Читать книгу: «Sieben Kerle, sieben Storys – ein Finale»
Kurt und der Nicht-Prinz
Manchmal wiederholt das Leben einen Film. Selten zwei Filme. Überaus rar ist die unmittelbare Verknüpfung der Realität mit virtuellen Welten. Oder?
Vor zwei Wochen hatte Kerstin sich im Dating-Portal angemeldet; heute fand das erste Treffen statt. Mit Kurt, 52, 1,67, geschieden. Auf dem Profilfoto stellte er sich sportlich dar – mit Rennrad, passendem Dress und Schutzhelm. Dadurch strahlte er Dynamik aus, ohne wirklich sichtbar und erkennbar zu sein. Was nicht nur Kurts Auftritt begünstigte, sondern auch Kerstin entgegenkam – ließ sie sich doch oft abschrecken von Männern auf Fotos, die ihr so gar nicht gefielen. Wobei sich tatsächlich die Frage ergab, was passte ihr nicht? Der Mann oder das Foto? Im wahren Leben war sie ja ab und an mit weniger attraktiven Männern zusammen gewesen, die zum Ausgleich eine gewinnende Art hatten. Sei es eine besondere Dynamik und Forschheit oder eine überzeugende Zugewandtheit. Allerdings fand Kerstin auch entschuldigende Worte für ihre Ablehnung im Portal: auf den ersten Blick hatte sie sich von den unattraktiven oder besser gesagt wenig gutaussehenden Männern im wahren Leben, um es mal so zu nennen, nie angezogen gefühlt – gewinnend fand sie diejenigen dennoch irgendwann.
Was den sportlichen Profilauftritt des Mannes anging: Irgendwann hörte sie später aus dem Mund einer Prominenten, die Kerstin hier nicht diffamieren will, zu der sie sich aber des Öfteren bereits derart geäußert hatte, dass sie nicht die allergeringste Sympathie für sie hege; was wohl noch einer Beschönigung gleichkam. Aus dem Munde dieser Besagten also hörte sie die Worte, dass Männer in Dating-Portalen zu neunzig Prozent sportlich aufträten. Ein Fakt, den Kerstin nach einer Weile auf der Plattform durchaus bestätigen konnte, nicht zu hundert Prozent, also die neunzig Prozent nicht zu hundert Prozent bestätigen konnte, doch gut die Hälfte waren es durchaus. Dem maß sie allerdings kein großes Gewicht bei. Im Munde der erwähnten prominenten Persönlichkeit hatte die Äußerung von dem sportiven Auftreten der Männer in Dating-Portalen jedoch einen Unterton, nein, nicht einen Unterton, sondern einen betonten Ton von schwanzlos, hirnlos, seelenlos.
Bei Kurt passte das sportliche Auftreten, wer hätte das gedacht, zu seinem forschen Verhalten: Kaum war Kerstin fünf Minuten im Portal, als Kurt nachfragte, ob sie sich mit ihm treffen wollte. Was, auch das wusste Kerstin in den Anfängen ihrer Portal-Präsenz noch nicht, auf den Plattformen eher selten war. Und wenn es vorkam, dass sich ein Mann einem, bildlich gesprochen, direkt an den Hals warf, so kam meist ein oder zwei Tage später von der Administration die Meldung, dass genau derjenige aus dem Portal entfernt worden sei, wegen ungebührlichen Auftretens.
Doch Kurts Forschheit war keiner bösen Absicht geschuldet.
Die Entschlossenheit gefiel Kerstin und stimmte sie gegenüber seinem Konterfei milde. Ein Mann, der weiß, was er will. Der weiß, was er hier in der gefilterten und aufbereiteten virtuellen Welt möchte. Daher gab sie ihm auch recht schnell ihre Handynummer. Zum Whatsappen. Das bereute Kerstin recht schnell. Nicht aus Sicherheitsgründen, sondern aus Gründen des guten Geschmacks.
Denn sie erhielt von ihm stehenden Fußes und fortan jeden Morgen und jeden Abend einen ausgeschmückten Liebesgruß. Mann und Frau umarmen sich vor untergehender Sonne. Sinnsprüche aus der Reihe Liebe ist …, zum Beispiel Liebe ist Mut und Mut tut gut. Videos und Animationen, die Liebesszenen zeigten. Nein, keine pornografischen. – Zwei Äffchen, inniglich umarmt, Buchseiten in Herzform, die im Raum schwebten, zwei Schäfchen Arm in Arm am Sternenhimmel.
Wie auch immmer, sie verabredete sich mit Kurt.
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Nun also das Treffen. Kerstin rechnete davor mit dem Schlimmsten. Sie nahm daher eine große Einkaufstasche mit, falls Kurt weiche Gegenstände in Herzform mit sich führen sollte. Die konnte sie dann gleich in der Tasche verschwinden lassen.
Während Kerstin ihr Auto in einem Parkhaus abstellte – sie hatten sich in einer Nachbarstadt verabredet –, fühlte sie Unruhe in sich aufsteigen, ums Sonnengeflecht, in der Magengegend. Mein Gott, ermahnte sie sich, du hast doch gar keine Erwartungen, du wolltest ein erstes Date, wovor solltest du Angst haben? Tatsächlich hatte sie keinen Bammel vor Enttäuschung. Er gefiel ihr ja überhaupt nicht. Allein, dass er so forsch gewesen war, hatte ihr imponiert – was danach bei ihr an digitaler Post eingegangen war, hatte sie abtörnend gefunden. Doch was wäre, wenn er aufdringlich war, nicht im körperlichen Sinne, sondern wenn er emotional uneinsichtig war. Gesetzt der Fall sie würde sagen, es war nett, aber ich glaube, wir haben nicht so viele gemeinsame Interessen. Immer höflich bleiben! Und er dann konterte, dass sie sich doch noch gar nicht kennengelernt hätten. Oder sie sagte, nun eine deftige Lüge, dass sie emotional immer noch gebunden sei. „Aber wieso suchst du dann jemanden? Ich glaube, du willst es tief in deinem Innern, aber du traust es dir nicht zu.“ Mist. Jetzt gingen ihr die Argumente aus. – Fast schon wollte sie zum Auto zurückgehen. Da fiel Kerstin ein: Ich neige zu fantasievollen Übertreibungen.
Zur Abschwächung ihrer aufkeimenden Beklemmung zitierte sie ihre frühere Lehrerin: „Es wird nichts so heiß gegessen wie gekocht.“ Die Lehrerin hatte die, na ja, abgeflachte Weisheit zwar in einem anderen Zusammenhang eingesetzt – rebellische Schüler in einer rebellischen Zeit. Aber der Spruch war nicht auf eine Zielgruppe festgelegt. Zudem – das Angstgefühl abschwächend – fiel Kerstin ein künstlerisches Genre ein. Und zwar das bereits erwähnte erste Filmzitat: Billy Wilders ‚Some like it hot'. Eine amerikanische Filmkomödie, in der zwei Musiker sich als Frauen verkleiden – Joe/Josephine (Tony Curtis) und Jerry/Daphne (Jack Lemmon) –, um ein Engagement zu erhalten. Der Millionär Osgood Fielding (Jou E. Brown) verliebt sich in Daphne, die vermeintliche Frau.
Schlussszene: Daphne und Osgood Fielding sitzen in einem fahrenden Motorboot, auf der Flucht vor der Mafia. Osgood erzählt stolz, er habe seine Mutter über die bevorstehende Hochzeit mit Daphne informiert.
Daphne will es ihm ausreden: „I’m not a natural blond!“
Osgood: „It doesn’t matter.“
„I smoke. I smoke all the time.“
„I don’t care.“
„I lived together with an saxophone player for a month.“
„I forgive you.“
Daphne reißt sich die Perücke vom Kopf: „I am a man!“
„Nobody’s perfect.“
Das überlegte Kerstin auf dem Weg zum Date. Sie hatte außerdem bei ihrem Aufenthalt im Portal von den Betreibern erfahren – sie erhielt regelmäßig einschlägige Tipps –, dass es fünfundzwanzig Dates brauchte, bis der Richtige vor dem Museum, an der Theke im Bistro oder an der Wasserfontäne wartete. Sie räumte ein, dass die angelesene Zahl variierbar sei …
Heute allerdings wartet erst mal niemand am verabredeten Ort. In der Fußgängerzone, Ecke Drogeriemarkt. Dafür erhält sie einen Anruf: „Kerstin, ich bin es, Kurt. Komme erst in einer Viertelstunde.“
So was Ärgerliches. Kerstin spürt Groll in sich aufsteigen. Hatte sie das nötig? Dieser Schnösel, der ihr eh nicht gefiel. Dieser Banause. Er erdreistete sich, sie warten zu lassen. Und nochmal: Hatte sie das nötig? Sie, 56, ledig, attraktiv, intelligent und gebildet. Sie biss sich auf die Unterlippe. Und ging kurzentschlossen in den Drogeriemarkt. Von einer Einheitsduftwolke umhüllt, roch sie mal wieder an Wässerchen von Lauder, Dior und Sander. Eine halbe Stunde später trat sie vor die Tür. Und sah an der Ecke eine unverkennbar wartende Gestalt, ihr Date. Sie ging auf ihn zu.
„Hallo“
„Wo bleibst du denn?“
„Ich war pünktlich.“
Er war, wie erwartet und auch angegeben, nicht sehr groß. Das störte Kerstin nicht.
„Wieso kommst du zu spät?“, fragte sie.
„Ich hatte mein Handy zu Hause liegen lassen und musste wieder zurückfahren. Hätte ich es nicht geholt, hätte ich dich nicht anrufen können."
Mmh, überdachte Kerstin die Logik der Aussage, dann hätte er sich auch nicht verspätet und hätte nicht anrufen müssen. Sie wollte mal nicht so sein und ließ die Sache auf sich beruhen.
„Und“, fiel sie nun mit der Tür ins Haus, „hattest du schon einige Verabredungen über das Online-Portal?"
„Ja, schon, aber bis jetzt ist noch nichts daraus geworden."
„Woran liegt es?“
„Die meisten Frauen wollen dann doch keine Beziehung.“
So hätte ich es wohl auch formuliert, überlegte Kerstin, wenn ich bisher erfolglos geblieben wäre. Oder in der Situation der Frau, um aus der Sache wieder rauszukommen. Vielleicht kann ich mir die Formulierung schon mal merken.
Sie gingen die Einkaufsmeile entlang, vorbei an Cafés, Schuhläden und dem Marktbrunnen. Er erzählte, nachdem sie ihn nach seinem Job gefragt hatte, dass er als Chauffeur für einen Unternehmer arbeite. Dabei müsse er auch zu ungewöhnlichen Zeiten zur Verfügung stehen.
„Was sind für dich ungewöhnliche Zeiten, frühmorgens oder abends?“
„Ja, auch. Aber es kann auch sein, dass ich ihn nachts in einem Lokal abhole.“
„Mein Gott, ist er denn zu geizig, ein Taxi zu bezahlen?“
„Nein, das nicht“, beschwichtigte Kurt mit einer beruhigenden, leicht abwehrenden Handbewegung. „Er gibt mir immer was extra dafür. Ich glaube, er redet dann noch gerne mit jemandem.“
„Dann bist du wohl so etwas wie ein seelsorgender Butler? …“
Kerstin stoppte ihren Redefluss. Hoffentlich hatte sie ihn jetzt nicht beleidigt. Aber nein, er machte den Eindruck, als habe er sich so etwas wohl selbst schon überlegt. Zudem, Kerstin erschütterte das immer wieder, lassen sich viele Menschen auch ungerührt beleidigen. Dabei hatte sie nicht den Eindruck, dass diejenigen sich ihr Getroffensein aus Stolz nur nicht anmerken ließen.
„Hauptsache“, fuhr Kerstin milde fort, „es wird einigermaßen gut bezahlt und macht dir dazu auch Spaß.“
„Ja, doch. Ist aber nicht mein Beruf. Hätte schlimmer kommen können. Weil ich ja arbeitslos war.“
Bevor er weiterreden konnte, wies Kerstin auf ein Bistro.
„Magst du?“
Kurt nickte und sie traten ein.
Hier holten sich die Gäste am Buffet ihre Speisen und Getränke. Selbstbedienung also. Kerstin fand das gut. So gäbe es keine Diskussion ums Bezahlen. Wahrscheinlich hätte es die soundso nicht gegeben. Die wenigsten Männer fühlten sich aufgefordert für ihre Begleiterin zu bezahlen. Oder? Und wenn, wirkte es veraltet. Wie auch immer, es war kein Thema. Mit Kaffee und Kuchen versorgt, setzten die beiden sich an einen langen Tisch, an dem bereits einige Gäste saßen.
Gefragt hatte er sie bisher noch nichts. Ignoranz oder Schüchternheit? Womöglich Unbedarftheit. Kerstin tippte auf Letzteres. Sie betrachtete Kurt genauer, wo er ihr jetzt gegenübersaß. Sein Haar war hellbraun und schon etwas spärlich. Seine Gesichtshaut leicht gerötet und großporig, seine Nase rundlich gebogen. Er wirkte flauschig, schrumpelig flauschig, etwas wie ein schrumpeliges Küken. O weh, er hatte ein Goldkettchen um den Hals. Selbstverständlich hatten auch Männer ein Recht sich zu schmücken. Kerstin ließ daran nie einen Zweifel. Aber sie konnte sich nicht helfen: Sie mochte es nicht. Vielleicht ein Ring, aber das war eh nicht mehr modern. Außer dem Ehering. Die Ringe am Ohr sah man allerdings immer noch, neben den Tunneln bei ganz jungen Männern. Die Ringe im Ohr konnte Kerstin einfach nicht ertragen, außer bei Schwulen, da waren sie stimmig für sie. Und Goldkettchen, wie bei ihrem Gegenüber, auch nicht. Ertragen.
Genug Augenschein. Da Kurt immer noch keine Anstalten machte, sie etwas zu fragen, schloss Kerstin an das Gespräch von vorhin an.
„Was hast du denn für einen Beruf?“
Die Frage gefiel ihm und er antwortete prompt:
„Ich bin Maler und Lackierer.“
„Und da findest du keinen Job? Handwerker sind doch gefragte Leute.“
Kurt ging nicht auf die Frage ein.
„Ich habe selbständig gearbeitet. Und hatte viele spezielle Aufträge, im Denkmalschutz zum Beispiel. Da habe ich viel gelernt. Da muss man nämlich eine bestimmte Farbe, eine Bio-Farbe nehmen und die ist sehr teuer.“
Kurt machte ein sehr ernstes Gesicht bei seinen Erläuterungen. Die Angelegenheit war ihm wichtig. Aber der eigene Beruf ist ja auch eine bedeutsame Sache.
„Ich weiß auch“, fuhr er fort, „wie man einfach eine Tapete überstreicht. Da muss man die alte nicht abnehmen.“
Hier hätte Kerstin gerne nachgehakt, Handwerker hatte sie in ihrem Bekanntenkreis nicht so viele. Aber sie wollte die Situation nicht gleich schamlos ausnutzen.
„Hier vor Ort hatte ich auch Kunden, kann ich dir gleich mal zeigen.“
Kurt war nicht mehr zu bremsen. Später führte er Kerstin auch zu dem denkmalgeschützten Haus – es lag auf ihrem Weg –, das er malerisch mitgestaltet hatte.
„Aber das mit den speziellen Aufträgen hat dir doch Spaß gemacht?“ Kerstin ließ nicht locker.
„Es ging dann nicht mehr so gut“, Kurt wurde etwas leiser. „Habe nicht so viel Geld im Moment.“
„Nein, nein, ich will dich nicht ausfragen.“ Kerstin spürte das Plumpe ihrer Fragen.
Doch sie hatte ein Fass aufgemacht. Kurt erzählte weiter aus seinem vergangenen Handwerkerleben. Auch von Strapazen bei der Aufbereitung von Innenräumen, wenn Eigentumswohnungen eines mehrstöckigen Mietshauses hergerichtet wurden.
„Jeder will was anderes. Vor allem die Frauen …“, er stockte, wurde kleinlaut. „… na ziemlich oft.“
Kerstin musste lächeln, scheinbar registrierte er doch noch ihre Anwesenheit. Bei seinen Ausschweifungen musste Kerstin an ‚Forrest Gump' denken, die Schelmenkomödie mit Tom Hanks. Insbesondere an den hawaiianischen Kriegskollegen, der sich ununterbrochen, stundenlang, tagelang über die vielseitigen Zubereitungsarten von Krabben ausließ. Der Leser bemerke: das zweite Filmzitat.
Kerstin erfuhr so einiges von Innenraumgestaltung, Farbqualitäten und anspruchsvollen Kunden. Was sie so treibe, hatte er nicht gefragt. Letztlich war ihr das recht. Nicht wegen Anonymität und Sicherheit. Eher weil sie sich ihm gegenüber zurückgenommen hätte, was ihre Ausbildung und ihren Beruf betraf: Alles nicht so wild mit Studium und so. Und darauf konnte sie verzichten.
So saßen sie eine Weile und unterhielten sich. Einen kurzen intensiven Blick warf er mal auf sie, einen männlich interessierten. Ob er sie gut fand, ob sie ihm vom Aussehen gefiel, konnte sie nicht feststellen. Sollte schon so sein, fand sie, indem sie sich und ihn verglich.
Kurz hatte Kurt erzählt, dass er bis vor einem Jahr eine Beziehung gehabt habe. Wobei er Beziehung mimisch so begleitete, als handele es sich um einen verborgenen Schatz, der nur ihm zugänglich gewesen sei. Nicht, dass eine Liebe kein verborgener Schatz sein kann, sogar sein sollte. Eher ein geborgener. Aber eine Beziehung? – Kerstin rieb sich an dem Wort. Immer. Weil so ungefähr und saftlos. Das sagte sie Kurt nicht.
„Was meinst du, sollen wir aufbrechen?“
Er hatte keine Einwände. So gingen sie gemeinsam zum Parkhaus. Kerstin wusste nicht so recht, wie sie ihn verabschieden sollte. Ein weiteres Treffen strebte sie nicht an. Sie wollte ihn aber nicht vor den Kopf stoßen oder, wie vor dem Treffen überlegt, keine Diskussionen führen. Letzteres fürchtete sie allerdings nicht mehr. Sie hatte hier das Blatt in der Hand.
„War nett dich zu treffen. Vielleicht können wir ja mal was zusammen machen. Auf eine Veranstaltung gehen.“ Kerstin hatte sich entschlossen höflich zu sein.
„Eine Bitte habe ich noch, Kurt.“ Das musste sein. „Die Bilder, die Videos, die du mir schickst, die mag ich nicht so gerne. Bist du so nett und lässt das bleiben? Ich steh da nicht so drauf.“
Worauf sie eigentlich nicht stand, hatte sie nicht gesagt. Kurt nickte.
Sie verabschiedeten sich und Kerstin ging ins Parkhaus.
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Geschafft, dachte sie auf der Heimfahrt. Mein erstes Date über das virtuelle Medium. Resümee? Es war so gewesen, wie sie es erwartet hatte. Natürlich nicht im Detail, aber sie hatte gewusst, dass Kurt ihr nicht so sehr gefallen würde. Eines war gut. Hatte sie anfänglich, vor dem Treffen, etwas Aufregung verspürt, so war die sofort nach Aufeinandertreffen verschwunden. Würde es anders laufen, bei einem nächsten Mal, so hatte sie es entweder mit einem weniger angenehmen Menschen zu tun. Oder aber: die Bombe schlug ein. Na ja, eben die Verliebtheit.
Abends kam dann keine Nachricht mehr von Kurt. Auch nicht die kommenden Tage. Erst eine Woche später, als Kerstin sich an ihren Computer zu Hause setzte. Sie checkte ihr Postfach: Nachrichten vom Portal, die ja zuerst als Hinweise per Mail verschickt wurden, gab es nicht. Auch sonst war nicht viel los in ihrem Mailverkehr. Kerstin wollte schon den PC herunterfahren. Da tauchte plötzlich vor ihrem Desktophintergrund ein kleiner Junge auf. Er schaute sie direkt an und begann mit ihr zu reden.
Er sei aus einer anderen Welt, man könne auch sagen von einem anderen Stern, habe aber um Himmels Willen nicht das Geringste mit dem kleinen Prinzen zu tun, stellte er sich vor. Nein, er sei kein Aristokrat, weder hier noch irgendwo, sondern durch und durch demokratisch. Er vermittele auch keine Lebensprinzipien oder kindliche Weisheiten. Na ja, Kerstin wisse bestimmt, wovon er rede ... Aber er habe Lösungen, zumindest einen Wünschekatalog im Gepäck. Und die Kompetenz, die Gesuche zu erfüllen. Das betreffe allerdings nur ihre Aufträge oder Ansinnen hinsichtlich adäquater Bilder und Filme. Seine Sprache verfiel mehr und mehr dem Bürokratischen, seine Stimme wurde dunkler und gewichtig.
„Sie waren mit den virtuellen Bildern von Zweisamkeit und Harmonie nicht einverstanden, die Ihnen von meinem Auftraggeber transferiert wurden. Was wäre Ihnen anstelle dessen genehm?“
Kerstin hatte sich gerade von dem unerwarteten Auftritt des kleinen Nicht-Prinzen erholt. Von der überirdischen Verbindung zu ihrem realistischen Treffen vor ein paar Tagen … und jetzt auch noch das. Die Frage aller Fragen. Die Frage zu den Bildern, noch schlimmer, die nach dem Gegenentwurf. Dem Gegenentwurf zu dem, was man ablehnte. Eiskalt erwischt!
„Nun ja“, begann Kerstin zaghaft. „Eben realistisch. Müssen ja nicht negativ sein oder süffisant.“
„Süffisant im Sinne von herablassend?“, fragte der Junge nach. Kerstin nickte. Hatte sie bis hierhin gedacht, dass er nur ihre Stimme wahrnehmen konnte, wie Alexa, wurde sie eines Besseren belehrt: Er hatte ihr Nicken gesehen.
„Und was sollen sie darstellen?“, hakte er wiederum nach … Ja, wer fragte hier eigentlich?, fragte sich wiederum Kerstin.
Sie hatte sich gefangen und begann Zeit zu schinden.
„Sag mir doch, bevor wir weiterreden, deinen Namen. Ich heiße übrigens Kerstin.“
Sie vermutete allerdings, dass der Junge das längst wusste.
„Efe, deutsch ausgesprochen und mit f geschrieben.“
Gekleidet war Efe in Rot und Beige, in einer Uniform mit goldenen Fransen an den Schulterklappen und mit Zierknöpfen an geflochtenen Bändern. Poppig! Der Junge mit dem fein geschnittenen Gesicht stand vor (besser auf?) ihrem unifarbenen Desktophintergrund mit den paar Apps. Fließend bewegte er sich in Einklang mit seinen Worten und unterstützte, was er sagte, mit ausladenden Gesten. Sein Alter? Kerstin schätzte, nach menschlichen Dimensionen, elf oder zwölf Jahre.
„Nun, welche Bilder würden mir gefallen?“, griff Kerstin den Gesprächsfaden wieder auf, langsam und zurückhaltend, um Zeit und Ideen zu gewinnen. „Vielleicht möchte ich gar keine Bilder – bei der virtuellen Bilderflut.“
„Selbstverständlich werde ich Ihnen auch diesen Wunsch erfüllen. Wie ich bereits ausgeführt habe, bin ich im Einsatz für den Mann, den Sie getroffen hatten. Er möchte wiedergutmachen, was er versäumt, besser gesagt, übertrieben hat. Nun gibt er Ihnen Gelegenheit, Ihre Wünsche zu äußern.“
Kerstin war geplättet. Fühlte sich auf der einen Seite überrumpelt, auf der anderen – wie war noch mal das Psycho-Wort – wertgeschätzt.
„Bilder einer Begrüßung auf dem Bahnhof, auf dem Flughafen würde mir gefallen. Ein Anruf während der Arbeitszeit, auf Video festgehalten. Ein gemeinsamer Code.“
Während Kerstin sprach, fiel ihr auf, dass das auch alles nur Bilder aus der Werbung, aus Filmen waren. Zumindest war ihr nicht das Händchenhalten am Krankenbett eingefallen. Das sprach eindeutig für sie.
Gab es überhaupt Bilder von Pärchen, die noch nicht abgegriffen waren? Tausendmal gesehen. Nun, wenigstens nicht zweihunderttausendmal, wie bei denen im Sonnenuntergang.
Sie hatte die Frage immer noch nicht abschließend beantwortet. Vielleicht sollte sie sagen, wie der Junge ja auch vorgeschlagen hatte: Keine.
„Bilder, die eine Landschaft, das Panorama einer Stadt – vielleicht Hamburg mit Hafen, München mit Marienkirche – oder ein Gebäude, etwa das Mannheimer Technoseum gleichzeitig aus zwei Perspektiven zeigen, die des Mannes und die der Frau.“
Kerstin holte kurz Luft. Wow, woher war denn diese Eingebung gekommen?
Auch Efe schluckte. Weitwinkel-Panorama-Aufnahmen waren ja bereits Standard, aber ein Panorama aus vier Augen?
Diese Gedanken interpretierte Kerstin zumindest in den verblüfften Gesichtsausdruck des kleinen Nicht-Prinzen.
„Damit habe ich mich bisher nicht beschäftigt“, Efe hatte sich wieder gefangen. „Aber ich schaue, was ich für Sie tun kann.“
„Das war nur so eine Idee von mir, weil mir nichts Besseres eingefallen ist“, sagte Kerstin kleinlaut.
„Mein Auftraggeber lässt mich eine weitere Wunscherfüllung übermitteln“, ignorierte er Kerstins Kommentar. Er sei nicht so gut im Reden, führte Efe aus, daher wolle er Kerstin gerne anders beeindrucken, und zwar mit dem, was er gut kann. „Vielleicht gibt es in ihrem Haus etwas zu renovieren?“
Kerstin fehlten die Worte.
„Damit möchte sich mein Auftraggeber entschuldigen, dass er so wenig Interesse durch Fragen zum Ausdruck gebracht hat.“
Ist es zu fassen? Nun gut, auf sie kamen vielversprechende Zeiten zu.
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Soulman
Kerstin ist ein Kniff eingefallen, der vielleicht funktionieren könnte. Mittlerweile schreibt sie ja Männer im Portal an. Sie schaut auf die Angaben zur Lieblingslektüre oder den favorisierten Film. Manchmal ist auch ein origineller Einstieg dabei. Einmal hat der Profilname sie motiviert: Hiob. Nicht dringend ein gefälliger Name. Aber Kerstin hat er berührt, wie jemandem ein todtrauriger, aber hochspannender Film gefällt. Außerdem sah Hiob gut aus, das Foto sah gut aus, der Mann auf dem Foto sah gut aus. Jünger als das angegebene Alter 52. Sie schrieb ihm:
„Hallo Fremder. Bei der Hiobsgeschichte sind mir die Klugscheißer auf den Geist gegangen, die sich immer wieder zu Wort melden. Die wussten schon von vorneherein, dass Hiobs Pech gottgewollt, also rechtens, gerecht war, dass das Unglück Sinn machte, ihm eine Lehre sein sollte.“
Ausführlicher zu schreiben, dafür war kein Platz.
Hiob antwortete, dass er religiös sei, was sie ihn auch gefragt hatte. Und ja, auch ihm gehe es so, dass er die Besserwisser in der Geschichte nicht möge.
Solch ein ambitionierter Mann war allerdings selten. Kennengelernt hatten sie sich nicht.
Kerstin nahm also ein Thema des Profils auf, schrieb und wenn eine Antwort kam, so reagierte sie, nach einer angemessenen Zeit, und stellte wiederum eine Frage. So wie eben Kommunikation fortschreitet.
Nun hatte sie eine neue Idee. Der letzte Mann, den sie kontaktiert hatte, sprach in seinem Profiltext oder auch bei der Lieblingslektüre von Kugelmenschen. Der Begriff war ihr fremd. Sie dachte dabei an Science-Fiction, an alte expressionistische Filme. Auf jeden Fall fragte sie als Einstieg, was sie auch hätte googeln können:
„Was sind Kugelmenschen?“
Nach ein paar Tagen kam eine Antwort:
„Sind aus der Mythologie. Die beiden Hälften der Kugel müssen zusammenpassen, zwei Menschen vereinen sich zu einer Kugel.“
Wieder ein paar Tage später, das selbstauferlegte Intervall von, na ja, halt ein paar Tagen, beachtend, bedankte sich Kerstin für die Info und wies darauf hin, dass sie dadurch eine Bildungslücke geschlossen habe. Sie wünschte ihm einen schönen Sonntag.
Während sie antwortete, beim Zweitkontakt stand funktional mehr Platz zur Verfügung, dachte sie noch: eigentlich müsste ich nun die Anschlusskommunikation in die Wege leiten, sprich eine weitere Frage stellen. Aber sie war an diesem Tag maul- und schreibfaul. Und beließ es dabei.
Nun rechnete sie auch nicht damit, von ihm, der halben Kugel, wieder etwas zu hören. Gleichzeitig, ganz unterschwellig, schlich sich das Gefühl ein, dass dies weniger entgegenkommende Verhalten vielleicht einen besonderen Reiz ausmache.
Und tatsächlich, ein paar Tage später kam wiederum eine Replik. Sein Interesse war geweckt.
Und diesen Kniff wollte sie nun weiter anwenden: Kontaktieren, im Falle einer Antwort reagieren, aber keine Frage mehr stellen. Übrigens, geantwortet hatte der halbe Kugelmensch:
„So schlimm ist das nicht, dass du das nicht wusstest. Nicht wirklich eine schwerwiegende Bildungslücke. Was treibst du sonst denn so? Liebe Grüße, Werner“
Nicht zu jedem passte die Vorgehensweise, auf wen sie passte, das hatte Kerstin bisher noch nicht definiert. Auf wen es nicht zutraf, wusste sie bereits: Soulman.
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Hatte sie oder hatte Soulman zuerst den Kontakt aufgenommen? Kerstin saß gerade nicht vorm Computer, daher konnte sie die Frage nicht umgehend überprüfen und beantworten. Soulman ließ sporadisch von sich hören, meldete sich des Öfteren auch nur für einen Monat im System an. Er hatte außergewöhnlich freundlich mit ihr geredet, ohne anbiedernd, anzüglich oder plump zu sein. Deshalb ging Kerstin auch immer wieder darauf ein, wenn er sich meldete. Es war genau der Tonfall, wie ein Mann mit einer Frau reden sollte, fand Kerstin, auch wenn sich das bürgerlich und stereotyp anhört. Er machte ihr Komplimente wegen ihres Aussehens, war romantisch, wurde in seinen Äußerungen konkret. Zum Beispiel schrieb er einmal:
„Du siehst so lebendig aus.“
Oder ein anderes Mal:
„Ich würde gerne mit dir am See einen Rotwein trinken und schauen, wie die Sonne untergeht.“
Weiter:
„Heute war ich in deiner Stadt, habe nach dir Ausschau gehalten, habe dich aber nicht gesehen.“
Dass immer wieder Wochen verstrichen, bis Soulman auf ihre Nachricht antwortete, ließ Kerstin vermuten, dass er Probleme hatte. Finanzielle, familiäre, psychische. Möglicherweise der Alkohol.
Sein Foto – eine Aufnahme im Profil – zog Kerstin nicht an, schreckte sie aber auch nicht ab. Die Nase war markant, aber gut geformt, die Haare graumeliert, kurz geschnitten und nach hinten gebürstet; die Lippen sah man zwar kaum, konnte aber erkennen, dass sie ausgebildet waren. Was Kerstin weniger mochte.
So verging die Zeit. Kerstin und er waren immer kurz davor eine Verabredung zu treffen; klappte aber nie.
In der Zwischenzeit chattete sie mit einem Farbigen, ein Franzose aus Neuchâtel. Er war so begeistert von ihr, dass er gleich vorbeikommen wollte.
Das Nervige war, dass Kerstin sich oft verpflichtet fühlte, die Unterhaltung, den Chat, aufrechtzuerhalten, obwohl sie schon keine Lust mehr auf das Gespräch hatte. Weil es sie langweilte. Doch nach und nach fasste sie den Mut zu Ausflüchten, selbstverständlich welche, die den Gesprächspartner nicht kränkten: „Tut mir leid, hab keine Zeit mehr.“ „O weh, ich muss dringend mit dem Kochen beginnen.“ „Eben hat es geklingelt, meine Freundin wollte kommen.“
Auch Absagen erteilen, musste Kerstin lernen – oft schweren Herzens. Zugegeben, bei manchen, den Großkotzigen, genoss sie es, sie aus der sicheren Distanz loszuwerden. Bei den Netten, Bescheidenen, den vermutlich im Umgang Liebevollen war das sehr schwer.
So bekam sie von einem etwa Gleichaltrigen eine Einladung zum Kaffee. Er erzählte auch gleich, dass er einen Obsthof betreibe, gemeinsam mit seiner Tochter. Dass er sie sympathisch fände. – Aber das Foto von ihm: Es zeigte einen nicht sehr großen Mann von der Brust aufwärts, mit hellen Haaren, rötlichem Gesicht. Letzteres konnte auch an der schlechten Qualität des Fotos liegen. Der Mann war untersetzt, lächelte unbeholfen in die Kamera. Er hatte ein rundes Gesicht, sah von Grund auf solide aus. Ein Mann, der sie an ihren Vater oder die Generation ihrer Eltern erinnerte, obwohl er vermutlich jünger war als sie. Er war ein herzensguter Mensch. Das sah man. Und das brachte Kerstin in Verlegenheit. Sie überlegte, was sie schreiben sollte. Auf der einen Seite wäre sie froh, mal wieder ein Date zu haben, einen Mann zu treffen. Auf der anderen Seite hatte sie Angst davor, ihn zu enttäuschen. Nicht Angst, dass er heftig reagierte. Nein. Sie enttäuschte Menschen, gutmütige Menschen, ganz einfach ungern. Sie fühlte mit, hatte dabei mutmaßlich stärkere Gefühle als der Betreffende. Also würde sie die Einladung ablehnen, obwohl auch sie gerne, wie gesagt, einen netten Menschen getroffen hätte. Doch nach einem Treffen wäre seine Enttäuschung noch größer gewesen, vermutete sie. Kerstin hätte sich noch schlechter gefühlt – und sich gewunden bei einer Absage.
Sie formulierte so liebevoll wie möglich:
„Ich freue mich sehr über die freundliche Post von dir. Auch darüber, dass du mich gerne treffen möchtest. Doch sei mit bitte nicht böse, ich sehe da nicht so viele Gemeinsamkeiten. Dir und deiner Tochter wünsche ich für die Zukunft alles Liebe ...“
Zwei Tage später hatte sie Post von ihm. Sie wurde über Nachrichten im Portal ja immer per E-Mail unterrichtet. Vier Tage hatte sie nicht den Mut ins Portal zu gehen, um zu schauen, was er geschrieben hatte. Sie erwartete von Ablehnung über Beschimpfung bis zu Kränkung alles Negative, was ihr schlechtes Gewissen ihr eingab.
Dann überwand sie sich. Und ein großer Stein fiel ihr vom Herzen. Er hatte verständnisvoll reagiert und sich sogar noch für ihre Nachricht und ihre freundlichen Worte bedankt.
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Das war es nicht, was Kerstin durch den Kopf ging, als sie das lokale Einkaufszentrum durchquerte: Ihre Gedanken kreisten um das Abendessen. Fisch oder Hähnchen? Salat auf jeden Fall. Zucchini oder Kohlrabi? – Auf einmal hatte sie das Gefühl, dass jemand sie ansah. Sie drehte den Kopf langsam in diese Richtung. In einiger Entfernung, vielleicht zehn, fünfzehn Meter weit weg, erblickte sie einen Mann; weißes Hemd, dunkle Hose, graumeliertes Haar. Als er ihren Blick wahrnahm, drehte er den Kopf zur anderen Seite. O ja, schoss ihr durch den Kopf, das war Soulman. Was tun? Er hatte wohl gesehen oder geahnt, dass sie es war, sie erkannt, als sie ihn ansah – und hatte sich weggedreht. War er unsicher, ob sie es ist? Oder zu zurückhaltend, ängstlich, unlustig? Sollte sie ihn ansprechen? Kerstin überlegte.
Da kam ihr der Zufall zur Hilfe. Aus einer Gruppe von Jugendlichen, die sehr eilig unterwegs waren, rempelte ein Junge den Fremden von hinten an. Daher drehte er sich wieder um – in Kerstins Richtung. Nun kam er nicht umhin, sie anzuschauen. Kerstin lächelte ihn an. Er lächelte zurück. Kerstin blieb stehen. Und er kam auf sie zu.
„Jo?“, fragte er. Sie nannte sich Joanna im Portal.
„Soulman?“, erwiderte Kerstin.
Er sah kurz verlegen auf seine Schuhspitzen. Edle schwarze Slipper. Dann sah er, ohne den Kopf zu bewegen, nach oben.
„Schön dich zu treffen, Jo, war mir aber nicht ganz sicher, ob du es bist.“
„Kann ich verstehen“, unterstützte ihn Kerstin, „ich wusste auch nicht, ob ich dich ansprechen sollte.“
Sie fügte verbindlich hinzu: „Man muss ja immer so schnell entscheiden.“
„O ja“, pflichtete er ihr bei.
Kerstin fuhr fort: „Wie geht es dir?“
„Wieder besser, ich hatte eine Erkältung.“
Kerstin sagte ihren Standardsatz: „Ich habe selten eine Erkältung, meist nur, nachdem ich verreist war.“
Nicht sehr originell, dachte sie, doch diese Standards waren auch kleine Inseln, auf die man sich bei Gesprächen retten konnte. Überraschende Antworten gab es darauf nicht, von Soulman gar keine.
„Ja, jetzt hat es doch mal geklappt mit einem Treffen“, fuhr sie fort.
Er schaute wieder nach unten auf seine Schuhspitzen und blickte daraufhin nach oben.
„Mmh …“
„Wenn es dir gerade nicht passt, können wir was im Portal vereinbaren.“
„Nein, ich möchte dich gerne auf einen Kaffee einladen oder was anderes, was du magst.“
„Da sage ich nicht nein.“ Kerstin lächelte ihn an. „Hier gibt es eine angenehme Cafeteria.“
Sie fuhren mit der Rolltreppe ins obere Geschoss.
„Kaufst du denn oft hier ein?“, fragte Kerstin.
„Wenn ich hier am Ort bin, gehe ich meist mal durch. Auch wenn ich was Bestimmtes besorgen will. Beim Optiker bin ich Kunde. Der hat einmal im Jahr eine Aktion, deshalb bin ich auf ihn gekommen.“
„Ja, ich gehe auch zu ihm. Habe mir bei den Aktionen schon einige preiswerte Brillen besorgt. Die teuren kaufe ich aber auch dort.“
Die Cafeteria war fast leer, so hatten sie die freie Auswahl. Und suchten sich einen Platz am Fenster. Das Selbstbedienungsrestaurant war hell und freundlich, die hohen Fenster allerdings unansehnlich, verkratzt und teilweise blind.
Soulman fragte: „Soll ich dir was mitbringen?“
„Gerne, einen Kaffee, ohne alles.“
Während er die Getränke besorgte, dachte Kerstin, dass ihr das gefällt, das mit der Einladung. Gentlemanlike. Ist eine sehr kultivierte Geste. Einen kurzen Moment konnte sie innehalten, ihn aus der Ferne betrachten. Doch, ja, er war sympathisch. Angezogen war er auch nach ihrem Geschmack. Das rustikale weiße Baumwollhemd, die dunklen Hosen, die teuer wirkenden Schuhe. So gut kannte sie sich mit Herrenschuhen nicht aus. Auch die Haare waren ordentlich. O weh, Kerstin wunderte sich über sich selbst, worauf sie alles achtete. Sie musste lachen: Ordentliche Haare! Gleich fiel ihr wieder die Generation ihrer Eltern ein, insbesondere eine Tante, die so etwas hätte sagen können. Kerstin wusste aber genau, woran sie dabei gedacht hatte. Ein Arbeitskollege rannte oft wochenlang mit riesigen Wollknäueln im Nacken durch die Gegend, besser gesagt, durch die Flure des Betriebes. Kerstin musste wieder grinsen, als sie jetzt noch dachte – obwohl er verheiratet war. Wie kleingeistig sie doch sein konnte!
Schluss jetzt mit der Mannbeschau. Sie wusste, wo das letztlich herrührte. Sie war nicht hell begeistert, aber sie mochte Soulman, von den kurzen Momenten, in denen sie ihn nun kennengelernt hatte. Und bereits vorher aus dem Portal.
Da war er auch schon wieder, mit Kerstins Kaffee und mit seinem Cappuccino. Ihr eh schon spärlicher Redefluss kam nun nicht wieder in Gang. Beide nippten vorsichtig an ihren Getränken. Kerstin begab sich auf ein unverfängliches Feld.
„Wie lange bist du schon im Portal? Ich habe mitbekommen, du meldest dich öfter ab und dann wieder an.“
„Könnten jetzt zwei Jahre sein. Ich weiß es nicht mehr so genau. Ein Jahr nach meiner Scheidung habe ich begonnen.“
„Ich will dir nicht zu nahetreten, aber ich frage ganz einfach: Hängt dir denn die Scheidung, die Trennung immer noch in den Klamotten? Ich denke nur, weil du so unentschlossen wirkst, ich meine mit dem An- und Abmelden.“
„Ja. Ich vermute schon. Und ich weiß ja auch, dass man andere nicht mit seiner Vergangenheit belasten soll.“
Kerstin spürte, wie Soulman wieder einsilbiger wurde.
„Du meinst eine neue Frau nicht belasten? Ja, das sagt man. Wird wohl auch stimmen.“
„Auch andere, auch Bekannte.“
Er streckte sich etwas nach hinten. Nun hatte er scheinbar genug davon, ausgefragt zu werden.
„Ich bin schon längere Zeit von meinem Freund oder wie man heute sagt Partner, Lebensgefährten getrennt. Es belastet mich nicht mehr. Obwohl wir wohl alle von unseren Erlebnissen, der Summe unserer Erfahrungen geprägt werden.“ Kerstin dachte, was für ein Allgemeinplatz. Doch sie konnte den Satz nicht mehr zurücknehmen.
„Irgendwie habe ich zu dir gleich Vertrauen gehabt.“ Soulman bewegte sich wieder etwas auf sie zu, wurde offen und ernst zugleich.
„Deine Fotos, das, was du schreibst. Ich würde gerne ehrlich sein. Darf ich?“
Kerstin nickte.
Soulman begann zu erzählen. Wie seine Frau ihn vor vollendete Tatsachen gestellt hatte. Wie er ausgezogen war. Eines Abends seine Familie, seine Frau und die beiden Jungs, von weitem gesehen und sich ausgeschlossen gefühlt hatte. „Jeden Abend nach der Arbeit ging ich dann in die Kneipe, in die Rockhütte nebenan. Dort waren Männer wie ich, Verlorene, die sich sehnten … Sinke ich jetzt in deiner Achtung?“
Kerstin setzte zum Antworten an – da hörten sie aus dem Foyer einen Heidenlärm.
Kerstin drehte sich um. Soulman schaute in Richtung des Foyers. Da standen sich zwei Männer gegenüber, ein junger, so um die zwanzig, ein älterer, so um die fünfzig. Der Ältere könnte der Vater sein, vielleicht war er es auch. Aber ein Vater-Sohn-Gerangel in der Öffentlichkeit? Davon hatte Kerstin noch nie gehört.
„Ich habe es dir schon mal gesagt“, brüllte der Ältere.
„Ich lass mir von dir gar nichts sagen“, kam prompt die Antwort.
„Lass dich hier im Geschäft nicht mehr blicken“, schnaubte der Alte noch mal.
Nein, also doch nicht, Vater und Sohn, dachte Kerstin. Der junge Mann wollte sich nicht so schnell wegschicken lassen. Er blitzte:
„Ich kann mich aufhalten, wo ich will.“
Der Alte versetzte ihm einen Stoß.
In dem Moment stand Soulman auf und lief in Richtung Foyer. Doch da war es schon geschehen. Der Ältere der Streithähne hatte bereits zugeschlagen. Der Junge taumelte und hielt sich am Geländer fest. Soulman lief schneller. Er stellte sich vor den Älteren und schrie: „Stopp“. Der war perplex – verlor an Rage und Energie. Man sah das am leichten Absinken der Fäuste. Er zog den Oberkörper nach hinten. Der Junge hatte sich in der Zwischenzeit wieder gefangen und tauchte hinter Soulman auf.
„Hey, misch dich nicht ein. Das ist was zwischen uns beiden.“
Und zu seinem Kontrahenten:
„Das machst du nicht mit mir, du Assi, du Schwuchtel.“
Soulman, der immer noch zwischen den beiden stand, holte geräuschvoll Luft, fast konnte Kerstin es hören, festigte seinen Stand und blähte den Brustkorb auf. Rundherum waren Leute stehen geblieben.
Einer rief: „Soll ich die Polizei holen?“
„Lass mal“, erwidert Soulman, „wir kriegen das in den Griff, nicht wahr?“ Er sah den jungen Mann an.
„Was glotzt du so? Ich habe keine Angst. Schon gar nicht vor dem da!“
Er schnippte den Kopf in Richtung des Älteren.
„Das weiß ich doch“, antwortete Soulman geduldig.
Nun kamen von hinten Kumpels des jungen Mannes und zogen ihn mit sich. Soulman stellte sich vor den Ladenbesitzer und redete ruhig auf ihn ein. Kerstin konnte nichts verstehen, aber auch der verzog sich.
Kerstin hatte fasziniert das Geschehen beobachtet. Die Polizei zu rufen, war ihr gar nicht in den Sinn gekommen. Als Soulman die Szene betreten hatte, löste sich die Spannung. Bei den Kontrahenten nicht sofort. Aber bei den Zuschauern. Klar, dass im Foyer ausreichend Menschen stehen geblieben waren. Wie üblich. Die einen wegen ihrer Sensationslust, die anderen um vielleicht wirklich noch etwas zu bewegen oder zu stoppen. Gott sei Dank hatte keiner eingegriffen, um vielleicht noch Schlimmeres zu bewirken. Man hatte Soulman, den Schlichter, gewähren lassen.
Der kam nun wie selbstverständlich an den Tisch zurück. Er griff nach seinem Kaffee, der jetzt bestimmt kalt war, und nippte daran.
„Wow“, sagte Kerstin, „denen hast du es aber gezeigt. Ich meine, du hast allen gezeigt, wie man einen Konflikt löst.“
Nun huschte ein Lächeln über sein Gesicht. Eine Sekunde, kaum wahrnehmbar.
„War mal bei der Freiwilligen Feuerwehr. Dort hatte man einen Kurs über so was angeboten, also wie man eine gewalttätige Situation umlenkt.“
„Das hast du fantastisch gemacht. Ich glaube, ich hatte die ganze Zeit den Mund offenstehen.“
Jetzt musste Soulman lachen und die Haut um seine Augen kräuselte sich, als er sie ansah.
Kerstin wusste es nicht genau, hatte aber das Gefühl, als habe sich bei Soulman ein Schalter umgelegt.
Sie wandten sich anderen Themen zu.
********************
Love, Love, Love
Wow, er hatte gehalten, was Kerstin sich versprochen hatte. Es war ein wunderbarer Abend, wie sie ihn schon sehr lange nicht mehr erlebt hatte. Sie mit einem sechsundzwanzigjährigen Mann, Meister seines Liebesfachs im Hotel. War allerdings nicht die Suite, sondern nur ein bemerkenswertes Zimmer. Ein französisches Bett, Möbel aus edlem, dunklem Holz, kleiner Balkon, den sie ja nicht brauchten; Vorhänge aus einem kunstvoll kreierten Dekostoff in kräftigem Blau und dezentem Rot mit geometrischen Figuren. Tom, Kerstins Loverboy, saß nackt auf der Bettkante. Er schenkte beiden noch ein Glas Sekt aus.
Sie hatte in ihrem Leben schon einige Liebhaber gehabt, mit nur wenigen Highlights, was die Kunstfertigkeit oder auch das Vorwissen anging. War sie länger mit jemandem zusammen, verliebt also, dann ergab sich die Freude an dem Liebesspiel von selbst. Auch war es selten beim ersten Mal ein vollkommener Genuss. Das geschah ja in der Regel nach einem Abend in der Kneipe, einer Party bei Freunden, im Urlaub oder einem Abendessen zu zweit mit einigen Gläschen Alkohol. Meist war sie also schon etwas neben der Spur. Nicht, dass sie nicht wusste, was sie tat. Sie fühlte nur nicht mehr so viel dabei, war körperlich zwar empfänglich, aber unempfindlicher. Einerseits gut, was das Öffnen für die Situation betraf, andererseits schlecht, was die Intensität anging. Meist war die Erinnerung, das Schweben und Schwelgen am darauffolgenden Tag das Beste daran.
Beim zweiten oder dritten Zusammenkommen erwies sich der gute Liebhaber. O ja, sie konnte sich noch an den Franzosen erinnern, den sie bei einem Urlaub in Südfrankreich kennengelernt hatte: Charles. Intensive Berührung, und zwar dort, wo es wirkte. Mit dem Mittelfinger in der Vagina hin und her zu hecheln, erzeugt wenig Wirkung, törnt nach dem fünften Mal ab … aber die richtige Stelle, die Klitoris vorsichtig, aber intensiv zu bearbeiten, sich langsam ranzutasten, um wieder zurückzufahren, das machte Lust auf mehr. Er besaß damals auch die Unverschämtheit, der Franzose, sie am After zu berühren, auch einzudringen. Was eher schmerzhaft war, aber ein Gefühl der Versautheit und gleichzeitig Vertrautheit erzeugte und die Gefühle überborden ließ. Und am nächsten Tag spürte man die Berührung immer noch, was wieder Lust erzeugte.
Tom hatte sie angefasst, wie sie es liebte, fest, aber mit Gefühl. Schon als er sie im Hotelzimmer in den Arm genommen hatte, nein, schon vorher. War natürlich peinlich die Situation. Zimmer öffnen, Stromschalter drücken, Licht einschalten. Dann wieder die großen Leuchten ausschalten. Da hatte sie alles bereut, wäre am liebsten abgehauen. Aber Tom erzählte von seiner letzten Übernachtung in einem Jugendhotel – passte ja vom Alter – mit fünf anderen in einem Zimmer. Stickig, warm, schnarchig und stinkig. Da konnte Kerstin auch was beitragen; ein Zimmer mit Kunststoffmatratzen an einem regnerischen, aber warmen Januartag in Brüssel: feucht und heiß – jedoch nicht auf die lüsterne Art und Weise. Wobei, ja, heiß und feucht stimmte momentan. Ihr Kopf war heiß, nur die Hände waren kalt. Umgedeutet: sie hatte kalte Füße.
Tom setzte sich in den Sessel, der in der Ecke gegenüber vom Bett stand. Er streckte alle Viere von sich: Sumsemann, der Maikäfer in Peterchens Mondfahrt. Mein Gott, was Kerstin alles einfiel. Je tiefer die Gefühlsspirale ging, umso tiefer scheinbar auch der Rückgriff. Nun blieben ihr zum Hinsetzen nur Stuhl oder Bett. Sie entschied sich für das Bett. Sie wollte nicht steif wirken, wenn sie es schon war.
Tom griff zum Telefon:
„Sekt oder was anderes?“
Kerstin überlegte, ob sie nicht lieber ein Bier hätte.
„Bestell doch auch zwei Bier. Flaschen am besten und ein großes Wasser. Vielleicht willst du ja auch was ganz anderes? Du musst nicht den üblichen Sekt trinken. Vielleicht lieber Rotwein?“
Das mit dem üblichen Sekt hatte sich Kerstin nicht verkneifen können. Obwohl sie sich geschworen hatte, ironische oder sarkastische Bemerkungen zu unterlassen. Auch sich selbst gegenüber.
So einen Redeschwall hatte er wohl nicht erwartet. Er reagierte schnell.
„Ich bestelle noch einen Roten, italienisch. Was das Bier angeht, wir können nachher auch noch in die Kneipe gehen und was trinken.“
Das waren goldene Worte für Kerstin. Sagte man das: goldene Worte. Oder hatte sie das gerade erfunden? Musste sie bei Gelegenheit mal googeln. Wie auch immer. Genau das hatte sie gebraucht: Nachher in die Kneipe. Dieser Satz hatte sie entspannt. Der Situation das Peinliche genommen. Nun fühlte sie sich auf sicherem Terrain. Fühlte sich auch zurückversetzt in ihre goldenen Jahre – schon wieder golden –, als sie mit Kumpels und Freundinnen in Kneipen unterwegs war, öfters auch mit dem ein oder anderen vögelte.
Nun war sie in dem Hotelzimmer als ganze Person angekommen. Vorbei war die Angst vor der neuen Situation, ihre Selbsteinschätzung als ältliche, naive, unnütze Tussi.
Tom hatte bestellt und drehte sich zu ihr um.
„Wie heißt du eigentlich richtig?“ Als sie sich im Portal kennenlernten, hatte er als Tom gesprochen, geschrieben. Nun zweifelte sie, ob er auch wirklich so hieß.
Sie hatte ihn das vorher nicht gefragt, sie hatte Angst gehabt vor der Vertrautheit, davor, dass sie in ihm etwas sah, was er nicht war.
„Tom.“
Ja, das gefiel ihr. Der Name und plötzlich auch die Situation. Sie war die Heldin, sie wagte, was viele Frauen nicht fertigbrachten. Sie war die Göttin. Tom stand auf und kam auf sie zu – um sie zu küssen. Den letzten halben Meter kam sie ihm entgegen und berührte mit den Lippen seinen Mund und öffnete die Lippen einen schmalen Spalt. Ja, sie konnte ihn gut riechen. Es war, wie es sein sollte. Sie legte ihre Hand in seinen Nacken und küsste ihn. Er fühlte sich warm und weich und fest an, so wie sie es sich gewünscht hatte. Es klopfte an der Zimmertür und ihre Körper trennten sich wieder.
Der Kellner schob einen Servierwagen herein, auf dem die Getränke und Gläser standen. Sekt in einem Kühler, Rotwein, eine Karaffe Wasser – daneben standen große Rotweinkelche und Sektgläser; in einer kleinen Vase eine einzelne Gerbera. Ebenfalls ein Schälchen mit gesalzenen Nüssen.
Kerstin nutzte die Unterbrechung und verzog sich ins Bad, klein mit grauen Fliesen und lachsfarbenen Banderolen, etwa zwanzig Zentimeter unterhalb der Decke. Es gab eine Dusche, keine Badewanne. Sie war sehr feucht geworden – ach, wie schön –, nachdem sie sich in die Situation eingelebt hatte. Nun befürchtete sie, unangenehm zu riechen. Sie setzte sich auf die Toilette.
Kann ja nicht schaden.
Dann sprang sie wieder auf. Kann sehr wohl schaden. Sie dachte an den Frauenarzt, der ihr geraten hatte, nie mit leerer Blase … und hinterher gleich auf die Toilette. Zur Vermeidung von Blasenentzündung.
Das Hinterher ist ihr momentan egal. Doch bei dem Gedanken an das vor ihr Liegende steigt in Kerstin eine Hitze auf, eine unangenehm trockene. Von der Toilette war sie wieder aufgestanden, ihren Slip ließ sie unten, fuhr mit der Hand zwischen ihre Beine und roch daran. Nee, nicht unangenehm, eher sexy. Das war so, seit sie die Wechseljahre hinter sich gebracht hatte. Ist nicht mehr so feucht, ihre Muschi, riecht aber auch nicht mehr so aufdringlich, nur wenn sie im Sommer arg schwitzte.
Trotz bestandener Geruchsprobe nimmt Kerstin ein Kleenex aus dem Metallspender neben dem Spiegel, hält es unter den Wasserhahn, der ohne Berührung reagiert, befeuchtet das Tuch und drückt es auf ihre Muschi. Sie rubbelt ein bisschen, wirft das Tuch weg und fährt nochmals mit einem Handtuch darüber. Nun ist alles kalt. O je, hoffentlich hatte sie keinen Fehler gemacht mit der Putzaktion. Die sie gut und gerne hätte unterlassen können.
Ihr Blick fällt in den Spiegel. Sie hatte rote Bäckchen bekommen. Schnell noch etwas kaltes Wasser. Die Hände waschen. So jetzt wieder raus auf die Bühne.
Der Erste-Kuss-Moment von vorhin war natürlich verflogen und die Bedenken krochen an ihren Darmwänden hoch.
Doch als Kerstin das Zimmer betritt, ist die Stimmung anheimelnd und erotisch, das Licht ist noch etwas heruntergedimmt, es läuft Musik: ‚Why worry' von Dire Straits. Amüsant – eine Art Wiegenlied, aber es entspannt. Tom hat die Sektgläser gefüllt und steht vom Bett auf, als sie hereinkommt. Er hat die Schuhe ausgezogen und das Hemd hängt über der Hose und ist aufgeknöpft. Kerstin ist geflasht von seinem guten Aussehen. Ja, sein Oberkörper ist perfekt, nein, kein Sixpack, aber ein flacher Bauch, seine Haltung ist aufrecht, er wirkt aber auch etwas verloren und schüchtern. Sollte das Absicht sein, fragte sich Kerstin. Er sieht sie an aus blauen Augen, sein schmales Gesicht mit gepflegten und weichen Zwei-Tagesbart-Stoppeln ist umrahmt von dunklen Haaren, auf dem Oberkopf länger, fast wie eine Tolle, an den Seiten kurz und mit Geheimratsecken. – Ein anderes Wort dafür hatte Kerstin noch nicht gehört. Sie beschreibt auch selten Menschen genauer.
Seine Nase ist gerade, lang, aber vollkommen harmonisch ins Gesicht eingebettet. Sein Mund etwas größer als schmal, auch hier fällt ihr nichts Besseres ein. Vor allem ist sein Mund fest und gespannt, mit einem zurückhaltenden Lächeln. Gott sei Dank, einen Makel hat er: seine Ohren stehen leicht ab. Kerstin atmet aus. Seine Ohren hindern sie jedoch nicht daran, an ihre hängenden Brüste und den Bauchspeck zu denken. Die Orangenhaut an den Oberschenkeln würde man bei dem Schimmerlicht und im Liegen nicht sehen.
Tom tritt auf sie zu, reicht ihr das Glas. Ein edles Champagnerglas mit einem sehr hohen Stiel, darin eine Erdbeere („Ich bin verrückt nach deinem Erdbeermund.“).
„Zum Wohl, Kerstin, schön, dass ich dich gefunden habe.“
Jetzt fließt Wärme durch ihren ganzen Körper, fast kommen ihr die Tränen. Sie stößt an sein Glas:
„Schön, dass wir hier sind.“
Er stellt sein Glas hinter sich auf den Servierwagen und nimmt ihr ihren Kelch ab.
„Machen wir doch einfach weiter, wo wir unterbrochen wurden.“
Er nimmt ihren Kopf in beide Hände und drückt ihr einen Kuss auf den Mund – freundschaftlich. Sie lehnt kurz den Kopf an seine Brust und drückt sich fest an ihn – anlehnend. Nun streicht er über ihr Haar und küsst sie lange, lange und intensiv, Zärtlichkeit schwingt mit, und immer mehr Begehren, ohne dass sein Kuss hart wird, nur fordernder. Kerstin streicht über seinen Rücken und wagt sich sogar an seinen Po vor. Er zieht ihr die Bluse aus, öffnet den Rock, der fällt runter. Nun zieht er das geöffnete Hemd aus, setzt sich auf den Bettrand und zieht sie mit sich. Kerstin landet mit geöffneten Schenkeln auf seinem Schoß. All ihre Bedenken sind verflogen, all ihre Ängste verflüchtigen sich. Er lässt sich nach hinten fallen, sie folgt ihm. Er streicht über ihre Schenkel, über ihren Po, küsst sie auf den Mund, auf den Hals, zwischendurch auf den Kopf, eine liebvolle Geste. Kerstin öffnet seine Hose, zurrt am Gürtel, zieht den Reißverschluss nach unten. Tom setzt sich kurz auf und streift die Hose ab, beide tragen nur noch die Unterwäsche. Sie liegen auf der Seite und Tom streicht ihr zärtlich übers Haar. Kerstin fährt ihm über die glatte Brust.
Sie bahnt sich einen Weg in seinen Slip und spürt seinen Penis. Zieht seinen Slip herunter, ganz langsam bis ganz nach unten an die Füße. Sie streift dabei an seinen Beinen entlang und lässt ihn ihre Brüste spüren, die noch im Büstenhalter stecken. Seinen erigierten Schwanz hat sie bereits begutachtet, als sie begonnen hatte, ihm den Slip herunterzuziehen. Groß, aber nicht zu groß, und was sie so sehr liebt an jedem männlichen Glied: fest und weich zugleich. Gibt es auf der Welt ein schöneres Objekt zum Ertasten? Sie kniet sich etwas hin und streckt ihren Po nach oben, das erregt sie und ihn hoffentlich auch. Als sie seinen Slip über die Füße gezogen hat, bewegt sich Kerstin wieder nach oben, schaut auf ihn herunter. Wie schön, wie stolz, wie liebevoll er ist.
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