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Michael Koch

Hispanien

Vom Tartessos-Mythos zum Arabersturm


Vxori carissimae

et amicis – viventibus mortuisque

„… sofern uns Geschichte nicht tote Vergangenheit, sondern vergangene Gegenwärtigkeit ist, die auf ihre eigene, durch keine andere ersetzbare Weise unseren Erfahrungshorizont zu erweitern und unsere Erfahrungsfähigkeit zu steigern vermag.“

Herbert Nesselhauf 1968

176 Seiten mit 58 Abbildungen

Titelbild, im Hintergrund oben:

die antiken Minen von Rio Tinto (Sevilla)

im Hintergrund unten:

Córdoba, Moschee

im Vordergrund oben:

Dama de Baza

im Vordergrund Mitte:

Hadrianus, der zweite hispanische Kaiser

im Vordergrund unten:

Leovigild, König der Wisigoten

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© 2014 by Nünnerich-Asmus Verlag & Media, Mainz am Rhein

ISBN 978-3-945751-02-2

Gestaltung: Bild1Druck GmbH

Lektorat: Frauke Itzerott, Kristin Mollenhauer

Gestaltung des Titelbildes: Sebastian Ristow

Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung in fremde Sprachen, vorbehalten. Ohne ausdrückliche Genehmigung des Verlages ist es auch nicht gestattet, dieses Buch oder Teile daraus auf fotomechanischem Wege (Fotokopie, Mikrokopie) zu vervielfältigen oder unter Verwendung elektronischer Systeme zu verarbeiten und zu verbreiten.

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1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2015

Inhalt

Cover

Titel

Zitate

Impressum

Vorwort

Einleitung

Die Vorgeschichte

„Iberien gleicht einer Ochsenhaut, die sich der Länge nach von West nach Ost ausdehnt.“ (Strab. 3, 1,3)

Der Mythos oder Geschichte vor der Geschichte

„Es heißt, daß in dem Waldgebirge der Tartessier die Titanen gegen die Götter Krieg geführt haben.“ (Iustin. 44,4)

Griechen entdecken den Westen

„Die Phokaier waren die ersten Hellenen, die weite Seefahrten unternommen haben. Sie entdeckten das Adriatische Meer, Tyrsenien, Iberien und Tartessos.“ (Herod. 1, 163)

Exkurs 1 Phoiniker und Punier auf der Iberischen Halbinsel

„Denn eine Tarschisch-Flotte hatte Hiram auf dem Mittelmeer.“ (I Kön. 10.22)

Das karthagische Hispanien

Tarschisch = Hispania punica

Exkurs 2 Die Iberer

„Die Leiber der Menschen sind auf Entbehrung und Arbeit eingestellt, ihr Geist auf den Tod.“ (Iustin. 44, 2,1)

Der Zweite Krieg zwischen Rom und Karthago

„Da habe Hamilkar Hannibals Rechte ergriffen, ihn an den Altar geführt und den Schwur tun lassen, niemals ein Freund der Römer zu werden.“ (Polyb. 3,11)

Exkurs 3 Warum annektierte Rom die Iberische Halbinsel?

„… um nach siegreicher Beendigung des Krieges gegen die Karthager am Ende den Gedanken der Weltherrschaft zu fassen.“ (Polyb. 3,2)

Hispanien nach dem Ende des großen Krieges

„Tribute sind der Preis des Friedens.“ (Oros. 5,286)

Exkurs 4 Die indoeuropäischen Völker Hispaniens

„Sobald man das Idubeda-Gebirge hinter sich hat, ist man in Keltiberien, einem großen und ungleichen Land.“ (Strab. 3,4,12)

Zwischen Cato und Gracchus

„Die Perfidie der Römer war Grund für einen großen Aufstand.“ (Oros. 4, 278)

Exkurs 5 Zur Langzeit-Typologie eines Kämpfertypos auf der Iberischen Halbinsel

„Diebe, Straßenräuber, Banditen, Guerrilleros.“

Der Krieg des Viriatus

„Sie hatten keinen bedeutenden Führer – außer Viriatus.“ (Iustin. epit. 44,1)

Der numantinische Krieg

„Warum, Römer, habt ihr so große Worte wie Recht, Treue, Tapferkeit und Mitleid in betrügerischer Weise in Anspruch genommen?“ (Oros. 5, 296)

Zwischen Numantia und Sertorius

„Die es fürchtet, besiegt Rom; die Besiegten liebt es!“ (Rut. Namant. 1, 72)

Der Krieg des Sertorius

„Die gesamte Citerior stand in Flammen.“ (Sall. Hist. 1, 84)

Exkurs 6 Das 1. Jh. v. Chr. in Hispanien

„Was, wenn Dich das Los an die Spitze von Afrikanern, Hispaniern oder Galliern gestellt hätte, diesen grässlichen und barbarischen Völkerschaften?“ (Cic. ad Quintum frat. 1,1,27)

Caesar in der Hispania ulterior

„Als Quaestor erhielt er das Jenseitige Hispanien. Als er nach Gades kam und beim Tempel des Herkules ein Standbild Alexanders des Großen sah, da stöhnte er auf, erbittert über die eigene Trägheit: Nichts bemerkenswertes habe er geleistet in einem Alter, in dem Alexander bereits die ganze Welt erobert habe.“ (Suet. Caes. 7)

Exkurs 7 Römische Hispanier – hispanische Römer

„Hispanienses – Hispani.“

Hispanien und die pax Augusta

„… weil durch sein Verdienst und seine unermüdliche Fürsorge Hispanien befriedet ist.“ (CIL VI 31627)

Die ersten Jahrhunderte des Principats

„Die Provinzen standen in Blüte.“

Exkurs 8 Der innere Ausbau des Landes und die sogenannte Monumentalisierung

„Als die Tarraconenser Augustus wissen ließen, auf seinem Altar sei eine Palme gewachsen, bemerkte dieser sarkastisch: ‚Es scheint, daß ihr ihn häufig anzündet‘.“ (Quint. 6,3,77)

Krisenzeichen? Das 2. Jh. n. Chr. in Hispanien

Die Krise rückt näher

„Die Mauren verwüsten Hispanien“ – „Ausgelaugt sind die hispanischen Provinzen“.

Exkurs 9 Hispanisches Christentum vor 312 n. Chr.

„In den iberischen Provinzen gibt es Christengemeinden.“ (Iren. v. Lugd. adv. Haer. 1,10)

Hispaniens Eintritt in die Spätantike

Das „regnum Diocletianum.“

Exkurs 10 Das ungelöste Problem der Bagauden

„Bacaudae“ – spes pauperum?

Constantinus und die ecclesia triumphans

„Gnädig schaut Gott auf die Hispanier.“ (Prud. Perist. 6,4)

Exkurs 11 Hispanische Frauen

„… ihre Wildheit und tierische Unempfindlichkeit gegenüber zugefügten Leiden.“ (Strab. 3,4,17)

Die Halbinsel im Übergang

„Hispania“ – „Spania.“

Exkurs 12 Die Germanen kommen

„Barbaren saufen sich durch ganz Hispanien.“ (Hydat. Chron.)

Die späten Quellen

„Christ ist mein Vorname, mein Nachname Katholik.“ (Paccian. ep. 1,4)

Der lange Weg zum hispanischen Reich der Wisigoten

„Allerdings hat ein mächtiger Widersacher Christus die Schlange Iberien überlassen: bleichgesichtige Menschen und eine armselige Provinz.“ (Hieron. Dial. contra Lucifer. 177, 15)

Das Reich von Toletum

„Liuvigildus regierte 18 Jahre. Im zweiten Jahr der Regierung des Liuva wurde er zur Herrschaft erhoben.“ (Lat. Reg.Vis. n. 26)

Exkurs 13 Die hispanische Unternehmung des Iustinianus

„Comenciolus, gesandt von dem Augustus Mauricius gegen die barbarischen Feinde.“ (CIL II 3420)

Vom Ende des antiken Hispanien und vom muslimischen Neubeginn

„Jetzt, wo die Widerstandskraft der Christen gebrochen ist, fasse sie im Zentrum!“ (Ibn al-Qutija)

Schlussbetrachtung

Chronologie

Glossar

Literatur

Bildnachweis

Fußnote

Vorwort

Für einen wissenschaftlichen Autor ist es ein seltenes Glück, wenn ein Lieblingsprojekt auch dem Wunsch eines Verlegers, in diesem Falle einer Verlegerin, entspricht. Frau Dr. Annette Nünnerich-Asmus, mit der ich seit dem gemeinsamen Hispania-Antiqua-Projekt des DAI-Madrid Anfang der 1990er-Jahre kollegial verbunden bin, hat mir die Freundlichkeit erwiesen, mein Wunsch-Buch, eine Art summa lebenslanger wissenschaftlicher Beschäftigung mit dem antiken Hispanien, in ihrem neu gegründeten Verlag zu publizieren. Dafür kann ich ihr nicht genug danken!

Mein Interesse an der Iberischen Halbinsel gründet in frühesten Jugenderfahrungen in und mit dem wunderbaren Land: Waren es zunächst lediglich Exotica wie die corrida de toros, die Kunst des cante hondo, Maler wie Zurbarán und Goya, die Poesie Góngoras, Lorcas und Machados, die Ironie Valle-Incláns, die wilde, gleichzeitig melancholisch-keusche Natur der Sierras, so erwachte bald auch ein dauerhaft brennendes Interesse an der Historie der Halbinsel, am spanischen Bürgerkrieg vor allem, dessen grausame Pathologie mich noch heute erschreckt und beunruhigt. Hinzu kamen rasch auch die diskrete Geschichte der lusitanischen Vettern, das jüdisch-maurische Erbe, die spanischen Habsburger, das hochproblematische Regiment der Bourbonenkönige und was daraus folgte. Zahllose Reisen und Begegnungen mit den markanten Erbstücken der iberischen Geschichte: Italica ebenso wie Córdoba, Ampúrias, Segovia, El Escorial, Salamanca, Guimarães oder Alcalá de Henares, den Klosterburgen Kataloniens ebenso wie den Entstehungsplätzen der reconquista, aber auch die Schlachtfelder des Bürgerkriegs von Brunete bis zum Alcázar von Toledo oder dem in der Geschichte der Halbinsel so wichtigen Despeñaperros-Pass. Spaniens unbeschreiblich reiche Kunstgeschichte, neben der Architektur vor allem die Malerei und die große literarische Tradition sowie immer auch die Musik, haben mich ein Leben lang ebenso entzückt und bereichert wie mich die innate, in Krieg und Frieden zu allen historischen Zeiten unvermittelt ausbrechende irrationale Grausamkeit von „Iberern“ gegen sich und andere von der Antike bis in den Spanischen Bürgerkrieg verstört hat.

Die aus Zuneigung, Engagement, Zorn und Unverständnis gewobene Angst um die Halbinsel und vor ihr entdecke ich nicht selten bei anderen Autoren: In den ausführlichen Memorias des letzten Präsidenten der spanischen Republik von 1931, Manuel Azaña, ebenso wie in Cees Nootebooms „Der Umweg nach Santiago“ von 1992 und in Javier Cercas’ „Anatomie eines Augenblicks“ aus dem Jahre 2009. Mit diesen und vielen anderen Spanien-Betroffenen teile ich die Einschätzung von der Iberischen Halbinsel und ihren Bewohnern als einem quasi vulkanischen Raum, allzeit fähig, gewaltige Eruptionen unterschiedlichster Art auszulösen und meist in radikalem Schwarz-Weiss: Gloria o muerte, wie es bei Rafael Abella heißt.

Überzeugt, dass sich die Halbinsel in so gut wie jeder historischen Phase in diesem Zustand befunden hat, ist eines meiner Anliegen, diesem Phänomen und den Gründen dafür im Rahmen der Antike nachzuspüren.

Ich hatte das Glück, bei der ersten Generation wissenschaftlich international anerkannter spanischer Altertumsforscher, Antonio García y Bellido, Antonio Blanco, Martín Almagro Basch, Juan Maluquer de Motes (sowie korrespondierend mit Claudio Sánchez Albornoz und Pedro Bosch Gimpera) u. a. quasi in die Lehre zu gehen. Mein Bild vom Positiven und weniger Zustimmungsfähigen in Methodik und Ergebnissen der spanischen Altertumsforschung schulde ich ihnen. Nicht gering ist auch der Anteil der historischen Sprachforschung, vor allem derjenige Jürgen Untermanns. Ihr verdanke ich einen umfassenderen und weit objektiveren Zugriff auf Ethnogenese und Ethnografie der Iberischen Halbinsel als Archäologie und literarische Quellen in ihrer Subjektivität und Heterogenität vermitteln können.

Viel Hilfe erhielt ich über die Jahre durch die Abteilung Madrid des DAI mit seiner einzigartigen Bibliothek, vor allem ihrem Gründungs-Direktor Helmut Schlunk† sowie Theo Hauschild, Christian Ewert†, Wilhelm Schüle†, Hermanfrid Schubart, Armin Stylow, Thomas X. Schuhmacher und Dirce Marzoli. Dank schulde ich auch den zeitweise in „mein“ Madrid verschlagenen Tübinger Kommilitonen Walter Trillmich und Michael Blech sowie meinen liebenswürdigen Madrider Helfern María Díaz, Elisa Puch, Susanne Jacob und John Patterson. Sie alle und manch anderer haben meinen Weg begleitet und auf mannigfaltige Weise gefördert.

Alicia Perea, Michael Kunst, Marcus Hermanns, Aquilino Delgado, Francisco Quesada, Leonardo García Sanjuan und, ganz besonders großzügig, Mª-Paz García-Bellido haben mir bei der Beschaffung des Fotomaterials geholfen. Ute Schillinger-Haefele und Michael Blech haben das Manuskript gelesen und wichtige Anregungen gegeben.

Allen Genannten – Toten und Lebenden – sei hier gedankt!

Zweifall, im August 2014 Michael Koch

Abb. 1 Die Iberische Halbinsel physikalisch. Deutlich erkennbar die großen Siedlungsräume: Alt- und Neukastilien, Andalusien, das Ebrotal, der lusitanische Westen und der gebirgige Nordwesten. Sie sind bestimmende Faktoren der Geschichte des Landes.

Einleitung

Eine neue – die wievielte? – Behandlung der frühen Geschichte der Iberischen Halbinsel vorzulegen mag überflüssig erscheinen: Tatsächlich gibt es nicht wenige, zum Teil durchaus gelungene Versuche dieser Art. Freilich handelt es sich dabei durchweg um Betrachtungen von Fachgelehrten zu ihren jeweiligen Spezialgebieten oder, wie der fulminante, bilderstürmerische Essay von Américo Castro „La realidad histórica de España“, erstmals 1954 in Mexico erschienen, um Untersuchungen jenseits speziell altertumswissenschaftlicher Methoden und Interessen.

Was angesichts der kaum noch zu überblickenden Masse an Detailforschung vor allem auf der Halbinsel selbst fehlt, ist eine Langzeit-Untersuchung, gewissermassen eine induktiv-diachrone Betrachtung des Altertums der Halbinsel aus einem Guss und, das ist mir besonders wichtig, aus der Perspektive der Halbinsel selbst. Denn nur so ist deutlich zu machen, in welchem Maß Geologie, Geografie, Klima, Immigrationsgeschichte und alle möglichen weiteren Konstanten und Variablen die historisch-kulturelle, wirtschaftliche und politische Entwicklung dieses großen Landes geprägt und bis in die Gegenwart bestimmt haben. [Abb. 1] Von dem viel beschworenen „Geheimnis“ der Halbinsel (El enígma histórico de España) bleibt wenig übrig, wenn man verstanden hat, dass Phänomene wie der notorische, gegenwärtig wieder virulente Partikularismus des Landes, Portugal eingeschlossen, sprachliche und kulturelle Ungleichheiten, die mentalen Differenzen seiner Bewohner und vieles mehr ihre Wurzeln in Gegebenheiten haben, die in der Natur des Raumes und seiner unterschiedlichen Populationen liegen, vor Jahrtausenden geschaffen wurden und danach durch alle historischen Perioden erkennbar bleiben. Der Schriftsteller Orosius, selbst Hispanus, erzählt die hübsche Geschichte von dem „keltiberischen“ Fürsten, der, von Scipio gefragt, was die Stadt Numantia (nahe Soria) so widerstandfähig gemacht habe, antwortete: „einig waren wir unbesiegbar; Uneinigkeit war unser Verderben“. Das ist ein durchgängiges Motiv der Geschichte Hispaniens bis heutezu. Vielleicht war der Aufstand der Hauptstadt Madrid gegen die französische Okkupation vom 2. Mai 1808 und der sich anschließende Unabhängigkeitskrieg gegen die napoleonische Annexion der einzige Moment in der Geschichte der Halbinsel, wo sich alle Spanier ihren Schrei nach Einheit und gemeinsamem Vaterland selbst geglaubt haben. Doch dieser ekstatisch-patriotische Augenblick verging rasch und wiederholte sich, soweit ich sehe, niemals wieder.

Darüber hinaus ist es an der Zeit, angemessen auf den realen (oder vermeintlichen?) Wissenschaftsfortschritt, beispielsweise in der Vergleichenden Sprachwissenschaft, zu reagieren: Keltisch sprechende Personen sind nicht automatisch auch genetisch Kelten, gleiches gilt für den iberischen Bevölkerungsteil. Solche Selbstverständlichkeiten sind keineswegs Allgemeingut. Fortschritte gibt es vor allem im Bereich der Vor- und Frühgeschichte. Seit den Ergebnissen der Elfenbein-Forschung auf der Halbinsel, der Erforschung des kupferzeitlichen Hügelgrabes in Valencina de la Concepción, dem Schiffsfund von Ulu Burun und der Entdeckung mykenischer Luxusgüter in Kivik und manch anderer archäologischer ‚Sensationen‘ muss als sicher gelten, dass bereits mindestens kupferzeitlich sowie selbstverständlich in der Bronzezeit zu Wasser und zu Lande von Osten aus nach Westen und Norden – und zurück – erstaunliche Entfernungen zurückgelegt und gewaltige Räume erschlossen wurden, auch wenn diese Kontakte nicht regelmäßig und nur in größeren Zeitabständen stattfanden. Die historischen Wissenschaften öffnen sich nur zögernd den daraus resultierenden Erkenntnissen, wobei sie sich vielfach auf den lediglich punktuellen Charakter der Belege, auf Laufzeitprobleme und die Undurchsichtigkeit der Vermittlung von Handelsgütern berufen. Diese zum Teil durchaus begründeten Vorbehalte scheinen mir jedoch eher auf die schiere Zufälligkeit der Funde und Quellen abzuheben. Sie sind kein Beleg dafür, dass die Zeitabstände zwischen den Begegnungen immer riesig waren und dass diese Begegnungen jeweils ex novo stattfanden.

Auf jeden Fall war die Welt der Bronzezeit, die am Beginn unserer Darstellung steht, ungleich offener und durchlässiger, als man noch vor wenigen Jahrzehnten für möglich hielt: Von ritzverzierten Stelen, Tafelgeschirr, Sitzmöbeln, Schmuck, Waffen bis zu Bestattungsformen zeigt die europäische Bronzezeit ein komplexes Bild von Kommunikation, Interaktion und kultureller Vergleichbarkeit über weiteste Entfernungen. Auch wenn die Randlage der Iberischen Halbinsel Information zu und Rezeption von bestimmten bronzezeitlichen Phänomenen verzögert haben mag, so nimmt sie doch an allem teil, was die Europäische Bronzezeit – und nicht nur sie – ausmacht.

Mein Interesse, eine solche Arbeit in Angriff zu nehmen, verdankt sich unter anderem einem großen Vorbild: Gerald Brenans mittlerweile klassischer Studie „The Spanish Labyrinth“, zuerst 1943 erschienen und seither vielfach nachgedruckt. Sie ist methodisch und stilistisch den besseren historiografischen Traditionen Englands verpflichtet und nach meiner – vor mehr als 40 Jahren gewonnenen – Überzeugung die sinnvollste Form des Zugangs zur Geschichte der Iberischen Halbinsel. Brenan beschreibt die lange und komplizierte Vorgeschichte des Bürgerkriegs von 1936; tatsächlich handelt es sich um eine komplexe Darstellung der spanischen Geschichte des 19. und 20. Jhs. mitsamt ihren tieferen und tiefsten Wurzeln und Begründungen, die teilweise weit zurückliegen.

Nur so, das hat mich Brenans Arbeit in den späten 1960er-Jahren gelehrt, kann man sich der Geschichte der Iberischen Halbinsel mit Aussicht auf Erfolg nähern, dass man hinter Fakten und Phänomenen, Entwicklungen und Akzidenzen diejenigen unveränderlichen Fixpunkte sucht, die seit tausenden von Jahren die Iberischen Länder und ihre geschichtliche Entwicklung bestimmt haben und durch alle historischen Phasen, die die Halbinsel seit ihrem Eintritt in die „Geschichte“ durchlaufen hat, allen vordergründigen Veränderungen zum Trotz erkennbar geblieben sind. Es sind dies: Geophysik und Geologie im umfassendsten Sinne, vielfache Zuwanderungen von Süden, Norden und Osten (zu Lande und über das Mittelmeer), weniger erkennbar von Westen (und über den Atlantik), und ein sich durch die historischen Phasen erstaunlich ähnliches politisches Kalkül der Nachbarn im Norden und Süden mit den beiden erstgenannten Gegebenheiten. Aber auch ein anderes Phänomen zieht sich durch alle für uns erkennbaren historischen Phasen. Der ältere Plinius hat es auf den Punkt gebracht und einen erstaunlich angemessenen Begriff dafür gefunden: vehementia cordis (Ungestüm des Charakters) (n. h. 37, 203). In der spanisch sprechenden Geschichtsforschung ist dieser Hinweis m. W. nur von J. M. Triviño angemessen gewertet worden – in einem argentinischen Periodikum (1953, 43). Dort sind die meisten antiken Hinweise auf entsprechende Eigenschaften der Hispanier gesammelt; sie ergeben erstaunliche Übereinstimmungen. Gemeint ist mit dem plinianischen mot wohl die immer wieder bei Bewohnern der Halbinsel – Männern wie Frauen – zu beobachtende Bereitschaft, sich ohne Reflexion, raison oder Kalkül und ohne jedwede Rücksicht auf mögliche Folgen einer Sache, ob richtig oder falsch, hinzugeben, von der fides iberica, wie Valerius Maximus (2,6,11;14) sie versteht, und hundert Arten von Selbstaufopferung, dem irrational-mörderischen Hass in älteren und jüngeren Bürgerkriegen, aber vergleichsweise friedfertig auch in der spätmittelalterlichen Mystik, in Literatur und bildender Kunst, im Stierkampf, wohl auch in Tanz und Musik. Es scheine Hispana consuetudo (hispanische Eigenart) zu sein, meinte der ältere Seneca (controv. 1,16), „was immer passiert, so zu leben und auf keine Einrede zu hören.“ Der Geograf Ptolemaios wusste das Gleiche oder glaubte dem Poseidonios: „Die Hispanier sind anarchisch, sie lieben die Freiheit und die Waffen, sie sind kriegerisch, fähig zur Führung, sauber und großherzig.“ (Apotel. 64,13).

Ein weiterer Grund für den vorliegenden Versuch resultiert aus der seit vielen Jahren beobachteten Unfähig- bzw. Unwilligkeit weiter Teile der peninsularen Geschichtsforschung zu tieferer quellenkritischer Reflexion. Ferner kommt er aus meinem Missbehagen an dem vielfach herrschenden alten und neuen Positivismus und der verbreiteten Neigung zu ganzheitlicher Erklärung historischer Vorgänge, die ich – keineswegs als erster – u. a. auf die Nicht-Teilhabe des Landes an der Reformation des 16. Jhs. mit ihren philologischkritischen Errungenschaften und Folgewirkungen sowie auf das Scheitern jedweder Bemühung um „Aufklärung“ im 18. und 19. Jh. zurückführe! So radikal sich iberischer Antiklerikalismus und Liberalismus zuzeiten gerierten: Zäh halten sich Tendenzen zu wenig reflektierter Rezeption von ,Offenbarung durch Autoritäten‘, ganz gleich, ob diese durch anerkannte Universitätslehrer, politische Essayisten oder Kardinäle der römischen Kirche verkörpert werden. Dass die Geschichtsforschung als wissenschaftliche Disziplin auf der Halbinsel erst vor zwei Generationen begründet wurde und dass vordem Alte Geschichte und ihre Schwestern Archäologie, Numismatik, Epigrafik einigen ehrlich bemühten, vielfach der Aristokratie angehörenden ‚Dilettanten‘ sowie Romanciers und Essayisten überlassen waren, liefert weitere Erklärungen für einen altbackenen Positivismus, resultierend aus einem beklagenswerten Defizit an kritisch-reflektierter Erforschung des hispanischen Altertums. Die Tatsache, dass die „Tartessos“-Fiktion des deutschen Althistorikers Adolf Schulten aus dem Jahre 1922, obzwar seit Jahrzehnten widerlegt, zäh ihren Rang in der spanischen Frühgeschichtsforschung behauptet, ist dafür ein markantes Beispiel. Versuche reflektierender Korrektur, wie derjenige von Ricardo Olmos und anderen (Al otro lado del espejo, 1996), bleiben Ausnahmen.

Neuerdings wird auf der Halbinsel vielfach eine ebenso unkritische Übernahme angelsächsischer Erklärungsparameter, speziell im Bereich der Vorgeschichte, betrieben. Dabei handelt es sich einerseits um ein nicht minder erkenntnisgefährdendes Überstülpen häufig unvermittelbarer Fremderklärungen auf Vorgänge und Entwicklungen auf der Iberischen Halbinsel ohne gewissenhafte Prüfung möglicher Kompatibilitäten, andererseits nicht selten um die Anwendung banaler Gemeinplätze auf hochkomplizierte, ausschließlich der Halbinsel vorbehaltene Phänomene. Ähnliche Bedenken sind gegenüber Bemühungen angebracht, auf minimaler Quellenbasis theoretischen Konstruktionen von Staatlichkeit, Gesellschaftsmodellen, Sozialstrukturen und dergleichen, die aus den Sozialwissenschaften entlehnt sind, zu fabrizieren und so den hermeneutisch gänzlich falschen Eindruck zu erwecken, mit ‚modernen‘ Kategorien problemlos zum Verständnis antiker Gegebenheiten zu gelangen. Das führte nicht selten dazu, dass wahrnehmbare Wirklichkeiten den Bedürfnissen theoretischer Modelle angepasst wurden. Umgekehrt ist auch eine wachsende Neigung zu beobachten, den wissenschaftlichen Diskurs durch Rückgriffe auf längst erledigte Fragestellungen einerseits und mangelnde Bereitschaft zur Akzeptanz weithin einvernehmlicher Forschungsergebnisse zu belasten. Zweifellos lebt Wissenschaft von kritischer Dialektik, doch müssen erledigte Schlachten nicht alle zehn Jahre neu geschlagen werden, zumal dann nicht, wenn die ‚Ergebnisse‘ hinter früher gewonnene Erkenntnisse zurückfallen. Arbeiten, die nichts anderes sind als willkürlich zusammenfassende Wiedergaben älterer und neuer Forschungsergebnisse ohne jeden eigenen, gegebenenfalls wertenden, Gedanken, sind Legion. Darüberhinaus gilt es, ein für die Halbinsel nach dem Ende der Diktaturen ebenso charakteristisches wie verblüffend diachrones Phänomen zumindest durchsichtig zu machen: Der in der Geschichte des Landes, Portugal eingeschlossen, früh und durchgehend erkennbare Regionalismus spiegelt sich auch in der Altertumsforschung. So, wie die Universitäten Sevilla, Córdoba und Málaga die Welt andalusisch sehen, so tun das die entsprechenden cátedras in Barcelona und Valencia „iberisch“ bis katalonisch; Santiago de Compostela predigt à la gallega während die kastilischen Institute von Salamanca bis Alcalá de Henares und Valladolid auf den Spuren der Cisneros und Unamuno die Übersicht zu behalten versuchen. Konsequenterweise zählt für Portugal nur Portugal, allenfalls das seit jeher vielfach verwandte Galicia. Solchen Tendenzen muss man nicht begegnen, aber man muss sie kennen und begreifen. Einstweilen hat es den Anschein, als sei die in den 1960er- bis 1980er-Jahren erlebte Forschungs-Kooperation auf Augenhöhe und mit wechselseitigem Respekt verloren gegangen. In bestimmten Bereichen werden auswärtige Beiträge zu zentralen Forschungs-Schwerpunkten nicht mehr zur Kenntnis genommen, geschweige denn zitiert. Ausnahmen werden immer seltener.

Andererseits gibt es Erkenntnis-Erschwernisse objektiver Art, die verständlicherweise die Anwendung immer neuer Erklärungsmodelle in der Hoffnung auf passende Lösungen provozieren.

Zu diesen Erschwernissen gehören Datierung und Interpretation der ältesten literarischen Quellen, die, da nicht selten auf merkwürdigen Wegen überliefert, die Wissenschaft vor nahezu unlösbare Probleme stellen. Zu ihnen gehört beispielsweise die in der Ora maritima des spätantiken Autors Rufius Festus Avienus enthaltene sehr viel ältere punische (oder aus dem Punischen übersetzte griechische) Quelle, aber auch bei klassischen Autoren enthaltene Informationen, etwa die über eine große binnenländische Keltenmigration bei Strabon (3,4,12).

Ein durch kein theoretisches Erklärungsmodell und keine philologische Fein-Analyse zu bewältigendes Problem, ja, ein Grundproblem der Geschichte der Halbinsel überhaupt, stellen neben den teils friedlichen, teils gewaltsamen Invasionen/​Penetrationen von außen die immerwährenden Binnenwanderungen dar [Abb. 2]. Über eine potentielle Urbevölkerung auf der Halbinsel wissen wir so gut wie nichts. Nur mit allergrößten Bedenken kann man von ethnischen Blöcken reden, die von Indoeuropäern, nichtindoeuropäischen „Iberern“ und semitischen Einwanderern gebildet wurden: In der indoeuropäischen Zone gibt es in vorrömischer Zeit zahlreiche nicht-indoeuropäische Enklaven, sprachlich/​kulturelle Überlagerungen von älteren indoeuropäischen Landnahmen durch jüngere, ebenfalls indoeuropäische, keltisch sprechende Siedlungs-Gebiete in der südiberischen Zone, umgekehrt iberische in den Randgebieten der hispanischen Keltikê. Bis weit in römische Zeit ist die Halbinsel in Teilen Schauplatz immerwährender Transhumanzen, vor allem im Westen des Landes. Zwar versuchte Rom, die bei Beginn der Okkupation vorgefundenen ethnografischen Gegebenheiten zu stabilisieren, doch gelang dies nur mühsam und keineswegs vollständig: Nicht nur der Kimbern-Einfall auf die Iberische Halbinsel Ende des 2. Jhs. v. Chr. (Liv. Per. 67) belegt dauernde Wanderungen von Ost nach West, auch noch in Caesars bellum civile (I, 51) hören wir am Rande des militärisch-politischen Geschehens von der Binnenwanderung einer Stammesgruppe keltischer Provenienz hinter der Front nahe Ilerda, ohne erkennbaren Fremdeinfluss und möglicherweise zum Zwecke neuer Landnahme. Dergleichen muss es zu allen antiken Zeiten gegeben haben und selbstverständlich gehören sowohl die germanischen Einwanderungen der sogenannten Völkerwanderungszeit als auch Tariq ibn Ziyads Invasion von 711 n. Chr. dazu. Es ist also keineswegs immer den Irrtümern antiker Schriftquellen anzulasten, wenn irritierende Informationen sich zu widersprechen scheinen: Eine ethnische Gruppe, die in republikanischer Zeit eine bestimmte Zone bewohnt, kann zu Zeiten der strabonischen, plinianischen oder späterer ‚Landeskunden‘ anderswo, sogar in beträchtlicher Entfernung, angetroffen worden sein. Möglich sind darum allenfalls Momentaufnahmen ethnografischer Festlegungen innerhalb der vorher bezeichneten Blöcke.

Abb. 2 Das antike Hispanien. Ein Versuch, die noch unzureichend erforschte Ethnographie des Landes, wie sie in den antiken Quellen überliefert ist, zu ordnen (nach Almagro Gorbea – Ruiz Zapatero [1992]).

Dass das Bild des römischen Hispanien in der älteren europäischen Geschichtsforschung durch die Romverherrlichung der frühen Kirche, der Renaissance und des Humanismus geprägt ist und Fragen nach dem Eigenwert der unterschiedlichen einheimischen Lebens- und Kulturformen kaum gestellt wurden, entspricht den geisteswissenschaftlichen und ideologischen Traditionen des Landes und Gesamteuropas. J. Linderski hat in seinem Essay „Si vis pacem, para bellum: Concepts of defensiv Imperialism“ aus dem Jahre 1984 am Exempel von Mommsens, Holleaux´ und Tenney Franks Behandlung der Frage, ob es einen ,römischen Imperialismus‘ gegeben habe, deutlich gemacht, unter welchen zeitgebundenen ideologischen Prämissen, Hegels Philosophie eingeschlossen, die drei Gelehrten zu ihrer Vorstellung von Rom gelangt sind, die sich bekanntlich zwischen Bewunderung, Apologie und utopia d’evasione bewegt.

Allerdings: Was aus der Iberischen Halbinsel ohne Rom geworden wäre oder hätte werden können, was Rom – einmal abgesehen von den unbestreitbaren zivilisatorischen Verdiensten während seiner jahrhundertelangen Beherrschung der Halbinsel – unterdrückte, verhinderte oder zerschlug, hat kaum jemand beschäftigt, ebenso wenig sind mentalitätsgeschichtliche Annäherungsversuche bekannt geworden. Dabei ist eine frühe phoinikisch-punische Semitisierung des Landes ebenso denkbar wie seine Teil-Arabisierung im 8. bis 15. Jh. historische Realität wurde. Auch eine weitergehende Iberisierung des Nordens und mittleren Westens lag im Bereich des Möglichen. Stattdessen unterdrückte Rom – weitaus heftiger als vordem Karthago – unbarmherzig alle Versuche zu partikularer Identitätsbehauptung bzw. -gewinnung, ohne freilich dauerhaft – von einem nicht überall gleichermaßen tiefgreifenden Überbau abgesehen – eine profunde politisch-kulturelle Einheitlichkeit zu schaffen. Unverkennbar war die Iberische Halbinsel in der gesamten Antike überwiegend Objekt der Geschichte; wenn nicht alles täuscht, begann sie erst mit der reconquista zumindest zeitweise ihr Subjekt, d. h. Herrin der eigenen Geschichte zu werden.

Eine kulturelle Vereinheitlichung gelang sprachlich und ideologisch in gewissem Umfange für vergleichsweise lange Zeit der römischen Kirche, politisch jedoch später weder den Habsburgern noch den Bourbonen oder auch den autoritären Regimes des 19. und 20. Jhs. Erst in der politischen Gegenwart Spaniens scheint man wenigstens teilweise – wenn auch vielfach widerstrebend – begriffen zu haben, dass die grundsätzlichen mentalen und kulturellen Differenzen der verschiedenen Landesteile nicht dauerhaft ignoriert werden können; Portugal, d. h. ein großer Teil des indoeuropäisch-lusitanischen Raumes, hatte als erster Landesteil die Separation vollzogen. Freilich gibt es auch weiterhin Kräfte, die diese uralte differenzierte historische Prägung nicht wahrhaben wollen, die der politischen Zeitgenossenschaft (wie bereits unter dem Monarchen Felipe II., den Bourbonen und dem Autokraten Franco) nicht zuletzt aus wirtschaftlichen Erwägungen inopportun erscheint, gleichwohl aber eine unverrückbare Tatsache ist.

Schließlich: Bei allem, was uns rund 200 Jahre Forschungsgeschichte gelehrt haben, ist die Wissens-Landkarte zur Antiken Welt, auch die der Iberischen Halbinsel, voller weißer Flecken. Wir wissen niemals genug über die Welt des Altertums, auch wenn dieses oder jenes Problem mit der Zeit gelöst und manche Fragen beantwortet werden konnten. In gewissen Fällen behelfen wir uns mit Analogien, zuweilen mit Plausibilitäten, um historische Zusammenhänge transparent werden zu lassen. Die eine oder andere Gelehrtenschule übt sich hier in strengerer methodischer Askese, doch muss in Arbeiten wie dieser zumindest ein roter Faden gezogen werden können, um Zusammenhänge überhaupt erkennbar zu machen. Gleichwohl ist der knappe Hinweis „non liquet“ = „die Wahrheit erschließt sich nicht“ in vielen Zusammenhängen die einzig zulässige Aussage.

Es mag den Leser irritieren, dass von Hispanien gesprochen wird: Hispanien meint Spanien und Portugal und entzieht portugiesischen Empfindlichkeiten den Boden, die sich daran entzündeten, dass frühere Generationen, wie schon die Spätantike, allzu oft „Spanien“ für das Ganze nahmen. Dass die handelnden Personen mit vollem Namen und nicht mit den üblichen, teilweise törichten und inkonsequenten Verkürzungen bezeichnet werden, hat etwas mit der Würde der Personen zu tun. Niemand würde den ersten Kaiser als „August“ bezeichnen, aber alle Welt spricht von „Trajan“ oder „Mark Aurel“ Das ist teils törichtes Nachplappern einer vergangenen Mode, teils Sprachfaulheit. Beides erscheint mir unstatthaft. Ebenso wie wir selbst haben Persönlichkeiten der Vergangenheit ein Recht auf ihren Namen. Das gilt auch für Völker! So bequem es wäre, mit dem gängigen Sprachgebrauch von „Westgoten“ und „Ostgoten“ zu reden: In dieser Arbeit heißen sie nach ihrer Selbstbezeichnung Wisigoten und Ostrogoten.

Ich muss auch bekennen, dass es mir unmöglich ist, den Begriff „Heiden“ zu verwenden; wie die Angelsachsen spreche ich deswegen von pagani. So ist der pejorativ-diskriminierende Charakter der Bezeichnung, welche die siegreichen Christen auf alle Menschen anwandten, die andere Glaubensüberzeugungen vertraten, wesentlich deutlicher. Zudem wird klarer erkennbar, dass der zeitweise mörderische Gegensatz: pagani – christiani einer historischen Phase angehört, die vergangen ist oder, wie der hispanische Kaiser Traianus schrieb, „nec nostri saeculi est“, „nicht mehr zeitgemäß“.

Nicht erst, seit mir im Zusammenhang mit meiner Mitarbeit am Bronzezeit-Projekt der Bonner „Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland“ im Jahre 1998/​99 bewusst wurde, in welchem Maße politische Kräfte in Brüssel, aber auch anderswo in Europa, sich mühen, dem ökonomisch-politischen Konstrukt „Europäische Union“ eine historische Legitimation zu verschaffen, und sie dafür keine Geschichts-Klitterung zu scheuen scheinen, hege ich Bedenken gegenüber Geschichtsinterpretationen aus politisch-ideologischer Zweckmäßigkeit. Sowenig sich im 3. Jh. v. Chr. die Hirten Lusitaniens für hellenische Fischer interessierten, so wenig hat ein heutiger Hutmacher aus Amalfi oder ein Korbflechter aus Bulgarien mit einem portugiesischen Sichelschmied gemein. Man denkt anders, fühlt anders und handelt anders. Es gab, wie der neue bronzezeitliche Fund im niedersächsischen Gessel (2011) mit Gold aus Zentralasien im Vergleich mit Funden gleicher Zeitstellung auf der Iberischen Halbinsel erneut belegt, in der europäischen Vorgeschichte weltweit kulturelle Interaktion, Migration, Austausch, aber keine europäische Identität. Es gibt sie auch heute – und vermutlich in Zukunft – nicht. Sowenig Rom die immer wieder aufbrechende Zentrifugalität im Westen seines Imperiums – um nur davon zu reden – dauerhaft unterbinden konnte, so wenig gelang die Verschmelzung dem Karolinger-Reich oder Napoleon Bonaparte. Sie wird auch der aktuellen Europhilie nicht gelingen. Die Iberische Halbinsel von der Antike bis in die unmittelbare Gegenwart liefert ein perfektes Modell dafür, auf welchen Grundlagen und bis zu welcher Grenze Gemeinsamkeit gelingen kann und was an vieltausendjährigen Individualismen, Lebensformen, Fühl- und Denkweisen weder zu addieren noch zu amalgamieren und darum nicht verhandelbar ist.

Nach der letzten Durchsicht des Manuskriptes ist mir erschreckend deutlich, was alles noch zu sagen gewesen wäre und wie vieles fehlt. Und was alles ich nicht weiß. Auch ist die Disproportionalität zwischen den mit Quellen reicher gesegneten historischen Phasen und den eher quellenarmen Zeiten erkennbar. Ich hoffe aber deutlich gemacht zu haben, dass die quellenarmen Zeiten auf der Iberischen Halbinsel durchaus nicht als geschichtslose Phasen anzusehen sind.

Allerdings bedeutet der vorgegebene Rahmen nahezu jeden Buches immer auch Beschränkung. Darum ist die vorliegende Studie notwendigerweise (und durchaus beabsichtigt) ein sehr subjektives Buch, welches – befreit von vielfältigen Rücksichten – den durch Jahrzehnte der Beobachtung und Reflexion gewonnenen Blick auf die Iberische Halbinsel im Altertum wiedergibt. Darum auch die Wahl der Essay-Form für die Darstellung: Es ist mein Blick auf die Halbinsel, meine Perzeption ihrer Geschichte, auch meine Demut und mein gelegentliches Unverständnis ihr gegenüber. Und Ausdruck der Dankbarkeit für die Bereicherung meines Lebens durch dieses wunderbare und gleichzeitig furchteinflößende Land. „España me duele“ = „Spanien tut mir weh“, schrieb seinerzeit Miguel de Unamuno aus gegebenem Anlass. Glück und Schmerz, die von diesem Lande ausgehen, haben mich durch mein ganzes Leben begleitet.

Die Vorgeschichte

„Iberien gleicht einer Ochsenhaut, die sich der Länge nach von West nach Ost ausdehnt.“

(Strabon 3, 1,3)

Um ein möglichst vollständiges Bild von den Voraussetzungen der alten – und auch der neueren – Geschichte der Iberischen Halbinsel zu gewinnen, müssten wir spätestens die letzte Phase der Jungsteinzeit befragen, doch würde das den dieser Arbeit gesetzten Rahmen sprengen.

Die auf das Neolithikum folgende erste Metallzeit, die so genannte Kupferzeit (ca. 5000 – 3000 v. Chr.), zeigt an zahlreichen durch die prähistorische Archäologie in den letzten Jahrzehnten aufgedeckten Fundplätzen bereits den bedeutenden Anteil fremder Invasoren an der technischen und kulturellen Entwicklung des Landes. Die mit dieser Phase verbundene Megalithkultur, vielleicht die letzte deutlich erkennbare gemeinhispanische Zeitspanne, verbindet große Teile der Iberischen Halbinsel mit Mittel- und Westeuropa. Beginnende gesellschaftliche Differenzierung wird greifbar. Deutlich ist jetzt der bedeutende Mineralreichtum des Landes: Kupfer, Silber und Gold sowie überraschend, das zeigen jüngste Forschungen, Elfenbein [Abb. 3] welches, wie Analysen belegen, sowohl von afrikanischen wie von asiatischen Elefanten stammt und dessen Verbreitung eine mediterrane Ost-West/​West-Ost-Verbindung im 3. Jt. v. Chr. nachweist (Schuhmacher 2012, 436 f.), wobei bei den Bewegungsabläufen klimatische Veränderungen eine stärkere Rolle spielen könnten, als bisher gesehen wurde.

Die kupferzeitlichen und bronzezeitlichen Kulturen, ebenfalls benannt nach ihren jeweils markantesten Fundplätzen, lassen erstmalig Ansätze zu jenem Partikularismus erkennen, der später die Geschichte der Halbinsel bestimmen wird. Gleichzeitig wird jetzt eine gewisse Interdependenz, vielleicht sogar Interaktion erkennbar, die diese Regionen verbindet.

Deutlicher werden ethnische und kulturelle Schwerpunkte in der späteren Bronzezeit (seit ca. 1200 – 800 v. Chr.), mit der das Land in die durch frühe Schriftquellen bezeugte Geschichte eintritt, interessanterweise zeitlich parallel mit der Einführung des Eisens, welches, obgleich zunächst über einen unbekannten Zeitraum noch als Edelmetall verwandt, spätestens bis zum 6. Jh. die Halbinsel erobert und, später auf der Halbinsel selbst gewonnen, eine spezielle Berühmtheit erlangt hat (Plin. n. h. 34, 144, 149), wie der Schatzfund von Villena (Alicante) beweist.

Abb. 3 Elfenbeinerner Zierdolch aus Valencina de la Concepción. 3. Jt.v. Chr.

Wir finden erste marginale Hinweise auf mykenische, dann verstärkt auf phoinikische Kontakte mit der südlichen Halbinsel, um einiges später auch auf griechische merchant venturers, die den Routen der Phoiniker zu folgen scheinen. Ihrer exotischen Attraktivität wegen und auch wegen des Beginns der Schriftquellen verdunkeln sie die Vorgänge im Norden, wo Kontakte über die Pyrenäen mit dem alpinen Raum, mit den britischen Inseln, ja bis in den Raum der Aunjetitz-Kultur existierten. Wilhelm Schüles große Untersuchung zu den Meseta-Kulturen von 1969 ist diesen Phänomenen nachgegangen. Zu seiner Zeit vielfach belächelt, hat der Forschungsfortschritt inzwischen viele seiner damals gewagten Thesen bestätigt.

Der Mythos oder Geschichte vor der Geschichte

„Es heißt, daß in dem Waldgebirge der Tartessier die Titanen gegen die Götter Krieg geführt haben …“

(Iustin. 44,4).

Über dem Beginn der schärfer konturierten „geschichtlichen“ Vorgänge auf der Halbinsel, alle „Vorgeschichte“ einschließend, liegt dunkel und verführerisch der Mythos, jenes meist undurchdringliche Amalgam aus geringem und fernem Wissen, großem Verständnis- und Erklärungsbedarf, aller Art von Projektion, vagem Hörensagen, wichtigtuerischer Spekulation, Unterhaltungsbedürfnis, Angst und tausend weiteren Ingredienzien, mit denen unaufgeklärte, illiterate, naiv-gläubige und zu kritischer Reflexion noch wenig befähigte Gesellschaften sich und anderen halbwegs plausible Anworten auf alle denkbaren Fragen zu geben versuchten, eine Mélange, die gleichzeitig einen bedeutenden Unterhaltungswert besaß.

Welche der frühen Kontakte der Halbinsel mit dem Ostmittelmeerraum zur Mythenbildung geführt haben, lässt sich nicht sagen. Der direkte Beitrag der Phoiniker wird erst mit den frühesten Berührungen phoinikischer Handelsschiffe denkbar, die aus Gründen der inneren Entwicklung der phoinikischen Städte vor Beginn des letzten vorchristlichen Jtds. schwerlich möglich waren. Die legendenhafte Ausschmückung der „Tartessos“-Erfahrungen ist frühen griechischen Kontakten mit dem hispanischen Südwesten zu verdanken, die sich in der griechischen Literatur des 6. Jh. v. Chr. in mannigfaltiger Weise niederschlugen. Im homerischen Werk ist bezeichnenderweise von „Tartessos“ (noch) nicht die Rede.

Versuche, dieses schillernde Gemenge präziser zu historisieren, müssen notwendig scheitern; allenfalls lassen sich hinter den phantastischen Aufblähungen aus immer neuen Erweiterungen, Verformungen, Hinzufügungen antiker Fabulierlust gewisse Tendenzen, Wahrscheinlichkeiten, Hypothesen aufzeigen.

Zweifellos haben ägyptische, kretische, cyprische, phoinikische und griechische (und von anderen, weniger bekannten Trägern unternommene) Handelsfahrten, die sich in der späteren Bronzezeit beträchtlich intensiviert zu haben scheinen, ferner die Begegnung mit fremden Räumen und Völkern und die darauf folgende Kolonisationsbewegung das geografische und ethnologische Wissen der unternehmenden Kulturen beträchtlich erweitert. Sie haben auch die Neigung, vielleicht sogar die Notwendigkeit geweckt, neues „Wissen“ mit altem zu verbinden, neue Erkenntnisse kompatibel zu machen und so eine neue, verständliche und vermittelbare Gesamtkonzeption ihrer jeweiligen Welt zu gewinnen. So erklären sich die meisten Seefahrer-„Berichte“ von Homer bis zu den rationaleren Mitteilungen punischer und griechischer Geografen, deren Informationsstand allerdings von der Glaubwürdigkeit der Gewährsleute im Hinterland der Küsten abhängt. Da es auch um etwas ging, was heute salopp als infotainment bezeichnet wird, tun wir gut daran, Aufblähungen alter und jüngerer Mythenkerne aus den Zeiten „phoinikisch/​punischer“ und „griechischer“ Landerkundung im Zuge der frühen überseeischen Kolonisation, also der Erzählungen vom „goldenen Ölbaum“ des Pygmalion in HaGadir (Cádiz), von Geryon, Gargoris, von den weltumspannenden Großtaten des Herakles, dem Hispanienzug des trojanischen Helden Teukros oder den Westreisen des Odysseus zunächst einmal als Unterhaltungstoffe zu behandeln, denen nur punktuell wichtige zeitgenössische geografisch-ethnografische Informationen zu entnehmen sind. Auch die bald bedrohliche Rivalität der Protagonisten der mittelmeerischen Handels-Schifffahrt, Phoiniker und Griechen, führte zu teilweise kuriosen Ergebnissen: So wird beispielsweise der gaditanische Melqart sogleich zum gesamtgriechischen Herakles. Der überwiegende Teil der literarisch, aber auch in der plastischen Kunst bis hin zum Grabturm von Pozomoro überlieferten ‚iberischen‘ Mythen harrt noch der Deutung – Zweifel sind angebracht, ob hier je befriedigende Lösungen erreicht werden können.

Es entspricht der Logik der historischen Abläufe auf der Iberischen Halbinsel, dass die bedeutenderen Fremdkontakte Mythentraditionen und Erklärungsbedürfnisse für Kulturentstehung geschaffen und hinterlassen haben: Neben den genannten phoinikischen, griechischen und – vielleicht – iberischen findet sich eine indoeuropäische möglicherweise im irischen Leabhar Ghabbála („Buch der Invasionen“), von dem sich sogar im großen Geschichtswerk Th. B. Macaulays, The glorious Revolution, eine Nachricht erhalten hat. Dabei handelt es sich um einen den Sagen von den weltumspannenden Reisen und Taten des Herakles ähnlichen märchenhaften Bericht von einem von hispanischen Kelten (Brath, Breoghán, Bile) abstammenden skythischen Krieger namens Golamh, genannt „Mil von Hispanien“, der 3.500 Jahre nach Erschaffung der Welt über Ägypten nach Hispanien kommt und von dort mit seiner Familie und seinem Gefolge nach Irland gelangt, wo er die Herrschaft erringt. Belegt im frühen Mittelalter, werden hier vage historische Reminiszenzen, vermischt mit Erfundenem, gewissermaßen die durchaus wahrscheinlichen hispanisch– irischen Beziehungen der frühbronzezeitlichen Vorzeit, mythisch überhöht. Phänomene, wie das Kloster Britonia im 7. Jh. n. Chr., eine der frühesten hispanischen Klostergründungen überhaupt, bestätigen den fortdauernden Kontakt zwischen den Britischen Inseln und Gallaekien.

Mythischen Charakter besitzen auch etymologische Durchstechereien wie Herodotos Erklärung für den Namen der Pyrenäen (2,33,3). Dass es Mythen gibt, die einheimisch-hispanischen Ursprungs sind, wozu nach Auffassung spanischer Forscher die Gargoris-Geschichte gehört, ist, wiewohl denkbar, einstweilen nicht zu erweisen. Ausgeschlossen ist nicht, dass sich einheimische Mythen hinter nicht-einheimischen interpretationes verbergen. Wahrscheinlicher ist, dass hinter den von dem spätantiken Epitomator Iustinus (aus Pompeius Trogus) überlieferten Erzählungen von Gargoris, der die Bienenzucht erfunden habe, und Habis, dem Begründer des Ackerbaus, hellenistische Kulturentstehungs-Fantasien stehen. In heute kaum noch nachvollziehbarer, jeder Quellenkritik spottender Naivität hat Schulten (19502, 130 ff. und passim) aus alledem und mehr sein Tartessos-Konstrukt gefertigt, mit einer Herrscher-Genealogie, die mit „Sol“ beginnt und mit „Arganthonios“ endet, die etruskischen Ursprungs sei und ganz uniberisch – das alles eher ein Märchen aus dem Orient als seriöse Geschichtsschreibung. Und eben darum so schwer los zu werden!

Griechen entdecken den Westen

„Die Phokaier waren die ersten Hellenen, die weite Seefahrten unternommen haben. Sie entdeckten das Adriatische Meer, Tyrsenien, Iberien und Tartessos.“

(Herod. 1, 163)

Vor allem die Entdeckung der Erde und ihrer zunehmend begriffenen Weitläufigkeit, die Wunder neuer Begegnungen mit Fremdem, Unerhörtem sowie das Bedürfnis insgesamt wenig beweglicher Gesellschaften nach spannender Unterhaltung und exotischen Reizen dürfte der Hintergrund von fantastischen Überhöhungen und Ausschmückungen früher Abenteuer zu Lande und vor allem zu Wasser gewesen sein. Hinter vielen dieser Geschichten stehen handfeste historische Gegebenheiten: So hat es in der Kupferzeit zweifellos Prospektionsfahrten in den mittelmeerischen Westen bis an die portugiesische Atlantikküste gegeben. W-O- und O-W-Handel/​Austausch im 3. Jt. v. Chr. über Land und über See und die Spuren atlantischer Begegnungen zwischen dem hispanischen Nordwesten und Irland sowie der Wessex-Kultur werden im Zuge der Metall- und Elfenbein-Analysen immer konkreter. Der Prähistoriker Thomas X. Schuhmacher hat im Jahre 2004 die vorliegenden frühbronzezeitlichen Fund-Materialien und die sich daraus ergebenden Einsichten in entsprechende Verbindungen schlüssig zusammengefasst und kartiert.

Notwendigerweise kommen wir am Ende dieser langdauernden Entwicklung zu „Tartessos“! Nicht nur, weil hier die literarische Überlieferung zur Iberischen Halbinsel überhaupt erst beginnt, sondern vor allem, weil es ab jetzt ein gewisses Kontinuum der Schriftquellen gibt.

Nach Herodotos durchaus glaubhaftem Bericht kamen griechische Seefahrer aus Phokaia im 7. Jh. v. Chr. erstmals mit einer südwesthispanischen Region nebst Handelsplatz (emporion) in Berührung, welchen sie den Namen Tartesos bzw. Tartessos gaben, der sich aus einer einheimischen Wurzel TRT bzw. TRS und einer griechischen Endung zusammensetzt. Dass dieses Emporion, welches zwischen der Mündung des río Guadalete und dem Raum Huelva zu vermuten ist, damals ein längst von Phoinikern besuchter Warenumschlagplatz, ja, von diesen wahrscheinlich erst geschaffen war, wusste Herodotos nicht oder verschweigt es aus nachvollziehbaren Gründen.

Deutlich erhellt aus Herodotos Erzählung der bereits aus I Kön 10, 21 f. bekannte Silberreichtum dieser Zone, der alles Weitere zur Folge hat: Das großherzige Geschenk des „tartessischen Königs Arganthonios“, dessen angegebenes Alter von 120 Jahren bereits die Tendenz zur Legende verrät, an die Phokaier, nämlich die Finanzierung einer Verteidigungsmauer gegen die expandierenden Meder, mag einen historischen Kern besitzen – die Erzählung selbst ist in erster Linie ‚Seemannsgarn’.

Erstaunlich ist freilich, in welchem Maß die „Entdeckung“ des fernen Silberlandes in der zeitgenössischen Literatur Griechenlands ihren Widerhall findet. Dieser gleicht durchaus dem Echo, das mehr als 2.000 Jahre später die Entdeckung Amerikas und seiner Schätze auf der Iberischen Halbinsel auslöste. Die griechische Tartessos-Rezeption, einschließlich der Einbeziehung der Iberischen Halbinsel in den Sagenkreis des Herakles-Mythos, entstammt dem 7./​6. Jh. v. Chr., der ersten großen Phase griechischen Ausschwärmens nach Westen, wobei nicht auszuschließen ist, dass bestimmte Informationen schon früher aus phoinikischen Quellen nach Ionien gelangt waren. Die archäologische Forschung hat besonders im Raum Huelva ein starkes Anwachsen griechischer Importe aus dem 6. Jh. v. Chr. verzeichnen können (Domínguez Monedero – Sánchez Fernández 2001), was allerdings nicht automatisch auf die Präsenz griechischer Händler weist, da die Phoiniker selbst alles im Sortiment hatten, was im Ostmittelmeerraum produziert wurde, aber gelegentliche Begegnungen mit solchen nahelegt. Dass die Griechen, die aus verschiedenen Räumen und unterschiedlichen Dialektzonen stammten, in trt/​Tarschisch auf einen Markt mit „orientalisierenden“ Tendenzen trafen, ist eindeutig, wird aber bezeichnenderweise nirgendwo vermerkt. Dabei ist keineswegs zu unterstellen, dass die in späterer Zeit historisch bedeutenden Rivalitäten schon jetzt eine Rolle gespielt hätten. Sprechend ist allerdings die Tatsache, dass es im „tartessischen“ Raum keine nachhaltige griechische Kolonisation gab: Bis in römische Zeit bleibt der Küstensaum zwischen Huelva und dem terminus Tartesiorum, wie in der Ora maritima des Avienus die Nordost-Grenze von Tarschisch bezeichnet wird, von phoinikisch-punisch-karthagischen Siedlungen dominiert.

Zum veritablen Mythos wurde „Tartessos“ durch eine Monografie des Erlanger Althistorikers Adolf Schulten, zuerst 1921 erschienen und vielfach übersetzt sowie nachgedruckt. Dieser Gelehrte, der wie mancher Deutsche vor und nach ihm zeitlebens der Iberischen Halbinsel verfallen war, hatte mit kaiserlicher Unterstützung im Raum Numantia gegraben, unter anderem über den lusitanischen Nationalhelden Viriatus und den vermeintlichen römischen Hispanienfreund Sertorius gearbeitet, ferner die erste Landeskunde des antiken Hispanien verfasst sowie, zusammen mit Robert Grosse, die Fontes Hispaniae Antiquae (FHA) als erste Sammlung hispanienbezogener antiker Schriftquellen geschaffen. Dies war nach Emil Hübners Sammlung der iberischen (MLI) und der lateinischen Inschriften Hispaniens (CIL II) die dritte deutsche Großtat zum Nutzen der althistorischen Forschung auf der Halbinsel, die es de facto bis in die 1930er-Jahre noch gar nicht gab.

Schulten, in Deutschland wenig beachtet und zeitlebens dem Wilhelminismus verhaftet, ehrgeizig, eitel und von der Zustimmung so vieler Spanier gewaltig ‚erhoben’, gab dem durch den Schock der militärischen Niederlage gegen die USA von 1898 und den daraus resultierenden Verlust des Kolonialreiches tief verunsicherten Land etwas von seinem ehemals stolzen Selbstbewusstsein zurück. Als er schließlich mit „Tartessos“ ein aus Elementen des platonischen Atlantismythos, der herodoteischen „emporion Tartessos“ cum „Arganthonios“-Erzählung, der Mythografie des Iustinus, dem unendlichen Mineralreichtum des Landes und den in der Tat erstaunlich qualitätvoll-exotischen frühen Fundmaterialien nicht ohne pathetische Fantasie und suggestives Geschick sein Tartessos-Märchen kompilierte, legte er den Grundstein zu jener Projektion von einem protohistorischen „tartessischen Großreich“ auf vergleichsweise hohem zivilisatorischen Niveau, die jahrzehntelang die kulturelle Elite Spaniens, darunter ihren markantesten Vertreter Ortega y Gasset (1978, Bd. II, 177 ff.), faszinierte und die Vorstellung von einer glanzvollen Phase der hispanischen Frühgeschichte prägte. Dieser neu geschaffene Mythos verweigert sich auch heute noch vielfach der ungleich prosaischeren, wenngleich hochinteressanten Realität, soweit die Forschung sich ihr hat nähern können, wofür Schulten seinerzeit von dem großen Althistoriker Eduard Meyer heftig gescholten wurde. In Deutschland ist Schulten heute Forschungsgeschichte, während zumindest Teile der spanischen Altertumsforschung darum kämpfen, sich von seinem langen Schatten zu befreien. Andere Gelehrtenschulen, vor allem im Süden Spaniens, zeigen sich verbissen darum bemüht, die Bedeutung von „Tartessos“ durch Aktualisierung des Schultenschen Fantasie-Gemäldes nicht ohne chauvinistische Untertöne zu bewahren, wofür das Tartessos-Lemma des Archäologen Antonio Blanco Freijeiro im Diccionario de Historia de España von 1952, aber auch der jüngste Tartessos-Kongress („Tarteso. El emporio del metal“, Huelva 2011, 2013) anschauliche Beispiele bieten. In Fragen seiner realen oder vermeintlichen historischen Identität ist auch das postfranquistische Spanien ein hochsensibles Land geblieben. Vielleicht wird deswegen geradezu zwanghaft alle paar Jahre dasselbe leere Stroh gedroschen. In diesem Kontext droht Adolf Schulten inzwischen selbst zu einem spanischen Mythos zu werden.

Was ist „Tartessos“ nach heutigem Forschungsstand? Auf die regionale südwesthispanische End-Bronzezeit mit einer mehrheitlich nicht-indoeuropäischen, überwiegend iberisch-sprechenden Bevölkerung, wie sie H. Schubart im Jahre 1975 umfassend dargestellt hat, trafen vermutlich im 10./​9. Jh. v. Chr. phoinikische, wahrscheinlich tyrische Seefahrer auf der Suche nach Rohstoffen und Handelsplätzen. Die Quellen legen nahe, dass sie alten Routen folgten und ihre Entdeckungsfahrten sehr gründlich vorbereiteten. Sie fanden in dem Raum zwischen dem río Guadalete, der Guadalquivir-Mündung und Huelva, was sie suchten: Zinnlieferanten, Kupferabbau und Silber, daneben auch Flussgold und Halbedelsteine, von denen einer, der Tarschisch-Stein, vermutlich ein Chrysolith, nach Ex 28,20; 39,13 sogar ins Pektorale des jüdischen Hohepriesters gelangt zu sein scheint, auch wenn das Alter dieser Nachricht undeutlich ist. Dass sich hier im Laufe der Zeit ein Emporium mit allem, was dazugehörte, entwickelte, ist durchaus glaubhaft. Auch die ökonomische und zivilisatorische Ausstrahlung, die solche Plätze allzeit auf ihr jeweiliges Hinterland zu haben pflegen, ist gewiss; gänzlich unsicher ist seine geografische Verortung. Die Versuche, das Emporium „Tartessos“ zu finden, notfalls auch unter dem heutigen Meeresspiegel oder dem Sand des wunderbaren naturgeschützten Nationalparks Coto de Doñana bzw. von Matalascañas, sind Legion und nehmen mit dem heute verfügbaren technischen Fortschritt eher noch zu, wobei lokalpatriotischer und regionaler Ehrgeiz ein oft eher hinderlicher Ansporn ist. Aber es ist leider meist immer noch das Schultensche Fantasiegebilde, welches gesucht wird: Sollte eines Tages tatsächlich Herodotos emporion (das wahrscheinlich in Späterem aufgegangen ist) gefunden werden, wird die Enttäuschung der Schatzsucher ungeheuer sein.


Abb. 4 Der Schatzfund von El Carambolo (bei Sevilla) aus dem 6. Jh. v. Chr. machte 1958 Sensation.

Ob chief- oder Priester-Ornat: phoinikische Toreutik mit hispanischem Gold.

Als Ergebnis dieser Begegnung, die sich von „stummem“ Handel bis in das 8. Jh. v. Chr. zu einer veritablen phoinikischen Kolonisationsbewegung steigerte, die sogar Spuren im Jesajabuch (23,10) des Alten Testaments hinterlassen hat, entwickelte sich im Südwesten und Süden der Halbinsel die sogenannte „orientalisierende Kulturphase“, gekennzeichnet durch die Erfindung einer einheimischen Schrift, Importe aus dem ostmediterranen Raum und ihre einheimische Rezeption und Weiterentwicklung [Abb. 4], aber auch durch technische Fortschritte, wie die Töpferscheibe, die Verbesserung der Metallschmelze und, außerordentlich bedeutend, landwirtschaftiche Verbesserungen und Neuerungen, wie, neben vielem anderen, die Einführung des Ölbaums, des Esels und des Haushuhns. Ostmediterrane Kolonisten führten auch eine neue Form von Hausbau ein. Religiöse Elemente ostmediterraner Provenienz tauchen ebenfalls auf: Die Ägyptologin Ingrid Gamer-Wallert hat 1978 mit der Katalogisierung der „Ägyptischen und ägyptisierenden Funde von der Iberischen Halbinsel“ einen umfangreichen Band gefüllt, der mit den seither gefundenen Materialien noch beträchtlich anwachsen würde. Ihre Fundkarten bezeichnen sowohl die engere „orientalisierte“ Zone der Halbinsel im Südwesten als auch die punischen Handelsverbindungen an der Ostküste, die aber nördlich des Cabo de la Nao deutlich abnehmen. Es kommt nach ökonomischer und kultureller Einflussnahme mit der Zeit auch zu Festansiedlungen ostmittelmeerischer Kolonisten sowie zur Anlage zahlreicher phoinikisch/​punischer Faktoreien (nicht selten in der Nähe einheimischer Wohnplätze) entlang der gesamten Südküste der Halbinsel, deren Entdeckung durch deutsche Forscher in den 1960er-Jahren eine Sensation waren. Auch in allerjüngster Zeit sind im Küstenraum zwischen Gibraltar und La Fonteta noch Aufsehen erregende Entdeckungen gelungen, so die der bislang ältesten rechteckigen Hauskonstruktion in dem in der phoinikischen Kontaktzone liegenden einheimischen Fundplatz Los Castillejos de Alcorrín [Abb. 5], weiterhin neuer Methoden hochspezialisierter Metallverhüttung und eines intensiven Metallhandels mit dem hispanischen Südosten (Marzoli 2012). Auch eine rege Binnenpenetration, vor allem im Guadalquivirtal, ist inzwischen archäologisch erwiesen.


Abb. 5 Muschelhof der einheimisch „tartessischen“ Anlage von Castillo de Alcorrín (Málaga) aus dem 8./​7. Jh v. Chr. Sinn und Funktion dieser Konstruktion, die Parallelen auf der Iberischen Halbinsel und im Vorderen Orient besitzt, sind unklar.

Das Resultat ist das, was auf der Halbinsel weitgehend unreflektiert die „tartessische Kultur“ genannt wird, welche in Metallurgie, Toreutik, Kunsthandwerk, Töpferei, Stadtanlagen und Grabbauten in der Tat für diesen Raum den Anschluss an ostmediterrane Standards bedeutete. Das ist, wie so oft in der Geschichte des Landes spätestens seit der Kupferzeit, ein Beispiel mehr dafür, wie aus regionalen (Fremd-)Anstößen große Kulturbewegungen entstehen. Zambujal, Los Millares, Marroquies Bajos, La Valencina de la Concepción u. a., alle im Süden der Halbinsel gelegen, für die Kupferzeit oder El Argar für die Bronzezeit gehen dem „orientalisierenden“ Südwesten und Süden voran.

Allzu oft wird dabei vergessen, dass auch die sogenannte „atlantische Bronzezeit“ Jahrhunderte zuvor kunsthandwerkliche Hervorbringungen von hervorragender Qualität und höchstem ästhetischen Anspruch vorweisen konnte, die in Schatzfunden, wie dem aus Caldas de Reyes (Pontevedra) [Abb. 6] oder dem weit von seiner wahrscheinlich nordwesthispanischen Entstehungsregion gefundenen Schatz von Villena (Alicante) manifestiert sind und auf einen hohen Stand metallurgischer und toreutischer Kompetenz wie auch auf eine entwickelte gesellschaftliche Hierarchie schließen lassen, die sich solche Preziosen leisten konnte.

Die geradezu inflationäre Verwendung des Begriffs „tartessisch“ besonders in der spanischen Forschung führt seit geraumer Zeit zu erheblichen Verständnisschwierigkeiten und bedarf darum einer Klarstellung. Die Bezeichnungen „Tarschisch“ und später „Tartessos“ sind, wie oben angemerkt, die phoinikische bzw. griechische Adaptation einer einheimischen Selbstbezeichnung, die später in einer Asarhaddon-Inschrift als Tarsisi, im altlateinischen Tarseiom = Tarseiorum des zweiten römisch-karthagischen Vertrags von 348 v. Chr., in den Stammesnamen Turdetani, Turduli, in der Regionalbezeichnung Turta sowie in der hellenistisch-punischen Bezeichnung Thersitai für die Bewohner von Tarschisch wiederkehrt. Die Bezeichnung „tartessisch“ entstammt der Fiktion Schultens und sollte umso weniger verwendet werden als sie allzu oft adjektivisch zu der phoinikisch/​punischen Bezeichnung Tarschisch für das spätere punische Einflussgebiet auf der Iberischen Halbinsel bis zum terminus Tartesiorum im Osten gestellt wird (Ora marit. 462 f.) [s. Abb. 9]. Das macht scheinbar allen Raum zwischen Südportugal und dem Cabo de la Nao „tartessisch“ und legitimiert damit quasi Schultens Missverständnis von einem „tartessischen Großreich“, während der reale TRT/​TRS-Raum wesentlich kleiner war. Groß hingegen war die kulturelle Ausstrahlung des phoinikischen und griechischen Kultureinflusses auf diese gesamte Zone und darüber hinaus. Diese ist jedoch nicht „tartessisch“, sondern sollte als „orientalisiert“ bzw. „orientalisierend“ und später als westphoinikisch–karthagisch dominiert bezeichnet werden. „Orientalisierend“, weil das einheimische Kunsthandwerk wesentliche Techniken und Stilmerkmale, aber auch ideologische und möglicherweise mythisch-religiöse Motive von ostmediterranen Vorbildern übernahm. Die spätere südiberisch-turdetanische Kulturentwicklung insgesamt basiert weitgehend auf diesem Einfluss und seiner Perzeption, wofür der Grabturm von Pozomoro [Abb. 7] ein faszinierendes Beispiel bietet. Gleichzeitig bergen die vielfältigen auf uns gekommenen Zeugnisse für die Altertumsforschung die große Gefahr falscher Historisierung von Mythen und vordergründig-naiver Interpretation von Quellen, deren Zielsetzung und Glaubwürdigkeit selten oder unzureichend hinterfragt werden. Dafür bietet die vor einigen Jahren von einem namhaften spanischen Prähistoriker behauptete Existenz einer „tartessischen Literatur“ ein warnendes Beispiel. Strabon (3,1.6) berichtet, dass die Turdetaner, die er für die „weisesten aller Iberer“ hält, eine eigene Schrift besäßen, ferner Chroniken und Poesie aus alter Zeit sowie Gesetze in Versform, die 6.000 Jahre alt seien. Nun befand sich die Iberische Halbinsel in dieser Zeit erst im entwickelten Mesolithikum. Ackerbau und Viehzucht sind noch nicht erfunden und die Entwicklung zur einer TRT/​TRS – Gesellschaft liegt in weiter Zukunft. Um 600 v. Chr. dagegen wären kulturelle Phänomene wie Musik, Rezitation, Tanz gut vorstellbar; es gibt auch frühe südiberische Schriftzeugnisse. Eine im eigentlichen Sinne „tartessische Literatur“, die sich aus der zitierten Strabon-Stelle, der archäologisch erwiesenen Existenz von Musikinstrumenten oder der Relation zwischen einheimischer Plastik und präsumtiv einheimischen Mythen herleiten ließe, gibt es freilich nicht!


Abb. 6 Der frühbronzezeitliche Schatzfund von Caldas de Reyes (Pontevedra): Trinkgefäße, Kamm, Torques (?), Ringgeld (?) aus Gold.

Hierhin gehört auch – im Vorgriff auf später Auszuführendes – die Erledigung des von Schulten konstruierten und bis heute in der spanischen Forschung virulenten „Endes von Tartessos“. Es gibt sowenig ein „Ende von Tartessos“ wie es ein „tartessisches Modell“ oder gar eine „Krise des tartessischen Modells“ gibt (Celestino Pérez 2011 – 12, 302). Was archäologisch tatsächlich beobachtet werden konnte, ist im 5. Jh. v. Chr. ein Zerstörungshorizont im „orientalisierten“ Süden, welcher, wenn er nicht Folge innerer Zwistigkeiten unter den einheimischen populi ist, indoeuropäischen raids oder dem Einfluss des sich gegen Ende des 6. Jhs. v. Chr. zunehmend in Tarschisch engagierenden Karthago zuzuschreiben sein dürfte – davon später.

Im 7. Jh. v. Chr. – wie gesagt – kommen die Griechen zumeist von den ägäischen Inseln und den Küsten Kleinasiens. Sie können sich aber anscheinend gegen die phoinikische und zunehmend karthagisch-punische Konkurrenz nicht dauerhaft behaupten. Einige Generationen später werden sie von ihrer Gründung Massilia aus nach Süden vorstoßen und die hispanische Ostküste in bescheidenem Maße kolonisieren, mit den küstennahen Iberern Freundschaft schließen und diesen Schrift und handwerkliche Techniken beibringen, was in Plastik und Toreutik zu einzelnen Werken von wunderbarer Schönheit gediehen ist [Abb. 8]. Der griechische Einfluss endete, wo die phoinikisch-punische Kontrolle der südlichen Zone ihm Einhalt gebot: Am bereits mehrfach erwähnten terminus Tartesiorum (s. S. 24), den wir uns an der Südostküste im Raum Los Nietos/​Cabo de la Nao zu denken haben. Von dort nach Norden zeigen die epigrafischen Zeugnisse rechtsläufige Schrift. Südlich davon im gesamten punisch kontrollierten Gebiet gibt es den linksläufigen Schrift-Duktus, auf Münzen aus HaGadir (Cádiz) und Malaca bis weit in römische Zeit belegt. Im 6. – 5. Jh. v. Chr. werden griechischer Einfluss von Nordosten und der orientalisierende Kulturstrom von Westen sich im iberischen Raum zwischen Albacete, Jaén und der Mittelmeerküste treffen. Der kulturelle Einfluss vor allem des massaliotischen Griechentums an der hispanischen Ostküste wird dessen reale Präsenz lange überdauern: Die politische Entwicklung, vor allem das Auftreten des aufstrebenden Karthago im südwestmediterranen Raum, machte dem dortigen Griechentum den Garaus; soweit es dort griechische Pflanzstädte gab, verschwinden sie oder gehen im Iberischen auf.


Abb. 7 Das Grabmal von Pozomoro (Albacete) im Rekonstruktionsversuch Martín Almagros. Dieses zerstört aufgefundene Monument ist auf der Halbinsel einzigartig, es vereinigt stilistisch und inhaltlich ostmediterrane und einheimische Elemente und dürfte um 500 v. Chr. für einen regionalen chief angelegt worden sein.

Über dem Zeitraum zwischen der realen phoinikischen Kolonisation in Tarschisch im 8. Jh v. Chr., von der Jesaja spricht, der griechischen Tartessos-Berührung vermutlich im 7. und dem Auftreten der Seemacht Karthago auf der Halbinsel im 6. Jh. v. Chr. liegt ein seltsames Halbdunkel, obgleich es sich um eine Phase entscheidender Veränderungen im Süden und Osten gehandelt haben muss. In dieser Zeit mutiert, vom orientalisierten Tarschisch ausgehend und durch griechische und andere Importe unterstützt, der orientalisierte Kulturraum zum Turdetanisch-Iberischen, wie wir die intensive Rezeption kultureller (auch religiöser) Einflüsse aus dem Osten in Ermangelung einer glücklicheren Bezeichnung nennen müssen. Das Ergebnis ist eine kaum differenzierbare ostmittelmeerisch-einheimische Mélange, zu der Rechteckhäuser und ummauerte stadtartige Siedlungen ebenso gehören wie die Entstehung einer bemerkenswert originellen Großplastik in der oben beschriebenen südöstlichen Konvergenzzone zwischen semitischer und griechischer Einflussnahme. In diese Zeit gehört auch die Entstehung der (linksläufigen) südiberischen Schrift, für die sich vor einiger Zeit eine Art Musteralphabet gefunden hat. Zweifellos ist dies die Zeit lokaler und regionaler Herrschaftsbildungen, von denen die Historiografie erst viel später berichten wird, die sich aber seit geraumer Zeit archäologisch immer deutlicher abzuzeichnen scheinen.

Darüber, was in dem Zeitraum zwischen dem ersten Auftauchen der Phoiniker an den Küsten der Halbinsel, dem Vordringen griechischer Seehändler in den Südwesten und an die Ostküste im Rest des großen Landes geschieht, der immerhin fast 2/​3 des Ganzen beträgt, schweigen die Schriftquellen. Gleichzeitig ist deutlich, dass im 6. Jh. v. Chr. Karthago eine wichtige Rolle auf der Halbinsel zu spielen beginnt und bis in die Zeit des Zweiten Krieges mit Rom den hispanischen Süden, den afrikanischen Nordwesten und auch die hispanische Atlantikküste kontrolliert, wie archäologische Funde, aber auch punisch konnotierte Kultstätten in Küstennähe belegen. Herodotos Hinweis auf Kelten im Westen (2,33,3) bleibt geografisch vage, so sehr sich die Forschung auch bemüht hat, die Stelle „Die Donau kommt aus dem Land der Kelten von der Stadt Pyrene her und fließt mitten durch Europa. Die Kelten wohnen jenseits der Säulen des Herakles und sind Nachbarn der Kynesier, des westlichsten Volkes von allen Europäern“ aus ihrer ex-post-Kenntnis stimmig zu machen. Die Vorstellungen des ‚Vaters der Geschichte‘ vom westlichen Europa sind eine Mischung aus Wissen, Hörensagen und möglicherweise falsch verstandenen Nachrichten aus Seefahrer-Kreisen. Deutlichere geografische Vorstellungen gewinnt man erst im 4. Jh. v. Chr., aber auch sie bleiben oberflächlich und sind ausschließlich aus der Seefahrer-Perspektive gewonnen.


Abb. 8 Krieger und Pferd von der iberischen Grabanlage Cerrillo Blanco bei Porcuna (Jaén). 5. Jh. v. Chr.

Die ethnografische Karte der gewaltigen Landmasse zwischen der Küstenkordillere im Osten, der Sierra Morena im Süden, den Pyrenäen im Norden und dem atlantischen Ozean im Westen gleicht einem Flickenteppich buntester Art. Die Forschung ist weit davon entfernt, die Gemengelage aus potentiell vorindoeuropäischer Bevölkerung, zahllosen Zuwanderungen aller Art und Quantität (und zu unterschiedlichsten Zeiten), unquantifizierbaren Binnenwanderungen bis weit in römische Zeit sowie die ethnischen Mischzonen an den östlichen und südlichen Rändern durchsichtig gemacht und in eine zuverlässige regionale und zeitliche Ordnung gebracht zu haben. [s. Abb. 2] Die antiken Quellen behalfen sich damit, Phoiniker, Perser, Griechen, Kelten, Punier und Römer hintereinander als Einwanderer aufzuzählen und die Vorzeit sowie mögliche Gleichzeitigkeiten bzw. Überschneidungen auszublenden. So sind wir darauf angewiesen, die Mosaiksteine lokaler und regionaler Forschung so gut wie möglich zusammenzusetzen, um überhaupt ein Bild zu gewinnen.

Nicht zu trennen von den Problemen des ethnografischen Durcheinanders und der immerwährenden Ein- und Binnenwanderungen sind deren geografische Voraussetzungen. Es ist die grobe Dreiteilung des Landes, welche im Großen und Ganzen die Ethnografie der Halbinsel bestimmt: Der Küstenstreifen zwischen dem Mittelmeer im Osten und der westlichen Kordillere, die überwunden werden muss, um die zentralen Hochebenen zu erreichen. Sodann der Süden, der von der sogenannten Sierra Morena gegen das zentrale Hochland abgeschirmt wird sowie das zweigeteilte Hochland – Alt- und Neukastilien –, das die Mitte, den Norden und Westen einnimmt und selbst wieder in kleinere Einheiten zerfällt. Sie freilich spielen in der Ethnografie des antiken Hispanien keine vergleichbar entscheidende Rolle. Diese Räume sind nicht leicht und überall zugänglich. Von Osten aus erschließen die Flusstäler von Ebro, Jalón und Júcar die Meseten, von Süden der Despeñaperros-Pass und die westliche vía de la Plata. Haupt-Einfallwege von Norden sind die wenigen Pyrenäenpässe und die Küstensäume. Alle historisch erwiesenen großen Wanderungsschübe haben auf diesen Zugangswegen ihre Spuren hinterlassen, alle bedeutenden Landnahmen lassen sich mit den bezeichneten Großräumen verbinden – und auch alle großen Eroberungen. In der Völkerwanderungszeit ebenso wie in den napoleonischen Kriegen, ja noch im Bürgerkrieg der 1930er-Jahre spielen die genannten Zugangswege im Norden, Osten und Süden eine entscheidende Rolle.


Abb. 9 Das orientalisierte Hispanien in phoinikisch-karthagischer Zeit. 1. Enge Schraffur: TRT/​TRS – Kerngebiet; 2. mittlere Schraffur: Das karthagische Dominium Tarschisch; 3. breite Schraffur: Äußerste Ausdehnung des vom Süden des Landes ausgehenden orientalisierenden Kultureinflusses.

Exkurs 1

Phoiniker und Punier
auf der Iberischen Halbinsel

„Denn eine Tarschisch-Flotte hatte Hiram auf dem Mittelmeer.“

(I Kön. 10.22)

Phoiniker, Karthager, Punier bedeuten nicht wirklich Unterscheidungen, sondern sind Bezeichnungen unterschiedlicher Herkunft zu verschiedenen Zeiten. Die frühen Bewohner der im 8. Jh. v. Chr. gegründeten nordafrikanischen „Neustadt“ Qrt Hadašt sind ebenso Phoiniker wie die ersten Bewohner von HaGadir im Südwesten der Iberischen Halbinsel. Später nennen die Römer, als sie beginnen, über die Grenzen ihres Kleinstaats, dann über diejenigen Italiens hinauszublicken, diese exotischen Seefahrer, die überall im Mittelmeerraum anzutreffen sind, Poeni. Davon kommt „Punier“. Mit der Zeit gewinnen diejenigen Phoiniker, welche sich an fernen Gestaden niederlassen, unterschiedliche Profile. In Verbindung mit den jeweiligen sozialen Kontexten entwickeln sie verschiedene Interessen; manche der Seehändler werden Agrarier, andere geben den ambulanten Handel auf und werden Hersteller von Fertigprodukten: von Purpur, der ,weltweit‘ geschätzten Fischsauce garum, Schmuck, Tongefäßen, Terrakotten und von tausenderlei Materialien des täglichen Bedarfs. Wiederum andere bauen Schiffe, mit denen sie in den atlantischen Ozean vorstoßen und das phoinikische Handelsnetz erweitern. So entstehen an der nordafrikanischen Atlantikküste weitere Faktoreien, von denen wir Mogador und Lixus genauer kennen. Vermutlich fuhren sie noch viel weiter nach Süden. Ob die Goldküste erreicht wurde, wissen wir nicht. Ähnlich verläuft die Entwicklung an der westhispanischen Küste in nördlicher Richtung. Hier war Zinnhandel zumindest ein Ziel. Es ist unklar, ob phoinikische Schiffe Cornwall oder die Bretagne erreichten oder ob Zinnlieferanten ihnen nach Süden entgegenfuhren. Möglich ist, dass einheimischer Zwischenhandel eine Rolle spielte.

So entstehen im Laufe von wenig mehr als 200 Jahren zahllose phoinikische Niederlassungen aller Art: Faktoreien mit Hafenanlagen und Lagerhäusern, Agrarsiedlungen, auch Wohnsiedlungen mit Handwerker-Vierteln. Bei vielen von ihnen fanden sich Bestattungsareale; mancher Grabbau ist von entsprechenden Anlagen im Vorderen Orient kaum zu unterscheiden.

Was durch die Zeit erhalten blieb, war eine enge Bindung dieser westlichen Phoiniker an die ursprüngliche Heimat, besonders in kultisch-religiöser Hinsicht. Zwar erhielt HaGadir früh ein eigenes, noch in der Spätantike nachweisbares Melqart-Heiligtum und scheint damit kultisch autark zu sein. Aber enge Beziehungen zu ihren levantinischen oder cyprischen Ausgangspunkten und Kultstätten sind so lange erkennbar, wie die Phoiniker im Osten politische Selbständigkeit genießen. Kennzeichnend ist, dass sich Karthago, als Alexander von Makedonien Tyros belagert, zur Hilfeleistung aufgerufen fühlt.

Ein westphoinikisches Kolonialreich ist das sich mit der Zeit immer weiter semitisierende Andalusien nicht zu nennen. Der Blick der West-Phoiniker, die nach meiner Interpretation in späteren Verträgen mit Rom immer noch „Tyrier“ heißen (Koch 2000, 170 f.), blieb auf die Mutterstadt Tyros gerichtet. Tyros entwickelte keinerlei ‚kolonialistische‘ Neigungen. Eigene Ambitionen der hispanischen Phoiniker in dieser Richtung lassen sich nicht erkennen und sind auch nicht wahrscheinlich. Es gibt keinerlei Hinweis darauf, dass die frühen phoinikischen Neu-Hispanier Einheimische in irgendeiner Form in politische Abhängigkeit brachten. Im Gegenteil ist zu vermuten, dass phoinikischer Einfluss die einheimischen Herrschaftsverhältnisse – durchweg kleinere und größere chiefdoms – stabilisierte, indem man einheimischen Potentaten „Überbau“-Elemente schmackhaft machte, wofür die Carambolo-Insignien ebenso sprechen wie der Grabturm von Pozomoro und anderes.

Die allem Anschein nach friedliche und kulturell fruchtbare Entwicklung der westphoinikisch-einheimischen Beziehungen in Tarschisch erfuhr durch das Auftreten von Griechen in der TRT/​TRS-Region im 7. Jh. v. Chr. keine einschneidende Veränderung, zumindest keine, die sich als negativ erkennen ließe. Ob die griechische Konkurrenz zu Spannungen führte, wissen wir nicht. Herodotos zufolge wurden die Griechen freundlich aufgenommen und fuhren reich beschenkt zurück. Allerdings haben wir feststellt, dass konkurrierende griechische Emporien sich im engeren Raum Tarschisch/​Tartessos nicht dauerhaft etablierten. Ob Druck ausgeübt wurde oder ob der Markt die Verhältnisse regelte, muss einstweilen offen bleiben.

Eine Änderung trat erst ein, als die politische Situation im östlichen Mittelmeerraum eine neue Lage schuf. Für das unter assyrischem Druck handlungsunfähig gewordene Tyros trat die „Neustadt“ Karthago auf den Plan, dessen politische und soziale Entwicklung ganz andere Wege gegangen war als die der Phoiniker in Tarschisch und im ferneren Westen überhaupt. Handelsbeziehungen mit dem jungen Karthago sind in der phoinikisch-einheimischen Siedlung von Castillo de Doña Blanca (die spanische Forschung nennt diese Siedlung „tartessisch“) bereits im 8. Jh. v. Chr. nachgewiesen. Nun, im 6. Jh. v. Chr., schickt Karthago sich an, im Konzert der aufstrebenden Mächte des zentralen Mittelmeerraums mitzuspielen. Im Westen übernimmt es die Rolle einer Vormacht aller „Tyrier“, weniger nach innen als in deren Außenvertretung, was zivilen und militärischen Protektionismus, wie die Kontrolle der Straße von Gibraltar, einschließt.

Diese Kontrolle, die einer Sperrung gleichkam, hatte zur Folge, dass Informationen über die innere Entwicklung von Tarschisch kaum noch nach außen gelangten. Da die potentiellen karthagischen Schriftquellen der späteren Auseinandersetzung mit Rom zum Opfer fielen, besitzen wir so gut wie keine historiografischen Informationen über die karthagischen Aktivitäten in der Zeit zwischen den atlantischen Rekognoszierungsfahrten der Admirale Hanno und Himilko um 600 v. Chr. und dem Zweiten Vertrag zwischen Karthago und Rom, der in das Jahr 348 v. Chr. zu datieren ist. Es hat aber den Anschein, dass sich das Verhältnis zwischen den einheimischen Völkern des hispanischen Südens, den West-Phoinikern und den Karthagern im Ganzen friedlich gestaltete. Die polybianische Formulierung, wonach im 3. Jh. v. Chr. die Barkiden die πράγματα in Tarschisch wieder herzustellen hatten, lässt darauf schließen, dass von Karthago dort eine Verwaltungs- oder Organisationsstruktur geschaffen worden war, die während des ersten Konflikts mit Rom gelitten hatte. Es liegt nahe, dabei Abgaben verschiedenster Art, Mineralabbau und Söldnerwerbung zu vermuten, die in irgendeinem organisatorischen Rahmen miteinander verbunden waren. Es mag auch frühe Ansiedlung nordafrikanischer Gruppen gegeben haben, wie sie uns in hannibalischer Zeit im südlichen Hispanien begegnen; die zahlreichen mit punischer Legende prägenden Münzpräge-Orte können nicht erst in barkidischer Zeit entstanden sein. Andererseits gibt es keinen Hinweis auf Veränderung der einheimischen Herrschaftsstrukturen. Auf imperialistischen Kolonialismus wie später in barkidischer Zeit weist nichts hin.

Das karthagische Hispanien

Tarschisch = Hispania punica

Bedeutete „Tarschisch/​Tartessos“ den Eintritt der Halbinsel in die Geschichte überhaupt, so hatte der Erste Punische Krieg die irreversible Einbeziehung Hispaniens in die weitere politische, ökonomische und soziale Entwicklung des westlichen Mittelmeerraums zur Folge.

Spätestens im 5. Jh. v. Chr. existieren die Strukturen, welche die spätere Entwicklung bestimmen: Wachsende Verstädterung im Süden und Osten, castros im Nordwesten und Stammes-Synoikismen mit zentralen stadtartigen Siedlungen in Schutzlage, in denen die Bevölkerung in Notlagen Zuflucht finden konnte. Es gibt größere oder kleinere regionale „Herrschaften“, hingegen keine überregionalen politischen Zusammenschlüsse: Bereits in den antiken Quellen wird dies für den langfristig erfolglosen Widerstand gegen die von außen auf die Halbinsel drängenden imperialistischen Begehrlichkeiten erst Karthagos, dann der Römer verantwortlich gemacht. Grundsätzlich ist das eine wohlfeile These, denn woher sollten das soziale und politische Bewusstsein kommen, welches eine solche quasi-nationale Einigung zur Voraussetzung hat. Ethnisch heterogen, politisch unentwickelt, kulturell zersplittert gab es schwerlich die Chance eines gemeinsamen Nenners oder einer gemeinsamen Zielsetzung. Viel später, im 2. Jh. v. Chr., lassen sich regionale, ethnisch meist homogene, Ansätze zum Widerstand gegen den gemeinsamen Feind Rom erkennen: Der Viriatuskrieg ebenso wie der Widerstand von Numantia lebten von solchen – immer kurzfristigen – Bündnissen. Doch auch ihnen fehlt die letzte Geschlossenheit, die nur aus einem politischen common sense hätte resultieren können – an solchem fehlt es dem Land noch heute. Weder Karthago, als es – gewünscht oder nicht – im Laufe des 6. Jhs. v. Chr. in Stellvertretung der gemeinsamen Mutterstadt Tyros die Vormachtstellung über die West-Phoiniker auf der Halbinsel an sich zog, noch später Rom hatten besondere Mühe, ihre Interessengebiete Stück für Stück auszudehnen. Die Handelsmacht Karthago konsolidierte den westphoinikisch penetrierten Raum Tarschisch, sicherte die atlantischen Handelsrouten nach Norden und Süden und kontrollierte die Straße von Gibraltar. Mehr wollte Karthago anscheinend zunächst nicht, auch noch nicht, als der zweite Vertrag mit Rom – auf Zukünftiges weisend – dessen Sensibilität in Hispanicis offenbarte.

Die bei Polybios überlieferten Verträge zwischen Rom und Karthago bieten insgesamt eines der weltgeschichtlichen Lehrstücke für internationale Großkonflikte, Machtbalance und allmähliche Machtverschiebung, wie sie zu allen Zeiten begegnen. Im ersten dieser Verträge, der um 500 v. Chr. geschlossen wurde, grenzen sich die bereits etablierte nordafrikanische Seemacht und die aufsteigende, überaus ambitionierte europäische Landmacht gegeneinander ab. Tarschisch/​Hispanien kommt in diesem Vertrag nicht vor, die Römer scheinen (noch) nicht interessiert. Rund 150 Jahre später, im zweiten Vertrag, sieht Karthago sich aber bereits genötigt, den äußersten Westen des Mittelmeeres zur Sperrzone zu erklären: „jenseits des Schönen Vorgebirges und von Mastia im Lande Tarschisch sollen die Römer weder Kaperei oder Handel treiben noch eine Stadt gründen.“ (Polyb. 3,24). Ein dritter Vertrag, rund 70 Jahre später, bestätigt, was den Westen angeht, die Bedingungen des zweiten Vertrags und wird, da man in Rom wie in Karthago den allzu unberechenbaren Epeiroten Pyrrhos fürchtete, um einige Schutz- und Trutz-Bestimmungen, vor allem Sizilien betreffend, erweitert. Das relative politische Gleichgewicht hielt, soweit wir wissen, bis Rom 275 v. Chr. den gefährlichen Pyrrhos losgeworden war, die Herrschaft in Italien gefestigt hatte und die Konkurrenz aus Nordafrika ernsthaft zu fürchten begann. Im Jahre 264 v. Chr. brach es den ersten Krieg mit Karthago vom Zaun. Er wurde hauptsächlich um die Herrschaft über Sizilien geführt. Die Niederlage mit ihren harten Konsequenzen für das mediterrane commonwealth Karthagos, der heraufziehende Hellenismus mit nachhaltigen Mentalitätsveränderungen auch in Karthago, änderten diesen Zustand: Nun bedurfte Karthago, durch einen blutigen Söldnerkrieg (241 – 238 v. Chr.) und den von Rom zusätzlich erzwungenen Verlust Sardiniens (238 v. Chr.) existenziell bedroht, mehr denn je des hispanischen Protektorates mit seinen reichen Hilfsquellen. In der Barkidenfamilie – Hamilkar Barkas, sein Schwiegersohn Hasdrubal und Hannibal – fand es politisch–militärische Exponenten der neuen Zeit. Der letzte Hispanien-bezogene Vertrag des souveränen Karthago mit Rom vor Beginn des großen Krieges, den im Jahre 226 v. Chr. Hasdrubal, Hamilkars Nachfolger als weitgehend absoluter Herrscher im – jetzt – hispanischen Kolonialreich, schloss, zeigt die große Seemacht ebenso in der Defensive wie er die Römer als kühl kalkulierende Meister geo-strategischer Planung erweist. „Denn“, so Polybios, „als die Römer sahen, daß Hasdrubal dabei war, (in Hispanien) eine größere und furchtgebietendere Herrschaft zu gründen (d. h. als Karthago zuvor besessen hatte), beschlossen sie, sich in die iberischen Verhältnisse einzumischen“ (2, 13). Da sie aber zunächst die keltische Bedrohung abwenden wollten, schlossen sie den sogenannten Ebro-Vertrag, in dem sich die karthagische Seite verpflichtete, „den Iberos (Ebro) nicht in kriegerischer Absicht zu überschreiten“. Rom hingegen scheint sich zu nichts verpflichtet zu haben. Der Polybios-Text vermittelt mindestens zwei wichtige Erkenntnisse: Rom wollte bereits vor 226 v. Chr. auf der Iberischen Halbinsel intervenieren und Hasdrubal – anders als sein Schwager Hannibal einige Jahre später – beabsichtigte nicht, strategischen Vorteil aus Roms Bedrohung durch die oberitalischen Kelten zu ziehen, sondern gab sich mit dem Ebro als Demarkationslinie zufrieden. Diesen Vertrag, bei dem die Forschung uneinig ist, ob er in Karthago überhaupt ratifiziert wurde, haben beide Seiten innerhalb weniger Jahre immer wieder gebrochen; er erledigte sich mit Kriegsbeginn. Jedenfalls rückte Rom ein gewaltiges Stück näher an die Iberische Halbinsel heran und gewann durch die Verbindung mit Massilia (Marseille) und dessen hispanischen Tochterstädten eine erste Operationsbasis, die wenig später prompt genutzt wurde, als im Jahre 218 v. Chr. die römische Kriegsflotte Emporion im Golf von Rosas anlief, um Hannibal und Karthago in der hispanischen Flanke zu treffen.


Abb. 10 Polybios und Livius beschreiben präzise die eindrucksvolle karthagisch-hellenistische Ummauerung von Qrt Hadašt – spanische Archäologen fanden sie an der angegebenen Stelle. In bester hellenistischer Mauerbautechnik ausgeführter Abschnitt der Stadtmauer von Carthago Nova am nordöstlichen Rand der antiken Stadt.

Wir haben oben davon gesprochen, dass im Jahre 237 v. Chr. Hamilkar Barkas, Hannibals Vater, die „Machtverhältnisse“ auf der Halbinsel im Sinne Karthagos „wiederhergestellt habe“. Was das bedeutete, lässt sich vielleicht erschließen. Hamilkar betrieb sein Hispanien-Unternehmen im Rahmen der „libyschen Strategie“, woraus gefolgert werden kann, dass, wie die libyschen Besitzungen Karthagos, auch Tarschisch nun als Untertanenland betrachtet wurde, das unter Kontrolle gebracht werden musste. Wahrscheinlich ist, dass sich spätestens im Laufe des 3. Jhs. v. Chr., vielleicht auch schon früher, in Tarschisch Entwicklungen vollzogen hatten, die auf größere einheimische Herrschaftsbildungen hinausliefen. Solche Territorialherrschaften begegnen in den Quellen mehrfach im Zusammenhang mit dem Zweiten Krieg mit Rom, wo von Potentaten die Rede ist, die einmal mit den Karthagern, dann wieder mit Rom paktieren und je nach dem Ausgang der jeweiligen Schlachten Macht gewinnen oder verlieren. Diese Herren Culchas, Luxinius u. a. – Livius nennt sie allesamt reguli – hatten offenbar begonnen, ihre eigene Politik zu betreiben, am ehesten in Zeiten, wo das kriegserschütterte Karthago nicht stark oder nicht interessiert genug war, sich um die hispanischen Angelegenheiten zu kümmern. Jedenfalls sprach nun wieder Karthago für sein hispanisches Interessengebiet, so lange, bis der jüngere Scipio die karthagische Epikratie auf hispanischem Boden beseitigte.

Darüber hinaus operierte Hamilkar an der nordöstlichen Grenze von Tarschisch, offenbar bestrebt, dessen Grenzen auszudehnen, was ihm, der 229 v. Chr. im Kampf, vermutlich gegen die Oretaner, fiel (Appian. Iber. 5), und seinen Nachfolgern auch gelang, wie Polybios ausdrücklich festhält (2,36). Die Forschung hat die hellenistische Prägung der Barkiden seit Hamilkar betont. Sowohl sein Schwiegersohn Hasdrubal, der Hamilkar nachfolgt, als auch dessen Nachfolger Hannibal erscheinen als hellenistisch geprägte Autokraten, jedenfalls in ihrem hispanischen Dominium. Nirgendwo ist diese Prägung deutlicher fassbar als in der 226 v. Chr. von Hasdrubal gegründeten Stadt mit dem programmatischen Namen Qrt Hadašt („Neustadt“, Carthago Nova, Cartagena), einer Kombination von Herrscher-Residenz und Garnison mit dem wohl besten Naturhafen des westlichen Mittelmeeres und in der Nähe reicher Silber- und Bleivorkommen gelegen. Polybios hat die Stadt in den 50er-Jahren des 2. Jhs. v. Chr. besucht und eine detaillierte Schilderung hinterlassen. Die intensiven archäologischen Bemühungen der beiden letzten Jahrzehnte in Cartagena haben nicht nur einen Teil der berühmten Stadtmauer freigelegt, sondern auch Hasdrubals Residenz [Abb. 10], die Polybios als basileia bezeichnet – beides hellenistische Musterbauwerke. Aber auch Städte geringerer Bedeutung wie Carmo (Carmona) oder Carteia tragen Züge hellenistischer Befestigung durch die Barkiden.

Hasdrubal, der 221 v. Chr. ermordet wurde, und Hannibal, 247 v. Chr. geboren und hochbegabt, verkörpern die hellenistische Prägung in besonderem Maß. Hannibal betreibt die imitatio Alexanders in einer Weise, wie keiner der Diadochen es besser hätte machen können: Von Münzporträts bis zur diplomatischen Heirat mit einer Tochter des regulus von Castulo findet sich das gesamte Repertoire. Jetzt erst, seit 237 v. Chr., treiben die Gouverneure Karthagos in Hispanien eine ausdrücklich imperialistische Politik, wie bereits Lenin wusste; jetzt erst wird die Grenze, die vordem eher eine kulturelle als eine politische war, auf breiter Front nach Norden verschoben. Erst der Zweite Krieg mit Rom beendete die punische Unterwerfung größerer Teile des Landes; im Verlaufe des Italienzugs Hannibals wurde auch das Gebiet zwischen Ebro und Pyrenäen annektiert. Im Wesentlichen bedeutete dies: Unterwerfung der Bevölkerung, Ausbeutung der Bodenschätze, die außerordentlich wichtige Gewinnung von Söldnern sowie Geiselstellung durch einheimische chiefs, die bündnisbereit waren. Karl Christ hat das 1972 so formuliert: „Die von P. Grimal unterstrichene ‚Politik kolonialistischer Annexionen‘ (Karthagos) kostete den keltiberischen Stämmen jedenfalls ebenso ihre Freiheit wie später die auf Macht und Terror begründete Einrichtung der römischen Provinzialverwaltung“ (1974, 13).

Exkurs 2

Die Iberer

„Die Leiber der Menschen sind auf Entbehrung und Arbeit eingestellt, ihr Geist auf den Tod“

(Iustin. 44, 2,1)

Bevor wir uns dem Großen Krieg und seinen Folgen zuwenden, ist es notwendig, einen Blick auf diejenigen Völkerschaften zu werfen, die mit dem Eintritt Hispaniens in die Geschichte der mittelmeerischen Welt eine Rolle zu spielen beginnen: Die sogenannten Iberer im Osten und Süden der Halbinsel. Dabei ist zunächst daran zu erinnern, dass dies eine Fremdbezeichnung ist: „Iberer“ waren für die frühen Griechen pauschal die Bewohner des Gebietes an den Ufern des großen Flusses Iberos; das Land, welches diese Iberes bewohnten, erhielt bald die Bezeichnung Iberia. Diese wurde mit zunehmender Kenntnis mehr und mehr zur Bezeichnung des gesamten Landes, die mit der Zeit nicht nur bei den Griechen, sondern in der gesamten hellenistischen Welt Anwendung fand. Die Selbstbezeichnungen dieser Ethnien – von den Ausetanern im Nordosten bis zu den Bastetanern im Südosten kennen wir erst aus späteren historischen Zusammenhängen, vielfach auch aus Münzlegenden. Teilweise bleiben sie bis zum Aufgehen der „Iberer“ und ihrer Kultur im Römisch-Hellenistischen gänzlich unbekannt. Die frühen Kolonialmächte subsumierten die iberischen Wohngebiete unter ihre Herrschaftsbezeichnungen: Während die Phoiniker für ihr Interessengebiet lange an der Bezeichnung Tarschisch festhalten und noch Hannibal in seinem Tatenbericht von dessen Bewohnern als Thersitai spricht, haben die späteren Punier eine neue, für seefahrerische Betrachtungsweise typische Bezeichnung gefunden: I Šephanim, „Gestade der Klippdachse“, woraus die Römer Hispania machten. Der Einwohnername Hispani wird in der erhaltenen lateinischen Literatur zuerst in einer Komödie genannt (Plaut. Menaechmi 235, Lindsay). Erst im Laufe des Zweiten Krieges, als Rom in nahen Kontakt mit den Stämmen im Osten und Süden des Landes kommt, gewinnen die vormals pauschal sogenannten ‚iberischen‘ Stämme individuelle Profile. Pierre Moret hat 1996 die bis jetzt bekannten „iberischen“ Fortifikationen im Süden und Osten, wo sie über die Pyrenäen hinaus bis an den Hérault reichen, untersucht. Ihre Zahl beläuft sich ohne die eigentlichen städtischen Siedlungen auf 415, was die in den antiken Quellen vermerkte politische Zersplitterung des Iberertums, das in historischer Zeit zu keiner Staatsbildung fähig scheint, erklären hilft. Gemeinsam ist diesen Ethnien eine einheitliche Schrift, die sich im 5. – 4. Jh. v. Chr. entwickelt zu haben scheint. Ob dieser Schrift eine gemeinsame Sprache zugrunde lag, ist nicht restlos geklärt. Beim heutigen Forschungsstand erweist sich das „Iberische“ mehr als ein komplexes kulturelles Phänomen, manifestiert in Plastik, Toreutik, Keramik, in Architektur und Städtebau, weniger als politisch-gesellschaftlich definierbare Größe.

Diese ‚Iberer‘ sind keine Indoeuropäer, so viel lässt sich sagen – viel mehr aber auch nicht. Ob – und wann? – sie aus Afrika eingewandert sind, ob sie von den Ureinwohnern des Landes – was immer das bedeuten mag – abstammen, bleibt trotz aller Mühen der Wissenschaft eine bis jetzt unbeantwortete Frage. Fest steht: Sie sind da, als Griechen, Phoiniker und schließlich Römer kommen, und es werden Jahrhunderte vergehen, ehe sich ihre Eigenart in der römisch-hellenistischen Akkulturation des Landes verliert – was keineswegs bedeutet, dass diese Eigenart nicht in irgendeiner Form weiterlebte. Auffallend ist freilich, in welchem Maße die kolonisierenden Phoiniker und – in geringerem Maße und auch zeitlich begrenzt – Griechen auf diese Stämme einwirkten: Von den Pyrenäen bis zum südöstlichen Cabo de la Nao, wo der zweite Vertrag zwischen Rom und Karthago (und die änigmatische ora maritima des Avienus) die Grenze ziehen, spürt man Griechisches, während im Süden Punisch-Orientalisches dominiert. Das zeigt sich in Schrift, plastischer Kunst, in Bauweise, kurz, in allen archäologisch erweisbaren Hinterlassenschaften, wobei keinesfalls eindeutig ist, ob eine direkte griechische Einwirkung gegeben war oder punische Vermittlung vorliegt. Eine archäologisch überaus spannende Konvergenzzone zwischen den beiden unterschiedlich akkulturierten Räumen ist in den heutigen Provinzen Albacete, Jaén und Granada erkennbar: Hier ist die eindrucksvolle „iberische“ Großplastik entstanden, für welche Vorbilder im Mittelmeerraum zu suchen sind [Abb. 11a und 11b]; westlich davon, in der punisch dominierten Zone gibt es kaum dergleichen. Hier findet sich neben Einheimischem ein starkes ‚orientalisierendes‘ Element, erkennbar vor allem im kultischen Bereich. Wenn nicht ohnehin genuin phoinikisch, so sind die Ritualgegenstände aus Lebrija oder vom „Carambolo“ diesen jedenfalls sehr eng verwandt.

Der umfangreiche Katalog zu der bedeutenden internationalen Ausstellung „Die Iberer“ von 1998 zeigt sich bemüht, das Iberertum in allen seinen Façetten, vor allem den archäologischen, darzustellen, eine Zusammenfassung, die ihresgleichen sucht. Dort machen die spanischen Gelehrten Lorenzo Abad und Manuel Bendala den Versuch einer Darstellung der „iberischen“ Geschichte „Von Tartessos bis in die römische Zeit“. Man könnte diese Bemühung als gelungen bezeichnen, wenn nicht der „Tartessos“-Bezug für Verwirrung sorgte. Das, was Jahrhunderte nach dem Ende der Bronzezeit grob vereinfacht als „Iberer“ in das Licht der Geschichte tritt, unterscheidet sich von der Bevölkerung des hispanischen Südens und Ostens allein durch die unterschiedlich auf sie einwirkenden Einflussnahmen fremder Kulturen, zunächst Phoiniker, dann Griechen, später Karthager sowie durch Kontakte mit Unteritalien und den nahegelegenen Mittelmeerinseln. Populationswechsel sind im iberischen Raum nicht zu erkennen. Allenfalls ist im Süden und Südwesten seit Beginn des letzten vorchristlichen Jahrtausends ein langsames und uneinheitliches Vordringen indoeuropäischer Elemente zu konstatieren. Das wird uns später beschäftigen.


Abb. 11 a und b Iberischer Reiter aus dem 5. Jh. v. Chr. Los Villares, Hoya de Gonzalo (Albacete). Die Skulptur des unbewaffneten Reiters demonstriert die anmutige Ästhetik des plastischen Schaffens der Iberer auf dem Höhepunkt ihrer Kultur: Griechisch beeinflusst, zeigt sie unverwechselbare iberische Eigenheiten.

„Tartessos“ kann also außen vor bleiben: Was die Bewohner des Südens und Ostens in der Wahrnehmung antiker Quellen und neuzeitlicher Historiker unterscheidet, sind Orientalisierung bei den einen und Mediterranisierung bei den anderen – im 6. und 5. Jh. v. Chr. lässt sich vor allem im Südwesten des Landes eine wachsende Konvergenz beider Kulturräume beobachten, aus der mit der Zeit so etwas wie ein unverwechselbar „iberisches“ Kulturprofil entsteht. Überhaupt erscheinen diese beiden Jahrhunderte als die Blütezeit der als „iberisch“ anzusprechenden Kultur. Es ist eine der kurzen historischen Phasen, in der Osten und Süden des Landes weitgehend selbstbestimmt wirken.

An der südlichen Küste und im Einzugsgebiet des Guadalquivir, aber auch im Binnenland südlich davon findet sich zu Beginn des Zweiten römisch-karthagischen Krieges eine nicht geringe Anzahl städtischer Siedlungen; einige nennen die literarischen Quellen, andere hat die Bodenforschung zutage gefördert. Zwei spanische Archäologen, Arturo Ruiz und Manuel Molinos, haben 1993 in einer Monografie die Siedlungsgeschichte des engeren iberischen Raumes untersucht und dessen vergleichsweise hohe Siedlungsdichte erwiesen. Es ist wahrscheinlich, dass die alten Stammesgebiete und ihre Herrschaftsstrukturen auch während der Phase der orientalisierenden Einflüsse im Großen und Ganzen erhalten geblieben waren. Ihre Fürsten haben ihren halbmythischen Ahnherrn in Arganthonios, wie Herodotos den lokalen/​regionalen „chief“ des Tarschisch-Raumes nennt. Aus derartigen chiefdoms muss sich die politische Karte des spätbronzezeitlichen Südens der Halbinsel zusammengesetzt haben, als die Phoiniker das TRT/​TRS-Land zu besuchen begannen. Ob sich von den Zimelien, welche solche chiefs in der Frühzeit der phoinikischen Penetration nach Tyros gesandt haben mögen, eine Spur in Ps. 72.10 erhalten hat, steht allerdings dahin (Koch 1984, 60 ff.).

Im Zusammenhang mit dem zweiten Krieg zwischen Rom und Karthago erfahren wir quasi nebenbei, dass einer der mit Karthago verbündeten reguli, Culchas, 28 oppida beherrscht habe, ein anderer, Luxinius, die „stark (befestigten) Städte“ Carmo und Bardo. Sehr spät noch, in caesarischer Zeit, taucht ein einheimischer rex mit Namen Indo mit eigenem Truppenkontingent an der Seite Caesars auf (bell. Hisp. 10). Das kann nur bedeuten, dass Rom die alten Herrschaftsstrukturen tolerierte, solange sie sich nicht als seinen Interessen zuwider laufend erwiesen. Möglicherweise verbirgt sich hinter manchem der ‚romanisierten‘ Personennamen, die im Laufe der ersten 200 Jahre römischer Herrschaft über die Halbinsel begegnen, ein solcher regulus alten Stils.

Mit Culchas erhoben sich im Jahre 197 v. Chr. gegen Rom nur noch 17 oppida. Im Jahre 206 v. Chr. war „Kolichas“, wie Polybios ihn nennt, mit einem Kontingent von 3.000 Fußsoldaten und 300 Reitern zu Scipio übergetreten. Offenbar hatte er früh die Seiten gewechselt und war von den beiden älteren Scipionen in einem Brief an Prusias von Bithynien zusammen mit Masinissa und Nabis genannt worden als Beispiel dafür, dass Rom die Macht dieser Könige erhöht und ihre Herrschaftsgebiete vergrößert habe (Polyb. 21,11). Nun wechselte er erneut die Seiten, was zu einem erheblichen Gebietsverlust führte.

Nach Scipios Sieg und seinen Folgen für die hispanischen Verhältnisse sahen manche der iberischen reguli die Dinge nüchterner. Wie die römischen Provinzgouverneure sie behandelten, wissen wir nicht. Offenbar wurden sie in ihrer Macht eingeschränkt, ob politisch oder wirtschaftlich, ist unklar. In diese Reihe dürfte auch der Stadtherr von Castulo, Hannibals Schwiegervater, gehören. Diese chiefs residierten, soweit wir wissen, in angemessenem Rahmen: Die archäologische Forschung hat in den letzten Jahrzehnten im südiberischen, mehrheitlich ländlichen Raum palastartige Anlagen entdeckt, die als Herrscher-Residenzen angesprochen werden können. Die zuerst entdeckte und am nachhaltigsten erforschte dieser Anlagen – Cancho Roano in der südlichen Extremadura, wohl in das 7. Jh. v. Chr. gehörend und im Einflussgebiet der Orientalisierung liegend – enthält einen Sakralbezirk, der, spanischen Archäologen zufolge, nahelegt, dass, wenn nicht bereits eine frühere, so gewiss die „orientalisierende“ Phase der südiberischen Entwicklung im ersten vorchristlichen Jahrtausend eine sakralmonarchische Tendenz entwickelte. Herrscherliche Manifestationen finden sich auch in sepulkralen Zusammenhängen: Das Grabmal von Pozomoro, welches an das Ende des 6. Jhs. v. Chr. datiert wird und iberische Stilelemente mit ostmittelmeerischen, vielleicht nordsyrischen, vereint, gehört hierhin, aber auch die plastischen Darstellungen vom Grabmonument Cerrillo Blanco bei Porcuna sowie das Grabmal mit der Dama de Baza [s. Abb. 42] oder die Dama de Elche, eigentlich gedacht als Aufbewahrungsort für Leichenbrand.

Auffällig ist, dass sich in den größeren Siedlungen des Südostens und Ostens keinerlei eindeutigen Ansätze zu einer Palast-Architektur gefunden haben. Es besteht Grund zu der Annahme, dass in bestimmten Zonen des „iberischen“ Raums, vor allem im Osten, im 5. und 4. Jh. v. Chr. politische und gesellschaftliche Veränderungen eintraten, die auf eine Abflachung der gesellschaftlichen Pyramide zielten, in deren Gefolge ältere Zeugnisse herrscherlicher Repräsentanz, beispielsweise die Grabtürme und weitere sepulkralen Monumente, zerstört wurden und neue nicht mehr entstanden sind.

Der Zweite Krieg zwischen Rom und Karthago

„Da habe Hamilkar Hannibals Rechte ergriffen, ihn an den Altar geführt und den Schwur tun lassen, niemals ein Freund der Römer zu werden.“

(Polyb. 3,11)

Die Geschichte des „Hannibalischen Krieges“ auf hispanischem Boden im Einzelnen zu erzählen, kann hier unterbleiben. Umfangreich ist auch die wissenschaftliche Literatur zu der sogenannten Kriegsschuldfrage. Karl Christ hat in einem luziden Essay dargestellt, in welchem Maße „die Interdependenz des historischen Urteils mit Gegenwartskonstellationen“ auch noch das heutige Urteil der Forschung prägt (1972, 3 ff.). Das war bereits in der Antike so. Polybios, unsere Hauptquelle, schrieb als Parteigänger der Scipionen eindeutig als Freund Roms und lässt seine Leser dies spüren. Gleichwohl hat es nicht den Anschein, als habe er falsch berichtet. Eine in den 1950er- und -60er-Jahren heftig geführte Kontroverse um das Verständnis von Polyb. 3,15,5 beruht auf einer unnötigen Überinterpretation dieses sehr komprimierten Textes und der Verquickung zweier inhaltlich nicht notwendig verbundener Aussagen. Die römische Gesandtschaft, die 220/​219 v. Chr. in Qrt Hadašt erschien, um die Lage zu erkunden, verlangte, Polybios zufolge, von Hannibal, „sich von Saguntum fernzuhalten, denn die Stadt stehe unter (römischem) Schutz“. Sie forderte ferner, „gemäß der mit Hasdrubal getroffenen Vereinbarung den Iberus nicht zu überschreiten.“ In moderne Diplomatensprache übersetzt bedeutet das: Bewahrung des status quo und Respektierung älterer römischer Verpflichtungen durch Karthago. Dass Hannibal kurz darauf im Frühjahr 219 v. Chr. Saguntum angriff und nach monatelanger Belagerung einnahm, dürfte mehr mit innerhispanischen Problemen zu tun haben als mit der Absicht, Rom zu provozieren. [Abb. 12a und 12b]. Die romfreundliche antike Geschichtsschreibung hat aus alledem einen Kriegsgrund fabriziert, welcher, angereichert mit Propaganda-Effekten, wie dem Hass Hannibals auf Rom schon seit Kindertagen und vielem anderem, zur Rechtfertigung der römischen Kriegserklärung an Karthago dient, die Polybios eindrucksvoll geschildert hat (3, 33). Die nicht unwichtige Frage nach der wirklichen Natur der römisch-saguntinischen Beziehungen, vor allem nach deren wahrem Alter hat Werner Huss in seiner „Geschichte der Karthager“ (1985) detailliert diskutiert. Ob eine irgendwie geartete vertragliche Beziehung zwischen Rom und Saguntum vor 220 v. Chr. bestanden hatte oder ob diese erst in der Frühphase des Krieges begründet wurde, weil, wie Polybios (3, 15) anmerkt, man daran gedacht hatte, diese Stadt zur Operationsbasis zu machen, muss danach offen bleiben. Klar ist aber, darin ist Huss zuzustimmen, dass „die Römer keinen Grund, der vor den Normen des internationalen Rechts hätte bestehen können, namhaft machen konnten, als sie i. J. 218 in den Krieg eintraten“.

Im Sommer 218 v. Chr. war der Konsul Cn. Cornelius Scipio bei Emporion gelandet und hatte den hispanischen Nordosten bis zum Ebro unter römische Kontrolle gebracht. Zusammen mit seinem Bruder Publius gelang es in den nächsten sieben Jahren, einen großen Teil der hispanischen Ostküste zu gewinnen und eine karthagische Flotte an der Ebro-Mündung zu besiegen. Es gelang auch, eine Anzahl hispanischer Stämme auf die Seite Roms zu ziehen und in wiederholten militärischen Auseinandersetzungen mit den von Hannibal zum Schutz der Halbinsel zurückgelassenen Truppen diese zu binden und Hannibals Nachschub zu blockieren. Als sie jedoch 211 v. Chr. die alles entscheidende Offensive in den Süden – d. h. in das Kerngebiet des punischen Kolonialreichs – begannen, wurden sie in zwei Schlachten geschlagen und fanden den Tod, P. Scipio am oberen Baetis, Cn. Scipio vier Wochen später auf der Flucht in den sicheren Nordosten. Damit war es zunächst mit jedweder römischen Militärpräsenz südlich des Ebro vorbei. Doch schon im Jahre 210 v. Chr. landeten erneut römische Verbände unter dem Befehl des P. Cornelius Scipio, des Sohnes des am Baetis gefallenen P. Scipio, bei Emporion, von wo aus Landheer und Flotte nach Tarraco aufbrachen. Während Hannibal noch in Italien operierte, zog Scipio im Jahre 209 v. Chr. mit Heer und Flotte gegen Qrt Hadašt, das stark befestigte, aber schwach verteidigte Herz des hispanischen Kolonialreiches Karthagos, nahm die Stadt durch Überrumpelung ein und wendete damit dauerhaft das Kriegsglück. Durch geschickte Diplomatie gelang es zudem, einen Großteil der iberischen und hispano-keltischen Verbündeten der Karthager auf die Seite Roms zu ziehen. Im Jahre 208 v. Chr. schlug Scipio Hasdrubal, Hannibals Bruder, bei Baecula, sein Amtskollege Silanus ein karthagisch-hispanisches Aufgebot irgendwo in Mittelhispanien. Im Jahre 207 v. Chr. schließlich siegte Scipio bei Ilipa. Das Ergebnis: Verrat, Abfall und rapider Zerfall der karthagischen Macht in Tarschisch. Während Scipio die Invasion Nordafrikas vorbereitete, wurde auch HaGadir, die alte Bastion der Westphoiniker, verloren, das freilich unter römischen Vorzeichen einer glänzenden Zukunft entgegenging.

Abb. 12 a und b Hannibal-Münze aus Qrt Hadašt – Carthago Nova (Cartagena, Murcia) Doppelschekel der Barkiden in Hispanien, 237 – 209 v. Chr. Silber. Die Vorderseite zeigt den karthagischen Generalissimus wie einen hellenistischen Herrscher, die Rückseite Hannibals Haupt-Kriegswaffe, einen Elefanten.

Exkurs 3

Warum annektierte Rom
die Iberische Halbinsel?

„… um nach siegreicher Beendigung des Krieges gegen die Karthager am Ende den Gedanken der Weltherrschaft zu fassen.“ (Polyb. 3,2)

Angesichts der Bedeutung des Engagements der res publica Romana für das weitere Geschick der Iberischen Halbinsel stellt sich die Frage nach den Gründen für deren Annexion. In der Forschung ist dieses Thema oft und kontrovers diskutiert worden; ein Konsens wurde bis heute nicht erreicht. Die Quellen, zumal die den Siegern nahestehenden, haben die Frage nicht beantwortet. Man ist auf einen Indizienbeweis angewiesen, will man behaupten, der siegreiche römische Feldherr Scipio habe nach 209 v. Chr. überhaupt nicht daran gedacht, die römischen Propaganda-Versprechen von Befreiung und Autonomie für die punisch kontrollierten Gebiete einzuhalten und die Halbinsel zu räumen. Natürlich ist das livianische „mein Gefühl sagt mir, Hispanien wird uns gehören“ des späteren Africanus eine rhetorische Ex-post-Bestätigung, doch gibt es genug Hinweise darauf, was Rom spätestens im Jahre 206 v. Chr. wirklich wollte. Wir haben gesehen, dass es die wachsende Macht Karthagos in Hispanien seit Längerem mit zunehmendem Misstrauen verfolgt hatte. Es mag auch sein, dass Matthias Gelzer Recht hatte mit seiner These „Ohne die Eroberungspolitik der Barkiden in Spanien wären die Römer damals nicht nach Spanien gegangen, und ihr Antrieb war [-] die Sorge um die Sicherheit ihrer res publica“ (1963, 34). Gleichwohl ist das höchstens die halbe Wahrheit: Dass Hamilkar und seine Nachfolger in Hispanien Kompensation für die territorialen Verluste Karthagos im ersten Krieg mit Rom und danach suchten, ging Rom nach dem Völkerrecht nichts an. Auch die Einnahme von Saguntum, das zu Zeiten des völkerrechtlich verbindlichen Lutatius-Vertrags im Jahre 241 v. Chr. anscheinend noch nicht mit Rom verbündet war, kann objektiv nicht als Verstoß gegen vertragliche Abmachungen gewertet werden, und in der Zeit des Ebro-Übergangs mit eindeutig militärischer Zielsetzung – dies nun tatsächlich ein Vertragsbruch – hatte Rom bereits Karthago den Krieg erklärt, der nach Hispanien und Afrika getragen werden sollte. Diese strategische Konzeption gab es bereits vor 218 v. Chr., sie entsprang – in Verbindung mit der Annexion Siziliens und Sardiniens – vermutlich der Absicht, Karthago vollständig aus dem westlichen Mittelmeerraum zu verdrängen und auf Afrika festzulegen.

Der Angriff auf Castulo, die bedeutendste Ibererstadt im Südosten und eng mit Karthago verbündet, im Jahre 217 v. Chr. sollte Karthagos Ressourcen treffen. Die Gründung von Italica am Baetis bereits 206 v. Chr., d. h. an der Hauptader des Verkehrs zwischen den Minengebieten des saltus Castulonensis einerseits, am Hauptzugang zu den Rio Tinto-Minen andererseits, die schon im Jahre 212 v. Chr. aus strategischen Gründen vollzogene Teilung des Landes, die frühe Einrichtung von Garnisonen an geostrategisch und ökonomisch zentralen Plätzen, wie beispielsweise Tarraco (Tarragona), „die Schöpfung der Scipionen“, oder die Bestallung von zwei Magistraten für die beanspruchten Herrschaftsräume citerior und ulterior (im diesseitigen und jenseitigen Hispanien) der Halbinsel – dies und mehr macht deutlich: Spätestens 206 v. Chr. waren die Weichen gestellt. Und warum auch nicht? Der große Krieg war noch nicht vorbei, die res publica war pleite, der Krieg keineswegs beendet und die einsetzenden Geldströme aus den neuen Provinzen kamen mehr als gelegen. Ich glaube, dass der österreichisch-amerikanische Althistoriker Ernst Badian irrt, wenn er insinuiert, Rom habe Hispanien eigentlich gar nicht haben wollen, hingegen einräumt, man habe die Kyrenaika „um sofortiger Gewinne willen“ als Provinz eingerichtet (1980 passim, bes. 59). Der Gelehrte sieht hier eine gänzlich neue Außenpolitik. Ich vermag dem nicht zuzustimmen. Das ist keine neue Außenpolitik, sondern ein durch die Eroberung des mittelmeerischen Ostens gewandeltes Szenario sowie veränderte Mentalitäten durch intensivere Berührung mit dem hellenistischen Raum. Warum neben anderem reine Geldnot Rom nicht schon im Jahre 206 v. Chr. genötigt haben soll, Hispanien zu annketieren, ist nicht einzusehen.

Um es mit den Worten des Wirtschaftshistorikers Jaime Vicens Vives zu sagen: „In the concrete case of Hispania, the first Roman conquest was merely an episode in the Punic War. But once Carthage was defeated and expelled from the country by the treaty of 201, the Romans had no intention of abandoning it“ (1969, 57). H. H. Scullard hat das noch nachdrücklicher formuliert: „Wollte Rom Hannibals und Karthagos Macht in Hispanien eliminieren oder wollte es die Zerstörung Karthagos als Großmacht?“ Die Antwort: „Die militärische Planung Roms im Jahre 218 legt letzteres nahe“ (19732, 41).

Natürlich wäre es eine unzulässige Verkürzung der historischen Realität, wollte man Roms Interesse auf den Gewinn von Edelmetallen reduzieren. Neben den aktuellen geostrategischen und Sicherheits-Überlegungen, die für eine Kontrolle der Halbinsel wenigstens auf Zeit sprachen, macht der gesamte Reichtum des großen Landes seine Attraktivität aus, wie vordem für Karthago so jetzt für Rom und später für Piraten, nordafrikanische Räuberhorden, Germanen und muslimische Mauren, von der industriellen Moderne nicht zu reden. Und natürlich wurde dieser Reichtum vergröbert dargestellt; man berücksichtigte nicht, dass er keineswegs überall vorhanden war und dass es auf der Halbinsel Menschen, Gruppen, ganze Stämme gab, die sich aus Edelmetallen rein gar nichts machten (Appian. Iber. 54). Informationen dieser Art wurde in Rom offenbar keine Bedeutung beigemessen.

Man muss den Wissenschaftsgenerationen, die Roms Zugriff auf die Iberische Halbinsel allein unter den Gesichtspunkten von geostrategischem Selbstschutz und zivilisatorischem Sendungsbewusstsein verstanden wissen wollten, zugute halten, dass ihr Blick nicht selten im Übermaß einseitig-romfreundlich gefärbt war. Spaniens frühneuzeitlicher Griff nach Amerika, Englands Inbesitznahme von Indien, die Ausbeutung des Kongo durch Belgien und manch anderes der Art wurden nicht in Parallele gesetzt zu dem, was am Ende des 3. Jhs. v. Chr. die res publica romana veranlasste, die Iberische Halbinsel unter dem staatsrechtlich legitimierten Begriff provincia als Beute des Krieges mit Karthago peu à peu in Besitz zu nehmen. Wirtschaftliche Beweggründe wurden nur selten als wichtige Motive antiker Imperialismen gesehen und Badian konnte sich in seiner Untersuchung zum römischen Imperialismus noch so sehr bemühen zu beweisen, das Senatsregiment der mittleren Republik sei ökonomisch nicht sonderlich interessiert und keinesfalls gewinnorientiert gewesen. Wenn die res publica zusätzliches Geld brauchte, verschaffte sie es sich. Was Badian missversteht: Ob der Senat als Körperschaft gierig war oder nicht, ist ohne Bedeutung, solange die Magistrate vor allem in den westlichen Provinzen notwendige und mehr als die notwendigen Beitreibungen erledigten. Und was die aristokratische Zurückhaltung in oeconomicis betrifft: Spätestens seit dem hannibalischen Krieg ist das eine fromme Lüge: Schon der ältere Cato war durch seine Freigelassenen an Geldgeschäften beteiligt (Plut. Cato maior 21). Plutarch zählt die Einnahmequellen des Triumvirn Crassus auf, darunter vermutlich hispanische Silberminen, und auch der „edle Brutus“, Caesars Mörder, war nebenher Bankier. Man machte – durchweg anonym – Geschäfte oder ließ Geschäfte machen, Beispiele dafür gibt es genug. Jedenfalls darf aus der Tatsache, dass die hispanischen Provinzen zwischen dem numantinischen- und dem Sertorius-Krieg sowie danach kaum das Interesse der zeitgenössischen Geschichtsschreiber finden, nicht geschlossen werden, die Verhältnisse dort hätten sich – etwa im Vergleich mit dem interessanteren Osten – völlig anders dargestellt. Ich finde keine Gründe dafür, anzunehmen, dass sich gierige, korrupte und skrupellose Promagistrate in Hispanien anders verhalten haben sollten als im Osten, nur weil ihnen dort die Umstände ihr Tun erleichterten. Jedenfalls geht es nicht an, aus Mangel an einschlägigen Nachrichten aus den hispanischen Provinzen voreilige Schlüsse zu ziehen. Wenn E. S. Gruen in seinem glänzenden Essay „Material awards and the drive for Empire“ von 1984 auf eine Reihe von Beispielen dafür verweisen kann, dass die offizielle Senatspolitik im 3. – 2. Jh. v. Chr. im Osten in finanzieller Hinsicht durchaus maßvoll angelegt war, so hat er Recht, doch gibt es zum einen reichlich Gegenbeispiele für das Fehlverhalten Einzelner, zum anderen ist der westmittelmeerische Raum bei Gruen nahezu vollständig außer Ansatz geblieben. Gerade dort, im Barbaricum, tritt der Unterschied zwischen der offiziellen Staatsmoral und dem Fehlverhalten Einzelner offen zutage, vor allem, wenn man die Art und Weise betrachtet, in der sich die Prozesse gegen straffällige Gouverneure – beispielsweise gegen Sulpicius Galba Mitte des 2. Jhs. v. Chr. – gestalteten.

Dieser ganze Komplex, der in der aktuellen Forschung noch immer angestrengt diskutiert wird (s. die vorzügliche Übersicht bei W. V. Harris, Current directions in the study of Roman imperialism, passim), kann uns hier nur so weit beschäftigen, als die Iberische Halbinsel tangiert ist. Ich selbst habe mich mit meinen Vorstellungen seinerzeit in Harris’ großer Untersuchung „War and imperialism in republican Rome 327 – 70 BC“ von 1979 weitgehend wiedergefunden. Harris hat seine früheren Einsichten seither eher noch untermauert und verfeinert. Es fehlt allerdings, wenn ich richtig sehe, die Beobachtung, dass Rom in dieser Hinsicht sehr deutlich zwischen Ost und West, zwischen zivilisierten Räumen und Barbarenland unterschied. Hispaniens Mitte, Norden und Westen waren Barbarenland – danach wurde gehandelt.

Es gibt Forschungsmeinungen, wonach der römische Senat, welcher, wie nicht vergessen werden darf, niemals ein geschlossener Block war, mit der Entscheidung, die Halbinsel zu annektieren, lange gezögert habe, doch das hatte er bei der Einrichtung der Provinzen Sizilien und Sardinien auch – und länger – getan. Keine Zeit hingegen ließ sich der siegreiche Feldherr Scipio. Auch Werner Dahlheims raffiniert-gescheites Bemühen, Roms angeblichen contre coeur-Verbleib aus den aktuellen politischen Umständen im Mittelmeerraum zu erklären (1977, 77 ff.), sticht nicht: Schon in den Jahren 206 und 203/​2 v. Chr. nach dem Präliminarvertrag mit Hannibal oder spätestens nach dem Sieg bei Zama hätte sich die römische Militärmacht von der Iberischen Halbinsel zurückziehen und deren heterogene, konsens-unwillige Völkerschaften risikolos sich selbst überlassen können, sofern sie dies wirklich gewollt hätte. Tatsächlich aber beeilte sich der Sieger mit der Neugründung, Okkupation und Bündnisbindung von Städten bzw. Stämmen in Hispanien. Bereits die ersten strategischen und diplomatischen Maßnahmen Scipios machen deutlich, wie wenig er beabsichtigte, das „befreite“ Land in den politischen Zustand quo ante, ohne Karthago, zu versetzen. Es ist in unserem Zusammenhang nicht von Belang, ob Scipio das gewissermaßen im Alleingang tat oder ob er sich in Rom rückversichert hatte. In jedem Fall konnte er sich der damals führenden Senatsgruppe sicher sein. Vor seiner Abreise zur Konsulatsbewerbung für 205 v. Chr. nach Rom bestellte er L. Marcius und M. Iunius Silanus zur Verwaltung der provincia ulterior bzw. citerior. In den folgenden Jahren hörte der Senat nicht auf, Propraetoren bzw. Prokonsuln mit entsprechender Befehlsgewalt in das vorgeblich befreite Land zu entsenden, zunächst provisorische Stellen, die ab 197 v. Chr. in reguläre umgewandelt wurden. Es verging einige Zeit darüber, bis man in Rom, wo es in diesen Jahren auch anderes zu tun gab, eine definitive Entscheidung traf und eine brauchbare Form gefunden hatte, mit dem neuen Besitz umzugehen. Die offiziellen Begründungen für den Verbleib, sofern solche überhaupt formuliert wurden, haben stets mit Aufständen, Widersetzlichkeiten oder „Verrat“ zu tun. Das sind fast immer veritable petitiones principii. Dahinter steht, wie sich angesichts der hispanischen Beschwerden des Jahres 171 v. Chr. zeigt, fast niemals etwas anderes, als auf der Seite der Einheimischen das zivile und/​oder militärische Einklagen römischer Versprechungen sowie Abgabendruck und Opposition gegenüber einer als Besatzungsmacht auftretenden vorgeblichen „Befreiungsarmee“.

Kaum eine römische Quelle hat das gute Recht dieser Logik akzeptiert: Lediglich Livius, dessen subversive Töne der Forschung nicht immer aufgefallen sind, lässt scheinbar ganz nebenbei den gesunden Menschenverstand in der siegreichen, aber übermäßig lange Zeit auf ihre Besoldung wartenden Armee Scipios zu Wort kommen: „Zuerst“, heißt es im Jahre 206 v. Chr., „gab es nur Gespräche im Geheimen: Wenn es Krieg in der Provinz gebe, wieso denn zwischen friedfertigen Stämmen?“ Und warum, wenn der Krieg gewonnen sei und „die Provinz eingerichtet, warum geht es dann nicht heim nach Italien?“ (28, 24). So konnte man das sehen! Die das angeblich sagten, tragen kuriose Namen: Albius aus Cales und Atrius aus Umbrien: Herr Schwarz und Herr Weiß nicht im Gegensatz zueinander, sondern in Übereinstimmung. Die düpierten Einheimischen dachten und formulierten Ähnliches (Liv. 29,1,22).

Tatsächlich wurde allenthalben mit größter Selbstverständlichkeit der Gewinn des großen und reichen Landes als rechtmäßige Kriegsbeute betrachtet, die es zu verteidigen galt. Vor einigen Jahren hat Badian darüber geklagt, die jüngere Altertumsforschung lege zuviel Gewicht auf sozioökonomische Aspekte der Geschichtsdeutung. Das mag gelegentlich zutreffen, doch wäre die Vernachlässigung dieser Gesichtspunkte ebenso beklagenswert, zumal für den Westen, wo nach römischem Selbstverständnis gegenüber den dort wohnenden ‚Barbaren‘ Verträge, Absprachen, gar menschliche Rücksichten nur beschränkt als bindend oder verpflichtend anzusehen waren und Vertragsbruch jedenfalls nicht als unbedingt strafwürdig galt. Man dachte, wie Badian selbst formuliert, in der Regel gar nicht daran, zugunsten namenloser Barbaren Angehörige der eigenen aristokratischen Schicht strafrechtlich zu belangen. Die Richtigkeit dieser These wird sich vor allem in republikanischer Zeit immer wieder erweisen.

Als die vom „karthagischen Joch“ Befreiten ihre neue Freiheit zu reklamieren beginnen, werden sie, sofern sie nicht klein beigeben, unterworfen: Erst der Nordosten, später der Süden, dann die Mitte und der nördliche Westen. Daraus wurde ein 200 Jahre dauerndes Bemühen, das erst Augustus schlecht und recht abschließen konnte. Bis in spätrepublikanische Zeit verfuhr Rom anderswo ähnlich, wofür Caesars Gallienzugriff beredtes Zeugnis ablegt. Noch Tacitus’ sarkastische Bemerkung „tam diu Germania vincitur, d. h. „so lange schon wird Germanien besiegt“ (Germ. 37,2) macht deutlich, dass sich über Jahrhunderte wenig geändert hatte und vieles sich niemals ändern würde.


Abb. 13 Die Minen von río Tinto (Sevilla) sind von vorgeschichtlicher Zeit bis in die Gegenwart in Gebrauch. Metalle: Kupfer und Silber.

In seinem späten Büchlein „Zöllner und Sünder“ hat Badian wahrscheinlich gemacht, dass das römische System von Steuererhebung und Abgabenpolitik während der mittleren Republik im Großen und Ganzen funktionierte. Wir haben guten Grund zu vermuten, dass die Annexion der Iberischen Halbinsel erheblich dazu beitrug, diesen Zustand zu ändern. Hispanien war nach Sizilien und Sardinien die erste Eroberung, die durch verlässliche Quellen halbwegs befriedigend dokumentiert ist und überdies, alles in allem, die im ökonomischen Sinne reichste Akquisition seit Beginn der römischen Expansion. Mitten im zweiten Krieg mit Karthago war der Kapitalbedarf der res publica gewaltig – welch Wunder also, dass man zugriff. Dass sich im Laufe des 2. Jhs. v. Chr. die gröbsten Scheußlichkeiten in Hispaniens Mitte und Westen jenseits der politisch-militärischen Frontlinie, quasi im Verborgenen des „barbarischen Hinterlandes“, abspielten und lange weitgehend unbeachtet, jedenfalls meist straflos blieben, hatte nicht zuletzt damit zu tun, dass die Verwaltung der neuen Provinzen tatsächlich grundsätzlich funktionierte. Die Verteilung der Kriegsbeute erfolgte nach dem bewährten Schlüssel; vectigal und alle weiteren Abgabe-Erhebungen dürften normal abgewickelt worden sein, was immer das aus der Sicht der Provinzialen bedeutet haben mag. Über das Wirken früher publicani auf der Halbinsel, denen Cato 195 v. Chr. die Minen zu Pacht und Ausbeutung überlassen haben wird, hören wir in den Quellen fast nichts, was durchaus nicht bedeutet, dass sie keinen Schaden angerichtet hätten. P. A. Brunt (1971, 210) nimmt an, dass die hispanischen Minen zu einem späteren Zeitpunkt „passed into private ownership, and that some of the owners were roman capitalists“, wozu der oben gegebene Hinweis auf Silberminen in Crassus’ Besitz passen würde. [Abb. 13]

Dass sich die Dinge nicht problemlos entwickelten, beweist jener bereits erwähnte Vorgang, den Livius (43,2) aus dem Jahre 171 v. Chr. berichtet: Es seien Gesandte verschiedener populi aus beiden hispanischen Provinzen beim römischen Senat vorstellig geworden, die sich zunächst über die Habgier (avaritia) und Anmaßung (superbia) der römischen Beamten beschwert und dann auf Knien gebeten hätten, nicht zuzulassen, dass sie als Verbündete (socii) Roms schlimmer ausgeplündert und geplagt werden sollten als dessen Feinde. Als Antwort erfand der Senat das sogenannte Rekuperatorenverfahren, wonach die Provinzialen je zwei (römische) patroni (Ombudsleute) wählen sollten, die ihre Sache vor Gericht vertreten würden. Daraufhin kam es zu Verfahren wegen Veruntreuung von Geldern, nicht aber zu Verurteilungen. Ein Angeklagter wurde freigesprochen, zwei entzogen sich der Verurteilung durch freiwilliges Exil. Es gab sogar Gerüchte, so Livius, dass die patroni selbst nicht zulassen wollten, dass gegen nobiles ac potentes Anklage erhoben werde. Auch wird sogleich mitgeteilt, wie der zuständige Praetor verhinderte, dass seine Standesgenossen in allzu große Schwierigkeiten gerieten. Weitere Übergriffe der römischen Verwaltung, wie die Festsetzung der Getreidepreise und anderes mehr kamen zur Sprache: Auch hier erhielten die Hispanier positive Bescheide. Man könnte sagen, dass sich der Senat damals in toto durchaus provinzialenfreundlich und um vernünftige Konfliktlösungen besorgt zeigte, dass aber die aristokratische Verhaltensnorm mit Eigennutz und Mangel an common sense allzu oft den Sieg davon trug.

In praxi galt, was C. Gracchus später als Staatsziel formulierte, dass „die Provinzen des römischen Volkes zum Wohl des römischen Volkes ausgebeutet werden sollten“ (Badian 1997, 80; 135 und passim), nur, dass allzu oft das „römische Volk“ keineswegs der begünstigte Teil war. Harris (2006, 123, Anm. 3) mag Recht damit haben, Valerius Maximus (2,8,4) einen Irrtum vorzuwerfen, nichtsdestoweniger ist die Tatsache, dass Triumphe grundsätzlich „für die Erweiterung des Imperiums“ zugesprochen wurden, aussagekräftig genug.

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22 декабря 2023
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9783945751022
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