Читать книгу: «Gesundheit durch die Kraft der Nahrung»



Achtsames Essen verbindet uns mit der Nahrung, die uns von der Natur, den Lebewesen und dem Kosmos geschenkt wird, und drückt unsere Dankbarkeit dafür aus.
Thich Nhat Hanh
Vorwort
Stellen Sie sich einmal folgende Fragen:
• Was wäre für mich und meine Familie das Allerwichtigste, um für Gesundheit und Wohlbefinden zu sorgen?
• Was kann ich meinem sozialen Umfeld oder meiner Familie anbieten, um gemeinsam etwas zu kreieren?
• Was kann ich tun, um die Nahrungsmittelproduktion und damit das Klima zu verbessern?
• Was will ich meinen Kindern im Leben mitgeben?
• Wie kann ich unabhängiger von der Konsumgesellschaft werden?
• Wie gelange ich zu einem tieferen Verständnis meines Körpers, der Erde und den zusammenhängenden Kreisläufen der Natur?
Auf alle diese Fragen können Sie antworten:
Ich kann selbst kochen.
Ich schätze mich glücklich, in einer Familie aufgewachsen zu sein, in der es selbstverständlich war, dass gutes, selbst gekochtes Essen nicht nur wertvoll, sondern die Grundlage für ihr Wohlergehen war. Schon früh wurden mir die Möglichkeiten und Einsatzbereiche von Nahrungsmitteln bei diversen Wehwehchen aufgezeigt und auch erfolgreich angewandt.
Im Zuge meiner Ausbildung als Ernährungsberater und Berater nach der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) habe ich erst verstehen gelernt, was und vor allem warum meine Mutter etwas in ihrer Kochkultur getan hat. Darüber hinaus erwarb ich durch das Eintauchen in die Welt der Ernährung kostbares Wissen über mich selbst, über die Natur, die Wandlungsphasen und Zusammenhänge auf der Erde. Ich erlangte die Fähigkeit, mich selbst als einen Teil des Prozesses zu sehen, als Menschen zwischen Himmel und Erde, als Geschöpf, das kosmische Energie über Atmung und Nahrung transformiert. Damit noch nicht genug, ich gelangte zu einem Wissen, das mir ermöglichte, Symptome zu differenzieren, Ungleichgewichte mit Pflanzen auszugleichen und meine Familie zu behandeln. Ich kann mich nicht erinnern, mit meinem 12-jährigen Sohn jemals wegen einer Erkrankung ärztliche Hilfe in Anspruch genommen zu haben. Die Tradition der Naturmedizin und die traditionelle Küche ermöglichen uns, Gesundheit, Rituale, Gemeinschaft, Rhythmen, Zusammenhänge, Selbstvertrauen, Bakterien, bäuerliche Betriebe und vieles mehr aufzubauen und zu verstehen. Kann man die Welt „verstehen“, ohne sich selbst zu verstehen? Und gibt es ein „Ich“ ohne alle anderen notwendigen Phänomene da draußen?
Es ist sehr befriedigend, für die eigene Gesundheit sorgen zu können, die eigenen Speisen und Getränke so zu gestalten, wie es individuell sinnvoll ist. Wenn man zusätzlich noch die Nahrungsmittel wie auch die Zubereitungsarten versteht und richtige Kombinationen wählt, ist das ein großer und wichtiger Schritt in Richtung Selbstversorgung. Um uns bewusst zu machen, was uns wirklich nährt, was Nahrung wirklich sein kann, ist es notwendig, wieder in die eigene Küche, wenn möglich in den eigenen Garten und zu einer unabhängigen, authentischen, zutiefst menschlichen Tätigkeit zurückzukehren: dem Kochen.
Unsere moderne Welt drängt die Gesellschaft in begrenzte Arbeitsrollen. Jede/r soll ihre/seine gewisse spezielle Arbeit ausführen oder etwas herstellen und die restliche Zeit mit dem Konsumieren oder Outsourcen an sich wichtiger Dinge verbringen. Für Mahlzeiten ist beispielsweise das Restaurant oder der Supermarkt zuständig, für unsere Gesundheit die Ärztin oder der Arzt, für unsere Unterhaltung die Kulturschaffenden, also etwa das Fernsehen, Kino, Theater oder das Internet. Wenn es uns psychisch nicht gut geht, wenden wir uns an eine Psychotherapeutin oder einen Psychotherapeuten oder lassen uns Pharmazeutika verordnen. Wir haben verlernt, selbst für diese Dinge zu sorgen, da es dafür Spezialistinnen und Spezialisten gibt und wir ohnehin schon mit unserer Arbeit überfordert sind. Unsere Welt bildet keine Rahmenbedingungen mehr aus, um uns erkennen zu lassen, wo unser Verantwortungsgebiet anfängt und wo es aufhört, welche Handlungen wir selbst setzen sollten und was zu einem guten Leben gehört.
Ich glaube, dass weite Bereiche unserer physischen und psychischen Gesundheit und Ernährung in unserer Verantwortung liegen und auch nicht abgegeben werden können. Tagtäglich erzählen mir meine Klientinnen und Klienten von ihren teils jahrzehntelangen Leiden, und ich nehme die Entwicklungen und Interventionen wahr, die „außen“ und von „innen“ geschehen sind. Ich höre auch, was geholfen hat und was nicht. Oft fungieren Therapeutinnen und Therapeuten, Ärztinnen und Ärzte nur beratend und erteilen mehr oder weniger entscheidende Hinweise und Empfehlungen. Sie können mit viel teurem Equipment Diagnosen stellen und mittelfristig Medikamente verabreichen, die gut und notwendig sind. Für eine grundlegende Heilung gilt es jedoch, die Natur und die Wurzel der Erkrankung zu erkennen. Eine langfristige Heilung ist am ehesten durch die Veränderung und die Einsicht der Klientinnen und Klienten möglich, also aus dem eigenen Tun heraus. Oft sind es Dinge, die mit dem Gesundheitsfaktor Nummer eins zusammenhängen: der Ernährung. Selbst zubereiten, selbst verantworten, Veränderungen zulassen, produzieren statt konsumieren ist meine Empfehlung. Der Wirkkreis Küche hat dazu jedenfalls eine große Bedeutung.
Im Laufe meiner langjährigen Tätigkeit als Ernährungs- und TCM-Berater ist von meinen Klientinnen und Klienten immer wieder der Wunsch nach einem schriftlichen Leitfaden über meinen Zugang zu Lebensmitteln und Ernährung geäußert worden. Ich habe immer argumentiert, dass es bereits unzählige Bücher zu diesem Thema gibt. Mir ist jedoch aufgefallen, dass kaum konzeptübergreifende Informationen zu finden sind. Es liegen viele Bücher über TCM-Ernährung vor, über vegane, rein pflanzliche Ernährung, Kochbücher nach Ayurveda oder wissenschaftliche Werke mit ausführlichen Tabellen über Inhaltsstoffe und mit westlichen, analytischen Zugängen. Ein Buch, in dem altes traditionelles Wissen mit modernen Erkenntnissen und zeitgemäßen Informationen kombiniert wird, ist kaum zu bekommen. Das spiegelt sich im Zugang der Menschen zu ihrer Ernährung wider, es wird vorwiegend in östlich-traditionellen und westlich-biochemischen Lagern gedacht und gehandelt. Oberflächlich betrachtet erscheinen die Systeme wie Parallelwelten, da es keine gemeinsame Sprache gibt. Ein Anliegen dieses Buches ist es, diese Lücke zu schließen und ein umfassendes Verständnis zu vermitteln.
Gesunde Ernährung ist hochaktuell. Wir leben in einer Zeit, in der unsere Widerstandsfähigkeit gegenüber äußeren Einflüssen Thema ist. Dieses Buch ist eine Erinnerung an die gegenseitige Abhängigkeit aller Lebewesen voneinander und die Notwendigkeit, jedes Verhalten zu überdenken, das anderen Wesen und unserem Planeten schadet. Wir müssen auf unseren Umgang mit Tieren, mit unserer Umwelt, mit Pestiziden, mit der Verschmutzung und Ausbeutung des Planeten achten. Unser Wasser, unsere Nahrungsmittel und das Mikrobiom unserer Erde sind in Gefahr. Wir müssen dringend handeln und wieder zu einem Gleichgewicht zurückkehren. Es existiert nur diese eine Erde, die uns am Leben erhält. Unsere Ernährung und die Nahrungsmittelbeschaffung sind dringende und wichtige Grundthemen, gerade jetzt.
Es ist mehr als bedauerlich, dass die Gesundheit in diesem Zusammenhang von den Medien und der Politik ausschließlich mit laborbasiertem Wissen, Gesetzen und Symptom-Bekämpfungsmaßnahmen diskutiert wird. Den Menschen wird Angst gemacht und durch den Staat das Gefühl der Machtlosigkeit und Abhängigkeit suggeriert.
Ich habe den Eindruck, dass die Menschheit immer mehr in eine Situation gerät, wie sie bereits in Tierfabriken vorzufinden ist. Unsere „Vorsorge“ besteht aus Testen, Impfen, physischer Distanz und Maske. Tiere in der Massentierhaltung werden prophylaktisch geimpft und tonnenweise mit Antibiotika versorgt. Die Pharmaindustrie versucht dadurch, das Immunsystem zu ersetzen. Jeder kleinste eingeschleppte Keim kann jedoch eine Epidemie auslösen und Tausende Tiere töten. Am Ende schaffen es die Tiere gerade noch zur Schlachtbank. In einer natürlichen Umgebung könnten sie keine Woche überleben, da sie die Vielfalt der Organismen und Klimabedingungen aufgrund ihres schlechten Immunsystems nicht mehr ertragen. Die pharmazeutische Vorsorge kann niemals das leisten, was ein natürliches Immunsystem vermag.
Die Traditionelle Chinesische Medizin, die heimische Naturheilkunde wie auch ganzheitlich gedachte Lebenskonzepte und deren Lebensphilosophien hätten ausreichend Möglichkeiten für eine ursachenbasierte Hilfe. Nur eine natürliche und gesunde Vorstellung darüber, was Gesundheit wirklich bedeutet und was dafür notwendig ist, kann uns langfristig helfen. Wir müssen uns das naturheilkundliche traditionelle Verständnis und das Wissen darüber, welche Lebensmittel wir wann brauchen, wieder aneignen, um unser Immunsystem zu stärken und Krankheiten vorzubeugen und zu behandeln.
In Bezug auf die Gesundheitsversorgung würden alle Menschen von einem medizinischen Pluralismus und einer Synthese alter und neuer Wissenschaften profitieren. Dieser Pluralismus würde unser Gesundheitssystem entlasten und den Patientinnen und Patienten Zugang zu individualisierten Gesundheitsoptionen aus verschiedenen medizinischen Disziplinen verschaffen. Wir wissen immer mehr, was Biomedizin leisten kann und was nicht. Die Schulmedizin ist starr, beschränkt und bezieht viele Faktoren des Menschlichen nicht mit ein. Ein neues ganzheitliches Denken ist erforderlich.
Zudem ist es unbedingt notwendig, den Nahrungsmittelbereich aus der Wettbewerbswirtschaft herauszuholen. Lebensmittel müssen neu bewertet werden, wir brauchen mehr Verantwortungsbewusstsein für die Landwirtschaft und die Zukunft unserer Böden. Unsere Erde ist als Spiegelung unseres körpereigenen Mikrokosmos „Darm“ zu verstehen. Solange sie nicht gesund ist, werden wir und unsere Immunsysteme auch nicht gesund sein. Das gehäufte Auftreten gewisser Erkrankungen (Autoimmunerkrankungen, Krebs, chronische Erkrankungen wie Schilddrüsenprobleme, degenerative Gehirnerkrankungen usw.) gibt uns ein Bild über den Zustand unserer Gesellschaft im Zusammenhang mit der Umwelt.
Die Veränderung muss aber auch bei uns, in unserem Einkaufsverhalten und in unseren Küchen, stattfinden. Die Verantwortung über unsere Gesundheit ist nicht an ein System, eine Ärztin, einen Arzt oder das Angebot im Supermarkt delegierbar. Immer wieder erlebe ich Klientinnen und Klienten mit langwierigen, komplexen oder chronischen Erkrankungen, die auf ihr Ernährungsverhalten zurückzuführen sind. Viele dieser Menschen haben sich wenig um ihre Nahrungsaufnahme gekümmert und allein auf die Hilfe der Schulmedizin vertraut. Unser Gesundheitssystem würde ich eher als „Krankensystem“ bezeichnen, es bietet kaum Anreize und Anleitungen für präventive Selbsthilfe. Aber gerade hier liegt der Schlüssel zur Volksgesundheit. Die vielversprechenden Entwicklungen unserer Hightech-Medizin waren in diesem Punkt wenig hilfreich und haben langfristig wie ganzheitlich gesehen den Gesundheitszustand unserer Bevölkerung nicht verbessert. Es ist ein Paradox, dass Ärztinnen und Ärzte im Fächerkanon ihrer Ausbildung nicht eine Stunde über die Grundlagen der Gesundheit durch Ernährung aufgeklärt werden. Für mich ist die Naturheilkunde unsere Medizin, die Schulmedizin die Alternativmedizin. Würden wir alle über die Möglichkeiten der Naturheilkunde und Ernährungsmedizin Bescheid wissen, bräuchten wir viele teure Therapien und Medikamente der Schulmedizin nicht. Gegenwärtig erleben wir allerdings eine dramatische Verschlechterung unserer Nahrungsmittel.
In meiner Praxis und in meinem Umfeld sehe ich immer wieder, dass richtige Nahrung und eine konsequente Umstellung auf pflanzliche Nahrungsmittel großartige Verbesserungen herbeiführen können. Die Menschen werden dadurch nicht nur körperlich gesünder, sondern auch psychisch stabiler. Sie haben plötzlich mehr Energie, strahlen wieder, riechen besser, schlafen besser, die Haut wird schöner, Schmerzen verschwinden usw. Richtig und gezielt eingesetzte Lebensmittel sind eine äußerst effektive Medizin und die Basis unserer Gesundheit. Aus meiner Sicht werden unsere Nahrungsmittel, unser Wasser und Heilkräuter die entscheidenden Faktoren für die Zukunft unserer Menschheit sein.
Inhalt
Wo stehen wir?
Unser Ernährungssystem ist krank
Kochen ist mehr als Nahrungszubereitung
Weniger ist mehr!
Pflanzliche Nahrung als Lösung?
Die Lebensmittelindustrie
Brauchen wir Fleisch oder Kuhmilchprodukte?
Verantwortung für uns und die ganze Welt
Gefahr aus der Massentierhaltung
Ernährungssouveränität
Traditionelle Chinesische Medizin
Die chinesische Naturheilkunde und Ernährungslehre
Die Lehre der fünf Wandlungsphasen
Die zwei Welten: westliche Diätetik und östliche Naturheilkunde
Fünf Elemente für eine ganzheitliche Energieaufnahme
Rezepte nach TCM
Darmgesundheit und Diagnose
Die Bedeutung des Darm-Mikrobioms für unsere Psyche und Gesundheit
Unsere Ausscheidungen
Selbstdiagnose
Mit bewusster Ernährung zu einem gesunden und nachhaltigen Leben
Wie eine gesunde Ernährung aussehen soll
Trinken – was und wie viel?
Kräutertee
Jahreszeiten und Organuhr
Kochmethoden
Schneidetechniken
Kochgeschirr und Fette
Essen richtig reihen, gesund verdauen
Sauer oder basisch?
Ist Bio ein Muss?
Brot und Gebäck
Zucker
Was braucht ein Baby?
Was brauchen Kinder und ältere Menschen?
Abkehr von industriellen Nahrungsmitteln
Nahrungsmittel im Porträt
Gemüse
Obst
Getreide, Pseudogetreide, Hülsenfrüchte, Nüsse und Samen
Algen
Wildkräuter und Wildpflanzen
Fasten
Herangehensweise
Anhang
Wo stehen wir?

Unser Ernährungssystem ist krank
Tonnen an Obst und Gemüse werden auf heimischen Feldern oder in Supermärkten vernichtet sowie klimaschädlich über weite Wege importiert. Heimische Bauern stehen unter enormem Konkurrenzdruck und in den Import-Herkunftsländern werden ganze Gebiete zerstört und Menschen ausgebeutet. Nahrungsmittelkonzerne verkaufen uns unser eigenes Wasser und patentieren Pflanzen aus Profitgier. In den Ställen, Schlachthäusern und bei Transporten spielt sich unglaubliches Tierleid ab. Die weltweite Massentierhaltung ist für die Gesundheit des Menschen eine immer größere Gefahr und unsere industrialisierte, denaturierte Lebensmittelindustrie leistet einen großen Beitrag dazu, dass wir an Müdigkeit, Allergien, Nährstoffmangel, chronischen Krankheiten und Krebs leiden. So kann es nicht weitergehen!
Man kann es drehen und wenden, wie man will: Möchten Sie langfristig gesund werden oder bleiben? Dann sind gesunde, frische und biologische Nahrungsmittel und ihre richtige Zubereitung unverzichtbar. Die Ernährung ist und bleibt die Basis unserer Gesundheit. Viele Menschen glauben, dass es einen bequemeren, einfacheren und vermeintlich billigeren Weg zur Ernährung gibt. Selbst am Herd zu stehen, ist für viele keine Option mehr. Als Alternative wird Fertignahrung aus industrieller Erzeugung und geliefertes Essen vom Inder nebenan serviert. Langfristig gesehen ist das nicht gesund. Durch den Konsum von zu viel ungesunden Fetten, Weißmehl und Zucker leiden bereits mehr als 30 Prozent der Menschen an den Folgen von Nährstoffmangel und chronischen Erkrankungen.1 Hinzu kommt, dass sich in den letzten 50 Jahren der Geschmack und die Mikronährstoffe unserer Lebensmittel messbar verändert haben, glaubt man dem Biochemiker Donald Davis. Er geht bei Obst und Gemüse von einem gemittelten Mineralstoffverlust von bis zu 40 Prozent aus.2 Ähnlich verhält es sich bei Vitaminen und Proteinen. Orangen weisen im Vergleich zu früher nur noch 10–15 Prozent an Vitamin C auf, Tomaten haben 75 Prozent ihres Kalzium-Gehalts verloren und Brokkoli enthält 80 Prozent weniger Kupfer.3 Selbst bei Bio-Nahrungsmitteln soll die Tendenz nicht wirklich besser sein.
Anderen Quellen zufolge sind die Ursachen des Nährstoffmangels in schlechten Böden, falscher Düngung, mangelnder Diversität, unnatürlicher Züchtung, fehlender Reife, langer Lagerung und Transport usw. zu suchen.4 Ein Nährstoffmangel kann auch aufgrund einer falschen Zusammenstellung der Nahrung oder schlechter Resorptionseigenschaften unserer Verdauungsorgane entstehen. Statt auf Standard-Supermarktware zu setzen, empfehle ich, alte Sorten aufzuspüren sowie neue lokale Einkaufsmöglichkeiten zu nutzen. Sie werden es selbst bemerken, die Nahrungsmittel schmecken besser und intensiver.
Darüber hinaus verfolgen viele den Trend zu Nahrungsergänzungsmitteln. Meinem Verständnis nach ist es nicht das Gleiche und außerdem sind diese sehr teuer. Einige Forscher sehen die Zukunft der Landwirtschaft sogar im Anbau von Nahrungsmitteln auf Nährlösungen. Auch das Züchten von Insekten steht auf der Liste der Zukunftsvisionen. Aber sind das wirklich ganzheitliche, brauchbare Lösungen? Sollten wir nicht besser wieder zu einer regionalen, kleinteiligen, biologischen Landwirtschaft zurückkehren? Sollten wir der gesunden Ernährung nicht wieder einen wichtigen Platz einräumen? Lassen wir unsere Küchen wieder zu einem Platz der Freude, Gesundheit, des Geschmacks und Gemeinschaft der Familie werden.
Kochen ist mehr als Nahrungszubereitung
Wenn Sie mich fragen, gibt es nichts Schöneres, als für meine Familie und mich zu kochen. Es ist entspannend und bereitet Freude, besser als jede Büroarbeit oder Beschäftigung „im Außen“. Man kann mit den eigenen Händen Großartiges zaubern, die Kinder miteinbeziehen und in Verbindung mit sich und seinen Nächsten treten. Wie kam es nur so weit, dass wir selbst kochen als verlorene Zeit ansehen? Wer hat unsere Küchen zu Fast-Food-Aufbereitungszonen verkommen lassen? Überlegen Sie einmal, mit welchen Glaubenssätzen Sie das Zuhausesein und das Kochen verbinden. Was ist schiefgelaufen, dass wir es negativ besetzen?
Einer meiner TCM-Lehrer hat das auf absurde Weise auf den Punkt gebracht: „Es ist gut, dass es die Mikrowelle gibt, denn wenn du sie benutzt, lebst du nicht so lange, also musst du Zeit sparen.“
Im Zuge meiner Beratungstätigkeit bin ich sehr oft mit den Auswirkungen von falscher Ernährung konfrontiert. Sogar gebildete Menschen leiden an chronischen Krankheiten, die mit Medikamenten nicht adäquat behandelt werden können. Sie wissen zwar alles über die Krankheiten, können aber keinen Zusammenhang zwischen den Krankheiten und ihrem Leben, der Natur und ihrer Ernährung herstellen. Sie sind nicht fähig, eine gute Suppe oder einen gesunden Brei für sich oder ihre Kinder zu kochen. Ihre Kinder haben Verdauungsprobleme, Neurodermitis oder ein schwaches Immunsystem. Es scheint sich um eine Parallelwelt zu handeln, in der das Befinden des Körpers mit dem, was man ihm zuführt, nichts zu tun hat. Eine gesunde Ernährung und Lebensweise kann man sich meiner Meinung nach nur schwer oder gar nicht anlesen. Sie ist vielmehr eine Kultur oder Tradition, die man übernimmt. Ernährung hat viele Aspekte: die Auswahl der Lebensmittel, der achtsame Einkauf, die eigene liebevolle Zubereitung, das gemeinsame Essen. Es sind nicht nur die Inhaltsstoffe, die wir messen können, es ist viel mehr, das uns ernährt. Die Riten, die Religionen, die Kombinationen von Lebensmitteln sind ein Ausdruck unserer Identität. Man könnte es als Ergebnis einer biokulturellen Evolution bezeichnen, über Tausende von Jahren angesammelt, deren „Sinn“ gelegentlich von der heutigen Wissenschaft erst im Nachhinein verstanden wird. Es gibt einen Grund, warum in Mexiko Mais meist mit Bohnen kombiniert wird. Die Asiaten wissen, warum die Sojabohne auf jeden Fall fermentiert werden sollte. Soja pur würde die Vitamin- und Mineralstoffaufnahme des Körpers blockieren und das Hormonsystem stören. Das Ernährungswissen der Traditionen ist lange geprüft und entspricht einer hohen Weisheit, die wir nicht achtlos gegen moderne pseudowissenschaftliche Trends austauschen sollten.
Als Ernährungsberater praktiziere ich mündlich übertragenes Wissen von meinen Lehrerinnen und Lehrern und all das, was ich von meinen Eltern darüber erfahren und selbst erlebt habe. Wissen ist das eine, Weisheit etwas anderes. Weisheit kommt aus der Seele, aus dem Herzen der Menschheit, sie ist die Anwendung und Praxis von Wissen, integriert als persönliche Erfahrung. Ein volkstümliches Gedicht, das ich einst vom 5-Elemente-Koch Horst Golser erhalten habe, dient mir als Leitfaden und verdeutlicht die Vielseitigkeit und zugleich Einzigartigkeit sowie den Zauber des Kochens.
Der Koch
Ist Magier, in dessen Zauberkessel sich die Elemente in einem Alchemie-Prozess zu einer neuen Einheit verbinden.
Ist Gelehrter, der um die Wirkung der einzelnen Ingredienzien Bescheid weiß.
Ist Künstler, der aus verschiedenen Geschmacksnoten Gedichte zu komponieren versteht.
Ist Architekt, der durch die Gestaltung des Ambientes dem Essen einen würdigen Rahmen verleiht.
Ist Priester, der es versteht, göttliche Kraft in die Nahrung einfließen zu lassen.
Ist Narr, der mit kindlicher Unbefangenheit scheinbar zufällig neue Gerichte kreiert.
Ist Liebender, weil er es versteht, dass die gesunde Ernährung Wohlbefinden des Geistes erlaubt und die Grundlage entspannender Momente ist.
Weniger ist mehr!
Das Leben lehrt, dass es uns nicht glücklicher macht, wenn wir tun und lassen können, was wir wollen. Im Gegenteil, die Ursachen von Leiden sind Ignoranz, Egozentrik und negative Gedanken. Glück ist etwas, das wir nicht von außen zuführen können, wenn, dann nur kurz, aber keinesfalls dauerhaft. Es ist eine bereits vorhandene Qualität in uns, die wir kultivieren müssen. Ein Grundstein für Glück ist, uns von schädlichen Zwängen unabhängig zu machen, etwas aufzugeben und damit in unserem Geist Freiheit zu schaffen. Glück bedeutet auch, etwas nicht zu tun, was anderen Lebewesen, einschließlich unserer Erde als lebendem Organismus, schadet. Unser Konsumverhalten bietet dafür ein breites Anwendungsgebiet.
Wir müssen uns von der Vorstellung trennen, dass der Verzicht auf einzelne Produkte, wie etwa Zucker, Schokolade, Fleisch, Fertigprodukte etc., ein Verlust von Freiheit oder Lebensfreude ist. Das sind alteingesessene Glaubenssätze, an denen wir festhalten, sie sind ein Zwang, der unsere Freiheit einschränkt. Gerade der Verzicht auf diese Nahrungsmittel kann zu einem Gewinn an Lebensqualität und Unabhängigkeit führen, das kann man nur erleben, indem man es probiert. Außerdem: Wir essen viel zu viel, weil wir nicht gut kauen, weil wir „verzuckert“ sind und weil unsere Nahrungsmittel durch die Industrialisierung arm an echten Nährstoffen sind. Die Herstellung tierischer Lebensmittel ist in Bezug auf Wasserverbrauch, Landnutzung und Futtermittelverwertung weder ökonomisch noch ethisch vertretbar. Die Anbauflächen der Erde sind begrenzt, die steigende Weltbevölkerung macht es notwendig, eine Veränderung unserer Ernährung vorzunehmen, allein, um die Nachhaltigkeit der Böden und Wälder zu gewährleisten.
Pflanzliche Nahrung als Lösung?
Immer mehr Menschen verzichten auf Fleisch und Fisch und leben mittlerweile vegetarisch oder vegan. Nach vielen Jahren der Beschäftigung mit Lebensmitteln kann ich dies nur gutheißen und zu einer rein pflanzlichen, sogar veganen Ernährung raten. Das bedeutet konkret: sehr viel Gemüse (auch Rohkost), Obst, Beeren, viele frische Kräuter, Gewürzmischungen, Samen, Sprossen, Keimlinge und eine kleine Menge an Kohlenhydraten wie Kartoffeln und glutenfreie Alternativen wie Quinoa, Amaranth, Buchweizen, Hirse, Hafer und Naturreis. Nüsse, Leinsamen, Sesam, Chiasamen, Bohnen, Kichererbsen und Linsen liefern hochwertiges Eiweiß in pflanzlicher Form. Statt Kuhmilch empfehle ich Milchersatz aus Hafer, Mandeln, Reis, Kokos oder Hirse. Viele Studien und Ernährungsgesellschaften weltweit erkennen mittlerweile eine rein pflanzliche Ernährung als gesunde Alternative zur herkömmlichen Mischkost an. In den alten religiösen Traditionen wie im Daoismus oder Buddhismus war der Verzicht auf Fleisch- und Milchprodukte bereits vor Tausenden Jahren populär. Viele Menschen, die danach lebten, haben von ganz einfachen, kargen Mahlzeiten am Tag bis ins hohe Alter gesund gelebt. Wir können also darauf vertrauen, dass wir rein pflanzlich gut, wenn nicht sogar gesünder leben können.
Die Lebensmittelindustrie
Ich habe den Eindruck, dass unsere Ernährung, bevor sie zur Wissenschaft geworden ist oder von Konzernen und der Werbung manipuliert wurde, ganz in Ordnung war. Jene Nahrungsmittel, die unsere Großeltern und Urgroßeltern auf dem Teller hatten, waren vermutlich gesünder als jene, die wir heute nach so viel „Aufklärung“ zu uns nehmen. Die Erfahrung der Traditionen, der gesunde Hausverstand und die kulturelle Überlieferung haben genügt, um gesundes Essen zu kochen. In den 1960er-Jahren ist es aufgrund der Industrialisierung der Landwirtschaft dann schwierig geworden. Ab diesem Zeitpunkt sind die Nahrungsmittel aus unseren Supermärkten fast verschwunden und etwas anderes, das man auch essen kann, hat die Regale gefüllt. Diese nahrungsähnlichen Produkte wurden von den Ernährungswissenschaften und der EU abgesegnet. In den Regalen, wo sich früher Gemüse, Fleisch und Getreide befanden, leuchteten bunte Etiketten auf schönen Verpackungen. Tierische Fette wurden auf einmal für schlecht befunden und durch gehärtete Pflanzenfette ersetzt. Weizen, Mais und minderwertiges Auszugsmehl (nicht mehr gängige Bezeichnung für Weizenmehl Type 405) waren günstig verfügbar, Milchprodukte und Zucker in rauen Mengen. Künstliche Geschmacksverstärker betrogen unsere Sinne. Chemische Substanzen zur Aufzucht von Tieren und Pflanzen wurden eingeführt und finden sich nach wie vor in unserem Essen. Monokulturen statt kleinteilige Landwirtschaft waren auf einmal möglich.
Eine Zeit lang war laut damaligen Studien Milch unverzichtbar für die Knochengesundheit. Das Fleisch unverzichtbar für das Wachstum unserer Muskeln. Für die Menschen wurde vieles leistbar, aber auch unübersichtlich und verwirrend. Die Milliarden-Euro-Lebensmittel-Marketingmaschine und die ständig sich verändernden Erkenntnisse der Ernährungswissenschaft trieben und treiben die Menschen noch immer in ein unübersichtliches Feld an sich widersprechenden Informationen. Sind Omega-3-Fette nun gesund oder schädigen sie vielmehr unser Gehirn, da die Fische mit Quecksilber verseucht sind? Wie viel und welche Fette sind gesund? Ist das Glas Rotwein am Abend doch nicht gesund? Machen Light-Produkte doch nicht schlank? Macht Schokolade doch nicht glücklich?
Je mehr wir die Inhaltsstoffe erforschten, desto ungesünder wurde auf Dauer unsere Ernährung, das große Ganze, der Blick auf die Weisheit der Tradition, ging verloren. Die westliche Ernährung brachte eine ganze Reihe an neuen Erkrankungen mit sich: Übergewicht, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs.
Die Ernährungswissenschaften sind unverzichtbar, sie haben uns wichtige Fragen beantwortet und im Detail bedeutende Erkenntnisse gewonnen. Unsere Ernährung ist jedoch etwas sehr Komplexes und Facettenreiches. Nur weitere Informationen wie die Geschichte, die Traditionen und Kulturen sowie die Naturheilkunde können zu einem gemeinsamen Sinn führen. Ernährung hat auch eine spirituelle Komponente, es geht nicht nur um die Aufnahme von Inhaltsstoffen. Wenn dem so wäre, hätte man sicher schon eine Ernährungspille erfunden, die das Essen ersetzt. Selbst in der modernen Medizin ist es bis heute nicht gelungen, Menschen im Krankenbett langfristig künstlich zu ernähren.
Es hat den Anschein, als gäbe es mittlerweile einen generellen Zwiespalt zwischen östlichem und westlichem Wissen sowie zwischen traditioneller und moderner Wissenschaft. Wir Menschen in unserem materialistischen System neigen dazu, modernes Wissen als Fakt, als richtig einzustufen. Mich überrascht immer wieder der Glaube der Gesellschaft an die aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse. Es scheint daran wenig Zweifel zu geben. Kritische Fragen werden meist nicht gestellt. Dabei vergisst man häufig die Tatsache, dass das, was heute in Labors und Forschungseinrichtungen bestätigt wird, morgen schon wieder alt sein kann. Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, dass das, was wir nicht wissen, vielleicht wesentlich größer ist als das, was wir wissen? Unsere westliche Wissenschaft bildet nur das ab, was wir wissen.
Stellen wir uns einmal vor, wie derzeit aktuelle Methoden in fünfzig oder hundert Jahren praktiziert werden. Vermutlich werden wir – oder unsere Kinder – über das, was wir heute als wissenschaftlich bezeichnen, laut lachen. Besonders in der Medizin und in der Ernährungswissenschaft wird das der Fall sein. Etwas anders verhält es sich mit dem traditionellen Wissen. Die Menschheit hat in Tausenden von Jahren weitreichende Erfahrungen über Kreisläufe, Energien, Nahrung, Arzneien, wiederkehrende Wandlungsphasen, spirituelle Kräfte, kausale Zusammenhänge, empirische Beobachtungen, Gesetzmäßigkeiten der Natur, Heilwirkungen von Pflanzen usw. zusammengetragen und über einen sehr langen Zeitraum hinweg immer wieder geprüft. Dieses Wissen hat also einen bestimmten Wahrheitsgrad erreicht und ist für mich die eigentliche Weisheit, auch wenn dies mit unseren modernen Methoden nicht untersucht oder bestätigt werden kann.
Was unsere Ernährung, unsere Heilkräuter und unsere Medizin anbelangt, sollten moderne Erkenntnisse aus dem Labor kritisch hinterfragt werden. Besonders in einer Zeit, in der Studien mit Geld und Vorgaben von Lebensmittelkonzernen und Interessensgruppen in Auftrag gegeben werden. Traditionelles Wissen gehört uns allen und ist das Kapital der Menschheit. Ein Grundwissen jeder und jedes Einzelnen über den Körper, Krankheiten, Nahrungsmittel, Kochmethoden, Heilkräuter und Möglichkeiten der Selbstdiagnose sollte ein wichtiger Bestandteil jeder Gesellschaft sein. Nur so kann die Gesundheit der Menschen in Unabhängigkeit und Freiheit funktionieren und zu einer Wechselbeziehung mit einer heilen Erde beitragen. Die Erde ist ein Teil unseres eigenen Lebens, sie ist die Mutter unserer Nahrungsmittel. Sie ist ein Teil dieser Verbindung, die es uns ermöglicht zu überleben. Wenn wir uns darauf konzentrieren sicherzustellen, dass diese Verbindung vorhanden ist, wird dies allein ausreichen, um unsere wahren Bedürfnisse zu befriedigen.
Wasser, das wir nicht sehen, aber verbrauchen
Für die Herstellung von einem Kilogramm Lebensmittel bzw. einem Liter Getränke wird die vielfache Menge Wasser benötigt, sogenanntes „virtuelles Wasser“.
1 Badewanne entspricht etwa 140 Liter Wasser
Brauchen wir Fleisch oder Kuhmilchprodukte?
Machen Sie sich einmal bewusst, was Kuhmilch eigentlich ist: Kuhmilch ist Muttermilch, die für das junge Kalb gedacht ist. Anstatt sie dem Kalb zu geben, wird es von der Mutter getrennt und diese wird jahrelang unter schmerzenden Eutern gemolken, als ob sie für immer ein kleines Kalb zu versorgen hätte.
Wir Erwachsene brauchen keine Muttermilch und schon gar nicht die einer Kuh, die unnatürliches Futter, Antibiotika und kaum frisches, natürliches Gras oder Heu zu fressen bekommt. Einige Studien bringen den Verzehr von Kuhmilchprodukten sogar mit Zellveränderungen und Krebserkrankungen in Verbindung. Oft wird auch behauptet, dass Kalzium in ausreichendem Maße nur in Kuhmilch vorkommt, was aber nicht stimmt. Die Bioverfügbarkeit von Kalzium ist in pflanzlichen Nahrungsmitteln teils höher als in Kuhmilch.
Es gibt viele pflanzliche Eiweißquellen. Tiere müssen also nicht gemästet, gequält, getötet, Unmengen an Wasser und Lebensraum nicht für Massentierhaltung verbraucht werden. Die Massentierhaltung ist einer der größten Faktoren für CO2-Emissionen und für die Klimaveränderung. Meeresfische sind mittlerweile voll von Schwermetallen und Plastik, die Meere leergefischt. Wenn überhaupt, sollte nur mehr heimischer Fisch gekauft und gegessen werden.
Aus Sicht der Gesundheit gibt es keinen Grund dafür, heute noch an Fleisch und Milchprodukten festzuhalten. Wenn Sie auf Fleisch verzichten möchten, aber die Gewohnheit und das Verlangen nicht loswerden können, probieren Sie, sich Folgendes vorzustellen: Setzen Sie sich in einen Käfig oder Transportwagen, in dem normalerweise Tiere zum Schlachthof gebracht werden. Verbringen Sie gedanklich eine längere Zeit dort. Wenn Sie Hühnchen mögen, verbringen Sie einige Zeit in einem Hühnerkäfig. Wenn Sie Schweinefleisch mögen, verbringen Sie einige Zeit in einem Schweinestall; bedenken Sie dabei, dass Schweine laut österreichischer Tierhaltungsverordnung auf sogenannten Vollspaltböden leben, ganz ohne Stroh, nur in ihren eigenen Exkrementen, was zu diversen Krankheiten führt wie Gelenksentzündungen.5 Merken Sie, wie es sich anfühlt. Dann entscheiden Sie.
Im traditionellen Asien lebte man nach dem Spruch: „Nimm die Pflanzen als deine Nahrung und das Fleisch nur, wenn du dich stärken musst.“ Gemeint ist, dass für unser Leben eine pflanzliche Ernährung vorgesehen ist. Das Fleisch gleicht eher einer Medizin nach einer erschöpfenden Krankheit (Hühnersuppe) oder bei Gebrechlichkeit von älteren Menschen. Es ist eine Substanz, die uns kurz helfen kann. Fleisch war aber nie als unser Hauptnahrungsmittel gedacht.
Verantwortung für uns und die ganze Welt
Wir stehen heute am Scheideweg mit unserer Mutter Erde. Es stellt sich nicht mehr die Frage, ob und wann wir auf die erforderlichen Maßnahmen eingehen, sondern ob wir diesem Wandel bewusst begegnen und ihn aktiv mitgestalten. Alternativ könnten wir warten, bis Katastrophen uns heimsuchen und großes Leid auf uns zukommt und dieser Zustand uns letztlich dazu zwingt, radikale Einschnitte und Maßnahmen durch totalitäre Gesetze hinzunehmen. Das sind keine Horror-Hypothesen, sondern wir alle erleben das bereits in gewisser Weise. So wie die Ernährungswissenschaft nicht wirklich zu einer besseren Ernährung der Menschheit geführt hat, verhält es sich auch mit unserem Planeten. Zu „toter“ Materie wie Teilchen, Partikeln, Elektronen und chemischen Substanzen können wir keine Beziehung aufbauen, was eine ganzheitliche Sicht auf unsere lebende Erde verunmöglicht. Menschen der alten Kulturen haben die Luft, das Wasser, die Erde, Steine und Pflanzen stets als heilig, geistig und lebendig betrachtet und ihnen Namen gegeben wie Demeter, Natura, Gaia, Pachamama. NaturgöttInnen sind nicht, wie von Kolonialisten bezeichnet, ein Aberglaube, vielmehr helfen sie uns, die abhängige Verbundenheit der verschiedenen Wesensarten und Phänomene zu verstehen. Spiritualität bedeutet für mich in erster Linie, diese Verbundenheit wahrzunehmen und die Erkenntnis darüber zu erlangen, dass es so etwas wie ein unabhängiges „Ich“ gar nicht geben kann. Die Entfremdung von der Natur, anderen Menschen und uns selbst ist der Beginn von Ausbeutung, Beziehungslosigkeit, wirtschaftlichem Wachstumswahn und leidbringenden Taten. Unsere Gesellschaft wieder in eine gute, lebendige und mitfühlende Beziehung zur Natur zu führen, bleibt eine der dringlichsten Aufgaben, vor der wir stehen. Die Beschäftigung mit den fünf Wandlungsphasen der TCM ist eine gute Möglichkeit, um diese lebendige Beziehung zu unserer Erde zu lernen und zu verstehen. Denn mittlerweile ist klar, dass wir, wenn wir so weitermachen, bald nicht mehr auf diesem Planeten leben werden können. Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, was es bedeutet, unseren Nachfahren und Kindern keinen Lebensraum zur Verfügung stellen zu können? Jede und jeder von uns ist in der Verantwortung, nachhaltiger zu leben, den Konsum einzuschränken, auf gewisse Dinge zu verzichten, wieder mehr lokal und unverpackt einzukaufen.
Weltweite CO2-Emissionen 1990–2018
Laut Global 2000 ist die Nutztierhaltung für mehr als die Hälfte der Emissionen der heimischen Landwirtschaft verantwortlich. Hinzu kommen noch „die Abholzung des Regenwaldes sowie der Import von Fleisch aus anderen Ländern. In Summe erzeugt die Ernährung der Österreicherinnen und Österreicher rund 12,5 Millionen Tonnen CO2eq und damit mehr als der Personenverkehr auf den Straßen Österreichs (12 Millionen Tonnen CO2eq).“6 Nicht nur für unser Klima stellt die Nutztierhaltung, meist Massentierhaltung, eine Belastung dar, sondern auch für unser Wasser. Von Millionen Tieren wird eine Unmenge an Gülle ausgeschieden und diese verursacht durch ihren hohen Gehalt an Problemstoffen große Umweltverschmutzungen. In Deutschland hat die intensive Schweinemast sogar dazu geführt, „dass Trinkwasser fast um die Hälfte teurer werden wird, weil ausgebrachte Gülle eine aufwändigere Reinigung des Wassers in Kläranlagen nötig macht. Auch in Österreich werden jährlich bei knapp zehn Prozent aller Messstellen Nitratgrenzwert-Überschreitungen im Trinkwasser festgestellt.“7
Trotz der hohen Treibhausgasemissionen und Umwelteinflüsse unserer Nahrungsmittelproduktion scheuen sich Länder, klare Empfehlungen für die Begrenzung des Fleisch- und Milchverzehrs auszusprechen. Auch nicht im Fall von rotem und verarbeitetem Fleisch und trotz des Zusammenhangs mit Herz-Kreislauf-Leiden und Krebs. Da die Politik die Massenproduktion tierischer Lebensmittel fördert, ist weltweit keine politische Neuorientierung in Bezug auf unsere Ernährung in Sicht. Wir müssen selbst etwas tun.
Die EAT-Lancet-Kommission, bestehend aus 37 internationalen WissenschaftlerInnen, ist der Ansicht, dass nur eine grundlegende Veränderung unserer Ernährungsweise, eine Verbesserung der Lebensmittelproduktion sowie die Reduktion unserer Lebensmittelabfälle eine nachhaltige und gesunde Ernährung für alle Menschen bis zum Jahr 2050 ermöglichen kann. Ihr Report verdeutlicht die positiven gesundheitlichen und ökologischen Folgen ihrer Empfehlungen und deren Umsetzbarkeit. Anfang 2019 präsentierte die Kommission sogar einen Speiseplan zum Schutz der Gesundheit der Menschen und des Planeten („Planetary Health Diet“). Demnach wären eine Verdoppelung der Nahrungsaufnahme von Obst, Gemüse, Hülsenfrüchten und Nüssen sowie die Hälfte des Konsums von Fleisch und Zucker notwendig. Würden sich die Menschen nach den EAT-Lancet-Vorgaben ernähren, würde die vorzeitige Sterblichkeit durch Zivilisationskrankheiten um bis zu 33 Prozent sinken. Die Emissionen durch die Nahrungsmittelindustrie würden sogar um das Dreifache verringert werden können.8 Die tibetische Medizin ist der Ansicht: Wenn wir das Erde-Element (Bodenschätze, Pflanzen, Humus usw.) des Planeten ausbeuten, wird das Wasser-Element ansteigen. Neben den dann zu erleidenden Naturkatastrophen werden wir auch innerlich davon beeinflusst. Wir werden dadurch deutlich emotionaler und empfindlicher. Heben wir den Reichtum der Erde (also die natürlichen Ressourcen wie das Wasser und die Bodenschätze) weiter, wird auch das Wind-Element ansteigen, die Dinge verlieren an Stabilität und die Menschen werden reizbar, unruhig und entwickeln einen unnatürlichen Bewegungsdrang.
Wir pflegen einen respektlosen Umgang gegenüber unserem Planeten und bringen ihn damit an den Rand der Zerstörung. Die Erde ist ein lebender Organismus, der sich selbst reguliert. Sobald eine Spezies sich zu sehr ausbreitet, taucht eine andere auf, um diese einzudämmen. Es ist eine Art des Ausgleichs, dass neue Krankheiten entstehen, die das Lebewesen, welches das Gleichgewicht stört, drastisch dezimiert. Ich glaube, wir stehen gerade am Anfang dieser Phase. Moderne Technologien können uns davor nicht schützen, denn die komplexen wechselseitigen Beziehungen zur Erde sind schwer zu verstehen und schon gar nicht künstlich nachbildbar. Wir sollten die Natur so anerkennen, wie sie ist, und so leben, dass wir uns an die natürlichen Gegebenheiten anpassen, und nicht umgekehrt. Wir alle wollen glücklich sein, warum ändern wir also nicht unseren Lebensstil im Sinne der Natur?
Gefahr aus der Massentierhaltung
Die Stimmen gegen die Massentierhaltung müssen endlich gehört werden, die folgenden drastischen Worte vonseiten des Vereins gegen Tierfabriken9 sind eindeutig. Sie dürfen nicht länger ignoriert werden.
Bereits 2008 warnte die UNO davor, dass die weltweite Intensivtierhaltung als Keimzelle für Pandemien eine immer größer werdende Gefahr für die Gesundheit der Menschen auf unserem Planeten ist. Fast alle gefährlichen, neuen Seuchen der letzten Zeit entstanden, weil Krankheitserreger von Tieren auf den Menschen übergesprungen sind. Dazu zählen Krankheiten wie Ebola, Aids, Sars, Mers, Vogelgrippe, Schweinegrippe und Nipah-Virus. Dass der aktuelle Coronavirus SARS-CoV-2 nun in Nerzen auf einer Nerzfarm in Holland nachgewiesen wurde, ist ein weiterer Beweis für diese Zusammenhänge und diese latente Gefahr. Während tödliche Virusmutationen in der Natur oft mit dem befallenen Tier rasch aussterben, besteht in der industriellen Massentierhaltung die Gefahr, dass ein sterbendes Tier noch tausende oder zehntausende andere Tiere mitansteckt, und die Keime dann über Tiertransporte in andere Tierbestände oder Schlachthöfe oder durch die Gülle unter Wildtieren und Menschen verbreitet werden.
„Die Viren gedeihen auch in unseren Ställen. Je mehr Tiere zusammen auf einer kleinen Fläche gehalten werden, desto leichter können Viren zirkulieren und desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie früher oder später auf den Menschen überspringen. In dieser Hinsicht stellt die Massentierhaltung ein Risiko für die öffentliche Gesundheit dar“, schreibt der renommierte Virologe Peter Rottier in der Zeitschrift „Spektrum der Wissenschaft“.
Aber die industrielle Tierhaltung ist nicht nur eine Brutstätte gefährlicher Keime. Nein, durch den massenhaften Einsatz von Medikamenten in den Tierfabriken, wird auch unser aller Sicherheitsanker im Kampf gegen Krankheiten verspielt: Die Wirksamkeit der Antibiotika.
Die Weltgesundheitsorganisation WHO warnte 2017 eindringlich vor dem weiteren Einsatz von Antibiotika in der industriellen Nutztierhaltung und der dadurch immanenten Gefahr der Bildung von Keimen, die gegen alle Antibiotika resistent sind. Trotzdem werden auch in Österreich weiterhin extrem große Mengen von Antibiotika in den Tierfabriken eingesetzt. Und weltweit gesehen, ist es noch schlimmer: Hier ist die Tendenz weiterhin steigend und schon jetzt wird nur ein kleiner Anteil in der Humanmedizin verwendet.
All das unterstreicht wie wichtig es ist, gegen das bestehende System der Massentierhaltung aufzutreten. Dieses bringt nicht nur millionenfaches schweres Tierleid mit sich, sondern gefährdet auch unser aller Gesundheit.
So entstehen und verbreiten sich resistente Keime
Wenn in der Tierhaltung unsachgemäß massenhaft Antibiotika eingesetzt werden, können Bakterien dagegen unempfindlich werden. Solche resistenten Keime werden auch auf Menschen übertragen. Lösen sie Krankheiten aus, lassen sich diese kaum behandeln.
Der einzige Ausweg: die Abkehr von industrieller Nutztierhaltung.
Momentan sind wir gänzlich mit der Bekämpfung von COVID-19 beschäftigt. Zeitgleich züchten wir uns jedoch die nächsten Pandemien und vielleicht sogar das Ende des Antibiotika-Zeitalters heran – mit all ihren gesundheitlichen und wirtschaftlichen Konsequenzen.
Gesundheit entsteht unter anderem dadurch, dass wir Menschen Teil einer „gesunden“ Nahrungskette sind. Was wir brauchen, ist ein ganzheitliches, ökologisches, kulturell angepasstes Verständnis zum Essen. Unsere Nahrung ist kein Produkt oder Stoff, sie ist vielmehr eine Kommunikationsform einer Beziehung zu allen Phänomenen der Erde, zu denen wir uns im Austausch und in Abhängigkeit befinden. Die wechselseitige Beziehung des Nahrungsnetzes reicht tief in die Erde und hoch in den Himmel. Die Traditionelle Chinesische Medizin bildet dies in ihrem System der fünf Wandlungsphasen ab. Innere und äußere Beziehungen des Aufnehmens, Transformierens und Abgebens werden darin sichtbar. Wenn sich ein Glied in der Nahrungskette verändert oder geschwächt wird, hat das Auswirkungen auf das gesamte System. Wenn der Boden krank ist, werden die Pflanzen, die darauf wachsen, krank, somit auch die Insekten, Mikroorganismen und andere Lebewesen bis hin zum Menschen. Dabei geht es nicht um einzelne Nährstoffe, sondern in erster Linie um Lebensmittel mit einer guten intakten ökologischen Beziehung hin zum Lebewesen, das es aufnimmt. Chemisch hergestellte oder nachgebaute Substanzen sind keine Lösung, da sie keine Synergien mit dem Ganzen ergeben.
Ernährungssouveränität
Unser Nahrungsmittelsystem ist wie schon erwähnt in die Fänge von internationalen Märkten und Großkonzernen geraten. Wir müssen unsere Rechte auf gesunde Nahrung und Selbstbestimmung darüber inklusive neuer Rahmenbedingungen (= nachhaltige Erzeugung) einfordern. Die industriellen Produktionsmethoden erkennen die Begrenztheit von Ressourcen, den Schutz der Natur, des Bodens und des Wassers nicht an. Sie sind die Treiber des Klimawandels, besonders in Ländern, die am wenigsten dazu beigetragen haben.
Organisationen wie die Landarbeiterbewegung La Via Campesina haben das Problem erkannt und den Begriff „Ernährungssouveränität“ geprägt. Darunter versteht man „das Recht von Menschen, über die Art und Weise der Produktion, der Verteilung und der Konsumption von Lebensmitteln selbst zu bestimmen. Sie ist das Recht zur demokratischen Gestaltung des eigenen Agrarsystems, ohne dabei Anderen oder der Umwelt zu schaden.“10 Das Gemeinwohl wird in den Mittelpunkt gestellt wie auch jene Menschen, die Nahrungsmittel produzieren, und jene, die sie konsumieren. Ernährungssouveränität findet sich auf selbst verwalteten Bauernhöfen, in Lebensmittelkooperativen (FoodCoops) und solidarischen Landwirtschaften (CSA), BäuerInnenmärkten und Saatguttauschbörsen ebenso wieder wie in Kampagnen gegen die Ausbeutung von Supermarkt-MitarbeiterInnen und ErntehelferInnen. Es gilt, Strategien gegen die Privatisierung von Saatgut, gegen Gentechnik und Pestizide sowie für einen Zugang zu Landflächen, städtischer Landwirtschaft und nachhaltigen, unabhängigen Lösungen zu finden. Meine Vorstellung für gesunde und sozial gerechte Agrarpolitik ist ein Weg zurück zu den Wurzeln. Eine gute und natürliche Landwirtschaft muss wieder attraktiv werden und sich lohnen. Auch ein kleiner Betrieb muss genug erwirtschaften können, um davon leben zu können. Die Ausbeutung der Erde muss aufhören, ein ökologischer Kreislauf mit unserem Planeten wiederhergestellt werden. Wir brauchen keine Freihandelszonen, sondern eine Kleinbauernstruktur und Systeme der solidarischen Landwirtschaft. Wir sollten direkt bei den ErzeugerInnen einkaufen und unsere Supermärkte entmachten. Statt die Massentierhaltung zu unterstützen, sollten wir, wo es möglich ist, auf pflanzliche Alternativen umstellen. Statt billigem Fleisch müsste es erschwingliches Bio-Gemüse für alle geben. Schulen, Krankenhäuser und große Büros sollten kleine Küchen haben und auf regionale, frische und biologische Produkte setzen und im besten Fall individuell angepasst für die Menschen kochen. Es ist falsch, die günstigste Ware kilometerweit aus Industrieküchen anzukarren, Essen also nach dem Billigstbieter-Prinzip auszuwählen. Bei gesunder Ernährung sollte nicht gespart werden. Die Wertschätzung gegenüber unseren Lebensmitteln, dem Ackerboden, den Menschen, die mühevoll für uns Essen herstellen, muss wieder zurück in unser Bewusstsein gelangen.
Viele Initiativen arbeiten an praktischen Lösungen und Rahmenbedingungen. Im Folgenden sind beispielhaft ein paar aufgelistet. Wir sind aufgerufen, uns daran zu beteiligen.
Urban Gardening in Wien
Solidarische Landwirtschaften (Ochsenherz, CSA Kamptal, Ackerschön etc.)
Mitmach Supermarkt Mila in Wien
Food Cooperatives (foodcoops.at)
Österreichische Berg- und KleinbäuerInnen Vereinigung (ÖBV-Via Campesina Austria)
Nyéléni (Internationale Bewegung für Ernährungssouveränität)
Attac(Internationale Bewegung für eine demokratische und sozial gerechte Gestaltung der globalen Wirtschaft)
Meine Alternative für Gemüseeinkauf in Wien:
Raritäten-Eck, Jasmin Böhm & Christoph Luif (raritaeten-eck.at)
Traditionelle Chinesische Medizin

Die chinesische Naturheilkunde und Ernährungslehre
Es gibt keine traditionelle Medizin mit einer längeren Geschichte, einem ganzheitlicheren Umfang und einem größeren Verbreitungsgebiet als jene der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM). Die Ursprünge dieser Heilkunde entwickelten sich bereits im Altertum. Das Bestreben blieb über die Jahrtausende gleich: die Kräfte der Natur zum Zweck der Heilung nutzbar zu machen. Die europäische Naturheilkunde und Ernährungslehre sind mit der fernöstlichen eng verbunden. Hildegard von Bingen, Hippokrates, Galen von Pergamon, Avicenna, Paracelsus und Sebastian Kneipp haben in sehr ähnlicher Weise gewirkt und Lebensmittel und Kräuter für ihre Therapien klassifiziert. Unsere heimische Naturheilkunde ist jedoch nur mehr fragmentarisch erhalten, es fehlen eine ungebrochene Tradition und Übertragungslinie. Im Gegensatz zur TCM besitzt die Traditionelle Europäische Medizin (TEM) kein einheitliches System. Es ist schwierig, die Verfahren der Humoralpathologie, der Klostermedizin (beispielsweise der Hildegard-Medizin), der Signaturenlehre sowie andere Lehren zu einem einheitlichen medizinischen System zu vereinen, da sich einzelne Behandlungsmethoden und zugrunde liegende Theorien teilweise widersprechen.
Die ungebrochene mehrere tausend Jahre alte Tradition der Chinesischen Medizin überliefert ein vollständiges Weltbild an Physiologien, Pathologien und Differentialdiagnostiken sowie damit eng verbundenen Behandlungsverfahren. Sie ist einerseits eine uralte Erfahrungsmedizin und andererseits ein System, das auf den taoistischen Prinzipien und den großen Schriften der Menschheitsgeschichte wie dem „Yijing“ („Das Buch der Wandlungen“) basiert. Das Yijing kann mit Recht als das umfassendste systemische Werk der Welt angesehen werden. Es veranschaulicht alle Gesetzmäßigkeiten und Abläufe, die als die „Große Ordnung der Natur“ zu bezeichnen sind. Wir können dieses System mit unseren lokalen, europäischen Nahrungsmitteln und Heilkräutern praktizieren. Es ist nicht unbedingt notwendig, auf asiatische Produkte oder Heilkräuter aus China zurückzugreifen. Die alte ostasiatische Philosophie darf nicht mit dem heutigen China verwechselt werden. Das eine hat mit dem anderen nichts mehr zu tun.
Im Westen sind die TCM-Therapiemethoden wie Akupunktur, Kräuterheilkunde, Schröpfen, Moxen und Schaben recht bekannt geworden. Das Fundament der TCM ist jedoch die Ernährung. Bis heute gibt es in Ostasien kaum eine traditionelle Ärztin, die nicht eine ausgezeichnete Ernährungsberaterin oder Köchin ist, einen traditionellen Arzt, der nicht ein ausgezeichneter Ernährungsberater oder Koch ist. Der Wissensschatz über Nahrungsmittel reicht von Erkenntnissen über thermische Wirkungen (heiß, warm, neutral, kühl, kalt), Organwirkungen (Funktionskreise), Wirkrichtungen (nach oben, nach unten, nach innen, nach außen, zentripetal, zentrifugal) bis hin zu den Geschmackseigenschaften (süß, scharf, salzig, sauer, bitter). Die Menschen haben es über Generationen gelernt, die richtige Auswahl der vielfältigen Gemüsesorten und Kräuter zu treffen.
Die Lehre der fünf Wandlungsphasen
Diese Theorie bildet den Schlüssel zur TCM. Die fünf Wandlungsphasen sind ein Erklärungsmuster aller Erscheinungen, Wahrnehmungen, Ereignisse, Umstände und Muster, die wir in unserem Mikrokosmos (Körper) und dem Makrokosmos (Umwelt) wahrnehmen können. Sie sind eine zeitlos gültige Wahrheit, die auf Wandlung beruht. Sie gewähren uns Einblicke in die innere Welt der Person und schaffen damit Klarheit im Blick auf die Welt. Alle Phänomene des Universums werden unter diese fünf grundsätzlichen Wandlungsphasen subsumiert, die nach den Elementen Wasser, Holz, Feuer, Erde und Metall bezeichnet werden.
Das System der fünf Wandlungsphasen
Jede dieser fünf Phasen steht als Symbol für eine Kategorie verwandter Funktionen und Qualitäten. So symbolisiert Holz die Qualität der Aktivität, die im Wachstum begriffen ist. Feuer benennt einen maximalen Aktivitätszustand am Wendepunkt der Expansion. Metall steht für Aktivität der Verminderung und des sich Einverleibens. Wasser repräsentiert Aktivität, die den maximalen Ruhezustand des Bewahrens kennzeichnet, im Sinne der Kontraktion. Erde beschreibt Balance und Neutralität. Wir können alle Phänomene des Universums, Körperteile, Emotionen, Gerüche usw. den Wandlungsphasen zuordnen. Eine Möglichkeit dazu bietet der Geschmack, eine andere die Konsistenz.
Die fünf Phasen dienen hauptsächlich dazu, klinische Prozesse und Beziehungen zu beschreiben und den begrifflichen Rahmen für angemessene Behandlungen oder Ernährungsempfehlungen zu liefern. So steht die Produktion von Feuchtigkeit und Schleim im Zusammenhang mit der Milz, die Knochen stehen im Zusammenhang mit den Nieren, die Blutgefäße und das Herz im Zusammenhang mit dem Feuer-Element. Sehnen, Bänder, die Sehkraft sowie Erkrankungen mit Tremor stehen in Verbindung mit dem Holz-Element und somit mit der Leber und der Galle.
Die Basis der fünf Elemente bilden die beiden Urkräfte von Yin und Yang, durch deren Vermischung die dynamischen Grundbedingungen der 84.000 Krankheiten entstehen, wie es in den alten Schriften nachzulesen ist. Gleichwohl haben wir ebenso viele Möglichkeiten der Heilung und des Ausgleichs von Disharmonien.
Die fünf Wandlungsphasen – allgemein

Erklärung der Schichten11:
Juéyīn – Äußerstes Yīn (schließen) / Wind bzw. bewegen
Shăoyáng – Kleines Yáng (Scharnier) / Feuer bzw. feuern
Shàoyīn – Kleines Yīn (Scharnier) / Hitze bzw. wärmen
Tàiyáng – Äußerstes Yáng (öffnen) / Kälte bzw. kühlen
Tàiyīn – Äußerstes Yīn (öffnen) / Feuchtigkeit bzw. befeuchten
Yángmíng – Helles Yáng (schließen) / Trockenheit bzw. trocknen
Die zwei Welten: westliche Diätetik und östliche Naturheilkunde
Es scheint, als würden die östliche und die westliche Lehre nicht zusammenpassen. Das spiegelt sich auch in den gängigen Kochbüchern und Ernährungswissenschaften wider. Dabei liegt es vor allem an den unterschiedlichen Sprachen, Philosophien und an unserem westlichen, materialistischen Zugang, der das Gemeinsame verhindert. Die Ernährungswissenschaften existieren seit etwa 150 Jahren, die empirische Wissenschaft über Lebensmittel und Nahrung seit Tausenden von Jahren. Die TCM geht von einem ganz anderen Körper aus als die moderne Medizin. Ein gemeinsames Agieren ist sehr schwierig, dazu fehlt es noch an genügend Offenheit und Toleranz. Für mich zählt, das Gemeinsame zu finden und aus jeder Disziplin zu profitieren, um den Menschen die bestmögliche Unterstützung zu geben.

Ein paar Beispiele: Reden wir von Vitamin C, so meint die TCM vor allem das säuerliche rote und grüne Gemüse des Feuer- und Holz-Elementes, reden wir von Proteinen, meint die TCM Samen und Kerne des süßen Erde-Elementes, reden wir von Mineralien, meint die TCM den scharfen Geschmack des Metall-Elementes. Die Chinesen benutzen die Geschmäcker als Synonyme für Inhaltsstoffe und den Charakter eines Nahrungsmittels. Ohne zu wissen, dass Sesam viel Kalzium enthält, wurde das Lebensmittel gegen Arthrose, Nierenschwäche, Knochenkrankheiten usw. eingesetzt.
Die Menschen der alten Kulturen brauchten keine biochemische Analyse, um zu verstehen, welche Stoffe sie wann zu sich nehmen sollten. Eine moderne biochemische Wissenschaft ist keine unbedingte Voraussetzung für eine gesunde Ernährung. Wenn wir uns offen, unvoreingenommen und bewusst Lebensmitteln annähern und diese entsprechend den aktuellen körperlichen Bedürfnissen einsetzen, eröffnet sich ganz natürlich eine innere Stimme, die uns leitet. Manche Menschen sind der Meinung, dass asiatische Heilmittel nicht auf Europäer übertragbar sind. Ich denke: Uns unterscheidet weniger, als wir glauben. Unsere Emotionen, Gedanken, unsere Physiologie und unser Stoffwechsel sind praktisch ident, warum sollte also der Zugang zu unserer Ernährung ein anderer sein? Aus Sicht der TCM-Philosophie sind alle Säugetiere „gleich“. Mit dem Wissen von Ost und West können wir uralte Weisheiten und moderne Erkenntnisse bestens verbinden und für unsere Gesundheit und das Wohlergehen unserer Erde anwenden.
Heute sprechen alle über Proteine, Omega-3-Fettsäuren, Vitamine und Superfoods. Es ist sehr wichtig, dass man sich wieder mit der Frage auseinandersetzt, welche Nahrungsmittel uns die lebenswichtigen Inhaltsstoffe liefern. Was ist es, das uns zu einem langen und gesunden Leben verhilft? Welche Stoffe benötigen wir?
Unsere Welt hat sich der biochemischen Untersuchung von Lebensmitteln verschrieben. Es werden Inhaltsstoffe gesucht, Einzelwirkstoffe extrahiert und geprüft. Forscherinnen und Forscher haben die ganze Welt bereist und etwa die Mittelmeerkost mit ihren Kräutern und ihrem Olivenöl, die französische Küche mit ihrem Rotwein und der Gänseleber und die japanische Küche mit ihren gesunden, fetthaltigen, frischen Fischen untersucht. Sie waren in Ländern, in denen Menschen besonders alt werden, wie in Süditalien oder China, und haben herausgefunden, dass die Menschen im Hunzatal (im Karakorum-Gebiet von Pakistan) Aprikosenkerne mahlen und mit ihrer einfachen Nahrung zu sich nehmen.
Es geht aber nicht um diesen oder jenen Inhaltsstoff, der uns Gesundheit und ein langes Leben bereitet. Das ultimative Elixier gibt es nicht. Es ist oft das Gegenteil: das einfache, entbehrungsreiche, meditative Leben mit natürlichen Lebensmitteln und traditionellen Kombinationen sowie Zubereitungsarten, abgestimmt auf die Person, das Klima, das Lebensalter usw. Es ist mehr als die Summe aller Teile, die wir messen und verstehen können. Eine gesunde Ernährung ist nicht mit dem Mikroskop zu erkennen, es hilft uns aber, das eine oder andere in unseren westlichen Denkmustern besser zu verstehen.
Als Hauptbestandteile der menschlichen Ernährung galten seit dem 19. Jahrhundert Proteine, Fette und Kohlenhydrate. Die Qualität der Ernährung wurde bis zur Entdeckung der Vitamine und Vitalstoffe ausschließlich an der Zufuhr von Nahrungsenergie gemessen. Heute sind viele verschiedene Ernährungsformen aktuell: Paleo, Veganismus, Rohkost-Ernährung, Frutarismus, Flexitarismus – die Trends bei alternativen Ernährungsformen reichen von A–Z, von absurd bis zwanghaft. Für jede finden sich stichhaltige Argumente und begeisterte Fans. Es gibt kaum eine Wissenschaft, die so viel Widersprüchliches hervorbringt, wie die Ernährungswissenschaft. Der Veganismus bildet für mich allerdings eine Ausnahme. Er hat sehr viel Innovation in die festgefahrenen Strukturen der Ernährungslehre gebracht und gezeigt, dass man damit nicht nur gesund, sondern auch absolut ökologisch leben kann.
Fünf Elemente für eine ganzheitliche Energieaufnahme
Als Grundsatz gilt: Verwenden Sie nach Möglichkeit alle fünf Geschmacksrichtungen (bitter, süß, scharf, salzig, sauer) in Ihrem Essen, damit gewährleisten Sie, dass alle Organe harmonisch angesprochen werden. Jede Mahlzeit, die zu sehr in die eine oder andere Geschmacksrichtung fällt, bedingt, dass Ihr Gaumen kurze Zeit später wieder Ausgleich durch Appetit auf etwas anderes sucht. Ein ganzheitliches Essen soll beispielsweise aus süßen Getreide- und Gemüsesorten, scharfen Gewürzen, salzigen Mineralstoffen (Algen, Hülsenfrüchten, Miso), sauren Komponenten (Zitrone, Tomatenmark, frischen Kräutern) und bitteren Gewürzen (Kurkuma, Thymian) oder Salaten bestehen.
Warum sind die fünf Geschmacksrichtungen so wichtig?
Sie sind ein Synonym für die verschiedenen Stoffe, Vitamine, Spurenelemente, Mikronährstoffe etc., die wir brauchen, um gesund zu sein. Dazu müssen wir alle Geschmacksrichtungen in einem ausgewogenen Verhältnis zu uns nehmen.
Nach modernem Wissensstand könnte man folgende Zuordnung treffen:
| Holz-Element | = Vitamine, sekundäre Pflanzenstoffe (erfrischende kühlende, säuerliche, kinetische Energie) |
| Feuer-Element | = Energie, Katalysator der Transformation (bittere, lichtartige, verdauungsfördernde thermische Energie) |
| Erde-Element | = Kohlenhydrate, Fette und Ballaststoffe (süße, nährende, sättigende, materialisierte Energie) |
| Metall-Element | = Mineralstoffe, Spurenelemente, Bakterien (scharfe, metallische, synthetisierende, transformierende Stoffe) |
| Wasser-Element | = Eiweiß (salzige, verflüssigende, mineralhaltige, thermische Energie) |
Alle Lebensmittel können einzelnen oder mehreren Wandlungsphasen entsprechen, wodurch wir eine Matrix für die Zuordnung in unserem Körper erhalten. Das muss nicht zwangsläufig bedeuten, dass beispielsweise alle dem Feuer-Element zugerechneten Nahrungsmittel das Herz oder den Dünndarm heilen, sie haben jedoch einen Bezug dazu, wie nachstehende Tabelle verdeutlicht.
Klassifizierung von Nahrungsmitteln nach den fünf Wandlungsphasen in der TCM

Die Thermik ist farblich dargestellt: HEISS ERWÄRMEND NEUTRAL ERFRISCHEND/KÜHLEND KALT
Wie die Tabelle zeigt, haben Geschmacksrichtungen eine eindeutige Funktion auf den Körper. Der Geschmack ist der Schlüssel zum richtigen Lebensmittel.
Scharf zerstreut und seine Energie geht nach außen, es befreit die Oberfläche.
Süß harmonisiert und entspannt (dämpft) und seine Energie ist aufsteigend, daher tonisiert es die Erde (Milz und Magen).
Bitter ist ausleitend und lässt sinken, es vertreibt Überschüssiges.
Sauer sammelt und seine Natur ist adstringierend.
Bland/Fad regelt das Durchsickern und seine Natur ist, Wasser zu lösen, es klärt durch Trennung.
Salzig wirkt aufweichend und lässt absinken, es löst Stagnation.
Darüber hinaus gibt es die sogenannten Botschaftsgeschmäcker. Das bedeutet, dass der jeweilige Geschmack ein entsprechendes Organ adressiert:
„Sauer reist zur Leber, scharf wandert zur Lunge, bitter wirkt auf das Herz, salzig geht zu den Nieren und süß betritt die Milz ...
Sauer reist in die Sehnen, bitter reist ins Blut, scharf reist zum Qi, süß reist zum Fleisch, salzig reist in die Knochen.“12
Die Ausgewogenheit der Elemente und Nährstoffe ist der Schlüssel zu einer gesunden Ernährung. Jeder Geschmack löst in unserem Körper eine Funktion aus. Quantitativ gesehen brauchen wir vor allem Nahrungsmittel mit leicht süßlichem Geschmack (Erde-Element) wie etwa von einer Karotte, Kartoffel, von Polenta oder Fenchelgemüse. Diese Art von Süße entspannt und gibt Kraft. Das deckt sich auch mit den aktuellen Vorgaben der EAT-Lancet-Diät, ein Zugang, der die Übereinstimmung der Wissenszweige aufzeigt, die uns hilft, beide Welten zu verstehen.
Die fünf Wandlungsphasen – Geschmäcker und Wirkung

Nicht nur in Bezug auf den Geschmack oder ein Symptom, sondern auch in Übereinstimmung mit dem Wetter, dem Klima, der Tageszeit, dem Alter und der eigenen Konstitution gilt es die richtigen Nahrungsmittel zu wählen. Darüber hinaus verlangt jedes Nahrungsmittel nach einer entsprechenden Kombination von Gewürzen und Zubereitungsart. Was wird gedämpft? Was wird gegrillt? Was wird kurz oder lange gekocht? Wer sollte was roh essen? Das Wissen in der Chinesischen Medizin darüber ist enorm und so exakt, dass es als tägliches Heilmittel angesehen werden kann. Die Stärken der Chinesischen Medizin und Ernährungslehre liegen vor allem in der Behandlung von sogenannten funktionellen Krankheiten (Beschwerden ohne organische Ursache), bei denen mit westlichen Methoden noch keine strukturellen Veränderungen zu erkennen sind.
Mit dem Wissen über die fünf Elemente oder Wandlungsphasen, die Geschmäcker und Wirkrichtungen, den Organbezug und den Vergleich zur modernen Ernährungswissenschaft können wir uns nun der praktischen Umsetzung widmen. Um diese anhand von Speisen anschaulicher zu machen, möchte ich in der Folge beispielhaft zehn Gerichte vorstellen, mit denen Sie konkrete Beschwerden, Symptome oder Schwächen ausgleichen können. Dabei versinnbildlicht jedes der fünf Elemente einen Funktionsbereich des Körpers, der gestärkt oder gemindert werden soll. Haben Sie erhöhte Leberwerte, sollten Sie das Holz-Element mindern und ausleiten. Haben Sie eine schwache Verdauung, sollten Sie Ihre Erde stärken. Haben Sie eine Niereninsuffizienz, gilt es das Wasser-Element zu stärken. Haben Sie jedoch gerade Sand und Zysten in den Nieren, müssen Sie diese ausleiten. So ergeben sich für jedes der fünf Elemente zwei grobe Möglichkeiten, zwei Gerichte.
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