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Für meinen Freund, Verleger und Agenten

Michael Becker

in Erinnerung an unsere wunderbare Freundschaft

Bibliographische Information der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

Copyright 2021 by Prinzengarten Verlag

Dr. Hans Jacobs, Am Prinzengarten 1, 32756 Detmold

Foto Umschlag: Karolina Grabowska / Kaboompics

ISBN 978-3-89918-822-6

Marie bucht

einen Mann

Micha Rau

Erste Begegnung

Ihr Herz klopfte bis zum Hals und ihre Hände waren feucht vor nervöser Anspannung. Zimmer 1413. Zum wiederholten Mal fischte sie ihr Handy aus der Manteltasche, suchte die SMS heraus und versicherte sich, dass es die richtige Zimmernummer war. 1413. Kein Zweifel.

Sie stand im 14. Stock des Holiday Inn und spürte wie sich die Fahrstuhltüren hinter ihr mit einem leisen Zischen schlossen. Sie schluckte. Ich kann einfach wieder gehen, dachte sie. Ich bin verrückt. Jens wird es merken. Jemand könnte mich sehen, wenn ich aus dem Hotel komme. Mit fahrigen Bewegungen verstaute sie ihr Handy wieder in der Tasche und holte Luft.

Nein! durchfuhr es sie. Ich will es! Ich hasse mein Leben! Drei Schritte und sie stand in dem langen Flur, von dem links und rechts die Zimmertüren abgingen. Blaurot gemusterter Teppichboden dämpfte jedes Geräusch. Ein Lächeln umspielte ihren Mund, als sie daran dachte, welche Arten von Geräuschen dieser Flur wohl jeden Tag und vor allem jede Nacht mit anhören musste. Langsam schritt sie die Türen ab, bis sie vor der Nummer 1413 anlangte. Sie lauschte, aber nichts verriet ihr, ob sich hinter dieser Tür etwas regte.

Wie würde er aussehen? Sie dachte an die Fotos auf seiner Website, die ihn im besten Licht zeigten. Sie hatte diese Seite erst entdeckt, als sie schon aufgeben wollte. Gab man Callboy bei Google ein, erschienen unzählige Treffer homosexueller Männer, die ihre Dienstleistungen anboten. Und diejenigen Seiten, die sich an Frauen wendeten, hatten sie eher abgestoßen als angezogen. Muskelmänner mit dümmlichem Gesichtsausdruck und den unmöglichsten Posen boten die bizarrsten Sexspielchen an. Und unter den wenigen halbwegs annehmbaren männlichen Prostituierten hatte sie niemanden gefunden, der sie gereizt hätte. Sie lächelte. Sagte man Prostituierte zu Männern, die Sex für Geld anboten? Vielleicht würde sie ihn danach fragen. Aber dazu musste sie ihn erst einmal sehen.

Als sie die Hand hob, um anzuklopfen, hielt noch einmal inne. Sie wollte sich sein Gesicht, das sie nur von den Fotos her kannte, noch einmal ins Gedächtnis rufen. Und wenn er so ganz anders aussah als in seinem Internetauftritt, würde sie sich sofort wieder verabschieden. Ja, dachte sie, das mache ich. Schließlich bin ich die Kundin, und wenn mir die Ware nicht gefällt, gehe ich wieder. Sie wusste nicht, ob für eine geplatzte Buchung eines Callboys Gebühren fällig wurden, sie wusste nur, dass sie niemals mit einem Mann ins Bett gehen würde, der sie nicht rundherum ansprach. Klar, grinste sie innerlich, du könntest die Augen schließen und ihn einfach machen lassen. Aber natürlich würde sie das nicht tun können. Ich bin eine Spießerin! fauchte sie in Gedanken. Nimm ihn. Es geht nur um Sex.

Sie kämpfte mit dem Impuls, zum Fahrstuhl zurückzurennen und aus dem Hotel zu verschwinden. Ihre Hand hing noch immer in halber Höhe der Tür. Ihr Blick fiel auf den Spion und ihr wurde heiß. Betrachtete er sie gerade in diesem Moment von innen und lachte lautlos über ihr Verhalten? Klopf an! Nein, geh!

Plötzlich vernahm sie ein surrendes Geräusch. Augenblicke später öffneten sich die Türen des Fahrstuhls mit dem gleichen zischenden Laut wie zuvor. Jemand stieg aus und es ertönte ein Quietschen. Eine Sekunde später kam ein Zimmermädchen um die Ecke und schob einen Servicewagen vor sich her. Ihre Blicke trafen sich, und für einen kurzen Moment durchzuckte Marie die Vorstellung, sie könnte sich in Luft auflösen, zu Hause aufwachen und anfangen, das Bad zu putzen.

»Kann ich Ihnen helfen?«

»N … nein, danke. Ich … ich will zu meinem Mann.«

Sie klopfte an, viel zu stark und heftig, dass ihr der Knöchel wehtat. Mit hochrotem Kopf registrierte sie, wie der Servicewagen hinter ihr vorbeigeschoben wurde. Dann wurde ihr klar, dass sie es getan hatte. Endlose Sekunden vergingen, und es tat sich nichts. Sie wandte kurz den Kopf und sah das Zimmermädchen mit grinsendem Gesicht in ihre Richtung schauen. Sie denkt, dass ich die Nutte bin! durchfuhr es sie. Na klar, als Ehefrau hätte ich auch eine Zimmerkarte! Wie blöd muss ich sein, dass …

Die Tür öffnete sich und er stand vor ihr.

»Du bist Marie?«, fragte er, und sein Lächeln entwaffnete sie auf der Stelle. Im Bruchteil einer Sekunde wusste sie, dass sie nicht gehen würde. Das war er also. Der Mann, der sich verkaufte. Unzählige Gedanken schossen ihr durch den Kopf. Er sah gut aus. Winzige Fältchen in den Augenwinkeln verrieten ihr, dass er irgendwo zwischen Ende dreißig und Mitte vierzig sein musste. Sie wollte ihn sich von oben bis unten anschauen, aber ihr kam das in diesem ersten Moment unpassend vor, und außerdem ging es nicht. Seine Augen hielten sie fest, schienen sie zu durchdringen und all ihre Gedanken zu erfassen.

»Möchtest du nicht hereinkommen?«

Peinlich berührt ging ihr auf, dass ihre Hand immer noch in der Luft hing und es schien, als würde sie nicht mehr an die Tür, sondern an seine Brust klopfen wollen.

»Ja … doch …«, war alles, was sie hervorbrachte. Als sie eintrat und er die Tür sachte hinter sich schloss, war sie sich sicher, dass das Zimmermädchen vor sich hin lachte und die kleine Episode wohl noch am selben Tag beim gesamten Personal die Runde machen würde. Aber sie schüttelte den Gedanken ab.

»Du bist aufgeregt«, sagte er leise und mit einer Stimme, die ihr durch und durch ging. »Das brauchst du nicht. Wenn du dich nicht wohlfühlst oder du mich aus irgendeinem Grund nicht leiden kannst, dann geh einfach wieder.«

Er hatte hinter ihr gestanden, und jetzt drehte sie sich um und schaute ihm erneut in seine braunen Augen. Er musterte sie neugierig, aber voll respektvoller Distanz.

Er ist ein Callboy! schoss es ihr durch den Kopf. Er spielt dir das nur vor!

»Es ist warm«, war alles, was ihr als Antwort einfiel. Wortlos trat er hinter sie, half ihr aus dem Mantel und hängte ihn an die Garderobe. Die zwei Sekunden, die es dauerte, nutzte sie, um ihn zu betrachten. Er war ein gutes Stück größer als sie, vielleicht einen Meter fünfundachtzig. Seine Haare trug er länger als die meisten Männer, aber das wirkte weder affig noch unpassend. Kleine, offensichtlich schwer zu bändigende Wirbel ließen ihn jünger erscheinen als er war. Seine schlanke Figur war weder schlaksig noch zu muskulös, aber dennoch erkannte sie in seinen Bewegungen Kraft und Energie. Er bewegte sich so selbstsicher, wie sie es nie gekonnt hätte. Ein Kloß setzte sich in ihrem Hals fest, als ihr aufging, dass sie es sich hatte gefallen lassen, dass er ihr den Mantel auszog.

Aber deswegen bist du hier, flüsterte eine Stimme in ihrem Kopf. Angespannt beobachtete sie, wie er das Bitte-nicht-stören-Schild von einem der Garderobenhaken nahm, die Zimmertür öffnete und es außen an den Türknauf hängte.

»Ich kenne die Putzfrauen«, lächelte er. »Kaum jemand sonst kann gleichzeitig anklopfen und reinkommen. Ich glaube, es ist besser, wenn uns niemand stört.«

Jetzt bin ich ihm ausgeliefert, dachte sie beklommen. Er kann mich fesseln und vergewaltigen, und wenn er dieses Zimmer unter falschem Namen gemietet hat, wird niemand je herausfinden, wer mich ermordet hat …

Es schien, als würde er ihre Gedanken erraten. Er kam zu ihr, ergriff ihre Hand, was in ihr einen zugleich angstvollen wie erregenden Schauer auslöste, und führte sie zu der kleinen, nicht unbedingt gemütlichen Sitzecke. Als er ihre Hand losließ, fühlte sie ein leises Bedauern.

Ich kenne ihn erst zwei Minuten, dachte sie. Das kann nicht sein.

Er nahm Platz, und seine Augen schienen in ihr zu lesen wie in einem aufgeschlagenen Buch. »Setz dich doch. Ich weiß, dass du unsicher bist. Und ich bin es auch.«

»Du bist … unsicher …? Das glaube ich nicht.« Sie musste sich zwingen, den Blick von ihm zu wenden. Als sie nach der Sessellehne tastete und sich unbeholfen setzte, rasten ihre Gedanken. Sie wusste nicht, was man in einem solchen Moment sagen, wie sie sich verhalten oder wer womit beginnen sollte. Sie kam sich vor wie ein fünfzehnjähriger Teenager bei seinem ersten Date. Und als ihr dieser Gedanke kam, beschloss sie, dass es aufregend war. Denn das war es.

Sie betrachtete seine Hände. Für einen Mann waren sie überraschend feingliedrig. Er trug weder einen Ehering noch sonst irgendeinen Schmuck. Sie hoffte, dass er kein Tattoo hatte, denn so etwas mochte sie nicht. Nun, dachte sie, wenn er sich auszieht, werde ich es sehen.

»Ja, ich bin unsicher«, meinte er.

»Warum?«, rutschte es ihr heraus.

»Stell dir vor, du erwartest einen Mann, den du noch nie zuvor gesehen hast. Der für dich bezahlt und der dir sehr nahe kommen wird. Und dann geht die Tür auf, und vor dir steht ein Hängebauchschwein mit dreckigen Fingernägeln und Doppelkinn.«

Sie konnte nicht anders, sie musste laut lachen.

»Siehst du«, meinte er und lehnte sich zurück.

»Ja, schon … aber ich habe keine dreckigen Fingernägel und auch kein Doppelkinn.«

»Wahrlich nicht.« Seine Augen blitzten. »Nein, du bist eine schöne Frau. Aber das konnte ich nicht ahnen.«

Er macht dir Komplimente, weil er Geld dafür bekommt, dachte sie. Aber jetzt, in diesem Moment in diesem Hotelzimmer, war ihr das vollkommen egal. Sie würde alles glauben, was ihr dieser Mann in den kommenden zwei Stunden sagte. Auch wenn es bezahlte Komplimente waren.

»Ich bin keine schöne Frau«, sagte sie, ehe sie es zurückhalten konnte.

»Es gibt hübsche Frauen, die mit oberflächlichem künstlichem Getue und getunten Körper meinen, schön zu sein. Aber Schönheit geht viel weiter. Sie ist geprägt von Blicken, Gesten, Bewegungen, der Ausstrahlung und dem Herzen einer Frau.«

Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Er ist ein Callboy, dachte sie. Warum zum Teufel kann er sich so ausdrücken?

»Du hast mich für zwei Stunden gebucht.«

»Ja«, antwortete sie und wischte unbewusst ihre feuchten Handflächen an ihrem Kleid ab. Ihr fiel etwas ein. Hastig kramte sie in ihrer Handtasche und fingerte einen Umschlag hervor.

»Nein«, sagte er halblaut.

»Aber ich dachte …«

»Ich möchte, dass du mich an diesem ersten Vormittag nicht bezahlst. Ich werde heute nicht mit dir schlafen.«

Verblüfft starrte sie ihn an. »Ich bin doch die Kundin …«, sagte sie lahm.

Er stand auf und kam zu ihr herüber. Eine Armlänge entfernt stand er vor ihr, und sie erhaschte einen Hauch von Joop. Ihr Puls beschleunigte sich. Was war mit diesem Mann? War er ein wenig verrückt? War er vielleicht sogar gefährlich? Nein, entschied sie sofort, das war er nicht. Obwohl sie ihn erst für Minuten kannte, spürte sie Vertrautheit und Sicherheit. Kurz blitzte das Bild von Jens vor ihrem geistigen Auge auf. Sie musste innerlich lachen. Wann habe ich das letzte Mal bei meinem Mann diese Gefühle gehabt?

»Steck es wieder ein«, sagte er ruhig. »Wenn dir dieser Vormittag etwas gebracht hat, dann bring es das nächste Mal wieder mit.«

Sie tastete nach ihrer Handtasche und verstaute den Umschlag mit seinem Honorar wieder. Als sie aufschaute, streckte er ihr seine Hände hin.

»Bitte gib mir deine Hände und steh auf.«

Sie versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen, versuchte, sich vorzustellen, was auf sie zukommen mochte, aber es gelang ihr nicht. Wie hypnotisiert ließ sie sich von ihm hochziehen. Vielleicht dreißig Zentimeter trennten sie nun voneinander, und als ihr bewusst wurde, dass sie seine Hände hielt, dachte sie unwillkürlich an ihre allererste Verabredung mit einem schüchternen Jungen namens Philipp. Er hatte noch nicht einmal versucht, sie zu küssen. Dieser Mann hier würde es tun. Sie wollte, dass er es tat. Verblüfft merkte sie, dass sie sich danach verzehrte, dass er es tat. In ihren Händen stieg Wärme auf, als würde ihr Blut von den Fingerspitzen zum Herzen laufen und nicht umgekehrt. Unsicher schaute sie ihn an.

Anstatt sie an sich zu ziehen, trat er einen Schritt zurück, ließ ihre rechte Hand los und drehte ihre linke so, dass sie in der seinen ruhte. Mit der anderen Hand kam er ganz nahe über ihren Handrücken und verharrte Millimeter über ihrer Haut. Sie wollte dem Drang nachgeben und nach unten schauen, um zu verfolgen, was er vorhatte, aber sie konnte sich nicht von seinem Gesicht lösen. Dann, ohne Vorwarnung, schien Strom durch ihre Hand zu fließen, und sie spürte wie sich die winzigen Härchen auf ihrem Handrücken aufrichteten. Es schien beinahe, als würden sie eine Verbindung zu diesem Mann suchen. Ihr Atem beschleunigte sich.

»Marie«, sagte er lächelnd, »wenn das, was du jetzt fühlst, nicht eingetreten wäre, dann hätten wir unsere Verabredung beenden müssen. Dann wäre es nicht weitergegangen.«

»Warum nicht?«, erwiderte sie ohne nachzudenken. »Du …« Fast hätte sie sich auf die Zunge gebissen, denn was sie hatte sagen wollen, schien ihr in diesem Moment nicht zu passen, obwohl es doch eigentlich auf der Hand lag.

»… nimmst Geld von den Frauen«, ergänzte er augenzwinkernd. »Da hast du recht, aber ich nehme nicht jede Frau.«

»Du suchst dir aus, mit wem du schläfst?«, fragte sie verblüfft.

»Tust du das nicht?«, fragte er zurück. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Natürlich hatte sie sich Jens ausgesucht. Vor fünfzehn Jahren. Aber sie hatte kein Geld genommen, um mit ihm zu schlafen. Plötzlich durchzuckten sie Gedanken an das Reihenhaus, den Zweitwagen, die Reisen und all die Dinge, die sie sich allein niemals hätte leisten können. Das ist etwas vollkommen anderes! Sie schüttelte den Kopf, doch in seinen Augen schienen sich ihre Gedanken zu spiegeln.

Immer noch schwebte seine Hand über der ihren.

»Es gibt Sympathie und es gibt Abneigung«, sagte er ruhig. »Wenn wir auf der Straße an jemandem vorbeigehen und ihn kurz anblicken, spüren wir sofort, ob wir diesen Menschen sympathisch oder abstoßend finden. Es gibt auch neutrales Empfinden, aber das würde nicht dazu führen, dass wir jemanden begehren.«

Das Hotelzimmer mit seinen überall auf der Welt gleichen Möbeln schien größer zu werden, zu verschwimmen, sich aufzulösen in Gedankenstrudeln, die sie durchfuhren.

»Du spürst, wie eine Verbindung zwischen uns entstanden ist?«

Sie nickte stumm.

»Die Anziehungskraft zwischen zwei Menschen wird nicht allein durch ihr Aussehen, ihr Verhalten, ihre Wirkung, ihre Sprache oder ihre gesellschaftliche Stellung bestimmt.«

Plötzlich senkten sich seine Finger auf ihre Hand und sie zuckte zusammen.

»Da ist noch mehr«, sagte er. »Legt man die Hände zweier Menschen nah beieinander, kann man elektrische Felder messen, die sich entweder abstoßen oder die aufeinander zukommen und verschmelzen wollen.«

»Plus und Minus …« Sie schaute auf seine Hände, und urplötzlich stieg ein Verlangen auf, das sie kaum bewältigen konnte.

»Ganz genau.« Er lächelte. Dann ließ er ihre Hand langsam los, und sie standen sich nah beieinander gegenüber, ohne sich zu berühren. »Ich glaube, es ist eine Aura. Sie geht wahrscheinlich weit über die Nähe hinaus, die du eben gespürt hast. Als ich die Tür aufgemacht habe und wir uns angeschaut haben, wusstest du, dass du nicht wieder gehen würdest.«

Lange standen sie sich gegenüber und sahen sich nur an. Alles hatte sie erwartet, mit allem gerechnet. Dass er eklig sein könnte, dass sie ihr Mut verlassen würde, dass sie es irgendwie machen und hinter sich bringen würde. Vielleicht auch, dass da einer war, der ihr die Illusion von Leidenschaft vermitteln würde. Aber was sie jetzt erlebte, schien nicht real. Das gab es nicht im wirklichen Leben. Doch sie wollte ihn. Mit allen Fasern ihres Körpers begehrte sie ihn. Unfassbar, dachte sie, ich begehre einen Prostituierten! Im selben Augenblick wehrte sie sich gegen dieses Wort. Doch was war er dann?

Seine Worte rissen sie aus ihren Gedanken.

»Ich weiß, dass du heute nicht viel Zeit hast. Du hast mich für zwei Stunden gebucht. Jetzt haben wir vielleicht noch anderthalb davon übrig. Möchtest du dich auf mich einlassen?«

Die Frage kam überraschend. Doch es gab für sie nur eine Antwort.

»Ja.«

»Ich möchte, dass du ins Badezimmer gehst. Geh in dieses langweilige Hotelbadezimmer und unter die Dusche. Ich habe dir ein Duschgel bereitgelegt, das du benutzen kannst. Nimm dir Zeit. Und wenn du fertig bist, ziehst du einen der Bademäntel an und kommst zu mir zurück.«

Ihr ging durch den Kopf, dass sie an diesem Morgen bereits extra lange geduscht hatte, denn wer begab sich schon ungepflegt zu einer Verabredung, die auf Sex hinauslaufen würde. Doch dann sagte sie sich, dass das vermutlich immer so ablaufen würde. Man duschte davor und danach. Andererseits … er wollte doch gar nicht mit ihr schlafen.

»Okay. Dann geh ich mal.«

Sie musste sich beinahe zwingen, um sich von seiner Nähe zu lösen und ins Bad zu gelangen. Sie spürte seinen Blick auf ihrem Rücken ruhen, als sie die Badezimmertür aufzog und in die nüchterne Umgebung des funktionalen Hotelbades eintauchte. Als die Tür hinter ihr ins Schloss fiel, erblickte sie eine Frau im Spiegel, die sie schon lange nicht mehr gesehen hatte. Gerötete Wangen ließen sie wie ein junges Mädchen aussehen, was ihre etwas durcheinandergeratenen Haare noch betonten. Mist! dachte sie, ich habe meine Handtasche vergessen. Sie hatte sich nach dem Duschen noch einmal dezent schminken und etwas Parfum auftragen wollen, aber noch einmal zurück ins Zimmer wollte sie nicht.

Na, dann wollen wir mal …

Sie öffnete den Reißverschluss ihres Kleides und ließ es langsam zu Boden gleiten. Da es ein kühler Oktobertag war, trug sie über ihrem BH noch ein mit winziger Spitze besetztes Unterhemd. Sie zog auch dieses aus und ließ es achtlos fallen. Sekundenlang betrachtete sie sich im Spiegel. Würde er sie gut genug finden, um sie zu begehren? Würde überhaupt noch irgendein Mann sie gut genug finden? Hör auf! dachte sie ärgerlich. Du siehst immer noch ganz gut aus. Unbewusst glitten ihre Finger über ihre Brüste und den Bauch bis über ihre Hüften. Würde ich mit mir schlafen? Ihre Mundwinkel umspielte ein Lächeln bei dem Gedanken.

Auf der Ablage entdeckte sie eine dunkelblaue Tube mit dem Duschgel, das er für sie bereitgelegt hatte. Neugierig nahm sie die Tube in die Hand, drehte den Verschluss auf und roch daran. Der Duft war nicht sonderlich intensiv, aber er gefiel ihr. Sie löste ihren BH und schlüpfte aus dem Slip. Nackt stand sie da, und eine Gänsehaut nach der anderen überzog ihren Körper. Im Spiegel fixierte sie die Badezimmertür hinter sich. Würde er jetzt, in diesem Moment, hereinkommen? Würde er sie wortlos über das Waschbecken legen und sie von hinten nehmen? Was denke ich da? grinste sie. Es war ein verruchter Gedanke, den sie noch niemals zuvor gehabt hatte, aber er gefiel ihr. Während sie an Jens und den Allerweltsex dachte, den sie mit ihm hatte, wickelte sie die Plastikhaube aus der Verpackung und verstaute ihre Haare darunter. Auch die Bürste befand sich in ihrer Handtasche, aber das war nicht zu ändern. Sie würde so zu ihm ins Zimmer gehen wie sie war. Ungeschönt. Und sie glaubte zu wissen, dass er es genauso wollte.

Sie schlüpfte in die Duschkabine und stellte den Strahl so heiß ein, dass sie es gerade noch aushielt. Neugierig öffnete sie die blaue Tube und begann, sich mit dem Gel einzureiben. Sie drückte den Brausekopf etwas herunter, damit das Wasser nicht gleich alles wieder abspülte und ließ das Gel einwirken.

Sie schloss die Augen. Wasserdampf füllte die Duschkabine und bald darauf das ganze Bad. Die Sekunden vergingen, und je länger sie in dieser Dusche stand, desto mehr schien sich in ihrem Innern etwas zu lösen. Flüchtig schossen ihr Gedanken an ihre Kinder, ihren Mann, an ihr routiniertes Leben durch den Kopf. Doch einer nach dem anderen löste sich auf, fiel nach hinten weg. Sie stand da und begann, das Gel auf ihrer Haut zu verteilen. Sie streichelte ihren Bauch, ihre Finger wanderten zu ihren Brüsten, strichen um ihren Hals, ihre Seiten, dann hinunter zu ihrem Po. Ihre Gedanken schweiften zu ihm. Was tat er jetzt? Stand er am Fenster und blickte auf die Straße? Hatte er sich in einen der Sessel gesetzt? Oder hatte er sich ausgezogen, ins Bett gelegt und wartete auf sie? Sie stellte sich vor, dass sie, so wie sie war, triefend nass und voll unglaublicher Anspannung, zu ihm gehen, sich an ihn pressen und ihn in sich spüren würde wie sie noch nie einen Mann in sich gespürt hatte.

Ein Zittern durchlief ihren Körper. Schwindel erfasste sie, und beinahe widerwillig öffnete sie die Augen, um sich an der Duschstange festzuhalten. Dort, wo sie sich eingecremt hatte, kribbelte ihre Haut, als wäre ihr Körper elektrisch geladen. Sie wollte zu diesem Mann. Jetzt.

Sie stellte sich unter den heißen Strahl und wusch das Gel von ihrem Körper. Zum Schluss drehte sie das kalte Wasser auf und hielt die Luft an. Als sie fertig war, angelte sie sich ein Badehandtuch vom Haken und rubbelte sich ab. Der Spiegel war derart beschlagen, dass sie eine Weile wischen musste, um sich darin zu erkennen. Sie lächelte ihrem Spiegelbild zu. Du bist bereit, lächelte sie und befreite sich von der Duschhaube. Sie schüttelte ihre Haare auf und griff nach ihrem Slip. Dann fiel ihr ein, dass sie einen Bademantel anziehen sollte. Sie nahm sich einen der beiden bereithängenden Frotteemäntel, zog ihn sich über und zog den Gürtel fest.

Sie war bereit. Für alles, was auch immer kommen mochte. Sie fühlte sich als Frau, bewusst und selbstbewusst.

Sie verließ das Bad und machte zwei Schritte in das Zimmer hinein. Er hatte das Zimmer abgedunkelt, die Vorhänge zugezogen, und nur ein Lichtspalt, der mal größer, mal kleiner wurde, weil sich der Vorhang noch immer leicht bewegte, tauchte den Raum in fahlgelbes, sanftes Licht. Sie registrierte, dass die Tagesdecke nicht mehr auf dem Bett, sondern zusammengefaltet über einem der Sessel lag. Die beiden Bettdecken lagen übereinander wie eine Einladung zum Hineinsinken. Mit ihren nackten Füßen stand sie da, und auch, wenn sie wenige Sekunden zuvor noch voller Selbstbewusstsein diesen Moment erwartet hatte, so begann ihr Herz mit einem Mal erneut wie wild zu schlagen.

Dann stand er hinter ihr.

Sie wusste es, obwohl sie nicht einen Laut vernommen hatte. Ihr Verlangen, sich umzudrehen, war übermächtig, aber sie tat es nicht. Er berührte sie nicht, aber sein Atem streifte ihren Hals. Sie hielt die Luft an.

»Die Aura«, sagte er leise. »Du spürst sie, obwohl du einen dicken Bademantel trägst. Hast du gewusst, dass es Menschen gibt, die nur Kraft ihrer Gedanken zum Höhepunkt kommen können?«

Sie sah das Bett, die schwere Übergardine, den unpersönlichen Schreibtisch mit dem obligatorischen Notizblock und dem billigen Stift, den Kunstdruck an der Wand und die Sitzecke und wusste, dass sie den Anblick dieses Zimmers nie mehr aus ihrem Kopf würde verbannen können.

»Nein, das wusste ich nicht …« Ihre Antwort kam wie ein Hauch.

»Schließ die Augen. Mach sie erst dann wieder auf, wenn du gehen musst.«

»Ich …«

»Keine Angst, ich werde dir rechtzeitig Bescheid sagen. Aber du musst die Augen geschlossen halten, die Zeit vergessen, jeden Gedanken an das, was außerhalb dieses Zimmers ist, verdrängen. Dein Denken muss aufhören. Nimm das, was geschieht, mit den Sinnen auf, nicht mit dem Geist. Und vertrau mir.«

Sie schloss die Augen und lehnte ihren Kopf leicht zurück. Was hatte er vor? Was würde er jetzt tun? Die Spannung in ihr wurde beinahe unerträglich.

»Zieh deinen Bademantel aus und dann warte einen Moment.«

Sie schluckte. Gleich würde er sie vollkommen nackt sehen. Das ist unfair, dachte sie. Ich habe ihn doch gebucht, nicht er mich. Er müsste sich für mich ausziehen, nicht umgekehrt. Doch dann kamen ihr seine Worte in den Sinn. Das Denken muss aufhören …

Obwohl sie nichts sehen konnte, stand das Bild des Zimmers noch immer vor ihrem geistigen Auge. Und das des Bettes. Langsam entknotete sie den Gürtel. Dann zog sie den Bademantel aus und ließ ihn hinter ihrem Rücken zu Boden fallen. Ein Frösteln überzog ihren Körper. Sie konnte fühlen, wie sich ihre Brustwarzen aufrichteten.

Sekundenlang geschah nichts. Sie vernahm nicht das kleinste Geräusch außer ihrem eigenen Atem und das Pulsieren ihres Herzschlags. Was geht in ihm vor? dachte sie.

»Gib mir deine Hand.«

Sie zuckte zusammen. Behutsam ergriff er ihre Hand und führte sie zum Bettrand. Mit aller Gewalt unterdrückte sie den Impuls, die Augen aufzumachen und ihn anzuschauen.

»Leg dich auf den Rücken, die Arme locker an deinen Körper und deine Beine ein wenig auseinander.«

Ihr wurde heiß. So viele Jahre hatte kein Mann außer Jens sie so gesehen, und nun entblößte sie sich einem vollkommen Fremden auf eine Art, die sie noch vor kurzer Zeit niemals in Betracht gezogen hätte. Aber sie war es, die ihn angeschrieben hatte, und sie war es, die sich in dieses Zimmer begeben hatte. Sie erlebte etwas Unbekanntes, etwas nie Erlebtes, nie Gekanntes. Und sie ließ sich darauf ein. Langsam setzte sie sich auf das Bett, schwang die Beine über die Kante und legte sich auf den Rücken. Sie bettete ihre Arme rechts und links neben ihren Körper, die Handflächen nach unten, als wäre sie am Strand und würde sich sonnen. Sie fühlte sich nackt und ausgeliefert wie noch nie in ihrem Leben. Doch zugleich sendete ihr Körper warme Ströme in jeden Winkel ihrer Haut.

»Öffne deine Beine noch ein wenig mehr.«

Sie fühlte Scham in sich aufsteigen, als sie ihre Beine noch um ein Stück weiter auseinander legte. Dann fühlte sie, wie er sich neben sie setzte, und ihr Herz setzte einen Moment lang aus.

Noch einmal füllte seine leise und warme Stimme den Raum. »Du musst dir über nichts Sorgen machen. Du musst dich weder dafür schämen, dass du neben mir liegst und ich dich ansehen kann, noch darfst du an etwas anderes denken als an das Fühlen deines Körpers. Und wenn du spüren kannst, was an Empfindungen möglich ist, wird deine Seele diese Empfindungen aufnehmen und nie wieder hergeben.«

Sie genoss den Klang seiner Stimme. Sie sah sich auf diesem Hotelbett neben ihm liegen, betrachtet wie von Ferne.

»Zuerst musst du dich vollkommen entspannen. Konzentriere dich dabei auf jeden Teil deines Körpers und entspanne ihn bewusst. Es ist seltsam: Wenn wir im Bett liegen, denken wir, wir sind entspannt – aber das sind wir nicht. Ich werde gleich nichts mehr zu dir sagen. Ich merke es, wenn du entspannt sein wirst. Ich werde dich nicht berühren und nichts mit dir machen. Du kannst dich ganz auf dich konzentrieren. Nimm alle anderen Gedanken und leg sie neben dich auf das Kopfkissen. Beginne mit deinen Zehen und sag ihnen, sie sollen schwer werden. Dann die Füße, die Beine und immer weiter, bis auch dein Kopf zurücksinkt. Wirklich zurücksinkt. Wenn du das erreicht hast, denk an das, was du von mir wolltest, und du wirst es bekommen.«

Sie wartete darauf, dass er noch etwas sagen würde, aber das tat er nicht. Sie holte behutsam Luft. Flüchtig dachte sie daran, wie spät es jetzt wohl sein mochte, aber dann verscheuchte sie den Gedanken und beschloss, die kommenden Minuten einfach nur in sich aufzunehmen. Um ihren Muskeln auch die letzte Spannung zu nehmen, begann sie, sich ihren Körper vorzustellen. Vor ihrem inneren Auge betrachtete sie die Zehen und Füße, stellte die Verbindung zum Bett her, auf dem sie ruhten, und als sie so weit war, fühlte sie den Kontakt zwischen dem Laken und ihren Fersen. Ganz bewusst befahl sie ihren Füßen, schwer zu werden und in das Laken einzusinken. Dann konzentrierte sie sich auf die Beine, und mit einem Lächeln fühlte sie, wie auch sie schwer wurden und regelrecht nachgaben. Wie kann man schwerer werden, wenn man doch schon liegt? fragte sie sich. Doch der Gedanke lenkte sie ab, und sie musste noch einmal von vorn beginnen.

Langsam und beständig entspannte sie sich. Ihr Körper wurde schwer und leicht zugleich und eine nie gekannte Ruhe kehrte in ihr ein. Sie legte all die Aufgaben, den Lebensfrust, die Verpflichtungen, ihre Sorgen, ihre Kinder und Jens neben sich aufs Kopfkissen und entfernte sich von ihnen. Sie befreite sich von allem.

Minute um Minute verging. Kleine Punkte und Schlieren vor ihren Augenlidern spielten mit ihrem Geist, aber sie ließ sich nicht ablenken. Sie war frei von allem. Sie wurde sich dessen bewusst, dass sie eine Frau war und dass sie jede Faser ihres Körpers neu entdeckte.

Und dann begann sie, ihn zu spüren.

Eine fast unmerkliche Verlagerung seines Gewichts auf dem Bett zeigte ihr, dass er sich bewegte. Es war ihr unmöglich, sich weiterhin abzuschotten. Ihre Gedanken fokussierten sich klar und deutlich auf ihn. Sie stellte sich vor, wie er neben ihr saß, sie mit Blicken begehrte, sich über sie beugte und küsste. Doch nichts davon trat ein. Aber sie spürte ihn, spürte die leise, nahezu unmerkliche Veränderung der Temperatur an den Innenseiten ihrer Unterschenkel. Irgendetwas befand sich zwischen ihren Beinen und strahlte Wärme ab. Was macht er? fragte sie sich. Und dann sah sie es, ohne die Augen aufzumachen. Es ist seine Hand!

Lange Sekunden vergingen, in denen die Wärme stetig zuzunehmen schien. Ihre Beine drängten zu seiner Hand, aber sie blieben in süßer Schwere liegen. Mit einem Mal veränderte sich das Gefühl. Die Haut ihrer Oberschenkel zog sich unmerklich zusammen, als seine Hand nach oben zu wandern schien und die Innenseiten ihrer Beine seine Bewegung nachverfolgten. Tausend winzige Impulse erzeugten eine Gänsehaut. Die sexuelle Spannung, die sie erfüllte, als er sich ihrem Schambereich näherte, war unglaublich intensiv. Sie spürte wie sie sich einen Hauch öffnete, und ohne dass sie es verhindern konnte, entfuhr ihr ein Seufzer. Doch er hielt nicht inne, sondern wanderte hinauf zu ihrem Bauch. Sie atmete jetzt schwerer, und winzige Schweißperlen bildeten sich auf ihrer Haut. Das Gefühl, das sie übermannte, war so einmalig, dass es sich einbrannte in ihre Sinne. Ihr Bauch wurde warm, doch die Wärme blieb nicht nur an dieser Stelle, sondern schien an den Seiten hinabzufließen bis zu ihrem Rücken. Doch sie kroch noch weiter hinauf, entfachte erst ihre eine und dann ihre andere Brust. Der Hof um die Brustwarzen zog sich zusammen, und in einem noch nie gekannten Gefühl schoss ein heißer Strahl die Nervenbahnen von ihnen herab bis in ihren Schoß.

Ihr Atem ging jetzt stoßweise. Sie wollte Hände auf sich fühlen, einen Mann in sich aufnehmen, ihre Finger in seinen Rücken krallen und die Lust sie überwältigen lassen. Sein jetzt für sie unfassbares Versprechen, sie nicht anzurühren, durfte er nicht halten, nein, sie wollte mehr, und zwar jetzt! Jetzt!

Seine Hand griff nach ihrer und hielt sie fest. Sanft strichen seine Finger über ihren Handrücken.

Mehrere Minuten vergingen, ohne dass ein Wort fiel. Langsam beruhigte sich ihr Atem. Ihren Körper durchliefen Wellen von Strom von den Zehen bis zu ihrer Kopfhaut. Sie hatte das Gefühl, durch das Bett zu sinken, Stockwerk für Stockwerk durch das Hotel und durch die ganze Erde. Alles war ihr egal, nur dieser Moment nicht. Sie hielt sich an ihm fest, gab ihn nicht mehr her. Und als sie wieder klar denken konnte, wusste sie, dass sie ihn auch nicht mehr hergeben brauchte.

Sie öffnete die Augen und blickte in sein lächelndes Gesicht. Nichts außerhalb dieses Raumes war mehr von Bedeutung. Ihr Leben schien angehalten zu haben.

»Hast du etwas empfunden?«, fragte er, und seine Augen verrieten, dass er wusste, dass sie das hatte.

»Ich habe mehr empfunden als je zuvor in meinem Leben«, erwiderte sie leise. »Kann ich dich mit nach Hause nehmen?«

Sie lachten beide, und er drückte ihre Hand. Ihr wurde klar, dass der Bann gebrochen war. Sie spürte das Verlangen, sich aufzurichten und ihn zu umarmen. Doch sie unterließ es. Heute noch nicht, dachte sie. Der Widerspruch zwischen der zuvor durchlebten Intimität und diesem Gedanken konnte nicht größer sein. Aber es würde ein nächstes Mal geben, und dieses nächste Mal formte sich bereits jetzt in ihrem Kopf.

Sie zog ihre Hand aus der seinen, drehte sich auf die Seite und warf einen Blick auf die Leuchtziffern des digitalen Hotelweckers. Der Anblick der Uhrzeit holte sie auf schmerzhafte Weise zurück in die Welt.

»Ich muss meine Kinder abholen.«

»Ich weiß.«

Erstaunt drehte sie sich wieder zurück zu ihm. »Wie kannst du das wissen?«

»Na ja, du buchst mich von zehn bis zwölf Uhr vormittags. Die Chance, dass du verheiratet bist und Kinder hast, ist daher sehr groß. Singlefrauen würden den Abend wählen. Ich nehme an, du wirst deine Kinder jetzt von der Schule abholen.«

Sie nickte. »Ja. Ich habe zwei Mädchen, acht und zehn Jahre alt.«

»Sie sind das, wofür du im Moment lebst.«

Er sagte das mit einer Selbstverständlichkeit, dass es ihr durch und durch ging. Die Wahrheit. Es war die schlichte und zugleich erschreckende Wahrheit. Ihr gingen tausend Antworten zugleich durch den Kopf, aber heraus kam nur eine.

»Ja.«

Mit beinahe unmenschlicher Überwindung zwang sie sich, aufzustehen, ihre Handtasche vom Sessel mitzunehmen und ins Bad zu gehen. Sie musste lachen, als sie in den Spiegel sah und eine nackte Frau erblickte, die mit einer Handtasche über dem Arm dastand und unverkennbar nach wildem Sex aussah.

Dabei hatte ich alles andere als wilden Sex, dachte sie. Aber ich spüre ihn noch immer. Ich muss ihn wiedersehen. Wann kann ich ihn wieder buchen?

Sie seufzte und begann, sich frisch zu machen. Sie zog die überall im Bad verstreuten Sachen wieder an, bürstete sich die Haare, und anstatt sie zu einem Zopf zu binden, beschloss sie, sie weiterhin offen zu tragen.

Ich werde ab heute anders sein, dachte sie. Sie blickte sich noch einmal um, ob sie auch nichts vergessen hatte. Aus einem Impuls heraus steckte sie die blaue Tube Duschgel ein. Dann zwinkerte sie ihrem Spiegelbild noch einmal zu und verließ das Bad.

Er hatte den Vorhang wieder aufgezogen und das Zimmer war lichtdurchflutet. Mit einem Mal war es wieder ein Hotelzimmer. Er wartete mit ihrem Mantel in der Hand auf sie, und mit einem Anflug von Traurigkeit ließ sie sich hineinhelfen.

Unbeholfen gab sie ihm die Hand zum Abschied. Alles in ihr schrie danach, ihn zu küssen, ihn an sich zu ziehen und seinen Geruch mitzunehmen.

»Ich möchte dich noch einmal buchen«, sagte sie leise.

»Ich glaube, du kennst meine Website«, lächelte er.

Als die Hotelzimmertür mit einem brutal lauten Klick ins Schloss fiel, fühlte sie einen Stich im Herzen. Aber zugleich verspürte sie eine unbekannte Leichtigkeit. Ein Glücksgefühl, von dem sie wusste, dass es so schnell nicht wieder verklingen würde. Sie würde ihn wieder buchen. Gleich heute Abend, dachte sie. Nein, das ist zu früh. Was soll er denken? Aber war es nicht egal, was er dachte? Er war ein Mensch, den man kaufte, und nichts, was sie tat, würde ihn wundern. Zumindest würde er es sich nicht anmerken lassen. Dann schüttelte sie den Kopf. Er hat mich nicht gekauft. Er hat mein Geld nicht genommen. Erst beim nächsten Mal. Ihr ging auf, dass er ganz genau wusste, dass sie ihn ein zweites Mal buchen würde. Denn er ist unbezahlbar, lächelte sie.

Beschwingt machte sie sich auf den Weg zum Fahrstuhl. Als er im 14. Stock ankam und sich seine Türen öffneten, befand sich bereits jemand darin, den sie gut kannte. Sie stieg ein und wartete, bis sich die Türen schlossen. Dann drehte sie sich um und blickte dem Jemand fröhlich in die Augen.

»Er war gut«, sagte sie zu dem Zimmermädchen. »Verdammt gut.«

Jana

Als sie aus der Drehtür des Hotels ins Freie trat, tat sie dies selbstbewusst und mit der Haltung einer Frau, die sich nicht dumm ansprechen lassen würde. Die nüchterne Umgebung, die geprägt war vom grauen Einerlei weiterer Betonbauten, ärgerte sie nicht. Im Gegenteil, sie blickte in den Himmel und sog die kühle Oktoberluft ein, als würde sie gerade einen langen und schönen Urlaub antreten. Lächelnd dachte sie daran, wie doch zwei Stunden das Leben und die Denkweise verändern konnten. Kurz vor zehn, als sie das Hotel betreten hatte, hatte sie dies scheu und mit schlechtem Gewissen getan, hatte sich umgeschaut und gefürchtet, dass sie jederzeit von einem Bekannten überrascht würde. Nach der Begegnung mit diesem Mann war ihr das vollkommen egal. Aufmüpfig dachte sie daran, dass sie regelrecht herbeiwünschte, dass sie jemand fragte, was sie in dem Hotel zu suchen hatte.

Ich werde etwas ändern müssen, dachte sie. Nein, nicht ändern müssen, sondern ändern. Ich musste erst 40 Jahre alt werden, um das zu erleben. Noch einmal vierzig Jahre werde ich nicht warten.

Sie blickte die Fassade des Hochhauses empor und stellte ihn sich hinter einem dieser vielen Fenster vor. Es gab ihr einen Stich, als sie daran dachte, ob er wohl für heute fertig war oder eine weitere Frau erwartete. Bist du verrückt? durchfuhr es sie. Ich werde ihn in meinem Leben nur stundenweise haben. Und ich werde ihn mit anderen Frauen teilen müssen. Ob er das, was ihr widerfahren war, wohl bei jeder Frau auslöste? Sie schüttelte den Kopf. Das konnte sie sich nicht vorstellen.

Ein Blick auf die Uhr verriet ihr, dass sie schon viel zu spät dran war. Sie beeilte sich, zu ihrem Wagen zu kommen, den sie eine Seitenstraße weiter abgestellt hatte.

Sophie und Jasmin warteten bereits an der Straßenecke, wo sie immer warteten. Auf der Fahrt nach Hause beobachtete sie ihre beiden Kinder im Rückspiegel. Sie plapperten in einer Tour, und auch, wenn es sonst auch einmal nerven konnte, so genoss Marie heute den Geräuschpegel während der Heimfahrt. Während sie ab und zu ein Ja, das ist ungerecht, da habt ihr recht oder Frau Müller ist halt so, das wisst ihr doch beitrug, so drifteten ihre Gedanken doch immer wieder ab.

»Hey, Mama!«

»Hm.«

»Deine Haare sind heute so toll wuschelig!«

Marie musste lachen. »Ja, und ich trage sie jetzt immer so!«

Sie genoss das Herumalbern mit ihren Kindern. Doch während sie nach Hause fuhr, wusste sie, dass es etwas gab, das sie nicht genießen würde. Jens.

Als sie die Haustür aufschloss und den Flur betrat, musste sie einen Moment innehalten. Die Kinder feuerten ihre Schulmappen in die nächste Ecke, Schuhe und Jacken flogen hinterher, doch diesmal rief sie ihre Mädchen nicht zur Ordnung. Sie wartete, bis die beiden die Treppe hoch getrampelt und in ihren Zimmern verschwunden waren. Nachdenklich stand sie in der halb offenen Tür und betrachtete das Chaos im Flur. Vor zehn Jahren, als Jasmin geboren wurde, hatten sie sich dieses Reihenendhaus gekauft und zu einem großen Teil zu den damals noch hohen Zinsen finanziert. Es würde noch weitere zwanzig Jahre dauern, bis sie es abgezahlt haben würden. Das Mittelhaus wäre billiger gewesen, aber Jens hatte gemeint, besser nur einen direkten Nachbarn als zwei. Sie gestand sich ein, dass er zumindest damit recht gehabt hatte, aber die Kehrseite war ein weitaus größerer Garten. Am Anfang hatte es ihm noch Spaß gemacht, ihr zu helfen, aber schon nach kurzer Zeit blieb die gesamte Arbeit bis auf das Rasenmähen an ihr hängen. Und nicht nur draußen, dachte sie verbittert. Haushalt, Kinder, Garten, Einkauf, all das war in stillschweigender Übereinkunft ihr Part. Was sollte sie auch dagegen sagen. Es war ihr Job. So betrachtete sie ihren Anteil an der Ehe. Natürlich hatte sie ihre Arbeit aufgegeben, als Jasmin unterwegs war. Und dann den Gedanken, sie wieder aufzunehmen, als sich bald darauf Sophie ankündigte.

In diesem Augenblick, als sie dort im Flur stand, wurde sie sich das erste Mal bewusst, was sie alles leistete. Es war nicht nur ein Job, der Anerkennung forderte, jedoch nicht bekam. Es war eine Aufgabe, die morgens um sechs Uhr dreißig begann und abends um zwanzig Uhr dreißig endete, wenn Sophie und Jasmin nach dem letzten Aufbegehren endlich im Bett lagen. Jens ging um halb acht aus dem Haus und kehrte gegen achtzehn Uhr zurück. Und war dann fix und alle, wie er sich ausdrückte. Er wechselte seinen Anzug gegen Sweatshirt und Jogginghose und machte es sich bequem.

Maries Blick fiel auf seine Hausschuhe, die die lächerliche Figur, die ihr Mann nach Feierabend abgab, noch komplettierten. Hausschuhe mit Dackelgesicht.

Plötzlich packte sie ein Wutanfall. Sie griff sich die ausgeleierten Dinger und warf sie draußen in die Mülltonne. Nach dieser Befreiung kehrte sie ins Haus zurück, knallte die Tür zu und begann, für sich und die Kinder Essen zu machen.

Während des Mittagessens und der Hausaufgaben mit den Kindern war sie so unkonzentriert, dass es weit länger dauerte als sonst. Als das erledigt war, hatte sie noch eine halbe Stunde Zeit, bevor sie ihre Mädchen zum Sportkurs fahren musste. Sie setzte sich auf die Couch und griff sich ihr Tablet. Bevor sie ins Internet ging, zögerte sie einen Moment. Dann führte sie entschlossen ein paar Befehle aus und änderte das Zugriffskennwort. Normalerweise nutzte ihr Mann sein eigenes Tablet, aber sie war sich nicht sicher, ob er nicht ab und zu mal in ihrem herumschnüffelte. Sie wusste, wie man den Verlauf löschte und nahm sich vor, die Einstellung vorsichtshalber noch so zu ändern, dass es in Zukunft bei jedem Beenden automatisch geschah.

Zuerst wollte sie ihre Mails abrufen, aber wie von selbst gaben ihre Finger die Website des Mannes ein, der ihre Gefühlswelt vor ein paar Stunden durcheinandergebracht hatte. Als sich die Seite aufbaute und sie sein Gesicht betrachtete, kam sie sich vor wie ein Schulmädchen, das auf die Freundschaftsanfrage eines Jungen antworten sollte. Ihre Finger spielten mit der Maus und zwangen den Cursor auf den Link Zur Buchung. Lange starrte sie auf das Kontaktformular, in das man den gewünschten Tag und die Uhrzeit eintragen musste, wenn man ihn buchen wollte. Dann schüttelte sie den Kopf und verließ die Website.

Heute noch nicht, dachte sie energisch und bedauernd zugleich. Sie würde ihn buchen. Ganz sicher. Aber nicht heute und nicht morgen. Sie fuhr den Computer herunter und brachte ihre Kinder zum Sportkurs.

Als sie anderthalb Stunden später vor der Turnhalle auf ihre Mädchen wartete, schrieb sie ihrer besten Freundin eine SMS. Ich muss dich heute Abend unbedingt sehen. Halb neun bei Antonio?

Was ist los? kam es zurück.

Privat.

Oh, klar, ich komme.

Kurz nach sechs kam Jens nach Hause. Marie stand in der Küche und bereitete das Abendbrot für die Kinder vor. Als sie den Schlüssel im Schloss hörte und die darauffolgenden üblichen Montag- bis Freitaggeräusche, die ihr Mann veranstaltete, wenn er zuerst seine Sachen umständlich aufhing, dann auf die Gästetoilette ging und zum Schluss die Haustür abschloss, bildete sich ein Kloß in ihrem Magen. Vor vierzehn Jahren hatte sie sich in diesen Mann verliebt, war mit ihm über Wiesen getollt, durch Bars und Discos gezogen, hatte abenteuerliche Reisen mit ihm durchlebt und gedacht, das ist der Richtige. Der für immer. Heute sah sie das anders. Und das lag nicht an dem Vormittag im Hotel. Das wusste sie bereits seit Jahren, doch heute war ein Bruch entstanden.

»Hast du meine Hausschuhe gesehen?«

Sie lachte lautlos in sich hinein. Ja, dachte sie, im Nimmerwiedersehenland! Er kam in die Küche und wollte ihr einen Kuss geben, aber sie verweigerte ihm ihren Mund und hielt nur die Wange hin.

»Ich habe sie weggeworfen.«

»Du hast sie was?«

»Weggeworfen. In den Mülleimer geschmissen. Verschwinden lassen. Entsorgt.«

Sie konnte sein entgeistertes Gesicht sehen, obwohl sie mit dem Rücken zu ihm stand.

»Warum das denn? Die waren doch noch gut.«

»Jens, ich habe sie gehasst. Sie waren abartig und hässlich wie nichts sonst auf der Welt. Sie haben dich zu einem lächerlichen Tölpel gemacht, und es war mir verdammt peinlich, wenn du die Dinger getragen hast, wenn Besuch kam.«

Einige Sekunden vergingen in unangenehmem Schweigen. Dann hörte sie, wie er an den Kühlschrank ging und sich ein Bier herausnahm.

»Warum hast du nichts gesagt?«, grummelte er.

»Das weiß ich auch nicht«, erwiderte sie und platzierte die Brote für die Kinder auf ihren Tellern. »Aber in Zukunft werde ich dir alles sagen, was mich stört.«

»Hast du irgendwas?«, fragte er irritiert. »Hast du einen schlechten Tag gehabt? Hat dich irgendwer geärgert?«

Nein! wollte sie schreien. Im Gegenteil! Ich hatte einen tollen Tag! Ich hatte einen Mann, der mir gezeigt hat, was im Leben möglich ist, und ich hatte einen Mann, der keine Dackelpantoffeln trägt! Aber sie unterdrückte den Impuls, griff sich die Teller und drückte sich an ihm vorbei ins Wohnzimmer, wo sie das Abendbrot für ihre Töchter auf den Esstisch stellte.

»Übrigens, ich treffe mich heute Abend mit Jana.«

»Ach, gut, dass du mir das jetzt schon sagst.«

»Keine Sorge, die Kinder bringe ich vorher noch ins Bett.«

»Was hat sie denn? Hat sie Probleme zu Hause?«

Marie biss sich auf die Zunge. Am liebsten hätte sie ihn angebrüllt: Nein, ich habe Probleme zu Hause! Aber sie riss sich zusammen.

»Nein, nicht, dass ich wüsste. Wir wollen halt mal wieder quatschen.«

»Na, dann viel Spaß.«

Sie hörte, wie er ins Wohnzimmer schlurfte und kurze Zeit später, wie der Fernseher anging. Sie stützte sich mit den Händen auf dem Spülbecken ab und schaute aus dem Küchenfenster auf die Straße, wo gerade eine Nachbarin ihre zwei Hunde ausführte. Ein leichter Dunst hatte sich auf den Abend gesenkt und verlieh der Gaslaterne vor ihrem Haus einen Hof. Romantisch, dachte sie, ein Wort, das Jens nicht mehr kennt.

Nach den Abendritualen mit den Kindern zog sie sich um, ließ sich von Jens auf die Wange küssen und machte sich auf den Weg zu Jana. Als sie die Haustür ins Schloss zog, kam es ihr vor wie das letzte Mal. Aber sie wusste, dass es das nicht sein würde.

Noch nicht.

*

Ihre Freundin rutschte auf ihrem Stuhl herum wie ein aufgeregtes Schulmädchen.

»Nun sag schon, was ist los? Du kannst mich doch nicht so lange zappeln lassen!«

Sie saßen bei ihrem Lieblingsitaliener an einem der kleinen Tische in einer Nische im hinteren Teil des Restaurants vor ihren Speisekarten und hatten Antonio, den Inhaber der Pizzeria, nett, aber bestimmt abgewimmelt, damit er nicht eine seiner ausschweifenden Reden begann. Marie hatte für sie zwei Prosecco-Aperol bestellt, was ihre Freundin noch aufgeregter machte, denn mit Alkohol ging sie sonst sehr zurückhaltend um. Lächelnd tat Marie so, als vertiefte sie sich in die Speisekarte.

»Hey!«

»Ja, ja, nun lass uns doch erst mal was bestellen.«

»Ich bestelle eine Auskunft!«

Marie musste lachen. »Die kriegst du ja auch.«

Jana lehnte sich zurück und verschränkte in gespieltem Ärger die Arme vor der Brust. »Ich würde dich niemals so lange warten lassen. Lass mich raten: Du hast einen Lover!«

Marie zuckte zusammen, und als Jana ihren Gesichtsausdruck sah, wurde sie ernst und beugte sich zu ihr über den Tisch.

»Getroffen?«, fragte sie leise. »Und du willst endlich Jens verlassen? Mein Gott, wer ist es? Wie sieht er aus? Was macht er? Wo hast du ihn getroffen?«

Marie seufzte. »Ja … nein … vielleicht … ach, ich weiß nicht. Es ist ganz anders, als du glaubst.«

Als Antonio mit ihren Gläsern kam und sie nach ihren Essenswünschen fragte, bekam er nur ein geistesabwesendes Wie immer zur Antwort. Grinsend nahm er ihnen die Karten ab.

»Ah, ich verstehe. Streng geheime Frauengespräche.«

»Si«, machte Jana. »Nur für Frauen. Und du bist ein Mann. Ziemlich viel los heute Abend, findest du nicht?«

Antonio kapitulierte und zog sich zurück. »Oh ja, sehr viel. Ich habe leider keine Zeit, mit schönen Frauen zu reden. Antonio muss nun gehen.«

Mit einem verschmitzten Lächeln verzog er sich hinter den Tresen und gab die Bestellung durch die Öffnung in der Mauer an die Küche weiter. Jana zuckte die Schultern.

»Also einen Italiener würde ich nicht nehmen. Na ja, vielleicht für ein- oder zweimal.«

Sie mussten beide lachen, aber Marie wusste, dass sie ihre Freundin nicht länger auf die Folter spannen konnte. Lange hatte sie mit sich gerungen, ob sie ihr überhaupt von ihrem Erlebnis im Hotel erzählen sollte. Sie hätte das Thema immer noch auf ihre Probleme mit Jens lenken können, aber Jana wusste über den Zustand ihrer Beziehung Bescheid. Nur das Vorhaben, sich zu trennen, hätte sie überrascht, aber soweit war Marie noch nicht. Sie beschloss, ihr alles zu erzählen. Jana würde nie irgendetwas weitertragen, wenn sie sie darum bat.

»Versprichst du mir, dass das hier unter uns bleibt? Und zwar für immer?«

Jana verdrehte die Augen.

»Ist ja gut. Ich weiß, dass du meine Freundin bist und ich dir vertrauen kann. Aber das hier … ist heikel.«

»Es ist heikel?«, lächelte ihre Freundin. »Dann will ich es erst recht wissen!«

»Also gut.« Sie prostete Jana zu. »Ich hatte heute den besten Sex meines Lebens. Und dabei hat er mich noch nicht einmal berührt.«

Jana hatte gerade zum ersten Schluck Prosecco angesetzt, verschluckte sich und begann zu husten.

Marie lehnte sich zurück und ihre Augen blitzten. »Ich habe dir ja gesagt, es ist heikel.«

Ihre Freundin stellte ihr Glas zurück auf den Tisch, wobei sie ein wenig vom Inhalt verschüttete. Mit hochrotem Kopf holte sie tief Luft und versuchte, den Hustenreiz zu unterdrücken.

»Kann ich … kann ich wissen, wo er wohnt?«

Marie lachte und schüttelte den Kopf. »Tut mir leid, aber das weiß ich selbst nicht.«

Fassungslos sah ihre Freundin sie an. »Du hast es mit einem Fremden bei euch zu Hause getrieben?«

Marie musste sich beherrschen, um nicht laut loszulachen. Antonio beobachtete die Szene mit sichtlichem Vergnügen vom Tresen aus. Sie dämpfte ihre Stimme und beugte sich verschwörerisch über den Tisch.

»Nein, ich habe vor drei Tagen eine Bestellung aufgegeben, und heute Vormittag habe ich die Lieferung abgeholt.«

Jana forschte in den Augen ihrer besten Freundin. »Hast du zu Hause schon getrunken? Was ist mit dir los? Kannst du mir nicht ganz normal sagen, was passiert ist?«

»Ich hab das normal gesagt. Ich habe am Montag einen Callboy gebucht und heute im Hotel mit ihm zwei Stunden verbracht.«

Jana war sprachlos. Der Salat kam, aber sie beachtete ihn nicht. Amüsiert beobachtete Marie das verblüffte Gesicht ihrer Freundin, in dem man lesen konnte wie in einem offenen Buch. Schließlich fand Jana ihre Sprache wieder.

»Das glaub ich nicht. Habt ihr wenigstens ein Kondom benutzt?«

»Nein, brauchten wir nicht. Wie ich dir schon sagte, er hat mich nicht angefasst.«

»Er hat dich nicht angefasst, aber du hattest den besten Sex deines Lebens? Das erklär mir mal.«

Und sie erklärte es ihr. In der nächsten halben Stunde saßen sie beide vor ihrem Essen, das unweigerlich kalt wurde, und Marie erzählte von ihrem Treffen, ihren Gefühlen und von der Wandlung, die in ihr vorgegangen war. Als sie fertig war, verging eine Minute in erschöpftem Schweigen. Marie sah aus dem Fenster und wartete auf den Kommentar ihrer Freundin. Jana hatte sich zurückgelehnt und winkte Antonio.

»Bring uns noch zwei Prosecco, bitte. Und die Teller kannst du abräumen. Tut uns leid, aber es liegt nicht an eurem Essen. Wir haben Wichtiges zu besprechen, und das macht satt.«

Antonio seufzte und verschwand, nicht ohne ein süffisantes Frauen! zu hinterlassen.

»Verurteilst du mich?«, fragte Marie leise.

»Bist du verrückt?«, entfuhr es Jana. »Ich beneide dich! Ich frage mich nur, ob du nicht einer Täuschung unterlegen bist. Ich meine, das ist ein … wie sagt man zu solchen Männern … Prostituierter? Ein professioneller Lover. Er muss die Frauen betören, sonst verdient er kein Geld.«

Was ihre Freundin sagte, gab Marie einen Stich.

»Er hat kein Geld von mir genommen!«, fuhr sie auf.

»Heute nicht«, sagte Jana trocken. »Aber beim nächsten Mal. Er lockt dich, macht dich gefügig, und dann nimmt er dich aus.«

Marie wurde heiß vor Enttäuschung. Das war nicht das, was sie hören wollte. Aber der Gedanke schlich sich in ihren Kopf, dass Jana womöglich recht hatte. Doch sie wollte nicht zulassen, dass ihre wunderbare Empfindung so schnell wieder einen Dämpfer bekam.

»Jana«, sagte sie und blickte ihr in die Augen. »Ich war dort, nicht du. Ich habe heute eine Welt betreten, die ich nicht kannte, ja nicht einmal für möglich gehalten hatte. Und wenn er auch noch so professionell sein mag, dann nehme ich mir die Illusion und genieße sie.«

Jana seufzte. »Du hörst dich an, als wärst du verliebt.«

»Vielleicht bin ich das sogar.« Marie blickte wieder aus dem Fenster. »Natürlich weiß ich, dass ich mit ihm nicht zusammen sein kann. Aber ich kann ihn buchen, wann immer ich will.«

»Und wann immer du ihn dir leisten kannst«, versetzte Jana. »Du bist Hausfrau, Marie. Wie oft willst du ihn sehen? Einmal im Monat? Alle zehn Tage? Das wird eine Menge Geld kosten. Mach dich nicht abhängig. Es gibt da draußen genügend Männer, die dich auf Händen tragen würden. Und dein Jens … entschuldige … wird das nie mehr tun. Der ist ein hoffnungsloser Fall.«

»Das weiß ich, Jana.« Sie blickte ihr in die Augen. »Aber er … er ist jeden Cent wert, den ich habe.«

»Er hat dich schon abhängig gemacht«, stellte Jana nüchtern fest. »Mein Gott, Marie, du hast ihn nur zwei Stunden gesehen! Er hat dir etwas gegeben, von dem du bislang nur geträumt hast, okay. Aber sieh es doch mal, wie es wirklich ist.«

Marie lächelte, und in diesem Moment erkannte ihre Freundin, dass sie nicht weiter drängen durfte. Marie hatte einen Weg eingeschlagen, den sie nicht verlassen würde.

»Jana, ich sehe, wie es wirklich ist. Und wenn ich ihm für eine weitere Begegnung all mein Geld schenken würde, ich würde es tun. Ich habe Nerven und Empfindungen in meinem Körper gespürt, von denen ich nicht einmal ansatzweise wusste, dass es sie gibt. Ich habe in seinen Augen gelesen, und ich habe gespürt, dass er es nicht für Geld macht. Ich weiß nicht, warum er diesen Weg gewählt hat, aber er bietet mir etwas, dass man nur verstehen kann, wenn man es selbst erlebt hat.«

»Gut«, gab Jana nach. »Dann genieße ihn, solange es geht. Ich muss gestehen, ich bin etwas neidisch auf dich. So einen Mann wie du ihn beschreibst, bietet einem das Leben normalerweise nicht. Und schon gar nicht in diesem Milieu. Das ist wie ein Märchen aus tausendundeiner Nacht.«

»Weißt du«, sagte Marie, »was das Schlimmste ist? Wenn ich jetzt nach Hause komme und mich neben Jens ins Bett legen muss.«

»Das hat doch nichts mit diesem Mann zu tun«, entgegnete Jana. »Das war doch schon vorher so. Du hättest dich längst von ihm trennen sollen.«

»Wir haben Jasmin und Sophie«, antwortete Marie leise. »Für sie sind wir die Welt. Wenn sie auseinanderbricht, werden sie das nie verstehen. Und ich nicht aushalten.«

»Eine unglückliche Mutter beeinflusst die Seelen ihrer Kinder ebenso stark«, wandte Jana ein. »Das weißt du. Und es gibt hunderttausend andere Paare mit Kindern, die auch eine Lösung gefunden haben und deren Kinder nicht daran zerbrechen.«

»Die hunderttausend anderen interessieren mich nicht«, sagte Marie.

Jana ergriff die Hand ihrer Freundin. »Nein, das weiß ich. Aber vielleicht solltest du mal mit Michelle oder Teresa reden. Die haben es schon hinter sich, und wie es scheint, sind die Kinder damit klargekommen.«

»Danke. Vielleicht werde ich das machen.« Marie seufzte. »Man müsste die Zeit zurückdrehen können.«

Jana grinste. »Ja, und ich weiß auch, um wie viel. Auf zehn Uhr heute Vormittag!«

Sie mussten beide lachen. Für Marie war dieser Abend mit ihrer Freundin eine Befreiung. Als irgendwann Antonio dezent nachfragte, ob sie noch etwas wünschten, registrierten sie überrascht, dass sie die letzten Gäste waren. Marie bezahlte die Rechnung und begleitete ihre Freundin noch zu ihrem Wagen.

»Versprichst du mir, dass du das Denken nicht ganz ausschaltest?«, fragte Jana beim Abschied.

»Mach ich«, lächelte Marie. »Nur immer für zwei Stunden!«

Lachend umarmten sie sich, und Marie wusste, dass sie in ihrer Freundin immer einen Halt haben würde, egal, wie das Leben weiterging.

Auf dem Rückweg bereitete sie sich darauf vor, neben ihrem schnarchenden Mann zu liegen, der so viel Erotik ausstrahlte wie ein verschrumpelter Apfel.

*

Als Marie am nächsten Tag ihren Wocheneinkauf hinter sich hatte, setzte sie sich mit aufgeklapptem Laptop auf das Sofa im Wohnzimmer und gab die Website ein, auf die sie es abgesehen hatte. Lange saß sie vor dem Desktop und dachte nach. Das Wochenende lag vor ihr, und ihr wurde schlecht bei dem Gedanken, dass Jens versuchen könnte, mit ihr zu schlafen. Offenbar hatte er bemerkt, dass etwas nicht in Ordnung war und ihr heute Morgen einen Tee gemacht, bevor er aus dem Haus ging.

Sie legte sich einen Plan zurecht. Samstag würde sie mit den Kindern einen Einkaufsbummel machen und Sonntag mit ihnen in den Zoo gehen. Sie würde ihre Kinder fragen, ob sie eine Freundin mitnehmen wollten, was ganz bestimmt der Fall war, und dann konnte sie sicher sein, dass Jens nicht mitkam. Nur Weiber und Kinder? Nein danke! hörte sie ihn sagen. Und genau so wollte sie es. So viel wie möglich allein unternehmen, so wenig wie möglich mit Jens zusammen sein.

Für einen Moment blitzten Bilder aus der Vergangenheit vor ihr auf. Als sie glücklich mit diesem Mann war, als sie ihn liebte und begehrte. Es machte sie traurig, dass es einmal anders gewesen war. Sie atmete tief ein. Vor acht Jahren hatte sich Jens davongemacht. Seine Aufmerksamkeit hatte nachgelassen, sein Desinteresse an den Kindern und dem Leben seiner Frau zugenommen. Alles ist Vergangenheit, dachte Marie, alles. Selbst der gestrige Tag ist Vergangenheit und ebenso wenig zu wiederholen wie einer vor zehn Jahren. Ändern würde sich Jens nicht, das wusste sie. Vielleicht für ein paar Tage, einige Wochen. Doch selbst, wenn es ihm gelänge, sich auf Dauer wieder in einen liebevollen Mann zu verwandeln, würde sich an ihrem Entschluss nichts mehr ändern. Die Liebe war erloschen. Und wenn sie das einmal war, konnte nichts auf der Welt ein neues Feuer für den gleichen Partner entfachen.

Sie straffte sich, legte den Laptop einen Moment beiseite, griff sich das Telefon und begann, ihren Wochenendplan umzusetzen. Sie telefonierte mit ein, zwei Müttern von Freundinnen ihrer Kinder und suchte sich dabei die heraus, die Jens am wenigsten leiden konnte. Als sie die Verabredungen für ihre Vorhaben getätigt hatte, war ihr um einiges wohler. Mit Erleichterung fiel ihr ein, dass Jens die Abende am Wochenende selbst verplant hatte und mit seinen Freunden einen Fußballabend vor dem Fernseher verbringen und am Sonntag das Gleiche mit Formel 1 durchziehen wollte. Es war daher so gut wie sicher, dass er so viel intus haben würde, dass er einschlief, bevor er den Versuch startete, ihr an den Po zu grapschen, wie er es immer tat, wenn er mit ihr schlafen wollte.

Ich könnte ihn Montag buchen, überlegte sie. Zehn bis zwölf? Sie lächelte, weil sie sich noch gestern vorgenommen hatte, ihn nicht schon am nächsten und auch nicht am übernächsten Tag zu buchen. Egal, dachte sie und nahm den Laptop wieder auf den Schoß. Sie klickte sich durchs Internet bis sich seine Seite aufbaute. Lange betrachtete sie das einzige Foto, das er von sich eingestellt hatte. Selbst auf einem Foto besaßen seine Augen eine Anziehungskraft, der man sich nicht entziehen konnte.

Vermutlich hat er deswegen nur ein einziges Foto von sich ins Netz gestellt, überlegte Marie. Normalerweise waren derartige Kontaktanzeigen überfüllt mit Bildern von halbnackten oder vollkommen nackten Männern, die eine Frau eher abstießen als anzogen.

Ich habe ihn noch nicht nackt gesehen, dachte sie. Vielleicht Montag? Sie gab sich einen Ruck und öffnete die Seite Zur Buchung. Obwohl dies ein unpersönlicher Vorgang war, erhöhte sich ihr Puls merklich. Die Vorstellung, ihn am Montag wiederzusehen, erregte sie. Nur für einen flüchtigen Moment verharrte ihr Finger auf der Maus, dann klickte sie entschlossen auf Jetzt buchen.

Bevor sie den Computer herunterfuhr, löschte sie den Verlauf. Das einzige, worauf sie aufpassen musste war, die SMS zu löschen, die er als Bestätigung schicken würde. Ohne eine Handynummer anzugeben, konnte man ihn nicht buchen. Aber sie glaubte nicht, dass Jens in ihrer Handtasche herumkramte. Außerdem entsperrte sich ihr Smartphone nur mit Gesichtserkennung.

Die Vorfreude auf den Montag überwältigte sie. Spontan beschloss sie, ins Fitnessstudio zu gehen und eine Stunde etwas für ihren Körper zu tun. Schließlich würde sie ihn am Montag brauchen.

Erwartungen

Er hatte ein anderes Hotel gewählt. Weit draußen am Stadtrand. Hier war es äußerst unwahrscheinlich, dass sie auf irgendjemanden traf, der sie kannte. Ein wenig verblüfft registrierte sie, dass es sich um ein Billighotel einer Kette handelte, bei dem die Gäste außerhalb von wenigen Stunden, an denen Personal anwesend war, selbst am Automaten einchecken mussten. Es war ein hässlicher Betonklotz, der nichts im Ansatz Romantisches an sich hatte.

Verwundert betrat sie den Eingangsbereich, der mehr an eine Jugendherberge erinnerte als an ein Businesshotel. Sie orientierte sich kurz und stand kurz darauf vor dem Zimmer mit der Nummer 203. Kein Zimmermädchen, das mich erwischt, dachte sie amüsiert. Aber auch heute begleitete sie ein banges Gefühl, als sie an die Tür klopfte.

Als er öffnete, verflog es auf der Stelle. Sie blickte ihm in die Augen und wusste nicht, wie sie ihn begrüßen sollte. Doch er kam ihr zuvor und überraschte sie, indem er sie wortlos in die Arme nahm. Verblüfft erwiderte sie seine Umarmung. Sekundenlang drückte er sie behutsam an sich, während sie halb im Gang, halb im Zimmer standen. Sie schloss die Augen, als ihr der Hauch von Joop wieder in die Nase stieg, der sie in Gedanken das ganze Wochenende über begleitet hatte. Das ist das erste Mal, dass ich ihn berühre, durchzuckte sie.

Als er sich langsam von ihr löste, strich seine Wange über die ihre, und sie verharrten eine Sekunde Haut an Haut. Dann führte er sie in das Zimmer, das so nüchtern und zweckmäßig eingerichtet war wie eine Gefängniszelle. Ein unbequem aussehendes Bett, ein an der Wand angeschraubter Dreieckstisch, ein Stuhl davor, Haken an der Wand statt einer Garderobe, weißes, kaltes Licht von der Decke und weit oben an der Wand, fast unter der Decke, ein winziger Fernseher. Das war alles.

Er bemerkte ihre Verwunderung und auch ihre Enttäuschung.

»Es tut mir leid, wenn es dir nicht gefällt.« Er nahm ihr den Mantel ab und hängte ihn auf. »Ich mag das Hotel auch nicht.«

Sie fragte sich, was für einen Grund er wohl hatte, diese billige Unterkunft zu buchen. Lag es am Geld? Oder sollte es verrucht wirken? Wie eine schnelle Nummer mit einem Fernfahrer? Nein. Sie schüttelte den Gedanken ab. Das passt nicht zu ihm.

Er kam zu ihr und stellte sich dicht vor sie. »Wie geht es dir?«

»Gut. Ich bin aufgeregt«, gab sie zu.

»Das ist schön«, lächelte er. »Dann fühlst du intensiver.«

»Es geht nicht intensiver als das letzte Mal.«

Seine Augen funkelten belustigt. »Es ist schön, dass du das denkst, aber ich glaube schon, dass das geht.«

Er machte eine Pause und sah sie unentwegt an. »Ich habe dir das schon letzte Woche gesagt, wenn du etwas nicht möchtest oder dir unwohl dabei wird, kannst du jederzeit gehen und bist zu nichts verpflichtet.«

»Das weiß ich«, erwiderte sie. »Aber wenn ich gehen will, ist es zwölf Uhr, und dann muss ich gehen.« Sie sah, wie sein Mund sich zu einem Lächeln verzog und wünschte sich nichts sehnlicher, als ihn jetzt zu küssen.

»Bist du bereit?«, fragte er.

Sie nickte. Ihr wurde heiß.

»Dann zieh dich aus.«

Sie schluckte. »Möchtest du, dass ich dusche?«

»Nein«, sagte er sanft.

Natürlich musste sie nicht duschen, denn es war noch keine Stunde her, dass sie zu Hause ausgiebig geduscht hatte. Sie hatte das blaue Duschgel benutzt, das sie bei ihrem ersten Besuch eingesteckt hatte, und noch jetzt prickelte ihre Haut an den Stellen, an denen es mit ihr in Berührung gekommen war.

Sie holte Luft, schlüpfte aus ihren Stiefeln und schob sie ein wenig beiseite, damit sie nicht im Weg waren. Sie war so nervös, dass es ihr erst nicht gelang, den Reißverschluss ihres Kleides zu öffnen. Er half ihr nicht, sondern schaute nur zu. Schließlich schaffte sie es und das Kleid glitt zu Boden. Jetzt trug sie nur noch Strumpfhose, Slip und BH. Eine Armlänge trennte sie von ihm, doch gerade die Nähe, die doch Distanz hielt, steigerte ihr Verlangen. Sie hielt inne und forschte in seinem Gesicht. Kein anderer Mann hätte es geschafft, seine Blicke nicht zu ihrem Körper abschweifen zu lassen. Doch er stand vor ihr und sah ihr in die Augen. Die Wärme und Zuneigung, die sie in ihnen erblickte, überwältigte sie.

Obwohl sie eine vierzigjährige Frau war, fiel ihr der nächste Schritt schwer. Beinahe schüchtern begann sie, ihre Strumpfhose auszuziehen. Aber was sonst die alltäglichste Sache der Welt war, löste jetzt, in diesem Zimmer und vor diesem Mann, eine erotische Hochspannung aus. Sie richtete sich wieder auf und fixierte unsicher seinen Blick. Was ging in ihm vor? War er erregt?

Mit zittrigen Händen löste sie den Verschluss ihres BHs. Dann streifte sie ihn sich langsam von den Schultern und ließ ihn auf ihr Kleid fallen. Ein Frösteln überkam sie, aber es war nicht die Kühle des Zimmers, die es auslöste. Sie schrie innerlich nach einer Berührung von ihm. Wann hatte sie das letzte Mal eine so unfassbare erotische Spannung erlebt? Sie kannte die Antwort. Letzten Donnerstag.

Immer noch stand er da und schaute sie nur an. Einige Sekunden wartete sie, dann hakte sie die Finger in ihren Tanga und zog ihn aus. Nun stand sie nackt vor ihm. Ausgeliefert. Er konnte mit ihr machen, was er wollte.

Aber er tat es nicht.

»Schließ die Augen und mach sie erst wieder auf, wenn du gehen musst.«

Würde er sie erneut aufs Bett legen und unberührt seine Nähe spüren lassen? Aber sie wollte mehr. So viel mehr.

»Und jetzt zieh mich aus.«

Sie sollte ihn ausziehen? Seine Forderung überrumpelte sie, und es vergingen einige Sekunden in beinahe vollkommener Stille. Nur die Geräusche, die das Haus von sich gab, waren zu hören. Sie stellte sich vor, was er anhatte. Er trug Jeans und ein Polohemd, darüber ein Sportsakko. Was für Schuhe? Mein Gott, durchfuhr es sie, du bist eine Frau und weißt nicht, was für Schuhe er trägt? Doch seine Augen hatten sie gebannt. Sie wusste es nicht. Sie würde seine Schuhe ertasten müssen.

Jetzt, als sie ihre Hand vorsichtig nach vorne ausstreckte und kurz zurückzuckte, als sie ihn berührte, wurde sie sich ihrer Nacktheit auf eine verstörende Art bewusst. Sie war im Begriff, etwas Verbotenes zu tun, etwas, das andere verachten würden. Aber sie genoss jeden Moment der Spannung und des aufsteigenden Gefühls in ihren Lenden. Sie wollte leben, lieben, fühlen.

Sie ertastete sein Sakko, schob es ihm über die Schultern, ging halb um ihn herum und zog es ihm aus. Während sie ihn fortwährend mit einer Hand berührte, stellte sie sich wieder vor ihn. Dann ging sie langsam in die Knie und ertastete seine Schuhe. Sie fühlte keine Schnürsenkel, also trug er Slipper. Er half ihr ein wenig, indem er erst den einen, dann den anderen Fuß anhob und sie seine Schuhe von den Füßen ziehen konnte.

Er wird mit mir schlafen! durchfuhr es sie. Oder nicht?

Sie erhob sich und tastete über seine Brust. Sie konnte fühlen, dass kein Gramm Fett an ihm war, und hätte um ein Haar die Augen aufgemacht.

Schalte deine Gedanken ab. Fühle einfach nur.

Langsam zupfte sie ihm das Poloshirt aus dem Hosenbund und schob es ihm über den Kopf. Er musste die Arme hochnehmen, und für die Sekunden, die sie brauchte, um ihm das Shirt auszuziehen, war sie ihm so nahe, dass sie die Wärme seiner Haut spüren konnte. Ihre Brust berührte ihn kurz, und ein heißer Strahl durchfuhr sie. Mit unbändigem Willen, eine weitere Berührung zu vermeiden, trat sie einen Schritt zurück. Um ihm seine Hose auszuziehen, musste sie erneut in die Hocke gehen. Behutsam fühlte sie nach dem Verschluss des Gürtels und öffnete ihn. Ein unglaubliches Gefühl erfasste sie, als sie seine Jeans Knopf für Knopf öffnete. Sie ahnte dabei seine Erregung, und das steigerte ihre eigene umso mehr.

Dann hatte sie ihm die Hose ausgezogen. Langsam glitten ihre Hände an den Außenseiten seiner Oberschenkel nach oben, bis sie an der Naht seiner Shorts anlangten. Die Hitze, die von ihm ausging, überwältigte sie. Zentimeter für Zentimeter zog sie das Kleidungsstück herunter. Sie musste einen Widerstand überwinden, um ihm die Shorts ganz auszuziehen.

Dann waren sie beide nackt. Sie hockte vor ihm und verharrte. Was sollte sie jetzt tun? Sollte sie …?

»Komm, steh auf«, sagte er leise. »Lass die Augen geschlossen. Ich werde dich heute berühren. Leg dich hin und lass deinen Geist frei.«

Er ergriff ihre Hand und führte sie zum Bett. Genau wie beim ersten Mal legte sie sich auf den Rücken und die Arme neben ihren Körper.

Er wird mich heute berühren, dachte sie. Wo? Wie?

Mit allen Sinnen angespannt wartete sie darauf, dass er zu ihr kam. Dann fühlte sie ihn neben sich. Nah. Ganz nah. Körper an Körper. Ein Beben durchlief sie, und Wellen von Gänsehaut überzogen ihre Haut. Einige Minuten vergingen, während denen sie einfach nur dalag und den Hautkontakt genoss. Nach einer gefühlten Ewigkeit drehte er sich um und lag nun mit seinem Bauch an ihrer linken Seite. Sie fühlte seine männliche Härte an ihrer Hüfte, und ihr Herz begann zu rasen.

Er muss dich doch auch wollen! dachte sie. Wie kann er das nur aushalten, so lange zu warten?

Sie blendete den Gedanken aus und versuchte das, was mit ihr geschah, mit geschlossenen Augen zu sehen. Sie sah sich von oben an seiner Seite liegen, sah, wie er langsam die linke Hand anhob und zu ihren Beinen führte.

Erschrocken zuckte sie zusammen, denn genau in dem Augenblick, als sie dies dachte, begann es, an den Innenseiten ihrer Oberschenkel zu kribbeln.

Ihre Gedanken rasten. Lass los! Nimm ihn! Genieß es!

Bewusst entspannte sie ihren Körper und wurde schwer. Gleichzeitig nahm die Wärme zwischen ihren Schenkeln zu, und als er sie dann tatsächlich berührte, stöhnte sie leise auf.

Langsam zeichnete er mit seinen Fingern den Verlauf ihrer Schenkel nach. Er fuhr mit den Fingernägeln sanft, nahezu unmerklich, an ihren Beinen entlang, begann an den Knien, strich hinauf bis in ihre Leistengegend, was ihr durch und durch ging, und ließ seine Hand anschließend wieder nach unten gleiten. Er berührte ihre empfindlichste Stelle dabei nie, kam ihr aber stets so nahe, dass Marie es beinahe nicht mehr aushielt.

Irgendwann liefen seine Finger weiter, erforschten ihren Bauch, umkreisten ihren Bauchnabel und strichen dann über die Wölbungen ihrer Brüste, die sich in ihrer aufsteigenden Lust hoben und senkten. Er berührte sie mit einer Sanftheit, die an die Zärtlichkeit einer Frau erinnerten. Welle um Welle stieg in ihr auf. Sie fühlte, wie sie sich ihm entgegendrängen, ihn an sich reißen, mit Küssen bedecken und ihn in sich aufnehmen wollte. Aber ihre Lust war jetzt auch ohne diese Vollendung kurz vor dem Höhepunkt. Schwer atmend lag sie da, als seine Hand mit einem Mal nach unten fuhr. Die Berührung war wie ein Stromschlag. Welle um Welle zog durch ihren Unterleib, und obwohl er nichts weiter tat, als seine Hand dort unten ruhen zu lassen, erschütterte sie ein Höhepunkt, dem sie sich so hemmungslos überließ, wie sie es nie zuvor für möglich gehalten hatte. Ihr Körper bebte unter beinahe schmerzhafter Lust, und nur langsam ebbte das Empfinden ab.

Heftig atmend und scheinbar schwerelos lag sie neben diesem Mann, der magische Hände zu haben schien. Obwohl sie lag, drehte sich die Welt um sie herum. Selbst wenn sie an etwas hätte denken können, in diesem Moment hatte ihr Körper die Macht übernommen.

Irgendwann beruhigte sie sich. Sacht zog er seine Hand zurück, was sie aufseufzen ließ. Sie dachte daran, welch unglaubliche Augenblicke das Leben bereithielt, wenn man wusste, wo man sie finden konnte. Und bei wem.

»Halte deine Augen geschlossen«, drang seine Stimme zu ihr durch. »Versuch das, was du gefühlt hast, festzuhalten, dass du es immer wieder in deinem Leben abrufen kannst.«

Das werde ich, dachte Marie. Es wird schon schwer, überhaupt noch einmal je in einen anderen Zustand zu kommen.

Sie lauschte den leisen Geräuschen, die er machte, als er sich vom Bett erhob und im Zimmer umherging. Sie konnte nicht einordnen, was er tat. Sie lag da und fühlte ein vollkommen neues Leben in sich.

Plötzlich nahm er ihre Hand und drückte sie.

»Jetzt kannst du deine Augen wieder aufmachen.«

Sie wandte den Kopf und sah ihn an. Er hatte sich angezogen, und jetzt wusste sie, was er getan hatte.

»Darf ich dich nicht sehen?«, fragte sie lächelnd.

»Du wirst mich sehen«, erwiderte er. »Um die Gefühlswelt von allen anderen Welten abzutrennen, muss man sich langsam herantasten.«

»Es war unglaublich«, flüsterte sie. »Wie machst du das?«

»Ich mache nicht viel. Das meiste machst du. Es entsteht in deinem Kopf, aber es hat nichts mit dem Verstand zu tun.«

»Niemand sonst hätte das geschafft«, murmelte sie.

Er lachte. »Wenn wir verheiratet wären, wäre der Zauber vermutlich schon längst verflogen.«

»Ja, vielleicht«, antwortete Marie, richtete sich auf und schwang die Beine über den Bettrand. »Ich bin verheiratet, aber Zauber gab es auch vor meiner Ehe nicht. Vielleicht Spaß und ein wenig Spannung. Aber nie Zauber.«

»Ich helfe dir mit den Sachen«, sagte er und begann, die auf dem Boden verstreuten Kleidungsstücke aufzuheben. Dann reichte er sie ihr und sah zu, wie sie sich anzog. Sie bürstete sich die Haare und schaute ihn dabei unverwandt an.

»Du musst dich nicht verkaufen. Du könntest jede Frau glücklich machen.«

Er setzte zu einer Erwiderung an, aber dann schwieg er. Marie ahnte zu wissen, was er hatte sagen wollen. Vielleicht kann ich das, aber es gibt keine Frau, die mich glücklich machen kann.

Er holte ihren Mantel und half ihr hinein. Als sie sich umdrehte, nahm er sie in die Arme, und für lange Sekunden standen sie eng umschlungen da. Er streichelte ihren Rücken, und sie genoss jede Sekunde, die verging.

Schweren Herzens löste sie sich von ihm. Dann fiel ihr etwas ein. Sie öffnete ihre Handtasche, holte einen Umschlag heraus und drückte ihn ihm in die Hand. Diesmal nahm er ihn an.

»Sehen wir uns wieder?«, fragte er und kannte die Antwort.

»Ich glaube nicht«, sagte sie und musste lachen. »Das überleg ich mir noch!«

Als sich die Zimmertür schloss und sie durch den nüchternen Hotelflur Richtung Ausgang ging, zitterten ihre Beine.

»Das glaube ich nicht«, murmelte sie. »Das kann einfach nicht sein. Mein Gott, Marie, was machst du da?«

Entscheidung

Wider Erwarten war der folgende Tag ein wunderbar warmer Oktobertag mit beinahe zwanzig Grad. Marie war froh, dass Jens die Terrassenmöbel noch nicht im Keller verstaut hatte. Sie hatte sich einen Becher Kaffee eingeschenkt und genoss die Strahlen der Sonne. Ihr Tablet vor sich auf den Knien schweiften ihre Gedanken immer wieder ab. Jedes Mal, wenn sie sich das Bild dieses furchtbar hässlichen Hotelzimmers zurück ins Gedächtnis holte, fragte sie sich, wie es sein konnte, dass man in einer solchen Umgebung alles um sich herum vergessen und unter den Berührungen eines Fremden die sinnlichsten Erlebnisse seines Lebens haben konnte. Es ist nicht das Zimmer, dachte sie. Er ist es.

Vor der Nacht neben Jens hatte sie sich gefürchtet, doch es war ihr gelungen, so lange fernzusehen, dass er irgendwann aufgegeben hatte und vor ihr ins Bett gegangen war. Bis zwei Uhr nachts hatte sie allein im Wohnzimmer gesessen, und während aus dem Fernseher die leisen Geräusche verblödender Sitcoms drangen, hatte sie nachgedacht. Und am Ende war ein Entschluss in ihr gereift. Jetzt auf der Terrasse, begann sie, einen Teil dieses Entschlusses umzusetzen.

Bevor sie bei Google den Suchbegriff eingab, den sie sich vorgenommen hatte, schrieb sie eine SMS an Jana.

Heute Abend Antonio?

Sie wartete zwei Minuten, und als keine Antwort kam, ging sie ins Internet und begann mit ihrer Suche. Eine Stunde später hatte sie drei Annoncen und die entsprechenden Telefonnummern notiert. Sie zögerte nicht, sondern rief die dazugehörigen Teilnehmer nacheinander an. Danach lehnte sie sich befriedigt zurück. Zwei Termine für den kommenden Vormittag. Nicht viel, aber ein Anfang.

Sie stand auf, ging in die Küche und holte sich ein Stück Kuchen. Dann fiel ihr etwas ein. Sie setzte sich noch einmal an den Computer und checkte ihr Giro- und ihr Tagesgeldkonto. Für eine Weile versank sie in Gedanken, aus denen sie erst wieder aufschreckte, als sich ein Spatz auf den Tisch setzte und den Hals nach den Krümeln reckte, die vom Kuchen übriggeblieben waren.

»Na, nimm schon«, sagte sie gutmütig. »Man muss nehmen, was man kriegen kann.«

Mittlerweile war die Sonne hinter dicken Wolken verschwunden, und es war empfindlich kühl geworden. Sie begann zu frösteln und räumte die Sachen weg. Als sie im Begriff war, ihre Jacke vom Haken zu nehmen, um sich auf den Weg zur Schule zu machen, signalisierte ihr Handy eine SMS. Jana.

Okay. Halb neun? Privat?

Marie lächelte und schrieb zurück.

Ja. Sehr privat.

Bevor sie die Eingangstür schloss, blickte sie für einige Sekunden zurück und nahm das vertraute Bild ihres Heims in sich auf. Alles, was man will, dachte sie. Bis auf eins.

*

»Waas?«, entfuhr es Jana, und sie hielt sich erschrocken die Hand vor den Mund, weil ihr die Frage viel zu laut herausgerutscht war.

»Könntest du bitte etwas leiser sein?«, fragte Marie mit gespieltem Ernst. »Jetzt müssen wir erstmal von etwas anderem reden. Das ganze Lokal guckt schon rüber.«

»Entschuldige«, meinte Jana grinsend. »Aber du kannst mir doch nicht erzählen, dass du den schärfsten Orgasmus deines Lebens hattest und erwarten, dass ich dann sage: Ah, okay, und was gibt’s Neues zu Hause?«

»Jana …«, dehnte Marie. »Noch leiser, bitte!«

Jana lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust.

»Okay, was möchtest du essen?«

»Vielleicht Venusmuscheln?«

Sie lachten beide los, und als Antonio kam und sie fragend anschaute, bestellten sie tatsächlich Muscheln und einen kühlen Frascati.

»Du hast ihn also wiedergetroffen«, stellte Jana fest. »Nach drei Tagen.«

»Vier.«

»Gut, vier. Was hat es dich gekostet?«

»Frag mich nicht, was es gekostet hat. Frag mich, wie es war.«

»Das mach ich schon noch, aber ich bin deine beste Freundin. Ich muss dich auf den Teppich zurückholen, wenn du dabei bist, abzustürzen. Und im Moment habe ich das Gefühl, dass du kurz davor bist.«

Marie seufzte. »Weißt du, Jana, ich habe noch nie so klar denken können wie heute. Ich gebe dir ja recht. Wenn ich mit ihm zusammen bin, kann ich nicht klar denken. Und das will ich auch gar nicht. Es ist ein so unfassbares Gefühl, von ihm berührt zu werden, dass du es immer wieder haben willst.«

»Das ist wie bei Heroin«, sagte Jana trocken. »Einmal probiert, und du kommst nicht mehr davon los.«

»Hm.«

»Du weißt, wie es mit Junkies weitergeht?«

Marie verdrehte die Augen. »Mensch, Jana! Junkies können an nichts anderes mehr denken als an ihren Stoff und verlieren ihr Leben dabei.«

»Das Gefühl habe ich gerade bei dir.«

»Nein«, sagte Marie etwas zu schroff. »Im Gegenteil. Ich bin dabei, mir mein Leben neu aufzubauen. Ich habe schon zu viele Jahre verschenkt.«

Jana beugte sich vor und sah ihrer Freundin in die Augen.

»Du kannst dich doch nicht der Illusion hingeben, mit einem Callboy ein neues Leben zu beginnen!«

»Nein. Das tue ich auch nicht.«

Antonio kam und brachte ihren Wein. Sie prosteten sich zu, und Marie genoss ein paar Schlucke des kühlen Frascati.

»Jana, ich werde Jens verlassen.«

Sie beobachtete den Gesichtsausdruck ihrer Freundin, der fassungsloses Erstaunen ausdrückte.

»Nicht, um mit jemand anderem zu leben, sondern um frei zu sein.«

»Du meinst es ernst?«

Marie nickte. »Ich habe für morgen zwei Besichtigungstermine vereinbart. Ich werde mir Wohnungen ansehen.«

»Du meinst es wirklich ernst«, sagte Jana bestürzt. Dann nahm ihr Gesicht einen entschlossenen Ausdruck an. »Ich bin deine beste Freundin. Ich helfe dir. Aber du weißt, dass es nicht leicht wird?«

»Das weiß ich. Sophie und Jasmin werden es nicht verstehen. Vielleicht werde ich gemeinsam mit Jens zu einer Eheberatung gehen, damit uns jemand dabei unterstützt, wie wir es den Kindern leichter machen können.«

Eine Zeit lang saßen die beiden Frauen schweigend an ihrem Tisch. Irgendwann servierte Antonio die Muscheln.

»Weißt du, was?«, fragte Marie und brach den Bann. »Ich habe Hunger! Ich habe Hunger wie schon lange nicht mehr!«

»Das ist ein Ding«, meinte Jana. »Das muss ich erst mal verkraften.«

»Ich helfe dir!«, lachte Marie.

Sie genossen das Essen und Marie entspannte immer mehr. Sich ihrer Freundin anzuvertrauen, gab ihr Kraft für die schweren Wochen, die folgen würden. Als sie fertig waren, musste sie noch etwas loswerden.

»Jana, wenn ich eine Wohnung mieten will, brauche ich ein festes Einkommen.«

»Du suchst einen Job«, stellte Jana fest.

»Ja. Ich habe das Erbe meines Vaters. Es ist genug, um die Kaution zu zahlen, die Wohnung einzurichten und für die Miete von ein paar Monaten. Aber das wird einem Vermieter nicht reichen. Du hast mir mal gesagt, dass sie in deiner Firma noch jemanden suchen.«

»Das ist drei Jahre her«, wandte Jana ein. »Aber wir expandieren immer noch. Ich werde unseren Personalchef morgen fragen. In drei Jahren wirst du ja noch nicht alles verlernt haben.«

»Nein, und wenn nicht, bilde ich mich halt weiter. Aber ich kann nur halbtags arbeiten.«

»Das ist mir klar. Aber würdest du finanziell mit einem Halbtagsjob auskommen?«

»Ich bekomme das Kindergeld und Jens wird Unterhalt zahlen müssen. Zumindest für die Kinder, für mich will ich nichts. Es müsste reichen.«

Jana winkte Antonio und bestellte zwei Espressi. Dann beugte sie sich über den Tisch und raunte Marie etwas zu.

»Du wirst dir so schnell wie möglich einen Mann suchen müssen, der dir einen ebenso scharfen Orgasmus verschaffen kann wie dein Gigolo.«

»Warum das denn?«

»Weil du ihn bald nicht mehr bezahlen kannst.«

Marie nickte. »Ja, das stimmt. Da hast du recht. Aber ein paar Mal geht schon noch. Und vielleicht brauche ich ihn ja bald nicht mehr zu bezahlen.«

Jana stützte in gespielter Verzweiflung den Kopf in die Hände.

»Das glaub ich jetzt nicht. Du bist doch nicht wirklich der Meinung, dass der Kerl sich in dich verlieben könnte?«

»Ich weiß nicht … seine Augen sind unbeschreiblich.«

»Ach, Marie«, seufzte Jana. »Und du bist unbeschreiblich naiv.«

»Es ist schön, Jana. Ich genieße jede Sekunde meines Lebens. Und das hat er ausgelöst. Ob ich ihn wiedersehe oder nicht, ist egal. Ich werde ab jetzt anders leben. Einfach neu leben. Mit Mann oder ohne Mann. Ich kann es selbst noch kaum glauben, aber ich werde das durchziehen.«

»Okay. Dann zieh es durch. Ein bisschen neidisch bin ich schon.« Sie zwinkerte ihrer Freundin zu. »Ich hatte schon seit fast einem Jahr keinen Mann mehr.«

Verblüfft sah Marie ihre Freundin an. »Ein Jahr? Unfassbar. Weißt du, was? Ich such dir einen!«

Lachend winkte Jana Antonio und signalisierte ihm, dass sie zahlen wollten.

Draußen vor dem Lokal umarmten sie sich zum Abschied.

»Ich werde dir immer beistehen«, sagte Jana. »Und wenn es mit Jens eskaliert, ruf mich an. Zur Not könnt ihr ein paar Tage bei mir unterkommen.«

»Danke.« Marie drückte sie an sich. »Du weißt nicht, was du sagst! Drei Tage mit meinen Kindern, und du ziehst aus deiner eigenen Wohnung aus!«

Lachend verabschiedeten sie sich, und als Marie nach Hause fuhr, war ihr wunderbar leicht ums Herz.

*

Der Immobilienmakler war einer von den schleimigen Typen, die einem aufdringlich auf die Pelle rücken, weder von ihrem Metier noch von irgendetwas anderem Ahnung haben und die abgeranztesten Wohnungen zu lichtdurchfluteten Liebhaberobjekten machen. Ständig vor sich hin labernd folgte er Marie, während sie langsam von einem Zimmer zum nächsten ging.

Die erste Besichtigung hatte sich als Reinfall erwiesen. Schimmel im Bad, widerlich nach Rauch stinkende Zimmer und ein Balkon, auf dem man nicht einmal zwei Personen hätte unterbringen können. Die Wohnung, die sie sich jetzt anschaute, gefiel ihr schon besser. Sie befand sich im ersten Stock, besaß einen schönen Balkon und einen Gemeinschaftsgarten mit Spielplatz. Sie hatten am Eingang eine Mieterin getroffen, die nett grüßte. Das waren Voraussetzungen, die Marie gefielen. Sie ließ das Ganze auf sich einwirken. Könnte ich hier leben? Könnten Sophie und Jasmin sich hier wohlfühlen? Schlafzimmer und Kinderzimmer waren groß genug. Irgendwann würden ihre beiden Mädchen in ein Alter kommen, in dem sie auf eigene Zimmer bestanden, aber bis dahin war noch genug Zeit. Diese Wohnung musste nicht die endgültige Lösung sein, aber sie konnte sich vorstellen, sich hier einzurichten. Das einzige, was ihr nicht ganz gefiel, war die amerikanische Küche, die offen in das Wohnzimmer integriert war. Doch daran konnte sie sich gewöhnen.

»Die Nebenkosten sind recht niedrig«, drang die Stimme des Maklers an ihr Ohr. »Und seit einiger Zeit fällt ja auch die Courtage für den Mieter weg. Das ist jetzt Sache des Vermieters.«

»Das wurde auch Zeit«, murmelte Marie geistesabwesend. Der Makler nickte eifrig. »Der Auftraggeber hat die Provision zu zahlen, nicht mehr der Kunde. Sie müssen nur zwei Monatskaltmieten an Kaution hinterlegen. Die Wohnung ist frei. Sie können nächsten Ersten einziehen.«

»Ich bin interessiert«, sagte Marie zögernd. »Aber ich kann das heute nicht entscheiden.«

»Und ich kann Ihnen die Wohnung nicht reservieren. Sie haben das große Glück, dass Sie mich angerufen haben und sie noch nicht inseriert ist, sonst würden hier noch fünfzig andere Leute stehen. Ich gebe Ihnen das Formular für den Mietvertrag mit. Wenn Sie sich entschieden haben, rufen Sie bis übermorgen an. Danach stelle ich sie ins Internet. Und wenn Sie sie wollen, kommen Sie in mein Büro, und wir machen den Vertrag perfekt.«

Marie nickte. Achthundertfünfzig Euro, dachte sie. Wie lange kann ich mir das leisten?

»Was ich dann noch bräuchte, ist ein Einkommensnachweis über die letzten drei Monate oder ein entsprechender Bonitätsnachweis sowie eine Schufa-Auskunft.«

Marie nahm die Unterlagen entgegen. »Geben Sie mir die zwei Tage Zeit.«

Der Makler zuckte die Schultern. »Wie gesagt, ohne Garantie.«

Ungerührt wanderte Marie noch einmal langsam durch die Wohnung und richtete sie in Gedanken ein. Die Kinderzimmermöbel konnte sie komplett mitnehmen und das Wichtigste aus der Küche auch. Ebenso alle Kleidung. Aber Schlafzimmer und Wohnzimmer würde sie vollkommen neu einrichten müssen. Ikea und Ebay, dachte sie amüsiert. Ich werde schon etwas finden, das mich nicht ruiniert.

Als sie sich von dem Makler verabschiedet hatte, blieb sie noch eine Weile auf der Straße stehen, betrachtete das Haus, die Umgebung und die Menschen, die vorbeigingen. Es gefiel ihr immer besser. Auch der Weg zur Schule und die Entfernung zu den Freundinnen ihrer Mädchen waren nicht viel weiter als von ihrem bisherigen Zuhause.

Sie war sich jetzt sicher. Sie würde die Wohnung nehmen. Wenn sie einen Job bekam.

*

Die Entscheidung fiel am nächsten Vormittag, als Jana unangemeldet Sturm bei ihr klingelte. Überrascht öffnete Marie und drückte ihre Freundin, die offensichtlich etwas loswerden wollte.

»Was ist denn los mit dir? Was machst du überhaupt zu dieser Uhrzeit hier? Musst du nicht arbeiten?«

»Nein, muss ich nicht. Ich bummele zwei Gleittage ab. Aber du musst arbeiten. Ich hab vorhin mit meinem Chef telefoniert, und er möchte, dass du am nächsten Montag vorbeikommst und dich vorstellst.«

»Mensch, Jana, das ist ja super!«, strahlte Marie. »Komm rein, ich mach uns einen Kaffee!«

Als Marie Kaffee zubereitete und eine Packung Kekse aufmachte, war sie so aufgeregt, dass sie eine der Tassen umwarf.

»Ganz ruhig«, grinste Jana. »Du darfst nicht alles kaputt machen, was du vielleicht mitnehmen willst.«

»Ha, ha«, machte Marie gutmütig. »Und außerdem … eine neue Tasse ist wie ein neues Leben!«

Sie lachten und setzten sich an den Esstisch.

»Nun schieß schon los. Was ist das für ein Job? Was muss ich machen? Was muss ich können? Was soll ich anziehen?«

Jana schüttelte in gespielter Verzweiflung den Kopf. »Am besten ziehst du einen Minirock an und verzichtest auf die Unterwäsche. Mein Chef ist ein perverses kleines Schweinchen.«

Als sie Maries völlig entgeistertes Gesicht sah, lachte Jana aus vollem Hals.

»Das war ein Scherz! Er ist nett. Wir alle kommen gut mit ihm aus. Vielleicht hast du wirklich unglaubliches Glück, denn eine unserer Mitarbeiterinnen hat einen Amerikaner geheiratet und zieht mit ihm in die Staaten. Wir hätten jetzt bald eine Annonce aufgegeben, um eine Nachfolgerin zu suchen. Du stehst also in der Poleposition. Du musst mit Excel umgehen können und Organisationstalent haben. Du müsstest Tagungen und Präsentationen vorbereiten und Dienstreisen buchen.«

»All das habe ich schon früher gemacht«, sagte Marie selbstsicher.

»Das weiß ich. Und das habe ich meinem Chef auch gesagt. Was meinst du wohl, warum er dich sehen will? Du müsstest von acht bis dreizehn Uhr arbeiten. Das müsste doch gehen, oder?«

»Ach, Jana. Das wäre zu schön, um wahr zu sein. Es wäre perfekt.« Sie rutschte auf ihrem Stuhl herum. »Ich kann es gar nicht mehr abwarten bis Montag!«

Jana blickte sie ernst an. »Einen Haken hat die Sache allerdings.«

Marie hielt inne. »Was für einen Haken?«

»Du wärst meine Kollegin!«

»Ach, echt?«, lachte Marie. »Das ist allerdings ein Haken! Komm, ich muss dir was zeigen!«

Sie holte das Exposé von der Wohnung, das sie in ihre Handtasche gestopft hatte, und zeigte es ihrer Freundin.

»Sie gefällt dir?«

»Ja. Sie passt.«

»Dann nimm sie.«

»Ich muss bis morgen Bescheid sagen, sonst ist sie weg. Aber ich muss doch warten, bis ich einen Arbeitsvertrag habe. Ohne festes Einkommen werde ich sie nicht bekommen.«

»Doch«, sagte Jana und blickte sie liebevoll an. »Erstens, du hast genügend Geld auf der Kante, das du nachweisen kannst. Zweitens bin ich sicher, dass du den Job bekommst und das nachreichen kannst. Und drittens werde ich mitkommen und für dich bürgen. Und wenn sie einen Bürgen haben, machen sie jeden Vertrag fertig.«

Sprachlos starrte Marie sie an. »Das würdest du wirklich für mich tun?«

Jana lächelte. »Ich weiß, dass du dasselbe auch für mich tun würdest.«

Marie stand auf und nahm ihre Freundin in die Arme.

»Das werde ich dir nie vergessen«, flüsterte sie.

»Ich werde dich dran erinnern«, lachte Jana. »Sag mal, hast du eine Flasche Sekt da? Das müssen wir feiern!«

»Eine ist noch im Kühlschrank. Ich hol sie.«

Auf dem Weg in die Küche verstaute Marie das Exposé wieder sorgfältig in ihrer Handtasche. Tausend Gedanken gingen ihr auf einmal durch den Kopf. Wann sollte sie mit Jens sprechen? Wann sollte sie es den Kindern sagen? Und vor allem, wie? Das würden die schwersten Momente in ihrem bisherigen Leben sein.

»Brauchst du Hilfe?«, rief Jana aus dem Wohnzimmer.

»Nein, das schaff ich schon!«

Mit einer kalten Flasche Prosecco und zwei Gläsern kam sie zurück und stieß dabei einen tiefen Seufzer aus.

»Du denkst an Jens?«, erriet Jana ihre Gedanken.

»Ja. Ich weiß nicht, wie ich es ihm sagen soll. Ich weiß nicht, wann ich es ihm sagen soll. Und ich weiß nicht, wie ich es den Kindern sagen soll.«

»Willst du meine Meinung hören?«

Marie lächelte. »Das weißt du doch.«

»Ich mach dir einen Vorschlag. Wenn du möchtest, bin ich dabei, wenn du mit Jens sprichst. Er wird sich nicht trauen, auszurasten, wenn noch jemand anderes dabei ist.«

»Danke«, sagte Marie leise.

»Und überleg dir, ob es nicht besser ist, zu warten, bis du alles geregelt hast. Bis du den Job hast, die Wohnung eingerichtet und bereit bist, sofort zu gehen. Ein wochen- oder gar monatelanges Nebeneinander in Distanz, Wut und vielleicht auch Hass ist furchtbar. Ich an deiner Stelle würde alles vorbereiten und gehen, wenn ich auch tatsächlich gehen kann.«

Marie dachte darüber nach. »Vielleicht mache ich das. Aber ich kann nicht … ich kann ihn nicht mehr anfassen.«

»Das musst du auch gar nicht. Was meinst du wohl, wie viele Ehen es gibt, in denen die Partner ewig nicht miteinander schlafen? Sag ihm, du brauchst eine Auszeit. Sag ihm, du würdest zu einem Psychologen gehen. So bereitest du ihn vor, und wenn es so weit ist, wird er damit besser klarkommen.«

Marie schwirrte der Kopf. »Ich kann nicht alles auf einmal regeln.«

»Womit wollen wir beginnen?«, fragte Jana lächelnd und prostete ihrer Freundin zu. »Mit der Wohnung?«

Einen flüchtigen Moment lang dachte Marie an die Konsequenzen. Das alte Leben würde auseinanderbrechen. Das Umfeld der Kinder würde sich verändern. Gerede würde entstehen. Aber dann sagte sie sich, dass das so vielen Menschen ähnlich ergangen war, und auch sie hatten es geschafft.

»Ja«, sagte sie mit fester Stimme. »Mit der Wohnung.«

»Komm, ruf an und sag zu. Und wenn du sie hast, komm ich mit zu denen ins Büro.«

In dem Augenblick, als sie aufstand und das Telefon suchte, wurde ihr klar, dass jetzt der Moment kam, in dem sie einen Schritt tat, der nicht mehr umkehrbar war. Ein Schritt, der ein sehr langes Kapitel beendete. Und ein neues aufschlug.

»Hallo? Ja, ich war gestern mit Ihnen zusammen die Wohnung in der Ahornallee anschauen. Ich nehme sie.«

»Und?«, flüsterte Jana.

»Danke, das ist sehr nett«, strahlte Marie. Morgen Vormittag um zehn? Das kann ich einrichten. Vielen Dank.«

Jana hob die Hand und Marie klatschte sie ab. »Super! Ich freu mich total für dich!«

Zitternd vor Aufregung griff Marie nach der Proseccoflasche und schenkte nach.

»Auf dich!«, sagte Jana und stieß mit ihr an. »Du bist wirklich mutig, das muss ich dir lassen. Ich weiß nicht, ob ich genauso gehandelt hätte, wenn ich in deiner Lage wäre.«

»Du hast keine Kinder«, sagte Marie. »Das wird das Schwerste für mich, es ihnen zu sagen.«

»Du weißt, wer dir hilft, hm?«

Marie drückte sie. »Das weiß ich. Ich danke dir für alles.«

»Ich komme morgen mit und bürge für dich. Und dann zeigst du mir die Wohnung, okay?«

»Okay.« Ein mulmiges Gefühl breitete sich in ihr aus. Sie hatte es getan. Sie kam sich vor wie eine Fremde, die das alles distanziert betrachtete und sich dabei fragte, ob das denn gut gehen könne. Doch sie hielt zu dieser Entwicklung einen seltsamen inneren Abstand. Aber der Augenblick würde kommen, wo die Realität sie einholte. Das wusste sie.

Jana holte sie aus ihren Gedanken. »Marie, jetzt musst du ihn mir aber mal zeigen.«

»Wen?«, fragte Marie verständnislos.

»Na, den, der das alles hier ausgelöst hat! Der Typ mit den magischen Händen! Deinen Mann für gewisse Stunden!«

Marie fühlte Widerstand in sich aufsteigen. Sie wollte diesen Mann nicht preisgeben. Diesen Mann, der ihr etwas schenkte, das nicht von dieser Welt war. Doch dann schalt sie sich eine Närrin. Er besaß eine Website. Tausende konnten sie aufrufen und ihn sich anschauen. Wie sonst hätte sie ihn finden können? Mit wie vielen traf er sich wohl in ähnlichen Hotelzimmern? Doch das war ihr egal. Sie wusste, dass er keiner der anderen Frauen etwas Ähnliches schenken würde wie ihr. Dazu gehören zwei, dachte sie. Er und ich.

»Okay«, sagte sie augenzwinkernd. »Dann zeig ich ihn dir mal.«

Sie holte ihr Tablet und gab die Website ein. Als die Seite erschien, beugte sich Jana vor.

»Wow, nicht schlecht«, entfuhr es ihr. »So langsam versteh ich dich.« Dann nahm sie Marie das Tablet aus der Hand und las sich durch die einzelnen Seiten.

»Upps, nicht gerade billig«, machte sie, als sie auf der Buchungsseite landete.

»Er ist es wert«, sagte Marie.

Jana kehrte zur Startseite zurück und vertiefte sich in den Text.

»Hm«, machte sie. »Du suchst jemanden, der dich aus dem Alltag holt? Jemanden, der zärtlich ist und auf dich eingeht? Jemanden, der weiß, wie du fühlst und was du begehrst? Dann suchst du mich. Und hast ihn gefunden.« Sie lehnte sich zurück. »Ganz schön selbstbewusst, der Mann. Aber er weiß, wie man die Damenwelt heiß macht.«

Marie eroberte sich das Tablet zurück und klappte es zu.

»Ja, das weiß er«, sagte sie versonnen. »Ich muss gleich die Kinder abholen. Sei mir nicht böse, aber ich muss dich jetzt rausschmeißen.«

»Weiß er, was er bei dir ausgelöst hat?«

»Ich weiß es nicht. Er scheint in mich hineinsehen zu können. Aber ich habe ihm nichts gesagt. Ich werde ihm auch nichts davon sagen.« Jedenfalls noch nicht, fügte sie in Gedanken hinzu.

»Ich beneide dich« seufzte Jana. »Ich glaub, es wird Zeit, dass ich mein Leben auch umkrempele.«

Marie lachte. »Du bist frei und ungebunden! Du kannst machen, was du willst! Zieh los und such dir einen Kerl, der dir alle Wünsche erfüllt!«

»So einen gibt es nicht«, grinste Jana. »Wenn ich einen finden würde, der mir ein oder zwei Wünsche erfüllt, wäre ich schon zufrieden.«

Zum Abschied küssten sie sich auf die Wangen. »Morgen um zehn?« Janas Augen forschten in denen von Marie. »Und bist du dir ganz sicher?«

»Morgen um zehn«, bekräftigte Marie. »Ich will hier raus. Und ich geh hier raus.«

Als Jana davonfuhr und Marie ihr nachwinkte, erschrak sie über die Konsequenz ihrer Worte. Doch kein Weg führte jetzt mehr zurück.

*

Eine Woche verging. Marie lebte in zwei Welten. Das Gespräch mit Janas Chef war optimal verlaufen. Sie waren sich auf Anhieb sympathisch gewesen, aber auch ihre berufliche Qualifikation hatte überzeugt. Drei Tage später hatte man ihr einen Arbeitsvertrag geschickt. Das Gehalt war nicht üppig, aber in Ordnung. Sie war froh, dass sie im Moment nicht arbeitete, denn so konnte sie die Post abfangen. Jens öffnete ihre Briefe zwar nie, aber er hätte unangenehme Fragen stellen können.

Der Arbeitsvertrag sah eine übliche Probezeit vor, aber es war kein Zeitvertrag. Marie hatte ihn ohne zu zögern unterschrieben und zurückgeschickt. Noch drei Wochen, und sie würde jeden Morgen zur Arbeit gehen. Und genau zur gleichen Zeit würde sie ihre neue Wohnung beziehen. Gemeinsam mit Jana, die sich extra noch zwei Tage freigenommen hatte, zog sie durch die Möbelhäuser und suchte sich die Dinge aus, die sie für ihr neues Zuhause brauchte. Der Vermieter war so großzügig gewesen, dass er ihr die Schlüssel bereits vor dem nächsten Ersten ausgehändigt hatte. So konnte sie nach und nach unauffällig ein paar Sachen packen und hinüberbringen.

Der Tag rückt näher, dachte sie. Ich werde gehen. Einfach gehen.

Die Spannungen zwischen ihr und Jens nahmen an Intensität zu. Manchmal tat er ihr sogar leid, wenn er hilflos vor ihr stand und sie ihn auf Distanz hielt. Sie hatte ihm klipp und klar gesagt, dass sie im Moment keine körperlichen Berührungen aushielt. Ja, sie hatte ihn angelogen und Janas Rat befolgt, ihm zu erzählen, dass sie es selbst nicht wusste, warum das so war und deswegen einen Psychologen aufsuchen würde. Was sie jedoch nicht tat.

Wenn sie die Tür ihrer neuen Wohnung aufschloss, überkam sie ein Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit. Das ist mein Hafen, dachte sie dann. Bald werde ich ihn endgültig ansteuern.

Da sie immer nur vormittags Zeit hatte, um all die Dinge zu erledigen, die anstanden, konnte sie ihn nicht treffen. Doch dann waren die meisten Vorbereitungen abgeschlossen. Vierzehn Tage waren vergangen, und als sie an dem vorletzten Freitag, bevor ihr Leben eine andere Richtung einschlagen würde, auf der Terrasse ihres alten Heims stand und sich innerlich von diesem verabschiedete, holte sie ihr Handy hervor und buchte ihn für den kommenden Dienstag.

Versonnen steckte sie es wieder ein. Sie hatte nun beinahe drei Wochen auf seine Berührungen verzichtet und fand, dass es Zeit wurde. Sie würde frei, selbstbewusst und mit erhobenem Kopf zu dem Hotel gehen, egal, wohin er sie diesmal auch bestellte. Und wen immer sie treffen mochte, es spielte keine Rolle mehr. Sie würde Hallo sagen und dann ins Hotel gehen, als wäre es das Natürlichste auf der Welt. Denn jetzt konnte sie alles tun, was sie wollte.

Erfüllung

Sie stand in der Lobby des teuersten Luxushotels der Stadt und schaute sich um. Noch nie war sie in einem derart noblen Hotel gewesen. Es gab sogar einen Portier, der ihr die Tür aufgehalten hatte. Langsam schritt sie über den dicken Teppichboden, in den das Logo der Hotelkette eingearbeitet war. Alles war aufeinander abgestimmt. Schwere Ledersessel umrahmten dicke Marmorsäulen, wertvoll aussehende Kunstgegenstände und Skulpturen vertieften die gediegene Atmosphäre. Geschmackvoll und auch geschmacklos gekleidete Gäste bevölkerten die ausgedehnte Vorhalle mit ihren teils wichtig, teils gelangweilt dreinschauenden Gesichtern. Marie registrierte sündhaft teuren Schmuck an sogenannten Damen von Welt und ihre dazugehörigen in Boss gekleideten Männer, die sich für den Nabel dieser Welt hielten.

Ich gehöre hier nicht her, dachte sie. Oder vielleicht ja doch? Sie straffte sich und ging erhobenen Hauptes an der Rezeption vorbei ohne die dahinter arbeitenden Angestellten eines Blickes zu würdigen. Ich stehe über all dem hier, überlegte sie lächelnd. Noch vor einem Monat wäre sie befangen von der Pracht stehen geblieben und hätte nicht gewusst, wie sie sich verhalten sollte. Doch jetzt schritt sie mit neuem Selbstbewusstsein zu den Aufzügen, als würde sie hier jede Woche absteigen. Während sie auf den Fahrstuhl wartete, ging ihr durch den Kopf, warum er wohl derart unterschiedliche Hotels für ihre Treffen buchte.

Nahezu lautlos glitt der Aufzug nach oben. Als sie in der obersten Etage ausstieg und den nach frischem Holz duftenden Gang entlangschritt, begann ihr Herz zu klopfen. Auf diesen Moment hatte sie beinahe vier Wochen gewartet, und ihre Sehnsucht nach diesem Mann war ins Unermessliche gestiegen. Sie bemerkte den großen Abstand zwischen den Zimmertüren.

Er wird für das Zimmer mehr ausgegeben haben, als er durch mich verdient, dachte sie amüsiert. Dann war sie angelangt und klopfte sachte an die Tür.

Keine zwei Sekunden später lagen sie sich in den Armen. Das erste Mal, seit sie ihn kannte, presste er sie an sich wie es ein Geliebter tun würde. Es war, als ob sich zwei Verliebte wiedersahen, die sich eine Ewigkeit nicht gesehen hatten. Schließlich lösten sie sich voneinander. Er nahm sie bei der Hand und führte sie in das Hotelzimmer.

»Oh«, entfuhr es Marie, als ihr aufging, dass sie eine Suite betrat, die beinahe so groß erschien wie ihre neue Wohnung, nur dass sie weit luxuriöser eingerichtet war. »Nicht so spartanisch wie das letzte Mal!«

Er lachte. »Nein, das ist es nicht. Komm, ich zeig dir die Aussicht.«

Sie behielt ihren Mantel an und folgte ihm durch das geräumige Wohnzimmer auf eine Dachterrasse, die einen atemberaubenden Blick auf die Silhouette der Stadt bot. Sie stellten sich an die Brüstung und ließen ihre Blicke schweifen.

»Faszinierend«, sagte Marie. »Es müsste Sommer sein, dann könnte man nur hier sitzen, ein Glas Wein trinken und die Welt umarmen.«

»Es spricht nichts dagegen, dass wir das im Sommer wiederholen«, erwiderte er und nahm ihre Hand. »Aber heute umarme ich dich.«

Überrascht drehte sie sich zu ihm und sah ihm in die Augen. »Das ist mehr, als du bisher getan hast«, sagte sie leise.

»Du weißt, was ich dir immer sage, wenn wir uns treffen?«

Sie nickte. »Ich kann immer gehen, wenn ich etwas nicht möchte. Aber du weißt auch, was ich immer getan habe, wenn du mich das gefragt hast?«

Er lachte. »Ja, du bist geblieben.«

»Und wiedergekommen«, ergänzte sie.

Er zog sie an sich und das Gefühl überwältigte sie. Ein paar Sekunden lang forschten sie in den Blicken des anderen. Schließlich geschah das, worauf sie seit Wochen gehofft hatte. Er nahm ihr Gesicht in beide Hände, strich ihr liebevoll die Haare zur Seite, und küsste sie sanft auf den Mund.

Die Welt stand still. Ein Kuss wie die Erfüllung aller Sehnsüchte. Er küsste sie zurückhaltend, sanft und behutsam. Aber sie wusste, dass an diesem Tag noch andere Küsse auf sie warteten.

Als ihre Lippen sich lösten, erfüllte Marie ein Hochgefühl. Ein Gefühl, das sie später nicht einmal Jana beschreiben konnte. Es war das Gefühl, endlich zu wissen, wozu man auf der Welt war. Wofür alle Mühsal, Sorgen und die Zwänge des Lebens lohnten.

»Na«, sagte er augenzwinkernd. »Möchtest du gehen?«

»Ja, nach drinnen.«

Diesmal nahm sie ihn bei der Hand und führte ihn zurück in die Suite. Sie zog ihren Mantel aus und warf ihn achtlos über einen Sessel.

»Ich habe heute eine Stunde mehr Zeit«, sagte sie mit glänzenden Augen.

»Das ist gut. Dann komm.«

Wortlos führte er sie in das angrenzende Schlafzimmer, das in gediegener Eleganz eingerichtet war. Das Bett war so groß, dass vier Erwachsene bequem darin Platz gefunden hätten.

Sie hielt es nicht mehr aus. Alles in ihr schrie nach ihm. Und diesmal ergriff sie die Initiative. Sie zog ihn an sich und küsste ihn mit einer Leidenschaft, die alles Bisherige in ihrem Leben überstieg. Ihre Zungen spielten miteinander, erforschten ihr Gegenüber, und ihr heißer Atem verschlang den des anderen. Sie begannen, sich gegenseitig auszuziehen. Kleidungsstück für Kleidungsstück fiel zu Boden. Es war kein romantisches Abtasten mehr, keine unmerklichen Berührungen, kein Verzehren, sondern wilde Lust übermannte sie. Sie ließ sich gehen, nahm ihn wie eine verdurstende Frau nach endloser Dürre. Als sie nackt waren, ließ sie sich rückwärts auf das Bett fallen und zog ihn mit sich. Sie reckte ihm ihr Becken entgegen und spürte wie hart er war. Doch er wartete, wollte ihr noch mehr Lust verschaffen. Er nahm ihre Arme und legte sie über ihren Kopf aufs Kissen. Mit einer Hand hielt er sie fest, mit der anderen berührte er scheinbar gleichzeitig jede Stelle ihres Körpers. Sein Mund fand den ihren, dann wanderten seine Lippen hinab zu ihren Brüsten, seine Zunge umspielten ihre hoch aufgerichteten Brustwarzen, während er die freie Hand zwischen ihre Schenkel führte. Ein Beben durchlief ihren Körper und sie stöhnte auf. Sie machte die Augen auf und sah ihn an, wie er sie erforschte, streichelte, küsste und liebkoste. Alles, was geschah, nahm sie auf ohne Nachzudenken. Sie ließ sich fallen, war frei und gab sich ihrer Lust hin wie nie zuvor.

Als er sie zwischen ihren Beinen küsste, entfuhr ihr ein Aufschrei. Welle um Welle schoss durch ihre Lenden, und während sie in scheinbar nicht enden wollenden Kontraktionen ihren Höhepunkt durchlebte, gab er ihre Hände frei, schob sich zu ihr hinauf und küsste ihren nach Luft ringenden Mund. Sie krallte sich in seinen Rücken, und als er in sie eindrang, explodierten ihre Sinne.

Er bewegte sich langsam in ihr, um ihr Zeit zu geben, sich von diesem ersten Ansturm zu erholen. Sie schauten sich an, und nach ihren Körpern fanden ihre Seelen zueinander. Er führte die Arme unter ihrem Rücken hindurch und hob sie ein Stück weit hoch, dass ihr Kopf auf das Kissen zurücksank und sich ihr Becken an ihn presste. Langsam steigerte er sein Tempo und sie passte sich ihm an. Er schien zu spüren, wann es so weit war, dass sie es nicht mehr aushielt, und zwei, drei Mal wurde er genau in diesem Moment langsamer und hielt inne, um sie zu küssen und ihre Blicke einzufangen.

Minutenlang bewegten sie sich im Gleichklang, fühlten, liebten und waren eins. Doch dann war der Punkt gekommen, an dem sie beide nichts mehr zurückhielt, und als sie gemeinsam zum Höhepunkt kamen, schrie sie ihre Ekstase in die Welt hinaus.

Minutenlang lagen sie eng umschlungen da. Nur ihr heftiger Atem erfüllte das Zimmer. Als Marie langsam wieder zu sich kam, bedeckte sie sein Gesicht mit Küssen. Eine Träne bildete sich in ihrem Augenwinkel und ihre Lippen zitterten, als sie ihm etwas sagen wollte. Doch er ließ es nicht zu und küsste sie lange und mit der Zärtlichkeit eines liebenden Mannes.

Nichts wird mehr so sein wie vorher, dachte Marie, als sie nach einer scheinbaren Unendlichkeit erschöpft nebeneinander lagen. Das Zimmer drehte sich um sie herum. Zärtlich blickte sie ihn an.

»Mach das ja nicht noch mal.«

»Okay«, lächelte er und gab ihr einen Kuss. »Es war schön, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben.«

Sie knuffte ihn in den Bauch. Dann drehte sie sich auf den Rücken und stieß einen tiefen Seufzer aus.

»Wenn ich eine Million hätte, würde ich sie dir geben und dich für eintausend Stunden buchen.«

»Ich würde sie nicht nehmen«, sagte er leise.

»Nein?«

»Nein«, bekräftigte er ironisch. »Eine Stunde mit dir, und ich bin vollkommen erschöpft. Wenn du das auf die nächsten tausend Wochen verteilen könntest, würde ich mir das allerdings noch mal überlegen.«

Sie drehte sich zurück auf die Seite, stützte sich auf den Ellbogen und schaute ihn an.

»Woher weißt du, wie eine Frau fühlt?«, fragte sie ihn direkt.

»Das weiß ich nicht. Ich spüre es. Vielleicht bin ich zu wenig Macho und zu viel Romantiker.«

»Machos hat diese Welt genug.« Sie zeichnete mit dem Finger die Konturen seines Gesichts nach. »Aber wie kannst du ein Romantiker sein, wenn du dich von Frauen buchen lässt?«

Als die Frage raus war, tat es ihr leid, dass sie sie gestellt hatte. Aber es war zu spät, und er schien sich daran nicht zu stören.

»Sagen wir, ich bin ein enttäuschter Romantiker. Das Leben bietet Überraschungen. Manchmal schöne, manchmal schlechte.«

»Dich zu treffen, war eine schöne Überraschung«, murmelte sie. »Du hast mich gelehrt, all das zu wecken, was in mir geschlummert hat. Ich werde noch lange nicht verstehen, wie es möglich ist, so zu empfinden. Aber weißt du, was? Es ist mir auch egal, ob ich es verstehe. Hauptsache, ich empfinde es.«

»Ich habe gewusst, dass du eine Sehnsucht in dir trägst. Wenn man Sehnsucht hat, muss nur jemand kommen, der sie erfüllt.«

Plötzlich ging ihr etwas auf. »Die ersten Male hast du gewollt, dass ich die Sinne schärfe. Deswegen sollte ich die Augen geschlossen halten. Und deswegen das grottenhafte Hotel.«

Er musste lachen. »Ja, entschuldige. Aber du hast recht. Genau das wollte ich. Ich wollte dir zeigen, dass die Umgebung keine Rolle spielt. Man kann sie komplett ausblenden. Und wenn man auf die ernüchternde Realität, die unsere Augen uns zeigen, verzichtet, kann man sein Empfinden verdoppeln.«

»Nicht nur das Empfinden«, stellte sie zärtlich fest. »Auch das Denken und das Handeln. Ich werde meinen Mann verlassen. Ich habe ein neues Zuhause und ein neues Leben.«

»Oh«, machte er. Sie las in seinen Augen, konnte aber nicht erkennen, was er darüber dachte.

»Du bist dir ganz sicher, diesen Schritt zu tun?«

»Ja.«

»Emotionen sind kein guter Ratgeber«, sagte er ernst.

»Im Moment sind sie der beste, den ich jemals hatte«, erwiderte sie. »Mein Verstand hat mich über Jahre gehemmt, zu leben. Gehemmt, einen Mann zu verlassen, der mir Lebenszeit stiehlt, und gehemmt, frei über mich zu bestimmen. Und ohne diese … Stunden mit dir würde ich bis an mein Lebensende neben einem Dackelpantoffel-Ehemann auf der Couch sitzen und altern, bis es zu spät ist.«

Nachdenklich streichelte er ihre Hüfte. »Nicht sehr reizvoll, das gebe ich zu. Doch meist gerät man von einer Abhängigkeit in die nächste. Behalte deine Augen offen.«

Er lächelte. »Zumindest außerhalb der Zeit mit mir.«

Sie beugte sich über ihn, und sie küssten sich lange und innig.

»Du bist ein Ziel, für das es sich zu leben lohnt«, flüsterte sie.

»Vorsicht, du kennst mich erst sieben Stunden.« Er richtete sich auf und schaute auf die in den Nachttisch integrierte Uhr. »Ich fürchte, du musst dich anziehen.«

Sie zog einen Schmollmund und stand auf. »Es müsste eine Zeitfalte geben, in der man ab und zu hängen bleibt.«

»Und dann kommst du nicht mehr raus!«, lachte er.

»Wenn ich bei diesem Vormittag hängen bleibe, macht es mir nichts aus.«

Sie stand auf, sammelte ihre Sachen zusammen und ging ins Bad, um sich fertig zu machen. Als sie wieder herauskam, legte sie wortlos lächelnd den Umschlag auf den Schreibtisch.

Zehn Minuten später standen sie im Hotelflur und verabschiedeten sich. Sie hielt seine Hände und küsste ihn.

»Ich werde dich noch lange spüren«, flüsterte sie. »Bis zum nächsten Mal.«

»Das nächste Mal«, sagte er augenzwinkernd, »wird noch aufregender als heute.«

»Niemals!«

Schweren Herzens trennte sie sich von ihm. Ein leichter Schwindel erfasste sie, als sich der Aufzug in Bewegung setzte und sie zurück zur Lobby brachte. Ich hab mich in ihn verliebt, durchfuhr es sie. Aber das darfst du nicht. Er würde sich niemals binden.

Als sie auf die Straße trat und die wunderbar frische Oktoberluft einsog, fasste sie einen Entschluss.

Vielleicht ja doch. Das, was heute passiert ist, wird auch ihn berührt haben.

Auf dem Weg zur Schule reifte ein Plan in ihr. Sie würde behutsam vorgehen. Es musste einen Grund geben, warum er dieses Leben gewählt hatte. Vielleicht war er von einer Frau bitter enttäuscht worden. Vielleicht hatte er als Kind unter seiner Mutter gelitten. Und vielleicht war dieses Erlebnis heute mit ihr auch für ihn etwas wunderbar Neues. Sie hatte es gefühlt, und sie wusste, es war für ihn ebenso unfassbar schön gewesen wie für sie.

Sie wollte ihn für sich. Und eines Tages nicht mehr für ihn bezahlen.

Ich lasse mir Zeit, dachte sie. Und ich lasse ihm Zeit. Aber ich werde ihm die Frau bieten, nach der er sich gesehnt hat.

*

»Es ist schön hier«, sagte Jana und führte ihren heißen Kaffee vorsichtig zum Mund. Sie saßen auf dem Balkon in Maries neuer Wohnung und weihten den Bistrotisch und die Stühle ein, die heute geliefert worden waren. Die Temperatur war auf kühle 10 Grad gesunken, aber der Himmel war klar, und die Hauswand reflektierte die Sonnenstrahlen, sodass es die beiden in ihren Mänteln gut aushielten.

»Ja«, erwiderte Marie und hielt ihren Becher mit beiden Händen umklammert. »Das ist es. Noch sieben Tage.«

»Der Rest kommt morgen?«

»Hm. Um neun. Ich werde mich beeilen müssen.«

Die Schlafzimmermöbel, die Schrankwand und die Sitzgarnitur fürs Wohnzimmer, der Fernseher und die Waschmaschine sollten am nächsten Tag geliefert werden. Stück für Stück, Kiste für Kiste hatte Marie in den letzten Tagen aus ihrem alten Zuhause hierher gebracht. Jens war so in seiner Welt verkrustet, dass er nicht das Geringste davon mitbekommen hatte. Wie sollte er auch?, dachte Marie. Er wäscht weder die Wäsche noch weiß er, was in den Küchenschränken ist. Ihn interessieren nur sein Feierabendbier und die Füße auf dem Couchtisch.

Es war nicht sonderlich schwer gewesen, Kleidung und Geschirr zusammenzupacken und wegzuschaffen. Was sie in die Ahornallee gefahren hatte, würde fürs Erste reichen. Natürlich würde sie viele Dinge erst später holen können. Für einen Neuanfang braucht man erstaunlich wenige Sachen, wurde Marie sich bewusst.

»Ja, ab morgen ist die Wohnung so gut wie eingerichtet. Für die Kinder habe ich erst mal Luftmatratzen zum Schlafen, und wir werden eine Zeit lang aus Kisten leben, aber die beiden werden es spannend finden.«

»Du willst es ihnen erst am Dienstag sagen?«

Marie nickte. Dienstag war der einunddreißigste Oktober. Der letzte Tag ihres alten Lebens. Der letzte Vormittag in ihrem vermufften Reihenhaus. Die letzte Nacht neben Jens.

»Ich werde sie von der Schule abholen und mit ihnen hierher fahren. Ich werde mich mit ihnen in ihr neues Kinderzimmer setzen und ihnen erklären, warum ich mich von ihrem Papa trenne.«

»Darf ich dir einen Rat geben?«

»Natürlich darfst du das, das weißt du doch.«

»Ich habe keine Kinder. Ich kann nur ansatzweise nachempfinden, was in ihnen vorgehen mag. Aber es wird ein schmerzhafter Einschnitt in ihrem Leben sein. Sie werden ihren Vater vermissen. Egal, ob er ein guter oder schlechter Vater war. Du darfst Jens vor ihnen nicht schlecht machen.«

»Ja, das werde ich auch nicht. Ich habe in den letzten Wochen so oft darüber nachgedacht, wie ich vorgehen soll. Ich werde ihn nicht schlecht machen. Er ist ja auch nicht schlecht. Er ist nur …« Sie suchte nach Worten.

»Langweilig«, ergänzte Jana.

»Ja«, nickte Marie. »Auch langweilig. Aber noch schlimmer finde ich sein Desinteresse an allem, was mich betrifft oder was die Gemeinsamkeit betraf. Ich habe seit Jahren neben einem Neutrum gelebt.«

»Wann wirst du es ihm sagen?«

»Ich werde einen Brief schreiben.« Marie sah blicklos zum Horizont. »Ich werde diesen Brief am Dienstag auf den Boden im Flur legen und meinen Ehering obendrauf. Dann werde ich abschließen und nie mehr wiederkommen.«

»Meinst du nicht, es ist besser, du sagst es ihm von Angesicht zu Angesicht?«

»Nein. Ich habe lange darüber nachgedacht, aber wann sollte ich das tun? Es gibt keine Minute, in der wir allein sind. Die Kinder sind immer dabei.« Sie seufzte. »Ich muss zugeben, ich habe auch etwas Angst vor der Situation. Ich weiß nicht, wie er reagiert, wenn ich ihm sage, dass ich eine Wohnung habe und es kein Zurück mehr gibt.«

»Das ist auch ein starkes Stück«, meinte Jana und verzog die Mundwinkel.

»Es ist mein Leben«, sagte Marie schlicht. »Wenn ich es ihm sagen würde, wenn die Kinder schlafen, könnte er anfangen, rumzubrüllen und sie aufwecken. Und das Letzte, was ich will, ist, dass die Kinder das mitbekommen.«

»Er wird ausrasten, wenn er nach Hause kommt und deinen Brief findet.«

»Da bin ich mir gar nicht so sicher.« Marie nahm einen Schluck von ihrem inzwischen merklich kühler gewordenen Kaffee. »Jens war noch nie wirklich emotional. In keiner Hinsicht. Er wird sich betrinken und dauernd versuchen, mich anzurufen. Das ja, aber ausrasten? Nein.«

»Wenn ich am Dienstag mit der Arbeit fertig bin, komme ich her und steh dir bei.«

Marie schenkte ihrer Freundin einen warmen Blick. »Danke. Was du alles für mich tust, ist unglaublich. Schade, dass du kein Mann bist, sonst würde ich dich heiraten.«

Sie mussten beide lachen.

»Wenn ich ein Mann wäre, würde ich dich buchen«, grinste Jana. »Wie war es denn eigentlich beim letzten Mal?«

»Unfassbar. Galaktisch. Ich bin dreimal gekommen.«

»Was? Das glaub ich nicht. Was ist denn das für ein Mann?«

Marie lächelte versonnen. »Weißt du, wenn ich nicht für ihn bezahlen würde, würde ich glauben, dass es der Mann fürs Leben ist.«

Jana lehnte sich zurück. »Das denkst du doch auch so, habe ich recht?«

Jana sah, dass ihre Freundin um eine Antwort herumkommen wollte. Aber Marie überwand sich.

»Ja. Ich will ihn. Ich will ihn mit jeder Faser meines Körpers und meiner Seele. Aber ich darf ihn nicht wollen.«

»Weil er ein Professioneller ist?«

»Nein«, entgegnete Marie ein wenig zu scharf. »Weil er etwas in sich trägt, das ihn dazu bewogen haben muss, diesen Weg zu gehen. Ich habe noch nie einen sensibleren Mann getroffen. Ja, nicht einmal eine sensiblere Frau. Etwas muss mit ihm passiert sein, dass er sich auf diese Art verkauft. Nie und nimmer hätte er das nötig. Es muss mit seiner Vergangenheit zu tun haben.«

»Lass ihn, wie er ist«, meinte Jana und zog ihren Mantel enger zusammen. »Männer hassen es, wenn man sie manipulieren will.«

»Ich auch«, lächelte Marie. »Ich will ihn nicht manipulieren. Ich will ihm etwas geben, das er vielleicht noch nie hatte. Nichts Körperliches. Na ja, das auch. Aber ich meine … ich … ach, was soll’s.«

Jana warf ihre Haare zurück. »Verrenn dich bloß nicht in eine Illusion. Er hat dir wilden Sex geboten und er war einfühlsam. Gut. Nimm es. Genieß es. Aber verlieb dich nicht in ihn. Das kann nicht gut gehen.«

»Ja, Mama.« Marie zuckte die Schultern. »Wahrscheinlich hast du recht. Aber wenn du ihn erlebt hättest, würdest du aus dem Zittern nicht mehr herauskommen. Verstehst du? Ich spüre ihn noch überall. Auf meiner Haut, in meinem Körper, in meinem Herzen. Du müsstest ihn kennenlernen, dann würdest du verstehen, was ich meine.«

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22 декабря 2023
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310 стр. 1 иллюстрация
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9783899188226
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