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Michael C. Horus
Das Buch
der Vergeltung
Wie der Teufel Papst wurde
Historischer Roman

Impressum
Texte & Umschlag: © 2012, 2020 Copyright by Michael C. Horus
Verantwortlich für den Inhalt: Michael C. Horus (dr.m.c.horus@gmail.com)
Druck: epubli – ein Service der Neopubli GmbH, Berlin
Bildnachweise
Umschlag: Joachim Schäfer – Ökumenisches Heiligenlexikon
Seite 3: Bonifatius VII. von vaticanhistory.de
Band 1 – DER BLUTFISCHER
1. Kapitel
Als wir die Straßen Roms am Nachmittag der siebenten Kalenden des Oktobers1 im Jahre 963 des Herrn betraten, überfiel uns zunächst ein übler Gestank. Ich erinnere mich noch, als wäre es gerade eben gewesen, dass mir die Berge von Unrat, Exkrementen und die zerfallenen Gebäude auf dem Collis Quirinalis sofort ins Auge fielen. Die Außenbezirke dieser ehemals großen und starken Stadt boten ein Bild des Verfalls und des Elends. Zwischen Ruinenfeldern, viele Stadien lang, abgebrochenen Kirchenbauten, ehemaligen Patrizierhäusern mit kaum mehr erkennbarer Eleganz und eingestürzten Arkaden grasten Kühe und Ziegen. Vermummte Karrenschieber in lumpigen Kleidern kippten widerwillig die Leichen der armen Sünder ab, die die dahinsiechende Stadt ausgespuckt hatte. Alles hier ringsum war so voller Abscheulichkeiten, dass an einigen Stellen Wolken von Verwesung und entsetzlichen Ausdünstungen umherwaberten.
Zwielichtige Gestalten, Aussätzige und Sterbende jedweden Alters und Geschlechts trieben sich zwischen den Ruinen herum, wohl auf der Suche nach Essbarem oder Verwertbarem aller Art, und plünderten, wo es längst nichts mehr zu plündern gab. Schwärme von gierigen Krähen und fetten Möwen bevölkerten den Himmel und stürzten sich auf die Reste, die selbst in den Augen der Ärmsten und Verwahrlosesten keine Beachtung mehr fanden, stritten sich um Aas oder hackten den Toten die Augen aus.
Dünne Rauchfahnen kreuzten immer wieder von links und von rechts unseren Weg, aber wir konnten nicht erkennen, dass sich jemand der Mühe hingab, die rußenden Feuer zu löschen. Woher hätte er das Wasser auch nehmen sollen? Der einstmals große und mächtige Fluss Tevere glich einer einzigen Kloake, und man durfte eher befürchten, jeglichen Brand mit so viel schlammigem Unrat eher noch anzuheizen.
Je weiter wir uns von den von frischem Wind umwehten Hügelspitzen, die zu meinem Erstaunen noch einige gänzlich unversehrte Häuser aufwiesen und offenbar auch bewohnt wurden, entfernten und ins Tal herab begaben, desto unangenehmer wurde der Anblick, der sich uns bot und damit einhergehend der Gestank. Auch die meisten der großen Aquädukte, deren massive Pfeiler sich als einzig sichtbarer Rest schierer Größe und Reichtums der Vergangenheit in den von Wolken verhangenen Himmel erhoben, brachten schon längst kein frisches Wasser mehr aus den umliegenden Bergen in die Stadt, weil das Geld für ihre Reparatur und Unterhaltung fehlte, wie überhaupt die Geldknappheit eines der wichtigsten Attribute des sterbenden Roms geworden zu sein schien.
Das Bild besserte sich ein wenig, je näher wir der Tevere-Niederung kamen, welche träge zwischen dem Mons Capitolus, dem Mons Palatinus und dem Mons Aventinus dahinlag. Auch hier war Verfall allerorten zu sehen, aber eine unsichtbare ordnende Hand schien dafür Sorge zu tragen, dass die gröbsten Übel und Verdrießlichkeiten sich nicht hier vor den Augen aller vollzogen und ein Mindestmaß an Würde und ein Rest vom alten Glanze gewahrt blieb. Frisches Wasser plätscherte aus einer steinernen Rinne, die sich auf sorgsam gehauene und ehemals mit Marmorplatten verzierte Sandsteinquader stützte und quer über den Marktplatz zog, woraus ich herleiten konnte, dass wenigstens eine der großen Wasser führenden Leitungen noch intakt und zumindest diesen Teil der Stadt zu versorgen imstande war. Ich hoffte, es würde hier noch viele weitere Orte wie diesen geben.
Der Krieg in Italien ging nunmehr in sein drittes Jahr. Ich muss aber wohl anmerken, dass im Sommer 962 nach der Einnahme der Stadt Pavia durch König Otto und der nachfolgenden Krönung zum Kaiser des Regnum Francorum2) eine kurze Zeit der Ruhe eingekehrt war. Dies war nach all dem Ungemach sehr wohltuend und gab allen beteiligten Parteien Gelegenheit und Zeit, sich mit den neuen Machtverhältnissen zu arrangieren.
Der Allgemeine Papst und oberste Bischof von Rom Johannes XII. zählte damals noch zu unseren treuen Verbündeten. Doch nun hielt sich Kaiser Otto mit einem großen Heer im Montefeltro auf und belagerte die Burg San Leo nahe San Marino. Denn dorthin hatte sich der grausame italische König Berengar von Ivrea mitsamt seiner gierigen Gattin Willa und seinem ungehörigen Sohne Adalbert nach der Anstiftung einer Revolte gegen den heiligen Kaiser zurückgezogen und leistete heftigen Widerstand. Dem Adalbert gelang mit ein paar Getreuen unerkannt die Flucht nach Rom, wo er sogleich den Papst Johannes aufsuchte und ihn dazu brachte, sein loyales Versprechen, welches er Otto gegeben hatte, preiszugeben und ihn schändlich zu hintergehen. Der Papst sicherte nun seinerseits dem Adalbert Unterstützung zu und übergab ihm weitere Soldaten, auf dass er und seine Getreuen länger dem kaiserlichen Ansturm standhalten oder ihn gar zurückschlagen könnten.
Alsbald erfuhr unser gerechter und geliebter Kaiser von dieser schändlichen Tat und er sandte meine bescheidene Niedrigkeit Liutprand, Bischof von Cremona, und den ehrwürdigen Landward, Bischof von Minda in Sachsen, aus, um den abtrünnigen Papst zu bekehren. An meiner Seite ritten einige weitere ehrenwerte Herren, die in anderer Mission unterwegs waren und an deren Namen ich mich heute nicht mehr zu erinnern vermag, außerdem mein junger und in solchen Dingen noch vollkommen unerfahrener Schüler Franco de Ferrucius, von dem hier gleich noch zu reden sein wird.
Meine niedrige Person war damals Hofkaplan und Königlicher Gesandter in diplomatischen Diensten des großen fränkischen Herrschers Otto, zudem ein guter Freund der Familie Ferrucius. Ich bot dem Bruno an, den jungen Franco, der schon von frühen Jahren an für eine geistliche Laufbahn vorgesehen war, zu mir zu nehmen und ihn zu unterrichten und zu erziehen – ein Angebot, welches Bruno überaus dankbar annahm, konnte er dem aufgeweckten und klugen Jungen doch nur wenig mehr bieten als ein Leben unter zunehmenden Entbehrungen und mit einem kranken Vater an der Seite. So kam es also, dass jener Junge, schmal in den Schultern und von kaum scheinbarer Statur, mit wachen Augen, die größtenteils unter wilden schwarzen Locken verborgen waren, zum ersten Mal in seinem Leben die Tore der Heiligen Stadt erblickte, ohne jemals zu erahnen, dass dieser Ort eines Tages zu seinem Schicksal werden würde.
Wir passierten soeben die kleine Kirche San Clemente in der Vicus Papessa, einer engen Gasse, die von den monumentalen Wohnhäusern zweier alter römischer Adelsfamilien, den Papes und den Crescentiern, beherrscht wurde, und näherten uns dem Mons Vaticanus, der aber ein so platter Hügel war, dass er diesen Namen kaum verdiente. Vor uns, auf dem großen freien Platz vor dem Palacio San Giovanni in Laterano3), erhob sich ungewohnt würdevoll und stolz die marmorne Statue des ehrbaren und huldvollen Marcus Aurelius, einem der wenigen immer noch hochverehrten Imperatoren der alten Zeit, die sich um die wahre Größe und den ehemals hohen Ruhm des Sanctum Imperium Romanum verdient gemacht haben.
Auf den Stufen der Basilika Sankt Peter, wir hatten uns bereits von der restlichen Reisegesellschaft getrennt, erwartete uns ein guter alter Freund, dessen Wiedersehen nach mehr als acht Jahren in der Ferne mich von ganzem Herzen mit Glück und Zufriedenheit erfüllte.
„Liutprand! Landward! Meine lieben Freunde! Wie schön, Euch zu sehen!“, rief er schon von Weitem, kam auf uns zu und begrüßte zuerst mich mit einer herzlichen Umarmung. „Wie ich sehe, seid Ihr wohlauf und guten Mutes. Ich hoffe, Ihr hattet einen nicht allzu beschwerlichen Weg und wurdet verschont von allerlei Unbill. Pax vobiscum!“
“Et cum spirito tuo. Keine Sorge, ehrwürdiger Leo, um uns steht es gut und die Reise war bei weitem nicht so beschwerlich, wie man ob der schlimmen Zeiten glauben mag. Der Krieg hat einen Bogen um uns gemacht“, antwortete ich.
„Ganz sicher, weil er weiß, welch friedliebende und gottesfürchtige Menschen Ihr seid, ehrwürdiger Liutprand und ehrwürdiger Landward!“, sagte Leo lächelnd und verneigte sich sanft vor uns.
„Ihr übertreibt wie immer, mein lieber Leo, aber auf eine, wie ich zugeben muss, sehr schmeichelhafte und willkommene Art.“
Der ehrwürdige Protoskriniar Leo war, ebenso wie sein verehrter Vater, der lange Zeit mein Mentor war und mit dem ich die Ehre hatte, in enger Freundschaft verbunden zu sein, ein sehr gebildeter und vielbelesener Mann, ein Bibliothekar durch und durch und ein ebenso guter Notarius. Seit vielen Jahren stand er dem päpstlichen Archiv als Direktor vor und ward von allen Seiten hoch angesehen. Als oberster Kanzler der heiligen Römischen Kirche war er dem Bischof von Rom einerseits sehr nah, andererseits auch nicht. Er gehörte, wenn man es ganz genau nahm, nicht einmal zum engsten Kreise seiner Vertrauten, was bei dem schlechten Rufe des amtierenden Papstes durchaus als Kompliment zu verstehen war. Allein Leos unendlich hohes Ansehen im Klerus und im römischen Adel bewahrte ihn davor, zu sehr in des Papstes Abhängigkeit zu geraten und ein Opfer seiner unsäglichen Attitüden und Intrigen zu werden. Denn der Papst hatte keine taugliche Macht über ihn. Niemand in Rom wäre verwundert gewesen zu hören, dass es eigentlich der Leo war, der Macht über das heilige Amt ausübte und insgeheim die Geschicke der Kirche lenkte, auch wenn er dies kaum für sich persönlich ausnutzen wollte.
Leo führte uns einen kurzen Weg durch die Arkaden zu einem Seitenportal, was mir Gelegenheit gab, ihm meinen neuen Schüler Franco de Ferrucius vorzustellen, der mir zur Ausbildung und Erziehung an die Seite gegeben worden war. Franco, er mochte damals gerade zwölf Jahre alt geworden sein, verneigte sich ehrfürchtig, wie ich es ihn gelehrt hatte. Er war ein ungewöhnlich aufmerksamer und wissbegieriger Schüler, einer, wie ich ihn noch nie zuvor gekannt habe, ausgestattet mit der besonderen und durchaus neidenswerten Fähigkeit, in fremden Gesichtern und in kleinen Gesten wie auf Pergament lesen und sich in Windeseile auf seinen Gegenüber einstellen zu können, wenn er nur wollte. Leider hatte ich aber auch schon früh bemerkt, dass er seine erstaunlichen Fähigkeiten, von denen er noch einige mehr besaß und auf die ich im Folgenden auch noch zu sprechen kommen werde, nicht immer zu unserem Vorteil einsetzte, sondern zumeist nur dann, wenn es ihm danach gelüstete. Er war überdies launisch und wechselhaft und glich in jenen Momenten den Weibern, deren ewiges Gezänk ich als Kind in der Webstube meiner lieben Mutter oft mit anhören musste. Alle meine Ermahnungen waren schon von frühester Zeit an nutzlos. Franco verfügte über einen unbändigen Willen und eine starke Seele, aber er schaffte es nicht, damit seine Störrigkeit zu besiegen. Nun, für mich war es eine lässliche Sünde, die in den Augen Gottes ganz sicher Gnade und Vergebung finden würde.
„Kommt, meine lieben Brüder“, sagte Leo, nachdem er die schwere, mit Bronze beschlagene Türe hinter sich geschlossen hatte, „der Heilige Vater erwartet Euch bereits.“
„In seinen Privatgemächern?“, fragte ich und blickte mich um. Leo hatte uns nicht zu einer der üblichen Audienzen in den Lateranensischen Palast geführt, sondern in den weit ausladenden Seitenflügel des päpstlichen Schlosses, den jener mit seinen engsten Vertrauten und Bediensteten bewohnte.
„Bitte verzeiht mir, verehrter Liutprand, es ist nicht leicht zu erklären", antwortete Leo zögernd und sah sich ebenfalls um. Als er sicher war, dass wir allein waren und von niemandem belauscht wurden, fügte er leise hinzu:
„Es ist so, dass der Heilige Vater den Audienzen und offiziellen Terminen tatsächlich nicht sehr viel Zeit widmet. Er hasst diese Dinge und ebenso die schwere Robe, die zu tragen ihm ein Gräuel ist.“ Er machte eine lange, vielsagende Pause, in der er seinen Blick mehrmals zwischen Franco, Landward und mir pendeln ließ, wobei er auf seltsam beirrende Weise länger auf den Zügen meines Schülers verweilte als bei Bischof Landward und mir.
„Nun ja“, fuhr er fort, „Ihr werdet es ja gleich selbst sehen. Der Heilige Vater ist … wie soll ich sagen … den weltlichen Dingen ein wenig zu sehr zugeneigt … wenn Ihr versteht, was ich meine, ehrwürdiger Liutprand und ehrwürdiger Landward?“
Ich nickte und gab ihm wortlos zu verstehen, dass es von meiner Seite aus keiner weiteren Erläuterungen bedurfte. Ich hatte über den jungen Papst Johannes XII. und seine überaus weltlichen Vorlieben von vielen Seiten bereits genug gehört, um mir ein gutes Bild machen zu können, wie es um ihn bestellt war. Zumindest glaubte ich das zu jener Zeit.
„Aber ich bitte Euch, schweigt und erzählt es niemandem außerhalb dieser Mauern“, fügte Leo eilig hinzu. „Ich fürchte ernsthaft um das Seelenheil unseres geliebten Heiligen Vaters. Der Herrgott möge ihm gnädig sein und sich dereinst seiner Seele erbarmen.“ Dabei bekreuzigte er sich voller Demut. Wir taten es ihm gleich und folgten ihm behutsamen Schrittes in den zweiten Stock.
Johannes XII., der einmal mit gewöhnlichem Namen Octavian von Spoleto hieß, war der einzige Spross einer der ältesten und angesehensten Adelsfamilien des Landes. Sein Vater, der römische Senator und mächtige Fürst Alberich, Markgraf von Spoleto, hatte kurz vor seinem Dahinscheiden im Jahre des Herrn 954 den versammelten römischen Adel schwören lassen, seinen Sohn bei der nächstfolgenden Sedisvakanz4) zum Obersten Bischof und damit auch zum Allgemeinen Papste zu wählen, um seinen weltlichen und geistlichen Einfluss auch über den eigenen Tod hinaus abzusichern. Über zweiundzwanzig Jahre lang war Alberich zuvor als princeps ac senator omnium Romanorum der Herrscher über die Stadt Rom und den Heiligen Stuhl. Unter seiner Herrschaft kehrten Ordnung und Anstand nach Rom zurück. Alle während seiner Regentschaft amtierenden Päpste waren erst nach seiner Fürsprache in das heilige Amt gewählt worden.
Nun, in den Kalenden des Septembers jenes Jahres verstarb jener Alberich, gerade als er im Begriff war, die Verbindung mit seiner Frau Alda, der Tochter des verstorbenen Königs Hugo von Italien, nach beinahe zwanzig Jahren Ehe aufzulösen.
Octavian war damals eben sechzehn Jahre alt geworden und folgte, wie es Alberich in die Hand versprochen wurde, dem ehrwürdigen Agapitus II. nach dessen Ableben auf den Stuhl Petri nach. Ein großes Fest ward gegeben im Dezember des Jahres 955 und Rom feierte ganze dreißig Tage lang ohne Unterlass und in nie zuvor gesehener Pracht und Verschwendung.
Als wir die Gemächer des Papstes betraten, umfing uns ein süßlicher Duft von Weihrauch und allerlei Essenzen. Leo rümpfte angewidert die Nase und er tat es durchaus so, dass wir es gut sehen sollten. Ein ferner Gesang, keinesfalls eine Liturgie, eher ein Schwärmen (so empfand ich es) war zu hören. Leo schloss die schweren Flügeltüren so kräftig, dass der dumpfe Knall von den Wänden widerhallte. Der Gesang erstarb augenblicklich. Ein junger Mann, höchstens fünfundzwanzig Jahre alt und in rotes Tuch gekleidet, erschien zwischen zwei marmornen Pfeilern am Ende des Raumes.
„Leo, was gibt es? Warum unterbrichst Du mich mit diesem Lärm?“
Der altehrwürdige Protoskriniar und Kanzler verneigte sich tief und vollkommen wortlos vor dem jungen Manne, der langsam näherkam. Wir taten es ihm gleich, darauf bedacht, alles genauso zu tun, wie Leo es empfohlen hatte. Aus den Augenwinkeln beobachtete ich immer wieder meinen Schüler Franco, aber es gab keinen Anlass zur Sorge. Er gehorchte und hielt sich genauestens an meine Worte.
„Wen hast Du mir mitgebracht? Ich brauche frischen Wein, Leo. Geh und hol ihn mir! Und bring Trauben mit, recht viele von den roten.“
„Ehrwürdiger Papst, es sind Besucher aus Pavia. Sie sind Gesandte des Kaisers“, sagte Leo, immer noch gebeugt und ohne aufzusehen. Johannes XII. winkte ihm zum Zeichen, dass er sich nun entfernen dürfe, um das Verlangte zu holen.
„Ich mag ihn nicht so sehr“, sagte der Heilige Vater zu uns, als Leo außer Sichtweite war, „er ist so verbiestert und ich habe ihn noch nie scherzen sehen. Doch, nun erhebt Euch und sprecht: Wer seid Ihr und welch Begehr führt Euch zu mir, Ihr lieben Bischöfe?“
Landward, dem das gebeugte Stehen nicht mehr ganz so leichtfiel, ächzte schwer und stellte sich mühsam gerade. Ich richtete mich ebenfalls auf und blickte in das knabenhafte Gesicht des Papstes. Ein weicher Bartflaum umschloss seine Wangen und sein Kinn, kaum so viel, dass man es hätte abschaben können. Seine dunklen Augen stierten mich neugierig, aber auch misstrauisch an, so als hätte ich ein großes Geschwür an der Nase, welches jeden Moment aufbrechen könne. Das mit dicken goldenen Borten bestickte rote Tuch, in welches er gewandet war, wirkte aus der Nähe sehr viel feiner und ansehnlicher. Ein schmales, mit herrlichen Gold- und Silberstickereien verziertes und bis zu den Knien herabfallendes Pallium, in Form und Tragart unserer Stola nicht unähnlich, schmückte seine Brust und Sandalen aus sehr edlem, rot eingefärbtem Flechtwerk umhüllten seine Füße. Er mochte ein gar übler Papst sein, doch in Kleiderfragen zeigte er Geschmack, wie ich unschwer feststellen konnte.
„Ich bin Liutprand“, begann ich, „Bischof von Cremona in Italien und das ist der ehrwürdige Landward, Bischof von Minda in Sachsen. Wir sind Gesandte des großen Otto, von Gottes Gnaden ehrwürdiger Kaiser des Regnum Francorum und Herrscher über die Sachsen, die Franken und die Bayern, Herr über die Völker des Nordens und des Südens, von dem ich Eurer Exzellenz, dem Heiligen Vater aller Christen, die freundschaftlichsten und ehrfürchtigsten Grüße überbringen darf.“
Gemeinsam mit Landward verneigte ich mich erneut, diesmal aber nur leicht, um unserem Gegenüber Zeit zu geben, die Begrüßung mit einer ebensolchen zu beantworten, wie es in diplomatischen Protokollarien üblich war. Johannes jedoch schien nicht sonderlich daran interessiert, unsere Höflichkeiten zu erwidern oder auf Protokolle zu achten. Stattdessen musterte er aufmerksam meinen Schüler.
„Ja, ja, erhebt Euch schon, werte Herren“, sagte er. „Wen hast Du mir dort mitgebracht, Bischof Liutprand?“
Höflich lächelnd, aber doch ein wenig irritiert, wandte ich mich zur Seite, wo Franco einen halben Schritt hinter mir stand. Ich gebot ihm, sich ebenfalls zu erheben, so dass er nun erstmals in seinem noch jungen Leben dem Heiligen Vater und obersten Bischof der Christenheit von Angesicht zu Angesicht gegenübertreten konnte. Ich ahnte zu dieser Zeit nicht, welche Bedeutung diese erste Audienz schon damals für ihn hatte und was sie in ihm bewirken würde.
„Eure Exzellenz“, begann ich, „dies ist mein braver Schüler Franco de Ferrucius, der zweitgeborene Sohn des angesehenen Verwalters Bruno de Ferrucius aus Pavia. Ihr werdet vielleicht von ihm gehört haben.“
Johannes richtete seinen Blick für einen kurzen Moment an die hohe und wundervoll bemalte Decke und sagte, wie zu sich selbst: „Bruno de Ferrucius? Nein, nie gehört.“ Dann wandte er sich wieder an mich und fügte hinzu: „Ich sehe einen wertvollen Ring an der Hand Eures Schülers. Es scheinen wohlhabende Leute zu sein?“
Es war nicht so sehr als Frage gestellt, sondern glich mehr einer Feststellung. Sein Blick aber schien mich um Bestätigung zu bitten. Doch gerade als ich anhob, die mir sehr gut bekannte Geschichte der Familie de Ferrucius auszuführen, unterbrach er mich mit einer gelangweilten Handbewegung.
„Genug! Ich habe genug gehört. Und merken werde ich es mir jedenfalls nicht, wer auch immer diese Leute sind. Dein Schüler wird mir zeigen müssen, wozu er in der Lage ist. Danach werde ich mir ein Urteil über ihn und seine vermutlich erbärmliche Verwandtschaft bilden.“
Nun, zugegeben, als ich diese Worte hörte, überkamen mich zwiespältige Gefühle. Wie sollte ich ihn verstehen? Kannte er nun die Familie Ferrucius oder kannte er sie nicht? Sprachen eher Zuneigung oder Ablehnung aus seinen Worten? Hatte dies nichts Gutes zu bedeuten oder war es nur so dahingesagt, wie, wenn es einem zuwider ist? Und auch auf den Ring an rechter Francos Hand konnte ich mir keinen Reim machen. Zu jener Zeit wusste ich nur, dass er ihn ständig bei sich trug, ihn nie ablegte und sorgsam darauf achtgab, ihn nicht zu beschädigen. So warf ich Franco einen sorgenvollen Blick zu, den er mit einem Schulterzucken und hochgezogenen Augenbrauen quittierte.
Dem ehrwürdigen Leser dieser Zeilen sei es erzählt, weil es dem gesamten Verständnis der Sache dienlich sein mag: Jener Franco de Ferrucius entstammte der alteingesessenen lombardischen Familie gleichen Namens, die es am Königlichen Hofe von Pavia, etwas südlich vom schönen Milano gelegen, zu einigem Ansehen und zu gediegenem Wohlstand gebracht hatte. Der preiswürdige und ehrenwerte Bruno de Ferrucius war Hofkämmerer unter König Lothar und später erster Dienstherr unter seinem Nachfolger König Berengar. Im Jahre 948 hatte sich Bruno nach Pavia begeben, um die vornehme Stellung antreten zu können. Zur selben Zeit lebte und diente auch ich am Hofe König Lothars, der seinerzeit mit Adelaide di Borgogna verheiratet war, aber schon im Jahre 950 von einem überaus boshaften Widersacher vergiftet wurde, sodass die wunderschöne Adelaide bereits in jungen Jahren zur Witwe wurde.
Der Junge, der mich nun als mein Schüler auf meinen Wegen begleiten sollte, war das fünfte von sechs Kindern und der mittlere von drei Söhnen der Familie Ferrucius und wurde im Sommer des Jahres 951 vom Allmächtigen Herrn in die Welt gerufen.
Zwei Jahre später verstarb die Mutter bei der Geburt seines jüngsten Bruders. Der kleine Franco wuchs nun gemeinsam mit seinem kleineren Bruder bei der Schwester seines Vaters auf, bis er zehn war und auch die Tante zu seinem und des Vaters allergrößten Entsetzen zu Gott befohlen wurde.
Im gleichen Jahre erhielt Bruno einen schweren Schaden, als er von einem Pferdewagen überrollt wurde. Fortan an den Beinen gänzlich gelähmt konnte er seinen Dienst bei Hofe nicht mehr ausüben und erhielt vom König, der sich selten einmal großzügig und gnädig zeigte, eine kleine Rente, um sein Leben zu fristen, aber es reichte längst nicht für alle. Die beiden älteren Jungen des Bruno fanden als Spielkameraden der etwa gleichaltrigen Königssöhne einen guten Unterhalt bei Hofe, die Schwestern hingegen heirateten kurz hintereinander und zogen zu ihren Ehemännern nach Benevent und nach Aragon. Francos jüngerer Bruder Heribert wurde in ein Milaneser Waisenhaus gegeben, wo sich sein späterer Verbleib jedoch nicht mehr aufklären ließ, obschon ich beinahe ein ganzes Jahr nach ihm suchte.
Aus dem Hintergrunde des Raumes war ein leises Kichern zu vernehmen. Es war das Kichern heller Mädchenstimmen, wie ich unschwer auszumachen vermochte. Franco wurde plötzlich heftig durchzuckt. Als ich mich zu ihm umdrehte, vermochte ich jedoch nichts Absonderliches an ihm festzustellen. Er war durchaus ein wenig angespannter als noch zuvor, aber das mochte ich dem heiligen Moment dieser Begegnung und der Prächtigkeit der päpstlichen Gemächer mit all ihrem Prunke und von Gold glitzernden Gewölbe zuschreiben.
Das liebliche Kichern aus der Ecke kam näher und zeigte sich wenig später in Gestalt zweier hübscher, von langen dunklen Locken gerahmter Mädchenköpfe, die neugierig hinter einem der Pfeiler hervorlugten und sich offenbar ein besseres Bild von der edlen Gesandtschaft des Papstes machen wollten, als sie es von ihrem ursprünglichen Platz aus hatten tun können. Ich wollte ihnen dieses Vergnügen durchaus gewähren, stellte mich entsprechend in Positur und meine teuren Kleider gut geordnet zur Schau, ohne zu bemerken, dass ihr Blick weder mir noch meiner Kleidung galt, sondern einzig und allein dem jungen Schüler an meiner Seite. Franco war plötzlich über alle Maßen rot angelaufen, so sehr, dass es, um es zu bemerken, nicht einmal des zusätzlichen Lichtes bedurft hätte, welches von dem Feuerschein einiger Öllichter ausging.
Leo indes war mit einem vergoldeten Tischlein zurückgekehrt, welches er auf drei ebenfalls vergoldeten Rädern, sie mochten wohl ursprünglich aus Holz gemacht sein, vor sich hinschob. Das Wägelchen war beladen mit vielerlei Obst und Krügen, die mit Wasser und Wein gefüllt waren. Er stellte die Ladung ganz in der Nähe ab, verbeugte sich vor dem jungen Mann im roten Tuch und trat dann einen Schritt näher an ihn heran, um etwas in sein Ohr zu flüstern. Johannes XII. nickte geflissentlich und erteilte ihm sogleich einen neuen Auftrag, woraufhin Leo sich erneut ehrerbietend tief verbeugte und verschwand.
Der Papst ließ die beiden Lockenköpfe mit einem Handstreich verstummen und wandte sich dem vergoldeten Tischlein an seiner Linken zu.
„Meine lieben Bischöfe“, sagte er, während er zwei Becher mit Wein füllte und an Landward und mich reichte, „Ihr werdet Euch noch ein wenig gedulden müssen, bevor wir auf Eure Gesandtschaft zu sprechen kommen. Seid morgen zur selben Stunde wieder hier, tragt das Anliegen Eures Herrn vor und hört, was ich Euch und ihm dazu zu sagen habe. Ich habe mich derweil um anderes zu kümmern. Nun trinkt von diesem köstlichen Wein und dann geht. Mein treuer Camerlengo5) Salek wird Euch Eure Herberge zuweisen und für alles Sorge tragen, dessen Ihr begehrt. Sagt es nur frei heraus und es wird Euch gegeben.“
Daraufhin trat aus einer bisher dunklen Nische wie auf ein geheimes Zeichen ein Mann hervor, verneigte sich in leichter Weise vor dem Papste und wandte sich dann mir und meinem Schüler zu.
Dieser Salek, von Geburt an wohl ein Bulgare, aber von der Erziehung her ein Ungar, war zu jener Zeit der vertrauteste Freund des Papstes. Er mochte etwas älter und etwas reifer gewirkt haben, weil er beständig schwieg und nur das Nötigste seiner inneren Gefühlswelt auf seinem Gesichte zum Vorschein kommen ließ. Auch während des Weges zu unserer Herberge sprach Salek nicht ein einziges Wort, was man, wenn ich es recht bedenke, durchaus als eine Ungehörigkeit bezeichnen könnte. Da er aber so eng vertraut mit dem Herrn Papste und sein Camerlengo war, wagte ich nicht, ihn meiner Kritik zu unterziehen, und schwieg ebenfalls, denn ich wollte nicht schon in der ersten Stunde unserer Gesandtschaft Misstöne und Feindseligkeit aufkommen lassen. Der Auftrag, den zu erfüllen wir vom Kaiser geschickt worden waren, erforderte von mir in höchstem Maße diplomatisches Geschick und hing nicht ganz unerheblich von dem äußeren Rahmen ab, den zu schaffen wir vermochten, um mit dem obersten Bischof und Allgemeinen Papste ins Vernehmen zu kommen. Dieser unheilige Moment, das empfanden sicherlich nicht nur der gute Landward und meine bescheidene Niedrigkeit so, sondern wohl auch mein braver Schüler, erschien uns gänzlich ungeeignet, ein Anliegen, gleich welcher inneren Art und welcher äußeren Gestalt, vorzutragen und zu einem erfolgreichen Abschluss führen zu können.
Der Franco ging drei Schritte hinter uns, ebenfalls schweigsam. Als Salek uns zur Pforte eines beträchtlichen Anwesens geführt hatte, klopfte er einen schweren Messingknauf dreimal gegen die Tür und verneigte sich dann, immer noch ehern schweigend, vor uns, um auf dem gleichen Wege, den wir gekommen waren, zu seinem Herrn zurückzukehren.
Der Tageslauf war indes noch nicht so weit vorangeschritten, dass wir die Absicht hatten, uns zur Ruhe zu betten. Im Gegenteil: Unsere Reise war weit weniger beschwerlich und ermüdend gewesen als befürchtet, und so sprachen wir mit dem Hausherrn des Anwesens, einem vornehmen römischen Adligen namens Stephanus de Imiza, und seinem jüngeren Bruder Rikhardus. Stephanus zeigte überaus große Liebenswürdigkeit, als ich ihm versicherte, dass wir in Gesandtschaftsdingen unterwegs waren, und außerdem großes Interesse an seinem Weinlager offenbarte. Ich erklärte ihm auf sein Nachfragen, während wir im angenehm kühlen Kellergewölbe unter seinem Haus köstlichen Nektar tranken, dass uns an nichts mehr gelegen war, als den unseligen Krieg im Norden zu beenden, und dass wir unseren Teil dazu beitragen wollten, wenn der Herr in seiner unendlichen Gnade uns darin beistehen wolle.
Stephanus war ein gebildeter Mann mit Mut zum offenen Wort, wenn es sich geziemte. Ich gestehe, dass mir diese Eigenart sehr imponierte und ich sie auch gern an mir gehabt hätte, doch zweifle ich daran, dass jemand wie ich, der aber sein Herz auf offener Zunge trüge, gleichsam ein guter Diplomat und Gesandter sein könne. Ist die Kunst der Diplomatie nicht immer und zuallererst auch die Kunst des Täuschens und Verbergens, frage ich? Wie dem auch sei, Stephanus und sein nicht minder gebildeter Bruder Rikhardus, der für Speisen und Tanz sorgte, indem er eine Schar bezaubernder Jungfrauen aufbot, die sich ganz um unser leibliches Wohl sorgten und auch dem Auge ein ums andere Mal einen besonderen Schmaus darboten, hatten ihre eigene, wohl durchdachte Sicht auf die Dinge.
Wir ließen uns bei Wein und lieblicher Musik auf einem Diwan im schönsten Raum seines Hauses nieder und er sprach zu uns: „Es kommt mir vor, als wenn der Teufel den Schöpfer hasst, wenn ich sehe, wie Papst Johannes den heiligsten Kaiser, seinen Erretter aus den Händen Berengars und Adalberts, verabscheut und hintergeht. Vom geliebten Kaiser wissen wir, dass er erkennt und tut und liebt, was Gottes ist. Er schützt die geistlichen und weltlichen Dinge mit seinem Wissen und seinem Schwerte. Aber Papst Johannes ist all diesem Feind. Er verschenkt ungerührt, was nicht seins ist, und er nimmt, wo und wie es ihm beliebt. Und ich sage Euch, verehrter Bischof Liutprand und verehrter Bischof Landward, das ist beileibe kein Geheimnis! Das Volk weiß längst über alles Bescheid.“
Ich blickte wohl gar zu ungläubig, so dass mein Gegenüber sich genötigt sah, diesen letzten Satz und einige weitere zum Beweis heranzuführen. Der gute Franco, der neben mir auf einem weniger bequemen Kissen hockte, schien sich indes für das Gerede der Erwachsenen nicht allzu sehr zu interessieren. Er wickelte unablässig eine dünne goldene Schnur um seine Finger, um sie kurz darauf wieder abzuspulen. Seine Blicke galten mehr den Jungfrauen und ihrem manchmal frivolen Gebaren, so dass ich ihn mit strengem Gebot ermahnen musste, sich in seinem Interesse ein wenig zurückzunehmen. Ich ließ ihm einen Teller mit Obst und einen Krug Bier bringen, damit er sich auf diese Art etwas amüsieren und ein wenig Zerstreuung finden konnte.
Sodann fuhr Stephanus fort: „Wie man zuletzt hörte, war Johannes für die junge Witwe eines Dienstmannes, den er zuvor aus ganz nichtigen Gründen ermorden ließ, in blinder Leidenschaft entbrannt. Er verfolgte die arme Frau über viele Städte hinweg und ließ ihr goldene Kreuze und Kelche, welche doch eigentlich dem unantastbaren Schatze des Heiligen Petrus zugehören, als Geschenk zukommen. Und noch etwas: Die Frau Stephana, seine Geliebte, verlor bei der Abtreibung einer von ihm empfangenen Leibesfrucht vor kurzem das Leben! Bedenkt nur, edle Bischöfe: Der Lateranensische Palast, einst der Wohnort heiliger Männer, ist jetzt der Tummelplatz unzüchtiger Weiber! Denn dort haust als sein Weib die unzüchtige Schwester einer anderen Beischläferin, genannt Stephania.“
Erneut wandte ich mich zu meinem Schüler um, der sich bei der Erwähnung der Weiber im Lateranensischen Palast wohl ebenso an unseren kürzlichen Besuch erinnert gefühlt haben dürfte wie ich. Unsere Blicke kreuzten sich für einen Moment vielsagend. Stephanus brachte noch weitere Beispiele der Verrufenheit und Lasterhaftigkeit, denen sich der Papst mit jedem neuen Jahr seiner Amtszeit immer offener und verschwenderischer hingab. Er berichtete ebenso von grauenhaften Taten, die der Papst noch vor wenigen Tagen an Ehefrauen und Witwen vollbringen ließ, deren Männern er auf die eine oder andere Art Gewalt und Tod angetan hatte, um sie gefügig zu machen. Mich erschauerte das Gehörte derart, dass ich nicht einmal in der Lage war, es mir in meinem inneren Bilde vorzustellen.
„Der Tod herrscht in den Kirchen!“, fuhr er in Eifer entbrannt fort. „Allerorten stürzen ihre Dächer ein. Uns ängstigt das morsche Gebälk, wie es knarrt und knirscht. Das Regenwasser kommt nicht etwa tropfenweise, sondern wie ein Platzregen auf die geheiligten Altäre hernieder! Er behindert uns, die wir viel zu bitten haben in diesen Zeiten und zwingt uns, das Haus des Herrn so schnell wie möglich wieder zu verlassen.“
Stephanus hatte sich mit der Zeit und dem Wein so in Rage geredet, dass es ihm schwerfiel, einen anderen Sinn zu finden. Er hatte es denn auch verstanden, mir einen guten Eindruck zu vermitteln, warum zwischen dem Herrn Papste und dem Heiligen Kaiser eine solche Feindschaft herrschte wie in der Natur zwischen Wolf und Lamm. Noch am Ostertag des Jahres 962 hatte der Papst Johannes XII. in schönster Einhelligkeit mit dem Kaiser dessen Krönung vollzogen. Die beiden Männer waren trotz des großen Altersunterschiedes von beinahe dreißig Jahren durch eine enge Freundschaft verbunden. Sie war aber nur von kurzer Dauer. Ich verstand, dass der ungeheure Machthunger des Kaisers Otto und seine immer wieder aufflammenden Herrschaftsansprüche in der Provinz Capua und im Benevent6), welche jedoch dem oströmischen Reiche des mächtigen Kaisers Nikephoros untertan waren, den Papst verdrießlich machten und ihn nun umso mehr um seine eigene Position fürchten ließen. Um sich die Feindschaft des Kaisers ungestraft erlauben zu können, machte er sich den mächtigen Berengar von Ivrea und dessen gierigen Sohn Adalbert zum Vormund, zum Beschützer und Verbündeten.
Kaiser Otto, der von dem unerwarteten Kurswechsel des noch jungen Papstes zunächst überrascht war, brachte schon kurz darauf väterliches Verständnis für ihn auf: Er sei noch ein Kind, sagte er zu mir, er werde leicht durch das Beispiel guter Männer zu bessern sein. Und er hoffe noch, fügte er hinzu, dass jener sich durch einen Tadel in Ehren und freimütige Ermahnung mühelos von diesen argen Dingen freimacht.
Doch schon bald waren die Prioritäten für den Kaiser anders gesetzt. Vor der Hand forderte die Reihenfolge, den untreuen Berengar aus den Bergen zu vertreiben, da er sich noch in der Feste San Leo hielt, dann erst wollte er dem Herrn Papste mit väterlicher Ermahnung zureden. Wenn nicht aus freien Stücken, so fügte er dem Gesagten hinzu, so wird der Papst doch aus Scham sich in einen vollkommenen Mann verwandeln. Und wenn er so vielleicht gezwungenermaßen bessere Sitten annimmt, so wird er sich schämen, sie wieder abzulegen. Ich stimmte dem Erhabenen Kaiser zu und machte mich, wie oben beschrieben, mit dem Bischof Landward und den anderen auf den Weg nach Rom, um zu sehen, was wir für ihn ausrichten konnten.
Als die Stunde des nächsten Tages nahte, in der wir erneut vor den Papst treten sollten, um unsere Gesandtschaft zu erfüllen, wurden wir vom Diener Salek direkt vor der Herberge in Empfang genommen. Der Guten-Morgen-Gruß, den er uns etwas mürrisch entbot, war überhaupt das erste Wort, welches er an mich richtete. Nun gut, er mochte uns offenbar nicht, wir ihn aber auch nicht. So taten wir uns wenigstens nichts, da wir das nun voneinander wussten.
Zu meiner und auch Bischof Landwards allgemeiner Überraschung war der Herr Papst auch bei diesem Empfang nicht allein anwesend. Aber weniger dieser Umstand, als vielmehr die erstaunliche Tatsache, um wen es sich bei seinem Besucher handelte, vermochte uns wahrhaftig zu verwundern. Kein anderer als Adalbert von Ivrea, Sohn des Berengar und der Willa, saß seitlings des in goldenem Samte glänzenden Papstthrones auf einem bequemen Stuhle, welcher aber nicht dem Papste, sondern uns zugewandt war, so als wäre er nicht Gast, sondern Gastgeber in diesem Hause.
So kam es, dass wir unsere Ehrerbietung gegenüber dem Herrn Papste in gewisser Weise auch an ihn richten mussten, denn wie es sich gehört, verneigten wir uns tief und lange vor dem obersten Bischofe. Adalbert nahm es mit sichtbarer Genugtuung und Freude auf, worunter ich sehr litt. Dem braven Franco jedoch machte dies nichts aus – er lächelte einfach zurück.
Johannes XII. forderte sodann Bischof Landward auf, des Kaisers Anliegen nun vorzutragen. Der brave Bischof begann etwas umständlich mit der Einleitung, bevor er ein Schriftstück entrollte und daraus des Kaisers Botschaft verlas:
Dass der Papst sich zu bessern und sein Betragen zu ändern verspricht, dafür sage ich ihm meinen Dank. Wenn er mich aber beschuldigt, mein Versprechen nicht gehalten zu haben, so urteilt selbst, ob das wahr ist. Wir versprachen ihm das ganze Gebiet des Heiligen Petrus7), welches in unsere Gewalt kommen würde, zurückzugeben. Und das ist der Grund, weshalb wir uns jetzt darum bemühen, den Berengar mit seinem Anhang aus dieser Festung zu vertreiben. Denn wie sonst können wir ihm dieses Gebiet zurückgeben, wenn wir es nicht vorher den Händen der Räuber entreißen und in unsere Gewalt bringen? An der Festnahme des Zachäus in Capua trifft uns ebenso wenig eine Schuld. Wir wissen aber auch, dass der Herr Zachäus, obwohl er ein verworfener Mensch ist, der göttliche und menschliche Schriften nicht kennt, vom Herrn Papste erst kürzlich zum Bischof geweiht wurde, jetzt aber zu den Ungarn abgesandt ist, um ihnen zu predigen, dass sie über uns herfallen sollten. Dass der Herr Papst solches getan hat, würden wir nicht glauben, wenn es nicht durch einen Brief mit seiner Bleibulle und seinem Namenszuge bestätigt würde.
Als wir dies der Ordnung gemäß vorgetragen und beeidet hatten, sahen wir weder Einsicht bei dem Herrn Papste noch beim Herrn Adalbert. Schon bei der Erwähnung des Berengars sah ich in den Zügen Adalberts eine verabscheuungswürdige Grimasse, die der Papst mit einer ebenso entsetzlichen Geste beantwortete. Ich konnte dem Adalbert dies nicht verdenken, denn schließlich hört niemand gern Unbilliges über seine engsten Verwandten. Aber dem Herrn Papste verüble ich dies sehr wohl!
Johannes XII. schickte uns hinaus, um sich mit seinen Getreuen und seinem neuen Kumpan zu beraten. Auch dies war ein sehr ungebührliches Verhalten, wie mir Bischof Landward, der ebenfalls sehr kundig und geübt in gesandtschaftlichen Angelegenheiten war, bestätigte. Als wir ohne jede Form durch die verschlossenen Türen wieder hereingerufen wurden, standen neben Adalbert auch der Camerlengo Salek und zwei Männer des römischen Klerus beim Herrn Papste, die ich zuvor nicht gesehen hatte. Ich suchte den Raum nach dem Kanzler Leo ab, konnte ihn aber nirgends entdecken.
Der Herr Adalbert teilte uns mit, dass er dem heiligen Kaiser seine Versprechungen und Eide nicht glauben werde und dass er aus sicherer Quelle wisse, dass der Kaiser auf Rom marschieren werde, kaum, dass er den von Gottes Gnaden einzigen und gerechten König von Italien, wie er seinen Vater Berengar benannte, verjagt oder, was der Herr verhindern möge, gar Schlimmeres angetan hätte. Die anwesenden Kleriker nickten stumm und auch der Papst stimmte dem ohne ein weiteres Wort zu, womit klar war, dass unsere Gesandtschaft an diesem Punkte gescheitert war. Landward und ich sahen uns einige Augenblick lang unschlüssig an, aber genau genommen war er ebenso überzeugt davon, hier nichts mehr ausrichten zu können. Was uns blieb, war nur der Rückzug.
2. Kapitel
In den folgenden Tagen, wir waren inzwischen eiligst und unversehrt zum Kaiser zurückgekehrt, regten sich das Herz und der Verstand des römischen Adels. Sie verabscheuten den jungen Papst und tadelten seinen Lebenswandel aus tiefster Seele. Zunächst aber suchte eine drückende, ganz außergewöhnliche Hitze die Stadt heim und der Gestank in den Vorstädten muss zu dieser Zeit noch unerträglicher gewesen sein. Für zwei Wochen verfiel alles in eine schlafende Starre. Als die Wiederkehr des Gestirns der Jungfrau die Hitze wohltätig linderte, erwachte der Lebensgeist der Stadt wieder. Die adligen Römer bemächtigten sich des Kastells Sankt Paulus und sandten dem geheiligten Kaiser ganz offen und sogar unter Stellung von Geiseln eine höfliche Einladung. Der Kaiser sammelte hierauf sein Heer und bezog am dritten Iden des November8) sein Lager vor der Stadt Rom.
Kaum, dass er angekommen war, entflohen miteinander der Herr Papst und der Herr Adalbert. Die adeligen Herren von Rom aber nahmen noch am gleichen Tage den geheiligten Kaiser und sein ganzes Heer in der Stadt auf, erneuerten ihr Treuegelöbnis und schworen überdies einen feierlichen Eid, dass sie niemals einen Papst wählen noch weihen lassen wollten ohne die Zustimmung und Bestätigung des gerechten und erhabenen Kaisers Otto und seines Sohnes, König Otto.
Franco und ich kehrten in Ottos Gefolge nach Rom zurück. Wir bezogen die gleiche Herberge wie schon zuvor und wurden vom edlen Herrn Stephanus de Imiza und seinem Bruder Rikhardus erneut auf das Herzlichste begrüßt, was mich persönlich sehr erfreute, weil es mir die Verheißung auf viele weitere gelehrte und ausgezeichnete Gespräche bei gutem Essen, Wein und Tanz brachte.
Zur Mittagszeit des darauffolgenden Tages klopfte Salek, der Kammerdiener des Herrn Papstes, unerwartet an das Tor unserer Herberge. Rikhardus öffnete ihm und geleitete ihn eine Treppe hinauf, wohin Franco und ich einquartiert worden waren. Ich hatte seine Ankunft bereits bemerkt.
Der Salek war ein gedrungener Bursche, kaum dreißig Jahre alt, so schätzte ich. Von seiner Größe her lag er zwischen der Francos und der meinigen, aber er bewegte sich ständig mit nach vorn geneigtem Kopfe, als trüge er schwer an der Last seiner Gedanken. Sein kurzes und zotteliges Kraushaar war sicher voller Ungeziefer, weshalb ich wohl gut daran tat, mich von ihm ein wenig fernzuhalten. Auch seine Kleidung zeugte nicht von erlesenem Geschmack. Ich fürchtete fast, ihm läge nicht viel daran, nach außen hin eine gute Erscheinung abzugeben, wie es sich für einen Mann seines Amtes gebührte. Als er so die Treppe hinaufkam, blickte ich ihm für einen kurzen Moment in die finsteren Augen. Sogleich wich er mir aus und verlangsamte seinen Schritt, um ihn dann, wiederum mit gesenktem Kopfe, umso schneller fortzusetzen. Mir fiel auf, dass er entsetzlich nach Knoblauch und schlechtem Schweiße stank.
„Der Papst verlangt nach dem Knaben“, sagte er ohne Umschweife und ohne eine Form von Höflichkeit.
„Das kann er nicht“, erwiderte ich etwas unbedacht, denn ich wusste, dass er dies sehr wohl tun konnte, wann immer ihm danach gelüstete. Um meinem Ausspruche zumindest ein wenig mehr Legalität zu verleihen, fügte ich hinzu: „Der Junge ist Teil unserer kaiserlichen Gesandtschaft, er kann nur mit mir oder dem Bischof Landward gemeinsam vor den Heiligen Vater treten.“
Salek sah mich aus seinen dunklen Augen mit erkennbarer Verachtung an. „Ich tue, was mir gesagt wird. Schickt den Knaben heute zur vierten Abendstunde gewaschen und in festlichem Aufzuge vor das Tor. Ich werde ihn hier abholen. Tut Ihr das nicht, wird er geholt werden.“
Daraufhin händigte er mir ein reich besticktes orangegelbes Festgewand aus, welches wohl für den Jungen gedacht war, drehte sich auf dem Absatze und stapfte finster die Treppe hinab, ohne noch ein weiteres Wort oder einen Gruß an mich oder einen der Umstehenden zu richten.
„Sagt, Herr Salek“, rief ich ihm hinterher, „wie kann der Papst nach dem Jungen verlangen, wenn er doch gar nicht mehr in der Stadt ist? Ist sein überstürzter Ausflug ins Umland denn so schnell beendet?“
Der Salek verlangsamte seine Schritte, drehte sich um und funkelte böse hinüber. „Ihr solltet mehr Bedacht auf die Wahl Eurer Informanten legen, Bischof! Manch einer hat in diesen Zeiten schon für weniger seine Zunge verloren.“
Es bedurfte nicht einmal der darauffolgenden abfälligen Geste, um zu wissen, wen er damit meinte.
„Ich hasse ihn“, flüsterte ich.
„Ja, er ist schon ein gemeiner Dreckskerl“, sagte Rikhardus, als Salek kaum das Tor passiert hatte, aber so laut, dass nicht nur ich es hören konnte.
Natürlich wusste ich sofort, was diese Einladung des Papstes zu bedeuten hatte. Mir war während unserer Audienz nicht verborgen geblieben, welche begehrlichen Blicke er auf meinen jungen Schüler richtete. Und ich gestehe auch, dass dies kein Gedanke war, der mich in irgendeiner Weise beruhigen konnte. Als ich mich umdrehte, bemerkte ich, dass Franco hinter mir im Türrahmen stand.
„Meister?“, fragte er mit sanfter Miene, nachdem ich die Tür geschlossen hatte. „Ihr seht sehr besorgt aus. Was hat der Camerlengo von Euch gewollt?“
Mit einer Geste gebot ich ihm, Platz zu nehmen und versuchte indes, meine Gedanken zu ordnen. Franco war ein guter Junge. Er tat, wie ihm geheißen und wartete geduldig, was ich zu sagen hätte. Aus den Augenwinkeln musterte ich ihn aufmerksam und fragte mich, wie viel von dem kurzen Gespräch er wohl mitbekommen hatte. Sollte ich ihn zu seinem Schutze belügen, ihn gar verstecken? Konnte ich ihn denn überhaupt beschützen? Vor dem Papste? Vor meinem obersten und heiligsten Dienstherrn? Nein. So entschloss ich mich, nichts dergleichen zu tun. Stattdessen wollte ich ihm reinen Wein einschenken und setzte mich behutsam zu ihm.
„Der Heilige Vater will Dich sehen, Franco. Heute Abend schon“, sagte ich mit einiger Betrübnis und beobachtete, wie er es aufnehmen würde.
Franco jedoch sah keineswegs unglücklich aus.
„Aber ist das denn kein Grund zum Jubel, Meister? Der Papst ist doch sehr mächtig und stark. Ist es denn nicht gut, wenn wir ihn zu unserem Freunde haben können?“
„Nun ja, mein guter Franco. Das wäre wohl durchaus ein guter Grund zum Jubel. Nur leider glaube ich nicht, dass wir aus dieser Beziehung, wie ich es einmal nennen möchte, irgendeinen Vorteil werden ziehen können. Meine Erfahrung sagt mir, dass er Dich nicht eingeladen hat, um Dich nach Deiner Meinung oder einem besonders schwierigen Ratschluss zu fragen, wie es unter Freunden recht schicklich wäre.“
„Meister, Ihr sprecht davon, als wolltet Ihr mich nicht begleiten?“
„Ja, Du hast recht gehört, Franco. Der Papst hat seine Einladung nur an Dich gerichtet. Weder ich noch der Landward werden Dich dorthin begleiten können.“
„Wünscht er denn nicht, Euren Rat zu hören?“
„Oh, nein. Nicht dieser Papst! Für das, was er vorhat, wäre mein Ratschluss nur hinderlich.“
„Das verstehe ich nicht, Meister.“
Ich stöhnte leise, wusste aber keine passende Erwiderung.
Franco lief ein paar Schritte in der Kammer auf und ab. Seine Miene hellte sich plötzlich auf. Er schien nun ob dieser Nachrichten recht freudig erregt zu sein und einer ehrenvollen Aufgabe entgegenzusehen.
„Ich kann sicherlich nicht so gut argumentieren und disputieren wie Ihr, verehrter Bischof Liutprand“, sagte er, „aber ich will gern meinen Teil, so gut ich kann, leisten, wenn Ihr es wünscht.“
Er hatte wirklich keine Ahnung.
Ich forderte ihn auf, sich wieder zu mir zu setzen und legte meine Hand behutsam auf seine Schulter. „Und Du hast keine Vorstellung, weshalb der Herr Papst nach Dir geschickt haben könnte?“, vergewisserte ich mich.
Franco verneinte arglos, was die Aufgabe für mich nicht eben leichter werden ließ.
„Wie Du sicherlich vernommen hast“, begann ich, „ist er den weltlichen Dingen weit weniger abgeneigt, als er sollte. Er betreibt die Hurerei und allerlei sündigen Frevel in den Gemächern des Lateranensischen Palastes. Seine Begierden sind manchmal wider die Natur, musst Du wissen. Man sagt, er treibt es nach Art der Hunde und hat ungehörigen Verkehr.“
„Wie meint Ihr das, Meister?“
Ich zögerte gewiss etwas zulange und es war mir eine abscheuliche Qual, dem armen Jungen all dies in den Einzelheiten beschreiben zu müssen, glaubte aber, in diesem Falle keine andere Wahl zu haben, damit er wisse, worauf er sich einließ, wenn er der Einladung des Papstes Folge leistete. Und dass er genau dies tun musste, stand außer Zweifel.
„Wir Männer des Glaubens“, erklärte ich deshalb umständlich, „haben die Enthaltsamkeit und die Zügelung unserer Begierden und Lüste zu unserem hohen Ideal erhoben. Wie Du weißt, steht für uns die Liebe zu Gott und die völlige Hingabe im Glauben an ihn weit höher als die profane Befriedigung von Lustgefühl und Triebhaftigkeit. Deshalb haben wir der gemeinen Fleischeslust und auch dem Institut der Ehe abgeschworen. Aus gutem Grund also. Denn wir verstehen die Fleischeslust als Folge des Verlustes der paradiesischen Unschuld. Überdies steht in der Bibel geschrieben, dass der Beischlaf mit dem Weibe allein der Zeugung dienen solle. ‚Seid fruchtbar und vermehret euch!’ steht dort, womit gemeint ist, dass der Beischlaf mit dem Weibe ohne eine Ehe wider die Natur ist und ein Zeichen von Triebhaftigkeit und Gottlosigkeit. Verstehst Du das?“
Franco nickte verständnisvoll, so als könne er spüren, welche Nöte mir dieses Gespräch innerlich bereitete.
„Nun hat der Herr Papst, wie es offensichtlich ist, eine andere Meinung. Er schert sich nicht um sein Seelenheil, versündigt sich gegen den Herrn und gegen das Fleisch. Er schart lasterhafte Weiber um sich, treibt Sodomie und schlimmere Dinge, von denen ich hier nicht sprechen kann.“
„Aber dann droht doch mir keinerlei Gefahr, Meister Liuzo! Ich bin kein Weib!“
„Oh, mein armer Junge“, klagte ich. „Wie kann ich Dir nur begreiflich machen, welches Schicksal Dich erwartet, wo Du doch selbst von den einfachsten Dingen nichts weißt?“
Franco jedoch schien immer noch ohne jede Sorge. Anstatt sich selbst in höchstem Maße zu beunruhigen, versuchte er, mir die Furcht zu nehmen.
„Ängstigt Euch nicht um mich, Meister Liuzo“, sagte er. „Ich werde sorgsam darauf achten, nicht der Sünde, wie Ihr sie mir beschrieben habt, zu verfallen.“
Ohnmächtig stöhnte ich auf. Was konnte ich nur tun, um das kommende Unheil abzuwenden? Die Stunde nahte, zu der Franco sich bereithalten sollte, und ich wusste keinen Weg, wie ich es hätte verhindern können noch wie ich ihm die Gefahr, in die er sich offenen Herzens begab, hätte verständlich machen können.
In der vierten Abendstunde stand der Salek, wie angekündigt, vor dem großen Tore und erwartete den Jungen, der in jenes orangefarbene Gewand gehüllt war. Immer noch hatte ich den Eindruck, dass der gute Franco nicht wusste, was ihn im Lateranensischen Palast erwartete. Ein beinahe glücklich zu nennendes Lächeln lag auf seinem Gesicht, als er sich zu mir umdrehte und mir zudem aufmunternd zuwinkte. Ich indes machte mir die größten Sorgen. Ich konnte und wollte nicht zulassen, dass er in seinen jungen Jahren schon zur Verderbtheit, zur Triebhaftigkeit und zu Schlimmerem hingerissen wurde. Meine Aufgabe, die ich seinem Vater feierlich in die Hand versprochen hatte, war, ihn zu beschützen, auf sein Seelenheil Acht zu geben und ihn nach besten Möglichkeiten auszubilden. Keinesfalls wollte ich auch nur eines davon auf eine so schändliche und unwerte Art preisgeben. Ich war fest entschlossen zu verhindern, was zu verhindern war.
Als Salek und Franco außer Sichtweite waren, schlüpfte ich in meine besten Sandalen und folgte ihnen. Ich musste sie nicht sehen, um zu wissen, welchen Weg sie nahmen. Salek wählte immer den kürzesten und direkten Weg, denjenigen, der ohne Umschweife zum Ziele führte. Ich entschied mich deshalb für einen anderen, der zwar mit einiger Verzögerung, aber ebenso sicher zum Palast führte. Auf die Verspätung mochte es in diesem Falle nicht ankommen, dessen war ich gewiss, weil der erste Teil dieser unheiligen Gesellschaft ganz sicher ein ausgiebiges Mahl bei Wein und Tanz sein würde. Und dieses beneficium sollte Franco ruhig und in Freuden genießen können.
Als ich den päpstlichen Palast erreichte, war bereits die Dämmerung über die Stadt hereingebrochen. Aus einer seitlichen Gasse kommend, nahm ich die breite Straße zum großen Portale und wurde zu meinem beträchtlichen Erstaunen von der Palastwache schroff abgewiesen, noch bevor ich etwas zu meinem Begehr sagen konnte. Beinahe schien es mir, als sei mein heimlicher Besuch bereits erwartet worden. Ich stellte mich den Männern sodann als Abgesandter des Kaisers Otto vor und verlangte, noch in dieser Stunde in dringender gesandtschaftlicher Angelegenheit zum Papste vorgelassen zu werden.
„Wir haben den Befehl, Euch nicht hereinzulassen, Bischof Liutprand“, sagte eine der Wachen. Ich war darüber sehr beunruhigt und begann, auf die bewaffneten Männer einzureden, als würde ich sie damit überzeugen können, ihrem Befehl abtrünnig zu werden. Alle Reden halfen nichts, ich fiel auf die Knie, bat und flehte, allein die Männer blieben stur und verwehrten mir den Weg, ebenso die Wachen am seitlichen Portale, wo ich einen weiteren Versuch wagte, in den Palast zu gelangen. In mir machten sich Verzweiflung und Verdruss breit. Wie sollte ich Franco aus den Händen dieses Ungeheuers retten, wenn es mir nicht einmal gelang, in seine Nähe zu kommen?
Die Türen dieses Hauses waren offenbar ausdrücklich für mich verschlossen worden.
In meiner Verzweiflung umrundete ich den Palast, demütig betend und still hoffend auf einen anderen Weg hinein. Vielleicht gab es ja eine versteckte Tür oder einen geheimen Kellergang? Alles, was ich fand, war eine kleine Pforte, die wohl zur Küche führen mochte. Sie war kaum groß genug, einen Korb mit Gemüse hindurchzureichen, für einen gut gebauten Mann wie mich indes viel zu klein bemessen. Die Pforte war nicht bewacht und mein Klopfen verhallte ungehört. Es war wohl auch niemand dahinter, der mir hätte aufmachen können. Ich warf mich mit allen mir zur Verfügung stehenden Kräften dagegen, aber zu allem Übel war sie stark genug, meinem Begehren standzuhalten.
Da ich nun keinen weiteren Weg mehr wusste, wie mir und ihm zu helfen war, machte ich mich gesenkten Hauptes auf den Weg zurück zur Herberge. Schreckliche Vorwürfe ob meines Versagens quälten mich und ich schalt mich wegen meiner Naivität. Natürlich hatten der Papst und sein unsäglicher Diener Salek für den Fall vorgesorgt, dass ich meinen jungen Schüler begleiten wollte.
Ich hätte es wissen müssen.
Gerade als ich in die dunkle Gasse abbiegen wollte, aus der ich gekommen war, begegnete mir der gute Leo, der Kanzler des Herrn Papstes. Ganz plötzlich und wie von Gott selbst gerufen stand er vor mir und schien ebenso überrascht zu sein wie ich von unserem Aufeinandertreffen an diesem ungewöhnlichen Orte. Ich pries ihn und den Herrgott in seiner unendlichen Gnade und Weisheit und dankte ihnen beiden, was Leo mit einigem Unverständnis annahm. Für lange Erklärungen war jedoch nun keine Zeit mehr. Ich bat ihn, mich auf einem geheimen Wege in den Palast zu führen, da ich mit den Wachen nicht gut rechnen konnte. Auch erklärte ich ihm, dass ich eine wichtige Mission zu erfüllen hätte und meinen braven Schüler Franco aus den Händen des päpstlichen Ungeheuers erretten musste. Leo zog die Augenbrauen hoch, weil meine Erklärungen in seinen Ohren doch etwas verwirrt geklungen haben mochten, aber ich drängte ihn zur Eile und er folgte meinem Wunsche in altem Vertrauen, dass ich gewiss nichts Unrechtes vorhatte. Für dieses Vertrauen bin ich ihm, meinem guten Freund Leo, noch heute außerordentlich dankbar. Es hat mir in vielen schweren Stunden der Angst und der Verzweiflung neuen Mut und neue Hoffnung gegeben.
Leo öffnete mir die hintere Pforte, die tatsächlich zur Küche führte, welche aber um diese Zeit leer und kalt war. Ich dankte ihm auf das Herzlichste und verabschiedete mich hier von ihm, da ich nicht befürchten musste, dass die restlichen Wachen ebensolche Instruktionen erhalten hatten. Im oberen Stockwerk fand ich die unbewachte Tür zu den päpstlichen Gemächern. Vorsichtig öffnete ich einen der mit schwerer Bronze beschlagenen Flügel und trat ein, so leise und demutsvoll ich es vermochte. Aus dem hinteren Raume hörte ich die vertrauten Stimmen des Papstes und meines Schülers. Sie unterhielten sich angeregt, wobei ich sie aber nicht sehen konnte. Es roch nach Entenbraten und Knoblauch, gar lieblich zog der Duft in meine Nase. Jedoch, konnte ich sicher sein, dass sie den ersten Teil der Gesellschaft schon hinter sich hatten und zum zweiten übergegangen waren? Ich musste Gewissheit haben und mir einen besseren Platz verschaffen.
Einen Moment lauschte ich in den Raum hinein nach weiteren Stimmen. Ich hörte das Kichern der Mädchen, es mochten drei junge und eine ältere sein, den hellen und dunkleren Stimmchen nach. Ich hatte also recht gehabt. Nun musste ich noch herausfinden, wo der Salek war, ob er auch inmitten dieser unheiligen und triebhaftigen Gesellschaft herumlungerte oder ob ich jederzeit damit rechnen musste, dass er mich von hinten überraschte und mir, Gott behüte, eins mit dem Kaminschuber überzog. Nur sagte dieser krumme Hund nie etwas. Ich konnte weder seine finstere Stimme noch seinen Geruch ausmachen, weil der Bratenduft und der Knoblauch alles andere an ihm überdeckten.
Also tastete ich mich langsam voran, Deckung hinter den Säulen und Figuren aus weißem und rotem Marmor suchend und darauf bedacht, nicht zu viel Geräusch zu machen. Hinter dem vierten Pfeiler konnte ich einen vollständigen Blick auf die Szenerie erhaschen. Der Salek war nicht dabei, aber drei der vier Mädchen lagen bereits völlig unbekleidet auf dem Diwan, während sie sich gegenseitig mit Trauben und Wein befütterten und dabei genierlich kicherten. Der Papst Johannes, sein Gewand nur lose über die Schulter geworfen, und ein schmaler graubärtiger Mann, den ich schon während der Audienzen hier gesehen hatte, wandten mir den Rücken zu. Zu ihren Füßen lag ein nacktes Mädchen, wobei ich mir nicht vorzustellen vermochte, in welchen unschicklichen und gottlosen Schweinereien sie sich dort vor den Augen der anderen ergab. Mein braver Schüler saß etwas abseits, keusch und noch genauso gewandet, wie ich ihn verabschiedet hatte. Ich konnte ihn gut von der Seite sehen, sein Gesicht war gerötet und sein Atem ging flach und schnell. Es war wohl an der höchsten Zeit, dass ich einschritt und dem unseligen, wenn nicht gar teuflischen Treiben ein Ende bereitete.
Eine Stimme, die ich keinem der Männer zuzuordnen vermochte, machte sich bemerkbar. Eine sehr tiefe Stimme, nicht die des Saleks. Er sprach mit Franco und dieser antwortete ihm. Nur leider konnte ich weder des Einen noch des Anderen Worte verstehen. Offenbar war also noch ein weiterer anwesend, womit ich, wenn ich sie zählte, auf vier Männer und vier Weiber kam. Nun, Franco konnte ich schlecht der Seite der Herren zurechnen, seiner Rolle nach sollte er wohl eher eine weitere Dirne geben, womit das Kräfteverhältnis sich zu meinen Gunsten auf drei zu fünf wandelte. Ich beschloss, mich noch weiter heranzuwagen, um im entscheidenden Moment aus meinem Verstecke springen zu können und ihnen den Franco aus ihren Klauen zu entreißen, wenn es nötig sein sollte.
Nun stand der bisher unsichtbare Mann aus der Mitte auf und stellte sich mit aufgerichtetem Schwanze vor meinen braven Schüler. Franco erhob sich und ich konnte sehen, wie er am ganzen Körper zitterte. Sein festliches Gewand wurde ihm von den Schultern gestreift, womit auch er völlig nackt dastand.
Ich brach aus meiner Deckung hervor. „Beim Heiligen Benedictus! Verflucht sollt Ihr sein, Ihr Hornochsen und Ziegenböcke“, brüllte ich aus ganzer Leibeskraft und stürmte voran, wobei ich der Statue, die mir am nächsten stand, den Speer entriss und ihn wie eine Lanze vor mich hertrug. Die überraschten Männer zuckten zusammen, die Weiber kreischten, Franco schrie.
„Wisst Ihr denn nicht, was Ihr da tut? Treibt Hurerei und Sodomie und noch Schlimmeres in diesem Heiligen Palaste? Vergießt Euren Samen an einem Manne? Und Ihr wollt heilige Männer des Glaubens und die obersten Hirten der Kirche sein? Welch finsterer Teufel hat Euch dazu geritten?“
Zwei der Männer warfen sich hinter den Diwan, auf dem sich die Weiber tummelten. Einer stolperte arg über das am Boden liegende Mädchen und ließ sie mit schmerzverzerrtem Gesichte zurück, um sein eigenes erbärmliches Leben hinter einem anderen Weibe zu verstecken. Der Papst Johannes hatte sich halbnackt auf die Knie geworfen, weil ich schon zu nahe war, um noch erfolgreich fliehen zu können. Er stammelte wirres Zeug und vermutlich bettelte er um sein kärgliches Leben, welches ich mit der Lanze bedrohte. Ich gebe natürlich zu, dass ich nicht vorhatte, die Lanze als Waffe gegen ihn zu benutzen oder jemanden ernsthaft zu beschädigen. Aber schon einige Male später dachte ich mir, dass, wenn ich ein anderer gewesen wäre als der, zu dem der Herr mich gemacht hatte, ich den heiligen Herren den Teufel mit der Lanze hätte austreiben können. Franco stand mit offenem Munde und weit aufgerissenen Augen da, unfähig, auch nur ein Wort zu sagen. Ich rief ihm zu, er solle sich ohne Verweil sein Gewand anziehen, damit wir diesen unheiligen Ort auf das Schnellste verlassen könnten.
Doch zuvor wandte ich mich noch dem Herrn Papste zu. Er rutschte rücklings immer weiter nach hinten, bis er nicht mehr weiterkam, weil ihm der Wagen mit den Speisen im Wege stand. Mit grimmigstem Gesichte (ich zeigte meine Zähne, wie es die Hunde machen) sprang ich in einem Satz auf ihn zu und setzte ihm die Spitze der Lanze gegen die Brust, worauf er jämmerlich weinte und zeterte. Die Weiber kreischten aufs Neue und so laut, dass es mir in den Ohren klingelte.
„Schweigt, Ihr Elenden!“, rief ich in meinem Zorn hinüber.
„Meister Liutprand“, stammelte Franco irritiert. „Was tut Ihr da? Und warum seid Ihr hier?“
„Schweig, Junge!“, befahl ich erneut. „Schweigt alle!“
Doch Franco beachtete es nicht.
„Meister, ich erkenne Euch nicht wieder! Ihr trachtet dem obersten Bischof der Christenheit nach seinem Leben?!“
Ich sah zu ihm herüber. Immer noch unbekleidet starrte er mich ungläubig an.
Der Papst hatte die Luft angehalten und wand sich wie ein Kaninchen, was die Spitze jedoch nur tiefer in seine Haut ritzen ließ.
„Er hätte es wohl verdient“, antwortete ich und ließ den Speer ein Stück sinken. „Genau wie die anderen Herren, die sich mutig hinter den Diwan werfen und den Rücken der Weiber als Schilde benützen. Aber ich will ihnen nicht nach dem Leben trachten. Denn eine Sünde wiegt die andere nicht auf. Ich wäre nur ein schlechter …“
In diesem Moment traf mich ein Keulenschlag auf den Hinterkopf. Ich sah einen dumpfen Nebel um mich herum und fühlte, wie meine Beine mir den Dienst versagten. In letzter Verzweiflung stützte ich mich auf die Lanze, die ich wie ein Ertrinkender einen Uferhalm umklammerte. Dann verblassten alle Lichter.
Mein Erwachen erfolgte in völliger Dunkelheit. Um mich herum war es kalt und hart. Das Rascheln von Stroh und das Schaben von Leder auf nacktem Stein weckten mich vollends auf. Ich war nicht vor dem himmlischen Tore angekommen, so viel meinte ich aus meiner jetzigen Situation sicher schlussfolgern zu können. Denn wie auch immer es dort aussehen mochte, ich wollte doch mehr Licht erhoffen dürfen. Meine Augen vermochten hier nicht das Geringste zu sehen, keinen fernen Schimmer, kein wärmeverheißendes Glimmen eines Feuers oder irgendetwas sonst. Ich richtete mich auf und befühlte mein Haupt, an dem sich eine Stelle mit besonderem Eifer schmerzhaft bemerkbar machte. Jedoch außer einer kleinen Beule, die sich feucht und rissig anfühlte, konnte ich dort nichts ausmachen.
Soweit möglich, versuchte ich mich zu erinnern, aber an dem bewussten Punkte riss aller Gedanken Faden ab und verschwand im mich umgebenden Dunkel. Hatte sich der Salek doch irgendwo im Saale versteckt gehalten, wie ich es schon befürchtet hatte, oder hatten die Wachen mein heimliches Eindringen in den Palast zuletzt noch bemerkt? Eines wusste ich genau: Jemand hatte mich aus dem Hinterhalt niedergestreckt. Und meine Verlorenheit musste so lange angedauert haben, dass sie genug Zeit und Muße fanden, mich in dieses Dunkel zu verladen. Doch darum wollte ich mich später kümmern. Was mochte wohl aus Franco geworden sein, fragte ich mich besorgt. Ich hatte keine Vorstellung davon, wo der Junge jetzt steckte. Aber dennoch war ich sicher, dass sie ihm nichts antun würden, was sie nicht sowieso schon vorgehabt hätten. Und außerdem: Heimlich durfte ich wohl hoffen, dass ich den werten Herren durch mein Einschreiten die Lust an ihren frevelhaften und gottlosen Schweinereien doch ernsthaft verdorben hatte. Vielleicht hatten sie von ihm abgelassen und sich vertagt? Vielleicht war der Herrgott an diesem Tage gnädig mit meinem Schüler gewesen. Und so schloss ich ihn in meine Gebete ein.
Angestrengt überlegte ich, was nun zu tun sei, und versuchte, mich zu orientieren. Wenn es Nacht war, würde dies die Dunkelheit zumindest erklären. Die Kälte konnte die eines Kellergewölbes sein, auch die Ausstattung aus Stein und Stroh ließ dies vermuten. War ich also nächtens in einem päpstlichen Gefängnis erwacht? Mir fielen nicht viele Orte ein, die dafür in Frage kämen, zuallererst das Castello San Angelo. Dafür sprach einiges, zumal das Castello, wie allgemein bekannt war, über eine verborgene und direkte Verbindung zum Lateranensischen Palast, in dem wir uns ja zuletzt aufhielten, verfügte. Ich schabte erneut mit dem Leder meiner Sandalen auf dem Boden und versuchte, aus dem Widerhall von den Wänden auf die Größe des Raumes zu schließen. Nun ja, sehr genau mag diese Methode dem geneigten Leser nicht erscheinen, und ich möchte auch nicht als dummköpfiger Esel daherkommen, aber mir konnte sie einstweilen helfen, zumindest so lange, bis ich in der Lage war, den Raum mit eigenen Schritten zu vermessen oder ein Feuerschein ihn erhellen mochte. Bei diesem Gedanken fiel mir auf, dass ich an keiner Stelle meines Körpers angebunden war, kein Eisen, kein Strick, kein Knebel. Nacheinander rührte ich alle Gliedmaßen und freute mich umso mehr, meine Vermutung hierdurch bestätigt zu bekommen. Wenn dies jedoch ein Gefängnis war, so vermochte mich diese Erkenntnis durchaus zu verwundern.
Ganz in der Nähe vernahm ich ein leises Schluchzen. Ich spitzte die Ohren und hielt den Atem an. War das ein menschliches Geräusch oder machte sich eine Ratte an ein paar heruntergefallenen Brotkrumen zu schaffen? Das Schluchzen kam noch einmal. Ich beschloss, mich bemerkbar zu machen, um dem auf den Grund zu gehen.
„Wer da?“, fragte ich laut genug, um den Raum, wie ich ihn mir vorstellte, bis in die letzte Ecke hinein zu durchdringen.
„Ich bin es, Bischof“, antwortete eine sorgenvolle Stimme, die nicht weiter als vier Schritte entfernt sein mochte.
„Franco? Oh, welch Freude, Dich hier zu haben!“, rief ich aus, bemerkte aber sofort, dass die Freude diesmal nur auf meiner Seite war. Franco antwortete nicht.
„Wie ist es dir ergangen, mein Junge? Sag, haben Dich diese Hornochsen unversehrt ziehen lassen?“
Erneut antwortete er nicht. Aber ich wollte mich davon jetzt nicht entmutigen lassen. Ich wusste, dass ich das Richtige für ihn und für mich getan hatte.
„Sag, mein guter Junge“, begann ich erneut, „wo sind wir hier? Vermute ich richtig, dass sie Dich und mich ins Castello gebracht haben?“
Jetzt bewegte er sich.
Ich hörte das Rascheln von Stroh und das Schaben von Leder auf bloßem Stein.
„Ich weiß nicht. Sie haben mir die Augen und die Hände gebunden.“
„Die Augen und die Hände, sagst Du? Bist Du jetzt immer noch gefesselt?“
„Nein, hier ist es doch dunkel genug. Wozu noch eine Augenbinde?“, antwortete er trotzig.
Ich überhörte den ungewöhnlichen Unterton in seiner Stimme. „Ja, da hast Du natürlich recht, mein lieber Junge. So meinte ich die Frage auch nicht. Ich wollte eigentlich nur wissen, ob Du Dich frei bewegen kannst.“
Die Antwort kam prompt und klang noch ein wenig patziger als zuvor.
„Dort oben konnte ich mich jedenfalls dreimal freier bewegen!“
„Dort oben?“
„Beim Herrn Papste!“
Ich schluckte. Meinte Franco das wirklich im tiefen Ernst?
„Der Herr Papst ist ein Scheusal, ein Waldteufel“, sagte ich betont leise und mit so wenig Emotion, wie es mir möglich schien. „Er huldigt der Hurerei und Sodomie! Er versündigt sich gegen Gott und gegen das Fleisch. Du hast doch mit eigenen Augen gesehen, was die verhurten Weiber vor seinen und aller Augen getrieben haben. Und solltest nicht gerade Du Deinen Arsch herhalten, als ich, Gott sei Dank gerade noch rechtzeitig, hinzukam und beherzt einschritt?“
„Der Herr Papst ist ein guter Mann! Und seine Freunde waren sehr nett zu mir“, sagte er höchst vorwurfsvoll.
„Ja, das will ich gern glauben, mein Junge“, stieß ich so laut heraus, dass es in meinem Kopfe schmerzte. „Die Herren sind immer so lange nett und freundlich, bis sie bekommen haben, was sie wollten. Aber danach bist Du für sie nichts weiter als ein Knochen, von dem sie alles Fleisch abgenagt haben. Sie werfen Dich mit den anderen Knochen, den gemeinen Dirnen, in die Ecke, wo sich dann die Hunde über Dich hermachen dürfen. Du solltest mir wirklich in höchstem Maße dankbar sein, dass ich Dich aus diesem Sündenpfuhl errettet habe! Stattdessen machst Du mir Vorwürfe.“
„Sie haben mir nichts getan!“
„Sei nur froh dazu!“
„Wie sollte ich froh sein, einen solchen Freund verloren zu haben und stattdessen mit einem verbrecherischen assassine in einem Kerker zu sitzen?“
Ich konnte kaum glauben, was ich da hörte. Hatte er mich einen assassine, einen Mörder genannt? Ich weiß auch heute nicht einmal zu sagen, welche der beiden Aussagen dieses dummen und unbelehrbaren Jungen mich mehr aus der Fassung warf? Er sagte, dass er einen Freund verloren habe. Hieße das, der Papst sei sein Freund gewesen und nun tot und ich hätte ihn auf dem Gewissen? Ich mochte das nicht glauben, aber andererseits erinnerte ich mich, die Spitze der Lanze in ebensolcher Absicht auf seine Brust gesetzt zu haben. Aber dann kam ich nicht weiter. Der Faden war gänzlich abgerissen.
Mich einen Meuchelmörder zu nennen war eine empfindliche Ungezogenheit! Mich, den Cremoneser Bischof von des Kaisers Gnaden, seinen sorgenvollen Beschützer und liebevollen Lehrmeister?
Doch die erste Frage interessierte mich weitaus brennender und ich musste es jetzt wissen.
„Ist der Papst tot? Habe ich ihn getötet?“, fragte ich, ohne weiter auf seine Beleidigung einzugehen.
„Tot? Nein! Der Papst hat Euer Attentat gottlob unverletzt überstanden. Was für ein Assassin seid Ihr, wenn Ihr das nicht wisst?“
Ich bekreuzigte mich und rief: „Der Herr ist mein Zeuge! Ich bin kein Mörder, Franco! Nicht einmal anrühren wollte ich den Papst! Kein Haar wollte ich ihm krümmen! Bei Gott, er sollte nur Dich in Frieden ziehen lassen!“
Franco antwortete nicht mehr.
Vermutlich glaubte er mir keines meiner Worte und war bitterböse über die Wendung, die ich herbeigeführt hatte. Es gelang mir auch in den darauffolgenden Stunden nicht, ihn von meinen guten Absichten zu überzeugen, und schließlich gab ich es dann auf.
„Mein armer Junge! Was haben diese Teufel nur aus Dir gemacht?“, flüsterte ich entmutigt und bekreuzigte mich inniglich. Fortan schwiegen wir in unserem Kerkerloch, was den ungemütlichen Aufenthalt für mich noch um einiges unerträglicher werden ließ. Da sich das tiefe Dunkel des Raumes auch nach vielen langen Stunden (ich habe sie nicht zählen können) nicht lichtete, konnte ich nun für gewiss nehmen, dass man uns in einen Keller ohne Fenster gesperrt hatte.
Ich nutzte also die Zeit, um den Raum mit Schritten zu vermessen, wie ich es längst geplant hatte. Bei dieser Prozedur fand ich auch eine halbhohe Öffnung, die von einer beschlagenen Tür verschlossen war. Es schien der einzige Zugang zu sein. Auch hatten die Wände keine Nägel, wie sie für Fackeln oder Öllampen gebraucht würden. Ich war außerordentlich beunruhigt, je mehr ich über unseren Aufenthaltsort herausfand.
Nach einigen weiteren Stunden öffnete sich plötzlich und ohne Ankündigung die kleine Türe und eine Stimme befahl uns, herauszukommen. Im blendenden Schein einer Pechfackel stand der Diener Salek. Grimmig und wortkarg wie immer trat er auf mich zu.
„Ihr seid frei. Beide. Geht!“, sagte er, drehte auf dem Absatz um und stapfte davon. Da wir den Weg nach draußen nicht kannten, folgten wir ihm, so gut es ging.
Später erfuhr ich, dass unsere Kerkerhaft beinahe zwei Tage gedauert hatte und wir unsere schnelle Befreiung dem festen und ausdrücklichen Einspruche unseres geliebten und gelobten Kaisers selbst zu verdanken hatten. Wir waren durstig und ausgehungert wie kaum je zuvor, aber am Leben.
Dem Herrgott sei Dank!
3. Kapitel
Der große Kaiser Otto und seine Gemahlin Kaiserin Adelheid waren mit einer gewaltigen Streitmacht nach Italien gekommen, sodass es ihnen möglich war, sie ohne Besorgnis hälftig aufzuspalten und damit an zwei Orten gleichzeitig aufzutreten. Einen Teil seiner Truppen ließ der Kaiser in Rom zurück, wobei er sorgsam darauf bedacht war, die Belastungen für die Stadt durch Unterhalt und Plünderungen so gering wie möglich zu halten. Das meiste Volk Roms pries ihn dafür in hohen Worten, ein anderer, viel kleinerer Teil hatte auch daran wieder etwas zu meckern, beschimpfte und bespuckte die Soldaten auf das Übelste und trat sie mit den Füßen, bis sie sich auf ihre Art wehrten und zurückschlugen.
Es war sehr unruhig in diesen Zeiten. Schnell konnte man in einen Tumult geraten, ganz ohne eigenes Verschulden.
Währenddessen gelang es dem Kaiser mit der anderen Hälfte der Armee, die Bergfeste San Leo einzunehmen und den Berengar samt seiner gierigen Frau Willa gefangen zu nehmen. Dies sollte ein Glückstag für alle Bewohner des Reiches sein, bedeutete die lebendige Festsetzung der Rebellen doch nicht nur das Ende des unseligen Krieges, sondern auch einen guten Ausgangspunkt, um den mächtigen Freunden des Königs mit Vernunft und Augenmaß Verhandlungen über die Zukunft Italiens anzubieten.
Kaiser Otto und Kaiserin Adelheid waren sich nach Gottes Willen durchaus im Klaren darüber, dass der Frieden nur so lange hielt, wie sie selbst hier vor Ort waren, wenn es ihnen nicht gleichzeitig gelang, die wichtigsten Machtpositionen südlich der Alpenberge mit loyal gestimmten Anhängern zu besetzen. Dass diese nur aus den Reihen der lothringischen oder italischen Herrscherfamilie kommen konnten, wagte niemand in Zweifel zu ziehen. Kaiserin Adelheid sollte hierbei als Witwe des verstorbenen Königs Lothar II. und damit Erbin des italischen Thrones eine besondere Rolle spielen.
Allein Berengars und Willas aufrührerischer Sohn Adalbert von Ivrea ließ sich nicht einfangen. Er versteckte sich allerorten, tauchte hier und da auf (man sah ihn auf Korsika und Sardinien ebenso wie in der Ebene des Eridanus9) und in Rom) und scharte beständig neue Truppen um sich, mit denen er Unruhen anstiftete und das römische Volk gegen den Besetzer, wie er den großen und gerechten Kaiser nannte, aufhetzte.
Auf Bitten der römischen Bischöfe und des Volkes von Rom, welche den unwürdigen Papst Johannes XII. nicht länger ungestraft sehen wollten, versammelte sich in den Nonen des Novembers in der Kirche des Heiligen Petrus eine große Anzahl heiliger Männer und hoher Herren der Stadt in Gegenwart des Erhabenen Kaisers. Meine geringe Niedrigkeit selbst zählte zu den Versammelten, woraufhin ich mit gutem Wissen sagen kann, dass sich an die vierzig Bischöfe und Erzbischöfe, viele Dutzende ehrwürdiger und heiliger Brüder aus allen Teilen Italiens und des Reiches, auch die vornehmste Spitze des römischen Adels mit Demetrius Meliosi, Crescentius Caballi marmorei und weiteren ehrenwerten Herren, hier eingefunden hatten.
Der Patriarch Ingelfred von Aquileja, den eine in Rom plötzlich ausgebrochene Krankheit ergriffen hatte, sandte als seinen Statthalter den Diakon Rudolf, und ich musste mich nach einem kurzen Gespräch mit dem Diakon ernsthaft um den ehrwürdigen Ingelfred sorgen.
Ich sah viele der mir bestens vertrauten Brüder, so die Erzbischöfe Waldpert von Mailand, Petrus von Ravenna und aus Sachsen den Adeltac, überdies die Bischöfe von Parma, Reggio, Pisa, Siena, Florenz, Pistoia, Camerino, Spoleto, alle Bischöfe aus dem römischen Sprengel, dann die von Gallese, Civita Castellana, Alatri und Orte, von Trevi und Terracina, Forum Clodii und Ferentino, den Landward von Minda und den Otger von Spira. Viele weitere Namen und Orte könnte ich aufzählen, Kardinäle und Anwälte, Werkmeister, Vorsteher und Schatzmeister. Sie alle stehen für heilige und ehrwürdige Männer, die in dieser schwierigen Stunde nach Rom gekommen waren, um miteinander und mit dem Heiligen Kaiser zu beratschlagen. Der Gemeine Petrus Imperiola, Anführer der römischen Miliz, war mit einer gehörigen Abteilung seiner besten Männer ebenfalls zugegen. Besonders bemerken möchte ich aber die Anwesenheit des ehrwürdigen Herrn Leo von der päpstlichen Kanzlei, der mir stets ein besonders guter und loyaler Freund war.
Mein braver Schüler Franco war von der Heiligkeit und dem Glanze der vielen hohen Herren so bewegt und gerührt, dass er ihnen staunend und mit offenem Munde folgte, bis ich ihn zurückrief und ihm einen Platz, am Rande schräg hinter mir, zuwies. Dort setzte er sich artig und konnte seinen Blick nicht vom Kaiser wenden.
Ich hatte die ehrenvolle Aufgabe, die Worte des Kaisers, die er in seiner sächsischen Sprache sagte, an die Versammlung zu übersetzen und ebenso zurück, was die Versammlung dem Kaiser zu sagen hatte.
Als all diese werten Herren nun ihre Plätze genommen hatten und auf ein Zeichen des Heiligen Kaisers in größte Stille fielen, begann er, indem er sich feierlich erhob.
„Wäre es nicht diesem großen Moment angemessen, wenn der Herr Papst bei dieser herrlichen und Heiligen Versammlung zugegen wäre?“, fragte er in die Versammlung.
Ein Raunen und Murmeln erfüllte den Raum, bis auf sein erneutes Zeichen wieder alles Laute erstarb.
„Ich bitte Euch, hochverehrte heilige Männer, die Ihr mit ihm gelebt und gearbeitet habt, sagt mir, warum er aber einer so ansehnlichen Synode ausgewichen ist?“
Die hohen Herren entgegneten ihm darauf erstaunt, dass das wohl kein Geheimnis mehr sei. Der Papst sei keiner, der in Schafskleidern komme, inwändig aber ein reißender Wolf ist. Längst treibe er so offen des Teufels Werk, dass er auf alle Umschweife verzichte.
Nun wurden die Anschuldigungen gegen den Papst einzeln vorgebracht, wobei ich mit den Übersetzungen aller Wörter in die eine wie in die andere Richtung kaum mehr hinterherkam.
Der Kardinalpriester Petrus erhob sich aus den Reihen und bezeugte, dass er gesehen habe, wie der Papst die Messe gefeiert habe, ohne zu kommunizieren. Bischof Johannes von Narni erklärte, er wäre Zeuge gewesen, wie der Beschuldigte einen Diakon in einem Pferdestall und nicht zu der festgesetzten Zeit geweiht habe. Der Kardinaldiakon Benedictus und die übrigen Priester und Diakone sagten, nach dem Kirchenraube brauche man wohl nicht zu fragen, denn darüber belehre uns der allgemeine Augenschein besser als alle Worte. Über seine ehebrecherischen Handlungen sagten sie aus, sie hätten dergleichen zwar nicht mit eigenen Augen gesehen, wüssten aber ganz gewiss, dass er mit der Beischläferin seines Vaters, der Witwe Anna und ihrer Nichte und außerdem mit der Frau Stephana Unzucht getrieben habe. Den Heiligen Palast habe er zu einem Hurenhaus gemacht. Überdies habe er des Teufels Minne getrunken (was alle, Geistliche wie Laien, bezeugten) und beim Würfelspiel die Venus, den Jupiter und andere Dämonen um Hilfe angerufen.
Nachdem der Kaiser all dies vernommen hatte, beriet er sich mit seinen Getreuen und sagte dann: „Nun, wenn es so ist, will ich es gern glauben. Bedenkt aber, edle und heilige Herren, was wir an uns selbst schon oft erfahren haben: Männer in hohen Würden werden von Neidern und Feinden verleumdet und verrufen. Der Gute missfällt den Bösen ebenso sehr wie der Böse den Guten.“
Er machte eine Pause, um mir Gelegenheit zu geben, alles wortgetreu zu übertragen, und auch den heiligen Herren, das Gesagte gut zu verstehen.
„Und das ist der Grund“, fuhr er sodann fort, „warum uns die Anklagen, welche hier vorgebracht wurden, bedenklich erscheinen. Zweifelhaft ist uns, ob dieselben vom Eifer für das Recht oder von gottloser Missgunst eingegeben sind. Deshalb beschwöre ich, kraft der mir anvertrauten Würde, Euch alle bei Gott, den auch Ihr nicht täuschen könnt, und beim kostbaren Leichnam des Apostelfürsten Petrus, in dessen Kirche dies hier vorgetragen wird, dass niemand den Herrn Papst einer Sünde bezichtige, die nicht wirklich von ihm begangen wurde und die zudem von glaubwürdigen Männern bezeugt wurde.“
Hierauf entgegneten alle Anwesenden gleichzeitig wie ein Mann, dass sie verflucht sein wollen und am Jüngsten Tage auf eine Seite gestellt werden wollten mit jenen, denen Gott das Tor zum Himmelreiche verwehrt, wenn nicht all dies und noch viel Schlimmeres von unserem Herrn Papste Johannes tatsächlich verübt und begangen worden ist. Zum letzten Beweis führten sie noch an, was sich tatsächlich fünf Tage zuvor am Ufer des Tevere ereignet hatte. Der Papst, mit dem Schwert umgürtet und mit Schild, Helm und Panzer bekleidet, trat dem ganzen Heere des Kaisers Otto entgegen und entblößte ihnen sein Hinterteil, nur getrennt durch den Tevere-Strom, der verhinderte, dass er in diesem Aufzuge gefangen wurde. Nun schien auch der Kaiser, da er von dieser schändlichen Tat schon durch seine Heerführer erfahren hatte, überzeugt von der Schuld des Papst Johannes.
Die versammelten Herren setzten ein Schreiben an den Obersten Bischof und Allgemeinen Papst auf, in welchem sie ihm eine Vorladung schickten. Auf Wunsch des Kaisers sollte es einige der aufgeführten Anschuldigungen enthalten, aber gerade nur so viele, dass der Herr Papst sich gezwungen sähe, Argumente zu seiner Verteidigung persönlich vorzubringen und der Einladung somit folgte und nicht schon vorab verprellt würde. Die adligen und heiligen Herren stimmten dem geschlossen zu und priesen den Kaiser in seiner Weisheit und Gerechtigkeit.
Als der Papst Johannes diesen Brief erhalten und gelesen hatte, schrieb er der Heiligen Synode folgende Antwort:
Bischof Johannes, der Knecht der Knechte Gottes, an sämtliche Bischöfe. Wir haben gehört, dass ihr einen anderen zum Papste erwählen wollt. Wenn ihr das tut, so banne ich euch vor Gott dem Allmächtigen, dass ihr nicht die Macht habt, keinen zu weihen und die Messe zu feiern.
Noch bevor dieser Brief verlesen wurde, kamen weitere hohe und ehrenwerte Männer hinzu: aus Lotharingien Heinrich, der Erzbischof von Treveris, aus Emilien und Ligurien Wido von Modena, Gezo von Tortona und Sigulf von Piacenza. Mit ihrem Ratschlusse verfasste die Synode nunmehr eine Antwort an den Papst. Zunächst wurde nur festgestellt, dass der Herr Papst keinerlei begründete Entschuldigung für sein Fernbleiben von der Synode vorgebracht habe. Es ging weiter mit den folgenden Worten:
Auch enthielt Euer Brief noch etwas Anderes, das kein Bischof schreiben durfte, sondern nur ein einfältiges Kind. Denn Ihr habt alle in den Bann getan, dass sie Macht haben sollten, Messen zu singen und die kirchlichen Handlungen vorzunehmen, falls wir einen anderen Bischof auf den Römischen Stuhl setzen. Denn so steht es geschrieben: ‚dass ihr nicht die Macht habt, keinen zu weihen’. Bisher haben wir geglaubt oder sind vielmehr überzeugt gewesen, dass zwei Verneinungen eine Bejahung ausmachen. Sollte es denn so sein, dass Eure ungeheure Machtfülle auch die Lehrsätze der Grammatik aufhebe?
Wir wollen aber auf das, was Ihr habt sagen wollen, und nicht auf Eure Worte antworten. Wenn Ihr denn nun zur Synode erscheint und Euch von allen Anwürfen reinigt, wollen wir Euch wohl den gebührenden Gehorsam erweisen.
Gegeben in den neunten Kalenden des Dezembers und überbracht durch den Kardinalpriester Adrianus und den Kardinaldiakon Benedictus.
Als die beiden Abgesandten der Synode den päpstlichen Palast erreichten, trafen sie den Hausherrn nicht mehr an. Niemand konnte ihnen sagen, wo er sei, und hinter vorgehaltener Hand meinte man, er sei auf die Felder gegangen mit Pfeil und Bogen, um zu jagen. Da sie ihn also nicht finden konnten, kehrten sie unverrichteter Dinge mit dem Schreiben zur Synode zurück, die sich alsbald ein drittes Mal in dieser Angelegenheit versammelte.
Der Kaiser nahm erneut das Wort und beklagte die Unvernunft und Würdelosigkeit des Johannes: „Nun, da wir Gewissheit haben, dass er nicht kommen wird“, sagte er, „bitte ich Euch edle und heilige Herren, mit sorgsamer Aufmerksamkeit anzuhören, welche Treulosigkeit und Falschheit derjenige zeigt, über den wir zu beratschlagen haben. Wir tun Euch also kund, dass dieser Papst Johannes, als er von unseren rebellischen Vasallen Berengar und Adalbert bedrängt wurde, an uns nach Sachsen Boten gesandt hat mit der Bitte, aus Liebe zu Gott ihn selbst und die Kirche des Heiligen Petrus aus ihrem Rachen zu erretten. Nachdem aber der Papst durch meine Bemühungen aus ihren Händen befreit und wiedereingesetzt worden war, hat er, entgegen des Eides und der Treue, die er mir auf den Leib des Heiligen Petrus geschworen hat, denselben Adalbert nach Rom berufen und gegen mich in Schutz genommen. Er hat überdies allerlei Unruhe und Empörung vor den Augen unserer Krieger angestiftet, indem er am anderen Ufer des Stromes mit voller Rüstung und nacktem Hinterteil aufgetreten ist.“
Hierauf antworteten die Bischöfe und die ganze übrige Geistlichkeit, dass ein noch nie dagewesenes Geschwür mit einem entsprechenden Brenneisen ausgebrannt werden müsse. Der Kardinaldiakon Benedictus fügte hinzu: „Wenn seine Verdorbenheit nur ihm allein und nicht der Gesamtheit schadete, so müsste man ihn, so gut es ginge, erdulden. Aber wie viele, die vorher keusch waren, sind durch sein Beispiel zur Unkeuschheit gekommen? Und wie viele würdige Männer sind durch das Vorbild seines Wandels zur Nichtswürdigkeit verleitet worden? Wir alle bitten den Erhabenen Kaiser, jenes Ungeheuer, dessen Laster durch keine Tugend aufgewogen wird, aus der Heiligen Römischen Kirche auszustoßen und an seine Stelle einen anderen zu setzen, der uns durch das Beispiel seines untadeligen Wesens zugleich zu leiten und zu fördern vermag.“
Der Kaiser sah zu mir herüber, und ich wusste, während ich noch mit der Übertragung ins Sächsische angestrengt war, dass er bereits gut verstanden hatte, was der ehrwürdige Benedictus im Auftrage seiner Brüder wünschte. Auf seinem Gesichte zeichnete sich ein stolzes und freundliches Lächeln ab, während er auf das Ende meiner Rede wartete.
„Es gefällt uns, was Ihr sagt“, antwortete er feierlich, „und ich sage Euch, dass uns nichts angenehmer erscheint, als einen Besseren zu finden, der auf den Heiligen Stuhl des Apostelfürsten gesetzt wird.“
Die Synode beriet sich daraufhin mit großer Zufriedenheit und legte eine Pause ein, in welcher spanischer Wein, Bier und bestes florentinisches Backwerk für alle gereicht wurden.
Die Miliz unter Petrus Imperiola verließ nach dem gemeinsamen Mahl die Petruskirche und stellte sich draußen vor dem großen Haupttor zu einer geschlossenen Abteilung auf, sodass nun die edlen und heiligen Männer ganz unter sich waren. Sodann konnte die von allen ersehnte Papstwahl abgehalten werden. Die Suche nach einem würdigen und untadeligen Nachfolger erwies sich als viel einfacher, als ich befürchtet hatte. Schon nach kurzer Zeit einigten sich die hohen und heiligen Herren darauf, den Leo, den ehrwürdigen Kanzler der Heiligen Römischen Kirche, den bewährten und der höchsten Stufe des priesterlichen Amtes würdigen Manne zum Obersten Bischof und Allgemeinen Papste zu wählen, nachdem sie den abtrünnigen Johannes wegen seines gottlosen Wandels abgesetzt hatten. Sie alle riefen mit einer Stimme nach ihm und wiederholten ihren Ruf an die drei Mal, was sich in meinen Ohren wie ein Festgesang anhörte.
Franco hatte nicht einen Moment dieser gesamten Prozeduren ohne Aufmerksamkeit verfolgt. Er war wie gebannt von der Schicksalhaftigkeit und Würde des Augenblicks und überschüttete mich, wenn ich gerade nicht in meine ehrenvollen Pflichten dem Kaiser gegenüber eingebunden war, mit Fragen zu diesem und jenem. Besonders interessierte ihn jedoch, wie der Herrgott selbst wohl über den Johannes denken und urteilen mochte, und er fragte mich, warum der Herr nicht einschreite, wenn ihm ein solches Übermaß an Gottlosigkeit und teuflischem Frevel bei seinem höchsten Knecht begegnete. Ich antwortete ihm, dass es nicht Gottes Aufgabe sei, zu verurteilen und zu strafen, da er ein Gott der Güte und des Friedens sei. Er verzeihe den reuigen Sündern, wenn sie sich ihm offenbarten, und nehme jegliches Schaf wieder in seine Herde auf, auch wenn es sich um ein schwarzes Schaf handele.
Im Stillen hoffte ich jedoch, dass ihn bei aller Anteilnahme an den wunderbaren Ereignissen dieser römischen Versammlung nicht das Bedürfnis überkommen möge, selbst das Wort zu ergreifen und vor der Heiligen Synode sein eigenes Erleben im Lateranensischen Palast zu schildern. Ich vermochte mir nicht vorzustellen, welchen Eklat dies unter den Anwesenden auszulösen imstande gewesen wäre, wenngleich ich eingestehen muss, dass mein lieber Franco doch alles Recht hatte, seiner geschundenen Seele Ausgleich zu verschaffen und seinen Teil zur besseren Beurteilung des teuflischen Unholds auf dem Apostolischen Stuhle beizutragen. Zum Glück kam ihm dieser Gedanke aber nicht, er schwieg voller Ergriffenheit und ich war’s zufrieden.
Leo selbst war zu diesem Tage, es war in den achten Nonen des Dezembers im Jahre 963 nach Christi Geburt, nicht in der Synode, da er als oberster Kanzler der Heiligen Römischen Kirche, wie es seine Aufgabe war, den Herrn Papst während seiner Abwesenheit oder Krankheit zu vertreten hatte. Mit der Zustimmung des Kaisers zogen die Bischöfe, die Priester, die Diakone und die übrige Geistlichkeit und das ganze römische Volk gemäß der Tradition unter dem Gesang des Laudes feierlich zum Lateranensischen Palast, um den eben genannten Leo zu holen. Zur festgelegten Zeit brachten sie ihn in die Kirche des Heiligen Petrus und erhoben ihn durch die heiligen Worte zur höchsten Priesterwürde und schworen ihm den Eid der Treue.
Als das dem sogenannten Papste Johannes bekannt wurde, schickte er Boten nach Rom, aber nicht zu den adligen Familien, sondern zum gemeinen Volke, welches sich auf den Straßen und Plätzen, in den Wirtsstuben und Badehäusern zusammenfand. Er wusste sehr wohl, wie leicht der Sinn der Römer durch Geld zu verführen war, hatte er dies doch schon allzu oft erlebt und zu seinem Gewinn genutzt. Er versprach ihnen reichen Lohn und den Schatz des Heiligen Petrus und sämtlicher anderer Kirchen, wenn sie über den gütigen Kaiser und den neuen Papst Leo herfallen und sie alsbald ums Leben bringen wollten.
Da das kaiserliche Heer nur noch in geringer Zahl die Stadt belagerte, fühlten sie sich durch dieses Ansinnen ermutigt und betört zugleich. Auf ein Signal hin sammelten sie sich mit ihren Wagen auf einer Brücke über den Fluss Tevere und griffen den Kaiser an. Dieser hatte jedoch keine Mühe, mit seinen kampferprobten und tapferen Soldaten dem Frevel ein Ende zu machen. Sie trieben die Aufständischen wie Hasen durch die Straßen und es hätten noch viele Römer weniger den ungleichen Kampf überlebt, wenn sich nicht der ehrwürdige Papst Leo selbst vor sie gestellt hätte und den frommen Kaiser auf den Knien um Gnade und Barmherzigkeit angefleht hätte. Der Heilige Kaiser berief seine blutdürstigen Krieger ab und gewährte den Römern gegen Stellung von Geiseln den Frieden. Als Leo ihn schließlich noch bat, auch die soeben erst gestellten römischen Geiseln zurückzugeben, war des hohen Kaisers Herz so weit und sein Verstand so mächtig, ihm auch dies zu gewähren, auf dass es seiner Wertschätzung und Auszeichnung bei den Römern zu Hilfe kommen möge.
Nun lag Rom dem neuen Papste dankbar und glücklich zu Füßen.
Franco und ich verließen die Synode in der sicheren Gewissheit, nunmehr den würdigsten und gerechtesten unter den heiligen Männern zum Höchsten und Allgemeinen Papste gewählt zu haben, und ich bin ebenso sicher, dass viele meiner Brüder gerade so wie ich dachten. Zufrieden kehrten wir zu unserer Herberge zurück und genossen im Hause der untadeligen Brüder Imiza einige der schönsten Abende bei edlem Wein und Speisen, bevor wir im Februar nach Cremona abreisten, wohin mich längst liegengebliebene Pflichten riefen und zudem die ehrenvollen Aufgaben eines Bischofs erwarteten.
Für meinen braven Schüler konnte ich einen guten Lehrer gewinnen, der ihn, so oft es ging, an meiner statt in der höheren Kunst der Arithmetik und auch der Geometrie unterrichtete, wo es über die einfachen und gewöhnlichen Dinge hinausging. Zugegeben, diese beiden Meisterschaften, die zusammen mit der Astronomie und der Musik das Quadrivium bildeten, und denen ich nicht in gleichem Maße stark und gewachsen war wie der Grammatik, der Rhetorik und der Dialektik, brachten mich immer öfter in Verlegenheiten. Letztere Künste, auch das Trivium10) genannt, waren mir weitaus besser bekannt, wie der geneigte Leser sich leicht vorzustellen vermag.
Franco, der ein sehr gelehrsamer und heller Schüler war, hatte es wohl verdient, von den besten Lehrmeistern seines Faches unterwiesen zu werden, und so ließ ich mir seine Ausbildung einiges an Silber kosten, was mich aber nicht reute.
Die Nachricht vom plötzlichen Tode des abgesetzten Papstes Johannes erreichte mich in der Vesperstunde mit einem berittenen Boten, der von Papst Leo zu mir nach Cremona ausgesandt worden war. Ich war gerade im Gebete vertieft, als einer meiner Diener den Besucher ankündigte, der mir eilig einen Brief aushändigte und dann ohne Verweil weiterritt. Ich hätte gern noch das eine oder andere Wort mit dem Boten gewechselt, weil an unbeschädigte Neuigkeiten aus Rom heranzukommen nicht eben immer leicht war. Seit unserer Abreise von dort waren zwei volle Monde vergangen und mich dürstete nach Informationen zum Stand der Dinge vor Ort. Ich sehnte das Ende des Krieges in Italien herbei und hatte allerlei Fragen zu dem unwürdigen Gerangel um den Stuhl des Apostelfürsten. Mir war durchaus bekannt, dass der abgesetzte Papst Johannes bis zu seinem Ende immer noch Ansprüche auf den Heiligen Stuhl geltend machen wollte und dass dieses Verlangen vom höchsten römischen Adel, dem er ja auch entstammte, gestützt wurde.
Im Februar hielt er sogar eine Synode ab, die die Beschlüsse der vorhergehenden Synode für ungültig erklärte. Ein gottloses und unwürdiges Spektakel reihte sich an das andere. Nur die gnadenvolle Anwesenheit des Kaisers vermochte den Johannes ein ums andere Mal in die Schranken zu verweisen und zeitweilig aus Rom zu vertreiben. Doch kaum hatte sich der Kaiser ein Stück weit entfernt, kam der Johannes wieder zum Vorschein, sammelte neue Truppen um sich und bedrängte den legitimen Papst Leo auf seinem Stuhle. Man stelle sich nur diese Hinterhältigkeit vor, den Verrat am frommen Kaiser Otto und seinem Sohne König Otto, den der Adel und große Teile des römischen Klerus auf ganz offene Weise begingen. Hatten sie nicht zuvor mit ihm gemeinsam und in größtem Einvernehmen den Leo auf den höchsten Bischofsstuhl gehoben?
Als der gütige Kaiser, dem Wunsche seiner ebenso klugen wie Erhabenen Gattin und Mitkaiserin Adelheid folgend und, um die Stadt und das Volk Roms vor zu großen Lasten zu beschützen, im Frühjahr einen weiteren Teil seines Heeres zur Heimkehr entsandte, kam es erneut zu einem offenen Aufstande der römischen Adligen und ihrer Milizen, welcher aber auch mit minderer Stärke leicht von Otto niedergeschlagen werden konnte. So war ich also sehr gespannt darauf, zu erfahren, was die letzten Tage und Wochen an Neuem gebracht hatten.
Der päpstliche Bote versprach, mich auf dem Rückweg, soweit er es einrichten konnte, noch einmal zu besuchen und Zeit für ein Gespräch mitzubringen. Der Todesfall des Johannes hatte sich schon in den zweiten Nonen des Mai ereignet, wie ich aus dem Brief erfuhr, und man redete insgeheim davon, dass er von einem gehörnten Ehemanne beim Verkehr überrascht und hernach erschlagen worden sei11). So endete dann also der Sohn des einst ruhmvollen römischen Princeps Alberich und Enkel der selbsternannten Senatrix Marozia als Opfer seiner eigenen Zügellosigkeit. Aber nicht nur das, er war wohl auch das Opfer des Widerspruchs, in welchem er sich als Erbfürst von Rom und gleichzeitig als Römischer Papst befand. Seine unreife Jugend, seine edle Abkunft von jenem großen Römergeschlecht und sein tragischer innerer Zwiespalt könnten ihm leisen Anspruch auf ein milderndes Urteil vor dem Allmächtigen Herrn gegeben haben.
Ich ließ die Nachricht vom Tode des Johannes von einem Diener sogleich an Franco überbringen, obwohl ich gern selbst gesehen hätte, wie er es aufnimmt. Diesen indirekten Weg wählte ich nur aus dem einen Grunde, um nicht alte Wunden in ihm wieder aufzureißen. Franco und ich hatten seit dem Ende unserer kurzen Kerkerhaft nicht mehr über die erschrecklichen Vorgänge im Lateranensischen Palast gesprochen. Auch war ich mir nicht sicher, welches Gefühl er dem Johannes gegenüber damals noch hegte.
Sei es, wie es sei, sagte ich mir und dankte dem Herrn im Gebet für seine unendliche Weisheit und Gnade und dafür, dass er dem unheiligen Treiben dieses Halunken ein so versöhnliches Ende gesetzt und ihn aus der Welt geschafft hatte.
Ich für meinen Teil hoffte, der Johannes möge in der Hölle schmoren.
Nun, da sich der Mai dem Ende zuneigte, setzte ich einen Brief an meinen Freund Leo auf, der nunmehr ganz unbestritten der Oberste Bischof Roms und Allgemeiner Papst war. Ich dankte ihm in herzlichen Worten für seine stets interessanten und höchst erfreulichen Neuigkeiten, auch um ihn anzuspornen, davon noch mehr zu tun. Mit diesem Briefe in der Hand wollte ich warten, bis der päpstliche Bote sein gegebenes Versprechen einlöste und auf dem Rückweg bei mir einkehrte.
Es ergab sich aber anders.
In den dritten Iden des Junis klopfte erneut ein päpstlicher Bote an meine Pforte. Er brachte neue Kunde aus Rom, diesmal nicht in einem Briefe, sondern als Botschaft, die er aus dem freien Gedächtnis heraus vortrug. Was ich nun hören musste, beunruhigte mich zutiefst: Die Römer hatten sich ein weiteres Mal gegen die kaiserliche Hoheit aufgelehnt und den rechtmäßigen und ehrwürdigen Papst Leo, den sie nun doch nicht mehr haben wollten, vertrieben. Dass sie ihn überhaupt am Leben ließen und mit einer Handvoll Gefolgsleute die Flucht zum Kaiser nach Pavia ermöglichten, verdankte er wohl nur seinem zuvor untadeligen und selbstlosen Auftreten, mit welchem er die römischen Geiseln aus der Hand des gerechten Kaisers, der sie ohne Not hergab, befreit hatte. Einige Römer erinnerten sich in ergebener Dankbarkeit daran und sprachen sich vor dem versammelten Volke für ihn aus.
Da nun der Apostolische Stuhl vakant war, hatten sie einen ihrer Getreuen auserwählt, um ihn zum Obersten Bischof und Allgemeinen Papste zu weihen. Der, den sie für würdig hielten, war noch wenige Monate zuvor ein treuer Diener und Gefolgsmann des Kaisers und des wahren Papstes Leo. Es war der Kardinaldiakon Benedictus, den sie zwar in Furcht vor der Ankunft des Kaisers, aber keineswegs eingedenk ihres geleisteten Eides ordinierten und auf den Stuhl des Apostelfürsten Petrus setzten. Es war der gleiche Benedictus, der inmitten der Heiligen Synode mit seinem klugen und gewissenhaften Benehmen für Bewunderung und Aufsehen gesorgt hatte und der sich in den barbarischen Wirren Roms den seltenen Titel eines Grammaticus erworben hatte.
Die in mehrere Fraktionen zerstrittenen Römer warteten damit nur ganze sieben Tage lang, kaum lang genug, um die vorgeschriebene Einwilligung einzuholen, was sie aber auch gar nicht vorhatten. Als aber der Kaiser davon hörte, rückte er, erbost von so viel ehrloser Tücke, mit seinem Heer nach Rom und sperrte es von allen Seiten ab, damit auch kein Ausweg offenbliebe. Der oben genannte Benedictus, zwar ehrenwert im Geiste, doch fälschlich Papst genannt, wandte sich nun ganz und gar vom Kaiser ab. Er ermunterte das Volk von Rom, noch lange durchzuhalten, er bedrohte den Kaiser und stellte sich gar selbst mit großem Hochmut auf die Mauer, wie es zuvor der Johannes getan hatte und wie es sich für einen heiligen Mann so hohen Ranges nicht geziemt.
Ich dankte dem Boten für seinen ausführlichen Bericht, wenngleich ich unschlüssig war, wie weit ich ihm Vertrauen und Glauben schenken konnte. War er nicht auch ein Mann des Benedictus, der sich vielleicht nur im gerechten Glauben ein eigenes Urteil gebildet hatte? War er nicht vom falschen Papste in die Reise geschickt worden, um die hohen und heiligen Männer des Reiches über den Machtwechsel in Rom zu unterrichten und von ihnen Wohlwollen und Vernunft zu erwerben oder gar einzufordern?
Nachdem er fortgeritten war, ging ich zu Franco, um ihm die Neuigkeiten mitzuteilen und ihn auf unsere bevorstehende Abreise nach Rom vorzubereiten.
Franco, der gerade in der schönen Kunst der Himmelsgeometrie unterwiesen wurde, nahm die Entwicklungen in Rom mit Gelassenheit und ohne jede äußere Rührung auf, viel weniger, als ich erwartet hatte. Er interessierte sich gar nicht für den ehrwürdigen Leo, sondern nur noch für den Benedictus, und wollte wissen, welcher Freunde und Unterstützer sich dieser bediente. Da mir nun auf diese Weise deutlich gemacht wurde, dass ich weder das eine noch das andere zu beantworten wusste, betrübte es mich umso mehr und ich hatte es eilig, ohne Verweil selbst nach Rom zu fahren, um mich mit den besten Auskünften und Berichten zu versorgen.
Jedoch brachte mich Franco auf einen Gedanken, der mir angesichts der schwierigen Lage in Rom nicht übel erschien. Warum, so fragte er mich, wollten wir uns selbst den nicht unerheblichen Gefahren einer Reise und einer ungewissen Aufnahme in Rom aussetzen, wo es doch so viel einfacher wäre, einen klugen und vorsichtigen Manne dorthin zu entsenden und ihn die fraglichen Nachforschungen in unserem Sinne anstellen zu lassen. In der Tat war es so, dass wir nicht wussten, was den Benedictus und den römischen Adel zu dieser Stunde umtrieb, warum sie sich nun schon wieder gegen den Kaiser auflehnten und ihn sogar mit der Absetzung des rechtmäßigen Papstes und der Wahl eines neuen auf die gröbste Art brüskierten.
„Kann sich der Benedictus denn einfach so zum Allgemeinen Papste machen lassen?“, fragte Franco, als wir gemeinsam bei Tische saßen.
„Nun“, sagte ich zögerlich, „das kann er wohl. Er wird gewählt von den Seinen, wenn er würdig ist und erhält hernach die Weihe.“
„Aber wenn er nun keiner ist, der würdig wäre?“
„Ach, mein lieber Franco, das ist wirklich eine gute Frage und ein Dilemma zugleich. Man nennt ihn den Grammaticus, ein Titel, dessen sich noch nicht viele Männer rühmen durften. Jener Benedictus ist in der Tat ein des hohen Amtes würdiger Mann. Denn Gott ließe nicht zu, dass jemand, der nicht würdig ist, auf den Stuhl Petri gelangte.“
„Aber habt Ihr denn nicht der Synode selbst gesagt, dass der Papst Johannes dieses hohen Amtes nicht würdig sei und abgesetzt gehöre?“
Ja, ich wusste, dass er seine Fragen mit einiger Berechtigung stellte. Dennoch, da Gott nicht irrte, musste es eine andere Erklärung geben, die, wie ich leider zugeben muss, ich meinem Schüler nicht geben konnte.
„Manchmal, mein lieber Franco“, erwiderte ich deshalb, „sind die Wege, die der Herr uns gehen lässt, im Nebel verborgen und voller Geheimnisse. Dies allerdings sollte uns jedoch kein noch so niederer Grund sein, an seiner Weisheit und an seinem großen Plane zu zweifeln.“
Eine Weile schwiegen wir. Ich wollte mich gerade erheben, als Franco sich räusperte.
„Meister Liuzo, gestattet Ihr mir noch eine Frage?“
Ich nickte ihm mit freundlicher Aufforderung zu, obwohl ich es vorgezogen hätte, das Gespräch an dieser Stelle zu beenden.
„Würdet Ihr mich für würdig halten, zum Obersten Bischof und Allgemeinen Papste gewählt zu werden, Meister Liuzo?“
Mir verschlug es für einen kurzen Augenblick die Sprache.
Dennoch war ich kaum noch überrascht, weil ich in meinem tiefsten Innern bereits auf eine solche Frage vorbereitet war. Nur der frühe Zeitpunkt verwunderte mich. Der Junge hatte seine geistliche Ausbildung doch gerade erst begonnen! Und von dem, was zu tun war, lag noch weit mehr vor ihm als hinter ihm.
„Verlangt es Dich denn danach?“
Franco nickte unsicher.
Ich hatte es mir schon gedacht.
„Dein Schicksal liegt nicht in Deinen Händen, mein lieber Franco“, sagte ich in väterlichem Ton und legte meine Hand behutsam auf seinen Arm. „Der Herr allein weist uns unseren Weg und Du tätest gut daran, im Gebete immer wieder zu erforschen, welches Schicksal der Herr Dir offenbart, und weniger Zeit und Muße darauf verschwenden, Deine eigenen Gedanken zu erforschen und zu verfolgen.“
Noch am gleichen Tage sandte ich einen Boten aus, unterwies ihn in vielerlei Dinge, die unterwegs und am Ziele zu beachten waren, hieß ihn, die schöne Herberge der Brüder Imiza aufzusuchen, und übergab ihm neben den herzlichen Grüßen, die ich in einen Brief diktierte, eine ansehnliche Anzahl schöner und wertvoller Dinge als Gastgeschenke, auf dass er mit einer ähnlich ansehnlichen Menge an Neuigkeiten zurückkommen möge, heil und unversehrt und binnen sieben Tagen.
Mir selbst war um diese Zeit nicht sehr wohl zumute. Eine lästige Entzündung der Gelenke plagte mich auf die schlimmste Art, sodass ich an manchen Tagen nur schwer aufkam. Ich dankte Gott und meinem braven Schüler Franco dafür, dass wir nicht selbst aufgebrochen waren. Auf diese Weise konnten mir meine Diener warme Wickel und heiße Kräuterbäder bereiten und damit meinen beträchtlichen Schmerzen doch etwas Linderung verschaffen. Noch während wir auf die Wiederkehr sowohl unseres als auch des päpstlichen Boten warteten, durchquerte eine große Abteilung des kaiserlichen Heeres die Stadt und mein Bistum. Wie es in schlechten Zeiten üblich war, benahmen sich die Soldaten ungehörig gegenüber jedermann und plünderten, vergewaltigten und nahmen sich, was ihnen vor die Hände fiel.
Franco, der nun bereits in sein vierzehntes Jahr hineinwuchs, war bei mir in sicherer Obhut, konnte ich mich doch bei Bedarf der freundschaftlichen Verbundenheit zu seiner kaiserlichen Majestät, die er mir in seiner unendlichen Gnade mit einem Schutzbrief auswies, rühmen. Ihm drohte keinerlei Gefahr, solange er sich meinen Anweisungen fügte. Es hielt den Jungen jedoch nicht lange hinter dem offenen Fenster meines Palastes, als er sah, wie die Soldaten breitbeinig und lauthals lachend durch die Straßen zogen und den Frauen und Mädchen, die es nicht geschafft hatten, sich rechtzeitig in Sicherheit zu bringen, an die Röcke gingen. Irgendetwas zog ihn hinaus auf die Straße und lange konnte ich ihn davon nicht abhalten. Vielleicht reizte ihn in seinem jugendlichen Übermut die Gefahr oder die Macht, die eine solch gewaltige Ansammlung starker und vor nichts zurückschreckender Männer und ihrer gefährlich aussehenden Waffen auslöste.
Es fiel mir schwer, ihm aus der Ferne zuzusehen, weil ich um sein Leben und seine Gesundheit fürchtete. Nun, heute weiß ich, dass meine Sorge schon damals völlig unbegründet gewesen war. Franco, mit viel schmaleren Schultern und eher wie ein frommes Mönchlein als wie ein Krieger aussehend, mischte sich unter die Raufbolde, als kämen sie aus demselben Hause. Er scherzte mit den wüsten Männern auf die gemeinste und lauteste Art und übte sich gar mit dem gröbsten und rissigsten unter ihnen im Schwerterkampf, wohl gemerkt nicht mit einem aus weichem Holze, sondern aus Metall. Ich konnte kaum glauben, was sich meinen Augen darbot. Durch ihn erfuhr ich, dass die Soldaten auf dem Weg nach Süden, also nach Rom, waren und dort die rechtmäßigen Belagerer verstärken und aufmuntern sollten. Sie hatten vom Kaiser den heiligen Auftrag angenommen, mit dem ungezogenen Benedictus und den anderen Aufrührern in den Händen zurückzukommen.
Unser Bote, den wir nach Ablauf von sieben Tagen sehnlichst erwarteten, blieb aus. Auch nach weiteren sieben Tagen war noch keine Spur von ihm zu sehen und wir befürchteten das Schlimmste. Bei allem Ungemach, welches wir ihm möglicherweise mit unserer Botschaft bereitet hatten, priesen wir uns andererseits glücklich und weise, nicht selbst nach Rom aufgebrochen zu sein. Nur Gott allein weiß, was aus uns geworden wäre. Auch der Bote des ehrwürdigen Leo ließ lange auf sich warten, bis wir letztlich auch sein Erwarten aufgaben und uns in meine kleine Hauskapelle zurückzogen, um für ihn zu beten. Erst viel später sollten wir herausfinden, dass er wohlauf war und nur durch unglückliche Umstände gezwungen war, einen anderen Rückweg zu wählen, als von mir erhofft. Der Herr in seiner unendlichen Gnade meinte es ganz offenbar gut mit ihm, als er ihn beschützte und auf den rechten Weg leitete, auch wenn dieser nicht durch meine schöne lombardische Heimat führte. Als wir ihn im Herbst am Königshofe in Pavia wiedertrafen, entschuldigte er sich mit größter Liebenswürdigkeit und Aufrichtigkeit und bot an, während wir zusammen speisten und guten spanischen Wein genossen, alles Ungesagte nachzuholen, dessen wir allerdings wegen vieler anderer freudvoller Ereignisse nicht mehr bedurften, wie ich nun zu erzählen habe.
Was wir bis dahin erfahren hatten, lautete wie folgt: Als die Römer nach vier Wochen durch den Hunger und die Belagerung immer weiter in die Enge getrieben wurden, ergaben sie sich dem frommen Kaiser in größter Demut am Abend vor dem Fest des Täufers12). Mit gebührender Ehrerbietung übergaben die Römer den Gotteslästerer und meineidigen Benedictus seiner kaiserlichen Hoheit. Alsdann wurde der rechtmäßige und Höchst ehrwürdige Papst Leo wieder in sein Amt gesetzt, dem Benedictus aber nahm man alle Insignien ab, Leo selbst schnitt das Pallium entzwei, sein Stab ward zerbrochen, seine übrigen Kleider zerrissen. Es hätte nicht viel gefehlt und Benedictus wäre sofort an Ort und Stelle zum Tode verurteilt oder einfach so dahingemeuchelt worden. Mein päpstlicher Freund, der altehrwürdige Leo, war so außer sich vor Zorn, dass er beinahe allem zugestimmt hätte, was die wankelmütigen Römer an Ideen zur Wiedergutmachung und Strafung forderten.
Nur dem persönlichen Einspruch des Kaisers ist es zu verdanken, dass ihm ein Rest Würde und sein ganzes Leben gelassen wurde. Otto verfügte, dass dem Benedictus alle kirchlichen Weihen abgenommen würden, bis auf die eines Diakons. Weiter verfügte er, dass Benedictus nunmehr auf ewig in die entlegenste Provinz des Reiches in die Verbannung gehen solle. Alsbald darauf erklärte sich der fromme Adaldag, Erzbischof von Hammaburg am nördlichen Meer, bereit, ihn mitzunehmen und bis an das Ende seiner Tage dort zu behalten. Dem Vorschlag Adaldags stimmte der Kaiser zu.
Nachdem nun die italischen Verhältnisse weitgehend geordnet waren und die Anzahl der Boten aus Franken und Sachsen sich mehrte, die anfragten, wann denn das Heilige Kaiserpaar beabsichtige, wieder in sein Reich nördlich der Alpen zurückzukehren, beschlossen die kaiserlichen Hoheiten, noch die Weihnachtstage am Hofe in Pavia zu verbringen und sodann mit ihrem gesamten weltlichen und geistlichen Gefolge und den Gefangenen die Rückreise anzutreten. So fügte es sich glücklich, dass des Kaisers Zug nach Norden auch durch Cremona führte, was mir Gelegenheit gab, ihn mit seiner Erhabenen Gattin Adelheid und seinen engsten Vertrauten in meinen bischöflichen Palast einzuladen, während sein Heer und der ganze übrige Hofstaat vor den Toren der Stadt ein gewaltiges Zeltlager aufschlugen.
Sofort ließ ich eintausend Scheffel gutes Korn zu Brot backen, zehn Ochsen, zwanzig Fässer Wein und ebenso viel Bier nach draußen bringen, um den braven Soldaten einen angenehmen Aufenthalt zu wünschen und auch, um sie von Plünderungen wie beim ersten Durchzuge nach Rom abzuhalten. Den hohen Herren, die nicht zum Kreise meiner Gäste zählten und draußen bleiben mussten, übergab ich selbst wertvolle Festkleider, die sie, da sie in der Fremde wohl nicht so oft beschenkt worden waren, mit größter Dankbarkeit und weinenden Augen annahmen. Auch entsandte ich einige Dirnen aus der Stadt hinaus, damit sie sich ein Geschäft machen konnten, was sie auch taten, aber dies sei von mir nur am Rande erwähnt, und ich tat es nur der frommen und lieblichen Kaiserin zuliebe, die mich gleich nach ihrer Ankunft mit einem entsprechenden Ansinnen ersuchte.
Wir speisten in gar festlicher Runde. Ich ließ auftafeln und herrichten, was der Keller und das Lager hergaben, hatte meine Wenigkeit, dies sei in aller Bescheidenheit gesagt, doch selten die Gelegenheit, so hochherrschaftliche, glorreiche und erhabene Besucher zu bewirten und zu unterhalten. Um den Geist und das Auge meiner Gäste zusätzlich zu erfreuen, ließ ich Spiele und vielerlei Vertreib vorführen. Eines derselben möchte ich kurz erwähnen, weil es der frommen Kaiserin anscheinend besonderes Vergnügen bereitete und mich auf wunderbare Weise ihrer und somit auch der Gunst ihres Gatten versicherte. Es trat ein Mann auf, der auf seiner Stirn ohne Beihilfe der Hände eine hölzerne Stange trug, die an die sechs oder sieben Ellen lang gewesen sein mochte und an welcher eine weitere Stange quer angebracht war. Es wurden danach zwei Knaben hereingeführt, die an der Stange hinaufkletterten und oben allerlei Kunststücke vollführten. Dann kamen sie, die Köpfe nach unten gekehrt, wieder hinab, wobei die Stange sich so wenig bewegte, als wäre sie in der Erde verwurzelt. Zuletzt war nur noch einer der Knaben allein auf der Stange, was mich doch sehr verwunderte. Denn solange beide an der Stange kletterten, schien es mir durchaus möglich, ihre Kunst durch ihr gleiches Gewicht auf jeder Seite vorzuführen. Dass aber ein Knabe allein sein Gleichgewicht derart zu beobachten wusste, dass er nicht herabstürzte, versetzte die Kaiserin und mich selbst so in Erstaunen, dass es auch dem Kaiser nicht entging. Er lachte herzlich darüber und wir sprachen bei Tische und zu anderer Gelegenheit noch lange über dieses wunderbare Spiel.
Nach dem überaus reichlichen Mahl zogen wir uns in den großen Gesellschaftsraum zurück, den ich eigens für das Kaiserpaar mit einigen seltenen afrikanischen Tieren, darunter bunt befiederte Papageien und ein junges Nashorn, allesamt gestopft mit feinem Stroh und gar wundervoll hergerichtet, hatte ausstatten lassen. Als der Kaiser zur Seite hin meinen Schüler Franco erblickte, schien er sich sogleich an ihn zu erinnern. Er sagte zu mir, während Franco zuhörte, dass er noch gut wisse, wie aufmerksam, verständig und scharfsichtig der Knabe die Heilige Synode zu Rom verfolgt hatte, und dass ihm auch nicht entgangen sei, welch festen und fortwährenden Blick der Junge auf ihn geheftet hatte. Er fühlte sich dadurch geehrt und gestärkt, sprach er weiter, während Franco an beiden Ohren heftig errötete.
Als es an die Entlohnung des Mannes und seiner beiden kunstfertigen Knaben ging, ließ ich meinen Beutel aus goldbesticktem Kalbsleder bringen und überreichte in Gegenwart des Kaiserpaares und unter vielen lobenden Worten, die ich getreu übersetzte, jedem seinen Anteil daraus. Durch mein eigenes Ungeschick fielen mir eine große Anzahl Silberdenares und ein goldener Solidus hinunter. Franco stürzte sofort hinzu, sammelte die Münzen für mich ein und war gerade im Begriff, sie mir zurückzugeben. Dabei stutzte er über das Porträt, welches den Solidus auf dem Avers zierte und in dem er unzweifelhaft, nicht nur wegen der Heiligen Insignien, den Kaiser Otto erkannte, denselben, der nun im gleichen Raume saß und uns, den Unwürdigen, die Gnade seiner glorreichen Anwesenheit erwies. Er drehte die goldene Münze aufmerksam zwischen seinen Fingern, seine Augen wanderten von dort direkt zum Kaiser, wo sich ihre Blicke unvermittelt trafen. Sofort senkte er seinen Blick auf den Boden, verneigte sich tief und verharrte, wie er war.
„Du hast mich erkannt, Knabe?“, fragte der Kaiser plötzlich, ohne den Jungen aus den Augen zu lassen.
Franco nickte gehorsam und verbeugte sich tiefer und demutsvoller vor dem hohen Kaiser und seiner Gemahlin.
„Es war nicht schwer, Eure Majestät“, sagte er leise und sah wieder zu ihm auf, was mir ungebührlich erschien. „Es ist Euch durchaus ähnlich, wenn auch die Jahre schon vergangen scheinen, in denen die Jugend Euer kaiserliches Antlitz zierte.“
Der Kaiser verstand die Worte auch ohne meine Übersetzung.
Einen Augenblick lang herrschte vollkommene Stille in dem Raume. Die drei Künstler wagten nicht, sich zu bewegen, obwohl sie ihren Rückweg zur Tür bereits angetreten hatten. Die göttliche Kaiserin, als Einzige, wandte ihren Blick abwechselnd mit leichtem Schmunzeln ihrem Gemahl und dann meiner Wenigkeit zu.
„Oh, mein Gott! Junge!“, entfuhr es mir in diesem unglaublichen Augenblick, als Panik und Ohnmacht mich befielen. „Was Du nur redest …!“
Die Gedanken wirbelten durch meinen Kopf. Ich rutschte von meinem plötzlich unbequemen Sessel und war bereits im Begriff, mich auf das Demütigste und Untertänigste auf den Boden zu werfen, mich für meinen ungehorsamen Schüler zu entschuldigen und das Erhabene Kaiserpaar für diese Ungebührlichkeit um die Güte ihrer Gnade und um Schonung zu bitten. Doch noch bevor ich dasselbe tun konnte, hob der barmherzige Kaiser seine Hand und gebot mir Einhalt.
Ich erstarrte in einer sehr unbequemen Position.
Er richtete seinen Blick auf mich und sagte: „Wie ich höre, verehrter Bischof Liutprand, verbirgt sich in dem Knaben neben einem wachen Auge auch ein scharfer Verstand. Recht ungewöhnlich in diesem Alter, findet Ihr nicht auch? Man darf Euch, Exzellenz, gratulieren, über eine so vortreffliche Hand bei der Auswahl Eurer Schüler zu verfügen.“
Mir verschlug es fast die Sprache, was, wie ich gern zugeben will, bisher gottlob recht selten vorgekommen ist. Zum Glück konnte ich trotz meiner nicht geringen Menschenkenntnis keine Spur von Gram oder Beleidigtsein in seinen Worten und in seinem Ausdrucke erkennen.
Dann, wieder zu Franco gewandt: „Sag, mein guter Junge, Du bist recht geübt im Worte und im Denken. Ich nehme an, Du bist ein gelehrsamer und braver Schüler unseres guten Bischofs und er lehrt Dich nicht nur die sieben freien Künste, sondern darüber hinaus vieles mehr, was Dir von Nutzen sein kann.“
Franco nickte ehrfürchtig, vielleicht auch in banger Erwartung irgendeiner Wendung. Aber der Kaiser meinte es mit seinem Lob ganz offensichtlich ernst.
„Was also hat Dich so verwundert“, fuhr er fort, „als Du den Solidus vom Boden nahmst?“
Franco sah dem Kaiser offen in die Augen, nun beinahe ohne Scheu. Ich war mir nicht sicher, wie dieses Verhalten zu bewerten war, betrachtete es aber in der gegebenen Lage als botmäßig.
„Gnädigste Kaiserin und gnädigster Kaiser“, sagte Franco und drehte die Münze erneut zwischen seinen dünnen und viel zu langen Fingern, „verzeiht mir meine Unwissenheit. Ich habe mich oft gefragt, welchem Vorzuge es dienlich sei, einem kleinen Goldklumpen ein Gesicht und einen Namen einzuprägen, wenn es doch keinen Unterschied macht, was ich auf dem Markte vorher wie nachher damit handeln kann.“
Der Kaiser drehte den Kopf ein wenig zur Seite, so dass er seine Gemahlin sehen konnte. Wieder wollte ich einschreiten, um meinen Schüler vor größerer Peinlichkeit und Bestrafung zu schützen, aber die Kaiserin hieß mich sitzen bleiben und lächelte voller Offenheit und Geduld. Scheinbar hatten die beiden Majestäten an diesem Spiel ihr Vergnügen.
Ich war zu nichts weiter verdammt als zum Zuschauen und Übersetzen, wo es nötig war.
Erstaunlicherweise hatte Franco mit der sächsischen Sprache weit weniger Schwierigkeiten, als ich erwartete. Schon nach kurzer Zeit brachte er einzelne Wörter in des Kaisers Sprache heraus, was in mir eine nicht geringe Menge Stolz und Würde wachsen ließ.
„Du meinst also, für einen Solidus bekämest Du genauso viele Eier oder Korn oder Tuche wie für einen Klumpen aus Gold, bei sonst gleichem Gewichte?“
Franco bestätigte, dass er die Frage genau so gemeint hätte.
„Nun, Du hast recht, mein guter Junge. Mir gefällt Deine Frage und ich will sie Dir gern beantworten“, sagte der Kaiser voller Milde und fuhr fort: „Sag mir Junge, Du hast bereits gelernt, was Regalien sind?“
„Nein, gnädigster Herr.“
„Auch gut, denn Dein Meister wird es Dich schon bald lehren. Zunächst ist zu sagen, dass wir das von Gott gegebene kaiserliche Recht innehaben, einen bestimmten Platz oder eine civitas zum Markte zu erheben und ebenso zu bestimmen, in welcher Münze auf ebendiesem Markte gehandelt werden solle. Den braven Kaufleuten aber ist ein getreues Geld von Nutzen, welches immer ein gleiches Gewicht, eine gleiche Größe und einen gleichen Wert besitzt. Dies alles aber hängt vom Metall ab. Ein solcher Solidus, wie Du ihn hältst, ist aus Gold und besitzt den gleichen Wert wie zwölf Denares aus Silber. Verstehst Du das?“
Franco nickte aufmerksam.
„Nun, in jedem dritten Jahre lassen wir die werten Kaufleute zu uns kommen und all ihre Denares aus Silber gegen neue eintauschen. Wir geben neun für zwölf und ebenso verfahren wir mit den Solidi.“
Franco senkte den Blick und dachte einen Moment lang nach. „Dann wäret Ihr mit jedem Tausch ein reicher Mann! Ihr bekämet ein Viertel von allem und ein weiteres Viertel von den Wohlhabenden“, antwortete er.
Der Kaiser und die Kaiserin lachten herzhaft und da konnte auch ich mir ein Schmunzeln nicht verwehren. „Du wärest mir ein gar trefflicher Berater, Junge! Die Kaufleute sind schon von ihrer Natur aus eine zänkische Fraktion, musst Du wissen. Sie würden uns Halunken und Betrüger schimpfen, wenn es so wäre“, entgegnete der Herrscher gutgelaunt.
„Sie tauschen immer nur Denares gegen Denares und Solidi gegen Solidi, ebenso nur Silber gegen Silber und Gold gegen Gold. Daher bekommen wir von allem immer nur ein Viertel, ganz gleich, wie viel von jedem ein jeder hat. Man nennt dies Tax oder Steuer. Und man mag es glauben oder nicht, bevor es bei Hofe ankommt, geht es durch so viele gierige Hände, dass uns kaum mehr bleibt, als uns der ganze Hofstaat und das Heer kostet. Aber“, der Kaiser machte eine kurze Pause, in der er den Blick prüfend über seine ebenfalls anwesenden engsten Berater und Vertrauten gleiten ließ, „wir werden über Deinen Vorschlag dennoch nachdenken. Er klingt uns gar nicht so übel. Denn bei wem mehr zu holen ist, da sollte man bei Gott auch mehr holen.“
Daraufhin reichte er dem Franco die Münze und sagte: „Nun nimm selbst diesen Solidus als Geschenk von uns, zum Zeichen unserer Gunst für Dich und Deinen lieben, hoch verehrten Meister Liuzo. Er möge Dir mit Gottes Hilfe Glück bringen und Dich beschützen, wenn es einmal arg um Dich steht.“
Franco verbeugte sich artig und betrachtete mit großer Freude das kaiserliche Geschenk, welches in seiner Hand mit dem goldenen Ring um die Wette glänzte. Als der Kaiser dies sah, beugte er sich leicht nach vorn und sprach mit gedämpfter Stimme zu Franco:
„Einen schönen Ring trägst Du da. Zeig ihn mir her!“
Franco stockte einen Moment und sah erwartungsvoll zu mir hinüber. Ich nickte ihm aufmunternd zu.
Mit sichtbarem Widerstreben schob Franco seine rechte Hand nach vorn, aber nicht weit genug, damit der Kaiser selbst sie erreichen konnte.
„Du musst den Ring abnehmen, um ihn dem hohen Kaiser zu zeigen“, raunte ich.
Franco schüttelte den Kopf.
„Das kann ich nicht“, antwortete er leise und zog die Hand zurück. Ich ahnte natürlich, welche Sorge ihn quälte und beeilte mich, ihm mit gutem Rat zur Seite zu stehen.
„Nimm etwas Seife dazu! Die wird den Ring lösen“, sagte ich mit gütigem Lächeln.
Aber Franco regte sich nicht. Fast schien es, als hätte er mich nicht verstanden.
„Was ist, mein Junge? Du musst tun, was der Kaiser von Dir wünscht!“
Wieder schüttelte er den Kopf, heftiger als zuvor.
„Ich kann den Ring nicht abnehmen. Er ist ein Geschenk meines Vaters.“
„Ja, und?“, erwiderte ich.
„Ich habe einen heiligen Eid an seinem Sterbebett geleistet, ihn niemals abzunehmen.“
Damit zog er seine Hand ganz zurück und wandte sich vom Kaiser ab.
Bumm! Ich war wie vor den Kopf geschlagen!
Hatte mein lieber Schüler Franco das wirklich gesagt oder träumte ich dies alles nur? Eine solche Beleidigung dem hohen Kaiserpaare gegenüber hatte ich zuvor noch nicht erlebt! Und ich hätte dies auch nie erwartet, nicht hier und nicht heute, es sei denn, von einem Feind, einem Todgeweihten oder in einem Irrenhaus.
„Franco!“, stöhnte ich in ohnmächtigem Entsetzen. „Bist Du nicht bei Verstand? Was tust Du nur? Du beleidigst …“
„Nein, nein, mein lieber Liuzo“, hob der Kaiser an, ohne auf meine Entschuldigung zu warten. „Müht Euch nicht, den Jungen zu erklären. Ich denke, ich habe schon verstanden, was er mir sagen will. Es scheint, sein Vater bedeutet ihm eine ganze Menge, so wie mir meiner und Euch Euer Vater sicher sehr viel bedeutet. Daran ist nichts Verwerfliches! Im Gegenteil! Eines jeden Mannes Vater sollte dies zu höchster Ehre gereichen. Und deshalb sage ich: Es ist schon in guter Ordnung so. Lasst es nur weiter so sein, lieber Bischof!“
Dennoch, nach dieser größten aller möglichen Beleidigungen meines geliebten Kaisers war ich lange Zeit nicht in der Lage, einen klaren Gedanken zu fassen. Alles in mir schien durcheinander zu geraten. Mein Herz raste. Mein Magen krampfte zusammen, als hätte ich saures Obst gegessen. Und auch mein Zahnweh machte sich an einer Stelle bemerkbar, wo ich es doch schon längst vergessen glaubte.
Dann wandte sich der gütige Kaiser wieder an den Jungen und sagte:
„Du musst keine Angst haben, braver Junge. Ich weiß sehr gut, wie es um Dich bestellt ist.“
Und während er sich langsam aus seinem Stuhl erhob, deutete er auf die Hand mit dem Ring. „Pass’ nur gut auf, dass man ihn Dir nicht eines Tages stiehlt! Es wäre doch zu schade um ein Stück von solch hohem Wert. Und nun, meine lieben Leute, lasst uns aufbrechen!“
Die kaiserlichen Berater, es waren vier an der Zahl, allesamt sehr würdevoll und in kostbare, aufwändig bestickte purpurne Gewänder gekleidet, nickten ehrerbietig. Unter ihnen war übrigens, dies soll hier nicht unerwähnt bleiben, der preiswürdige und hochgelehrte Widukind von Corvey, der mir ein guter Freund war und mit dem ich viele wunderbare Stunden gemeinsamen Disputs über die sächsischen und fränkischen Häuser verbracht hatte, wenn wir uns auch über die universale Rolle des Römischen Papststuhles niemals einigen konnten. Er, ein Sachse von adeligem Stande, begleitete den Kaiser und seine Gemahlin während ihrer Italienreise und war, wie auch meine geringe Person in aller Bescheidenheit sagen darf, ein Meister der Autographie und Geschichtsschreiber.
Am Tage der Abreise des herrschaftlichen Zuges bekamen Franco und ich zum ersten Mal die drei Wagen mit den Gefangenen zu sehen, die bisher abseits und unter dem strengen Schutze eines Hauptmannes standen. Die beiden vorderen waren von drei Seiten mit weißem Linnen verhangen, der dritte Wagen hingegen ließ keine Seite offen. Der Kaiser selbst führte mich über den Hof, um mir ein Bild über das Ausmaß seines glorreichen Erfolgs und ebenso seiner Gnade und seines Großmuts zu geben.
Die Gefangenen waren nicht etwa gekettet an Händen und Füßen, bei Wasser und Hirsebrei darbend, und dem Tode näher als dem Leben. Nein, ganz das Gegenteil war der Fall. Ich sah den Berengar und seine unheimliche Gattin Willa, frei beweglich und in einem durchaus bequemen Wagen reisend, neben einer Schale mit frischen Trauben auf einem Stapel Tuche und Teppiche sitzend.
Der Unhold musterte mich mit gar bösem Blicke, kannten wir uns doch aus guten wie aus schlechten Tagen bei Hofe in Pavia. Bis heute kann ich ihm nicht gut verzeihen, was er meinen Nächsten und mir nach meiner glücklichen Rückkehr von einer gefährlichen Gesandtschaft nach Konstantinopel angetan hatte. Nur mit Gottes Hilfe und Eingebung hatte ich mein nacktes Leben auf ein griechisches Schiff retten können, welches dann als einziges im Sturme nicht versank, sondern mich am Ende wohlbehalten nach Ancona brachte, wo ich todkrank zusammenbrach und von wo mich gute Freunde nach Hause geleiteten.
Als ich von den erlittenen Strapazen einigermaßen genesen war, begab ich mich sogleich an den Hof nach Pavia. Dabei führte ich gegen meinen Herrn Berengar nichts weiter im Schilde, als die rechtmäßige Erstattung meiner nicht unbeträchtlichen Kosten, die ich ihm verauslagt hatte, einzufordern. Auch die während der Reise erlittenen Verluste an all meinen persönlichen Sachen durfte ich ihm gegenüber nicht unerwähnt lassen.
Der unheilige Bösewicht jedoch, getrieben von seinem geizigen und missgünstigen Eheweib, ließ mich an Händen und Füßen anbinden, hinauswerfen und demütigen. Im Hofe meines bescheidenen Hauses ließ er hundert Fuhren Esel- und Schweinemist abladen und dreizehn Tage lang das Tor so absperren, dass wir es nicht hinausschaffen konnten. Der üble Gestank begleitete uns so entsetzlich lange, dass wir uns eines Nachts aus unserem eigenen Hause wie Diebe davonstehlen mussten, um woanders ein besseres Quartier zu finden. Ich nehme ihm das bis zum heutigen Tage sehr übel.
Nun also sahen wir uns wieder und standen uns Auge in Auge gegenüber. Ich konnte meine Schadenfreude wohl nur schlecht verstecken und Frau Willa tat, was sie am besten konnte, nämlich mich keines einzigen Blickes zu würdigen. Im zweiten Wagen, nicht ganz so streng bewacht, aber ebenfalls mit einem Stapel kunstvoller Teppiche ausgelegt, reisten die beiden jungen Töchter des Berengar, mit Namen Oda und Rosvith. Gleichwohl sie dem Wuchse und ihrer Natur nach noch Kinder waren, sollten auch sie im Auftrage der kaiserlichen Versammlung zur Verbannung nach Babenberch geschickt werden. Kaiserin Adelheid selbst hatte sich in allerhöchster Gnade erboten, für die Mädchen zu sorgen und es ihnen auch nicht an der notwendigen Erziehung fehlen zu lassen, was der Kaiser wohlwollend, aber dennoch verwundert zur Kenntnis nahm und hernach bestätigte.
Während es mich weiter zum dritten und letzten Wagen mit dem reumütigen Sünder und falschen Papst Benedictus zog, verweilte mein junger Schüler auffallend lange vor dem zweiten Wagen. Aus der Entfernung konnte ich sehen, wie eines der Mädchen die Hand nach ihm ausstreckte, um etwas von ihm entgegenzunehmen. Der Hauptmann schickte sofort einen seiner bewaffneten Mannen, um dies zu unterbinden, aber es konnte nichts gefunden werden, was es hätte sein können, was das Mädchen wohl unter ihren Kleidern verbarg und nicht hergeben wollte.
Als ich den ehemaligen Bischof und jetzigen Diakon Benedictus sah, mit nichts weiter als etwas dünnem Stroh ausgestattet und gar betrübt an das eiserne Gitter seines Wagens gelehnt, konnte er mir fast leidtun. Er war müde, sah hungrig und geplagt aus. An ihm war keine Spur mehr von dem Manne, den ich während der Heiligen Römischen Synode in hellem Glanz und reicher Glorie erlebt hatte. Das gerechte Urteil, welches ihn für sein schändliches und gotteslästerliches Tun getroffen hatte, mochte ihm wohl sein Leben gerettet haben, sein Geist jedoch war gebrochen. Mir war nun nicht nach einer Unterhaltung zumute, aber ich sah dem Benedictus an, wie sehr er sich nach einem wohlgefälligen Gespräch bei einem Becher Wein und gutem Essen sehnte. Auch die Aussicht auf das, wie man hört, recht kalte Klima im Norden (er verließ das sonnige Italien und ging mit Erzbischof Adaldag nach Hammaburg) vermochte seiner armen Seele keinen Trost zu spenden.
Als der Zeitpunkt der Abreise nahte, war ich einerseits betrübt und andererseits froh. Die Gunst des Kaiserpaares stellte einen unschätzbaren Wert dar, dessen wahres Ausmaß ich zu jenem Tage noch gar nicht abzuschätzen gewusst habe. Auch war es mir mit Gottes Hilfe gelungen, die Soldaten des kaiserlichen Heeres drei Tage lang von Beutezügen und Plünderungen in der Stadt abzuhalten. Die Cremoneser Bürger, deren Häuser und Läden dem großen Heerlager am nächsten zugewandt waren, klagten nur gering oder priesen öffentlich sogar die Weisheit und Freigiebigkeit meiner bescheidenen Person, was ich mit nicht geringer Genugtuung und Freude aufnahm.
Franco stand wieder bei den Mädchen und tuschelte heimlich mit ihnen. Ich hatte wohl allen Grund, mir ernste Sorgen um den Jungen zu machen. Noch mehr Sorge allerdings bereitete mir, dass das italische Königreich mit jedem Tage und mit jeder Meile, die der Kaiser sich von Rom entfernte, unsicherer und anfälliger für neuen Zwist und Streit wurde. Der unselige aufrührerische Adalbert war noch nicht gefangen und der ehrwürdige Leo auf dem Stuhle Petri wohl nicht stark genug, um sich allein, ohne des Kaisers Schutzmacht, gegen die Römer und ihre Vasallen aus dem Norden wie aus dem Süden zu verteidigen.
Zum Abschiede lud mich der Heilige Kaiser ein, im nächsten Jahr sein willkommener Gast am sächsischen Hofe zu sein. Ich solle zu ihm reisen, wann immer es meine Gesundheit erlaube, und so lange bleiben, wie es mir Freude und meiner Seele Labsal war. Bei dieser Gelegenheit wolle er mir dann eine erneute Gesandtschaft übertragen, die, wie er es ausdrückte, in besonderem Maße Vertrauen, Erfahrenheit und diplomatisches Geschick erforderte. Ich verneigte mich so tief und so demütig, wie es meine angeschlagene Gesundheit damals zuließ, dankte ihm für die Gnade seiner Gunst und versprach, alles in meinen bescheidenen Kräften Stehende zu tun, um ihn, den allerhöchsten Heiligen Kaiser und seine höchst geliebte und Heilige Gemahlin Kaiserin Adelheid in jeglicher Hinsicht zufriedenzustellen.
Außerdem entbot er sich, mir ab sofort eine monatliche Apanage in nicht unbeträchtlicher Höhe zu gewähren, was ich mit höchster Freude annahm. Als einzige Gegenleistung sollte ich lediglich für ihn fortsetzen, was ich sowieso schon mit größtem Vergnügen und manchmal wohl auch zum Zeitvertreibe tat: Schreiben! Nichts war mir lieber als dies und dazu, wenn es auch noch aufs Beste bezahlt wurde.
Mein Herz jubelte!
4. Kapitel
Den ganzen Winter über plagten mich erneut böse Schmerzen in den Gelenken, die sich auch durch Bäder und Wickel nicht recht lindern ließen. Auf vielfaches Anraten von Francos Lehrmeister, den mein braver Schüler regelmäßig ohne mein Wissen in meine körperlichen Beschwerlichkeiten und Nöte einweihte, begaben wir uns daraufhin auf den mühevollen Weg an den Königshof nach Pavia. Dort weilte zu jener Zeit einer der bekanntesten Heiler und Kräuterkundigen, der edle und ehrwürdige Benedictinerpater Matthias von Gernrode. Schon in den ersten Wochen seines Aufenthaltes am Hofe verbreitete sich die Kunde über seine wundersamen Heilkünste bis nach Rom und gar viele Kranke und Schmerzgeplagte strebten zu ihm. So drang sein Ruf auch nach Cremona und eine rege Reisetätigkeit in den Norden setzte ein. Wir selbst kamen im Frühjahr 965 Anno Domini dort an und bezogen Quartier im Hause meines Vaters, welches lange Zeit leer stand und mehr als genug Platz bot für meine Gäste, die Dienerschaft, zwei junge Diakone und einige Gehilfen, die ich für die allfälligen Schreibarbeiten und Beurkundungen mit mir führte.
Schon am zweiten Tage nach unserer Ankunft besuchte mich Bruder Matthias in meinem dortigen Palaste und prüfte, kaum, dass er eingetreten war, den Geruch in allen Räumen. Sofort, noch bevor er mich einer ersten Diagnose unterziehen wollte, gab er meinen Dienern Anweisungen, welche Pflanzen im Hause erlaubt seien und welches Öl sie zum Brennen benutzen sollten. Bruder Matthias war zu meinem größten Erstaunen ein noch junger Mann, er mochte kaum zwei Dutzend Winter erlebt haben. Ich gebe zu, trotz seiner Jugend war ich ungemein angetan von seiner Kenntnis der Dinge und ihren inneren Zusammenhängen. Auch Franco, der ihn unablässig beobachtete und darauf bedacht war, Matthias auf das Beste zufriedenzustellen, erging es so.
Sogleich unterstellte ich mich seiner weithin bekannten und oft gepriesenen Methode der Diätetik und gab meiner Dienerschaft Anweisungen, alles genauestens einzuhalten, was immer der ehrwürdige Bruder Matthias ihnen auftrug. Er lehrte mich und meinen Schüler in den folgenden Tagen und Wochen, während wir im Garten oft und gar trefflich disputierten, den richtigen Umgang mit der Luft, dem Wasser, der Wärme und dem Licht, er hieß mich, lange Spaziergänge an der frischen Luft zu unternehmen, er unterwies mich, auf die gute Ernährung zu achten und den richtigen Wechsel von Schlafen und Wachen einzuhalten, und neben vielen anderen nützlichen Dingen lehrte er mich auch, meine nicht geringen Affekte und Emotionen besser zu beherrschen. Er war ein großartiger, bescheidener und doch in seinem Wesen unnachgiebiger Lehrmeister und ich bereitete ihm zum Danke jede erdenkliche Freude, die ihm anzunehmen gestattet war. Noch heute danke ich dem geliebten Pater für jedweden Ratschlag, den er mir gab, und preise den Herrn im Himmel für seine Güte und Weisheit, mich in meiner Not zu ihm geleitet zu haben. Seit jenen Tagen am italischen Hofe in Pavia bin ich von den meisten meiner schlimmen Leiden wie durch ein göttliches Wunder geheilt und niemals wieder befallen worden. Leider aber nicht von allen, wie ich später noch zu berichten haben werde.
Der Herbst setzte in jenem Jahr schon recht früh ein und brachte eisigen Regen und Sturm. Für eine lange Reise über die Berge der Alpen, die den Süden vom Norden des Reiches trennten, bedurfte es aber nicht nur des warmen Wetters, sondern auch einer gewissen Vorbereitung. In Schnee und Kälte über die Berge zu gelangen war auch mit guter und warmer Kleidung, wie die Normannen, von denen man jetzt allerorten hörte, sie trugen, nicht gut möglich. So beschlossen wir, den Winter in Italien abzuwarten und unsere dem Heiligen Kaiser versprochene Reise nach Sachsen erst im Frühjahr zu beginnen, wenn der Schnee in den Bergen taute und die Wege nach Norden wieder freigab.
Um vor den gestrengen Augen unseres Allergnädigsten Kaiserpaares in geziemender Bescheidenheit und mit ehrbarem Fleiß bestehen zu können, nutzte ich die verbliebene Zeit bis zum ersten Vogelzug gen Norden mit der umfassenden Niederschrift der wichtigen und berichtenswerten Ereignisse aus Italien, Griechenland, Franken und Sachsen sowie aus dem Rest des Reiches. Hierzu bediente ich mich jeder Kunde, jedes berittenen Boten und jedes durchziehenden Spielmannes, derer ich am Hofe ansichtig werden konnte, und sandte meinen ehrbaren Amtsbrüdern in allen Teilen des Reiches zwei Dutzend Briefe, auf dass sie mir mit ihrem Wissen und ihrem Ratschlage bei meiner Aufgabe zur Hilfe kommen wollten.
Das Christusfest und den Silvestertag begingen wir mit großen Festen am Hofe zu Pavia.
In den Kalenden des März hatte ich die Arbeit an meiner schönen Chronik, zunächst bis zur Rückgabe Veronas an König Hugo13), abgeschlossen. Über den Namen, den ich meinem Buche gab, mag die Nachwelt nicht gering überrascht sein. Wozu, fragt man sich vielleicht in späterer Zeit, nennt man es Liber Antapodosis14), wo es doch die Taten großer Männer beschreiben soll. Die Antwort darauf ist, dass ich die Taten des Tyrannen Berengar und seines unersättlichen und raubgierigen Weibes Willa aufzeigen und in alle Welt hinausschreien möchte. Diese beiden nämlich haben mich, mein Haus, meine Sippe und Familie ohne alle Ursache mit so vielen Pfeilen der Lüge, mit räuberischen Erpressungen und gottlosen Ränken verfolgt, dass weder die Zunge es aussprechen noch die Feder es aufschreiben kann. Schon mein Rücken sträubt sich wie der eines räudigen Hundes, wenn ich nur daran denken muss. Darum soll ihnen dieses Buch eine Vergeltung sein! Zur Vergeltung für die mir zugefügten Leiden will ich ihre Gottlosigkeit den gegenwärtigen und zukünftigen Menschen aufdecken.
Und ebenso wird dieses Buch auch den heiligen und glücklichen Männern, denen ich wärmsten Dank schulde, eine Vergeltung sein für die Wohltaten, die sie mir erwiesen haben. So schließt sich der Kreis, den ich am Beginn aufgeschlagen habe, mit einem wohlfeinen Schlusse, der jedem genau das vergilt, was ihm gebührt.
Kurz vor unserer Abreise erreichte mich in Pavia ein Brief meines Freundes Widukind von Corvey, in welchem er mir mit reichen Worten die glückhafte Ankunft des erleuchteten Kaiserpaares nach mehr als dreijähriger Abwesenheit in Franken schilderte und wie sie feierlich nach Wormatia geleitet wurden. Bei glanzvollen Festen in Ingilenheim und in Colonia stieß auch die westfränkische Königin Gerberga mit ihren Söhnen König Ludwig und König Karl sowie ihren Töchtern hinzu. Weiter kamen der Bruder des Erhabenen Kaisers Otto, Erzbischof Brun, seine Söhne König Otto und Erzbischof Wilhelm, die hohen Herzöge aus dem ganzen Reiche mit ihren Familien und die frommen Erzbischöfe aus Hammaburg, Treveris und Remorum nebst vielen Bischöfen, Grafen und anderen vornehmen Herren von geistlichem oder weltlichem Stande. Er schrieb mit so großartiger Begeisterung, dass nie zuvor ein Ort auf der Welt jemals durch solchen Glanz und Ruhm der an ihm versammelten Menschen jeglichen Standes, Alters und Ranges erstrahlte. Der Glanz ginge vor allem vom vollständig versammelten Königshaus aus, welches sich hier im Lichte des kaiserlichen Ranges präsentierte.
Aber auch die Kriegsbeute, so schrieb Widukind weiter, sorgte für nicht geringen kaiserlichen Glanz, als sie dem versammelten Hofe und allen Gästen in einer angemessenen Prozession, die einen ganzen Tag andauerte, vorgeführt wurde. Der abgesetzte Papst Benedictus, der nach Hammaburg gehen sollte, und das nach Babenberch verbannte italische Königspaar Berengar und Willa waren gar prächtige Ausdrücke der kaiserlichen Machtfülle und gleichzeitig seiner über alle Maßen ruhmreichen Weisheit und Barmherzigkeit.
Mit großer Vorfreude und Erwartung, so will ich gerne zugeben, machten wir uns nach den Ostertagen des Jahres 966 auf den Weg nach Norden. Unsere Reisegesellschaft bestand neben Bischof Liutprand von Cremona (meiner eigenen bescheidenen Person), meinem lieben Franco, aus dem ein stattlicher Bursche geworden war, und den beiden Diakonen, die für mich Schreibarbeiten erledigten, aus zwei Dienern und aus nicht weniger als sechs Reittieren. Dazu gab man uns eine kleine bewaffnete Abteilung, die uns bis zur italischen Grenze begleiten und vor Angriffen durch versprengte Reste von Berengars und Adalberts Anhängern, die sich immer noch in den Bergen um den Lago Maggiore herumtrieben, beschützen sollten. Danach, so sicherte man uns zu, seien wir auf sicherem Boden und hätten von diesen Halunken und ihren Hundsgesellen nichts mehr zu befürchten.
Gottlob entgingen wir auf geschickte Weise jeglicher Auseinandersetzung und gelangten wohlbehalten bis zur Grenze. Jedoch verlor ich durch ein tragisches Unglück Eco, einen der beiden jungen Diakone, der von einem der Maultiere getreten wurde und wenig später verstarb, noch bevor wir an Hilfe gelangen konnten. Wir beteten in einem nahegelegenen Kloster um seine Seele und übergaben den Brüdern dort seine sterbliche Hülle, damit sie sich um alles Weitere kümmern konnten.
Alsbald verlor ich auch den anderen Diakon, Tomas genannt. Ich schickte ihn mit den Bewaffneten zurück nach Pavia, weil er voll von Furcht und nicht mehr bereit war, weiter zu gehen oder gar zu reiten. Es schien, als könnte er mit seinem angstvollen Gerede alle anstecken und die ganze Gesellschaft zum Einsturze bringen. Der junge Tomas fürchtete, selbst durch einen geheimen Bergzauber verflucht zu sein und dass die Maultiere es auch auf ihn abgesehen hätten und er somit bald zu Tode käme. Im Traume hatte er sich auf grausamste Weise leiden und bluten sehen und war ganz sicher, sein letzter Seufzer stünde nun unmittelbar bevor. Auch mein gutes Zureden und die Austreibung der Dämonen, die ich ihm vor unserer Trennung als Zuspruch und auch als Zeichen meines guten Willens gewährte, halfen nichts.
Danach aber verlief unsere Reise ganz ohne Schwierigkeiten und wir kamen jeden Tag ein gutes Stück voran, teils geritten, aber wo es die Wege nicht erlaubten, auf den Füßen. Ganz am Ende der Berge, als wir alle schon nicht mehr damit rechneten, zeigte sich Gott in seiner gerechten Größe noch einmal deutlich für uns, indem er das Maultier, welches meinem lieben Diakon Eco den Todesstoß versetzt hatte, mit einem ebensolchen Stoß in einen tiefen Abgrund beförderte, wo es am Boden aufschlug und nur noch ein leises Quäken von sich gab, bevor es sein Leben für immer aushauchte. Ich dankte dem Herrn in einem Gebet dafür, dass er es so entschieden hatte.
Etwas nördlich der schönen Stadt Basilea, es mochte auf halbem Wege nach Argentoratum gewesen sein, bestieg unsere Gesellschaft am großen Fluss Rhenus ein Segelschiff mit ungewöhnlich flachem Boden, welches an beiden Seiten über große hölzerne Tafeln verfügte, welche uns, wie der Schiffsmeister mir sagte, für eine festere Reise nützlich sein sollten. Ich gestehe, dass ich mir anfangs ein wenig Sorgen um unsere Sicherheit machte, insbesondere natürlich, weil ich es bisher versäumt hatte, meinen Schüler Franco in der Kunst des Schwimmens im Wasser zu unterrichten.
Wir reisten jedoch nicht allein auf dem Schiff. Mit uns unterwegs waren zwei Kaufleute aus dem Burgundischen, die auf dem weiten Wege nach Brema im Norden waren. Sie trugen trotz des angenehmen und warmen Wetters, welches der Herrgott uns dieser Tage bescherte, lange schwarze Mäntel und ebensolche Hauben aus einem glänzenden Stoff, den ich zuvor schon einmal am Hofe Kaiser Konstantins VII. Porphyrogennetos gesehen zu haben glaubte. Sie nannten ihn damals Syde oder Seide und er war allerorten sehr teuer und nur schwer zu beschaffen gewesen. Ich bekundete natürlich großes Interesse an dem glänzenden Tuche und man riet mir, mich an eine der aus dem Osten zurückkehrenden Handelskarawanen zu halten, die, beladen mit Stoffballen aller Art, meist in den Tagen nach dem Vollmond in Colonia einzutreffen pflegten. Man sagte mir auch, dass es sich bei dem feinen Tuche wohl um ein Gespinst von niederem Gewürm, Raupen und Käfern, handeln solle, was ich allerdings für einfältig erachte und eher dem menschlichen Hang zur Flunkerei geschuldet sehe. Wie hätten derart einfache Kreaturen jemals etwas so Großes, voll von göttlicher Schönheit und Erhabenheit, herstellen können?
Wegen der dann folgenden aufregenden Ereignisse und wegen meiner überstürzten Abreise aus Konstantinopel verfolgte ich meine Absichten jedoch nicht weiter. Nun, da ich im Angesicht dieser beiden edlen Herren die ganze Prächtigkeit und Eleganz des Seidentuches bewundern konnte, nahm ich mir vor, die nächste Gelegenheit besser zu nutzen. Zu meinem größeren Erstaunen praktizierten sie noch eine andere, sehr ungewöhnliche Manier. Sie rieben ihre Hände viermal täglich mit einer Lotion ein, die gar lieblich nach Lavendel und Honig duftete. Auch den Hals und die Schläfen betupften sie immer wieder mit dieser Lotion, was wohl die Luft um sie herum, wie es mir schien, frei von Fliegen und Schnaken hielt. Die Kaufleute unterhielten sich die ganze Zeit über sehr gewandt über allerlei geschäftliche Angelegenheiten, von denen ich, wie mir auffiel, erstaunlich wenig verstand.
Unterwegs mussten wir zweimal auf ein anderes Schiff umsteigen, um Stromschnellen und andere im Flusse lauernde Gefahren zu umgehen. Ein heftiges Gewitter hielt uns zudem länger als nötig in einem Lotsenhause fest, denn die burgundischen Kaufleute bestanden streng und unnachgiebig darauf, der Weiterreise erst zuzustimmen, nachdem all ihre Kleidung bis auf den letzten Faden und Knopf getrocknet war. Dem Schiffsmeister war es ganz recht so, mich jedoch begann schon damals ein leichter Zahnschmerz zu peinigen. Dennoch fügten wir uns dem Willen der übrigen Reisegesellschaft und fuhren erst am nächsten Morgen weiter. Als wir dann um die Mittagstunde ganz in der Nähe des Klosters Wicenburg ein neues Schiff bestiegen, welches ebenso flach und breit gebaut war wie das erste, bemerkte ich am Westufer des Stromes eine Gruppe Männer in ärmlichen Kleidern. Von gemeinen Bauern unterschieden sie sich ganz erheblich, nicht nur durch ihre Reittiere (es mochten kleine Pferde gewesen sein), sondern auch durch ihr Verhalten. Sie deuteten mit den Armen zu uns hinüber und schimpften, als hätten wir sie einstweilen in ihrem Frieden gestört. Ich schwöre bei der Heiligen Jungfrau Maria, wir haben uns aber nichts dergleichen zuschulden kommen lassen, sondern immer die gehörigen Abstände eingehalten, wie uns auch der Schiffsmeister mit seinem Eide versicherte. Der Trupp verschwand plötzlich vom Ufer und ward für wenigstens zwei Stunden nicht mehr gesehen.
Ich wusste damals nicht, ob ich mir Sorgen machen müsste, dass unser Leben oder unser Wohlergehen bedroht sei. Zunächst waren wir in der Mitte des Flusses auf sicherem Abstand und der Schiffsmeister schien gänzlich unbesorgt zu sein, nachdem sie aus unserem Blick verschwanden. So war ich es denn auch.
Zu unserer Reisegesellschaft gesellte sich, ganz zu meiner Freude, der ehrwürdige Benedictinerpater Pilegrinus von Batavis aus dem Kloster Altahens, welches am schönen Bodamer See liegt. Ein frommer Mann mit einem guten Namen unter den Unsrigen, zumal er sich hervorragend auf das Kopieren von Urkunden und Abschriften von Büchern verstand, die drohten, in Verlust zu geraten durch die Feuchte in den Kellerwänden, unter der das Pergament noch mehr zu leiden hatte, als dem immerwährenden Nagen hungriger Ratten.
Bruder Pilegrinus von Batavis war ein kleiner alter Mann mit schönen Zähnen, wie es heutzutage durchaus selten ist, und einem wachen Verstand. Er trug eine Vielzahl Schriften und Urkunden mit sich – zusammengerollt so dick wie ein Baumstamm und zum Schutze vor dem Wetter in weiches Kalbsleder gewickelt. Voller Stolz und Sorge zugleich zeigte er mir seine letzten Arbeiten, die, wie ich zugeben muss, durchweg mit hoher Kunst gestochen und gezeichnet waren. Leider gelang ihm in letzter Zeit, wie er mir traurig berichtete, weniger als noch vor einem Jahr, weil ihm die nachlassende Sehkraft inzwischen sehr zu schaffen machte. Er behalf sich mit einem recht verdorbenen Augenglase, welches ich sogleich selbst in Augenschein nahm und allein wegen der vielen kleinen Risse für wenig brauchbar ansah. Weil der Pilegrinus an sich ein sehr frommer und gutartiger Mensch war, der sich jeglicher Gnade und Barmherzigkeit würdig erwies, und ich ihm eine Freude damit machen konnte, schenkte ich ihm eines meiner Augengläser, von denen ich stets zwei mit mir herumtrug, eines zum Ersatze für den Verlust des jeweils anderen. So ich ihm nun das Glas schenkte, ward er wieder glücklich und probierte es noch in derselben Stunde aus, als das Schiff eine ruhigere Lage in der Mitte des Stromes erreicht hatte.
Auch die burgundischen Kaufleute interessierten sich für seine Arbeiten, als sie ihn so inmitten des Schiffes auf dem Boden sitzen sahen, um sich herum die ausgebreiteten Urkunden und Schriftrollen. Sie staunten über die Kunstfertigkeit und lobten die schöne Ausführung. Bruder Pilegrinus, von so viel Einfühlsamkeit und Kunstverstand angenehm berührt, blühte förmlich auf und gab mit Freude jegliche Auskunft, um die man ihn bat. Sodann erwähnte er voller Stolz, dass er sich auf dem Wege zum Heiligen Kaiser befände und seine Abschriften Auftragswerke der kaiserlichen Kanzleistube wären, die er nun abzuliefern bereit sei. Als ich dies hörte, hüpfte mein Herz vor Freude noch ein Stück weiter in die Höhe, wusste ich doch, dass wir nun einen weiteren Begleiter mit eben demselben Ziele gefunden hatten und dass nun die Zeit bei angenehmen Gesprächen wie im Schlafe vergehen würde.
Nur allzu gern hätte ich diesen ehrenwerten und gebildeten Herren auch eines meiner Werke vorgeführt, da ich es ja auch in diesem Moment bei mir trug. Ihr wohlgefälliges Urteil und die Anerkennung der hohen Aufgabe hätten meine Seele ganz sicher erfreut. Leider ließ aber der Stand der Dinge etwas Derartiges nicht zu. In meinen Augen hatte allein der Höchste und Heilige Kaiser ein gemäßes Anrecht darauf, das Werk als erster zu sehen. Und es wäre mir als seinem loyalen Diener unbotmäßig und auf gewisse Weise auch verräterisch erschienen, anderen den Vorzug in dieser Angelegenheit zu geben. Und so beließ ich es, wo es war, sicher verwahrt und vor fremden Blicken geschützt.
Doch dann wandelte sich plötzlich das Bild. Die Kaufleute zogen sich schweigend auf die eine Seite des Schiffes zurück, Bruder Pilegrinus auf die andere. In einem ruhigen Augenblick nahm mich Pilegrinus beiseite und bedeutete mir, dass ihm die Gegenwart der Kaufleute auf dem Schiffe seelische Schmerzen bereitete.
Ich fragte ihn, was ihn denn so sehr bedrücke.
„Sie sind keine ehrbaren Männer!“, sagte er beschwörend.
„Warum denn nicht, mein lieber Pilegrinus?“
„Sie sind nicht Gottes Wille! Und sie gehören keinem ehrbaren Stande an.“
„Aber es sind gute Kaufleute und auch sehr verständig. Warum zweifelt Ihr an ihnen?“
Bruder Pilegrinus stöhnte auf.
„Das ist es ja eben! Sie gehören nicht zu den Betenden und nicht zu den Kämpfenden. Aber zu den Arbeitenden kann man sie auch nicht zählen. Was sie tun, ist sich an den Dingen der anderen schamlos zu bereichern. Sie nehmen dem einen das Korn und verkaufen es dem anderen, mit Gewinn, aber ohne das Korn zu mahlen oder zu backen. Und einem anderen nehmen sie das Tuch, um es andernorts auf dem Markte feilzubieten. Aber es ist immer noch dasselbe Tuch, keinen Mantel oder Rock haben sie daraus gemacht! Das ist wider des Herrn Gebot. Oder wie denkt Ihr darüber, Bruder Liutprand?“
„Ich sehe wohl, was Ihr meint, Bruder Pilegrinus. Ihr denkt an den Wucher, der wahrhaft eine schmähliche Sünde ist?“
„Nein, nein, ehrwürdiger Liutprand, nicht der Wucher macht mir Sorge. Das Vergehen besteht schon allein darin, dass hier Zeit verkauft wird. Zeit! Versteht Ihr?“
Beschwörend blickte er mich an, während seine Hand nach der meinen griff.
„Aber ruht nicht die Zeit allein in Gottes Hand?“, fuhr er fort. „Und hat nicht auch schon Jesus, unser Herr, die Kaufleute aus dem Tempel vertrieben?“
Ich sah ihn aufmerksam an. Möglicherweise hatte er recht mit dem, was er sagte.
Ohne auf meine Erwiderung zu warten, hob Pilegrinus die freie Hand zum Himmel und rief: „Das ist ein deutliches Vorzeichen für das böse Schicksal, welches sie beim Jüngsten Gericht erwartet, Liutprand! Die Hölle ist ihnen sicher, wenn der Herr ihnen nicht die Gnade gewähren sollte, stattdessen ewiglich im Fegefeuer zu schmoren.“
Nun war es für mich doch an der Zeit, ihm zu antworten, wenn ich mir nicht sein Missfallen für den Rest der Reisegesellschaft zuziehen wollte.
„Ach, lieber Pilegrinus“, sagte ich also zum Trost, „zürnt ihretwegen nicht so sehr. Wir werden ihre Anwesenheit wohl nicht lang ertragen müssen. Im nächsten Hafen gehen sie sicher wieder an Land und Ihr müsst Euch nicht weiter um ihr Seelenheil sorgen. Ich bin sicher, der allmächtige Herrgott wird es für uns richten.“
Damit war Bruder Pilegrinus fürs Erste zufriedengestellt und auch ich begann, mich wieder den schönen Dingen zu widmen.
Zunächst kamen wir wegen eines widrigen Windes nur schlecht voran und als wir die große hölzerne Brücke südlich von Wormatia erreichten, sahen wir wieder die Reiter, wie sie in strengem Galoppe auf die Brücke zuhielten. Doch wir hatten Glück, der Herrgott hielt seine schützende Hand über uns und wir fuhren wohlbehalten darunter hindurch, bevor sie die Stelle über uns erreichen konnten. Bis zu diesem Moment wussten weder ich noch jemand anderes auf dem Schiff, was die Männer so erzürnt hatte, dass sie uns verfolgten, was ja nun offenbar wurde. Als sie feststellten, dass wir ihnen entwischt waren, schossen sie uns zwei Pfeile hinterher, bis der Anführer den beiden Bogenschützen eine schallende Ohrfeige versetzte und diese enttäuscht ihre Bögen sinken ließen. Insgesamt zählte ich an die fünf Männer, wobei einer von ihnen am Ausgang der Brücke zurückgeblieben war. Franco spuckte nach ihnen aus und sagte etwas, das ich hier unmöglich wiedergeben kann, weil es mich schämen müsste. Auch die beiden burgundischen Kaufleute schimpften in ihrer fremden Sprache, und so dachte ich nicht weiter darüber nach.
Mir selbst ging es nicht sehr gut um diese Zeit. Ein böser Zahnschmerz bedrückte mein Gemüt, die rechte Backe war dick angeschwollen und ich konnte weder essen noch in den Schlaf kommen. Missmutig kauerte ich in einer Ecke des Schiffes und wartete sehnsüchtig darauf, dass der Schmerz nachlassen würde. Der gute Franco versuchte mich zu trösten und betete für mich, aber es half nichts. Ich kannte nicht viele Mittel, die wir hier in der Fremde dagegen verwenden konnten.
Als Bruder Pilegrinus mich so bemerkte, setzte er sich zu uns und sagte: „Mein lieber Liutprand, wohl sehe ich, dass Euch etwas peinigt, doch weiß ich nicht, wie Euch zu helfen sein wird. Ist es ein Backenzahn?“
Ich blickte ihn an, nickte kurz und versank erneut in Betrübnis.
„Mir hat in früheren Jahren oft geholfen“, fuhr er fort, „jeden Morgen nach dem ersten Gebet einem grünen Teichfrosche ins Maul zu spucken und ihm mit den Worten ‚Nimm das Übel mit!’ allen Schmerz zu übertragen. Dieses war dreimal zu wiederholen und dann jeden Tag weiter, solange die Schmerzen nicht fort sind. Und es hat immer gute Wirkung getan.“
So riet er mir, ebenfalls in diesem Sinne zu verfahren, und ich hoffte und betete, dass er recht haben möge. Und wenn es half, die Last des Schmerzes etwas leichter zu ertragen, wollte ich schon zufrieden sein, auch wenn grüne Teichfrösche in dieser Gegend vielleicht nicht eben leicht zu beschaffen waren. Wir würden die gemeinen Bauern in einem nahegelegenen Dorfe danach fragen müssen.
Eine Stunde, bevor die Dunkelheit hereinbrach, hieß uns der Schiffsmeister an Land gehen, weil er sein vorbestimmtes Ziel erreicht hatte. Die Stelle zum Anlanden bestand aus nicht viel mehr als einem kleinen Steg, der wie ein Dorn in den Fluss ragte und einen gar gebrechlichen Eindruck machte. Der Steg lag auf der linken Seite des Ufers, etwas weiter voraus auf der rechten Seite erblickte ich eine Feste, die auf einem felsigen Vorsprunge erbaut war und den Fluss zwang, einen großen Bogen drum herum zu machen. Sie wirkte recht bedrohlich, ganz aus grauem Stein erbaut, und es lagen mindestens siebzig Ellen Fels zwischen dem Fluss und dem ersten gehauenen Stein. Auf einer der oberen Zinnen des wehrhaften Turmes entdeckte Franco zwei Wachen mit Helmen, für meine schwächer werdenden Augen waren sie bereits viel zu klein geworden. Aus diesem Grunde war ich ganz froh, dass die Feste auf der anderen Seite lag. Wir würden es dem Fluss gleichtun und einen großen Bogen um sie herummachen.
Der Schiffsmeister wollte seinem Gehilfen an Land gerade eine Leine für den Steg zuwerfen, als plötzlich die fünf Reiter mit ihren kleinwüchsigen Pferden und lautem Gebrüll um die Ecke geritten kamen, als hätten sie nur darauf gewartet, dass wir uns dem diesseitigen Ufer näherten. Dem Schiffsmeister fuhr der Schreck in die Glieder, und nicht nur ihm, sondern auch mir, als ich die gespannten Bögen bei zweien von ihnen sah. Der Gehilfe wurde von einem krummen Pfeil ins Bein getroffen und stürzte sogleich ins Wasser. Ich weiß nicht, ob er es absichtlich tat, um sein Leben zu retten, oder unabsichtlich, weshalb er dann wohl untergegangen und dem Tode geweiht wäre. Da ich nun aber viel zu sehr mit mir selbst und meinem eigenen Überleben beschäftigt war, konnte ich sein Schicksal nicht weiterverfolgen.
Der Schiffsmeister scherte sich ebenfalls nicht um den Gehilfen. Er drehte schleunigst ab und brachte schnell zwei Bootslängen zwischen uns und das Ufer. Die berittenen Männer schossen unterdessen immer weitere Pfeile auf uns ab, vor denen wir uns hinter dem niedrigen Schanzkleide des Schiffes zu verbergen suchten. Einer der burgundischen Kaufleute fiel plötzlich vornüber auf den hölzernen Boden und erstarb, von einem Pfeil mitten durch den Hals getroffen, vor unseren Augen. Oh, war dies ein schrecklicher Augenblick, mit ansehen zu müssen, wie jemand unschuldig und von solch boshafter Tücke getroffen dahinschied! Die Männer auf ihren Pferden jubelten, als sie bemerkten, dass sie einen der Unsrigen voll erwischt hatten.
Aber es kam noch schlimmer, als sie begannen, uns mit brennenden Pfeilen zu beschießen. Schon die ersten beiden Pfeile setzten das Segel in Brand. Die von diesem sogleich herunterfallenden Fetzen entzündeten wie eine Fackel wiederum das Pechwerg, mit welchem das Schiff gegen das Wasser abgedichtet war. Bald stand das halbe Boot in lodernden Flammen und die Maultiere im Heck wurden sehr unruhig. Eines der Tiere schlug wild um sich und drohte, die anderen zu verletzen, während es vergeblich versuchte, sich von der Last auf seinem Rücken zu befreien. Franco stürzte, umhagelt von brennenden Pfeilen, auf die Tiere zu und befreite sie, eines nach dem anderen, von ihren Taschen, um sie sodann mit kräftigem Anschube ins Wasser zu stoßen. Zunächst erschrak ich gehörig, aber dann gefiel mir sein Plan, denn wir konnten in guter Hoffnung davon ausgehen, dass einige der Tiere es schwimmend zum Ufer schaffen würden und wir sie dann wieder einfangen könnten.
Die Tasche, in welcher sich mein Buch und die restlichen Aufzeichnungen befanden, lag mit zerschnittenen Riemen in der Nähe. Ich hatte nicht viel Mühe, sie zu mir heranzuziehen. Sodann band ich sie fest um meinen Körper, um sie nur ja nicht zu verlieren, sollte ich mich schwimmend aus meiner jetzigen Lage befreien müssen.
Pilegrinus von Batavis saß jämmerlich und mit eingezogenem Kopfe in einer Ecke, aber auf der falschen Seite des Schanzkleides, nämlich der, in welcher beständig grobe Pfeile einschlugen.
Ich rief ihn zu mir herüber und als er, auf allen Vieren kriechend und seine Pergamente vor sich herschiebend, bei mir ankam, gestand er mir, dass er nicht schwimmen könne und entsetzliche Angst hätte. Nun, ich versprach auf mein Ehrenwort, ihn wenn nötig zu retten und bei Gesundheit an Land zu bringen, was ihn aber erstaunlicherweise weniger zu beruhigen vermochte, als ich gehofft hatte. Nunmehr klammerte er sich umso fester an mich, auf dass ich mein Versprechen an ihm einlöse.
Es dauerte nicht lange, dann war es so weit. Der Schiffsmeister lag von einem Pfeil schwer getroffen auf dem Boden. Unser Schiff bekam gehörige Schlagseite, weil sich nun alle diesseits hinter dem schützenden Schanzkleide versteckten und das Gegengewicht von den Maultieren auf der anderen Seite fehlte. Es sank immer tiefer ein und so blieb uns bald nicht viel mehr, als für ein gutes Ende zu Gott zu beten und uns ins Wasser fallen zu lassen. Pilegrinus, der noch fester als zuvor an mir festhielt, plumpste im selben Augenblick ins Wasser und begann sofort, wild mit den Armen zu rudern, was ihn für einen kurzen Moment von mir loslöste. Er schrie und bettelte um Hilfe. Auch seine Pergamente hatte er in Todesangst fallengelassen. Ich befahl ihm, ruhig zu sein und auf die Rollen achtzugeben. Doch er konnte sie schon nicht mehr erreichen. Kaum, dass er versuchte, den Arm nach ihnen auszustrecken, machte er angstvoll kehrt zu mir zurück und ließ mich fortan nicht mehr los.
Ich schwamm, so gut es mir möglich war, in Richtung Ufer davon, aber der gute Pilegrinus war ein zu schwerer Klotz an meinem Schoße. In aller Eile unterwies ich ihn, wie er das Schwimmen mit den Beinen vollziehen konnte, und als er sich daran gewöhnt hatte, hieß ich ihn, mit den Armen ebenso zu verfahren. Ich weiß nicht, wie lange wir auf diese Weise mit recht geringem Erfolge hin und her ruderten, aber wir erreichten irgendwann wohlbehalten das Ufer der rechten Seite, die uns im Angesicht der brutalen und gottlosen Räuber am anderen Ufer als die sicherere Seite erschien. Wir keuchten und bebten wie ein Blasebalg, aber wir waren am Leben. Franco, der bereits zwei der Maultiere eingefangen und eine unserer Taschen gerettet hatte, erwartete uns und half mir und dem Bruder Pilegrinus an Land.
Ich blickte an mir hinunter und fand, Gott sei Dank, die Tasche mit meinen Dokumenten unversehrt gegurtet. Was hätte ich nur ohne sie tun sollen? Vom anderen Ufer klangen entsetzliche Geräusche zu uns hinüber. Die Räuber stürzten sich auf den burgundischen Kaufmann, der sich völlig erschöpft an den Steg klammerte und um Gnade winselte. Sie zerrten ihn aus dem Wasser, prügelten ihn mit den Fäusten und versuchten, ihm seinen Geldbeutel zu entreißen. Als er sich trotzig weigerte, ihn herauszugeben, schlugen sie ihm unversehens die Hand ab, die den Beutel hielt. Voller Grauen wandten wir uns ab, Bruder Pilegrinus verkrampfte sich ängstlich in meinem Reiseumhang und betete inständig.
„Was werden sie erst mit uns tun?“, jammerte er fortwährend, und es nutzte auch nichts, wenn ich ihm erklärte, dass zwischen uns ein großer Strom lag, den zu überqueren die Räuber ohne Weiteres nicht in der Lage waren.
Lediglich Franco wandte sich nicht ab, sondern beobachtete aufmerksam das grausige Geschehen auf der anderen Flussseite. So sah er, wie sie dem Kaufmann seine sämtlichen Kleider entrissen, ihm seinen Schmuck abnahmen und so lange und so grob auf ihn einschlugen, dass er sich nicht mehr wehren konnte und nur noch still am Boden lag. Sodann stießen sie ihn ins Wasser und machten sich johlend und jauchzend über ihre Beute her, welche sie sogleich unter sich aufteilten. Den völlig durchnässten schwarzen Seidenmantel warf sich der Anführer über die Schulter. Dann schwangen sich die Räuber, immer noch laut johlend, auf ihre Reittiere und galoppierten, wie vom Teufel selbst befohlen, nach Südwesten davon.
Franco sah ihnen hinterher, bis sie zwischen den Hügeln verschwanden.
Dann wandte er sich wieder mir und meinem Begleiter zu.
„Wo sind die kaiserlichen Urkunden, verehrter Meister Pilegrinus?“, fragte er unsicher, nachdem er sich vergewissert hatte, dass sie nicht mit angelandet worden waren.
Pilegrinus entschuldigte sich wortreich, dass er sie habe fahren lassen müssen, aber Franco hatte schon keine Zeit mehr, seinen umständlichen Erklärungen zu folgen. Ohne ein weiteres Wort rannte er fort, eine halbe Meile flussabwärts, und stürzte sich ganz in der Nähe der bedrohlichen Feste furchtlos in die dunklen Fluten des Stromes. Ich rief ihm nach, war mir aber bewusst, kaum, dass ich seinen Namen dem Wind übergeben hatte, dass es zu nichts nutzen würde. Franco war offenbar wild entschlossen, die Pergamente aus dem Wasser zu retten, und er würde sich gewiss nicht von einem alten und viel zu zögerlichen Manne wie mir davon abhalten lassen.
Was ich kaum gehofft und der gute Pilegrinus für unmöglich gehalten hatte, trat tatsächlich ein. Franco kehrte, obwohl sich schon die Dämmerung um uns herum senkte, mit dem Kalbsleder im Arm zurück. Bruder Pilegrinus und ich gingen ihm auf halbem Wege entgegen. Ach, wie herzlich ihm der Pilegrinus dafür dankte, kann und will ich nicht beschreiben, denn es gäbe keine guten Worte für so viel Glück und Freude, die aus tiefstem Herzen emporquollen und die er ihm darbrachte, auf den Knien liegend und weinend vor unendlicher Seligkeit über den glücklichen Ausgang.
Aber ehe wir uns versahen, waren wir der finsteren Burg immer nähergekommen, so dass unsere langen Schatten bereits ihren Sockel berührten. Mir war zutiefst unwohl zumute.
Wilde Geschichten hatten wir seinerzeit gehört, von garstigen Kreaturen, die an verlassenen Orten hausten und dabei teuflische Dinge trieben. Sie konnten Feuer anzünden, wo vorher keines war und die Stimmen Verstorbener aus dem Nichts erschallen lassen, sodass es jedem gottesfürchtigen Manne eine elende Qual sein musste.
Ich war beunruhigt. Die Nacht stand uns bevor und wir hatten noch kein Quartier für uns gefunden. Als ich meine Sorge den anderen beiden mitteilte, ergriff Bruder Pilegrinus ängstlich meine Hand. Er zitterte am ganzen Körper und es war mir nicht ersichtlich, ob dies nun wegen der nassen Kleider oder der zu befürchtenden Scheußlichkeiten geschah.
„Kommt herauf, Ihr braven Leute. Ihr müsst Euch nicht ängstigen!“, rief plötzlich eine feste Stimme von oben herab, gerade als Pilegrinus zu einer Erklärung ansetzen wollte. Wir sahen hinauf und entdeckten einen Mann der Wache, der eine Fackel hielt und uns gar freundlich zuwinkte.
„Wer ist Euer Herr?“, fragte ich zurück, aber die Antwort ließ ungewöhnlich lange auf sich warten.
„Ihr seid in des Kaisers Schutz“, rief eine zweite Stimme. „Habt keine Furcht! Hier gibt es gutes Essen und ein sicheres Nachtlager für Euch. Dort unten ist es nicht sicher genug für ehrbare Männer wie Euch. Kommt nur herauf!“
Einer solch freundlich gesprochenen Einladung konnten und wollten weder Bruder Pilegrinus noch ich bei aller gebotenen Vorsicht widerstehen, erst recht nicht, nachdem wir mit Gottes Hilfe unser nacktes Leben gerade noch eben aus dem Wasser ziehen konnten. So beschlossen wir dann, die Einladung anzunehmen. Wir sammelten die Maultiere und die wenigen übrigen Sachen zusammen und ich dankte meinem lieben Schüler für seine Kühnheit und Entschlossenheit. Allerdings war zu meinem größten Leide durch den Verlust unserer weiteren Taschen offenbar geworden, dass ich nun mit leeren Händen dastünde, wenn der Heilige Kaiser uns empfangen wollte, weil die einzige verbliebene Tasche nur einen Rest an Proviant enthielt. Alle Geschenke, die wertvollen goldenen und silbernen Kannen, die ich eigens für den Kaiser und seine holde Gemahlin ausgesucht hatte, die kunstvollen Schwerter der Sarazenen, die kostbaren Gewänder und Tuche trieben im Flusse dahin und waren wohl unrettbar verloren.
Franco erwiderte meinen sorgenvollen Blick.
„Wer hat Dich das Schwimmen im Wasser gelehrt, mein guter Junge?“, fragte ich ihn mit nicht geringer Verwunderung und Anerkennung in der Stimme, als wir den steilen und wie ein Wurm gewundenen Weg zur Feste hinaufstiegen.
„Niemand, Meister Liuzo. Ich habe es mich selbst gelehrt.“
Er muss mir meine Verblüffung angesehen haben, denn sogleich fügte er zu seiner Erklärung hinzu: „Vor nicht langer Zeit habe ich beobachtet, wie einer der Händler aus Arabien, die wir in Pavia allerorten gesehen haben, aus freien Stücken in den Fluss Eridanus gestiegen ist und wie er nicht unter den Wellen verschwand. Ich sah, wie er vom Ufer forttrieb und wenig später wieder zurückfand, wobei er mit den Armen und Beinen ruderte wie eine Ente. Es war aber gar nicht schwer, seine Bewegungen zu lernen und nachdem der Mann fort war, machte ich es ihm sogleich nach.“
Ich fand es durchaus bemerkenswert, wie mein braver Schüler die Dinge selbst in die Hand nahm und seine Ausbildung aus eigenem Antriebe heraus in einer überaus nützlichen Weise ergänzte. Keiner meiner früheren Schüler hatte dergleichen je getan, was mir aufs Neue ein Fingerzeig war, dass der Franco ein von Gott begnadetes Geschöpf war.
„Du hättest ertrinken können bei dem Versuche“, merkte ich dennoch an.
„Nun, verehrter Meister Liuzo, wie Ihr seht, lebe ich aber noch. Ab und an müssen wir die Dinge selbst in die Hand nehmen, damit sie so werden, wie wir sie wollen.“
Ich sah zu ihm hinüber. Aus seiner Stimme klang eine zuvor nie gehörte Festigkeit heraus, die mir tief im Inneren meiner Seele Sorge bereitete.
„Vergiss nicht“, ermahnte ich deshalb in väterlichem Tone, „dass allein Gott, unser Herr im Himmel und auf Erden, bestimmt, wie die Dinge sein sollen. Wenn er es geschehen lässt, wird es geschehen. So steht es in der Heiligen Schrift, mein lieber Junge.“
Franco schüttelte den Kopf. „Nun, ich denke, mitunter überlässt es Gott uns Menschen, zwischen richtig und falsch zu unterscheiden.“
„Wir Menschen sind nur Geschöpfe des Herrn, seine untauglichen Diener! Niemals dürfen wir uns in seinem Angesichte zum Richter aufschwingen!“
„Ja, aber glaubt Ihr denn, verehrter Bischof, dass Gott gar selbst die Pergamente aus dem Wasser gezogen hätte oder dass der Herr das widerspenstige Maultier den Felsen hinabgeworfen hat?“
Ich blieb stehen.
„Was redest Du da nur, Junge?“
Mir fiel es schwer zu glauben, was sich meinen Ohren soeben offenbarte. Andererseits hatte ich wohl kaum genügend Grund, an den Worten meines Schülers zu zweifeln. Hatte er das Maultier den Felsen hinabgestoßen? Hatte er wirklich für den unglücklichen Bruder Eco Rache an dem armen Tiere genommen und es dann vor mir wie einen Unfall aussehen lassen? Ich mochte es nicht glauben, aber Francos hochmütig lächelnder Ausdruck, der die Gewissheit ausstrahlte, etwas Gottgefälliges und überaus Gerechtes getan zu haben, schauderte mich, wie ich es selten zuvor erlebt hatte. Musste denn auch ich mich vor ihm fürchten, wenn ich eines Tages fehlging und jemand durch mein Versehen zu Schaden käme, so fragte ich mich.
Bruder Pilegrinus sah mich nachdenklich an. Natürlich konnte er nicht wissen, worüber wir gerade sprachen, aber er ahnte es doch und bemerkte die plötzliche Veränderung in meiner Miene. Abwechselnd blickte ich den braven Pilegrinus und meinen Schüler Franco de Ferrucius an. Was war er nur für ein Mensch? War er nicht, wie ich auch, ein Mann Gottes? Hatte er nicht einen heiligen Eid auf den Herrn geleistet? Warum tat er einerseits Dinge, die so unverständlich und gottesfern waren, dass ich sie mir nicht einmal vorstellen mochte? Und andererseits rettete er unser aller Leben und Wohlergehen, ohne dabei auch nur im Entferntesten an sein eigenes zu denken.
Die Feste Vossberg am ebenso schönen wie gefährlichen Flusse Rhenus wurde vom frommen Grafen Meik verwaltet, der dem sächsischen Herrscherhause treu ergeben und darüber hinaus verwandtschaftlich durch seine Nichte verbunden war, die wiederum den ältesten Sohn des Herzogs Heinrich heiratete und somit dessen Schwiegertochter wurde. Dem heiligsten Kaiserpaar stand der Graf Meik auch persönlich sehr nahe und ward während der großen Italienreise mit dem Schutze und der Ausbildung des noch minderjährigen Sohnes Otto betraut. Der Meik selbst musste einer der glücklichsten Menschen in Gottes Erdenkreis gewesen sein, so ihm sein Eheweib zwölf gute Kinder, elf stramme Jungs und ein Mädchen, zur Nachfolge geschenkt hatte – und ein Ende noch nicht abzusehen war.
Der älteste Sohn, mit Namen Henk, stand der Burgwache als Hauptmann vor, so wie auch die anderen alle, ihrem jeweiligen Alter folgend, wichtige Aufgaben am Hofe übertragen bekamen. Jegliches Wohlergehen und die Zerstreuung der vielfältigen Gäste des Grafen und seiner holden Frau Gemahlin, zu denen auch regelmäßig hohe weltliche und geistliche Herren gehörten, oblag dem zweitältesten Sohne Lucius, dem man schon früh ein besonderes Geschick in gesellschaftlichen Dingen zusprach. Dem Abel und dem Howus ward die Aufsicht über das Handwerk, welches hier gar vielfältig war, gegeben, die Zwillinge David und Norbert verwalteten den Markt und den Burgschatz, der Barbara ward die Herrschaft über die Küche und die Vorräte übertragen, während der brave Sven sich um den gut gefüllten Weinkeller bekümmerte. Die grafschaftliche Kanzlei und Schreibstube leitete der Jorg und der drittjüngste unter den Söhnen, den alle Dennes nannten, machte die verschiedensten Botengänge für ihn.
Der in technischen Dingen sehr begabte Nikolaus, sein Zweitjüngster, besorgte die Bauarbeiten und Reparaturen an den umfangreichen Mauern der Feste. Einzig Danilus war noch zu jung, um eine eigene Aufgabe zu übernehmen. Er war der liebste Spielgefährte des jungen König Otto, wenn dieser sich in der Feste aufhielt, so sie auch gleichen Alters waren.
Nun, die Aufsicht über die vielen übrigen Bediensteten, die Kammerfrauen und Kammerdiener, und alle, die sonst noch am Hofe Dienst taten, führte der Meik selbst aus, wie es ihm Spaß bereitete.
Wir wurden gar freundlich aufgenommen und reichlich mit Speis und Trank versorgt, sodass wir uns nach den vielen Tagen des Umherreisens nun in völliger Ruhe und Sicherheit betten konnten. Zur Mittagszeit des zweiten Tages lud uns der hoch zu lobende Graf Meik, der ein sehr aufmerksamer und fürsorglicher Gastgeber war, an seine Tafel im großen Rittersaale ein. Mit uns gemeinsam zu Tische saßen der ehrwürdige Bischof Simon von Berenthal und die Gebrüder Koopman, drei reiche lotharingische Tuchhändler, die mit dem Grafen verschwägert waren über dessen Gemahlin, die holde Gräfin Felicia.
Auch Franco ward hinzugerufen, aber er fehlte immer noch, als schon der zweite und dritte Gang aufgetischt wurde. Während mir köstlichste Speisen und ein wohlgelungener Wein aus der hervorragenden Kellerei präsentiert wurden, begann ich, mir Sorgen um ihn zu machen. Als die Gräfin mein Unwohlsein bemerkte, gestand ich ihr meine Angst und sie schickte sofort vier der besten Wachleute unter dem Befehl ihres ältesten Sohnes Henk los, auf dass sie die ganze Burg vom Keller bis zur Turmhaube nach dem Jungen absuchen und nicht eher wiederkommen mögen, bevor sie ihn aufgefunden hätten. So war ich denn etwas besser beruhigt und aß und trank weiter mit den edlen Herren und Damen, derer viele sich bei Tisch versammelt hatten.
Kaum, dass der Nachtisch, ein köstlicher Sud aus süßen Beeren, aufgetischt war, stürmte Hauptmann Henk eilends herein und wandte sich seiner Mutter zu. Ich hörte zwar aus seinem Flüstern den Namen Franco wohl heraus, aber ich verstand ihn nicht besonders gut. Graf Meik, der an ihrer Seite saß und ebenfalls zugehört hatte, winkte mich zu sich heran.
„Gute Nachricht, verehrter Bischof. Euer Schüler ist soeben auf dem Weg zum Tore gesichtet worden. Er wird sicher gleich hier sein.“
„Und geht es ihm gut?“, fragte ich besorgt.
„Er scheint wohlauf zu sein. Doch fragt ihn besser selbst. Ich lasse ihn zu Euch in die Kammer bringen, wenn Ihr wollt.“
„Nein, nein. Das wird nicht erforderlich sein. Er wird Hunger haben und durstig sein. Lasst ihn hierherbringen, zu uns an die Tafel, wenn es Euch beliebt, verehrter Graf und verehrte Gräfin.“
Der Graf gab dem Henk einen Wink, wie er zu tun hatte, und kaum, dass dieser zur Türe hinaus war, kam er mit dem Franco am Arme auch schon wieder herein.
Franco war völlig durchnässt, wie er den festlichen Saal betrat. Er kam seltsam krumm daher und wurde auf einer Seite vom braven Henk gestützt. Als er mich sah, huschte ein Lächeln über sein Gesicht. Er löste sich von Henk und humpelte auf mich zu. Da erst sah ich, was er in der Hand hielt, und ich kann sagen, dass man in seinem ganzen Leben kaum mehr Grund haben kann, überrascht zu sein und an seinem Verstande zu zweifeln, als ich es in diesem Augenblick tat.
„Verzeiht, Meister Liuzo, wenn ich nicht vor Euch auf die Knie falle, wozu ich allen Grund hätte, um Euch meine Dankbarkeit und Wertschätzung zum Ausdruck zu bringen. Als Zeichen meiner hohen Achtung möchte ich Euch diesen Mantel zu Füßen legen und Euch bitten, ihn als Geschenk und als Dank anzunehmen.“
Dann überreichte er mir den schwarzen Reiseumhang, den ich sehr wohl erkannte.
„Bravo!“, rief jemand laut und viele andere stimmten ein. Applaus brandete auf und ich erhob mich feierlich berührt. Jedoch vor Rührung und Ergriffenheit blieb mir der Mund offenstehen und ich vermochte zunächst nicht, etwas Passendes zu erwidern. Ich hörte beifälliges Gemurmel und immer wieder Bravo-Rufe des Grafen und der Gräfin.
„Mein liebster Franco, Du musst vor mir nicht auf die Knie fallen“, sagte ich mit festlicher Stimme, als es wieder still wurde, „und dennoch weiß ich Deine hohe Geste und Dein liebes Geschenk auf das Wertvollste zu schätzen. Aber sag mir, wofür verdiene ich eine solche Ehre im Angesichte der vielen hohen Herren in diesem Saale?“
„Nun, Ihr seid mein Lehrer und mein Meister. Ich verdanke Euch viel und ich wünschte, ich hätte Euch in der Vergangenheit weit weniger Grund zur Sorge und Verzweiflung gegeben, als ich es tat. Nun nehmt also bitte dieses Geschenk als Zeichen meiner Wiedergutmachung und hohen Anerkennung Eurer Erziehung an mir.“
Nun, ich glaube, ich muss dem fernen Leser dieser Zeilen nicht sagen, welch wundervolle Gefühle, welch Stolz und welch große Freude mich in diesem Moment überwältigten. Franco hatte tatsächlich viel gelernt, wenn er in einer so hervorragenden und würdigen Weise seine Dankbarkeit und Wertschätzung auszudrücken vermochte. Natürlich nahm ich sein Geschenk mit offenen Armen an und bedankte mich in den schönsten Worten dafür.
Graf Meik, der ebenfalls Tränen der Rührung in den Augen hatte, bot ihm den freien Platz an seiner Tafel an und ließ noch einmal alles von Anbeginn an auftafeln. Doch schon nach wenigen Bissen verhielt Franco sich seltsam, er legte den Kopf schief und blickte etwas hilflos drein, als bedrücke ihn etwas.
Als der Meik ihn daraufhin ansprach, was ihm denn fehle, da er in einem solchen glücklichen Augenblick so wenig Glück ausstrahle, antwortete Franco nicht, sondern deutete auf seinen verdrehten rechten Arm und zeigte seinen Hals, den eine große, blutverkrustete Schnittwunde verunzierte.
Die ganze Tischgesellschaft erschrak und alle Gespräche erstarben augenblicklich. Nun bemerkte ich auch, dass der Junge am ganzen Körper zitterte, obwohl er es vor uns allen zu verheimlichen suchte. Meik winkte den Medikus heran, der uns gegenüber an der Tafel saß und mit dem ich schon ein paar Worte über dies und jenes in lateinischer Sprache gewechselt hatte. Der Medikus, ein klug aussehender Mann mit goldbrauner Haut und krausem Haupthaar, wie ich es von den Arabern kannte, mochte wohl doppelt so alt wie Franco sein. Mit einem Blick erkannte er das Übel, welches dem Jungen widerfahren war, hieß ihn aufstehen und renkte mit einem unerwarteten Schwung die verdrehte Schulter wieder ein, wobei sie ein lautes Krachen von sich gab. Franco, zunächst voller Unglauben und für einen kurzen Moment mit einem überraschten, aber keineswegs schmerzvollen Ausdrucke im Gesicht, bewegte daraufhin vorsichtig beide Schultern, die Arme, die Hände und war überaus zufrieden mit der Kunstfertigkeit des Medikus.
Schnell und mit geschickten Händen säuberte dieser daraufhin die arge Wunde, die Franco sich am Halse zugezogen hatte, und legte ihm einen Verband aus weißem Linnen an, der so gar nicht zu seinem sonstigen Kleide passen wollte, welches im Innern immer noch durchnässt und kalt war. Graf Meik ließ den Lucius neue Kleider und passendes Schuhzeug bringen (welches vom Besten war, soweit ich es sehen konnte) und hieß ihn, den Franco darin einzukleiden und seine anderen Sachen zu trocknen.
Von nun an war mein lieber und überaus gelehriger Schüler Franco der Mittelpunkt aller Gespräche bei Tische und er kam kaum mehr dazu, zu essen und zu trinken, weil er fortwährend Fragen nach der Herkunft des Mantels und seiner Verletzungen beantworten musste. Auf diese Weise erfuhr ich von den unglaublichen Ereignissen der Nacht und des frühen Morgens, die mir bei allem glücklichen Ende und bei allem Stolz, der mich erfüllte, dennoch einen sorgenvollen Schauder über den Rücken laufen ließen.
Doch der Reihe nach: Bei Tische berichtete Franco den interessierten Gästen, dass er nach Sonnenaufgang zum Fluss hinuntergelaufen war, um sich an der klaren Luft und am Gesange der Vögel zu erfreuen und zu beten. Und wie er seine Schritte am Ufer entlang flussabwärts lenkte und den schnappenden Fischen zusah, bemerkte er ein schwarzes Bündel in der Mitte des Stromes, welches sich wohl an einem hängengebliebenen Aste verknotet hatte. Aus Neugier und ganz ohne Absicht beschloss er, das arglos erscheinende Bündel aus der Nähe anzusehen, stieg beherzt ins kalte Wasser und schwamm zur bezeichneten Stelle. Mit Freude und Überraschung stellte er fest, dass es sich um einen der wertvollen Seidenmäntel handelte, die den beiden getöteten burgundischen Kaufleuten gehört hatten und von denen mindestens einer in die Hände der Räuber gefallen war. Und er erinnerte sich, mich in begeisterter Manier über diese Mäntel reden gehört zu haben. So barg er das wertvolle Tuch und schwamm damit zurück an Land. Wie er nun das Ufer wieder besteigen wollte, rutschte er im Morast aus, streifte mit dem Halse einen Baumstumpf und verdrehte den rechten Arm auf diese schmerzvolle Weise.
Als mir jedoch später am gleichen Tage der Hauptmann Henk insgeheim zu verstehen gab, dass an der Geschichte des Franco etwas nicht stimmen könne, bat ich ihn, sich mir ohne Rücksicht zu erklären. Hauptmann Henk zog mich in einen stillen Raum abseits des großen Saales und berichtete in einer gänzlich anderen Version von Francos Geschichte. Er tat dies mit so viel Beweiskraft und Überzeugung, dass ich ohne jeden Zweifel bereit war, ihm zu glauben und seinem Bericht zu vertrauen.
So weiß ich nun sicher, dass mein Schüler die Burg nicht erst nach Sonnenaufgang verließ, sondern bereits um die Stunde des Frühgebets15) herum. Das hatten ihm seine Wachen gesagt, die Franco im Schutze der Dunkelheit durch einen seitlichen Ausgang verschwinden sahen. Er sei auch nicht flussabwärts, sondern eine halbe Meile flussaufwärts gegangen und sodann zum Steg auf die andere Seite geschwommen. Die Männer folgten seinen Spuren bis zu ebenjener Stelle am Ufer, bei der er ins Wasser gestiegen war. Danach haben sie ihn aus den Augen verloren. Auch bei seiner Rückkehr kam er keineswegs aus der nördlichen Richtung, sondern den gleichen Weg wie schon zuvor. Die Wachmänner erkannten, dass er etwas Schweres bei sich trug, ohne dass sie hätten sagen können, was es gewesen sei.
Nun, das Bild fügte sich neu zusammen. Auch ohne weitere Erklärungen wusste ich nach kurzem Überlegen, was dies zu bedeuten hatte: Franco war den berittenen Räubern in ihr Lager gefolgt und hatte sich ganz offenbar auf einen Kampf mit ihnen eingelassen, in dessen Folge er sich dann die Verletzungen an Hals und Schulter zuzog. Aber warum, um Gottes Willen, hatte er sich in eine solch große Gefahr begeben? Hatte er dies alles wirklich nur wegen des zweifellos schönen Mantels auf sich genommen? Oder war er nicht vielmehr auf Rache für das ihm angetane Unrecht und den Verlust unserer Sachen aus? Ich wusste nicht, was ich dem braven Hauptmann Henk erwidern sollte, bat ihn jedoch, dies alles außer mir und seinem Herrn niemandem gegenüber zu erzählen, und dankte ihm seine Verschwiegenheit mit einem kleinen Geschenk.
Wie es kam, lag Franco am Morgen des nächsten Tages krank danieder. Ihn plagte hohes Fieber und ein entsetzlicher Husten reizte seine Kehle. Sein Atem ging flach und schnell, und ich ließ sogleich den Medikus kommen, um guten Ratschlag von ihm zu hören. Der Medikus erschrak beim Anblick des Jungen, wie er so glühend und keuchend dalag. Er wechselte sofort den von Blut durchtränkten Verband, besah aufmerksam die große Wunde am Hals und teilte mir mit, dass sie bereits in Heilung war und somit als Grund für sein Unwohlsein ausschied. Dennoch, es stand nicht gut um den Jungen, wie er mir sagte. Es müsse sich wohl um eine innere Krankheit handeln, gegen die er beinahe machtlos sei. Franco klagte über Schmerzen in der Brust und bald darauf warf er gelben Schleim aus, was mich umso mehr nichts Gutes für ihn befürchten ließ. Der Medikus verordnete ihm Kräuterbäder und kalte Wickel an den Beinen sowie völlige Ruhe im Liegen und an frischer Luft. Am siebten Tage wolle er, wenn es damit nicht besser würde, einen Aderlass wagen.
In der Nacht plagten den Jungen schlimme Träume, die mich an bösen Nachtschaden denken ließen. Er rief laut vor sich hin, so dass es sich wie Kampfeslärm anhörte. Im Schlaf schien er den Salek zu sehen, wie er auf mich zustürzte, denn auch meinen Namen nannte er gar laut und deutlich. Gewiss hatte er unter diesen schrecklichen Erlebnissen arg zu leiden, doch es gab nichts, womit ich ihm hätte helfen können.
Der gute Pilegrinus verabschiedete sich ganz unerwartet an jenem Tage von uns, als er mir mitteilte, dass es meinem Schüler nun scheinbar besserging. Leider stimmte es nicht, er redete es sich nur ein. Die gute Erziehung verbot ihm wohl, sich in einem Moment davonzustehlen, in welchem es dem Jungen nicht gut ging. Auf gewisse Weise fühlte er sich dem Franco gegenüber verpflichtet. Seit dem Überfall auf dem Schiff steckte er voller Angst und fürchtete immer noch um sein Leben. Ich wusste, dass es ihn mehr denn je zurück in die Geborgenheit seines Klosters zog und dass er seine längst getroffene Entscheidung nur deshalb noch nicht verkündet hatte, weil Franco, dem er nunmehr die Existenz seiner Schriftrollen verdankte, noch immer krank und dem Tode näher als dem Leben war.
Also bat er mich, da wir doch ein gleiches Ziel hätten, die fertigen Schriftrollen an mich zu nehmen, sie gut zu beschützen und sie an seiner Statt dem hohen und heiligen Kaiser zu überbringen. Dazu solle ich beste Grüße und Wünsche ausrichten und einige wohlgestimmte Worte finden für den frommen Kaiser Otto und seine holde Gemahlin, die Kaiserin Adelheid, ganz so, wie er selbst es getan hätte. Das versprach ich Bruder Pilegrinus vor seiner Abreise bei meiner Ehre und so wollte ich es tun.
Durch Gottes glückliche Fügung ergab sich für mich aus diesen Ereignissen der angenehme Umstand, nicht mehr mit leeren Händen vor des Kaisers Thron bestehen zu müssen, da wir ja unsere reichen Geschenke und anderen Gaben verloren hatten.
Zum Abschiede zog mich Bruder Pilegrinus noch einmal beiseite, um zu fragen, ob ich mich der beiden burgundischen Kaufleute auf dem Schiffe erinnerte. Da ich bejahte, streckte er seinen Finger in die Höhe und mahnte, immer daran zu denken, dass sie der Strafe Gottes letzten Endes doch nicht entkommen konnten. Und ich solle dies meinen Schüler unbedingt lehren.
Ich gab ihm auch dieses Versprechen und ließ ihn sodann ziehen. Später am Tage betete ich für ihn, auf dass er heil bei den Seinen ankommen möge.
Auch die folgenden zwei Tage und Nächte fieberte Franco noch und schlief sehr unruhig. Wenn er wach wurde, redete er hingegen kaum, sondern hustete fortwährend gelblichen Schleim und schien wie im Nebel zu stehen. Er erkannte weder mich noch sonst irgendeinen von hier, auch der Medikus, der viermal am Tage nach ihm sah und die Wadenwickel wechselte, war ihm völlig fremd. Dann endlich, nach weiteren drei Tagen, besserte sich sein Zustand. Das Fieber sank ein wenig ab und das Drücken in seiner Brust wurde leichter, so dass er wieder flüstern konnte, ohne zu husten und sogleich in einen schmerzhaften Krampf zu verfallen. Ich freute mich für ihn und auch, weil er auf diese Weise um den allfälligen Aderlass, eine Heilmethode, welche ich seit der erhellenden Begegnung mit dem heilkundigen Bruder Matthias in Pavia mit einigem Zweifel und Argwohn betrachtete, herumgekommen war.
Noch am Tage der Abreise von Bruder Pilegrinus, der von einer vierköpfigen bewaffneten Eskorte ein gutes Stück begleitet wurde, verließen uns auch die drei lothringischen Kaufmannsbrüder in Begleitung von Soldaten. Dass sie nicht zusammen abgereist waren, obwohl sie einen ähnlichen Weg einschlagen wollten, schien mir in diesem Augenblick verständlich.
Kurz darauf kündigte ein berittener Bote in einem feuerroten Mantel neuen, königlichen Besuch an. Sogleich begann die Frau Gräfin, zusammen mit der liebreizenden Barbara und dem guten Lucius, die Vorbereitungen für ein großes Fest zu treffen.
5. Kapitel
Ich entnahm die Schriftrollen des Bruders Pilegrinus vorsichtig dem Kalbslederfutter, welches von der Feuchtigkeit hart und rissig geworden war, und gab es dem mittleren Grafensohn Howus mit der frommen Bitte, es in der hiesigen Kürschnerei wieder in Form bringen zu lassen. Unterdessen sah ich mir aus reiner Neugier und ohne ein bestimmtes Interesse die hervorragenden Arbeiten des Pilegrinus und seiner hochverehrten Brüder aus dem Kloster Altahens an. Unter den Urkunden fanden sich neuere Originale von Schenkungen und zweierlei Privilegien, die zu ihrer Beglaubigung an den Kaiserhof geführt werden sollten, aber auch wundervolle Abschriften älterer Urkunden und Schriften, die mit einiger Kunstfertigkeit und mit besonders schönem Striche hergestellt worden waren. Einige davon erregten mein besonderes Interesse, weil ich zu meiner größten Erbauung darin Ereignisse beschrieben fand, deren Zeuge meine geringe Person, Bischof Liutprand von Cremona, selbst gewesen war.
An einer Stelle jedoch geriet ich ins Staunen. Zu meinen Füßen lag die Abschrift einer vom großen Kaiser Karolus höchst selbst beglaubigten Urkunde, mit welcher er dem ehrwürdigen Bischof Liudger im Jahre 802 unseres Herrn einen großen Besitz am Ufer des Flusses Lippe schenkte und ihm erlaubte, daselbst ein Kloster zu gründen. Das Pergament, auf dem sie geschrieben war, war im Magathaburger Schnitt gehalten, was bedeutete, dass die Ecken, die den vier Gliedmaßen des ursprünglichen Tieres entsprachen, dreieckig geschnitten waren. Dies tat man vor allem im Norden des Reiches, um die harten Hornreste der Klauen zu entfernen, die die darunter und darüber liegenden Pergamentbögen zu beschädigen drohten.
Aber in der Urkunde schien das eine nicht zum anderen passen zu wollen.
So bemerkte ich, wie inmitten des wohlgeformten Textes die Schrift wechselte, aber nicht in der Art, wie wenn man den Schreiber austauschte, sondern eher so, wie es passierte, wenn man mit Mühe seine Schrift verstellte und die Last der alten Gewohnheit wieder durchkäme. Anfangs gleiche Buchstaben bekamen nun auffällige Ober- und Unterlängen, die Schrift wurde gerader und weniger schön gestochen. Der Schreiber schien es am Schlusse sehr eilig gehabt zu haben und ließ jegliche Mühe, seine falsche und gottlose Absicht zu vertuschen, immer mehr fallen.
Das Wachssiegel indes, welches dem Pergament zugegeben war, zeigte statt der Insignien des großen Kaisers Karolus diejenigen seines Enkelsohnes, ebenfalls mit Namen Karolus, aber weit geringer von Rang und Ruhm, was dem Siegelschneider in der Vielzahl der zu beachtenden Umstände offenbar entgangen war. Was aber am schwersten wog und mich in meiner Anmutung bestätigte, dass es sich bei dieser Urkunde nur um ein Falsifikat handeln könne, war ein besonderer Umstand, den der anonyme Schreiber aus eigenem Erleben nicht hatte wissen können. Ich hingegen, der einen großen und wichtigen Teil meines Lebens, aus vielerlei wertvollen Quellen gespeist, mit der Geschichte großer Herren und dem Bericht über die Ereignisse der letzten zweihundert Jahre verbracht hatte, wusste nur gut Bescheid um den ehrwürdigen Abt Liudger von Werden und dass er in dem besagten Jahre noch kein Bischof in Monasterium gewesen sein konnte, sondern erst drei Jahre später, wie es bezeugt ist.
Ich fand ein weiteres Pergament im Magathaburger Schnitt mit einigen Beschädigungen am Rande, die wohl durch das Liegen im Wasser entstanden sein mochten. Nachdem ich einige Mühe darauf verwendet hatte, die schadhaften Stellen auszubessern, entdeckte ich, dass bereits vor mir jemand an einigen wichtigen Passagen gekratzt hatte, um sie daraufhin mit eigener, noch geradezu andersfarbiger Tinte zu überschreiben. Leider gelang es mir nicht mehr, festzustellen, was genau an den betreffenden Stellen entfernt worden war, jedoch bin ich mir sicher, dass es mehr gewesen sein musste, als die allfällige Anrufung Christi oder die Lobpreisung des Herrn. Die in jenem Pergament benannten adligen Herren, es waren vier an der Zahl, waren vom Großen und Frommen Kaiser höchst selbst mit hohen Steuerprivilegien ausgestattet worden.
Die Frage, die ich mir nun stellen musste, war, ob der ehrwürdige Bruder Pilegrinus von Batavis das Opfer von Verschwörungen geworden war oder ob er selbst ein Interesse am Zustandekommen ebendieser falschen Beurkundungen oder Privilegien hatte.
Mein Schüler Franco, der auf dem Wege der Genesung war, klopfte an die Tür meiner Kammer und ich forderte ihn auf, eilends hereinzukommen. Nach einer für ihn sehr anstrengenden Woche war er sichtlich abgemagert und sah matt und schläfrig aus. Er hielt eine Decke über seinen Schultern mit beiden Händen zusammen, als fröstele ihn, obwohl es drinnen wie draußen angenehm warm war. Ich hieß ihn, sich zu mir zu setzen, rückte einige Kerzen in seine Nähe, um ihn weiter zu wärmen, und breitete meine Entdeckung zu seinen Füßen aus.
„Sieh nur, mein lieber Franco, was ich gefunden habe“, sagte ich mit einiger Euphorie und lenkte seinen Blick auf das verschobene Zeichen am linken unteren Rand des kaiserlichen Privilegiums, welches einen Blick auf das darunterliegende und mit einer harten Nadel weggekratzte Zeichen erlaubte.
Seine Abgeschlagenheit war mit einem Male wie fortgeblasen und von wachem Interesse ersetzt. Er kniete neben mir nieder und untersuchte die besagten Stellen mit größter Gründlichkeit. Daraufhin zeigte ich dem Jungen auch die falsche Urkunde des Abtes Liudger und erläuterte ihm in allen Einzelheiten, woran ich die Fälschung ausmachen konnte. Franco schien auch daran sehr interessiert und erkundigte sich sehr gut im Detail nach der Art und Weise, wie die Siegel geschnitten werden, und ebenso nach den Veränderungen in der Färbung der Tinte, wenn man ihr bestimmte Beimengungen zumischte.
Ich war sehr froh, einen so aufmerksamen und wissbegierigen Schüler an meiner Seite zu haben, und beantwortete ihm jede seiner Fragen so gut und so ausführlich, wie ich es nur vermochte.
Aber neben all den geheimnisvollen und verschwörerischen Dingen, die die Pergamentrollen zu unseren Füßen noch vor uns verbergen mochten, interessierte mich brennend auch eine andere Frage. Ich war voller Ungeduld, sie endlich stellen zu können, da seine Genesung so gut vorangeschritten war.
„Warum hast Du das getan?“, fragte ich geradeheraus, während ich die Urkunden scheinbar nach weiteren Wasserspuren untersuchte.
„Meister?“
Ich deutete auf den seidenen Mantel, der zwischen zwei eisernen Haken an der Wand gespannt war. Franco stockte unsicher.
„Wolltet Ihr ihn denn nicht haben?“
„Habe ich das gesagt?“
„Ja, Ihr sagtet, dass Ihr ihn schon in Konstantinopel begehrtet und nicht bekommen konntet. Ihr habt ihn gewollt – ich habe ihn Euch geholt. Was ist daran schlecht, Meister Liuzo?“
Ich schluckte. Eine solche Antwort hatte ich nicht erwartet. Offenbar kam meine Frage für ihn wenig überraschend.
„Du hättest bei dem Versuch sterben können, Franco!“
„Aber habt Ihr nicht auch gesagt, dass wirkliches Begehren jede nur erdenkliche Mühe wert ist?“, erwiderte er.
Ich überlegte einen Moment und wandte mich ihm dann mit ernster und zugleich besorgter Stimme zu.
„Begehren sagst Du, mein lieber Junge? Aber meinst Du es auch so?“
„Natürlich!“, antwortete er ohne Zögern.
Ich wog den Kopf, um ihm Zeit zu geben, seine Antwort noch einmal zu überdenken. Doch war er scheinbar in einer engen Gasse festgefahren.
„Hmm. Was begehren wir denn?", wandte ich ein und erhob meine Stimme ein wenig. "Wir Männer des Glaubens begehren keine weltlichen Dinge, Franco. Unser Begehren richtet sich auf die geistigen Werte, wir begehren nach Erlösung oder nach dem Himmelreich. Darauf richtet sich unser Begehr und dieses Begehren ist tatsächlich, wie Du schon richtig gesagt hast, jede nur erdenkliche Mühe wert.“
Franco schwieg eine Weile und ging dann langsam hinüber zum Mantel.
„Ich begehre vielerlei Dinge, verehrter Meister, sowohl geistige als auch weltliche. Aber für den Moment genügte mir eine Antwort von Euch", sagte er unbeirrt und in einem etwas zu forschen Tonfalle, während er den feinen Stoff zwischen den Fingern rieb.
"Welche?"
"Werdet Ihr den Mantel nun tragen oder nicht?“
Der Mantel hatte die lange Wässerung nicht gut überstanden. Er war schrumpelig geworden und hatte weiße Ränder bekommen, wo das Wasser getrocknet war. Unmöglich hätte ich ihn in diesem Zustande tragen können.
Ich hatte die Antwort für Franco schon auf der Zunge – und ich wusste, dass sie ihm nicht gefallen würde. Aber ich brachte es nicht fertig, ihm diese Enttäuschung zuzufügen.
„Ja, so der Herr will, werde ich …“, log ich deshalb.
Der Herr möge mir meine Lüge dereinst verzeihen.
Unten im Burghof war plötzlich das Klappern von beschlagenen Pferdehufen zu hören und kürzte meine Qual ein wenig ab. Ein Reiter in rotem Mantel, es mochte der gleiche Mann gewesen sein, den ich drei Tage zuvor als Boten gesehen hatte, kam zum Tore hinein und verlangte, dass alle verfügbaren Männer der Wache und alle Handwerksgesellen sich mit ihm zusammen am Fuße des Berges einfinden sollen. Dann ritt er wieder zum Tore hinaus. Nun, da wir interessiert waren zu erfahren, was die Männer am Fuße des Berges erwartete, suchten wir für uns einen besseren Platz im Turme, von wo aus wir den Anfang des steilen Weges gut überblicken konnten. Unten stand eine Reihe Wagen und Kutschen, allesamt mit zwei Pferden bespannt. Ich zählte wohl ein Dutzend von ihnen ab, die darauf warteten, den eng geschwungenen Pfad mit Pferdekraft gezogen und zugleich mit vielfacher Manneskraft hinaufgeschoben zu werden.
Schon begannen die Männer des ersten Wagens damit, die Tiere mit ihren langen Peitschen und mit derben Worten kräftig anzutreiben. Die Pferde wussten wohl, welche Anstrengung ihnen auf dem letzten Wegstück bevorstand, und scheuten vor der Aufgabe zurück, sodass die Männer sie mit noch größerer Wut peitschten und anschrien. Langsam setzte sich das erste Gefährt in Bewegung und rappelte hinauf, gefolgt von dem zweiten und dritten und so weiter bis zum letzten Wagen. Sie alle versammelten sich im Burghofe, wurden miteinander verkeilt und hernach ausgeladen. Was ich hier an Vorräten, Wein, Bier, teuren Gewändern und sonstigen Dingen sah, ließ mein Herz sogleich in schönster Vorfreude schneller schlagen.
Alsbald erfuhr ich auch, welch hohen Gast das göttliche Schicksal in diesen Tagen auf die Feste Vossberg geführt hatte. Es war der junge König Otto, der in Begleitung seines Onkels Brun, dem hocheiligen und ehrwürdigsten Erzbischof von Colonia, und Wilhelm, dem ältesten Sohne des Kaisers und als Erzbischof von Mogontia ein nicht minder ehrwürdiger und heiliger Mann, reiste. Die hohen Herren, vor denen ich den allergrößten Respekt bekundete, wurden von einer Reihe weiterer Würdenträger begleitet, die ihren Beraterstab bildeten; außerdem reisten zwei von der edlen Kaiserin Adelheid höchst selbst erwählte Kindermädchen und ein ganzer Tross Königlicher Bediensteter und Soldaten mit, zusammen wohl an die drei Dutzend Personen.
Der junge König, er mochte wohl elf oder zwölf Jahre gewesen sein, stieg aus seinem hochherrschaftlichen Wagen, gefolgt von zwei dunkelhaarigen Mädchen, die wir vor gar nicht langer Zeit schon einmal gesehen hatten. Francos Züge erhellten sich augenblicklich, als er sie erblickte, aber schon der Umstand, dass ich dieses an ihm bemerkte, schien ihm aus einem geheimen Grunde Unbehagen zu bereiten.
Die Mädchen, sie mochten etwas älter als Otto, aber jünger als Franco gewesen sein, waren die Töchter des Berengar und der Willa, ebenjene, die Kaiser Otto bei seiner Abreise aus Pavia im Gefolge geführt hatte. Nun waren sie auf freiem Fuße und offensichtlich guter Dinge. Noch bemerkten sie den auf sie hinabstarrenden Jungen im Turmfenster nicht, indes sie neugierig und mit unverhohlener Freude ihre vorübergehende Wohnstatt in Besitz nahmen. Franco drängte es ganz plötzlich fort von mir, und obwohl ich ihn, seiner noch immer nicht guten Gesundheit wegen, davon abzuhalten versuchte, warf er die Decke von seinen Schultern und stürmte die gewundene Treppe hinunter in den Burghof.
Es dauerte nicht allzu lange, dann hatte er sich mit dem jungen König Otto, dem jüngsten Grafensohn Danilus, ebenso wie mit den beiden Mädchen (sie hießen Oda und Rosvith) befreundet und tollte mit ihnen herum, dass es mir und den anderen eine Freude war.
Die ersten Tage nach der Ankunft der Königlichen Abordnung waren die schönsten, die ich seit dem kaiserlichen Besuch in meinem Hause in Cremona erlebte, und die erfreulichsten in der Fremde überhaupt. Gar trefflich und mit viel Verstand disputierte ich mit Brun, dem Bruder des Kaisers, der ein sehr gebildeter Mann war und der, wäre nicht Otto der Kaiser, allein genug Würde und Charakter offenbarte, um ein so hohes und heiliges Amt in bestem Sinne auszukleiden. Mit großer Beglückung und außerordentlichem Behagen erinnere ich mich zurück an Tage und Abende in hervorragender, erlauchter Gesellschaft bei Wein und Gesang, bei Tanz und Gesprächen und allerlei Kurzweil, die Graf Meik und seine liebe Gemahlin für uns arrangierten. Alle waren einander wohl gesonnen, es gab weder Streitereien noch Intrigen, die uns die Stimmung hätten verderben können. Alles war so, wie ich es mir immer erträumt hatte: eine festliche Gesellschaft von freundlichen, klugen, erhabenen und gut gekleideten Menschen, ein Symposium der schönen Gedanken, der Kunst und der vollendeten Harmonie.
Franco, der schon durch sein Alter und seine Größe hervorstach, hatte alsbald die Führung in der Gruppe übernommen und bestimmte die anderen vier ohne viel Mühe. Der junge Otto und Danilus, Meiks Sohn, waren einen halben Kopf kleiner als er und zeigten gebührlichen Respekt vor seiner körperlichen Kraft. Oda und Rosvith wichen nicht von seiner Seite, wohl, weil sie sich bei ihm gut und beschützt fühlten. Immer öfter entzogen sie sich, natürlich auf Francos Vorschlag hin, den aufmerksamen und mahnenden Blicken der Kindermädchen, wobei sie nicht wenig Einfallsreichtum zeigten und immer neue Fluchtwege und Verstecke fanden.
Nach einiger Zeit bemerkten die Kinderfrauen, zu denen sich inzwischen noch zwei Kammerdienerinnen der Frau Gräfin gesellt hatten, dass sich die Mädchen immer öfter fernhielten von den Jungen und ihre Gesellschaft mieden, wenn es ihnen möglich war. Auch dem übrigen Personal und meiner geringen Person war dieses nicht verborgen geblieben, wobei ich mir jedoch einbildete, erkannt zu haben, dass sich deren scheinbare Abneigung nicht in gleichem Maße auf alle drei Jungen bezog, sondern sich vielmehr gegen meinen Schüler Franco allein richtete.
Ich teilte meine Vermutung mit den Kinderfrauen und fand sie derart bestätigt, dass mir zwei von ihnen und einige der Diener zustimmten. Oda und Rosvith wurden hierzu befragt, aber sie mochten nicht sagen, welches Verhalten sie verstimmt hatte, und auch nicht, ob es wegen Franco oder wegen König Otto oder wegen Danilus war.
Hildegard, die Älteste unter den Kinderfrauen, schien dennoch zu wissen, was die Mädchen bedrückte. Sie nahm mich im Geheimen beiseite und sagte mir, dass einer der Wachleute ihr erzählt habe, wie er den Franco und die Oda beim Spielen am Flusse beobachtet habe und wie er gesehen habe, dass der Franco erst der Oda und dann der Rosvith in unzüchtiger Weise an die Röcke gegangen sei. Der junge König Otto habe dabei nur zugesehen, aber nichts Eigenes unternommen, woraufhin der gleiche Wachmann die Kinderfrauen gerufen und hinunter an den Fluss geschickt habe, um die Oda und die Rosvith zu beschützen. Da aber der Franco schon längst von ihnen abgelassen hatte und sich mit dem Otto auf der Burg versteckte, konnte man ihm hier nichts nachweisen.
Nachdem Erzbischof Brun, der gute Meik und ich selbst den Franco in einer ernsten Disputation zur Ordnung gerufen hatten, beruhigten sich die Dinge wieder.
Unterdessen bereiteten mir die Urkunden des Pilegrinus, die er mir hinterlassen hatte und auf die ich ein eidliches Versprechen gegeben hatte, größere Sorge. Meine Seele war gespalten zwischen dem gegebenen Eid und meinem eigenen Gewissen. Konnte ich diese Urkunden, nachdem ich nun erkannt hatte, dass es sich bei zweien um plumpe Fälschungen handelte, dem Heiligen Kaiser noch mit guter Miene zur Bestätigung vorlegen oder wenigstens so tun, als dass ich nicht wüsste, dass sie nicht echt seien, auch wenn sie sodann nur ein kleiner, aber falscher Teil des kaiserlichen Archivars würden? War ich nicht geradeheraus verpflichtet, mich diesem Unrecht, so klein und unbedeutend es letztendlich auch sein mochte, in den Weg zu stellen und den Heiligen Kaiser vor einer schmutzigen Verschwörung zu beschützen?
Im Burghof bellte ein Hund, jedoch klang sein Bellen unnatürlich und seltsam vergrämt, so dass ich mich genötigt fühlte, von meinen Überlegungen abzugehen, um am Fenster nachzusehen. Nur ein undeutlich grummelndes Gefühl im Bauch sagte mir, dass etwas nicht stimmte. Was ich jedoch dort unten erblickte, war peinlicher als alle falschen Urkunden zusammen, törichter als Francos jugendliche Neckereien und weitaus verhängnisvoller, als ich mir zu diesem Zeitpunkt auszumalen vermochte. Es ist nicht übertrieben zu sagen (und der geschätzte Leser weiß, dass ich nicht eben zur Übertreibung neige), dass dieses Ereignis mein eigenes und meines Schülers geringes Leben fortan auf das Nachhaltigste beeinflusste und gröbste Folgen an uns bewirkte.
Ein böser Dämon mag den Franco damals geritten haben und es erscheint mir bis heute nicht einleuchtend, wie jener Teufel sich seiner reinen und tugendhaften Seele trotz meiner Fürsorge und andauernden Obhut bemächtigen konnte.
Nun, was nutzt es, drum herumzureden – es geschah, wie es geschah: Der Franco zog an einer kurzen Leine hinter sich her nicht etwa einen Hund, sondern den jungen König Otto, der wie einer bellte und dazu noch heulte, während er den Kopf einem Wolfe gleich in die Luft warf. Danilus tanzte wie ein Irrwisch um das Paar herum und feuerte den jungen Otto zu noch lauterem Gebell und Geheul an. Franco indes trug eine Haube auf dem Kopfe, die einer päpstlichen Tiara nicht unähnlich war, und stolzierte vornehmen Schrittes vorweg, immer dann an dem Strick reißend, wenn der junge König in seiner Lautstärke nachzulassen drohte. So zogen sie eine ganze Runde über den Burghof, vorbei an den feixenden Wachen, vorbei an den Bauern, die bis eben noch schweigend ihren Zehnten ablieferten, sich nun aber die Bäuche hielten vor Lachen, vorbei an den schamlos grinsenden Waschweibern und vor den Augen all der hohen und würdigen Herren, die in diesem Moment wie ich fassungslos hinter den Fenstern standen, vor dem Grafen Meik und seiner Gemahlin, seinen Kindern und vor den ebenso neugierigen wie ungläubigen Augen seiner Bediensteten. Wohl gab es in diesem Augenblick niemanden auf der ganzen Feste und drum herum, der es nicht mit eigenen Augen gesehen haben wollte.
Als die Kindermädchen empört hinzustürzten und den jungen König hießen aufzustehen, waren seine Knie längst blutig gescheuert, seine Hände voller Pferdemist und sein Hals von dem engen Stricke fast zugeschnürt.
Franco, der sich die helle Aufregung, die um ihn herum plötzlich entstand, zunächst nicht zu erklären vermochte, foppte die Kindermädchen mit weiteren Ungezogenheiten, während sie versuchten, ihm den Strick und damit die Kontrolle über den jungen König Otto zu entreißen. Danilus indes bemerkte, dass es sich längst um kein Spiel mehr handelte, und lief in die Arme seiner Mutter, die ihn zu sich gerufen hatte.
Das Spiel, welches sie gemeinsam im Hof der Feste gespielt hatten, hieß „Papst und König“, und es entstammte – wie hätte es anders sein sollen – einer Idee Francos. Ich musste nicht viel über das neue Spiel wissen, es war auch so genug zu erkennen, wem welche Rolle zugedacht war und in welcher Beziehung sie zueinander standen. Ich sah Erzbischof Brun in den Hof stürmen und den jungen König schützend in die Arme schließen, als hätte er ihn vor großem Unheil bewahrt. Um Franco herum zogen sich alle, selbst die Armen und die Tiere, voller Angst zurück, so dass ein leerer Ring entstand. Ohne Zweifel verstand der Junge, dass sich die allgemeine Angst, auch der Argwohn und der Hass in den Augen des Erzbischofs in diesem Moment nur gegen ihn richteten.
Plötzlich war er allein, inmitten von Menschen, die eben noch seine Freunde waren! Er brauchte meine Hilfe, doch ich wusste in diesem Augenblick nicht, auf welche Weise ich sie ihm geben konnte.
Ich lief, so schnell es meine Beine zuließen, hinab in den Hof und schloss, ohne weiter zu überlegen, meinen getreuen Schüler wie meinen eigenen Sohn in die Arme. Sein Herz schlug wie wild gegen das meine, seine Muskeln waren gespannt wie die Seile eines Katapultes und in seinen Augen funkelten Wildheit und Angst zugleich. Dennoch spürte ich, wie gut ihm meine Umarmung tat und wie er langsam nachließ in seinem Krampfe und sich willig in meinen tröstenden Zuspruch ergab.
Hildegard, die Oberste der Kinderfrauen, eilte hinzu und sprach meinem Schüler mit freundlicher Miene zu. Aber noch bevor sie ihm die Hand auf die Schulter legen konnte, durchschnitt die scharfe Stimme des Erzbischofs den Hof.
„Halt“, rief er, „geht nicht weiter, Frau Hildegard!“
Erschreckt und verunsichert sah sie sich zu ihm um.
„Er ist ein Dämon! Er ist auf der Stelle festzusetzen!“, befahl Brun weiter.
„Aber, gütiger Herr, bei Gott, er ist noch ein Kind!“, erwiderte Hildegard so laut, dass es alle im Hofe hören konnten.
„Habt Ihr etwa nicht gesehen, was er angerichtet hat?“, schnarrte er vorwurfsvoll.
„Und es gibt keine Rechtfertigung für dieses schändliche Tun!“, rief der älteste Sohn des Kaisers und Halbbruder König Ottos, Erzbischof Wilhelm, um sodann hinzuzufügen: „Und keinerlei Ausflüchte sollen gehört werden, bis der Höchste und Heilige Kaiser selbst sein Urteil darüber gefällt hat. Was dieses gemeine und gottlose Scheusal meinem geliebten Bruder Otto angetan hat, verdient strengste Bestrafung von dieser Stunde an und zu keiner späteren!“
Auch Graf Meik meldete sich zu Wort und ebenso seine wundervolle Gemahlin, die ein wenig Fürsprache übte, allerdings niemals genug, um das schon gesprochene Urteil des Königlichen Vormunds überstimmen zu können. Es entbrannte ein kurzer, aber an Heftigkeit kaum zu übertreffender Disput auf dem Hofe, in dessen Verlauf ich mich, einer inneren Furcht folgend, immer fester an Franco klammerte, was ihm nur noch mehr sichtbares Unbehagen bereitete. Er verstand nicht, warum all die wichtigen und großen Männer, denen er kurz zuvor noch ein gern gesehener Gesprächspartner gewesen war, sich nun plötzlich gegen ihn wandten und ihn einzusperren suchten. Wahrscheinlich übermannte ihn die Wucht der damaligen Ereignisse um ein Vielfaches mehr, als ich es empfand. Und ich will es ihm nicht verdenken, denn nur Gott allein weiß, wie ihm sonst geschehen wäre.
Je länger ich darüber nachdenke, desto sicherer bin ich mir, dass trotz allen Strebens nach Gerechtigkeit, Strafe und Ausgleich vom Grafen Meik in dieser ersten Stunde viel Sachverstand und Augenmaß vorgebracht wurde, wofür ich ihm heute noch außerordentlich dankbar bin.
Zwei Wachleute mit dem Henk an der Spitze kamen auf mich zu und der Hauptmann forderte mit ernster Miene, ihm den Jungen zu übergeben. Mühevoll richtete ich mich auf, während Franco, der ja die ganze Zeit aufrecht gestanden hatte, dem Henk direkt ins Gesicht sah und ihm lächelnd die Hände zum Binden entgegenstreckte.
Am Ende dieses unglückseligen Tages fand sich Franco im Kerker der Feste wieder, der, wie ich allerdings zugeben muss, auf mich weit weniger bedrohlich und finster wirkte als jener in der päpstlichen Burg zu Rom. Ja, es ist nicht einmal übertrieben zu sagen, dass dieser Kerker, wenn es denn überhaupt ein solcher war, andernorts und zu anderen Zeiten durchaus auch einem anderen, wohnlicheren Zwecke oder gar als Vorratslager dienen konnte. Er war vollgestellt mit allerlei altem Krame und es roch nach Schimmel und morschem Holz. Die Türe zum Gang hin war nur ein hölzernes Gitter, welches ganz sicher nicht nur den Mäusen und Ratten ohne Hindernis Einlass gewährte. Auf ein Schloss von außen konnte man getrost verzichten. Der alte Eichenriegel, der hier seinen Dienst tat und quer über die Mitte gelegt wurde, war nicht nur der einzige Verschluss, sondern vor allem wohl dazu gedacht, die Türe zu stützen, auf dass sie nicht herausfalle.
Dennoch, bei aller Nachsicht, die man meinem Schüler gegenüber bei der Kerkerhaft walten ließ, war für alle unübersehbar, dass dies nur seiner Jugend und meiner Fürsprache für ihn, vor allem aber des energischen Einspruches der Hildegard und der Frau Gräfin, die sich sogar gemeinsam vor den hochheiligen Herren Erzbischöfen und dem Grafen Meik auf den Boden geworfen hatten, um sie zu erweichen, geschuldet war.
Ich wusste, dass die Zeit kommen würde, in der Franco und ich nicht mehr auf die beschützende Hand dieser klugen und nachsichtigen Frauen vertrauen konnten, mochte den Gedanken aber nicht bis in seine letzten Folgen bedenken. Schon in naher Zukunft würde der Heilige und Gerechte Kaiser ein eigenes Urteil fällen und sich darin von niemandem abbringen lassen. Sicherlich würde er darauf bestehen, dass jemand, der seinem geliebten Sohne und geweihten Nachfolger auf dem Königsthron eine solch ehrlose Erniedrigung vor aller Augen angetan hatte, der beschlossenen Strafe auch tatsächlich ansichtig werden würde, ganz gleich, wer oder was er war.
Franco drohte eine lange Haft, endlose Qual in dunklen Kerkern oder gar der Tod! Auf diesen Zeitpunkt im Angesicht des kaiserlichen Gerichts bereitete ich mich nun vor, denn hier waren meine Dienste als kluger Advokat gefragt. Wenn meine reichen Erfahrungen in diplomatischen Dingen und als Vermittler und Botschafter seiner Majestät des Kaisers nicht in der Lage wären, Franco aus seiner misslichen Lage zu retten, wer sollte es dann schaffen? Nun, selbst wenn es mir nicht gelingen sollte, ihm die Haftstrafe gänzlich zu ersparen, so wollte ich doch wenigstens sein Leben und seine Gesundheit schützen und auf eine baldige Verbannung hinwirken. Viele Stunden, weit mehr als gewöhnlich, verbrachte ich im Gebete für meinen Schüler und für seine arme geschundene Seele.
Die ganze Fröhlichkeit und Ausgelassenheit der letzten Tage und Wochen war plötzlich verschwunden. Die Feste Vossberg versank in einen grauen alltäglichen Taumel, in dem niemandem mehr nach Feiern und Gelage zumute war. Natürlich wurde weiter gespeist und getrunken. Bei Tische versuchten alle, besonders die beiden Erzbischöfe und der ebenfalls wieder anwesende Bischof Simon von Berenthal, so zu tun, als wäre alles in bester Ordnung, aber die schlechte Farbe übertünchte das morsche Holz nur bis zum nächsten Regen, um dann verdünnt und einer Träne gleich im ausgetrockneten Boden zu versickern. Gespräche flackerten nur kurz auf und erloschen sofort wieder, das Essen schmeckte fad, obwohl der Barbara daran kein Vorwurf zu machen war. Eine unausgesprochene Peinlichkeit lag über allem im Saale und niemand wusste, wie dem zu begegnen sei, wünschte man sich doch gemeinsam wieder die schönen Stunden herbei, in denen recht ausgelassen und guten Mutes getafelt und gefeiert wurde.
Der junge König Otto hingegen, der am meisten Betroffene von allen, schien das alles im besten Sinne überstanden zu haben. Er verstand die Aufregung um das schöne neue Spiel nicht und erst recht nicht, dass man ihm ausdrücklich verbot, es jemals wieder zu spielen. Ihm waren zu seinem Glücke noch drei Spielgefährten verblieben und wenn er fragte, wo denn der Franco sei und warum er nicht mehr mit ihm spielen und herumtollen dürfe, antwortete man ihm unehrenhaft, dass Franco sehr krank sei und viele Tage Ruhe bräuchte. Die immer noch verängstigten Mädchen Oda und Rosvith wandten sich dem Otto und dem Danilus nun wieder in größerem Vertrauen als zuvor zu. Nun, da sie außerhalb von Francos Reichweite waren, gefährdete nichts den guten Sitz ihrer Röcke, sie entzogen sich kaum noch, und wenn, dann nur sehr kurz, ihrer Beaufsichtigung und die Sorgenfalten in den Gesichtern der Kinderfrauen glätteten sich weiter von Tag zu Tag und in dem gleichen Maße, wie die kleinen Dellen in ihren noch jungfräulichen Seelen.
Franco de Ferrucius hatte sich in den Augen der Erzbischöfe und der anderen hohen Herren schwerer Vergehen gegen Gott, die heilige Institution der Kirche und gegen die kaiserliche Familie schuldig gemacht.
Die Anmaßung des höchsten bischöflichen Amtes durch das Tragen der päpstlichen Tiara (es war natürlich nur eine schlechte Imitation aus drei übereinander getragenen Hauben aus Leinenstoff, einem Kissen ähnlicher als einer Mütze) mochte dabei nur der augenfälligste Teil gewesen sein. Viel schwerer als das wog die Erniedrigung, die er dem geweihten König Otto, dem Sohne des heiligsten Kaiserpaares, angetan hatte. Der junge König war hinter ihm, einem Hund gleich an einer Leine geführt, über den Hof geschleift worden – zudem vor den Augen aller Herrschaften, Bediensteten und Gäste.
Es war eine durch nichts wiedergutzumachende Schande, eine offene Demonstration der Machtlosigkeit, der Schwäche, der Hilflosigkeit und der Ohnmacht des Geheiligten Königs, die so von niemandem hingenommen werden konnte. Unter allen anderen Umständen hätte jemand, der es wagte, ein Mitglied der kaiserlichen Familie derart durch den Dreck zu ziehen, auf der Stelle seinen Kopf verloren. Nur der Herrgott allein in seiner unendlichen Güte und Barmherzigkeit hatte es vermocht, meinen jungen Schüler in dieser ausweglosen Situation zu beschützen und ihm vorerst sein Leben zu retten.
Noch am selben Tage wurde ein Bote ausgesandt, der den Kaiser und seine Gemahlin über die neuesten Ereignisse auf dem Vossberg in Kenntnis setzen sollte. Allgemein wurde erwartet, dass der Bote in wenigen Tagen, längstens in zwei Wochen, mit einem kaiserlichen Urteilsspruch zurückkehren würde. Franco, so schien es, sollte bis zum Eintreffen des Urteils hier in Gefangenschaft verbleiben. Alsbald darauf wurde mir durch den Herrn Lucius in einem geeigneten Moment zu verstehen gegeben, dass die Grafschaft, ebenso wie die hohen Mitglieder der kaiserlichen Familie, meine baldige Abreise wünschten und er mich ermutigen wolle, die entsprechenden Vorkehrungen zu treffen.
Ich wusste in dem Lucius einen edlen Herrn und guten Freund, dessen Herz vollkommen frei von Intrige und Missgunst war, deshalb nahm ich seinen Hinweis als guten Ratschlag an und begann sofort damit, die wenigen mir verbliebenen Sachen zusammenzupacken. Doch was würde mit Franco geschehen? Konnte ich ihn hier wirklich allein zurücklassen? Er war mein Schüler, er war noch zu jung, zu unbedarft und zu unerfahren, sein Glaube noch zu schwach, um seine Sache mit genügend Hoffnung und Gottvertrauen vertreten zu können. Und ward er von seinem Vater nicht meiner Obhut anvertraut? Hatte ich nicht einen Schwur geleistet, ihn zu lehren und zu beschützen? Und musste ich mich nicht allein aus diesem Grunde schon an seiner Seite halten, bis klar würde, was mit ihm geschehen soll? Ich hielt inne, setzte mich auf mein Ruhelager und dachte angestrengt nach.
Wie viel Zeit zum Verweilen hatte ich noch, ohne die Gastfreundschaft der Burgherren über Gebühr in Anspruch zu nehmen? In gesandtschaftlichen Kreisen bedeutete die offizielle Aufforderung zur Abreise im Allgemeinen, dass dies innerhalb von drei Tagen zu verrichten war, sodass noch genügend Zeit blieb, die Dinge zu ordnen, Rechnungen zu begleichen und bei Bedarf eine Reisegesellschaft zusammenzustellen. Unter besonders günstigen Umständen konnte man sich aber auch mit einer fremden Gesellschaft beschließen, was die Kosten für die Lastentiere und für den eigenen Schutz senkte, um im Gegenzug den Komfort meist beträchtlich anzuheben.
Dass es sich um eine offizielle Aufforderung handelte und nicht etwa um einen persönlichen Wunsch des Lucius, wagte ich nicht ernsthaft in Zweifel zu ziehen, auch wenn die Art der Überbringung etwas seltsam erscheinen mochte. Natürlich verlangten sein Vater und die beiden Erzbischöfe, von ihm zu wissen, wann und in genau welchem Wortlaut er mir die Botschaft überbracht hatte und wohl auch was ich darauf erwidert hatte.
Als der dritte Tag anbrach und von dem Boten weit und breit noch nichts zu hören war, beschloss ich, beim Grafen und den beiden Erzbischöfen mit meinem Anliegen vorzusprechen. Damit noch länger zu warten, wäre mir als Unhöflichkeit oder gar Schlimmeres ausgelegt worden. Um mich der Gunst und Unterstützung der hohen Frau Gräfin zu versichern, war ich bereits am Tage zuvor in aller Heimlichkeit und unter Zuhilfenahme der braven Hildegard zu ihr durchgedrungen und hatte sie überzeugen können, dass meine Abreise unmöglich ohne meinen lieben Schüler erfolgen könne, worauf ich nicht nur durch einen heiligen Eid verpflichtet war, sondern mich auch durch ein enges Vertrauen und Liebe gebunden fühlte.
Nun traf ich die drei hohen Herren am Vormittag im Hofe, während sie sich offenbar für einen Ausritt vorbereiteten. Ihnen anbei stand außerdem Bischof Simon, ebenfalls zum Ausritte bereit, so dass ich nunmehr alle vier Herren zusammen ansprechen musste, ein nicht unwichtiger Umstand, der die Lage, in der ich mich befand, zusätzlich zu meinen Ungunsten beeinflusste.
„Ihr könnt ihn mitnehmen, Liutprand!“, rief Erzbischof Brun schon von weitem, noch bevor ich das Wort an ihn richten konnte.
Ich trat näher heran, verneigte mich in der tiefsten und vornehmsten Art, zu welcher ich in der Lage war, und sagte demutsvoll:
„Ich wünsche den hochverehrten Herren einen Guten Tag!“
Keiner der vier ging auf meine freundliche Begrüßung ein.
„Wir wollen ihn hier nicht haben“, sagte Meik, während er sein Pferd tätschelte.
„Ich verstehe nicht“, antwortete ich mit einiger Verlegenheit. „Woher wisst Ihr …?“
Brun kam einen Schritt auf mich zu und legte mit väterlicher Geste seine Hand auf meine Schulter. „Nun, mein lieber Bruder Liutprand, dass es mit Eurem Glauben nicht so weit her ist, wie es vielleicht sein sollte, ist die eine Sache. Aber Ihr solltet nicht auch noch Euren Verstand, von dem wir bisher nur Gutes gehört haben, in den Orkus werfen. Denkt immer daran, dass nicht nur der Herr Augen und Ohren hat.“
„Oh, verzeiht meine naive Art, verehrter Brun“, erwiderte ich entschuldigend. „Ich hätte wissen müssen, dass …“
„Ach Unsinn!“, unterbrach er mich. „Benutzt Euren Verstand! Und zu Eurem Schüler möchte ich Euch ein warnendes Wort mit auf den Weg geben. Habt mehr als ein Auge auf ihn! So er dies hier überstanden hat, und ich hoffe und wünsche für Euch, dass der Kaiser sich von seiner gnädigen Seite zeigen wird, bedarf es einer noch weit größeren Anstrengung von Euch, um ihn zu erretten. Dieser Junge wird Euch ebenso große Freude wie unendlichen Kummer bereiten. Er ist ein Teufel, ein Dämon! Vergesst das nie! Niemals!“
Brun hatte eine große Eindringlichkeit in seiner Stimme und es schien, als wolle er mich aufrichtig vor einem bevorstehenden Unheil bewahren. Nun war aber hier nicht die Zeit, zu widersprechen und sich auf einen Disput einzulassen. Also schluckte ich meine Worte hinunter und versuchte, mich auf die Dinge zu besinnen, die unmittelbar bevorstanden.
„Wie ich weiß, habt Ihr einen kaiserlichen Boten entsandt, dessen Rückkehr bald ansteht, verehrter Brun“, sagte ich. „Wäre es nicht angebracht, hier auf seine Ankunft mit dem Urteil des Kaisers zu warten?“
„Nein, das wird nicht nötig sein. Zieht nur los, Liutprand“, antwortete Graf Meik an seiner Stelle. „Wie ich erfahren habe, führt Euch Euer Weg in die Pfalz nach Mimileibo, wo sich der Kaiser und seine Gemahlin aufhalten. Welch glückliche Fügung, will ich meinen.“
Er lächelte milde in die Runde der edlen Herren und bekam als Antwort ein beinahe höhnisches Grinsen von allen Seiten.
Natürlich wusste ich, in welch hinterhältigem Spotte er sich erging, wenn er den uns bevorstehenden Weg in dieser Art lobte. Und damit auch der letzte Pferdeknecht begriff, wie dies gemeint war, fügte er hinzu: „Denn welches Urteil unser Gerechter Kaiser auch immer fällen wird, wir werden Euch und Euren Schüler auffinden und es vollstrecken, das ist allerorten und zu jeder Zeit gewiss. Doch macht Euch darum noch keine Sorgen, wir selbst sind zuversichtlich genug.“
6. Kapitel
In der Tat wurde Franco noch am Mittag desselben Tages ohne weitere Auflagen freigelassen. Er durfte sich aber weder von seinen Freunden noch von den Mädchen verabschieden, auch nicht zusammen mit ihnen zu Tische sitzen. Stattdessen brachte ihm die gute Barbara eine Schüssel kalte Bohnensuppe und einen Krug Wasser auf die Kammer, entschuldigte sich mit einiger Verlegenheit bei mir und hieß ihn, schnell zu essen. Von da an verblieb uns nur noch wenig Zeit, die Feste zu verlassen.
Statt der üblichen vier Reittiere, von denen im Wechsel immer zwei zum Reiten und zwei für Lasten und zur Erholung vorgesehen waren, gab man uns nur zwei Maultiere bei, weil wir, wie man in korrekter Weise feststellte, kaum Lasten zu transportieren hatten und auch nur mit zwei Reittieren angekommen waren. Tatsächlich war uns nicht mehr viel verblieben vom ursprünglichen Gepäck. Außer meinem Reisestuhl, den eine späte, aber glückliche Fügung unseres Herrn nach dem Untergang des Schiffes auf eine Wiese am Ostufer gespült hatte, den sorgfältig hergerichteten Schriftrollen des Bruders Pilegrinus und dem Mantel des burgundischen Kaufmannes hatten wir nur noch eine einzige Tasche behalten, allerdings mit wertlosem Inhalte, wenn man nach Geschenken und Gaben für den Gastgeber Ausschau hielt.
Franco trug alles, was er benötigte, in einem gebundenen Leinentuche um die Schulter. Ich wusste nicht, ob ich mich in dieser Art an den Hof des Heiligen Kaisers und in seine erlauchte Gegenwart begeben durfte. Andererseits waren wir durch den Untergang des Schiffes weitgehend geplündert worden, hatten also einen guten Grund und eine gute Geschichte zu erzählen, die aus der Unhöflichkeit möglicherweise eine Tugend machte. Auch war es möglich, dass mein Ruf am Kaiserlichen Hofe durch die Ereignisse der letzten Tage bereits derart gelitten hatte, dass es auf Geschenke längst nicht mehr ankam.
Am Nachmittag ritten Franco und ich los. Den beiden erstbesten Höfnern, denen wir begegneten, kaufte ich für einen viel zu hohen Betrag jeweils eines ihrer Maultiere ab, sodass wir fortan die Lasten besser verteilen konnten und etwas bequemer reisten. Was mich wirklich außerordentlich verunsicherte, war der unschöne Umstand, dass uns keine Bewachung und kein Schutz beigegeben worden war. In Zeiten wie diesen war es nicht ganz ungefährlich, nur zu zweit über Land zu reisen. Ein guter Gastgeber sorgte zumindest dafür, dass die Abreise seiner Gäste bis zur nächsten Grenze oder Zollstation sicher und ohne die gefürchteten Barbarenüberfälle, die zumeist von den versprengten Resten der Awaren verübt wurden, verlief. Für die Zeit danach half mitunter ein Schutzbrief, der sicheres Geleit versprach und mit schweren irdischen oder himmlischen Strafen drohte, wenn man sich gegen seinen Aussteller oder gegen den Beschützten verging. Im Zweifel verstärkte ein gewisser Geldbetrag noch die Wirkung des Schutzbriefes. Wir hatten jedoch von alledem nichts oder, was das Geld betraf, nicht genug, um uns gegen allerlei Bedrohungen zu wappnen. Ginge mir unterwegs auch noch der verbliebene Rest aus, stünde es daher ziemlich schlecht um unsere Rettung.
Während der ganzen Reise zur Feste Mimileibo war Franco sehr schweigsam und beinahe abwesend. Dass ihn in Anbetracht der Umstände nicht Vorfreude und frohe Erwartung auf das Wiedersehen mit dem heiligen Kaiser und seiner holden Gemahlin überwältigten, mochte ich noch gut verstehen. Aber schuldete er nicht zumindest mir, der ihn immerhin beschützt und bis hierher vor höherer Strafe bewahrt hatte, eine gewisse Aufmerksamkeit? Gern hätte ich die lange Reise für eine geistreiche Lehrstunde oder die Überprüfung seiner Kenntnisse in Arithmetik oder Rhetorik genutzt. Sein Reittier war dem meinen jedoch ständig um zehn oder zwanzig Schritte voraus und das laute Zurufen überforderte schon nach kurzer Zeit meine Stimme. Franco kramte indes immer wieder mit der linken Hand in seinem Leinentuche, welches sich an einer Stelle auffällig über eine harte Kontur wölbte. Ich fragte ihn, was er denn dabeihabe, nachdem ich mein Maultier kräftig anspornen musste, die Lücke zu schließen, doch er antwortete mir nicht.
Bis Franco sich wegen meiner immer wiederkehrenden Fragerei endlich entschloss, mich an seinem Geheimnis teilhaben zu lassen, dauerte es noch bis zur nächsten Rast. Er zog aus seinem Bündel einen hölzernen Kasten hervor, dunkel gefärbt und in den Kanten rundherum wunderschön mit Silber beschlagen. Alt schien er zu sein, obwohl kaum Wurmlöcher zu erkennen waren. Franco hielt ihn in die Höhe und drehte ihn zu den Seiten, die alle völlig gleich aussahen, sodass man nicht sagen konnte, welche oben und welche unten war.
„Was ist das?“, fragte ich neugierig.
„Ein Kasten“, antwortete er, mit den Schultern zuckend.
„Woher hast Du ihn?“
„Er lag in dem Keller, in welchen man mich eingesperrt hatte, unter vielen anderen fremdartigen Sachen verborgen.“
Ich bemerkte, wie fein und geradlinig die Beschläge gearbeitet und wie genau sie der hölzernen Grundform angepasst worden waren. Eine wahrlich schöne handwerkliche Arbeit von hoher Kunstfertigkeit, wie ich auch ohne nähere Begutachtung feststellen konnte.
„Hmm, mein lieber Junge, zweifellos ein schönes Ding. Aber sag, warum nennst Du es fremdartig?“
Francos Eifer wurde plötzlich entfacht, als hätte ich ihn auf einen spannenden Wettkampf oder ein besonders anmutiges Mädchen angesprochen. Erfreut hielt er mir den Kasten hin und deutete auf eine kaum erkennbare dunkle Stelle im Holz.
„Nun, seht hier, Meister Liuzo!“
„Was ist dort – ich kann nichts recht erkennen“, antwortete ich. „Du weißt, meine Augen …“
„Es sind fremde Schriftzeichen, Meister Liuzo. Sie sind wohl sehr alt. Könnt Ihr sie mir vorlesen?“
Ich nahm den Kasten in die Hand und stellte fest, dass er von einigem Gewichte war und wohl mehr enthielt als nur die abgestandene Luft des Kellers, in welchem er aufgefunden wurde. Wenn man genau hinsah, konnte man feine Linien erkennen, die sich zu kleinen Schriftzeichen und Blöcken formierten und in sauberen Reihen unter- und nebeneinanderstanden. Es waren genau diese feinen Schriftzeichen, die mir auf meinen weiten Reisen in den Osten tatsächlich schon vielfach begegnet waren – ganz offensichtlich sinensische Zeichen, aber keine, die ich lesen oder verstehen konnte, was ich meinem Schüler mit dem Ausdrucke größten Bedauerns gestand, während ich den Kasten an ihn zurückgab.
„Schade“, erwiderte Franco betrübt. „Es will mir einfach nicht gelingen, diesen Kasten zu öffnen. Er muss doch einen Deckel oder ein Schloss haben oder nicht, Meister Liuzo?“
„Ich weiß es nicht, mein lieber Junge“, sagte ich und hob entschuldigend die Schultern.
„Ich hatte gehofft, dass diese Schriftzeichen vielleicht einen Hinweis enthielten, wie er zu öffnen sei.“
Enttäuscht wickelte er den Kasten wieder in sein Bündel und lehnte sich schweigend zurück.
„Sag mir, mein lieber Franco“, fragte ich nach einer Weile, „nachdem Du ihn gefunden und untersucht hattest, plagte Dich da kein schlechtes Gewissen, diesen Kasten einfach so mitzunehmen?“
Franco sah mich aus tiefen Augen an und schüttelte kaum sichtbar den Kopf. „Warum fragt Ihr das, Meister Liuzo?“
„Nun, weil es vielleicht ungehörig ist, etwas zu nehmen, was einem nicht gehört?“
„Seht Ihr, Meister, Ihr wisst es auch nicht!“
„Was?“
„Ob es ungehörig ist oder nicht. Sagtet Ihr nicht eben noch vielleicht? Aber wenn Ihr es nicht wisst, wie kann ich es dann wissen, wo ich doch Euer Schüler bin und lerne, was Ihr mich lehrt?!“
Ich richtete mich in meinem Stuhle auf. Hatten mich meine Ohren soeben getäuscht?
„Doch!“, rief ich aufgebracht. „Es ist ungehörig! Nur ein gemeiner Dieb wird sich etwas nehmen, was ihm nicht gehört und nach dem er nicht gefragt hat!“
Franco verschränkte trotzig die Arme vor der Brust.
„Wen hätte ich denn fragen sollen? Nachdem mich alle nur noch mit ihrem Arsche angesehen haben, wollte doch niemand mehr mit mir sprechen. Selbst Ihr wart so sehr mit Euch selbst beschäftigt, dass Ihr den Kasten bis eben nicht einmal bemerkt habt.“
Zornesröte stieg mir ins Gesicht. Ich konnte fühlen, wie die Frechheit und Ungerechtigkeit in seinen Worten mein Herz und meinen Verstand zum Rasen brachten.
„Dann hättest Du dieses … Ding dort liegen lassen müssen, wo Du es gefunden hast! Es gehört Dir nicht! Und wir werden es zurückbringen!“
Er fuhr herum und sein Körper straffte sich spürbar unter der weiten Kutte.
„Nein! Es gehört jetzt mir!“, donnerte Franco aus voller Brust und ballte die Fäuste zum Kampfe.
Ich ließ von ihm ab.
Während der folgenden zwei Reisetage sprachen wir kein einziges Wort zueinander.
Schon bald darauf passierten wir die schöne Kaiserpfalz Tilleda auf dem Pfingstberg und die ihr zugehörigen Güter, ebenjene, welche der jungen Kaiserin Theophanu später von ihrem hochheiligen Gemahl als Brautgeschenk16) gegeben worden waren. Man erzählt sich gar unglaubliche Dinge über diese Pfalz, von denen ich hier aber nur eine Kostprobe wiedergeben möchte, um den geneigten Leser nicht mit Belanglosigkeiten zu langweilen. Theophanu, die ja von Geburt an eine Griechin und wohl wärmeres Wetter als im Sachsenlande gewohnt war, soll sich allenthalben bei ihrem Gatten beklagt haben, dass ihr fortwährend kalt und unwohl sei. Sie käme kaum dazu, eine Erkältung auszukurieren, wenn schon die nächste ins Haus stehe. Auch störe sie, dass es wegen der Feuerstellen in beinahe jedem Hause verraucht sei und die Wände schwarz von Ruß, was ihre Kleidung ruiniere und auch sonst einiges Unwohlsein verschaffe.
König Otto hatte Verständnis für die vielen Nöte seiner jungen Gattin und hieß den Rudger von Merseburg, seinen besten Baumeister, ein Haus konstruieren, welches weder über einen Ofen noch eine sonstige Herdstelle verfügte und dennoch warm genug war, um es auch im Winter bewohnen zu können. Hierzu ließ er einen langen Tunnel unter dem Hause graben und dort hinein einen Ofen mit drei Zügen bauen, die er wie einen Fächer anordnete. Sobald dieser Ofen angefeuert wurde, zog die warme Luft unter den Steinen hindurch. Und wenn das Feuer genug Kraft hatte, wurden Ofen und Abzüge bis auf eine kleine Ritze verschlossen und das ganze Haus ward auf diese einfache Weise wohlig erwärmt.
Viele Jahre später konnte ich mich von den Vorzügen dieser neuen Methode auch ganz selbst überzeugen. Damals freilich gab es all dies dort noch nicht zu sehen. Die Häuser sahen aus wie alle anderen und hatten ebensolche Öfen und Herdstellen. Auch wurden wir ja bereits anderen Orts erwartet, so dass kaum genug Zeit zum Verweilen in Tilleda blieb.
Franco nahm nun keinerlei Rücksicht mehr auf mich. Er ritt davon, wie es ihm gefiel, machte Rast, wenn ihm danach war, und ließ mich einmal sogar in die Irre laufen, indem er eine Tafel am Wegesrand so verdrehte, dass ich die falschen Schlüsse daraus ziehen musste. Ich wusste keinen guten Ratschlag, wie ich es ihm noch hätte sagen sollen. Beschützen konnte ich ihn längst nicht mehr, er stand auf seinen eigenen Füßen, das war nun auch für mich geradeheraus nicht mehr zu übersehen. Überaus große Sorge machte mir jedoch bei aller Entfremdung, dass Franco im Begriffe war, immer neue Dummheiten zu begehen und schlimmere noch dazu.
Alle guten Leute, denen er einmal Freund war, wandten sich gegen ihn (und so manches Mal auch gegen meine eigene Person) und wurden zu Feinden. Natürlich konnten wir nicht zur Feste Vossberg zurück, wollten wir nicht unser Leben und unser Wohlergehen gleichermaßen riskieren. Für noch eine Untat mehr war einfach kein Platz, so er die letzte noch nicht einmal reute. In gleichem Maße, wie er jegliche Einsicht und Gehorsamkeit vermissen ließ, reute mich jedoch mein unüberlegt ausgesprochenes Verlangen nach Rückkehr, weil es Francos Respekt vor meinen Entscheidungen und Bestimmungen noch weiter herabsinken ließ, als zuvor schon.
Wenn es mir ein ums andere Mal dennoch gelang, ihn einzuholen und ein Stück weit des Wegs neben ihm zu reiten, so nur deshalb, weil ich meinen Maultieren die notwendigen Ruhezeiten gönnte und ihnen genügend gutes Futter gab, was Franco aus irgendeinem Grunde in der Art vernachlässigte, dass seine beiden Tiere bald abgemagert waren, schwach und missmutig dahertrabten oder gar stehen blieben und sich müde in den Weg legten.
Am Abend unseres zehnten Reisetages überschritten wir den letzten der großen Kyffhäuser Berge und erblickten in der Ferne das Tal der Unstrut. Etwas erhöht darüber lagen die ersten Felder des kaiserlichen Tafelgutes zu Mimileibo. Sie waren gut bestellt und würden reiche Früchte tragen, wie man annehmen durfte. Mitten aus diesem schönen Lande ragte weithin leuchtend die wundervolle Basilika des Heiligen Michael zu Mimileibo hervor, deren zwei bereits fertig gestellte Turmhauben an der Ostseite sanft den Schein der Abendsonne widerspiegelten. Nun, da wir auch wieder miteinander redeten und keine zwei Stunden Weg mehr vor uns hatten, schlug ich Franco vor, eine letzte Rast einzulegen, um den schönen Ausblick zu genießen und unsere Sachen ein letztes Mal vor der Ankunft zu ordnen.
Ein Bote des Kaisers hatte uns in der Zwischenzeit nicht erreicht – was dies in Bezug auf das noch ausstehende Urteil des Kaisers zu bedeuten hatte, vermochte ich zu jener Zeit nicht zu sagen. Ich wusste nicht einmal, ob der himmlische Herr uns damit ein gutes oder ein schlechtes Zeichen senden wollte.
In Anbetracht der Umstände folgte Franco meinem Vorschlage, nun, da auch ihn eine Ahnung beschlichen haben dürfte, dass ihn vielleicht nichts Gutes dort erwartete. Ich redete ihm zu, Gottes Urteil mit offenen Armen zu empfangen und ganz gleich, wie es auch ausfallen mochte, um Gottes Willen nicht dagegen anzugehen, weder mit Worten noch mit Taten. Und zum Grunde nannte ich ihm, dass man sich dem göttlichen und gerechten Urteil zu keiner Zeit entziehen könnte, wollte man seiner Seele nicht unrettbaren Schaden zufügen. Am besten sei es, fügte ich hinzu, wenn er die zu erwartende Strafe in vollkommener Duldsamkeit und Demut hinnehme, um inneren Frieden mit dem Heiligen Kaiser zu schließen und in allem, was jener gebieten werde, sich gehorsam zu zeigen. Franco nickte stumm zum Zeichen, dass er verstanden hatte, jedoch blieb ein letzter Zweifel in mir, ob er sein Temperament im rechten Moment zu zügeln wissen würde.
Die Michaelskirche bot schon jetzt, obwohl erst zur Hälfte fertig gestellt, einen großartigen und erhabenen Anblick, als wir an ihr vorüberschritten. Ich hatte schon viele wundervolle Dinge über dieses Gotteshaus gehört, aber ich muss gestehen, dass mich die Erhabenheit des Augenblicks dennoch auf die schönste Art überraschte. Pater Pilegrinus erzählte mir während unserer gemeinsamen Schiffsreise, dass der Heilige Kaiser Otto höchst selbst die Pläne für dieses kunstvolle Bauwerk entworfen haben soll, um seines in Mimileibo verstorbenen Vaters König Heinrich auf die höchste ihm gebührende Weise zu gedenken. Und er hatte vor, wenn es denn stimmte, ein im Glanze und in seiner Pracht einmaliges Gotteshaus zu erschaffen, welches alles bisher Dagewesene an Höhe und Räumlichkeit überragen sollte, und dies – wie Pilegrinus mir ebenfalls versicherte – in nicht mehr als einem Dutzend Jahren Bauzeit.
Jemanden wie ihn darüber in höchsten Tönen lobpreisen zu hören, ist die eine Sache, die Erhebung und Freude dieses sich anbahnenden vollkommenen Kunstwerks in der eigenen Seele spüren zu können, ist jedoch etwas völlig Anderes. Nicht in meinen stillsten Gebeten hatte ich zu hoffen gewagt, jemals dieses prächtige Bauwerk mit eigenen Augen erblicken und im Geiste an seiner Entstehung teilhaben zu dürfen. Nun, obwohl ich mir der Schwere der Aufgabe bewusst bin, etwas so Edles, Würdevolles und Erhabenes mit meinen einfachen und geringen Worten beschreiben zu müssen und mit einer solchen Beschränktheit nicht den Bruchteil dessen wiedergeben zu können, was es zu benennen verdiente, will ich es dennoch versuchen, um den Leser dieser Zeilen an meinem herrlichen Augenschmause teilhaben zu lassen.
Der Osten wurde flankiert von zwei hohen Türmen aus acht deutlich voneinander abgesetzten Ebenen mit hoch umlaufenden Säulenarkaden, die mich auf angenehme Weise an die Baukunst meiner lombardischen Landsleute erinnerte. Zwischen den Türmen wölbte sich eine Reihe herrlicher Apsiden um den Chor herum, was mich den Eindruck gewinnen ließ, als wäre der Raum zwischen ihnen beliebig groß. Tatsächlich erreichte das dreigeteilte Hauptschiff, welchem noch der obere Abschluss fehlte, eine solche Breite und Höhe, dass ich mich besorgt fragte, wie es den Baumeistern wohl gelingen würde, darüber ein festes Dach zu wölben, ohne dass es schon beim ersten Windstoße einstürzte. Ich nahm mir vor, sobald sich mir die Möglichkeit dazu bot, dieses prachtvolle und ehrwürdige Bauwerk ausgiebig von allen Seiten, von innen wie von außen, zu studieren, mit den preiswürdigen Baumeistern zu sprechen und, sofern es mir erlaubt sein würde, einige Skizzen davon zu fertigen, um sie meinen geschätzten italischen Landsleuten vorzuzeigen. Aus diesen Plänen wurde dann leider nichts, weil wichtige Ereignisse meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen und unser Aufenthalt in Mimileibo in einer anderen Art und zu einer anderen Zeit enden sollte, als es von mir geplant war.
Doch zurück zu unserer stattlichen Basilika, die zu Ehren des Erzengels Michael, der seit der großen Schlacht gegen die Awarenhorden am Lechfeld im Jahre 955 des Herrn auch der Schutzpatron des Heiligen Kaisers und des Reiches war, in unvergleichlicher Größe und Prächtigkeit erbaut ward. In der Vierung, dem Schnittpunkt zwischen dem Hauptschiff und den beiden ausladenden Seitenarmen, die noch von großen Bergen kunstvoll behauener Steine und anderer Baumaterialien verstellt war, erblickte ich inmitten der Unordnung die Fundamente von acht gewaltigen Säulen. Bereits fünf von ihnen ragten einzeln in den Himmel und bildeten zwischen sich einen achteckigen Raum von knapp dreißig Ellen Durchmesser. Diese Anordnung ließ mich vermuten, dass hier die Vorbereitungen für eine gewaltige Kuppel getroffen wurden, gleichwohl der krönende Abschluss zum Himmelsgewölbe. Was mich jedoch in noch höherem Maße als alles bisher Gesehene erstaunte, lag auf der entgegengesetzten Seite der Basilika, im Westen. Hier war nicht, wie sonst üblich, ein hohes Portal zwischen die beiden halbhohen Seitentürme gebaut, sondern ein weiterer Chor mit ebenso unglaublichen Ausmaßen wie schon zuvor im Osten.
Durfte ich Pilegrinus’ eidlichen Bezeugungen Glauben schenken, so würde dieser Chor später allein dem Kaiser vorbehalten sein. Der weltliche Herrscher sollte darin während der Messen Platz nehmen und das Gotteshaus auf diese Weise vor den Gefahren, die aus dem Westen drohten, beschützen, während der geistliche Herrscher die Kirche aus dem Osten behütete. Zu diesem Zwecke war der Kaiser zuvor mit der Krönung in Rom auch zum Diakon geweiht worden, sodass er das Recht besaß, das Evangelium zu verlesen. Sicherlich war es kein Zufall, Gottes Fingerzeig in all diesen Elementen zu entdecken, und ich fieberte dem Augenblick der Vollendung dieses wundervollen Bauwerks mit großer Vorfreude entgegen.
Die nordwestliche Seite der Basilika grenzte mit ihren Baugerüsten unmittelbar an den Wirtschaftshof, der die Burg mit allem Notwendigen versorgte. Die Feste, über deren Wehrhaftigkeit man sich allerorten unerhörte Dinge erzählte, lag eine halbe Stunde Fußweg östlich von hier auf einem Felssporn hinter dem Eichberg und war von einer mächtigen Steinmauer mit tiefen Gräben und nicht wenigen Wehrtürmen umzogen. Zu drei Seiten fiel der Fels steil ab, nach Norden hin zur Unstrut und ihren undurchquerbaren Auwiesen und nach Osten hin zum Markt Wangen. Im Süden begrenzten tief eingeschnittene Hohlwege den allzu stürmischen Aufstieg, so dass nur ein einziger großer Zugang von Westen her verblieb. Durch dieses Tor betraten wir nun die Feste.
Vom ersten Augenscheine an war ich überwältigt von der herrlichen Bauart und der Prächtigkeit aller Gebäude. Am mächtigen, mit Eisen und Bronze beschlagenen Tore, welches in eine große offene Halle führte und sich sodann dem mit schönem Stein gepflasterten Innenhof öffnete, empfing uns ein junger Diakon, genannt Konrad von Magathaburg, der vom Kaiser zu unserer Begrüßung entsandt worden war. Er bemerkte schnell meine überschwängliche Begeisterung für die neue Kirche unten im Ort und erzählte mir bereitwillig alles, wonach ich ihn fragte. Auch erwähnte er, dass vor nicht allzu langer Zeit ein schrecklicher Unfall die Bauarbeiten beinahe zum Erliegen gebracht hätte, als ein Teil des Hauptschiffs mangels guter Abstützung zusammenbrach und elf Bauleute unter sich begrub. Auch Konrad selbst gehörte zu den Verschütteten, blieb aber, wie durch Gottes Hand beschützt, unverletzt und konnte von seinen Kameraden wenig später gefunden werden. Auf meine Frage hin, was es denn mit dem Westchor für eine Bewandtnis habe, bestätigte er alles, was ich von Pilegrinus gehört hatte, wortgetreu. Die himmlische Eingebung, dem Gotteshaus einen zweiten Chor im Westen hinzuzufügen, war tatsächlich des Herrlichen Kaisers eigener Plan gewesen. Ich betete, dass unser aller Herr im Himmel ihn in seiner unendlichen Gnade beschützen und ihm ein langes Leben schenken solle, damit wir Gewöhnlichen noch recht oft in den Genuss solcher Weisheit und göttlichen Erhabenheit gelangen konnten.
Auch die kaiserliche Pfalz verfügte über ein Gotteshaus, Oratorium genannt, freilich viel kleiner und bescheidener gebaut. Dieses Oratorium befand sich in der äußersten nördlichen Ecke der Mittelburg und war damit das am höchsten aufragende Bauwerk der Feste, noch höher als der mächtige Wehrturm der Hauptburg.
Konrad führte uns zu unserem Quartier, welches in einem der seitlich angrenzenden Gebäude, mehr zum südöstlichen Tore hin gelegen war. Wir kamen vorbei an einer riesigen Festhalle, die Konrad die Aula Regia nannte, mit wundervoll bemalten Fenstern und einer Größe, wie ich sie bis dahin nicht für möglich gehalten hätte. Konrad erzählte auf dem kurzen Wege gar unglaubliche Dinge von Festen und Synoden, die sich in dieser Halle begeben haben sollen und die mein Herz in froher Erwartung ebensolchen Erlebens höherschlagen ließen.
Aber schon mit der folgenden Bemerkung Konrads wurden wir wieder ernüchtert und kühl darin unterwiesen, dass der Kaiser verfügt habe, dass wir ihn drei Tage nicht zum Angesichte bekommen sollten und wir so lange Gäste in seinem Hause sein sollten, aber unter seinem strengen Schutze stünden. Fortan bewachten zwei Soldaten den Zugang zu der geräumigen Kammer, die uns zugewiesen wurde, und wir mussten jeglichen Weg, selbst den zur Latrine, unter ihrer Beobachtung vornehmen. Eine Erklärung für dieses Verhalten gab Konrad uns zunächst nicht, aber es hätte einer solchen auch nicht unbedingt bedurft. Dies alles konnte nur heißen, dass wir die huldvolle Gunst des Heiligen und Gerechten Kaisers fürs Erste verloren hatten und durch Wohlgefallen und Gehorsamkeit nun wiedererringen mussten.
Mir schien, als wisse der Konrad mehr über die Sache, viel mehr als er wohl zugeben mochte. Am nächsten Tage gelang es mir, Konrad beiseite zu ziehen, als er uns einen Krug mit frischem Wasser brachte. Ich fragte ihn geradeheraus, ob er denn wisse, was der Grund für die schäbige Behandlung sei, woraufhin er mich ganz ohne Verständnis anblickte. Dann sah er sich nach Franco um, ohne ihn jedoch finden zu können.
„Bruder Liutprand, im Vertrauen: Jedermann hier weiß, welche Schande dem jungen König Otto angetan wurde. Welch großer Ehrverlust!“, raunte er geheimnisvoll.
Ich nickte zustimmend, um ihn zu weiterem zu ermuntern.
„Man sagt, der Junge dürfe dies nicht überleben, er gehöre erschlagen!“
„So, sagt man das?“, erwiderte ich spitz und schalt mich im nächsten Augenblick für diesen dummen Ausspruch.
„Die Ehre des Kaisersohns muss wiederhergestellt werden. Das seht Ihr doch gewiss auch so, nicht Bruder Liutprand?“
„Nun, ich weiß nicht recht, Bruder Konrad. Einerseits möchte ich Euch zustimmen, andererseits tadele ich das Prinzip der Ehre als unverständig, wonach man durch eine erhaltene Beleidigung ehrlos wird, es sei denn, man erwidere sie durch eine noch größere Beleidigung oder durch Blut, welches das des Gegners oder das eigene abwasche …“
„Aber so will es Gott!“, unterbrach er mich aufgeregt. „Seht nach in der Heiligen Schrift, wo geschrieben …“
Ich winkte ab, um seinen Worten Einhalt zu gebieten und meine Erklärung hinzuzugeben.
„Natürlich kenne ich die Heilige Schrift und auch der Text, auf den Ihr, lieber Bruder, Euch bezieht, ist mir wohl vor Augen. Aber bedenkt: Die wahre Ehre eines Mannes kann nicht verletzt werden durch das, was man erleidet, sondern ganz allein durch das, was man tut – denn widerfahren könne doch jedem alles! Und aus demselben Grunde kann die Ehre auch nicht herbeigeholt werden von einem andern, man müsse dies schon selbst tun und dabei höchst ehrenvoll sein.“
Konrad schnaubte mich mit kaum verhohlenem Missfallen an. Mit so fester Gegenwehr hatte er kaum gerechnet und so sah ich ihn nun umso beharrlicher an einer Erwiderung grübeln.
„Verzeiht, verehrter Bischof, wenn ich Euch dennoch widerspreche“, sagte er alsbald. „Wenn einem Kaufmanne fälschlich Betrug oder Nachlässigkeit in seinem Gewerbe nachgesagt würde, so wäre dies doch ein Angriff auf seine Ehre und, da sie hier verletzt würde, lediglich durch das, was er leide, müsse sie nun durch Widerruf und Bestrafung des Angreifers wiederhergestellt werden.“
Er hatte seinen Anwurf gut vorbereitet, gleichwohl er aber einem großen Irrtume aufgesessen war, wie ich ihm sogleich bewies. Die kaufmännische Ehre, welche sonst der Gute Name heißt, und deren Verletzung in der Tat durch Verleumdung geschieht, hatte er hier der ritterlichen Ehre untergeschoben, deren Verletzung durch Beleidigung geschieht. Und weil ein Angriff auf Erstere nicht unbeachtet zu lassen wäre, so folgerte Konrad, dass dies mit demselben Recht auch bei Letzterer so sein müsse. Hier aber musste ich ihm widersprechen, weil derselbe Name für zwei ganz verschiedene Dinge gebraucht wurde, was zu einer mutatio controversi17) führte.
Voller Verachtung in Stimme und Blick ließ mich Konrad zurück.
Etwas später, in einem unbeobachteten Moment, als nur einer der beiden Wachmänner für uns verfügbar war, weil der andere unter entsetzlichem Bauchweh litt und wehklagend in einer Ecke hockte, konnte ich mich auf dem Weg über den Hof etwas absondern, während Franco den guten Mann in ein gar herzliches Gespräch über seine nicht geringen Waffen verwickelte.
Da mir die Chance nun gegeben war, glitt ich unbemerkt durch eine kleine Pforte in die unbefestigte Vorburg, von dort zum südöstlichen Tore wieder hinein und ging hernach auf das freie Feld vor dem Oratorium. Nun war ich zwar wieder umgeben von Dutzenden Leuten, Bauern, Bediensteten und Wachen, aber dennoch völlig unbeobachtet. Niemand kümmerte sich um mein Begehr oder hielt mich an. Ich suchte den Eingang zur Aula Regia und fand das Portal unverschlossen. Durch einen Vorraum betrat ich die riesige Halle und ward sogleich überwältigt von der Prächtigkeit und Vollkommenheit des Gesehenen.
Die Wände des Raumes waren über und über mit marmornen Tafeln geschmückt, eine jede einem anderen Herrscher oder großen Manne gewidmet und umrankt von Girlanden und edlem Silberschmuck. Die Fenster, von denen es ringsum reichlich gab, waren verziert mit den schönsten Darstellungen aus dem Leben des großen Kaisers, von denen gar einige ich aus verschiedenen Erzählungen wiederzuerkennen glaubte. Im Rundbogen über der Apsis, die beinahe die ganze Breite der Halle einnahm und auf einem dreistufigen Podeste Platz für des edlen Kaisers und der edlen Kaiserin Thron bot, waren die großartige Besiegung der Awaren im Lechfelde und die vollkommene Unterwerfung der Abodriten des heidnischen Stoinef an der Raxa, die Vernichtung der Redarier an der Elbe und die Zurückwerfung der Dänen im Norden, was ich alles unschwer erkennen konnte, in lebendigsten Bildern dargestellt.
Vielerlei große Männer sah ich unter den Siegern wie unter den Besiegten, den tapferen und ehrwürdigen Ritter Hosed, die abtrünnigen und doch wieder in die kaiserliche Huld aufgenommenen Grafen Wichmann und Ekbert, den großartigen Herzog Herrmann, die Erzbischöfe Gero und Brun und gar viele edle und heilige Männer aus allen Regionen des Reiches und darüber hinaus. Auch dem verhassten italischen König Berengar und seinem unheiligen Weib Willa war ein Fenster gewidmet und ich fragte mich geradezu, wann der Heilige Kaiser dieses wohl in Anfertigung gegeben haben mochte, da es mir doch so schien, als wäre es soeben erst geschehen, dass der Unhold festgesetzt und in Fesseln aus seinem Lande geführt wurde, um fortan verbannt zu sein.
Welch herrlich gefertigte Teppiche und wappengeschmückte Fahnen erblickte ich rund um mich herum, eine jede ein Land oder ein Herzogtum repräsentierend, welches der große und von Gottes Gnaden Heilige Kaiser beherrscht und zur Erhöhung seiner Tugenden und seines seligen Gedächtnisses regiert. Der Boden war mit glänzenden Fliesen ausgelegt, deren Farbigkeit und Musterung mich sehr an die großartige und prächtige Festhalle des Kaisers Konstantin von Konstantinopel erinnerte, die in mir einen wahrhaft tiefen Eindruck hinterlassen hat, in jedem guten Sinne vergleichbar mit dem, was sich mir hier bot.
Von solcher Art Freude gestärkt und ermutigt, erwartete ich den Anbruch des vierten Tages, an welchem wir des Heiligen Kaisers endlich ansichtig werden durften. Im Dämmern des Morgens standen wir wie gewöhnlich von unserem Lager auf und wohnten den nächtlichen und morgendlichen Lobgesängen bei. Franco war noch verschlossener und verschwiegener als zuletzt, wofür ich aber unter den gegebenen Umständen jedes Verständnis aufbringen konnte. Ich versuchte, ihm zu jeder freien Gelegenheit etwas Trost zu spenden und neuen Mut zu machen. Nachdem die Messe zelebriert worden war, aßen wir etwas und ruhten noch ein wenig. Franco lag die ganze Zeit über wach und blickte an die Decke. Zur Mittagsstunde rief uns der Kaiser in seine Gemächer und hieß uns, mit ihm zusammen zu Tische zu sitzen, freilich an einem entfernten Ort, weitab von des Kaisers Stuhl, und bis wo das Tischtuch nicht hinreichte. Als wir so, ohne jedoch ein Wort mit ihm gewechselt zu haben, in seiner Gegenwart getafelt hatten, bestellte er uns zu sich ein. Wir kamen in einen großen Raum, in welchem auch die Kaiserin zugegen war. Ich verneigte mich in tiefster Ehrerbietung vor dem in wunderbarer Heiligkeit erstrahlenden hohen Paare.
Die Kaiserin warf mir einen verschwörerischen Blick zu, als wolle sie sagen, dass unser Geheimnis sicher und in guten Händen sei und sich wohl alles zum Guten wenden würde.
Ich war also zuversichtlich.
„Liuzo! Mein Lieber!“, begann der Kaiser ohne Vorrede und ohne auch nur einen Blick auf den in tiefer Verbeugung verharrenden Franco zu richten. „Was haben wir doch für bedrückende Neuigkeiten von Euch und Eurem Jungen erfahren müssen, während Ihr als Gast auf dem schönen Vossberg weiltet? Mit welch abscheulichen Vorgängen danktet Ihr jenen dort die Errettung Eures Lebens vor den Räubern, nachdem sie Euch zu sich aufgenommen, reichlich bewirtet und fürstlich gebettet hatten? Wie viel Undank und Ehrlosigkeit steckt in Euch und Eurem Jungen, dass Ihr es wagtet, dem jungen König, dem Träger unseres Namens und von Gottes Gnaden erwählten Herrscher, eine solche Niedertracht und Heimtücke anzutun, auf dass er vor aller Welt der Lächerlichkeit und der Schande preisgegeben werde?“
Ich wusste wohl, dass dies nicht die Art von Fragen war, die einer Antwort von uns bedurft hätten. Der preiswürdige Kaiser und seine von erhabener Schönheit strahlende Gemahlin hatten sich peinlich genau über alle Einzelheiten unterrichten lassen und ihr gerechtes Urteil über alles Geschehen sicher längst gefällt. Aus diesem Grunde schwieg ich und versuchte, aus meinen Gedanken zu verdrängen, was an falscher Anschuldigung ich nicht tragen konnte. Auch Franco widerstand zum Glück noch der Versuchung, sich aufzurichten und dem Kaiser eine Entgegnung zu nennen, was jener ohne jeden Zweifel als erneuten Angriff auf die Ehre seiner kaiserlichen Familie hätte bewerten müssen.
„Nun“, fuhr der Kaiser nach einer Weile fort, „da Ihr Euch auf den Weg hierher zu uns gemacht habt, ganz ohne Zwang und Androhung, will ich es Euch hoch anrechnen und als ein Zeichen der Reue verstehen. Auch wissen wir, dass der Herr mehr für Euch und uns bereithält als die lästige Auseinandersetzung an unnützen Dingen. Eurem Schüler jedoch, verehrter Liutprand, der ein wahrer Teufel zu sein scheint, wenn man dem Erzählten glauben darf, muss eine Lektion erteilt werden!“
Er machte eine bedeutungsvolle Pause, um die Wirkung seiner Worte zu verstärken.
„Aber wir werden ihm den Teufel schon austreiben! Wenn es denn so sei, dass er die Macht auf die eine oder andere Art beanspruche, so möge er auch zu beweisen haben, dass er sie tragen kann oder daran zugrunde gehen.“
„Geliebter und hochheiliger Kaiser und hochverehrte Kaiserin“, unterbrach ich ihn flehentlich und warf mich vor ihm erneut auf die Knie, „vergesst bitte in Eurem gerechten Urteile nicht, dass er immer noch ein Kind ist und kaum zu wissen imstande, was er dort tat.“
Kaiserin Adelheid warf mir einen verständnisvollen Blick zu und legte ihre Hand beschwichtigend auf den Arm ihres Mannes. Ich verstand sehr gut, was sie mir sagen wollte, allein mit Worten auf die kommenden Ereignisse Einfluss nehmen durfte sie in diesem Augenblick nicht.
Franco hatte sich inzwischen unerlaubt erhoben und stand schweigend neben mir, anstatt Reue zu zeigen und sich in ebensolcher Weise wie ich auf den Boden zu werfen und um Gnade und Barmherzigkeit zu bitten. Es schien ihn nicht im mindesten Maße zu beunruhigen, dass er und nicht ich hier vor dem heiligen Kaiserpaare zu Gericht stand. Der Kaiser bemerkte den Trotz und die scheinbare Unbelehrbarkeit in seiner Miene und schien darüber nicht erfreut zu sein, ganz im Gegenteil.
„In Deinen Augen mag er noch als Kind erscheinen, was uns durchaus erklärlich sein mag. Uns aber scheint ein großgewachsener und kräftiger Mann an Deiner Seite zu stehen, der sich seiner Kraft wohl bewusst ist, wohl aber nicht seiner Situation. Gar wenig Reue zeigt er uns, was angesichts seiner Lage eher für ein Kind spräche denn für einen Mann.“
„Dann muss man es ihm zugutehalten“, schlussfolgerte ich erfreut.
„Zugutehalten? Ganz und gar nicht, verehrter Bischof! Eben weil er ein Kind ist, muss man ihn züchtigen, damit er in seinen bösen Ansichten nicht verhärte!“
Der Kaiser verwandte meine eigenen Argumente gegen mich, gewissermaßen in einer retorsio argumenti18), was mich in diesem Verfahren meiner wichtigsten Mittel beraubte.
„Aber gut“, fügte der Kaiser sodann einlenkend hinzu, „wenn Ihr denn sagt, er sei eben noch ein Kind, so möget Ihr uns erklären, wo das Kind in ihm ende und der Mann beginne. Jedoch irrt Ihr bei dem Versuch, und wir bemerken, dass Ihr versucht seid, uns zu täuschen, mein lieber Bischof, so wollen wir Euch einer ebensolchen Prüfung wie ihn unterziehen. Ihr selbst habt es in der Hand: Bringt Ihr Euch um des Jungen willen in Gefahr, so könnt Ihr ihn damit retten oder mit ihm gemeinsam untergehen. Entscheidet also Euren Weg allein!“
Mir ward schwarz vor Augen, als der Kaiser diese Worte aussprach. Ich wagte weder einen weiteren Widerspruch, noch mich für den Jungen zu verwenden. Nicht einmal mich zu erheben, kam mir in den Sinn, obwohl meine Knie schmerzten und mein Rücken die unbequeme Stellung nicht mehr lange tragen konnte. So verblieb ich in der demütigsten Haltung, zu welcher ich in der Lage war, und wartete mit geschlossenen Augen ab, welches Urteil und welche Strafe der Gerechte Kaiser dem Franco zu verkünden hatte.
„Was wir beschlossen haben zu tun, ist allein Gottes Wille und er lässt ihn durch uns erfüllen. So sei es denn. Dein Schüler soll den ganzen morgigen Tag von der ersten Dämmerung bis zum Abendstern auf dem öffentlichen Markte hinter einem Esel herlaufen, gebunden an den Händen und Füßen und auf allen Vieren. Dabei soll er bellen, wie es ein Hund tut, und heulen, wie es ein Wolf tut, auf dass es dem Esel angst und bange wird. Er soll nicht enden damit und nicht wehklagen, bevor aller Hohn und Stolz aus ihm entwichen ist und er die Lust verliert, sich an fremder Macht zu laben.“
So sprach der Kaiser und ließ ihn von den Wachen festnehmen. Mich aber schickte er hinaus, mich zu besinnen und ihm mitzuteilen, ob ich die Strafe meines Schülers mit ihm zu teilen wünschte.
Noch am Abend begannen drei Zimmerleute, auf dem Markte eine hölzerne Spindel aufzustellen, einen Kreis von zehn Ellen Durchmesser abzustecken und mit ein wenig Stroh auszulegen, gerade so viel, dass der Boden nicht nackt war. In die Spindel bohrten sie ein Loch und schoben eine Jochstange hinein, grob behauen und an die vier Ellen lang, so dass damit das ganze Gestell rundherum drehbar war. Die neugierigen Leute von überallher aus der Umgebung fragten sich, was dies wohl zu bedeuten habe, und als sie keine Antwort darauf bekamen, priesen sie die Weisheit des Herrn im Himmel und des von ihm erwählten hohen und heiligen Kaisers samt seiner Gemahlin.
Nun, da ich die Nacht allein in meiner Kammer verbringen musste, begann ich erneut, mir ernsthaft Sorgen um meinen jungen Schüler zu machen. Der Kaiser hatte sich, dies war unbestritten, eine gar eigene und ungewöhnliche Bestrafung ersonnen, deren Ausübung ich mir nur mit einiger Mühe vorzustellen vermochte. Wie lange konnte ein Mensch mit gebundenen Händen und Füßen hinter einem Esel herlaufen, bis es ihn aus der Bahn warf und ihm die Beine einknickten, wie lange hinterher kriechen, bis seine Hände und Knie blutig geschunden waren, wie lange auf dem Bauche und auf dem Rücken rutschen, bis die Haut in Fetzen ging? Mir liefen Schauer fürchterlichen Entsetzens über den Nacken, und dies hinderte mich vermutlich ebenso gründlich am Schlafe wie den armen Franco, der in einer Kerkerzelle ausharren musste und dem Tage seiner schlimmsten körperlichen Qualen und seelischen Erniedrigungen entgegensah.
Der nächste Morgen brach an, ohne dass ich geschlafen hatte.
Franco wurde auf den vorbereiteten Platz geführt und gebunden, wie vom Kaiser verlangt. Alsdann, nach einem Ausruf des kaiserlichen Herolds, begann die Schinderei.
Ich möchte dem geneigten Leser hier an dieser Stelle die genauen Beschreibungen dieses fürchterlichen Vorganges ersparen, weil die Grausamkeit und die unerträglichen Schmerzen, die der arme Franco schon in den ersten Stunden erlitten haben musste, selbst mir noch unermessliche Qual und Pein bereiteten und alles übertreffen, was wir zu sagen oder zu schreiben im Stande sind. Nach nur einer Stunde des rohen und überaus grausamen Spektakels war das Stroh ringsum rot gefärbt vom Blute, Francos Schmerzensschreie waren längst verstummt und die Menschen, erst neugierig, dann begeistert johlend und anfeuernd, wandten sich nun entsetzt ab, um nicht mit ansehen zu müssen, wie seine Knochen auf dem harten Boden dünn geschliffen wurden. Man schickte auf mein Drängen hin einen Boten, den guten Konrad von Magathaburg, zum Kaiser, um ihn zu bitten, die harte Bestrafung zu beenden, es sei denn, er wolle den Jungen töten, dieses selbst aber dann schnell zum Ende führen zu wollen, da die Leute die Qual nicht mehr länger mit ansehen können und sich voller Scham in ihre Häuser zurückzögen, was dem Handel auf dem Markte äußerst abträglich zu werden drohe.
Als das Kaiserpaar am Vormittag hinzukam, um den Armen Almosen zu spenden und den Erfolg der Bestrafung ermessen zu können, war selbst der brave Esel zu erschöpft, um noch weiter im Kreise herumzulaufen. Franco lag ausgestreckt und mit ausgerenkten Armen auf dem Boden, kaum noch bedeckt von seiner in Stücke gerissenen Kutte und ohne eine einzige unversehrte Stelle an seinem Körper.
Der Kaiser ließ den Esel mit einer Knute antreiben, aber noch bevor dieser widerstrebend eine ganze Runde zurückgelegt hatte, warf sich die Kaiserin Adelheid vor ihm auf die Knie und bat inständig, mit der Bestrafung aufzuhören. Der Heilige Kaiser sah seine Gemahlin von oben herab und ohne jede Barmherzigkeit an und wechselte einige harte Worte mit ihr, die sie sich abwenden und in Tränen ausbrechen ließen.
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