Читать книгу: «Dr. Love und die schüchterne Forelle»

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Ein satirischer Roman von Michael Bresser

DR. LOVE UND DIE

SCHÜCHTERNE FORELLE


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen National­bibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d­nb.de abrufbar.

ISBN 9783943172195

Der Autor:

Michael Bresser, geboren 1971 im Münsterland, studierte Germanistik und Philosophie in Essen, dazu Wirtschaftswissenschaften an der Universität von Cardiff in Wales. Dort merkte er, dass er der Droge Literatur verfallen war. Er veröffentlichte bei Ullstein Berlin mehrere satirische Münsterland­Krimis (u.a. „Die Sau ist tot“, „Mein Schwein pfeift“) voller schwarzem Humor, leitet Literaturworkshops, hält Lesungen und tritt bei Poetry­ Slams auf. 2007 emigrierte Bresser nach Hannover, wo er noch heute mit seiner Familie lebt.

Internet: www.rockdasdorf.de

Facebook: Michael Bresser

Twitter: @mickmagick

© 2012 MARLON

Ein Imprint der Joh. Brendow & Sohn Verlag GmbH, Moers

www.marlon­-verlag.de

Autor und Verlag haben dieses Buch sorgfältig geprüft. Für eventuelle Fehler kann dennoch keine Gewähr übernommen werden. Alle Rechte vorbehalten. Das Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der gesetzlich geregelten Fälle muss vom Verlag schriftlich genehmigt werden.

Lektorat: Otmar Fischer, Münster

Umschlag: BrendowPrintMedien, Moers

Titelfoto: Thinkstock

Satz: BrendowPrintMedien, Moers

1. digitale Auflage 2013: Zeilenwert GmbH

Cover

Titel

Impressum

00. Ouvertüre

01. Marx, Ökologie und andere Katastrophen

02. In Jägermeister getauft

03. Der Schlieffen-Plan wird ausgegraben

04. Lonley Wolf auf der Suche nach Hot Bunny

05. Die Knutschkugel rollt

06. Seeteufelallergie

07. Moviestar

08. Ein schweißtreibendes Rendezvous

09. Hundediebstahl

10. Endlich Sex

11. Die Magie der Rühreizubereitung

12. Zurück in die Natur

13. Loverman

00. Ouvertüre

When you were here before,

Couldn’t look you in the eyes

You’re just like an angel,

your skin makes me cry

You float like a feather

In a beautiful world

I wish I was special

You’re so fuckin special

But I’m a creep,

I’m a weirdo

What the hell am I doin’ here?

I don’t belong here

Thom Yorke

01. Marx, Ökologie und andere Katastrophen

»Raus aus dem Bett! Heute geht’s um die Wurst«, weckt mich mein bester Freund und Mitbewohner Zorro.

Es gibt Tage, auf die fieberst du seit Jahren hin. Du wachst morgens auf, reibst dir die verschwitzten Hände und weißt genau: An diesem Datum wird sich dein Leben komplett ändern. So oder so. Der achtzehnte Geburtstag ist so ein Meilenstein. Du darfst Auto fahren, bis zum bittersüßen Ende abfeiern und lässt den Eltern ihre Meinung, scherst dich aber nicht weiter darum.

Heute ist ein noch wichtigerer Tag in meinem Leben. Denn heute absolviere ich den letzten Teil meiner mündlichen Magisterprüfung. Fachgebiet Neuere Deutsche Literatur. Wenn ich diese Hürde überspringe, sind acht Jahre Plackerei mit kargem Budget überwunden. Eigentlich hätte ich mein Studium früher beenden müssen. Aber meine Familie hat mich immer knappgehalten, obwohl mein Großvater zu den fünfzig wohlhabendsten Hannoveranern zählt. Das stand vor einem Jahr im Stadtkind. Ihm gehört ein Maschinenbauunternehmen, und manchmal sagt er im Scherz, dass er ein Schild auf sein Konto kleben müsse: »Wegen Überfüllung geschlossen.« Wenn man wie ich jeden Cent drei Mal umdrehen muss, ist das gar nicht lustig. Aber manchen Leuten fehlt der Blick für die Realität des Otto-Normal-Studenten.

Mein Vater ist pensionierter Lehrer, der nagt auch an keinem Hungertuch. Doch er vertritt wie Opa die Ansicht, dass ich den Eintritt ins Berufsleben selber schaffen muss. Ein Mitglied der Familie Singer sollte seine Sporen verdienen. Schließlich musste er auch in den Sechzigern in einer Autofabrik Metallteile zusammenschrauben. Und das, wo er kapitalistische Ausbeutung hasst. Warum sollte ich es besser haben? Somit unterstützen mich meine Eltern nur durch Übernahme der Mietkosten. Fünfzig Euro monatlich erhalte ich noch zum Leben. Das hält mein Großvater für puren Luxus. Mit meinem Wohlstand hätte er in Fünfzigern eine vierköpfige Familie ernährt und noch zehn Prozent aufs Sparbuch gepackt. Studiengebühren und den Rest muss ich mir selbst dazuverdienen. Aber ich will mich nicht beschweren. Andere Kommilitonen erhalten nichts von ihren Eltern.

Daher arbeite ich als freier Mitarbeiter bei der Hannoverschen Zeitung. Berichte von attraktiven Karnickeln, wunderschönen Schrebergärten oder feurigen Seniorentanzveranstaltungen gehören zu meinem Ressort. Die Eventeinladungen organisiert die Zeitung, die farbvollen Attribute sind mein Job. Diese Arbeit frisst Zeit, denn der christdemokratische Ortsverein berät natürlich abends über Deutschpflicht in muslimischen Gottesdiensten. Meine Zensuren in den Klausuren bewegen sich daher auf Sparflamme. Aber ein gutes Pferd springt nicht höher, als es muss. Wenn ich die Prüfung bestehe, winkt mir eine Stelle als Volontär bei der Hannoverschen. Das ist so gut wie eingetütet. Nur der Wisch vom Prüfungsamt fehlt.

»Willst du träumen oder durchstarten?«. Zorro hat mich am Arm gepackt und schüttelt mich.

»Alles klar. Das wuppe ich schon. Darf ich vorher einen Kaffe trinken?«, antworte ich, während ich mir den Schlaf aus den Augen reibe.

Zwei Stunden später sitze ich mit Zorro auf dem Rasen vor dem alten Welfenschloss, in dem die Leibniz-Uni residiert. Dieser Prachtbau wurde 1855 von Georg V. als Sommerresidenz in Auftrag gegeben. Das habe ich für einen Artikel im Lokalteil recherchiert.

Zorro raucht eine Selbstgedrehte. Den Spitznamen trägt Tobias Ziegler, so nennt ihn der Personalausweis, seit Kindergartenzeiten. An irgendeinem Karneval lief Tobi als Rächer mit der Maske auf. Der Nick blieb an ihm haften, was ihm auch gefällt. »Wenn der Pfarrer bei meiner Beerdigung sagt: ›Wir tragen heute Zorro zu Grabe‹, klingt das definitiv besser als ›Tobias‹, sagt er immer. Seine hagere Statur erweckt den Eindruck, als nähme er nur in Schaltjahren feste Nahrung zu sich. Aber der Schein trügt. Zorro hat einen gesunden Appetit.

Die anorektische Figur verdankt er seinem Job. Eigentlich studiert er ebenfalls. Irgendwas mit Kommunikation. Genau weiß er das selber nicht mehr. Die Uni vermisst ihn schon seit Jahren. Zu Beginn seines Studiums heuerte er bei einer Firma an, die Medikamente für die Pharmaindustrie testet.

Die zahlten gutes Geld für Probanden. Und tun das auch noch heute. Es gibt kein Krebs- oder Aids-Medikament, das Zorro nicht durch seine Blutbahnen gespült hätte. Neben Kohle gibt das jede Menge subventionierten Drogenrausch, meint er. Für mich wäre das nichts. Ich halte es für Prostitution, seinen Körper ausbeuten zu lassen. Doch Zorro sieht das anders. »Ich bin ein postmoderner Jesus«, sagt er jedem, der seinen Broterwerb kritisiert. »Ich gebe mein Leben für das Seelenheil anderer.« Damit ist jede Diskussion im Keim erstickt. Denn wer in unserem Kulturkreis kritisiert den Gottessohn? Die wenigsten, möchte ich behaupten.

Nebenher spielt er noch Gitarre in einer Punkband. Die hieß früher Kaputtnix und wurde vor einem Jahr in Kaputtwix umbenannt. Seitdem häufen sich die Auftrittsangebote. In Hannover sind die Jungs Kult, haben sogar schon auf einem internationalen Festival in Warschau im Rahmen des deutschpolnischen Kulturaustausches gespielt. Ansonsten relaxt Zorro gerne und lässt den lieben Gott lieber Gott sein. Damit leben beide gut. Aber zurück zu Zorros Äußerem. Seine kastanienbraunen Haare fallen ihm bis auf die Schulter. Heute hat er sie zu einem Pferdeschwanz gebündelt. Seine pechschwarzen Augen zwinkern oft, was auf die meisten Menschen sympathisch wirkt. Überhaupt, die meisten Menschen lieben meinen Freund. Vor allem Frauen.

In diesem Punkt sieht es bei mir eher mau aus, um nichts zu sagen: finsterer als in einem Kohlenflöz in Aserbeidschan. Ich sehne mich nach einer Freundin, einer Frau, der ich die Sterne vom Himmel holen und ein Funkeln in die Augen zaubern kann. Das sollte doch eigentlich kein Problem sein, werden viele sagen. Ist es aber. Ich bin schüchterner als ein Hecht vor dem Köderfisch. Wenn ich eine attraktive Frau sehe, laufen meine Hormone Amok. Mein Herz rast, aus meinen Achselhöhlen läuft Schweiß, und ich erzähle kompletten Blödsinn.

Das wirkt auf Frauen nicht gerade attraktiv, innere Werte hin oder her. Die will keine mehr entdecken. Und ich kann es ihnen nicht verübeln.

Wenn ich über meinen fehlenden Erfolg bei Frauen jammere, zieht Zorro eine Augenbraue hoch und spricht wie ein antiker Philosoph. »Timo, in der Ruhe liegt die Kraft. Das wird.« Aber der neunundzwanzigste Geburtstag nähert sich.

Und danach kommt schon die hässliche Dreißig. Wann wird es denn nun endlich?

Heute besucht Zorro zum ersten Mal seit drei Jahren die Uni. Er ist mitgekommen, um mir Händchen zu halten. Ein wahrer Freund. Er trägt ein End-of-Green-Shirt, darüber eine graue Strickjacke, die nie gute Tage gesehen hat. Seine dürren Beine stecken in einer löchrigen Jeans-Hose. Nicht, dass er sich keine bessere Kleidung leisten könnte. Ich bin mir sicher, dass er am Monatsende mehr Geld auf dem Konto vorfindet als mancher Juniorprofessor. Es ist sein Style. Wäre er Multimillionär, würde er auch keine besseren Klamotten tragen, beteuert er.

»Und?«, fragt Zorro. »Wie hoch ist dein Adrenalinlevel? Koffein ist momentan bestimmt nichts für dich«, holt er eine Coladose aus dem Jutebeutel, öffnet sie und trinkt einen Schluck. »Sonst hätte ich dir was angeboten. Apropos, ich hab da so ein Grippemittel getestet, das beruhigt enorm. Das wäre ideal für dich.«

»Außer wenn ich krank bin, nehme ich keine Medikamente. Und dann auch nur, wenn ich den Kopf unterm Arm trage«, winke ich ab. »Aber es ist doch kein Wunder, dass ich hibbeliger als ein Duracell-Hase bin. Wenn ich durchfalle, kann ich den festen Job bei der Zeitung vergessen. Dann begrüßt mich wieder die Bäckerinnung zum Jubiläum.«

»War nur ein Vorschlag. Ich wusste gar nicht, dass du so heiß auf dieses Volontdingsbums bist. Du schreibst doch bereits für die Presse.«

»Sicher, aber als Volontär erhältst du ein Festgehalt und bekommst bessere Jobs. Außerdem brauche ich nicht als Uni-Methusalem zu enden. Gott sei Dank bin ich top vorbereitet.« Eine Gruppe Studenten geht vorbei. Darunter ein Mädchen mit Lockenkopf in einer blauen Installateursjacke. Ihre Nase wirkt etwas breit, sie hat aber ein nettes Gesicht mit Lachgrübchen.

»Da läuft Iris, die kenne ich aus einem Oberseminar«, sage ich zu Zorro.

»Und, wäre die nichts für dich? Die sieht doch nett aus.«

»Nee, lass mal. Irgendwie kann die nicht auf mich.«

»Iris!«, brüllt Tobias.

Ich gerate in Panik. »Bist du bekloppt!«

Iris dreht sich um, lächelt und kommt auf uns zu. Bestimmt grinst sie innerlich, weil sie mich für einen Idioten hält.

»Was machen wir denn jetzt«, flüstere ich aufgeregt. Sie steht vor uns.

»Hi, Timo«, grüßt sie. »Kennen wir uns?«, fragt sie dann Zorro. Eigentlich sieht sie freundlich aus, aber das liegt bestimmt an Zorros Charisma.

»Noch nicht. Ich bin der beste Freund von Timo. Wir konnten noch keine Bekanntschaft schließen, da ich gerade aus Afghanistan komme. Ich habe für die Vereinten Nationen Polizisten am Hindukusch ausgebildet. Ich sage dir, das war kein Nonnenwettbeten. Du wusstest nie, wer Freund oder Feind ist. Bei jeder Fahrt konnte der Tod am Wegesrand lauern.«

Iris mustert Zorro von oben bis unten und wieder retour. Sie grinst.

»Wie ein Soldat siehst du nicht gerade aus. Ich schätze, dass du nur wegen dieser Tarnung überlebt hast. Strickjacke statt Uniform.«

Zorro winkt ab. »Das Trauma hat mich eingeholt. Die schrecklichen Bilder kannst du nicht verdrängen. Ich gebe zu, kleidungstechnisch habe ich mich etwas gehen lassen. Aber das passiert mit den Veteranen eines jeden Krieges. Kennst du Born in the USA von Springsteen?«

»Patriotische Songs mag ich nicht«, winkt Iris ab.

»Baby, der Song wird völlig missverstanden. Es geht um einen Jungen aus der Kleinstadt. Er wird nach Vietnam eingezogen, überlebt und kehrt zurück. Sein Job in der Raffinerie wurde von einem anderen besetzt. Sein Bruder zog auch in den Krieg und fiel. Wofür lohnt sich eine Rückkehr? Ronald Reagan wollte das Lied für seine Wahlkampagne missbrauchen, doch der Boss lehnte ab. Die Geschichte des Songs ist die Geschichte meines Lebens. Nur, dass ich der Tobias aus Linden bin. Für Freunde Zorro.«

Iris starrt ihn an, als wäre er ein sprechendes Auto.

»Du kannst Geschichten erzählen. Aber dein Baby bin ich deshalb nicht. Springsteen scheint ein interessanter Sänger zu sein. Den muss ich mir bei Gelegenheit genauer anhören. Redet dein Kumpel immer so viel?«, fragt sie mich.

Weil ein die Luftröhre aufsteigender Kloß im Hals meine Stimme erstickt, zucke ich nur mit den Schultern.

Zorro mischt sich ein. »Springsteen ist ein Genie. Wenn ich Streets of Philadelphia höre, treibt mir seine Stimme jedes Mal vor Rührung die Tränen in die Augen. Wenn du interessiert bist, Timo hat all seine Scheiben.«

Ich schaue entsetzt aus der Wäsche. »Ich glaube, da vertust du dich«, krächze ich heiser. Ein Knuff in die Hüfte löst meine Stimme aus ihrem Gefängnis. Er will da was arrangieren. Nein, was soll ich denn mit Iris reden. So gut kenne ich die doch gar nicht.

»Hast du oder hast du nicht?«, fragt sie und mustert uns wie Außerirdische.

»Ich weiß nicht so recht. Vielleicht irgendwo in einer alten Kiste verkramt«, stammele ich.

»Ist auch nicht wichtig«, meinte Iris schließlich. »Was machst du jetzt? Du siehst aus, als ob du gleich zum Wiener Opernball wollest.« Wolltest oder willst, wollest sagt doch keiner, oder?« Ich blicke auf meine Beine, die in einer Anzughose mit Nadelstreifen stecken.

»Magisterprüfung. Mündlich. Romantik und E.T.A. Hoffmann oder Kommunikationstheorien, keine Ahnung«, quetsche ich Satzbruchstücke raus.

»Oh, dann viel Glück! Du machst das schon, Timo. Ich muss nächste Woche auf den elektrischen Stuhl. Unter anderem Farbmetaphorik im Expressionismus. Ich habe echt Bammel. Und du? Bist du aufgeregt oder entspannt?«

»Entspannt, ja genau. Ich muss gleich los«, sage ich hastig. Ich weiß nicht, ob sie enttäuscht oder erleichtert ist, uns los zu sein. Wahrscheinlich Letzteres.

»Wie gesagt, viel Glück. Man sieht sich. Und dir, Tobias, auch viel Erfolg bei der Bewältigung deiner Kriegstraumata.« Grinsend zieht sie ab.

Als sie die Tür des Gebäudes hinter sich schließt, schlägt mir Zorro auf den Schenkel.

»Du bist ein Vollpfosten. Wenn eine Frau Interesse an einer CD hat, besitzt du diese Scheibe. Ist doch klar. Und wenn du sie als Timbuktu-Import orderst.«

Die Anspannung verlässt meinen Körper. »Ich will die nicht treffen. Wenn ich mit Iris allein wäre, würde ich vor Nervosität kollabieren.«

»Spinner«, verdreht Zorro die Augen. »Mit der geht was für dich. Die mag dich, das habe ich im Gefühl.«

»Wer von uns ist hier der Spinner. Der Polizist aus Afghanistan. Wie kannst du so einen Mist erzählen? Warum sagst du nicht, du wärst Anwalt oder Investmentbanker. Das wäre genauso glaubwürdig.«

»Nur langweilig. Klar, sie hat mir kein Wort geglaubt, aber sie hat sich gut unterhalten gefühlt. Du hättest nur an meine Story andocken müssen, und schon wäre ein Date arrangiert. Alma habe ich nicht anders kennengelernt. Und Gitta. Auch Ulrike und Jenny«, gibt er ein wenig an. Es ist mir schon ein Mysterium, warum ein mit Medikamenten vollgestopfter Freak so einen Schlag bei Frauen hat.

»Vielleicht mögen sie dich auch trotz deiner Märchengeschichten« sage ich und kann mir ein Grinsen nicht verkneifen.

»Hm«, überlegt Zorro. »So habe ich das noch nicht gesehen. Na, ich bin aber auch ein smarter Kerl. Und unerschütterlich selbstbewusst. Das ist vielleicht der Dreh. So ganz kapiere ich dich nicht. Du erzählst immer, dass du eine Freundin möchtest. Aber wenn eine Frau sich für dich interessiert, machst du dicht.«

Ich blicke auf die Uhr. »Abgesehen davon, dass weder ich sie noch sie mich daten will, muss ich zur Prüfung. Bis später.«

»Faule Ausrede. Aber mach zumindest die Professoren fertig, Timo.«, Zorro zückt eine imaginäre Pistole und drückt ab.

»Ich tapere jetzt zu Mediopharm und schmeiß eine Runde Antiepileptika ein«, sagt er und erhebt er sich wacklig. »Da freu ich mich drauf. Schmerzmittel werden rasch öde.«

Ich schreite durch die Gänge. Als ich mich dem Prüfungsraum nähere, werden meine Schritte langsamer. Mit Neid denke ich an die ganzen Erstsemester. Die haben noch keinen Stress. Am Anfang des Studiums hast du alle Zeit der Welt. Du schaust, was dir die akademische Welt bietet. Besuchst Botanik- oder Theaterseminare und genießt die Freiheit. Ein Paradies. Doch eigentlich denkt jeder, dass er es am schwersten hat. Auch die Erstsemester.

Erst in der Retrospektive gewinnen Ereignisse Leichtigkeit, die sie im Erleben nie hatten. Ich nehme vor dem Prüfungsraum auf einem grauen Metallstuhl Platz. Noch zwei Minuten. Bin ich gut vorbereitet? Jawohl. Sehe ich gut aus? Zumindest ist meine Kleidung der Prüfungssituation angemessen. Werden mich die Prüfer lieben? Ich hoffe es, aber vermute das Gegenteil. Zumindest mein Hauptprüfer Professor Mörike scheint mich zu mögen. Er ist ein skurriler Opa, der immer in viel zu weiten grauen Anzügen herumläuft. Seine oft fleckigen Hemden sind mit karierten Krawatten garniert. Aber das altprofessorale Styling ist reine Tarnung. Dahinter verbirgt sich ein wacher Geist.

Arnold Mörike hat bereits in London, Paris und sogar zwei Semester in Harvard gelehrt. Dann kehrte er nach Deutschland zurück, weil er genug von der amerikanischen Küche hatte und wieder echte Thüringer Bratwurst essen wollte. Den zweiten Prüfer Professor Anrein kenne ich nicht, er soll aber ganz in Ordnung sein, wie der Mensatratsch berichtet. Nummer drei heißt Martin Lehmkuhl, noch nie gehört. Der Herr scheint frisch an der Leibnitz-Uni zu sein.

Das könnte sich als Pluspunkt für mich rausstellen. Neue Dozenten versuchen oft, sich bei den Studenten einzuschleimen. Das verschafft ihren Seminaren höhere Besucherzahlen. Andererseits könnte er auch Eindruck bei den Kollegen schinden wollen. Knallharte Fragen, Finten und Fallstricke. Na, das muss ich abwarten.

Eine Sekretärin im blauen Hosenanzug kommt mit einer Kaffeekanne in der Hand den Gang entlang. »Sind Sie der Nächste?«, fragt sie. Meine Antwort interessiert sie nicht wirklich. »Sie werden aufgerufen.«

Sie klopft und huscht in den Raum, in dem sich meine Zukunft entscheiden wird. Dann dauert es geschlagene zehn Minuten, bis sich die Tür wieder öffnet. Die Sekretärin tritt heraus und kichert, als hätten die Prüfer den Klopper des Jahrhunderts zum Besten gegeben. Hoffentlich ging es nicht um mich. Aber wahrscheinlich schiebe ich nur Paranoia, wie Zorro sagen würde. Ich wünsche mir, ich wäre so cool wie mein Kumpel. Der würde die Prüfung wie einen seiner Punk-Songs runterrotzen, und jeder würde ihn lieben.

»Ah, der Herr Singer. Immer hereinspaziert!« Mörike hat die Tür geöffnet und lacht fröhlich. Er hat ein sympathisches Hobby, fällt mir ein. Bei jedem Heimspiel der Roten von Hannover 96 sitzt er mit Schal und Tröte bewaffnet auf der Tribüne und brüllt sie zum Sieg. Mit dem Sieg klappt das nur alle Jubeljahre, aber er ist sich für nichts zu fein. Ein Professor, den man einfach gernhaben muss. Zumindest bis jetzt.

Ich betrete den Prüfungsraum und bin geschockt. Nicht wegen Professor Anrain, den kenne ich vom Sehen. Nein, Martin Lehmkuhl ist eine Frau. Das muss ein Druckfehler gewesen sein. Wahrscheinlich heißt sie Martina. Und attraktiv ist sie. Mein Herz beginnt zu pumpen, die Schweißdrüsen öffnen sich. Die Lehmkuhl muss Mitte bis Ende dreißig sein. Sie trägt ihr hüftlanges Haar offen, durch ihre blauen Augen kann man in die tiefe der Seele schauen. Knackige Figur, soweit ich sehen kann. Die wird so einen hässlichen Vogel wie mich hassen. Warum muss so etwas immer mir passieren.

»Guten Morgen«, begrüßen mich Anrein und die Lehmkuhl. Die Lehmkuhl lächelt. Über mich? Eigentlich muss sie neutral bleiben. Obwohl Prüfer immer durch persönliche Vorlieben beeinflusst werden. Das stand zumindest im Spiegel oder im Stern.

»Na, Herr Singer. Wir haben heute die Romantik und E.T.A. Hoffmann als Thema. Das haben Sie bereits in Ihrer Magisterarbeit beleuchtet. Gute Arbeit, nur zum Ende hin etwas schwammig. Da wollten Sie schnell fertig werden, was?«, grinst mich Mörike an. Was will er denn damit sagen? Vielleicht ist er doch nicht so nett, wie ich gedacht habe.

»Käffchen?«, wendet er sich an die Kollegen.

»Gerne. Für mich mit Milch und zwei Kapseln Süßstoff.

Das ist nicht besonders gesund, sagen Kollegen von der medizinischen Fakultät, aber ich kann es einfach nicht lassen«, lacht Anrein affektiert.

»Ich trinke nur grünen Tee. Da gibt es einen Versand in Brandenburg. Die importieren die besten Grüntees Chinas. Und alles ökologisch angebaut. Kaffee macht mich immer nervös. Höchstens mal eine Tasse aus Eine-Welt-Bohnen. Da weiß ich, dass die Bauern fair entlohnt werden, gel«, verkündet die Lehmkuhl mit einer seltsamen Sprachmelodie. Wenn mich nicht alles täuscht, spricht sie mit leicht hessischem Akzent.

»Es ist schade, dass Hannover dem Lehrkörper nur Kaffee anbietet. In Hildesheim gab es wenigstens Kamillentee. Das ist zwar kein richtiger Tee sondern nur ein Aufgussgetränk, aber immerhin.«

»Für mich wäre das nichts, Kamillentee, bah. Den musste ich als Kind immer trinken, wenn ich krank war. Diese Flüssigkeit ist in meinem Unterbewusstsein fest mit Magen-Darm-Grippe verbunden«, weiß Anrein beizusteuern.

Hallo! Ich habe hier eine Prüfung. Wollen meine Prüfer die ganze Zeit verquatschen?

»Ich bevorzuge zum Kaffeetrinken die Oststadt«, verliebt sich Anrein in das Thema. »Die Lister Meile ist doch pittoresk. Der Engelbosteler Damm ist in Fakultätskreisen auch beliebt und hat einige schöne Ecken. Das muss ich zugegeben. Dennoch gibt es dort soziales Konfliktpotenzial. Ich habe von der Bekannten eines Bekannten gehört, dass sie dort am helllichten Tag ausgeraubt wurde. Da trinke ich meinen Kaffee doch lieber in friedlichen Gegenden. Aber ich bin in diesem Punkt auch einfach gestrickt. Diesen neumodischen Schnickschnack wie aromatisierten Kaffee bei Starbucks brauche ich nicht. Meine Frau trinkt so was gerne. Um Ehestreitigkeiten aus dem Weg zu gehen, sage ich immer: ›Jeder soll nach seiner Fasson glücklich werden.‹ Gott sei Dank leben wir nicht mehr im Dritten Reich, wo alles vorgeschrieben wurde.«

»Ich glaube kaum, dass sich Herr Hitler Gedanken über Kaffe gemacht hat«, wirft Frau Lehmkuhl schnippisch ein.

»Das wäre ein interessantes Forschungsthema für eine Kollegin aus der Historiker-Abteilung.«

»Ja, solche Geistesblitze kommen oft aus heiterem Himmel, mitten im Gespräch oder beim Baden. Mein letztes Aufsatzthema schoss mir durch den Kopf, als ich mich in der AWDArena über ein Tor unserer Roten freute.«

»Fußball ist langweilig. Ich kann nicht verstehen, Herr Kollege, wie sich ein Mann mit Bildung für Leute interessiert, die wie von der Tarantel gestochen neunzig Minuten hinter einem Ball herhecheln.«

»Ähm«, trage ich auch meinen Anteil an der Diskussion bei und hoffe, nicht zu forsch aufzutreten. Erstaunt schauen mich die drei an.

»Entschuldigen Sie, Herr Singer. Da sind wir etwas vom Thema abgekommen«, räuspert sich Mörike. »Meine Kollegen stellen sich kurz vor.«

»Anrein«, knurrt der Fliegenträger mit Mittelscheitel, Mitte fünfzig, in der Mitte der drei. »Wie bekannt sein dürfte, bin ich die Instanz für marxistische Literaturtheorie in Deutschland.« Mir wird schlecht. Von Marxismus verstehe ich weniger als vom Schafezüchten. War Kalle Marx nicht der Typ, der alle Produktionsmittel dem Volke schenken wollte? Aber den Bezug zur Literatur kenne ich nicht. »Man kann nicht alles wissen«, sagt meine Oma immer.

»Martina Lehmkuhl. Ich bin von der Universität Marburg gewechselt. Mein Schwerpunkt liegt im Bereich der ökologisch orientierten Frauenliteratur. Ich hoffe, Sie haben keine Probleme mit Frauen«, zwinkert sie mir zu.

Mist, sie hat mich durchschaut.

Ich fühle, wie sich Wasserlachen auf meiner Brust und in meinen Achselhöhlen bilden. »Nei ein«, stottere ich. Sie sieht klasse aus. Wahrscheinlich fragt sie sich, warum sie an der Leibnitz-Universität angeheuert hat, wenn hier so hässliche und ungebildete Vögel wie ich herumfliegen. Von Frauenliteratur habe ich natürlich ebenfalls keinen blassen Schimmer. Das kann nur in einer Katastrophe enden. Und zwar ausschließlich für mich.

»Gut, sehr gut«, sagt sie und lächelt dabei spöttisch.

»Dann wollen wir ad hoc in medias res durchstarten«, strahlt Mörike. »Herr Singer, seien Sie so nett und ordnen Sie die Romantik literaturhistorisch ein.« Er will mir einen leichten Einstieg verschaffen. Guter Mann. Leider ist mein Kopf leerer als der Bratwurststand in einem Veganercamp. Ich schaue ihn mit großen Augen an und warte, dass Worte sich aus meinem Unterbewusstsein heraus über meine Zunge artikulieren. Die Lehmkuhl ist eine Wahnsinnsfrau. Die muss einen Verlierer wie mich hassen.

»Herr Singer, sind Sie noch bei uns?«, fragt Anrein. Dabei zieht er eine Augenbraue provokativ nach oben.

»Ja, Herr Singer, so schwer ist die Frage nicht. Sie haben sie doch in Ihrer schriftlichen Arbeit beantwortet«, macht Mörike mir Mut. Vergeblich. Mein Schädel ist ein Vakuum. Doch dann … Bitte. Ich presse mit höchster Anstrengung. Es ist wirklich verdammt schwierig, die zum Sprechen notwendigen Muskeln bewusst in Bewegung zu setzen. Das hätte ich nie gedacht. Aber es funktioniert. Wenn auch widerwillig.

»Äh«, gelangen schließlich Schallwellen aus meinem Mund. Das ist alles. Die Prüfer starren mich an, als hätte ich soeben das elfte Gebot verkündet, das mir Gott auf dem Lindener Berg offenbart hat. Gefühlte fünf Minuten verstreichen.

»Vielleicht sollten Sie Hoffmanns Beziehung zu Frauen mit den weiblichen Figuren seiner Texte in Korrelation setzen. Herr Singer. Er verwendet – Sie haben es sicherlich bemerkt – starke Frauenfiguren, die aber selten dem heutigen Bild einer emanzipierten Frau entsprechen.«

Was will sie jetzt von mir? Immerhin habe ich die Sprache wiedergefunden.

»Äh, ja. Äh.«

Allerdings gebe ich nichts Produktiveres von mir, was mich dem Bestehen der Prüfung näherbringt. Jetzt kann nur ein Wunder helfen. Der Schweiß von meiner Brust ist inzwischen über den Bauch in meiner Boxershorts gelaufen und juckt in einer sensiblen Gegend wie ein Rudel Sackratten, das Tango tanzt.

»Eine ausgezeichnete Frage. Nehmen Sie bitte auch Stellung zu dem Verhältnis Künstlertum und Kapitalismuskritik in Hoffmanns Novelle Das Fräulein von Scuderi », legt Anrein nach. Jetzt haben sie mich auf dem Kieker.

»Wenn Sie schon dabei sind, erläutern Sie die Hoffmann-Rezeption von den Zeitgenossen bis zur Gruppe 47. Bitte legen Sie besonderen Wert auf die Diskussion im Nationalsozialismus.«

Trotz gähnender Leere droht mein Kopf zu platzen. Alle Vakuummoleküle pressen sich zusammen und warten darauf, sich in einer Explosion zu entladen. Das kann nur in einer Katastrophe enden.

»Ich bin krank, ich kann nicht mehr. Da die Prüfung noch nicht begonnen hat, melde ich mich ordnungsgemäß als indisponiert«, verkündige ich.

»Bitte?«, reibt sich Professor Mörike die Nase.

»Das ist nicht Ihr Ernst!«, haut Anrein auf den Tisch. »Mich beschleicht der Eindruck, dass Sie uns veralbern wollen. Die Fragen haben bis jetzt höchstens Bildzeitungsniveau. Die könnte mein Großvater beantworten, und der war Landwirt.« Die Stöckelschuhe der Lehmkuhl klacken staccato aufs Parkett, als wenn sie mich auf den Boden nageln wollte.

»Herr Singer«, sagt sie mit sanfter Stimme. »Versuchen Sie es doch noch mal. Ich bin mir sicher, dass Sie unsere Fragen beantworten können. Der Reihe nach. Keiner hetzt sie.«

»Werte Kollegin, der Student zieht feige den Schwanz ein. Solche …«, überlegt Anrein, »Leute brauchen weder wir im akademischen Betrieb noch die Menschheit im Berufsleben.«

»Nun machen Sie mal halblang, Herr Kollege!« Die Lehmkuhl scheint etwas an mir zu finden. Was das ist, weiß nur sie allein, denn ich schäme mich selbst zutiefst für meine Unfähigkeit. »Herr Singers Magisterarbeit war passabel. Wenn er unter Prüfungsangst leidet, sollten wir ihm noch etwas Zeit geben. Vielleicht möchten Sie für fünf Minuten frische Luft schnappen?«

Die Männer schauen sie entgeistert an.

»Das ist doch meines Erachtens zu viel des Guten. Andere Prüflinge kneifen auch nicht mitten im Gespräch«, sagt Mörike und nimmt einen Schluck Kaffee. Seine Hand zittert, als er sie auf die Untertasse zurückstellt, so dass Kaffee überschwappt. Gedankenverloren wischt er die braune Tunke mit seinem Hemdärmel auf.

»Verlassen Sie bitte den Raum! Wir beraten, ob wir die Krankmeldung anerkennen.« Anreins Stimme klirrt vor Eiseskälte. »Bitte! Wir rufen Sie wieder herein.«

Wie ein geprügelter Hund schleiche ich aus dem Raum. Seltsamerweise lösen sich alle Blockaden, nachdem ich die Türschwelle überschritten habe. Den Flurwänden hätte ich unzählige Fakten und Theorien über Hoffmanns Damenwelt und die Romantik erzählen können. Aber ich weiß genau: Wieder im Raum, verlässt kein vernünftiges Wort meine Lippen. Ich würde am liebsten eine Flasche Schnaps leeren. Dann wäre ich lockerer.

Die Beratung dauert gefühlte drei Stunden. Dann ruft mich das Exekutionskommando wieder hinein.

»Bitte!«, befiehlt Anrein. »Nehmen Sie Platz.«

Frau Lehmkuhl nestelt verlegen an ihrem Armreif. Mörike nippt alle fünf Sekunden an seiner Tasse. Was können sie beschlossen haben? Sie müssen mich die Prüfung wiederholen lassen. In der Zwischenzeit gehe ich zu einem Psychologen, der meine Ängste eliminiert, schwöre ich mir. So eine Blöße wie heute gebe ich mir kein zweites Mal.

»Herr Singer, unser Entschluss ist einstimmig gefallen.« Anrein blickt etwas verärgert auf Frau Lehmkuhl. »Wenn auch nach einigen Diskussionen. Wir erkennen Ihre Krankmeldung nicht an. Somit wird Ihre Magisterprüfung als ›insufficienter‹ bewertet. Dies ist gleichzeitig die Gesamtnote. Laut Prüfungsordnung hätten Sie eventuelle Unpässlichkeiten vor Beginn der Prüfung anzeigen müssen. Es blieb uns keine andere Wahl. Wenn Sie wollen, können Sie ihr Studium wieder von vorne beginnen, denn die Studienordnung hat sich geändert. Dies war der letzte Zeitpunkt, um die Prüfung nach den alten Regularien abzulegen. Wir wünschen Ihnen alles Gute für Ihre weitere Zukunft.«

02. In Jägermeister getauft

Mir bleiben alle Worte im Halse stecken. Alle Studienleistungen verfallen? All die vielen Vorlesungen und Seminare umsonst? Doch dann quillt es aus mir heraus.

»Das kann doch nicht Ihr Ernst sein? Ich bin wirklich krank. Prüfungsphobie gepaart mit Sozialphobie.« Warum rede ich erst jetzt?

»Wir sind nicht das Sozialamt, Herr Singer. Sie können selbstverständlich Einspruch einlegen. Da empfehle ich Ihnen aber, sich sehr gute Atteste zu besorgen. Sonst sehe ich schwarz. Außerdem wüsste ich nicht, was Sie mit einer sogenannten Sozialphobie« – er lächelt selbstgefällig – »beruflich machen wollen. Mir fällt da Wärter auf einer Vogelinsel ein. Es sei denn, Sie haben auch eine Vögelphobie.«

Er lacht über seinen Altherrenwitz, als hätte er das Bonmot des Jahrhunderts kreiert. Seine Kollegen wirken peinlich berührt, sagen aber nichts.

»Bitte geben Sie mir eine Chance. Bei der nächsten Prüfung läuft es besser. Oder fragen Sie mich jetzt«, bettele ich.

»Herr Studiosus, manchmal verliert man, manchmal gewinnen die Anderen.« Anrein fühlt sich in seiner Rolle als Zerstörer meiner Existenz sichtlich wohl.

»Wir nehmen es Ihnen übel, dass Sie nach den ersten Fragen eine Krankheit vorschieben. Da gehe ich mit dem Kollegen d’accord. Wir wollen aber jetzt nicht auch noch Kübel voll Häme über Sie ausschütten«, sagt Mörike mit einem schiefen Blick in Richtung Anrein.

»Nein«, versichert Frau Lehmkuhl. Es schmerzt mich besonders, mich vor ihr blamiert zu haben. »Wenn Sie Ihre Krankheit von einem Arzt attestieren lassen, bekommen Sie vielleicht eine Wiederholungschance. Aber nach unserem jetzigen Eindruck müssen wir Sie durchfallen lassen. Sorry.«

Wahrscheinlich hat sie gar nichts gegen mich. Sieht aus, als ob ihr mein Schlamassel leidtäte. Aber ich habe es selber versaut, die Prüfung und mein Leben. Schon lange vorher hätte ich mein Leben auf die Reihe bringen sollen. Es kann nicht mehr schlimmer kommen. Das denke ich zumindest zu diesem Zeitpunkt. Manchmal bin selbst ich Optimist.

Wie betrunken wanke ich aus dem Raum, stolpere fast.

»Geht es Ihnen gut?« Die Lehmkuhl scheint wirklich besorgt.

»Mhm«, murmele ich und bin schon draußen. Studienabschluss ade, Volontariat good-bye, Hartz IV willkommen!

Ich torkele durch die Gänge der Universität, bade in Selbstmitleid und verfluche die Ungerechtigkeit der Professoren und der Welt. In meinem Kopf erklingt Redemption Day von Johnny Cash: »It’s in the soul to feel such things. But weak to watch without speaking. Oh what mercy sadness brings. If God be willing.« Ich fühle mich von Gott und dem Rest der Welt verlassen. Eine Art Erlösung im irdischen Leben wäre klasse. Ein platzender Knoten, ein Eimer voll Glück, den das Schicksal über mich ausschüttet. Aber das sind unerfüllbare Träume.

Ich trete aus der Uni, gehe zur Rasenfläche und drehe mir eine Zigarette. Das Nikotin des schwarzen Tabaks durchflutet sofort mein Gehirn, und ich nehme die Welt durch Rauchschleier wahr. Es fühlt sich weniger schlimm als vorher an. Mein Handy vibriert. Zorro.

»Timo, wie ist es gelaufen? Alles roger?«

»Nix ist roger. Ich habe versagt. Alles war weg. Mensch, ich war vollkommen blockiert.«

Schweigen. Dann fragt er »Wirklich so schlimm?«

»Schlimmer, Lehmkuhl war eine Frau. Vor der habe ich mich bis zum Gehtnichtmehr blamiert.«

Zorro hustet. »Sorry, habe ein Rachenspray inhaliert. Das scheine ich nicht besonders zu vertragen. Was spielt es für eine Rolle ob Lehmkuhl Mann oder Frau ist? Willst du was von ihr?«

»Quatsch«, werde ich ärgerlich. »Die hat promoviert, vielleicht sogar habilitiert. Was soll die mit einem anfangen, der noch nicht einmal seine Magisterprüfung gebacken kriegt. Aber sie sieht gut aus. Das ist für mich ein Blockierreiz.«

»Blockwatt?«

Ich nehme einen letzten Zug und trete die Zigarette im Gras aus. »Blockierreiz. Wenn ich eine attraktive Frau sehe, setzt mein Verstand aus. Kennst du doch.«

»Klar, das geht vielen Männern so. Aber wenn das eine Professorin ist – nee, das verstehe ich nicht. Sie prüft dich doch nur. Ist das nicht egal, wie sie aussieht?«

Ich stöhne inner- und äußerlich. »Theoretisch ja, praktisch nein. Ich denke bei gut aussehenden Frauen nur daran, für was für einen gnadenlosen Versager sie mich halten müssen.«

»Alter Falter, ich habe noch keine Frau kennengelernt, die beißt. Außer ich will es. Was stört es dich, was die von dir denkt. Je cooler du bist, desto mehr fliegen die Damen auf dich.« Ein Brüllen tönt durch den Hörer. »Entschuldigung, eine innere Beklemmung musste raus. Kommt von der Chemie. Scheiß Medikament. Das werden die nie auf den Markt bringen. Das schwör ich dir.«

»Für mein Studium zahlt man mir ohne Abschluss keinen Cent«, sage ich frustriert.

Tobias röchelt wieder. »Es zählt doch, was du weißt, nicht welches Etikett auf dir klebt. Oder?«

Dieses Psychogeschwätz mag ich nicht, vor allem, wenn es um mich geht.

»Ohne Magister kein Volontariat. Da nützen dir auch Tausende Artikel über Lütje-Lage-Besäufnisse auf dem Schützenfest nix. Aber was soll es. Ich kann da momentan nichts ändern.« Ich kicke gegen eine leere Fantadose.

»Ist klar, dass du fertig bist. Aber wir überlegen uns was gemeinsam wegen Job und so. Auch wegen Frauen. Vielleicht mit Ali. Du wirst sehen, bald sieht die Welt anders aus.«

Ali Gethmann ist wie Zorro ein Kumpel aus der Schulzeit. Allerdings hat er sein BWL-Studium im Gegensatz zu mir mit Bravour gemeistert. Gleich nach dem Studium hat er eine Unternehmensberatung für Existenzgründer eröffnet. Und die läuft blendend. In Zeiten der Wirtschafts- und Finanzkrisen bleibt vielen Leuten nichts anderes übrig, als den Schritt in die Selbständigkeit zu wagen. Und dabei sie unterstützt Ali. Gut, wie ich glaube.

»Schön, dass du an mich glaubst.« Ich fühle ich mich etwas getröstet. »Ich gehe jetzt zum Geburtstag meiner Mutter. Da habe ich heute besonders große Lust drauf.«

»Ich würde mir einen verlöten. Dann vergisst du den Uni-Mist. Ich horche jetzt an der Matratze und hoffe, dass ich nicht im Schlaf röchele. Sonst steht Opa Pflüger vor der Tür.«

Opa Pflüger, Vorname Gerd-Hugo, ist der Nachbar über unserer Zweier-WG. Uns ist es jeden Tag ein Rätsel, welche Mütter solche Söhne gebären. Obwohl unsere Mietskaserne am Pfarrlandplatz um die Jahrhundertwende gebaut wurde, hört man jedes Husten in den Nachbarwohnungen. Das ist prickelnd. Wenn der Lautstärkepegel in unserer Wohnung den der Unibibliothek erreicht, kann man Gift nehmen, dass Gerd-Hugo mit dem Besen auf unsere Decke schlägt. Er scheint den ganzen Tag nur darauf zu lauern, Geräusche in unserer WG wahrzunehmen. Läuft einmal Musik bei uns – zugegeben, sie läuft ziemlich oft –, wummert er gegen unsere Wohnungstür und brüllt irgendwas von Ruhestörung, Adolf Hitler und Lagern, in die Leute, wie wir gehörten würden. Das war anfangs lustig, mittlerweile nervt es nur. Wir hoffen, dass ein glücklicher Zufall uns von diesem Mitbewohner befreit. Warum kann er nicht im Lotto gewinnen und zieht auf die Kanaren?

Meine Eltern wohnen im Zooviertel. Das ist eine nette Gegend, in der gut betuchte Menschen und welche, die so wirken wollen, ihr stilvolles Leben zur Schau stellen. Ehe Neid aufkommt: Meine alten Herrschaften gehören dem bürgerlichen Mittelstand an. Beide waren Lehrer. Diese Berufsgruppe kann sich ein eigenes Haus in dieser Wohngegend normalerweise nicht aus eigenen Kräften leisten. Allerdings gehört meinem Opa Günter die SMB, was Singer Maschinen Bau bedeutet. Er hat nach dem Krieg begonnen, Maschinen für die Autoindustrie herzustellen. Aus der Rumpelbude in Hannover-Lahe wurde ein Unternehmen, das Wertarbeit made in Germany bis nach Japan und Amiland exportiert. Mittlerweile ist es auch in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Ich habe mich genau wie mein Vater nie besonders für Maschinen, Autoproduktion und Devisengewinne interessiert. Sehr zum Ärger meines Opas. Er hält meinen Vater nach wie vor für einen missratenen Nichtsnutz, der es zu nichts im Leben gebracht hat. Dennoch hat er meinen Eltern zur Hochzeit die Gründerzeitvilla in der Nähe der Eilenriede, dem Hannöverschen Stadtwald, geschenkt. Da hat er sich wirklich nicht lumpen lassen. Ich habe das efeuumrankte Haus immer sehr geliebt, wusste aber, dass ich mir später nichts Vergleichbares würde erlauben können. Es sei denn, mir würde es geschenkt.

Ich klingele. Mama öffnet. Sie geht mir bis zur Brust, ihre früher brünetten Haare strahlen heute grau. Die warmen braunen Augen weiten sich vor Freude, mich zu sehen. Ich liebe meine Mutter. Wenn ich Komplexe im Umgang mit Frauen habe, liegt das nicht an ihr.

»Gerhard, der Junge ist da. Lass dich umarmen. Erzähl doch, wie war die Prüfung?«

Mein Vater taucht ebenfalls in der Diele auf. Er ist gut einen halben Kopf größer als meine Ma. Über einem karierten Hemd trägt er eine Lederweste. Ein wilder Bart ist das Relikt der Studienzeit. Mein Pa war nämlich Achtundsechziger und ist stolz drauf. Ich finde es superpeinlich, dauernd von in der Jugend angezettelten Revolutionen zu palavern und wie ein Spießer zu leben. Links reden, rechts streben. Aber er ist pensioniert. Da stört sich keiner an seinem Gerede. Ansonsten ist er ein netter Kerl. Nur ziemlich schräg.

»Hallo, Mama. Alles Gute zum Geburtstag.« Ich hole den Blumenstrauß hinter dem Rücken hervor, den ich vorhin auf der Georgstraße gekauft habe.

»Timo«, sagt sie, »Timo, das wäre doch nicht notwendig gewesen.« Aber in ihren Augen sehe ich, dass sie sich freut.

»Nein, nicht notwendig«, schaltet sich Vater ein. »Geschenke fördern den kapitalistischen Konsum. Ingrid und ich machen diesen Mumpitz nicht mehr mit und schenken uns seit Jahren nichts mehr. Das weißt du doch.«

»Ja, aber manchmal freut sich eine Frau über kapitalistischen Mumpitz«, sagt Mama, und ihre Augen schimmern feucht.

»Ja«, sagt Vater nun doch eine Spur verlegen. »Manchmal schon, in der Regel nicht. Aber keine Regel ohne Ausnahme. Das ist das Prinzip von Regeln. Es gibt immer Ausnahmen. Und so eine Ausnahme sind heute deine Blumen. Das hast du gut abgepasst, Timo. Respekt. Ich bin dennoch froh, dass wir nicht alle diese korrupte Floristikindustrie bereichern. Wusstet ihr, dass viele Blumen in Drittweltländern von Kindern gepflückt werden? Das habe ich neulich gelesen. Die Leute schaffen sich dort ein Dutzend Sprösslinge an, damit diese durch ihre Arbeit auf den Blumenfeldern die Familie ernähren können. Und bei uns tun die Leute so, als freuten sie sich darüber. An das Leid denkt niemand. Aber heute ist es in Ordnung, Mama freut sich.«

»Ich freue mich wirklich, Timo«, beteuert Mama. Wahrscheinlich versteht sie Pas Gequatsche genauso wenig wie ich.

Im Grund ist er ein lieber Kerl, aber das versteckt er gut.

»Erzähl doch. Wie war die Prüfung? Bist du jetzt ein Herr Magister?« Mutter drückt mich erwartungsvoll am Arm. »Hast du mit ›Eins‹ bestanden? Weißt du, eine Drei oder Vier würde auch reichen. Fühl dich nicht unter Druck gesetzt«, plappert sie aufgeregt.

»Zensuren sind ein Überbleibsel vergangener Systeme, wo wir froh sein sollten, dass sie ausgestorben sind. Es ist eine Schande, dass Schüler und Studenten heute noch immer bewertet werden. Wie vor hundert Jahren«, weiß mein Vater.

»Wenn mich nicht alles täuscht, hast du deine Schüler auch zensiert und dich aufgeregt, dass die verzogenen Blagen kapitalistischer Eltern von Jahrgang zu Jahrgang schlechter werden.« Diese Bemerkung kann ich mir nicht verkneifen.

Gerhards Gesicht läuft rot an. »Was sollte ich denn machen? Das System hat mich gezwungen. Ich finde es unfair, dass du mir das vorwirfst. Du weißt doch, dass ich mit Kollegen in den Siebzigern eine eigene Schulform gründen wollte. Leider haben mir die Behörden einen Stein nach dem anderen vor die Füße geworfen haben. Nee, Timo, ich habe mein Bestes versucht, aber die Zeit war damals nicht reif für die Singer-Pädagogik. Da musste ich mich anpassen. Aber die Hoffnung stirbt nie. Es werden bessere Zeiten kommen. Das kann noch etwas dauern. Die heutigen Schüler werden doch zu bloßen Konsumenten erzogen, keiner wehrt sich. Nur so können Konflikte wie die Finanzkrise oder der Irak-Krieg entstehen.« Endlich holt er Luft.

»Wegen deutscher Schüler?« Seine Argumentation verblüfft mich immer wieder. Bevor er zu einer neuen Tirade ansetzt, sage ich: »Ich habe mit ›Eins‹ bestanden. Alles paletti, Gerhard.«

Ich kann meine Niederlage einfach nicht eingestehen. Das würde zu weiteren Diskussionen mit Gerhard führen, auf die ich keine Lust habe. Im schlimmsten Fall würde er Beschwerdebriefe an Bundespräsident Wulff schreiben. Als ich auf dem Gymnasium einmal eine Geschichtsklausur versemmelt hatte, schickte er einen sechsseitigen Brief an den damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder. Schließlich stammt der auch aus Niedersachsen. In diesem unsäglichen Schreiben beklagte er sich über die unerträglichen Zustände an deutschen Schulen, faschistische Lehrer und den Niedergang des Abendlandes. Herr Schröder oder einer seiner Sekretäre haben sogar geantwortet und sich für sein Interesse an der politischen Gestaltung unseres Landes bedankt. Ich habe mich in Grund und Boden geschämt, als mein Vater meinem Geschichtslehrer Dr. Podler dieses Schreiben unter die Nase hielt:

Der sagte dazu ganz ruhig: »Werter Kollege Singer. Ihr Engagement in allen Ehren. Aber Timos Aussage, Adenauer sei ein größerer Agitator als Göbbels gewesen, entspricht nicht dem heutigen Stand der Forschung. Und diesen muss ich bewerten.« Den Rest der Diskussion gebe ich lieber nicht wieder. Damals hatte ich Gerhards Sprüche unreflektiert niedergeschrieben, ohne zu bedenken, dass diese nicht der allgemeinen Auffassung entsprachen. Nach zwei Stunden gab Gerhard klein bei, verfluchte aber alle reaktionären Kollegen. Das gab einen Rüffel vom Direktor, und Vater hielt eine Zeit lang die Klappe. Mein Leben auf der Schule hat das nicht leichter gemacht, aber ich habe überlebt. Das ist schließlich alles. Auf neue Diskussionen habe ich keine Lust, daher verschweige ich meine Niederlage.

»Das ist toll. Ich freue mich so«, jubiliert Mutter. »Ich wusste, dass mein Junge Erfolg im Leben haben würde.«

»Respekt, Timo«, freut sich auch Vater. »Du hast es den Deppen von der Prüfungskommission gezeigt. Ein Singer lässt sich vom System nicht kleinkriegen.«

Innerlich zieht sich mir alles zusammen.

»Ich finde es natürlich auch aus finanziellen Erwägungen toll, dass du dein Studium beendet hast«, frohlockt er.

»Warum, Gerhard?«

»Na, ich brauche dich nicht mehr zu unterstützen. Du hast doch eine Stelle als Volontär. Nicht, dass ich dir ungern unter die Arme gegriffen hätte. Aber es entlastet unser Budget doch sehr, wenn du auf eigenen Füßen stehst. Egal, lasst uns ins Wohnzimmer gehen.«

Gott sei Dank habe ich für heute das Kapitel Magisterprüfung abgeschlossen. Denke ich zu diesem Zeitpunkt jedenfalls. Aber es kommt immer schlimmer, als man denkt. Dabei bin ich kein unverbesserlicher Pessimist, sondern bodenständiger Realist. Und meine etwas reservierte Ansicht über die Freundlichkeit des Lebens bestätigt sich wenige Sekunden später.

Denn im Wohnzimmer sitzt die übliche Bagage, die jede Familienfeier zur Klamaukorgie verkommen lässt. Ich frage mich, ob andere Menschen auch so peinliche Verwandte haben wie ich, kann es mir aber beim Willen nicht vorstellen.

Zunächst thront am Kopfende des Esstisches Opa Günter. Sein Eichenstock mit Drachenkopf lehnt am Tisch. Eigentlich braucht der mittlerweile achtzigjährige Unternehmer keine Gehhilfe. Er denkt aber, er müsse sich seinem Alter gemäß verhalten, deshalb der Stock. Daneben sitzt Oma Ilse. Sie ist zwei Jahre älter als Opa, sieht aber zwanzig Jahre jünger aus. Zumindest aus der Ferne. Diverse Operationen bei Dr. Lappmann, Hannovers Schönheitschirurg Nummer eins, machen es möglich. Mit fünfundsiebzig hat sie sich die Brüste machen lassen, die Haut am ganzen Körper wurde geliftet, Botox in die Lippen gespritzt, Haare transplantiert und dauerhaft eingefärbt. Das sind die kleinen Korrekturen, die ich mitbekommen habe. Wenn ich sie frage, ob dieses Retuschieren des natürlichen Verfallprozesses notwendig sei, antwortet sie stets: »Jungchen, ich rauche nicht, trinke nur wenig und gönne mir sonst keinen Luxus.« Recht hat sie. Ihr Leben auf einem 1500 Quadratmeter großen Grundstück mit Reitbahn, Schwimmbad und eigenem Gärtner empfindet sicherlich der Großteil der deutschen Bevölkerung als bescheiden.

Daneben besäuft sich Onkel Udo. Das ist Mas Bruder, dem ein Bauernhof in der Nähe der früheren Grenze bei Helmstedt gehört. Onkel Udo trinkt nur eiskaltes, fast gefrorenes Bier und Jägermeister. Etwas anderes kommt ihm nicht in die Kehle, dafür aber reichlich. Keiner kennt ihn nüchtern, da er bereits zum Zähneputzen Jägermeister gurgelt. So meine Theorie. Er ist auch der Grund, warum ich selber keinen Kräuterlikör aus Wolfenbüttel zu mir nehme. Wenn ich die Flasche mit Hirsch sehe, denke ich immer an eine Kirche. Kein Scherz. Das Bild ist schwarzweiß gehalten, also älter. Dort stehen Udos Eltern um das Taufbecken und halten ein kleines fettkrankes Baby in den Armen, das eine Sonnenbrille trägt und an einer Kippe im Mundwinkel saugt. »Wollt ihr Eltern von Udo Kallupke dieses Kind taufen? Paten haben sich leider nicht bereit erklärt, dieses wunderbare Wesen auf seinem Lebensweg zu begleiten.«

»Ja, so machen wir’s«, erklärt Udo Vater und rülpst.

»So soll es sein«¸ erklärt der Pfarrer und kippt vier 1,5-Liter-Flaschen Jägermeister ins Becken.

»Jetzt muss ich dir leider deinen Nuckel wegnehmen, mein kleiner Hosenscheißer«, sagt Vater Kallupke und zieht Klein-Udo die Zichte aus dem Mund, woraufhin Udo bitterlich zu weinen beginnt.

»Kriegst ihn gleich wieder, Sohnemann«, versichert der Altbauer.

Dann nimmt der Pfarrer den Jungen. »Hiermit taufe ich dich, Udo Bernhard Kallupke, im Namen des Vaters, der Sohnes und des Heiligen Geistes. Des Jägermeistergeistes.« Mit diesen Worten taucht er das Baby in die Brühe und hält es drei Minuten in den Likör.

Dann sagt Mama Kallupke: »Sollten wir ihn nicht wieder an die Luft holen?«

Der Alte winkt ab: »Jägermeister hat noch keinem geschadet. Kräuter sind was Gutes, und der Alkohol macht sie länger haltbar.«

Der Pfarrer leckt sich verlegen etwas Jägermeister vom Finger. »Verzeihung, da habe ich anscheinend den Kleinen vergessen.«

Er zieht ihn aus dem Becken, das Kind strahlt erstaunlicherweise über alle vier Backen, dann steckt der Vater ihm wieder die noch glimmende Zigarette in den zahnlosen Mund.

Bei dieser Vision ekelt es mich. Andere ekeln sich auch vor Onkel Udo, denn besoffen verfehlt er beim Pinkeln regelmäßig die Toilettenschüssel und setzt das ganze Bad unter Urin. Aber irgendwie gehört er dazu und wird daher immer eingeladen.

Ich jedenfalls könnte auf den Landwirt gut verzichten. Seine Frau, Tante Gerti, ist eher unauffällig und in der ganzen Familie beliebt. Keiner versteht, was sie an dem Suffkopp findet. Die Aufgaben in dieser Ehe sind klar verteilt: Sie fährt ihn vom Frühschoppen zum Bierbrunch, vom Stammtisch zum Absacker. Immerhin führen sie ein geregeltes Leben.

»Hey, Timo, mir ischt nach Rotsch«, singt oder besser grölt er, als er mich sieht.

»Hallo, Onkel Udo. Alles klar im Schweinestall?« Ich setze ich mich an den Tisch. »Was soll übrigens ›Rotsch‹ heißen? Ist das ein neues Futtermittel für Kühe?«

»Ach Timo«, legt mir Tante Gerti eine Hand auf die Schulter. »Dein Onkel hat etwas zu viel getrunken. Wahrscheinlich weiß er noch nicht einmal selber, was er sagen wollte. Oder, Udo?«

»Sicher weisch ich dasch. Mir ischt nach Rotsch.«

Opa und Oma schauen wie hypnotisiert auf die Tischdecke, als würde diese gleich psychedelische Bilder werfen.

»Unser Timo ist jetzt Magister«, verkündet Gerhard, der mit einer Flasche Sekt aus der Küche kommt. »Das müssen wir feiern.«

Alle setzen sich kerzengerade auf, auch Udo schafft es, sich in die Senkrechte zu hieven.

»Für mich keinen Sekt, nur noch ein eiskaltes Bier.« Er artikuliert sich erstaunlich deutlich.

»Ich halte wenig von diesen sogenannten Geisteswissenschaften«, hebt Opa nun an. »Jura, BWL oder Maschinenbau sind Fächer, mit denen man in der Wirtschaft unterkommen kann. Ich hätte dir bei einem entsprechenden Studium einen guten Posten bei der SMB besorgt. Aber du wolltest nicht. Nun gut. Magister ist besser als nichts. Daher auch von mir die besten Glückwünsche.«

»Dir ist nichts gut genug, weder dein Sohn noch dein Enkel. Timo hat Tag und Nacht gelernt, um es den Professoren zu zeigen. Du solltest stolz sein«, keift Gerhard.

Opa verdreht die Augen und winkt ab.

»Seid ruhig. Wie kann man sich an diesem Tag nur streiten. Mein Geburtstag und Timos Examenstag. Wenigstens heute sollten wir ohne Zank feiern«, bittet Mama.

Alle stoßen an, ich mit – und schäme mich maßlos für meine Feigheit. Selbst vor Onkel Udo. Der Mann ist zwar ein Idiot, aber auf seine Art ehrlich.

»Prostatata!«, tönt er.

»Und warum ist dein permanent alkoholisierter Bruder hier? Du weißt, dass solche Leute nicht dem Niveau der Singers entsprechen.«

»Was?«, fragt Udo.

»Das finde ich garstig«, schaltet sich Tante Gerti ein. »Udo kann doch nichts für sein kleines Alkoholproblem. Er ist krank.«

»Krank im Kopf«, erwidert Opa und stößt mit seinem Stock aufs Parkett.

»Halt die Klappe, du alter Geldsack!«, keift Udo.

Ich nehme mir auch einen Jägermeister. Schmeckt gar nicht so schlecht. Ich kippe einen zweiten hinterher, sonst kann ich das alles nicht aushalten.

»Jetzt hört aber auf. Mir geht es nicht gut«, wirft Mutter ein.

Das bringt die Streithähne zur Ruhe.

»Was hast du denn?«, fragt Oma Ilse.

»Ich habe seit zwei Wochen Schmerzen in der Magengegend. Die kommen und gehen in unregelmäßigen Abständen. Mein Hausarzt hat mir ein Mittel gegen Sodbrennen verschrieben. Das hilft aber nicht wirklich. Ich werde morgen zu einem Facharzt gehen.«

»Toi, toi, toi! Wenn du einen wirklich guten Internisten brauchst, kann ich mit Doktor Lappmann sprechen. Der weiß, wer zur Crème de la crème gehört«, zeigt sich Oma hilfsbereit.

»Lass mal. Doktor Poggenbühl soll auch sehr gut sein. Klara Steinbach geht zu ihm und ist sehr zufrieden. Ein kompetenter Mann, und du hast keine Wartezeiten.«

»Na, Ihr seid doch auch privat versichert, da sollten die Ärzte Termine sowieso einhalten. Wie läuft die Ehe der Steinbachs? Die hatten doch Probleme, habe ich gehört.«

»Die haben sich mittlerweile zusammengerauft«, plaudert Mama aus dem Nähkästchen. »Klaus ist mit seiner Firma verheiratet, das wird sich nie ändern. Aber er hatte zwischenzeitlich eine Affäre mit einer Sekretärin angefangen. Das hat sich, wie Klara erzählt, mittlerweile erledigt. Sie gehen jede Woche zur Paartherapie. Das hilft.«

Ich trinke noch einen Jägermeister.

Onkel Udo nickt mir aufmunternd zu. »Kommscht auf den Geschmack, Timo, wasch?«

Mein Nicken verläuft bereits ein wenig unkoordiniert, da ich keinen Alkohol gewöhnt bin, zumindest nicht in erhöhter Taktzahl.

»Wo ist eigentlich Nadine?«, fragt mich Oma Ilse. Alle im Raum verstummen.

Nun kommen wir zu einer weiteren Geschichte, für die ich mich maßlos schäme. Ich möchte eine Freundin haben, nichts lieber als das. Aber durch meine Angstzustände, das Zittern, Stottern, Schwitzen beim geringsten Anzeichen von Attraktivität war es mir bisher unmöglich, eine Beziehung zu einem weiblichen Wesen einzugehen.

Nun fragte meine besorgte Familie andauernd, was mit einer Freundin sei.

»Willst du nicht?« – »Du solltest mal, wir möchten gerne eine Schwiegertochter und später Enkelkinder.« – »Mach dir nichts draus. Du bist halt nicht der Allerschönste. Aber irgendwann. Du weißt: Jeder Topf findet einen Deckel.« – »Wenn du vom anderen Ufer bist, das ist kein Problem für uns. Wir sind tolerant.«

Irgendwann nervt das. Vor allem wenn die Fragen gut gemeinten Aktionen weichen. Zuerst wurden mir Kontaktanzeigen von Parship und Elitepartner zugesteckt. Natürlich ganz unauffällig. Ich ging bei meinen Eltern auf die Toilette, da lag eine Anzeige auf dem Klodeckel. Intelligenter, solventer Akademiker Ende zwanzig sucht repräsentative Sie. Aussehen zweitrangig. Daneben war mit Kuli geschrieben: »Die Gebühren für die Vermittlung würden wir übernehmen.« Super.

Mein Vater gibt sich immer progressiv, doch hat er quälende Ängste, dass ich homosexuell bin. Das würde er nie offen zugeben. Aber in seinen Erzählungen von der wilden Studienzeit spielen die schwulen Unikumpel immer nur witzige bis blamable Rollen. Er versichert hinterher immer, dass seine Generation auch die Schwulen von der Geißel der Gesellschaftsdoktrinen befreit habe, doch überzeugend klingt seine liberale Haltung nicht.

Da musste eine Lösung her. Und die hieß Nadine – wie in dem Song der irischen Bluesröhre Rory Gallagher. Und es war reiner Zufall. Ich war auf der Party eines Kommilitonen in der List, nicht weit von meinem Elternhaus entfernt. Nadine war mir gleich zu Anfang aufgefallen: hochgewachsen, schlank, schwarze Lackstiefel, dazu ein Ledermantel, wie ihn SS-Offiziere getragen hatten. Sehr provokativ. Dazu trug sie ihre dunklen Haare wie die Filmstars der Vierziger und besaß ein loses Mundwerk. Sie sah einfach fantastisch aus, als sie zu Whole lotta love abtanzte.

Durch mehrere Wodka-Redbulls ermutigt, traute ich mich, sie anzusprechen.

»Ich bin die Gitarre und du meine Blues-Harp. Lass uns gemeinsam im Takt der Liebe grooven», artikulierte ich ohne Stottern. Den Spruch hatte ich aus einem Buch mit dem Titel Angriff auf die Frau – Flirten für Dumme. Sie musterte mich von oben nach unten und wieder retour.

»Mit einem hässlichen Ekelschlumpf wie dir würde ich nicht mal die Toilette abputzen. Verpiss dich.«

Ich habe gelesen, dass langfristige Beziehungen oft mit Missverständnissen beginnen. Allerdings kann ich mir nur schwer vorstellen, dass Julia Romeo »Ekelschlumpf« genannt hat. Selbst Nancy dürfte Sid Vicious freundlicher begrüßt haben. Dennoch, das war sie: meine große Liebe. Ich nahm ihr die reservierte Reaktion auf meinen Anmachspruch nicht krumm und beschloss, die Zeit für mich spielen zu lassen. Ich setzte mich in eine Ecke und beobachtete meine Wunderfrau beim Tanzen, Trinken und Chillen. Um ein Uhr begann sich die Fete zu leeren. Nadine hatte gut getankt, wie ich bemerkte. Sollte sie ihren Spaß haben. Irgendwann kam sie auf mich zugetorkelt. Selbst betrunken wirkte sie eleganter als die Dietrich.

»Ey«, sagte sie. Mir wurde ganz schummrig, und das lag nicht am Alkohol. »Was spannste mich die ganze Zeit an. Biste ein Stalker?«

Ich fasste Mut. Du wirst mit dieser fantastischen Frau eine Beziehung eingehen. Sie wird dich lieben und ehren, dachte ich, und …

»Ey, mach das Maul auf, wenn ich mit dir rede, Spacken«, zischte sie. »Spacken« klang freundlicher als »Ekelschlumpf«. Machte unsere Beziehung Fortschritte?

»Sag einmal: Hast du schon eine Schlafgelegenheit? Bei mir wäre was frei, gibt auch Frühstück ans Bett.« Direkter war ich noch nie bei einer Frau geworden. Würde mein Mut belohnt werden?

Sie überlegte, schaute mich mit immer kleiner werdenden Augen an. Schließlich sagte sie: »Du hast recht. Ich muss eigentlich noch nach Bremen. Aber warum nicht hier pennen. Geht klar. Aber eins sag ich dir vorneweg: Anpacken ist nicht. Komm nicht auf dumme Gedanken. Und du schläfst in einem anderen Raum. Capisci?«

»Gebongt, ich will dir nur helfen«, sagte ich. Ich dachte aber, da geht bestimmt etwas. Spätestens morgen sieht sie in mir den Mann, der sie durchs Leben begleitet, sie auf Händen bis in eine gemeinsame Wohnung trägt.

Ich rief ein Taxi und half Nadine ins Auto, da sie nicht mehr sicher stehen konnte.

»Finger weg, Spargelaffenarsch!«, zischte sie.

Meine Ma sagt immer: »Was sich liebt, das neckt sich.« Wurden die ersten Zeichen von Liebe immer deutlicher?

»Bitte, Madame.« Ich ließ mich nicht beirren. Fünf Minuten später bezahlte ich den Taxifahrer.

»Wow, ihr hat ein schönes Haus. Wohnst du noch immer bei deinen Eltern?«, sagte sie, als ich sie den Treppenaufgang hochschleppte.

»Nein, ich lebe mit einem Kumpel in einer Zweier-WG in Limmer. Aber die wird zurzeit renoviert, daher schlafe ich bei meinen Eltern. Nichts Dauerhaftes.«

Unsere Männerbude wollte ich ihr erst zeigen, wenn die Beziehung gefestigter war.

Ich führte sie mit einigen Schwierigkeiten zu meinem Zimmer in der ersten Etage. Meine Eltern schienen zu schlafen. Gott sei Dank. Nadine warf sich angezogen auf mein Jugendbett und flüsterte noch: »Denk daran, Säger. Anpacken verboten und anderes Zimmer.« Dann schlief sie schon. Ich malte ein Schild »Nicht stören!!! Damenbesuch!!!« und hängte es an die Tür. Doch wo sollte ich bleiben? Ach, egal. Ich nahm eine Decke und legte mich auf den Boden. Nadine bekam sowieso nicht mit, dass ich im selben Raum nächtigte. Vor Aufregung bekam ich kaum ein Auge zu, schlief aber irgendwann auch ein.

»Was machst du Clerasilantiwerbung in einem Zimmer mit mir? Hast du mich angefasst? Ich trete dir gleich in die Klöten!« So charmant wurde ich geweckt.

»Hast du gut geschlafen?«, fragte ich. »Die Decke ist sehr kuschelig. Frühstück?«

Wenn Blicke töten könnten, wäre es um mich schlecht bestellt gewesen. Was hatte die Frau? Wir waren füreinander bestimmt. Und daher gab ich die Hoffnung nicht auf. Ma bereitet ein ausgezeichnetes Frühstück. Und Liebe geht durch den Magen. Das habe ich gelesen, Beweise habe ich aber noch nicht.

»Warum nicht«, zeigt sich Nadine besänftigt. »Ich könnte etwas zwischen den Kauleisten gebrauchen.« Ah, die These über Liebe und Magen stimmt, freute ich mich.

»Moment«, sagte ich.

Ich rannte aus dem Zimmer. Im Esszimmer führte Gerhard mit der Linken einen Toast mit Leberwurst zum Mund, mit der Rechten verrührte er Milch im Kaffee. Mutter legte gerade das vierte Gedeck auf.

»Moin. Nadine frühstückt mit. Keine dummen Fragen, bitte.«

Gerhard grinste wie die halslose Katze aus Alice in Wonderland. »Guten Morgen, Casanova. Geht klar, unsere Lippen sind versiegelt«. Er knuffte mich verschwörerisch.

Auch Mutter konnte sich das Strahlen nicht verkneifen.

»Unser Sohn hat eine Freundin, das muss ich gleich Tante Gerti erzählen.«

Mir wurde mulmig. »Halt doch mal den Ball flach, Mutter. Das ist kein großes Ding.«

Gerhard hob beschwichtigend die Hände. »Der Junge hat recht, Ingrid. Wir haben es damals doch auch wild getrieben. Da müssen wir jetzt kein Fass aufmachen.«

Mir schwante Übles, aber da musste ich durch. Ich stiefelte in mein Zimmer, wo Nadine sich gerade einen Joint baute.

»Frühstück ist angerichtet. Kommst du?«, lächelte ich. Irgendetwas hatte die Frau, das meine Angstzustände ausschaltete. Ich fühlte mich in ihrer Gegenwart völlig frei.

»Der Johnny war als Nachtisch gedacht«, zeigte sie sich begeistert. »Kann nicht schaden, den Magen zu füllen. Hoffentlich labern mich deine Eltern nicht voll. Da kann ich gar nicht drauf. Boah, meine Birne platzt gleich. Ich sollte bei Alkohol echt kürzertreten.«

Im Esszimmer dienerte mein Vater vor Nadine. Ich wäre am liebsten im Boden versunken. So einen Mist machte er sonst nie.

»Herzlich willkommen in unseren bescheidenen Hallen«, faselte er. Hatten sie mir nicht versprochen, die Klappe zu halten.

Nadine musterte ihn mit schiefem Blick und hielt meiner Mutter die Hand hin. Bevor Ma sie ergreifen konnte, zog meine Angebetete sie wieder weg.

»Nadine. Sorry, mir ist heute nicht nach Quatschen. Habt ihr Bircher-Müsli? Da kann ich mich reinlegen. Wäre super.«

»Tut mir leid«, sagte Ma. »Aber Rührei mit Schinken haben wir. Ist es in Ordnung, wenn wir uns duzen? Ich bin Ingrid.«

»Alles roger. Eigentlich stehe ich nicht auf Cholesterinbomben, aber man lebt nur einmal, frau auch. Warum nicht. Vielleicht wirkt sich das positiv auf meinen Schädel aus. Scheiß Kater.«

»Natürlich duzen wir uns.« Vater war ganz aus dem Häuschen. »Ich bin Gerhard. Mensch, und mit Quatschen hatten wir es in eurem Alter auch nicht. Aber Achtundsechzig war das völlig normal. Wir haben gekifft, gesoffen und gefickt, was das Zeug hält. Heute nimmt doch kein Jugendlicher solche Wörter in den Mund, ohne rot zu werden. Das habe ich auch immer meinen Schülern erzählt: Ich ficke gerne und bin völlig frei.«

Nadine schaufelte sich Rührei auf den Teller und starrte Gerhard mit großen Augen an. »Alles klar«, sagte sie. »Nimmst du heute noch Drogen, Alter?« Sie schmierte sich ein Brot und träufelte Honig auf die Butter.

Gerhard fühlte sich geschmeichelt. Mensch, war mein Erzeuger peinlich. Mutter schaute auf die Tischdecke, als sprächen die Rosenornamente zu ihr.

»Nicht mehr regelmäßig, aber ab und an schon. Wir ficken dafür regelmäßig, nicht wahr, Ingrid.«

Meine Mutter murmelte unverständlich. Es ist für Kinder unvorstellbar, dass ihre Eltern Geschlechtsverkehr haben. Aber dass mein Vater auch noch andauernd darüber redete, war unerträglich.

»Wir haben nicht nur die Gesellschaft revolutioniert, auch unsere Körper haben wie Kerzen den Sommer der Liebe entzündet. Mit Jimi Hendrix, den Beach Boys, den Stones. Die Beatles waren uns zu mainstreamig, was, Ingrid?«

»Mensch, Alter. Die Stones sind alte Säcke, wenn die nicht Mainstream sind, wer dann. Hör lieber moderne Mucke wie Jupiter Jones oder Tomte. Dann schwimmst du im Groove der Zeit.« Bei Nadine konnte er wenig Eindruck schinden.

»Die Stones waren damals knorkomat, richtig grovy, das kannst du mir glauben«, ereiferte sich Gerhard. »Obwohl nie Mick Jagger der Philosoph der Stones war. Er war das Sprachrohr, aber nie der Kopf. Keith Richards war der Adorno des Rock’n’Roll«, fantasierte er jetzt auch noch. Warum musste ich immer in solch schrägen Filmen landen.

»Hat er dir das bei einem gemeinsamen Trip verraten?«, gab Nadine zurück und schaufelte sich einen Löffel Rührei zwischen die schneeweißen Zähne.

»Du wirst lachen. Ich hatte einen Kumpel, dessen Bruder eine Frau kannte, die mit Keith in die Kiste gesprungen ist. Das war bei einem Auftritt in Hamburg. Und da hat er ihr die unglaublichsten Geschichten erzählt. Da hätte ich gerne Mäuschen gespielt.«

Mutter hielt sich an ihrer Tasse fest, und auch ich war mit Dads Erzählchen restlos überfordert.

»Genug geplaudert», sprang Nadine auf. »Interessant bei euch, aber zu Hause wartet meine Katze auf Verköstigung. Hasta la vista.«

»Ich bring dich zur Tür«, sagte ich und eilte ihr nach.

Als wir auf der Treppe standen, meinte sie: »Alter, mach dir nichts draus. Dein Vater ist ein viel größerer Idiot als du. Das erklärt alles. Danke für Bett und Futter. Trotzdem hoffe ich, dass man sich nie wiedersieht.»

Als ich an die elterliche Tafel zurückkehrte, sagte Gerhard:

»Ich hoffe, dass ich sie nicht vertrieben habe. Vielleicht ist sie zart besaitet und verträgt die offene Sprache der Apo-Studenten nicht.« Meine Mutter hatte ihn anscheinend ordentlich zusammengestaucht.

»Mach dir keine Sorgen«, sagte ich und verfluchte ihn im Stillen.

Aber Nadine, die ich übrigens nie wiedersehen sollte, benutzte ich. Jede Woche erzählte ich meinen Eltern, wie toll sich die Beziehung mit Nadine entwickelte: Ich lernte ihre reizenden, vollkommen normalen Eltern kennen, wir fuhren nach Paris, tanzten die Nächte durch und verlobten uns auf einem Kreuzfahrtschiff vor der finnischen Küste. Ohne Familie und voller Romantik. Meine Eltern luden sie jede Woche ein. Doch Nadine arbeitete als Projektmanagerin für eine internationale Werbeagentur. Immer war sie unabkömmlich. Ich sagte meinem Vater, dass die Plädoyers für freie Liebe Nadine nicht besonders gefallen hätten. Sie sei eher zartbesaitet. Da verringerte sich die Häufigkeit der Erkundigungen über das Wohlergehen meiner Liebsten. Und der beste Effekt dieser kleinen Schwindelei: Die Kontaktanzeigen auf dem Lokus waren passé.

Das ist meine Liebesgeschichte mit Nadine, die in Zeitraffer vor meinem inneren Auge abläuft.

»Hallo, jemand zu Hause?«, holt mich Großmutter aus meinen Träumen.

»Nadine beaufsichtigt Werbeaufnahmen in Los Angeles«, flunkere ich. »Die ist etwa drei Wochen in den Staaten.«

»Also, ich weiß nicht, ob diese Nadine die Richtige für dich ist«, unkt Oma. »Immer auf dem Jück. Das hält doch die beste Beziehung nicht aus. Habt ihr euch schon mal über Familie ausgetauscht? Nun hast du eine feste Stellung, da wird es höchste Zeit für den nächsten Schritt.«

Ma springt mir zur Seite. »Nun setz den Jungen doch nicht unter Druck. Wir sind froh, dass Timo überhaupt eine Freundin hat. Das ergibt sich alles von selber. Erst einmal ist wichtig, dass er sein Studium geschafft hat und auf eigenen Füßen steht. Der Rest kommt.«

»Wir hatten es damals auch nicht so mit dem Heiraten«, bringt sich Gerhard in die Diskussion ein. Hoffentlich erzählt er nichts vom Summer of Love. »Die Zeiten haben sich gewandelt, Gott sei Dank.«

Ich gebe auch meinen Senf dazu: »Wir wollen uns Zeit lassen. Nadine ist nicht der Hochzeits-Typ, ich übrigens auch nicht.«

Oma schaut Opa tief in die Augen. Der nickt.

»Ja, so seid ihr jungen Leute«, lächelt Oma. »Aber wir haben uns etwas ausgedacht, um euch eine Hochzeit schmackhaft zu machen.«

Opa stößt mit dem Stock auf den Boden. »Nur ordentliche Verhältnisse führen zu Erfolg. Ich habe deine Großmutter in jungen Jahren geehelicht und es nicht bereut. Ich habe auch schwierige Zeiten durchgemacht. Da hat deine Oma mir immer den Rücken freigehalten. Es geht nichts über eine gesunde Ehe.«

Was meine Großeltern da sagen, kommt mir Spanisch vor. Was wollen die von mir? Gleich soll ich es erfahren.

»Es hat uns sehr missfallen, wie sich dein Vater in seiner Studentenzeit verhalten hat. Zum Schluss hat seine Rumtreiberei« – Oma wirft Gerhard einen finsteren Blick zu – »doch ein gutes Ende gefunden. Aber da mussten wir nachhelfen. Wir haben deinen Eltern dieses Haus geschenkt, damit sie heiraten. Im Grunde sind alle Menschen Kapitalisten, auch wenn sie anders daherreden.« Sie lächelt finster.

Was haben die bloß mit Heiraten. Onkel Udo hat in diesem Moment die Augen geschlossen, so dass ich ihm problemlos seinen Jägermeister klauen kann. Das Zeug schmeckt wirklich gut, finde ich jetzt. Nicht zu süß, nicht zu bitter, was will man mehr von einer Spirituose?

»Dein Vater hatte ja mit deiner Mutter eine feste Freundin, bei der man erwarten konnte, dass die Ehe hält. Bei dir Timo, kennen wir deine Nadine nicht persönlich. Deine Eltern erzählen zwar, dass sie ein nettes Mädchen ist. Aber ansonsten macht sie sich rar. Vielleicht will sie nichts mit deiner Familie zu tun haben. Nun gut. Die Zeiten haben sich geändert, die Frauen auch. Deine Großeltern sind durchaus moderne Menschen. Um es kurz zu machen: Wir schenken dir zweihunderttausend Euro, wenn du dich innerhalb von drei Monaten verlobst. Es muss nicht diese Nadine sein. Aber wir möchten gerne Urenkel haben.«

Mein Vater schluckt. »Ihr könnt meinen Sohn nicht kaufen. Der verdient sein eigenes Geld. Wenn er sich verlobt, tut er das aus freien Stücken.«

»Dich haben wir auch durch unser kleines Geschenk positiv beeinflusst«, sagt Oma kalt. »Jetzt hältst du den Mund, Gerhard.«

»Und als Zubrot«, grinst Opa »erhältst du einen Posten im Aufsichtsrat meiner Firma. Dann weiß ich, dass sich zumindest einer mit dem Familienerbe auseinandersetzt. Das gibt neben deinem Zeitungsgehalt ein schönes Sümmchen, mit dem du locker vier Personen ernähren kannst.«

Ich nehme die Jägermeisterflasche, setze an und trinke. Nach einer gefühlten Minute setze ich ab und komme mir sternhagelvoll vor.

»Jungchen«, sagt Oma. »Mit dem Alkohol solltest du dich etwas zurückhalten.«

Mensch, was wollen die von mir? Ich bekomme nichts gebacken. Keinen Studienabschluss, kein Job, keine Freundin. Wie soll ich in drei Monaten verlobt sein. Wenn ich nicht so breit wäre, hätte ich Panikattacken. Aber so ist mir alles egal.

»In dr-ei Monnaden bin isch verlobt«, lalle ich. »Oppa, mach den Scheck fettig.«

03. Der Schlieffen-Plan wird ausgegraben

Als ich aufwache, schmerzt mein Kopf, als fände in meinen Synapsen ein Heavy-Metal-Festival statt. Oh. Ich öffne behutsam die Augen, wobei die Lider schwerer als sonst erscheinen. Verändert Alkohol die Schwerkraft? Egal, ich bin für philosophische Gedanken zu kaputt. Wie komme ich in mein Bett? Ich versuche die Ereignisse des letzten Tages zu rekonstruieren, was sich als mühsame Angelegenheit erweist. Da war doch was. Ach richtig, gestern war der Tag meiner akademischen Eliminierung. Ich habe verloren, gelosed, abgekackt. Eine Schande für jede Uni. Und für den Job als Volontär, den ich jetzt sowieso nicht bekomme, völlig ungeeignet. Wenn ich wirklich bei der Presse etwas werden will, reicht es nicht, passabel zu formulieren. Da brauche ich einen Studienabschluss als Legitimation. So ist das in Deutschland.

Ich hieve mich hoch. Anzuziehen brauche ich mich nicht, da ich in Klamotten ins Bett gefallen bin. Sieht reichlich zerknittert aus, die Anzughose. Es wird aber sicherlich dauern, bis ich wieder Verwendung für dieses Angeber-Teil habe. Mir fällt ein, dass in spätestens drei Monaten meine Verlobung stattfinden soll. Da habe ich wieder das Maul zu voll genommen. Aber eigentlich ist auch das egal. Wenn ich keine Frau zum Verloben vorzeige, kriege ich halt kein Geld. Da wäre ich aber schon beim wichtigeren Thema: Kohle. Meine Eltern werden mir ab nächstem Monat keinen Cent Unterstützung zahlen. Schließlich arbeite ich laut eigener Aussage hauptberuflich bei der Zeitung. Ich habe keine Lust mehr, meine finsteren Zukunftsperspektiven vor dem inneren Auge wie einen Film über die Apokalypse abzuspielen. Ich werde mich mit Ali treffen, der weiß meistens einen Ausweg.

Ich öffne die Zimmertür und wanke ins Wohnzimmer.

»Zorro«, frage ich den Rücken, der unsere Couch blockiert. In der Flimmerkiste läuft eine Oper auf 3Sat, Nabucco oder so.

»Horst«, murmelt die Vorderseite des Rückens und dreht sich schließlich um. »Kannst mich Hotte nennen, ist mir egal. Ich habe Zorro im ›Heinz‹ getroffen, leck mich fett. Das war ein klasse Abend.« Der Typ wirkt nicht fitter als ich. »Du bist Timo, Zorros Muse. Cool.«

Wir kennen uns. Horst ist Poetry-Slamer, netter Kerl, aber nicht besonders erfolgreich. Gags sind nicht sein Ding, und seine politischen Texte sind etwas plakativ. Aber er arbeitet bei einem Verlag. In der Lindener Szene ist eine feste Größe. Für Zorro schreibt er ab und Song-Texte. Obwohl ich mit Zorro befreundet bin, gehörte ich nicht zu den Szenetypen. Dafür bin ich zu spießig. »In sein« bedeutet trinken, bis der Arzt kommt, und jede Woche eine andere Frau im Arm halten. Außerdem erzählt man über wilde Projekte in Hamburg oder Berlin, die dich interessant machen, aber niemals realisiert werden. Das ist nicht mein Ding. Aber es schmeichelt mir, dass ich als Zorros Muse bezeichnet werde.

»Und, alles roger in Kambodscha?«, sagt Stengel. Ein Spruch, auf den man eigentlich keine Antwort erwartet.

Dennoch sage ich: »Ziemlich mies. Ich habe gestern meine Magisterprüfung verbockt. Eine Freundin hätte ich auch gerne. Ich weiß nicht, warum ich dir das erzähle. Wahrscheinlich, weil du gerade da bist.«

Hotte richtet sich auf und schaut mich erstaunt an.

»Muchacho, ich bin nie zu einer Uniprüfung angetreten. Und sehe ich unglücklich aus? Mich haben mehr als ein Dutzend Frauen verlassen, weil sie mit meinem Lifesstyle nicht einverstanden waren. Schiebe ich deshalb Trauer? Das sind alles temporäre Erscheinungen, die sich von selber lösen werden. Da wirst du auch noch drauf kommen, Amigo.«

Vielleicht hat er recht.

»Aber momentan scheint sich alles gegen mich verschworen zu haben. Ich bin gefrustet.«

Hotte kippt sich Kaffee aus der Kanne in eine Tasse, die seit drei Tagen unberührt auf dem Wohnzimmertisch rumgammelt. Er nimmt einen Schluck und verzieht angewidert das Gesicht. Dann trinkt er ein zweites Mal.

»Ich brauche morgens mein Hallo-Wach. Ohne komme ich nicht auf Betriebstemperatur. Jammere nicht so viel. Du musst deine Probleme konstruktiv angehen. Das Leben geht weiter und wird besser, wenn du dich nicht hängen lässt. Ich spreche aus Erfahrung. Grüß Tobias von mir. Wir sehen uns irgendwann an einem anderen Ort in diesem Universum. Dann erzählst du mir von deinen Fortschritten. Bye.«

Er hängt eine schmuddelige Lederjacke mit »Iggy Pop«Aufnäher über die Schulter und schließt die Tür hinter sich.

Zorro finde ich in seinem Zimmer, nur die Beine schauen unter der Decke hervor. An den Wänden des Raumes hängen Poster von Slime und Chuck Palahniuk, dem Autor von Fight Club. Ansonsten ist sein Bett von Billy-Regalen umgeben, auf denen sich Jerry-Cotton - und John-Sinclair-Hefte stapeln. Mir ist diese Art von Literatur zu eindimensional, doch Zorro meint, Jerry und John seien die einzigen postmodernen Helden, die man noch in hundert Jahren kennen werde.

»Bist du wach?«

Ein Grummeln ertönt, wobei ich nicht feststellen kann, ob es vom Kopf oder den Füßen kommt. Der Restalkohol vernebelt noch immer meine Wahrnehmung.

»Hast du Lust auf Frühstück, ein Uhr im ›Treibhaus‹?«

Ein doppeltes Grunzen signalisiert Zustimmung, zumindest nach meiner Interpretation. Ich gehe wieder in mein Zimmer und funke Ali an. Der ist zwar wie immer beschäftigt, aber Essen muss schließlich auch sein. Also steht der Termin.

Obwohl mein Kopf pocht und meine Nervenbahnen mit dem pelzigen Staub von Alkohol belegt sind, beschließe ich, joggen zu gehen. Zum einen wegen der Fitness – Frauen mögen sportliche Männer, habe ich gelesen. Zum anderen teilen attraktive Exemplare des weiblichen Geschlechts diese Leidenschaft. Nicht, dass ich mich trauen würde, eine Frau beim Laufen anzusprechen. Das ist so wie in der Disco. Dort schaue ich gerne auf die Tanzfläche und träume, wie toll es wäre, wenn mich die Frauen antanzen würden: Hey, du bist ein toller Typ. Wie wäre es mit uns? Trinken wir einen Whiskey-Cola? Weitere Aktivitäten sind nicht ausgeschlossen. Leider ist mir so was noch nie passiert. Beim Joggen hat mich auch noch nie eine Frau angesprochen. Doch die Hoffnung stirbt zuletzt. Und wenn ich in drei Monaten eine Verlobte vorweisen will, muss ich in die Pötte kommen.

Ich schmeiße mich in einen dunkelblauen Adidas-Anzug, den ich von Gerhard vererbt bekommen habe. Dessen mittlerweile barocke Formen würden die Ballonseide zum Platzen bringen. Mir macht es nichts aus, dass das Teil von Adidas ist. Eine Frage der Philosophie. Mein alter Herr würde nie etwas von Nike kaufen. Das ist ein amerikanischer Konzern. Und durch die Steuern unterstützen die amerikanischen Firmen die Washingtoner Politik. Einmarsch in Afghanistan, Tote im Irak, Kuba-Embargo. Alles klar? Dabei fertigen alle Bekleidungsunternehmen mit asiatischen Kindern oder Billiglöhnern. Gibt es noch politisch korrekte Kleidung? Ich vermute, dass selbst die Neonazi-Klamotten von Thor Steinar eher auf den Philippinen als in Deutschland geschneidert werden. Zumindest die Geschäftsführung soll im arabischen Raum residieren. Schon seltsam, dass sich Geschäftsleute aus Dubai um die Reinhaltung des arischen Genpools sorgen. Jedenfalls ist mir die politische Dimension meiner Kleidung relativ egal, denn es gibt keine Alternativen. Und dass mich ein Markenname hipper macht, bezweifele ich.

Ich fahre zum Maschsee. Das ist mit fast sechs Kilometern eine ideale Laufstrecke. Einmal rum, und ich habe mein Tagespensum erfüllt. Was die wenigsten wissen: Das beliebte Ausflugsziel in Nähe des Stadions wurde als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme während der Nazidiktatur errichtet. In Szenekreisen ist der Teich deshalb verpönt. Aber zu seiner Ehrenrettung muss ich anmerken, dass schon seit Anfang des 19. Jahrhunderts diskutiert wurde, einen See anzulegen, um Hochwasser von Leine und Ihme aufzufangen. Das idyllische Gewässer mit Blick aufs neue Rathaus, einem Prachtbau vom Beginn des 20. Jahrhunderts, kann nichts für den Zeitpunkt seiner Anlegung. Da muss man gerecht sein, sage ich immer zu Zorro. Er sieht das anders und meint, mit dem Boykott des Maschsees ein politisches Statement abzugeben. Um unnütze Diskussionen zu vermeiden, verschweige ich daher, wenn ich dort jogge oder das alljährliche Maschseefest besuche.

Jedenfalls ist es heute ziemlich leer an der Uferpromenade. Es ist schließlich auch Dienstagmorgen. Normale Leute arbeiten jetzt, gehen zur Schule oder zur Uni. Nur ein paar jugendliche Skater und vereinzelte Spaziergänger bevölkern die Umgebung des Gewässers.

Obwohl mein innerer Schweinehund knurrt, trabe ich los. Der See ist rund, mein Laufstil nicht. Es hakt, und ich komme öfter aus dem Tritt. Eigentlich laufe ich lieber abends, aber ich hoffe, die körperliche Anstrengung befreit meinen Kopf. Ich konzentriere mich auf den Weg. Immer die nächsten drei Meter im Blick. Ein weiterer Stolperer. Ich überlege mir, umzudrehen und mich wieder ins Bett zu legen. Aber ich kann nicht auch noch beim Laufen kneifen. Sonst verleiht mir irgendein Internetportal den Titel »Hannöverscher Kneifkönig«. Wenn ich dann noch einige Dinge versaue, komme ich vielleicht ins Fernsehen oder bekomme den Titel »Internationaler Kneifmeister«. Timo: Der Mann, der alles im Leben verdaddelt und die Untiefen der schleimigen Lebensgrütze auslotet. Meine Gedanken sind nicht sehr produktiv. Vor allem nicht für einen Neuanfang.

Plötzlich verspüre ich einen Schlag und liege am Boden. Es hat sich vorerst ausgestolpert. Es schmerzt zwar an den Knien, aber dennoch bin ich für die Unterbrechung dankbar. Bis ich aufblicke.

»Entschuldigung«, sagt die blonde Inlinerin, die mich umgesemmelt hat. »Ich habe laut geschrieen, aber du bist quer über den Weg gerannt, da konnte ich dir nicht mehr ausweichen. Geht es dir gut? Soll ich einen Arzt rufen?«

Die macht sich lustig über mich. Warum sollte ich medizinische Versorgung nötig haben.

Ich traue mich nicht, ihr in die Augen zu blicken.

»Hallo? Bist du ansprechbar?«, fragte sie mit ängstlichem Unterton.

Sehe ich aus wie ein verhätscheltes Weichei? Ich blicke auf. Wow, ist die Frau schön! So ein Klum-Typ, aber hübscher. Ich mag die Heidi und ihre Supermodel-Show nicht besonders. Eigentlich überhaupt nicht. Klar, der Otto-Normal-Mann bekommt was fürs Auge geboten. Aber ich weiß genau, dass ich niemals eine Frau wie diese in den Armen halten werde. Die würde so jemanden wie mich überhaupt nicht bemerken. Das habe ich jedenfalls gedacht, als ich Klums Sendung zum ersten Mal gesehen habe. Und war frustriert. Aber dann habe ich überlegt: Will ich eine Frau, die es für wichtig hält, mit Ausdruck zu laufen, lasziv in eine Kamera zu glotzen und Jobs zu ergattern, bei denen mehrere tausend Euro dafür gezahlt werden, dass eine Frau besser als der Standard aussieht? Das ist ein fragwürdiges Niveau. Aber Klum und ihre wechselnde Mit-Jury vermitteln, dass es darauf im Leben ankommt. Ich frage mich, was dazu Menschen sagen, die wirklich was im Kopf haben – Bruce Springsteen zum Beispiel oder Johnny Cash? Ob die auch im stillen Kämmerlein geübt haben, gerade und sexy durch die Landschaft zu wandeln? Okay, Johnny ist leider tot, aber wenn er noch lebte, hätte er bestimmt eine Meinung zu Germany’s Next Top Model. »I walk the line«, würde er sagen, darauf wette ich.

»Hallo«, fasst mich die blonde Sphärenerscheinung an der Hand. »O nein, bitte sei nicht ohnmächtig. Hallo, hallo!« Sie schüttelt mich.

Jetzt muss ich was sagen, sonst ruft sie einen Krankenwagen.

»Hallo.« Besseres fällt mir auch nicht ein. Ich habe gedacht, sie wäre über ein Lebenszeichen begeistert, aber denkste.

»Hast du sie noch alle«, schimpft sie. »Liegst da und sagst keinen Ton. Und ich mache mir tausend Sorgen. Komm, ich helfe dir auf«, sagt sie und zerrt an meinem Arm.

Wenn ich ehrlich bin, war mir schon lange keine Frau so nah. Ich könnte diese physische Aufmerksamkeit genießen, aber dabei käme ich mir etwas schäbig vor.

»Geht schon«, murmele ich daher. »Bin noch ein wenig durcheinander. Das liegt aber wahrscheinlich am Jägermeister gestern. Nicht, dass du meinst, ich trinke regelmäßig.« Ich versuche, bloß keinen schlechten Eindruck zu erwecken. »Höchstens mal einen Wein. Oder Bier. Bier sogar lieber. Herrenhäuser finde ich klasse. Aber nicht oft. Höchstens ein bis zwei in der Woche. Manchmal mehr.«

Dies kommt mir ohne Stottern über die Lippen. Ich bin stolz auf mich.

Die Inlinerin wird ärgerlich. »Mich interessieren deine Trinkgewohnheiten nicht. Bist du nun okay oder nicht?«

Ich werde mutig. »Ich dachte, du interessierst dich für mich als Menschen, nicht für mich als Opfer.«

Fragezeichen formieren sich in ihrem Gesicht. »Hör mal zu.

Ich habe dich nicht absichtlich umgefahren. Oder wolltest du mich anmachen und bist mir deshalb vor die Füße gelaufen? Nee, das ist krank.«

»Nein, so ist das nicht«, bemühe ich mich die Angelegenheit ins rechte Licht zu stellen.

»Okay. Geht es dir nun gut?«

»Ja, mein Knie ist vielleicht ein wenig aufgeschürft, aber das dürfte rasch verheilen. Ansonsten weist mein Körper …«

»Okay, ich muss weiter. Ciao«, unterbricht sie mich und gleitet dann weiter am See entlang. Gleitet in die Weite, bis ihre Konturen ins Grenzenlose verschwimmen.

Ich schaue ihr wehmütig nach.

Das ›Treibhaus‹ ist ein nettes Bistro an der Ferdinand-Wallbrecht-Straße in der Nähe des Lister Platzes. Der angrenzende Stadtteil List ist in Limmer verrufen, da sich hier die besser betuchten Hannoveraner niederlassen. Das Straßenbild ist von herrschaftlichen Altbauten der Jahrhundertwende geprägt. Mir gefällt es hier gut. Ich halte nichts von dogmatischen Verteufelungen. Und Ali hat dort sein Büro eröffnet.

Als ich den Biergarten betrete, sitzt Ali bereits an einem Tisch, nippt an einem Latte und studiert Excel-Tabellen. Immer im Dienst.

»Ich finde Microsoft cool«¸begrüßt er mich. »Es ist einfach geil, dass ein Großteil der Menschheit die gleiche Software nutzt. Jemand schickt mir von Alaska oder Australien aus eine Kalkulation, und ich kann die hier in Deutschland lesen. Keine tausend Programme, eines. Das ist für mich eine der größten Errungenschaften der letzten hundert Jahre.«

Ich ordere einen Cappuccino.

»Aber es gibt noch Apple. Da schwören die Individualisten drauf. Mir persönlich sind Open-Source-Programme auch lieber. Da kann jeder drauf zugreifen, und die kosten nicht gleich einen Kleinwagen.«

Ali winkt ab. Er sieht schon urig aus. Wie aus der Ritter-Sport-Werbung. Quadratisch, praktisch, gut. Dies bezieht sich auch auf sein Bauchvolumen. Obwohl er genauso als wie Zorro und ich ist, beginnt er auf der Mitte des Kopfes seine gekräuselten braunen Haare zu verlieren. Das stört ihn aber nicht. Sagt er. Die Frauen stünden trotzdem auf ihn. Davon merken wir wenig. Ich kann mich nicht erinnern, dass er in den letzten fünf Jahren eine Freundin gehabt hätte. Aber solche Einwände tut er mit dem lapidaren Spruch »Für Vergnügungen habe ich sowieso keine Zeit« ab. Ali ist Macher und zu hundert Prozent von sich und dem, was er tut, überzeugt. Viele halten ihn für einen Angeber, ich bewundere ihn. Die Selbstzweifel, die mich quälen, fehlen ihm komplett. Beneidenswert.

»Geh mir weg mit Apple. Wer braucht schon iPhone, iPad, iDildo oder wie sie alle heißen. Ich trinke mit dir Kaffee und quatsche. Warum sollte ich dabei mit meinem iPhone telefonieren oder mit dem iPad im Netz surfen. Da werden Bedürfnisse geweckt, die die Welt nicht verschönern.«

Ich sehe ihn verwundert an.

»Ja, da staunst du. Das ist nur meine private Meinung. Beruflich sehe ich das anders. Wenn so ein Schnösel in mein Büro schneit und sagt: ›Guten Tag, Herr Gethmann. Ich möchte gerne einen Vertrieb für iKondome eröffnen und Sie sollen mir beim Verkauf helfen. Sie stecken einen USB-Anschluss ins männliche Geschlechtsteil und sind via Web 2.0 geschützt. Das geht auch drahtlos. Keine Latexallergien, kein Spaßverlust und Rundum-Sorglos-Protection‹, dann sage ich sofort: ›Wann sollen wir starten?‹ Ich bin beruflich völlig offen, aber privat muss ich nicht alles mitmachen.«

Zorro kommt angeschlendert.

»Na, Amigos, alles schön?«, fragt er.

»Ali hat einen Kunden, der iKondome verticken will«, berichte ich.

»Stark. Wie viel kostet so ein Teil?«

Wir müssen uns bemühen, ernst zu bleiben.

»Die Dinger kosten etwas mehr als ein iPad. Da musst du Zoll und natürlich Deckungsbeitrag draufhauen. Ich schätze, das Gerät wird bei neunhundert Euro in den Markt einsteigen. Das scheint viel, aber es hält ein Leben lang. Wenn du den Kondomverbrauch eines normalen unverheirateten Mannes auf dreißig Jahre hochrechnest, lohnt es sich allemal.«

Zorro ordert einen Chai-Tee.

»Für mich noch einen Latte, Süße«, grinst Ali die adrette Bedienung anzüglich an. Die wirft einen giftigen Blick zurück.

»Ist dein kurz gewachsener Kumpel immer so infantil«, fragt sie Zorro mit Augenklimpern.

»Wir können mal in Ruhe darüber sprechen, wenn er nicht dabei ist«, antwortet er und steckt ihr seine Karte zu. Darauf steht »Zorro Ziegler – Lebenskünstler« nebst seiner Mobilnummer.

»Darauf komme ich bestimmt zurück«, lacht sie und geht ins Lokal, um die Getränke zu organisieren.

»Wie machst du das, Ziegler?«, fragt Ali erstaunt. »Die Frauen fliegen dir zu, und keiner weiß, warum.«

Zorro zuckt mit den Schultern. »Ich weiß es selber nicht. Nenn es den Zorro-Faktor, das Geheimnis meiner Persönlichkeit, das selbst ich noch nicht ergründet habe.«

»Weshalb ich euch treffen wollte, insbesondere dich, Ali: Ich benötige Hilfe.« Dabei werde ich rot. Ali hat mich noch nie um etwas gebeten, Zorro auch nicht. Ali setzt sich aufrecht hin und reibt sich die Hände.

»Nur her damit. Auch wenn die Formulierung abgenudelt ist: Für mich gibt es keine Probleme, nur Herausforderungen.« Wir buhen lautstark über die Floskel, an die heute sowieso niemand mehr glaubt. Ali winkt nur lässig ab.

Dann berichte ich von meinen gestrigen Erlebnissen, der Magisterprüfung und dem Angebot meines Opas. Sogar Nadine kommt sprichwörtlich auf den Tisch, meine Ängste und Panikattacken bei Frauen.

Zorro und Ali nicken betroffen.

»Timo«, sagt Zorro. »Das hast du immer gut verborgen. Ich dachte, du stehst vielleicht auf Männer. Das wäre kein Problem für mich.«

Ali reibt sich wieder die Hände, in seinen Augen funkelt Unternehmungslust.

»Hannover, wir haben ein Problem. Halten wir die Aufgabenstellung fest: Timo braucht schnellstmöglich einen Job und eine Freundin. Bezüglich Freundin müssen wir noch seine Ängste abbauen, die laut eigener Aussage irrational sind. Habe ich unsere Ziele korrekt operationalisiert?«

Ich nicke verlegen, Zorro andächtig und dreht sich eine Zigarette. Die Getränke kommen, wobei die Kellnerin Zorro anstrahlt, als wäre er der auferstandene Kurt Cobain.

»Sehr gut. Das Konzept ist bereits fertig. Wir nennen es Timo 2.0.«

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Дата выхода на Литрес:
22 декабря 2023
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231 стр. 3 иллюстрации
ISBN:
9783943172195
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