Читать книгу: «Kalte Berechnung»
MICHAEL RAPP
KALTE BERECHNUNG
MORD IM MARE SERENITATIS

© 2021 Polarise
Ein Imprint der dpunkt.verlag GmbH
Wieblinger Weg 17
69123 Heidelberg
www.polarise.de
1. Auflage 2021
Autor: Michael Rapp
Lektorat: Dr. Benjamin Ziech
Copy-Editing: Irina Sehling
Satz: Veronika Schnabel
Illustration Cover: licarto
Druckerei: C.H.Beck, Nördlingen
ISBN (Buch) 978-3-947619-77-1
PDF 978-3-947619-78-8
ePub 978-3-947619-79-5
mobi 978-3-947619-80-1
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind über www.dnb.de abrufbar.
Michael Rapp wurde 1975 in Frankfurt am Main geboren und studierte Soziologie und Sozialpsychologie. Er lebt und arbeitet in Assenheim in der Wetterau. Seit 2007 ist er als Schriftsteller tätig mit Schwerpunkt auf Kurzgeschichten aus den Bereichen Science-Fiction, Fantasy und Krimi. Besonders der Science-Fiction-Literatur, den Welten und Visionen möglicher Zukunft, ist er seit seiner Jugend verbunden. Er hat zahlreiche Geschichten veröffentlicht, zuletzt hauptsächlich im c’t Magazin für Computertechnik. 2019 belegte er den 1. Platz beim Deutschen Kurzkrimi-Preis.
Inhalt
Der Auftrag
Abflug zum Mond
Die erste Prüfung
Entscheidungen
Ein Traum von einem Tatort
Bogart Wheelwright
Wettstreit der Ermittler
Tod und Bedauern
Nussknacker, Puppe und blaue Katze
Lasst es mich durch eure Augen sehen
Entführt
Endspiel
Legat
Der Herr von Vortexton
Epilog
Der Auftrag
17.01.2048, Hotel Elbstrom, Hamburg
Als Markus Wirm sein Zimmer betrat, fand er Boden, Decke, Wände und Möbel von einer dünnen Kunststoffschicht überzogen. Das Material glänzte makellos im Licht der LED-Lampen, und er fühlte es warm und glatt auf dem Lichtschalter. Es hüllte alles ein, ohne Bünde und Überlappungen, als sei er in das Innere einer Seifenblase gelangt.
Die Tür schloss sich hinter ihm und verriegelte automatisch. Plastik quoll aus dem Pressholz des Türblattes. Das durchsichtige Material wuchs, blähte sich, und einen Augenblick später war die Blase vollständig. Panik erfasste Markus. Vergeblich versuchte er, die Tür zu öffnen. Seine Hand rutschte vom Türgriff, und seine Fingernägel schrappten hilflos über den festen Kunststoff. Er schrie, doch seine Stimme zerstob einfach, wurde ausgelöscht, sodass er für einen Moment glaubte, sie würde versagen. Erst als er zum Fenster lief, dabei den Tisch anrempelte und die kleine Porzellanvase sang- und klanglos auf dem folierten Teppich landete, wurde es ihm klar: Gegenschall. Alle Geräusche in der Blase werden durch gegenläufige Schallwellen gleicher Frequenz und Amplitude gelöscht. Er konnte sich selbst kaum schnaufen hören.
»Ich werde nicht aussagen!«, versuchte er zu rufen, doch seine Lippen bewegten sich nur stumm.
Eine Bewegung in dem Sessel ließ ihn herumfahren. Eine sitzende Gestalt wurde sichtbar, sie war von Plastik überzogen wie eine eingeschweißte Actionfigur. Bisher war sie unter einer die Umgebung imitierenden Videooberfläche verborgen gewesen. Der schmächtige Mann hatte kurzes, dunkel gefärbtes Haar, das unter der Folie platt anlag. Er war Mitte fünfzig, versuchte aber, jünger zu wirken. Markus kannte die graugrünen Augen, die vorspringende Nase und das markante Kinn mit dem auffälligen Grübchen, das – was nur eine Hand voll Menschen wussten – Schönheitschirurgie gestaltet hatte. Mit offenem Mund starrte er auf sein Spiegelbild, das ihn kalt durch den Kunststoff anstarrte.
»Was bist du?«, wollte Markus wissen, brachte aber kein verständliches Wort heraus. Ohnehin eine törichte Frage, hauptsächlich der Überraschung geschuldet. Er ahnte schon, verstand, was er da vor sich hatte und welchem Zweck die Kopie diente. »Alexander, ich verspreche dir, ich sage nichts! Ich war immer auf deiner Seite. Bitte, das kannst du nicht bringen. Wir sind … Freunde.« Alles, was Markus von seiner verzweifelten Ansprache an den ehemaligen Geschäftspartner hörte, war ein Hauchen am Rand des Hörbaren. Der Gegenschall schnitt die Worte ab, bevor sie vollends seinen Mund verließen. Umso lauter klangen die Gedanken in seinem Kopf: Ich bin in einer riesigen Mülltüte mit einem Killer gefangen!
Sein Gegenüber grinste.
Hilfe! Markus wich zur Wand zurück und hämmerte mit der Faust dagegen. Er hatte nie Sport getrieben, und im Alltag achtete er darauf, nichts Schwereres zu heben als einen Laptop, trotzdem war er erschüttert, als er nur ein klebriges Tapsen hörte, das von seinem Herzrasen übertönt wurde. Das ist kein normales Plastik, erkannte er. Als sich die Maschine erhob und auf ihn zuging, beschloss er, alles auf eine Karte zu setzen und durch das Fenster zu springen – besser ein Sturz aus dem dritten Stock, als bei seinem Mörder zu bleiben. Seine 68 Kilo sollten reichen, um das Glas zu durchbrechen. Er machte zwei Schritte zurück und warf sich dann mit der Schulter gegen die Folie, die sich aufblähte wie ein Airbag und ihn zurückwarf. Er glitt aus und landete auf dem Bauch. Eine Hand packte ihn am Haarschopf. Markus strampelte, seine Sohlen wischten über den Kunststoff, und eine Nadel bohrte sich in seinen Nacken. Er fühlte sich benommen, seine Kraft floss aus ihm heraus, und seine Bewegungen erlahmten.
All das war in nahezu perfekter Stille geschehen, die plötzlich von einer festen Stimme durchbrochen wurde:
»Herr Nero Latvica, oder soll ich Sie Erlkönig nennen? Ich konnte den Datenstrom Ihres ferngesteuerten Mordgerätes bis nach Nordmazedonien zurückverfolgen. Die Polizei in Skopje ist verständigt und dabei, Ihr Versteck zu umstellen.«
Der Angreifer war erstarrt. Markus rann der Speichel aus dem Mundwinkel, nur seine Augen wollten sich noch bewegen. Er konnte gerade hoch genug schauen, um den Kopf der zweiten Maschine zu betrachten, die ihre Tarndecke abgestreift hatte und sie nun über dem linken Arm trug: eine humanoide PI, deren Modell nicht zu bestimmen war, denn sie trug keine äußere Verkleidung. Markus sah Teile des Metallskeletts, an dem graublaue Kunstmuskelbündel befestigt waren. Auf dem blanken Metallschädel der Maschine saß eine gelbe Baseballkappe mit der Aufschrift Sunflower Coffee. Sie lächelte schaurig.
»Clever, das muss ich zugeben. Sie versenden Ihre Daten über Verkehrsleitsysteme und kommunizierende Kraftfahrzeuge großer Logistikflotten. So wird der Informationsstrom effektiv verschleiert und an den Sicherheits-KIs der Behörden vorbeigeleitet. Und all diese Vorbereitungen …« Die PI tätschelte mit ihrer Linken den Kunststoff der Wand. »Ihren eigenen mobilen Tatort zu installieren, hat etwas Geniales. So haben Sie fast vollkommene Kontrolle über die Spuren.«
»Wer bist du?«, fragte Markus’ Spiegelbild düster.
»Ich bin Die Antwort.«
Ein überraschtes Zucken. »Die Antwort ist ein Darknet-Mythos!«
Die nackte Maschine fasste an den Schirm ihrer Mütze. »Danke für die Blumen, Erlkönig. Da sind wir nun, zwei Legenden, die aufeinandertreffen.«
Der Angreifer packte fester zu und zog Markus’ Kopf nach oben. »Verschwinde!«
»Können Sie sie hören?«, fragte Die Antwort gelassen. »Polizei-Drohnen, die wie diebische Äffchen über Ihren Flur huschen und sich vor der Tür Ihres Arbeitszimmers sammeln. Das Kratzen, das Sie hören, wenn Sie Ihre Kopfhörer anheben, das sind keine Mäuse, es sind die Bewegungen der eng beisammenstehenden Einsatzmaschinen. Und das leise Klicken sind die Sicherungen ihrer Elektroschock-Pistolen.«
»Ich höre sie jetzt«, sagte der Erlkönig. »Aber warum habe ich sie nicht kommen sehen? Warum hat mein Sicherheitssystem versagt? Warst du das?«
Die Antwort fasste wieder an den Schirm ihrer Kappe. »Schuldig.«
»Warum mischst du dich ein?«
»Es war eine lohnende Aufgabe.«
Der Auftragsmörder knurrte ungehalten. »Er hat gesagt, dass so was passieren würde. Aber er wollte nicht sagen, wann.«
»Von wem sprechen Sie?«, fragte Die Antwort interessiert und kam einen Schritt näher.
»Es kam über das Netz, ohne IP, ohne Namen. Ich soll demjenigen, der mich hereinlegt, etwas ausrichten: Serenity Base, 28. Januar.«
»Serenity Base, tatsächlich?«
»Falls du unser Zusammentreffen überlebst, sollst du pünktlich sein. Es würde sich auf jeden Fall lohnen … Verdammt! Er sagte auch, du würdest kein Ticket für den Clipper brauchen. Er muss also gewusst haben, dass du es sein würdest. Ich soll dir ausrichten: Der Preis, der dich im Erfolgsfall erwartet, ist das, was du dir am meisten wünschst.«
»Niemand kann mir das geben.«
»Er sagte, er könne es tun. Er sagte, ich soll sagen, er könne deine Fee sein. Wie albern.«
»Das ist tatsächlich ziemlich albern … aber auch aufschlussreich. Ich werde dort sein.«
»Falls du überlebst.«
Plötzlich ging alles sehr schnell. Die Killermaschine riss Markus’ Kopf hoch und schlang den Arm um seinen Hals. Ihre offene Hand zielte auf Die Antwort. Die Kunsthaut explodierte; Schüsse ploppten aus der im Arm verborgenen Automatikwaffe. Die Anti-Robot-Geschosse sprengten faustgroße Löcher in die Wand. Die Antwort rollte sich nach rechts, die Tarndecke flog zur Seite und ihr Unterarm verwandelte sich. Knapp hinter dem Ellenbogen war der ursprüngliche Arm mit großer Kraft verdreht und abgerissen worden. Das, was jetzt den Unterarm und die Hand bildete, war eine schwirrende Masse, ein leuchtender Schwarm käferartiger Recycling-Effekte mit kräftigen Beißwerkzeugen zur Wertstoffzerkleinerung, der sich auf die Maschine des Erlkönigs stürzte.
Die Maschine schlug um sich und ließ Markus los, der schwer zu Boden fiel. Dann stürzte sie auf ihn und drückte ihn mit ihrem Gewicht auf den Kunststoff. Seltsamerweise roch sie sogar nach Schweiß. Am Rand seines Sichtfeldes sah er einen der Metallkäfer aus der Kunsthaut des Gesichtes auftauchen, seine Mandibeln schnappten wie eine Blechschere. Panisch versuchte Markus, sich zu bewegen. Er hatte das Gefühl zu ersticken, und obwohl er innerlich schrie, brachte er nur eine Art Wimmern und Quietschen hervor. Die leblose Killermaschine wurde angehoben und zur Seite gerollt. Die Antwort drehte Markus auf den Rücken. Er blickte in den Schädel seines Retters, in die blauen Augen, auf die freiliegenden weißen Zähne und sog Luft in die Lunge.
»Hi nir!«, stieß er mit lahmer Zunge hervor, was Hilf mir heißen sollte.
Da sein Gegenüber kein Gesicht hatte, konnte er das folgende Schweigen nicht deuten. Schließlich sprach Die Antwort:
»Herr Wirm, ich war schon lange hinter dem Erlkönig her. Ich wusste zwar, dass einer der Drogen produzierenden Geschäftspartner Ihres Partners ihn damit beauftragt hatte, unliebsame Ermittler und Konkurrenten zu ermorden. Doch die Sicherheitsmaßnahmen in seiner Organisation sind sehr streng, mein Erfolg war fraglich …«
Einige der Käfer krabbelten über Markus’ Hüfte und seinen Bauch, er fühlte, wie sie ihre Flügel ausbreiteten und abhoben.
»Ich war mir sicher«, fuhr Die Antwort fort, »würde Ihr Boss einen Killer benötigen, um einen Zeugen und vermeintlichen Spitzel auszuschalten, müsste er seinen Bekannten um Hilfe bitten, und ich bekäme meine Chance. Ich wollte fischen und brauchte einen schleimigen Wirm als Köder.«
Du warst das? Du hast seine Mails an meinen Com geschickt? Du hast es aussehen lassen, als würde ich ihn ausspionieren! Markus sabberte wütend.
»Betrachten Sie Ihr unfreiwilliges Mitwirken an Erlkönigs Verhaftung als Buße für Ihre Verbrechen.« Die Antwort warf sich die Tarndecke über und verschwand hinter dem falschen Umgebungsbild. Die letzten Käfer schlüpften in die Täuschung, dann erklangen sich Richtung Tür entfernende Schritte.
»Eine Verabredung mit jemandem, der den Erlkönig vor mir aufspüren konnte. Wie aufregend.«
18.01.2048, Texas
Fliegen bot den Rausch, mit doppelter Schallgeschwindigkeit über die Prärie zu rasen. Das Gefühl, den hochmodernen Wasp-Waffenträger zu kontrollieren, unter dessen Deltaflügeln vier Coyote-II-Raketen hingen. Lenkwaffen, die ein Terroristencamp innerhalb von Sekunden in eine expandierende Wolke aus Feuer, Trümmern und Leichenteilen verwandeln konnten. Walther T. Easons Drohne war schon auf drei Kontinenten im Einsatz gewesen, er hatte sie über Steppen, Wüsten und Dschungel gelenkt. Walther selbst hatte es allerdings nie weiter als bis nach Veracruz, Mexiko geschafft.
Schlürfen aus der Nebenbox. Benjamin »Benny« Parker hatte sein Mikrofon zur Seite gebogen und saugte an seiner Pepsi. Zu Beginn des Lehrgangs bei Waving Flag Incorporated war Benny noch spindeldürr und drahtig gewesen. Ein Ex-Soldat, auf inspirierende Weise erfüllt von patriotischem Eifer. Zweieinhalb Dienstjahre, eine Heirat und drei bezaubernde Kinder später spannte seine Dienstkleidung über einem Waschbärbauch und nicht mehr die Flagge, sondern College-Football-Spiele, Barbecue-Wettbewerbe und das Feierabendbier bei Janes’ ließen seine Augen leuchten.
»Wir bauen einen Pool«, unterbrach Walther das nervige Schlürfen.
»Meine Tam will auch einen für die Kinder, aber mehr als so ein Stahlgerippe-Aufstellteil könnten wir uns nicht leisten. Was bekommt ihr?«
»So ein Aufstellteil … Aber ist doch egal. Wasser ist nun mal teuer.«
»Ahh!« Der Kampfdrohnenpilot holte ein belegtes Baguette hervor, wer weiß, woher. »Erstklassiges Beef, Ei, extra Majo und geröstete Zwiebeln – was sagt uns das?«
»Dass Tam es nicht erwarten kann, dass du einen Herzinfarkt bekommst«, scherzte Walther.
»Das heißt, dass sie mich liebt und mir alles gönnt.« Benny öffnete den Zip-Verschluss des Frischhaltebeutels.
Walther warf einen ungläubigen Blick auf seinen Kollegen, der fröhlich sein Baguette auspackte, aus dem Mayonnaise hervorquoll wie Wasser aus einem artesischen Brunnen. »Das willst du jetzt nicht wirklich essen?«
Benny zuckte mit den Schultern. »Ist doch nur eine Routinepatrouille.«
»Wenn unser Supervisor dich beim Brunchen erwischt, bist du erledigt. Das ist dir hoffentlich klar?«
»Frank hat sich krankgemeldet. Wir supervisen uns heute selbst.« Er biss von dem Baguette ab und verdrehte selig die Augen.
»Tu wenigstens so, als wärst du ein richtiger Pilot!«
»Wir sind keine richtigen Piloten.« Benny schmatzte, schluckte. »Die Wasps machen alles selbstständig. Klar, wir könnten sie ein bisschen nach rechts und links bewegen, und sie tun dann so, als hätten wir die Kontrolle. Aber versuch mal, richtig vom Kurs abzuweichen oder die Waffen zu aktivieren.«
»Klar, wenn ich verrückt wäre!«
Mit feistem Grinsen lehnte sich Benny vor und drückte mit dem Ellenbogen gegen seinen Flightstick. »Oh oh, verdammt, sie schmiert ab, sie schmiert ab! Nein, doch nicht. Sie bleibt auf Kurs, weil die künstliche Intelligenz sie steuert und mir den virtuellen Finger zeigt. Tja, dann kann ich auch essen …« Ein weiteres Stück Herzinfarkt-Baguette verschwand zwischen seinen Zähnen.
»Ich sollte dich melden!« Walthers Hand umklammerte den Flightstick. »Die werden uns noch feuern! Und wer bezahlt dann den verdammten Pool?«
»Die feuern uns nicht. Schließlich sind wir die moralische Alibi-Instanz. Die Wasps sind Killerroboter, und weil Killerroboter nun mal verboten sind, laut UN-Dingsbums-Vertrag, sitzen wir hier und tun für Waving Flag bzw. die Army so, als würden wir sie steuern.« Er hustete. »Auch wenn die in Wahrheit alles machen, was CENTCOM ihnen vorgibt …«
Ein trockenes Klacken, bei dem Walther das Blut in den Adern gefror, unterbrach Bennys Rede. An Walthers Waffenkonsole senkten sich Knöpfe, Wahlschalter wählten, Kippschalter kippten, und es leuchtete überall grün. Mit einem tickernden Signalton loggten sich die Raketen auf ein Ziel ein, was durch ein unternehmungslustiges PING bestätigt wurde.
»Was zum Teufel?« Ungläubig starrte Walther auf das Holobild. Ein Ruck ging hindurch, als alle Coyotes abgefeuert wurden und auf vierfache Schallgeschwindigkeit beschleunigten.
»Was machst du?« Bennys Stimme drohte sich zu überschlagen.
»Ich mach gar nichts! Das ist der Roboter! Abbruch! Oscar, Uniform, Tango!« Er zerrte an dem nutzlosen Flightstick. Seine Eingaben wurden ignoriert. »Oscar, Uniform, Tango!«
»Abbruch!« Benny ließ sein Baguette fallen, warf sich auf die niedrige Trennwand, rüttelte mit mayonnaiseverschmierten Fingern am Waffenkontrollschalter und drehte den Schalter für die Zielverfolgung auf Aus. Doch das Licht leuchtete weiter.
»Abbruch!«, riefen beide im Chor, aber es half nichts. Die Coyote-Raketen rasten, helle Kondensstreifen hinter sich herziehend, auf die Skyline von Austin zu.
Das ist nicht fair, dachte Walther. Absolut nicht fair.

»Das ist nicht fair!« Amanda B. Chershi schlug mit der flachen Hand auf den Schreibtisch, vermutlich zum ersten Mal in ihrem Leben. Es war ein gebremster Schlag, ausgeführt von einer zierlichen Hand, die zum Zusammensetzen empfindlicher PI-Kerne, aber nicht für grobe handwerkliche Arbeit taugte. Daher gab es nur ein Geräusch, als würde jemand eine Kaffeetasse zu hart abstellen.
Ms. Gina Noone-Bar blickte von ihrem Holoschirm auf und warf einen misstrauischen Blick durch den Eingang von Direktor Snyders Büro, der, wie es die Statuten gegen sexuelle Belästigung forderten, weit offen stand, obwohl der Raum ohnehin ein videoüberwachter Glaskasten war und weniger Privatsphäre bot als ein Terrarium im Zoo. Julian Snyder konnte aus den Augenwinkeln sehen, wie die neugierige Krähe die Ohren spitzte. Er versuchte, seiner Stimme einen ruhigen, geschäftsmäßigen Klang zu geben:
»Ich habe entschieden: Wir schalten AIUDs Gedankenprozesse ab und beginnen ganz von vorn. Der ZAA – das ist hart, ich weiß.« Er lehnte sich in seinem cremefarbenen Sessel zurück und blickte in die wässrig glänzenden Augen seiner jungen Chefentwicklerin, die hinter der Datenbrille noch größer wirkten. Amanda Chershi war dreiundzwanzig Jahre alt, aber manch ein Kollege nannte sie immer noch das Wunderkind. Sie hatte ein schmales Stubenhockergesicht, eine Stupsnase und kastanienbraunes Haar, welches sie immer zu einem herausfordernd langweiligen Linksscheitel frisierte, obwohl sie wissen musste, dass über den Tag immer wieder Strähnen nach rechts entkommen würden. Er kannte Amanda seit sechs Jahren und mochte sie, obwohl der Umgang mit ihr nicht immer leicht war. Er schätzte ihre Intelligenz und naive Bescheidenheit, die es ihm ermöglichten, durch ihre Arbeit zu glänzen. Im Gegenzug erfüllte er gern ihre bescheidenen Wünsche und nahm Lasten von ihren Schultern. Wenn er die Dankbarkeit in ihren Augen sah, fühlte er sich gut. Aber diesmal konnte er nicht nachgeben. Du verstehst nicht, wie dünn das Seil ist, an dem alles hängt, dachte er und erklärte: »Ich muss tun, was das Beste für das Projekt ist. Punkt.«
»Welcher Punkt? Sag nicht Punkt! Wie kann das das Beste für uns sein?« Die Feuchte begann in ihren Augenwinkeln zu Tränen zu kondensieren. Sie nahm ihre Brille ab und wischte den Glanz wütend mit dem Ärmel ihres Laboranzuges weg. »Du riechst nach Seetang, er ist überall auf dir – das bedeutet Angst. Wovor hast du Angst?«
Erwischt, dachte er. War ja klar.
Sie war Synästhetin mit starker empathischer Gabe. Fremde Gefühle nahm sie besonders intensiv wahr, auch in Form von Düften und manchmal als bildliche Vorstellung.
Die Krähe kritzelte eilig mit dem Finger auf ihrem Tablet herum, dabei erhob sie sich.
Amanda zog ein Desinfektionstüchlein aus der Tasche und rieb damit entschlossen über ihren Ärmel. Ein Tick, den Julian rührend fand.
»AIUD ist keine Workstation, die man einfach runter- und wieder hochfahren kann.« Sie beugte sich über seinen Schreibtisch und sagte eindringlich: »AIUD ist lebendig, ein fühlendes, sich seiner selbst bewusstes Wesen. Julian, du darfst ihn nicht ermorden, nur weil du dich fürchtest. Er ist noch kein halbes Jahr alt und hat schon so viel für uns getan. Das wäre falsch und dumm, und ich habe dich nie für dumm gehalten.« Sie warf das Tüchlein vor ihn auf den Tisch wie einen Fehdehandschuh.
»Amanda!« Er drehte den Kopf zur Seite, hielt zum ersten Mal ihrem Blick nicht stand. Was sollte er antworten? Dass sie recht hatte? Dass all die Sicherheitsmaßnahmen, die sie ergriffen hatten, ihm plötzlich nicht mehr ausreichten? Ihm lächerlich erschienen wie das sprichwörtliche Pfeifen im Walde, obwohl es nicht mal den Versuch eines Sicherheitsverstoßes gegeben hatte? Amanda war auf ihrem Gebiet ein Genie, daran konnte es keinen Zweifel geben. Aber wie so oft bei Genies gab es auch Bereiche des Lebens, die ihr verschlossen blieben, wie die gesunde Furcht vor dem Unbekannten. Selbst wenn er seine Bedenken begründen könnte, würde sie es verstehen? Wohl nicht.
Die Krähe hatte eine Lauschposition neben der Tür eingenommen, das Gerät mit der Alibinotiz fest zwischen den Klauen.
»Das ist mein Baby, Julian!« Eine Träne lief über Amandas Wange. »Ich lasse nicht zu, dass du ihn umbringst.«
Der Krähe klappte die Kinnlade herunter.
»Das ist mein Projekt! Ich bin hier verantwortlich!« Julian hatte sich erhoben und stützte sich schwer auf den Schreibtisch. Sein Blick streifte die in Silber gerahmten Bilder seiner Frau und ihrer beiden Töchter, die ihm prompt zuwinkten. Er atmete tief aus. »Wenn du dich beruhigst, erkläre ich dir, wie es weitergeht.«
Sie rieb sich über die Augen. »Du willst mich doch nur einlullen, bis es zu spät ist! Wenn nötig, gehe ich direkt zu Wheelwright!« Sie erhob sich und zog den Reißverschluss ihres Laboranzugs hoch.
»Bitte …«
Diesmal ließ sie ihn nicht ausreden.
»Mal hören, was er dazu sagt! Ich glaube nicht, dass er bereit ist, sein Projekt zu verzögern.«
Schon huschte sie an der Krähe vorbei in das Großraumbüro, das ein Vierteloval der sechsundvierzigsten Etage des Wheel-Gebäudes einnahm. Gute vierhundert Quadratmeter, beherrscht von Arbeitsinseln und Mietpflanzen. Julian sah ihr nach, wie sie mit dem Blick am Boden, um möglichst keine fremden Gefühle zu erfassen, durch den Dschungel auf die Fahrstühle zusteuerte. So wütend, wie sie war, würde sie ihre Drohung auch umsetzen.
Besser, ich rufe Wheelwright zuerst an und überzeuge ihn von einem Neustart, überlegte er. Dann wandte er sich mit strahlendem Lächeln an die Krähe: »Und wie kann ich Ihnen helfen?«
Bevor sie antworten konnte, wurde das Gebäude von einem furchtbaren Schlag getroffen. Der Boden unter Julians Füßen hob sich, die Sicherheitsscheiben rissen, und das ganze Stockwerk neigte sich. Pflanzen, Möbel, Computer und Menschen kamen in Bewegung, alles rutschte ab und stürzte auf den selbst auch fallenden Direktor zu. Julian verstand zwar nicht, was geschehen war, erfasste die Situation aber nüchtern und zog einen klaren Schluss: Das war’s also.
Die zweite und die dritte Explosion ereigneten sich direkt im zentralen Stahlbetonturm. Sie rissen das Rückgrat des Gebäudes in Stücke, zerrieben die Etagen fünf bis acht zwischen sich wie Hammer und Amboss und verteilten die Reste des Bauwerks über eine Fläche von einem Quadratkilometer. Als es vorbei zu sein schien und die Menschen auf dem Wheel-Platz und in den umliegenden Straßen ihre Gesichter hoben und ungläubig auf den in Staub gehüllten Trümmerberg starrten, wo eben noch ein zweihundertfünfzig Meter hohes Gebäude gestanden hatte, fiel ein Komet im 90-Grad-Winkel vom Himmel und bohrte sich mit vielfacher Schallgeschwindigkeit in die gesicherten Untergeschosse des KI-Labors. Als hätte die Waffe nur darauf gewartet, dass all die im Weg stehenden Etagen abgeräumt worden waren. Die Explosion zerriss die Super-KI AIUD, drückte den U-Bahn-Tunnel und eine Tiefgarage ein, ließ die Hauptwasserleitung und einige Gasleitungen platzen und kappte die Glasfaserverbindung des gesamten Geschäftsviertels.
Zweihundertsiebenundachtzig Menschen und die künstliche Intelligenz AIUD starben bei dem Anschlag. Acht der Opfer blieben verschollen, die meisten waren Techniker, die im Tiefgeschoss über AIUD gearbeitet hatten. Julian Snyder blieb ihr Schicksal erspart. Seine Leiche wurde geborgen – jedenfalls sein Kopf, Teile des Oberkörpers und der rechte Arm. Sie wurden am 14.02.2048 neben dem Grab seines Großvaters beigesetzt. Mit in seinem Sarg lag auch ein falsch zugeordnetes Bein, das einmal Ms. Noone-Bar, der Krähe, gehört hatte.
