Читать книгу: «Eine Frau, ein Plan»
MAYE MUSK
EINE FRAU EIN PLAN
EIN LEBEN VOLLER RISIKO, SCHÖNHEIT UND ERFOLG
Aus dem Englischen übersetzt
von Katja Hald

Die englische Originalausgabe ist 2019 unter dem Titel
A Woman Makes a Plan. Advice for a Lifetime of Adventure, Beauty, and Success bei Viking, einem Imprint von Penguin Random House, erschienen.
Sämtliche Angaben in diesem Werk erfolgen trotz sorgfältiger Bearbeitung ohne Gewähr. Eine Haftung der Autoren bzw. Herausgeber und des Verlages ist ausgeschlossen.
Die Rechte für die Fotografien im Innenteil liegen bei der Autorin.
1. Auflage
© 2019 Maye Musk
© der deutschsprachigen Ausgabe 2021 Benevento Verlag
bei Benevento Publishing München – Salzburg, eine Marke der
Red Bull Media House GmbH, Wals bei Salzburg
Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des öffentlichen Vortrags, der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen sowie der Übersetzung, auch einzelner Teile. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Medieninhaber, Verleger und Herausgeber:
Red Bull Media House GmbH
Oberst-Lepperdinger-Straße 11–15
5071 Wals bei Salzburg, Österreich
Satz: MEDIA DESIGN: RIZNER.AT
Gesetzt aus der Palatino, BlairMdITC TT
Umschlaggestaltung: Benedikt Lechner (nach einer Vorlage von Jason Ramirez)
Umschlagmotiv: Mark Seliger, New York City
ISBN 978-3-7109-0114-0
eSIBN 978-3-7109-5118-3
Dieses Buch möchte ich all jenen Menschen widmen, die mein Leben entscheidend beeinflusst haben:
Meiner verstorbenen Mutter, Wyn Haldeman, die mir, meiner Schwester und jeder Frau, der sie begegnete, das Selbstvertrauen gab, etwas Gutes aus ihrem Leben zu machen.
Meiner verstorbenen Schwester, Lynne Haldeman, die sich fünf Jahre lang Abend für Abend meine Sorgen und Nöte angehört und mich während meines Gerichtsprozesses gegen die Wohnungsbaugesellschaft wegen der Reparatur meines Schornsteins immer wieder ermutigt hat.
Meiner Zwillingsschwester Kaye, die mich schon mein ganzes Leben lang beschützt und mich am Boden hält.
Tosca, meiner wunderbaren Tochter, und meinen beiden Söhnen Elon und Kimbal, die mich immer respektiert und in allem, was ich tat, unterstützt haben.
Meinen elf Enkelkindern, die mir mit all ihren Fragen unendlich viel Freude bereiten und dank derer ich immer noch sehr viel lerne.
Meiner großen Familie, meinen Freunden und meinem Team, die mich in guten, in schlechten und in aufregenden Zeiten immer unterstützt haben.
INHALT
EINLEITUNG
Lebe gefährlich – aber mit Bedacht
TEIL EINS: SCHÖNHEIT
1 Weiß ist das neue Blond
2 Andere faszinieren
3 Tolles Model, grauenhafter Stil
4 Ich liebe Make-up, und Make-up liebt mich
5 Geben Sie sich selbstbewusst
TEIL ZWEI: ABENTEUER
6 Jacarandablüte
7 Entdeckungsfahrten
8 Warum nicht?
9 Eine Frau braucht einen Plan
10 Dem Leben eine neue Richtung geben
TEIL DREI: FAMILIE
11 Berufstätige Mutter
12 Zwölf, das magische Alter
13 Den Neuanfang wagen
14 Gehen Sie in ein anderes Land, wenn es sein muss
15 Gute Taten
TEIL VIER: ERFOLG
16 Arbeitende Frauen
17 Fragen Sie, wenn Sie etwas wollen!
18 »Feel Fantastic«
19 Immer nach vorn schauen
20 Nicht mein Ding
21 Werden Sie Instagram-Star
22 Alleinstehende Damen
TEIL FÜNF: GESUNDHEIT
23 Eine gute Ernährung macht glücklich
24 Genießen Sie, was Sie essen
25 Pralinen? Nein danke!
26 Immer in Bewegung bleiben
27 Umgeben Sie sich mit glücklichen Menschen
28 Einundsiebzig ist ein tolles Alter
SCHLUSSWORT
Machen Sie Ihren Plan
DANK
EINLEITUNG
LEBE GEFÄHRLICH – ABER MIT BEDACHT
Mache Pläne und gehe Risiken ein
Ich wuchs in einer Familie mit einem Flugzeug und einer Leidenschaft fürs Entdecken auf. Meine Eltern flogen in einer kleinen Propellermaschine mit Stoffdach ohne GPS und Funkgerät quer durch Kanada, Amerika, Afrika, Europa, Asien und Australien. Als wir noch Kinder waren, flogen sie jeden Winter mit uns über die Kalahari-Wüste, um nach der verlorenen Stadt zu suchen. Wenn ich heute daran zurückdenke, ist mir natürlich bewusst, wie gefährlich es war, nur mit einem Kompass und Wasser- und Essensvorräten für lediglich drei Wochen mit fünf Kindern die Wüste zu durchqueren. Aber mein Vater und meine Mutter hatten jeden unserer Ausflüge bis ins letzte Detail geplant. Unser Familienmotto war: »Lebe gefährlich – aber mit Bedacht.« Mein Vater suchte das Abenteuer, war aber klug genug, stets mit dem Unvorhersehbaren zu rechnen. Wie er bin auch ich neugierig und immer bereit, Neues zu entdecken, und ich weiß, dass ich jedes Risiko eingehen kann, solange ich gut vorbereitet bin.
In meiner Kindheit hörte ich häufig den Satz: »’N boer maak ’n plan.« Das ist Afrikaans und bedeutet wörtlich übersetzt: »Ein Bauer macht sich einen Plan.« In Südafrika benutzen die Leute diese Redewendung andauernd, und wann immer wir ein Problem hatten, ob klein oder groß, oder einen neuen Weg einschlagen mussten, hielten wir uns daran. Denn egal, was für ein Hindernis einem im Wege steht, man muss es angehen und Möglichkeiten finden, es zu überwinden.
Zuerst wollte ich dieses Buch Kämpfen und Überleben nennen, aber niemand fand diesen Titel wirklich ansprechend, und außerdem hoffe ich natürlich, dass das Leben es mit Ihnen, die Sie dieses Buch lesen, besser meint als mit mir und Sie weniger zu kämpfen haben. In meinem Leben ist viel falsch gelaufen, und ich war oft gezwungen, mir einen neuen Plan zu machen. Als Frau passiert es einem nicht selten, dass man einen Plan hat, und dann kommt doch alles anders, als man denkt. (Männern passiert das übrigens auch.)
Ich habe in meinem Leben ziemlich oft noch einmal ganz von vorn angefangen. Als Erwachsene habe ich in neun Städten und drei Ländern gelebt. So oft ganz von vorn anzufangen, wie ich es getan habe, rate ich niemandem, aber wenn Sie es tun müssen, planen Sie Ihren Neuanfang. Wer bereit ist, etwas Neues zu wagen, kann glücklicher werden und führt ein spannenderes Leben. Ich bin in meinem Leben viele Risiken eingegangen und musste anfangs hart kämpfen. Aber ich habe mich beharrlich durchgebissen, bis privat wie auch beruflich der Erfolg kam. Natürlich muss man nicht jedes Detail vorausplanen, wenn man das Risiko einer Veränderung eingeht. Viele Probleme lassen sich erst lösen, wenn sie auftreten. Und irgendwelche Schwierigkeiten, mit denen niemand gerechnet hat, gibt es immer. Aber Ihren ersten Schritt müssen Sie planen.
Das Leben hält viele Überraschungen für uns bereit, und von der Unzufriedenheit mit sich selbst und der Sorge um Familie und Freunde bis zu einem blendenden Aussehen, beruflichem Erfolg und einem abenteuerlichen Leben ist es ein weiter Weg. Es gilt vieles zu bedenken, aber wenn der erste Schritt getan ist, können weitere folgen und man kommt voran.
Ich selbst habe in schwierigen Situationen immer unzählige Liebesromane und Selbsthilfebücher gelesen. Sie gaben mir Hoffnung, und vielleicht wecken die Erfahrungen, die ich in diesem Buch mit Ihnen teile, ja auch in Ihnen Hoffnung.
Es ist großartig, so alt zu sein, wie ich es bin. Ich habe sieben Jahrzehnte durchlebt, zwei erfolgreiche Berufskarrieren genossen, drei Kinder großgezogen und bin Großmutter von elf Enkelkindern. Als Keynote-Speakerin und Model bin ich heute gefragter denn je. Man hat mich sogar gebeten, dieses Buch zu schreiben! Deshalb sage ich, einundsiebzig ist ein fantastisches Alter! Ich wache jeden Morgen auf und freue mich auf das, was der Tag für mich bereithält.
Mit der richtigen Einstellung, einem guten Plan und etwas Risikobereitschaft können Sie sogar auf den Mars fliegen, wenn Sie das wollen.
TEIL EINS

SCHÖNHEIT
1
WEISS IST DAS NEUE BLOND
Das Leben wird immer besser
Mit neunundfünfzig entschied ich mich, mein Haar weiß werden zu lassen, und zwei Jahre später war ich schwanger auf dem New York Magazine abgebildet. (Natürlich war ich nicht wirklich schwanger, aber es sah ziemlich echt aus.) Mit siebenundsechzig absolvierte ich meinen ersten Laufstegauftritt bei der New York Fashion Week gemeinsam mit Frauen, die nicht einmal ein Drittel meines Alters hatten. Und mit neunundsechzig wurde ich CoverGirl-Model.
Können Sie sich das vorstellen? Ich konnte es nicht. Nie hätte ich vermutet, dass mein Erfolgsgeheimnis für den Aufstieg zum Topmodel darin liegen würde, meine Haare nicht mehr zu färben. Meine erste Modenschau lief ich mit fünfzehn. Damals sagte man mir, mit achtzehn wäre es vorbei. Wer hätte gedacht, dass ich so lange als Model arbeiten würde – bis ins hohe Alter von einundsiebzig? Aber hier bin ich, sechsundfünfzig Jahre später, und es geht erst so richtig los.
Wer sagt, Frauen müssten langsamer machen, wenn sie älter werden? Ich fliege geradezu durchs Leben, probiere alles aus, habe viel Spaß und arbeite mehr denn je. Und ich bin in den sozialen Medien präsent, damit auch jeder weiß, dass ich mehr denn je arbeite und unglaublich viel Spaß habe. Habe ich schon erwähnt, wie viel Spaß ich habe? Wenn Männer im Alter nicht zurückstecken müssen, warum sollten wir es dann tun? Lassen Sie sich vom Alter nicht ausbremsen oder davon abhalten, nach vorn zu blicken. Achten Sie auf sich, so gut Sie können. Ernähren Sie sich gesund, lächeln Sie viel, bleiben Sie aktiv, glücklich und selbstsicher. Ich hatte nie Angst vor dem Älterwerden, im Gegenteil. Wenn ich die Falten in meinem Gesicht sehe – und nachdem ich sechzig geworden war, auch auf meinen Schenkeln und Armen –, freut es mich merkwürdigerweise sogar. Ich bin einfach nur glücklich, dass ich gesund bin.
Das Modeln habe ich als Teenager in Pretoria, Südafrika, angefangen, weil eine Freundin meiner Eltern dort eine Agentur und Modelschule hatte. Sie hieß Lettie. Ihr Mann besaß wie mein Vater ein Flugzeug, und die beiden kamen jeden Sonntagabend zu uns zum Essen. Lettie war sehr schön und anmutig und hatte ein so ruhiges und selbstbewusstes Auftreten, dass man ihr jeden Wunsch erfüllte.
Als meine Zwillingsschwester Kaye und ich fünfzehn wurden, lud sie uns ein, umsonst den Modelkurs an ihrer Schule zu besuchen. Wir sagten, ohne lange zu überlegen, Ja. Den rosafarbenen Hosenanzug im Stil von Chanel, den ich bei dem Laufstegauftritt trug, als wir unser Diplom bekamen, hatte ich mir selbst geschneidert. Meine damals noch braunen Haare hatte ich mir machen lassen, aber um mein Make-up hatte ich mich ebenfalls selbst gekümmert.
Lettie war es auch, die anfing, mich als Model zu buchen. An Samstagvormittagen lief ich für sie Modenschauen in einem Kaufhaus oder machte Fotojobs. Ich fühlte mich nicht als etwas Besonderes oder Besseres, weil ich Model war. Für mich war es einfach nur ein Job, wenngleich ein sehr gut bezahlter. Als mir das zum ersten Mal bewusst wurde, war ich ziemlich erstaunt. Man ging irgendwohin, zog sich ein Kleid an, lief durch den Raum und ging wieder nach Hause. Warum sollte man dafür gut bezahlt werden? Aber das wurde man, insbesondere für ein Mädchen in meinem Alter.
Damals hatte ich nicht im Traum daran gedacht, mit einundsiebzig immer noch als Model zu arbeiten. Man musste sich bei diesen Terminen nur umsehen. Die Models waren alle extrem jung. Es war ein Job auf Zeit, aber das störte mich überhaupt nicht. Ich war einfach nur glücklich, Geld zu verdienen. Ich wollte nicht Model werden, ich wollte studieren.
Zu meiner eigenen Überraschung modelte ich, als ich dann an der Uni war, immer noch. Ich machte wie geplant meinen Abschluss, und dann – noch eine Überraschung – heiratete ich. Auch wollte ich eigentlich nicht so schnell Kinder haben. Dass ich auf der Hochzeitsreise schwanger wurde und dann innerhalb von drei Jahren drei Kinder zur Welt brachte, war nicht geplant. Elon, Kimbal und Tosca waren drei weitere Überraschungen in meinem Leben. Nach jedem Kind ließ ich mir ein paar blonde Strähnchen mehr färben, sodass ich nach Tosca dann vollständig blond war.
Weil Lettie mich darum bat, fing ich nach der Geburt meines dritten Kindes wieder an zu modeln. Ihre Agentur brauchte jemanden speziell für eine Modenschau für Brautmütter. Eine Achtzehnjährige konnte das schlecht machen. Die anderen Mädchen waren alle zu jung, und weil ich mit achtundzwanzig schon sehr reif war, fragte sie mich. So wurde ich zum ältesten Model Südafrikas.
Mit einunddreißig trennte ich mich von meinem Ehemann und zog als alleinerziehende Mutter nach Durban, und weil ich es mir nicht mehr leisten konnte, mir die Haare färben zu lassen, färbte ich sie selbst. Heraus kam eine Mischung aus den unterschiedlichsten Blond- und Rottönen. Rotblond, könnte man sagen. Es sah furchtbar aus. Hinzu kam, dass ich total zerzaust war, weil ich mir die Haare auch selbst schnitt. Aber aus irgendeinem Grund ließen sie mich trotzdem weiter modeln, also machte ich mir keine weiteren Gedanken darüber. Für meine Ernährungsberatungspraxis, die ich bereits mit zweiundzwanzig in meiner Wohnung in Pretoria eröffnet hatte, war mein Haarschnitt keine Beeinträchtigung. Solange ich ihnen helfen konnte, war es meinen Klienten egal, wie meine Haare aussahen.
Später dann, als ich mit zweiundvierzig nach Toronto zog und dort noch einmal zur Uni ging, um meinen Doktor zu machen, verdiente ich mir mit Unterrichten und Modeln etwas dazu. So blieb ich in beiden Berufen auf dem Laufenden. Da aus meiner Modelmappe ersichtlich war, dass ich immer wieder Aufträge bekam, erklärte sich eine Torontoer Agentur bereit, mich zu vertreten. Sie dachten, sie könnten Geld mit mir verdienen. Die meisten Jobs waren zwar für jüngere Models, aber manchmal wurden auch ältere Models gebraucht, damit es realistisch wirkte. Damals machte ich meine erste Großmutter-Aufnahme, ein Coverfoto. Ich war erst zweiundvierzig!
Natürlich war ich in Toronto nicht das einzige Model in den Vierzigern. Ich war zwar ziemlich oft die Einzige, die kein Teenager mehr und auch nicht mehr in den Zwanzigern war, aber nicht immer. Man darf nicht vergessen, dass es bei den Jobs damals nicht um High Fashion oder Haute Couture ging und wir auch nicht auf der New York Fashion Week oder in Mailand waren.
Einmal lief ich eine Modenschau, bei der die Models ausschließlich ältere Frauen und Männer waren. Danach gingen wir alle zusammen noch etwas trinken. Einer der Männer sagte zu mir: »Du wirst deinen Drink selbst bezahlen müssen. Du bist nämlich die Einzige, mit der ich noch nicht im Bett war.«
Ich sah ihn mit großen Augen an.
»Du hast richtig gehört«, sagte er. »Mit den anderen habe ich schon Werbung für Matratzen gemacht.«
Das war die Art Jobs, die es für ältere Models noch gab. Anzeigenfotos für Bettensonderangebote und dergleichen.
Mir war das egal. Ich machte diesen Job nicht, weil ich bewundert werden wollte. Es war Arbeit, und ich brauchte Arbeit. Ich modelte weiter, weil es mir Spaß machte. Es war gut für mein Aussehen, und ich kam immer wieder aus dem Büro heraus und lernte andere Städte und neue Leute kennen. In dieser Zeit musste man mich drei Wochen im Voraus buchen, damit ich das Ganze mit meiner Ernährungspraxis koordinieren konnte. Ich modelte nie mehr als vier Tage im Monat, verdiente damit aber genauso viel wie mit der Praxis, die mir mein Grundeinkommen sicherte. Sie finanzierte mir meine Lebenshaltungskosten, Miete, Busfahrkarten, Schuluniformen, Benzin und Autoreparaturen, und das wollte ich auf keinen Fall gefährden. Mit dem Modeln verdiente ich mir das Geld für billige Flüge, um meine Familie zu besuchen, für Kleidung und für Dinge, die wir für die Wohnung brauchten. Manchmal leistete ich mir auch ein neues Kleid. Das Modeln war für die kleinen Extras.
Meinen Klienten erzählte ich gar nicht, dass ich nebenbei als Model arbeitete. Und weil es damals noch keine sozialen Medien gab, wusste es auch niemand.
Manchmal fragte jemand: »Sind Sie das in dieser Zeitschrift?«
Und ich sagte: »Ja, das bin ich. Die Morgenmantelkönigin von Sears.«
Das war mein Job. Wenn Sears einen Morgenmantel verkaufen wollte, riefen sie mich an, damit er auf dem Foto gut aussah.
Als ich dann über fünfzig war und in New York lebte, wurde ich für ein paar wirklich tolle Kampagnen gebucht, woraufhin ich bei einer größeren Agentur unterschrieb. Ich dachte, dort hätte ich mehr Publicity, aber das Gegenteil war der Fall. Anstatt ab und an zu modeln, modelte ich kaum noch.
Ich schickte eine E-Mail, in der ich erklärte, dass ich nicht unterschrieben hätte, weil ich keine Aufträge mehr wollte. Aber sie antworteten, dass sie keine Jobs für mich hätten.
Ich rief an. »Die Kunden wollen Sie einfach nicht buchen«, sagten sie. »Sie ziehen andere, bekanntere Models vor.«
So bekannt sind die anderen nun auch wieder nicht, dachte ich bei mir.
Ich verstand die Welt nicht mehr. Warum wollten die Kunden mich plötzlich nicht mehr buchen? Ich modelte seit Jahrzehnten. Vielleicht war es Zeit aufzuhören. Die Agentur meinte, mein Look käme bei niemandem mehr an.
Dann traf ich auf der Straße und in Restaurants zufällig Leute, die in der Branche arbeiteten und mich ansprachen: »Wir haben versucht, Sie zu buchen, aber Sie sind nie frei.«
Ich marschierte zu meiner Agentur. »Man hat versucht, mich zu buchen«, beschwerte ich mich.
»Das kann nicht sein«, entgegnete man mir. »Die müssen Sie mit jemand anderem verwechseln.«
Damals entschied ich mich, meine Haare nicht mehr zu färben. Ich dachte mir: »Wenn mit dem Modeln ohnehin Schluss ist, kann ich auch ausprobieren, wie ich mit meiner eigenen Haarfarbe aussehe.«
Als die Farbe anfing herauszuwachsen, sah ich schrecklich aus. Oben auf dem Kopf war mein Haar weiß, über den Schultern blond. Aber solange du als Ernährungsberaterin gut bist, spielt es keine Rolle, welche Farbe deine Haare haben oder wie sie aussehen. Ich folgte dem Rat meiner besten Freundin Julia Perry und ließ mir die Haare sehr kurz schneiden. Der Kurzhaarschnitt verlieh mir einen ausgefallenen, aufregenden Look, wie ich ihn an mir noch nicht kannte.
Nachdem ich ergraut war, verschaffte mir die Agentur sechs Monate lang keinen einzigen Auftrag, eine ziemlich schmerzhafte Zeit. Es sah ganz so aus, als ob es für mich tatsächlich keine Jobs mehr gab. Vielleicht war das Ende meiner Modelkarriere gekommen.
Dann geschah etwas sehr Interessantes. Eine Castingchefin rief meine Agentur an, um mich für das Cover des Time Magazine zu buchen, und dieses Mal konnten sie nicht behaupten, dass ich nicht frei wäre. Das Büro der Castingchefin lag nur einen Block von meiner Wohnung entfernt, und sie sah mich jeden Morgen mit dem Hund spazieren gehen.
Sie mussten mir den Job vermitteln, und ich landete auf dem Time Magazine. Auf der Titelseite des Gesundheitsteils.
Damit war klar, dass es da draußen durchaus Arbeit für mich gab. Die fehlenden Aufträge hatten nichts mit meinem Aussehen zu tun, der Fehler lag bei meiner Agentur.
Ich brauchte einen Plan.
Jeder hat seine eigenen Karrierevorstellungen, und ich wollte jede Arbeitsmöglichkeit, die sich mir bot, nutzen. Meine Agenten hätten meine Karriere als Model voranbringen sollen, aber aus irgendeinem unerfindlichen Grund taten sie es nicht. Als ich das einmal begriffen hatte, musste ich etwas unternehmen. Ich konnte nicht einfach nur dasitzen und zusehen, wie man mir Jobs vorenthielt.
Ich ging zu meiner Agentur, um ihnen zu sagen, was ich von der ganzen Sache hielt. Wer etwas will, muss es einfordern.
Meine Agentin reagierte erbost.
»Wie kommen Sie dazu, zu glauben, wir würden uns nicht mit allen Kräften für Sie einsetzen!«
Sie log. Das wussten wir beide. Zu einem Casting zu gehen und den Job nicht zu bekommen, war eine Sache. Das war mir schon tausend Mal passiert. Man geht hin, stellt sich mit zwanzig anderen Frauen in die Reihe und bekommt den Job am Ende doch nicht. Das gehört zum Leben eines Models dazu. Aber von seinen Agenten gar nicht erst zu Castings geschickt zu werden, ist übel.
Meine Agentur weigerte sich, das zuzugeben, und beharrte weiterhin darauf, dass es keine Arbeit für mich gab. Ich steckte in einer Sackgasse, schließlich hatte ich einen Vertrag.
Wenn es bei der Arbeit schlecht läuft, ohne Aussicht auf Besserung, und man aus einer Situation nur noch rauswill, weiß man meist nicht, was als Nächstes kommt. Das ist beängstigend. Die Arbeit wird zur täglichen Qual, und man verbringt seine Tage freudlos. Da wir die meiste Zeit unseres Lebens arbeitend verbringen, ist es extrem wichtig, dass wir unseren Job gerne machen und uns auf die Arbeit freuen. Ich hatte in meiner Ernährungspraxis öfter mal Anwältinnen, die zwar ihre Arbeit liebten, aber mit ihren Chefs nicht zurechtkamen. Diese Frauen waren sehr unglücklich, und deshalb ernährten sie sich ungesund. Ich riet ihnen, ihre Arbeitssituation zu verändern, woraufhin sie den Arbeitsplatz wechselten oder eine eigene Kanzlei gründeten. Danach waren sie glücklicher und ernährten sich auch wieder besser. Meine Klientinnen sagten immer zu mir, ich sei billiger als eine Psychotherapeutin.
Ich sah mir meinen Modelvertrag noch einmal genauer an und stellte fest, dass er nur für New York galt. Also kontaktierte ich Agenturen in Philadelphia, den Hamptons, Connecticut, New Jersey, Los Angeles, Hamburg, München, Paris und London. Nachdem ich bei diversen Agenturen unterschrieben hatte, bekam ich auch wieder Jobs und fing an, für Katalogoder Magazinaufnahmen oder auch für Werbeanzeigen für Haarpflegeprodukte oder Pharmazeutika sogar nach Europa zu fliegen. Ich wurde für meine Verhältnisse ganz gut bezahlt, flog aber immer Economy und versuchte, möglichst billig zu reisen.
In meiner näheren Umgebung machte ich hauptsächlich Kataloge, Werbefilme oder Modevorführungen. Das war zwar nicht besonders glamourös, aber es war Arbeit. Wenn ich beispielsweise den Kunden preiswerter Kaufhäuser Kleidung präsentierte, hatte ich zum Umziehen eine winzige Kabine aus Karton, aus der ich dann heraustrat und den dreißig Leuten, die da saßen, die Kleidermodelle vorführte. Wenn ich zwischen den einzelnen Outfits zurück in meine Box ging, nahm ich jedes Mal einen Bissen von einem Bagel mit Frischkäse, den ich da liegen hatte. Um ihn ganz aufzuessen, war die Zeit zu knapp.
Die meisten Jobs gab es in New York, aber die wurden mir nach wie vor von meiner Agentur vorenthalten. Ich wusste, dass ich besser war. Ich wusste, dass es weder mein Aussehen noch mein Alter war, was mir im Weg stand. Es lag an denen, dass ich nicht gebucht wurde, nicht an mir!
Ich musste eine Möglichkeit finden, aus diesem Vertrag herauszukommen. Ich ging ins Agenturbüro, setzte mich ins Wartezimmer und saß dort eine halbe Ewigkeit, bis sie mich endlich zur Chefin vorließen.
»Ich hatte seit sechs Monaten kein Casting mehr«, sagte ich. »Sie müssen mich aus dem Vertrag entlassen.«
Ich war fest entschlossen, nicht wieder zu gehen, bevor ich nicht hatte, was ich wollte. Und schließlich willigte sie tatsächlich ein. Ich hätte das schon viel früher tun sollen.
Ich hoffe, Sie lernen schneller als ich und ersparen sich solch unnötige Leidenszeiten. Wenn Ihre Arbeitssituation extrem unbefriedigend ist und sich auch keine Veränderung abzeichnet, müssen Sie zusehen, dass Sie da so schnell wie möglich rauskommen. Auch dann, wenn Sie erst einmal vor dem Nichts stehen oder glauben, vor dem Nichts zu stehen. Oder wenn dieser Schritt eine finanzielle Einschränkung für Sie bedeutet.
Danach unterschrieb ich bei einer Boutique-Agentur, für die ich schon früher gemodelt hatte und die sich freute, wieder mit mir zusammenzuarbeiten. Sie liebten meinen neuen Look und schickten mich zu einem Editorial Shooting nach Toronto. Das war wirklich bemerkenswert, denn je älter man wird, umso seltener wird man für Zeitschriften gebucht. Editorial Shootings waren cool. Aber ich war nicht cool. Ich hatte keine Ahnung, wie man für Editorials posierte!
Bei meinem bis dahin einzigen Editorial war ich bereits fünfundvierzig und nur Staffage für das Supermodel, das sie ablichteten.
Bei Katalogaufnahmen ist man entspannt und glücklich und achtet darauf, dass man keine Falten in die Klamotten macht oder sie in einem komischen Winkel verzieht. Bei einem Editorial hat man plötzlich die Erlaubnis, hochzuspringen, zu tanzen, sich zu strecken und verrückte Dinge zu tun. Ich musste das noch lernen, also sah ich mir davor verschiedene Zeitschriften an.
Ich flog nach Toronto und war dort allein für das Shooting. »Wo sind all die anderen Models?«, wollte ich wissen.
»Sie sind die Einzige«, sagten sie.
Und dann tauchte ich in die kreative Welt der Designer, Haute Couture und schönen Kleider ein. Sie fotografierten eine Bildstrecke in Weiß, acht Seiten in weißen Outfits. Es war wunderschön. Jedes Mal ein anderer Hairstyle, sogar mit den kurzen Haaren.
Als ich es am Ende sah, fiel mir nichts anderes ein als »Wow«.
Danach wurde ich unablässig gebucht. Nachdem ich nach New York gezogen war, besuchten Kimbal und ich den Times Square. Wir blickten zu den riesigen Werbeflächen hinauf, und ich sagte zu ihm: »Eines Tages werde ich da oben zu sehen sein.« Damals kicherten wir. Aber genau dorthin schaffte ich es nun: auf eine fünf Meter hohe Werbetafel am Times Square.
Gemeinsam mit dreihundert anderen Frauen war ich bei einem Casting für die Fluggesellschaft Virgin America, und sie hatten mich tatsächlich gebucht. Es waren auch noch ein Mädchen und ein junger Mann bei diesem Fotoshooting, sehr junge Models, die zu berühmt waren, um überhaupt mit mir zu sprechen. Trotzdem war am Ende ich das Gesicht der Werbekampagne. Mit siebenundsechzig sah man mich plötzlich überall: am Times Square, auf U-Bahnen und an jedem amerikanischen Flughafen. Man konnte aus keinem Flugzeug oder Zug steigen, ohne mein Gesicht zu sehen.
Wer hätte je geglaubt, dass ich erst mit weißen Haaren so richtig durchstarte? Mit fünfzehn hatte man mir gesagt, mit achtzehn wäre es vorbei mit dem Modeln, und heute mit einundsiebzig bin ich berühmter denn je. Aus all diesen Erfahrungen habe ich vor allem eines gelernt: Es gibt immer einen Weg, und wenn etwas nicht funktioniert, kann man jederzeit neue Pläne machen. Es hat seine Zeit gebraucht, bis ich das begriffen habe, und ich lerne immer noch dazu!
Aber im Lauf der Zeit ist noch etwas anderes passiert, das für viele überraschende Wendungen in meiner Karriere sorgte: das Aufkommen der sozialen Medien! Dank meiner Posts liebten die Leute meine weißen Haare plötzlich, und ich bekam meine Modeljobs nicht trotz, sondern wegen meiner Haarfarbe. Wenn ich heute einen Raum betrete und feststelle, dass ich die Einzige mit weißen Haaren bin, freut es mich. Und wenn noch eine Frau mit weißen Haaren da ist, lächle ich ihr zu und sage: »Tolle Haarfarbe.«
Eines ist jedenfalls sicher: Meine Modelkarriere geht steil bergauf. Wenn ich montagmorgens aufstehe, freue ich mich jede Woche ein wenig mehr auf die aufregenden Jobs, die die nächsten Tage bringen könnten. Und wenn einmal nichts reinkommt, freue ich mich, dass ich Zeit habe, in den sozialen Medien und auf meiner Website Dinge zu posten, die neue Jobangebote bringen. Ich finde es großartig, einundsiebzig zu sein. Gedanken über das Alter mache ich mir keine. Dafür bin ich viel zu sehr damit beschäftigt, Spaß zu haben.
2
ANDERE FASZINIEREN
Interessant zu sein ist besser als schön
Mit Mitte fünfzig war ich einmal bei einem Casting für Pflegeproduktwerbung, und die Castingchefin meinte zu mir: »Oh, Sie sind ja wunderschön.«
Ich entgegnete: »Ist das nicht Voraussetzung?«
Immerhin stellte ich mich für eine Beauty-Kampagne vor. Ich dachte, meine Bemerkung wäre witzig. Als Südafrikanerin war ich es gewohnt, selbstironisch zu sein.
Aber die Leute bei dem Casting fühlten sich vor den Kopf gestoßen. Sie fanden mich überhaupt nicht witzig, und man zog mich für den Job erst gar nicht in Betracht, weil ich zu vorlaut war.
Ich hatte meine Lektion gelernt. Von da an sagte ich nur noch höflich »Danke«.
Ich habe nie verstanden, warum sich in Amerika immer alles darum dreht, schön zu sein. In Südafrika werden Frauen für ihre Intelligenz geschätzt oder für ihren Sinn für Humor. Interessant zu sein zählt mehr, als gut auszusehen. Die Leute haben dort oft zu mir gesagt: »Sie sind witzig.« Und das dachte ich selbst auch. Denke ich bis heute. Man interessierte sich mehr für meine Arbeit als Ernährungsexpertin als für mein Äußeres, weil ich immer auf dem neuesten Forschungsstand war und Vorträge hielt. Ich leistete Öffentlichkeitsarbeit. Ich hatte eine Praxis. Kurz, die Leute interessierten sich in erster Linie für meinen Beruf und meine Arbeitsmoral.

Als ich frisch nach Amerika kam, rief ich als Erstes meine Zwillingsschwester Kaye an, um ihr von dem Tick der Amerikaner zu erzählen, ständig über Schönheit zu reden.
Meine Schwester Kaye ist einer meiner liebsten Menschen. Wir sprechen jeden Abend miteinander, und sie ist immer ehrlich zu mir. Wenn ich einen Rat brauche, wende ich mich zuerst an sie, egal ob es um Investitionen geht oder darum, ob ich mir die Zähne verblenden lassen soll (Kaye meinte, nein). Sie war immer für mich da und hat mich unterstützt.
Das Beste an meiner Zwillingsschwester ist, dass sie immer geradeheraus ist und sich nichts gefallen lässt. Sie sagt, was sie denkt.
Das heißt aber nicht, dass sie ein ernster Mensch ist. Kaye ist immer am Lachen. Von uns beiden ist sie die Witzigere. In der Regel will sie jedoch nicht andere, sondern nur sich selbst amüsieren. Die Leute lieben sie abgöttisch und umringen sie, sobald sie den Mund aufmacht. Ich bin sicher, Sie würden sie auch lieben, wenn Sie ihr begegneten. Sobald Kaye auf der Bildfläche erscheint, kann ich mich genauso gut in eine Ecke setzen und stricken. Aber sie führt das Leben einer Einsiedlerin, daher werden Sie sie wohl leider nie persönlich kennenlernen.
Kaye sagte: »Die Leute fanden dich schon immer schön, auch wenn sie es nicht gesagt haben. Sobald du einen Raum betreten hast, hat dich jeder angesehen.«
Ich hatte das nie bemerkt, weil ich selbst nie jemanden ansah, sondern nur darauf achtete, wohin ich ging. Ich erinnere mich an Männerbekanntschaften, die mich, bevor wir ein Restaurant besuchten, fragten: »Maye, würde es dir etwas ausmachen, vor mir da reinzugehen?«
Wenn ich es tat, traten sie kurz darauf zu mir, damit alle sehen konnten, dass sie mit mir da waren. Natürlich ließen sie mich irgendwann trotzdem sitzen. Bei Männern, die nur auf das Äußere achten, passiert das zwangsläufig.
Eigentlich hätte ich mit diesen Typen direkt Schluss machen müssen. Natürlich will man, wenn man jemanden kennenlernt, der schön ist, gerne mit ihm gesehen werden. Aber wenn die- oder derjenige dann nicht interessant genug ist, distanziert man sich sehr schnell wieder. Daher ist es besser, wenn einen die Leute aufgrund der Persönlichkeit mögen und nicht wegen des Aussehens.
Ich habe einmal ein Paar kennengelernt, bei dem er unglaublich attraktiv und sie eher unscheinbar war. Irgendwie schienen die beiden nicht recht zusammenzupassen – bis die Frau anfing zu reden. Von diesem Moment an war sie die anziehendste Person im Raum.
Es war ihre Haltung, ihr Selbstbewusstsein. Die Art, wie sie das Leben sah. Sie war so intelligent und unterhaltsam, dass wir Freundinnen wurden. Ich konnte einfach nicht genug von ihr bekommen. Ein Mensch kann natürliche sehr viele Eigenschaften haben, aber wenn ich mich entscheiden müsste, wäre mir definitiv lieber, auf meinem Grabstein stünde »Sie hatte Humor« anstatt »Sie war schön«.
Dieser Schönheitswahn kann bei Menschen, die nicht perfekt aussehen, zu Unsicherheiten führen. Er kann sie unglücklich machen und verhindern, dass sie mit anderen wundervollen Eigenschaften wie Intelligenz, Humor oder Ausstrahlung punkten.
Mein Rat lautet: Sei anderen gegenüber freundlich, höre ihnen zu und zeige dich optimistisch. Reden Sie nie darüber, wie schrecklich Ihr Leben ist. Geben Sie sich selbstbewusst, zeigen Sie Respekt und Interesse gegenüber anderen und lächeln Sie, das macht Sie zu einer faszinierenden Persönlichkeit. Jeder hat Fähigkeiten, die er mit anderen Menschen teilen kann. Und sollten Sie im Moment das Gefühl haben, keinerlei Fähigkeiten zu besitzen, dann erinnern Sie sich zurück an Zeiten, in denen Ihnen irgendetwas in Ihrem Leben Selbstvertrauen gegeben hat. Arbeiten Sie an diesem Talent, teilen Sie es mit anderen und machen Sie sich dadurch interessanter. Egal, ob es sich dabei um Ihren Beruf, ein Hobby oder besondere Interessen handelt, lesen Sie mehr darüber und erwähnen Sie es in Gesprächen. Zeigen Sie Begeisterung. Allein dadurch wirken Sie interessanter und intelligenter. Sie müssen nicht in allem gut sein, eine Sache genügt. Wenn ich beispielsweise nach Rezeptvorschlägen gefragt werde, kann ich niemandem weiterhelfen, weil ich eine lausige Köchin bin. Aber deshalb fühle ich mich nicht schlechter. Kochen gehört einfach nicht zu meinen Talenten. Es interessiert mich nicht, und ich werde ganz sicher nicht mit neuen Gerichten herumexperimentieren, nur um Eindruck zu schinden. Sie sollten in etwas gut sein, das Ihnen auch Spaß macht.
Und versuchen Sie, Sinn für Humor zu zeigen. Reagieren Sie nicht allzu sensibel auf das, was die Leute sagen. Wenn Männer mit mir ausgehen wollen und ich Nein sage, bekomme ich als Reaktion oft zu hören, es ließe sich leicht auch eine Jüngere finden. Ich kann da nur lachen. Es ist mir völlig egal, ob sie sich eine Jüngere suchen. Ich habe kein Interesse und werde mich deshalb ganz bestimmt nicht aufregen. In solchen Momenten müssen wir unserer Wege gehen und mit uns selbst zufrieden sein. Nur wer Humor hat, in der Lage ist, über sich selbst zu lachen, und eine gewisse Leichtigkeit in eine Unterhaltung bringen kann, ist ein anregender Gesprächspartner. Natürlich ist es manchmal schwer, nicht über die eigenen Probleme zu reden, insbesondere wenn man gerade harte Zeiten durchmacht. Aber auch dann ist es wichtig, als faszinierende Persönlichkeit aufzutreten.
3
TOLLES MODEL, GRAUENHAFTER STIL
Niemand muss stilsicher sein, eine stilsichere Freundin tut es auch
Früher habe ich mich höchstens ein- oder zweimal im Jahr, zu meinem Geburtstag oder für eine Hochzeit, so richtig herausgeputzt. Wie viel Vorbereitung ein Gang über den roten Teppich erfordert, habe ich erst mit siebenundsechzig gelernt, als ich zum ersten Mal als Elons Gast auf dem Met-Ball, einer gigantischen Mode-Gala, war. Es ist ein fantastisches Gefühl, eines dieser glamourösen Kleider zu tragen. Ich gehe aufrechter, stehe gerader, schenke jedem ein Lächeln und habe diesen besonderen, federnden Gang.
Heute weiß ich zu schätzen, was ein Glam Team leistet, wenn es einen Star für den Gang über den roten Teppich einer Preisverleihung oder Filmpremiere vorbereitet. Alle – Designer, Stylisten und Assistenten – geben ihr Bestes, um das perfekte Outfit zu kreieren. Was man beispielsweise leicht vergisst, ist, dass ein Kleid erst mit der richtigen Unterwäsche richtig fällt. Und auch die Accessoires, die von brav bis spektakulär ausfallen können, sind wichtig. Die Haare müssen bei jedem Auftritt anders sein, schließlich sollen die Leute sehen, dass man keine Mühe gescheut hat. Ob ein natürlicher Look – »kein Make-up« – angesagt ist (was immer noch mindestens eine Stunde dauert) oder ein extra glamouröser Look mit falschen Wimpern und hervorgehobenen Konturen, entscheiden die Make-up-Leute. Inzwischen weiß ich, dass für einen Auftritt auf dem roten Teppich ein ganzes Dorf nötig ist. Auch dafür verdienen die Stars unsere Anerkennung.
Wenn ich in wunderschönen Kleidern bei einer Veranstaltung erscheine, steckt in der Regel meine besten Freundin Julia Perry dahinter, die mich als meine Stylistin seit fast dreißig Jahren einkleidet.
Als ich Julia kennenlernte, war ich dreiundvierzig, hatte gerade meinen zweiten Masterabschluss in Toronto gemacht und versuchte, mir meine eigene Ernährungspraxis aufzubauen. Meine Modeltätigkeit erwies sich dabei als sehr nützlich. Eine Agentur mit Modelschule hatte mir angeboten, kostenlos eines ihrer Büros zu nutzen, wenn ich für sie modelte und abends an ihrer Schule unterrichtete. Ich gab Kurse in »Runway« (Laufstegmodeln), »Print« (Editorial-Shooting) und »Professionalism« und hatte zum ersten Mal ein Büro außerhalb meiner eigenen vier Wände. Das alles war sehr aufregend für mich. Ich fühlte mich wie ein echter Profi.
Es dauerte nur einen Monat, bis sie mich fragten, ob ich die Modelschule nicht leiten wollte. Die Frau, die das Unterrichtsprogramm bis dahin zusammengestellt hatte, war schlecht organisiert, und alle wussten, dass ich sehr zuverlässig und pünktlich war. Das war ein großer Vorteil. Ich bot an, auch Garderobe zu unterrichten. Das hatte ich bereits in Südafrika getan, ohne jedoch zu wissen, wie wenig Ahnung ich im Grunde davon hatte. Wir ließen eine Expertin kommen, und sobald sie anfing zu reden, war klar, ich hatte nicht den blassesten Schimmer. Sie sprach über die Jahreszeiten, verschiedene Farbtöne und Materialien … Ich war überwältigt.
So lernte ich Julia kennen. Was Julia von mir hielt, als sie mich zum ersten Mal sah, ist eine ganz andere Geschichte.
Fragte man sie, würde sie wahrscheinlich sagen: »Da war diese wunderschöne Frau, die an einer Modelschule unterrichtete. Ein tolles Model, aber mit einem grauenhaften Stil. Einfach nur grauenhaft.«
Heute kleide ich mich stets nach der neuesten Mode, aber das war nicht immer so. Meine Mutter nähte ihre eigenen Kleider und auch die von uns Kindern, bis ich als Teenager nähen lernte und meine Kleider selbst machte. Ich nähte Schlaghosen, Zeltkleider, sogar einen Hosenanzug konnte ich schneidern. Anfangs arbeitete ich nach fertigen Schnitten, bis meine Mutter mich in einen Kurs schickte, damit ich mir die Schnitte für die Kleider, die ich in Zeitschriften sah, selbst machen konnte. Wenn ich damals Haute Couture tragen wollte, musste ich sie mir selbst nähen.
In meinem Job als Ernährungsberaterin trug ich meist einen Hosenanzug. Ich wollte nichts eng Anliegendes. Ich musste nur in einen Anzug schlüpfen, und schon konnte ich ganz selbstsicher jeden Raum betreten. Ich fühlte mich wohl und glaubte, klug und vertrauenswürdig zu wirken.
Meine Tochter Tosca fragte immer: »Wirst du heute wieder einen grauen Anzug tragen oder einen dunkelblauen?«
Mein Kleiderstil variierte nie. Mein Aussehen war mir schon immer wichtig, aber ich hatte einfach keinen guten Geschmack. Glücklicherweise bemerkte ich das nicht. Wie auch? Ich war umgeben von Wissenschaftlern. Wir konzentrierten uns auf unsere Forschungsarbeit und darauf, anderen Menschen dabei zu helfen, gesund zu bleiben. Wir gingen auf in unserer Arbeit. Da ich modebewusster war als meine Wissenschaftlerfreunde, dachten natürlich alle, ich würde mich hervorragend kleiden. Zudem war ich sehr selbstbewusst.
Dann traf ich Julia, die mir erklärte, das ginge auch besser. Sie bestand darauf, dass ich mir anstelle vieler Anzüge lieber einen guten leisten sollte, der besser saß und qualitativ hochwertig war. Sie bot an, mir bei der Wahl meiner Garderobe zu helfen. Ich brauchte ihre Hilfe, konnte es mir aber nicht leisten, sie zu bezahlen. Also vereinbarten wir, dass sie im Tausch gegen eine Stilberatung eine Ernährungsberatung von mir bekam. Julias Essgewohnheiten haben sich durch mich tatsächlich verbessert. Zumindest sagt sie das. Aber was mich angeht, haben ihre Ratschläge mein Leben verändert.
Vor Julia hatte ich im Grunde keine Ahnung, wie ich mich zurechtmachen musste, um die größtmögliche Wirkung zu erzielen. Erst seit ich sie kenne, wirke ich nach außen hin ebenso selbstsicher, wie ich mich innerlich fühle, und dass ich in meinen beiden Berufen so erfolgreich bin, habe ich sicherlich auch ihren Kleidertipps zu verdanken, davon bin ich heute überzeugt.
Julia kam bei mir vorbei, sah meine Kleider durch und schmiss als Erstes so gut wie alles raus. Ich hatte nur noch ein paar wenige Stücke übrig, die ich tragen konnte.
»Und jetzt«, sagte sie, »kaufst du dir einen Hosenanzug, zwei Blusen, ein Paar Schuhe und eine Tasche. In Ordnung?«
»Das kann ich mir nicht leisten«, entgegnete ich.
Und sie sagte: »Du musst genauso gut aussehen wie deine Klienten.« Da ich immer noch Geldprobleme hatte, willigte ich ein, mir die Sachen nach und nach anzuschaffen. Ich brauchte nicht viel. Da mich meine Klienten nur einmal die Woche sahen, konnte ich mehrere Tage hintereinander dasselbe tragen.
Als ich mein neues Outfit zum ersten Mal trug – es war besser geschnitten und aus einem wundervollen Stoff –, fühlte ich mich tatsächlich noch selbstsicherer.
Als ich dann etwas mehr Geld verdiente, schlug Julia vor, meine Garderobe zu erweitern. Aber ich arbeitete viel zu viel, um meine Zeit mit Einkaufen zu verschwenden.
»Nimm dir nur eine Stunde frei«, bat sie mich.
Die Geschäfte waren in der Nähe meines Büros, und Julia ging hin und suchte die Sachen für mich heraus, die sie für wichtig hielt – einen zweiten Anzug, Schuhe und Blusen, Freizeitkleidung, einen Mantel. In meiner Pause flitzte ich dann rüber, probierte alles an, bezahlte, wofür ich mich entschieden hatte, und ging zurück ins Büro. Eine solche Anprobe machten wir alle zwei Monate und bauten auf diese Weise nach und nach meine Garderobe aus.
Wenn Sie sich gerne modischer kleiden würden, das aber wie ich viel zu aufwendig und kompliziert finden, müssen Sie sich eine stilsichere Freundin oder einen stilsicheren Freund suchen. Menschen mit gutem Stil lieben es in der Regel, shoppen zu gehen. Bitten Sie die Person Ihrer Wahl, mit Ihnen ein paar Basics sowie etwas Atemberaubendes für besondere Anlässe einzukaufen. Lassen Sie sich auch Accessoires wie Ohrringe, Halsketten, Handtaschen, Schuhe oder Strümpfe aussuchen. Sie brauchen den kompletten Look. Wahrscheinlich werden Sie sich in den ausgewählten Outfits zunächst fremd und unwohl fühlen. Mir geht das jedes Mal so, aber dann erhalte ich so viele Komplimente, und ich bin froh, dass ich mich auf Leute verlassen habe, die mehr Stil haben als ich. Seien Sie bereit, etwas zu verändern, machen Sie Fehler und verändern Sie wieder etwas, bis Sie den richtigen Stil für sich gefunden haben.
Ich war den Großteil meines Lebens nicht gerade wohlhabend, dennoch habe ich es geschafft, mich modisch zu kleiden, soweit mir das mit meinem begrenzten Talent möglich war. Sie können sich Ihre Kleider auch selbst nähen, so wie ich es getan habe. Aus einem Schnittmuster und einem günstigen Stoff kann ein sehr hübsches Kleid werden. Aber dazu brauchen Sie natürlich eine Nähmaschine. Eine Alternative sind billige Modegeschäfte und Outlets. Ich bin hin und wieder mit Freundinnen in diese Läden gegangen und habe mir beim Kleiderkaufen helfen lassen. Als ich ganz frisch in Toronto war, nahm mich eine Freundin mit in einen dieser Billigläden und überredete mich, mir einen Minirock für zehn Dollar zu kaufen. Da war ich zweiundvierzig. Mir war das unendlich peinlich, aber alle liebten diesen Rock. Die Leute glauben immer, um gut auszusehen, muss man Geld haben. Aber als jemand, der jahrelang finanziell zu kämpfen hatte, kann ich Ihnen versichern, Ausgaben für Kleidung lassen sich leicht ins jährliche Budget einplanen. So wie Sie auch Geld für Friseur- oder Zahnarztbesuche zurücklegen. Zweimal im Jahr fünfhundert Dollar genügen. Es gibt großartige Sales-Aktionen oder auch Secondhandläden und Kleiderverleihe, in denen Sie Ihre Businesskleidung und Ihren privaten Kleiderschrank mit zwei, drei Outfits ergänzen und aufpeppen können. Die Investition lohnt sich. Alles, was Sie brauchen, ist ein Plan.
Hier ist meiner: Zweimal im Jahr besucht mich meine Freundin Julia und geht mit mir meine Garderobe durch. Wir reduzieren sie konsequent auf die besten Stücke und auf Basics. Wir nehmen alles aus Schrank und Schubladen und legen nur die Kleider und Accessoires wieder zurück, die passen und die ich gerne trage. Was geflickt werden muss, flicke ich.
Wenn ich meine Garderobe auf die Kleidungsstücke beschränke, die ich auch wirklich trage, ist das Ankleiden keine Qual mehr, sondern ein Vergnügen. Ich weiß, dass viele Menschen es lieben, Mode-Blogs zu lesen und Stunden mit Shoppen und dem Anprobieren unterschiedlicher Outfits zu verbringen. Mein Fall ist es nicht! Ich ziehe mich gerne hübsch an, will aber nicht jeden Tag viel Zeit dafür opfern. Deshalb gehe ich mit Julia regelmäßig meine Kleider durch, und alles, was ich nicht getragen habe, wandert direkt in Spendensäcke für Dress for Success. Die Kleidungsstücke sind absolut in Ordnung und sauber. Aber mir stehen sie nicht mehr, und jemand anderen werden sie vielleicht glücklich machen. Ich wünschte, das hätte es schon damals in Toronto gegeben, als mir noch das Geld für einen Mantel fehlte.
Wenn Sie Ihre Garderobe nicht regelmäßig durchgehen, passiert es schnell, dass die Hälfte der Kleider in Ihrem Schrank zu klein ist oder zu groß, geflickt werden muss oder Ihnen einfach nicht mehr gefällt. Das Wichtigste ist aber, dass die Kleider passen. Zu große Sachen wirken altbacken, zu enge sehen schrecklich aus.
Julia und ich sind uns einig, dass eine Grundausstattung an Basics ein guter Ausgangspunkt ist. Diese können Sie mit einem goldenen Armreif, einer schönen Jeans oder coolen Stiefeln leicht ergänzen. Beginnen Sie mit den schlichten Stücken, Kleidern, die sie tagtäglich tragen, wie beispielsweise einer schwarzen Jeans, die mit allem sexy aussieht. Oder Kunstlederleggings, die Sie mit einem Pullover oder einem Hemd tragen können. Einem tollen Wollmantel oder Trenchcoat. Schönen T-Shirts und ein Paar Ohrringen, die zu allem passen. Wenn Sie gerade erst anfangen, sich Ihre Garderobe zusammenzustellen, oder ein radikaler Kahlschlag vonnöten war, investieren Sie in einen eleganten Blazer oder ein Jackett, das den Sachen, die Sie bereits haben, und Ihnen selbst mehr Schick und Präsenz verleiht.
Wenn Sie die Basics einmal zusammenhaben, macht es einen Heidenspaß, dem Ganzen Farbe hinzuzufügen. Eine grüne oder rosafarbene Strickjacke beispielsweise, oder etwas anderes zum Drüberziehen. Einen flippigen Gürtel, mit dem Sie Ihrem Trenchcoat einen neuen Look verleihen können. Hochwertige Lederwaren sind ebenfalls eine Möglichkeit, alten Sachen mehr Pep zu verleihen und ihr Image aufzupolieren. Als Julia anfing, sich meiner Garderobe zu widmen, entsorgte Sie als Erstes meine Handtaschensammlung und ersetzte sie durch eine gute Ledertasche. Von ihr habe ich gelernt, dass Qualität auch dann wichtiger ist als Quantität, wenn man wenig Geld hat, und dass ich mir hin und wieder durchaus ein gutes Stück leisten kann, ohne mich deswegen gleich schuldig fühlen zu müssen. Indem wir Dinge immer wieder tragen und nur wenig Neues kaufen, kleiden wir uns sowohl modisch als auch nachhaltig.
Und die Moral der Geschichte? Niemand muss stilsicher sein, um sich gut zu kleiden, es genügt, eine stilsichere Freundin zu haben.
Manchmal sagen Frauen, deren Haare so weiß sind wie meine, zu mir: »Das ist ein tolles Kleid, das Sie da tragen.«
Und wenn ich dann entgegne: »Das würde Ihnen auch stehen!«, sagen sie: »Niemals.«
Viele Frauen denken das. Nicht nur Frauen in meinem Alter, Frauen jeden Alters. Das liegt aber nur daran, dass sie es nicht versuchen. Ich weiß das, weil ich genauso war.
Julia sagte zu mir: »Zieh das an!«
Und ich antwortete: »Auf gar keinen Fall!«
Ich versuchte mich ihr zu widersetzen, aber sie blieb hartnäckig. Bei jeder meiner großen Geburtstagspartys beschwerte ich mich, dass mein Kleid zu eng oder zu glamourös sei, aber sie ignorierte es einfach. Und wenn ich mir heute die Fotos ansehe, bin froh darum. Ich sehe fantastisch aus!
Inzwischen sage ich immer Ja, wenn es darum geht, etwas anzuprobieren, weil ich weiß, dass es mir am Ende vielleicht doch gefällt. Und wenn nicht, was soll’s? Es sind nur Kleidungsstücke. Warum nicht einmal einen Look testen, der einen abschreckt? Man muss die Sachen danach ja nie wieder anziehen. Nichts ist für die Ewigkeit.

Früher war ich nicht so mutig wie heute. Aber für Editorials und Test-Shootings mit kreativen Themen werde ich oft sehr gewagt und ausgefallen gestylt. Dadurch bin ich sehr viel modeinteressierter und auch abenteuerlustiger geworden. Ich lege mein Aussehen bedenkenlos in die Hände der Haute-Couture-Teams. Es kommt nicht selten vor, dass ich, kurz bevor ich zu einer Veranstaltung gehe, in den Spiegel schaue und mich frage: »Was denkt sich meine Stylistin eigentlich dabei? Was soll dieser Look?« Aber dann genieße ich es, wie Fotografen, Freunde und Fremde darauf reagieren, dass ich eben nicht wie die typische über Siebzigjährige aussehe und Spaß an modischen Outfits habe. Keine Ahnung, warum das bei mir erst so spät im Leben der Fall war.
Sobald Sie ein Kompliment bekommen, fühlen Sie sich großartig. Sie gehen aufrechter. Sie lächeln mehr und Sie fühlen sich wohl in Ihrem neuen Look. Versuchen Sie es.
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ICH LIEBE MAKE-UP, UND MAKE-UP LIEBT MICH
Make-up verändert Aussehen und Stimmung
Wer eine faszinierende Persönlichkeit besitzt, muss deshalb äußerlich natürlich nicht unscheinbar bleiben. Ich liebe Make-up, weil es mein blasses Gesicht in ein Kunstwerk verwandelt, wie Farbe eine leere Leinwand. Ich habe Altersflecken, dunkle Ringe unter den Augen, und ja, ich habe Falten, aber eine gute Foundation und Concealer verleihen mir einen gleichmäßigen Teint. Ich habe kaum Augenbrauen, wenig Wimpern und dünne Lippen, aber ein Augenbrauenstift gibt meinem Gesicht Konturen, Augen-Make-up lässt meine Augen größer erscheinen, Mascara verstärkt diesen Effekt, und falsche Wimpern verleihen mir den nötigen Glamour für den roten Teppich. Lipliner lässt meinen Mund größer erscheinen, und Gloss polstert die Lippen auf. Dank Make-up habe ich weniger Falten, größere Augen und markantere Wangenknochen.
Mit Lidschatten und Lippenstift in verschiedenen Farben lassen sich die unterschiedlichsten Looks zaubern. Es macht Spaß zu experimentieren, und das Ergebnis, wenn ich fertig geschminkt bin, ist jedes Mal erstaunlich.
Ich schminke mich, seit ich ein Teenager war. Damals in den Sechzigern studierte ich die Modemagazine und bewunderte Twiggy, deren Stil zu kopieren harte Arbeit war – schwarzer Strich im Augenwinkel, dicke falsche Wimpern oben, einzelne Wimpern unten. Die unteren Wimpern malten wir manchmal auf, was eine ganze Stunde dauerte. Aber es machte Spaß. Wir fanden, dass wir supermodisch aussahen, aber wenn mein Dad vorbeikam, sagte er: »Das ist viel zu dick aufgetragen.«
Das Problem mit der Mode ist, man muss sich ständig anpassen. Als natürliches Make-up in Mode kam, musste ich meine Schminkgewohnheiten komplett ändern. In den Sechzigern zupften wir uns zu unserem Twiggy-Make-up die Augenbrauen sehr dünn, und ich habe mit meiner Pinzette so gründliche Arbeit geleistet, dass meine nie wieder nachgewachsen sind. Ich hatte noch nie kräftige Augenbrauen, und die wenigen, die ich hatte, habe ich mir ausgerupft.
Als sich die Mode dann änderte, musste ich lernen, sie nachzumalen.
Ich male meine Augenbrauen heute noch nach. Aber das ist ja das Schöne an Make-up. Ich bin zwar nicht besonders gut darin, Augenbrauen zu malen, aber zumindest habe ich welche!
Ich bin jetzt einundsiebzig und darf mich für den roten Teppich oder den Laufsteg immer noch verkleiden. Denn selbstverständlich mache ich mich so nicht jeden Tag zurecht. Wenn ich zu Hause bin, trage ich in der Regel kein Make-up, nur ungeschminkte Haut und Lippenbalsam. Und auch wenn ich meine Erledigungen mache, mit dem Hund rausgehe, am Computer sitze oder meine Enkelkinder von der Schule abhole, bin ich nicht geschminkt. Ich lege nur Make-up auf, wenn ich zum Mittagessen ausgehe, mich mit Freunden treffe oder zu einer Besprechung muss.
Wenn ich mich schminke, beginne ich stets mit einem sauberen Gesicht und Feuchtigkeitscreme. Meine tägliche Haupflege ist einfach. Zu Hause benutze ich Gesichtswasser, auf Reisen Wasser und Seife. Ich trage Augencreme auf und eine Feuchtigkeitscreme, an sonnigen Tagen mindestens mit Lichtschutzfaktor fünfzehn. Am Abend entferne ich jegliches Make-up, reinige mein Gesicht und trage Augen- und Nachtcreme auf.
Schützen Sie Ihre Haut stets vor der Sonne! Ob Sie Makeup tragen oder nicht, ist Geschmackssache, aber wenn Sie Ihre Haut nicht schützen, ist der Ärger vorprogrammiert. Viele Frauen investieren unendlich viel in die Pflege ihrer Haut, und dann legen sie sich in die Sonne und machen alles zunichte. Die Haut mit einem Hut oder Sonnencreme zu schützen, ist die beste Pflege, die man ihr geben kann.
Ich schminke mich in der Regel selbst, es sei denn, es steht ein Gang über den roten Teppich bevor. Wenn ich mich bei einem solchen Auftritt selbst um das Make-up kümmere, wirke ich irgendwie blass. Ein professionelles Make-up setzt stärkere Akzente und ist glamouröser. Manchmal ist es grüner Lidschatten, manchmal Gold in den Augenwinkeln. Für eine Frau über siebzig ist das zwar eher ungewöhnlich, aber die Kommentare in den sozialen Medien sind positiv. Also experimentieren wir weiter. Es gab schon Kommentare wie »wild«, »heiß« und »GOTA«, was für »Greatest of All Time« steht, oder auch »OG« für »Original Gangster«. Ein ziemlich witziger Kommentar, wenn man bedenkt, dass der Ausdruck ein schrulliges Original bezeichnet oder jemanden, der schon sehr viel erlebt hat.
Wenn ich mich selbst schminke, dauert das zehn Minuten, Visagisten brauchen eine Stunde. Ich selbst könnte nie den richtigen Look kreieren, selbst wenn ich eine Stunde auf mein Make-up verwenden würde. Mir fehlt einfach das Talent dazu. Diese Leute sind wahre Künstler! Ich bin Wissenschaftlerin. Dennoch können auch Menschen, die keine Künstler sind, lernen, mit ein paar wenigen Utensilien ein gutes Make-up zu zaubern. Ich kenne eine Visagistin, die ihre Farben und ihre Schminkwerkzeuge in einem Koffer mit sich herumschleppt. Vierundzwanzig Kilo Schminkutensilien, die sie bei jedem Flug dabeihat. Für das zusätzliche Gewicht muss sie jedes Mal eine Gebühr bezahlen, aber ohne dieses Extrakilo kann sie ihren Job nicht machen.
Wenn ich mich für ein besonderes Ereignis in Schale werfe, habe ich das große Glück, meine Freundin Julia als künstlerische Beraterin an meiner Seite zu haben. Wir entscheiden gemeinsam, wer ich an einem solchen Abend sein werde, aber sie ist diejenige, die dafür sorgt, dass ich heraussteche.
Was machen wir mit den Haaren? Wie muss das Make-up aussehen? Soll es ein frecher Look werden? Versuchen wir es mit dramatischem Lidschatten? Mit kräftigem Lippenstift? Manchmal schlägt Julia Gold, Lila oder Blau vor. Sie entscheidet, wohin es gehen soll, schließlich muss der Look, den wir kreieren, zum Event passen. Handelt es sich um einen Filmevent? Eine Buchpräsentation? Eine Wohltätigkeitsveranstaltung? Und wenn Julia entschieden hat, geht’s los. Es ist wie bei einer Kostümparty.
Als man mich mit neunundsechzig zum CoverGirl machte, war das eine riesige Überraschung. Ich hatte schon zuvor für Make-up-Kampagnen gearbeitet, aber nie als Hauptmodel. Ich war begeistert. Endlich würde Amerika sehen, dass Makeup für jedes Alter vorteilhaft ist. Ich wurde nie gebeten, mich jünger zu machen, und hatte auch nie das Gefühl, mein Alter verheimlichen zu müssen. Ich bin glücklich, einundsiebzig zu sein! Glücklich, den Leuten demonstrieren zu können, wie großartig wir aussehen können. Make-up kann das Aussehen jeder Frau verbessern. Profitieren wir davon!
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GEBEN SIE SICH SELBSTBEWUSST
Ein aufrechter Gang und ein interessierter Blick wirken Wunder
Da unser Selbstbewusstsein immer mal wieder einen Knacks bekommt, müssen wir es gelegentlich durch einen aufrechten Gang vortäuschen. Es ist wie eine Art Spiel. In meiner Familie hat eine gute Körperhaltung Tradition. Meine Mutter war Tänzerin, mein Vater Chiropraktiker, und die Mutter meines Vaters sogar eine der ersten Chiropraktikerinnen Kanadas. Meine Geschwister und ich lernten früh, eine gute Haltung an den Tag zu legen, und meine Schwestern, die beide Tanzlehrerinnen wurden, und mein Bruder Scott, der heute ebenfalls Chiropraktiker ist, setzten die Familientradition fort. Wir haben alle einen aufrechten Gang.
Mein Vater organisierte jedes Jahr in unserem Vorgarten einen Geh-Wettbewerb. Ich habe nie gehört, dass irgendjemand etwas Ähnliches veranstaltet hätte. Mein Vater wusste, wie er für sich Werbung machen musste! Er lud alle seine Patienten und deren Freunde in den großen Garten vor seiner Praxis ein, und meine Mutter buk jede Menge Kuchen. Sie fror die Kuchen immer ein. Unsere Gefriertruhe war so riesig, dass Kuchen für eine ganze Armee darin Platz hatte. Es wurde Kaffee und Tee serviert, und sobald die Gäste alle im Garten Platz genommen hatten, fing der Wettbewerb an. Der- oder diejenige mit der besten Haltung erhielt ein Zertifikat. Alle sahen selbstbewusst und glücklich aus.
Ich bekomme schon mein ganzes Leben Komplimente für meine gute Haltung. Inzwischen vermuten die meisten, sie käme vom Modeln, aber das ist es nicht. Ich habe sie von meiner Familie. Wenn Sie jemanden mit einem sehr aufrechten Gang sehen, wünschen Sie sich dann nicht, dass sie auch so gehen könnten? Und Sie können es, wenn Sie üben. Mit einer gebeugten Haltung wirkt man traurig und unsicher, mit einer aufrechten stark und selbstbewusst. Wer überzeugter auftreten und selbstsicherer wirken will, muss mit einer besseren Haltung anfangen. Stellen Sie sich aufrecht hin. Nehmen Sie die Schultern zurück, machen Sie ein freundliches Gesicht und sehen Sie die Leute an, wenn Sie mit ihnen sprechen; sehen Sie nicht zur Seite. Das ist es, was ein selbstbewusstes Auftreten ausmacht.
Neben der Körperhaltung spielen auch die Manieren eine wichtige Rolle. Ich wurde von Eltern erzogen, die sehr ruhig sprachen und gute Manieren hatten. Vielleicht lag es daran, dass sie Kanadier waren. Jedenfalls waren sie anderen gegenüber immer höflich und aufmerksam. Es gab auch an der Modelschule einen Benimmkurs, in dem sie uns beibrachten, wie man in einem Restaurant bestellt und welches Messer und welche Gabel man wofür benutzt.
Was ich dort über Tischmanieren gelernt habe, war mir mein Leben lang nützlich. Ich habe auch den Schülerinnen meiner Modelschule in Bloemfontein, Südafrika, Benimmunterricht gegeben. Die Kurse waren aber nicht nur für Models. Auch die Eltern von Studenten oder Schülern ganz normaler Schulen schickten ihre Kinder zu mir, damit ich ihnen gutes Benehmen beibrachte.
Meine Models lernten, pünktlich zu sein, deutlich zu sprechen und nicht schüchtern zu sein. Wer sich zu benehmen weiß, ist definitiv selbstsicherer und wirkt auch auf andere selbstsicher. Wenn ich jemanden mit guten Manieren sehe, hat diese Person automatisch meine Wertschätzung. Und es ist so einfach, sich gut zu benehmen.
Es war mir seit jeher wichtig, dass meine Kinder und Enkel stolz und höflich auftreten, eine gute Haltung zeigen und gute Manieren haben. Ich hoffe, dass ich ihnen ein gutes Beispiel war, so wie meine Eltern mir.
Mein Sohn Elon hat fünf Jungs. Als ich nach New York zog, veranstalteten wir regelmäßig Familienessen, die sehr chaotisch waren. Sie können sich nicht vorstellen, wie laut es war, wenn alle durcheinanderredeten.
Irgendwann sagte ich: »Von heute an verbringe ich mit jedem der Jungs einmal die Woche eine halbe Stunde allein.« Immer freitagnachmittags setzten wir uns zusammen und sprachen über ihre Schulaufgaben, über Dinge, die sie gerne taten oder für die sie sich interessierten. Manchmal spielte ich auch nur ein Spiel mit ihnen oder las ihnen vor.
Dann nahm ich sie mit an den Tisch und zeigte ihnen, wie man ordentlich isst und sich höflich ausdrückt. Ich brachte ihnen bei, mit dem Sprechen zu warten, bis sie an der Reihe waren, anstatt die anderen zu übertönen. »Mach den Mund zu beim Essen!« »Sprich nicht mit vollem Mund!« Auch wie man ordentlich mit Messer und Gabel isst, habe ich ihnen gezeigt. Und sie haben es gelernt! Ich habe ihnen erklärt: »Wenn du fertig bist, trägst du nicht nur deinen Teller in die Küche, sondern nimmst auch den Teller von deinem Dad und meinen Teller mit. Und anstatt deinem Dad zu erzählen, was du den ganzen Tag gemacht hast, fragst du ihn, wie sein Tag war.«
Beim nächsten großen Abendessen benahmen sich die Kinder vorbildlich. Als Elon kam und sich setzte, fragte ihn einer der Jungs: »Wie war dein Tag?«
Er sah ihn erstaunt an.
Ein anderer seiner Söhne sagte: »Ich wollte zuerst fragen!«
Worauf wieder ein anderer rief: »Nein, ich wollte zuerst fragen!«
Es war ziemlich lustig.
Dann stritten sie sich, wer Elons Teller in die Küche tragen durfte, bis ich sagte, sie müssten sich abwechseln.
Heute sind sie ein paar Jahre älter und alle sehr höfliche Kinder. Ich bin stolz auf sie.
Die Leute sind Kindern gegenüber, die sich anständig benehmen, aufgeschlossener. Kinder, die nicht laut und wild sind und überall herumspringen, hinterlassen einfach einen besseren Eindruck, und die Gesellschaft von Menschen mit guten Manieren wird von den meisten Leuten sehr geschätzt.
Auch wer von Natur aus sehr selbstsicher ist, büßt im Lauf seines Lebens immer mal wieder an Selbstbewusstsein ein und muss es dann mühsam wiedererlangen. Ich hoffe sehr, dass Ihnen das, je älter Sie werden, zunehmend schneller gelingt, genau wie mir. Man sollte meinen, mit über siebzig wäre ich weniger selbstsicher als früher. Aber mein Selbstbewusstsein ist größer denn je, weil ich mich nicht mehr davor fürchte, zurückgewiesen oder beleidigt zu werden. Als Model werde ich neun von zehn Mal abgelehnt, aber wer wegen so etwas das Selbstvertrauen verliert, muss sich fragen, woran das liegt. Vielen Frauen mangelt es an Selbstbewusstsein, weil sie das Gefühl haben, in allem gut sein zu müssen, weil andere sie mit ihrer Kritik kleinmachen oder weil sie sich viel zu viel aufhalsen. Gewöhnen Sie sich an, in erster Linie das zu tun, was Sie gut können, und versuchen Sie nicht, in allem die Beste zu sein.
Als Kind war ich gut in der Schule, aber furchtbar schlecht in Sport, obwohl ich mich an so gut wie jeder Sportart versucht habe. Meine Zwillingsschwester Kaye dagegen war die geborene Sportlerin, aber nicht so gut in der Schule. Wir waren stolz aufeinander und freuten uns über die Leistungen der anderen. Dass wir nicht in beidem gut waren, hatte keinerlei Einfluss auf unser Selbstvertrauen.
Wenn Sie normalerweise ein recht selbstbewusster Mensch sind und nur an schlechten Tagen unsicher werden, sollten Sie sich fragen, was es ist, das den Tag zu einem schlechten Tag macht. Was hat an Ihrem Selbstbewusstsein gekratzt? War es eine verletzende Bemerkung? Und wenn ja, war der entsprechenden Person klar, dass sie Sie verletzt hat? Warum hat die Bemerkung Sie so getroffen? Bei der Arbeit wird es immer wieder vorkommen, dass andere in etwas, worin Sie gerne gut wären, besser sind als Sie. In einem solchen Fall müssen Sie hart an Ihren Fähigkeiten arbeiten und von Leuten, die in ihrem Job erfahrener und besser sind als Sie, lernen.
Nach meiner Scheidung war mein Selbstwertgefühl am Boden, aber ich habe es wiedergewonnen, indem ich mir ein fröhliches Zuhause schuf und glückliche Kinder großzog. Ich habe neue Freunde gefunden, die nett zu mir waren, und ich hatte Erfolg als Ernährungsberaterin und Model.
Vielleicht müssen Sie einschneidende Veränderungen in Angriff nehmen, wenn Ihr Selbstvertrauen einen Knacks abbekommen hat, aber sich die ganze Zeit nur schlecht zu fühlen, ist doch kein Leben. Umgeben Sie sich mit Ihrer Familie und mit Freunden und Kollegen, die Sie so nehmen, wie Sie sind, und schreiten Sie aufrecht und selbstbewusst durchs Leben.
TEIL ZWEI

ABENTEUER
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JACARANDABLÜTE
Geh deinen eigenen Weg
Die meisten Menschen bemühen sich, irgendwie der Norm zu entsprechen. Nicht so mein Vater. Joshua Haldeman war etwas Besonderes. Er wollte um die Welt fliegen.
Er liebte es, auf Entdeckungsreise zu gehen. Aber mit dem Auto zu fahren, genügte ihm nicht, und so kam es, dass ich mit einer Bellanca aufwuchs. Sie war aus Stoff, hatte einen Propeller und war Teil der Familie. Das Flugzeug hieß Winnie, nach meiner Mutter.
Der richtige Name meiner Mutter war Winnifred, aber alle nannten sie Wyn. Sie war eine fabelhafte Mutter, und je älter ich werde, umso klarer wird mir, was für eine brillante Frau sie war.
Ihre Eltern waren von England nach Kanada ausgewandert, und meine Mutter wuchs in einer Stadt namens Moose Jaw auf. Die Familie meines Vaters wanderte bereits 1727 aus der Schweiz nach Philadelphia aus. Mein Vater wurde in Minnesota geboren, und als er vier war, zog seine Familie nach Waldeck, Saskatchewan, um auf einer Farm zu leben.
Meine Eltern lernten sich direkt nach der Weltwirtschaftskrise kennen. In Kanada war das eine furchtbare Zeit, in der die Menschen für Essen und die medizinische Versorgung ihrer Kinder Schlange stehen mussten. Um zu überleben, waren sie häufig auf Tauschgeschäfte angewiesen. Mein Vater, der in Davenport, Iowa, Chiropraktik studiert hatte, ritt für Kost und Logis Pferde zu und behandelte seine Patienten gegen Essen. Meine Mutter war damals erst sechzehn und arbeitete beim Moose Jaw Times-Herald, der nur noch zwei Mitarbeiter beschäftigte. Meine Mutter hatte ihren Job bloß deshalb behalten, weil sie von allen am schlechtesten bezahlt war. Ihre Familie lebte von ihrem kargen Wochenlohn.

Mit zwanzig wollte sie Tänzerin werden und fuhr nach Chicago, New York und Vancouver, um Tanz und Theater zu studieren. Können Sie sich vorstellen, was eine so lange Zugfahrt in jener Zeit für eine allein reisende Frau bedeutete? Das nenne ich abenteuerhaft!
Nach der Weltwirtschaftskrise zogen meine Eltern nach Regina und gründeten beide ihr eigenes Geschäft. Mein Vater eröffnete eine Praxis für Chiropraktik, meine Mutter eine Tanzschule. Ich habe Artikel aus Lokalzeitungen und Fotos, auf denen sie tanzt, aber auch von ihrer Schule mit all ihren Schülern.
Mein Vater, der Tanzstunden bei ihr nahm, fand sie auf Anhieb sehr sympathisch und fragte sie, ob sie mit ihm Essen gehen würde.
Sie sagte: »Ich gehe nie mit Schülern aus.« Also beendete er die Tanzstunden und fragte sie noch einmal. Sie sagte Ja.
Auf ihrem Hochzeitsfoto sind die beiden sehr einfach gekleidet. Sie hatten überhaupt kein Geld. Meine Mutter trägt einen schlichten grauen Hosenanzug, mein Vater einen Anzug. Wahrscheinlich hat meine Mutter den Hochzeitsanzug selbst genäht, wie alle ihre Kleider. Aber meine Eltern hatten trotz allem stets ein Lächeln im Gesicht. Sie waren immer glücklich, von Anfang an.
In Regina bekamen sie vier Kinder. Mein Vater hatte bereits einen Sohn aus erster Ehe, meinen Bruder Jerry, der ihm unglaublich ähnlich sah. Dann kamen mein älterer Bruder Scott, meine Schwester Lynne, und 1948 wurden meine Zwillingsschwester Kaye und ich geboren.
Die Bellanca legten sie sich 1948 zu, im selben Jahr, in dem Kaye und ich auf die Welt kamen. Die Bellanca war ihr zweites Flugzeug, ihr erstes war eine Luscomb, die sie sich auf einer Fahrt von Regina nach Calgary zugelegt hatten. Mein Vater entdeckte das Flugzeug mit einem »Zu-verkaufen«-Schild auf einem Feld. Bargeld hatte er keines, aber er hatte das Auto, in dem sie fuhren. Kurzerhand tauschte er das Auto gegen das Flugzeug ein, setzte meine Mutter in den Zug zurück nach Regina und heuerte einen Piloten an, der ihn und das Flugzeug nach Hause flog.
Unglücklicherweise wurde mein Vater luftkrank, womöglich aufgrund einer Verletzung des Innenohrs, die er sich beim Pferdezureiten während der Wirtschaftskrise zugezogen hatte. Der Pilot musste immer wieder auf irgendwelchen Straßen zwischenlanden und warten, bis mein Vater bereit war, wieder zu starten. Wenn er selbst flog, wurde er nie luftkrank, aber als Passagier war ihm immer unwohl.
Mein Vater, damals vierundvierzig Jahre alt, flog mit den Flugzeugen regelmäßig in Saskatchewan und Alberta herum. Einmal flog er bis nach Los Angeles, konnte aber wegen des Smogs kaum den Flughafen erkennen. Die Navigationssysteme aus der Zeit waren mit den heutigen bei Weitem nicht zu vergleichen. Einmal mussten meine Eltern auch einem Buschpiloten folgen, um durch die Rocky Mountains zurückzufinden.
Bei meinem ersten Flug war ich drei Monate alt. Meine Eltern flogen mit mir und Kaye zu einer Konferenz nach Iowa, und unser erster Zwischenstopp war Edmonton. Ich weiß das heute nur, weil von mir und meiner Schwester Fotos in den Lokalzeitungen waren. Sie nannten uns »die fliegenden Zwillinge«.
Mein Vater war wundervoll. Er war furchtlos und abenteuerlustig, und wir vertrauten ihm voll und ganz. Er war ein Mann, der durch sein gutes Beispiel voranging. Er arbeitete hart und viel und war dennoch fürsorglich und freundlich – ein sanfter Riese, der nicht viel redete. Meine Kinder haben meinen Dad nie kennengelernt. Er starb, als die Jungs noch Babys waren und ich mit Tosca schwanger. Alle meine Kinder pfeifen gerne, und ich liebe es, wenn sie das tun, weil es mich an meinen Vater erinnert, der ständig vor sich hin summte. Ich bin der Überzeugung, nur wer glücklich ist, kann pfeifen und summen.
1950 entschieden sich meine Eltern, aus Kanada wegzuziehen. Sie hatten Missionare kennengelernt, die in Südafrika waren und ihnen erzählt hatten, wie wunderschön es dort sei. Also packten sie das Flugzeug, den 1948er Cadillac, uns Kinder und all unsere Sachen, und los ging es auf eine zweimonatige Überfahrt nach Afrika mit einem Frachtschiff. Ich habe keine Ahnung, wie meine Mutter die Schiffsfahrt mit zweijährigen Zwillingen plus einem sechsjährigen und einem achtjährigen Kind überstehen konnte, aber irgendwie hat sie es geschafft. Mein Vater, der Reparaturen am Flugzeug immer selbst durchführte, montierte die Flügel ab, packte alles in eine Kiste und verschiffte es nach Kapstadt. Dort angekommen, zelteten wir alle auf dem Flugplatz, während er die Flügel wieder anmontierte, um herumzufliegen und die Gegend zu erkunden. Später wurden die Bretter der Transportkiste dann zu Möbeln für die Praxis, die er eröffnete, nachdem wir uns niedergelassen hatten. Ein paar davon haben Jahrzehnte überdauert.
Mein Vater wollte im Landesinneren leben, und man hatte uns geraten, nach Johannesburg zu ziehen, weil dort Englisch gesprochen würde. Im nahe gelegenen Pretoria wäre es sehr viel schwieriger gewesen, heimisch zu werden, weil man dort Afrikaans sprach.
Aber als wir über Pretoria flogen, war gerade die Zeit der Jacarandablüte, und die ganze Stadt war ein Meer aus lila Blüten. Mein Vater, der etwas so Schönes noch nie gesehen hatte, sagte: »Hier bleiben wir.«
In Pretoria wuchsen wir in einem Haus mit großen Bäumen auf (in der Prärie Saskatchewans sind Bäume eher eine Seltenheit). Die Menschen dort waren sehr herzlich. Sie sprachen jeden Erwachsenen mit Onkel oder Tante an, Oom und Tannie, egal ob man sich kannte oder nicht. Wir fanden das nett.
Die Leute hatten uns schon in Kanada für verrückt gehalten, weil meine Eltern mit ihren kleinen Kindern in einer Propellermaschine mit Stoffverdeck durch die Gegend flogen – so etwas kannte man dort nicht –, aber in Südafrika hielt man uns sogar für noch verrückter. Einmal bezeichnete uns jemand als »die verrückten Amerikaner«. (Natürlich waren wir Kanadier, aber dort war das alles dasselbe.)
Die Leute fanden uns nicht nur seltsam, weil wir von woanders kamen, sondern vor allem, weil wir viele Dinge auf unsere eigene Weise taten. Aber das hatten wir in Kanada auch schon getan. Wir waren einfach anders. Wir reisten herum. Meine Mom nähte unsere Schuluniformen selbst, anstatt sie wie die Mütter anderer Kinder zu kaufen. Wir tranken Kaffee statt Tee. Unsere Hintertür stand jedermann, der auf einen Besuch hereinkommen wollte, offen, während andere Eltern die Besuche von Freunden für ihre Kinder organisierten. Unsere Pausenbrote waren aus dunklem Brot, alle anderen hatten Weißbrot, und wir bekamen nie Geld für den Schulkiosk. Ich lechzte nach den Fleischpasteten und Würstchen im Blätterteig, die es dort gab, konnte aber nur selten eines essen, weil ich mein Taschengeld nicht dafür ausgeben wollte. Der Cadillac, den wir fuhren, war, abgesehen vom Cadillac, den sich der Freund meines Vaters hatte importieren lassen, der einzige weit und breit. Und wir hatten ein Flugzeug. Einmal abgesehen von besagtem Freund meines Vaters kannte ich außer uns niemanden, der ein Flugzeug besaß.
Mein Vater tat nie, was alle taten. Wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, zog er es durch, und meine Mutter, die sich eine eigene Karriere aufgebaut hatte, lange bevor sie meinen Vater traf, war genauso.
Als ich fünf war, flogen die beiden von Pretoria nach Oslo auf eine Konferenz für Chiropraktiker. Sie kamen dabei durch weite Teile Afrikas, Spanien und Frankreich und landeten für einen Zwischenstopp in London, wo mein Vater sich mit ein paar Chiropraktikern traf, die er kannte.
Als ich sechs war, planten sie einen Flug nach Australien, eine Rundreise von fast fünfzigtausend Kilometern, weil sie natürlich selbst zurückfliegen wollten. Für meine Eltern war so etwas normal, für unsere Nachbarn nicht. Hinzu kam, dass meine unnormalen Eltern mit einem Kompass navigierten. GPS und Funkgeräte gab es damals noch nicht. Ihre Ausflüge mussten gut durchdacht sein, weshalb sie immer lange Zeit im Voraus mit der Planung anfingen. Sie wussten, es konnte immer etwas schiefgehen, und wollten vorbereitet sein. Ohne GPS war es wichtig, die Karten zu kennen und gründlich zu studieren. Ohne Funkgerät musste man darauf vorbereitet sein, eventuelle Probleme selbst lösen zu können. Da sie für eine so lange Reise sehr viel Benzin brauchten, bauten sie die Rücksitze aus, um mehr Platz für Kanister zu haben. Auf dem Flug über das Meer nach Australien brauchten sie zusätzlichen Sprit. Und sie nahmen Werkzeug mit, falls etwas kaputtging. Reparieren konnte mein Vater sein Flugzeug selbst.
Meine Eltern haben diese Reisen nur überlebt, weil sie sehr vorsichtig waren. Wenn sie flogen, überprüften sie die Wetterlage, benutzten einen Kompass und navigierten mit Karten. Über Städten flogen sie so tief, dass sie die Schilder lesen konnten, um nicht versehentlich in der falschen Stadt zu landen. Manchmal gab es keinen Flughafen, und sie mussten auf einem Sportplatz oder einer Straße landen. Die beiden waren viel mutiger, als ich es bin. Und heute, wo mir klar ist, was sie da eigentlich taten, wundere ich mich manchmal, dass sie es überlebt haben.
Einen Plan zu haben, garantiert nicht, dass auch alles nach Plan läuft. Läuft es nicht, muss ein neuer Plan her.
Meine Eltern flogen die afrikanische Küste hoch, quer durch Asien, über den Pazifik und wieder zurück. Nur mein Dad, meine Mom und Winnie, hoch oben über dem Pazifik auf der Suche nach der weiten Welt. Die Karten mit ihrer Reiseroute haben wir heute noch.
Sie hatten schon damals sechzig verschiedene Länder besucht, und jedes Mal, wenn sie an einem neuen Ort landeten, malten sie ihn auf einen der Flügel.
Als Kinder waren wir oft auf uns allein gestellt, was auch für die damalige Zeit eher ungewöhnlich war.
Meine Zwillingsschwester und ich gingen bereits mit vier Jahren allein in den Kindergarten. Einen knappen Kilometer der Strecke legten wir mit meiner siebenjährigen Schwester Lynne zurück, den Rest gingen Kaye und ich allein, Händchen haltend. Unser Kindergarten war ungefähr hundert Meter von Lynnes Schule entfernt, und wenn wir fertig waren, marschierten wir dorthin zurück und warteten, bis Lynne uns wieder nach Hause brachte.
Wir wurden zur Selbstständigkeit erzogen.
Mein Bruder Scott erinnert sich an eine Reise, bei der er mit meinen Eltern Zentralafrika, Uganda, Kenia, Sansibar und Nairobi besuchte und er in Sansibar und Nairobi allein durch die Straßen ziehen durfte, mit siebzehn! Heute, so Scott, wäre das ein Fall von Kindesmisshandlung. Aber für uns war so etwas völlig normal.
Gerade auf Reisen wurde von uns Kindern erwartet, dass wir uns durchkämpften. Das erste Mal saß ich auf einem Pferd, als wir im heutigen Lesotho waren, einer sehr gebirgigen Region. Es war ein Ritt von hundert Kilometern, der mehrere Tage dauerte. Mein kleiner Bruder Lee, der in Pretoria zur Welt kam, war erst fünf und mit meiner Mutter zu Hause geblieben.
Wir saßen jeden Tag viele Stunden im Sattel. Es war ziemlich anstrengend, und nass, weshalb wir nie ein Feuer anzündeten. Wir aßen unser Essen direkt aus der Dose oder belegte Brote. Schlafen war nur eingeschränkt möglich, weil uns die Rinder nachts immer wieder das Gesicht ableckten oder unsere Decken stahlen.
Vielleicht hat es mich deshalb nie gestört, mit meinen Kindern in kleinen, engen Wohnungen zu leben. Auf einem Klappsofa schläft man vielleicht nicht am bequemsten, aber immer noch besser als im Freien neben einem Ochsen, der versucht, einem das Salz von der Wange zu lecken.
Keiner muss tun, was von ihm erwartetet wird. Man kann auch seinen eigenen Weg gehen. Diese Lektion habe ich als Kind gelernt und mich auch als Erwachsene immer daran gehalten. Nachdem ich meinen Abschluss als Ernährungswissenschaftlerin gemacht hatte, wurde ich schwanger und konnte mich nicht auf eine Stelle bewerben. Also eröffnete ich eine private Praxis. Meine Kollegen, die der Ansicht waren, man müsse mindestens fünf Jahre in einer Klinik arbeiten, bevor man eine Praxis eröffnet, runzelten die Stirn. Aber diese Möglichkeit hatte ich nicht. Es machte mir Spaß, Menschen dabei zu helfen, sich besser zu ernähren, deshalb ist es mir auch gelungen, an den unterschiedlichsten Orten auf der Welt immer wieder neue Ernährungspraxen zu eröffnen. Umziehen ist die Hölle, aber ich bin jederzeit bereit, etwas Neues auszuprobieren, das Spaß machen oder spannend sein könnte.
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