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Michael Kotsch


Die Charismatische
Bewegung 1
Geschichte - Personen - Organisationen


Reihe AUFKLÄRUNG

Band 64


Michael Kotsch

Die Charismatische Bewegung 1 Geschichte - Personen - Organisationen

1. Auflage 2008

2. Auflage 2009

© 2013 Lichtzeichen Verlag, Lage

Umschlag: Manuela Bähr-Janzen

Satz: Gerhard Friesen

ISBN: 9783869549583

Bestell Nr.: 548958

E-Book Erstellung: LICHTZEICHEN Medien

www.lichtzeichen-medien.com


Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil dieses Buches darf ohne schriftliche Erlaubnis des Verlegers in irgendeiner Form reproduziert werden.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1. Charismata in der Bibel

2. Das Ende biblischer Gnadengaben?

3. Die Geschichte charismatischer Frömmigkeit

3.1. Charismatische Vorläufer am Rande der Erweckungs- und Heiligungsbewegung

3.2. Die Pfingstgemeinden - „Die erste Welle des Heiligen Geistes”

3.3. Die Charismatische Bewegung - „Die zweite Welle des Heiligen Geistes”

3.4. Die Charismatische Bewegung - „Die dritte Welle des Heiligen Geistes”

3.5. Geschichte der Pfingstbewegung in Deutschland

3.6. Entstehung der Charismatischen Bewegung in Deutschland

4. Gesellschaftlicher Zeitgeist und Charismatische Bewegung

5. Charismatische und pfingstlerische Gemeinden in Deutschland

5.1. Charismatisch- pfingstlerische Gemeindeverbünde

5.2. Charismatisch- pfingstlerische Einzelgemeinden

6. Charismatisch- pfingstlerische Werke

6.1. Charismatisch- pfingstlerische Ausbildungsstätten

6.2. Charismatisch- pfingstlerische Verlage

7. Wichtige charismatische Persönlichkeiten von A-W

Personenregister

Sachregister

Vorwort

Die Charismatische Bewegung ist seit Jahrzehnten die am stärksten wachsende christliche Gruppierung. Weltweit gehören rund 600 Millionen Menschen zur Charismatischen Bewegung, 36 % der Amerikaner, 49 % der Evangelikalen und 36 % der Katholiken bezeichnen sich als Charismatiker. Besonders verbreitet ist die Charismatische Bewegung in Afrika, Lateinamerika und Südostasien. Neben den klassischen Pfingstverbänden zählen Einzelgemeinden der evangelischen, katholischen, methodistischen und baptistischen Kirchen sowie eine größere Zahl unabhängiger Gemeinden zur Charismatischen Bewegung in Deutschland.

Ihre Merkmale sind eine starke Emotionalität, die Betonung des Heiligen Geistes und eine deutliche Innovationsfreudigkeit. Das Wirken des Heiligen Geistes soll sich vor allem in den spektakulär wirkenden Geistesgaben des Neuen Testaments (Zungenrede, Prophetie, Heilung) und in ekstatischen Manifestationen (Lachen, Ruhen, Schreien im Geist) zeigen. Es gibt keine einheitliche charismatische Kirche oder einen allgemein anerkannten Sprecher. Die Charismatische Bewegung arbeitet vor allem in den bestehenden Kirchen und organisiert sich als konfessionsübergreifendes Netzwerk, in dem verschiedene Personen und Organisationen die Knotenpunkte bilden. Zwischenzeitlich entstand so eine Art charismatischer Ökumene in der keine feststehenden Dogmen sondern vielmehr verbindende Geisteserfahrungen als das dominierende Element vorherrschen. Allerdings wirft die Charismatische Bewegung auch verschiedene Streitfragen auf: Gibt es heute noch Apostel und Propheten? In welcher Beziehung stehen Prophetie und Bibel zueinander? Heilt Gott alle Kranken? Ist glaubenden Christen materieller Wohlstand verheißen? Gibt es territoriale Mächte, gegen die geistlich vorgegangen werden muss? Können wiedergebore Christen von Dämonen besessen sein? Welche Bedeutung haben emotionale Erlebnisse im Glauben? Usw.

Im Folgenden soll aufgezeigt werden, was im Neuen Testament unter Charismata / Geistesgaben verstanden wird. Darauf folgt ein kurzer Abriss der charismatischen Geschichte und eine Vorstellung der wichtigsten charismatischen Gemeinden und Werke in Deutschland. Abgeschlossen wird der erste Band über die Charismatische Bewegung mit der Darstellung der einflussreichsten charismatischen Persönlichkeiten. Der zweite Band beschäftigt sich dann mit typischen Lehren und verbreiteter Glaubenspraxis der Charismatischen Bewegung.

1. Charismata in der Bibel

Der Begriff Charisma findet sich im Neuen Testament 17 mal (Röm 1,11; 5,15f; 6,23; 11,29; 12,6; 1Kor 1,7; 7,7; 12,4.9.28.30.31; 2Kor 1,11; 1Tim 4,14; 2Tim 1,6; 1Petr 4,10).1 Im Allgemeinen wird Charisma als „Geschenk” oder „Gnadengabe” übersetzt. Charisma ist abgeleitet von dem Verb charizomai (= Angenehmes / Erfreuliches erweisen, schenken, überlassen, erlassen, vergeben; 23 mal im NT). Gott schenkt dem Gläubigen seinen Namen (Phil 2,9), die himmlische Herrlichkeit (1Kor 2,7.9.12), die neue Schöpfung (1Kor 1,21ff; 2Kor 5,17f), die Sündenvergebung (Kol 3,13; Eph 4,32), das ewige Leben und den Glauben an Christus (Apg 5,41; Phil 1,29), der auch das Leiden für ihn beinhaltet.2 Die Welt und alles in ihr ist Gottes Geschenk, Wohltat und unverdiente Gabe.

Das Substantiv „Charis” wird mit „Gnade”, „Dank” oder „Ansehen” übersetzt (156 mal im NT). Unter anderem bezeichnet es das von Gott geschenkte Heil und den Dank des Menschen zugleich. Die unverdiente Erwählung des Gläubigen durch Gott ist Charis (Röm 11,5f; Eph 1,6; 2Tim 1,9). Auch die Erlösung und Vergebung der Sünde ist Charis (Eph 2,5.8; 2Tim 1,9). In allen diesen Texten geht es um die Überwindung der Gottesferne durch Gottes eigenes Handeln. Gelegentlich wird der Gegensatz zwischen Gottes Gnade und menschlichen Werken hervorgehoben (Röm 4,4; 11,6; 2Tim 1,9; Tit 3,5-7). In menschlicher Niedrigkeit, Demut, Leidensbereitschaft und Racheverzicht liegen Voraussetzungen für den Erhalt der Gnade Gottes (Lk 6,32-34; 1Petr 2,19; 5,5; Jak 4,6). Das zukünftige Heil des Christen im Reich Gottes wird ebenfalls mit Charis umschrieben (2Thess 2,16; 1Petr 1,10.13; 3,7).

Für die Berufung des Paulus und den Empfang seiner Botschaft für alle Menschen wird ebenfalls der Begriff Charis verwendet (1Kor 3,10; 15,10; Gal 1,15; 2.9). Die Gemeinde hat an dieser Berufung teil (Phil 1,7) und erfährt die Gnade Gottes (Charis) durch den Besuch des Paulus (2Kor 1,15). In zahlreichen seiner Reden und Briefe wünscht Paulus seinen Zuhörern Gottes Gnade (Apg 14,26; 15,40; 20,32). Die verschiedenen Charismen werden als konkrete Ausprägungen der einen Gnade Gottes verstanden, die allen Gläubigen gegeben ist (Röm 12,6; 1Kor 1,4-7; Eph 4,7; 1Petr 4,10).3

Im Römerbrief werden mit Charisma vor allem die allgemeinen Heilsgeschenke Gottes für alle Christen bezeichnet (Vergebung der Schuld, Ewiges Leben usw.). An anderen Textstellen werden damit Einzelbegabungen bezeichnet, die zum Wohl anderer Christen eingesetzt werden sollen. Zumeist werden dann ganze Listen verschiedener Charismata angeführt, die auf einzelne Personen der Gemeinde verteilt sind. Vereinzelt nennt Paulus die Charismata auch Pneumatika (= Geistesgaben, 1Kor 12,1; 14,1). Gewöhnlich wird aber zwischen dem einen Heiligen Geist, der die unterschiedlichen Gaben vermittelt und den Gaben selbst unterschieden. Der Geist ist derselbe in allen Christen, nicht so jede der Begabungen. Charisma kann auch ein von Gott verliehenes Amt bezeichnen (1Tim 1,18; 4,14; 2Tim 1,6).4

Im Folgenden sollen alle Stellen des Neuen Testaments besprochen werden, an denen der Begriff Charisma benutzt wurde, um die Bandbreite biblischer Gnadengabe vor Augen zu führen.5

1. Röm 1,11: „Denn mich verlangt sehr, euch zu sehen, damit ich euch etwas geistliche Gnadengabe mitteile, um euch zu stärken.” Der Kontext lässt vor allem zwei Interpretationen zu. Zum einen könnte Paulus mit Charisma seine Berufung als Verkündiger des Evangeliums meinen (vgl. Röm 1,1-7; 1,16-f). Dann würde er hier sagen: „Ich will euch das Evangelium erklären, damit ihr Gott besser kennenlernt und einige von euch zum Glauben finden.” Noch wahrscheinlicher aber ist, dass Paulus hier einen geistlichen Austausch mit den Christen von Rom vor Augen hat. Sie berichteten sich gegenseitig, was sie mit Gott erlebt haben, wie sie von ihm geschützt und gerettet wurden (vgl. Röm 1,8.12).

2./3. Röm 5,15f: „Mit der Übertretung ist es aber nicht so wie mit der Gnadengabe. Denn wenn durch des einen Übertretung die vielen gestorben sind, so ist viel mehr die Gnade Gottes und die Gabe in der Gnade des einen Menschen Jesus Christus gegen die vielen überreich geworden. Und mit der Gabe ist es nicht so, wie es durch den einen kam, der sündigte. Denn das Urteil führte von einem zur Verdammnis, die Gnadengabe aber von vielen Übertretungen zur Gerechtigkeit.” In diesem Abschnitt (Röm 5,12-21) stellt Paulus die Sünde der ersten Menschen im Paradies und der daraus resultierenden Gottesferne aller Geschöpfe dem Tod des sündlosen Gottessohnes gegenüber, durch den alle Sünder gerecht gemacht werden können. Charisma ist an dieser Stelle der Tod Jesu als Opfer für die Sünden der Menschen und die Sündenvergebung an sich.

4. Röm 6,23: „Denn der Lohn der Sünde ist der Tod, die Gnadengabe Gottes aber ewiges Leben in Christus Jesus, unserem Herrn.” Gnadengabe (Charisma) Gottes ist für Paulus hier das dem Glaubenden verheißene ewige Leben in der himmlischen Herrlichkeit.

5. Röm 11,29: „Denn die Gnadengaben und die Berufung Gottes sind unbereubar.” Zuerst erinnert Paulus seine Leser an die göttliche Erwählung Israels als sein Volk (Röm 9,1-18). Obwohl Gott seinem Bundesvolk das Gesetz offenbarte und Propheten sandte, wandten sie sich immer wieder von Gott ab (Röm 10, 14-21). Daraufhin wurden die Heiden von Gott erwählt (Röm 11, 11-16). Sie sollen Israel an seine eigene Berufung erinnern, an die Gott schlussendlich anknüpfen will (Röm 10,25-32). Charisma steht hier für die erwählende und rettende Zuwendung Gottes.

6. Röm 12,6-9: „Da wir aber verschiedene Gnadengaben haben nach der uns gegebenen Gnade, so lasst sie uns gebrauchen: es sei Weissagung, in der Entsprechung zum Glauben; es sei ein Amt, im Dienen; es sei, der lehrt, in der Lehre; es sei, der ermahnt, in der Ermahnung; der mitteilt, in Einfalt; der vorsteht, mit Fleiß; der Barmherzigkeit übt, mit Freudigkeit. Die Liebe sei ungeheuchelt! …” Paulus stellt fest, dass nicht alle Christen dasselbe Charisma haben. Dann zählt er einige Gnadengaben Gottes auf: Prophetie, Gemeindeämter, Lehre, Ermahnung, Leitung, Diakonie und Liebe.

7. 1Kor 1,7: „Daher habt ihr an keiner Gnadengabe Mangel, während ihr das Offenbarwerden unseres Herrn Jesus Christus erwartet, …” Wenige Verse vorher zählt Paulus die Lehre und die Erkenntnis, die den Korinthern vermittelt wurde, zu den Gnadengaben Gottes (1Kor 1,4f). Dann wird zum Ausdruck gebracht, dass die angesprochenen Gnadengaben durch die Predigt von Christus gefördert wurden und dass sie dazu dienen, trotz aller Schwierigkeiten treu am Glauben festzuhalten (1Kor 1,6.8). Wenig später wird die Weisheit von Gott gegenüber rein irdischer Scheinweisheit hervorgehoben (1Kor 1,18-31). Charismata könnten hier als wahre Lehre, die Erkenntnis Gottes, die gläubige Geduld, die Kraft zum Ertragen von Leiden und die göttliche Weisheit sein.

8. 1Kor 7,7: „Ich wünsche aber, alle Menschen wären wie ich; doch jeder hat seine eigene Gnadengabe von Gott, der eine so, der andere so.” Im unmittelbaren Kontext bezeichnet Paulus die Ehe und die Ehelosigkeit als Charismata Gottes, sofern sie im Einklang mit dem Willen Gottes gelebt werden.

9. 1Kor 12,4: „Es gibt aber Verschiedenheiten von Gnadengaben, aber es ist derselbe Geist; …” In den folgenden Versen zählt Paulus einige Gnadengaben (Charismata) auf: Gemeindeämter, Worte der Weisheit, Worte der Erkenntnis, Glaube, Heilung, Wundertaten, Prophetie, Geisterunterscheidung, Zungenrede, Auslegung der Glossolalie (1Kor 12,5-10). Wichtig erscheint Paulus, dass alle diese Gaben von Gott kommen, keine einer anderen vorgezogen werden darf und alle zum Wohl der Gemeinde eingesetzt werden sollen.

10. 1Kor 12,9: „… einem anderen aber Glauben in demselben Geist, einem anderen aber Gnadengaben der Heilungen in dem einen Geist, …” Unter anderem sind auch der Glaube und die Fähigkeit Menschen zu heilen Gnadengaben (Charismata) Gottes.

11. 1Kor 12,28: „Und die einen hat Gott in der Gemeinde eingesetzt erstens als Apostel, zweitens andere als Propheten, drittens als Lehrer, sodann Wunder-Kräfte, sodann Gnadengaben der Heilungen, Hilfeleistungen, Leitungen, Arten von Sprachen.” Insbesondere werden hier Heilungen, Hilfeleistungen, Leitung und Zungenrede als Charismata bezeichnet. Aus dem Kontext wird deutlich, dass Paulus auch die Gemeindeämter, die Fähigkeiten Wunder zu vollbringen und die Auslegung der Zungenrede als Geistesgabe betrachtet (1Kor 12, 28-30). Noch einmal wird hervorgehoben, dass kein Christ alle Charismata hat, sondern dass sich die Gabenträger zur Erbauung der Gemeinde ergänzen sollen.

12.: 1Kor 12,30: „Haben alle Gnadengaben der Heilungen? Reden alle in Sprachen? Legen alle aus?”

13. 1Kor 12,31: „Eifert aber um die größeren Gnadengaben! Und einen Weg noch weit darüber hinaus zeige ich euch: …” Im folgenden Abschnitt (1Kor 13) macht Paulus deutlich, dass alle bisher aufgezählten Charismata (Zungengede, Prophetie, Erkenntnis, Glaube, Diakonie usw.) in ihrer Bedeutung weit hinter der Liebe zurückbleiben. Er fordert die Gläubigen auf, vor allem nach den Charismata des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe zu streben. Alle anderen Gnadengaben sind diesen untergeordnet und sind zeitlich befristet, bis zu dem Zeitpunkt, wenn das „Vollkommene” kommen wird.

14. 2Kor 1,11: „… wobei auch ihr durch das Gebet für uns mitwirkt, damit von vielen Personen für das uns verliehene Gnadengeschenk gedankt werde, durch viele für uns.” Paulus hebt das Engagement der Korinther hervor, die durch ihre Fürbitte dazu beitragen, dass noch viele Menschen in den Genuss der Gnadengabe kommen, die der Apostel von Gott erhalten hat. Der Text macht deutlich, dass es sich hier um ein Charisma handelt, das dem Paulus zum Wohl anderer Menschen anvertraut wurde. Dabei könnte es sich um sein Leitungsamt als Apostel handeln, auch aber um seine Gabe als Evangelist, Lehrer und Seelsorger. Außerdem könnte es sich um den Inhalt des Evangeliums handeln, das Paulus anvertraut wurde, um es den Heiden nahe zubringen (vgl. 2Kor 1,8-11).

15. 1Tim 4,14: „Vernachlässige nicht die Gnadengabe in dir, die dir gegeben worden ist durch Weissagung mit Handauflegung der Ältestenschaft!” Hier bezieht sich Paulus auf eine individuelle Gnadengabe, die Timotheus unter Handauflegung erhalten hatte. Schon vorher erinnert Paulus seinen Mitarbeiter daran, dass er dazu berufen ist, das Evangelium von der Vergebung der Sünden zu predigen. Diese Berufung beruht unter anderem auf göttlicher Prophetie. Dann ermutigt ihn Paulus, Älteste einzusetzen (1Tim 3,1-7), andere Christen zu lehren (1Tim 4, 6.13.16) und sich nicht aufgrund seines geringen Alters einschüchtern zu lassen (1Tim 4,11). Demnach ist das Charisma des Timotheus höchstwahrscheinlich seine Lehr- und Leitungsfunktion in der Gemeinde.

16. 2Tim 1,6: „Um dieser Ursache willen erinnere ich dich, die Gnadengabe Gottes anzufachen, die in dir durch das Auflegen meiner Hände ist.” Aufgrund äußerer Angriffe und persönlichem Leid (2Tim 1,4; 15; 2,1-3) scheint Timotheus erneut an seiner Berufung als Lehrer und Leiter der Gemeinden zu zweifeln. Paulus erinnert ihn wiederum daran, dass diese Aufgabe nicht nur auf seine Berufswahl, sondern auf das Charisma Gottes zurückgeht (2Tim 1,6f; 9, 13f; 2,8f).

17. 1Petr 4,10: „Wie jeder eine Gnadengabe empfangen hat, so dient damit einander als gute Verwalter der verschiedenartigen Gnade Gottes!” Im folgenden Vers (1Petr 4,11) zählt Petrus einige Charismata auf, mit denen die Christen sich gegenseitig helfen sollen: Predigt, Dienst, Diakonie. Auch in den Versen 7-9 beschreibt er das korrekte Verhalten gemäß der Gnadengaben Gottes: Gebet, Liebe, Gastfreundschaft.

Zusammenfassend kann festgehalten werden, Charismata (Geistesgaben) im neutestamentlichen Sinn sind: Der Name Gottes, die himmlische Herrlichkeit, die Vergebung der Sünden, das ewige Leben, Geistlicher Austausch, die Erwählung, die Berufung, Prophetie/Weissagung, Dienst, Lehre, Ermahnung, Geben, Leitung, Barmherzigkeit üben, Liebe, Geduld, Treue, Reden der Weisheit, Reden der Erkenntnis, geistliches Reden, Seelsorge, Glauben, Heilen, Geister unterscheiden, Zungenrede/Sprachenrede, Auslegung der Sprachenrede, Wunder, verschiedene Ämter: Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrer.

Einige der hier aufgezählten Charismata werden andernorts auch als „Früchte des Geistes” bezeichnet (Gal 5,22f; Eph 5,9; Kol 3,12): Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Enthaltsamkeit, Gerechtigkeit, Wahrheit, Demut und Milde. Auch diese Eigenschaften gehen auf ein Wirken des heiligen Geistes und ein Geschenk Gottes zurück, sind in diesem Sinne also ebenfalls Charismata.

Natürlich ist mit diesen Stellen nicht alles genannt, was Gott dem Menschen schenkt, denn letztlich kann in der Bibel fast alles als Gabe Gottes angesehen werden. Charismata werden im Neuen Testament auch „Gaben / Geschenke” (doma, Lk 11,13; Eph 4,8.11f / dosis, Jak 1,17f / dorea = unverdientes Geschenk, Apg 11,17; Röm 5,15.17)6, „geistliche Dinge” (pneumatica = vom Geist bewirktes Handeln im Gegensatz zu seelischen oder fleischlichen Verhaltensweisen, 1Kor 2,13ff; 3,1; 12,1; 14,1)7, „Zeichen / Manifestationen” (phaneroseis = Offenbarung bzw. Bekanntmachung des Heiligen Geistes, 1Kor 12,7; 2Kor 4,2)8, Wirkungen/Eingreifen (energemata = wirksame Kraft, Auswirkung des Heiligen Geistes, 1Kor 12,6.10)9 und Dienste (diakoniai = karitative Aufgabe oder Leitungsaufgabe in der Gemeinde, 1Kor 12,5; Kol 4,17; 1Tim 1,12; 1Petr 4,10)10 genannt. Selbst der Heilige Geist ist ein Geschenk Gottes für die Gläubigen (Apg 2,38; 10,45; 11,17). Gaben Gottes können auch materielle Segnungen oder ein langes Leben sein (Pred 2,24; 3,13; 5,18).

Außerdem werden die einzelnen oben genannten Begabungen in anderen Bibeltexten noch näher erläutert. Trotz dieser Einschränkungen kann festgehalten werden, dass Charisma im Neuen Testament einerseits Gottes Geschenk der Sündenvergebung und Rettung bezeichnet, das jedem Christen gilt. Andererseits werden auch geistliche Einzelbegabungen und göttliche Berufungen in Gemeindeämter Charismata genannt. Keinesfalls jedoch kann Charismata auf einige wenige, als spektakulär empfundene Wundergaben beschränkt werden (Zungenrede, Prophetie, Heilung), zumal diese sowohl in Bezug auf Häufigkeit als auch in Bezug auf Bedeutung eher an zweiter Stelle zu stehen scheinen (1Kor 13).

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1 Vgl. Konkordanz zum Novum Testamentum Graece, hrsg. vom Institut für neutestamentliche Textforschung Münster, de Gruyter, Berlin 1987, Sp. 1902

2 Vgl. K.Berger, Art. charizomai, in: Exegetisches Wörterbuch zum Neuen Testament, H. Balz / G. Schneider Hrsg., Bd.3, 2.Aufl., Kohlhammer, Stuttgart 1992, Sp. 1093-1095

3 Vgl. K.Berger, Art. charis, in: Exegetisches Wörterbuch zum Neuen Testament, H. Balz / G. Schneider Hrsg., Bd.3, 2.Aufl., Kohlhammer, Stuttgart 1992, Sp. 1095-1102

4 Vgl. K.Berger, Art. charisma, in: Exegetisches Wörterbuch zum Neuen Testament, H. Balz / G. Schneider Hrsg., Bd.3, 2.Aufl., Kohlhammer, Stuttgart 1992, Sp. 1102-1105

5 Bibelstellen nach der revidierten Elberfelder Übersetzung

6 Vgl. Art.: doma / dosis / dorea, in: Exegetisches Wörterbuch zum Neuen Testament, H. Balz / G. Schneider Hrsg., Bd.1, 2.Aufl., Kohlhammer, Stuttgart 1992, Sp. 832, 843f, 880ff

7 Vgl. J.Kremer, Art.: pneumatikos, in: Exegetisches Wörterbuch zum Neuen Testament, H. Balz / G. Schneider Hrsg., Bd.3, 2.Aufl., Kohlhammer, Stuttgart 1992, Sp. 291ff

8 Vgl. Art.: phanerosis, in: Exegetisches Wörterbuch zum Neuen Testament, H. Balz / G. Schneider Hrsg., Bd.3, 2.Aufl., Kohlhammer, Stuttgart 1992, Sp. 991

9 Vgl. Art.: energema, in: Exegetisches Wörterbuch zum Neuen Testament, H. Balz / G. Schneider Hrsg., Bd.1, 2.Aufl., Kohlhammer, Stuttgart 1992, Sp. 1108

10 Vgl. A.Weiser, Art.: diaoneo / diakonia, in: Exegetisches Wörterbuch zum Neuen Testament, H. Balz / G. Schneider Hrsg., Bd.3, 2.Aufl., Kohlhammer, Stuttgart 1992, Sp. 726-732

2. Das Ende biblischer Gnadengaben?

Argumente für das Ende der „charismatischen Geistesgaben” heute ergeben sich zum einen aus einigen Aussagen des Neuen Testaments, zum anderen aus Entwicklungen der Kirchengeschichte und darüber hinaus aus Beobachtungen charismatischer Praxis.

1. Im Zentrum der Auseinandersetzungen um das mögliche Ende jener Zeichengaben aus 1Kor 12 + 14 steht die Ankündigung, dass Prophetie, Zungenrede und Erkenntnis aufhören werden, wenn „das Vollkommene” gekommen ist (1Kor 13,8-10). Uneinigkeit besteht unter den Exegeten darüber, wann das der Fall sein wird und was konkret unter dem „Vollkommenen” zu verstehen ist. Einige sehen darin den abgeschlossenen und deshalb „vollkommenen” Kanon des Neuen Testaments, was jedoch dadurch unwahrscheinlich erscheint, da Paulus in diesem Zusammenhang nicht vom schriftlich fixierten Wort Gottes spricht. Auch sonst wird das Wort Gottes zwar als vollkommen beschrieben (Ps 19,8; Jak 1,25), nie aber „das Vollkommene” genannt. Andererseits ist die Auslegung des „Vollkommenen” als Zustand in der Ewigkeit Gottes nicht ganz zufriedenstellend. Zwar entspräche diese Interpretation der Aussage des Paulus, „… dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt worden bin” (1Kor 13,12), andererseits soll auch dann noch das geistliche Leben von Hoffnung und Glauben gekennzeichnet sein (V. 13). Doch scheint dieses auf eine noch ungewisse Zukunft ausgerichtete Verhalten kaum zum Leben in der Gegenwart Gottes zu passen, in der es nichts mehr zu hoffen und zu glauben gibt, da doch alles erreicht und gewiss ist. Es wurde auch vorgeschlagen, „wenn das Vollkommene (teleios) da ist” als „wenn die vollkommene Reife erreicht ist” oder „wenn ihr erwachsen im Glauben geworden seid” zu übersetzen, was sprachlich durchaus möglich ist.11 Demnach wären neutestamentliche Prophetie und Zungenrede lediglich Gaben für die erste, noch unreife Zeit der Gemeinde. Nach deren lehrmäßiger und organisatorischer Festigung im 1. und 2. Jahrhundert hätten diese Gaben ihren Zweck erfüllt und könnten zurücktreten (vgl. Eph 4,13ff), zumal Paulus im Zusammenhang mit der Glossolalie von Unreife der Gemeinde spricht, die überwunden werden solle (1Kor 14,20). Diese Übersetzungsmöglichkeit spricht allerdings nicht für ein generelles Aufhören der Glossolalie, sondern lediglich für deren eingeschränkte Nutzung bei noch „unreifen”, geistlich „nicht erwachsenen” Christen.

In diesem Zusammenhang wird zurecht darauf hingewiesen, dass Paulus für das Aufhören von Prophetie und Erkenntnis ein anderes Verb benutzt als für das Ende des Zungenredens. Betont das erste (katargeo) eine aktive Handlung, hebt das zweite (pauo, im Medium) das eher selbstständige zur Ruhe kommen der Sprachenrede hervor (1Kor 13,8).12 Dieser Unterschied kann dahingehend ausgelegt werden, dass Gott Prophetie und Erkenntnis am Ende der Zeiten in einem autoritativen Eingriff beendet, wohingegen das Zungenreden schon vorher selbstständig ein Ende findet. Allerdings muss bei dieser Deutung beachtet werden, dass das Verb pauo auch das längere Aussetzen einer Tätigkeit meinen kann (Pause machen), wohingegen das andere Verb katargeo gewöhnlich ein absolutes Ende bezeichnet. Demnach wäre es durchaus möglich, dass die Sprachenrede nach längerem Aussetzen in späterer Zeit erneut auftritt.

Gegen den dauerhaften Einsatz des Zungenredens in der Gemeinde spricht deren Erklärung als Zeichen für ungläubige Juden „Ich will mit fremden Sprachen und fremden Lippen zu diesem Volk reden …” (1Kor 14,21; Jes 28,11ff). Durch das Zungenreden und andere Zeichengaben sollte Israel deutlich gemacht werden, dass Gott jetzt auch mit und durch Heiden handelt (Apg 10,44-46; Röm 11f.25-27; Gal 3,28). Da dieser Zweck zwischenzeitlich erfüllt ist und darüber hinaus in den meisten Gemeinden keine Juden mehr gegenwärtig sind, fällt damit auch der ursprüngliche Grund der Sprachenrede. Hierbei muss allerdings beachtet werden, dass in 1Kor 14,21 zwar von einem Zeichen für die Juden gesprochen wird, in den Versen vorher und nachher aber nicht von Juden, sondern von Ungläubigen (apistos) die Rede ist. Damit sind gewöhnlich alle Menschen gemeint, die dem Evangelium von Jesus Christus keinen Glauben schenken.13 Demnach wäre das Zungenreden nicht nur ein Zeichen für Juden, sondern auch für ungläubige Heiden. Sollten, gegen den sprachlichen Befund, mit der Glossolalie nur Juden angesprochen werden, könnte daraus kein Ende dieser Geistesgabe abgeleitet werden, da auch heute noch Juden dadurch überzeugt werden könnten, seien sie nun Besucher des entsprechenden Gottesdienstes oder hörten sie nur aus der Entfernung von diesem Phänomen. Außerdem ist es problematisch anzunehmen, dass der von Paulus angeführte Grund des Zungenredens als Zeichen für die Juden der einzige Zweck der Glossolalie sein muss, da er doch andernorts beispielsweise davon spricht, dass Zungenreden den Gläubigen selbst erbaut (1Kor 14,4) und eine Zwiesprache mit Gott ist (1Kor 14,2.28).

Gegen das fortwährende Zungenreden wird auch angeführt, dass es vor allem als Beglaubigungszeichen Gottes für die Wahrheit des Evangeliums diente. Nach dem Abschluss des neutestamentlichen Kanons habe die Bibel diese Funktion übernommen. Allerdings reduziert diese Interpretation den Zweck des Zungenredens unzulässig auf diesen Beglaubigungsaspekt und schlussfolgert ohne biblischen Beleg, dass ein solches Zeichen neben der Bibel heute nicht mehr von Gott gewollt sei. Dabei wäre es durchaus denkbar, dass Gott Glossilalie auch heute noch als außergewöhnliches Zeichen für ungläubige Zweifler nutzt, obwohl diese auch im Neuen Testament lesen könnten.

Zu Recht wird darauf hingewiesen, dass die Glossolalie im Neuen Testament keinen besonders herausgehobenen Status einnimmt. Außer in der Apostelgeschichte wird sie nur im ersten Korintherbrief erwähnt, in dem die Gemeinde wegen falschen Einsatzes und Überbewertung der Zungenrede zurechtgewiesen werden musste. Weil die Sprachenrede in den anderen Schriften des Neuen Testaments nicht erwähnt wird, schließt man, dass sie in den übrigen Gemeinden nur eine untergeordnete Rolle spielte oder schon im Verlauf der neutestamentlichen Zeit gänzlich zum Erliegen kam. Hier handelt es sich allerdings um eine Argumentation, die sich lediglich auf das Schweigen zahlreicher Schriften des Neuen Testaments stützt. Ein solches Vorgehen ist natürlich sehr spekulativ. Ebenso könnte über das Ende der Taufe oder des Abendmahls räsoniert werden, weil sie nicht in allen neutestamentlichen Schriften erwähnt werden. Darüber hinaus könnte auch einfach davon ausgegangen werden, dass alle Gemeinden die Glossolalie in dem von Paulus gesetzten Rahmen praktizierten und sich deshalb weitere Anweisungen erübrigten.

Immer wieder wird betont, dass die durch den Heiligen Geist gewirkten Zeichen in erster Linie der Beglaubigung der Sendung Jesu (vgl. Joh 3,2; Apg 2,22; Hebr 2,3f) und der von ihm bevollmächtigten Apostel (Röm 15,19; 2Kor 12,11f) dienten. Durch die von ihm bewirkten Wunder wollte Gott eine zuverlässige und glaubwürdige Basis für den Aufbau der zukünftigen Gemeinde schaffen (Eph 2,20; Offb 21,14). Nachdem Jesus und die Apostel dieses Fundament gelegt hatten, erübrigten sich diese Beglaubigungswunder. Insofern widerspiegeln die Zeichen und Wunder der Evangelien und der Apostelgeschichte eine historisch einmalige Zeit. Demnach richten sich die Wunderverheißungen Jesu ausschließlich an die von ihm berufenen Jünger in ihrer Funktion als Gründer der christlichen Gemeinde (Mk 16, 15-18). Auch im Alten Testament scheint Gott nur in der Zeit der Staatsgründung Israels durch Mose und Josua und später durch Elia und Elisa eine außergewöhnliche Zahl spektakulärer Wunder gewirkt zu haben, während sein Eingreifen zu anderen Zeiten weniger sichtbar ist. Demnach wäre das Wirken Gottes durch Zeichen und Wunder heilsgeschichtlich gesehen die Ausnahme, die Offenbarung durch sein Wort hingegen der Normalfall. Tatsächlich wird für die „letzte Zeit” von Jesus keine neue Epoche außergewöhnlicher Wunder Gottes vorhergesagt, sondern Christenverfolgungen (Mt 10,17; 24,9f; Joh 15,20; 2Tim 3,12) und spektakuläre Wunder falscher Propheten (Mt 24,5.11.24; 2Thess 2,9; Offb 13,13). Diese Aussagen machen deutlich, dass Wunder immer interpretationsbedürftig sind und auch von Dämonen bewirkt werden können. Eine besondere Häufung von Wundern in der Gegenwart jedenfalls kann biblisch kaum begründet werden. Immer wieder zitierte Prophetien des Alten Testaments (Joel 3,1; Jes 44,3; Hes 36,27; Am 8,10 - vgl. Apg 2,15ff) haben sich größtenteils in der Zeit Jesu und der Apostel erfüllt, andere Aussagen beziehen sich auf die Zeit, wenn Israel Jesus als Messias anerkennt oder wenn Gott auf der Erde regieren wird.

Nun sollte daraus aber auch nicht geschlussfolgert werden, dass heute gar keine Wunder von Gott bewirkt werden oder keine Zeichengaben (Zungenrede, Prophetie, Heilung usw.) gegeben werden könnten. Der Hinweis auf den Beglaubigungscharakter der Wunder Gottes zur Zeit Jesu schließt nicht aus, dass Gott sein Evangelium auch noch heute spektakulär von Menschen beglaubigen will oder aus irgend einer anderen Motivation durch Wunder handelt. Wird ein Grund des Wunderwirkens Gottes korrekt beschrieben, darf daraus eben nicht geschlossen werden, es gäbe keine anderen Gründe, aus denen Gott auch heute noch außergewöhnlich handelt (z.B. für die Mission, zur Zurechtweisung von Gläubigen, als Ermahnung an die Menschheit, aus Mitleid mit Leidenden usw.). Auch wenn das Neue Testament die Bedeutung von Zeichen und Wundern stark relativiert und deren absolutes Ende deutlich vorhersagt, kann das Aufhören von Zungerede, Prophetie, Heilung usw. in der Gegenwart daraus nicht zwangsläufig geschlossen werden.

2. Der immer wieder zu hörende Hinweis auf die Kirchengeschichte, in der die Zeichengaben schließlich weitgehend aufgehört hätten, ist zwiespältig. Zwar gab es in der nachapostolischen Zeit tatsächlich ein langsames Abflauen der Prophetie, des Zungenredens und der Heilungen. Diese Entwicklung ist wahrscheinlich aber auf den immer größer werdenden Missbrauch dieser Begabungen zurückzuführen. Ein große Zahl von Sektierer jener Zeit bedienten sich Wundertaten zur Beglaubigung ihrer Aussagen (z.B. Gnostiker, Montanisten), so dass in den Gemeinden eine zunehmende Skepsis gegenüber der Aussagekraft „übernatürlicher Mitteilungen” wuchs. Andererseits hörten auch reelles Zungenreden, Prophetie und Heilungen nie vollständig auf. In bestimmten Regionen und zu bestimmten Zeiten traten diese Zeichengaben immer wieder auf, ohne dass Betrug oder Okkultismus dahinter zu stecken schien (z.B. bei den Beginen, den Quäkern, den Methodisten, der Erweckungsbewegung).14 So werden auch aus der Zeit der Germanenmission zahlreiche Wunder berichtet, Offenbarungen, Heilungen, Dämonenaustreibungen usw. (z.B. bei Martin von Tours, Magnoald, Bonifatius). Allerdings überwog in der Kirchengeschichte zumeist der Mißbrauch dieser vorgeblichen Geistesgaben. Mystiker, Täufer, Pietisten und Inspiriertengemeinden beriefen sich auf Prophetie und Wundertaten Gottes.15 Damit wollten sie unter anderem Irrlehren, Morde und sexuelle Ausschweifungen rechtfertigen. Im 19.Jahrhundert waren es Prediger der Erweckungsbewegung, aber auch die Gründer der Mormonen, Adventisten und Neuapostolischen, die übernatürliche Mitteilungen Gottes zur eigenen Legitimation heranzogen: Gott habe ihre Berufung durch Wunder bestätigt, habe ihnen prophetisch den Termin für das Weltende, den Trick selbst Gott zu werden oder die Aufforderung, mehrere Frauen zu heiraten, mitgeteilt.16

So muss festgestellt werden, dass ein gänzliches Ende aller Zeichengaben in der Kirchengeschichte nicht nachzuweisen ist. Folglich liefert der Blick in die Geschichte keinen eindeutigen Beleg dafür, dass es in der Gemeinde heute weder Glossolalie noch Heilungen oder Prophetie mehr geben könne. Und selbst wenn diese Charismen in den vergangenen Jahrhunderten wirklich verschwunden wären, könnte daraus nicht abgeleitet werden, dass Gott diese Gaben dauerhaft nicht mehr haben wolle. Die Ursachen für das mögliche Verschwinden könnten nämlich ganz unterschiedlich sein: Ungehorsam der Kirche, kaum Zweifel an der Wahrheit der Bibel im Mittelalter, Nachlässigkeit der Gläubigen usw. Darüber hinaus kann auch in anderen Lebensbereichen der Gemeinde nicht unmittelbar von der geschichtlichen Entwicklung auf den Willen Gottes geschlossen werden. Das weitgehende Aufhören der Glaubenstaufe in der Kirchegeschichte des Mittelalters beispielsweise kann wohl auch kaum als Argument dafür herhalten, dass diese Taufpraxis von Gott nicht mehr gewollt sei. Es ist eben nicht unbedingt möglich, vom Sein auf das Sollen zu schließen. Bezüglich des Zungenredens und anderer Zeichengaben könnte ebenso argumentiert werden, die Gemeinde hätte die Glossolalie über einen längeren Zeitraum hinweg gegen den Willen Gottes vernachlässigt oder gar unrechtmäßig unterdrückt. Ebenfalls wäre es möglich, dass Gott erst wieder in der Neuzeit die Notwendigkeit sah, Christen in Zungen sprechen zu lassen, möglicherweise im Zusammenhang mit der neu aufbrechenden Weltmission.

3. Die charismatische Praxis von Zungenreden, Heilung und Prophetie weicht auffällig häufig von den eindeutigen biblischen Vorgaben ab. Da wird gelehrt, der Heilige Geist befähige alle Christen zur Glossolalie (dagegen: 1Kor 12,10f.30), Gott heile alle, die ihm vertrauen (dagegen: Phil 2,25ff; 2Tim 4,20), Prophetie könne gelernt werden (dagegen: Lk 1,67; 2Petr 1,21), Zungenrede müsse nicht ausgelegt werden (dagegen: 1Kor 14,27f), christliche Propheten könnten sich irren (dagegen: 5Mo 18,22; Jos 21,45) usw. Kritiker der Charismatischen Bewegung schließen daraus, dass diese „charismatischen Gaben” nicht von Gott bewirkt seien und es diese heute gar nicht mehr gäbe. Hierbei sollte jedoch beachtet werden, dass ein falscher Gebrauch der Geistesgaben deren echtes Vorkommen nicht verunmöglicht. Neben menschlich produziertem und möglicherweise okkultem könnte durchaus auch echtes Zungenreden, Heilen und Prophezeien stehen. Die offensichtlichen Differenzen zwischen biblischen Aussagen und der Praxis in einigen Teilen der Charismatischen Bewegung sollten angesprochen werden, ohne allerdings sofort Rückschlüsse auf die Legitimität der Geistesgaben heute zu ziehen.

Insgesamt gesehen können durchaus ernsthafte Argumente für das Ende der Zeichengaben in der Gegenwart vorgebracht werden. Eindeutige Belege für das Aufhören von Zungenrede, Prophetie und Heilungen sind das jedoch nicht. Deshalb konzentriert sich die Auseinandersetzung im Folgenden eher auf die charismatische Praxis und nicht so sehr auf die Frage, ob diese Gaben auch heute noch vorkommen können. (vgl. dazu Michael Kotsch: Die Charismatische Bewegung, Band 2, Lage 2008).

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11 Vgl. H.Hübner, Art.: teleios, in: Exegetisches Wörterbuch zum Neuen Testament, H. Balz / G. Schneider Hrsg., Bd.3, 2.Aufl., Kohlhammer, Stuttgart 1992, Sp. 821-824

12 Vgl. H.Hübner, Art.: katargeo, in: Exegetisches Wörterbuch zum Neuen Testament, H. Balz / G. Schneider Hrsg., Bd.2, 2.Aufl., Kohlhammer, Stuttgart 1992, Sp. 659-661 / G.Schneider, Art.: pauo, in: Exegetisches Wörterbuch zum Neuen Testament, H. Balz / G. Schneider Hrsg., Bd.3, 2.Aufl., Kohlhammer, Stuttgart 1992, Sp.146

13 Vgl. G.Barth, Art.: apisteo, apistia, apistos, in: Exegetisches Wörterbuch zum Neuen Testament, H. Balz / G. Schneider Hrsg., Bd.1, 2.Aufl., Kohlhammer, Stuttgart 1992, Sp. 290-295

14 Vgl. Oskar Föller, Charisma und Unterscheidung, Wuppertal: R.Brockhaus Verlag, 1994, S.10ff

15 Vgl. Oskar Föller, Pietismus und Enthusiasmus - Streit unter Verwandten, Wuppertal: R. Brockhaus, 1998

16 Vgl. Helmut Obst, Apostel und Propheten der Neuzeit, Berlin: Union Verlag, 1980

3. Die Geschichte charismatischer Frömmigkeit

Auch wenn die Charismatische Bewegung an sich nur wenige Jahrzehnte alt ist, gab es eine Reihe ähnlicher Bewegungen durch die ganze Kirchengeschichte. Zumeist finden sich allerdings nur bestimmte Aspekte charismatischer Frömmigkeit, wie die Betonung des Heiligen Geistes, eine hohe Emotionalität, das Auftreten von Zungenrede und Prophetie oder eine ausgeprägte Endzeiterwartung. Lediglich in der Bündelung ihrer Eigenschaften und ihrer Radikalität ist die Charismatische Bewegung bislang einzigartig.

Insbesondere in Krisenzeiten und während einschneidender gesellschaftlicher Umbrüche wurde die Bedeutung des Heiligen Geistes besonders hervorgehoben. Oftmals gilt der Heilige Geist als der dynamische, unberechenbare Teil der Trinität. Gerade wenn bestehende Vorstellungen und Ordnungen wanken, kann der Heilige Geist neue Formen schaffen, die den neuen Herausforderungen entsprechen. Hochgeschätzt wurde der Heilige Geist auch in den meisten prophetischen Bewegungen. So beispielsweise in den geistlichen Wirren am Ende des 1.Jahrtausends, in der Verunsicherung des Spätmittelalters (14.-15.Jahrh.) oder der industriellen Revolution (19.Jahrh.).

Wie in einer großen Pendelbewegung wechselten in der Kirchengeschichte immer wieder Phasen des Verstandes mit Phasen des Gefühls. Immer wenn man sich an die Vorteile des gläubigen Verstandes (bzw. Gefühls) gewöhnt hatte, wurde den Menschen die eigene Einseitigkeit bewusst und man begann sich nach der jeweiligen Ergänzung zu sehnen (Gefühl, bzw. Verstand), bis diese wiederum zur alltäglichen Gewohnheit wurden. Phasen der Betonung des Verstandes waren die Scholastik (10.- 12.Jahrh.), die Orthodoxie (16.-17.Jahrh.), die Aufklärung (18.Jahrh.) und die Zeit des ungebrochenen Fortschrittsglaubens in den 60er und 70er Jahren des 20.Jahrhunderts. Phasen der Betonung der Emotionalität in der Kirchengeschichte hingegen waren die Mystik, der Pietismus, die Erweckungsbewegung, die Romantik usw.

Zeichen und Wunder wurden in der Kirchengeschichte häufig in Missionssituationen beobachtet oder in Phasen, in denen der Glaube der Christen besonders in Frage gestellt wurde. Nachdem sich die Gemeinde etabliert bzw. der Glaube wieder gefestigt hatte reduzierte sich die Zahl der Wunder deutlich. Manche „übernatürlichen Erlebnisse” waren auch die direkte Folge der Betonung des gefühlvollen Glaubens. Bewusst und unbewusst wurden dann auch „Glaubenserfahrungen” selbst produziert. Auffällig häufig finden sich gut bezeugte Wunder in den ersten drei Jahrhunderten der Christenverfolgung im Römischen Reich, in der Zeit der Germanenmission (z.B. Martin von Tours, Bonifatius), während des Zusammenbruchs der mittelalterlichen Ordnungen (15.-16. Jahrhundert) und während der Glaubensmissionen im 19.Jahrhundert.

Zungenrede und Prophetie waren in der Kirchengeschichte beliebte Wege, feste Hierarchien aufzubrechen und das allgemeine Priestertum zu betonen. Gott spricht dann nicht mehr nur durch den ausgebildeten und anerkannten Geistlichen sondern durch jeden, der vom Geist Gottes getrieben wird. Darüber hinaus erhofften sich Christen immer wieder übernatürliche Offenbarungen, die Gottes Willen in einer aktuellen Frage deutlich werden lässt. Insofern wurden Prophetie und Zungenrede immer wieder als Ergänzung der biblischen Offenbarung betrachtet. Von der Kirche wurde das zumeist zurückgewiesen. Allzu oft bedienten sich auch sektiererische Bewegungen der Prophetie zur Begründung ihrer neuen Lehren und Praktiken. Aufgrund dieser überwiegend schlechten Erfahrungen wurden die Christen der Vergangenheit zunehmend kritisch gegenüber Prophetien. Eine besondere Konzentration prophetischer Aktivität findet sich im 2.Jahrhundert (z.B. Montanus), dann auch in kirchenkritischen Gruppen des Hochmittelalters und des 15.Jahrhunderts. In Erinnerung blieben hier hussitische Propheten, die das Ende der Welt ankündigten und die Vernichtung der Katholiken forderten. In der Reformationszeit meinten die Zwickauer Propheten und die Täufer von Münster (Jan Matthys), besondere Mitteilungen Gottes zu empfangen. Am Rande des Pietismus (1650-1750) und der Erweckungsbewegung (19. Jahrh.) nahmen kleinere religiöse Gruppen übernatürliche Offenbarungen Gottes für sich in Anspruch (z.B. Petersen, Inspirierten Gemeinden von Berleburg, Eva von Buttlar). Im 19.Jahrhundert wurde die Prophetie insbesondere von sektiererischen Gruppen praktiziert und hervorgehoben (z.B. Adventisten, Neuapostolische Kirche, Mormonen, Zeugen Jehovas). In den weitaus meisten Fällen erwiesen sich die vermeintlich göttlichen Prophetien im Nachhinein allerdings als Wunschvorstellungen, Irrtümer oder Verführungen, weshalb der Großteil der Christen die Prophetie skeptisch beurteilte.

In regelmäßigen Abständen wurde die Christenheit bisher von Phasen intensiver Endzeiterwartung ergriffen. Zumeist wurde die Erwartung des Gottesreiches durch äußere Zeichen wie einschneidende gesellschaftliche Bedrohungen (Seuchen, Kriege, Hungersnöte, Verarmung …) ausgelöst. Menschen sahen in den Problemen ihrer Zeit Zeichen des Endes bzw. Zeichen des Gerichtes Gottes. Das wiederum begünstigte einen stark emotional gefärbten Glauben und übernatürliche Zeichen, die als Geistesausgießung der Endzeit oder als Ausweis echter geistlicher Umkehr gedeutet wurden. Ein Höhepunkt der Endzeiterwartung nach dem 1.Jahrhundert und der Völkerwanderung war das Ende des 1.Jahrtausends. Hexenängste und Bedrohungen durch den Islam führten im 14.und 15. Jahrhundert zu verstärkten Spekulationen um das Ende der Welt. Ebenso verhielt es sich in der Zeit des 30jährigen Krieges, in der industriellen Revolution und im Vorfeld des Jahrs 2000.

Ein weiteres Element charismatischer Frömmigkeit ist die Vorstellung verschiedener Stufen geistlicher Entwicklung, die ein Christ durchlaufen müsse. Diese Überzeugung entstammte in der Kirchengeschichte zumeist der Erfahrung eines gewissen christlicher Alltagstrotts, der so gar nicht mit den Erwartungen eines erfüllten geistlichen Lebens zusammen zu passen schien. Manche Christen sehnten sich dann nach einer intensiveren Beziehung zu Gott und nach einer emotionalen Selbstvergewisserung des eigenen Glaubens. Zur Vermittlung dieser Gottesnähe wurden dann in der Kirchengeschichte verschiedene Wege angeboten. Neben dem Glauben standen beispielsweise die Sakramente, die Taufe, die Kirchenzugehörigkeit, das Einhalten bestimmter Gebote, ein genau definiertes Bekehrungserlebnis, besondere Schwüre oder Segnungen, aber auch die Geistestaufe. Nur wer auch diese nächste oder übernächste Stufe des Christseins erreichte, konnte sich zumindest vorläufig der besonderen Nähe Gottes gewiss sein.

3.1. Charismatische Vorläufer am Rande der Erweckungs- und Heiligungsbewegung

Enthusiastischen Glauben mit Geisteserfüllung, Zittern, Weinen, Zungenreden und ähnliche Phänomene findet sich in der Anfangsgeschichte der Quäker, bei den Inspiriertengemeinden (Pietismus), bei den protestantischen Camisarden in Südfrankreich, in Herrnhut (Zinzendorf) und während der Erweckungsveranstaltungen Wesleys in Bristol (Methodismus) oder Edwards und Whitfields in Massachusetts.

Im 18. und 19. Jahrhundert gab es zwei große Heiligungs- oder Erweckungsbewegungen in den USA. Die Gläubigen hatten ein starkes Verlangen nach einer zusätzlichen Erfüllung mit dem Heiligen Geist, die im Anschluss an die Bekehrung das Leben bereichern sollten. Man nannte sie Herzensreinigung, Versiegelung, Ausrüstung mit Kraft oder Geistestaufe. Viele sahen in der Taufe mit dem Heiligen Geist einen zweiten Segen im Sinne einer völligen Heiligung nach der Wiedergeburt. Der amerikanische Erweckungsprediger Charles Finney berichtet von einer besonderen geistlichen Erfahrung, die er als „Kraft-Taufe” bezeichnete. Sein Freund Asa Mahan nannte dieses Erlebnis Geistestaufe. Der Evangelist Reuben Torrey definierte die Geistestaufe als eine besondere Erfahrung nach der Bekehrung, durch die der Christ mit Kraft aus der Höhe und mit Geistesgaben für den Dienst ausrüstet wird. Dieses Verständnis Torreys wurde von der Heiligungsbewegung übernommen, in der das Zungenreden als äußeres Zeichen der Geistesfülle galt.

Parallel zur Erweckungsbewegung begannen die afroamerikanischen Sklaven im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts, massenhaft den christlichen Glauben anzunehmen und sich vornehmlich baptistischen und methodistischen Kirchen anzuschließen. Später versammelten sie sich verstärkt in selbständigen schwarzen Kirchen wie der African Methodist Episcopal Church. In ihnen entwickelten sie eine Form religiöser Glaubensausübung, die ihrer Herkunft entsprach. Im Gegensatz zum lateinamerikanischen Synkretismus (Voodoo, Macumba) verzichteten sie auf die alten Götter, bewahrten aber Formen wie die Ekstase als wichtiges Element ihrer Gottesdienste. Nicht die Auslegung und das Verständnis des Bibeltextes stand im Mittelpunkt, sondern das Gefühl, vom Glauben besessen zu sein, to get religion, Gott zu schauen, Gesichte zu haben, Gott aus sich selbst sprechen zu lassen, in Zungen zu reden. Diesen Zustand erlangten sie mit Methoden afrikanischer Religiosität: Die Predigt war eine unaufhörliche Folge von Ruf und Antwort zwischen Prediger und Gemeinde. Die ständige Wiederholung sorgte für Erregung. Da Trommeln untersagt waren, erzeugte man Rhythmus durch Füßestampfen und Händeklatschen. So entstanden um 1900 überall im Land Tausende von kleinen Gemeinden, auch unter Teilen der armen weißen Bevölkerung. Die meisten bezeichneten sich als Pfingstgemeinden oder Heiligungsgemeinden. Die Anhänger dieser Gruppierungen, bei deren Gottesdiensten Gesang und Tanz eine große Rolle spielten, strebten, angefeuert von ihren wild agierenden Predigern, den Holy Rollers, nach kollektiver Ekstase. Die Ausgießung des Heiligen Geistes äußerte sich dabei in unartikuliertem Schreien, dem Sprechen in Zungen und in tranceähnlichen Zuständen.17

Der baptistische Prediger B.H. Irwin forderte seine Zuhörer ab 1890 auf, sie müssten nach ihrer Bekehrung und Heiligung noch die Taufe mit Heiligem Geist und Feuer erleben. Nachdem sich die meisten Führer der Heiligungsbewegung gegen die Drei Segen Häresie ausgesprochen hatten, gründete Irwin die Iowa Fire- Baptized Holiness Association. Diese schloss sich 1911 mit einer ähnlichen, vom methodistischen Prediger A.B. Crumpler gegründeten Organisation zusammen. Die neue Gruppe nannte sich Pentecostal Holiness Church. Parallel dazu entstand durch den Baptistenpastor Richard G. Spurling das Latter Rain Movement, eine Bewegung, die unter Berufung auf Joel 3, Apg 2,16-18 und Jak 5,7f eine endzeitliche Geistesausgießung erwartete. Die Besucher einer Versammlung in Liberty, Tennessee erlebten 1892 eine Geistestaufe mit anschließendem Zungenreden. Daraus entstand die Holiness Church, die sich 1903 in Church of God umbenannte.

3.2. Die Pfingstgemeinden - Die erste Welle des Heiligen Geistes18

Eigentlicher Auslöser der Pfingstbewegung waren die Geistestaufe und das Zungenreden, das einige Studenten der Topeka- Bibelschule (Kansas) von Charles F. Parham 1901 erfuhren. Heiligungsgemeinschaften in Kansas und Missouri fühlten sich dadurch angesprochen und strebten nach ähnlichen Erfahrungen. Der ehemalige Sklave W.J. Seymour erlebte 1905 in Houston (Kansas) seine Geistestaufe und wurde daraufhin von Neeley Terry, Predigerin einer Heiligungsgemeinde, nach Los Angeles eingeladen. In den folgenden Monaten hielt er regelmäßige Gebetsversammlungen ab und wartete auf die Mitteilung der Kraft aus der Höhe. Am 9.4.1906 ereignete sich hier die erste Geistestaufe. Daraufhin traf man sich über dreieinhalb Jahre hinweg täglich in der ehemaligen Methodistenkirche in der Azusa Street. Während dessen ereigneten sich zahlreiche Wunder, Prophetien und Zungenreden. Diese Ereignisse wurden von Zeitungen aus dem In- und Ausland aufgegriffen. Dadurch wurden viele Menschen aufmerksam, reisten nach Los Angeles, erfuhren die Geistestaufe und brachten diese Erfahrung in ihre Heimatgemeinden. Bereits 1907 entstand ein weiteres Pfingstzentrum in Pennsylvaninen. Auch das Moody Bible Institute wurde von dieser Erweckung ergriffen. Innerhalb weniger Jahre breiteten sich Geistestaufe und Zungenrede weltweit aus und führten zur Gründung zahlreicher neuer Pfingst- Gemeinden. Getragen wurde diese Verbreitung insbesondere durch Laien, von denen einige auf Pfingst- Bibelschulen ausgebildet wurden. Im Laufe der Jahrzehnte beruhigte sich der anfängliche Enthusiasmus, und eine organisatorische Festigung trat ein. Regelmäßige Weltpfingstkonferenzen sind Treffpunkte unterschiedlichster pfingstlicher Konfessionen.

Zu den größeren Pfingstkirchen der USA gehören die International Pentecostal Holiness Church (IPHC) und die aus der Azusa Street Mission entstandenen Assemblies of God (Versammlung Gottes), deren Zentrum in Springfield (Missouri) liegt (heute: 12 311 Gemeinden, 3 Millionen Mitglieder in den USA, 58 Millionen weltweit). Das 1955 gegründete Evangel College bietet theologische, naturwissenschaftliche und künstlerische Studiengänge an. Zahlreiche eigene Bibelschulen bilden die zukünftigen Gemeindemitarbeiter aus. Das Gospel Publishing House in Springfield gab 1913 das älteste amerikanische Pfingstblatt, den Pentecostal Evangel heraus. 1946 wurde eine eigene Radiomission namens Revivaltime begonnen. Das 1975 gegründete International Correspondence Institute bietet im Fernunterricht Bibelkurse und Fortbildungen für Gemeindemitarbeiter an.19

Die Church of God in Christ (COGIC, Hauptsitz: Memphis / Tennessee) ist der größte afroamerikanische Pfingstverband (heute: 6 Millionen Mitglieder in den USA). Sie wurde von Charles Harrison Manson 1907 gegründet und unterhält eine Filmproduktionsagentur (Cogic Video), ein Verlagshaus, theologische Ausbildungsstätten (z.B. All Saints Bible College, Memphis / Charles H. Manson Theological Seminary / Atlanta), soziale Dienste (COGIC Charities”) und eine Missionsgesellschaft.20

Die von R.G. Spurling gegründete Church of God verlegte 1907 ihren Sitz nach Cleveland (Tennessee). Heute ist sie weltweit verbreitet (10 Millionen Mitglieder in 150 Ländern), verfügt über ein eigenes Medienunternehmen (Church of God Communications, Faith News Network) und unterhält neben ihrem Predigerseminar Lee University in Cleveland weltweit zahlreiche weitere Ausbildungsstätten (z.B. Church of God Theological Seminary, Cleveland / Patten University, Oakland / Europäisches Theologisches Seminar, Freudenstadt), ein Verlagshaus (Pathway Press), Dienste für verschiedene Personen- und Bevölkerungsgruppen (Männer, Frauen, Soldaten, Spanischsprachige usw.), sowie Außenmission (COGWM) und soziale Hilfsprojekte.21 Nachdem sich die Church of God von ihrem absolut herrschenden Leiter A.J. Tomlinson trennten gründete dieser eine eigene Pfingstkonfession, die Church of God of Prophecy (heute: 1 Millionen Mitglieder in 130 Ländern). Nach einer Auseinandersetzung der Kirchenleitung mit dessen Sohn und designierten Nachfolger Homer A. Tomlinson gründete dieser die Church of God, World Headquarters (Queens Village, New York).

Neben den genannten großen Pfingstverbänden gibt es in den USA noch rund 200 eigenständige Pfingstkonfessionen, die sich zum Teil durch ihre Lehre und zum Teil durch die ethnische Herkunft ihrer Mitglieder unterscheiden (z.B. Gemeinden mit afroamerikanischem, asiatischem, indianischem Hintergrund). Dazu gehören beispielsweise The Pentecostal Church of God (PCG, 1100 Gemeinden), Open Bible Churches (ca. 150 000 Mitglieder) und Elim Fellowship (190 Gemeinden, 22 000 Mitglieder). In der seit 1948 bestehenden Pentecostal Fellowship of North America waren viele „weiße” Pfingstkonfessionen der USA zusammengeschlossen. Durch vermehrte Kontakte zwischen weißen und schwarzen Pfingstgemeinden über die Society for Pentecostal Studies (SPS, seit 1970) konnte 1994 in Memphis ein gemeinsamer Pfingstverband gegründet werden: Pentecostal & Charismatic Churches of North America (PCCNA). International arbeiten Pfingstgemeinden in der World Pentecostal Holiness Fellowship (WPHF) und der Pentecostal World Conference (PWC) zusammen.

Viele der amerikanischen Pfingstgemeinden (z.B. die Church of God) lehren einen dreistufigen Heilsweg (Bekehrung, Heiligung, Geistestaufe). Andere (z.B. Die Assemblies of God) sehen in der Heiligung einen das ganze Leben durchziehenden Prozess und beschränken sich deshalb auf einen zweistufigen Heilsweg (Bekehrung, Geistestaufe). Einige amerikanische Pfingstgemeinden zählen sich zur Jesus only Bewegung. Ausgehend von Beispielen aus der Apostelgeschichte meinen sie, dass nur auf den Namen Jesu allein getauft werden sollte. Um eine vollmächtige Taufe zu erhalten, ließen sich zahlreiche Pfingstanhänger noch einmal auf den Namen Jesu taufen.

3.2.1. Pfingstgemeinden in Europa

Als Vorläufer der Pfingstbewegung in Europa kann die Erweckung in Wales angesehen werden, wo sich in den Jahren 1904-1905 rund 100 000 Menschen bekehrten. Der walisische Evangelist George Jeffreys gründete 1915 die Elim Pentecostal Church mit Sitz in Cheltenham. Die Brüder Daniel und Jones Williams erhielten nach eigenen Aussagen seit 1910 Offenbarungen, nach denen sie die urchristlichen Ämter in der Gemeinde wiederherstellen sollten und selbst zu Propheten und Aposteln berufen würden. 1916 gründeten sie die Apostolic Church. Ähnliche Gruppen bildeten sich in Schottland, England und Irland. Ihr Bestreben, Apostel- und Prophetenämter neu zu etablieren, wird ähnlich auch von der Katholisch apostolischen Kirche und der Neuapostolischen Kirche” geteilt. Besonders erfolgreich war die Mission der Apostolic Church in Afrika, die meisten Anhänger finden sich heute in Nigeria. Die auf Offenbarungen und Autorität aufbauende Struktur entspricht weitestgehend den Vorstellungen afrikanischer Stammeskulturen.

Nach England kam die amerikanische Pfingstbewegung durch den anglikanischen Pfarrer A.A. Boddy. Prägende Persönlichkeit der Assemblies of God in Great Britain and Ireland war Donald Gee (1891-1966). Zum Glauben kam er 1905 während der Erweckung in Wales und erlebte 1912 die Geistestaufe. Später wurde er Vorsitzender der Assemblies of God und Leiter ihrer Bibelschule in Kenley (bis 1964). Ab 1957 gab er im Auftrag der Weltpfingstkonferenz die Zeitschrift Pentecost heraus. Seit 1979 sind die englischen Pfingstkirchen in der British Pentecostal Fellowship zusammengeschlossen.

Der methodistische Prediger Thomas Ball Barratt erfuhr 1906 in New York eine Geistestaufe und brachte die Gedanken der Pfingstbewegung in seine Gemeinde nach Christiania (Oslo / Norwegen). Nach Auseinandersetzungen mit seiner Kirchenleitung gründete er 1916 die Filadelfia- Gemeinde, die sich zur größten norwegischen Pfingstgemeinde entwickelte.

Die Pfingstbewegung in Schweden geht auf Lewi Pethrus (1884-1974) zurück, der 1907 bei Barratt die Geistestaufe erhielt und aufgrund seiner Werbung für die Ideen der Pfingstbewegung 1913 von den Baptisten ausgeschlossen wurde. Zahlreiche Baptisten gingen mit ihm und gründeten die Filadelfia- Gemeinde in Stockholm. Später entstand die Smyrna- Gemeinde in Göteborg. Die breit angelegten Aktivitäten Lewi Pethrus’ förderten eine schnelle Ausbreitung der Pfingstgemeinden in Schweden. Pethrus gründete 1912 einen Buchverlag, 1916 die Wochenzeitschrift Evangelii Härold, 1945 die Tageszeitung Dagen, den Christlichen Buchring, das Schallplattenunternehmen Herold des Heim, und 1955 die International Broadcasting Association die Radiosendungen in 36 Länder ausstrahlte. Außerdem verfasste er mehr als 50 Bücher und rief Heime für die Rehabilitation von Alkoholikern und Drogensüchtigen ins Leben. Missionarisch waren die schwedischen Pfingstgemeinden insbesondere in Afrika tätig. In großen Teilen Schwedens genoss Lewi Pethrus eine allgemeine Anerkennung.

Die Pfingstbewegung in Finnland entwickelte sich unter dem Einfluß von T.Barratt, L.Pethrus und D.Gee. Die ersten Pfingstgemeinden in Dänemark entstanden unter dem Einfluß des Hamburger Strandmissionars Emil Meyer. Später wurden weitere Gemeinden von der Apostolischen Kirche in England gegründet.

Die größten Pfingstgemeinden in Frankreich sind die Assemblée de Dieu und die Eglise Apostolique. Durch den Pfingstprediger Clement de Cossec entstand hier die Internationale Zigeunermission. Cossec sah in den Zigeunern Nachkommen der zehn verlorenen Stämme Israels, die nach dem babylonischen Exil nicht wieder ins Heimatland zurückgekehrt waren. Die hauptsächlich von Sinti und Roma getragene Arbeit verbreite sich in den folgenden Jahren über ganz Europa. Obwohl schon 1923 eine erste Gemeinde in Gijon entstand, konnte sich die Pfingstbewegung in Spanien erst nach dem Bürgerkrieg und der Durchsetzung der Religionsfreiheit 1967 etablieren. In Portugal missionierten seit 1924 ausländische Pfingstprediger. Der größte Gemeindeverband, die Assembléias de Deus, unterhielt ein theologisches Seminar, einen Verlag und verschiedene soziale Einrichtungen. In Italien standen die Assemblee di Dia lange unter dem Druck der katholischen Kirche. Neben ihnen entstanden mit der Chiesa Evangelica Internazionale und der Chiesa Apostolica zwei weitere Pfingstverbände.

Neben der Broederschaft van Pinkstergemeenten engagierte sich insbesondere der Pfarrerssohn und Künstler Karel Hoekendijk für die Verbreitung der Pfingstbewegung in den Niederlanden. Nachdem er durch ein Wunder von einem schweren Herzleiden geheilt wurde, gründete er 1954 das international arbeitende Missionswerk Stomen van Kracht. Er vertrat die Auffassung, dass Christen nicht nur ein einziges Charisma gegeben würde. Jeder Gläubige, der danach strebe, würde alle Geistesgaben bekommen.

Der norwegische Pfingstprediger T. Barratt bereiste 1908 auch die Schweiz und legte mit seinen Versammlungen in Zürich den Grundstein der Schweizerischen Pfingstmission. Die Gemeinde für Urchristentum führt sich auf den pensionierten Pfarrer Chr. Drollinger und den methodistischen Laienprediger Johann Widmer zurück, die ab 1927 in der Schweiz missionarischen Gemeindeaufbau betrieben. Glaubensheilungen, Prophezeiungen und Dämonenaustreibungen führten zu Spannungen mit der reformierten Kirche. Die freien Christengemeinden wurden 1927 vom Berliner Pfarrer B. Schilling und seinem Schwiegersohn G. Steen gegründet. In der französischen Schweiz entstand die Eglise Evangélique Réveil.

Die 1920 in Bulgarien entstandenen Pfingstgemeinden litten nach dem Zweiten Weltkrieg unter sozialistischer Verfolgung. In Jugoslawien hielten sich die meisten Pfingstgemeinden zu den Assemblies of God. Die Rumänischen Pfingstgemeinden gehen auf G. Bradin zurück, der 1922 in der Nähe von Arad die ersten Versammlungen durchführte. Von Anfang an wurden die Gläubigen durch staatliche Stellen behindert. Gemeindeglieder wurden zu Geld- und Gefängnisstrafen verurteilt und gelegentlich misshandelt. Während der besonders schlimmen Verfolgung unter der Regierung Antonescu (1940-1944) mussten sich die Gläubigen nachts oder im Wald versammeln. Die inzwischen stark angewachsene Apostolische Pfingstkirche Gottes konnte nach ihrer staatlichen Anerkennung freier arbeiten. Die Pfingstgemeinden in Polen entstanden unter Einflüssen aus Deutschland und von Rückwanderern aus den USA.

Als Vater der russischen Pfingstbewegung gilt Ivan Efimovitsch Voronaeff (geb. 1886). Nach Verfolgungen durch die Orthodoxe Kirche emigrierte der Baptistenprediger in die USA. Nachdem er dort mit der Pfingstlehre bekannt wurde, gründete er in New York 1919 die erste russische Pfingstgemeinde. Nach einem Aufenthalt in Bulgarien, wo er 18 Gemeinden ins Leben rief, kehrte er 1921 nach Russland zurück und gewann zahlreiche Baptisten und Evangeliumschristen für die Pfingstbotschaft. Es entstand die Union der Christen evangelischen Glaubens (Pfingstkirche), die 1930 verboten wurde. Nachdem Voronaeff verhaftet und in ein sibirisches Arbeitslager deportiert wurde, blieb er verschollen. Inzwischen hatte Pastor I.K. Panko in Weißrussland Pfingstgemeinden gegründet. Nach deren Verbot (1944) schloss sich ein kleinerer Teil der All-Union der Evangeliumschristen / Baptisten an und verzichtete auf Zungenreden, Fußwaschung und öffentliche Evangelisation. Ein größerer Teil ging in die Illegalität und hatte bis in die 80er Jahre unter Verfolgungen zu leiden. Trotzdem wuchs ihre Zahl rasch an. Seit den Grenzöffnungen der ehemals sozialistischen Länder wandereten zahlreiche Pfingstgläubige in den Westen, insbesondere in die USA aus.

Von den Pfingstgemeinden werden folgende überregionale theologische Zeitschriften herausgegeben: Pentecost (1947-1966), Pneuma, The Journal of the Society for Pentecostal Studies (seit 1979), Journal of Pentecostal Theology (seit 1989) und Journal of the European and Pentecostal Theological Association (seit 1996, früher EPTA Bulletin, seit 1981).

3.3. Die Charismatische Bewegung - Die zweite Welle des Heiligen Geistes

Die zweite Phase der Charismatischen Bewegung wurde während der 50er Jahre durch die Heilungsevangelisten William Branham, Oral Roberts, Gordon Lindsay und T.L. Osborn in den USA vorbereitet. Zwischenzeitlich hatten sich die traditionellen Pfingstkirchen etabliert und wurden weitgehend anerkannt. Einerseits wurden zunehmend Stimmen laut, die einen neuen geistlichen Aufbruch in den Pfingstgemeinden erhofften. Andererseits bereiteten die konfessionsübergreifenden Aktivitäten des Generalsekretärs der Weltpfingstkonferenz David J. Du Plessis und die Veranstaltungen der Geschäftsleute des vollen Evangeliums (Full Gospel Business Men’s Fellowship International) zunehmend Kontakte zu Christen anderer Kirchen. Im Laufe der 60er Jahre übernahmen immer mehr Pfarrer und Laien protestantischer Kirchen in den USA Elemente pfingstlerischer Frömmigkeit und Theologie. So entstand erst eine Charismatische Bewegung in den evangelischen und wenig später in den katholischen Kirchen. Der episkopale Pfarrer Dennis Bennett initiierte diese zweite Welle des Heiligen Geistes in den USA ab 1959. Unterstützt wurde er maßgeblich durch den lutherischen Pastor Larry Christenson, einen der leitenden Theologen der Charismatischen Bewegung. Beide erlebten zu Beginn ihrer Tätigkeit eine Geistestaufe und Phänomene des Zungenredens. Durch Bücher, Vortragsreisen und Kongresse verbreiteten sie die Gedanken der Charismatischen Bewegung in den protestantischen Kirchen aller Welt. Größere charismatische Gruppen entstanden bei den Baptisten, Episkopalen, Lutheranern, Mennoniten, Methodisten, Orthodoxen und Presbyterianern.

Die Betonung der Charismen durch das Zweite Vatikanische Konzil und die Erwartung eines neuen Pfingsten durch Papst Johannes XXIII. förderte die Ausbreitung der Charismatischen Bewegung in der katholischen Kirche. Nach der Lektüre der Bücher „Das Kreuz und die Messerhelden” (David Wilkerson) und Sie sprechen in anderen Zungen (John J. Sherills) erlebten Dozenten und Studierende der katholischen Duquesne- Universität in Pittsburgh / Pennsylvanien die Geistestaufe mit Glossolalie. Von hier aus breitete sich die Charismatische Bewegung in den 60er Jahren auch in der katholischen Kirche aus.22 Pfingsten 1975 fand in Rom der dritte internationale Kongress der katholischen charismatischen Erneuerung statt, an dem 10.000 Menschen aus etwa 65 Ländern teilnahmen. Nach der von Kardinal Suenens mit 750 Priestern und Bischöfen gefeierten Eucharistie (dem ersten charismatischen Gottesdienst in der Geschichte des Peterdomes) bezeichnete Papst Paul VI diese Erneuerung als eine Chance für die Kirche und die Welt, als katholische Erneuerung, als Erneuerung im Heiligen Geist, und betonte ausdrücklich: „Die mehr und mehr säkularisierte Welt braucht nichts nötiger als das Zeugnis dieser ‘geistlichen Erneuerung’“. Höhepunkt jenes Gottesdienstes war die Glossolalie von Tausenden Gottesdienstbesuchern. Durch die Taufe mit dem Heiligen Geist soll eine größere Liebe zur Messe, zu Maria oder ein tieferes Verständnis der Sakramente erreicht werden. Die Charismatische Erneuerung wurde in der katholischen Kirche früher akzeptiert und integriert als in den protestantischen Kirchen. Seit jeher bot die katholische Kirche unter ihrem Dach sehr unterschiedlichen Ausprägungen des Glaubens eine Heimat, wenn diese bereit waren, einige grundlegende kirchliche Dogmen zu akzeptieren. Volksfrömmigkeit, Orden und Mystik boten hier eine historisches Vorbild für die Charismatische Bewegung in der katholischen Kirche. Sie umfasst weltweit rund 100 Mio. Menschen. Anfänglich nannten sich deren Anhänger Katholische Pfingstbewegung, später Erneuerung aus dem Geist Gottes. Stärker als in der katholischen Kirche üblich werden das Lesen der Bibel, die Entscheidung für Jesus Christus, die Erfüllung mit dem Heiligen Geist (Geistestaufe), der Empfang von Geistesgaben (Charismen), die Evangelisation und die Ökumene besonders betont. In den USA wurden die katholischen Charismatiker besonders durch die Organisation Word of God geprägt. In Europa verbreite sich die Charismatische Bewegung stark unter französischen Katholiken. Wichtig sind hier die Gemeinschaften Emmanuel, Chemin Neuf, Lion de Juda (später Béatidudes) und Pain de vie.

Die erste weltweite Organisation war das Internationale Büro der katholischen Charismatischen Erneuerung (ICCRO ab 1975, seit 1981 in Rom). Katholische Charismatiker arbeiten auch in der International Charismatic Consultation on World Evangelization (ICCOWE, 1989) mit. Der Einfluss katholischer Charismatiker wächst heute insbesondere in Lateinamerika, Afrika und Südostasien. Zumeist konnten die charismatische Bestrebungen mit typisch katholischer Religiosität verbunden und in die bestehenden Kirchenstrukturen integriert werden.23

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Возрастное ограничение:
18+
Дата выхода на Литрес:
26 мая 2021
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241 стр. 3 иллюстрации
ISBN:
9783869549583
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