Читать книгу: «Levi»

Inhalt
INTRO
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
NACHWORT
ANHANG
Persönliche Bemerkung zu meinen Romanen
Chronologischer Überblick über meine Romane
Was sind Para-Romane?
© 2012/2021 Melanie Risi-Meier, Zürich
Überarbeitete Neuauflage 2021
Lektorat: Armin Risi
eBook-Gestaltung: buchseitendesign by Ira Wundram, www.buchseiten-design.de
Cover: Melanie Risi-Meier
Verlag:
Melanie Risi-Meier
c/o Josef Meier
Karl-Esser-Straße 5
93049 Regensburg
E-Mail: mm@melanie-meier.de
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt.
Jede Verwertung ist ohne Zustimmung der Autorin unzulässig.
Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
www.melanie-meier.de
INTRO
In seinen Augen stand Stille. Es war jene Stille, in der das ganze Dasein Platz findet.
Die Erzengel Michael und Gabriel blickten mit ihren steinernen Gesichtern von der Kirche auf ihn herunter und teilten sein Schweigen. Raphael und Uriel drehten ihm den Rücken zu.
Über ihnen drängten sich die Gewitterwolken ineinander wie Würmer im Eimer des Fischers.
Als die ersten Regentropfen auf sein Gesicht fielen, blinzelte er. Es waren fette Tropfen, und sie verlangten nach mehr. Innerhalb von Sekunden war seine Kleidung durchnässt.
Blind starrten die Monumente. Mit all seinem Sein starrte Levi zurück. Aber sie alle blieben stumm; Fleisch und Stein schwiegen.
Levi zog den Rucksack vom Rücken, holte seinen MP3-Player heraus und stopfte sich die Hörer in die Ohren. Als die Musik begann, wippte er leicht mit dem Kopf im Takt. Das Wasser lief ihm über das Gesicht, trommelte auf den Schirm seiner Mütze.
»Ach leckt mich doch.«
Im Umdrehen zeigte er den Statuen den Mittelfinger. Er ging zur Haltestelle, stieg in den nächsten Bus und fuhr nach Hause.
01.04.2012
Levi übergab sich. Er hievte den Kopf über die Kante des Sofas und kotzte, bis er nichts mehr im Magen hatte.
02.04.2012
Als er am nächsten Tag erwachte, schleppte er sich ins Badezimmer, putzte sich die Zähne und spülte mit Mundwasser nach. Ihm stiegen Tränen in die Augen. Er spuckte das Mundwasser ins Waschbecken und verharrte, den Kopf gesenkt, mit den Händen an dem verdreckten Porzellan abgestützt.
Alles roch nach Hemmungslosigkeit. Er selbst, seine Kleidung, das Badezimmer, die Luft und das Leben.
Schließlich hob er den Kopf und sah in den Spiegel. Die Augen, die ihm entgegenblickten, waren rotgerändert und lagen tief in den Höhlen. Die Haut um sie herum war fahl, als flösse längst kein Blut mehr durch die Bahnen. Das schwarze Haar hing im strähnig in die Stirn, an der Seite war es plattgedrückt vom Schlafen. Die Bartstoppeln waren älter als drei Tage. Seine letzte Dusche ebenfalls.
Levi richtete den Blick hinter sich und damit auf die dunklen Schlieren, die ihn träge umtanzten. Er hob die Hand, schnippte mit den Fingern. Sie verschwanden.
Er ging zurück ins Wohnzimmer und wischte die Hinterlassenschaften des Rausches auf. Danach setzte er sich auf das Sofa und starrte vor sich hin.
Als das Telefon schrillte, schreckte er aus einem flachen Schlaf auf. Er hievte sich in die Höhe, torkelte in den Flur zur Telefonstation und hob ab.
»Levi«, sagte seine Mutter, »endlich erreiche ich dich! Eigentlich wollte ich nur ein Lebenszeichen von dir.«
Er seufzte. »Eigentlich wolltest du mich nur erinnern, dass Tante Hilda heute Geburtstag hat.«
»Das eine schließt das andere nicht aus. Du hörst dich schon wieder so müde an. Ist alles in Ordnung?«
»Ja.«
»Wann kommst du mal wieder raus? Wir haben uns bestimmt seit zwei Monaten nicht mehr gesehen.«
»Ich weiß nicht. Viel zu tun.«
Ein paar Sekunden herrschte Schweigen.
»Also gut. Ich kann dich ja zu nichts zwingen. Musst du wissen. Vergiss nicht, Hilda anzurufen. Das freut sie bestimmt.«
»Ja. Bestimmt.«
»Pass auf dich auf.«
»Klar. Tschüss.«
Er stellte das Telefon zurück in die Station und drehte sich um. Und dort, keinen Meter vor ihm, stand einer der Drillinge. Ein paar Sekunden lang starrte Levi ihn nur an, dann ging er an ihm vorbei und ins Wohnzimmer. Er setzte sich auf das Sofa und sah geradeaus gegen die kahle weiße Wand.
Es gab keinen Grund, den Drilling anzuschauen. Levi wusste, dass er durch ihn hindurchsehen konnte wie durch Rauch, und er wusste auch, dass der Drilling auf keine seiner Fragen antworten würde.
Mit steinerner Miene streckte er sich über die Sofalehne, fingerte im Kasten nach einem vollen Bier und öffnete es mit dem Feuerzeug. Levi nahm einen tiefen Schluck und warf einen Blick auf das Display seines Handys. Fünfzehn Uhr neunzehn.
»Nimm dir doch auch eins«, sagte er tonlos und deutete auf den Bierkasten. »Stoßen wir auf unsere Zusammenarbeit an. Sie ist sehr fruchtbar.«
Schweigen.
Levi zündete sich eine Zigarette an. Währende er ausatmete, sah er die Erscheinung an, die vor dem Türrahmen stand und seinen Blick erwiderte. Da war keine Regung im Gesicht, keine Anteilnahme, aber auch keine Abneigung. Gar nichts.
»Ihr kotzt mich an, du und deine begnadeten Freunde. Ihr lasst mich das alles sehen und schweigt. Ihr seht mir zu, wie ich mich zugrunde richte, und schweigt. Nichts als Schweigen.« Als Levi die Bierflasche schwenkte, schwappte sie über. Er ignorierte die Pfütze auf dem Kunstleder. »Ihr kotzt mich an.«
Einige Zeit trank er, ohne noch einmal hinüberzusehen. Levi wusste, dass der Drilling inzwischen nicht mehr allein war. Sie kamen nie allein. Zuerst erschien einer, dann der zweite und schließlich der dritte. Sie antworteten nicht, aber sie sahen ihn. Genauso wie die Schwärze ihn wahrnahm.
Bevor sie sprechen konnten, stand er auf. Levi ging auf sie zu und sah vom einen zum anderen. Wieder schwenkte er die Bierflasche.
»Ich will nicht mehr. Ich werde streiken. Habt ihr gehört? Ich streike, bis ich eine Antwort bekomme. Das ist mein Ernst.«
Er sah sie der Reihe nach an. Wohlgestaltete Gesichter, wie gemeißelt.
Levi kicherte. »Mein Name ist Ernst, ich bin der König der Gaukler. Nehmt mich beim Wort.«
Als sie sprachen, wankte er bereits zurück zum Sofa und verweigerte jeden weiteren Blick.
»DER EWIGE GEDANKE IST ZEITLOS, UND ER FÜHRT ZUM WORT, UND DAS WORT ZUR TAT. DREI SIND EINS, SO WILL ES DAS EWIGE GESETZ, UND DAS GESETZ IST GOTT.«
Sie sprachen wie aus einem Mund. Sie alle bewegten ihre Lippen, doch es erklang nur eine einzige Stimme, die durchdringend und laut klang. Und die nur Levi hören konnte.
Levi winkte ab. »Kenne ich. Hermes Thoth. Alles nachgelesen, alles Bullshit. Hilft mir einen Scheiß, ihr geklonten Theoretiker. Nehmt euch lieber ein Bier und sprecht mal Tacheles.« Er rülpste.
»ICH BIN DAS ICH BIN.«
»Ja, ja. Eine hängende Schallplatte ist interessanter. Geht und nervt jemand anderen.«
»SIE KOMMT IM MORGENGRAUEN. IHR HAUPT WIRD BUNT SEIN.«
Levi lachte. »Schön für sie. Ich schlafe dann noch.«
»ES STEIGT VON DER ERDE ZUM HIMMEL UND KEHRT ZURÜCK, DAMIT ES DIE MACHT DES OBEREN UND DES UNTEREN EMPFANGE.«
»Verpisst euch! Ich hab euch nicht eingeladen.«
»ICH BIN DAS ICH BIN, WEIL ICH DIE DREI TEILE BESITZE.«
Levi sah zu ihnen hinüber. »Leute, entweder ihr nehmt euch ein Bier, setzt euch zu mir und wir ziehen uns ein bisschen Musik rein, oder ihr haut ab. Ich mach da nicht mehr mit. Das letzte Mal, als ich mich in das Leben eines anderen eingemischt habe, wär’ ich fast im Knast gelandet. Das könnt ihr nicht verlangen.«
Sie waren längst verblasst. Sie gingen, wie sie kamen: plötzlich und unvorhersehbar. Nicht einmal Levi konnte sagen, wann sie kamen oder gingen.
Er zündete sich eine weitere Zigarette an und lehnte sich im Sofa zurück. Die Schlieren umtanzten ihn. Levi hob die freie Hand, schnippte mit den Fingern und verscheuchte sie.
Levi wusste, dass sie hier waren, weil er trank. Sie lauerten wie Diebe, von ihrem Durst getrieben. Sein Rausch zog sie an wie ein Kadaver die Fliegen.
Dieses Mal war es sein Handy, das die Stille zerriss. Seine Hosentasche vibrierte. Levi stellte das Bier auf dem Tisch ab, zog das Handy hervor, warf einen Blick auf das Display und nahm ab.
»Phil! Ich wollte dich anrufen, ich weiß. Ich …«
»Halt die Klappe, Lev. Du bist schon wieder betrunken, ich kann es hören.«
»War eine lange Nacht.«
»Jetzt übernehme ich mal deinen Job: Du hast dich rumgetrieben, eine Alte aufgerissen, sie genagelt, danach hast du gekotzt, und ich hab dich grad aufgeweckt. Und du liegst in deiner eigenen Kotze.«
Levi lachte. »Fast.«
Die Leitung rauschte. Die Verbindung nach Afrika war nicht gut, war fast nie gut.
»In zwei Monaten komme ich für einige Wochen zu Besuch. Kann ich dir das Versprechen herausquetschen, dass du bis dahin noch lebst?«
»Klar. Hand drauf.«
Rauschen.
»Levi, hör zu. Du musst aufhören damit. Ich hau dir deinen blöden Schädel runter, wenn du nicht endlich aufhörst. Du benimmst dich wie ein trotziges Kind. Du hast eine Gabe, und du solltest dankbar sein. Wenn ich zurück bin, hast du eine Entziehungskur hinter dir. Verstehen wir uns?«
Levi schloss die Augen. »Phil? Mann, ich kann dich nicht hören. Was hast du gesagt? Die haben einem Kind den Schädel runtergeschlagen? Du musst raus aus diesem Land! Phil? Hallo? Hallo?« Er legte auf.
Und schlief erneut ein.
Drei Stunden später erwachte er, weil ihm der Speichel über die Wange lief. Levi setzte sich auf, wischte sich über den Mund und trank das angebrochene Bier aus. Anschließend duschte er, rasierte sich und zog frische Kleidung an.
Als er die Wohnung verließ, war es beinahe elf Uhr nachts.

Sie kam kurz vor Mitternacht. Sie trug einen grellbunten Hut.
Levi saß auf der steinernen Umrandung eines Brunnens in der Innenstadt, den Rucksack voll mit Bierflaschen. Zuerst nahm er die Frau nicht wahr. Sein Blick war schummrig, der Alkohol holte ihn ein. Als sie direkt vor ihm stand und nach Feuer fragte, erinnerte er sich.
»Setz dich«, sagte Levi. »Wir müssen reden.»
»Müssen wir?« Sie machte ebenfalls einen angeheiterten Eindruck.
»Niemand sieht mich, denn ich will nicht gesehen werden. Niemand spricht mich an, bis ich mich bemerkbar mache. Du hast mich trotzdem gesehen.« Er deutete auf ihren Kopf. »Und du hast ein buntes Haupt.«
Sie kicherte. »Du rauchst und ich brauchte Feuer. Und ich mag den Hut.«
Levi sah ihr ins Gesicht. Nichts geschah. Er betrachtete den Hut. Er war hässlich.
»Magst du Musik?«
»Was?« Er griff in seinen Rucksack, öffnete ein Bier mit dem Feuerzeug und reicht ihr die Flasche.
»Na, Musik. Hörst du gern Musik?«
Levi sah sie erneut eingehend an. Noch immer nichts.
»Ich liebe Musik«, antwortete er. »Sie ist die einzige Möglichkeit, das nach außen zu bringen, was man mit Worten nicht beschreiben kann. Musik öffnet den Weg in andere Ebenen. Sie ist Ventil und Medium zugleich.«
Jetzt musterte sie ihn erstaunt. Sie nahm einen Schluck vom Bier. Levi fiel auf, dass ihr Lächeln schief war. Sie zog nur einen Mundwinkel nach oben, der andere neigte sich nach unten. Der Hut saß gerade.
»Du bist ein einsamer Mensch, der viel sinniert. Habe ich recht?«
Levi zuckte mit den Schultern. »Nicht einsamer als alle anderen. Einsamkeit ist eine Einbildung und abhängig vom jeweiligen Moment.«
»Mein Gott, kannst du auch normal reden?«
Levi grinste. »Nur, wenn ich nüchtern bin.«
»Na dann.« Sie hob ihr Bier und stieß mit ihm an. »Wir sollten uns mal treffen, wenn wir nüchtern sind.«
»Kommt selten vor.«
»Was? Dass du dich mit anderen Leuten triffst, oder dass du nüchtern bist?«
»Beides.«
»Du machst dich interessant.«
Sie musste die Falsche sein. Noch immer konnte Levi nicht sehen, was aus ihr werden würde. Die Drillinge hatten sich getäuscht.
»Ich mache gar nichts. Ich bin nur. Das ist alles.«
Er konnte grüne Sprenkel im Braun ihrer Augen erkennen. Und Stille, unendliche Stille und Frieden. Ihm wurde klar, dass das hier anders war. Es kam keine Vision. Es würde auch keine kommen. Hier herrschte echte Stille. Blankes Sein.
Unwillkürlich griff er in ihren Nacken, zog sie zu sich und küsste sie. Noch immer nichts.
Sie schob ihn von sich und blinzelte ihn einige Sekunden lang an. »Küsst du alle Frauen sofort?« Ihre Stimme klang misstrauisch. Ihre Heiterkeit war dahin.
»Entschuldige. Das war unüberlegt.« Levi wandte sich ab. »Geh ruhig. Ich kann es verstehen.«
»Warum sollte ich gehen? Was verstehst du?«
»Zu viel.«
Sie lachte. »Hier gibt es viele schräge Vögel, aber du toppst alle! Komm schon, Kopf hoch! Ich werde nicht einfach gehen, nur weil du meinem Liebreiz verfallen bist.« Sie hielt ihm erneut das Bier zum Anstoßen hin.
Sie tranken. Jeder nahm einen tiefen Schluck.
Sie schwieg einen Moment. »Ich heiße Karo, das kommt von Karoline.«
Er lächelte. »Levi.«
»Wir gehen zu mir. Und dann trinken wir nichts mehr, denn ich habe das Gefühl, du schläfst nur mit Frauen, wenn du total betrunken bist. Das ist nachteilig, weil du nicht mehr weißt, wie sich die Frau anfühlt. Und ich will, dass du fühlst. Du hast zu lange nichts mehr gefühlt.«
Levi starrte sie an. Sie zog ihn auf die Beine und führte ihn in ihre Wohnung.
03.04.2012
Sie lagen nebeneinander. Levi starrte zur Decke hinauf, ohne sie in der Finsternis zu sehen. »Ich habe gefühlt«, sagte er.
»Gut.« In ihrer Stimme lag ein Lächeln.
»Haben sie dich geschickt?«
Sie richtete sich in seinen Armen auf. Er wusste, dass sie ihn ansah. »Wer? Wovon redest du?«
»Nichts. Schon in Ordnung.«
Es folgte Stille, aber sie legte sich nicht zurück. Sie überlegte.
»Ich bin kein Mädchen für One-Night-Stands. Ich lasse mich nicht leichtfertig auf etwas ein, denn ich muss erst vertrauen können. Es ist schwer, mein Vertrauen zu gewinnen. Was ich heute gemacht habe, entsprang einer Intuition, und es ist eine große Ehre für dich, so abgedroschen sich das anhören mag. Also reiß dich zusammen und verletze mich nicht, Levi vom Brunnen.«
Er hob die Hand und strich ihr über die Wange. »In Ordnung.«
»Dann sag mir die Wahrheit. Was hast du damit gemeint? Wer soll mich geschickt haben?«
Ein verbittertes Grinsen schlich sich auf seine Lippen. »Du verlangst Vertrauen, ohne es selbst zu geben. Ich kann es dir nicht sagen. Wir kennen uns nicht.«
»Keine Spielchen?«
»Keine Spielchen.«
Sie küsste ihn. Ihre Haare legten sich um seinen Kopf und auf seine Brust. Er umfasste es mit beiden Händen und kämmte es nach hinten.
Noch immer kam keine Vision.
23.04.1996
»Komm endlich!« Ihm standen Tränen in den Augen. Er packte seine Mutter am Arm und zog mit aller Gewalt, so dass sie zusammen in Richtung Flur taumelten. »Bitte! Komm!«
Seine Mutter schlug mit der freien Hand nach ihm. »Lass mich los! Sofort!«
Levi konnte sehen, dass sie Angst hatte. Sie hatte immer Angst vor ihm. Eine unbestimmte Angst, vergraben unter ihren mütterlichen Gefühlen. Jetzt trat die Angst in den Vordergrund.
»Lass mich los!« Ihre Stimme überschlug sich. »Komm zur Besinnung, du irrer Rotzlöffel!«
Ihm blieb nichts anderes übrig, er hatte keine Wahl.
Der Fernseher lief noch immer, eine Nachrichtensprecherin erzählte irgendetwas über Explosionen und Feuer. Am Rande registrierte Levi Bilder von Flammen, die über die Mattscheibe flackerten.
Er schlug zu. Seine Faust traf ihr Kinn so hart, dass irgendein Knochen krachte. Es war ein Knochen in seiner eigenen Hand. Levi unterdrückte den Schmerz. Seine Mutter klappte vor ihm zusammen, er fing sie auf. Sie war zu schwer für ihn. Er ließ sie zu Boden sacken, hörte sie unverständliche Worte murmeln. Dann packte er ihre Arme und schleifte sie in Richtung Flur.
Als die Decke herunterbrach, hatte er sie gerade weit genug geschleift, damit sie nicht von den Trümmern erwischt wurden. Eine kalkige, weiße Staubwolke breitete sich in der Wohnung aus. Levi warf sich über seine Mutter und schützte ihren Kopf. Feine Splitter regneten auf sie herunter, irgendwo schrie jemand.
Levi wollte sich gerade aufrichten, als etwas nachrutschte. Er hörte ein Poltern, dann wurde es schwarz um ihn.

Der Mund war trocken. Seine Zunge war jetzt ein Mehlwurm, ungelenk und gepudert. Er konnte sich nicht bewegen, sein Kopf fühlte sich dumpf an.
»Da wird ja jemand wach«, sagte eine Stimme.
Levi blickte auf und sah eine alte Frau in einem weißen Kittel. Sie lächelte.
Ihm fiel wieder ein, was passiert war. Er hatte seine Mutter geschlagen. Er hob die Hand. Sie war geschient.
»Ein Bruch«, sagte die Krankenschwester. »Die Mittelhand.« Sie beugte sich über ihn. »Außerdem hat dich ein Trümmerstück am Kopf erwischt. Wir haben die Platzwunde genäht. Wird alles wieder.«
»Wasser«, krächzte er. Das Sprechen tat weh.
Sie zog ein mitleidiges Gesicht. »Du darfst noch nicht trinken. Du wirst über die Infusion versorgt. Wir können nicht ausschließen, dass es innere Verletzungen gibt, darum darfst du die nächsten vierundzwanzig Stunden nichts zu dir nehmen. Möchtest du den Mund wenigstens ausspülen? Das hilft etwas.«
Levi nickte.
Sie reichte ihm ein Glas und ein metallenes Behältnis. Er gurgelte und spuckte aus. Der Mehlwurm verwandelte sich wieder in eine Zunge. Das taube Gefühl blieb.
»Meine Mutter?«
Die Krankenschwester lächelte. »Ihr geht es gut. Eine Prellung am Kinn, das ist alles. Sie war die ganze Zeit hier bei dir, gerade ist sie zur Toilette gegangen. Sie wird bestimmt gleich wieder hier sein.« Die Schwester deutete auf einen Knopf. »Wenn du etwas brauchst, klingle. Du darfst noch nicht allein aufstehen wegen der Gehirnerschütterung. In Ordnung?«
Wieder nickte er. Er war entkräftet.
Als die Tür zu seinem Zimmer aufging, schreckte er aus einem seichten Schlaf auf. Seine Mutter trat an sein Bett. Ihr Kinn war geschwollen und blau. Sie sah ihn sehr ernst an.
Levi versuchte zu lächeln. Er war zu schwach, um die Hand nach ihr auszustrecken.
»Woher wusstest du, was passieren wird?« Ihre Stimme klang schroff.
Sein Lächeln schwand. Er zuckte mit den Schultern.
»Hast du wieder diese Bilder im Kopf?«
Er nickte, ohne sie anzusehen.
»Der alte Mann über uns ist samt der Couch in unsere Wohnung gekracht und gestorben. Wahrscheinlich hat sein schwaches Herz vor Schreck einfach den Geist aufgegeben.«
Levi antwortete nicht. Auch sie sagte nichts mehr. Er konnte hören, dass irgendwo im Zimmer ein Stuhl knarrte, aber sie blieb seinem Blick fern. Levi schlief wieder ein.

Levi erwachte, weil ihn jemand am Kopf berührte. Es standen drei Männer um sein Bett, einer von ihnen begutachtete die Platzwunde. Die Krankenschwester war ebenfalls da.
»Alles bestens«, sagte der Arzt und lächelte ihn an. »Wie fühlst du dich?«
Der Mehlwurm war zurück. »Müde und durstig.«
Der Arzt nickte. »Er darf essen. Die Wunden heilen gut. Hast du Schmerzen?«
Levi befragte seinen Körper. »Nein. Ich fühle mich nur schwindelig.«
»Wir führen dir Schmerzmittel über die Infusion zu, das kann daran liegen. Außerdem hast du eine Gehirnerschütterung, da ist man immer etwas schummrig im Kopf.« Er wandte sich den anderen beiden Männern zu. »Wenn er die Nacht über stabil bleibt, entlasst ihn morgen. Er bekommt Abendessen. Noch kein Herumwandern allein.«
Alle nickten. Auch Levi.
Als die Männer weg waren, brachte ihm die Krankenschwester eine Kanne voll Wasser. Sie half Levi, sich ein wenig aufzurichten, und hielt ihm das Glas an den Mund. Er trank gierig. Der erste Schluck schmerzte in der trockenen Speiseröhre.
Ihm fiel auf, dass seine Mutter nicht mehr hier war. Levi erinnerte sich an ihr Gesicht. Sie hatte nicht sehr begeistert ausgesehen.
Er lehnte sich im Bett zurück und konnte die Tränen nicht aufhalten. Er war zu schwach, um dagegen anzukämpfen. Die Krankenschwester tätschelte seine Schulter, und bald schlief er wieder ein.

Levi träumte: Er lag kerzengerade auf einer Tragbahre. Neben ihm stand jemand. Die Erscheinung strahlte Geborgenheit und Wärme aus. Hände fuhren in strukturierten Mustern über seinen Körper, erfüllten ihn mit Wohlbehagen.
24.04.1996
Levi schlug die Augen auf. Sanftes Licht fiel durch das Fenster und erfüllte den Raum mit einem neuen Tag. Er fühlte sich gestärkt und gesund.
Vorsichtig richtete er sich im Bett auf, um die Infusionsnadel nicht aus dem Arm herauszureißen. Er griff nach dem Rollwagen, zog ihn zu sich, schenkte sich Wasser ein und trank. Anschließend klingelte er nach der Schwester. Es kam eine andere. Sie war jünger und sah müde aus.
»Ich will nach Hause«, sagte Levi. »Ich bin gesund.«
»Es ist noch nicht mal sechs Uhr. Jetzt kannst du nicht gehen. Leg dich wieder hin und schlaf noch ein bisschen.« Sie drehte sich um und ging.
Levi blickte sich im Zimmer um. Er wollte nicht mehr bleiben, er war nicht müde. Sein Blick fiel auf die Infusionsnadel. Er fingerte das Pflaster herunter und betrachtete die Nadel, die in seiner Vene verschwand. Vorsichtig zog er sie heraus. Er drückte mit dem Daumen einige Minuten auf den Einstich, bis dieser nicht mehr blutete.
Mit der linken Hand fing er an, den Verband von der geschienten Hand zu wickeln. Als er sie frei hatte, nahm er die Schiene ab und bewegte die Finger. Sie waren ein wenig taub und dick, aber nichts tat weh. Levi stand auf.
Auf dem Stuhl, auf dem seine Mutter gesessen haben musste, lag frische Kleidung. Er schlüpfte in die Jeans und das Sweatshirt und ging zum Badezimmer hinüber. Nachdem er auf dem Klo gewesen war, betastete er die Platzwunde am Hinterkopf und sah sich dabei im Spiegel an. Er konnte geronnenes Blut im vom Kalk und Staub dreckigen Haar spüren, dazwischen den Faden. Er wusch sich das Gesicht.
Im Zimmer sah er sich noch einmal um. Es gab keine weiteren persönlichen Sachen. Levi nahm die Schiene und den Verband mit, schlich aus dem Zimmer und den Gang hinunter. Irgendwann kam er zu einer Treppenflucht. Er fand den Ausgang aus dem Krankenhaus, orientierte sich draußen und ging zu Fuß nach Hause.
01.06.2012
Phil hatte nur seinen Backpacker-Rucksack dabei, wie immer. Er kam mit dem Taxi. Levi sah vom Wohnzimmerfenster aus zu, wie sein Freund ausstieg und um das Haus herumging.
Philip Tanker, einunddreißig Jahre alt, ledig, Allgemeinmediziner, seit zwei Jahren angestellt bei einer karitativen Organisation, die Ärzte in Drittweltländer aussandte. Phil, aus einem stabilen Elternhaus, mit reibungslosem Lebenslauf und finanzieller Absicherung durch seine Eltern. Philie, wie ihn seine Mutter nannte, mit dem irren Freund Levi.
Er war braungebrannt und schäumte über vor Lebendigkeit und Freude. Sie umarmten sich und setzten sich ins Wohnzimmer.
»Eine Woche bleibe ich bei dir«, sagte Phil, »danach bin ich für eine weitere Woche bei meinen Eltern und dann geht’s nach Bonn, zu meiner Schwester.«
Levi nickte. »Willst du ein Bier?«
»Ein Bier? Jetzt? Es ist erst siebzehn Uhr.« Er grinste.
Levi stand auf, ging in die Küche und holte zwei Flaschen. Sie stießen an und tranken.
»Die letzten zwei Monate habe ich keinen Alkohol angerührt. Du weißt, dass ich nicht süchtig bin. Es fällt mir nicht schwer, nicht zu trinken.«
Phil sah Levi lange an. »Du siehst nicht gut aus, Digger. Wie immer. Was macht die Kunst?«
»Welche meinst du?«
»Welche schon … Wie läuft’s mit den Drillingen?«
»Sie waren eine ganze Weile nicht mehr da. Seit ich nicht mehr getrunken habe, glaube ich.«
»Und davor?«
»Da kam dieses Mädchen. Ich habe nichts gesehen in ihr.«
»Keine Vision? Das gab’s noch nie, oder?«
Levi schüttelte den Kopf.
»Sprich«, sagte Phil. »Was war mit ihr?«
Ein Lächeln schlich sich auf Levis Lippen. »Was wohl?«
»Du meinst, die Drillinge haben dich nur deshalb auf sie aufmerksam gemacht? Alter, du wirst dich nie ändern, oder?«
»Sie wollte es so. Wir haben kaum drei Worte gewechselt, da hat sie mich schon in ihr Bett gezerrt.«
»Ist sie hübsch?«
Er schüttelte den Kopf. »Sie ist nicht das, was ich bevorzuge. Sie ist …« Ein Schulterzucken. »Ich muss oft an sie denken. Sie ist anders. Es war das erste Mal, dass ich nicht die Zukunft sehen musste.«
»Beängstigend, was?«
»Nein. Befreiend.«
»Bist du verschossen in sie?«
»Quatsch. Es war nur eine neue Erfahrung.«
Phil musterte ihn noch einen Moment, dann hob er das Bier, um wieder anzustoßen.
Er lud Levi zum Essen ein. Die meiste Zeit saßen sie schweigend da, und Levi merkte, wie sehr ihm diese geteilte Stille gefehlt hatte. Sie bestellten sich nach dem Essen Bier.
»Und bei dir? Wie sind die Weiber da unten so?«
Phil sah ernst aus. »Es ist schwierig. Aids ist in Afrika ein ständiger Begleiter, für uns hier nicht nachvollziehbar. Die meisten wissen gar nicht, dass sie infiziert sind. Und die Zahl derer, die für eine Handvoll Münzen Frauen kaufen, ist unübersichtlich und genauso ungewiss wie hier, wenn nicht schlimmer. Afrika hat noch einen weiten Weg vor sich, und das schwierigste wird sein, die Vorurteile und unbewusste Herabsetzung der Schwarzen zu überwinden. Leute wie du und ich, die sich für aufgeklärt und auf keinen Fall rassistisch halten, erleben da unten ein Erwachen.« Phil suchte nach den richtigen Worten. »Wenn der Mensch nicht mit gewissen Dingen aufgewachsen ist, sind sie ihm einfach fremd. Das scheint mir die Grundlage für Rassismus zu sein, und irgendwie schlummert das in uns allen.«
Phil hielt ein tiefschwarzes Mädchen im Arm. Er beugte sich über sie, küsste sie und strich ihr die Haare aus dem Gesicht. Das Mädchen war jünger, vielleicht fünfundzwanzig, und sie sah verliebt zu ihm auf.
»Wie meinst du das?«, fragte Levi.
Phil schwieg. Er starrte Levi an.
Dieser sah auf den Tisch hinab und stieß einen leisen Fluch aus. »Ja, ich hab sie gesehen. Es tut mir leid.«
»Es muss dir nicht leidtun«, sagte Phil.
»Sie liebt dich.«
»Und ich liebe sie. Ich überlege, ob ich sie heiraten soll.«
»Bist du deshalb hier? Weil du hoffst, ich könnte sehen, was richtig ist?«
Phil erwiderte den Blick nur.
Levi nahm einen tiefen Schluck von seinem Bier, knallte das Glas auf den Tisch und stand auf. Mit schnellen Schritten verließ er das Restaurant, stellte sich in den Schatten auf der gegenüberliegenden Straßenseite und zündete sich eine Zigarette an. Phil kam kurz darauf nach.
Nebeneinander gingen sie durch die Fußgängerzone. Sie steuerten die Kneipe an, in der sie während Phils Studium Stammgäste gewesen waren. Phil kaufte zwei Bier und sie setzten sich an einen Tisch in einem ruhigen Eck.
»Ich bin oft bei der Kirche«, sagte Levi schließlich. »Immer wieder zieht es mich hin zu diesen Statuen, die mich nur schweigend anstarren. Sie geben mir genauso wenig Antwort wie die Drillinge. Sie alle reden, aber sie reagieren nicht auf mich. Es ist, als würden sie mich sehen, aber nicht hören.«
»Bist du jetzt wirklich eingeschnappt, weil ich mir eine Antwort von dir erhoffe?«
Levi sah weg. »Ich brülle sie an, ich flüstere, ich schleudere ihnen meine Fragen in Gedanken entgegen, aber es kommt nichts zurück. Vielleicht bin ich nur taub. Vielleicht höre ich nur, was ich hören will oder stelle die falschen Fragen.«
»Oder du bist einfach ein sturer Volltrottel, der den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht.«
»Du hast keine Ahnung!«, sagte Levi. Er stand auf, ging zur Bar und bestellte zwei Absinth. Einen gab er Phil. Sie stießen an und tranken.
»Vielleicht ja doch«, sagte Phil. »Vielleicht erkenne ich mehr als du, weil ich nicht damit leben muss. Manchmal sehen Leute, die nicht direkt in die Sache verwickelt sind, mehr als die Beteiligten.«
»Manchmal auch nicht.«
»Alter, du siehst Dinge, die erst geschehen. Dir erscheinen drei Kerle, die dir sagen, was zu tun ist. Und du siehst diese Schatten. Ich verstehe nicht, wie all das den verbitterten Typen aus dir machen konnte, der da vor mir sitzt. Ich verstehe es nicht.«
»Ich sehe Fragmente.« Levi trank vom Bier. »Von allem nur Fragmente. Wer die Drillinge sind, weiß ich nicht. Sie reden eine Menge Zeug, aber das nützt mir nichts.«
»Und trotzdem hat all das schon einigen Menschen das Leben gerettet. Dir, mir, deiner Mutter und vielen anderen.«
»Fragt sich nur, ob es Sinn macht.«
»Das Leben macht immer Sinn.«
»Sagt der leidenschaftliche Arzt.«
»Aus vollster Überzeugung.« Phil beugte sich vor. »Wen siehst du, wenn du mich ansiehst? Ich weiß es. Du siehst jemanden, der in deinen Augen nichts durchmachen muss. Jemanden, der seinen Vater kennt. Jemanden, der einen Job ausüben kann, der ihm gefällt. Jemanden, der lebt. Das trennt uns, Levi. Du gräbst einen Graben, der uns trennt. Irgendwann wird er so breit und tief sein, dass wir uns nicht mehr sehen können.«
Schweigen.
»Wenn du so weitermachst, dann hast du bald keinen mehr«, fuhr Phil fort. »Ich werde immer dein Freund sein, mein ganzes Leben lang wird dir meine Türe offen stehen. Es wird niemals etwas geben, das ich dir verweigern würde. Das weißt du alles. Und jetzt erkläre mir, warum du trotzdem diesen Graben schaufelst.«
»Weil ich das Gefühl habe, alle profitieren von meiner Fähigkeit, nur ich nicht. Du kommst nach zwei Jahren aus Afrika und willst wieder nur, dass ich dir das Go zum Heiraten der Kleinen gebe. Das bin nicht ich, Phil. Du würdest alles für mich tun? Nein. Du würdest alles für das tun, was ich kann. Könnte ich es nicht, wer weiß, ob wir überhaupt Freunde wären.«
Phil sagte nichts.
Die Bedienung kam. Levi bestellte zwei weitere Absinth, Phil zwei Bier. Sie tranken den Absinth. Die Kneipe füllte sich allmählich, immer mehr Studenten trieb es von draußen herein.
»Vielleicht hätte ich nicht kommen sollen.«
Levi seufzte. »Wenn ich etwas sehe, sage ich es dir. Versprochen.«
»Danke.«
»Aber bitte bleib die Woche. Du bist der Einzige, mit dem ich darüber reden kann.«
Phil nickte. »Sag ich doch! Und jetzt rufst du die Kleine von letztens an, damit ich sie kennenlernen kann.«
»Warum?«
»Weil ich es will.«
Levi hatte sie nach dem dritten Klingeln am Handy. Sie redete los, noch ehe er hallo sagen konnte.
»Endlich! Ich dachte schon, du meldest dich gar nicht mehr. Ich habe dir ja gesagt, dass ich nicht anrufen werde, aber das war eine ganz schöne Bewährungsprobe für mich.« Sie lachte. »Wann können wir uns treffen?«
»Jetzt. Mein Freund will dich sehen.«
»Und du nicht?«
»Ich musste oft an dich denken.«
»Das ist schon mal ein Anfang. Wo seid ihr?«
Levi sagte es ihr. Zwanzig Minuten später war sie da. Sie trug wieder den bunten Hut.
»Und du bist der beste Freund«, sagte sie zu Phil. »Ich dachte schon, so ein Typ wie er hätte keine Freunde.«
»Hat er auch nicht.« Phil schlug gegen Levis Schulter.
»Er ist mein einziger Freund«, sagte Levi.
»Na, jetzt hast du noch einen.« Karoline holte sich ebenfalls ein Bier. Sie trug eine Jeans und ein schwarzes Oberteil. Phil blickte ihr nach.
»Die ist wirklich anders als die anderen«, sagte er.
»Ja. Ist sie.«
Karoline kehrte an den Tisch zurück. »Was habt ihr Jungs heute noch vor? Jetzt, nachdem Phil mich kennt?«
»Ich bin nur eine Woche hier«, sagte Phil. »Wahrscheinlich werden wir uns jeden Abend betrinken und tagsüber schlafen.«
»Da kann ich nicht mitmachen. Manche Leute gehen arbeiten. Woher kommst du?«
»Aus Afrika. Seit zwei Jahren arbeite ich dort als Arzt.«
»Ich bin die Empfangstipse eines Heilpraktikers. Wir öffnen morgen um neun Uhr, da muss ich fit sein.« Karoline sah Levi an. »Ich weiß noch gar nicht, was du machst.«
»Ich arbeite für Drillinge. Ihre Aufträge kommen unregelmäßig und ich muss nicht unbedingt nüchtern sein dafür.«
»Er spinnt, oder?«
Phil nickte. »Total.«
»Woher kennt ihr euch? Aus dem Sandkasten?«
»So ungefähr«, antwortete Phil. »Meine Eltern haben sich ein Haus hier in der Nähe gekauft, als ich zwölf war, und ich ging in der Stadt ins Gymnasium, und da setzte mich der Klassenleiter neben Levi. Anschließend schrieb er in den Schularbeiten von mir ab.«
»Außer in Ethik«, sagte Levi.
»Das stimmt. Da war ich nicht dabei, ich bin Katholik.«
Karoline sah Levi an. »Warum hast du dich jetzt erst gemeldet?«
Er erwiderte ihren Blick. Noch immer nichts. Er zuckte mit den Schultern. »Eigentlich melde ich mich kein zweites Mal.«
»So einer bist du also!«
»Man mag es kaum glauben, was?« Phil grinste. »Dass so ein Kerl so mühelos Weiber aufreißen kann … Da war er mir immer voraus.«
Karoline sah zwischen den beiden hin und her. »Levi hat irgendwas. Ich weiß nicht, was es ist, aber er wirkt rätselhaft.«
»Das scheint bei euch Frauen zu funktionieren.«
»Wahrscheinlich, weil wir gern analysieren. Intuitiv, nicht mit dem Verstand. Er sieht auch ein bisschen leidend aus, da setzt vermutlich der Mutterinstinkt ein.«
»Du meinst, du hast Muttergefühle für Levi?«
»Naja, nicht so richtig. Jedenfalls ist er keiner von diesen normalen Dreißigjährigen, und das allein zieht mich schon an. Als ich ihn damals am Brunnen sitzen sah, da hat er so einen meditativen Eindruck gemacht, so in sich gekehrt, einsam, besoffen, und trotzdem zufrieden. Die Mischung hat mich angezogen.«
»Du bist auch nicht wie die anderen, was?«
»Genauso wenig wie ihr.« Karoline hob den Krug und sie stießen an.
»Unnötig anzumerken, dass ich auch hier bin«, murmelte Levi.
»Bitte?«
»Ihr redet über mich, als wäre ich nicht da.«
»Bist du ja meistens auch nicht.« Phil zwinkerte.
24.04.1996
Als er zu Hause ankam, legte er sich in sein Bett und schlief. Zwei Stunden später weckte ihn seine Mutter.
»Wieso bist du daheim und nicht im Krankenhaus?«
»Ich bin gesund.«
Sie setzte sich an die Bettkante, nahm seinen Kopf in beide Hände und sah sich die Platzwunde an. Danach begutachtete sie seine Hand, tastete sie ab und bewegte die Finger. Ihr Blick war unergründlich.
»Wir wohnen solange bei Hilda. Das Haus muss renoviert werden, es ist nicht mehr sicher.«
Levi nickte.
»Steh auf und geh duschen. Ich packe deine Kleidung ein. Wir fahren noch einmal ins Krankenhaus.«
»Ich bin gesund«, wiederholte Levi.
»Das entscheiden die Ärzte.« Seine Mutter stand auf, kehrte ihm den Rücken zu und fing an, den Kleiderschrank auszuräumen.
»Es tut mir leid, dass ich dich geschlagen habe.«
Sie hielt inne, drehte sich aber nicht um. »Geh und wasch dich.«
Eine halbe Stunde später stiegen sie ins Auto und fuhren zurück ins Krankenhaus. Die ältere Krankenschwester war wieder da. Sie sagte, sie hätten Levi schon überall gesucht. Sie begleitete seine Mutter und ihn in einen Wartebereich, und fast eine Stunde später kam jemand, der Levi für eine Röntgenaufnahme abholte. Als er zurück in den Wartebereich kam, unterhielt seine Mutter sich mit einem Arzt. Levi ging zu ihnen. Die beiden verstummten und betrachteten ihn.
»Kommen Sie nach den Untersuchungen in den dritten Stock«, sagte der Arzt schließlich. »Dann sehe ich mir Ihren Jungen mal an.« Er drehte sich um und verließ den Raum.
»Was will er ansehen?«
Seine Mutter führte ihn zurück zu den Stühlen, sie setzten sich. »Er wird dich ein paar Sachen fragen. Das ist alles.«
Sie wurden aufgerufen und folgten einer Schwester in einen Behandlungsraum. Einer der Ärzte, der Levi betreut hatte, wartete dort auf sie. Er gab seiner Mutter die Hand und bat sie, sich zu setzen.
»Der Mittelhandbruch ist verheilt«, sagte er. »Komm mal her, Levi.«
Levi stellte sich hin, der Arzt tastete seinen Kopf ab.
»Auch die Platzwunde ist geheilt. Ich entferne gleich die Fäden. Setz dich.« Der Arzt sah Levis Mutter an. »Das nenne ich eine Blitzheilung. Ich kann es mir nur so erklären, dass wir uns getäuscht haben und kein Mittelhandbruch vorgelegen hat. Vielleicht eine Verwechslung der Röntgenbilder.«
»Dann können wir gehen?«
»Ja. Ich nehme nur noch rasch die Fäden heraus.«
Anschließend fuhren sie mit dem Fahrstuhl in den dritten Stock. Seine Mutter meldete sie bei der dortigen Station am Empfang an, und wieder mussten sie warten. Levi hielt sich still, weil er wusste, dass seine Mutter nicht gut auf ihn zu sprechen war. Sie war sicher noch wütend, weil er sie geschlagen hatte.
Der Arzt aus dem Wartezimmer kam und holte sie ab. Wieder waren sie in einem Behandlungszimmer, dieses Mal aber saß Levi direkt vor dem Arzt, seine Mutter im Hintergrund. Der Arzt wirkte nett.
»Wie alt bist du, Junge?«
»Dreizehn.«
»Gefällt es dir in der Schule?«
»Geht so.«
»Hast du viele Freunde?«
»Einen. Phil. Die anderen kenne ich nur, wir spielen zusammen.«
»Und deine Noten? Wie sehen die aus?«
Levi zuckte mit den Schultern. »Einser und Zweier.«
Der Arzt sah zu seiner Mutter hinüber. Als er wieder Levi anschaute, lächelte er. »Deine Mutter hat mir erzählt, dass bei euch daheim ein Unglück passiert ist. Die Decke im Wohnzimmer ist eingestürzt.«
Levi nickte.
»Kannst du dich daran erinnern?«
»Ja.«
»Willst du mir erzählen, was passiert ist?«
»Nein.«
Der Arzt hielt einen Moment inne. »Warum nicht?«
»Weil es schon vorbei ist.«
»Fühlst du dich anders als vor dem Unglück?«
»Ja. Es sind ein paar Tage vergangen seitdem. Außerdem war ich das erste Mal im Krankenhaus.«
»Kannst du in Worte fassen, wie du dich fühlst?«
»Anders als vorher.«
»Fühlt es sich besser oder schlechter an?«
Levi zuckte erneut mit den Schultern. »Spielt das eine Rolle?«
Der Arzt beugte sich ein bisschen vor und lächelte wieder. »Schau, Levi, deine Mutter macht sich Sorgen um dich. Manchmal sind solche Ereignisse belastend. Wir wollen nur sichergehen, dass es dir gut geht.«
»Es geht mir gut.« Levi drehte sich auf dem Stuhl um und sah seine Mutter an. »Wirklich.«
»Levi«, sagte der Arzt und wartete, bis Levi sich wieder umwandte. »Deine Mutter hat mir auch erzählt, dass euer Nachbar bei diesem Unglück gestorben ist.«
»Ja. Er hatte ein schwaches Herz. Seine Zeit war gekommen.«
Wieder ein kurzes Innehalten des Arztes. »Wie meinst du das?«
»Er war alt. Ich konnte schon seit einigen Monaten riechen, dass er bald stirbt. Herr Gruber wusste es selber, er hat es mir gesagt.«
»Was hat er gesagt?«
»Er sagte jeden Tag, wenn ich ihn traf, dass es ein guter Tag wäre, um zu sterben.«
»War er freundlich zu dir, der Herr Gruber?«
»Er war zu niemandem freundlich. Er war grimmig, weil er wusste, dass er bald stirbt. Ich konnte es riechen.«
»Wie riecht jemand, der bald stirbt?«
»Alt. Wie der feuchte Keller von Phils Oma, in dem sie Obst und Gemüse aufhebt.«
Der Arzt lächelte nachsichtig. »Da war noch etwas, bevor das Unglück passiert ist. Willst du es mir erzählen?«
Levi wusste jetzt, worauf der Arzt hinauswollte. Er sah auf seine Hände im Schoß hinab und schüttelte den Kopf.
»Du hast deiner Mutter das Leben gerettet, nicht wahr?«
Levi zuckte mit den Schultern. Er fühlte seine Mutter im Rücken.
»Du hast sie geschlagen, weil sie nicht auf dich hören wollte. Und dann hast du sie aus dem Zimmer geschleift. Du bist ganz schön kräftig, was?«
»Es war nötig«, murmelte Levi.
»Ist dir unangenehm, darüber zu sprechen?«
»Ja.«
»Warum?«
»Weil ich meine Mutter nicht verletzen wollte. Ich wollte ihr helfen.«
»Das weiß deine Mutter.«
»Ja«, sagte seine Mutter. »Das weiß ich, Levi.«
»Deine Mutter möchte nur wissen, woher du wusstest, dass die Decke herunterkommt.«
»Ich habe es gesehen.«
Kurzes Schweigen.
»Hat sich der Putz schon gelöst? War es das, was du gesehen hast?«
Levi schüttelte den Kopf.
»Was tust du in deiner Freizeit gern, Levi?«
Überrascht über den Themenwechsel, sah Levi auf. Der Arzt hatte stahlgraue Augen.
Er sah ihn über ein Waschbecken gebeugt. Neben ihm lag eine leere Pillendose. Der Arzt war weggetreten. Hinter ihm auf dem Boden saß eine nackte Frau, die auch berauscht aussah. Sie grinste und kratzte mit ihren Fingernägeln über den Boden. Ihr Haar war nass.
»Nehmen Sie die Tabletten nicht«, sagte Levi. »Die machen Sie krank. Und die schöne Frau auch. Sie wird zu viele nehmen und sterben, und Sie werden sich das nie verzeihen.«
Jetzt dauerte das Schweigen länger. Im Gesicht des Arztes stand Entsetzen. Levi hörte, wie sich seine Mutter bewegte.
»Das meine ich!«, sagte sie. »Plötzlich sagt er solche Sachen zu den Leuten!«
Der Arzt wandte sich ab. Er tippte etwas in seinen Computer und schaute auf den Monitor. »Da müssen wir etwas unternehmen. Ich gebe Ihnen eine Überweisung mit. Gehen Sie mit ihm zu einem Psychiater.«
»Was glauben Sie, was das ist?«
Der Arzt sah seine Mutter ernst an. »Ich will keine voreilige Diagnose stellen, aber ich will auch ehrlich sein. Es könnte etwas schlimmer sein als erwartet.«
»Inwiefern?«
Jetzt richteten sich die stahlgrauen Augen doch wieder auf Levi. »Warum hast du das zu mir gesagt, Junge?«
Levi schwieg.
»Sehen Sie, er will dazu nichts sagen. Man muss erst einmal eine Vertrauensbasis aufbauen, um herausfinden zu können, was in ihm vorgeht. Darum rate ich Ihnen, zu einem Psychiater zu gehen und dort eine Therapie zu beginnen. Im Laufe der Zeit wird sich zeigen, wie krank Ihr Sohn ist.«
»Ich bin gesund«, sagte Levi.
»Wie ist Ihre erste Einschätzung?«, fragte seine Mutter.
Der Arzt holte tief Luft. »Basierend auf dem, was Sie mir geschildert haben, und aufgrund seiner Behauptung, er sehe Dinge, die nicht da sind, tippe ich auf etwas in Richtung Schizophrenie. Machen Sie sich darauf gefasst. Aber er ist noch jung, und mit der entsprechenden Medikation und Therapie kann man das bestimmt in den Griff bekommen.«
Levi drehte sich auf dem Stuhl um. »Mama, ich bin nicht krank. Wirklich nicht. Alles, was ich sehe, ist da. Es passiert wirklich. Hör nicht auf diesen Arzt. Er nimmt Tabletten und hat Angst, weil ich es weiß.«
»Bist du jetzt still!«, sagte seine Mutter. Sie stand auf. »Entschuldigen Sie. Es tut mir leid, dass er so etwas sagt.«
Der Arzt erhob sich ebenfalls. Seine Wangen waren gerötet. »Sie müssen sich nicht entschuldigen. Aber ich muss Sie jetzt bitten zu gehen. Ich habe weitere Termine. Ich wünsche Ihnen alles Gute.« Ohne Levi anzusehen, verabschiedete er sie an der Tür.
Im Auto liefen ihm die Tränen über die Wangen. Immer wieder versuchte er, seiner Mutter begreiflich zu machen, dass er nicht krank war, doch seine Mutter verbat ihm den Mund. Sie sah selbst aus, als könnte sie jeden Moment zu weinen anfangen.
Sie fuhren zu Tante Hilda, und dort setzte ihn seine Mutter in ein kleines Zimmer, in dem er seine Kleidung in eine Kommode räumen sollte. Während Levi das tat, konnte er hören, wie seine Mutter schluchzte und Hilda tröstend auf sie einredete.
06.05.1996
»Was weißt du über deinen Vater?«, fragte die Psychiaterin bei ihrer dritten Sitzung. Sie saß steif in ihrem Stuhl.
Levi saß zurückgelehnt in seinem Stuhl ihr gegenüber. Er sagte nichts.
»Deine Mutter hat mir erzählt, dass du ihn nicht kennst und dass sie dir nichts von ihm erzählt hat. Das stelle ich mir traurig vor. Interessiert es dich nicht, wer er ist?«
»Mama sagt, dass er kurz vor meiner Geburt ging.«
»Bist du deshalb traurig?«
Er sah die Frau an. »Er hat Mama und mich bestimmt bald vergessen.«
»Das kann sein. Aber meine Frage ist, ob dich das traurig macht.«
»Wären Sie traurig?«
»Bestimmt.«
»Dann nehmen Sie doch Ihre Antwort. Sie werden eh zu meiner Mutter sagen, dass ich krank bin, ganz egal, was ich Ihnen sage.«
Sie lächelte. »Ich werde sagen, was ich für die Wahrheit halte. Wir alle wollen dir nur helfen, Levi.«
»Die Wahrheit ist für jeden anders. Sie kennen meine doch gar nicht. Wenn Sie mir helfen wollen, dann sagen Sie meiner Mutter, dass ich gesund bin, damit ich wieder nach Hause gehen kann.«
»So einfach ist das leider nicht.« Sie lächelte wieder. »Dass du diese Dinge siehst, von denen mir deine Mutter erzählt hat, ist nicht schlimm. Wenn wir zusammen herausfinden, wie das genau bei dir ist, können wir dir helfen, damit es aufhört. Und dann bist du ein ganz normaler Junge wie alle anderen auch. Das möchten wir erreichen, Levi, und dafür brauche ich deine Hilfe.«
»Ich bin ein ganz normaler Junge.«
»Siehst du denn Dinge, die andere nicht sehen?«
»Ich weiß nicht, was andere sehen. Ich kann nicht die ganze Welt danach fragen.«
»Siehst du Sachen, die beispielsweise deine Mutter nicht sieht?«
»Meine Mutter sieht viel nicht. Sie hat nicht gesehen, dass mich der Mann, den sie zuletzt als Freund hatte, beim Schlafen und Duschen beobachtet hat. Sie hat es erst gesehen, als ich es ihr gesagt habe.«
»War das so?«
»Ja.«
»Hat er dir etwas getan, dieser Mann?«
»Nein. Ich habe ihm gesagt, dass ich es weiß, und dann ist er gegangen und nicht wiedergekommen.«
»Wie hat deine Mutter darauf reagiert?«
Levi senkte den Kopf und schwieg.
»Du kannst mit deiner Mutter nicht darüber sprechen, richtig? Erzähl mir, wie es war, als dir dieser Mann zugesehen hat.«
»Davon kann ich nicht erzählen. Ich habe ihn nicht gesehen, denn entweder schlief ich oder ich duschte.«
»Woher wusstest du dann, dass er dir zusieht?«
Levi erwiderte ihren Blick schweigend.
»Hast du ihn vielleicht doch einmal dabei erwischt?«
»Nein. Er war sehr vorsichtig.«
Die Psychiaterin wartete. Levi sah ihr in die graugrünen Augen.
Sie lag im Bett, ein Tuch um den Kopf gewickelt. Ihre Haut war weiß und runzelig. Sie war sehr dünn. Obwohl sie bei Bewusstsein war, schien es, als schliefe sie mit offenen Augen. Ihre Lippen waren aufgesprungen.
»Sie sollten Ihr Blut untersuchen lassen«, sagte er. »Sie haben eine Krankheit.«
Schweigen. Die Psychiaterin blinzelte mehrmals hinter ihrer Brille.
»Hast du das jetzt gerade gesehen?«
Levi nickte langsam. »Ihr Blut. Es ist Ihr Blut.«
Die Frau wurde bleich. Sie legte den Stift auf den Tisch, mit dem sie immer spielte, nahm die Brille ab und putzte die Gläser.
»Es ist kein Brustkrebs. Das stimmt nicht.«
Sie wurde noch bleicher. »Woher …« Sie sah ihn ohne Brille lange an. »Erzähl mir, was dich veranlasst hat, das zu sagen.«
»Ich sage es, weil ich Ihnen helfen will. Man wird Sie operieren, aber das ist nicht nötig. Es ist falsch. Es ist das Blut.«
Ihr Mund verengte sich zu einem Strich. Sie setzte die Brille wieder auf. »Levi, ich verstehe, dass du nicht anders kannst. Du möchtest helfen. Aber es ist nicht richtig, einfach Dinge zu sagen, von denen man nichts weiß. Du verunsicherst die Leute. Du möchtest doch nicht, dass man das mit dir macht, oder? Dann mach es auch nicht mit den Leuten um dich herum.«
»Ich verunsichere Sie nicht, ich sage die Wahrheit. Gehen Sie und lassen Sie Ihr Blut untersuchen.«
»Was hast du gesehen? Wer hat dir das gesagt?«
»Niemand.«
»Was hast du gesehen?«
»Sie.«
»Jetzt gerade?«
»Ja.«
»Was habe ich getan?«
»Sie lagen in einem Bett, mit einem Tuch auf dem Kopf. Sie waren sehr krank. Man hat die Krankheit zu spät erkannt.«
»Levi, wir sind uns einig, dass wir gerade alle beide auf Stühlen in meiner Praxis sitzen, ja?«
Levi nickte.
»Liege ich in einem Bett?«
»Nein.«
»Trage ich ein Tuch auf dem Kopf?«
Er verneinte und sah in seinen Schoß.
»Levi«, ihre Stimme klang jetzt sanfter, »wie kommst du also darauf, ich läge in einem Bett?«
Er zuckte mit den Schultern. Schweigen folgte.
»Manchmal passieren Dinge in unseren Köpfen, in den Gehirnen, die wir nicht unter Kontrolle haben. Sie spielen uns etwas vor, das nicht wirklich passiert. Kannst du dir vorstellen, dass das bei dir so ist?«
Levi hob den Blick. »Nein. Was ich sehe, passiert. Manchmal dauert es länger, bis es passiert.«
Die Psychiaterin überlegte. »Spielst du gern?«
»Ja. Mit Lego.«
»Was zum Beispiel spielst du mit Lego?«
Levi dachte nach. »Gestern habe ich mit Phil, meinem Freund, eine Stadt aufgebaut. Da gab es fliegende Autos.«
»Das hört sich schön an. Ist die Stadt, die ihr gebaut habt, Wirklichkeit?«
»Vielleicht irgendwann.«
»Ist sie jetzt wirklich?«
»Nein.«
»Ihr habt also eure Phantasie benutzt, um etwas zu erfinden, das es nicht gibt. Das macht unser Gehirn. Manche Leute können nicht unterscheiden, was wirklich ist und was nicht, sie sehen den Unterschied zwischen Phantasie und Wirklichkeit nicht. Ich glaube, dass das bei dir auch manchmal vorkommt.«
»Ich kann das unterscheiden.«
»Aber du hast mich gerade in einem Bett gesehen.«
»Das ist etwas anderes.«
»Gibt es noch andere Dinge, die du siehst? Menschen vielleicht, die deine Mutter oder Phil nicht sehen?«
Wieder schwieg er.
Die Psychiaterin nickte und notierte etwas. »Sind es Menschen?«
»Nein.«
»Andere Wesen?«
»Nein.«
»Aber irgendetwas siehst du. Willst du mir davon erzählen?«
»Nein.«
»Macht dir das, was du siehst, Angst?«
Levi dachte an die Schatten. Sie kamen nachts, meistens nachts. Er nickte vorsichtig.
Die Frau lächelte. »Du erzählst mir davon, wenn du es für richtig hältst, okay? Eines kann ich dir aber sagen: Du musst dich davor nicht fürchten, was auch immer es ist. Es ist nicht wirklich. Es passiert nur in deinem Kopf. Glaubst du, es würde dir helfen, wenn ich mit deiner Mutter darüber spreche? Damit du das nächste Mal, wenn du dieses Etwas siehst, zu ihr gehen kannst und sie dir mit ihrer Gegenwart hilft?«
»Nein. Das hilft nicht.«
»Ich werde es deiner Mutter trotzdem sagen, und wenn du das nächste Mal doch den Wunsch verspürst, zu ihr zu gehen, dann mach es. Unsere Zeit ist jetzt leider schon um, Levi. Hast du noch etwas auf dem Herzen, ehe ich dich wieder deiner Mutter übergebe?«
»Muss ich wieder herkommen?«
Die Psychiaterin nickte. »Ja. Wir werden einige Zeit miteinander verbringen. Du wirst sehen, dass es dir hilft.«
»Muss ich weiter diese Tabletten nehmen?«
»Sie helfen dir auch. Sie werden machen, dass du diese Dinge nicht mehr sehen musst.«
Levi schüttelte den Kopf. »Seit ich sie nehme, bin ich anfälliger. Es wird schlimmer.«
Die Psychiaterin notierte wieder etwas. »So was musst du mir immer sofort sagen. Ich rede mit deiner Mutter, du bekommst andere Tabletten. Da muss man manchmal verschiedene probieren, bis man die richtigen gefunden hat.« Sie stand auf. »Warte hier. Ich gehe rasch zu deiner Mutter, und dann kannst du endlich nach Hause.«

Sie aßen zu Abend. Levi sah immer wieder von seinen Pfannkuchen auf und zu seiner Mutter hin, die nur in ihrem Essen stocherte. Soweit er sich erinnern konnte, war seine Mutter blass und traurig. Jetzt war es, als habe die Traurigkeit eine neue Tiefe erreicht.
Ihre Blicke begegneten sich.
»Nimm dir noch einen«, sagte Mutter und zeigte auf die Pfannkuchen, die auf einem Teller aufgetürmt lagen. »Hilda kommt erst spät heim, sie hat Nachtdienst. Wir werden morgen leise sein müssen, der Beruf der Altenpflegerin ist nämlich anstrengend. Sie muss ausschlafen können.«
Levi nickte. Er nahm sich keinen weiteren Pfannkuchen, er hatte keinen Hunger mehr.
»Wie findest du die Ärztin? Verstehst du dich mit ihr?«
»Ja. Sie ist nett. Aber ich will nicht noch mal zu ihr. Sie glaubt, ich bin verrückt.«
Seine Mutter sah ihn an. In ihren Augen sammelten sich Tränen. Levi griff unwillkürlich über den Tisch und legte seine Hand auf ihre. Seine Mutter lächelte, als er das tat.
»Du bist ein guter Junge«, sagte sie. »Zusammen stehen wir das durch, hörst du? Wir beide, wir werden das hinkriegen.«
Levi wollte sagen, dass es nichts gab, was sie durchstehen mussten, aber er hatte einen Kloß im Hals. Er wusste, sie würde ihm nicht zuhören. Sie wollte nicht hören, was er zu sagen hatte.
»Ich gehe Zähne putzen.« Er stand auf, lief ins Badezimmer, sperrte hinter sich ab und setzte sich auf den Teppich. Das Gesicht in den Händen vergraben, weinte er lautlos.
Als er einige Minuten später den Kopf hob, sah er die Drillinge zum ersten Mal. Sie standen Schulter an Schulter an Schulter hochaufragend vor ihm und schauten ihm in die Augen. Er konnte durch sie hindurchsehen, aber sie waren da. Und er hatte keine Angst, nicht wie bei den Schatten. Ihre Gegenwart war angenehm. Trotzdem konnte er sich nicht bewegen.
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