei der Steuerung ihrer Technik genutzt. Der gesamte Leib war von einer smaragdgrünen Haut bedeckt, die einen samtenen Schimmer und, an einigen Stellen, noch Anzeichen des einstigen Chitinpanzers zeigte. Die schlanken Hände waren mit zwei Daumen und vier Fingern versehen und befähigten die Norsun zur Handhabung feinster Werkzeuge.
Die Kandahaar war ein Beispiel für die hoch entwickelte Raumfahrt der Norsun. Als sogenanntes Zweischiff war sie eine Hantel aus zwei vollendeten Kugeln, die durch ein schlankeres Mittelteil miteinander verbunden waren. Die Kugeln durchmaßen jeweils 200 Meter, der Mittelteil wies die gleiche Länge auf, jedoch nur einen Durchmesser von achtzig Metern. Bug und Heck verfügten über eine identische Ausstattung, mit Zentrale, Quartieren, Depots, Maschinen, Antrieben und Bewaffnung, so dass sie im Notfall auch abgekoppelt werden konnten, um dann unabhängig zu operieren. Der Mittelteil beinhaltete hauptsächlich die Verbindungsgänge, Lagerräume und den Hangar der Beiboote, der bei den Norsun als Nest der Kleinschiffe bezeichnet wurde.
Die Hülle des Schiffes bestand aus einem grünen Panzer, dessen Material in der Lage war, die Strahlung und Thermik feindlicher Waffen fast vollständig zu neutralisieren. Gegen feste Projektile war dieser Schutz jedoch empfindlich. Hier nutzten sie die größte Errungenschaft der Wissenden als Schutz und zugleich Waffe: Die formbare goldene Energie.
Die goldene Energie, jene Entdeckung, welche den Norsun bisher immer den Sieg gebracht hatte. Die Wissenschaftler bezeichneten sie als formbare Energie und genau dies war sie auch. Die goldfarbenen Moleküle konnten eine schimmernde Wand bilden, die das Schiff schützte, Energiestrahlen förmlich aufsog und gegnerische Projektile einfach auflöste. Man konnte die Energie zu einem gleißenden Finger oder Tentakel formen, der achtzigtausend Kilometer in den Raum hinaus reichte und den Feind aufspießte. Neuerdings war es sogar gelungen, aus ihr Kugeln zu formen, die als endlos erscheinender Strom den Projektor verließen und die sich in jedes Objekt hinein brannten. Leider verzehrten sich die Kugeln auf ihrem Weg selbst, so dass diese Waffe nur über eine begrenzte Reichweite verfügte, auch wenn sie die aller anderen übertraf.
Die Kandahaar war eines von Tausenden von Schiffen, mit denen die Norsun zwischen den Sternen reisten. Sie alle gehörten zur Kriegsflotte, denn die von Insekten abstammenden Norsun vermehrten sich rasend und waren zur Expansion gezwungen. Zwei andere Völker hatten sie in blutigen Kriegen vernichtet, dann waren sie ihrem ärgsten Feind begegnet, den Negaruyen.
Obwohl es den Norsun gelungen war, die Heimatwelt dieser Humanoiden in eine Wüste zu verwandeln, blieb eine Kolonie dieser Wesen verschont. Diese verborgene Welt lieferte dem Volk von Hen-Talar einen schonungslosen Kampf, der nun schon Jahrhunderte währte und keine Entscheidung gebracht hatte.
Auch dies war ein Grund, warum man das junge Hoch-Wort mit einem eigenen Schiff betraute. Die Norsun waren auf der Suche nach dieser verborgenen Welt, um den Feind endlich endgültig vernichten zu können.
Diese Suche führte die Norsun schließlich in das Gebiet eines weiteren Volkes, welches sich als Menschen bezeichnete. Ihre Ähnlichkeit mit den Negaruyen war frappierend, wenn man davon absah, dass die Negaruyen zwei flache senkrechte Nasenschlitze besaßen, während die Nase der Menschen sehr ausgeprägt war. Die große Mutter und die Mütter der Norsun hielten das neue Volk für eine Mutation des alten Feindes und ließen eine ihrer Welten angreifen. Die Bilanz war verheerend, denn trotz aller Zerstörungen, welche die Hantelschiffe und ihre Invasionstruppen anrichteten, erlitt die Flotte schwere Verluste.
Jetzt mehrten sich die Zweifel, ob man nicht vorschnell einen zweiten Krieg begonnen hatte, der nichts mit dem Kampf gegen den alten Feind zu tun hatte. Ein Zwei-Fronten-Krieg konnte die Stämme jedoch existenziell bedrohen.
Ein Sucher des Wissens, wie Hen-Talar 367, war genau das, was man nun benötigte, um herauszufinden, ob die Menschen ein eigenständiges Volk waren. Inzwischen führte die Kandahaar die dreiundzwanzigste Schwingung aus, überwand gewaltige Entfernungen ohne Zeitverlust, und tastete den umgebenden Raum mit ihren hochempfindlichen Scannern und Sensoren ab.
„Ausführende Hand der Seher an das Hoch-Wort: Austrittspunkt der Schwingung wird mit der Sternenkarte verglichen und gerade bestätigt. Die Schwingung wurde korrekt vollzogen.“
„Gibt es Anzeichen für künstlich erschaffene Objekte oder besiedelte Orte?“
„Nein, Herr. Unsere Augen zeigen nichts dergleichen an. Allerdings können sich Objekte im Ortungsschatten der erkannten Monde und Planeten aufhalten.“
„Ausführende Hand der Stecher, halte unsere Stachel bereit.“
Der Waffenoffizier der Zentrale bestätigte. „Meine Hand folgt deinem Willen, Hoch-Wort. Ich empfehle die Aussendung zweier Fernaugen.“
Hen-Talar knickte zustimmend die Kopffühler nach vorne. „Ich halte dies für überlegt und angemessen. Ausführende Hand des Schiffe, ich spreche das Wort: Sende zwei Fernaugen aus. Das übliche Suchmuster.“
„Meine Hand folgt deinem Willen“, kam es vom Piloten. Er betätigte einige der kleinen Kristallstäbe vor sich. Sie steuerten Vorgänge des Schiffes, je nachdem, wie tief sie in die Bettung der Konsole hinein gedrückt oder heraus gezogen wurden. Unter der Zentrale der Bugkugel öffneten sich zwei Irisblenden und zwei Objekte verließen den Rumpf, die äußerlich acht kleinen Kugeln entsprachen, die man auf eine Kette gezogen hatte. „Fernaugen sind abgeflogen und beginnen mit dem Sehen.“
Die Zentralen der Kandahaar waren relativ klein. Sie boten genug Raum für die fünf Arbeitsplätze der Brückenbesatzung und den des Kommandanten. Alle Sitzgelegenheiten besaßen hier die Form einer Stange, auf der sich die Norsun niederließen. Unter den Konstruktionen ragten Trichter aus dem Boden. In diese führte man die Schwanzstachel ein, was den entsprechenden Norsun abverlangte, die luftdichten Schutzhüllen ihrer Raumanzüge geöffnet zu halten. Im Falle eines Hüllenbruchs und explosiven Druckverlustes ein lebensbedrohendes Risiko, doch zwischen der Bionik der Schiffssteuerung und den Norsun wurden viele Informationen über Pheromone ausgetauscht.
Hen-Talar erhob sich und trat an die große Panoramascheibe der Zentrale. Es gab eine ganze Reihe von Sichtluken und sogar „gläserne“ Gänge entlang des Mittelteils, die jedoch von Außen nicht erkennbar waren. Sie fügten sich vollendet in das Bild des glatten und fugenlosen Rumpfes ein.
Das Hoch-Wort legte seine Hände auf dem Rücken zusammen und wippte leicht auf den Füßen. Eine menschlich wirkende Geste, die sogar die gleiche Bedeutung besaß: Der Kommandant der Kandahaar war unruhig und tief in Gedanken versunken.
Der kleine Kreuzer war nun schon tief in den äußeren Spiralarm der Galaxis eingedrungen, in dem jene Welt der sogenannten Menschen lag, die man vor einigen Zyklen angriff. Die Norsun wussten, dass sich die Menschen erst über einen kleinen Bereich der Sternenwelt ausgebreitet hatten. Hen-Talar rechnete längst damit, Schiffsbewegungen der Langnasen zu orten. Tatsächlich waren zwei Objekte angemessen worden, doch beide befanden sich am Rand des Erfassungsbereiches der bionischen Sinne des Schiffes. Beide Objekte waren verschwunden, bevor man nähere Daten hatte sammeln können. Immerhin, es war ein Zeichen dafür, dass man sich dem besiedelten Bereich der Menschenwesen näherte. Vorsicht war also angemessen, denn ihre Kriegsschiffe erwiesen sich als ernstzunehmende Gegner.
Bisher hatte die Suche von Hen-Talar bereits einige interessante Fakten geliefert. Zwischen den Welten der Menschen gab es Kommunikation mit Wellen, die denen der Schwingung ähnelten, und die Menschen besaßen nicht nur Kriegsschiffe, sondern auch solche, die nur dem Transport von Waren oder ihresgleichen dienten. Letzteres war im Reich der Norsun unvorstellbar. Kein Schiff hätte sich dort unbewaffnet in den Weltraum hinaus gewagt, aus Furcht, den Negaruyen zu begegnen.
Hen-Talar blickte in den Weltraum hinaus. Er liebte den Anblick der Sterne und den fremder Welten. Es gab so vieles zu entdecken und er fand es bedauerlich, dass all dies, auf Geheiß der großen Mutter und der Mütter, unter militärischen Gesichtspunkten erfolgte. Sicher, sein Volk befand sich im Überlebenskampf, doch Hen-Talar war zu dem Schluss gekommen, dass die Kriege der Vergangenheit der hohen Vermehrungsrate der Norsun geschuldet waren. Im Augenblick war die starke Vermehrung ein Segen, um die Verluste auszugleichen, doch in Friedenszeiten war sie ein Fluch, denn das Volk musste sich immer weiter ausbreiten. Ein weiterer Fluch war wohl, dass Norsun, Negaruyen und Menschen die gleichen Umweltbedingungen benötigten.
„Ausführende Hand der Seher an das Hoch-Wort: Eines der Fernaugen empfängt das Signal einer Austritts-Schwingung. Ein Schiff tritt in das System ein.“
„Was für ein Schiff?“, fragte Hen-Talar interessiert.
„Die Länge der Schwingung lässt sich nicht genau bestimmen“, antwortete der Ortungsspezialist zögernd. „Ich vermute jedoch ein Schiff der Flachschlitz-Nasen.“
„Negaruyen“, seufzte Hen-Talar. Das Wort glich einem Fluch.
Seine Kandahaar gehörte zu den neuesten Bauten der Flotte, aber sie war nur ein Kreuzer der 200-Meter-Klasse. Gegen ein kleines Schiff des Feindes mochte sie bestehen, aber wenn es ein starkes Kampfschiff war oder gleich mehrere Feinde aus der Schwingung traten…
„Ausführende Hand der Maschine, wann können wir in die Schwingung wechseln?“
Der Ingenieur an der Maschinenkontrolle nannte die Zahl. Nein, die Kandahaar konnte nicht fliehen, noch bevor die Unbekannten aus der Schwingung erschienen.
„Ausführende Hand des Schiffes, bringe uns möglichst schnell und nahe an den Austrittspunkt heran. Ausführende Hand der Stecher, bereite alle Stacheln vor. Wenn es die Negaruyen sind, dann kann uns nur ein harter und schneller Stoß retten.“
Pilot und Waffenoffizier bestätigten.
Hen-Talar tat das Einzige, was ihm zu tun blieb. Die Kandahaar beschleunigte nun mit maximalen Werten, um möglichst dicht an jenen Punkt heranzukommen, an dem der Austrittspunkt des möglichen Gegners lag. So stark die Negaruyen auch waren, ihre Rasse zeigte einen Schwachpunkt: Der Austritt aus der Schwingung machte ihre Besatzungen für kurze Zeit handlungsunfähig. Gelang es Hen-Talar, rechtzeitig und nahe genug heranzukommen, dann konnte er den Feind vielleicht vernichten, bevor dieser zur Gegenwehr kam.
Hen-Talar trat an den Funkoffizier heran. „Ausführende Hand der Sprecher, gib meine Worte an alle Hände des Schiffes: Wir bereiten uns auf ein Stechen mit dem Feind vor. Alle Luftanzüge sind nach Möglichkeit zu schließen, alle Sektoren sind zu versiegeln und die Hände der Bionik sollen die Bions aktivieren und an die Positionen zur Schadenbekämpfung senden.“ Er zögerte kurz. „Und benachrichtige Sker-Lotar. Die Hand des Wissens soll zu mir kommen.“
Da beide Kugeln der Hantel über eigene Triebwerke verfügten, war sie sehr wendig. Sie schwang um ihre Querachse und richtete den Bug zum Austrittspunkt, an dem vermutlich ein Feind erscheinen würde. Die Besatzung eilte auf ihre Manöverstationen und schloss ihre Raumanzüge, zumindest, wenn ihr Dienst dies gestattete. Mancher mochte im Angesicht der Gefahr verfluchen, dass man nur schwer auf die Information durch die Duftmoleküle verzichten konnte. Bionische Impulse mochten schneller als diese Moleküle sein, doch die unzähligen Generationen der Norsun hatten ein so komplexes System entwickelt, dass ein einzelner Duft die Information zahlreicher bionischer Daten enthielt.
„Austritt aus der Schwingung, Herr“, meldete die ausführende Hand der Seher. Der Norsun nannte hastig die erfassten Werte und fügte hinzu: „Es ist ein Schiff der Flachschlitz-Nasen, Herr, und es ist ein neues.“
„Jagdsicht!“, befahl Hen-Talar.
Eine Schaltung verwandelte die Panoramascheibe vor ihm in einen riesigen Bildschirm, der das Objekt vor dem Bug in starker Vergrößerung wiedergab.
Das typische helle Blau der Panzerung eines Negaruyen war unverkennbar. Im Gegensatz zu den glatten Hüllen der Hanteln waren in dem walzenförmigen Körper die zahlreichen Fugen zu erkennen, wo die Bauteile aneinander stießen. Während die alten Walzenschiffe einen zylinderförmigen Mittelteil mit halbkugelförmigen Enden an Bug und Heck aufgewiesen hatten, zeigte dieses Schiff der neuen Baureihe ein deutlich verändertes Design. Der zweihundertvierzig Meter lange und dreißig Meter durchmessende Rumpf wirkte schlanker. Am Bug und in der Mitte befanden sich wulstige Verdickungen, am Heck ein kantiger Kranz, der die Haupttriebwerke beinhaltete. Der bauchige Bug enthielt ein schwächeres Triebwerk, welches die Manövrierbarkeit erhöhte, die Verdickung in der Mitte barg das Kommandozentrum. Unter dem Rumpf, am Ende des vorderen Drittels, war die Kuppel sichtbar, welche die gefährlichste Waffe der Negaruyen enthielt: Den Zersetzer.
Jeder raumfahrende Norsun kannte dessen zerstörerische Wirkung. Niemand konnte bislang sagen, ob es sich dabei um Partikel, eine reine Strahlungsenergie oder sogar Sporen handelte. Man wusste nur, dass der Zersetzer, dort, wo er die Hülle eines Hantelschiffes traf, seinem Namen gerecht wurde. Je nach Intensität zerfiel der Rumpf an der getroffenen Stelle sofort zu Staub oder es breitete sich von dort eine Art Metallfraß aus, der sich rasch über das Schiff ausdehnte. In letzterem Fall gab es noch Hoffnung für die Besatzung, auch wenn sie nicht von einem anderen Schiff aufgenommen werden konnte, da man fürchtete, der Metallfraß könne sonst übertragen wurde. Man konnte jedoch die sogenannte Quarantäne-Welt anfliegen. Mit etwas Glück und genügend Zeit landete man dort, überließ das Schiff seinem Ende und wurde von speziellen Bergungseinheiten an Bord genommen. Es gab nicht wenige Schiffe, die inzwischen von diesem Schicksal ereilt worden waren.
Hen-Talar hatte nur eine Chance, die Kandahaar vor ihm zu bewahren: Den Feind vernichten, bevor dieser zurückschlug. Jene Zeit nutzen, in der er hilflos war und nur die wenigen automatischen Verteidigungssysteme seines Schiffes aktiv werden konnten.
„Ausführende Hand des Schiffes, gehe auf maximale Geschwindigkeit und gehe in Gefechtsposition! Ausführende Hand der Stecher, auf maximale Entfernung stechen! Versuche die Kuppel des Zersetzers zu treffen!“
Bevor die Negaruyen die verheerende neue Waffe entwickelt hatten, kämpften die Hantelschiffe mit dem Bug voran. So boten sie ein kleineres Ziel. Der Zersetzer zwang sie zu einer neuen Taktik: Dem Feind die Breitseite zuzuwenden. Traf der Gegner nämlich den Bug in Längsrichtung, so raste die Zerstörung unaufhaltsam durch das gesamte Schiff. Traf er hingegen nur einen Teil der Breitseite, so breitete sich die Verheerung nur langsam aus und es bestand die Hoffnung, die Besatzung mit Kleinschiffen zu retten oder das dem Untergang geweihte Schiff noch rechtzeitig auf der Quarantäne-Welt zu landen.
Der Kreuzer nutzte seine beiden Haupttriebwerke, um nun zu schwenken und raste mit der Breitseite auf das Walzenschiff zu. In seiner Hülle öffneten sich die Luken, aus denen die Dorne der Projektoren hervor glitten. Der Waffenoffizier der Kandahaar wusste, dass die goldene Energie, in Form der energetischen Wand, nicht gegen den Zersetzer schützte. Er verzichtete darauf, sie zu errichten. Stattdessen programmierte er die Projektoren darauf, aus maximaler Entfernung den Strom goldener Energiekugeln zu formen und, wenn die Kandahaar nahe genug am Feind war, mit den tödlichen Energietentakeln zuzustoßen.
Das Schott zur Zentrale öffnete sich und Sker-Lotar trat ein. Die Hand des Wissens hatte während eines Gefechtes keine feste Position, konnte sich frei bewegen und trug daher den geschlossenen Raumanzug. Man spürte seine Unsicherheit, da er nicht wusste, warum er in die Zentrale befohlen worden war. Eigentlich hatte er hier nichts zu suchen, zumal er nicht ahnte, dass das Hoch-Wort der Kandahaar in ihm einen Seelenverwandten sah. Obwohl Sker-Lotar nur ein einfacher Wissender war, sehnte auch er sich nach neuer Erkenntnis.
„An meine Seite, Sker-Lotar“, sagte Hen-Talar freundlich. „Da du eine Hand des Wissens bist, will ich deine persönliche Meinung zu dem hören, was deine Sinne nun erleben werden.“
Der junge Norsun war nervös, während er an die Seite seines Kommandanten trat. „Meine Sinne können nur unvollkommen wiedergeben, was die Sinne unserer Seher aufzeichnen werden.“
„Wie du es sagst, so werden die Sinne unserer Seher die Ereignisse aufzeichnen.“ Hen-Talar trug zwar den Helm seines Raumanzuges offen, hatte dessen Stachelfutteral hingegen geschlossen. Er bedauerte in diesem Moment, keine beruhigenden Pheromone absondern zu können. „Doch bei allen Fähigkeiten unserer bionischen Instrumente bleibt es an uns Norsun, ihre Daten richtig zu interpretieren.“
„Ausführende Hand der Stecher an das Hoch-Wort: Wir sind fast auf Stechentfernung heran, doch ich sehe Anzeichen dafür, dass die Flachschlitz-Nasen aus der Schwingungsstarre erwachen.“
Sker-Lotar versteifte sich ein wenig. Hen-Talar glaubte die Furcht des jungen Wissenschaftlers körperlich zu spüren. Auch seine eigene Anspannung stieg, denn wenn es den Negaruyen gelang, ihren Zersetzer einzusetzen…
„Ich steche“, kam es knapp und sachlich vom Waffenoffizier.
Auf der kristallinen Panoramascheibe vor Hen-Talar wurde die Sicht der Zielerfassung projiziert. Das helle Blau des Walzenschiffes stand unverrückbar im Zentrum einer Reihe von grünen Pfeilen. Grün war die Farbe des Blutes der Norsun und diente als Warnfarbe oder, wie hier, der Zielerfassung.
Goldenes Flirren verwischte das Bild, als die Projektoren der Kandahaar einen dichten Strom von goldenen Energiekugeln auf den Feind entließen. Aus dem Flimmern wurden scharfe Konturen, als sich die ballartigen Objekte mit Lichtgeschwindigkeit entfernten und auf die Walze zurasten. Kurz bevor sie auf deren Rumpf trafen, löste sich von dort ein grün schillernder Strahl von der Waffenkuppel.
„Auf Zersetzung vorbereiten!“, schrie Hen-Talar instinktiv. „Ausführende Hand des Schiffes: Fluchtmanöver!“
Der Pilot riss die Kandahaar aus dem bisherigen Kurs. Weiter beschleunigen konnte er nicht, da der Kreuzer bereits mit höchster Geschwindigkeit flog. Keiner der Norsun in der Zentrale, vom Waffenoffizier abgesehen, achtete noch auf das feindliche Schiff. Alle verfolgten den grünen Schimmer, der sich mit Überlichtgeschwindigkeit näherte, da beide Gegner noch immer aufeinander zu flogen. Für die Kursänderung waren nur wenige Augenblicke verfügbar.
Es reichte nicht, um der verheerenden Waffe zu entkommen.
Es gab keine Erschütterung. Nur das durchdringende Pfeifen des Alarms und eine Reihe blutgrüner Warnlichter, die an der Systemkontrolle aufblitzten.
Die Kandahaar wurde an der Bugkugel getroffen, ein gutes Stück abseits der Zentrale.
An der getroffenen Stelle wurde die grüne Panzerung schwarz und zerfiel zu Staub. Der Zerfall dehnte sich rasch über benachbarte Sektionen und in das Innere des Schiffes aus. Decken, Wände, Einrichtung und Maschinen lösten sich ebenso auf, wie Raumanzüge und Bekleidung der unglücklichen Norsun, die sich im Bereich des Zersetzers befanden. Die Leiber der Besatzung wurden verschont, was bei dem entstehenden Druckverlust jedoch keine Rolle spielte.
„Wir haben ihn gestochen“, berichtete der Waffenoffizier mit ruhiger Stimme.
Hen-Talar blickte wieder auf den Hauptschirm. Die Panoramascheibe zeigte eine Wolke aus Trümmern, die sich dort ausbreitete, wo vor Augenblicken noch das Walzenschiff im Raum gestanden hatte. Der Anblick brachte dem Hoch-Wort jedoch keine Genugtuung. Der Alarm und sein Verstand sagten ihm, dass das eigene Schiff schwer getroffen war.
Der junge Sker-Lotar war an die Systemkontrolle geeilt, wo er neben der ausführenden Hand der Maschine die Anzeigen verfolgte. Die grünen Lichter zeigten, welche Räume des Schiffes plötzlich ohne Druck waren, da die feindliche Waffe das schützende Metall erreichte und zerfraß.
„Es wird langsamer“, stellte Sker-Lotar fest. „Der Zersetzer verliert deutlich an Kraft, Hoch-Wort.“
„Ausführende Hand der Maschine, wird die Kandahaar überleben?“
Der Systemkontrolloffizier zögerte mit der Antwort. „Für eine Weile… Ja. Doch selbst wenn sich die Kraft des Zersetzers jetzt ganz verliert, so hat er doch Schäden angerichtet, die letztlich die Vernichtung unseres Schiffes zur Folge haben werden.“
„Ich verstehe. Lass die Schäden feststellen und die Mannschaft soll in den betroffenen Bereichen nach Überlebenden…“
„Verzeih, Herr, aber ich halte deine Worte für unüberlegt und unangemessen“, fiel ihm der junge Wissenschaftler ins Wort. „Es ist kein Schaden durch die üblichen Waffen, sondern durch den Zersetzer.“
Hen-Talar knickte zustimmend die Fühler nach vorne. „Dein Widerspruch ist überlegt und angemessen. Wenn jemand die Räume betritt, in denen der Zerrsetzer gewütet hat, so könnte sich sein Luftanzug auflösen und er wäre dem Nicht-Leben geweiht. Ausführende Hand der Maschine, die betroffenen Räume sind zu versiegeln. Ausmaß der Schäden und Verluste schnellstens feststellen. Uns bleibt nicht viel Zeit, um uns in die Sicherheit der Quarantäne-Welt zu bringen.“
Hen-Talar wandte sich dem Piloten und dem Funker zu. „Ausführende Hand des Schiffes, setze Kurs auf die Quarantäne-Welt und gehe in die Schwingung, sobald der Antrieb aufgeladen ist. Ausführende Hand der Sprecher, stelle eine Verbindung mit einer der Stammwelten her und berichte, dass wir dort abgeholt werden müssen.“
Beide Norsun bestätigten, während sich der Systemkontrolloffizier und Sker-Lotar wieder der Schadensfeststellung widmeten.
Hen-Talar überschlug, was er über die Wirkung des Zersetzers gelernt hatte. Wenn die Waffe keinen der Antriebe beschädigt hatte, dann konnte er die Kandahaar auf die Quarantäne-Welt bringen. Sie würde dort als Wrack verrotten, doch die überlebende Besatzung konnte durch ein Rettungsschiff abgeholt werden. Inzwischen wusste man, dass diese Schiffe nicht gefährdet waren, auch wenn man den Grund hierfür nicht kannte.
Die ausführende Hand der Maschine wandte sich ihm zu. „Alle Energieerzeuger und Antriebe sind intakt. Allerdings sind fünfzehn Prozent der Außenhülle und der Räume beschädigt. Die Strukturschwäche kann sich ausbreiten.“
„Deswegen werden wir auch schnellsten in die Schwingung zur Quarantäne-Welt gehen“, meinte Hen-Talar.
Woraus bestand die Waffe, beziehungsweise deren Wirkungsweise? Einige vermuteten eine Strahlung, andere eine Art energetischem Projektil, wieder andere glaubten an eine Art von Sporen, die im Weltraum überlebten und sich von anorganischem Material ernährten. Es war bislang nicht möglich, dies genauer zu analysieren.
„Ausführende Hand der Sprecher an das Hoch-Wort: Es ist mir nicht möglich, mit einer der Stammwelten in Verbindung zu treten. Alle Langstreckensprecher versagen den Dienst. Ich kann nur einen Kurzstreckensprecher aktivieren.“
„Dann wird man nicht erfahren, dass wir die Quarantänezone anfliegen“, meinte der Systemkontrolloffizier betroffen. „Man wird uns nicht vermissen und uns nicht abholen.“
„Das ist falsch“, erwiderte Hen-Talar mit fester Stimme. „Im Orbit um die Quarantäne-Welt gibt es eine Überwachungsstation. Über Kurzstrecke können wir mit ihr sprechen. Sie wird ein Rettungsschiff für uns rufen.“
„Herr, der Schwingungsantrieb ist fast aufgeladen“, meldete der Pilot.
„Dann spreche ich das Wort.“ Hen-Talar sah die Anwesenden entschlossen an. „Wir gehen in die Schwingung und retten uns.“
Kapitel 2 Das Trump-Prinzip
Hangar 12-C, Flotten-Basis Arcturus, Hauptliegeplatz der Sky-Navy
Arcturus war die größte der drei Flottenbasen, welche die Hauptwelt des Direktorats und das solare System in der ungefähren Anordnung eines gleichschenkligen Dreiecks umgaben. Die Basen Arcturus, Rigel und Arantes waren allesamt künstliche Satelliten im Orbit um einen Planeten oder, wie im Fall von Arcturus, die Sonne. Arcturus Navy Base bestand aus einer diskusförmigen Scheibe von fast zehn Kilometer Durchmesser, aus deren oberen und unteren Polen die hohen Nabentürme aufragten, in denen unter anderem gewaltige Ortungs- und Kommunikationseinrichtungen enthalten waren. Riesige hydroponische Gärten dienten der Versorgung mit Lebensmitteln. Zwei Decks waren vollständig bewaldet und wurden zur Erzeugung der Atemluft genutzt. Der Bau hatte sich über fast zwanzig Jahre hingezogen und war nur möglich gewesen, da man die Basis nur zu einem geringen Teil aus Tri-Stahl errichtet hatte. Genau genommen bestand lediglich ihr Skelett aus Metall, der Rest war aus jenem Bauschaum geformt, der auch auf dem Mars und in den Kolonien als Hauptbaumittel für alle Gebäude diente. Der Schaum war billig, leicht herzustellen, feuerfest und, abhängig von seiner Dicke, auch strahlungsabschirmend. Kleinstmeteoriten wurden von dem dicken Material förmlich verschluckt, welches sich hinter den kosmischen Projektilen wieder schloss. Wirklich gefährliche Brocken wurden von den Geschützen der Basis abgewehrt. In den Hangars und an den langen Pylonen, die wie die Arme eines Kraken vom Diskus in den Weltraum hinaus ragten, dockten oder ankerten zivile Schiffe und die der Sky-Navy. Kern der hier stationierten Flotte waren drei der gewaltigen Trägerschlachtschiffe, von denen stets eines als Rettungsträger für Katastropheneinsätze bereitgehalten wurde.
Mit Entdeckung des Hiromata-Nullzeit-Sturzantriebs war die Bedeutung von Arcturus als Umschlagplatz für Waren und Menschen zurückgegangen. Handel und Personentransport wurden häufig durch Fast Landing Vehicles wahrgenommen, die man mit einem Hiromata für Langstreckenflüge umrüstete. Trotzdem nutzten die Handelsgesellschaften die Basis gerne, da man hier seine Schiffe überholen und warten lassen konnte.
Die Medien interessierten sich in den vergangenen Jahren nur noch mäßig für die Vorgänge auf Arcturus, doch nun lag die Menschheit im Krieg mit den Greens. Wie es ein Sergeant der Sky-Cavalry so treffend formulierte: Jeder Darmwind des Militärs wurde plötzlich zum Tornado, über den sich die Medienvertreter in aller Breite ausließen.
Medien besaßen ein Gespür dafür, wenn etwas vor sich ging. Was im Hangar 12-C der riesigen Flottenbasis Arcturus geschah, sollte ihnen jedoch verborgen bleiben. So wandte Hoch-Admiral John Redfeather das Trump-Prinzip an, bei dem die Medien durch alternative Informationen von den wahren Ereignissen abgelenkt wurden.
Hangar 12-C war hierfür ideal, da er als Doppelhangar konzipiert war, in dem zwei Schiffe gleichzeitig gewartet oder versorgt werden konnten. Momentan lagen hier die beiden APS-Kreuzer D.S. Marseille und D.S. Blackwing. Während die Marseille für einen weiteren Patrouillenflug neu ausgerüstet wurde, erfolgten an der Blackwing kleinere Umbauten, um ihre tetronische Ausstattung zu modernisieren.
Die Reporter hatten einen kurzen Vid-Bericht über die Vorgänge im Hangar an ihre jeweiligen Medien gegeben, aber bezweifelt, dass es überhaupt eine Erwähnung geben werde, da die Ausrüstung zweier Kreuzer schlicht zu banal war.
Ihre Meinung hätte sich geändert, wäre es ihnen gelungen, einen Blick in die Blackwing zu werfen, zumal sich dieser Kreuzer gravierend von der standardisierten Bauweise der APS-Schiffe unterschied.
Es war offensichtlich, dass der Landungskreuzer auf dem Rumpf eines modernen APS basierte, doch ebenso, dass es wesentliche Änderungen gab. Die Außenhülle war stärker gewinkelt und wirkte kantiger, die beiden großen Kuppeln der Railguns auf der Oberschale und unter dem Rumpf fehlten vollständig. Das erhöhte nicht nur die Effektivität der tetronischen und optischen Tarnung, sondern erlaubte es auch, den Rumpf auf fünf Meter über den Boden abzusenken. Dies erleichterte das Ausschleusen von Bodentruppen und Fahrzeugen.
Dennoch verfügte das Schiff auch über eine der schweren Railguns. Diese war zwar im Bug eingebaut, was ihren Erfassungsbereich reduzierte, doch das Schiff war auch nicht für normale Kampfeinsätze gedacht. Neben der schweren Waffe verfügte es noch über sechs versenkbare Waffentürme, die mit der üblichen Kombination aus Raketen, Hochenergie-Lasern und 20-Millimeter-Gatlingkanonen ausgestattet waren.
Weit unauffälliger als die baulichen Abweichungen war jedoch die besondere Fähigkeit zur Tarnung. D.S. Blackwing, mit der Nummer 84 im offiziellen Flottenregister, war das erste effektive Tarnschiff der Sky-Navy und sie wurde gerade auf eine Mission vorbereitet, die man tunlichst vor den Medien verborgen halten wollte.
Eigentlich war die Blackwing für geheime Landungsoperationen konzipiert und hatte sich erstmals bei der Erkundungsmission auf Regan III bewährt. Als reines Landungsschiff benötigte sie zwar hohe Transportkapazitäten, war jedoch nicht für Langstreckenflüge und einen entsprechend ausgedehnten Aufenthalt im Raum gedacht. Dies machte einige Veränderungen im Schiff erforderlich, was Captain Jen-Li und seinen ersten Offizier, Lieutenant-Commander Hiroshi Yagoda, nicht unbedingt erfreute.
Jen-Li konnte seine chinesische Abstammung ebenso wenig verleugnen, wie Hiroshi Yagoda seine japanische. Obwohl beide inzwischen gut befreundet waren, genossen sie es sichtlich, sich gelegentlich, vor Anderen, mit Anspielungen auf die traditionelle Gegnerschaft ihrer Stammvölker zu reizen. Während Jen-Li an Bord gerne die Kappe eines chinesischen Mandarins trug, war Yagoda oft mit dem geerbten Samurai-Schwert seiner Vorväter zu sehen. Eine Marotte der beiden Navy-Offiziere, die stillschweigend geduldet und belächelt wurde.
Obwohl die Besatzung aus Angehörigen der Navy bestand, war die Blackwing ein Schiff der Cavalry. Dies war eine Kröte, an der die „Vakuumschwimmer“ mächtig zu schlucken hatten, unterstanden sie damit doch dem direkten Befehl des „Schlammfußes“ Hoch-General Omar ibn Fahed. Zumal andere Crews die der Blackwing hinter vorgehaltener Hand gerne als Transportkutscher bezeichneten und nicht als reguläre Kreuzerbesatzung sahen.
Im Augenblick standen Captain und Eins-O außerhalb des Schiffes, an der Trennlinie zwischen beiden Kreuzern, und beobachteten den Transport zahlreicher Kisten und Transportbehälter, die man an Bord brachte.
„Ich komme nicht umhin zu bemerken, dass unser Schiff den Eindruck vermittelt, als würde ich es für einen Umzug deiner zahlreichen Familie missbrauchen“, sagte Jen-Li in Anspielung auf die Großfamilie, zu der sein Freund gehörte. „Du hast selbst das Klavier eingepackt.“
„Ich wiederum komme nicht umhin, meinen verehrungswürdigen Captain und Freund zu korrigieren. Es ist ein Koto und das ist ein traditionelles Zupfinstrument aus der alten Heimat meiner Vorfahren.“ Hiroshi Yagoda deutete eine Verbeugung an. „Möge mein verehrter Freund mir Dankbarkeit erweisen, dass ich keine schottischen Verwandten habe und nicht meine Sammlung an Dudelsäcken einladen lasse.“
Jen-Li erwiderte lächelnd die kurze Verneigung. „Jedenfalls ist es ein ziemlicher Aufwand, den wir hier betreiben müssen.“ Er seufzte leise. „Offiziell werden Arbeiten an unserer unteren Railgun-Kuppel ausgeführt, welche wir, wie ich beiläufig erwähnen möchte, überhaupt nicht besitzen. Inoffiziell werden Quartiere für einhundert Sky-Troopers eingerichtet. Nebst Vorräten für einen Flug, der sich über viele Monate erstrecken kann. Ein immenser Aufwand für diesen Auftrag.“
„Immerhin eine bedeutsame Mission“, meinte Yagoda. „Wüsste die Presse davon, so würde man den verehrten Hoch-General bestürmen, zusätzlich eine Schwadron Reporter an Bord zu nehmen. Die Medienvertreter werden sich die Haare büschelweise ausreißen, wenn sie später erfahren, dass wir vielleicht den Grundstein für eine Verständigung mit den Greens gelegt haben.“
„Jedenfalls bin ich froh, dass die Umbauten endlich abgeschlossen sind“, knurrte Jen-Li. „Die Blackwing wurde für kurze Flüge entworfen. Start von der Basis, acht Stunden Flug zum Ziel, dort anschleichen und die Schlammfüße absetzen, und dann wieder acht Stunden zurück zur Basis. Ein Job für einen Tag und nicht mehr. Damit wir genug Energie für die extrem starken Antriebe, die Tarnvorrichtung und unsere Waffen haben, haben die verehrten Konstrukteure auch nur einen Tag Bordaufenthalt für die Besatzung und die Passagiere kalkuliert. Bestenfalls vielleicht auch drei.“
„Ja, dadurch ließ sich vortrefflich am unnötigen Luxus für die Besatzung einsparen, um den erforderlichen Raum zu schaffen. Immerhin, verehrter Freund, hatte man bei der Konstruktion eine kleine Bordküche und sogar Toiletten berücksichtigt. Ich glaube mich zu erinnern, dass man uns sogar ein paar Betten bewilligte.“
Hiroshi übertrieb schamlos, dennoch steckte einiges an Wahrheit in seinen Worten. Obwohl man bei den gerade durchgeführten Umbauten auch nicht unbedingt an den Luxus der Menschen an Bord gedacht hatte, waren die Veränderungen für einen Langstreckenflug doch erheblich. Eine Truppe, die lediglich einen kurzen Flug vor sich hatte, um dann auf einem Planeten abgesetzt zu werden, benötigte keine Quartiere, Aufenthaltsbereiche und Raum für umfangreiche Vorräte. Genau dies war nun geschaffen worden. Dies war allerdings nur gelungen, in dem man den Raum nutzte, der zuvor den Kampffahrzeugen zugedacht gewesen war. Leider mussten nun auch drei der vier Landungsboote und beide Jagdbomber zurückbleiben, da ihr Hangar ebenfalls für den Aufenthalt der Menschen, Vorräte und Zusatzausrüstung benötigt wurde.
„Es kommen sogar zwei Ärzte an Bord.“ Yagoda betrachtete die Mannschaftsliste auf seinem tragbaren Mini-Comp.
„Keine Ärzte“, korrigierte Jen-Li. „Doktor Lennerson ist Linguist und soll nach einer Verständigungsmöglichkeit mit den Greens suchen, sofern diese zu einer Unterhaltung aufgelegt sind. Und Doktor Braunfels ist Alien-Psychologe.“
„Alien… Was?“
„Alien-Psychologe. Spezialisiert auf außerirdische Völker.“ Der Captain zuckte mit den Schultern. „Das High-Command hat ihn an Bord befohlen, da Braunfels wohl schon intensive Studien bei den Hanari und den Shanyar durchführte. Wenn sich jemand in der Psyche von Aliens zurechtfindet, dann wahrscheinlich Braunfels.“ Jen-Li sah seinen Freund ernst an. „Keine dumme Idee, mein verehrter Freund. Denk einmal an die unterschiedlichen Bräuche der alten irdischen Völker. Was bei dem Einem als freundliches Lächeln galt, war bei einem Anderen eine Kriegserklärung.“
„Dem muss ich zustimmen. Es wäre unschön, wenn eine friedliche Kontaktaufnahme scheitert, weil jemand eine falsche Geste macht. Unser geschätzter Hoch-General ibn Fahed scheint jedoch sicher gehen zu wollen, da er uns einen Troop der siebten Raumkavallerie an Bord schickt. Auf meiner Liste steht ein Captain Custer. Wird Zeit, dass er anrückt. Die letzten Vorräte gehen an Bord und ich möchte nicht länger mit dem Start warten, als unbedingt erforderlich. Ich hoffe, der Mann verläuft sich nicht. Offiziell schifft sich seine Abteilung ja auf der Marseille ein.“
„Keine Sorge, Gentlemen, ich habe mich keineswegs verlaufen.“
Die beiden Navy-Offiziere fuhren herum und starrten die kleine Gruppe von Offizieren an, welche die regulären Dienstuniformen der Streitkräfte und keine Bordoveralls trugen. Graublaue Hose und dunkelgrüne Jacke, dazu ein hellgraues Barett. Die halbhohen schwarzen Stiefel, die gelben Schulterklappen und das gelbe Schweißleder der Kopfbedeckung ließen keinen Zweifel über die Zugehörigkeit zur Sky-Cavalry. Am Barett war das gelbe Wappenschild mit dem weißen geflügelten Pferd der Raumkavallerie befestigt. An den rechten Oberarmen das runde Logo mit dem Wappen des Regiments. Zwei gekreuzte Säbel mit der Regimentsnummer, darüber der Schriftzug „7th Regiment of Sky-Cavalry“ und darunter das Motto der Truppe: „For Garry Owen in Glory“.
„Sie haben das Auftreten von Katzen“, stellte Jen-Li an Stelle einer Begrüßung fest.
„Oh, bei Geheimmissionen schleichen wir gerne herum“, erwiderte der mittlere der drei Offiziere, der die drei silbernen Balken eines Captain auf seinen gelben Schulterstreifen trug. Der Mann interpretierte den skeptischen Blick von Jen-Li richtig und lächelte freundlich. „Keine Sorge, wir haben uns nur so schick gemacht, weil wir offiziell an Bord der Marseille gehen. Für Ihre Blackwing, Gentlemen, haben wir natürlich unser Unterzeug dabei.“
„Gut gekontert“, meinte Jen-Li und streckte seine Hand aus. „Jen-Li, Captain der Blackwing, und das neben mir ist mein Eins-O, Hiroshi Yagoda.“
„Captain Peter Custer“, stellte sich der schlanke Kavallerist vor. „Und keine Sorge, George Armstrong Custer gehört nicht zur Familie.“
„Wer auch immer das sein mag“, dachte sich Jen-Li.
Custer deutete zur Seite. „Mein Stellvertreter, First-Lieutenant John Thunder-Elk. Crow-Indianer in der, weiß Gott wievielten, Generation.“
„Indianer wie unser verehrter Hoch-Admiral John Redfeather?“
„Unsere Vorfahren haben sich einst skalpiert“, entgegnete Thunder-Elk würdevoll.
Jen-Li verzichtete auf eine Erläuterung, was dieses „skalpieren“ wohl sein mochte. Jedenfalls schien ihm eine Verwandtschaft zu dem indianischstämmigen Oberbefehlshaber der Direktorats-Streitkräfte nicht zu leugnen. Der Lieutenant besaß eine ungewöhnliche kupferbraune Hautfarbe.
„Das hier ist Second-Lieutenant Holger Bramquist“, stellte Custer den letzten aus der kleinen Gruppe vor. „Er ist Spezialist für unsere Flighter.“
„Sie nehmen die Fluggleiter mit?“
„Wir sind gerne auf alle Eventualitäten vorbereitet, Captain Jen-Li. Die neuen Ein-Mann-Flighter sind zudem leicht modifiziert und können innerhalb einer Lufthülle und im Weltraum genutzt werden. Unsere Koffer sind bereits an Bord?“
„Wenn Sie damit hundertzwanzig Behälter mit Kampfanzügen, diverse Fresspakete und etliche Kisten mit geheimnisvollem Inhalt meinen… Ja.“
Weiter hinten im Hangar war Bewegung. Der E-Troop der siebenten Raumkavallerie kam herein. Allesamt in Dienstuniform und mit einem prallen Seesack über der Schulter. Die Männer und Frauen marschierten in lockerer Formation und man hörte weder Gleichschritt, noch laute Kommandos der Unteroffiziere. Sie bewegten sich auf die Marseille zu, bis sich die Innentore zum Deck der Station schlossen, schwenkten dann ein und nahmen die Blackwing zum Ziel.
Hier wandelte sich das Bild nach zwei lauten Kommandos und die Kompanie stellte sich in Formation, nahm Haltung an und der First-Sergeant machte Custer Meldung. Der wiederum ließ Jen-Li keine andere Wahl, als die Truppe zu inspizieren.
Jen-Li hätte sich lieber um die Startvorbereitungen gekümmert, konnte und wollte jedoch nicht unhöflich sein. Immerhin gab ihm dies die Gelegenheit, eine Tradition der Navy zu erläutern.
„Ladies und Gentlemen, wenn Sie nun an Bord meines Schiffes gehen, dann wird Ihr verehrter Captain augenblicklich zum Major befördert. Natürlich nicht offiziell, aber ich muss Sie bitten, ihn an Bord ausschließlich mit „Major“ zu titulieren. Um keine Verwirrungen aufkommen zu lassen, Ladies und Gentlemen, denn an Bord der Blackwing kann es nur einen Captain geben.“
„Zur Kenntnis genommen“, bestätigte Custer für seine Truppe. „Bedauerlich, dass damit keine Anpassung meines Solds verbunden ist.“
Ein paar der Sky-Troopers lachten leise, bis ein scharfer Blick von First-Sergeant Nolte sie zum Verstummen brachte.
Hiroshi Yagoda sah dem Zeremoniell mit distanziertem Lächeln zu. Die Truppe machte einen guten Eindruck, doch der musste sich natürlich erst im Einsatz bestätigen.
„First-Sergeant, lassen Sie einrücken“, befahl Custer schließlich.
„Während Ihre Truppe an Bord geht, wird mein Eins-O Sie durch das Schiff führen, damit Sie die Räumlichkeiten kennenlernen.“ Jen-Li deutete eine Verbeugung an. „Mich selbst müssen Sie allerdings entschuldigen, da ich mich nun den Startvorbereitungen widme.“
Kapitel 3 Notlandung
Kandahaar, leichtes Zweischiff der Norsun
Die Kandahaar kam genau an der vorausberechneten Position aus der Schwingung. Sie befand sich direkt am Rand des Sonnensystems, in welchem die Quarantäne-Welt lag.
Doch auf die Bestätigung des Ortungs- und Navigationsoffiziers folgte sogleich eine erneute Schadensmeldung von der Systemkontrolle. „Ausführende Hand der Maschine an das Hoch-Wort: Ich sehe starke Fluktuationen in den Zuleitungen des Schwingungsmoduls. Wahrscheinlich wurde es doch durch die Auswirkung des Zersetzers geschädigt. Ich rate dringend davon ab, die Schwingung nochmals zu benutzen.“
Hen-Talars Kopffühler vibrierten für einen flüchtigen Moment. „Ausführende Hand der Seher, wie weit ist es zum Ziel?“
Der Norsun nannte die Werte und Hen-Talar überschlug, dass der Flug mit Überlicht immerhin zwei Tage betragen würde. Eine lange Zeitspanne, wenn ein Schiff durch den Zersetzer vom Verfall bedroht war. Er konnte jedoch nicht riskieren, mit einer Fluktuation des Schwingungsmoduls in die Schwingung zu wechseln.
„Ausführende Hand des Schiffes, mit maximaler Fahrt Kurs auf die Quarantäne-Welt nehmen. Ausführende Hand der Sprecher, wann können wir die Orbitalstation mit Kurzsprech erreichen?“
„Mit Höchstfahrt sind wir ebenso schnell, wie die Kurzsprechverbindung, Herr“, antwortete der Funkoffizier.
„Dann warten wir mit der Kontaktaufnahme, bis wir kurz vor dem Landeanflug sind“, entschied das Hoch-Wort enttäuscht. Er wandte sich erneut an den Systemkontrolloffizier. „Hand der Maschine, frage nach, ob man die Ursache der Fluktuation kennt.“
Kurz darauf meldete sich einer der Technik-Offiziere. „Hier ist Wosul, Wort der Maschine, Herr. Eine der Hauptverbindungen des Schwingungsantriebs ist beschädigt.“
„Eine Folge der Zersetzung?“
„Nur indirekt, Herr. Der Zersetzer hat einige der tragenden Elemente der Schiffskonstruktion geschädigt. Diese Schwächung der Stabilität und die fortwährende Belastung des Schiffes unter Höchstfahrt, führen unweigerlich zu weiterer Instabilität.“
„Berichte mir, wenn weitere Schwächen auftreten“, befahl Hen-Talar und unterbrach die Verbindung.
Er befand sich in dem, was man eine Zwickmühle nennen konnte. Ließ er die Kandahaar weiter mit Höchstleistung fliegen, belastete der Triebwerksschub die Stabilität des Rumpfes und er konnte, im extremsten Fall, während des Fluges auseinander brechen. Ließ er den Kreuzer jedoch langsamer fliegen, benötigte man mehr Zeit zum Erreichen des Zielplaneten und die Auswirkungen des Zersetzers konnten ebenfalls zu seiner Zerstörung führen.
Hen-Talar entschied sich, auf Geschwindigkeit und die Robustheit der Konstruktion zu vertrauen.
Knapp zwei Tage später erreichte der angeschlagene Kreuzer endlich das Ziel.
„Ausführende Hand der Sprecher, rufe die Orbitalstation und schildere unsere Lage. Sie sollen unseren Landekurs verfolgen und dann ein Rettungsschiff senden.“
„Herr, ich kann die Station nicht erreichen“, meldete der Funkoffizier nach kurzer Zeit. „Möglicherweise steht die Station jenseits des Planeten und wird von unseren Sprechwellen nicht erfasst.“
„Hoch-Wort, wir können nicht warten, bis die Station aus dem Planetenschatten tritt“, mahnte die ausführende Hand der Maschine. „Die Schäden in der Konstruktion haben sich durch die Belastung während der letzten Zyklen ausgebreitet. Jedes Flugmanöver kann nun zum Brechen des Rumpfes führen.“
Hen-Talar verschränkte die Hände auf dem Rücken und wanderte ein paar Schritte durch die Zentrale. Sie hatten keine Wahl. Der Eintritt in die Lufthülle würde eine hohe Belastung für das Schiff mit sich bringen, doch wenn sie im Orbit warteten, so würde dies den Zerfall höchstens verlangsamen. Ein Überleben für die Mannschaft war jedoch nur auf dem Boden des Planeten möglich. Dort gab es eine atembare Atmosphäre, ein erträgliches Umfeld und sie konnten mit der Notausrüstung aus dem Schiff ein provisorisches Lager errichten, bis man sie abholte.
„Ich spreche das Wort“, kündigte er schließlich an. „Ausführende Hand der Sprecher, versuche weiterhin, Kontakt aufzunehmen. Ausführende Hand des Schiffes, wir landen. Ich gebe unser Schicksal in deine erfahrenen Hände.“
„Meine Hand folgt deinem Willen, Herr.“
Hen-Talar wusste, dass der Pilot der Kandahaar erfahren war. Wenn es einen Norsun gab, dem es gelang, das Schiff sicher zu Boden zu bringen, dann saß er gerade an den Kontrollen. Trotzdem verspürte er zunehmende Unsicherheit, als der Kreuzer in der Umlaufbahn langsam schwenkte und in Schwerefeld und Lufthülle eintrat. Die Haupttriebwerke waren abgeschaltet und in den unteren Dritteln der beiden Kugeln öffneten sich die Blenden der Atmosphäreantriebe.
Der besorgte Blick galt den Anzeigen der Systemkontrolle. Etliche Lichter zeigte schon seit Langem das besorgniserregende Grün des Totalausfalls. Nur wenige zeigten ihre volle Funktion in beruhigendem Blau. Einige flimmerten Gelb und Hen-Talar konnte nur hoffen, dass die betreffenden Funktionen bis zum Aufsetzen durchhielten.
Die Kandahaar sank auf ebenem Kiel nach unten. Die große Panoramascheibe der Zentrale diente wieder als Bildschirm, der die näher kommende Oberfläche zeigte. Norsun bevorzugten Planeten mit viel Sonne und viel Pflanzenwuchs. Nicht zu viele Wasserflächen, damit die Luftfeuchtigkeit gering blieb. Diese Bedingung konnte die Welt unter Hen-Talars Füßen immerhin erfüllen, ebenso wie eine atembare Atmosphäre mit den richtigen Druckverhältnissen und eine akzeptable Schwerkraft.
Sker-Lotar trat in die Zentrale und eilte zu Hen-Talar. Das Hoch-Wort hatte die Hand des Wissens aufgefordert, ihm alle verfügbaren Informationen über jene Welt zu besorgen, welche, wenn auch hoffentlich nur für kurze Zeit, die Heimat der Überlebenden sein würde. Außer den Notfallkoordinaten dieses Planeten war den meisten Besatzungen nur sehr wenig über diesen Planeten bekannt.
„Herr, ich konnte deinem Wunsch entsprechen und habe einige Informationen entdeckt.“
Der Wissenschaftler hielt dem Kommandanten einen kleinen Kristallspeicher entgegen.
Hen-Talar kreuzte ablehnend die Kopffühler. „Ich habe jetzt keine Zeit, mir ein Sehgerät zu suchen. Schildere mir die Fakten in deinen Worten.“
„Meine Hand folgt deinem Willen, Herr.“ Sker-Lotar deutete eine respektvolle Verbeugung an. „Es ist eine Welt um zu Überleben, mehr nicht. Sie ist trostlos und wenig einladend. Keine Wälder und nicht die gewohnte Sonne. Es ist eine ausgedehnte Hügellandschaft mit unzähligen Senken und Ebenen. Braune Moose und niedriges Buschwerk sind der Hauptbestandteil der Vegetation. Es gibt eine Unzahl an Kriechtieren, jedoch keine Flugwesen.“
„Gefährliche Raubtiere?“, unterbrach Hen-Talar besorgt.
„Nein, Herr. Wenigstens sind die bisherigen Geretteten nie auf welche gestoßen. Die große Mutter und die Mütter haben wohl dafür gesorgt, dass man auf dieser Welt ohne Lebensgefahr auf die Rettung warten kann.“
„Die Weisheit der großen Mutter und der Mütter ist unübertroffen“, erwiderte Hen-Talar automatisch, obwohl er keineswegs davon überzeugt war. Doch solche Zweifel äußerte man nicht laut, wollte man nicht auf einen sehr einsamen Posten versetzt werden oder sogar für immer verschwinden.
„Ausführende Hand der Bionik an das Hoch-Wort“, kam es über den Kommunikator. „Alle Bions sind in die Depots befohlen und dort deaktiviert worden.“
„Gut. Dort sind sie am Besten geschützt, sollte es zu einer harten Landung kommen.“
Die künstlichen Wesen waren für harte Arbeit und den Kampf erschaffen worden, dennoch waren sie gegen starke Erschütterungen empfindlich. Obwohl die bionischen Platinen in ihren Schädeln in einer Dämpfungsflüssgigkeit schwammen, konnten sie bei einem harten Aufprall beschädigt werden und zu Fehlverhalten der Konstruktionen führen. Es gab Berichte über Bions, die in solchen Fällen ihre eigenen Herren angegriffen hatten. Bedauerlicherweise verhinderte die Weisung der großen Mutter und der Mütter, die Wesen so zu programmieren, dass dies unter keinen Umständen geschehen konnte. Die Kommandanten eines Schiffes oder einer Stammwelt sollten die Möglichkeit behalten, die Kampfwesen im Notfall auch gegen dem Wahnsinn verfallene Norsun einzusetzen. Jeder, der sich gegen die große Mutter oder die Mütter wandte, konnte nur dem Wahn verfallen sein.
„Sind die anderen Vorbereitungen abgeschlossen?“ Hen-Talar wusste, dass er diese Frage eigentlich vor dem Befehl zur Landung hätte stellen sollen. Ein Fehler, der ihm nur unterlaufen sein konnte, da er sich so sehr um sein Schiff sorgte. Glücklicherweise steckte sein Stachel im Futteral des Luftanzuges, so dass niemand die Pheromone der Verlegenheit wahrnahm, die er im Augenblick verströmte.
„Alle Hände folgten deinem Willen“, versicherte der Systemkontrolloffizier.
„Dann möge die ausführende Hand des Schiffes uns mit Geschick zur Oberfläche bringen“, meinte der Kommandant erleichtert.
Alle Norsun, die nicht am Arbeitsplatz auf ihre Pheromonstachel angewiesen waren, trugen nun geschlossene Luftanzüge. Die Bions waren in den Depots gesichert und abgeschaltet. Die Notfallausrüstung und Vorräte lagen in den unteren Bodenschleusen bereit. Alle waren informiert, dass eine der Schleusen nicht benutzt werden durfte, da der Zersetzer sie beschädigt hatte. Nun kam es nur darauf an, dass die Kandahaar sanft genug aufsetzte, und die Vorbereitungen nicht dadurch zunichte gemacht wurden, dass die unteren Pole der Hantelkugeln zerquetscht wurden.
Hen-Talar und Sker-Lotar standen Seite an Seite vor der großen Panoramascheibe und beobachteten die Projektion der Landung. Vielleicht hätten sie sich eine sichere Position und einen festen Halt verschaffen sollen, doch sie waren zu gebannt und neugierig, ob die Landung gelingen werde.
Eigentlich war der Vorgang Routine, doch jede Routine wurde zum Abenteuer, wenn das Schiff solche Schäden aufwies, wie die Kandahaar.
Unterhalb der Äquatorlinien der beiden Kugeln peitschten die Flammen des Atmosphäreantriebs wie glühende Kränze hervor. Die aufgeheizten Luftmassen wurden verdrängt und um das Schiff schien ein Orkan zu herrschen. Selbst ein relativ kleines Schiff, wie ein Kreuzer der 200-Meter-Klasse, besaß eine enorme Masse. Sie musste entsprechend ausbalanciert und langsam zu Boden gebracht werden.
Die ausführende Hand des Schiffes war ein Virtuose, denn sie verließ sich nicht auf die Anzeigen der Instrumente, sondern flog den Kreuzer mit Instinkt und sensiblen Händen. Langsam sank die Kandahaar durch die Atmosphäre tiefer, erreichte die unteren Schichten, in denen ein Überleben möglich wurde.
„Ausfall der Schubdüsen in Zwölf und Sieben“, warnte der Systemkontrolloffizier.
„Ausgeglichen“, kam der wortkarge Kommentar des Piloten.
Hen-Talar seufzte. Bei den Schäden der Kandahaar war mit dem Ausfall einzelner Düsen zu rechnen gewesen, dennoch war diese Nachricht höchst unerfreulich. Der Ausfall musste durch den verstärkten Schub anderer ausgeglichen werden. Das bedeutete eine erhöhte Belastung der ausgleichenden Triebwerksteile und deren umgebender Rumpfstrukturen.
Ein metallenes Dröhnen war über die Lautsprecher zu hören.
„Bruch zweier stützender Elemente am Übergang vom Heck zum Mittelteil“, kam die Meldung einer Hand der Maschine. „Rumpfstabilität gefährdet!“
Hen-Talar verzichtete auf einen Kommentar. Jeder an Bord wusste, dass die Stabilität gefährdet war. Hoffentlich brach die Kandahaar nicht vor dem Aufsetzen auseinander.
„Ich fahre die Landedorne aus“, berichtete der Pilot.
Im unteren Drittel jeder Kugel schoben sich nun die Dorne hervor. Schlanke, dünne und spitze Teleskopelemente, die das Schiff auf dem Boden stabilisieren sollten. Jedes Hantelschiff setzte mit den verstärkten unteren Polen seiner Kugeln auf, die sich dann, je nach Untergrund und Masse des Schiffes, in den Boden drückten. Die abgespreizten Dorne verhinderten, dass es zum Kippen oder gar Rollen kam. Auf den Raumhäfen gab es Landeschalen, welche die Kugeln aufnahmen und ein Einsinken verhinderten.
Hen-Talar hoffte, dass der Untergrund der Landestelle hart genug war, um ein zu weites Nachgeben zu verhindern. Es wäre unangenehm gewesen, sich von den Bodenschleusen den Weg ins Freie graben zu müssen. Doch das war vielleicht immer noch besser, als die oberen Schleusen in hundertachtzig Meter Höhe zu verwenden. Mit der Ausrüstung über die Rundung des Rumpfes nach unten zu gelangen, wäre höchst schwierig.
„Wir haben zwei Dorne verloren.“ Die Stimme des Systemkontrolloffiziers klang resigniert.
„Wir werden nicht rollen“, versicherte Hen-Talar. „Der Untergrund wird weich sein und uns ausreichend Halt geben.“
„Ausführende Hand der Seher, ich brauche die bionischen Augen in Blickrichtung nach unten“, mahnte der Pilot. „Sende die Wellen verstärkt in den Boden, damit ich den richtigen Landeort wählen kann.“
Hen-Talar beobachtete, dass die Fühler von Sker-Lotar merklich zitterten. Er konnte die Frucht des jungen Wissenschaftlers gut verstehen. Die Landung kam in die kritische Phase des endgültigen Bremsschubs. Brach das Schiff unter der Belastung auseinander? Versagte der Antrieb und das Schiff zerschellte am Boden? Gab der Boden unter dem Gewicht der Kandahaar nach und verschlang den Kreuzer?
Der Pilot erhöhte den Bremsschub. Das Schiff begann zu schütteln und zu vibrieren. Aus einigen der abgeschotteten Abteilungen gingen panische Meldungen ein. Streben brachen, beschädigte Decks und Wände verformten sich unter der Belastung. Mehrere Segmente lösten sich von der Außenhülle und stürzten in die Tiefe.
Ein harter Schlag erschütterte das Schiff.
Hen-Talar schloss mit seinem Leben ab. „Nun brechen wir auseinander und stürzen in den Tod“, dachte er benommen.
Die Stimme des Piloten riss ihn aus seiner Starre. „Hoch-Wort, ich melde die Erfüllung deiner Worte. Wir haben aufgesetzt.“
Kapitel 4 In geheimer Mission
D.S. Blackwing, Spezial-Kreuzer des Direktorats, Registernummer 84
Die D.S. Blackwing hatte die Grenze zur Lichtgeschwindigkeit erreicht und behielt diese bei, um endlich in den Nullzeit-Sturz wechseln zu können. Der Antrieb des Tarnkreuzers war besonders leistungsstark und Hiroshi Yagoda war stolz auf das Schiff, dem er als erster Offizier diente. Während die meisten Kreuzer knappe acht Stunden benötigten, um in die Nullzeit zu wechseln, konnte die Blackwing ihren Hiromata im Schnitt innerhalb von nur sechs Stunden aufladen.
Hiroshi hörte das leise Zischen des Schotts und wandte sich im Kommandosessel halb um. „Captain auf der Brücke.“
Er erhob sich rasch für Jen-Li, der nun Platz nahm.
Die Beleuchtung auf der Brücke war heruntergefahren. Durch die großen Klarstahlscheiben war die Direktsicht in den Weltraum möglich. Soeben waren die Ringe des Saturns passiert worden und die von ihnen ausgehende Reflektion des Sonnenlichts, die bislang den Glanz der Sterne überstrahlt hatte, trat zurück. Die wenigen Angehörigen der kleinen Brückenbesatzung wirkten entspannt. Gelegentlich war ein Scherz zu hören gewesen, bis der Kommandant des Kreuzers eintrat.
Hiroshi ließ sich in den Sitz neben dem Kommandosessel sinken. „Keine besonderen Vorkommnisse, Captain. Alles läuft.“
Jen-Li nickte unmerklich. Er warf einen kurzen Blick auf das Hologramm, welches vor ihnen beiden im Raum zu schweben schien. Im Augenblick zeigte es die Daten, welche die Scanner und Sensoren der Blackwing empfingen und setzte diese in ein dreidimensionales Bild des umgebenden Raums um. Vor einem real wirkenden Bild des umgebenden Weltraums wurden blau oder grün eingefasste Symbole gezeigt. Dazu Daten über Kurs und Geschwindigkeit, wenn es sich um Raumschiffe handelte. Fast zwei Dutzend zivile Raumschiffe und drei Einheiten der Navy waren derzeit im solaren System unterwegs. Unbekannte Objekte wurden mit Gelb markiert, feindliche mit Rot. Im Zentrum des Direktorats war kaum damit zu rechnen, dennoch blieb man aufmerksam. Allein die Gefahr durch Meteoriden war allgegenwärtig. Kleinere würde die Tetronik des Schiffes mit den Waffensystemen automatisch vernichten, bei größeren Objekten blieb nur ein Ausweichmanöver. Eine rot gestrichelte Linie markierte den gesetzten Kurs des eigenen Schiffes.
„Unsere Gäste sind untergebracht?“, fragte Hiroshi mit leiser Stimme.
Jen-Li nickte erneut. „Glücklicherweise sind Troopers nicht besonders verwöhnt. Es geht recht beengt zu. Vor allem, weil sie jetzt alle Kisten und Behälter öffnen, um ihre Ausrüstung zu überprüfen. Nun, man muss Kavalleristen wohl beschäftigt halten, damit sie nicht aus Langeweile auf dumme Gedanken kommen.“
Hiroshi Yagoda verkniff sich einen Kommentar, denn Jen-Li war ein Verfechter häufiger Notfallübungen und des Gedankens, auf jeden erdenklichen Katastrophenfall vorbereitet zu sein.
Jen-Li wandte sich Master-Chief Cage zu, der an der Systemkontrolle saß. „Tech, wie ist unser Status?“
Der grauhaarige Unteroffizier stand längst zur Beförderung an, doch er hatte diese abgelehnt, da es auf der Blackwing keine freie Stelle für einen zusätzlichen Offizier gab. „Alle Systeme: Grün, Captain. Abschottung und Versiegelung aller Abteilungen: Grün. Aufladung der Speicherstangen Zwei bis Sechs bei einhundert Prozent. In nur fünf Stunden und siebenundfünfzig Minuten, wenn Sie mir die Bemerkung gestatten, Sir. Die Blacky ist ein verdammt feines Schiff. Aufladung der Steuerstange Eins bei achtundneunzig Prozent und steigend. Letzte Navigationsdaten für den Sturz werden eingesteuert. Notentladung der Speicher ist in Bereitschaft.“
Richtung und Reichweite des Nullzeit-Sturzes wurden von der Aufladung der Speicherstangen des Hiromata bestimmt. Speicherstange 1 war jene, die zum Bug wies und die Richtung und Stärke des Sturzimpulses bestimmte. Sie wurde als Steuerstange bezeichnet. Sie war teleskopisch und wurde an Hand der Navigationsdaten verlängert oder verkürzt. Ihre Aufladezeit variierte daher stets gegenüber den anderen fünf Speicherstangen. Für den Fall, dass eine Überlastung der Stangen und der wertvollen Hiromata-Kristalle drohte, konnten die Ladungen in dafür vorgesehene Akkumulatoren abgeleitet werden.
„Danke, Tech. Nav, Ihr Status?“
Die Vorfahren von Lieutenant Akiko Horota stammten, wie bei Hiroshi, aus dem alten Japan. Die schlanke Offizierin mit den mandelförmigen Augen war eine Augenweide. Es gab hartnäckige Gerüchte an Bord, dass sie sich auf keine Beziehung einlasse, da sie mit der Blackwing verheiratet sei. In jedem Fall war sie eine der fähigsten Ortungstechnikerinnen und Navigatorinnen der Sky-Navy. Hiroshi Yagoda gefiel vor allem ihr rückenlanges, seidig wirkendes schwarzes Haar. Der Eins-O war erleichtert, dass diese Haarpracht unter einem Raumhelm oder einem Virtual-Reality-Helm nicht wirklich störte. Als Kavalleristin hätte sie wegen der Sensoren des Kampfhelms auf ihre lange Frisur verzichten müssen. Auch jetzt ragte das füllige Schwarz unter dem Rand des Helms hervor. „Koordinaten für den Sturz sind fixiert und Daten synchronisiert. Keine Abweichung messbar. Nav ist bereit für Sturz-Impuls.“
„Danke, Nav. Arms?“
Lieutenant Flicks saß an der Waffenkontrolle des Schiffes. An seiner Konsole waren gelbe Bereitschaftslichter zu sehen, nur ein einziges blinkte Grün. „Alle Waffentürme eingefahren und gesichert. Railgun entladen und gesichert. Status Gelb. Automatische Verteidigung an Tetronik abgegeben. Synchronisation der Zielbeobachtung mit Scannern und Sensoren ist aktiv. Automatische Abwehr ist bereit und auf Status Grün.“
„RO?“
Ensign Carlisle reckte einen Daumen empor. „Radio Operator an Captain: Sender und Empfänger für Normalfunk, Cherkov-Überlichtfunk und Hiromata-Nullzeit-Funk sind im Status Grün. Soeben hat Upper Area Control Arcturus uns einen guten Flug gewünscht. Habe bestätigt und unseren Dank ausgerichtet.“
Jen-Li lächelte unwillkürlich. „Recht so, Ensign. Rudergänger?“
Lieutenant Willcox trug ebenfalls den VR-Helm. Seine Hände lagen an den beiden Joysticks, mit denen er die Antriebe und Flugbewegungen des Kreuzers kontrollierte. „Alle Werte mit Nav und Maschine synchronisiert, Captain. Alle Anzeigen sind Grün. Ruder ist bereit.“
„Tech an Captain: Hiromata ist zu einhundert Prozent aufgeladen. Bereit zum Sturz.“
„Ruder, Freigabe zum Sturz, wenn bereit.“ Jen-Li lehnte sich entspannt zurück und warf seinem Freund einen lächelnden Blick zu. „Hinaus in die Freiheit.“
„Ruder Aye. Freigabe zum Sturz, wenn bereit. Nullzeit-Sturz wird eingeleitet. Sturzimpuls erfolgt in Zehn… Neun… Acht…“ Lieutenant Willcox zählte mit ruhiger Stimme rückwärts. „Sturz.“
Die D.S. Blackwing verschwand aus dem Arcturus-System, um ohne Zeitverlust an ihren Zielkoordinaten zu erscheinen.
Kapitel 5 Die Überlebenden
Kandahaar, leichtes Zweischiff der Norsun
Die ausführende Hand des Schiffes hatte tatsächlich eine Art Wunder vollbracht.
Es war Nacht und die Kandahaar stand in einer kleinen Senke, die ringsum von sanft ansteigenden Hügeln umgeben wurde. Trotz der schweren Schäden war es dem Piloten gelungen, den Kreuzer auf ebenem Kiel zu landen. Hen-Talar starrte mit Schaudern auf den Rumpf. Große Segmente waren herausgebrochen, durch die zerstörerische Wirkung des Zersetzers verschwunden oder durch die Überbeanspruchung der Zelle aus dieser gelöst. Rings um den Kreuzer und unter ihm lagen Teile dieser Segmente, dazu Stücke von Wänden oder Decken sowie ein paar Einrichtungsteile. An beiden Kugeln waren mehrere der Ebenen freigelegt. Nur der Mittelteil schien von Allem seltsam unberührt.
Inzwischen war die Besatzung dabei, den Kreuzer zu räumen.
Insgesamt hatten 267 Norsun überlebt, die sich nun außerhalb des Schiffes einrichten mussten. Mancher war mit dieser Entscheidung von Hen-Talar nicht glücklich, doch der junge Kommandant ließ keinen Zweifel, dass er seine Befehle unter allen Umständen durchsetzen würde.
„Man kann sehen, wie stark die Stabilität beeinträchtigt ist“, hatte er der angetretenen Besatzung erklärt. „Mancher mag glauben, dass unser Schiff ihm noch immer ein schützendes Heim bieten kann, doch lasst euch nicht täuschen. Jede kleine Erschütterung des Untergrundes kann die Zelle in Schwingungen versetzen. Schwingungen, welche unsere Kandahaar endgültig zusammenbrechen lassen können. Wollt ihr von ihren Trümmern erschlagen werden oder eure jeweiligen Stammwelten wiedersehen?“
Die Norsun hatten sich betroffen angesehen und erregt aufeinander eingeredet. Alle trugen noch ihre Luftanzüge, hatten die Helme jedoch auf den Rücken zurückgefaltet.
„Hier draußen ist es gefährlich“, hatte einer gerufen.
„Hier gibt es keine Töter, die uns gefährlich werden können“, widersprach Sker-Lotar. „Im Wrack ist es viel gefährlicher, als hier draußen.“
„Außerdem haben einige unserer Hände ihre Stabwaffen“, wandte Londar, einer der Worte des Schiffes ein. Neben Hen-Talar als Hoch-Wort hatten immerhin sieben weitere Offiziere überlebt, denen es langsam gelang, mehr Ordnung in die Besatzung zu bringen.
Die kurze Phase nach der Landung war chaotisch gewesen. Alle versuchten das Schiff schnellstens zu verlassen, griffen nach Teilen der Notausrüstung und rannten über die herabgelassenen Rampen auf den Boden der Quarantäne-Welt. Fort von dem Schiff, von dem sie fürchteten, es werde über ihren Köpfen auseinander fallen.
Dann hatten die Fliehenden sich langsam gesammelt und festgestellt, dass es ziemlich dunkel und sehr kalt war. Ein steter Wind ging, der die Luft mit Staub und Körnern feinsten Gesteins füllte. Da war der Anblick des Wracks nicht mehr erschreckend, sondern verhieß Schutz vor einer fremden Welt.
Viele wollten daraufhin zurück an Bord. Hen-Talar und die Worte des Schiffes mussten mit Gewalt drohen, um sie daran zu hindern. Sie sammelten jene um sich, die sich rechtzeitig mit Stabwaffen versehern hatten. Dies ernüchterte die ängstlichen Besatzungsmitglieder, denn es waren Fälle bekannt, in denen Hoch-Worte Gewalt gegen die eigene Mannschaft angewendet hatten. Hen-Talar beabsichtigte das durchaus nicht, doch er wusste auch, dass, zum Überleben auf einer fremden Welt, Disziplin erforderlich war. Die Stärkeren würden sich um die Schwächeren kümmern müssen, bis das Rettungsschiff sie abholte.
„Fügt euch den Worten“, befahl Hen-Talar mit erhobener Stimme und drohend aufgerichteten Kopffühlern. „Es wird nicht lange dauern, bis man uns abholt, doch bis dahin müssen wir ein Lager errichten. Teile unserer Notfallausrüstung wurden im Schiff zurückgelassen. Wir brauchen sie. Sker-Lotar, unsere Hand des Wissens, wird eine Gruppe an Bord führen und entscheiden, welche Bereiche noch betreten werden können und was an Brauchbarem zu bergen ist. Londar wird den Aufbau des Lagers beaufsichtigen. Wir werden es dort, auf jenem Hügel, errichten. Er bietet gute Sicht und…“
„Es ist kalt“, kam eine jammernde Stimme.
Eigentlich war es das nicht, denn die isolierten Luftanzüge verhinderten, dass man fror.
„Hier gibt es jede Menge Buschholz. Sammelt es und entzündet es mit einer Stabwaffe. Feuer werden euch wärmen und sie werden es dem Rettungsschiff erleichtern, uns zu finden“, behauptete Hen-Talar. „Und jetzt folgt den Worten und erledigt eure Arbeiten.“
Die ausführende Hand des Schiffes gesellte sich zu ihm, während sich die Mannschaft zerstreute und den Befehlen der Offiziere folgte. „Es wird ihnen Mut machen, Hoch-Wort“, meinte der Pilot. „Auch wenn ich mir sicher bin, dass man aus dem Orbit die kleinen Wärmefeuer nicht erkennen kann.“
„Ich weiß“, räumte Hen-Talar ein.
„Da die Maschinen abgeschaltet sind, können wir auch das Kurzsprechgerät nicht benutzen, um mit der Orbitalstation in Verbindung zu treten.“
„Auch das weiß ich.“
„Verzeih, Herr, ich meine nur, dass wir vielleicht einen der Energiespeicher im Schiff wieder aktivieren sollten, um das Sprechgerät zu besetzen. Wenigstens bis wir Kontakt bekamen.“
„Beim Feuerfall von Istwagh, ich wünschte wirklich, das könnten wir. Aber es ist nicht möglich.“ Hen-Talar wandte sich zur Seite. „Ausführende Hand der Maschine!“
Der Systemkontrolloffizier stapfte über das feine Geröll heran. Seine Schritte verursachten ein vernehmliches Knirschen. „Hoch-Wort?“
„Können wir die Speicherzellen nutzen?“
Die ausführende Hand rollte beunruhigt die Fühler ein. „Herr, wie ich dir zuvor schon berichtete, sind viele der Kristalle inzwischen trübe oder zeigen sogar Risse. Nur wenige könnten noch benutzt werden. Doch da sie in Reihe geschaltet sind, könnte ich nicht garantieren, dass wir auf einen intakten Speicher zugreifen. Aktivieren wir einen der defekten, dann…“ Er zögerte kurz. „Es brächte Verheerung über das Schiff oder vielmehr das, was von ihm noch übrig ist.“
„Kann man nicht einen einzelnen Speicherkristall gezielt anzapfen?“, bohrte die ausführende Hand des Schiffes nach.
Nun wurde die Furcht des Technik-Offiziers deutlich. „Man müsste einige Zyklen in einem der beiden Maschinenräume arbeiten, um eine Speicherzelle aus dem Verbund zu lösen. Herr, hast du nicht das Knacken und Stöhnen des Schiffes gehört?“
Der Norsun übertrieb nicht. Die durch den Flug durch die Lufthülle aufgeheizte Außenhülle kühlte rasch ab und die Geräusche der Kandahaar waren furchteinflößend. Umso weniger verstand Hen-Talar den Wunsch jener Besatzungsmitglieder, die unbedingt wieder ins Schiff hinein wollten. Die ausführende Hand der Maschine war mutig genug, diesem Wunsch zu widerstehen, doch sicher zu entmutigt, um einem Befehl Folge zu leisten, der sie wieder hinein zwang. Hen-Talar war sich sicher, dass sein Untergebener einen entsprechenden Befehl unterlaufen würde, indem er das Schiff kurz betrat und dann rasch wieder verließ, um von neuen furchtbaren Schäden zu berichten.
Der Kommandant verfluchte die Tatsache, dass es im Volk der Norsun diese hohe Spezialisierung des Wissens gab. Keiner verstand so viel vom Energiesystem des Kreuzers, wie die ausführende Hand der Maschine, von der ausführenden Hand der Kristalle einmal abgesehen. Doch ausgerechnet dieser Spezialist gehörte zu den direkten Opfern des Zersetzers.
„Verzeih, Herr, wenn ich beharrlich bin, doch vielleicht finden wir ein intaktes Sprechgerät und eine noch nicht entladene Speicherzelle in einem der anderen Wracks.“ Der Pilot war ausgesprochen hartnäckig und sichtlich besorgt, man könne nicht von der misslichen Lage der Überlebenden erfahren.
„Andere Wracks? Ja, sicher, die muss es geben“, meinte Hen-Talar zögernd. „Doch die liegen schon lange auf dieser Welt und sind sicher längst verfallen. Ich wüsste auch nicht, wo wir sie finden sollten.“
„Es gibt viele Wracks auf dieser Welt“, sagte die ausführende Hand der Maschine nun eifrig. „Kurz vor der Landung warf ich einen Blick auf den großen Schirm und konnte drei von ihnen erkennen. Sie sind recht nahe und eines von ihnen sieht überraschend gut aus. Das Schiff kann nicht viel länger als unsere Kandahaar hier liegen. Vielleicht halten sich dort sogar noch Überlebende auf, die noch nicht abgeholt wurden.“
„Das ist immerhin möglich“, räumte Hen-Talar ein. Man wusste ja nie, wann ein Schiff vom Zersetzer der Negaruyen getroffen wurde und sich die Besatzung hierher rettete. Er blickte zum nächtlichen Sternenhimmel auf und dann zu den ersten Lagerfeuern, die jetzt aufleuchteten. „Es ist gut. Ich werde mir überlegen, ob wir morgen bei Tageslicht eine Gruppe auf die Suche schicken.“
Kapitel 6 Planungen
D.S. Blackwing, Spezial-Kreuzer des Direktorats, Registernummer 84
Captain Jen-Li hatte eine Konferenz der Führungsoffiziere einberaumt. Die Blackwing befand sich auf jener Position, an der die beiden APS-Kreuzer D.S. Vickers und D.S. Orion vor einiger Zeit den letzten Kontakt zu einem Green-Schiff hatten.
Der Kommandant des Kreuzers versammelte seinen Eins-O, die drei Kavallerieoffiziere und den Linguisten Dr. Lennerson sowie den Alien-Psychologen Dr. Braunfels in dem kleinen Konferenzraum, der gegenüber der Kapitäns-Kabine eingerichtet war.
Jen-Li hatte die beiden Wissenschaftler eher der Höflichkeit halber eingeladen.
Lennerson war korpulent. Er aß zu viel und bewegte sich zu wenig und genoss es offensichtlich, sich durch seine Masse von der Masse abzusetzen, wie er es einmal erwähnt hatte. Immerhin schien er ein gutmütiger Mensch zu sein.
Braunfels war ein ganz anderer Typ. Der schlanke Mann hörte sich sehr gerne selber reden, was für einen Psychologen oder Analysten eher ungewöhnlich war, da ihre Arbeit im Wesentlichen auf dem Zuhören und Auswerten beruhte.
Jen-Li glaubte nicht, dass die beiden Männer in dieser Phase der Mission etwas Sinnvolles würden beitragen können.
Nur wenige Schritte weiter lag der Aufgang zur Brücke, die im Augenblick von Lieutenant Willcox befehligt wurde. Er brauchte keine genauen Weisungen, um zu wissen, unter welchen Umständen er den Captain benachrichtigen sollte.
Im Konferenzraum schwebte eine holografische Projektion des Systems über dem Tisch aus echtem marsianischen Holz. Zwei grüne Symbole stellten die Vickers und die Orion dar, ein rotes das Green-Schiff.
Soeben gab Lieutenant-Commander Hiroshi Yagoda ein paar Daten in seinen tragbaren Mini-Comp am Handgelenk ein. In der Projektion erschien eine rote gestrichelte Linie, an deren Mittelpunkt das rote Symbol blinkte. „Nach den Aufzeichnungen der Vickers und der Orion ist dies der Kurs des geflohenen Greens. Über das Heck der nachgewiesene Kurs, zu dem Zeitpunkt, an dem die Hantel in die Nullzeit ging, und vor dem Bug die Verlängerung der Linie, die den weiteren Kurs des Schiffes aufzeigt.“
Doktor Braunfels räusperte sich. „Ich bitte zu vermerken, dass es nicht erwiesen ist, dass die Greens geflohen sind. Ein solcher Begriff impliziert Furcht. Mir scheint es eher ein Rückzug gewesen zu sein.“
„Dem stimme ich zu.“ Jen-Li nickte und lächelte freundlich. „Man sollte den Feind niemals unterschätzen, meine Herren. Furcht wäre ein Hinweis darauf, dass er sich uns unterlegen fühlt und Angst empfindet. Wenn wir den Aliens diese Regungen unterstellen, dann macht uns das möglicherweise zu selbstsicher.“
„Ich würde auch nicht vom Feind sprechen, Captain“, korrigierte Braunfels. „Eher von einem momentanen Gegner. Immerhin vermuten wir ja, dass die Aliens sich zurückzogen und auf die endgültige Vernichtung der Vickers verzichteten, weil sie uns eine Option eröffnen wollten.“
Captain Custer hob eine Augenbraue. „Steht es denn außer Frage, dass sie ganz bewusst auf die Vernichtung der Vickers verzichtet haben?“
Braunfels öffnete den Mund, doch Jen-Li kam ihm zuvor und ein leichter Unterton von Verärgerung lag in seiner Stimme. „Captain Jellenkova war mit ihrer Orion noch viel zu weit entfernt, um die Vernichtung der Vickers noch verhindern zu können. Die Daten beweisen zudem, dass die Vickers praktisch wehrlos war, während die Hantel trotz ihrer Schäden noch über eine beachtliche Kampfkraft verfügte. Nein, Gentlemen, es gibt keinen Zweifel, dass die Greens die Vickers ganz bewusst verschont haben.“
„Wofür es somit nur einen Grund geben kann“, hakte Braunfels sofort ein. „Die Greens wollen uns damit deutlich machen, dass sie nach einer Kontaktmöglichkeit mit uns suchen.“
„Schön, das mag für den Kommandanten dieses Green-Schiffes gelten, muss aber nicht zwangsläufig auf alle Greens zutreffen“, schränkte Hiroshi ein.
„Deshalb ist es so wichtig, das abzuklären.“ Jen-Li legte die Fingerspitzen seiner Hände aneinander und sah die Anwesenden der Reihe nach an. „Die Order des High-Command ist ganz klar, Gentlemen: Nach den Verkehrsrouten der Greens suchen, wenigstens eine ihrer Heimatwelten oder Basen ausfindig machen, ihre Kommunikation abhören und daraus ein Profil und eine semantische Basis entwickeln, auf denen eine erste Kontaktaufnahme möglich wird.“ Er lächelte erneut. „Wir haben, was ich betonen möchte, keinen Auftrag, diesen Kontakt herzustellen, aber die Vollmacht, dies zu tun, sofern sich eine günstige Gelegenheit ergibt.“ Das Lächeln vertiefte sich noch. „Über die Gunst des Augenblicks zu entscheiden, liegt dabei in meinem Ermessen.“
Braunfels und Lennerson wirkten ein wenig enttäuscht. Wenn es ihnen gelang, einen ersten friedlichen Kontakt mit dem Feind herzustellen, dann bedeutete dies hohe Anerkennung auf ihrem jeweiligen Fachgebiet.
„Ah, Captain, haben sie denn vor, eine günstige Gelegenheit zu ergreifen?“ Lennerson zuckte mit den Schultern. „Ich meine, Sie sind ja beim Militär.“
Jen-Li´s Lächeln gefror ein wenig. „Mein verehrter Doktor Lennerson, ich weiß nicht, welche Vorstellung Sie vom Militär haben. Vermutlich gehen Sie davon aus, dass Blutvergießen zu unserem Berufsbild gehört und wir daher Freude daran empfinden. Ich bedauere, Sie diesbezüglich enttäuschen zu müssen. Es ist leicht, sich Feinde zu machen, jedoch sehr schwer, Freunde zu finden. Ich weiß nicht, ob wir je eine freundschaftliche Beziehung zu den Greens aufbauen können. Ich für meinen Teil würde es schon begrüßen, wenn wir keine Angriffe auf friedliche Siedler mehr befürchten müssen. Wenn es sein muss, dann werde ich die Greens mit allen Mitteln bekämpfen, doch wenn sich mir die Möglichkeit bietet, ihnen künftig friedlich zu begegnen, dann werde ich jede Gelegenheit dazu ergreifen.“
Captain Custer sah Lennerson scharf an. „Ich hoffe, Doktor, Ihr Weltbild vom Militär bricht jetzt nicht zusammen.”
„Nein, Captain.“
Custer grinste. „Hier an Bord dürfen Sie mich „Major“ nennen. Alte Navy-Tradition.“
„Aha“, brummte der Linguist.
„Könnten wir zum Thema zurückkehren?“ Braunfels wirkte wenig amüsiert. „Äh, zurück zur Kontaktaufnahme mit den Greens. In meiner vorläufigen Studie zur Psychologie dieser Wesen…“
„Sie meinen diese 243 Seiten umfassende Datei, die Sie mir freundlicherweise übermittelten?“, fragte Jen-Li.
„Ah, Sie haben sie gelesen?“, fragte Braunfels erfreut.
„Förmlich studiert“, log Jen-Li ungerührt. Braunfels hatte es tatsächlich geschafft, aus den wenigen Informationen, die man über die Greens hatte sammeln können, ein riesiges Pamphlet zu erschaffen, welches von „fundierten“ Vermutungen und Thesen nur so wimmelte. Vielleicht waren Braunfels´ Kollegen von dergleichen begeistert, aber Jen-Li hatte die Datei nur zu einem Drittel gelesen und stufte sie inzwischen als ausgeklügelte Methode geistiger Folter ein. „Ich habe allen Offizieren eine Kopie der Datei auf die Mini-Comps geschickt.“
„Ausgezeichnet, ausgezeichnet“, murmelte Braunfels.
Custer warf dem Captain einen scharfen Blick zu und dessen Lächeln wirkte nun ausgesprochen niederträchtig.
„Ich darf auf die kurze Auswertung meiner Erkenntnisse hinweisen, die auf Seite 187 des Dokumentes beginnt“, dozierte der Alien-Psychologe. „Darin…“
„Doktor?“
„Äh, bitte?“ Braunfels sah Jen-Li irritiert an.
„Alles zu gegebener Zeit, verehrter Doktor. Im Augenblick interessiert mich weitaus mehr, ob wir uns auf die ermittelten Kursdaten des Green-Schiffes verlassen können.“
Braunfels schnappte nach Luft.
Hiroshi Yagoda nahm die Gelegenheit wahr und ergriff wieder das Wort. „Eine unveränderbare Eigenheit des Nullzeit-Antriebs ist es, dass ein Sturz den eingeschlagenen Kurs in exakt gerader Linie verlängert. Die Entfernung ist, aufgrund der verwendeten Energie, unterschiedlich, doch es gibt niemals eine seitliche Abweichung. Wir können also nicht sagen, wie weit die Greens durch die Nullzeit gegangen sind, aber wenigstens können wir sehr genau sagen, auf welcher Linie sich der Austrittpunkt befinden muss.“
„Ist eine verdammt lange Linie“, meinte Lieutenant Thunder-Elk.
„Theoretisch ist sie unendlich“, seufzte Custer. „Vor allem, da wir selbst nie ausprobiert haben, wie weit man mit dem Hiromata durch den Sturz gehen kann.“
„Dem stimme ich zu, Major.“ Jen-Li ließ die Verlängerung der Linie entstehen. „Irgendwo auf dieser Linie lag das Ziel der Hantel. Um es zu finden werden wir wahrscheinlich eine ganze Reihe von Stürzen durchführen müssen. Jeweils unter Berücksichtigung der Reichweite unserer Scanner, damit uns nichts entgeht. Wobei es leider nicht sicher ist, ob die Greens auch tatsächlich eine ihrer Welten oder Basen angeflogen haben.“
„Jedenfalls war die Hantel ziemlich stark beschädigt“, hielt Custer dagegen. „Das macht den Aufenthalt in einer Werft wahrscheinlich.“
Jen-Li deutete eine Verbeugung an. „Auch dem stimme ich zu, Major. Wir wissen allerdings nicht, ob das Schiff diese Werft tatsächlich anflog und ob sie dies in einem Sturz tat. Es kann ebenso sein, dass sie aus dem Sturz kam, den Kurs änderte und die errechnete Linie verließ.“
„Klingt ganz so, als bräuchten wir eine gute Portion Glück“, murmelte Lieutenant Bramquist.
„Wird so sein.“ Peter Custer loggte sich in die Holoprojektion ein und ließ das Symbol der Blackwing erscheinen. Ein grüner und ein sehr viel weiterer blauer Kreis entstanden um das Schiff. „Einen kleinen Vorteil haben wir immerhin. Der rote Kreis markiert die Reichweite unserer normalen Scanner und Sensoren. Ihre Blackwing, Captain Jen-Li, verfügt jedoch über einen der neuen Hiromata-Scanner. Taststrahl und Echo in Nullzeit und eine sehr viel größere Reichweite. Denke, das könnte nützlich sein.“
„In der Tat, der verehrte Hoch-General ibn Fahed konnte bei dem verehrten Hoch-Admiral Redfeather die Installation eines dieser seltenen Geräte auf der Blackwing erwirken.“ Jen-Li konnte nicht verbergen, wie stolz er darüber war. „Wir sollten daher keine Zeit verschwenden und einen Plan ausarbeiten, wie wir die Suche nach den Greens durchführen. Ein Misserfolg kommt nicht in Frage, Gentlemen.“
Darin waren sie sich alle einig.
Бесплатный фрагмент закончился.
