Читать книгу: «Falk 8: Pippo di Fiumes Schatz»

Impressum
Originalausgabe Juli 2020
Charakter und Zeichnung: Tibor © Hansrudi Wäscher / becker-illustrators
Text © Melanie Brosowski
Copyright © 2020 der eBook-Ausgabe Verlag Peter Hopf, Petershagen
Redaktionelle Betreuung: Ingraban Ewald
Umschlaggestaltung: etageeins, Jörg Jaroschewitz
Hintergrundillustration Umschlag: © ihervas – Fotolia.com
ISBN ePub 978-3-86305-299-7
www.verlag-peter-hopf.com
Hansrudi Wäscher wird vertreten von Becker-Illustrators,
Eduardstraße 48, 20257 Hamburg
www.hansrudi-waescher.de
Alle Rechte vorbehalten
Die in diesem Roman geschilderten Ereignisse sind rein fiktiv.
Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Begebenheiten, mit lebenden oder verstorbenen Personen wäre rein zufällig und unbeabsichtigt.
Der Nachdruck, auch auszugsweise, die Verarbeitung und die Verbreitung des Werkes in jedweder Form, insbesondere zu Zwecken der Vervielfältigung auf fotomechanischem, digitalem oder sonstigem Weg, sowie die Nutzung im Internet dürfen nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlages erfolgen.
Inhalt
DAS GEHEIMNISVOLLE BÜCHLEIN
EINS
ZWEI
DREI
VIER
FÜNF
SECHS
SIEBEN
DIE GNADENLOSE HERRIN
ACHT
NEUN
ZEHN
ELF
ZWÖLF
MELANIE BROSOWSKI
Pippo di Fiumes Schatz
Falk Band 8
Erster Teil
EINS
Das Morgenland.
Jenes sagenumwobene ferne Gefilde voller Geheimnisse und Schätze jenseits des Horizontes.
Falks ursprünglicher Plan war es gewesen, dorthin zu reisen. Zusammen mit seinem guten Freund und treuen Gefährten Bingo della Rocca, der ihn nun schon eine ganze Weile begleitete. Doch im Laufe der letzten Monate hatte die Sehnsucht nach der Heimat immer mehr Platz im Herzen des Ritters eingenommen, gleich einer Schar Soldaten, die eine Festung stürmt.
Nach ihrem gefährlichen Abenteuer mit den Sklavenhändlern hatten Falk und Bingo einige Tage als Gäste auf Schloss Vallechiara verbracht.
Es waren ruhige Tage gewesen, in denen sie sich erholt und an Speise und Trank gelabt hatten. Doch bald schon hatte Bingo zum Aufbruch gedrängt. Er konnte es kaum erwarten, die Reise in den Orient fortzusetzen.
Als die Stunde des Aufbruchs kam, packten sie ihre Sachen, verabschiedeten sich herzlich von ihren neuen Freunden und Gastgebern, die sie in großzügiger Weise mit Reiseproviant versorgt hatten, und machten sich auf den Weg zum Hafen.
Doch kaum hatten die beiden Ritter die heruntergelassene Zugbrücke überquert, lenkte Falk sein Pferd Donner nach links.
Der dicke Gaukler sah ihn verständnislos an. »Das ist die falsche Richtung«, sagte er. »Zum Hafen geht es hier entlang!« Er deutete in die entsprechende Richtung.
Falk zügelte den Braunen. »Ich weiß.« Jetzt war er also gekommen. Der Zeitpunkt, an dem er Bingo die Wahrheit sagen musste. Schon lange hegte Falk den Wunsch, in die Heimat zurückzukehren. Oft schon hatte er es Bingo sagen wollen, doch nie war der richtige Zeitpunkt dafür gewesen. Jetzt kam er nicht mehr drumherum. Auch wenn es Bingo schmerzen würde, er musste es tun. »Ich werde dich nicht ins Morgenland begleiten.« Die Worte kamen nur schwer über seine Lippen. Er beobachtete seinen Gefährten, mit dem er schon so manches erlebt hatte. Sie hatten Gefahren überstanden und Leid und Freud geteilt. Es waren gute und schlechte Zeiten gewesen. Doch nun mussten sie getrennte Wege gehen.
Auch Bingo hatte sein Pferd angehalten, rückte sichtlich nervös seine Mütze zurecht. »Sei mir nicht böse, Falk, aber dein Entschluss kommt etwas überraschend für mich!«
Falk schüttelte den Kopf. »Nein, Bingo, ich bitte dich, mir nicht böse zu sein.« Er ließ seinen Blick über den Hafen schweifen. Sah die Schiffe, die be- und entladen wurden, die ein- und ausliefen. Geschäftiges Treiben herrschte am Ufer. Rufe hallten zu ihnen hinüber. Fluchen und Lachen. »Schon seit einigen Tagen lässt mir die Sehnsucht nach der Heimat keine Ruhe mehr. Ich wollte es dir längst sagen, aber …« Er seufzte. Es war schwer, es vor sich selbst zuzugeben und noch schwerer, es vor seinem Freund zu tun. »Mir fehlte der Mut dazu. Ich weiß ja, was dir die Reise in den Orient bedeutet.«
Seit Monaten sprach Bingo von nichts anderem mehr. Umso mehr hatte Falk gezögert, hatte gehofft, dass sich sein Verlangen legen würde. Doch je weiter sie geritten waren, desto sicherer war Falk in seinem Entschluss geworden.
»Hm.« Bingo rieb sich nachdenklich das Kinn.
Am strahlend blauen Himmel zogen ein paar weiße Wolken. Ein Vogel kreiste über ihnen, hielt nach Beute Ausschau.
»Wenn du die Reise in den Orient allein fortsetzen willst … Ich würde mich freuen, wenn du später nachkommst.«
Bingo zögerte. Rang mit sich. Immer wieder wanderte sein Blick zum Meer, zu den Schiffen mit ihren Masten und Segeln; auf ihnen Männer voller Abenteuerlust, mit Sehnsüchten und Träumen, Mut und Fernweh. Schließlich schluckte er schwer, nachdem er sich zu einer Entscheidung durchgerungen hatte. »Unsinn! Der Süden läuft mir nicht weg. Aber du! Ich muss bei dir bleiben, ohne mich bist du ja hilflos wie ein Säugling. Ohne meinen Schutz erreichst du nicht einmal die nächste Grenze!«
Unwillkürlich musste Falk lächeln. Ja, Bingo war wirklich ein guter Freund.
»Ich komme mit dir, Falk!«
Sie gaben sich die Hände. »Danke, Bingo!«
Der Gaukler nickte.
Beide wendeten ihre Pferde, hatten den Hafen nunmehr im Rücken; ließen den Orient hinter sich.
Vielleicht ein anderes Mal, dachte Falk.
Und irgendwie war Falk froh, dass Bingo ihn begleitete. Die Heimreise war nicht ganz ungefährlich. Und außerdem … »Ehrlich gesagt, die Trennung von dir wäre mir sehr schwergefallen. Ich weiß nicht, wie es kommt, aber irgendwie hänge ich an dir. Du … du komischer Vogel!«
Bingo, der neben ihm ritt, riss die Augen auf. Röte überzog sein volles Gesicht. »Komischer Vogel? Du nennst mich, den großen, einmaligen, herrlichen Bingo, einen komischen Vogel?« Seine Stimme überschlug sich fast. Er zügelte sein Pferd. »Steig von deiner Schindmähre, du trauriger Ritter, damit ich dir diese Beleidigung in dein freches Mundwerk zurückstoßen kann!«
Falk war sich für einen Moment nicht sicher, ob Bingo wirklich wütend war – oder ob er nur so tat.
Auch er hielt erneut an und stieg ab. Wissend, dass die Tiere so gut trainiert waren, dass sie nicht wegliefen, sondern an Ort und Stelle stehen bleiben würden.
Bingo stand ihm in seiner vollen Pracht gegenüber.
»Bist du bereit?«, fragte er herausfordernd, während die Feder an seiner Mütze wippte.
»Ja!« Falk lachte. »Wenn du mich auf den Rücken zwingst, nehme ich den komischen Vogel zurück!«
»Gut!« Und schon stürzte sich der Gaukler auf ihn.
Es wäre ein Leichtes für Falk gewesen, den Angriff abzuwehren. Doch er tat es nicht. »He! Ha! Kitzeln gilt … ha, ha … nicht!«
Augenblicke später wälzten sich Falk und Bingo im Staub der Landstraße. Für Außenstehende musste es den Eindruck machen, dass zwei Männer auf Leben und Tod miteinander kämpften.
Und so bemerkten sie nicht den Mann, der sich ihnen näherte.
»Ihr Herren! Um Himmelswillen, Ihr Herren!«
Erschrocken zuckte Falk zusammen.
Bingo hingegen hatte den Ruf anscheinend nicht gehört.
»Auseinander!« Der Fremde kannte keine Furcht. Mutig packte er Bingo an der Schulter und versuchte, ihn von Falk wegzuziehen. »Auseinander, habe ich gesagt!«
In seiner Ehre und Körperlichkeit angegriffen, fuhr Bingo ihn an: »He! Hände weg!«
»Nein, kommt zur Vernunft! Ich bitte Euch!«, flehte der Fremde.
Und ehe Falk es verhindern konnte, denn sicherlich hatte es der Bursche nur gut gemeint, hatte Bingo dem Mann die Faust ins Gesicht geschlagen.
»Ah!« Die Wucht des Schlages ließ ihn zu Boden fallen.
Sogleich stürzte Bingo sich auf ihn. »Was fällt dir ein, du ungehobelter Kerl, dich in unsere freundschaftliche Unterhaltung einzumischen?«
Falk saß da, wissend, dass Bingo niemals auf einen wehrlos am Boden Liegenden einprügeln würde.
Verwirrt starrte der Bärtige Bingo an. »F… F… Freundschaftliche Unterhaltung?«, fragte er verständnislos, nicht begreifend, was gerade vor sich ging. Ja, für ihn musste es nach einem ernsthaften Kampf ausgesehen haben. Vielleicht hatte er sogar gedacht, dass Bingo versuchte, ihn umzubringen.
»Ja!« Schnaubend wandte der Ritter sich ab, schüttelte den Kopf. »Komm, Falk, lass uns weiterreiten, die Leute hier sind mir zu grob!« Er zog ihn hoch und dann mit zu den Pferden.
Sie stiegen auf, während der Fremde noch immer dahockte und die Welt nicht verstand.
Großzügig und nicht nachtragend, wie Bingo war, warf er ihm noch ein Goldstück zu. »Hier hast du ein wenig Geld. Leg es dir auf das Auge, das kühlt!«
Damit wandte er sich endgültig ab.
Falk folgte ihm, hörte noch, wie der Mann immer wieder »Ich verstehe die Welt nicht mehr!« vor sich hinmurmelte, während Bingo gut gelaunt, aber unheimlich schief ein Lied anstimmte. »Tralala, mal sind wir hier, mal sind wir da, tralala!«
Falk lachte. Bingo war wirklich ein komischer Vogel. Aber er würde sich hüten, das noch einmal laut auszusprechen.
*
Es war ein sonniger Tag. Ein lauer Wind wehte vom Meer aufs Land. Links und rechts des Weges wuchsen Büsche zwischen den Felsen.
Falk folgte seinem Freund. Doch nach einigen Stunden schlug Bingo eine andere Richtung ein, als Falk erwartet hatte. »Ich dachte, wir müssten hier rechts abbiegen, Bingo!« Irrte er sich, oder war sein Orientierungssinn schlechter geworden?
»Aber, aber! Wir wollen doch nicht denselben Weg zurückreiten, den wir gekommen sind, Falk!«
Falk zog die Augenbrauen hoch. »Und warum nicht?« Sie wussten schließlich, was dort auf sie zukommen würde. Warum sich also unbekannten Gefahren aussetzen?
»Das wäre langweilig!«, antwortete Bingo auf seine Frage. »Ich habe einen anderen Reiseweg zusammengestellt. Er führt uns durch landschaftlich herrliche Gegenden.« Er machte eine ausladende Handbewegung mit der Rechten. »Und außerdem ist auf diesem Weg alles friedlich.«
Falk bezweifelte das. »Wie willst du das wissen? Du warst seit Jahren nicht hier!«, erinnerte er ihn.
»Stimmt«, gab er ohne Umschweife zu. »Aber ich kenne alle Fürsten, Grafen und Ritter, denen die Ländereien gehören, durch die unser Reiseweg führt. Es sind alles ruhige und besonnene Leute!« In seiner Stimme klang seine volle Überzeugung mit. »Glaube mir, Abenteuer erleben wir auf unserem Rückweg nicht. Nur liebenswürdige Gastfreundschaft von allen Seiten!«
»Na, hoffen wir das Beste, du Prophet!«
»Morgen erreichen wir ein sauberes Städtchen, das unter dem Schutz des Grafen Colleverde steht.« In seinen Gedanken war er schon dort, denn ein glückliches Lächeln schlich sich auf sein Gesicht. Er sah sich schon bei einem fetten Braten und gutem Wein am Tisch sitzen.
Besorgt blickte Falk in den Himmel.
Schwarze Wolken waren in der Zwischenzeit aufgezogen. Eine dunkle, bedrohliche Front, die immer näher kam. Auch war es merklich kühler geworden.
»Und wo bleiben wir heute Nacht?« Er deutete in Richtung des aufkommenden Unwetters. »Es sieht nach Regen aus.«
Bingo folgte seinem Blick, kniff die Augen zusammen, nickte dann zustimmend und besorgt zugleich. »Du hast recht. Es braut sich ein Gewitter zusammen. Wir übernachten am besten auf einem Bauernhof. Er liegt hinter dem Hügel dort.«
Falk war froh, dass sein Freund sich hier so gut auskannte. Er hatte keine Lust, klitschnass zu werden.
Sie beeilten sich, um den Unterschlupf noch rechtzeitig zu erreichen. Die Unwetterfront kam rasch näher.
Auch das Meer wurde unruhiger. Hohe Wellen klatschten ans Ufer.
Doch als die Freunde den Hügelkamm erreichten, erwartete sie ein schrecklicher Anblick.
Mit einem harten Zug am Zügel brachte Bingo sein Tier zum Anhalten. »Was …« Sein Blick schweifte über den Hof. Entsetzen stand in seinem Gesicht. Er konnte nicht glauben, was er dort sah. »Bei allen … Ruinen!«
Falk war ebenso fassungslos wie er.
Nach Leben sah es dort unten jedenfalls nicht aus.
Das Nebengebäude war ziemlich heruntergekommen, fast schon verfallen. Weit und breit waren weder ein Tier noch ein Mensch zu sehen. An die einstigen hölzernen Zäune erinnerten nur noch ein paar verfaulte, windschiefe Pfosten.
Ein ungutes Gefühl beschlich Falk. Nervös sah er sich um. Wurden sie beobachtet? War das hier vielleicht eine Falle?
Doch er konnte niemanden entdecken.
»Ganz so friedlich, wie du es prophezeit hast, scheint es hier doch nicht zu sein.« Diesen kleinen Seitenhieb konnte er sich einfach nicht verkneifen.
Aber Bingo winkte ab. »Du denkst natürlich gleich wieder an das Schlimmste«, warf er ihm vor.
Ja, da hatte er recht. Bisher war er damit auch gut durchs Leben gekommen. Wenn man immer das Schlimmste erwartete, wurde man nicht überrascht oder enttäuscht.
»Komm, lass uns nachsehen! Vielleicht hat der Bauer den Hof verlassen und ist in die Stadt gezogen und hat das Gehöft einfach sich selbst überlassen.«
Falk folgte ihm den Hügel hinab – doch an diese Erklärung konnte er einfach nicht glauben. Warum hatte der Bauer dann seinen Besitz nicht verkauft?
Zu allem Unglück fing es nun auch noch an, heftig zu regnen.
»Hallo!« Bingo hingegen hatte die Hoffnung noch nicht aufgegeben. »Hallo?«, rief er nochmals.
Nichts.
Nicht mal ein Hund, der bellte. Keine gackernden Hühner, keine muhenden Kühe.
Nur Stille.
»Keine Antwort. Es ist niemand hier, Bingo.«
Sein Freund seufzte bedauernd. »Du hast wohl recht.« Vor dem Stall glitt er aus dem Sattel und betrat vorsichtig das Gebäude, um sich darin umzusehen. Es dauerte nicht lange, bis er wieder herauskam. »Das Stalldach ist noch ganz.«
Das war doch was! »Na, dann verbringen wir die Nacht wenigstens im Trocknen.«
Falk führte beide Pferde hinein. Sie sattelten sie ab, rieben sie trocken und gaben ihnen was zu fressen und Wasser, das sie ja nun im Überfluss hatten. Sie fanden sogar einen alten Eimer, den sie dafür benutzen konnten.
Glück musste man haben!
Dann richteten sie sich so gut es ging ein und aßen etwas, ehe sie sich hinlegten.
»Wenigstens?«, nahm Bingo das Gespräch wieder auf, während er die dünne Decke über sich zog. »Ich möchte jetzt nicht draußen sein. Hör, wie der Regen rauscht!«
Das tat er wirklich. Klatschte gegen die Wände und fuhr zusammen mit dem Wind durch die Ritzen.
»Ja, Bingo.« Falk gähnte, blinzelte müde. »Gute Nacht!« Erschöpft schloss er die Augen. Lauschte. Das stetige Prasseln war irgendwie beruhigend.
Sein Pferd schnaubte.
Irgendwo im Gebälk raschelte es. Vermutlich eine Maus auf der Suche nach etwas Fressbarem.
Augenblicke später wurde das Rauschen des Regens auch schon von Bingos Schnarchen übertönt.
Gerade als Falk dabei war, ins Land der Träume zu driften, vernahm er ein Geräusch.
Er öffnete die Augen, starrte ins Dunkle.
Lauschte angestrengt.
Das klang nach … Hufschlag.
Ja, eindeutig.
Und er näherte sich.
Falk war beunruhigt. Er rüttelte Bingo an der Schulter. »Wach auf! Wir bekommen Besuch.«
Es dauerte, bis sein Begleiter die Augen aufschlug.
Verwirrt sah er ihn an.
»Wie …? Was …?«
»Komm, steh auf!«, flüsterte er.
»Wieso?« Er rieb sich verschlafen mit der Rechten über das Gesicht. »Es ist doch noch mitten in der Nacht.«
»Ich weiß. Aber ich habe Hufschlag gehört.«
»Hufschlag?« Bingo setzte sich auf. »Bist du sicher? Nicht, dass dein übermüdeter Geist dir einen Streich gespielt hat.«
»Sicher nicht.«
»Nun denn.« Stöhnend erhob er sich, während Falk die Laterne anzündete.
Gerade als der Fremde mit seinem Pferd vor die Tür trat, öffneten sie ihm. »Willkommen in dieser bescheidenen Herberge, Fremder!«, begrüßte Falk ihn.
Erschrocken wich der Mann einen Schritt zurück. »Teufel!«, fluchte er. Offenbar hatte er nicht damit gerechnet, hier jemandem zu begegnen. Er und sein Tier waren klitschnass; sie waren offenbar länger unterwegs gewesen. Und er schien nicht erfreut darüber zu sein, diese Nacht nicht allein verbringen zu müssen.
»Was macht ihr hier?«, fuhr er die beiden Ritter an.
Falk musterte ihn. Der Ton gefiel ihm gar nicht. »Das seht Ihr doch! Wir übernachten in diesem Stall.« Damit schien sein Gegenüber ganz und gar nicht einverstanden zu sein. »Ich dulde keine Fremden auf meinem Besitz. Packt eure Sachen und verschwindet!«
»Wie?«, entfuhr es Bingo.
Falk war überrascht. Das sollte der Bauer sein, dem das hier gehörte?
Als sie nicht sofort reagierten, wurde er ungehalten. »Seid ihr taub? Los, los, beeilt euch!« Er deutete zur Tür. So einfach wollte Falk sich jedoch nicht geschlagen geben. Schließlich regnete es draußen immer noch. »Ist das die berühmte Gastfreundschaft, von der du gesprochen hast, Bingo?« Vielleicht gelang es ja dem Gaukler, den Mann zu überzeugen, dass sie zumindest die Nacht hier bleiben durften.
»Einen Augenblick! Ich kenne den Bauern, dem dieses Gehöft gehört. Ihr seid es nicht!«, wandte Bingo sich an den Mann.
Bingos Worte ließen Falk misstrauisch werden. Eine unerwartete Wendung des Blattes.
Der Fremde leugnete den Vorwurf nicht. »Ich bin sein Nachfolger.«
Falk sah Bingo an, dass er von dieser Antwort nicht ganz überzeugt war, auch wenn seine Worte anders klangen. »Dann habt Ihr gut gewirtschaftet. Gratuliere zu dem herrlichen Hof!«
Doch der Mann ließ sich keinen Honig um den Bart schmieren. »Kümmert euch um eure eigenen Angelegenheiten! Verschwindet!«
Jetzt reichte es Bingo. Wütend packte er den Mann am Hemdaufschlag. »Nein! Wir lassen uns nicht in das Unwetter hinausjagen. Es ist noch genug Platz hier für Euch und Euer Pferd!«
Sichtlich eingeschüchtert, sowohl von Bingos hartem Ton als auch von seinem selbstbewussten Auftreten, nickte der Bauer. »Oh! Ich …« Er zitterte. »Wie kommt ihr überhaupt hierher?«, fragte er. »Ihr seid Fremde?«
»Ja.«
Falk beschloss, dass es jetzt genug war. Sie waren schließlich Ritter. Beruhigend redete er auf den Bauern ein. »Mein Freund ist etwas stürmisch!« Er lächelte und deutete mit dem Kopf auf Bingo. »Aber Ihr braucht keine Angst zu haben, wir sind keine Räuber.«
Endlich gab er nach, wenn auch sichtlich widerstrebend – weshalb auch immer. »Na schön. Ihr könnt bleiben.«
»Danke!«, sagte der Gaukler und ließ ihn nunmehr los.
Er und Falk legten sich wieder hin.
Ganz traute Falk dem Frieden jedoch nicht. Ihm schien, als hätte der Bauer etwas zu verbergen. Nur was?
War er wirklich der neue Besitzer, oder hatte er nur so getan?
Vielleicht war es besser, ihn nicht aus den Augen zu lassen. Er wollte ungern mit einem Messer im Rücken aufwachen.
*
Teufel! Was mache ich jetzt? Der Fremde mit dem Kinnbart sah nachdenklich zu den beiden seltsamen Gestalten rüber, die es sich wieder auf dem Boden gemütlich gemacht hatten – soweit das möglich war.
Sie waren wirklich zu einem sehr ungünstigen Zeitpunkt aufgetaucht! Und jetzt wurde er sie nicht mehr los.
Er kann jeden Augenblick kommen. Die beiden sind zwar Fremde, aber man kann nie vorsichtig genug sein. Er stützte den rechten Ellenbogen auf das Knie und legte das Kinn auf die Hand. Grübelte. Wenn sie ihn später wiedererkennen … Schlimm genug, dass sie mich gesehen haben!
Eine Weile blieb er so sitzen. Schließlich erhob er sich und ging Richtung Tür. »Ich gehe ins Haus hinüber und hole etwas!«, warf er dem Großen über die Schulter zu.
Falk richtete sich auf. In seinem Blick lag Zweifel. »Gut.«
Erleichtert schloss er die Tür und legte den Riegel vor. Dann lief er, so schnell er konnte, ins Haus und kam mit einigen Balken zurück, die er gegen das Tor stemmte.
Anschließend betrachtete er zufrieden sein Werk. »So, jetzt kann er kommen!«
*
Falk hatte sich wieder hingelegt, doch Schlaf gefunden hatte er nicht. Das Verhalten des Mannes kam ihm immer seltsamer vor, je mehr er darüber nachdachte.
Plötzlich vernahm er etwas Ungewöhnliches. »Was war das für ein Geräusch?« Er stand auf. Es war weder von Bingo noch von den Pferden gekommen. Blieb nur noch … die Tür!
Er rüttelte daran, doch sie ließ sich nicht öffnen. »He! Das Tor ist zu!«
Bingo, der bis eben selig geschlafen hatte, rieb sich die Augen. Gähnte. »Wie?«
Falk drehte sich zu ihm herum. »Der Kerl hat uns eingesperrt.«
Stöhnend rappelte Bingo sich auf. »Aber … das verstehe ich nicht. Sein Pferd ist dann doch mit uns eingesperrt.«
Falk nickte. Das ließ nur den Schluss zu, dass er nicht vorhatte zu verschwinden. So fest er konnte, schlug Falk gegen die Tür. »Aufmachen! Macht sofort auf!«
Zu seiner Überraschung bekam er von draußen tatsächlich eine Antwort »Beruhigt Euch! Ich öffne die Tür bald wieder.«
Falk lachte bitter auf. Das sollte er glauben? Hielt der ihn wirklich für so dumm?
Auch Bingo rüttelte an der Tür, bekam sie aber genauso wenig auf wie er. »Seltsam!«, meinte er. »Wir …«
Unwirsch unterbrach Falk ihn, denn er hatte schon wieder etwas gehört. Erneutes Hufgetrappel. »Still! Es nähert sich ein Reiter.«
Jetzt hörte es auch Bingo.
Tatsächlich!
Aber wenn der Mann da draußen wirklich der Bauer war – wer kam da? In so einem Regen jagte man nicht einmal einen Hund vor die Tür.
Irgendwas stimmte hier ganz und gar nicht.
So, wie es aussah, würden sie früher oder später erfahren, was. Auf die eine oder andere Art.
*
Es regnete noch immer in Strömen, und es schien nicht so, als ob es bald aufhören würde. Große Pfützen hatten sich mittlerweile gebildet, in denen sich, wenn sich die Wolken verzogen, der Vollmond spiegelte.
Der Ankommende hatte sein Gesicht mit einer Kapuze verdeckt. Sein Umhang flatterte im Wind, machte das Pferd nervös. Es ließ den Kopf hängen, tänzelte und schnaubte.
Er war verwundert, den anderen bei diesem Wetter draußen vorzufinden – statt drinnen im Trocknen an einem wärmenden Feuer. »He! Warum stehst du im Regen? Warum …?«
Sein Gegenüber unterbrach ihn hastig. »Nennt keine Namen! Es sind zwei Fremde im Stall!«
Er fluchte. Das hatte ihm gerade noch gefehlt! Fremde! Hier und jetzt! Der Zeitpunkt hätte nicht schlechter sein können.
Vielleicht wäre es besser, alles abzublasen. Aber dafür hatte er bereits zu viel aufs Spiel gesetzt. Dazu war ihr Plan bereits zu weit fortgeschritten. Nein, er würde es jetzt durchziehen, koste es, was es wolle.
»Kommt, wir gehen ins Haus, dort können sie uns nicht hören.«
Er nickte, stieg ab, stellte das Pferd unter und folgte ihm. Sie würden sich beratschlagen, wie es weiterging.
*
Falk presste sein linkes Ohr so fest er konnte gegen die Tür. Doch das Unwetter war immer noch so heftig, dass er außer dem Wind und dem Regen, der gegen die Wände klatschte, nichts hören konnte. Zu gerne hätte er gewusst, was die beiden dort draußen besprachen.
»Was hältst du davon, Bingo?«, wandte er sich an seinen Freund und Begleiter.
Dieser lauschte ebenfalls, schüttelte dann den Kopf. »Die beiden hecken irgendetwas aus. Bestimmt nichts Gutes.«
»Das glaube ich auch«, stimmte er ihm zu.
Sie brauchten einen Plan.
Falk dachte nach.
Raus. Er musste unbedingt hier raus.
Die Frage war nur wie. Die Tür bekamen sie auf keinen Fall auf, dafür war sie zu stabil.
Doch vielleicht gab es einen anderen Weg …
Er sah sich um.
Ihm kam eine Idee.
Er griff nach seinem Dolch und ging zu einem der großen Stützbalken.
»He! Was hast du vor?« Bingo sah ihn fragend an.
Falk war bereits dabei, den Balken hochzuklettern. Das Holz war rau unter seinen kräftigen Händen. Er hoffte, dass der Balken nicht morsch war und ihn hielt.
»Ich möchte zu gern wissen, was die miteinander besprechen«, antwortete er.
Mithilfe seines Dolches verschaffte er sich Zugang zum Dach. »So … gleich …« Dann war es geschafft.
Kalter Regen peitschte ihm unangenehm ins Gesicht. Wie gerne hätte er jetzt an einem warmen Feuer gesessen!
Lautlos huschte Falk über das Dach. Er musste vorsichtig sein, um nicht auszurutschen und runterzufallen. Ein falscher Schritt, und er würde stürzen und sich dabei wahrscheinlich das Genick brechen.
Am Ende kletterte er an einem Stützbalken wieder herunter und schlich rüber zum Haus.
Die Dunkelheit der Nacht und der Regen boten ihm Schutz.
Hinter einem Mauervorsprung versteckt, lauschte er dem Gespräch der beiden Männer.
»Das hast du gut gemacht, Pietro«, sagte der Kerl, der vor wenigen Augenblicken gekommen war.
Pietro! Jetzt wusste Falk zumindest den Namen des Burschen, der sie eingesperrt hatte und vorgab, ein Bauer zu sein. Falk hegte da immer noch große Zweifel.
»Ich binde den beiden nachher einen Bären auf. Ich erzähle ihnen, dass ich ein heimliches Stelldichein mit einer hochgestellten Dame hatte, die nicht erkannt werden wollte.«
So, so, dachte Falk.
»Dummkopf!«, fuhr der Fremde Pietro an. »Eine Dame mit einer männlichen Stimme? Sie haben mich gehört.«
»Da hast du verdammt recht«, flüsterte Falk tonlos.
»He, he, das war die Stimme eines der Dame treu ergebenen Begleiters«, versuchte Pietro ihn zu besänftigen.
Falk schüttelte den Kopf. Für wie dumm hielt der Kerl sie eigentlich?
*
Bingo ging ungeduldig auf und ab. Er hasste es zu warten.
Irgendwann hielt er es nicht mehr aus. Angestrengt keuchend kämpfte er sich den Balken nach oben, Falks Beispiel folgend, und quetschte sich durch die Öffnung. Schließlich hatte Falk nicht gesagt, er solle da bleiben und auf ihn warten.
»Teufel, ist das eng«, murmelte er.
Bingo zwängte sich unterdrückt stöhnend und fluchend durch. Dann huschte auch er über das Dach. Genau wie Falk kletterte er an dem Stützbalken hinunter, der jedoch unter seinem Gewicht nachgab. Knirschend löste er sich von dem Dachbalken, dann neigte er sich.
Verzweifelt klammerte sich Bingo daran fest. »Bei allen … oh!«
In seinem Geist sah er sich bereits unter den Trümmern begraben.
So würde er also sterben? Wie unrühmlich für einen Ritter!
Himmel, dachte Falk, der das Ganze aus nächster Nähe nur hilflos mit ansehen konnte. Das durfte doch nicht wahr sein! Wieso war Bingo ihm gefolgt und nicht geblieben, wo er war?
Mit Entsetzen sah Falk, dass der Balken brach.
Es knirschte, staubte, Splitter lösten sich, dann krachte es laut.
»Hilfe!« Bingo fiel auf den Rücken und keuchte schmerzerfüllt; sein Gesicht war verzerrt.
»Oh!«, stieß der Mann mit dem Kinnbart hervor, während er versuchte, der gewaltigen Masse, die Bingo darstellte, auszuweichen. Anscheinend hatte er Angst, von ihm zerquetscht zu werden.
Sein Kumpan sprang auf. »Ich bin in einen Hinterhalt geraten!«, stieß er überrascht und vorwurfsvoll zugleich aus.
Erst jetzt konnte Falk einen Blick auf ihn werfen. Er trug Handschuhe und eine Kapuze über dem Kopf. Offenbar war ihm sehr daran gelegen, dass niemand ihn wiedererkennen konnte.
»N… Nein, Herr! Das ist … einer der beiden Fremden, die ich eingesperrt hatte«, erwiderte Pietro.
Herr, dachte Falk. Die zwei schienen also nicht auf gleicher Augenhöhe zu sein.
Doch erst einmal galt seine Sorge seinem Freund und Gefährten. »Bingo! Bingo! Bist du verletzt?«
»Bei allen … das ist der andere«, murmelte Pietro.
»Wenn du schon jemanden einsperrst … du Trottel!«
Sie stellten sich Falk in den Weg. »Zieh blank, Pietro, wir erledigen den blonden Jüngling! Der Fettwanst hat sich beim Sturz das Genick gebrochen!«, sagte der Kapuzenträger.
Bingo – tot? Das konnte nicht sein. Das wollte Falk einfach nicht glauben.
Und dennoch – irgendwas schien sein Herz zu umklammern. Allein der Gedanke daran, seinen Freund so zu verlieren, war unerträglich.
Wie es Bingo ging, konnte er nicht sehen, denn die zwei versperrten ihm die Sicht.
*
Der Sturz hatte sämtliche Luft aus Bingos Lungen getrieben. Für einen Moment war ihm schwarz vor den Augen geworden. Er hatte kurz das Bewusstsein verloren. Als er wieder zu sich kam, bestand sein Körper aus einem einzigen Schmerz. Aber er erinnerte sich sofort wieder daran, was passiert war. Er sah die beiden Männer, wie sie vor Falk standen; hörte, was sie sagten.
Fettwanst? Hatte ihn da tatsächlich jemand Fettwanst genannt?
Was für eine Unverschämtheit!
Er rappelte sich auf und stürzte sich auf die beiden. »Jemand hat Fettwanst zu mir gesagt, und bei so was seh‘ ich rot!«, schrie er. Er rammte dem Kerl, der sie eingesperrt hatte, den Kopf in den Bauch.
Der Bursche stöhnte und ließ seine Waffe, die er schon gezogen hatte, fallen.
Falk war überrascht und erleichtert zugleich, Bingo wohlauf zu sehen. Dann musste er auch schon den Angriff des Kapuzenmannes abwehren. Ein heftiger Kampf entbrannte, in dessen Verlauf es Falk gelang, seinem Gegner die Waffe aus der Hand zu schlagen.
Bingo währenddessen war mit Pietro beschäftigt. Er hatte den Burschen am Bein gepackt und schleuderte ihn durch die Luft.
»Hilfe! Lasst mich los!«
Bingo lachte. »Zu Befehl!« Als er ihn losließ, flog der Mann über die Mauer und landete unsanft auf der anderen Seite auf der Erde.
Das wollte Falks Gegner ausnutzen und verschwinden. Aber Falk packte seinen Umhang. »Nicht so hastig, Freundchen!«

Doch diesmal hatte Falk Pech.
Die Schnalle des Umhangs löste sich, sodass Falk mit diesem zu Boden fiel, während der Kerl fliehen konnte. »Meinen Mantel könnt Ihr behalten!«, lachte er abschätzig und rannte zu seinem Pferd. Mit einem gekonnten Sprung war der Maskierte im Sattel und galoppierte davon.
»He!«, konnte Falk ihm nur noch hinterherrufen.
Für einen Moment überlegte Falk, sich Donner zu schnappen und ihm zu folgen. Doch der Abstand vergrößerte sich von Sekunde zu Sekunde – nein, dafür war es bereits zu spät, der Vorsprung, den der andere hatte, war zu groß. Er war entkommen.
»Schade«, meinte Falk zu Bingo, der inzwischen an seine Seite getreten war. »Ich hätte zu gern gewusst, was dieses geheimnisvolle Treffen zu bedeuten hat.«
»Fragen wir doch seinen Kumpanen«, schlug der Gaukler vor.
Falk nickte. »Gute Idee, mein Freund.«
Sie wandten sich um, um ihren Plan in die Tat umzusetzen. Doch der Platz, wo Pietro eben noch gewesen war, war leer.
»Oh!«, stieß Bingo hervor. »Er ist verschwunden!«
Ja, das sah Falk auch.
»Da!« Bingo streckte die Hand aus. »Das Scheunentor ist offen.«
Vielleicht war es doch noch nicht zu spät. »Der Kerl holt sein Pferd. Schnell!«
Doch auch diesmal war ihnen kein Glück beschieden. In einem halsbrecherischen Tempo jagte der Kerl an ihnen vorbei, hinaus in die Nacht.
»Wieder zu spät!«, fluchte Falk.
»Hm. Nun werden wir wohl nie erfahren, warum die beiden Männer sich hier heimlich getroffen haben.«
Das fürchtete Falk auch. Aber es war nicht mehr zu ändern.
Bingo seufzte theatralisch und setzte eine betroffene Miene auf. »Wenn dieser Balken nicht nachgegeben hätte …«
»Tja, sie wollten gerade etwas sagen, als du in Erscheinung tratest.«
»Es tut mir leid, Falk!« So, wie er dreinsah, tat es das wirklich. »Ich wollte bei dir bleiben …«
»Schon gut. Es ist ja auch gar nicht so wichtig.« Schließlich war ihnen nichts passiert. »Geht es dir wirklich gut?«
»Ja. Nur mein Stolz ist ein wenig verletzt.«
»Das wird wieder. Lass uns in die Scheune zurückgehen und weiterschlafen. Die Sonne wird bald aufgehen, und dann wird auch hoffentlich der Regen nachgelassen haben.«
»Ja. Du hast recht. Oh … da liegt etwas!« Er kniete sich hin und hob den Gegenstand auf. »Ein kleines Buch.«
Auf dem Deckel befand sich eine Blume mit einer roten Blüte. Wunderhübsch und filigran gearbeitet. Das Werk eines Meisters.
»Es muss dem Burschen aus der Tasche gefallen sein, dem ich das Fliegen beigebracht habe«, vermutete Bingo.
»Ja. Lass uns schauen, was drinsteht. Vielleicht bringt das ein wenig Licht ins Dunkle.«
In der Scheune setzten sie sich auf den Boden und lehnten sich an die Wand. Neugierig schlug Bingo das kleine Büchlein auf. Die Schrift war klein und im Schein der Lampe kaum zu entziffern.
Vielleicht war es ein Notizbuch, das die Rezepte eines Alchemisten enthielt. Oder das Tagebuch eines Minnesängers, der seine amourösen Abenteuer mit den hohen Damen der Höfe aufgeschrieben hatte.
»Und?« Auch Falk konnte kaum erwarten zu erfahren, wer da was geschrieben hatte.
Bingo schien ein wenig enttäuscht zu sein. »Es stehen Gedichte in dem Büchlein, Falk.«
Falk lachte. Das meinte er doch nicht etwa ernst, oder? »Sieh an. Ich hätte dem Kerl keine poetische Ader zugetraut.«
»Ich auch nicht. Das Büchlein scheint ihm nicht zu gehören, oder er hat es geschenkt bekommen.«
Falk krauste die Stirn. »Wie kommst du darauf?«
»Auf dem Vorsatzpapier steht ein Name. Ein weiblicher Name. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass keiner der beiden von heute eine Frau war.«
»Hm.«
»Lucia di Fiume. Hm … Fiume, Fiume … Der Name kommt mir bekannt vor«, sinnierte er. »Dir auch?«
Falk dachte nach. Schüttelte dann den Kopf. »Nein.«
»Ah, jetzt habe ich es. Pippo di Fiume ist ein berühmter Heerführer. Er hat sich große Verdienste an der Seite des Grafen Colleverde während des letzten Kreuzzuges erworben.«
»Dann ist die Besitzerin des Büchleins seine Frau?« Es wäre eine logische Schlussfolgerung gewesen. Falk hatte sich wieder hingelegt. Er wollte noch ein paar Stunden schlafen, ehe sie wieder aufbrachen.
Bingo schien es ihm nicht gleichtun zu wollen. Vielmehr wollte er offenbar hinter das Geheimnis des heute Erlebten kommen.
»Ich weiß nicht, Falk. Mehr, als ich dir gesagt habe, ist mir über Pippo di Fiume nicht bekannt. Wenn wir Graf Colleverde einen Besuch abstatten, geben wir ihm das Büchlein.«
Gähnend stimmte Falk ihm zu. »Gut. Er kann es ja dann Pippo di Fiume zukommen lassen.« Die Augen fielen ihm zu.
Bingo seufzte. »Ich glaube nicht, dass wir noch einmal gestört werden, aber es ist besser, wir wachen abwechselnd. Ich übernehme die erste Wache.«
»Hm.« Damit war Falk mehr als einverstanden. Der Schlaf übermannte ihn.
Bingo lächelte. Gönnte seinem Freund die Ruhe und las noch ein wenig weiter.
*
Der Mann mit der Kapuze hatte auf seinen Kumpanen gewartet. Ungeduldig winkte er ihn heran. Ohne seinen Mantel fror er erbärmlich in dem Regen.
»Da bist du ja, Pietro! Ich war schon in Sorge, die beiden Fremden hätten dich erwischt.«
»Viel hätte nicht gefehlt, Herr!«
Sein Gegenüber nickte. »Doch nun zum Grund unserer Verabredung. Bist du sicher, dass du das Richtige gefunden hast?« In seiner Stimme schwang eine Mischung aus Zweifel, Aufregung und Ungeduld.
»Ganz sicher. Auf Eurem Zahlenschlüssel steht inmitten von Rosen und Dornen wirst du es finden.«
»Hm.«
»Es handelt sich dabei um ein schmales Gedichtbändchen, das Rosen und Dornen heißt. Mithilfe des Zahlenschlüssels werden bestimmte Wörter zu finden sein, die aneinandergereiht einen neuen Sinn ergeben.«
Sein Herr war beeindruckt. »Donnerwetter! Als ich die Habseligkeiten des gefallenen Pippo durchsah, die auf Burg Colleverde gebracht worden waren, fiel mir der Zahlenschlüssel sofort auf. Nur konnte ich mir nicht erklären, worauf er passen würde.«
»Es war eine gute Idee von Euch, Herr, mich als Diener bei den Fiumes zu empfehlen!« Er lachte über die Dummheit und Naivität seiner Dienstherren. »Wenn ich denke, dass Fräulein Lucia und ihr vertrottelter Großvater in fast ärmlichen Verhältnissen leben, während sie reich sein könnten.«
Ja, sie ahnten tatsächlich nichts davon. Was für eine Ironie des Schicksals.
»Dabei werden wir jetzt reich. Hier habt Ihr das Büchlein!« Er lachte wieder. Seit Tagen schon träumte er von nichts anderem, als von den Mengen an Geld, in denen er bald schwimmen würde. Und was er sich dafür alles kaufen wollte! Edle Kleider …
»Du wirst einer der wenigen sein, die sich wirklich totgelacht haben! Da!«
Pietro sah die verräterische Bewegung seines Auftraggebers nicht. Zu sehr war er mit seinen Gedanken woanders. Stattdessen spürte er plötzlich einen scharfen Schmerz. Er war so heftig, dass er mit einem Aufschrei vom Pferd fiel und bewegungslos auf der nassen Erde liegen blieb. Nur noch verschwommen sah er den anderen, das blutige Schwert in seiner Hand.
»Dummkopf!«, stieß der abschätzig hervor. »Dachtest du wirklich, dass ich mit dir teilen wollte?« Seine Stimme troff nur vor Spott.
Es war das Letzte, was Pietro in seinem Leben hörte.
Einen Atemzug später war er tot.
Der Kapuzenmann stieg ab, nachdem er sein Schwert wieder zurück in die Scheide hatte gleiten lassen.
Außerdem kann ich bei diesem gefährlichen Geschäft keine Mitwisser brauchen, dachte er.
Er kniete sich neben den Toten, tunlichst darauf bedacht, nicht mit dessen Blut in Berührung zu kommen.
So. Nun das Büchlein, das mich reichen machen wird!
Der Vermummte tastete Pietro ab. Wieder und wieder, begierig darauf, besagtes Objekt endlich in den Händen zu halten. Aber …
Hölle, Tod und Teufel!, fluchte er stumm, aber umso heftiger. Er hat das Buch nicht! Ob er mir misstraut hat? Nein, er wollte es mir geben. Er fasste unter den Wams des Toten. Aber da ist es nicht!
Noch einmal suchte er ihn ab. Vergebens.
Verdammt! Es muss ihm aus dem Wams gerutscht sein, als der Fettwanst ihn über die Mauer gewirbelt hat!
Er dachte nach.
Hm, es gibt zwei Möglichkeiten. Entweder haben es die Fremden gefunden und an sich genommen, oder es liegt noch zwischen den Ruinen.
Sein Blick wanderte wieder zu Pietro. Kurzentschlossen packte er dessen Beine und zog ihn zu seinem Pferd.
Ich darf kein Risiko eingehen!
Er wuchtete den leblosen Körper hoch und legte ihn über den Sattel.
So und nun …
Auch er stieg wieder auf und griff nach den Zügeln des anderen Pferdes.
Ich kann gegen die beiden Fremden nichts ausrichten, aber … Wo Gewalt versagt, hilft List weiter. He, he, he!
Er machte sich auf. Vor dem Weg, der nach dem verfallenen Gehöft abzweigte, ließ er den Toten zu Boden gleiten, dann ritt er so schnell er konnte davon.
Nun wird es ein Wettrennen mit der Zeit, das ich gewinnen muss. Das ich gewinnen werde!
ZWEI
Am nächsten Morgen schlug Bingo die Augen auf, streckte und reckte sich. Dann erhob er sich, ging zur Tür, öffnete sie und sah hinaus. Über sein Gesicht glitt ein freudiges Lächeln.
»Gott sei Dank! Die Sonne scheint wieder, Falk! Wach auf, du Langschläfer!«, rief er seinem Freund über die Schulter zu.
Falk lag noch auf dem Boden, die Decke bis zum Kinn gegen die nächtliche Kälte hochgezogen. Er hatte nicht wirklich gut geschlafen. Gähnend richtete er sich auf. »Ich … guten Morgen, Bingo!« Mit den Händen fuhr er sich durch das lange, blonde Haar.
Bingo kam zu ihm. Grinste. »Soll ich dir diesen Eimer Wasser über den Kopf schütten, damit du munter wirst?«
Falk wusste, dass Bingo es durchaus ernst meinte. Aber er war nicht besonders erpicht darauf. »Ich ziehe mich erst zum Waschen aus, dann meinetwegen.«
Bingo lachte.
Doch ehe er etwas erwidern konnte, hob Falk die Hand.
»Was ist?«
Falk deutete nach draußen. »Sieh, da drüben auf der Wiese! Ein Pferd!«
Jetzt bemerkte Bingo es auch. Warum war es ihm vorhin noch nicht aufgefallen? Seltsam.
Das Tier graste friedlich im Morgengrauen.
»Oh! Und da auf dem Weg, das sieht ja aus, als ob …«
Falk nickte. Auch er sah die reglose Gestalt und ahnte Schlimmes.
»Junge, Junge«, murmelte Bingo. Solche Überraschungen am frühen Morgen mochte er gar nicht.
Falk rannte los. Vielleicht lebte der Mann noch.
Bingo folgte ihm auf dem Fuße.
Bei ihm angekommen, knieten sich beide nieder. Falk streckte die Hand aus. Der Körper war kalt, der Brustkorb hob und senkte sich nicht mehr. Er lauschte. Nein, da war kein Atemgeräusch zu hören.
»Bei allen …« Bingo war entsetzt. »Das ist der Bursche, der uns letzte Nacht in der Scheune eingesperrt hat. Sollte ich ihn zu hart angefasst haben?«
Falk hörte das Zittern in der Stimme seines Freundes. »Nein.« Er legte ihm eine Hand auf die Schulter, um ihn zu beruhigen. »Der Mann ist tot, Bingo, aber du bist nicht schuld daran. Sieh!« Er deutete auf das Loch im Wams. »Jemand hat ihn mit einem Schwert niedergestochen.«
»Großer Himmel!« Bingo war erleichtert und entsetzt zugleich.
»Ist das das ruhige Land, von dem du geschwärmt hast, Bingo?« Ganz konnte Falk den Vorwurf aus seiner Stimme nicht verbannen. »Erst das heimliche nächtliche Treffen, das auf eine Verschwörung schließen lässt, dann Freiheitsberaubung und nun … Mord!« Falk war ganz und gar nicht wohl bei der Sache.
»Ich verstehe das nicht. Was sollen wir jetzt tun?«
Das war eine gute Frage.
Falk überlegte. Sie konnten den Toten allein aus Pietätsgründen schon nicht hier einfach liegen lassen. Schließlich waren sie Männer von Ehre.
»Wir bringen ihn in die Stadt oder auf Graf Colleverdes Burg«, schlug er schließlich vor.
»Besser zur Stadtwache«, erwiderte der Gaukler.
»Gut, wenn du meinst.« Er hob den Leichnam an. »Hilf mir, wir binden ihn auf sein Pferd und …«
Sie sahen die Ankommenden fast gleichzeitig. Ein Dutzend Männer. Mit Helmen und Piken auf Pferden, deren Hufschläge donnerten.
»Bewaffnete!«
»Hm.«
Das würde Ärger geben, vermutete Falk. Und er sollte recht behalten.
Ihr Anführer preschte auf sie zu, zügelte dann grob seinen Rappen. »Halt!«, befahl er lautstark. »Im Namen des Grafen Colleverde, was macht ihr da? Wer seid ihr?« Finster dreinblickend musterte er sie. Ehe Falk etwas antworten konnte, keuchte der Mann neben dem Anführer erschrocken auf und streckte die Hand anklagend aus. »Herr! Der Tote … Es ist tatsächlich ein Diener der Familie di Fiume!«
Falk traute seinen Ohren nicht. Was sollte der Mann sein?
Fragend sah er zu Bingo, der allerdings noch nicht seine Sprache wiedergefunden hatte.
Dafür ergriff der Anführer mit dem roten Umhang und dem Hut mit der Feder wieder das Wort. »Gut, dass ich den Hinweis ernst genommen habe. Nehmt die beiden fest!«
Das wollte sich Bingo natürlich nicht gefallen lassen, waren sie beide doch unschuldig. »Bei allen … wir haben nichts mit diesem Toten zu tun!«, erwiderte er.
Doch so einfach war die Sache für den Anführer der Gruppe nicht erledigt. »Das wird sich herausstellen. Durchsucht sie, Männer! Seht auch in der Scheune nach!«
Sie packten Falk und Bingo, hielten sie gröber als nötig fest, während sie sie durchsuchten.
»Unerhört! Ich bin Ritter Falk von Steinfeld und dies ist mein Freund Ritter Bingo della Rocca!«
Falks Protest blieb jedoch ohne Wirkung.
Im Gegenteil. Einer der Männer lachte höhnisch. »Ritter? Ihr? Eher lausiges Gesindel!«
Und so konnten die beiden es nur über sich ergehen lassen und hoffen, dass sich alles zu ihren Gunsten klärte. Denn wieso auch nicht? Sie waren schließlich unschuldig, hatten nichts verbrochen; ja waren sogar selbst Opfer dieser beiden Fremden gewesen.
Natürlich fand man das Buch.
Interessiert blätterte der Anführer mit dem langen schwarzen Schnauzbart es durch. »Interessant. Ein Gedichtbändchen, das Lucia di Fiume gehört. Wie kommt es unter Euer Wams, wenn Ihr nichts mit dem Toten zu tun habt?« In seinen Augen funkelte es. Seine Männer fingen an zu munkeln.
Falk spürte, wie die Stimmung kippte. Die Situation wurde für sie eindeutig gefährlich.
»Die beiden haben viel Geld in ihren Satteltaschen, Herr!«, warf derjenige in die Runde, der ihr Hab und Gut unter die Lupe genommen hatte.
»Ha!« Auflachend stemmte der Anführer die Fäuste an die Hüften. »Damit ist Eure Schuld erwiesen. Dieser Unglückliche sollte zwanzig Pferde einkaufen. Ihr habt ihn überfallen, ermordet und ausgeplündert. Mit solchen Strauchdieben machen wir hier kurzen Prozess! Als Vogt des Grafen verurteile ich Euch hiermit zum Tode. Habt Ihr Einwände, Hauptmann?« Damit wandte er sich an den Mann, der neben ihm stand.
Dieser schüttelte vehement den Kopf. Es schien ihm gar nicht schnell genug mit der Hinrichtung zu gehen. »Nein, Vogt, die beiden Fremden sind schuldig. Holt Stricke, Männer! Und dann an den Baum dort mit ihnen!« Er deutete zu einer großen Eiche mit starken Ästen. Nahezu perfekt für eine schnelle Hinrichtung.
Falk war fassungslos. Man hatte ihnen nicht einmal die Gelegenheit gegeben, sich zu den Vorwürfen zu äußern. Von einer fairen Verhandlung ganz zu schweigen.
»Wie? Ich habe wohl nicht richtig gehört!«, fuhr er den Kerl an.
»Seid Ihr wahnsinnig geworden, Vogt?« Auch Bingo hatte sich endlich aus seiner Schockstarre gelöst. »Wir sind Ritter!« So konnte man doch nicht mit ihnen umgehen!
Statt eine Antwort zu geben, wandte der Vogt Falk und Bingo voller Verachtung den Rücken zu. Mit so einem Pack wollte er anscheinend nichts weiter zu tun haben.
Entsetzt und hilflos zugleich beobachteten Falk und Bingo, wie die Männer die Stricke für ihre Exekution vorbereiteten.
So sollten sie also enden? Wie Verbrecher nebeneinander an einem Ast baumeln?
Das konnte und wollte keiner von ihnen glauben.
Es musste doch einen Ausweg geben!
»Ihr macht einen großen Fehler, Vogt!«, versuchte Bingo es erneut. »Wir sind wirklich Ritter!«
»Ritter?« Der Vogt wandte sich um und verzog spöttisch das Gesicht. »Da muss ich ja lachen! Ritter? Nein, wohl eher ein Fettwanst!« Er spuckte Bingo das Wort geradezu ins Gesicht.
Was Bingo sich natürlich nicht gefallen ließ. In seiner Ehre gekränkt, ging er auf den Vogt los, was für Falk verständlich war, aber ihre Situation nicht gerade verbesserte.
»Bei dem Wort Fettwanst sehe ich rot!« Wütend und außer sich packte er den Vogt an seinem Hemd.
Dieser war so überrascht von Bingos Attacke, dass er sich gegen diesen Angriff nicht wehrte. »Ah!«
»He!« Der Hauptmann sah die Gefahr, in der der Vogt schwebte und fürchtete um dessen Leben.
»Hilfe!« Reglos hing der Vogt in Bingos großen Händen.
»Beschützt den Vogt! Haltet die Mörder!«, schrie der Hauptmann.
Die Situation eskalierte. Die Männer zogen ihre Waffen, bereit, für ihren Vogt zu töten und zu sterben.
Natürlich blieb auch Falk nicht tatenlos. »Weg mit dem Dolch, Hauptmann!« Mit einem kräftigen Faustschlag in den Nacken brachte Falk den Kerl zu Fall. Stöhnend ging dieser zu Boden.
Ein wilder Kampf entbrannte.
Falk hatte lediglich seine bloßen Hände, um gegen die Bewaffneten anzugehen. »Zurück mit euch!«
Zum Glück besaß er genug Erfahrung und auch die entsprechende Körperkraft, um sie in Schach zu halten, indes Bingo sich eines Dolchs bemächtigt hatte, den er dem Vogt an den Hals hielt, während er ihn mit der anderen Hand festhielt.
»Lasst mich sofort los!«, verlangte der Vogt entrüstet. »Sonst gebe ich den Befehl, Euch niederzustoßen!«
Darauf ging Bingo natürlich nicht ein. Das hätte Falk auch sehr gewundert.
»Damit könnt Ihr uns nicht erschrecken, Vogt. Zwischen Stahl und Hanf ist kein großer Unterschied. Das Ergebnis ist das Gleiche!«
Da musste Falk seinem Freund recht geben. Wobei, wenn er die Wahl hatte, würde er vermutlich den Stahl vorziehen. Ein schnellerer und wahrscheinlich weniger qualvoller Tod, als elendig zu ersticken, wenn man sich nicht sofort das Genick brach.
»Nur für Euch nicht!«, fuhr Bingo fort. »Wenn Eure Männer ihre Waffen gegen uns erheben, seid Ihr des Todes!«
Der Vogt schüttelte leicht den Kopf. In seinen Augen blitzte es auf. »Ah! Ihr … Ihr wagt es … damit kommt Ihr niemals durch!«
Die Männer hatten sich mittlerweile zurückgezogen. Abwartend. Niemand von ihnen wollte für den Tod des Vogts verantwortlich sein, was Falk nur zu gut verstehen konnte. »Es geschieht nur zu Eurem Besten, Vogt!«, sagte er.
»Wie?« Verständnislos sah er ihn an. Nein, Furcht hatte dieser Mann nicht. Und dafür bewunderte Falk ihn insgeheim.
»Wir wollen Euch nur vor einer großen Dummheit bewahren.« Falk sah sich um, deutete dann auf einen der Männer. »He, du da!«
Der Angesprochene zuckte zusammen. »Ich?«
»Ja. In unseren Satteltaschen ist nicht nur Geld. Bring mir die Papiere, die da drin sind.«
Der Mann nickte, ging los und kam kurz darauf mit dem Verlangten wieder. Er reichte Falk die Papiere, die dieser dem Vogt zeigte. »Dies ist ein Begleitbrief des Grafen Vallechiara. Lest ihn! Wir sind nämlich wirklich Ritter!«
Nur widerstrebend kam der Vogt der Aufforderung nach. Mit den Augen überflog er die Zeilen. »Oh! Tatsächlich …«
Bingo grinste. »Seht Ihr? Wir haben die Wahrheit gesagt.«
Falk wandte sich nunmehr an den Hauptmann. »Kommt her, Hauptmann! Ihr sollt den Brief auch lesen!«
»Hm!« Der Bärtige nahm den Brief und las. Als er fertig war, hob er den Kopf. »Es stimmt. Aber … das braucht noch lange nicht zu bedeuten, dass Ihr unschuldig seid!«
Bingo schnaubte abfällig. »Nein? Es erklärt aber zumindest, warum wir so viel Geld bei uns haben. Das ist unsere Reisekasse, Verehrtester!«
Falk holte tief Luft. Zumindest ein wenig hatte sich die Situation mittlerweile entspannt. »Nun zu dem Büchlein!« Mit wenigen Worten schilderten er und Bingo, was sich während der vergangenen Nacht auf dem verfallenen Bauernhof abgespielt hatte.
Der Vogt und seine Männer hörten zu, blieben aber trotzdem skeptisch. »Eine sonderbare Geschichte, findet Ihr nicht auch, Hauptmann?«
Dieser nickte zustimmend. »In der Tat, Vogt!«
»Ob sonderbar oder nicht, sie ist wahr!«, beharrte Falk.
»Nun gut«, lenkte der Vogt endlich ein. »Wir bringen Euch zu Graf Colleverde. Er soll das Urteil über Euch sprechen.«
Falk lächelte erleichtert. »Das gefällt mir schon besser als Eure übereilte Strickmethode!«
»Verzeiht! Da wussten wir ja noch nicht, dass Ihr dem Ritterstand angehört!«, versuchte sich sein Gegenüber zu verteidigen.
»Ach nein!«, erwiderte Falk. »Für Euch scheint es zweierlei Recht zu geben, Vogt! Einen armen Teufel hängt Ihr in diesem Lande mir nichts dir nichts auf, ohne nachzuprüfen, ob er wirklich schuldig ist?« Es war mehr eine Feststellung, denn eine Frage.
Dennoch ließ es sich der Vogt nicht nehmen, darauf zu antworten. »Ich habe nicht die Absicht, mit Euch über Rechtsfragen zu debattieren, Ritter! Holt Eure Pferde, wir wollen zu Graf Colleverde reiten!«
»Gut!«
Die Überheblichkeit in der Stimme des Vogts war nicht zu überhören. Doch Falk ging nicht darauf ein. Es würde nichts bringen. Er hoffte nur, dass auch Bingo sich zurückhielt. Was dieser natürlich nicht tat.
»Einen Augenblick, Vogt!«, fuhr er dazwischen. »Zwischen uns beiden ist noch etwas zu regeln!«
»Wie?« Der Vogt, der im Kampf seinen Hut verloren hatte, sah Bingo erstaunt an.
»Ihr habt mich Fettwanst genannt! Mich, den großen, einmaligen, herrlichen Ritter Bingo della Rocca!«
»Oh! Nun ja …« So ganz wohl schien sich der Mann nicht in seiner Haut zu fühlen.
Falk stand abwartend neben den beiden, bereit, jederzeit einzugreifen.
»Ich verlange Genugtuung!«, forderte Bingo.
Falk seufzte und versuchte ihn zu beschwichtigen. Es gab nun wirklich Wichtigeres zu tun. »Lass doch …«
»Oh nein!« Zu Falks Überraschung war es diesmal der Vogt, der Einwand erhob. »Euer Freund hat mir einen Weg gezeigt, wie Ihr doch noch an Ort und Stelle bestraft werden könnt!« Er grinste hinterhältig.
Falk fluchte im Stillen. Hätte Bingo doch nur besser den Mund gehalten! Doch nun war es zu spät.
»Wir brauchen Graf Colleverde nicht zu bemühen. Übernehmt Ihr Ritter Falk, Hauptmann?«
Der Bärtige nickte. »Mit Vergnügen, Vogt!«
Beiden, Bingo und Falk, war klar, was folgen würde. Ein Kampf Mann gegen Mann.
»Das ist also das friedliche Land mit den friedlichen Leuten, durch das du mich führen wolltest, Bingo?« Natürlich war es nicht Bingos Schuld. Dennoch …
»Hm!« Sein Freund und Begleiter senkte betroffen den Blick, und schon bereute Falk seine vorwurfsvollen Worte wieder. Ehe Bingo noch etwas sagen konnte, rief der Hauptmann: »Na, seid Ihr bereit, Fettwanst?« Er hatte sich seines Umhangs entledigt und stand kampfbereit da.
Bingo seufzte und betrachtete kurz gedankenverloren das Schwert, das man ihm gegeben hatte.
Besorgt sah Falk zu ihm.
»Der Kampf beginne!«, sagte der Vogt und drang umgehend siegessicher auf Bingo ein, während der Stadthauptmann Falk als seinen Gegner erst einmal musterte. Sofort wurde Falk klar, dass er diesen Mann ernst nehmen musste. Wenn er sein Alter richtig einschätzte, hatte er schon einige Jahre und Kämpfe hinter sich. Und so musste er auf der Hut sein und konnte nur gelegentlich einen Blick zu seinem Freund werfen.
»Da und da, Fettwanst!« Ungehalten schlug der Vogt auf Bingo ein. Ihre Schwerter prallten laut aufeinander. »Bevor ich dich niederstoße, wirst du ein paar Pfund abnehmen!«
Sein Spott und Hohn trafen Bingo tief. Und natürlich ließ er sich das nicht gefallen und ging zum Gegenangriff über. »Da Ihr vom Abnehmen sprecht … Euer Schnurrbart ist entschieden zu lang. Ich nehme ihm erst die rechte Seite ab … und dann die linke.«
Und mit gezielten Hieben tat er es.
Der Vogt stand wie erstarrt da, als erst die eine und kurz darauf die andere Seite seines Spitzbartes zu Boden fiel. Ungläubiges Erstaunen und Wut standen in seinem Blick.
»Na, wo ist Eure Forschheit geblieben?«, setzte Bingo nach. Tatsächlich war sie von einem Moment auf den anderen wie weggeblasen.
»Bei allen …«
»Dämmert Euch, dass ich eben genauso gut statt des Schnurrbartes Euren Hals hätte treffen können?«
»Teufel, ja!« Doch trotz dieser Demonstration seines Könnens drang der Vogt weiter auf Bingo ein. Ungehaltener und wütender noch als vorher. Schließlich hatte er vor seinen Männern sein Gesicht verloren. Bingo hatte ihn zum Gespött gemacht, und das würde er ihm heimzahlen.
Doch Bingo lachte nur über seine ungelenken Attacken. »Ha, ha, seid Ihr stürmisch!«
»Ah!«
»Hi, hi, hi, Ihr kitzelt mich unter dem Arm, Vogt!« Bingo hielt den Arm des Vogts fest und griff nach der Nase seines Gegners. »Ja! So steht Euch der Schnurrbart viel besser. Nur die Nase müsste dazu etwas dicker sein. Aber dem ist ja abzuhelfen!« Mit voller Wucht schlug er dem Vogt die Faust auf das besagte Körperteil.
Der Kerl taumelte benommen zurück, verlor dabei seine Waffe und brach zusammen.
Ein überraschtes Raunen ging durch die Reihen der Umherstehenden.
Ein klarer Sieg für Bingo, der sich nunmehr seinem Freund zuwandte. Mit in die Hüften gestemmten Händen spottete er: »Na, Falk? Spielst du noch immer mit dem Hauptmann?«
»Verd…«, fluchte dieser, als Falk seinen Angriff gekonnt parierte.
»Du hast recht, Bingo! Jetzt ist es genug!« Falk holte aus, und mit einem kräftigen Schwerthieb entwaffnete er seinen Gegner.
Dem Hauptmann entwich ein schmerzhaftes »Oh!«, ehe er zu Boden ging, wo er wehrlos liegen blieb.
Falk lächelte milde. Sein Gegner hatte tapfer und gut gekämpft, das erkannte er an. »Wollt Ihr den Kampf fortsetzen, oder soll es genug sein?«
Der Hauptmann schüttelte den Kopf. »Es … Ihr seid unschlagbar … Wenn ich Euch beleidigt habe … verzeiht mir!«
Die beiden Ritter hatten die Sache eindeutig für sich entschieden.
Und Falk war froh, dass der Hauptmann so einsichtig war. »Ist Euch klar, dass ich Euch hätte töten können?«
»Ja.« Seinem Gesichtsausdruck nach war es ihm tatsächlich bewusst. »Ihr habt es nicht getan.« Ein wenig schien er darüber verwundert zu sein. Er dachte kurz nach und fuhr dann fort: »Und genau deshalb glaube ich auch nicht mehr, dass Lucia di Fiumes Diener von Euch ermordet wurde.«
Nun, das war wenigstens etwas.
Falk lächelte und half dem Mann auf. Dieser ließ sich von einem der Männer seinen Umhang umlegen. Seine warnenden Worte dabei waren jedoch an Bingo gerichtet. »Ihr habt dem Vogt böse mitgespielt, Ritter Bingo. Er ist ein stolzer und nachtragender Mann. Ganz gleich, wie er sich in Zukunft Euch gegenüber verhält … Er ist von nun an Euer Todfeind.«
Das hat uns gerade noch gefehlt, dachte Falk.
»Danke für die Warnung, Hauptmann!«, erwiderte Bingo gelassen. Ihn schien ein weiterer Mann auf dieser imaginären Liste nicht zu stören.
Der Hauptmann sah auf den bewusstlosen Vogt nieder. »Es ist wohl besser, er sieht Euch nicht gleich, wenn er wieder zu sich kommt.«
Dem konnte Falk nur zustimmen.
Der Hauptmann wandte sich an seine Männer. »Bleibt beim Vogt und begleitet ihn zurück, wenn er erwacht! Ich reite mit den beiden Rittern voraus!«
»Zu Befehl, Herr Hauptmann!«
Falk war froh, als man ihnen ihre Pferde brachte.
Zusammen mit dem Hauptmann ritten sie los. Endlich hatte Falk Zeit, in Ruhe und ausführlich von den Geschehnissen zu berichten.
Der Hauptmann hörte interessiert zu.
»Leider konnte ich letzte Nacht nicht mehr hören, Hauptmann«, beendete Falk irgendwann seinen Bericht.
»Hm. Merkwürdig. Sehr merkwürdig.« Er schien nachzudenken.
»Ja! Noch merkwürdiger finde ich es, dass der Diener Lucia di Fiumes mit einem Gedichtbändchen durch die Gegend reitet.« Falk hatte stundenlang darüber nachgegrübelt, doch er war noch immer nicht zu des Rätsels Lösung gekommen.
»Ob das der Gegenstand war, den der Diener dem Unbekannten geben wollte?«, mischte sich nunmehr auch Bingo ein und tat seine Gedanken zu dieser Sache kund.
»Hm!« Falk krauste die Stirn und schloss kurz nachdenklich die Augen. »Das könnte sein, Bingo! Und da er ihm das Büchlein nicht geben konnte, weil er es während des Handgemenges mit uns verloren hatte, gerieten sie in Streit!« Das musste es sein! Warum war er selbst nicht darauf gekommen? »Und dabei wurde der Diener getötet«, murmelte Falk.
Der Hauptmann sah ihn an. »Möglich.«
Falk nickte. Aber irgendetwas stimmte an seiner Theorie noch nicht so ganz. »Andererseits, wenn das Büchlein so wichtig für den Unbekannten ist, dann wäre er zurückgekommen, um es zu suchen.«
»Aber das ist er nicht.«
»Nein. Bingo und ich haben abwechselnd gewacht. Es hat sich niemand dem Hof genähert.«
»Weshalb zerbrecht Ihr Euch den Kopf darüber, Ihr Herren? Euch geht das Ganze doch nichts an.«
Falk lachte auf. »Das sagt Ihr!« Für Falk war die Sache noch lange nicht beendet. »Noch ist der Verdacht, dass wir den Diener erschlagen haben, nicht von uns genommen. Wenn wir herausbekommen könnten, was sich abgespielt hat, nachdem die beiden Männer geflüchtet sind …«
Der Hauptmann nickte. »Ich verstehe Euch.«
»Schade, dass der Vogt uns das Büchlein abgenommen hat.«
Bingo hatte anscheinend genug von dem Thema. »Übrigens … warum ist der Bauernhof verfallen?«, fragte er. »Als ich vor fünf Jahren …«
»Der Bauer stand mit dem Teufel im Bunde!«, unterbrach der Hauptmann ihn harsch. Seine Miene verfinsterte sich. »Er versuchte, den Vogt mit Hexerei umzubringen, da wurde er zum Tode auf dem Scheiterhaufen verurteilt. Seine Frau und seine Söhne haben nach der Hinrichtung das Land verlassen.«
Bingo wurde eine Spur blasser. Er hatte anscheinend mit vielem gerechnet, aber nicht mit solch einer schrecklichen Geschichte. »Das … das ist ja …« Ihm fehlten die Worte.
»Ruhig, Bingo!«, sagte Falk und wandte sich wieder an den Hauptmann, begierig darauf, auch den Rest zu hören. »Warum wollte der Bauer den Vogt verhexen?«
»Es ging um die Abgaben.«
»Die Abgaben?« Falk verstand nicht ganz.
»Bei einer Überprüfung wurde festgestellt, dass der Bauer zu wenig Abgaben leistete. Der Bauer beschuldigte den Vogt, einen Teil der Abgaben einbehalten zu haben. Der Vogt drohte ihm, da fiel er auch schon bewusstlos zu Boden.«
Das war mehr als seltsam, in der Tat.
»Er wurde krank. Er stöhnte immerfort, dass der Bauer ihn in Gestalt eines Teufels peinigte.«
Oh, dieser verfluchte Aberglaube!, dachte Falk. »Auf die Idee, dass der Bauer die Wahrheit sagte, und der Vogt diese Komödie aufführte, um eine Untersuchung wegen Veruntreuung gegen sich abzuwenden, ist wohl niemand gekommen, oder?« Falk war sich durchaus bewusst, was er dem Vogt da vorwarf. Aber das erschien ihm wesentlich wahrscheinlicher, als dass der Bauer den Vogt verhext hatte.
»Herr!«, fuhr der Hauptmann ihn an.
»Ich nehme an, der Hof mit den Ländereien ist als kleine Wiedergutmachung in den Besitz des Vogtes übergegangen«, mutmaßte er weiter.
»In der Tat! Woher wisst Ihr …?«
Falk lachte auf. »Dazu braucht man kein Hellseher zu sein!« Er hatte nur eins und eins zusammengezählt.
»Ihr … Ihr glaubt nicht an Geister und übersinnliche Erscheinungen?«
»Nein.« Das tat Falk nun wirklich nicht. Seiner Meinung nach gab es für alles eine logische Erklärung. Man musste nur lange und genau genug danach suchen.
»Dann behaltet diese Meinung besser für Euch, wenn ich Euch einen guten Rat geben darf«, warnte der Hauptman ihn. »Graf Colleverde kann sehr ungnädig werden. Er ist ein fanatischer Anhänger der Geisterkunde.«
»Oh!«, entfuhr es Falk. Das hatte ihnen gerade noch gefehlt! Ihnen blieb aber auch gar nichts erspart auf dieser Reise.
Bingo schwieg, hing offenbar seinen Gedanken nach.
Irgendwann deutete der Hauptmann auf ein gewaltiges Anwesen auf einem Hügel. »Das ist das Schlösschen der Familie di Fiume. Übrigens, man munkelt, dass Lucia di Fiume eine Hexe sei!«
Falk seufzte. Auch das noch. »Großer Himmel! Bingo, wohin hast du mich geführt?«
Doch ehe der Ritter etwas erwidern konnte, fuhr der Hauptmann fort. »Oh! Jetzt fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Ihr Diener hat das Büchlein gestohlen und ist von ihr aus der Entfernung durch schwarze Kunst getötet worden!«
»Wie?«, fragte Bingo.
»Ah!«, entfuhr es Falk.
Plötzlich zog der Hauptmann sein Pferd herum.
»He! Wo wollt Ihr hin?«, fragte Falk, dessen Pferd scheute.
»Himmel, ein teuflischer Bann liegt auf dem Büchlein! Jeder ist in höchster Gefahr, der es bei sich trägt! Ich muss sofort den Vogt warnen. Reitet schon voraus und berichtet Graf Colleverde, was geschehen ist!«
Bingo schnaubte abfällig. »Ja sind denn die Leute hier während der letzten fünf Jahre alle übergeschnappt?«
Falk zuckte ratlos mit den Schultern. Die Loyalität des Hauptmanns in allen Ehren, aber … »Komm, wir müssen Lucia di Fiume warnen. Ich möchte verhindern, dass noch ein unschuldiger Mensch auf dem Scheiterhaufen endet.«
»Hoffentlich komme ich nicht zu spät, und der Vogt ist dem Hexenbann nicht schon erlegen!« Große Sorge und Angst standen dem Mann ins Gesicht geschrieben.
»Das ist doch Unsinn!«, versuchte Falk ihn zu beruhigen. »Mein Freund Bingo hat das Büchlein die ganze Nacht bei sich getragen, ohne dass etwas geschehen ist!«
Doch der Hauptmann hörte nicht auf ihn und preschte eilig davon, eine Staubwolke aufwirbelnd. Sein Umhang flatterte im Wind.
»So hört doch!«, rief Falk ihm hinterher.
»Lass ihn, Falk! Der Hauptmann steckt so voller Aberglauben, dass er ihm schon aus den Ohren quillt«, meinte Bingo.
»Ja, und nach den Erzählungen des Hauptmanns unterscheidet sich Graf Colleverde leider in dieser Beziehung nicht sehr von ihm.«
Bingo nickte zustimmend.
»Großer Himmel! Wohin hast du mich geführt, Bingo?«
Der Gaukler griff an seine Mütze mit der Feder. »Es tut mir leid, Falk. Die Leute hier waren vor fünf Jahren nett und vernünftig. Sie müssen in der Zwischenzeit verrückt geworden sein.«
Offensichtlich. Anders konnte Falk es sich auch nicht erklären. »Komm! Bevor wir zu Graf Colleverde reiten, warnen wir Fräulein Lucia di Fiume.«
Zum Glück war Bingo derselben Ansicht. »Ja! Diesen Narren traue ich alles zu.« Er folgte seinem Freund. »Schade, dass wir das Gedichtbändchen nicht zurückgeben können.«
»Dieses Gedichtbändchen … Damit muss es eine besondere Bewandtnis haben«, überlegte er laut. »Ist dir nicht irgendetwas daran aufgefallen, Bingo?« Schließlich hatte sein Begleiter im Gegensatz zu ihm darin gelesen. »Ich meine Anmerkungen, Unterstreichungen oder Ähnliches.«
Angestrengt dachte Bingo nach und schüttelte schließlich nach einer Weile bedauernd den Kopf. »Nein, Falk! Während ich Wache hielt, habe ich das Büchlein nur überflogen. Es stehen nur Gedichte darin.« Er verdrehte die Augen. »Schmalzige Liebesgedichte, wenn du es genau wissen willst.«
Nun, das brachte sie nicht weiter.
*
Während Bingo und Falk zum Anwesen von Lucia di Fiume ritten, war der Hauptmann unterwegs zurück zum Vogt.
Er machte sich große Sorgen um ihn. Hoffte, dass der Fluch noch nicht zugeschlagen hatte.
Fest drückte er dem Pferd die Hacken in die Flanken und trieb es zur Eile an. Er spürte die Muskeln des Tieres arbeiten. Schaum tropfte ihm vom Maul.
Weiße Schönwetterwolken standen am Himmel. Ein Schwarm Vögel zog über ihn hinweg.
Der Weg zurück erschien ihm nahezu unendlich.
Dann tauchten plötzlich Reiter in der Ferne auf. Und tatsächlich waren es seine Männer, angeführt vom Vogt.
Gott sei Dank! Unendliche Erleichterung durchfuhr ihn. Der Vogt lebt!
Kurz darauf zügelte er sein Pferd.
»Hölle, Tod und Teufel!«, stieß der Vogt aus. »Die beiden Fremden sind Euch entwischt!«, warf er ihm umgehend vor. »Es war bodenloser Leichtsinn von Euch, mit ihnen ohne einige Bewaffnete voranzureiten! Euch trifft die volle Verant…«
»Halt, halt, Vogt!«, unterbrach er ihn, wohl wissend, wie ungehalten der Vogt darauf reagieren würde. »Es ist alles ganz anders!«
»So?« Er musterte ihn skeptisch.
»Die beiden Fremden sind unschuldig!«, versicherte er. Ja, mittlerweile war er davon überzeugt. »Lucia di Fiume, die Hexe, hat den Diener umgebracht!«
»Wie?« Der Vogt schien ihm nicht zu glauben.
»Aus der Entfernung, durch schwarze Magie!«, führte er aus.
»Oh!«
»Das ist mir blitzartig aufgegangen, als wir an ihrem Anwesen vorüberritten. Deshalb bin ich umgekehrt. Ihr seid in Gefahr, in höchster Gefahr, solange Ihr das teuflische Büchlein bei Euch tragt!« Er stieg hastig aus dem Sattel. Jetzt galt es, das Schlimmste noch rechtzeitig zu verhindern. Und dafür gab es nur einen Weg! »Abgesessen und schnell ein Feuer angezündet!«, befahl er den Männern. »Wir müssen das Büchlein verbrennen.«
»Wie?« Der Vogt starrte ihn an, während die Männer ohne zu zögern dem Befehl des Hauptmanns folgten. Rasch suchten sie trockene Äste und entfachten ein Feuer.
»Jetzt, Vogt! Werft das Büchlein in die reinigenden Flammen!« Nur so würde der Fluch gebrochen werden können, dessen war er sich sicher.
»Ja!« Der Vogt stimmte ihm zu und zog das Büchlein hervor. »Du hast keine Gewalt über mich, Hexe! Da!« Er holte aus, um es ins Feuer zu werfen, doch es schien, als würde er es nicht loslassen können. Verwirrung glitt über sein Antlitz. »Was …?«
Der Hauptmann erschrak. Was ging hier vor? Warum warf der Vogt es nicht endlich ins Feuer? »Was ist mit Euch? Warum lasst Ihr das Büchlein nicht fallen?«
»Ich … ich kann nicht!« Er stöhnte gequält. »Und jetzt …« Sein rechter Arm war immer noch ausgestreckt. Er taumelte vorwärts. Ungelenk, als wäre es nicht sein Wille zu gehen. »Jetzt zieht mich das Büchlein mit unwiderstehlicher Gewalt fort!«
Voller Furcht traten die Männer zurück. Entsetzen stand in ihren Gesichtern.
Mit einem Sprung war der Vogt im Sattel, das Büchlein fest umklammernd. »Hilfe! Haltet mich! Haltet mein Pferd fest!«
Aber die Männer wichen vom Grauen gepackt noch weiter zurück; niemand wagte etwas zu unternehmen. Nur der treue Hauptmann versuchte in die Zügel zu greifen.
Vergebens!
Es war bereits zu spät.
Der Hauptmann fiel zu Boden. »Ah!«
Das Pferd preschte davon.
»Hilfe! – So helft mir doch!«
Hilflos mussten seine Gefolgsleute mit ansehen, wie der Vogt offenbar von Lucia di Fiume verhext worden war und nun unter ihrem Bann stand.
»Entsetzlich!«, raunte einer der Männer.
Der Hauptmann rappelte sich auf. »Aufgesessen!«, befahl er. »Ihm nach!«
Doch die Männer zögerten, indes er selbst sich schon auf sein Pferd geschwungen hatte. »Mit höllischen Mächten soll man sich nicht einlassen, Herr!«
Der Hauptmann war sprachlos. Noch nie hatten sie einen seiner Befehle in Frage gestellt oder sich gar geweigert, ihn auszuführen.
»Betet lieber mit uns, Hauptmann!«
Er schnaubte. »Wir können auch im Sattel beten! Wir dürfen den Vogt nicht im Stich lassen! Na los!«
Endlich lösten sich die Männer aus ihrer Starre und saßen auf. An der Spitze des Trupps nahm der Hauptmann die Verfolgung auf.
Kurz darauf entdeckten sie ein herrenloses Pferd, das mit hängendem Kopf dastand. Vom Vogt jedoch war weit und breit nichts zu sehen.
»Da ist sein Pferd!«
»Ja. Vogt! Um Himmels willen, wo seid Ihr?«
Er sah sich um. Nichts.
Nur Stille.
Angst überkam den Hauptmann. Hatte die Hexe am Ende doch noch gesiegt?
»Hört Ihr mich nicht?«, rief er. »Antwortet! Hallo!«
Sein Blick glitt über Felsen und Büsche.
Dann, endlich …
»Hilfe!«
Das war eindeutig die Stimme des Vogts!
Mit Entsetzen sah er in die Richtung, aus der der Ruf gekommen war.
»Großer Gott!« Kalte Schauer liefen ihm über den Rücken. Der Vogt war offenbar den Abhang hinuntergestürzt und klammerte sich nunmehr mit letzter Kraft an einem Busch fest. Unter ihm scharfkantige Felsen und das tosende Meer. Würde er den Halt verlieren, würde er wohl unweigerlich in den Tod stürzen. »Wie kommt Ihr dort hin, Vogt? Seid Ihr noch in der Gewalt der Hexe?«
»Nein, dem Himmel sei Dank! Mit äußerster Willensanstrengung gelang es mir, das Büchlein von mir zu schleudern. Dabei wurde ich von der Hexenkraft aus dem Sattel gerissen. Ich konnte mich an diesem Busch festhalten. Das Teufelsbuch ist ins Meer gefallen.«
»Gott sei Dank!« Nun mussten sie nur noch einen Weg finden, um den Vogt aus seiner misslichen Lage zu befreien. Der Hauptmann verlangte nach einem Seil und bekam kurz darauf das Gewünschte in die Hand gedrückt. Dann ließ er das eine Ende in die Tiefe hinab. »Bindet Euch das Seil um die Brust, Vogt! Wir ziehen Euch hoch!«
»Danke!«
»Wenn wir noch einen Beweis brauchten, dass diese Hexe schuld am Tode ihres Dieners ist, dann haben wir ihn vorhin bekommen!«
»Ja!«, stimmte der Vogt ihm zu, der endlich wieder festen Boden unter seinen Füßen hatte.
»Die beiden Fremden sind unschuldig! Jetzt seid Ihr doch auch davon überzeugt, nicht wahr, Vogt?«
»Ja! Diese Hexe! In ihrer abgrundtiefen Bosheit hätte sie uns beinahe dazu gebracht, zwei Ritter wie gemeine Straßenräuber aufzuknüpfen.« Er wirkte betroffen, fast beschämt. »Stellt Euch das nur vor, Hauptmann! Das wäre ein Skandal geworden!«
Der Hauptmann schloss kurz die Augen und presste die rechte Hand an die Schläfe. »Ich mag gar nicht daran denken, Vogt!«
Der Vogt nickte.
»Kommt! Wir treffen Ritter Falk und Ritter Bingo bei Graf Colleverde. Sie werden uns verstehen, wenn sie erfahren …« Er wandte sich zum Gehen.
Doch der Vogt legte ihm seine Rechte auf die Schulter und hielt ihn zurück. »Später, später, Hauptmann! Müssen wir nicht im Interesse der allgemeinen Sicherheit erst die Hexengefahr bannen? Wer weiß, was diese Braut des Teufels ausheckt, wenn sie merkt, dass sie ihr Büchlein trotz ihrer Künste verloren hat?«
Das war zugegebenermaßen ein gutes Argument. Und die beiden Ritter würden ihnen schon nicht weglaufen. »Ihr habt recht, Vogt! Wir müssen sofort zuschlagen. Was meint ihr?«, wandte er sich nunmehr an die wartenden Männer.
»Auf den Scheiterhaufen mit der Hexe!«
»Sie muss brennen, bevor sie uns etwas tun kann!«
»Ja!«
Nun, das war eindeutig.
»Einen Augenblick! Graf Colleverde wird sehr ungehalten sein, wenn wir ihn übergehen!« Das Argument des Vogts war nicht von der Hand zu weisen.
»Er kennt die Gefahr nicht!«, erwiderte einer der Männer. »Diese Hexe ist zu mächtig für einen Prozess.«
»So ist es!«, stimmte ein anderer zu.
»Das Anwesen liegt einsam. Wenn wir von der Waldseite kommen, sieht uns kein Mensch. Später wird jeder annehmen, es wäre ein himmlisches Strafgericht gewesen.« Der Vorschlag des Altgedienten fand allgemeine Zustimmung.
»Mir scheint, das ist eine gute Lösung, die Hexe unschädlich zu machen«, stimmte der Hauptmann zu. »Was meint Ihr, Vogt?«
»Ich bin einverstanden. Nur … niemand darf später etwas verraten!«, raunte er verschwörerisch.
»Natürlich, Vogt!«
DREI
Zur gleichen Zeit trafen Falk und Bingo am Anwesen von Lucia di Fiume ein und stiegen von ihren Pferden. Man schien sie bereits gesehen zu haben, denn ein Mann erwartete sie am Tor. Er trug eine abgetragene Kutte mit einem Strick als Gürtel. Sein Haar war weiß, und ein langer Bart in derselben Farbe dominierte sein von Furchen und Falten gezeichnetes Gesicht. Er lächelte, als die beiden auf ihn zukamen.
Falk übernahm das Wort und bat höflich darum, mit Lucia sprechen zu dürfen.
»Ich bin Ottavio di Fiume, Ihr Herren. Meine Enkelin Lucia sammelt gerade Heilkräuter.« Er deutete auf ein kleines Wäldchen. »Tja, außer unserem guten alten Namen, diesem Anwesen und einer schmalen Leibrente, die Graf Colleverde Lucia für die Verdienste meines Sohnes bezahlt, besitzen wir nichts.«
Falk hörte interessiert zu.
»Lucia hat von einer alten Zigeunerin gelernt, welche Kräuter Krankheiten heilen können. Sie braut Medizin daraus, die schon so manchem Leidenden geholfen hat.«
Bingo nickte.
»Tja, damit bessert sie die Rente etwas auf. Entschuldigt, Ihr Herren, ich bin ein schwatzhafter alter Mann. Ihr seid noch gar nicht zu Wort gekommen.« Er lächelte verlegen. »Warum wolltet Ihr meine Enkelin sprechen?«
Mit knappen Worten erzählten die Freunde, während sie zusammen auf das Haus zugingen, dem alten Mann, was sich zugetragen hatte. »Pietro ist tot? Oh Gott, das tut mir leid. Aber ich begreife nicht, was er dort in dem Gehöft wollte. Noch weniger begreife ich, warum er Lucias Lieblingsgedichte bei sich hatte. Und das andere ist völlig aus der Luft gegriffen.« Er klang entrüstet.
»Ihr meint den Pferdekauf?«, hakte Falk nach.
»Ja! Es ist mir ein Rätsel, wie der Vogt behaupten konnte, Pietro wäre von mir beauftragt worden, zwanzig Pferde zu kaufen.«
»Wegen Eurer … finanziellen Situation?«
»Zwanzig Pferde! Du lieber Himmel, dabei können wir uns nur einen Esel leisten.« Er lachte bitter auf.
»Hm.« Das war eine interessante Wendung. Warum hatte der Vogt offenbar gelogen? »Immerhin war Pietro Euer Diener!«
»Ja, aber nur, weil er ohne Lohn bei uns arbeitete.«
»Ohne Lohn?« Bingo glaubte sich verhört zu haben. Wer arbeitete denn ohne Lohn?
Da stimmt doch etwas nicht, fuhr es Falk durch den Kopf. »Wie lange war er bei Euch?«
»Knapp eine Woche!«
»Oh!«, entfuhr es Bingo.
»Hm.« Falk dachte nach. Eine Woche. Das war nun wirklich nicht lange.
»Nun, Ritter, sagt mir bitte …«
»Eure Enkelin ist in Gefahr!«, unterbrach Falk ihn. »Der Stadthauptmann hält sie für eine Hexe!«
Bis ins Mark erschrocken erbleichte der alte Mann. »Ah! Dann sind wir verloren!«, keuchte er.
»Wird Graf Colleverde Eure Enkelin nicht schützen?«
»Graf Colleverde? Nein! Seit der Vogt bei ihm ist, sieht er überall nur noch Hexen und Hexenmeister! Lucia muss fliehen! Beschützt sie! Ich bitte Euch!« Flehend legte er Falk seine faltigen und von Altersflecken übersäten Hände gegen die Brust. »Bringt sie außer Landes. Ich …«
»Hilfe!«
Ein Schrei drang an ihre Ohren.
»Hilfe!«
»Lucia! Das ist Lucia!« Der Alte setzte sich in Bewegung.
Falk folgte ihm auf dem Fuße. »Schnell, Bingo!«
»Lucia!«, rief der Alte. »Ich komme!«
»Bingo!« Falk drängte erneut zur Eile.
Doch statt ihm zu folgen, rannte Bingo zu seinem Pferd.
»Wo bleibst du denn?«
Mit Falks Pferd im Schlepptau holte er ihn kurz darauf ein. »Ich komme schon! Spring auf, Falk!«
»Oh! Sieh an, du hast ja manchmal sogar einen guten Einfall!« Behände zog Falk sich in den Sattel.
»Das sogar will ich überhört haben!«
»Hilfe!« Ein erneuter Schrei. Sie mussten sich sputen.
»Der Ruf kam von dort drüben!« Bingo deutete in die entsprechende Richtung.
»Galopp, Donner!«
»Hilfe! Ah!«
»Wir kommen, Fräulein Lucia!«
Sie folgten den Rufen in den Wald hinein. Hohe Bäume ragten zu ihrer Linken und Rechten auf. Verschluckten das Sonnenlicht. Der bemooste Boden dämpfte die Klänge des Hufschlags.
»Sie haben mir den Weg abgeschnitten. Ich bin verloren!« Ihre Stimme wurde leiser, verzweifelter.
»Bleibt stehen!«, wies Falk sie an. »Wir sind Freunde.«
Er sah eine junge Frau mit langen blonden Haaren in einem einfachen Kleid davonlaufen.
»So hört doch!«, beschwor er sie. »Wir wollen Euch helfen!«
Endlich blieb sie stehen, lehnte sich mit dem Rücken an einen Baum, als brauche sie den Halt. Furchtsam und eingeschüchtert sah sie ihn mit großen Augen an. »Ist … ist das wahr? Ich kenne Euch nicht!«
»Dies ist Ritter Bingo della Rocca«, stellte Falk seinen Freund und treuen Begleiter vor. »Und ich bin Ritter Falk von Steinfeld.« Er versuchte beruhigend zu lächeln, um ihr die Angst zu nehmen. »Wer bedroht Euch? Warum habt Ihr um Hilfe gerufen?«
»D… Da! Der Vogt und seine Männer! Sie wollen mich umbringen!«
Und tatsächlich, da waren sie auch schon!
»Ritter Falk und Ritter Bingo! Ihr solltet umgehend zu Graf Colleverde reiten und Euch dort zur Verfügung stellen!« Der Hauptmann klang halb überrascht, halb vorwurfsvoll. »Was habt Ihr hier zu suchen?«
»Das fragt Ihr noch, Hauptmann?« Der Vogt schien verärgert. »Das ist doch offensichtlich! Sie wollten die Hexe warnen.«
»Was?«, murmelte Bingo. Das war ein ungeheuerlicher Vorwurf.
»Wir sind ihnen nur zuvorgekommen, weil wir uns dem Anwesen von der Waldseite genähert haben. Der Zufall wollte es, dass die Hexe im Wald war, um Beeren und Kräuter für ihre Teufelstränke zu sammeln.«
»Unsinn!«, widersprach Falk ungehalten. »Fräulein Lucia bereitet Heiltränke aus den Beeren und Kräutern zu. Ihr Großvater hat uns unterrichtet.«
»Ha, ha, ha, Ihr Narren!«, spottete der Vogt abfällig. »Der Alte steckt doch mit der Hexe unter einer Decke!«, behauptete er.
»Wenn Ihr mich umbringen wollt, damit Graf Colleverde die Rente spart, die er mir bezahlen muss, dann tut es! Aber verschont meinen Großvater! Bitte!« Flehentlich faltete sie ihre zierlichen Hände.
Was für eine ungewöhnlich tapfere Frau, dachte Falk und zollte ihr insgeheim Respekt.
»He, he, die Hexe bittet!« Triumphierend lachte der Vogt. Er schien sich des Sieges ziemlich sicher und sah abschätzend auf sie herab.
»Genug mit dem widerwärtigen Unsinn!« Falk reichte es. Entschlossen ging er dazwischen. »Ich dulde es nicht, dass Fräulein Lucia als Hexe bezeichnet wird! Sie steht unter meinem Schutz!« Und nichts und niemand würde daran etwas ändern.
»Oho!« Der Vogt starrte ihn mit vor Wut verzerrtem Gesicht an.
»Nun hört gut zu, Ritter Falk und Ritter Bingo!«, intervenierte der Hauptmann. »Es ist erwiesen, dass Lucia di Fiume eine Hexe ist!«
Da war Falk anderer Meinung, schwieg aber vorerst und ließ den Hauptmann weiterreden.
»Wir wollten das Büchlein verbrennen. Da geschah etwas Entsetzliches!«
»Und was?« Skeptisch zog Falk die Augenbrauen hoch.
»Der Vogt war außerstande, das Büchlein ins Feuer zu werfen. Es klebte sozusagen an seinen Fingern! Und plötzlich wurde der Vogt von dem Büchlein davongerissen.«
»Wie?« Falk verstand nicht, und auch Bingo sah ratlos aus. Wovon sprach der Hauptmann da gerade?
»Er sträubte sich und schrie um Hilfe, aber es half alles nichts. Er musste auf sein Pferd springen und davongaloppieren. Wenig später fanden wir den Vogt. Er hing an einem Busch in der Steilwand über dem Meer. Es war ihm gelungen, das Büchlein hinabzuwerfen, aber es hatte ihn aus dem Sattel gerissen! Was sagt Ihr nun?«
Falk musste sich zurückhalten. Was sollte er dazu sagen? Glaubte der Hauptmann tatsächlich an seine eigenen Worte, die so unglaublich klangen, dass Falk gelacht hätte, wenn die Lage nicht so ernst gewesen wäre? Er hatte ihn eigentlich für einen vernünftigen Menschen gehalten. »Ich habe nie in meinem Leben einen größeren Unsinn gehört!«
»Das kann man wohl sagen!«, stimmte Bingo zu. »Wenn Dummheit schlecht röche, wären wir vor Gestank schon ohnmächtig aus dem Sattel gesunken!«
Falk beharrte auf seinem Standpunkt. »Dem Vogt scheint sehr viel an dem Büchlein zu liegen. Er wollte es unter allen Umständen vor den Flammen retten. Er hat Eure bodenlose Dummheit ausgenutzt und Euch etwas vorgespielt!«, warf er dem Hauptmann vor. Dann wandte er sich an den Vogt. »Mein Kompliment, Vogt, Ihr seid nicht auf den Kopf gefallen.«
»Ich gehe auf Euer Gewäsch nicht ein! Bleibt Ihr dabei, dass Ihr die Hexe in Schutz nehmt? Antwortet!«, forderte er barsch.
»Selbstverständlich!« Falk reckte sein Kinn empor.
Der Hauptmann sah zwischen den beiden hin und her. »Hm …«
»Der Hauptmann und ich beraten uns einen Augenblick! Haltet sie in Schach, Männer!«
»Zu Befehl, Vogt!«
*
Während die Bewaffneten die beiden Ritter im Auge behielten, ritten der Hauptmann und der Vogt ein Stück zur Seite, um sich in Ruhe zu unterhalten.
»Was nun, Vogt? Wir müssen unseren ursprünglichen Plan aufgeben! Vielleicht wäre es besser, die Hexe in Ruhe zu lassen.«
»Wie?« Der Vogt schien da anderer Ansicht zu sein. »Seid Ihr von Sinnen, Hauptmann? Diese gefährliche Höllenbrut muss unschädlich gemacht werden, sonst Gnade uns allen Gott!«
»Ja, aber sie ist doch jetzt gewarnt! Wir können es nicht mit ihr aufnehmen! Sie wird all ihre höllischen Künste gegen uns aufbieten. Wir …«
»Noch ist sie schwach, Hauptmann! Das müssen wir ausnutzen! Der Zauberbann, in den sie das teuflische Büchlein gehüllt hatte, das Gott sei Dank nun auf dem Meeresgrund ruht, ist ein schweres Zauberwerk gewesen. Es wird eine Weile dauern, bis die Hexe wieder über die Kraft verfügt, um mit der Hölle in Verbindung zu treten.«
»Ihr glaubt …«
»Aber sicher!«, unterbrach er ihn. »Überlegt doch selbst! Wäre die Hexe jetzt im Vollbesitz ihrer satanischen Kräfte, wären wir nicht mehr am Leben.«
Er dachte nach, krauste die Stirn. »Großer Himmel!« Erst jetzt schien dem Hauptmann das tatsächliche Ausmaß klar zu werden. »Ihr habt recht! Wir müssen schnell handeln! Aber die beiden fremden Ritter …«
»Da sie eine Hexe in Schutz nehmen, stellen sie sich außerhalb des Gesetzes. Sie werden mit ihr in den Flammen umkommen!« Ein diabolisches Grinsen schlich sich auf sein Gesicht.
»Gut!«
*
Falk und Bingo warteten währenddessen ungeduldig auf die Rückkehr der beiden. Ihnen war bewusst, wie ernst die Lage war. Dass erneut ihre Leben in Gefahr waren. Und auch das von Lucia.
Endlich sah Falk die beiden Männer zurückkommen. Doch ihre Mienen verhießen nichts Gutes.
Falk spannte sich an und warf Bingo einen vielsagenden Blick zu.
Bingo nickte verstehend; Worte waren zwischen ihnen nicht nötig. Sie kannten sich inzwischen gut genug.
»Nun, Vogt?« Erwartungsvoll sah Falk ihn an.
»Überwältigt sie, Männer!«, befahl dieser.
Damit hatte Falk gerechnet. »So haben wir nicht gewettet! Da!«
Er schlug dem Kerl vor ihm die Faust ins Gesicht.
»Ah!«
Bingo folgte seinem Beispiel, nahm sich denjenigen vor, der ihm am nächsten war und gerade auf ihn losgehen wollte. »Zurück, Kerl!«
Ehe die Männer ihrer habhaft werden konnten, hob Falk Lucia vor sich in den Sattel. »Kommt! Wir verschanzen uns im Haus!« Mit der jungen Frau vor sich preschte er los.
Bingo folgte ihm. »Macht Platz da, Kerle! Lasst uns durch!«
Doch kaum hatten sie sich ein Stück von den Angreifern entfernt, zog Bingo sein Pferd herum und schlug eine andere Richtung ein. »Halte aus, Falk! Ich reite zu Graf Colleverde! Er wird für Gerechtigkeit sorgen!«
Zuerst war Falk überrascht, dann nickte er schließlich. »Einverstanden!«
»Ihnen nach!« Der Befehl des Vogts hallte durch den Wald. »Gianni, Berto, benutzt eure Schleudern!«
»Aber … er ist ein Ritter!«
»Kein Aber! Wollt ihr, dass die Hexe Zeit gewinnt, um höllische Kräfte zu sammeln? Wollt ihr, dass sie uns alle in Molche oder Schlimmeres verwandelt?« Ja, er nutzte ihre Angst, um ihre Loyalität wiederzubekommen.
»N… nein!«
»Dann schleudert eure Bleikugeln!«
Augenblicke später spürte Falk einen scharfen Schmerz an seinem Kopf. Eine der Kugeln musste ihn getroffen haben! Er kämpfte gegen die aufkommende Dunkelheit – doch vergebens. Das Aufschlagen seines Körpers auf den Boden spürte er schon nicht mehr.
Lucia schrie erschrocken auf, als sie mit Falk aus dem Sattel stürzte.
»Der Fettwanst darf auch nicht entkommen! Ihr vier reitet ihm nach!« Der Vogt deutete in die Richtung, in die Bingo geritten war. Dann stieg er neben dem bewusstlosen Falk und der neben diesem liegenden Lucia ab. »Schnell, Männer, fesselt die Hexe und Ritter Falk, bevor sie wieder zu sich kommen!«
»Lucia!« Aufgeregt kam Ottavio di Fiume angelaufen. Er hatte das Geschehen aus nächster Nähe beobachtet und wollte natürlich zu ihr.
Doch einer der Männer schlug ihn so hart, dass er hinfiel. »Hände weg, alter Hexenmeister!«
Stöhnend blieb er liegen und hielt sich die Hand vor das Gesicht. »Ich … ich werde mich bei Graf Colleverde beschweren!«, murmelte er.
»Du kannst dich beim Teufel beschweren!«, erwiderte der Kerl ungerührt.
*
Inzwischen hatte Bingo sich dem Meer genähert. Tiefblau lag es ruhig vor ihm. Es wirkte nahezu idyllisch.
Falks Vorsprung war groß genug. Bestimmt ist es ihm gelungen, sich mit Lucia und ihrem Großvater im Haus zu verbarrikadieren, dachte er. Hoffte er.
Bei einem Blick über die Schulter musste er feststellen, dass man ihn verfolgte.
»Oh!« Das war gar nicht gut.
Der kleine Trupp kam rasch näher und holte bedrohlich auf. Die Kerle waren wirklich hartnäckig, das musste er ihnen lassen.
Er drückte seinem Pferd die Hacken in die Flanke, sah sich erneut kurz um.
Verdammt! Der eine hat eine Schleuder!
Er duckte sich gerade noch rechtzeitig; hörte das Sirren der Kugel nah an ihm vorbei. Sie verfehlte ihn um Haaresbreite, traf dafür sein Pferd am Kopf.
Das Tier wieherte schmerzvoll, kam ins Straucheln und stürzte. Obwohl Bingo sich krampfhaft festhielt, konnte er nicht verhindern, dass er aus dem Sattel geschleudert wurde.
»Schnell, Leute!«, hörte er einen der Verfolger. »Er rollt über die Kante!«
Die Kante? Welche Kante?, dachte er und spürte auch schon, wie er fiel.
»Junge, Junge, um den brauchen wir uns nicht mehr zu kümmern!«, war das Letzte, was er hörte, ehe er im kalten Wasser untertauchte. Für einen Moment raubte es ihm den Atem, und er glaubte, dass sein Herz stehen blieb. Doch dann kam er wieder an die Oberfläche, hustete und spuckte einen Schwall Wasser aus.
Zu seinem Bedauern waren die Kerle immer noch da. Offenbar hatten sie sichergehen wollen, dass er tot war.
»Oh!«
»Er taucht wieder auf!«
»Ja. Schnell, werft mit Felsblöcken nach ihm!«
Ehe Bingo reagieren konnte, fielen auch schon die ersten Steine ins Wasser und verfehlten ihn nur knapp. »Allmächtiger!«, entfuhr es ihm. Dann holte er tief Luft und tauchte unter.
»Werft noch mehr Felsblöcke!«
»Na schön! Aber der dicke Ritter taucht bestimmt nicht wieder auf!«
Ein regelrechter Regen ging auf Bingo nieder, und er hatte alle Mühe, den Steinen auszuweichen.
»Na, jetzt reicht es aber!«
»Seht! Da treibt sein Barett, das ist alles, was von ihm übrig geblieben ist!«
»He, he, he!«
Die Männer wandten sich von der Steilwand ab.
»Was ist mit seinem Pferd?«
»Es hat nur eine Beule, sonst fehlt ihm nichts. Es ist ein schönes Tier.« Er streichelte ihm über den Hals. »Ich schätze, der Vogt wird es für sich behalten.«
»Soll er«, meinte ein Dritter. »Wir teilen uns das Geld aus der Satteltasche, bevor wir zurückgehen!«
»He, he!« Der vierte Kerl lachte verschlagen. »Wir sagen einfach, die Satteltasche sei mit dem dicken Ritter ins Meer gefallen!«
Gierig teilten sie auf dem Boden sitzend die Beute unter sich auf. »So, das wär‘s! Wirf die Satteltasche des dicken Ritters ins Wasser. Wir reiten zurück!«
»Das hat sich gelohnt!« Der Beutel in seiner Hand wog schwer. Was er sich davon alles würde leisten können!
»Ja.« Er warf die nunmehr leere Tasche über die Klippe in die Tiefe.
*
Irgendetwas klatschte neben Bingo auf die Wasseroberfläche. Als er den Kopf wandte, sah er, dass es die Satteltasche war. Und so, wie sie aussah, war sie leer.
Diese Teufel!, dachte Bingo, der sich unter einem Felsvorsprung versteckt hatte. Wenn ich nicht rechtzeitig weggetaucht wäre, hätten sie mich mit ihren Felsbrocken erschlagen! Nicht genug damit, dass ich, der herrliche, einmalige, großartige Bingo della Rocca, mich wie eine Wasserratte vor einer Meute von Hunden verstecken muss, nein, ich werde auch noch ausgeplündert!
Er wartete noch eine Weile. Lauschte. Doch außer dem Schlagen der Wellen ans Ufer und fernem Vogelschrei vernahm er nichts.
Hm, sie scheinen fortgeritten zu sein. Hoffentlich irre ich mich nicht!
An einem weniger steilen Abschnitt kletterte er hoch, nachdem er sein Barett aus dem Wasser gefischt hatte. Als er wenig später über die Kante spähte, erblickte er – nichts.
Mein Pferd haben sie natürlich mitgenommen! Diese Bastarde!
Er setzte sich und dachte nach, während seine Kleider langsam begannen zu trocken.
Junge, Junge, bis ich zu Fuß auf der Burg des Grafen angelangt bin und mit Hilfe zurückkehren kann … Nein, das hat keinen Sinn!
Er sprang auf und gestikulierte wild.
Mit mir rechnet niemand! He, he, aber der herrliche Bingo della Rocca ist ein gewaltiger Held, besonders, wenn er überraschend zuschlägt.
Бесплатный фрагмент закончился.
