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Michael Göring
Vor der Wand

Roman

Saga

Die handelnden Personen in »Vor der Wand« sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig. Auch die Handlung des Romans ist mit Ausnahme der historischen Ereignisse erfunden.

Samstag, 10. Oktober 1987
St. Nikolai

Mutter sang wieder einmal falsch. Ob sie das wirklich nicht hörte? Tante Elfi dagegen sang akkurat, jedoch eine Spur zu laut. Georg stand rechts von seiner Mutter, links von ihr beruhigte Bärbel die kleine Tabea, die auf der Kirchenbank saß und ihre Puppe kämmte. Daneben standen Lukas und Thomas. Bärbel war schwanger, im fünften oder sechsten Monat, und man konnte es schon sehen. Das dritte Kind! Dabei war Lukas gerade einmal in der ersten Klasse. Drei Kinder in nur sieben Jahren: nicht zum Aushalten.

»… bis an mein Lebensende

und ewiglich,

ich mag allein nicht gehen,

nicht einen Schritt …«

Die Nikolaikirche war gut besucht, das Mittelschiff nahezu ganz besetzt. Fünfjähriges Seelenamt für Walter Mertens, seinen Vater, an einem Samstagnachmittag um 15 Uhr. Die frühe Nachmittagsmesse war offenbar ganz praktisch für die katholischen Langenheimer. So sicherten sie sich neben dem kirchenfreien Sonntag auch noch einen freien Samstagabend. Georg hatte beim Hineingehen nicht nur die Nachbarn, frühere Kollegen von Vater und Mitglieder des Männergesangvereins in den Bänken entdeckt. Auch viele, die er gar nicht kannte, hatten Mutter, Bärbel und ihm zugenickt. Nun ja, Vater war in der Stadt recht beliebt gewesen, keiner wusste von seinem Geheimnis. Keiner.

Der Organist nahm die Melodie noch einmal auf und spielte ein paar abschließende Akkorde. Die Gemeinde setzte sich. Tabea kletterte mit lautem Glucksen auf Bärbels Schoß. Thomas warf seiner Frau einen besorgten Blick zu, doch die schüttelte nur leicht den Kopf und schob Tabea in Richtung Oberschenkel. Die weise Mutter schont die Frucht, dachte Georg. Thomas war eigentlich ganz in Ordnung, zumindest gab er niemals damit an, schon zweifacher und jetzt bald dreifacher Vater zu sein. Nicht so, wie einige seiner Kollegen am Schiller-Gymnasium, die ihre begeisterte Vaterschaft jedem aufdrängten, der nur ein paar Worte mit ihnen wechselte. »Ach, Sie haben noch kein Kind?« Und dann der Blick voller Mitleid. Unerträglich!

Der Priester, ein junger Vikar im weißen Messgewand mit violetter Stola, sprach leise seinen Text. Georgs Blick wanderte auf das Tafelbild in der Mitte des alten Hochaltars, der an der Wand des Chorraums stand. Er wusste, was er sehen würde, eine Kreuzigungsszene, stark nachgedunkelt, deren Details heute jedoch besonders schwer zu erkennen waren, weil das Herbstlicht an diesem klaren Oktobernachmittag durch die hellen Kirchenfenster in den Altarraum fiel und ihn blendete. Umstrahlt von diesem Licht stand der weiße Vikar zentral in der Mitte des Raumes hinter dem schlichten Altartisch und faltete nun die Hände zum Gebet.

Vor fünf Jahren war die Kirche bis auf den letzten Platz gefüllt. Mutter ganz in schwarz. Norbert Updenschroth war auch damals schon dabei, saß aber noch weit hinten, nicht wie heute in der zweiten Reihe ganz dicht hinter Mutter. »Vater hätte bestimmt nichts gegen Norbert, er würde sich freuen, dass ich nicht mehr alleine bin.« Diesen Satz hatte er vor gut drei Jahren zum ersten Mal gehört, seitdem immer wieder. Im Frühjahr 1984 hatte sich Mutter mit Norbert zusammengetan, schon ein halbes Jahr danach war er zu ihr in die Görresstraße gezogen. Georg fand, dass sich das Elternhaus seither extrem verändert hatte, und kam deswegen noch seltener als zuvor nach Langenheim. Ein Jahr später, im Herbst 1985, war es dann mit Marie auseinandergegangen. »Wir haben zu lange gezögert«, hatte sie gesagt, »irgendetwas hat sich zwischen uns gestellt, irgendein Eisblock, eine Wand.«

Vor fünf Jahren hatte Marie rechts neben ihm gesessen, da wo jetzt Tante Elfi saß. Neben Marie hatte Großmutter Platz genommen und fast den ganzen Trauergottesdienst über geweint. Marie trug den neuen schwarzen Blazer, den sie kurz zuvor für ihren Start beim Gericht gekauft hatte und der ihr sehr gut stand. Sie sang die Trauerlieder mit ihrer schönen Altstimme, traf melodiesicher jeden Ton, jede Nuance. Dann hatte sie plötzlich geweint. Geweint wegen Walters Tod, dem Tod ihres Schwiegervaters, nein, nicht einmal das, dem Tod des Vaters ihres Freundes. Georg hatte vor fünf Jahren nicht weinen können. Keine zwei Wochen zuvor erst hatte er Vaters Geheimnis erfahren und war wie betäubt gewesen. Wenn sich Vaters Zustand damals nach der ersten Chemo nicht so brutal schnell verschlechtert hätte, wären wohl noch ein oder zwei Gespräche möglich gewesen. Aber all das Morphium, das Vater wegen der Metastasen in der Wirbelsäule bekam, hatte es nicht mehr erlaubt. Vater hatte nach seinem Bericht sicherlich Verständnis erwartet, vielleicht Absolution erhofft. Aber das ging nicht, es war einfach nicht möglich. Bei der Trauerfeier vor fünf Jahren hatte Georg diesen Graben zwischen sich und Vater gespürt. Der lag damals unmittelbar vor dem hölzernen Altartisch im Sarg wie ein Opfer, das man dort aufgebahrt hatte. Trauer hatte Georg nicht empfunden. Eigentlich hatte er gar nichts empfunden, außer dass er sich neben Marie ganz wohlfühlte. Dass sie ihm ein paar Tage zuvor von ihren eigenen Problemen erzählt hatte, hatte er da schon wieder verdrängt.

»Herr, ich bin nicht würdig,

dass Du eingehst unter meinem Dach,

aber sprich nur ein Wort,

so wird meine Seele gesund.«

Tante Elfie und Mutter knieten, er kniete nicht. Mutter gab ihm einen Schubs mit ihrem rechten Ellenbogen, aber er blieb stehen. Auch Schwager Thomas stand, immerhin, wer hätte das gedacht. Ob Bärbel ihrem Mann später Vorhaltungen machen würde? Norbert Updenschroth hinter ihm kniete natürlich, stöhnte laut dabei und schob seine gefalteten Hände wie eine Speerspitze gegen Georgs Rücken.

Wenn Marie doch auch jetzt wieder neben ihm stehen würde! Wie damals vor fünf Jahren. Links von Mutter hatte Bärbel mit Thomas und dem kleinen Lukas gesessen, rechts er mit Marie, daneben Großmutter. Perfekt! Zwei Paare, die Mutter in ihrer Trauer flankierten. Wahrscheinlich sagten die Leute, die heute zum Seelenamt gekommen waren, hinterher: »Der Sohn von Frau Mertens war ganz allein da. Er ist immer noch unverheiratet. Dabei hatte er doch damals so eine hübsche Freundin.« Marie hatte in den Monaten nach Vaters Tod immer mal wieder beiläufig von Heirat gesprochen. Er hätte nichts dagegen gehabt, aber es eilte ja nicht. Heute vermisste er Marie, durfte gar nicht länger an sie denken. Der Priester wiederholte zu Georgs Überraschung an dieser Stelle die Worte des Kyrie.

»Herr erbarme Dich,

Christus erbarme Dich,

Herr erbarme Dich.«

Georg murmelte mit, achtete kaum auf die Worte, aber beim dritten »Erbarmen« zuckte er. Miserere mei, das war einmal sein großer Erfolg gewesen, damals in Regensburg, und es war auch sein Ende, sein unrühmliches Ende. Erbarmen! Der Prof hatte ihn getröstet, damals nach dem Konzert in Straßburg. Hatte er Vater jemals getröstet?

Der Priester schaute nach dem letzten »Erbarme Dich« einige Sekunden lang zur Decke und dann auf seine Gemeinde, als wolle er das Erbarmen aus dem Kirchengewölbe hervorlocken und über seine Schäfchen breiten. Jetzt schien es Georg, als würde er sogar direkt auf seine Mutter und auf ihn blicken. Georg fand das unangenehm und schaute zur Seite.

»Selig, die zum Tisch des Herrn geladen sind.«

Mutter stand auf, ging mit Bärbel und Thomas die paar Schritte zum Altar, gefolgt von Tante Elfi. Er blieb sitzen. Er fühlte sich nicht eingeladen. Auch Onkel Hartmut blieb sitzen. Wieder fiel ihm auf, wie jung dieser Priester war, keinesfalls älter als er selbst, wahrscheinlich noch keine dreißig. Was wusste der schon von Erbarmen und Erlösung? Er hätte mal Vaters Bericht lesen sollen, dann hätte er eine Ahnung, was Schuld und Erlösung bedeuten.

Georg hatte Vaters Bericht Mutter nie gezeigt, auch Bärbel nicht. Er hatte Mutter einmal in der Küche beim Abwaschen gefragt, ob sie wüsste, was Vater damals in Italien gemacht hatte. »Das kann nichts Besonderes gewesen sein, Georg. Dein Vater war immer ein anständiger Mann!« Damit hatte sie sich wieder dem Spülbecken zugewandt. Er hatte das Geschirr getrocknet und nichts weiter gesagt.

Wenig später hatte Mutter ihren Norbert gefunden und er seine Marie verloren. Mutter war wieder Lebenspartnerin und dank Bärbel mehrfache Großmutter. Da musste er auch an Feiertagen nicht mehr unbedingt nach Langenheim fahren und konnte in seiner kleinen Wohnung in Rüttenscheid bleiben, allein für sich mit immer mehr Schallplatten.

Tante Elfi kam zurück und ließ sich auf die Kniebank fallen. Wie immer eine Spur zu laut.

Eigentlich hatte er nach Maries Weggang wieder etwas Politik machen wollen, richtige Politik, ganz anders als in den Studienjahren an der Kölner Uni. Da hatten sie Ende der Siebziger im historischen Seminar alle ständig politisiert und irgendwelche linken Thesen verbreitet. Die SPD-Ortsgruppe im Essener Süden hingegen machte recht bodenständige Politik und war ihm anfangs gar nicht so unattraktiv erschienen, aber irgendwie war das nach kurzer Zeit ins Stocken geraten. Dabei hätte ihn Schul- und Bildungspolitik im Stadtrat durchaus gereizt, vielleicht wäre er von dort sogar weiter gekommen, in den Landtag womöglich. Aber diese unsäglichen Sitzungen zur Vorbereitung der Kommunalwahl, diese unerträgliche Selbstgefälligkeit einiger alter »Genossen« und dieser Obergenosse, der von ihm erwartete, ganze Samstage auf dem Rüttenscheider Markt herumzulaufen und die Leute aktiv anzusprechen. Unmöglich! Eigentlich sollte er sein Parteibuch zurückgeben.

»… und gib uns unseren Frieden!«

»Amen.«

Das ist nicht ganz so einfach mit dem Frieden, lieber Herr Vikar, wenn Sie nicht Frieden mit Tod und Friedhof gleichsetzen wollen. Frieden zu Lebzeiten hatte Vater wohl kaum. Der kam erst mit diesem hässlichen Krebstod. Aber er hatte zumindest seine Operettenschlager gehabt, diese sentimentalen Beruhigungsdrogen. Georg hätte jetzt in der Kirche fast laut losgesummt. Was hatte eigentlich er, sein Sohn?

»Der Dich erhält,

wie es Dir selber gefällt,

hast Du nicht dieses verspüret!«

Er hatte keine Lust mehr auf Kirchenlieder. Die ließen ihn an Regensburg denken, jeden Morgen um 7 Uhr 15 Heilige Messe! »Stimmtraining Buben, lauter Stimmtraining!« Er hörte die Stimme des Prof.

Dienstag, 28. September 1982
Blut, dieser ganz besondere Saft

»Professor Nordmann schlägt eine Blutübertragung vor«, hatte seine Mutter am Telefon gesagt, »Walter und du, ihr habt doch beide diese seltene Blutgruppe.« Er hatte am nächsten Tag den Frühzug genommen, zweieinviertel Stunden von Köln nach Langenheim. Ihm schlug ein kühler erster Herbstwind entgegen, als er in Langenheim auf den Bahnsteig trat. Es war Ende September, der Sommer hatte sich verabschiedet. Er würde im Krankenhaus erst einmal um einen Kaffee bitten. Ob eine Blutübertragung überhaupt helfen könnte?

Georg ging den Bahnsteig entlang Richtung Ausgang. Da stand Flöten-Ewald neben der Treppe und flötete laut »Komm Zigan, komm Zigan, spiel mir ein Lied«, eine Hand an der Deichsel seiner Gepäckkarre, die andere an der weißen Gepäckträger-Mütze, die er vor seiner linken Brust hielt. »Selbständiger Dienstmann« stand auf der Mütze. Georg hatte ihm mit dem Kopf gleich zu verstehen gegeben, dass er für seinen Rucksack keine Hilfe brauchte und Ewald hatte mitten im Pfeifen mit trauriger Miene den Blick gesenkt. Doch da rief schon eine ältere Dame zwei Wagen weiter »Gepäckmann, Gepäckmann«. Sofort änderte Flöten-Ewald das Lied und flötete nun »Gern hab ich die Frau’n geküsst« mit dem leichten Vorhalt vor »geküsst«, den auch Vater an dieser Stelle immer so sang. Georg musste lachen. Er stieg die Treppe hinunter und entschied sich gegen eine Taxe. Er würde zum Krankenhaus laufen, den Weg durch den Stadtpark nehmen, den »Grünen Winkel«, an der Lippe entlang. Es war Viertel nach neun, Mutter wusste, dass er direkt ins Krankenhaus kommen würde, wahrscheinlich saß sie schon an Vaters Bett und wartete auf ihn. »Alles wird gut«, hatte sie auch gestern wieder gesagt, »alles wird gut.«

Mutter hatte Anfang letzter Woche angerufen: Dr. Bracke sei sich nicht sicher, Vaters Rückenschmerzen seien doch seltsam beständig. Auch Dr. Wingert, der Orthopäde, hätte sich nicht mehr zu helfen gewusst. Drei Tage später war sie erneut am Telefon, mittags, er war eher zufällig in seiner Wohnung, hatte eigentlich in der Institutsbibliothek arbeiten wollen, als das Telefon klingelte. Zuerst hörte Georg nur ein Schluchzen, dann die Stimme seiner Mutter. »Das Rückenproblem kommt nicht von den Knochen«, sagte sie leise, machte wieder eine Pause und schluchzte erneut, »es rührt von Metastasen her. Krebs ist die Ursache, Georg, Krebs, wahrscheinlich Lungenkrebs.« Mutter weinte, laut und lange. »Ich habe auch schon mit Bärbel gesprochen«, stammelte sie dann, »sie will in wenigen Stunden kommen. Wir müssen abwarten, wir können nichts anderes tun. Es ist Krebs, Georg, Krebs!«

»Das tut mir sehr, sehr leid, Mutter, wahnsinnig leid.« Georg hatte ganz leise gesprochen, er wusste nichts Rechtes zu sagen. Die Nachricht blieb an der Oberfläche, drang nicht zu ihm durch.

»Dabei hatten die Ärzte doch immer gesagt, bei Vater sei etwas mit den Bandscheiben nicht in Ordnung. Und jetzt Krebs, Georg, Krebs! Sie haben auch Metastasen in der Leber entdeckt!« Mutters Stimme erstickte erneut.

»Ärzte können sich irren, Mutter.«

»Professor Nordmann ist zum Glück ganz zuversichtlich.« Das Weinen ebbte ein wenig ab. »Es gibt da eine neue Therapie, Bestrahlung kombiniert mit Chemotherapie, hat er mir erklärt. Er wird für Vater die richtige Mischung zusammenstellen. Aber eins ist ganz klar«, Mutters Stimme wurde auf einmal fest und bestimmt: »Vater darf nichts davon wissen. Für ihn lautet die Diagnose: Rückenbeschwerden, Bandscheibenprobleme, unbekannte Ursache, es kann länger dauern, aber alles wird gut.« Sie ließ Georg noch am Telefon schwören, dass er Vater gegenüber nichts anderes äußern würde. Optimismus sei die wichtigste Waffe gegen die heimtückische Krankheit, das habe auch Professor Nordmann gesagt. Ob er nicht gleich kommen könne, hatte sie noch hinzugefügt. Als er dann tatsächlich letzte Woche, nur einen Tag nach Mutters Anruf, ins Krankenzimmer trat, hatte Vater ihn mit großen Augen angesehen. »Es scheint ja richtig schlecht um mich zu stehen, wenn du an einem Werktag eigens aus Köln zu mir ans Krankenbett kommst.« Vaters Stimme war matt gewesen, ganz anders als sonst, wo er gern mit kräftiger Tenorstimme auch die schlichtesten Sätze mit Melodie und Klang füllte. Sein schwarzes, noch immer volles Haar wirkte stumpf, an den Schläfen war mehr Grau hinzugekommen. Die Haut schien fahl. Aber vielleicht kam das auch nur von der sterilen, nüchtern weißen Atmosphäre des Krankenhauszimmers, die so schnell auf die Patienten abfärbt. Georg war erschrocken. Er bemühte sich, Vater nichts von diesem Schrecken und seiner Unsicherheit spüren zu lassen. »Es wird alles wieder gut, Walter«, hatte Mutter nochmals wiederholt, »Professor Nordmann und der Orthopäde sind sich sicher, es wird alles gut, die kriegen deinen Rücken wieder hin.« Sie hatten nicht weiter über die Krankheit gesprochen. Vater hatte ihn nach dem Stand der Staatsexamensvorbereitung gefragt, nach Marie und seinem Eindruck vom Ende der Regierung Schmidt.

»Verrat, Georg, kein Verlass bei den Sozis, eigentlich schade um den Schmidt.« Hier war Vaters Stimme sogar ein wenig kräftiger geworden, doch plötzlich fuhr er mit der rechten Hand unter seinen Rücken und verzog das Gesicht. Er presste die Lippen aufeinander, kniff die Augenlider zusammen und während er langsam ausatmete, hörte Georg, wie er »diese fürchterlichen Schmerzen« flüsterte.

Mutter nahm seine Hand. »Es wird schon wieder, Walter, alles wird wieder gut.«

Dann hatte Vater noch wissen wollen, was man denn unter Studenten von Helmut Kohl halte. Georg hatte geantwortet, hatte sich selbst bei seinen Antworten zugehört, fand sich sehr brav, war ganz der liebe Sohn, blass und ohne Konturen. Er spürte seine zunehmende Verunsicherung. Sie kroch an ihm hoch. Er wusste plötzlich, dass er mit einem Todgeweihten sprach, und wollte nur schnell raus aus dem Krankenzimmer.

Zehn Minuten später war Bärbel mit Lukas erschienen. Sie hatte gleich nach Schulschluss den Jungen von der Tagesmutter abgeholt und war mit dem Auto von Bielefeld ins Langenheimer Krankenhaus gefahren. Vater freute sich, als er seine Tochter mit dem Enkelkind sah. Seine Augen bewegten sich eine Spur schneller und um seine schmalen Lippen spielte ein Lächeln.

»Die haben mich hier gründlich untersucht, Bärbel. Scheint wirklich ein Bandscheibenproblem zu sein; das werden sie schon hinbekommen.«

Georg biss sich auf die Lippen. Mutter stimmte Vater sofort zu, schaute dann Georg und Bärbel scharf an und behielt sie im Blick. Sie ließ sich dabei nicht einmal durch den kleinen Lukas ablenken, den Bärbel auf ihren Schoß gesetzt hatte. Zum Glück quengelte Lukas jetzt laut und anhaltend und sorgte so dafür, dass der Krankenbesuch kurz ausfiel und Georg und seine Schwester sich schon bald mit dem Jungen auf den Weg ins elterliche Haus in der Görresstraße machten.

»Will Charlotte die Diagnose wirklich vor Vater geheim halten?«, fragte Bärbel, nachdem sie den Wagen gestartet hatte. »Man muss Vater doch aufklären!«

Georg nickte. »Du kennst Mutter doch. Mit schlimmen Nachrichten rückt sie nicht raus, sie will immer alle schonen.«

»Aber Vater hat doch ein Recht darauf, zu wissen, wie es um ihn steht.«

Am gleichen Abend noch hatten Bärbel und er ausführlich mit Mutter gesprochen. Bärbel war vier Jahre älter als er und seit Längerem schon zu einer richtigen Gesprächspartnerin für Mutter geworden, erst recht, nachdem sie vor drei Jahren selbst geheiratet und ein Jahr später Lukas bekommen hatte. Sie war eine gestandene Frau, seit einem halben Jahr wieder im Schuldienst, zwar mit verminderter Stundenzahl, aber immerhin. Sie hatte für Vater und Mutter einen Status in der Familie erreicht, der Georg trotz seiner nunmehr 27 Jahre weiterhin vorenthalten wurde. Doch Charlotte blieb jetzt auch bei Bärbel eisern.

»Vater darf nichts wissen, und wenn, dann ist es ja wohl meine Sache, ihm die Wahrheit über sein Rückenleiden zu sagen!« Sie führte das weiße Taschentuch, das sie bei diesem Gespräch ständig mit ihren Händen geknetet hatte, an ihre Augen, um ein paar Tränen abzuwischen. »Und überhaupt ist ja Krebs nicht gleich ein Todesurteil. Professor Nordmann hat gesagt, es gäbe jetzt eine ganze Menge Möglichkeiten, viele neue Therapien, und eine davon würden sie in der nächsten Woche bei Vater probieren.« Dann hatte Mutter wieder zu weinen begonnen.

Es war Georg übel bei dem Gedanken an dieses verlogene Theaterspiel vor Vater, dennoch hatte er am Ende klein beigegeben: »Wenn du meinst, Charly.« Er sah, wie gut ihr das kumpelhafte »Charly« tat, ihr altes Codewort für Vertrauen und Verständnis. Am nächsten Morgen war er nach Köln zurückgefahren.

Ein tiefes, lautes Hupen schreckte Georg aus seinen Gedanken auf. Er hatte den Stadtpark erreicht und auf der anderen Seite der Lippe schob sich ein feuerroter Schienenbus langsam voran. Der Triebwagen hatte gerade erst den Bahnhof verlassen und noch wenig Fahrt aufgenommen. Im ersten Wagen stand ein kleines drei- oder vierjähriges Mädchen auf dem schmalen Holztischchen am Fenster und zeigte auf die Schwäne, die sich in der Lippe treiben ließen. Er sah von der Seite das Profil der Mutter des Kindes, ihr langes dunkelblondes Haar. Lisa, dachte er, und musste lächeln. Vor zehn Jahren war er manchmal auf dem Weg zum Städtischen Krankenhaus gewesen, in dem Lisa gearbeitet hatte. Im letzten Wagen war ein Fenster heruntergelassen und ein vielleicht zehnjähriger Junge im dunkelgrünen Anorak lehnte sich heraus. Als er auf Georgs Blick traf, lachte er über den Fluss herüber und begann zu winken. Er rief Georg etwas zu, das er jedoch nicht verstand. Georg winkte zurück. Die Herbstferien hatten diese Woche begonnen und wahrscheinlich war der Junge mit seinen Eltern oder Großeltern auf dem Weg nach Münster in den Zoo. Diesen Ausflug mit der Bahn hatte er als kleiner Junge auch so manches Mal gemeinsam mit seiner Großmutter unternommen, damals in den Jahren vor Regensburg. Als der rote Schienenbus mit lautem Hupen und knarzendem Grunzen endlich beschleunigte, sagte Georg die Stationen auf, die der Zug durchfahren würde: Cappel, Liesborn, Wadersloh, Diestedde, Beckum. Er hatte sie noch alle im Kopf. Sein Vater war nie mit ihm im Zug nach Münster gefahren. Wenn sie unterwegs waren, dann im zartgelben DKW mit dem grünen Dach, den Vater erst nach vielen Jahren gegen den neuen Opel Rekord eingetauscht hatte.

Georg sah auf die Kopfweiden, die den Weg am Bahndamm säumten. Man hatte sie kräftig zurückgeschnitten und so saß auf jedem Stamm nur ein hölzerner Knubbel, aus dem einzelne dünne Ästchen mit ihren Blättern ragten. Die Knubbel erschienen Georg wie Fäuste, die die Bäume am Wachsen hinderten. Noch eine gute Viertelstunde würde er bis zum Krankenhaus brauchen. Er wunderte sich, dass dieser Weg so unerwartet viele alte Bilder in ihm hochkommen ließ.

In einer Stunde würde er seinem Vater Blut spenden. Sein Blut für seinen Vater – eine seltsame Vorstellung. Das feierliche »Mein Blut, für Dich vergossen« kam ihm in den Sinn, obwohl er schon seit Jahren nur noch zu Weihnachten in die Heilige Messe ging. Und mit Altar und Opfer hatte eine Blutübertragung ja eigentlich gar nichts zu tun, dachte er. Er würde den Arzt auf jeden Fall heute noch sprechen wollen, um von ihm zu erfahren, wie es um Vater tatsächlich stand und ob eine Blutübertragung bei Krebs überhaupt helfen könne. Georg war skeptisch. Ob Vater immer noch an diese Bandscheibengeschichte glaubte? Er war doch nicht blöd. Jetzt, wo die Blutübertragung anstand, hatte Vater diesen Dr. Nordmann bestimmt schon nach der Wahrheit gefragt.

Georg verließ den Stadtpark am Nordausgang und bog in die von Kastanien gesäumte Straße ein, die zum Städtischen Krankenhaus führte, dessen neu erbautes achtgeschossiges Bettenhaus er schon von Weitem sehen konnte. Es war jetzt Viertel vor zehn. Mit sechzehn hatte er sein Interesse an Vater verloren, als habe jemand eine Leitung gekappt, keine Verbindung mehr. Das Interesse war auch in den Jahren des Studiums nicht wiedergekehrt. Letzten Freitag, als er ihn im Krankenhaus besucht hatte und diese verdammte Unsicherheit spürte, hatte er sich gefragt, ob er ein schlechtes Gewissen haben müsste. Vater hatte ihm als Kind so viel bedeutet, die ganze Singerei mit ihm, dieser Ernst und dieser Spaß, den sie dabei hatten! Doch schon bald nach der Rückkehr aus Regensburg war es nicht mehr dasselbe gewesen. Vater war Anfang des Jahres zweiundsechzig geworden, ein stattlicher Herr, gut einen Meter achtzig groß, noch immer eine Stütze im Tenor des Männergesangvereins Harmonia 98, ein Mann, der Hüte liebte und selten ohne einen in der Stadt anzutreffen war. Nach dem Krieg hatte er in Langenheim Arbeit gefunden als kaufmännischer Angestellter in einem metallverarbeitenden Betrieb, der mit dem Wirtschaftswunder schnell größer geworden war. »Dass ich ursprünglich aus Breslau komme, hört doch schon längst keiner mehr«, hatte er oft gesagt, stolz darauf, seinen schlesischen Dialekt abgelegt zu haben. 1950 hatten die Eltern geheiratet, Charlotte Steinkamp war erst zweiundzwanzig Jahre alt gewesen. 1951 war Bärbel auf die Welt gekommen, 1955 er, der Stammhalter, wie Großmutter ihn gern nannte. Vier Jahre später waren sie aus der Mietwohnung im Norden der Stadt ausgezogen. Vater hatte das geräumige Eckhaus mit großem Garten in der Görresstraße gekauft. Er war zum Prokuristen aufgestiegen und leitete die Handelsabteilung. In der Firma man hielt viel von ihm, was die Familie jedes Jahr zu Weihnachten an der Güte des Cognacs und der Zigarren ablesen konnte, die der Vorstand in die Görresstraße schicken ließ.

Jetzt, nur ein paar hundert Meter vor dem Eingang des Krankenhauses, sah Georg seinen Vater wieder im häuslichen Wohnzimmer. Entspannt lehnte er die linke Hand an das schwarze Klavier und sang »Oh Mädchen, mein Mädchen, wie lieb ich dich!« Er schaute dabei Mutter an, die geschäftig zwischen Küche und Wohnzimmer hin und her lief und ihm liebevolle Blicke zuwarf. Anschließend würde Vater eine Zigarre rauchen, eine dieser dicken mit dem dunklen Blatt. Wenn er allerdings nervös war oder ihn Sorgen quälten, hatte er nur wenig und manchmal gar nicht gesungen. Dann rauchte er Senoussi-Zigaretten. In Georgs Kindheit hatten Gesang und Zigarren überwogen. Nur kurz vor seiner Einschulung, nachdem dieser hagere Mann im Haus erschienen war, hatte Vater monatelang fast nur Zigaretten geraucht. Gut zwei Jahre nach seiner Rückkehr aus Regensburg gab es dann erneut ziemlich häufig Senoussi-Zeiten. Daran war er schuld, er allein. Am Anfang hatten nur ein paar Fragen gestanden, politische Fragen, Fragen an die Geschichte, Fragen an Vater, die Georg mit 16 für entscheidend hielt. Im Sommer 1971 hatten sie sich dann richtig zerstritten. Weihnachten war es zum großen Knall gekommen. Vater hatte ihn vor allen Verwandten einen »arschblöden Pudel« genannt, wissend, dass er damit eine Wunde aufriss. Dabei hatte ihn nicht nur Vaters Verweis auf seinen damals ungeliebten Lockenkopf getroffen, viel stärker noch spürte er die Verachtung, die Vater ihm mit diesen beiden Worten gezeigt hatte. Danach war man sich aus dem Weg gegangen. War Georg daheim, zog er sich auf sein Zimmer zurück.

Georg öffnete die große gläserne Eingangstür des Krankenhauses. Station 8A, Zimmer 802. Es war kurz vor zehn. Neben dem Portal standen zwei Männer in blauen Trainingsanzügen und rauchten. Sie nahmen keine Notiz von ihm. An der Pforte nannte er seinen Namen und sagte, dass er erwartet würde. Die rundliche kleine Frau hinter der Scheibe drehte ihren Kopf Richtung Aufzug: »Das ist die Privatstation vom Professor. Nehmen Sie den Aufzug, junger Mann, 8A ist nämlich ganz oben.«

»Ich war letzte Woche schon mal hier, ich kenne mich aus«, sagte Georg.

Seine Mutter war schon da. Sie nahm ihn in den Arm. Mutter, mittelgroß und schlank, sah aus wie eine Mittvierzigerin, dabei hatten sie im Sommer schon ihren vierundfünfzigsten Geburtstag gefeiert. Beim Haar half sie seit Jahren etwas nach, sodass es blond blieb, aber kaum ein Fältchen trübte Wangen, Mund oder Kinn. Lediglich an den Rändern der Augen, die heute müde blickten, waren welche zu sehen. Mutter hatte die feine Perlenkette angelegt, sie wollte offenbar auch im Krankenhaus Eindruck machen. Die weiße Bluse war wie stets fein gebügelt. Sie trug einen schlichten dunklen Rock. Mutter hatte Georg oft gesagt, wie sehr gepflegtes Aussehen in schwierigen Situationen hilft. Jetzt hatte sie ihm von zu Hause Kaffee mitgebracht, starken Kaffee, schwarz, in der roten Thermoskanne, die früher ihre Ausflüge begleitet hatte. Auf dem weißlackierten Metallnachttisch neben dem Bett des Vaters schien sie Georg fehl am Platz.

Vater wirkte mitgenommen. Die Haut über den Wangen war schlecht rasiert, was Georg gar nicht an ihm kannte. »Wenn du keine Zeit gehabt hättest, hätten die für mich einen Bundeswehrsoldaten besorgt, der auch Blutgruppe A negativ hat«, sagte er zur Begrüßung.

Mutter war irritiert und beeilte sich hinzuzufügen, wie schön es doch sei, dass Georg sich gleich aufgemacht hätte, sodass Vater noch heute frisches Blut von ihm bekäme. Vater grummelte etwas Unverständliches. Ja, vielleicht wäre ein Bundeswehrsoldat besser gewesen, dachte Georg.

Er trank den heißen Kaffee in kleinen Schlucken. Die Augen seines Vaters waren unruhig. »Es wird alles wieder gut«, sagte Mutter, »du brauchst jetzt Kraft für die Bandscheiben-Behandlung und ein bisschen von Georgs Blut.« Das war also ihr offizieller Text: Kraft für die Bandscheiben-Behandlung.

Einige Minuten später saß Georg vor Professor Nordmann in dessen kleinem Sprechzimmer am anderen Ende des Flurs. Der Arzt schüttelte den Kopf. »Ihre Mutter hat Angst vor der Wahrheit, Herr Mertens, doch es ist schon richtig, wenn Sie Ihrem Vater jetzt Mut macht.« Georg schätzte Professor Nordmann zwischen fünfundvierzig und fünfzig. Er war ein mittelgroßer Mann mit Stirnglatze und einer feinen goldenen Brille, über deren oberen Rand er nun zu Georg aufsah. »Die von uns vorgesehene Zytostatika-Therapie, also was man gemeinhin Chemotherapie nennt, hätte bei den jetzigen Blutwerten Ihres Vaters wenig Erfolg. Sie wirkt sofort viel besser, wenn frisches Blut, Ihr Blut, die Versorgung optimal sicherstellt. Dazu brauchen wir Sie.«

»Und wie verantworten Sie, dass mein Vater die Wahrheit über seinen Zustand noch immer nicht kennt?« Georg hatte etwas mehr Schärfe in diese Frage gelegt, als er eigentlich wollte.

»Glauben Sie mir, dieses Versteckspiel passt mir auch nicht, Herr Mertens. Aber schließlich hat mich die Ehefrau des Patienten, seine engste Angehörige, Ihre Mutter, um diese Verschwiegenheit gebeten.« Nordmann machte eine kleine Pause, in der Georg stumm blieb. »Und ich muss Ihnen sagen, der Patient selbst, Ihr Vater, hat weder mich noch meinen Orthopädie-Kollegen bis heute auch nur ein einziges Mal nach der präzisen Diagnose gefragt. Wir können dieses Versteckspiel sofort aufgeben, und ich denke, wir sollten, wir müssen es tun!«

Dann stellte ihm Professor Nordmann ein paar Fragen zu seinem Gesundheitszustand, bat ihn, den rechten Arm frei zu machen, nahm ihm ein wenig Blut ab und maß den Blutdruck. Einige Minuten später führte eine junge, auffallend hübsche Schwester mit langem roten Haar Georg in ein Nebenzimmer, wo eine Liege für ihn bereitstand. »Ziehen Sie doch am besten die Schuhe aus, dann können Sie sich richtig hinlegen. Das ist viel entspannter«, sagte die Schwester. Sie hatte alles vorbereitet, legte eine Staubinde an, desinfizierte die Einstichstelle, nahm die Kanüle und stach zu. Georg sah, wie sein Blut dunkelrot und ein wenig träge in einen Plastikbeutel floss. Die rothaarige Schwester überprüfte noch einmal Puls und Blutdruck. Er hätte gern ein Gespräch mit ihr begonnen, wusste aber nicht worüber. Über Blut, diesen ganz besonderen Saft, wollte er nicht reden.

Während sich der Plastikbeutel langsam füllte, hantierte die Schwester im Hintergrund mit ein paar Glasröhrchen, verließ für einige Minuten den Raum, kam zurück, füllte Formulare aus und schaute immer wieder auf Georg, auf den Schlauch und auf den Beutel. Sie schien zufrieden, lächelte ihn an. Ein schönes Lächeln, dachte Georg, und wirklich wunderbare blaue Augen.

»Alles okay?«

Georg nickte. »Alles prima.«

Nach ungefähr zwanzig Minuten öffnete sie einen Schrank, in dem sich eine silberne Thermoskanne und Plätzchen verbargen, kam zu ihm, drehte an einem Rädchen am Plastikschlauch und entfernte die Kanüle. »500 ml, das war die Vorgabe vom Chef.« Sie lächelte ihn wieder an, war offenbar zufrieden. Georg versuchte beim Kaffee und den Plätzchen mit ihr ins Gespräch zu kommen. Er fand heraus, dass sie in einem der umliegenden Dörfer wohnte, jeden Tag mit der Bahn in die Stadt kam und nun ihren Führerschein machte. Dann brach die Unterhaltung ab. Die Schwester überprüfte noch einmal Georgs Blutdruck, lächelte ihn an und ließ ihn gehen.

Als er ins Zimmer seines Vaters kam, stand der Infusionsständer schon neben dem Bett. Charlotte bestand darauf, dass Georg im bequemen Besucherstuhl Platz nahm und reichte ihm Kaffee aus der roten Thermoskanne. Nach wenigen Minuten kam Professor Nordmann, hängte den mit Georgs Blut gefüllten Schlauch an den Ständer, legte den Zugang, machte die Kreuzprobe und die Bluttransfusion begann. »Sie werden sehen, Herr Mertens, mit dem Blut Ihres Sohnes werden Sie wieder jung.« Mit einem breiten Lächeln verließ Nordmann das Krankenzimmer. Georg starrte auf den Beutel am Haken über dem Bett. Langsam floss das dunkelrote Blut durch den dünnen Plastikschlauch in die Kanüle an Vaters Arm. Vater döste, nahm ihn wahr, wollte aber offensichtlich nicht mit ihm sprechen. Mutter spürte die Anspannung. »Ist das nicht großartig, Walter, dass dein Sohn das für dich …«

»Schon gut«, fuhr Vater ihr über den Mund. Dann schloss er die Augen und Georgs Mutter verstand, dass auch sie jetzt besser schweigen sollte. Ein wenig später kam die rothaarige Schwester, erkundigte sich nach Vaters Befinden und drehte an dem kleinen Rädchen unterhalb des Schlauchs. »Damit’s nicht gar so schnell läuft«, sagte sie. Dann wandte sie sich Georg zu: »Und wie geht’s Ihnen?«

Wieder dieser ungemein freundliche Blick aus den blauen Augen: »Gut, Schwester, sehr gut!«

Nachdem sie mit einem breiten Lächeln und einem aufmunternden, wieder an Vater gerichteten »Wird schon« das Zimmer verlassen hatte, begann Georg leise von der Vorbereitung auf die nun kommenden Prüfungen zu berichten, den ersten Teil des Staatsexamens, was Vater mit »so so« quittierte. Mutter erkundigte sich nach Marie. Dann erstarb das Gespräch. Georg stand auf. »Ich geh dann jetzt in die Stadt.« Er musste seiner Mutter versprechen, in der Stadt etwas Herzhaftes zu essen, dann schloss er leise die Tür.

Im Aufzug stand Professor Nordmann. »Kommen Sie nur«, rief er, als er sah, dass Georg zögerte. Er überragte den Arzt um rund zwanzig Zentimeter. »Hat mein Vater eine Chance?«, fragte er. »Natürlich hat er eine Chance«, antwortete der Arzt und schaute über den Brillenrand zu Georg hinauf. »Als Folge der Krebserkrankung ist es bei Ihrem Vater zu einer Anämie gekommen. Mit Ihrem Blut erhöhen wir jetzt den Hämoglobinwert und bringen seine Abwehr auf höchstes Niveau. Die moderne Chemotherapie und unsere Bestrahlungsmöglichkeiten können viel erreichen, Herr Mertens. Aber«, er senkte seine Stimme, »da sind die Metastasen in der Wirbelsäule und leider auch schon in der Leber. Sie müssen jetzt mit Ihrem Vater sprechen.«

Die Aufzugtür öffnete sich. Sie gingen schweigend den Korridor zur Pforte entlang. Professor Nordmann gab ihm die Hand. Er könne um siebzehn Uhr gern in sein Zimmer auf der Station kommen, dann sei er zurück und habe Zeit, auch für ein persönliches Gespräch. Georg verabschiedete sich.

Er schlug den Weg zur Innenstadt ein. Er hatte Langenheim vor gut fünf Jahren verlassen, gleich nach Beendigung des Zivildienstes. Er konnte das Studium zwar erst zum Wintersemester 1977 beginnen, war jedoch schon im Juli, drei Monate vorher, nach Köln gezogen. Es war eine Flucht gewesen. Dr. Ringbohm hatte sich völlig verrückt aufgeführt. »Sie müssen fort, Sie zerstören eine Ehe, fort, fort von hier. Sie sind 20 und ein unverantwortlicher Kerl, ein Miststück«, dann hatte er am Telefon nur noch vor Wut gestammelt. Ringbohm hatte wenig später seine Mutter zu Hause aufgesucht und sie eingeschüchtert. Als Elsie nicht zur Generalprobe kam, begann man im Chor zu tuscheln. Erst die Frauen aus dem Sopran, dann drehten sich auch die aus dem Alt nach ihm um. Es war unerträglich. Nur eine Woche nach Abschluss des Zivildienstes fuhr Bärbel ihn in ihrem Käfer nach Köln, wo er nah an der Universität ein großes, helles Zimmer zur Untermiete gefunden hatte. Bärbel war neugierig. Was denn dran sei an diesem Gerede?

Vater hatte ihn nicht zur Rede gestellt. Er hatte ihm nur mitgeteilt, er solle ein Konto eröffnen. »Ich werde dir monatlich 650 D-Mark überweisen, davon musst du dann aber auch alles bezahlen. Und eins lass dir gleich gesagt sein: Von Studienabbrechern halte ich nichts. Ich akzeptiere deine Entscheidung, Geschichte zu studieren, denn damit kannst du später wenigstens Studienrat werden. Dass du eine große Sänger-Karriere aus mir unerklärlichen Gründen einfach ausschlägst, musst du vor dir selbst rechtfertigen.« Leiser fügte er hinzu: »Du wirst es noch bereuen, aber du weißt ja immer alles besser.« Kein Handschlag, aber Georg hatte auch nichts erklären müssen.

Es gab ja auch nichts zu erklären. Fast nichts. Er hatte im Januar nach einer überlangen Probe für Haydns »Schöpfung« mit Elsie an einem Tisch gesessen. Sie hatten zwei Bier getrunken, er hatte ihr zugehört. Sie war erst seit Kurzem im Philharmonischen Chor, war vor einem halben Jahr mit ihrem Mann und den drei Kindern aus Stuttgart nach Langenheim gezogen, hatte erst wenige Bekannte, wollte viel wissen und auch gern erzählen. Georg und sie waren schnell beim Du, wie das unter Chorsängern üblich ist. Er mochte ihre zugewandte Art, das Fackeln in ihren blauen Augen, ihr helles, aber niemals aufdringliches Lachen. Auch nach den nächsten Proben gingen sie wie alle Chormitglieder noch auf ein Bier. Um ruhiger reden zu können, hatten Elsie und er sich allerdings bald für ein kleineres Lokal entschieden, abseits der Gaststätten, die die anderen bevorzugten. Anfang Juni, zwei Wochen vor der Aufführung, gab es einige sehr warme, schon fast heiße Tage. Elsie hatte die Kinder für ein paar Tage zu ihrer Mutter ins Rheinland gebracht. Dr. Ringbohm war auf einer Geschäftsreise. Sie genoss sichtlich die freie Zeit. Es war Georgs Idee mit dem mitternächtlichen Schwimmen im Waldsee. Elsie sagte zu seiner Verblüffung zu.

Sie war fünfunddreißig. Ihr halblanges schwarzes Haar betonte das klare Profil ihres fein geschnittenen Gesichts. Sie hatte am See schnell ihr Kleid über den Kopf gezogen, den BH geöffnet, den Slip abgestreift. Der Mond gab ausreichend Licht. Als sie vor ihm ins Wasser lief, folgte Georgs Blick ihrem festen, straffen Po, bis sie ins kalte Wasser des Waldsees eintauchte. Er beeilte sich, zu ihr aufzuschließen. Das Seewasser war viel kälter, als sie erwartet hatten. Als sie aus dem Wasser stiegen, war der romantische Zauber dahin. Georg bot sein Unterhemd an, mit dem sie sich schweigend abtrocknete. Dann standen sie fröstelnd voreinander, nackt in der grauen Nacht.

Sie schaute ihm direkt in die Augen: »Das mit dem Baden ist Unsinn gewesen, Georg, richtiger Unsinn. Ich unterhalte mich gern mit dir, ich mag deine Art, deine Zurückhaltung, dein Zuhören, aber dabei muss es auch bleiben.« Georg sah im Mondlicht Angst in ihren Augen. »Bitte nimm mich jetzt ganz fest in deine Arme, drück mich kräftig und halt mich fest, ganz fest, aber es gibt nur dieses eine Mal.«

Und es gab nur dieses eine Mal. Bei der nächsten Chorprobe hatte sie keine Zeit für ein Bier. Ihr Mann sei zurück, hatte sie ihm zugeraunt. »Irgendwer muss ihm irgendeinen Quatsch erzählt haben. Er wollte mich gar nicht gehen lassen, er dreht irgendwie durch.« Danach war sie nicht mehr im Chor erschienen.

Dr. Ringbohm hatte ihn einige Tage später bei der Zivildienststelle im Altersheim angerufen. »Es gibt nichts zwischen Ihrer Frau und mir«, hatte Georg auf die Anschuldigungen entgegnet und dann aufgelegt.

Jetzt hatte Georg die Lange Straße, die Hauptgeschäftsstraße von Langenheim, erreicht, die vor einigen Jahren zur autofreien Einkaufsstraße erklärt worden war und auf der nur die Stadtbusse die Fußgänger störten. Seit Beginn des Studiums war Georg nur noch an den Feiertagen nach Hause gefahren und hatte auch dann seine Gänge durch die Stadt auf das Notwendigste beschränkt. Das Wenige, das er als Student brauchte, kaufte er in Köln, und seine Mutter sorgte ohnehin jedes Jahr zu Weihnachten für ein neues Hemd und einen neuen Pullover.

Vom Marktplatz ging er an der Marienkirche vorbei hinauf in Richtung Stadttheater. Nach wenigen Minuten hatte er das Café Haase erreicht, ein Pennälercafé, dessen Inhaber, die Familie Haase, zwar oft ein volles Haus, aber wahrscheinlich eher mageren Umsatz hatten. Jetzt in den Herbstferien war wenig Betrieb. Georg fand einen ruhigen Tisch an der Seite. Die Kellnerin brachte ihm die Speisekarte, deren bescheidenes Speisenangebot sich seit der Gymnasialzeit kaum verändert hatte.

Sein Vater würde wahrscheinlich sterben. Doch es wollte ihm nicht gelingen, diesen Gedanken wirklich zu fassen, sich ihm ganz zu widmen. Er ging zu seinem Anorak, in dessen Taschen ein Päckchen Zigaretten steckte, und lief langsam zurück zu seinem Tisch. Er rauchte selten, aber jetzt tat es ihm gut, langsam an der Zigarette zu ziehen, den Rauch zu spüren und zu beobachten, wie er sich im Café verflüchtigte. Ein junger Mann kam mit dem Billardqueue aus dem Seitenzimmer, ging zur Musikbox und wenig später klang Procol Harums »A Whiter Shade of Pale« aus dem Lautsprecher. Doch Georg hörte plötzlich eine ganz andere Musik, ein Stück, von dem er als Kind einmal gedacht hatte, er würde es beherrschen.

Straßburg, St Thomas, Juni 1968
Miserere mei

Der Palestrina war sehr gut gelaufen. Die vollbesetzte Kirche hatte eine sehr feine Akustik für Chormusik, gerade auch in kleiner Besetzung. Auch der Gabrieli hatte schön geklungen, den Monteverdi hingegen hatten sie vor zwei Monaten in Paris besser gebracht. Die Anspannung stieg. Die Generalprobe unter dem Prof war am Vormittag völlig problemlos abgelaufen, fast zu harmonisch, fand Georg. Da war er wie nahezu alle Sänger abergläubisch. In einer Generalprobe musste es mindestens einmal krachen, erst dann konnte die Aufführung tatsächlich gut werden. Aber der Prof war zufrieden gewesen, nickte viel, gab hier und da ein deutlicheres Ritardando vor, machte aus so manchem Piano ein Pianissimo, aber das war es auch schon.

Der Gesualdo klang aus. In der kleinen Pause, die nun folgte, gingen Georg und Wommi, der den zweiten Cantus sang, ein paar Schritte nach vorn, es formten sich leise die Fünfer- und die Vierer-Gruppe, die nun vor den restlichen Chormitgliedern stehen und singen würden. Wie immer in diesem Moment schaute das Publikum gebannt auf die Neupositionierung im Altarraum.

Der Prof hob den Dirigierstab. Vor vier Jahren, kurz vor seinem neunten Geburtstag hatte Georg bei ihm in Regensburg vorgesungen. Es war Vaters Idee gewesen. Er hatte ein halbes Jahr lang mit ihm geübt, Volkslieder, Kirchenlieder, Tonleitern, Intervalle, freies Ton-Ansingen. »Sing mir ein G, Georg, und jetzt darauf ein D, höher Georg, höher, und jetzt eine Terz abwärts.« Als der Prof ihn aufgenommen hatte, hatte Vater gestrahlt und Mutter geweint. »Nach Regensburg, so weit weg!«

Der Prof gab den Einsatz. Die ersten Takte verströmten die ruhige, nachdenkliche Stimmung des Stückes. Sie ließen noch nicht vermuten, was da kommen würde. Wommi, der jetzt links neben ihm stand, und er waren ein eingespieltes Team. Wommi wusste genau, wann er als zweiter Cantus etwas stärker werden oder wo er ganz zurücktreten musste. Sie trauten sich längst zu, dieses Stück auch ohne den Prof aufführen zu können, so präzise war alles einstudiert. Takt 20: Georg sang ein klares glockenhelles C, der Prof nickte. Auch nach den vielen Silben »Incerta et occulta sapientiae tuae manifestasti« kam der Sprung in Takt 44 völlig glatt. Er hatte den Mund geöffnet, weit geöffnet und spürte, wie alle Konzertbesucher in der Kirche auf ihn starrten. Er kannte das. Dreimal musste er den Wahnsinnssprung auf das dreigestrichene C noch wiederholen, das erste Mal nur 20 Takte weiter, als der Viererchor zunächst allein sang und bei seinem langen G alle in der Kirche ahnten, dass der Sprung, dieser gewaltige Sprung wieder anstand. Georg schloss die Augen.

»Du schlüpfst hier in die Rolle all der Menschen, die Schuld auf sich geladen haben, und bittest den Herrn um Vergebung, miserere mei«, hatte ihm der Prof in einer der ersten Proben erklärt. »Solch ein Bittsteller muss einfach wunderschön singen!«

Jetzt kam der letzte Schlag auf dem G, und da war das C, glockenrein, ein Ton direkt aus dem Himmel, wie der Prof in den Proben gern sagte, ein Ton direkt aus der Hölle, wie Wommi immer wieder flüsternd verbesserte. »Et exsultabit lingua mea justitiam«, die vierte und vorletzte Stelle stand an, der Prof nahm Blickkontakt auf, war etwas nicht in Ordnung, nein, alles war prima, öffnen, ganz öffnen, der Ton sitzt oben im Himmel und du bist der Engel, der Todesengel, der für alle bittet, öffnen, den Mund öffnen – aber was war das? Es wurde kein C, es wurde gar kein Ton, es wurde eine Art Schrei, da war plötzlich ein Schrei im Kopf, kein Ton aus dem Himmel, sondern ein krächzender Schrei. Georg fing sich erst beim G, der Prof machte große Augen, starrte ihn an, dirigierte mechanisch weiter, dann kam die Koloratur ganz automatisch und danach das auf zwei Takte gedehnte G. Wommi hatte die ganze Zeit sein zweigestrichenes C gehalten und sang jetzt den Abschluss des Verses zum B hin, während Georg brav sein G hielt. Was würde aus dem fünften und letzten Sprung werden? Das Publikum hatte nach dem verunglückten Ton, dem Schrei, Oh und Ah und Stöhnen hören lassen, war aber jetzt wieder ganz still, vollkommen still. Alle Augen waren auf ihn gerichtet, den ersten Sopran.

Die Fünfergruppe sang den siebzehnten Vers, »Domine, labia mea aperies«, ein paar Sekunden für Georg, um nachzudenken. Wommi war ganz nah an ihn herangerückt, sein rechter Arm berührte Georg, als wolle er ihn beruhigen. Was sollte er jetzt tun? Ansetzen und durch, das war die Regel, wenn etwas schiefgelaufen, aber nicht abgewunken worden war: kurz sammeln, atmen, den nächsten sicheren Ton sehen, andenken, ansingen, alles in wenigen Sekunden, in Teilen von Sekunden. Jetzt hatte er sogar reichlich Zeit, während die Fünfergruppe ihren Part zum Abschluss brachte. Er hatte nicht falsch gesungen, keinen Ton zu hoch, zu niedrig oder zu kurz angesetzt, er hatte – geschrien, statt zu singen, hatte ungeformt irgendeinen Laut von sich gegeben, unkontrolliert, dabei war Singen doch immer Kontrolle, Kontrolle über sich, vom Atmen bis zur Mimik, Kontrolle.

Georg setzte wieder ein: »Benigne, fac, Domine«. Der Prof sah ihn eindringlich an. Jetzt stand der letzte Sprung an, bei »Jerusalem« musste er zum letzten Mal aufs dreigestrichene C, »Je« und öffnen, der nächste Ton kommt von ganz oben, vom Himmel, aber Georg biegt ab, statt der Quart nach oben singt er die Quint nach unten, singt Wommis schlichtes zweigestrichenes C und springt erst beim F wieder in seine Stimme. Er wagt nicht, den Prof anzusehen, schaut auf den Boden. Erst als bei Takt 126 der Schlussvers erklingt, schaut er kurz zum Domkapellmeister auf, dessen Anblick hinter den ersten Tränen verschwimmt.

Das Publikum klatscht wie verrückt. Er weiß, das Klatschen soll ihn trösten, aber es kann ihn nicht trösten. Er verneigt sich gemeinsam mit Wommi, dreimal, viermal. Dann schießen noch mehr Tränen hoch. Der Prof kommt zu ihm. Wommi tritt zur Seite, nun verneigen sich der Prof und er gemeinsam vor dem Publikum, die Tränen rinnen, er schüttelt sich, er kann nicht anders, der Prof fährt ihm mit der Hand durch den Lockenkopf, noch einmal schwillt das Klatschen an.

»Bravo, bravo«, rufen jetzt einige, was ganz ungewöhnlich für ein Kirchenpublikum ist. Der Prof und er gehen zur Seite Richtung Sakristei. »Was war denn, mein Junge?«, flüstert der Prof und gibt ihm sein weißes Taschentuch. Noch mehr Leute rufen laut bravo, bravo und erheben sich von den Kirchenbänken. Georg schnäuzt sich, sie machen kehrt, gehen noch einmal zurück vor den Altar und verbeugen sich erneut.

Dienstag, 28. September 1982
Der Kollaps

Das Café war nur schwach besetzt. Aus einem Nebenraum klangen Geräusche vom Billardtisch. Zwei Jungen waren konzentriert bei der Sache. Georg hörte beständig das Klickklick der Kugeln, ab und zu ein lang gestrecktes mit Schimpfwörtern versetztes Stöhnen oder ein kurzes triumphierendes »Wunderbar«. An einem Tisch am Fenster saßen vier Mädchen, sechzehn- oder siebzehnjährig, vor ihren Colagläsern im Gespräch vertieft. Georg drückte die Zigarette im Aschenbecher aus, bestellte ein Bier und Hühnersuppe.

Hier hatte er sich zu Oberstufenzeiten nachmittags oft mit Roland getroffen. Hier wurde auch die Idee mit Lisa geboren. Georg lächelte. Lisa, was für eine verrückte Idee damals! Aber sie waren ja erst 17 und schmerzlich unerfahren. Roland war nach Georgs Rückkehr aus Regensburg sein bester Freund geworden. Mit ihm war er gemeinsam in den philharmonischen Chor eingetreten, gleich nachdem sich die Stimme nach dem Stimmbruch wieder gefestigt hatte.

Auch jetzt im Café Haase dachte Georg immer wieder an Vater, wie er bleich in diesem Krankenhausbett lag, nicht einmal wissend, welche Krankheit ihn da tatsächlich befallen hatte. Oder tat Vater nur so? Wusste er vielleicht sehr genau, wie schwer seine Krankheit war, und spielte vor Mutter das gleiche Spiel wie sie vor ihm? Er würde mit Vater reden. Ja, er würde ihn aufklären. Er war schließlich sein Sohn. Aber wie redet man mit seinem Vater über den Tod?

Die Kellnerin brachte das Bier und die Hühnersuppe. Georg entdeckte zu seiner Freude, dass in der Suppe schöne große Fleischstücke lagen und sog genüsslich den Dampf ein, der sich aus dem heißen Teller erhob. »Lassen Sie’s sich gut schmecken, junger Mann.«

»Danke!«

Er würde heute Abend mit Marie telefonieren. Sie hatte womöglich ein paar gute Ideen, wie er das Gespräch mit Vater beginnen konnte. Vielleicht sollte er mit der Erinnerung an ihr gemeinsames Singen starten, damals bei der Vorbereitung auf Regensburg. Aber Vaters unerfüllte Hoffnungen in seinen Sohn an den Anfang eines Gesprächs zu setzen, war wahrscheinlich nicht besonders klug.

Georg spürte, wie ihm die heiße Suppe guttat und wie sie das Nachdenken über das zu führende Gespräch ein wenig erleichterte. Allzu ermutigend war Vaters Grummeln heute Mittag ja nicht gerade gewesen. Möglicherweise war es ihm nur peinlich, dass er, sein Sohn, ihm Blut spendete statt eines anonymen Spenders, der Geld dafür bekommen würde und dem er zu nichts verpflichtet wäre. Vielleicht würde Vater das Gespräch an sich ziehen und ihn fragen, was eigentlich damals vor über zehn Jahren so schiefgelaufen war, dass sie so weit auseinander geraten waren. Was würde er darauf antworten? Würde er Vater noch einmal die alten, die ganz alten Fragen stellen?

Die Kellnerin kam zurück. Georg lobte die Suppe und bestellte ein Kännchen Kaffee. Klickklick, oh, neeeiiin, klickklickklick, tönte es aus dem Seitenzimmer und von den Mädchen am Nachbartisch schwappte laute Empörung zu ihm herüber. Irgendein Robbie musste es faustdick hinter den Ohren haben. Ob Marie mit siebzehn in Göttingen ebenso mit ihren Freundinnen über Jungen hergezogen war?

Wieder fragte er sich, was wohl der Grund für Maries Ernsthaftigkeit sein könnte. Es war doch alles gut gelaufen. Ihr Examen im Sommer war ein glattes »Gut« geworden, ein Super-Prädikatsexamen. Sie hatte gleich einen Platz im Referendariat bekommen und arbeitete jetzt schon seit vier Wochen am Amtsgericht in Leverkusen. Dennoch war Marie nicht so unbeschwert wie sonst. Gut, sie war immer ein wenig ernster als die meisten anderen Mädchen, sie hatte keine Oberflächlichkeit, aber jetzt war da noch irgendetwas anderes. Er hatte sie vor einer Woche gefragt, ob sie sich Sorgen mache, ob sie etwas bedrücke. Doch sie hatte nur geantwortet, alles sei okay, sie sei halt noch immer ein wenig müde, kein Wunder nach all dem Examens-Stress.

Die Kellnerin brachte den Kaffee und nahm den Suppenteller mit fort. Gleich nach seinem Staatsexamen im Winter wollten sie zusammenziehen. Eine Heirat wäre allerdings noch besser, hatte sie vor drei Monaten einmal gesagt, dann könnte der Staat sie nicht so weit auseinanderreißen, sie für ihr Referendariat irgendwo in der Landesmitte am Amtsgericht und er ganz weit weg an einer Schule an der nordrhein-westfälischen Landesgrenze kurz vor Holland oder Hessen oder Niedersachsen. »Eins nach dem andern«, hatte er geantwortet, ohne weiter darüber nachzudenken.

Seitdem hatten sie nicht wieder über Heirat gesprochen. Er kannte Marie jetzt seit drei Jahren, er liebte sie, sie hatten das Jahr ihrer Trennung, als er in den USA studierte, sehr gut überstanden. Natürlich gab es Impulse von anderen Frauen, mitunter sogar überraschend kräftige, und jedes Mal irritierten sie ihn, aber er wusste, er liebte Marie, und er war sicher, dass sie ihn auch liebte. Jetzt hatte sie ihr Jurastudium abgeschlossen, er selbst stand kurz vor seinem Examen, eigentlich könnten sie tatsächlich in ein paar Monaten heiraten. Heiraten und ein Kind bekommen? Eltern werden? Der Gedanke war nicht ganz neu, aber er verfing nicht. Kinderkriegen war doch noch ganz weit weg, auch wenn er jetzt Marie hörte, wie sie ihm einmal erzählt hatte, sie wolle später mindestens drei, besser noch vier Kinder haben, weil sie sich als Einzelkind immer so allein gefühlt habe. Marie hatte vor einiger Zeit die Pille abgesetzt, seitdem verhüteten sie mit Kondomen. Das war nicht so schön wie sonst, aber er hatte sich daran gewöhnt. ›Und wenn’s jetzt reißen würde?‹, war ihm vor zwei Wochen ganz plötzlich durch den Kopf geschossen. Er hatte mit diesem Gedanken gespielt, während sie miteinander schliefen, und fand ihn ziemlich aufregend, ja, dieser Gedanke hatte ihn an jenem Abend mächtig erregt. Aber wenn er sich jetzt vorstellte, mit Marie darüber zu sprechen, wich alle Begeisterung. Nein, Heirat war nicht das Thema, gerade jetzt nicht, wo Vater starb und Marie irgendeine Sache mit sich herumtrug, die er noch nicht kannte. Dennoch sprach er einmal für sich ganz langsam aus, als probe er für eine Theateraufführung: »Ich möchte dich heiraten und will ein Kind mit dir.« Er war beruhigt: Der Satz klang tatsächlich fremd, sehr fremd.

»Haben Sie mich gerufen? Darf’s noch etwas sein?« Die Kellnerin war an seinen Tisch geeilt.

»Nein, entschuldigen Sie, ich habe wohl vor mich hingesprochen.«

Georg nahm einen Schluck Kaffee. Er sah sich auf einmal mit einem kleinen, vielleicht vier- oder fünfjährigen Jungen an der Hand, und er ging mit ihm durch einen Garten, stand vor einem Teich mit Seerosen darin. Es war der Garten in der Görresstraße, der Junge zeigte auf den Starenkasten, der in der alten hohen Fichte hing, und dann war auf einmal er dieses Kind. Er ging an der Hand seines Vaters durch den Garten und sein Vater sang:

»Ich bin nur ein armer Wandergesell,

gute Nacht, liebes Mädel, gut’ Nacht.

Gar dünn ist mein Wams und gar dick ist mein Fell,

gute Nacht, liebes Mädel, gut’ Nacht.«

Es war seine älteste Erinnerung an den Garten. Vielleicht war es der erste bewusste Gang dort gewesen, damals, kurz nachdem Vater das Haus an der Görresstraße gekauft hatte. Vater hatte leise gesungen, dennoch »mit Ausdruck« und nur für ihn, nicht am Klavier vor einer Tischgesellschaft, sondern für ihn, den fünfjährigen Georg im Garten.

»Und oft da dacht ich,

ich packte das Glück,

doch immer

da zog’s mir die Patschhand zurück,

Da hab ich geweint und gelacht.«

Georg wunderte sich, dass er den Text immer noch im Kopf hatte. »Patschhand«, sagte er auf einmal im Café Haase. Zum Glück hatte ihn niemand gehört.

Er erinnerte sich auch, wie sie einmal im Garten ein Wettrennen gemacht hatten, Vater und er. Er war vielleicht fünf oder sechs, Vater war aus dem Büro direkt durch das kleine Tor in den Garten gekommen. »Wer nach fünf Runden zuerst wieder am Gartentörchen ankommt, hat gewonnen«, und Vater in Anzughose und weißem Hemd lief vor ihm, lief und lachte, machte große Schritte, es war schon die dritte, dann die vierte Runde, da stolperte Vater und fiel auf den Rasen, lag flach, langgestreckt, wie ein Insekt, seine Brille landete einen Meter vom Gesicht entfernt im Beet. Georg stoppte, einen Moment stockte alles, Stille, dann lachte Vater, lachte laut, und Georg lachte mit, konnte sich gar nicht mehr halten vor Lachen, während Vater noch immer neben ihm im Rasen lag, mit der dunklen Hose und dem weißen Hemd, das jetzt dreckig war, und dann drehte sich Vater sogar und fuchtelte mit Armen und Beinen wie ein Maikäfer, der auf den Rücken gefallen ist. So hatte Georg Vater noch nie gesehen, und er musste so sehr lachen, dass er den Urin nicht länger zurückhalten konnte, die Blase leerte sich und es floss warm an seinen Beinen herunter. Da kam Mutter hinzu, ängstlich, weil sie Vater auf dem Rasen liegen sah, und Bärbel erschien mit erstauntem Gesicht. Nun sahen sie, wie Vater und er lachten, einfach nur lachten und wie es unter Georgs kurzer Hose hindurch an seinen Beinen heruntertröpfelte. Da lachten auch Mutter und Bärbel, aber ihm verging das Lachen, er war doch schon fast sechs, kam bald in die Schule, und es war eklig, so eklig, und auch die drei hörten jetzt auf zu lachen. Mutter holte ein Handtuch, trocknete ihn ab und ging mit ihm ins Badezimmer. »Das kann passieren, Georg«, sagte sie und ließ Wasser in die Wanne laufen. Eine Stunde später beim Abendessen machte Vater dann eine hässliche Bemerkung über das Ende ihres Wettlaufs. Jetzt im Café Haase konnte Georg sich nicht mehr ins Gedächtnis rufen, was Vater damals gesagt hatte. Er erinnerte sich nur noch daran, wie er sich am Esstisch unendlich geschämt hatte.

Georg trank den letzten Schluck Kaffee und schaute gedankenverloren auf den Grund der Tasse. Als er am Samstag nach dem ersten kurzen Besuch bei Vater nach Köln zurückgekehrt war, hatte Marie ihn bereits in seiner kleinen Einzimmerwohnung erwartet. Es hatte so unendlich gut getan, sie in den Arm zu nehmen, waren doch noch all die Bilder vom Krankenzimmer in seinem Kopf. Er hatte überlegt, ihr an diesem Wochenende vorzuschlagen, zur Vorbereitung auf sein Examen ab sofort ein oder zwei Wochentage in ihrer Wohnung in Düsseldorf zu lernen. Dann hätten sie während der Woche mehr Zeit miteinander, mehr Alltag. Seine Verpflichtungen als studentische Hilfskraft an der Kölner Uni könnte er auf zwei Tage pro Woche verdichten. Er suchte den passenden Moment für diesen Vorschlag, sah vor seinem geistigen Auge die gewünschte Reaktion, ein breites Lächeln, sich öffnende Arme, aber er war sich nicht ganz sicher.

Am Sonntagmorgen war er nach dem Aufwachen auf ihre Seite des Bettes gekrochen und hatte sie an sich gedrückt. Während er Brust und Bauch an ihren Rücken schmiegte, erzählte ihm Marie ausgiebig von einem älteren Amtsrichter, der immer ganz bedeutsam aufträte und sie am letzten Donnerstag zu einem Abendessen beim Italiener eingeladen hatte, um ihr ein paar wichtige Geheimnisse anzuvertrauen. Diese hatten sich bei der Pasta dann als Banalitäten entpuppt. Beim Tiramisu waren sie endgültig reichlich plumpen Komplimenten gewichen. Es war schön, Maries genüsslicher Beschreibung zuzuhören, und sie hatten beide im Bett über den Amtsrichter gelacht.

Ja, Marie schien endlich unbesorgt und entspannt. Georg liebte es, ihre Wärme zu spüren, er zog ihren Po so eng wie möglich an sich heran, schob seine rechte Hand unter ihr dünnes Nachthemd und legte die Hand auf ihren Bauch, während er mit seinem linken Arm unter ihren Nacken fuhr. Sie waren unter ihrer Bettdecke wie ein einziger Körper. Er hatte gehofft, es würde nun das passieren, was sich schon oft aus einer solchen Aufwachsituation ergeben hatte. Sein Wunsch konnte Marie nun wirklich nicht verborgen bleiben, und er wartete auf ein kleines Zeichen von ihr, vielleicht würde sie sich zu ihm umdrehen und ihm einen Kuss geben, das vertraute Startsignal.

Er würde ihr danach dann vorschlagen, demnächst bei ihr in Düsseldorf zu lernen. Aber es kam kein Zeichen, im Gegenteil, sie schien plötzlich wieder recht angespannt. Als er begann, mit seiner Hand über ihren Bauch zu streicheln und durch leichten Druck sein Begehren zu verdeutlichen, sagte sie nur: »Bitte heute Morgen nicht, Georg, mir ist nicht danach.« Den ganzen Vormittag über war er nervös, auch ein wenig verärgert. Erst am Nachmittag, als sie ihn zum »Mittagsschlaf« einlud, wurde er lockerer. Er nahm sich sogleich vor, die Zeit danach für die Eröffnung seines Planes zu nutzen, aber es lag ein Schatten auf ihrem Beisammensein und Georg blieb nicht verborgen, dass Marie nur ihm zuliebe in den Mittagsschlaf eingewilligt hatte. Als sie danach ganz ruhig nebeneinander lagen, spürte er, dass es wieder einmal nicht der richtige Moment für Vorschläge war. Er blieb stumm und war am Ende eingeschlummert.

»Noch etwas zu trinken, junger Mann, ein Bier vielleicht?«, fragte die Kellnerin. »Lieber noch einen ordentlichen Kaffee«, erwiderte Georg und unterstrich seinen Wunsch mit einem Lächeln. Er ärgerte sich darüber, bis heute nicht den Mut aufgebracht zu haben, Marie um eine Erklärung zu bitten. Da war doch etwas, das spürte er seit drei Wochen! Hatte sie Zweifel? War sie in jemand anderen verliebt? Aber jetzt war er in Langenheim und die nächsten Tage würde sein Vater im Mittelpunkt stehen. Da würde es nur abends längere Telefongespräche mit Marie geben, nach neun, wenn es billiger war und sie ausführlicher reden konnten. Vielleicht sollte er ihr einen Brief schreiben?

Die Kellnerin brachte den Kaffee. Die Mädchen am Tisch am Fenster baten um die Rechnung. Aus dem Nachbarzimmer klang das Klickklick der Billardkugeln.

»Möchten Sie ein Stück Kuchen zum Kaffee? Sie sind doch der junge Herr Mertens, nicht wahr?« Frau Haase stand vor ihm mit einem Teller, auf dem ein Stück Käsekuchen lag. »Ich habe Sie gleich an Ihrem blonden Lockenkopf erkannt. Sie haben sich kaum verändert. Der Käsekuchen geht auf’s Haus. Sie sind so still heute, so ganz für sich, ist was mit Ihnen?«

Er nahm den Kuchen und erzählte ihr, dass sein Vater im Krankenhaus liege und man nicht wisse, wie es ausgehen wird. »Ja, dann ist mir alles klar«, sagte Frau Haase teilnahmsvoll und dehnte wie früher die Vokale. »Gute Besserung für Ihren Vater und schön auch, dass Sie mal wieder bei uns vorbeigeschaut haben!« Frau Haase verschwand in der Küche. Georg beeilte sich mit dem Kuchen, trank den Kaffee und zahlte. Er hatte viel zu lange im Café Haase gesessen.

Es war kurz nach fünf, als Georg in Professor Nordmanns kleinem Sprechzimmer im achten Stock Platz nahm. Er hatte sich sehr beeilt und ärgerte sich, als der Arzt ihm schon beim Hineinbitten sagte, dass er leider nur wenig Zeit hätte. »Es ist ein kleinzelliger Krebs, Herr Mertens, der leider schnell streut und sich gern ausbreitet.« Nordmann füllte Kaffee in die beiden Tassen, die seine Sekretärin bereitgestellt hatte. Seinen großen ledernen Schreibtischstuhl hatte er schon zuvor weit hochgefahren. Jetzt sah er auf Georg herab, der auf einem schlichten Holzstuhl vor dem weißen Schreibtisch des Chefarztes saß.

»Ich hab es Ihrer Mutter schon gesagt, vermutlich ein Bronchialkarzinom, also Lungenkrebs. Wir haben jedoch den Primärtumor bisher nicht finden können. Das kommt leider immer wieder vor, ein metastasierendes Tumorleiden mit unbekanntem Primärtumor. Da kann man chirurgisch, also operativ nichts tun.« Georg nickte.

»Und die Blutübertragung heute Morgen?«

»Die Blutübertragung ist in solchen Fällen wichtig. Wie ich Ihnen schon sagte, wir kriegen sonst den Hämoglobinwert nicht in die Höhe. Morgen um neun will ich bei Ihrem Vater mit der Therapie beginnen, da nutzen wir die Wirkung des frischen Blutes, Ihres Blutes, das Sie gespendet haben. Das hilft Ihrem Vater sehr, Sie werden es sehen. Allerdings«, hier stockte Professor Nordmann und drehte mehrfach einen silbernen Kugelschreiber mit Daumen und Zeigefinger seiner rechten Hand, »ich möchte noch einmal wiederholen, dass Ihr Vater jetzt wissen muss, wie es um ihn steht. Wahrscheinlich ahnt er längst, dass es keine Bandscheiben-Probleme sind.«

»Ich bin ganz Ihrer Meinung, Professor Nordmann. Meine Schwester und ich mögen dieses Versteckspiel auch nicht.«

»Dann reden Sie mit Ihrer Mutter! Ich möchte nicht nur, ich muss Ihrem Vater erklären, was eine kombinierte Chemo- und Radio-Therapie ist und warum wir sie jetzt beginnen.« In Professor Nordmanns Stimme war ein ärgerlicher Beiklang nicht zu überhören.

»Ich verspreche Ihnen, dass mein Vater über seinen Zustand Bescheid wissen wird, bevor Sie morgen früh mit der Therapie beginnen. Das bin ich meinem Vater schuldig!« Das hatte ein wenig zu kräftig geklungen, dachte Georg, fast markig. Er fand einfach nicht den richtigen Ton mit diesem Chefarzt.

Professor Nordmann nickte. »Gut dass wir das geklärt haben, Herr Mertens.« Er machte eine kleine Pause, legte den Kugelschreiber aus der Hand und griff zu seiner Kaffeetasse. Auch Georg trank von seinem Kaffee. »Ich muss Sie jetzt jedoch um Verständnis bitten, wenn ich mich gleich wieder aufmache. Sie wissen ja, die Patientin mit dem Tumor im Kopf. Mein Kollege will sie morgen früh gleich operieren. Da ist noch einiges für mich zu tun.«

»Eine Frage noch, Professor Nordmann: Wird mein Vater sehr leiden müssen?«

»Das hängt davon ab, wie er auf die Therapie anspricht. Wir werden mit einer leichten Chemotherapie beginnen, vergleichsweise gut verträglich, und sie mit strahlentherapeutischen Maßnahmen koppeln. Wir haben damit gute Erfahrungen gemacht, Herr Mertens. Die Zytostasen, also die Chemotherapien, sind heute nicht mehr so radikal wie noch vor ein paar Jahren. Die Patienten reagieren mit sehr viel weniger Übelkeit. Sie werden das morgen sehen. Seien Sie guten Mutes!« Mit diesem Satz öffnete Professor Nordmann die Zimmertür, führte Georg auf den Flur, schloss sein Zimmer ab, nickte Georg noch einmal aufmunternd zu und ging mit langen Schritten davon. Georg blickte dem Mann im weißen Kittel nach. Kleinzellig, hatte er gesagt, das klang gemein.

Auf Station 8 wurde schon alles für die Nacht vorbereitet. Die rothaarige Schwester kam ihm entgegen, nicht mehr im weißen Schwesternkittel, sondern in einem braunen, engen Cordminirock, dessen Wirkung ihr offenbar bewusst war. Sie lächelte ihn an, drehte sich um und ging zum Fahrstuhl. Im knappen Rock zeichnete sich jede Bewegung ihrer Schritte ab. Erst als sie sich im Fahrstuhl zu ihm umwandte, wurde Georg bewusst, dass er sie nicht aus dem Blick gelassen hatte. Sie lächelte, er schlug die Augen nieder. Marie trug keine Miniröcke, sondern meistens Hosen.

In Vaters Zimmer empfing ihn Mutter mit lautem Vorwurf. Wo er denn gewesen sei, sie habe ihn schon vor Schwäche zusammengebrochen irgendwo in der Stadt liegen sehen, solche Sorgen habe sie sich gemacht. »Lass es gut sein, Charlotte«, sagte Vater mit klarer Stimme, gar nicht mehr elend und krank. Georg sah, dass Vaters Gesicht weniger grau wirkte als am Morgen, auch die Lippen zeigten eine Spur Röte. Seine Mutter hatte ihm die Haare akkurat zur Seite gekämmt.

Vater streckte ihm die Hand entgegen, sagte »danke« und nach einer Weile »für das Blut«.

Damit hatte Georg nicht gerechnet. Auch Charlotte war bei diesem Satz ganz ruhig geworden. Dann strahlte sie, goss Kaffee aus der roten Thermoskanne in eine jener hohen Tassen, die sie von zu Hause mitgebracht hatte, und reichte sie ihm. Während Georg den Kaffee trank, ging sie ans Fenster, wo auf der Fensterbank drei große Blumensträuße in schlichten Vasen steckten. »Hat Vater nicht wunderbare Sträuße bekommen, Georg? Der ist von Schnakel, vom Juniorchef selbst, und der gelbe dort vom alten Schnakel mit handgeschriebener Karte.«

»Ich würde gern ein paar Minuten mit Vater allein sein«, sagte Georg. Das Strahlen in Mutters Gesicht erstarb. »Habt Ihr etwa Geheimnisse vor mir?«, fragte sie und presste sich ein Lachen ab.

»Ja«, sagte sein Vater, trocken und ernst.

Machte ihm die Situation im Krankenzimmer Spaß? Vaters Augen gingen wach von Georg zu Charlotte, sein Blick hatte etwas Herausforderndes. Georg war erleichtert. Das frische Blut wirkte offensichtlich. Sicher wollte Vater jetzt selbst von ihm wissen, was denn die tatsächliche Diagnose sei. Vielleicht würde es daraufhin ein wirklich gutes, ehrliches Gespräch geben, ein Gespräch, wie sie es seit Jahren nicht mehr geführt hatten. Immer nur dieses kurze Gerede, dieser Austausch über das Nötigste, diese Belanglosigkeiten. Seit dem großen Streit damals immer nur dasselbe!

Mutter brabbelte von Undank, schließlich sei sie ja jeden Tag am Bett, aber nun komme Georg und schon solle es ein Männergespräch werden. Sie sprach »Männergespräch« so aus, als sei es etwas Unanständiges.

»Versteh doch«, sagte Vater, »ich möchte Georg endlich von meinem verborgenen Leben als Zuhälter erzählen, da wollen wir dich nicht dabei haben.« Georg musste lächeln. Vater sprach zwar leise, aber war wie ausgewechselt. Als Mutter nah vor Georg stand, zischte sie ihm zu: »Dass du mir nur nichts sagst.«

Georg stellte den Stuhl so ans Fußende des Bettes, dass sein Vater ihn ohne Anstrengung sehen konnte. Sie schauten sich still an. Georg suchte noch seinen ersten Satz, als Vater bereits begann. »Wir haben in den letzten Jahren eher wenig miteinander gesprochen«, Vater räusperte sich, »du bist ja auch immer nur kurz in Langenheim geblieben, und wenn du da warst, hattest du deine Bücher dabei, hast dich mit Roland getroffen oder dein Rad genommen und warst stundenlang unterwegs. Irgendein Bedürfnis nach einem Gespräch gab es wohl nicht. Am Anfang dachte ich, du würdest dich immer noch für diese Ringbohm-Sache schämen.«

Georg war überrascht. Er hatte nicht erwartet, dass Vater das Gespräch an sich ziehen würde, und war erst recht verwundert, dass er dazu die uralte Ringbohm-Geschichte ansprach. Georg war nur auf eine Frage gefasst gewesen. Aber Vater fragte nicht nach der wirklichen Ursache seiner Krankheit, sondern legte eine Leutseligkeit an den Tag, die Georg ihm in dieser Situation nicht mehr zugetraut hatte. »Ich will dir mal die Wahrheit sagen«, Vater senkte die Stimme und flüsterte: »Ich hatte mich gefreut, als ich hörte, du hättest mit der Ringbohm am Waldsee, du weißt schon …« Vater machte eine kleine Pause, »naja, eine verheiratete Frau, drei Kinder, da tut man so etwas eigentlich nicht, aber ich mochte ihren Mann nie, diesen aufgeblasenen Herrn Doktor, und irgendwie war ich sogar erleichtert. Ich hatte mir schon Gedanken gemacht, wir hatten immer nur diese braven Mädchen, mit denen du Musik machtest, zu Gesicht bekommen mit ihren Geigen und Bratschen.« Vater stockte. »Und dann die Ringbohm, eine wirklich aparte Frau, eine Sauerei, sie zu verführen, aber dennoch, gratuliere. Mein Sohn, das sah ich, hatte Geschmack, auch wenn sie ja einiges älter war als du. Und er, dieser Herr Doktor Ringbohm, kommt zu Charlotte und beschimpft sie wegen deiner amourösen Abenteuer! Dieser Idiot!«

»Vater, es war gar nicht so, wie du denkst, es war nur …«, warf Georg ein, war sich aber gar nicht sicher, ob er jetzt sehr viel Energie investieren sollte, um seinem Vater zu erklären, was am Waldsee geschehen war.

»Du wärst damals nicht Hals über Kopf nach Köln abgehauen«, sagte sein Vater, »Monate, bevor dein Studium begann. Du brauchst dich auch gar nicht zu rechtfertigen für diese Flucht, das ist Jahre her und gehört wohl dazu, wenn man jung ist. Ich war auch mal achtzehn.« Vater hatte früher ein paarmal erzählt, wie er mit siebzehn oder achtzehn einer Freundin in Breslau imponieren wollte und dabei fast ertrunken wäre. Es war an einem See gewesen, irgendwo in Schlesien, der breiter war, als Vater gedacht hatte, aber er hatte dem Mädchen versprochen, er könne den ganzen See durchschwimmen. Hoffentlich würde Vater jetzt nicht diese uralte Geschichte ausgraben.

»Als ich 1939 nach Berlin kam, war ich noch keine zwanzig. Da kam zwar der Krieg, aber die Mädchen machten dennoch große Augen, wenn ich abends sang.« Vater lachte. Er wollte offenbar auf gar keinen Fall über seine Krankheit sprechen. Georg spürte, wie er anfing zu schwitzen. Wie konnte er das Gespräch auf das eigentliche Thema bringen? Sollte er Vater zwingen? Hinzu kam jetzt, dass das Bier im Haase und vor allem der viele Kaffee schon seit einigen Minuten einen kräftigen Druck ausübten und er Vater eigentlich kurz allein lassen müsste. Aber wäre es ratsam, das Gespräch in dieser Situation zu unterbrechen?

Vater erzählte von der braunhaarigen Paula, einer Berliner Fabrikantentochter, die ein eigenes Cabrio besaß, mit dem sie am Wochenende zu den Seen hinausgefahren seien. Dass sie eine ganze Gruppe waren, die sich am Müggelsee einsame Stellen suchte, wo man nackt baden konnte. Dass an fast jedem Wochenende irgendwo gesungen und getanzt wurde, bis dann der Krieg alles überschattete. Paula habe Anfang 42 Berlin verlassen, ihr Vater hatte sie zu Freunden aufs Land geschickt. In Sicherheit. Er habe sie nie wiedergesehen. Mit Helma, der alten Breslauer Freundin aus Schultagen, sei es dann allerdings enger geworden, aber 1944 sei auch das auseinandergegangen, als sie mit ihrer Mutter in den Schwarzwald ging und in Freiburg zum Arbeitsdienst musste. Und als man ihn im gleichen Jahr dann trotz der Augenprobleme doch noch eingezogen habe, stand keine Frau für ihn am Bahnhof und niemand habe geweint.

»Der Krieg und die Liebe vertragen sich nicht gut, Georg.« Vater schaute ihn direkt an und machte eine Pause.

Merkte Vater nicht, dass jetzt nicht der rechte Ort für solche Plaudereien war? Glaubte er denn wirklich an die Bandscheibengeschichte? In wenigen Minuten würde Mutter ins Krankenzimmer zurückkehren. Es sah nicht so aus, als könne er bis dahin noch den Dreh zum Gespräch über die Krankheit finden. Georg wurde nervös. Er musste jetzt dringend pinkeln. Vater war in seiner Erzählung bei Marianne angelangt, einer jungen Frau in Berlin, die Kontakte nach Babelsberg hatte. Fast hätte es geklappt und Vaters kleines Weddinger Operetten-Ensemble wäre in einem Ufa-Film aufgetreten. Vater war nicht zu bremsen hier im Krankenhaus mit einem kleinzelligen Krebs, der gern streute!

Er sah längst über Georg hinweg, erzählte von der Reise mit der 250er BMW im Frühjahr 1943 an den Königssee, »trotz Krieg«, und hielt nicht einmal inne, als die Tür aufging und Mutter zurückkehrte. Sie sah ihren Mann, aufgeräumt und munter im Bett sitzend, und erkannte schnell, dass das Wesentliche gar nicht zur Sprache gekommen war. Ja, die Fahrt mit dem Motorrad von Berlin nach Berchtesgaden, diese Geschichte habe sie immer so gern gehört, sagte Mutter.

Georg stand auf. Ihm war schlecht. Er würde jetzt verschwinden, nur raus aus diesem Zimmer. Er ging ans Bett und gab seinem Vater die Hand. Georg wurde schwarz vor Augen, er suchte Halt bei Vaters Hand, spürte, wie die Beine wegsackten, hörte noch einen Aufschrei und alles war weg.

Sommer 1971
Camille

Das Gespräch am Stehtisch bei Tchibo erstarb. »Camille«, hauchte Roland. Gerade hatte Volker noch den Mund aufgerissen und Nixon einen Kriegstreiber genannt, der niemals Präsident einer Supermacht hätte werden dürfen. Georg und seine Freunde wussten, dass jetzt Hans-Gerds Erklärung der ewigen Verdammnis der USA folgen würde. Erst vor einer Woche hatte er in Geschichte ein Referat über die Supermacht und den Vietnam-Krieg gehalten, das Dr. Wagner prompt als »antiamerikanisch durchseucht« beurteilt hatte. Doch in dem Augenblick, in dem Hans-Gerd Atem geholt und den Mund geöffnet hatte, kam sie herein.

Die Jungen wurden still. Alle vier schauten sie an. »Camille«, hauchte Roland noch einmal. Da stand sie an der Verkaufstheke, bat um ein Pfund Klassik-Mischung, »oh bitte sehr, für die Kaffeemaschine, fein gemahlen, sehr fein«. Sie sprach mit diesem wunderbaren französischen Akzent, der allein die vier in Hochspannung versetzte.

Camille stammte aus Martinique, war vor fünf Jahren mit ihrem Mann hierher gekommen. Jeder in Langenheim, vor allem jeder Mann ab 15, wusste, wer Camille war, diese schlanke, schwarze, nein schokoladenbraune, wunderhübsche Frau, die Model in Paris gewesen war und noch heute gelegentlich für deutsche und internationale Modezeitschriften arbeitete. Jetzt stand sie keine anderthalb Meter vor Georg, eine mittelgroße Frau, wohl ein Meter siebzig, schätzte er. Er sah ihren langen Hals, den Übergang zum kurzen, äußerst feinen und kraus gedrehten schwarzen Kopfhaar. Sie wartete vor dem Verkaufsstand. Ein leichter, aufregender Duft ging von ihr aus, kein 4711 Kölnisch-Wasser oder Tosca, das Georg von seiner Mutter kannte, sondern etwas ganz anderes, Fremdes.

Die Kaffeebohnen liefen durch die laut scheppernde Mühle. Die Verkäuferin fragte, wie es dem Sohn ginge. »Gut, sehr gut! Paul ist im Kindergarten«, sie sprach den Namen ihres Kindes französisch aus. Da fuhr sie plötzlich mit der rechten Hand nach hinten an ihren Haaransatz, hob einige Male das krause kurze Haar mit ihren Fingerkuppen ein wenig an und ließ anschließend die Finger langsam durch ihr Haar gleiten.

Georg sah ihre schlanke Hand, die langen Finger, den goldenen Ehering und einen weiteren goldenen Ring mit drei glitzernden Steinen an ihrem Mittelfinger, die Fingernägel waren fein lackiert, nicht rot, sondern mit einem durchsichtig schimmernden Lack. Das kurze Haar war widerspenstig, es ließ sich durch die Berührung von Camilles Fingern in keiner Weise glätten oder sonstwie bändigen. Dann glitt ihre Hand langsam an ihrer rechten Wange entlang, fuhr den Hals herab und verschwand aus Georgs Blickfeld. Seine Augen wanderten zu Camilles schwarz-weiß gestreiftem Sommerkleid, das das obere Drittel des Rückens frei ließ.

Es war erst Mitte Juni, schon recht warm, aber nicht heiß, die Langenheimer Frauen trugen um diese Zeit meist noch eine dünne Jacke über dem Kleid, nicht aber Camille. Georg starrte auf ihre dunkle Haut. Sein Blick folgte dem Rücken, das Kleid saß eng, betonte den Po, schlank, keine pralle Kugel, die den Stoff spannte, sondern einfach fest und straff. Er träumte davon, ihn zu berühren.

Dann nahm sie die Packung mit dem fertig gemahlenen Kaffee, steckte das Wechselgeld mit ein paar netten Worten an die Verkäuferin in ihre kleine schwarze Ledertasche, drehte sich zu den Jungen am Stehtisch, lachte sie freundlich an und verließ das Geschäft mit einem fröhlichen und französisch akzentuierten »Auf Wiedersehen«. Die vier schauten ihr nach, ihren feinen weißen Schuhen mit den spitzen Absätzen, ihren langen schlanken Beine, die keine großen Schritte machen konnten, denn knapp über dem Knie begann das eng anliegende Kleid. Als sie aus ihrem Blickfeld verschwunden war, senkten alle vier wie auf Kommando ihre Blicke auf die leeren Kaffeetassen.

»Es hat sich doch gelohnt, die sechste Stunde blau zu machen und statt Reli …«, Roland ließ den Satz unvollendet.

»Glückspilz, dieser Manfred Schümann«, sagte Volker. »Maler müsste man sein, in Paris leben und auf so eine Frau stoßen!«

»Und dann nach Langenheim mit ihr ziehen?«, wandte Georg ein.

»Pourquoi pas? Mit ihr kann man auch in Langenheim glücklich sein.«

Hans-Gerd schien keine Lust mehr auf seine Verdammung der USA zu haben und verließ mit einem »Ich muss jetzt gehen« die Runde. Die drei beschlossen, einen weiteren Kaffee zu trinken, 40 Pfennige waren für jeden noch drin. Aber das Gespräch kam nicht wieder in Gang. Jeder schien seinen Gedanken nachzuhängen, die wahrscheinlich irgendwie um Camille kreisten.

Georgs Eltern waren letztes Jahr bei einem Abendessen gewesen, zu dem Herr Schnakel, Vaters Chef, eingeladen hatte und an dem auch Manfred Schümann mit seiner Frau Camille teilnahm. »Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie elegant diese schwarze Frau ist«, hatte Mutter am nächsten Tag Bärbel und ihm erzählt. »Mit ihrem feinen Schmuck und diesen großen Augen! Bei einer Schwarzen wirken die ja noch viel ausdrucksvoller! Und ihr Mann, dieser Manfred Schümann, ein richtiger Künstler, so mit längerem Haar, aber ein ganz feiner Mann, hat in Rom gelebt und natürlich in Paris, und dann trug er den ganzen Abend so einen cremefarbenen Seidenschal!« Mutter schwärmte. Vater hatte überlegt, ein Bild des Malers zu kaufen, den Vorsatz aber bisher nicht umgesetzt. Vielleicht könnte er ihn daran erinnern. Er würde gern mit ihm ins Atelier des Malers gehen und etwas aussuchen. Da würde es wahrscheinlich jede Menge Bilder von Camille geben, vielleicht auch welche, auf denen sie …

Georg unterbrach den Gedanken. Es würde ihm ja doch nicht gelingen, Vater zu einem Atelierbesuch zu bewegen. Ihm nicht, Bärbel vielleicht. Ein Vorschlag von ihm wäre sinnlos nach diesem Streit mit Vater. Seit Georg das Buch von Peter Weiss gelesen und Vater darauf angesprochen hatte, war es richtig schlimm geworden. Aber jetzt wollte er nicht an diese elenden Streitereien und auch nicht an »Die Ermittlung« denken, jetzt nicht, wo dieses Parfum noch im Raum war und dieses Bild von Camille. Sie hatte Mutter bei dem Abendessen damals erzählt, dass sie gerade von einem anstrengenden Foto-Shooting aus Hamburg zurück sei, und Mutter hatte bei ihrem Bericht am nächsten Tag zugegeben, dass sie gar nicht gewusst hätte, was denn ein Foto-Shooting sei. Auch Georg hatte an jenem Sonntagmorgen begonnen, darüber nachzudenken, sicherlich anders als seine Mutter. Er wusste, dass Manfred Schümann neben seiner Tätigkeit als Maler die Firma Flocke, Langenheims große Strumpf- und Wäschefirma, beriet und in einem großen Haus am Stadtwald wohnte, einem Haus mit Studio. Design, Plakate, Werbeauftritte der Firma, so berichtete Mutter weiter, würden alle über Herrn Schümanns Schreibtisch gehen. Diese Tätigkeit hätte die beiden auch bewogen, sich in Langenheim niederzulassen, aber – so Vater bei dem Bericht am Esstisch voller Anerkennung – »sie haben noch eine Wohnung in Paris, im sechsten Arrondissement.«

Georg hatte bei dem Bericht zu träumen begonnen. Camille, Paris, Foto-Shooting, Models, das klang gut. Er hatte als Sängerknabe zweimal in Paris gesungen, einmal die Matthäus-Passion und einmal die frühen Italiener mit seinem Allegri-Solo. Ihr Probenleiter Gambinger hatte es damals so eingerichtet, dass sie Zeit für eine Bustour durch die Stadt hatten und sogar auf den Eiffelturm hatten steigen können. Schon damals war ihm aufgefallen, wie viele Farbige in Paris lebten. Ganz anders als in Regensburg oder in Langenheim. Ob sich Camille wohlfühlte in Langenheim? Sie war die einzige Farbige in der Stadt. Ein paar italienische Gastarbeiter waren auch recht dunkel, aber nicht farbig. Wie sich diese dunkelbraune Haut wohl anfühlte? Einige sprachen in Langenheim abschätzig von den Itakern, wenn sie die sizilianischen Männer meinten, die bei dem großen Automobilzulieferer arbeiteten. Ob Camille auch jemals abschätzige Bemerkungen gehört hatte? Der Gedanke irritierte ihn, er hoffte, dass dies nie geschehen sei und nie geschehe, und er sah noch einmal ihre lange schlanke Hand, die mit den krausen Haaren spielte.

»Scheiße, ich muss zur Bahn«, sagte Volker plötzlich und hatte es eilig. »Ich mach mich auch auf, Georg«, sagte Roland, »ich hab gleich noch ’ne Tennisstunde.«

Georg trank den Rest Kaffee aus und stellte die Tasse vorsichtig auf das Tablett am Tresenrand. Mit einem undeutlichen »Auf Wiedersehn« verließ er das Geschäft. Es ärgerte ihn, dass für die siebte und achte Stunde noch eine Probe des Schulorchesters angesetzt war. Sie übten für die Feier zum Schuljahresabschluss mit Zeugnisübergabe, die in zwei Wochen anstand. Er hatte seiner Mutter gesagt, dass er nicht vor halb vier zu Hause sein würde, aber er hatte wenig Lust auf die Probe. Der Corelli klang eh schief und das Stück von Biber war langweilig, auch wenn es den Geigen einiges abverlangte. Ein Sextaner würde auf dem Klavier Schumanns Kinderszenen spielen, Andreas Wingert, der bei der gestrigen Probe gezeigt hatte, dass er wirklich talentiert war. Zum Glück hatte Georg noch fast eine halbe Stunde bis zum Probenbeginn um halb zwei. Er nahm darum nicht den direkten Weg zum Gymnasium, sondern entschied sich für den Gang Richtung Nordbahnhof, um dann den Fußweg an der Lippe entlang zu nehmen.

Der Gedanke an einen Besuch im Atelier von Manfred Schümann kam sofort zurück. Er konnte aber doch nicht einfach bei ihm klingeln und sagen, ich bin Georg Mertens, ich möchte gern ihre Bilder ansehen und wollte fragen, ob Ihre Frau auch da ist. Es hieß, Manfred Schümann male nicht immer jugendfrei und auch nicht nur abstrakt. Ob Camille für ihn Modell sitzt? Wenn sie in Modezeitschriften zu sehen war, präsentierte sie meist die jüngste Kollektion des Langenheimer Strumpfherstellers, immer waren ihre langen schlanken Beine im Vordergrund, immer aufregend. Doch der Besuch im Atelier müsste über Vater vermittelt werden, über wen sonst? Warum hatten sie sich in der letzten Zeit nur so zerstritten? Warum reagierte Vater immer so aufbrausend und abwehrend zugleich, sobald das Gespräch auf die Nazizeit kam? Gut, Georg klagte immer gleich an. Aber wie sollte man anders über diese Jahre sprechen. Neutral? Verständnisvoll? Mitfühlend gar? Nein!

Georg hörte das Pfeifen eines Zuges und sah, wie am Ende der Straße in Höhe des Nordbahnhofs die Schranken heruntergelassen wurden. Er blieb stehen. Eine blaue Diesellok schob sich von rechts ins Bild, ein Güterzug passierte den Übergang. Es war ein Güterzug mit Viehwaggons, mit diesen altmodischen gedeckten Wagen aus braun gestrichenem Holz mit großer Schiebetür und kleinem Fensterchen an einer Seite. Vor seinem inneren Auge tauchte auf, wie sie darin schrien, wie sie an die verriegelte Waggontür hämmerten, wie sie hinter dem Fensterchen nach Luft rangen, wie der Gestank der Fäkalien im überfüllten Waggon sie fast ohnmächtig werden ließ. Und eine Hand, die gegen die Tür hämmerte, war braun, schokoladenbraun und schlank, mit einem glitzernden Ring am Mittelfinger, und der Zug fuhr weiter, von Langenheim nach Beckum, nach Münster, nach Buchenwald, nach Maidanek, nach Auschwitz, mit Lili Tofler und den Zeuginnen und Zeugen darin. Er würde an der Rampe halten mit 20 oder 25 Waggons und in jedem Waggon waren 50 Leute und der Zug würde pfeifen, wie dieser jetzt in Langenheim pfiff, und über tausend Menschen gingen an der Rampe entlang, würden sortiert und die meisten würden gleich weiter zu den Schornsteinen geführt. Und da waren Boger und der Gesang von der Schaukel und der Unterscharführer Stark und der Tod. Georg schüttelte den Kopf, er wollte diese Bilder aus seinen Gedanken herausschütteln, diese Szenen, die ihn seit der Lektüre des Buches verfolgten, wann immer eine Lok pfiff, irgendwo ein alter Güterwagen stand oder er wie heute einen Güterzug vorbeifahren sah. Er blieb noch eine Weile stehen, auch als der letzte Waggon den Übergang passiert hatte und die Schranken sich langsam wieder hoben. Wie hatte das geschehen können? Niemand hatte die Züge gestoppt, mit denen Hunderttausende in den Tod transportiert wurden. In Waggons wie diesen da, die er gerade gesehen hatte, gezogen von Lokomotiven, die heute noch fuhren, von Menschen bedient, die heute noch Lokomotiven bedienen, Züge bewegen.

Georg bog nach links auf einen Fußweg ein und setzte sich auf eine der Bänke, die hier den Flusslauf der Lippe säumten. Noch einmal hörte er aus der Ferne den langgezogenen Pfiff des Güterzuges. Dann war es ganz still. Georg streckte die Beine von sich und sah auf das Wasser, auf dem eine Ente mit ihren Jungen ganz ruhig dahin schwamm.

Vor drei Wochen hatte er »Die Ermittlung« gelesen. In der Klasse hatten sie als Gegenwartsroman Heinrich Bölls »Der Zug war pünktlich« besprochen und Dr. Schubert, ihr Deutschlehrer, hatte eher nebenbei ein oder zweimal Peter Weiss’ Drama erwähnt. Als Georg im Regal der Buchhandlung Bärlinghausen das Taschenbuch entdeckte, sah er auf dem Einband, dass der Autor seinem Drama den Untertitel »Oratorium in 11 Gesängen« gegeben hatte und es war eigentlich diese Besonderheit, die ihn zum Kauf des Buches verführt hatte. Warum »Oratorium«? Schon nach wenigen Seiten merkte er, dass dieses Drama sich ganz anders mit dem Dritten Reich auseinandersetzte als die Romane von Heinrich Böll oder Günter Grass’ »Katz und Maus«, das er zuvor gelesen hatte. Er legte »Die Ermittlung« nicht mehr aus der Hand. Nie zuvor hatte er solch einen Einblick in die Nazizeit bekommen. Und es waren Prozessakten, nichts war erfunden. Es war alles schrecklich wahr. So war es gewesen. Zu so etwas sind Menschen fähig. Auch Dr. Schubert hatte ihm nicht erklären können, warum Weiss das Drama ein »Oratorium« genannt hatte.

»Ich will damit nichts mehr zu tun haben, nichts mehr. Ich will kein Deutscher mehr sein, verstehst du, kein Deutscher mehr. Ich gehe in die Schweiz, die waren wenigstens neutral.« Georg stand vor seinem Vater, der kurz vor Beginn der Tagesschau in seinem Sessel Platz genommen hatte und mit der rechten Hand gerade die Zigarrenkiste öffnen wollte.

»Georg, du spinnst ja total!« Vater zeigte ihm einen Vogel.

»Nein, ich spinne überhaupt nicht. Sobald ich das Abi habe, hau ich aus Deutschland ab. Du wirst sehen, ich gehe wirklich in die Schweiz, in die französische Schweiz, und ich werde meinen Namen ändern, nichts Deutsches mehr, Mertens, jeder weiß, das ist Deutschland. Ich hasse dieses Deutschland!« Georg sprach schnell, seine Stimme überschlug sich fast. »Nach dem, was ihr getan habt, kann man doch nicht mehr Deutscher sein!«

Sein Vater nahm die Brille ab und schaute ihn mit großen Augen an. »Das ist doch alles Unsinn!«

»Nein, das ist kein Unsinn, ganz und gar kein Unsinn. Ich weiß, Vater, du schämst dich nicht, Deutscher zu sein, im Gegenteil: ›Steht ein Soldat am Wolgastrand? Ta, tata ta, tata ta ta ta!‹ und ich frage mich oft, ob du wirklich keinen Grund hast, dich zu schämen? Aber du ertränkst ja die ganze Vergangenheit in deinen Operettenarien.« Georg sprach immer schneller. Sein Herz klopfte. »Doch, ich, ich wandere aus, sobald ich mit der Schule fertig bin, geh ich weg aus diesem Land. Und wenn du das nicht willst, dann warte ich eben, bis ich einundzwanzig und volljährig bin. Ich will nicht mehr deutsch sprechen, kein Wort mehr, kein einziges.«

»Das ist doch absolut lächerlich! Seit du dieses komische Buch gelesen hast, wirst du zum Psychopathen!« Vater setzte die Brille wieder auf.

»Psychokranke, das wart doch ihr! Ihr, die ihr diesem Idioten nachgelaufen seid, die ihr Millionen von Juden einfach vergast habt, nur weil Adolf Hitler es euch befahl. Hier kannst du lesen, wie sie es getan haben, wie Ärzte ihre Versuche an lebenden Mädchen vollzogen haben. Ich les es dir vor.« Georg hielt »Die Ermittlung« aufgeschlagen in seiner Hand. Er zitterte, sein Herz schlug schnell, er spürte, wie das Blut vor seinem Kehlkopf pulsierte, und konnte nicht verhindern, dass vor lauter Heftigkeit Tränen in seine Augen stiegen und er gar nicht lesen konnte. Vater stoppte ihn.

»Diese Leute konnten gar nicht anders, Georg, wenn die ihre Pflicht nicht erfüllt hätten, hätte man sie an die Wand gestellt. Davon habt ihr ja keine Ahnung!« Vaters Gesicht lief rot an. Er griff zur Senoussi-Packung neben der Zigarrenkiste. Mutter verließ fluchtartig das Wohnzimmer, »wir haben doch nichts davon gewusst, Georg, rein gar nichts«, und ließ die Tür hinter sich laut ins Schloss fallen.

Georg hatte sich wieder gefangen und las jetzt:

»Wie groß waren die Gruppen der Menschen,

die Sie zur Tötung abzuführen hatten?

Im Durchschnitt 150 bis 200 Stück

Waren Frauen und Kinder darunter

Ja

Fanden Sie es richtig

dass Frauen und Kinder

zu diesen Transporten gehörten

Ja, damals bestand eben

die Sippenhaftung«

Vater sprang aus seinem Sessel auf. »Hör auf, das vorzulesen, ich will das nicht hören! Ich will das in meinem Haus nicht hören!«

Vater lief jetzt im schnellen Schritt durch das Wohnzimmer. Aber Georg setzte nach: »Vater, das waren wehrlose Familienväter, das waren Frauen und Kinder, keine bewaffneten Soldaten der feindlichen Armee, gegen die man kämpfen musste, nein, Männer, Frauen und Kinder, die nur einen ›Fehler‹ hatten, sie waren Juden oder sonstige ›Untermenschen‹.«

»Ich habe dir gesagt, dass ich das nicht hören will, Georg. Ich weiß das, aber ich will es nicht hören!« Vater schrie. »Natürlich war es schrecklich, was da geschah, aber was hätte ein Einzelner ausrichten können? Was hättest du in diesen Jahren getan? Du bist zehn Jahre nach Kriegsende auf die Welt gekommen, du hast in deinen 16 Jahren nur Frieden und Wohlstand erlebt und glaubst, du kannst jetzt richten über all die, die damals ihre Pflicht taten?«

»Vater, sag mir bitte eins: Du warst in der Kriegszeit bei der Reichsbahn, bis auf diese kurze Unterbrechung 1944. Du hattest bei der Bahn eine wichtige Aufgabe, das hast du ein paarmal erwähnt, du warst in der Reichsbahndirektion in Berlin. Hast du gewusst, wer in diesen Zügen war, die da von Berlin nach Auschwitz fuhren? Was hast du gewusst? Was? Sag es mir bitte!«

»Nichts habe ich gewusst, nichts!« Vater schrie wieder. An seinen Augen hinter den Brillengläsern sah Georg, welche Wut er empfand. Die Hand mit der Zigarette zwischen den Fingern zitterte. Dann nahm er einen langen Zug, inhalierte über Sekunden hin. »Ich habe Fahrpläne entworfen, Georg. Ich habe sie optimiert, an ihnen herumgefeilt. Am Schreibtisch. Ich habe solche Züge nie gesehen. Es gab am Ende immer weniger Loks und Rollmaterial. Ganze Strecken fielen wegen Bombenschäden aus. Da war es meine Aufgabe, den Bahnbetrieb trotz alledem irgendwie aufrechtzuerhalten, einen einigermaßen passablen Fahrplan zu gewährleisten. Wir wussten doch gar nicht, dass es KZs gab!«

»Ich kann das nicht glauben, dass ihr alle nichts gewusst habt! Lies dieses Buch, Vater, ihr habt den Menschen die Hölle bereitet.«

»Ich werde den Teufel tun, dieses Buch zu lesen! Und sag nicht noch einmal ›ihr habt‹, dazu hast du kein Recht.« Vaters Stimme war jetzt leise und drohend geworden. Doch dann brach es aus ihm hervor. »Ich habe den Menschen nicht die Hölle bereitet! Ich nicht!« Vater betonte jede Silbe. »Du bereitest mir jetzt die Hölle! Du, mein eigener Sohn!« Mutter riss die Tür auf.

»Ja, schämst du dich denn gar nicht, Georg, deinen Vater so aufzuregen! Das hat dein Vater wirklich nicht verdient.« Sie ging auf Vater zu, der sich an einem Wohnzimmersessel abstützte. »Wie kann der Dr. Schubert dir nur ein Buch empfehlen, das deinen Vater geradewegs zum Herzinfarkt treibt.«

Das war vor einer Woche gewesen. Seitdem waren Vater und er sich aus dem Weg gegangen. Mutter hatte gestern noch einmal ganz ruhig nachgefragt, ob er denn tatsächlich nach dem Abi in die Schweiz auswandern wollte. Er hatte nur genickt.

Die Entenmutter auf der Lippe schwamm mit ihren Jungen nah ans Ufer heran. Sie schnatterte laut und hoffte offenbar auf etwas Essbares für sich und ihre Kleinen. Georg hatte nichts in der Tasche. Nein, es war nicht die Zeit, Vater zu bitten, ein Bild von Schümann zu erwerben und ihn zum Kauf mit ins Atelier zu nehmen. Überhaupt schien Georg plötzlich ein Bilderkauf etwas ganz und gar Unwirkliches zu sein.

Dienstag, 28. September 1982
Die Blamage

Als er aufwachte, lag er auf dem Boden des Krankenzimmers. Jemand hatte ihm ein Kissen unter den Kopf gelegt, eine große hagere Schwester stand vor ihm, hatte seine Beine angehoben und sagte langsam und gedehnt: »Na, wird ja schon, wird ja schon, junger Mann!« Georg hatte eine kleine Platzwunde an seiner rechten Schläfe, etwas Blut lief am Ohr entlang und tropfte auf das helle Linoleum des Zimmerbodens. Seine Mutter nahm ein Tempotaschentuch und tupfte das Blut am Ohr und an der Schläfe weg.

»Er war schon immer ein empfindsames Kind, das wenig von sich herausließ, aber sich immer viel mehr Gedanken machte, als wir glaubten. Georg hatte früher oft Kopfweh, richtig Migräne, müssen Sie wissen. Und jetzt anderthalb Liter Blut, ich hab’s ja gewusst«, jammerte sie.

»Na, Frau Mertens, das wird schon, das wird schon, und es waren auch nur 500 ml, nicht mehr, und nachher gibt der Professor ihm ’ne Aufbauspritze«, sagte die große Hagere und hob Georgs Beine noch weiter in die Höhe. »Sehen Sie, er ist ja schon wieder bei sich!«

Eine zweite, jüngere Schwester kam mit dem Blutdruckmessgerät. Sie reichte ihm ein Glas Wasser. Sie solle schnell drei, vier frische Handtücher holen, sagte die Hagere zu ihr, man müsse dem jungen Mann helfen. Erst jetzt spürte er die Nässe am Unterleib und an den Oberschenkeln. Eine Nässe, die langsam kälter wurde. Er sah den dunklen Fleck vorn an der Hose und an den Hosenbeinen, der größer wurde, und nun roch er den Urin. Wie grässlich, er schloss die Augen. Ihm war elend, wie hatte das nur passieren können? Er würde sich jeden Moment übergeben müssen. Was sollten nur die Schwestern denken und Vater. Es war zum Kotzen! Er ballte die Hände zu Fäusten.

Zwanzig Minuten später saß er im Besuchersessel, ein kleines Pflaster an der Schläfe, ein Glas Wasser in der Hand. Langsam war das Schwindelgefühl gewichen, ein leichtes Unwohlsein blieb. Während er noch vor dem Bett auf dem Boden gelegen hatte, hatte seine Mutter ihm schon die Hose ausgezogen. Fachmännisch, ohne ein Wort zu sprechen, hatten die beiden Schwestern ihm dann zwei große Handtücher über den Unterleib gelegt und ihm beim Abstreifen der völlig durchnässten Unterhose geholfen. Wie peinlich das war. Er musste sich im Liegen waschen, vor dem Bett seines Vaters, denn als er versuchte, sich aufzurichten, kam der Schwindel zurück und Vaters Krankenbett drehte sich. Georg nahm den Waschlappen aus der Hand der Schwester, die ihn mit warmem Wasser getränkt hatte, und säuberte sich. Wie gut, dass die Rothaarige mit dem Minirock keinen Dienst mehr hatte. Wenn die ihn hier so liegen sähe? Dann trocknete er sich ab. Mutter reichte ihm eine Unterhose aus Vaters Schrank. »Frisch gewaschen«, sagte sie, »ganz frisch gewaschen.« Auch das Hemd war unten etwas feucht, die jüngere Schwester half ihm, es auszuziehen. »Das kann passieren, wenn man ohnmächtig wird«, sagte die Ältere, »machen Sie sich da mal keine Gedanken, das kennen wir.«

Nach ein paar Minuten konnte Georg wieder schwindelfrei aufstehen. Mutter hatte aus dem weißen Schrank im Krankenzimmer jetzt auch eine Hose, ein Unterhemd und einen leichten Pulli von Vater hervorgeholt. Damit bekleidet, saß er nun im Sessel. Die Hose war oben zu weit und unten zu kurz, der Pulli, den Mutter vor Jahren für Vater gestrickt hatte, war ihm viel zu breit und die Ärmel nicht lang genug. Georg hatte schon mit fünfzehn seinen Vater um fast zehn Zentimeter überragt, ein Jahr später waren es gut zwölf Zentimeter.

Eine junge Ärztin kam, ein dunkler Bubikopf mit dunkelroten, aber schmalen Lippen und langen schwarzen Wimpern. Sie überprüfte den Puls, maß noch einmal den Blutdruck, fragte, ob er jemals epileptische Anfälle gehabt habe, und schien ganz zufrieden, als Georg dies verneinte und ihr erzählte, dass er an diesem Nachmittag sehr viel Kaffee getrunken und schon seit einiger Zeit starken Harndrang gehabt hätte. Die Ärztin wies die Schwester an, ihm zwanzig Tropfen eines bestimmten Kreislaufmittels zu geben. Von diesem Mittel solle er auch vor dem Zubettgehen und morgen früh je zwanzig Tropfen nehmen. Die Schwester würde in einer Stunde, kurz vor Ende der Besuchszeit, noch einmal Blutdruck und Puls messen. Wenn Georg wolle, würde sie ihn gerne morgen wieder untersuchen, sagte sie, wahrscheinlich habe er aber schon am Abend dieses Schwächegefühl vergessen. Sie sei überhaupt verwundert, denn eine halbe Stunde nach der Blutentnahme habe Georg einen völlig normalen Blutdruck und Puls gehabt, sodass ein Schwächeanfall nicht zu befürchten gewesen wäre. Aber der heftige Kaffeekonsum könne in so angespannten Situationen schon einiges auslösen.

Fünf Minuten später kam die junge Schwester noch einmal zurück, dieses Mal mit einer Tasse Kräutertee und einem kleinen braunen Fläschchen mit den Tropfen für die Nacht und den nächsten Morgen. Sie lächelte ihn freundlich an. Er solle viel Zucker in den Tee tun, damit verabschiedete sie sich.

Vater hatte die ganze Zeit geschwiegen. Erst als sie zu dritt allein im Zimmer waren, wandte er sich Mutter zu und sagte: »Georg hat schon als Kind manchmal das Wasser nicht halten können.«

»Aber Walter«, antwortete seine Mutter, »das gehört doch jetzt nicht hierher, das ist doch heute etwas ganz anderes. Georg hatte einen Kreislaufkollaps!«

Wenige Minuten später kam Bärbel mit dem kleinen Lukas. Georg hatte nicht gewusst, dass auch sie heute kommen würde, sie allerdings schien nicht überrascht, ihn im Krankenhaus anzutreffen. Sicherlich hatte Mutter ihr bereits gestern am Telefon erzählt, dass er da sein würde, um Vater Blut zu spenden. Bärbel wunderte sich, Georg in der Hose und im Pulli ihres Vaters zu sehen. Mutter erzählte schnell, was passiert war, und flüsterte zweimal gut vernehmlich: »Er hat alles unter sich gehen lassen, die Schwestern mussten ihn waschen.« Georg ballte die Hand zur Faust. Ihm war elend. Mutter würde diese Geschichte noch mehrfach erzählen.

Bärbel strich ihm durchs Haar, »poor boy« sagte sie und setzte Lukas, der vergnügt blabberte, auf den Schoß ihrer Mutter.

»Jetzt seid ihr wieder alle hier an meinem Krankenbett wie letzte Woche schon«, sagte Vater, »sieht ja so aus, als würde ich tatsächlich bald sterben.«

»Aber nicht doch, Walter«, sagte Mutter laut, »Bärbel hat doch diese Woche Herbstferien, sie wollte ohnehin kommen. Thomas kommt in zwei Tagen nach, sie machen ein paar Tage Urlaub bei uns, damit ich nicht so allein bin.«

»So, so«, antwortete Vater nur und ließ offen, ob Mutters Erklärung ihn überzeugt habe.

Bärbel widmete sich nun ganz ihrem Vater, rückte ihren Stuhl dicht an sein Bett, berichtete kurz von der Fahrt von Bielefeld nach Langenheim und erzählte von der Schule. Ihr Oberstudiendirektor habe am Freitag angefragt, ob sie im nächsten Jahr eine Klasse als Klassenlehrerin übernehmen wolle. Georg sah und hörte ihren Stolz. Ob das Vater überhaupt interessierte? Ja, Vater hörte ihr zu, aufmerksam, hielt die Augen auf sie gerichtet, während sie erzählte. Wie selbstbewusst Bärbel war und wie sehr sie sich über ihr Lehrerinnen-Dasein freute! Die beiden gingen viel vertrauter miteinander um, als es ihm mit Vater je möglich war. Wie Vater zuhörte, nachfragte, mit Bärbel lachte. Georg spürte, dass er seine Schwester um dieses unangespannte, gleichberechtigte Verhältnis beneidete. Bärbel hatte als Jugendliche ihre Probleme mit Mutter gehabt, vor allem weil Mutter ihr immer vorschreiben wollte, was sie anziehen sollte. Aber zwischen Vater und ihr war die Verbindung immer gut geblieben und nie abgebrochen.

Bärbel hatte nach dem Abitur ihre beiden Lieblingsfächer Deutsch und Englisch zu Studienfächern gemacht. Fünf Jahre später hatte sie ein glänzendes Erstes Staatsexamen in der Tasche und einen Verlobungsring an der linken Hand. Auch die Vorbereitung auf das Zweite Staatsexamen ging zielsicher und ohne jede Aufregung voran. Bärbel war fast einen Meter achtzig groß, hatte blondes, mittellanges Haar, eine tadellos proportionierte Oberweite und offenbar keine Probleme, auch eine Klasse kräftig pubertierender Vierzehnjähriger ruhigzuhalten. Mutter hatte ihm immer wieder von den guten Stundenbewertungen berichtet, die Bärbel bei ihrem Referendariat von den Oberstudienräten und dem Schulleiter einsammelte. Dann hatte Thomas vor drei Jahren beim Weihnachtstreffen plötzlich von Heirat gesprochen. Es war nur gut, dass er, der kleine Bruder, zu diesem Zeitpunkt schon mit Marie zusammen war, sonst hätte ihm diese Ankündigung sicher sehr weh getan.

Jetzt meldete sich Lukas mit leichtem Geweine und heftigen Armbewegungen Richtung Bärbel. Mutter versuchte angestrengt, ihr Enkelkind zu beruhigen, doch Bärbel stand kurz auf und nahm ihren Jungen auf den Schoß. Lukas hörte sofort auf zu weinen. Bärbel berichtete Vater von Thomas’ Idee, in Bielefeld eine Bürgerinitiative zu gründen, um ihre Straße einzuengen und sie zur Spielstraße mit Tempo 30 herunterzustufen.

Georg fühlte sich in der Verkleidung mit Vaters Sachen unwohl. Bärbel schien ihn gar nicht zu beachten. Niemand beachtete ihn, auch Mutter schaute nur auf Bärbel und hörte ihr gespannt zu. Zwischen Bärbel und ihm waren eben doch stets vier Jahre Distanz, wenn die Kluft nicht gar noch größer war. Was wusste er eigentlich von seiner Schwester? Was wusste sie von ihm?

Während Bärbel vom Plan einer Straßenversammlung sprach und Lukas auf ihrem Schoß hin und her schaukelte, überlegte Georg, dass sie größere Vertrautheit und Gemeinsamkeit als Kinder eigentlich nur in den Urlauben erlebt hatten. Das hatte vor allem an den vier Jahren gelegen, die er in Regensburg verbracht hatte und in denen sie sich immer nur in den Ferien trafen oder kurz zu Weihnachten oder Ostern. Jetzt im Krankenzimmer des Vaters sah er sich und Bärbel im Sommer an der Nordsee, in Cuxhaven-Duhnen, in dem kleinen Hotel »Meeresbrandung«. Da hatten sie im Wattenmeer gemeinsam dieses blaugelbe Plastikflugzeug mit den rotierenden Flügeln steigen lassen. Er musste aber auch an einen späteren Urlaub denken, in dem Bärbel nicht mehr gemeinsam mit ihm spielen wollte, sondern nur faul im Strandkorb lag und sich sehr bemühte, einem Sebastian zu gefallen, der zwei Sandburgen weiter mit seinem Bruder in einem Strandkorb saß und auffallend oft zu ihr herüberschaute. Irgendwann hatte dann Bärbel neben diesem Sebastian zwei Sandburgen weiter gelegen und er hatte den Kinder-Strandkorb der Familie Mertens ganz für sich alleine. Langweilig war es gewesen, und er hatte sich schon im Urlaub wieder auf Regensburg gefreut, auf Wommi und die nächsten Chorreisen.

»Hey, Gorgi, wach auf!« Bärbel stand vor ihm und lachte ihn an. »Du träumst ja, Gorgi!«

Für einige Minuten hätte er tatsächlich schwören können, dass er die Nordsee-Luft gerochen und Möwen gehört hatte.

»Komm, nimm mal Lukas.«

Georg hasste es, wenn ihm so plötzlich der kleine Lukas auf den Schoß gesetzt wurde. Der quengelte immer gleich, war unruhig, fuchtelte mit den Händen und wollte zurück zu seiner Mutter. Von ihm aber wurde erwartet, dass er sich voller Dankbarkeit und mit überschwänglicher Liebe sofort seinem kleinen Neffen zuwandte, nichts schöner finden würde, als dieses unruhig zappelnde Kind zu bändigen, dessen Reaktion darüber entschied, ob er als guter oder schlechter Onkel angesehen wurde. Wenigstens hatte Lukas eine richtige Hose an und man setzte ihm den Jungen nicht mit seinen blanken Windeln auf den Schoß.

»Du bist noch schwach, gib ihn lieber mir«, sagte Mutter. Georg fühlte sich zwar nicht mehr schwach, aber er gab Lukas gern an Mutter weiter. Vater schien erschöpft, er hatte Bärbel lange zugehört und sich am Gespräch beteiligt. Nun schloss er immer mal wieder die Augen, atmete gleichmäßig und nickte recht zufrieden, als sie sich von ihm verabschiedeten.

Weihnachten 1971
Die Ermittlung

»Schau mal, Georg, wie schön die singen, so schön wie du früher.« Großmutter strahlte ihn an und schaute dann schnell wieder auf den Fernseher. »Nein, dieses Rot von den Messgewändern und das Gold! Wunderbar! Also dass Walter euch zu Weihnachten einen neuen Fernseher gekauft hat und dann gleich einen in Farbe!«

Die Windsbacher sangen irgendwo in Deutschland in einer Weihnachtsmesse das übliche Repertoire. Sauber, vierstimmig, ungefährlich.

»Ich steh an Deiner Krippe hier,

oh Jesu, Du mein Leben.«

Georg hörte die Sopranstimme, jeden Ton, jeden Übergang, jeden Atemzug. Er hörte die Anweisungen des Prof: keine Fermate hier und langen Atem, Jungs, gaanz lang. Sein Vater kam herein, hatte die Zigarre im Mund, schaute auf den Fernseher, dann lange auf Georg, dann wieder auf den Bildschirm. Ich weiß ja, was du denkst, Vater. Ja, vielleicht hattest du recht. Vielleicht hätte ich mich für einen guten Chor in der Schweiz anmelden sollen, erst im Internat, dann Jungstudent im Fach Gesang in Zürich oder Basel und dabei ganz einfach Schweizer werden, nie wieder Deutscher sein, nie in Deutschland auftreten, das Land der Täter ignorieren, alle wollen, dass man kommt, aber ich bleibe draußen, singe in London, in New York, in Paris, aber nie in Berlin oder in Hamburg oder in München …

»Kannst du schon mal die Servietten falten, Georg, aber bitte richtig schön auf Kante und rechts vom Teller, hast du gehört?«

»Ja, Mutter!«

»Gorgi, bitte, Mama ist schon sehr nervös mit dem Rindfleisch, bleib jetzt nicht vor dem Fernseher stehen, mach jetzt den Tisch!« Bärbel schaute ihn ziemlich genervt an.

Georg bewegte sich langsam weg vom Sessel seiner Großmutter, ging ins Esszimmer, ein Weinglas, ein Wasserglas, jeweils rechts oberhalb des Tellers. Er wusste, wie man einen Tisch deckt. »Vergiss nicht den kleinen Löffel, nach oben, aber unter den Suppenlöffel.« Georg nickte.

Der Nachtisch war großartig. Tante Elfi hatte schon das Rindfleisch über die Maßen gelobt, jetzt suchte sie nach Superlativen für Mutters Weincreme.

»Habe ich das gestern Abend richtig verstanden, Georg, was du da mit der Schweiz erwähnt hast?«, fragte Onkel Hartmut. »Das musst du mir erklären. Willst du wirklich später in die Schweiz?«

»Oh bitte nicht, Hartmut, das ist das Thema des ganzen letzten Halbjahrs, bitte nicht auch noch zu Weihnachten«, warf Mutter ein.

»Aber, verzeih Charlotte, warum gerade die Schweiz und warum auswandern?«

Vater schaute still auf sein Schüsselchen Weincreme.

»Weil ich meinen Respekt vor den Menschen hier verloren habe, Onkel Hartmut«, erwiderte Georg und war selbst erstaunt, wie fest seine Stimme klang.

Onkel Hartmut schaute auf ihn mit großen fragenden Augen. Georg schluckte und erwiderte seinen Blick. »Ja, ich will auswandern, nach dem Abitur in die Schweiz. Die neutrale Schweiz. Dort gab es keine Konzentrationslager und keine Judenverfolgung.«

Onkel Hartmut schüttelte den Kopf. »Das ist doch Quatsch, Georg«, sagte er nach einer Weile, »jedes Land hat Dreck am Stecken, und du kannst doch nun wirklich nichts dafür, du bist Jahrgang 1955, zehn Jahre nach Kriegsende geboren.«

»Das sagt Walter ja auch immer«, pflichtete ihm Mutter bei.

»Das gibt sich, Charlotte«, sagte Tante Elfi, »das ist bestimmt die Pubertät, das hört auch wieder auf.«

»Flegeljahre«, sagte Vater und löffelte wieder die Weincreme.

»Diese Deutschen haben doch alles verraten, Onkel Hartmut! Bach, Beethoven, Goethe, Thomas Mann, alles entwertet! Man muss richtig Angst vor ihnen haben, vor diesem unberechenbaren Volk!« Georg senkte den Blick auf das Schüsselchen vor ihm und aß mechanisch den Rest Creme.

Er ärgerte sich jetzt, dass er gestern Abend nicht einfach geschwiegen hatte, als sie alle »Stille Nacht« und »Ihr Kinderlein kommet« sangen. Wie in den Jahren zuvor hatte er auf Mutters Bitte brav die Dreiviertelgeige aus Regensburg vom Haken genommen und die Weihnachtslieder begleitet. Statt mit ihnen zu singen, hätte er ihnen vorlesen sollen, was sie in den KZs mit Kindern gemacht haben, mit Neugeborenen. Wenigstens hatte es für diese Bestien in Auschwitz vor einigen Jahren ein Gerichtsurteil gegeben, doch Gerechtigkeit war damit längst nicht erreicht worden. Gerechtigkeit, so spürte Georg, konnte es hier gar nicht geben. Was für eine Strafe müsste sich denn ein Gott einfallen lassen, um solche Verbrecher für ihre Taten sühnen zu lassen? Die Täter von Auschwitz hatten auch Gott getötet. Das hatte er schon gestern Nacht in der Christmette gefühlt. Es tat ihm leid für dieses Kind in der Krippe, das die Nazi-Bestien um seinen Auftrag gebracht hatten.

»Das ganze Volk war verführt, Georg, das könnt ihr euch heute gar nicht mehr vorstellen. Da konnte man nicht einfach ausscheren!« Onkel Hartmut zündete sich eine Zigarette an.

Georg nickte automatisch. Er wollte ja keinen Streit, jetzt beim Mittagessen am Weihnachtstag. Doch was Onkel Hartmut nicht wusste, was er außer Bärbel hier am Tisch niemandem erzählt hatte und was ihn am meisten quälte, was ihn seit dem Sommer nicht mehr zur Ruhe hatte kommen lassen, war das Gefühl, in Peter Weiss’ »Ermittlung« Vater entdeckt zu haben. Vater war wahrscheinlich nie selbst in Auschwitz gewesen, aber er sagte das Gleiche wie der Zeuge im Buch: »Ich hatte nur dafür zu sorgen, dass die Betriebsstrecken in Ordnung waren und dass die Züge fahrplanmäßig ein- und ausliefen …«

Er hatte im Sommer Bärbel das Buch in die Hand gedrückt und sie dringend darum gebeten, es zu lesen. Sie nahm es zum Semesteranfang mit nach Münster. Als sie zwei Wochen später wieder in Langenheim war, sprach er sie gleich darauf an. Ja, sie habe es gelesen, doch sei die Art der Zuspitzung, die Auswahl der Gerichtstexte, die Reimform ein deutlich fiktionales Zeichen. Man dürfe den Text auf keinen Fall eins zu eins auf die Wirklichkeit übertragen. Es sei ein Drama, ein Stück Literatur. Der Dramatiker habe rezeptionsästhetisch mit dem Anspruch der vollständigen Authentizität gespielt, das Werk sei und bleibe aber Fiktion.

Georg hatte ihr mit offenem Mund zugehört. Hatte der Inhalt sie überhaupt nicht erreicht? Bärbel hatte ihn zuvor nie so deutlich spüren lassen, dass sie nun ja Germanistikstudentin war, was offenbar bedeutete, dass sie vom Inhalt eines Buches überhaupt nicht mehr gepackt werden konnte. »Und Vater?«, fragte Georg, »da ist doch Vater im Buch, Vater hat doch die Fahrpläne für die Reichsbahn gemacht, er hat sicher auch dafür gesorgt, dass die Züge alle planmäßig an der Rampe ankamen.« Bärbel biss sich auf die Lippen.

»Du übertreibst! Vater war doch 1944 im Krieg in der Toskana, als er dann wieder für die Reichsbahn Züge plante, irgendwo in irgendeiner Ecke des Landes, waren es Personenzüge und keine Güterzüge.« Damit war für Bärbel die Sache abgeschlossen.

»Gorgi, kannst du bitte die Gläser in die Küche tragen, und nimm das Tablett.« Georg stellte vorsichtig die Gläser auf das rot lackierte Holztablett und trug es langsam in die Küche. »Pass auf, Georg, lass es bloß nicht fallen!«, empfing ihn Mutter. In der Küche roch es nach frisch gemahlenem Kaffee.

Georg hatte nach der Lektüre im Sommer lange keine passende Gelegenheit gefunden, Vater nach seinen genauen Aufgaben bei der Reichsbahn in den Kriegsjahren zu fragen. Er hatte auch schnell aufgegeben, ihn auf einen möglichen Studiobesuch bei Herrn Schümann anzusprechen. Zwei, dreimal hatte er Camille im Herbst noch in der Stadt gesehen, einmal ging sie sogar direkt vor ihm auf der Langen Straße mit ihrem Paul an der Hand. Nein, es hatte keinen Sinn, was wollte er auch im Atelier?

An seinem 16. Geburtstag im August hatte Vater allerdings von sich aus das Gespräch mit ihm gesucht. Er hatte ihn am Abend noch einmal ins Esszimmer gebeten, »damit wir zu deinem Geburtstag einmal allein reden können und uns niemand stört.« Die Esszimmertür war noch nicht ganz geschlossen, als Vater schon loslegte: »Georg, du ahnst sicher schon, was ich mit dir besprechen möchte. Es geht um nichts Geringeres als deine Zukunft. Du hast wirklich ein Riesenglück! Eine Stimme, die viel besser ist als meine, dazu vier Jahre Erfahrung aus Regensburg, eine musikalische Grundausbildung vom Feinsten. Es wäre eine Schande, wenn du dieses Talent, diese Gottesgabe nicht nutzen würdest.« Er machte eine kurze Pause. Georg blieb still, was Vater offensichtlich verunsicherte.

»Manchmal glaube ich, du leidest noch immer unter dieser Stimmbruchgeschichte von damals in Straßburg. Vergiss das, Georg! Deine Stimme ist auf dem Weg zu einer richtig schönen Bass-Bariton-Stimme, das höre ich und das hört jeder, der nur ein wenig Ahnung hat! Du solltest im Herbst mit Privatunterricht beginnen. Da muss jetzt ein richtig guter Lehrer her. Ich bin bereit, dir einen erstklassigen zu bezahlen!«

Georg bewegte sich nicht. Er stand regungslos an der anderen Seite des Tisches und sagte nichts.

»Georg, sei doch nicht so schrecklich bockig! Du bist in letzter Zeit echt schwierig. Wir haben dir nun wirklich nichts getan, aber du bist manchmal undurchdringlich wie eine Wand. Versteh doch: Die Stunden beim Gesangslehrer sind mein ganz persönliches Geburtstagsgeschenk für dich. Du hast dann eine reelle Chance, noch vor dem Abitur als Jungstudent in Gesang anzufangen.« Endlich stoppte Vater, schaute ihn durch seine dicke Brille mit großen Augen an und wartete.

»Du brauchst dich nicht zu bemühen, Vater, das ist passé.«

Es war zu harsch gewesen. Schon als er den Satz aussprach, merkte er, dass er viel zu eindeutig und viel zu sicher klang, als hätte er alles schon längst für sich geklärt, dabei war Vaters Gedanke ihm ja gar nicht so fern. Er hatte keine rechte Begründung für dieses so ungeheuer eindeutige Nein, das eher aus dem Bauch als aus dem Kopf gekommen war. Aber er konnte jetzt nicht wieder zurück. Er hatte sich erklärt, deutlich erklärt. Vater schaute auf den Boden, schüttelte schweigend den Kopf, dann nickte er, als habe er Georgs Worte nunmehr geschluckt.

Nach diesem Gespräch waren die gemeinsamen Abendessen noch stiller geworden. Bärbel war zum Studium in Münster und fehlte am Tisch. Mutter versuchte anfangs noch, die peinliche Stille zu überspielen, und konnte Minuten dabei verweilen, wann der Rasen gemäht werden müsse und ob sie vorn wieder Tulpen oder lieber Narzissen pflanzen sollte. Kam dann doch einmal das Gespräch zufällig auf Politik oder Geschichte, achtete Mutter streng darauf, dass schnell das Thema gewechselt wurde. Bald gab es immer mehr Gründe, gemeinsame Abendessen zu umgehen. Alle drei spürten, dass es so besser war.

Erst im November hatte Georg es dann doch geschafft, Vater auf sein Thema anzusprechen. Es war eine Familientradition, dass sie am Totensonntag alle gemeinsam zum Langenheimer Friedhof gingen, zum Denkmal für die Opfer des Zweiten Weltkriegs. »Das bin ich meinen Eltern schuldig«, wiederholte Vater Jahr für Jahr. In diesem Herbst wollte Bärbel allerdings in Münster bleiben und nicht nach Langenheim kommen. Da machte Vater den Vorschlag, statt am Totensonntag am Volkstrauertag zum Friedhof zu gehen, ein hochrangiger General der Bundeswehr würde am Mahnmal für die Gefallenen eine Rede halten. Das könne doch ganz interessant sein, drei Jahre, nachdem Panzer in Prag den Beginn einer Demokratie brutal zerstört hätten. Mutter sagte überraschend ab, sie hätte keine Lust auf Reden am Friedhof, sie müssten schon allein gehen. Georg sagte sogleich zu, denn er spürte eine Chance, unterwegs vielleicht seine Fragen anbringen zu können.

Der Volkstrauertag hatte mit einem Regenschauer begonnen. Vater und er nahmen jeder einen eigenen Schirm. Sie gingen schweigend nebeneinander den Weg am Fluss entlang. Seit Vater ihn mit neun Jahren nach Regensburg gebracht hatte, war er nicht mehr allein mit ihm unterwegs gewesen. Er hatte immer wieder den Eindruck gehabt, dass sich Vater davor scheute, mit ihm allein etwas zu unternehmen. Und er hatte immer wieder vor Augen, wie anders das vor Regensburg gewesen war, als Vater vor ihm seine Operettenarien gesungen und ihm Ratschläge zur Atmung, zur Intonation, zur rechten Gestik gegeben und immer wieder von seiner Sängerzeit in Breslau und Berlin erzählt hatte. Georg hatte sich in den ersten Monaten nach Ende der Sängerknabenzeit oft gefragt, was er wohl tun müsse, um wieder Vaters Gunst zu erwerben. Er konnte doch nichts dafür, dass der Stimmbruch ihn ereilt hatte und dass er nun für einige Jahre außer Gefecht gesetzt war, was das Singen anging. Das war doch nicht seine Schuld. Er hatte Mutter eines Abends darauf angesprochen, doch die hatte nur gesagt, dass Vater beruflich sehr belastet sei und seine Zurückhaltung nichts mit ihm zu tun habe, nur mit den vielen Gedanken, die Vater sich für die Firma machen müsse. Aber er konnte diese Erklärung nicht so ganz glauben. Mit Bärbel fühlte Vater sich doch spürbar wohler, mit ihr unternahm er immer wieder Spaziergänge, sie scherzten miteinander und verbündeten sich manchmal gar gegen Mutter, wenn diese wieder wegen Bärbels kurzer Röcke meckerte.

Doch jetzt waren Vater und er allein unterwegs, nur sie beide, im Regen am Volkstrauertag im November. Auch wenn er gegen diese Empfindung ankämpfte: Er fühlte sich fremd an Vaters Seite. Lange sagten sie nichts. Sie durchschritten den Stadtpark, überquerten die Lippe und gingen den Fußweg an den alten Weiden entlang in Richtung Friedhof.

»Weißt du, Vater«, begann Georg, »ich habe mich schon oft gefragt, wie das eigentlich damals ablief, ich meine all die Fahrpläne für so ein Riesenreich? Wie du das hinbekommen hast, dass alles funktionierte.« Georg hielt die Luft an. Ob Vater den Faden aufnehmen würde? Der ließ sich mit der Antwort ein wenig Zeit.

»Die langen D-Zug-Relationen waren noch am einfachsten, da stand der Plan schnell. Die hatten ersten Rang, die fuhren einfach durch. Wir wickelten die kürzeren Zugläufe und vor allem die Eilzüge und Normalzüge hinein. Das ging regional. Das war vor allem bei den eingleisigen Strecken eine Riesenarbeit. Wo konnte ein Zug auf ein Wartegleis geführt werden, um einem ranghöheren Zug Vortritt zu leisten, wo konnte er die Gegenzüge abwarten, ohne an Zeit zu verlieren, wie konnte man die Anschlüsse an die D-Züge einigermaßen günstig hinbekommen? Damals waren nicht so viele Leute unterwegs wie heute, aber wenn sie fuhren, fuhren sie mit der Bahn.« Vater hielt einen Moment inne, als sähe er den Berg von Aufgaben vor sich. »Es war eine spannende Aufgabe, Georg, ich habe sie geliebt. Ich habe nie soviel gerechnet wie damals, nie soviel jongliert.«

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9788711448496
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