Читать книгу: «Schneesturm im Hochsommer»
Über dieses Buch
Meinrad Inglin ist einer der bekanntesten Unbekannten, seinen Namen kennen fast alle, seine Werke die wenigsten. Dabei ist er ein grosser Könner in einem grossen Spektrum unterschiedlicher literarischer Genres, stilistisch abwechslungsreich und sprachlich wohlkomponiert.
«Schneesturm im Hochsommer» versucht, sein vielfältiges Schaffen abzubilden und damit einen literarisch hochinteressanten und oft überraschend aktuellen Schweizer Klassiker wieder breiter bekanntzumachen.
«Inglin ist seit Jahren genau der, von dem viele sagen, man hätte ihn ‹nicht auf dem Schirm› und der deshalb allen so präsent ist. Die Frage ist doch vielmehr: Was macht den Kerl so interessant, dass er nicht verschwindet? Er hat nie auf Effekt geschrieben. Er hat versucht, Verhältnisse zu beschreiben, wie sie sind. Eine Haltung, die nach dem ganzen postmodernen Klimbim auf eine neue Art interessant ist.» Peter von Matt

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Meinrad Inglin (1893–1971) Sohn eines Goldschmieds, Uhrmachers und Jägers, wurde mit siebzehn Jahren Vollwaise. Uhrmacher- und Kellnerausbildung, trotz fehlender Matura Studium der Literaturgeschichte und Psychologie in Bern, Genf und Neuenburg. Tätigkeit als Zeitungsredaktor, während des Ersten und Zweiten Weltkriegs Offizier im Grenzdienst. 1922 als Journalist in Berlin, danach als freier Schriftsteller in Schwyz.
Meinrad Inglin
Schneesturm im Hochsommer
Erzählungen
Herausgegeben von Ulrich Niederer
Nachwort von Usama Al Shahmani
Limmat Verlag
Zürich
Die entzauberte Insel
Am Rande des Inselgehölzes, unter verwachsenen wilden Laubbäumen, von denen ein paar Äste fast bis auf das Wasser herabhingen, schob sich ein junges Gesicht durch das niedere Gesträuch, ein nackter Arm folgte behutsam und stützte sich auf einen bemoosten Block des schmalen felsigen Ufers. Eine Wasserjungfer hielt in der Luft vor dem Gesichte zitternd an und flitzte wieder weg. Der Jüngling schaute in eine Lücke des dünnen Schilfgürtels hinein auf frisch erblühte weiße Seerosen und spähend in das klare Wasser hinab. Er sah dort unten zwischen den langen weichen Blattstengeln und weiter draußen gegen den abfallenden Grund einen Schwarm fremdartiger Fische; sie glichen großen, auf der Kante ruhenden Silberhänden, und es kam ihm geheimnisvoll vor, wie sie, gegen Osten gerichtet, unter den Seerosen und ihren schwimmenden grünen Blättern in verschiedener Tiefe regungslos verharrten. Nach einer Weile blickte er auf und sah draußen den See im heißen Sonnenlichte flimmern, während dieser Uferstreifen im Schatten lag, er sah das grüne Dach der überhängenden Äste, die schneeweißen Blüten auf dem klaren Wasser, darunter wieder die ruhenden Fische, und er begann mit seinem stillen Gesichte wie in einem wunderbaren Traum erstaunt und glücklich zu lächeln.
Ein Anruf weckte ihn. «Baschi, Baschi!», rief eine jugendliche Stimme, und damit war er gemeint, er hieß Sebastian. Langsam kroch er zurück, stand auf und ging in seiner verwaschenen roten Badehose durch das Unterholz des Inselwäldchens an das gegenüberliegende Ufer. Dort hatten seine drei Kameraden, mit denen er gelandet war, das entliehene, geräumige Stehruderboot des alten Fischers in einer Felsnische festgebunden und machten am Ufer unter Tannen und Buchen ihre Angelruten bereit. Sie fragten ihn, wo er die Würmer verstaut habe. Er gab flüchtig Antwort, teilte ihnen aufgeregt seine Entdeckung mit und griff nach seiner Angelrute.
Da bekamen sie glänzende Augen vor Unternehmungslust und beeilten sich mit ihren Vorbereitungen. Sie waren sechzehn Jahre alt, Lateinschüler, die manchen freien Nachmittag fischend oder badend auf dieser einsamen Insel verbrachten, in einem heiteren Frieden, den sie vor allen Schulsorgen, vor Gewissensängsten, Weltanschauungsfragen und anderen Gespenstern bewahrten. Sie erlitten, wie ihre brüchigen Stimmen, den schwierigen Wechsel, der sie aus Knaben zu jungen Männern machte; hier fanden sie, ohne es recht zu wissen, als Knaben eine letzte Zuflucht und widerstanden auch meistens der eitlen Versuchung, sich untereinander wie Erwachsene zu benehmen. Während sie mit geübten Fingern den Angelhaken in den Regenwurm steckten, meinte der naturkundige Anselm, dass Baschi wahrscheinlich Brachsen gesehen habe, schöne, aber hier nicht eben seltene Fische.
«Ganz klar!», sagte Karl, ein stämmiger, lebhafter kleiner Bursche, dem alles schlüssig über die Zunge kam und dessen Stimmbruch auch am weitesten fortgeschritten war. «Übrigens sind sämtliche Fische in diesem See so genau bekannt, dass von fremdartigen keine Rede sein kann. Und nach deiner Beschreibung, Baschi, können es nur Brachsen sein …»
Robert, ein hübscher, kräftiger Junge in einer keilförmigen, knallroten Badehose, die an seinem wohlgenährten Körper etwas spärlich aussah, schloß die Beratung recht einfach: «Brachsen oder nicht, wenn wir sie nur erwischen. Los!»
Sie gingen, ihre Angelruten hochhaltend, durch das Gestrüpp zum Schattenufer, wo Robert, Karl und Anselm erregt flüsternd ihre Schnüre dicht nebeneinander vorsichtig zwischen die Seerosen hinabgleiten ließen.
Für Sebastian war kein Platz mehr, und er drängte sich nicht hinzu, er hatte die Fische entdeckt und als Erster betrachtet, das genügte ihm, mochten nun die andern die Entdeckung nützen. So ging es ihm oft, und er fand sich damit ab, ja er ahnte auch schon, dass mit diesem Los in Zukunft höhere Dinge zu erwerben waren als die handgreiflichen, die etwa Robert im Sinn hatte. Er war ein tiefgründiger, schüchterner Bursche, der neben seinen nur zum Teil geliebten Schulfächern Gedichte las und geigen lernte, indes die andern sich vorläufig mit Indianergeschichten begnügten. Hier aber lebte er wie seine Kameraden und mit ihnen übereinstimmend, froh, unbefangen und noch ohne Richtung. Er trug die Angelrute an den Platz zurück, den sie Schifflände nannten, und streifte zu seinem Vergnügen ein wenig herum.
Der See mit seinen stillen, von Schilf, Ried und Wald begrenzten, von Bergen hoch umgebenen Ufern glänzte im frühsommerlichen Nachmittagslichte. Die Insel lag dem westlichen Waldufer gegenüber auf einer Klippe, einem unregelmäßig aus dem Wasser ragenden Felskopf, den seit Menschengedenken eine kleine Wildnis bedeckte. Sie war nicht größer als ein mittlerer Dorfplatz, aber voll heimlicher Winkel und Schlüpfe. Sebastian stieg auf eine von jungen Tannen, Kiefern und Stechpalmen bewachsene Kuppe und drüben zu einer Uferstelle hinab, wo zwischen bemoosten Blöcken eine Wildente im Mai zwölf Eier ausgebrütet hatte. Er fand im weich gepolsterten Nest noch Reste der Eierschalen und flaumige Federchen, von denen er sich einige hinter die Ohren steckte. Er kletterte dem Ufer entlang zur Eglibucht und sah einem kleinen Barsch zu, der schwänzelnd halbwegs auf dem Kopfe stand und sein Maul heftig in den kiesigen Grund stieß, dann drang er zwischen Weiden- und Haselbüschen wieder ins Innere, wo Buchen, Eschen, Eichen verschiedenen Alters sich gegenseitig in die Kronen gerieten, und trat zuletzt auf eine sonnige Ufernase hinaus, die sie Hechtekap nannten. Sie fiel mit goldgelb blühendem Ginster schräg ins Wasser hinab; ihr war auf Schritteslänge eine kleine Felsbank vorgelagert, die sich knapp über die Oberfläche erhob. Mit einem weiteren Schritt über das untiefe Wasser erreichte man einen kahlen Buckel, der zu dieser Jahreszeit schon bei leichtem Wellenschlag überspült wurde, aber jetzt zwei Füßen eben noch trockenen Stand gewährte. Diesen Buckel betrat Sebastian, reckte sich in der strahlenden Sonne, blickte auf den See hinaus und blieb da stehen.
Indessen spähten die Übrigen zu den Fischen hinab, die nicht anbeißen wollten. Es waren junge Brachsen, im Vergleich zu gewissen fingerlangen Beutestücken schon recht ansehnliche und daher begehrte Fische, obwohl man ihrer vielen groben Gräten wegen zu Hause die Nase rümpfte, wenn die jungen Fischer großartig mit einem pfündigen Muster davon anrückten. Robert wurde ungeduldig und erklärte, wenn keiner dieser offenbar schon vollen Fresssäcke beißen wolle, so werde er auf andere Art dennoch einen erwischen. Er versuchte nun mit dem leeren Angelhaken einen der Brachsen am Bauche anzureißen.
Anselm runzelte die Stirn. «Hör auf!», rief er. «Das ist nichts, das ist keine Fischerei! Außerdem verscheuchst du sie nur … da, bitte, da ziehen sie ab, kannst ihnen jetzt nachsehen, du Oberfischer!»
Anselm, ein schlanker, sehniger Junge in blauer Badehose, war sehr darauf bedacht, dass mit den Fischen, mit den Tieren überhaupt, keine Schindluderei getrieben wurde, und er duldete zum Beispiel nicht, dass man zwecklos, nur so zum Vergnügen, kleine Fische fing, um sie nachher wegzuwerfen. Er hatte ein längliches Gesicht mit klugen, dunklen Augen, die ausnahmsweise sowohl vor Heiterkeit wie vor Entrüstung sprühen konnten, aber sonst mit einem freundlichen Ernst ins Leben blickten und eine Art verrieten, der man nichts Unedles zutraute. Er verurteilte das unsportliche Benehmen Roberts, doch ihn selber mochte er aus anderen Gründen wieder gut leiden und nahm ihm seinen Verstoß jetzt auch nicht übel, wie denn auf dieser Insel überhaupt nichts übel oder schwer genommen und auch kein triftiger Anlass dazu geboten wurde.
Sie gingen auf andere Plätze, fingen ein paar Gründlinge und kleine Barsche, die sie als Köder an dreifache Angeln steckten, und verteilten sich gespannt zum Hechtfang. Als sich auch dabei vorläufig nichts ereignete, «setzte» jeder die Angelrute, indem er ihre Mitte auf einen Steinblock oder eine Astgabel legte, ihren Schaft in ein Loch steckte oder mit Steinen beschwerte; geduldig stand er dann da, beobachtete den unruhigen Korkschwimmer und ergriff die Rute nur noch, um das ängstlich zum Ufer strebende Köderfischchen behutsam wieder ins tiefere Wasser hinauszuschwingen.
Eine Stunde lang war es still auf der Insel, die Baumkronen standen regungslos im wärmeren Lichte des vorrückenden Nachmittags, ihre Schatten auf dem ruhigen Wasser verschoben sich unmerklich, und im vielfältigen Grün des Ufergehölzes schimmerte da und dort der helle Körper eines jugendlichen Fischers. Ein langschnabliger, wunderbar bunter Vogel, der unversehens aus den Bäumen flog und die Insel umkreiste, brachte wieder alle in Bewegung. Anselm kam hastig dem Ufer entlang zu Sebastian, der, in die laubigen Äste spähend, seinen Platz eben auch verließ, und rief gedämpft: «Ein Eisvogel, ein Königsfischer!» Sebastian hatte ihn gesehen, wie er vom Ufer wieder unter die Bäume geflogen war, sie gingen ihm nach und trafen Karl und Robert, die ihnen wie aus einem Munde zuriefen: «Habt ihr den Eisvogel gesehen?» Sie alle hatten ihn gesehen, einen kleinen rotfüßigen Vogel mit blaugebändertem Nacken, bläulich-grün schillernden Flügeln und seidig glänzender rostroter Brust, und sie zerstreuten sich suchend, um ihn noch einmal vor Augen zu bekommen, doch er war und blieb verschwunden wie im Traum ein flüchtiger schöner Gedanke.
Sie trafen sich wieder und stellten fest, dass heute das Wetter zum Fischen nicht günstig sei. Keiner hatte etwas gefangen. Das verdross sie nicht, sie zogen die Angelruten ein, stiegen ins Wasser und schwammen voller Wohlgefühl herum, bis die Schattenspitze des waldigen Abendberges die Insel streifte, dann brachen sie auf.
Am nächsten freien Nachmittag betraten sie die Insel abermals, gespannt und neugierig wie je, da hier kein Nachmittag ganz dem andern glich. Karl fing denn auch im Verlauf einer Stunde mit Gründlingen zwei viertelpfündige Barsche, worauf alle den Barschen nachstellen wollten und den bewölkten Himmel priesen, der baldigen Regen verhieß. Während sie nun zwischen ihren Fangplätzen und der Schifflände, wo ein Kessel mit Gründlingen und eine Wurmbüchse standen, geschäftig hin und her gingen, kam aber Anselm, Schweigen gebietend, mit erhobenen Brauen und geheimnisvoller Miene aus einem Ufergebüsch und winkte ihnen. «Die Alte kommt», flüsterte er. «Die Schlange.» Sie folgten ihm leise ans westliche Ufer und spähten stumm aus dem Unterholz.
Eine Schlange schwamm auf die Insel zu; den dunklen Kopf über das Wasser erhoben, doch mit den Windungen des geschmeidigen Leibes kaum einmal die Oberfläche berührend, nahte sie rasch und unauffällig. Sie züngelte, als sie landete, man sah ihre gespaltene, fadendünne Zunge und ihre gelben Backenflecken, dann tauchte lang wie ein Menschenarm ihr schwarzgefleckter graubrauner Rücken auf; sie kroch, eine feuchte Spur hinterlassend, über eine schräge Steinplatte und verschwand am Ufer. Es war eine Ringelnatter, die Jünglinge kannten sie und empfanden keinen Abscheu, sie alle hatten schon Nattern aufgehoben, wenn auch nicht ohne einen geheimen leisen Schauder; sie waren übereingekommen, diese alte Schlange, die schon vor ihnen die Insel besucht, ja zu ihr gehört und Unberufene ferngehalten hatte, zu dulden und auch dann nicht zu stören, wenn sie sich nach ihrer Gewohnheit auf den warmen Steinen eines Fangplatzes sonnte. Am Anfang hatten sie freilich noch geschwankt, ob sie die Natter töten wollten oder nicht, dann war dank Anselms Fürsprache und gewissen rätselhaften Andeutungen Sebastians in ihrem unentschieden dämmernden Innern eine achtungsvolle Scheu erwacht, die Scheu vor dem Unheimlichen, Abgründigen, das sie als etwas Wirkliches wenigstens ahnten, obwohl sie nichts darüber aussagen konnten, und für das sie die Schlange heimlich als naturgegebenes Zeichen anzusehen begannen. Sie forschten jetzt nicht nach, wohin sie verschwunden war, sie gingen leise an ihre Plätze zurück, fischten ruhig weiter, ruhiger als vorher, als ob nun sie geduldet würden, doch heiter wie immer, und ruderten am Ende still von dannen.
Oft fuhren auch nur ihrer zwei oder drei zur Insel, manchmal aber kamen wieder andere Eingeweihte mit, Xaver zum Beispiel, ihr ältester Klassenkamerad, siebzehnjährig, ihnen allen ein wenig überlegen um die Erfahrungen dieses einen, entscheidungsreichen siebzehnten Jahres, und dann benützten sie neben dem alten Fischerkahn noch ein kleines Ruderboot.
Als endlich mit heißem Glanz und grell durchblitzten schwülen Nächten ihr Feriensommer anbrach, betraten sie die Uferklippe schon eines frühen Morgens hochbeglückt wie Entdecker ein märchenhaftes Eiland. Anselm schwang als Erster auf der Felsbank des Hechtekaps den kleinen Barsch an der Dreiangel hinaus, und kaum hatte der Korkschwimmer die vom Frühwind gekräuselte Wasserfläche berührt, als er zum freudigen Schreck des Fischers jäh in die Tiefe fuhr. Karl und Robert rannten auf Anselms Ruf herbei und erkannten beim ersten Blick auf die Schnur erregt, dass ein Fisch gebissen hatte. «Warten, warten!», rief Karl. «Nur nicht zu früh ziehen! Gib Schnur!» Anselm tat dies gespannt und schweigend schon selber, er bedurfte keiner Ratschläge. Sie alle hatten als Anfänger erfahren, dass man höchstens die leere Angel aus dem Wasser riss, wenn man zu früh anzog, und sie wussten jetzt, dass der Hecht mit dem lebenden Köder in eine gewisse Tiefe fuhr, nachdem er ihn gepackt hatte, um ihn erst dort unten zu verschlingen. Sie waren nur nicht einig, wie lang man warten müsse, der eine zählte klopfenden Herzens auf zehn, der andere auf fünfzehn oder gar auf zwanzig. «Jetzt!», rief Karl. «Zieh!» Anselm hörte nicht auf ihn, er rollte zuerst noch ein Stück lose Schnur auf, dann aber, während Robert schon draußen auf dem Felsbuckel kauerte, um die Beute in Empfang zu nehmen, dann riss er mit einem Ruck an, und die Rutenspitze bog sich so, dass die drei Fischer in Rufe des Erstaunens ausbrachen und die Größe des Gefangenen bewunderten, eh sie ihn sahen. Anselm zog mit gestraffter Schnur und gebogener Rute den Fisch behutsam und stetig heran, und alle erwarteten atemlos sein Auftauchen; er tauchte auf, verblüfft, wie es schien, ohne Widerstand, ein großer Fisch, ein Hecht. Erst als Robert nach ihm griff, schlug er mit dem Schwanze kräftig aus. Robert fuhr ihm mit der Rechten wie mit einem Raubvogelfang ins Genick und drückte ihm Daumen und Zeigefinger in die Kiemenspalten; er packte ihn so, dass er beim wildesten Zappeln nicht mehr entschlüpfen konnte, und es war zu erwarten, dass dieser entschlossene Junge dereinst auch im Leben nicht anders zupacken würde. Er hob ihn hoch empor und trug ihn lachend ans Ufer. Karl öffnete dem Räuber das scharf bezahnte weite Maul, und Anselm löste ihm die Angel aus dem Schlund, dann stellten sie Gewichtsschätzungen an, die zwischen zwei und drei Pfund schwankten, trugen ihn zum Fischkasten ins Boot und brachen sogleich zu neuen Taten auf.
Sebastian und Xaver beugten sich über den Fischkasten und betrachteten den Hecht. «Er hat ein Gesicht wie ein böser alter Wucherer», sagte Sebastian. «Ich habe einen abgebildet gesehen mit flachem Schädel, tückischen Augen und grämlich vorgeschobener Unterlippe, der hatte diesen Ausdruck.»
«Jawohl, das gibt’s auch im Leben», stimmte Xaver zu. «Leute, die so aussehen, sollte man angeln dürfen; die würden auf jeden Dreck anbeißen.»
Sie schlenderten lachend weg.
Ein blauer Sommermorgen strahlte über dem See, auf der Insel war es still, an ihren laubgrünen, bemoosten und steingrauen Ufersäumen stand da und dort ein ruhig fischender Jüngling, oder einer trat aus dem Schatten der Bäume ins Licht und leuchtete auf, ein anderer wandelte im Innern herum, und es schimmerte von ihm aus Gebüschlücken wie aus der Tiefe des Waldes von Spänen frischgeschälter Stämme. Sie fischten geduldig, wechselten manchmal ihre Plätze und blieben heiter und glücklich, obwohl sie nichts mehr fingen. Um Mittag schwammen sie in den See hinaus, alle in derselben Richtung und leise, um keine Fische zu stören, dann machten sie bei der Schifflände ein Feuerchen, brieten Käse, bähten Brot und kochten Tee, nachmittags fischten sie wieder oder taten nichts, und abends, später als sonst, ruderten sie still von dannen. Hinter ihnen glühte der Abendhimmel gewaltig auf, glühte sie an und glühte goldrot aus dem Wasserspiegel wider, zwei Reiher flogen über sie hin, und vom östlichen Berghang blitzten wie große feurige Sterne die Fensterscheiben menschlicher Wohnungen. Sie ruderten dem Ufer zu, wo sie ihre Kleider geborgen hatten, zufrieden mit dem Tag und freudig schon den nächsten bedenkend, in einem tieferen Frieden, als sie bei ihrer Unkenntnis der lauten Welt ermessen konnten, und durch ihre ungebrochene Jugend noch in einem letzten Einklang damit.
Eines Nachmittags aber, als sie geduldig hinter ihren Angelruten standen, kam Xaver dahergerudert, und auf dem vorderen Rand des kleinen Bootes saß ein Mädchen im Badekleid, Ilse, seine Base. Sie kannten sie nicht, hatten aber von ihr gehört und wussten, dass sie aus der Stadt, wo sie wohnte, zu Xavers Eltern in die Ferien gekommen war. Xaver hatte ihnen angekündigt, dass er sie auf die Insel mitbringen werde, und das tat er nun also. Es war seine Sache, es ging sie nichts an, die Insel war groß genug, um auch einem Mädchen noch Platz zu bieten. Sie sahen dem Besuche kühl entgegen und wollten sich nicht stören lassen.
Vetter und Base kehrten einander den Rücken. Die Base ließ ihre nackten Beine über den vorderen Bootsrand hinabhängen und schleifte die Zehen durch das laue Wasser. In der Nähe der Insel wandte sie sich nach Xaver um, schaute dann lächelnd auf die Fischer am Hechtekap, schwang die Beine ins Boot, zog Badeschuhe an und setzte sich ordentlich hin. Sie war fünfzehn Jahre alt.
Die Fischer, Robert und Anselm, standen ruhig da und schienen nichts anderes zu beachten als den Korkschwimmer. Sie fanden es immerhin ungewöhnlich, dass sie im Badekleid kam; sie hatten noch kein badendes Mädchen in der Nähe gesehen, da in der hiesigen Badeanstalt die Geschlechter streng getrennt waren. In der Stadt aber gab es natürlich Strandbäder, wo alles kunterbunt durcheinander badete, das war ganz natürlich, und sie brauchten kein Wort darüber zu verlieren.
Xaver ruderte in einem wohl bedachten Abstand am Kap vorbei zur Schifflände, legte an, ließ die Base aussteigen und machte das Boot fest. Niemand war zum Empfang da.
«Du, das ist aber reizend hier», sagte Ilse.
«Hab ich dir ja gesagt. Geh nur ein bisschen herum und schau alles an! Ich mache jetzt die Fischrute bereit.»
Ilse ging leise ins Gehölz hinein, sah sich neugierig lächelnd um und stieg drüben auf eine Uferklippe der Eglibucht, wo sie verblüfft mit der Hand zum Munde fuhr, um einen Laut zu unterdrücken. Unter ihr kletterte ein Junge in einer verwaschenen rötlichen Badehose auf den Steinen herum, er hatte ein Haselrütchen in der Hand und blickte an verschiedenen Stellen aufmerksam ins Wasser hinein. Sie schaute ihm erheitert zu, gespannt und jeden Augenblick gewärtig, entdeckt zu werden.
Sebastian, der hier kleinen Barschen nachstellte, sah sie denn auch plötzlich, verharrte wie gebannt in seiner kauernden Haltung und staunte zu ihr hinauf. Er hatte gewusst, dass Xaver mit der Base dahergerudert kam, aber nun sah er ein schönes Mädchen in einem leuchtend blauen Stoff, der den leicht gebeugten schlanken Körper nicht verhehlte, mit nackten Beinen, Armen und Schultern, mit einem braungelockten Kopf und heiteren Augen. Er sah sie wie eine märchenhafte Erscheinung im blättergrün gedämpften Sonnenlicht dort oben stehen und zu ihm hinablächeln, und sein empfängliches Herz begann heftig zu schlagen.
Ilse sah das gutmütige Jungengesicht mit der Stumpfnase, das schweigend zu ihr hinauf staunte, und fand auch ihrerseits kein passendes Wort, sie lachte nur in leisen, hohen Tönen auf, belustigt von der Überraschung des regungslos Kauernden, und trat zurück.
Sebastian setzte sich offenen Mundes auf einen Stein, und sein Herz schlug heftig weiter. Er sah sie noch greifbar vor sich, und sie war ganz anders, als man sich die Base eines Kameraden vorstellt, sie stand ihm vielmehr vor Augen wie im Traum eine heitere junge Halbgöttin, von der man augenblicklich bezaubert wird, ohne sie im Einzelnen genau zu sehen und den Grund des Zaubers zu erkennen. Sie war süß und vollkommen, schöner als jedes andere Wunder dieser geliebten kleinen Insel. Langsam erhob er sich und schaute auf der Uferklippe die Stelle an, wo sie gestanden hatte, dann blickte er vorsichtig herum, ob niemand zusehe, und legte seine Hände auf die Stelle. Von einer ihm unbekannten verwirrenden Wärme durchhaucht, stieg er auf die Klippe und schlich spähend in das Gehölz hinein, bis er Stimmen hörte. Er sah gegen das Hechtekap hin die Halbgöttin in Begleitung ihres Vetters aus dem Grünen schimmern und erkannte Roberts brennend rote Keilhose, die sich ihr vom Kap her zögernd näherte. Scheu blieb er im Gebüsche stehen und sah zu.
Xaver stellte dort den Kameraden seine Base vor. «Das ist nun also meine Kusine, Fräulein Ilse», sagte er und nannte darauf die Namen der jungen Herren. Anselm nickte nur errötend, ohne ihre Hand zu ergreifen, trat einen Schritt zurück und blieb mit einem scheuen, ungläubigen Blick auf das halbnackte Fräulein befangen stehen. Robert errötete ebenfalls und griff mit der Rechten vor Verlegenheit oder Aufregung zuerst fehl, aber dann erwischte er die schmale Hand und umschloß sie fest wie einen Fisch. Karl, der auch hinzugekommen war, benahm sich auffallend gewandt, obwohl er als der kleinste Mann hier wenig vorstellte, er rückte stramm die Fußballen zusammen, verbeugte sich leicht und sagte, dass er sich freue, Fräulein Ilse als Gast auf dieser Insel begrüßen zu dürfen; darauf trat er ein wenig zurück und schwieg.
Ilse selber blieb unbefangen und lächelte jeden der Herren mit derselben freundlichen Neugier an.
Xaver, der die Befangenheit seiner Kameraden erkannte und ihnen darüber hinweghelfen wollte, schloss die Vorstellung scherzhaft, aber offenbar ganz unangebracht: «Bei uns zu Hause hat das Fräulein natürlich einen Rock an.»
Ilse stieß einen schnippisch missbilligenden Laut aus und schüttelte den Kopf gegen ihren Vetter, dann fragte sie: «Habt ihr schon etwas gefangen?»
Karl trat vor und erklärte: «Heute noch nicht. Das Wetter ist nicht besonders günstig zum Fischen. Es kommt nämlich sehr auf das Wetter an. Vielleicht wird es gegen Abend besser. Aber es ist noch nicht lange her, da habe ich zum Beispiel nacheinander zwei halbpfündige Barsche herausgezogen. Und kürzlich haben wir einen großen Hecht gefangen. Dann gibt es hier noch Brachsen, Haseln, Rotteln …»
Anselm ließ Karl reden und kehrte an seinen Fangplatz zurück. Robert folgte ihm, statt seinen eigenen Platz aufzusuchen, sah sich mehrmals nach Ilse um und sagte leise: «Verdammt noch mal! So hab ich sie mir nicht vorgestellt.»
Anselm nahm schweigend die Hechtrute auf und begann zu fischen.
«Hast du gesehen, was für Beine sie hat?», fuhr Robert fort. «Klassische Beine, kann ich dir sagen. Überhaupt, wie sie gewachsen ist! Und ein Badkleid hat sie, so etwas gibt’s bei uns nicht. Es liegt ganz eng an, hast du das gesehen?»
Anselm hatte es nicht geradezu übersehen, doch er hatte vor allem den unländlichen schmalen Schnitt ihres kindlich beseelten Gesichtes bemerkt und einen so freundlichen, klugen und offenen Blick auf sich gefühlt, wie ihn die einheimischen Mädchen in ihrer spröden Befangenheit nicht besaßen. Er zuckte über Roberts Wahrnehmungen die Achsel.
Robert merkte das kaum, er hatte auf seine Art Feuer gefangen und musste reden. «Sie ist ein Jahr jünger als wir, aber du, sie hat schon ganz reizende kleine Brüste, ist dir das nicht aufgefallen?»
«Sieh du lieber einmal nach, wie’s mit deiner Fischrute steht!»
Robert winkte ab, als ob ihm das Fischen gleichgültig geworden wäre, er hatte dagegen noch dies und jenes zu erwähnen und ging erst, als er durchaus kein Gehör dafür fand; leicht befremdet und nun seinerseits die Achseln zuckend, begann er vor sich hin zu pfeifen, ging und strich dem Mädchen nach.
Ilse blieb nicht lange, sie wollte noch ein wenig herumfahren, und Xaver ruderte sie weg. Sie kehrte der Insel den Rücken, aber dann wandte sie sich auf ihrem Sitz anmutig um und winkte. Karl und Robert standen auf dem Hechtekap und winkten auch, Anselm stand, ohne zu winken, hinter ihnen im Gebüsch, und noch weiter hinten schaute Sebastian aus dem Schatten der Bäume mit traumverlorener Miene dem ruhig fortgleitenden Boote nach.
Wenige Tage darauf betrat Ilse die Insel zum zweiten Mal. Hochsommerschwüle lag auf dem See, die Mücken tanzten dicht über dem Wasserspiegel, die Fische sprangen, und hoch im flimmernd blauen Himmelsgrunde standen gewaltige weiße Wolkenballen. Die jungen Fischer kannten die Gunst dieses gewitterverheißenden Nachmittags, sie hatten untereinander den bevorstehenden Besuch mit keinem Worte erwähnt und schienen nun eifrig beschäftigt. Karl aber konnte sich nicht enthalten, das Fräulein auf seinen Fangplatz einzuladen. «Fräulein Ilse, jetzt passen Sie auf», sagte er, «jetzt werde ich Ihnen einmal etwas vorfischen.» Ilse sah, wie der stramme und eifrige Bursche den Köder an der langen Rute weit hinausschwang, und hörte eine Weile gutmütig seinen Erläuterungen des Hechtfangs zu, aber als der Hecht nicht beißen wollte, begann sie sich zurückzuziehen. «Wenn Sie noch einen Augenblick Geduld hätten …», rief Karl, «ich werde es jetzt mit einem Egli versuchen, mein Gründeli da ist schon zu matt …»
Ilse hörte nicht recht darauf, sie ging ein wenig spazieren und traf an der Schifflände ihren Vetter Xaver. «Ich möchte am liebsten baden», sagte sie. «Aber wenn sie hier alle fischen …»
«Ja, es ist ein fabelhaftes Fischwetter, weißt du», erwiderte Xaver und suchte sich im Kessel ein Köderfischchen aus.
«Ach ja! Eben war ich bei diesem … wie heißt der Kleine, der so viel schwatzt?»
«Karl?»
«Ja, der. Er wolle mir etwas vorfischen, sagte er, und dann schwatzte er mir nur die Ohren voll. Er hat krumme Beine. Ich finde ihn komisch …»
Karl stand zu seinem Unglück ein paar Schritte hinter ihnen und hörte es, er war hierhergekommen, um den Köder auszuwechseln, und hatte nur darauf gewartet, dass Xaver den Kessel freigab. Jetzt wartete er nicht länger, er ging mit geröteter Stirn an seinen Platz zurück und blieb dort stehen, tief gekränkt, ja erbittert und im Augenblick unfähig, sich aus diesem Wirrsal von Weh und Zorn herauszufinden.
«Du solltest nicht auf die Beine sehen», entgegnete indessen Xaver seiner Base. «Übrigens gibt es noch krümmere. Karl spielt sich ja ein wenig auf, aber das tun die Kleinen meistens, wenn sie Rasse haben. Und was sein geöltes Maul betrifft, das kann er später brauchen, er will Advokat werden. Er ist ein ganz patenter Bursche.»
«Ja, kann schon sein … Aber dann ist da noch einer, den du mir noch gar nicht vorgestellt hast …»
«Baschi, jawohl! Ein feiner Typ und sehr intelligent. Er ist etwas scheu … aber vielleicht macht er sich nichts aus dir, du kannst nicht verlangen, dass dir hier alle den Hof machen wie Robert …»
«Pf! Ich weiß nicht, was er von mir will … Aber jetzt geh’ ich diesen Baschi suchen.»
Sebastian saß auf einem Stein zwischen Fels und Gestrüpp einer verborgenen Uferstelle. Er hatte die Hechtrute gesetzt, aber der Korkschwimmer lag still, und an der Angel war kein Köder mehr. Er blickte ins Wasser hinein und sah kleine Weißfische nach Mücken schnappen, er sah zwischen schlammgrauen Steinen einen Barsch auftauchen und sah eine Wasserjungfer auf dem grünen Teller eines Nixblumenblattes landen, aber er freute sich nicht darüber. Er empfand mit seinen äußeren Sinnen den Frieden, die Stille und Wärme des Inseltages, aber in seinem Innern hatte er nichts mehr damit zu tun, dort zitterte alles vor Spannung und strahlte eine sanfte Glut aus, die noch auf seinen Wangen widerschien. Er stand unruhig auf und spähte über die Böschung weg durch Buschlücken ins Wäldchen hinein, er setzte sich wieder, schaute ins Wasser und spürte von neuem, dass die Wunder der Insel ihn nicht mehr lockten. Er allein wusste, was seine Kameraden erst ahnten, dass hier der alte Zauber gewichen war, in dessen Bann sie gestanden hatten, und er trauerte darüber. Aber vom Grunde dieser leisen Trauer lohte sein Herz wie eine Flamme vom Opferaltar dem halbgöttlichen Mädchen entgegen, das die Insel entzaubert und alle ihre Eigenschaften in einer geheimnisvollen süßen Steigerung auf sich vereinigt hatte. Er wagte nicht, ihr selber zu begegnen, er hätte denn fähig sein müssen, zu singen, zu knien oder zu schweben; mit dem Reste seiner Vernunft stellte er fest, dass dies nicht anging, da zwischen seinem Entzücken und der wirklichen Lage ein Unterschied bestehen könnte. Ein Schimmer ihrer nackten Schultern, die Anmut einer flüchtig wahrgenommenen Bewegung oder ein verwehender Silberklang ihres Lachens genügten, ihm Herz und Seele berauschend mit ihrer Gegenwart zu erfüllen.
Nun suchte aber Ilse den Verborgenen und fand ihn. Sie kam im Wasser dem Ufersaum entlang, ein wenig schwankend, mit ausgebreiteten Armen, um sich auf dem steinigen Grund im Gleichgewichte zu halten, und stand mit einem leisen Laut der Überraschung plötzlich vor ihm.
«Störe ich?», fragte sie.
«Nein, nein!», entgegnete er, heftig errötend.
«Es ist furchtbar, auf den Steinen hier zu gehen … Ja, ich möchte nämlich nicht stören, es soll ja so günstiges Fischwetter sein …»
«Ja», sagte er, und ein Lächeln tiefster Verlegenheit zog über sein gutmütiges Gesicht.
«Noch nichts gefangen?»
«Nein!»
«Dann ist es vielleicht doch nicht so günstig … die andern haben auch noch nichts gefangen … Aber jetzt geh’ ich hier nicht weiter, es ist wirklich furchtbar …» Sie stieg aus dem Wasser und blickte, drei Schritte von Sebastian entfernt, ins Ufergestrüpp hinein. «Hier wird man wohl durchkommen … oder hat’s hier Dornen?»
«Ich glaube nicht, nein.»
Sie kletterte über zwei kleine Felsblöcke hinauf, verweilte einen Augenblick, schlüpfte ins Gebüsch und verschwand.
Offenen Mundes stand Sebastian da, hastig atmend, eine wechselnde Röte auf Stirn und Wangen, verwirrend beschämt und beglückt zugleich und in dieser Verwirrung ganz ohne Urteil über das eben Geschehene.
Ilse schlenderte zu ihrem Vetter hinüber, der wieder mit Würmern fischte und einen ansehnlichen Hasel gefangen hatte, den er eben von der Angel nahm.
«Ilse, halt mir den Hasel da!», rief er zum Scherz und streckte ihr den zappelnden schleimigen Fisch hin.
«Äh pfui!», rief sie, mit beiden Händen abwehrend.
Er lachte sie aus, ließ den Fisch in den Kessel gleiten und nahm einen neuen Wurm aus der Büchse. «Hast du den Baschi jetzt getroffen?», fragte er.
«Hach ja … du, das ist ein Blöder!»
«Du hast eine Ahnung!»
«Der Netteste hier ist noch Anselm, finde ich.»
«Außer mir, hoffentlich!»
«Uh, du Dreckfink!», rief sie mit einem Blick auf den Wurm, der sich in Xavers Fingern ringelte, wich zurück, schüttelte Kopf und Schultern, dass die Locken flogen, und lief weg.
Anselm stand an der Eglibucht und fischte auf Hechte. Er hielt mit beiden Händen die lange Rute und beobachtete den Schwimmer, aber manchmal vergaß er das auch und begann etwas anderem nachzusinnen, das mit dem Fischen nichts zu tun hatte. Er sann unbestimmt und müßig dem Mädchen Ilse nach, er sah ihr feingeformtes Gesicht, bedachte den freundlich offenen Blick, den sie bei der Vorstellung auf ihn gerichtet hatte, und fand sie sympathischer als alle ihm bekannten Mädchen. Er fand es fast wider seinen Willen und folgerte nichts daraus, denn im Grunde spürte er, wie sehr sie als Unberufene die Heimlichkeit des Inselfriedens bedrohte. Als er sich einmal umwandte, stand sie seitlich hinter ihm und blickte unbefangen auf den Korkschwimmer hinaus.
«Darf man ein wenig zusehen?», fragte sie.
«Ja gern!», erwiderte er und blickte auch seinerseits auf den Schwimmer. Nach einer Weile schaute er sie flüchtig an und sagte: «Kurzweilig ist es zwar nicht, einem Fischer zuzusehen.»
«Nein, nicht immer. Aber vielleicht fangen Sie etwas … Xaver hat vorhin etwas gefangen, einen Hasel, glaub ich.»
«So? Ja … damit kann man wenig anfangen.»
«Kann man Hasel nicht essen?» Sie trat einen Schritt vor und stand an seiner Seite.
«Doch, gebacken geht’s, aber es ist nichts Besonderes.»
Ilse schwieg darauf, sie wollte nicht den Eindruck erwecken, als ob sie hierhergekommen sei, um zu schwatzen. Die Hände mit den Daumen oberhalb der Brust in die schmalen Tragbänder des Badekleides eingehängt, stand sie gelassen da und schien es ganz in Ordnung zu finden, dass auch Anselm schwieg.
Er hätte nicht für möglich gehalten, dass man halb nackt so unbefangen nebeneinanderstehen könnte, und war froh, dass man es konnte. Es bewies ihm, dass sie ein natürliches, ernsthaftes Wesen war und keine liederliche Nixe, aber auch keine gezierte Unschuld, die sich schämen musste in ihrem enganliegenden Badekleid, mit ihren entblößten Schultern, Armen und Beinen; es bewies ferner, dass er erwachsen und reif genug war, um so etwas ohne Scheuklappen ertragen zu können und sich seiner eigenen Nacktheit nicht vor ihr schämen zu müssen.
«Essen Sie gern Fische?», fragte er.
«Ja, wenn sie nicht zu viel Gräten haben. Bei uns zu Hause gibt’s fast jeden Freitag Fische, aber Meerfische, glaub’ ich …»
«Süßwasserfische sind auch nicht zu verachten, Hechte oder Barsche zum Beispiel. Am besten sind ja allerdings Forellen …»
«Uh ja, die hab’ ich gern.»
«Aber Sie sollten auch einmal einen Hecht probieren …»
«Das möchte ich schon, ja …»
Sie plauderten so und blickten einander lächelnd an. Anselm errötete manchmal, wenn er ihren Augen begegnete, und verstummte auch wieder. Er spürte das Bedürfnis, die Unterhaltung auf einer etwas höheren Stufe fortzuführen, die seiner glücklichen Gehobenheit und diesem seltenen Augenblick angemessener wäre, doch zugleich fand er es schön, schweigend neben ihr zu stehen und zu fühlen, dass auch sie nicht ungern hier so still neben ihm stand.
Aber während eines solchen doch immerhin bedrängten Schweigens fuhr Ilse plötzlich mit der Hand an den Nacken, wandte sich um und drang erheitert auf Robert ein, der sie mit einem Schilfrohr gekitzelt hatte. Sie riss ihm das Rohr aus der Hand, schlug ihn damit und verfolgte ihn lachend ins Gehölz hinein.
Anselm fand das unverschämt von Robert und wartete mit gerunzelter Stirn, dass sie an seine Seite zurückkehre. Er wartete fünf Minuten lang bangen Herzens umsonst, dann bemerkte er zu seiner Entrüstung, dass Ilse und Robert dem Inselufer entlang schwammen und sich gegenseitig bespritzten. Das konnte nur Robert angestiftet haben, Ilse allein hätte es nie getan. Es war unkameradschaftlich und gegen die Regel, die bisher hier gegolten hatte, es machte jede weitere Fischerei unmöglich und verpfuschte diesen ganzen verheißungsvollen Spätnachmittag. Anselm blickte wütend auf seinen Freund hinaus und zog die Angelrute ein.
Karl ging auf der Insel herum, empört, mit einem verbissenen Gesicht, und streute giftige Bemerkungen aus. «Ist hier vielleicht ein Strandbad eröffnet worden?», rief er Anselm zu. «Das hat man davon! Ich meinerseits bin fertig mit ihr, sie braucht nicht mehr hierherzukommen, ich danke für diesen Besuch.»
Anselm blickte ihn befremdet an und schwieg.
Indessen hatte der Himmel sich da und dort verfinstert, und über den östlichen Bergen donnerte es ein wenig. Das war ungefährlich; solang es nicht schwarz und blitzend von Westen heraufquoll, durfte man ruhig auf der Insel bleiben. Ilse aber floh ans Ufer, sie erklärte, vor Gewittern Angst zu haben, und überredete ihren Vetter, mit ihr abzufahren. Niemand hielt sie zurück. Die Fischer setzten noch einmal ihre Hechtruten, aber das Glück war für heute verscherzt, und da hier sonst nichts mehr zum Bleiben lockte wie früher, fuhren sie, noch eh der Abend dämmerte, verstimmt und wortkarg heimwärts.
Die Hochsommerschwüle hielt an, die Mücken tanzten, die Fische sprangen, und abends pflügte schon manchmal ein Gewitterwind schäumende Furchen auf. Kurz nach Mittag aber lag der See noch glatt und friedlich da, die Jünglinge standen zerstreut auf der Insel und blickten schweigend der blau leuchtenden, bräunlich schimmernden schmalen Mädchengestalt entgegen, die im Ruderboot dahergefahren kam. Am Hechtekap stand Anselm, und als Ilse nahe genug war, gab er sich so dem Fischen hin, als ob er sie nicht gewahrte. Er sah aber, dass Robert weglief, um sie an der Schifflände zu empfangen, ein wehes, bitteres Gefühl stieg in ihm auf, dergleichen er noch nie erlebt, und sein Herz bebte vor Spannung, was nun geschehen werde. Es geschah, was er inbrünstig gehofft, aber kaum zu erwarten gewagt hatte, Ilse kam von der Schifflände zu ihm, ohne sich viel um die andern zu kümmern, und trat mit einem freundlichen Gruß an seine Seite. Er blickte sie begeistert an, obwohl er sich beherrschen und die Entscheidung von ihrem weiteren Benehmen abhängig machen wollte; denn es ging ihm wirklich um eine Entscheidung, er glaubte, keine süße Halbheit und bloße Spielerei anzetteln zu dürfen, seine Neigung hatte heimlicherweise zugenommen und ihn so um alle Ruhe gebracht, dass er in seiner herben und ehrlichen Art sie nur noch ernst nehmen konnte.
Ilse stand nun wieder neben ihm, als ob das schon selbstverständlich wäre, aber sie hatte ein kleines Anliegen und brachte es alsbald vor. «Ich muss mich bei Ihnen noch entschuldigen», sagte sie und blickte ihm sanft in die fragenden Augen. «Ich habe mich ja letztes Mal leider zum Baden verleiten lassen … mir war so schwül … und vielleicht sind dann die Fische doch gestört worden. Es war mir nachher gar nicht recht … darum wollte ich mich bei Ihnen entschuldigen …»
«O, also deshalb, Fräulein Ilse», entgegnete er, tief und ernst gerührt, «deshalb brauchen Sie sich nicht zu entschuldigen, nein …»
«So haben Sie es mir also nicht übelgenommen?»
«Nein, gar nicht … ich kann Ihnen nichts übelnehmen, gar nichts kann ich Ihnen übelnehmen, im Gegenteil … ich freue mich so, dass Sie wiedergekommen sind, Fräulein Ilse, und … und dass Sie da bei mir sind … und …» Er legte die Angelrute unbedacht hin, sodass sie mit der Spitze ins Wasser schlug, eine unverzeihliche Sünde für jeden ernsthaften Fischer, er wurde rot und stammelte, ihm war unsäglich zumut.
Ilse senkte ein wenig den Kopf, dann sah sie ihm mit einem scheuen Kinderblick in die Augen und sagte: «Ich bin ja gern da.»
«Ja, und ich möchte … man kann es nicht sagen …»
«Nein … man kann nicht alles sagen … und es ist auch nicht notwendig … Aber vertreiben Sie jetzt nicht die Fische, wenn Sie die Rute so ins Wasser legen?»
«Doch, selbstverständlich … aber das macht nichts … wenn ein Hecht da gewesen wäre, hätte er schon vorher gebissen …» Er nahm nun immerhin die Rute auf und schwang das Köderfischchen wieder hinaus, Ilse fragte, wie lange denn ein solches Fischchen an der Angel leben könne und ob man nicht auch künstliche Fische dafür brauche, er gab eine sachkundige Antwort, und der unsägliche Augenblick war überwunden.
Sie stellte ein paar weitere Fragen, er antwortete und blickte, noch immer erregt, bald voll inniger Wärme auf sie, bald flüchtig auf den Schwimmer. Nachdem sie plaudernd oder schweigend eine Weile nebeneinandergestanden und ihre Fassung wiedergefunden hatten, sagte Ilse: «Ich gehe jetzt ein wenig auf der Insel herum, und nachher komme ich wieder hierher.» Sie entfernte sich zögernd, und er nickte ihr zu.
Sie ging dem nördlichen Ufer entlang und kam auf ein schmales, kiesiges Strandstück, das fast flach ans Wasser grenzte und ihr als geeigneter Badeplatz erschien. Es war aber der Fangplatz Karls, und während sie noch mit dem Gedanken spielte, hier ganz in der Ufernähe heimlich zu baden, kam der stämmige kleine Fischer von der Schifflände her, wo er den Köder ausgewechselt hatte, durch das Gehölz zurück. Er entdeckte Ilse an seinem Platz und ließ sich keinen Augenblick aufhalten, er kam, die Angelrute wie einen langen Spieß vor sich hinstreckend, grimmig unter den Bäumen hervor, berührte das Mädchen mit einem Schlag der Rutenspitze und drängte es, vorrückend, mit der Rute heftig beiseite.
Ilse wandte sich mit einem verblüfften Laut nach ihm um, noch ungewiss, ob es Scherz oder Ernst sei, dann wich sie aus und sah, wie er mit verbissener, ja böser Miene ans Wasser trat, ohne sie auch nur mit einem Blick zu beachten. Erschrocken über so viel Feindseligkeit, zog sie sich eilig zurück und erwog empört, ob sie nicht sogleich wegfahren sollte. Sie ging aber vorerst zu Anselm und erzählte es ihm.
Anselm runzelte die Stirne und nannte Karls Betragen rüpelhaft anmaßend, aber er beruhigte Ilse und versprach ihr, dafür sorgen zu wollen, dass sich so etwas nicht wiederhole. «Ich werde das gleich in Ordnung bringen», erklärte er finster. «Bitte bleiben Sie nur ruhig hier!»
Er ging zu Karl und stellte ihn zur Rede. Ein lauter Wortwechsel entstand zwischen ihnen, der rasch ihre Kameraden herbeilockte. Anselm war dicht am Wasser vor Karl hingetreten und verlangte, dass er sich bei Ilse entschuldige. Xaver suchte den Streit zu schlichten, Robert und Sebastian, die etwas höher oben im Buschrand stehen geblieben waren, mahnten auch zur Vernunft.
Karl aber sprühte vor Entrüstung über das Mädchen, das hier Unfrieden stifte, und vor Hohn auf jene, die es nicht merken wollten. «Ihr habt ja kein Urteil», rief er, «ihr seid alle auf diesen Stadtfratz hereingefallen und merkt als naive Landknaben gar nicht, dass sie euch am Gängelband herumführt. Sie gehört nicht hierher, ich verlange, dass sie abfährt, unsere Insel ist viel zu schade für sie. Haben wir jemals auch nur den leisesten Krach gehabt, bevor diese schöne Gans darauf verfallen ist, uns ausgerechnet hier mit ihrem blöden Geschnatter zu beglücken?»
In diesem Augenblick, während Xaver und Robert dem Erzürnten schon dreinredeten, geschah etwas, das alle verstummen ließ. Anselm gab Karl eine Ohrfeige.
Karl blickte seinen Kameraden, den er gernhatte, fassungslos an und sagte kein Wort mehr. Er stand wie gelähmt da, entwaffnet vor Trauer und Verwunderung, dann wandte er sich langsam ab und begann die Angelrute einzuziehen.
Xaver trat zu Anselm, der aufgeregt war, doch über seine Tat auch selber ein wenig erschrocken schien, und sagte leise: «Das wäre nicht nötig gewesen.»
«Xaver, ich muss mit dir reden», entgegnete Anselm und zog ihn am Arm beiseite, ins Gebüsch hinein. «Ich kann nicht mehr dulden, dass Ilse beleidigt wird, von jetzt an nicht mehr, verstehst du?»
«Ach was! Ilse ist ein harmloser Backfisch, und den Karl kennen wir ja; wenn er sie nicht mag und darüber rhetorisch wird, so ist das noch kein Grund für dich, den Ritter zu spielen und ihn zu ohrfeigen.»
«Aber du, es ist mir ernst mit Ilse, es ist keine Spielerei, das muss ich dir sagen …»
«Hör auf! Sie ist fünfzehn, und du bist sechzehn … was heißt da ernst?»
«Das Alter spielt keine Rolle, man kann warten …»
Xaver blickte seinen ergriffenen Freund belustigt an und schüttelte den Kopf, dann fragte er mit nachdenklich heiterer Miene: «Und wenn nun ich gewisse Ansprüche auf sie hätte?»
«Dann», sagte Anselm rasch, mit einer edelmütigen Aufwallung, «dann trete ich zurück.»
«Alle Achtung!», erwiderte Xaver lachend. «Aber ich bin nicht sicher … und sie vermutlich auch nicht. Geh du jetzt nur wieder zu ihr und schau, dass sie dich ein bisschen für die Ohrfeige belohnt. Ich überlasse sie dir, sie ist ein Schatz.» Er nickte freundlich und ging.
Anselm kehrte ziemlich verwirrt und unsicher zu Ilse zurück, die ihm mit großen, bang fragenden Augen ein paar Schritte entgegenkam. «Es ist in Ordnung», sagte er, «dieser Bursche wird Sie nicht mehr beleidigen.»
Da streckte sie ihm zaghaft ihre Hand hin und sagte mit einem vertrauensseligen Lächeln: «Ich danke Ihnen!»
Er nickte gerührt, hielt ihre schmale kleine Hand einen Augenblick mit sanftem Druck in seiner Rechten, von neuer Wärme durchströmt, und begann dann entschlossen wieder zu fischen.
Ilse setzte sich an den Uferhang und sah ihm abermals zu, bald schweigend, bald harmlos plaudernd, als ob sie nun wieder beruhigt wäre, aber sie merkte, dass seine Haltung um einen Hauch kühler geworden war, und sann darüber nach, ob sie sich vielleicht nicht ganz richtig benommen habe. Anselm sah bald Karl vor sich, der sich stumm und traurig von ihm abwandte, bald rätselte er an Xavers Andeutungen herum, die ihn beunruhigten, doch war er entschlossen, nichts davon merken zu lassen.
Nachdem so eine Stunde still vergangen war, fühlte sich Ilse wieder am Nacken gekitzelt, sie warf sich herum, sprang auf und stand vor Robert, der mit seinen warmen Händen wie zur Abwehr ihre Oberarme erfasste, doch vorsichtigerweise gleich wieder losließ. Heiter, blühend und unternehmungslustig stand er in seiner brennend roten dürftigen Hose vor ihr und überrumpelte sie mit dem Vorschlag: «Kommen Sie mit mir, Fräulein Ilse, ich rudere Sie zum Waldufer hinüber, dort können Sie doch endlich baden, in einer Viertelstunde sind wir dort.»
«O ja, fein!», rief Ilse lebhaft, wie es ihr eben einfiel, und erst dann stutzte sie und blickte Anselm an.
«Du erlaubst doch, Anselm!», sagte Robert, als ob es wirklich schon ausgemacht wäre, dass Anselm so etwas zu erlauben hätte.
«Bitte!», antwortete Anselm. Da Ilse sich so rasch und lebhaft entschieden hatte, blieb ihm nichts übrig als kühle Großmut, auch wenn sie noch so bitter schmeckte.
«Ich bleibe nicht lange, ich komme bald zurück», rief Ilse noch tröstlich, dann ließ sie den Fischer stehen und ging mit Robert.
Anselm spürte eine heiße Röte im Gesicht. Jedem anderen Kameraden hätte er Ilse ohne Bedenken anvertraut, nur diesem nicht. Ihm fiel ein, wie Robert über sie gesprochen, mit welchen Augen er sie angesehen hatte, und er erschrak beim Gedanken, dass die beiden nun da drüben am einsamen Waldufer … Er dachte es gar nicht zu Ende, er warf die Angelrute hin und lief zur Schifflände.
Ilse wollte eben ins Boot steigen, und Robert half ihr angeregt dabei.
«Ich hab’ es mir anders überlegt», rief Anselm und trat entschlossen hinzu. «Ich fahre selber mit Fräulein Ilse hinüber.»
Robert vertrat ihm den Weg, gespannt, aber heiter noch, und entgegnete unnachgiebig: «Nichts da! Fräulein Ilse fährt mit mir, das haben wir so ausgemacht.»
Anselm ging nicht darauf ein. «Sei so gut!», sagte er und wollte Robert beiseiteschieben, um ans Boot zu gelangen, aber Robert ließ sich nicht verdrängen, er wurde auf einmal zornig, und beim nächsten Atemzug standen sich die zwei Freunde gegenüber, als ob sie einander wütend anfallen wollten.
«Ach, bitte, streiten Sie doch nicht!», rief Ilse. «Ich bleibe da, ich bleibe ganz bestimmt da, ich will nicht hinüberfahren.»
Hinter ihnen im Gebüsch ging Xaver vorbei. «Ja, es ist vielleicht am besten, wenn du dableibst, Ilse», rief er und hielt einen Augenblick an. «Es sieht ein bisschen gewitterhaft aus, und du mit deiner Gewitterangst … Wenn du etwa plötzlich heimfahren möchtest und bist noch da drüben, dann geht das nicht so rasch.» Damit schlenderte er gelassen weiter.
Ilse drehte den hitzig entzweiten Freunden den Rücken und lief ihrem Vetter nach. «Du, wenn du wirklich meinst, dass ein Gewitter kommt, dann wollen wir doch gleich wegfahren», sagte sie ängstlich.
«Vorläufig ist keine Gefahr», erwiderte er. «Wir bleiben noch.»
«Ja, nur … mir ist etwas unbehaglich, ich möchte doch eigentlich heimfahren …»
«Das wäre aber schade, du! Bei dieser Hitze ist es doch hier am allerschönsten. Warte ruhig ab, zuletzt baden wir vielleicht alle. Ich will noch ein wenig fischen … Das könntest du übrigens auch einmal versuchen, es ist sehr amüsant. Anselm zeigt dir das gern, komm! He, Anselm!»
Ilse senkte den Kopf und blickte dem Nahenden schuldbewusst von unten her in die treuen Augen. Xavers Vorschlag aber kam nun ihnen beiden gelegen, er gab ihnen das Mittel in die Hand, sich zwanglos wiederzufinden, ohne den zarten Kern des neuen peinlichen Vorfalls berühren zu müssen. Sie gingen eilig ans Werk. Anselm machte ein Haselrütchen zum Fischen bereit, Ilse nahm es lernbegierig in Empfang und ließ den Wurm an einer untiefen Stelle auf den Grund des Wassers gleiten. Sie hatte Glück, ein Barsch verschluckte den Wurm vor ihren Augen, sie zog und hob ihn verblüfft heraus, einen dunkel gestreiften kleinen Räuber, der die stachlige Rückenflosse stellte. Anselm nahm ihn ihr ab, erneuerte den Köder und zeigte ihr einen noch günstigeren Fangplatz, einen Uferstreifen, der mit Steinblöcken und Gestrüpp sich zwischen Hechtekap und Eglibucht hinzog. Dort begann Ilse wieder zu fischen.
Dort aber lag, zwischen warmen Steinen halb verborgen, die Schlange, die alte Natter, die von den Jünglingen dank Anselms Fürsprache und Sebastians Andeutungen geschont worden war, die geheimnisvolle Urbewohnerin, die ihnen das Unsagbare bedeutete. Ilse, die noch nie eine freilebende Schlange gesehen hatte, aber das Grauen davor mit allen Stadtkindern teilte, musste ihr hier wohl früher oder später begegnen. Die Haselrute in der Rechten, den schlanken Leib mühelos vorgebeugt, sodass ihr die Locken über die Schläfen hinaushingen, den Blick suchend auf dem Grund des Wassers, wo die Angel mit dem Wurme lag, stand sie eine Weile geduldig da, dann trat sie leise auf den nächsten Stein hinüber und versuchte es hier von neuem.
Anselm, der sie nicht aus den Augen verlieren wollte, folgte ihr mit der Hechtrute in einigem Abstand, er sah sie wie eine hochgestielte Blume zierlich über das Wasser gebeugt und wartete auf einen Blick, ein Lächeln oder einen Anruf. Ilse aber war nun, angeregt durch den ersten Erfolg, so in ihr Tun versunken, dass sie ihren Beschützer zu vergessen schien, ja unter der noch unverhüllt brennenden Sonne nicht einmal das im Westen finster aufsteigende Gewölk beachtete; sie zog den Wurm aus dem Wasser, ging leise ein paar Schritte weiter und trat auf die Schlange. Mit einem hohen, heiseren Aufschrei warf sie sich herum, glitt aus, stürzte und schlug grauenhaft kreischend mit der Haselrute um sich.
Anselm sprang ihr sofort bei, sie umfasste ihn, auffahrend, mit beiden Armen und schrie, den entsetzten Blick auf die Natter gerichtet, zitternd und flehentlich: «Eine Schlange! Eine Schlange! Schlagen Sie sie tot, um Gottes willen, schlagen Sie sie doch tot!»
Anselm, von der bebend an ihn Geschmiegten nun endlich ganz aus seinem inneren Gleichgewichte geworfen, bestürzt von ihrer unsäglichen Angst und um der Schutzflehenden willen ritterlich zu allem fähig, packte in dieser Verwirrung die Natter, hieb ihr die Haselrute in den Nacken und erschlug sie.
Auf einem Steinblock, zehn Schritte vor ihm, tauchte Sebastian auf. «Anselm!», rief er erschrocken, hob beschwörend die Rechte und ließ sie langsam wieder sinken.
Ilse aber zog sich, in ein krampfhaftes Weinen ausbrechend, unter bitteren Anklagen zurück: «Warum habt ihr mir nicht gesagt, dass es hier Schlangen gibt? Ich wäre niemals hierhergekommen, und ich will sogleich fort, Xaver, ich will fort. Keiner von euch allen hat mir ein Wort gesagt, es ist abscheulich, ich will euch nicht mehr sehen, ich werde nie mehr hierherkommen …»
Anselm hörte es. Er stand noch da, die leblos hängende Schlange in der Hand, blickte betroffen dem erzürnt weglaufenden Mädchen nach, schaute noch tiefer betroffen die tote Natter an und kam erschüttert zu sich. Der aufsteigende Schmerz, den er knabenhaft trotzig zu verhalten suchte, zuckte in seinem ganzen Gesicht und drang ihm tränenfeucht aus den Augen.
«Anselm!», rief Sebastian noch einmal und kam herbei und blickte ihn an.
«Ich habe sie erschlagen», klagte Anselm dumpf. Langsam wandte er sich ab und trug die Schlange ins Gehölz hinein. Die Kameraden scheu vermeidend, schlich er auf die düstere Kuppe und verbarg sich mit der erschlagenen Natter im Dickicht.
Die Insel lebte verlassen ihr eigenes einsames Leben. Ein Gewittersturm peitschte den Regen schräg in die Kronen ihrer Bäume und warf die Wellen klatschend an ihre steinigen Ufer, nachts darauf wandelten wieder Sterne über sie hin, und die Bäume tropften leise weiter. Ein Hecht stieg aus der Tiefe und verweilte lauernd zwischen den langen Blattstengeln der längst verblühten Seerosen, ein weißer Falter, der gaukelnd den See überquerte, ruhte hier aus, und eines Morgens stand ein grauer Reiher am Ufer hinter dem dünnen Schilfgürtel. Viele Tage und Nächte lang regnete es eintönig rauschend ins Laub, der See schien leise zu sieden, das Wasser stieg. In diesen Tagen aber bewegte sich von einem überschwemmten flachen Seeufer her ein sonderbares dunkles Köpfchen gegen die Insel, landete züngelnd am Hechtekap und zog einen langen geschmeidigen Leib hinter sich her; eine Schlange war hier angekommen, eine Natter. Sie rastete am Ginsterhang und verschwand wieder, aber nach der Regenzeit lag sie manchmal auf einem Uferstein in der warmen Spätsommersonne.
Endlich erschien eines Nachmittags auch wieder ein Mensch in einem alten Stehruderboot. Er ruderte sehr leise und zögernd, als ob er eine Scheu empfände, sich der Insel zu nähern, und landete ebenso leise zwischen zwei Uferklippen. Behutsam machte er das Boot fest und ging ins Gehölz hinein, ein Jüngling in einer verwaschenen roten Badehose, Sebastian. Gespannt und neugierig wie ein glücklicher Entdecker, der zum ersten Mal ein märchenhaftes Eiland betritt, streifte er still herum. Eine schöne junge Halbgöttin hatte ihn hier mit ihrem Zauber fast den Wundern der Insel entfremdet; aber er hatte sie nur angeschaut, nie berührt, nur geliebt, nicht begehrt und daher auch nicht verloren. Sie lebte als reines, süßes Bild beglückend in ihm weiter, und ihm allein war die Insel um dies Geheimnis reicher; während die tatkräftigen andern hier alles verloren hatten, war seiner tiefgründigen Schüchternheit dieser Preis von selber zugefallen.
An einem der nächsten Tage schon aber kamen mit Sebastian auch Karl und Robert auf die Insel zurück. Karl hatte recht bekommen mit seinem Hass auf Ilse, das Unheil war eingetroffen und mit der Flucht des Mädchens am Ende nach seinem Wunsche verlaufen. Außerdem hatte sich Anselm bei ihm entschuldigt, und so war auch dieser Schatten verschwunden. Er verriet mit keinem Worte, ja sich selber gegenüber mit keinem Gedanken mehr, dass er noch eine tiefere Wunde empfangen hatte und sich jetzt die Insel zurückeroberte wie ein erstes verlorenes Stück seines Knabenparadieses. Eifrig ging er mit der Hechtrute ans Werk. Robert trat sehr unbekümmert auf, aber ihn erinnerte hier fast jeder Schritt und Tritt an die holde Beute, die seinen lebenskräftig erwachenden Sinnen entgangen war. Er empfand darüber ein dumpfes Missvergnügen, und so verweigerte auch ihm das Eiland die lautere Beglückung noch, die er früher hingenommen hatte wie eine beliebig erreichbare Lust. Anselm, der am wenigsten hoffen durfte, sein Paradies hier unverändert wiederzufinden, mied die Insel am längsten. Xaver aber, der alle Schuld auf sich nehmen wollte, bat ihn inständig um seine Rückkehr, und eines Nachmittags brachte er ihn mit. Anselm betrat den Schauplatz seiner Verstrickung, seiner Schuld und ritterlichen Niederlage reifer, denn er allein hatte sich hier ganz eingesetzt. Es war ein Lohn, den er nicht berechnen, ja noch nicht einmal erkennen konnte.
So verbrachten die Jünglinge wieder manchen freien Nachmittag auf der Insel, als ob hier nichts den heiteren Frieden unterbrochen hätte. Aber ein Sturm hatte ihn unterbrochen, eine geheimnisvolle Macht hatte sie alle berührt, zaubernd und Verwirrung stiftend mit ihrer Süße und Gefahr, eine Lebensmacht, von der sie wohl gelesen und reden gehört, aber vordem nichts gespürt hatten. Sie verschwiegen es voreinander, sie stellten sich noch einmal unter das stillere Gesetz der Insel und fischten ruhig weiter; mit dem Haselrütchen kletterte hier einer im Ufergestein herum und blickte auf den Grund des Wassers nach kleinen Barschen aus, ein anderer stand am Hechtekap, auf dem rechten Beine ruhend, die Hüften ein wenig verdreht, mit dem Unterarm den Schaft der langen Hechtrute stützend, und sah geduldig dem Korkschwimmer zu, ein Dritter setzte die Rute und schlenderte lautlos im Gehölz herum oder schaute durch eine Buschlücke versunken auf den See hinaus. Kein Lüftchen kräuselte die Fläche. Die wolkenlose Bläue wölbte sich in das lautere Wasser hinab, und auf diesem Spiegelbild des Himmels ruhte die Insel mit ihren bräunlich schimmernden Fischern und farbig glühenden Laubkronen wundervoll im klaren Herbsttag.
Die Lawine
Auf der Eisenbahnbrücke, die das Doppelgeleise über die tiefste Schlucht der Bergstrecke hinwegführt, brüllte eines stürmischen Winterabends die Schildwache «Halt!» und ging mit schussfertig erhobenem Gewehr durch das Schneegestöber auf eine vermummte Gestalt zu, die sich der Brücke näherte. Die Gestalt blieb stehen, schob das verschneite Kopftuch beiseite und blickte mit einem blühend geröteten jungen Bäuerinnengesicht der Schildwache lächelnd entgegen. «Erschießt mich nur nicht!», rief sie.
«Ja so!», sagte der Soldat erfreut und nahm das Gewehr aus dem Anschlag. «Hab Euch nicht gleich erkannt.»
Die stattlich gewachsene, aber noch mädchenhaft wirkende Bauernfrau, die auf dem Weg vom Dorf zu ihrem Heimwesen hier auf einem hohen Steg den Bahndamm überschreiten musste, und der Soldat, der zu bestimmten Stunden hier die Brücke bewachte, hatten bei jeder Begegnung freundliche oder scherzhafte Worte gewechselt und einander jedes Mal besser gefallen. Der Soldat, ein lustiger lediger Bauernbursche, hätte sie zu seinem Vergnügen gern einmal besucht, aber da sie den Ehering trug, fand er sich nicht genügend dazu ermutigt.
«Seid Ihr auf dem Heimweg?», fragte er.
«Ja. Ich bin im Dorf unten gewesen. Aber hab Euch nur sagen wollen, dass man hier jetzt nicht mehr sicher ist.»
«Wegen der Laui, meint Ihr? Ja, auf dem Posten reden sie auch davon, aber unser Leutnant gibt nicht viel darum …»
«Der wird es ja wissen. Aber gelt, Euch hab ich es jetzt gesagt …»
«Halt!», rief der Soldat in diesem Augenblick einer zweiten Gestalt zu, die durch das Schneetreiben daherkam, dann schlug er, da nun diese Gestalt erstaunlicherweise nicht stehen blieb, mit einem erneuten brüllenden «Halt!» das Gewehr noch einmal an und wollte schon abdrücken, als ihm die Bäuerin den Gewehrlauf beiseitelenkte.
«Das ist doch der Seppetoni!», rief sie erschrocken. «Den werdet Ihr mir doch nicht erschießen wollen!»
«Der Tölpel, natürlich! Der ist hier schon vorgestern von einer Schildwache fast angeschossen worden … He du, geh heim!»
Der Schwachsinnige kam, vorgebeugt unter der Last eines beladenen Rückenkorbes, noch näher und grinste, unverständliche Laute ausstoßend, mit seinem armseligen, stoppelbärtigen Gesichte die Schildwache an. Erst auf den Befehl der Bäuerin ging er zurück und stapfte brummend über den Steg.
«Er hat halt Freude an den Soldaten», erklärte sie. «Ich bin ihm vorausgegangen, aber er hat mich rascher eingeholt, als ich dachte. Er ist bei uns Knecht.»
«Knecht? Da habt Ihr Euch einen rechten ausgesucht!»
«Ja, was wollt Ihr, wenn alles Mannenvolk im Militärdienst ist? Ich möchte ihn ja am liebsten wieder fortschicken, er ist ein Dreckfink und nicht immer gutartig, manchmal muss ich fast Angst vor ihm haben. Aber er kann tränken, misten, Holz scheiten und trägt mir die Ware vom Dorf herauf. Jetzt hat er ordentlich geladen, weil wir ein paar Tage lang nicht mehr hinuntergehen … eben wegen der Laui.»
«Aber wenn sie kommt, so fährt sie doch unter der Brücke durch das Tobel hinab?»
«Das schon, aber trotzdem ist man auf der Brücke nicht sicher …» Und die Bäuerin erklärte dem Soldaten, dass nach den Erfahrungen der Anwohner eine Staublawine niedergehen könnte.
Der Soldat blickte den Berg hinan, aber da ließ sich heute nur ein wenig vom unregelmäßig bewaldeten, durch das Flockengewirbel verschleierten nahen Steilhang sehen. Der Berg war über der Brücke mit einem lückenhaften Wald umgürtet, dann stieg er mit spärlich gegliederten kahlen Hängen noch zweitausend Meter hoch hinauf. Durch die breiteste Waldlücke fuhr im Frühling die Grundlawine oberhalb der Brücke in die Schlucht hinab, staute den Bach und trieb den Schneekegel zwischen den granitenen Brückenpfeilern durch, ohne Schaden anzurichten. Jetzt aber hatte seit drei Tagen und Nächten der immer noch andauernde Wintersturm den Berg mit trockenem Schnee überhäuft, der an den obersten Steilhängen den Halt zu verlieren und mitsamt den lockeren Massen der unteren Hänge durch den alten Lawinenzug hinabzustürzen drohte, doch eben nicht als schwere, schürfende Grundlawine, sondern als haltlos rasende Staublawine, die auf ihre berüchtigte Art die Luft unwiderstehlich vor sich her fegen, Tannen knicken und auf der Brücke einen Eisenbahnwagen umlegen konnte, noch eh der anbrausende Schnee auch nur die Pfeiler umbrandete.
«Übermorgen werden wir abgelöst», sagte der Soldat, «vielleicht wartet die Laui noch so lange, und sonst leg ich mich halt auf den Bauch, dann kann sie mir blasen.»
«Übermorgen?», fragte die Bäuerin und sah enttäuscht aus, dann wiederholte sie die Warnung mit einem so warmherzigen Eifer, dass der Soldat beim Abschied ihre Hand nun nicht gleich losließ.
Die Bäuerin fasste auch ihrerseits fester zu. «Kommt einen Augenblick da hinüber!», bat sie und zog ihn von der Brücke weg.
«Warum nicht!», sagte der Soldat. «Hier könnte man uns vom Posten aus noch sehen, und dann würden sie weiß der Teufel was für eine Geschichte draus machen.»
Die Bäuerin aber watete nach wenigen Schritten zu einem verschneiten eisernen Kreuze, wischte den Schnee von der daran angebrachten Tafel und wies schweigend auf die Schrift hin.
Der Soldat las, nicht zum ersten Mal, dass an dieser Stelle vor zwei Jahren der dreiundzwanzigjährige Josef Mattli tödlich verunglückt sei.
«Das ist mein Mann selig», erklärte die Bäuerin leise. «Er war auf dem Heimweg aus dem Militärdienst und wurde hier vom Luftdruck der Laui ins Tobel hinuntergeworfen. Nur sein Gewehr lag noch da.»
Der Soldat blickte zwischen der Tafel und der Frau verwundert hin und her und wusste nicht gleich etwas zu sagen.
«Nur damit Ihr seht, dass eine Staublawine hier keinen Spaß macht!», erklärte sie, trat vom Kreuze weg und lächelte wieder.
Jetzt schaute der Soldat sie mit andern Augen an. «O ich Esel!», sagte er leise, schob sich liederlich den Helm in den Nacken, sodass sein ganzes verdutztes Gesicht zu sehen war, und wandte keinen Blick von der halb verlegenen, halb belustigten jungen Witfrau. Plötzlich steckte er da, wo er stand, pflichtvergessen sein Gewehr mit dem Kolben in den tiefen Schnee, trat auf die Bäuerin zu und fasste sie an beiden Armen. Gedämpft, aber eindringlich, mit fester Stimme, sagte er: «Heut Nachmittag hab ich meinen letzten Ausgang gehabt. Ich muss noch einmal auf Patrouille und zweimal hier Schildwach stehen, dazwischen bin ich auf Pikett und kann nicht weg. Und Ihr wollt nicht mehr herunterkommen?» Da sie schwieg, rief er: «Am liebsten käm ich grad jetzt mit Euch heim.»
«Da wär Euer Leutnant aber nicht zufrieden, oder?»
«Nicht zufrieden? Jaha, wenn’s nur das wäre! Aber ich frage ihn, ob er mir nicht doch noch einen Ausgang bewilligt … Wie weit ist’s von hier zu Euch hinauf?»
«Zehn Minuten. Ich hab untertags aber viel zu tun, und nachts würde Euch niemand den Weg zu uns zeigen.»
Sie berieten eine Weile, erwogen diese und jene Möglichkeit, küssten sich dann zum Abschied und standen in der anbrechenden Dämmerung noch lange fest umschlungen da, während der Schneesturm sie lose wie mit einem weißen Bettlaken umhüllte, nicht fester als die flüchtige Gelegenheit es versprach, die sie im Kopfe hatten. –
Der Soldat wurde abgelöst und kehrte hinter dem Korporal auf den Posten zurück, wo er den Leutnant sofort um Bewilligung eines zweistündigen Ausgangs bat. Da er keinen triftigen Grund angeben konnte und der Posten bei dem durch Urlaube geschwächten Bestand der Kompagnie nur ungenügend besetzt war, bekam er die Bewilligung nicht. Er schwieg einen Augenblick mürrisch, dann warf er mit einem Unterton des Widerspruchs die Bemerkung hin: «Die Einheimischen hier sagen alle, das sei ja Gott versucht, wenn man jetzt da oben noch Schildwachen stelle und patrouilliere.»
«Schelbert», erwiderte der Leutnant zurechtweisend, «darüber entscheide ich allein, solang kein anderer Befehl kommt, verstanden?»
«Zu Befehl, Herr Leutnant!», rief Schelbert, die Absätze zusammenklopfend, und schien sich fortan, etwas unzufriedener, wortkarger, doch selbstverständlich mit dem strengen Wachdienst wieder abzufinden, bis sein Schicksal ihn auf die merkwürdigste Art außer Reih und Glied warf.
Am folgenden Morgen trat der Leutnant aus der frisch verschneiten Baracke, an der untersten rechtsufrigen Schluchtrampe, auf den ebenen Platz hinaus, immer noch hoch über der Mündung des Bergbaches in den Fluss des engen Haupttals, und blickte zur Brücke hinauf, wo Schelbert von sieben bis neun wieder Schildwach stand. Er sah ihn dort oben, ohne ihn auf diese Entfernung erkennen zu können, und dachte an seine Bemerkung von gestern Abend, die er dem etwas leichtfertigen, aber sonst tüchtigen Burschen nicht allzu übelnahm, obwohl die Mannschaft seither von der Gefahr schon offener munkelte. Der Schneesturm hatte da unten aufgehört und die Sicht auf den Berg über der Brücke freigegeben, doch in der Höhe blies er weiter und stäubte den lockeren Schnee wie Rauchfahnen von den obersten Gratwächten weg. Die Lawinengefahr bestand also weiter. Man war aber im Dienst, um eine Aufgabe auch dann zu erfüllen, wenn es gefährlich wurde. Hier war noch dies und jenes gefährlich, und man tat es dennoch. Zudem konnte die Schildwache da oben eine Lawine bei dieser Sicht schon von weitem erkennen und von der Brücke wegspringen, um sich geschützt an die Bahnrampe zu legen. Überhaupt, wie konnte man sich aus solchen Gefahren etwas machen, wenn man auch nur einen Augenblick an das stündlich bedrohte Leben der Soldaten fast aller andern Armeen in diesem mörderischen Kriege dachte!
Der Leutnant beschloss, die unregelmäßig auszuführende Tagespatrouille jetzt abzuschicken und sie mitzumachen, er bestimmte zwei Mann dafür und stieg mit ihnen, da es auf neun Uhr ging, hinter der Ablösung her zur Brücke hinauf. Eine Frau ging von Schelbert weg, als er abgelöst wurde, und der Leutnant fragte ihn nach ihr. Er antwortete wahrheitsgemäß, das sei eine Bäuerin von da oben, die häufig hier durchkomme und jetzt heimgehe. «Trotz der Lawinengefahr!», bemerkte der Leutnant. Schelbert schwieg. «Kommen Sie gleich mit auf Patrouille, Schelbert!», befahl der Leutnant. «Sie stehen für heute auf der Liste.»
«Zu Befehl!», rief Schelbert und hing sich unwirsch das Gewehr an.
Der Leutnant ging den Dreien voran auf die Brücke hinaus, wobei er den schmalen eisernen Laufsteg zwischen Geländer und Geleise unter den zugewehten gestrigen Stapfen im Schnee nur erraten konnte und zweimal zwischen Steg und äußeren Holzbohlen ein gähnendes Loch eintrat, das wohl einen Absatz klemmen und den Mann zu Fall bringen konnte. Auf der Mitte der Brücke stieg er mit den Zweien, die ihre Gewehre dem Dritten übergaben, einem Gefreiten, die Außenleiter hinab und in das mächtige eiserne Gefüge hinein.
Während die beiden Füsiliere die Schlösser der überall verteilten Minenkästen prüften, ging er selber zur Kontrolle einer Minenkammer auf dem schneeverwehten Plattensteg vorsichtig weiter bis zum nächsten Pfeiler und hatte sich dabei immer wieder unter gekreuzten eisernen Strebebalken durchzubücken. Dieser Steg besaß kein Geländer, und wer hier nicht schwindelfrei war oder sonst ausglitt, konnte leicht in die tiefe Schlucht hinunterstürzen; ein Offizier und ein Unteroffizier waren hier auf einem Kontrollgang so um ihr Leben gekommen. Als der Leutnant von diesem Gang zurückkam, sah er den Schelbert im vereisten Gebälk eigenmächtig mit einer Verwegenheit über dem Abgrund herumklettern, als ob es da etwas herauszufordern gälte. Er wunderte sich, schwieg aber dazu.
Alles war in Ordnung, die Brücke konnte in die Luft fliegen, wenn es notwendig würde. Die Patrouille stapfte oben auf dem Schienenweg weiter bergan, warf einen prüfenden Blick in die nächste Telefonkabine, zog ein Signalwerk auf und betrat einen längeren Tunnel, dessen Eingang von der Schildwache eines zur Kompagnie gehörenden nahen Unteroffizierspostens bewacht wurde. In diesem Augenblick signalisierte draußen am Eingang der Glockenhammer einen talwärts fahrenden Zug. Der Leutnant zögerte kurz, dann befahl er zwei Meter Abstand von Mann zu Mann und schritt, mit der Taschenlampe voranleuchtend, auf dem groben Schotter weiter in den stockdunklen Schacht hinein. Er hätte den Zug draußen abwarten können, aber man sollte nicht sagen, dass er selber sich auch nur das Geringste geschenkt habe. Vielleicht konnte man sich in eine Nische drücken, vielleicht auch nicht, aber für diesen zweiten Fall bestanden genaue Verhaltungsmaßregeln, die jeder kannte. Außerdem wusste jeder, dass vor Monaten ein bergwärts kontrollierender Offizier sich links in der Zugsrichtung hingeworfen hatte, statt rechts dem Zug entgegen, und am vorschriftswidrig getragenen Mantel unter die Räder gerissen worden war.
Der Leutnant ging an der letzten Nische vorbei und sah nach etwa dreißig Schritten vor sich in einer Kurve schon einen Schimmer Tageslicht, als der Zug von der offenen Strecke, wo der Schnee die Geräusche dämpfte, in den Tunnel einbog und mit dem voranstürzenden Ungetüm der elektrischen Maschine krachend auf ihn zuschoss. «Abliegen!», brüllte er noch, warf sich zwischen Tunnelwand und Geleise der Länge nach hin, dass der Helm hart aufschlug, und sperrte wie hinter feuernden Geschützen den Mund auf. Die Räder rasten mit einem ohrenbetäubenden eisernen Lärm Funken schlagend an ihm vorüber, und die Trittbretter, denen er kurz entgegenschielte, schienen so knapp an seinem Helm vorbeizusausen, dass er den Kopf wieder senkte. Die letzten Wagen des langen leeren Güterzuges, der mit Schnellzugseile talwärts glitt, verschwanden neben ihm wie weggewischt. Er sprang auf, leuchtete mit der Taschenlampe seine Leute an und sah nur zwei, die sich langsam erhoben; erschrocken fragte er nach dem Dritten und rief mit einem bangen Unterton in das Dunkel zurück: «Füsilier Schelbert!»
Der Gerufene meldete sich, kam mit einem Gegenstand in den Händen gelassen daher und erklärte ruhig, er sei vor dem Zug in die für ihn noch erreichbare Nische zurückgerannt. «Schelbert», rief der Leutnant erzürnt, «das ist nun allerdings Gott versucht, diesmal kann man es mit Recht sagen. Sie wissen, dass das verboten ist. Im Dunkeln vor dem Zug herrennen! Der reine Zufall, dass Sie nicht über Schotter und Schwellenköpfe gestolpert sind! In der Nische wären Sie dann geschnetzelt angekommen.»
«Und wenn ich nicht zurückgerannt wäre, Herr Leutnant, so würde ich jetzt wahrscheinlich mausetot neben den Schienen liegen», entgegnete Schelbert im Ton eines fast heiteren Widerspruches, als ob er diesmal seiner Sache mindestens so sicher wäre wie bei der gestrigen Widerrede, und wies den Gegenstand vor, einen schweren Bremsklotz, der genau dort zu Boden geschmettert worden sei, wo er sich hätte hinlegen sollen.
Der Leutnant leuchtete den Bremsklotz mit der Taschenlampe an, dann befahl er, um vorerst einmal ans Tageslicht zu kommen: «Vorwärts, wir wollen weiter!» Während er dem Ausgang zuschritt, hörte er die Leute hinter sich über das Vorgefallene reden und gewann den Eindruck, dass es wirklich ungefähr so geschehen sein müsse. Der Vordermann Schelberts behauptete jedenfalls, er habe bei allem übrigen Lärm hinter sich einen harten Aufschlag gehört, den er sich erst jetzt erklären könne, und Schelbert selber erzählte, dass der Klotz, der natürlich noch ein paar Sprünge gemacht habe, neben ihm an die äußerste Nischenwand geprallt und dort liegen geblieben sei. Ungewöhnlich war es nicht, dass auf dieser Strecke ein Bremsklotz absprang; gewisse ausländische Güterwagen, aus denen auch dieser Zug bestand, waren so verlottert, dass man nach ihrer Durchfahrt häufig abgesprungene Eisenteile fand, darunter auch manchmal einen Bremsklotz, ja dass untüchtige Wagen auf der Station ersetzt werden mussten. Ungewöhnlich war nur dieser Zufall, der dem Fehlbaren recht und seinem Vorgesetzten unrecht gab. Der Leutnant machte sich indes nicht allzu viel daraus und bemerkte am Ende nur noch, man könne ja ausnahmsweise einmal Glück haben, auch wenn man sich falsch benehme, aber das entschuldige nichts.
Die Patrouille kehrte um Mittag auf den Posten zurück, eben als wieder ein schneetreibender kalter Wind einsetzte, der gegen Abend zum schon gewohnten Sturm anwuchs. Der Leutnant meldete diesmal in seinem schriftlichen Abendrapport an seinen Vorgesetzten die Lawinengefahr, doch mehr, um es gemeldet zu haben, als um etwas zu erwirken. Nach Mitternacht ließ das Fauchen um die Baracke allmählich nach, und im ersten Tageslichte sah es wieder genau so aus wie gestern Morgen, der Sturm hatte da unten aufgehört und die Sicht auf den Berg über der Brücke freigegeben, aber in der Höhe blies er weiter. Die Ordonnanz am Barackenfenster, die tagsüber regelmäßig abgelöst wurde und mit der außer Rufweite stehenden Brückenschildwache Augenverbindung zu halten hatte, rief jedenfalls, dass der Wind immer noch Schnee von den obersten Gratwächten wegstäube. Das war um acht Uhr. Eine Viertelstunde später stieß diese Ordonnanz, um besser zu sehen, plötzlich das Fenster auf und rief laut: «Was ist das?»
Der Leutnant lief ans Fenster und sah am obersten Steilhang unter dem Grat ein pulveriges Schneegewölk, das sich rasch in die Länge zog und einen Augenblick aussah wie ein hochgeschwollen über Felsen polternder riesiger Wildbach. Er rannte hinaus und schrie zur Brücke hinauf, wo von sieben bis neun wie gestern Morgen wieder Schelbert Schildwache stand, schrie, die Hände als Schalltrichter vor dem Mund, aus vollem Halse: «Schelbert, fort, die Lawine, die Lawine!» Die Leute rannten auch hinaus und starrten schreiend und winkend zu ihrem Kameraden hinauf, der weder zu hören noch zu sehen schien und in unbegreiflich wirkender Ahnungslosigkeit dem Brückengeländer entlang patrouillierte. Schon war die obere Berghälfte von hastig aufquellenden pulverigen Schwaden halb verschleiert, die Lawinenfront überfuhr als breite, wulstige Brandung die mittleren Hänge, und ihr voran sauste es dunstig wie zerstäubtes Wasser, das der Sturm von schäumenden Wellenkämmen wegfegt, gegen den alten Lawinenzug hinab. Der Leutnant schrie nach Gewehren, um den unbegreiflichen Mann da oben durch Schüsse zu wecken, aber da schrak der Mann endlich selber auf; er hielt, wie man sah, knapp an, das Gesicht gegen den Berg gewandt, dann rannte er los, stolperte und fiel hin, was alle begreiflich fanden, die je über die schneeverwehte Brücke gegangen waren. Er stand wieder auf, unbehilflicher, als man ihm zugetraut hätte, drehte sich plötzlich torkelnd rundherum und flog über das Brückengeländer hinaus. Alle sahen es, einige wie auf den Mund geschlagen, andere mit erregten Rufen. Er flog, in Dunst gehüllt, aber vom unheimlichen Hintergrund eines brodelnden weißen Gewölks noch deutlich abgehoben, wehrlos ins Leere hinaus, und gleichzeitig nahte von dorther ein pfeifendes Sausen wie vom heranstürzenden Föhn. Im nächsten Augenblick rannten alle Leute, von einem Sturmwind gepackt, der die Tür und das offene Fenster zuschmetterte, hinter die Baracke, es wurde dunkler, als ob ein Gewitter ausbräche, die Luft war voller Schneestaub, und von der Schlucht her donnerte das dumpfe Gepolter der aufschlagenden Lawinenmasse.
Der Leutnant befahl die Mannschaft in die Baracke hinein, ließ durch den Gefreiten den beiden nächsten Bahnstationen telefonisch den Niedergang der Lawine melden und schickte gleichzeitig eine vom Korporal geführte Patrouille zur Brücke hinauf, mit dem Befehl, allfällige Züge in genügender Entfernung anzuhalten, wenn das Geleise verschüttet oder die elektrische Fahrleitung beschädigt sein sollte. Darauf meldete er den Vorfall seinem Hauptmann, bat um das Aufgebot der Kompagniereserve, bestellte Schaufeln, Pickel, Sondierstangen, einen Lawinenhund, und führte, den Wachtmeister als seinen Stellvertreter und drei Mann in der Baracke zurücklassend, die übrigen Leute mit ihrem Schanzwerkzeug und der einzigen Schneeschaufel auf die Suche nach dem Verunglückten in die Schlucht hinab.
Die niedergegangenen Schneemassen bedeckten die Schluchtsohle verschieden hoch auf einer Breite von hundert bis zweihundert Metern und einer von unten her nicht abzuschätzenden Länge, sie waren hart gepresst und boten gegen die Brückenpfeiler hinauf den Anblick eines zerrissenen, von Altschnee überlagerten Gletscherabbruches. Die Schluchthänge dagegen waren von pulverigem Schnee so hoch überstäubt, dass man stellenweise bis über die Hüften darin versank. Da und dort ragten dunkle Gegenstände aus der harten Masse, und die Leute liefen eilig danach, aber es waren abgesplitterte Stämme, Strünke und Äste. Der Leutnant sammelte seine Mannschaft am untersten Ausläufer, wo der gestaute Bach versiegte, und ließ sie in lockerer Linie langsam suchend über die Schneeschuttmassen hinauf vorrücken. Es schien hoffnungslos, irgendwo nach der verunglückten Schildwache graben zu wollen, und so musste wenigstens versucht werden, wenn nicht sie selber, so doch eine Spur von ihr an der Oberfläche zu finden.
Die Suchmannschaft kam in die Nähe der kirchturmhohen Brückenpfeiler und wollte die Hoffnung schon aufgeben, als das Unglaublichste geschah. Aus dem Pulverschnee am linken Schluchthang arbeitete sich mit müden Bewegungen ein weiß überstäubter Mann an den Rand der Lawinenmasse hinauf, und der Mann war – die Leute, die ihn entdeckten, rannten, seinen Namen schreiend, zu ihm hinab –, der Mann war Schelbert.
Er stand da, als seine Kameraden ihn umringten und der Leutnant vor ihn hintrat, blickte sie mit verstörten Augen an und schien die Sprache verloren zu haben.
«Schelbert», sagte der Leutnant, «jetzt fange ich an zu glauben, dass Sie einen Schutzengel haben. Ist doch das reinste Wunder, dass Sie noch leben!»
Schelbert blickte ihn an und schwieg.
«Er ist noch nicht ganz beisammen», sagte einer seiner Kameraden leise. «Vielleicht ist er auf den Kopf gefallen.»
Sie suchten ihn dadurch zu wecken, dass sie alles erzählten, was sie gesehen hatten, und ihm Einzelheiten in Erinnerung riefen. Sie sagten ihm, dass er als Schildwache da oben die Lawine zu spät bemerkt habe, dass er beim Fortrennen gestolpert, hingefallen und gleich nach dem Aufstehen vom Luftdruck über das Geländer hinaus geschleudert worden sei. «Wir haben doch jetzt die ganze Lawine nach dir abgesucht, wir dachten, du seiest mausetot.»
Schelbert schwieg noch immer, hörte aber jetzt so angestrengt zu, als ob er wirklich versuchte, sich das alles in Erinnerung zu rufen.
«Sie haben beim Sturz wahrscheinlich das Bewusstsein verloren», erklärte der Leutnant. «Aber vielleicht fällt Ihnen doch dies und jenes noch ein. Es wäre interessant zu wissen, wie und wo Sie gelandet sind … vermutlich doch weiter unten, oder? Und dann sind Sie, bevor wir kamen, da hinaufgegangen?»
Schelbert machte eine Kopfbewegung, die man für ein Ja nehmen konnte.
«Vielleicht wollten Sie Helm und Gewehr suchen, die haben Sie beim Sturz doch verloren, nicht?»
«Helm und Gewehr?», fragte er nun dumpf und dachte einen Augenblick nach. «Die muss ich vielleicht da oben suchen.»
«Auch möglich. Sie wurden ja nur so herumgewirbelt, das hat man gesehen. Aber der Luftdruck muss Sie nicht nur hochgenommen, sondern nachher getragen und glimpflich abgesetzt haben … oder Sie sind von einer Art Unterströmung, die unter der Brücke durchkam, aufgefangen worden … Verstehen kann man es nicht, es scheint ganz unglaublich. Aber die Hauptsache ist, dass Sie davongekommen sind.»
Damit schickte er ihn mit den übrigen Leuten in die Baracke zurück und ging der Reservemannschaft entgegen, die mit Pickeln und Schaufeln durch die Schlucht heraufkam. Er traf seinen Hauptmann dabei, erstattete Meldung und hatte Mühe, ihm das Vorgefallene glaubhaft zu machen. Die Mannschaft wurde auf dem kürzesten Weg zur Brücke hinaufgeführt, wo sie die hoch überpulverten Geleise auszuschaufeln hatte. Die untere Station schickte einen Reparaturwagen mit Arbeitern, die den Strom ausschalteten und die von verbogenen Trägern herunterhängende Fahrleitung zu flicken begannen.
Schelbert wich allen Fragen aus, er blieb schweigsam, nachdenklich, ja bedrückt, wie ein Mensch, der etwas Schweres zu ertragen hat, ohne es verstehen zu können. Aber plötzlich verlangte er, seinem Leutnant und dem Herrn Hauptmann eine Aussage zu machen. Er wurde in die Barackenkammer des Wachtkommandanten gewiesen, nahm beim Eintritt der beiden Offiziere mit finsterer Miene stramm Stellung an und gestand, dass er ein schweres Wachtvergehen zu bekennen habe. Der Hauptmann bat den Leutnant, ein Protokoll aufzunehmen, und das Verhör begann.
Schelbert erzählte, wie er als Schildwache bei der Brücke jene Bäuerin kennengelernt habe, eine junge Witwe, und sie gern vor der Ablösung noch daheim besucht hätte. Er habe vom Leutnant keine Bewilligung zum Ausgang mehr erhalten, aber sich nicht damit abfinden können. Die Bäuerin sei dann gestern noch einmal zur Brücke herabgekommen, da hätten sie zusammen einen Plan gemacht, und genau nach diesem Plane habe er heute Morgen seinen Schildwachposten verlassen und die Zeit bei der jungen Bauernfrau verbracht.
Der Leutnant schlug mit der flachen Hand auf den Tisch und blickte den Geständigen verblüfft an, der Hauptmann bemerkte sehr ernst, ein solcher Fall werde nicht disziplinarisch erledigt werden können, sondern vor Divisionsgericht kommen.
Schelbert nahm dies ruhig hin und fuhr unbeirrt in seinem Berichte fort. Daraus ging hervor, dass er sich vom Korporal um sieben Uhr als Schildwache bei der Brücke aufführen ließ, jedoch schon mit der Absicht, nicht hier stehen zu bleiben. Kaum war der Korporal verschwunden, als die junge Frau mit ihrem halb verblödeten Knecht über den Steg kam. Der Knecht war als Soldat verkleidet, er trug die Uniform und Ausrüstung ihres verunglückten Mannes, der vor zwei Jahren an dieser Stelle vom Lawinenwind in die Schlucht hinuntergefegt worden war. Sie sagten ihm, dass er hier nun Schildwach stehen müsse, bis Schelbert zurückkehre, sie schärften ihm ein, wie er sich zu verhalten habe, um nicht aufzufallen, und warnten ihn auch vor der Lawine wie vor den Zügen. Der armselige Mensch, der hier schon mancher Schildwache neugierig grinsend zugesehen hatte, stellte sich gelehrig an und begann den Dienst, erfüllt vom Gefühl seiner Wichtigkeit, mit kindischer Freude. Schelbert und die Frau aber stiegen eilig zu dem nahen Heimwesen hinauf. Während sie noch beisammen waren, hörten sie am gegenüberliegenden Berghang die Staublawine niedergehen. Sie rannten zur Brücke hinab, suchten den verkleideten Knecht und fanden ihn nicht mehr. Schelbert stieg ins Tobel hinunter, um dort nach der Leiche zu suchen, und wurde dabei von der Suchmannschaft des Wachtpostens entdeckt. Von ihr erfuhr er das Geschehene, und weil dabei nur von seiner eigenen wunderbaren Rettung die Rede war, konnte er in seiner Verwirrung die Wahrheit nicht gleich sagen.
Dies war sein Bericht. Das Protokoll wurde ihm vorgelesen, er unterschrieb es und bat am Ende, dass man doch jetzt den Verunglückten in der Schlucht suchen möge. Der Hauptmann versprach, die verlangten Leute vom Lawinendienst mit den Sondierstangen und dem Hunde sofort an die Arbeit zu schicken.
«Schelbert, Sie wissen offenbar, was Sie getan haben», schloss der Hauptmann. «Das Divisionsgericht ist streng und wird Sie zu einer schweren Strafe verurteilen. Dass Sie aber aus eigenem Antrieb bekannt haben und also die Strafe auf sich nehmen wollen, wird als Milderungsgrund sehr ins Gewicht fallen. Ich meinerseits verzichte besonders aus diesem Grunde, Sie hier sogleich einzusperren. Sie gehen jetzt zu Ihrem Zuge zurück!»
«Zu Befehl, Herr Hauptmann!», rief Schelbert, und dann bemerkte er noch, mit demselben schweren Ernst, den er während seiner ganzen Aussage bewahrt hatte, Helm und Gewehr seien noch dort oben bei der Frau, er habe in der Hast vergessen, sie mitzunehmen.
Der Hauptmann fragte den Leutnant, dann Schelbert, ob von seinem Zuge einer das Heimwesen kenne, und da man keinen wusste, entschied er, dass Schelbert selber Helm und Gewehr hole.
So kam es, dass vor der Ablösung der Kompagnie der verwandelte Soldat und die mitschuldige junge Frau einander noch einmal trafen. Was sie dabei besprachen und was sie vorher zusammen erlebt hatten, kam erst bei den Verhandlungen vor Divisionsgericht an den Tag. Bis dahin bewahrte Schelbert ein Schweigen, das nichts preisgab als den bloßen Tatbestand. Am Vorabend aber gelang es dem menschlich erfahrenen Verteidiger, dem spröden Burschen Geständnisse zu entlocken, die seine zwar offenbare, aber doch nicht ganz durchsichtige innere Wandlung erklärten und begründeten.
Er hatte, wie er beschämt und ungeschickt gestand, bei der jungen Bäuerin mehr gefunden als das gesuchte flüchtige Vergnügen, nämlich das, was einem so leichtsinnigen Burschen wohl nur einmal begegnet, was ihm plötzlich die Augen öffnet und ihn, wenn er etwas wert ist, nun erst zum Manne macht. Noch eh jene Stunde zu Ende war, fragte er sie, ob sie seine Frau werden wolle. Sie erwiderte, sie sei mit ihrem ersten Manne nicht glücklich gewesen und möchte sich diesmal nicht wieder so rasch und unbedacht entschließen, doch gefalle er ihr, sonst hätte sie ihn ja niemals zum Besuche ermuntert, und sie werde ernsthaft darüber nachdenken. Da fuhr drüben mit dem unheimlichen Fauchen, das sie kannte, die Lawine den Berg hinunter. Sie rannten zur Brücke hinab, und als sie den Knecht nicht fanden, packte die Frau den Soldaten mit beiden Händen an den Schultern und sagte erschüttert, mit Sätzen, die er nur allmählich in ihrem Zusammenhang verstand, dass sie nicht wisse, ob dies ein Fluch oder ein Segen sei. Sie habe gewünscht, ihren ersten Mann loszuwerden, und die Lawine habe ihn weggenommen. Dann habe sie gewünscht, diesen beschwerlichen Knecht loszuwerden, und auch ihn habe die Lawine genommen, im gleichen Soldatenkleid, mit dem gleichen Gewehr und Helm wie ihren Mann, als ob sie das erste Unglück hätte wiederholen und bekräftigen wollen.
«Dafür hat sie mich verschont», antwortete Schelbert, als er es begriff. «Auch ich hätte hier das Leben verlieren können; stattdessen ist mir, als ob ich es bei dir erst recht gewonnen hätte. Für mich hat es nun dieser arme Mensch verloren, und er hat es in der gleichen Uniform verloren wie der Mann, der nicht zu dir passte; dies alles sollte nicht umsonst geschehen sein, auch wenn der unglückliche Knecht dadurch von seinem elenden Dasein erlöst worden ist. Ich kann es nur so ansehen, und wenn du es auch so ansiehst, ist es für uns beide ein Segen.»
Da kamen sie überein, das Ereignis als ein ungeheures Zeichen anzusehen, das sie beide für immer aufeinander anweise, und sie versprachen sich noch auf der Brücke feierlich, Mann und Frau zu werden. Darauf stieg der Mann in die Schlucht hinab, um den Verunglückten zu suchen, und die Frau rief ihm nach, dass sie daheim auf ihn warte.
Er hätte es leicht gehabt, vor seinem Leutnant den wunderbar Geretteten zu spielen, sein schweres Wachtvergehen zu verheimlichen und vielleicht später bei der Schneeschmelze den Verunglückten zu suchen und beiseitezuschaffen, aber nach dem, was auf der Brücke geschehen war, konnte er zuerst nur schweigen. Als er dann wieder bei der Frau eintraf, um Gewehr und Helm zu holen, sagte er zu ihr: «Ich habe mich als Schildwache schwer vergangen, schwerer, als du begreifen kannst, und ich bin immer noch ein Soldat. Meinst du nicht, dass da etwas Dreckiges an mir hängen bliebe, auch wenn alles andere so kommen musste, wie es kam?»
«Doch!», antwortete sie rasch. «Du musst es bekennen und die Strafe annehmen. Es ist für uns ja auch dann noch kein ganz sauberer Anfang, weil wir doch daran schuld sind, dass der Seppetoni um sein armes Leben gekommen ist. Ich will eine heilige Messe für ihn stiften, und bei der Brücke sollte auch er ein Kreuz haben. Bekenne du nur, wir wollen das nicht auch noch mittragen!»
«Das freut mich», sagte er. «Ich habe es schon gestanden, ich werde vor Divisionsgericht kommen und viele Monate absitzen müssen, aber dann bin ich es los.»
Sie erschrak über eine so schwere Strafe, aber sie musste ihm recht geben und versprach, getreulich auf ihn zu warten. –
Dies alles erfuhr der Verteidiger auf eine etwas umständlichere, sprödere Art am Vorabend der Verhandlungen; er stellte es in seiner Verteidigungsrede schonend, aber eindringlich so dar und rückte damit den schwierigen Fall erst in jenes rechte Licht, das ihn über das starre Gesetz hinaus dem lebendigen menschlichen Urteil unterbreitete. Das Gericht tönte in seinem Wahrspruch denn auch an, eine so außerordentliche Verknüpfung von Zufällen, die zu einer so entschiedenen inneren Wandlung des Fehlbaren und am Ende noch zu einem so erfreulichen Ergebnis führe, könne man fast nur noch Schicksal nennen. Es verurteilte den Angeklagten zu sechs Monaten Gefängnis, jedoch bedingt, zu einer Strafe also, die ihn wohl noch bedrohen und an sein Vergehen erinnern, aber nicht mehr erreichen konnte, da er selber keinen Augenblick an seiner künftigen Bewährung zweifelte. Sein Leutnant beglückwünschte ihn dazu und meinte, es sei märchenhaft, wie sich ihm alles zum Guten gewendet habe. Schelbert erwiderte ernsthaft: «Es hat so kommen müssen.»
Als der sehr nüchtern denkende Hauptmann die Begründung des Urteils gelesen hatte, sagte er lachend zu seinem Leutnant: «Der Aufwand, den das Schicksal da getrieben hat, um aus zwei einfachen Menschen ein Paar zu machen, scheint mir denn doch etwas reichlich.»
«Zugegeben!», erwiderte der Leutnant. «Aber ein Mensch wie dieser Schelbert ist mir auch noch nie vorgekommen. Er kann über Abgründen herumklettern, er fällt nicht herunter, er kann im Tunnel einem abspringenden Bremsklotz ausgesetzt sein, er wird nicht getroffen, er kann in diesem Tunnel vor dem Zug herrennen, er wird nicht überfahren, er kann als Schildwache auf einen Posten gestellt werden, wo eine Lawine alles hinwegfegt, er gerät nicht in die Lawine, er kann sich eines schweren Vergehens schuldig machen, er muß die Strafe nicht antreten. Es ist ihm bestimmt, eine junge Bäuerin zu heiraten, und da kann er das Verkehrteste, Verbotenste tun, er tut dennoch immer das Richtige und wird auf diesem scheinbar verrückten Umweg auf die unglaublichste Art geradenwegs ans Ziel geführt. Und zuletzt behauptet er noch, dass alles so habe kommen müssen! Wenn das nicht mehr ist als Glück, dann weiß ich nicht, was man Schicksal nennen sollte.»
Drei Männer im Schneesturm
Eines Tages im September stiegen drei Männer aus demselben Dorfe zu einer Wanderung ins Hochgebirge hinauf. Sie galten als tüchtige Bergsteiger, und niemand zweifelte, dass sie wohlbehalten zurückkehren würden; aber nur zwei von ihnen kehrten lebend zurück. Ein Unglück in den Bergen war kein seltenes Ereignis, fast jeden Sommer einmal brach die Rettungskolonne auf, um Verletzte oder tödlich Abgestürzte zu bergen; was die beiden von ihrem Erlebnis erzählten, klang denn auch durchaus glaubwürdig und hätte andern ebenso gut zustoßen können. Sie waren noch zu dritt in einen Schneesturm geraten, wie er auf Höhen über zweitausend Metern mitten im Sommer hereinbrechen kann, und bei schlechter Sicht einen Steilhang hinabgerutscht; dabei hatten zwei von ihnen Beinbrüche erlitten, und einer dieser Verletzten war später vor Erschöpfung gestorben. In diesem Bericht aber gab es eine Stelle, die nicht ganz klar schien und von jedem der beiden Zurückgekehrten unabsichtlich ein wenig anders erzählt, ja bei einer gelegentlichen Wiederholung sogar abgeändert wurde. Der Erzähler, den man auf diese Unstimmigkeit hinwies, verriet eine gewisse Verlegenheit, besonders der eine, der das Abenteuer heil überstanden hatte, ein Zugewanderter übrigens, der erst seit einem halben Jahr als Fotograf im Dorfe wohnte; von ihm munkelte man am Ende geradezu, dass er den Hinterlassenen seines verunglückten Kameraden ausweiche, als ob er ein schlechtes Gewissen hätte. Er war ein mächtig gebauter, geistig sehr regsamer Mensch mit gutherzigen Augen, der als Kurdirektor, Skilehrer oder Klavierspieler bald da, bald dort gewohnt und sich überall rasch beliebt, aber nirgends sesshaft gemacht hatte. Dieser unstete Mann, den viele nur nach seinem Vornamen Christoph nannten, wurde nun in der Tat vom Anblick der Hinterlassenen und von Fragen nach dem ungelösten Rest jenes Berichtes dermaßen geplagt, dass er das Dorf schon bald wieder verließ. Jahre später erzählte er in einem Kreis vertrauter Freunde sein Erlebnis, das ihm unvergesslich und bis zu jeder Einzelheit noch gegenwärtig war. Er erwähnte seine Begleiter, Karl und Otto, zufällige Bekannte, und begann:
Wir hatten eine zweitägige Wanderung bei strahlendem Licht über Gletscher und Gräte hinter uns. Am Morgen des dritten Tages standen wir um vier Uhr in der Dunkelheit vor der Klubhütte, streckten die Nasen in die Luft und suchten den Himmel nach Sternen ab. Der Himmel war wider Erwarten bedeckt. Karl und Otto wollten trotzdem aufbrechen, da wir keine gewagte Gipfeltour vorhatten, sondern abermals nur eine Wanderung, wenn auch eine langwierige durch ein abgelegenes, großartig wildes Gebiet. Mir war es recht. Ich gab immerhin noch zu bedenken, dass wir in den nächsten zwölf Stunden keine Hütte antreffen würden, aber dann brachen wir auf.
Nach einem dreistündigen Anstieg über Alphänge und alte Schneefelder erreichten wir den Grat, auf den wir es vor allem abgesehen hatten, einen mannigfaltigen, bald breiten, bald schmalen Rücken, der auf einer mittleren Höhe von zweitausendfünfhundert Metern sich weit gegen Osten hin streckt. Auf diesem Grate wanderten wir nach kurzer Rast dahin, einen kühlen Nordwestwind im Rücken, der uns nicht recht gefiel, aber vor uns eine Wunderwelt von Flühen, Schründen und urweltlichen Trümmerfeldern, von fernen Gipfeln, Kämmen und Gletschern, eine wahre Augenweide, die uns gar nicht daran denken ließ, umzukehren. Wir zogen tüchtig aus, stiegen da über einen Höcker hinweg, dort in einen Sattel hinab, umgingen irgendeinen Stock, dessen Namen kein Mensch kennt, und kamen immer wieder auf bequeme gleichmäßige Strecken des Gratrückens. Der Wind nahm zu, aber da wir mit ihm gingen, fiel uns das nicht besonders auf, bis er plötzlich weiße Körnchen vor uns hertrieb, weit zerstreute feine Schneekörner. Bis jetzt hatte man auf dieser kahlen Höhe den Wind nicht gesehen, jetzt sah man ihn. Als wir anhielten, mussten wir uns die Hüte schon fester aufdrücken. Wir begannen zu beraten, gleichmütig, wie es erprobten Bergsteigern ansteht, obwohl uns alles andere als Gleichmut erfüllte. «Wir müssten auf dem nächsten Wege bergab», sagte Karl ruhig, und das war ein ebenso einsichtiger wie überflüssiger Rat, da es, was auch er wusste, weithin nur Felsabbrüche und steile Kletterhänge, aber keine nächsten Wege bergab gab; wir konnten nur zurück oder vorwärts gehen. Ich schlug den Rückweg vor, und wir gingen zurück. Ungefähr zehn Minuten lang wanderten wir gegen den Wind, aber mit jeder Minute schien die Windstärke zu wachsen, und was wir im Nordwesten vor uns hatten, glich schon eher einem Schneetreiben als einer Aussicht. Otto blieb stehen und sagte: «So können wir es vielleicht eine Stunde lang aushalten, aber dann sind wir noch nicht weiter als sonst in zwei Stunden; lieber vorwärts.» Da Karl ihm zustimmte, kehrten wir um und gingen mit dem Winde wieder vorwärts. Es war falsch, wir hätten den Rückweg erzwingen müssen, den ich vorgeschlagen hatte, und ich ging nicht aus Überzeugung davon ab, sondern nur deshalb, weil auch mir das Gehen mit dem Winde leichter fiel. Diese schwächliche Nachgiebigkeit kann ich mir heute noch nicht verzeihen, so begreiflich sie erscheinen mag; ich habe diese ganze Geschichte gründlich durchdacht und mir alles vorgeworfen, was nach einer Schuld aussah. Ich will meinen Anteil redlich tragen.
Wir gingen also vorwärts, während der Wind uns immer kälter in den Nacken biss und den körnigen Schnee immer eiliger und dichter vor uns hinsäte. In unglaublich kurzer Zeit war alles weiß, so weit wir sehen konnten, und als wir nach einer Stunde den Abhang eines Stockes, der uns im Weg stand, auf der Windseite überqueren mussten, merkten wir ziemlich erstaunt, dass der Schnee, der auf dem Grate immer wieder weggefegt wurde, uns hier schon bis zu den Knöcheln reichte. Der Wind wuchs zum Sturm an, und der waagrecht geschleuderte Schnee blieb an uns haften wie Klebstoff. Wir begannen an die Ohren und Hände zu frieren und büßten es nun, dass wir keine Handschuhe mitgenommen hatten. Am unangenehmsten jedoch war die immer stärker beschränkte Sicht; wir sahen im Schneetreiben wie im dichtesten Nebel keine zwanzig, ja manchmal keine zehn Schritte weit und gingen immer langsamer, vorsichtiger, um nicht auf eines der ausweglosen Bänder zu geraten.
Der Grat läuft am Ende in eine unregelmäßige Hochebene aus, die im Nordosten durch einen leicht ansteigenden langen Kamm begrenzt wird. In diesem Kamm gibt es eine «Lücke», eine der bekannten, einander ähnlichen Lücken, die oft den einzig möglichen Durchstieg durch langgestreckte felsige Schranken oder Riegel bezeichnen und die in unseren Gebirgskarten ja auch sorgfältig eingetragen sind. Diese Lücke mussten wir finden, und wir bildeten uns ein, dass es drüben dann besser gehen werde, obwohl wir hätten wissen können, dass uns dort ein zwar abfallendes, aber trostlos weites, vor dem Winde ungeschütztes Gebiet erwartete.
Wir stapften also vom Grat auf die sogenannte Hochebene hinaus, die mit einer richtigen Ebene natürlich wenig zu tun hat, und hier reichte uns der Schnee schon bis an die Waden. Den Rücken gebuckelt, den Hut über den Ohren, die Hände in den Hosensäcken, gingen wir, leicht nach Nordosten haltend, auf den Kamm zu, den wir nach unserer Meinung gar nicht verfehlen konnten. Da ich vorhin sagte, der Wind sei zum Sturm angewachsen, so müsste ich jetzt sagen, er sei zum Orkan geworden, wenn diese Bezeichnung in unseren Breiten erlaubt wäre, zu einem atemraubenden eisigen Schneesturm, dem wir uns schräg nach links entgegenstemmen mussten, um nicht hingelegt zu werden. Wer so etwas nie erlebt hat, dürfte es kaum für möglich halten, aber ich erlebte es zum zweiten Mal und kann es bezeugen. Den ersten derartigen Sturm in einer unwegsamen Hochgebirgsgegend überstand ich vor etwa fünfzehn Jahren, und zwar mitten im Sommer, an einem achtundzwanzigsten Juli, einen Schneesturm, der die Straße vor der noch tief unter uns liegenden Passhöhe meterhoch verwehte, das Postauto zur Umkehr zwang, Telefonmasten knickte und das Hospiz von der Außenwelt abschnitt. Einige Zeitungen haben darüber berichtet, man kann es nachlesen, wenn man will. Unten in den Tälern merkt man wenig davon, man ärgert sich höchstens über die kühlen Regenschauer, und da oben schwingt der weiße Tod wie rasend sein riesiges Leintuch über ein paar armen Bergsteigern.
Dieses frühere Erlebnis stieg vor mir auf wie ein beängstigender Traum, als wir nun auf den Kamm losgingen, und mir schien, es sei wieder genau so wie damals, nur dass es jetzt September und nicht Juli war. Das Gelände begann endlich vor uns anzusteigen, wie wir es erwarteten, aber es war nur eine Bodenwelle, drüben ging es zu unserer Enttäuschung wieder bergab, und zwar so weit, dass wir Verdacht schöpften und nach kurzer Zeit denn auch nichts mehr vor uns hatten als den Abgrund. Wir vermuteten, dass wir zu weit nach Norden abgewichen waren, wo es schroff in die Tiefe ging.
Hier verrieten meine beiden Kameraden zum ersten Mal ihre gedrückte Stimmung, sie fluchten voll banger Sorge und suchten nun endlich den Kompass aus dem Rucksack hervor, was wir schon längst hätten tun sollen. Diese Unterlassungssünde nahm ich auf mich, ich hatte an den Kompass gedacht und ihn nur deshalb nicht hervorgeholt, weil ich meinte, dass wir ohne ihn auskommen würden, und weil es vor allem sehr widrig war, stehen zu bleiben, den Rucksack abzuhängen und aufzumachen. Das klingt vielleicht merkwürdig, aber es ist dennoch so; man fürchtet sich in einer derartigen Lage geradezu, das beruhigende Gehen und unablässige Denken auf ein bestimmtes Ziel hin zu unterbrechen, denn bei jedem Halt sind nicht nur Wind und Kälte viel schwerer zu ertragen, man wird auch von ganz unnötigen Gedanken überfallen und hat das Gefühl, kostbare Minuten zu verlieren.
Wir stellten fest, dass wir wirklich zu weit nach links geraten waren und hier unmittelbar über den steil abfallenden Nordwänden standen. Nun gingen wir auf unseren eigenen Spuren, die übrigens schon nach hundert Schritten kaum mehr zu erkennen waren, eine ordentliche Strecke zurück, dann steiften wir den Kompass ein und nahmen die Nordostrichtung. Auf diese Art kamen wir nach einer Stunde zum Kamm hinauf, wo wir uns sofort trennten, um die Lücke zu suchen. Karl und Otto gingen nach rechts; ich suchte nach links, geriet aber bald wieder zu weit bergab und sah noch einmal in der Karte nach dem Verlauf des Kammes, dann kehrte ich um und folgte, meine Schritte zählend, den Kameraden, die sich, wie ich an den verwischten Spuren gerade noch erkennen konnte, durch jede größere Scharte hinausgebeugt hatten. Der ziemlich zerrissene Kamm war überall von Schneewehen bedeckt wie von Wellen, die sich schäumend überschlagen. Nach ungefähr vierhundert Schritten musste die Lücke zu finden sein, wenn meine Berechnung stimmte, und dort fand ich sie auch. Karl und Otto, die noch über sie hinausgesucht hatten, kamen zurück und erklärten ebenfalls, dies sei die richtige Stelle.
Vorsichtig traten wir in den gabelförmigen Ausschnitt und blickten auf die andere Seite hinab, konnten aber nicht viel mehr erkennen als den obersten Ansatz eines Steilhanges, der sich im Schneegestöber verlor. Wir waren einig, dass uns hier das schwierigste Stück des Tages bevorstand, da wir mit dem Pfade nicht rechnen konnten. Dieser schmale, auch bei aperem Boden oft kaum sichtbare Pfad, der stellenweise nicht breiter ist als eine Handspanne, führt im Zickzack etwa hundert Meter weit den felsigen Hang hinab, war aber nun völlig verweht und nicht einmal zu erraten.
Die Lücke gewährte einen notdürftigen Schutz vor dem Sturm, und hier setzten wir uns in den Schnee, um zu essen. Wir hatten seit vier Stunden nicht mehr gerastet, waren hungrig und vom Waten ermüdet. Wir fanden es aber nach wenigen Minuten schon so ungemütlich und begannen derart zu frieren, dass Karl und Otto zum Aufbruch drängten. Außerdem hatten wir viel Zeit verloren, es war schon drei Uhr nachmittags, und wir mussten uns beeilen, wenn wir vor der Dunkelheit ins Tal hinabkommen wollten. So seilten wir uns denn an und stiegen ab. Ich ging als Letzter am Seil und konnte in der Lücke noch gut sichern, aber weiter unten wurde es schwieriger, der Schnee bot keinen genügenden Halt, und wo man ihn wegwischte oder mit dem Eispickel durchschlug, geriet man immer häufiger auf Felsplatten. Plötzlich rutschten wir ab. Ich weiß noch genau, wie es geschah. Wir waren schon im untersten Teil des Hanges, ich hatte gesichert, so gut ich konnte, Otto ging voraus, soweit das Seil es erlaubte, dann suchte er ziemlich lange, ohne einen richtigen Halt zu finden, und rief endlich: «So, jetzt, glaub’ ich … probiert’s!» Kaum hatte ich meine Sicherung aufgegeben, da schrie Karl, der zwischen uns ging, laut: «Halten!» Im selben Augenblick wurde ich durch einen Ruck am Seil aus dem Stand gerissen, rutschte Karl nach und stemmte meinen Pickel mit aller Kraft umsonst in den Hang. Ottos Sicherung versagte, wir rissen ihn mit, rutschten auf dem Schneehang, der gegen meine Befürchtung nicht ins Gleiten kam, etwa zehn Meter weit ab und stürzten zuletzt noch drei, vier Meter auf nur fußhoch verschneite harte Karren hinunter.
Beim Aufprallen überschlug ich mich, rutschte um eine Manneslänge weiter und griff mit beiden Händen in den Schnee, um mich festzuhalten, aber wir waren endgültig unten angelangt. Ich lag mit schmerzender Hüfte an einem schrägen Bord und hörte dicht über mir auf dem Absatz, wo meine Kameraden lagen, ein raues Stöhnen und jammerndes Fluchen. Ich prüfte meine Glieder, erhob mich und stellte aufatmend fest, dass ich mit einer tüchtigen Quetschung davongekommen war. Karl und Otto dagegen klagten über starke Schmerzen im linken Bein und fielen beim Versuche, aufzustehen, stöhnend gleich wieder hin. Es ergab sich, dass sie wahrscheinlich den linken Unterschenkel, mindestens aber das Wadenbein gebrochen hatten, sie konnten weder gehen noch auf beiden Beinen stehen. Otto blickte mich mit ungläubig erschrockenen Augen an, als ob er dies nicht fassen könnte, dann sank er auf eine ganz besondere, verzweifelte Art, so wie man sich verloren gibt, langsam zurück und legte die Stirn auf den gekrümmten Arm. Ähnlich benahm sich Karl. Mir war sofort klar, dass sie nicht wegen eines gebrochenen Beines verzweifelten, sondern in der Einsicht, dass für sie die ohnehin schlimme Lage unter solchen Umständen hoffnungslos wurde. Wir befanden uns hier auf den obersten felsigen Stufen einer ausgedehnten Schafweide, die mit einer Neigung nach Nordwesten gestaffelt gegen eine Alp abfällt, eine weite, zu dieser Zeit schon verlassene Rinderalp, von der ein zweistündiger schlechter Weg durch den Wald zu den verstreuten ersten Bergheimwesen hinunterführt. Man sah auch hier noch immer keine zehn Schritte weit, der Schneesturm fegte mit unverminderter Wucht über uns hin und drang uns jetzt, da wir nicht mehr gingen, schneidend kalt durch die Kleider; unsere Hände waren vor Kälte geschwollen und unempfindlich geworden. Man muss sich dies alles zugleich vor Augen halten, um die Verzweiflung meiner Kameraden zu verstehen. Auf einer Höhe von zweitausendvierhundert Metern, hoch über allen menschlichen Wohnungen, ohne Pfad, ohne Sicht, wie erblindet und halb erschöpft mit einem Beinbruch im eisigen Schneesturm, drei Stunden vor dem Zunachten – wer da noch Hoffnung hätte, dürfte kein erfahrener Bergsteiger sein.
Ich verzichtete auf jeden unbegründeten Trostversuch und sprach vielmehr ohne lange Überlegung den nächstliegenden Gedanken aus: «Ich laufe so rasch wie nur möglich hinab, trommle da unten ein paar tüchtige Burschen zusammen und führe sie hinauf, mit Bahren oder mit einem Hornschlitten …»
Ich blickte sie an und wartete, was sie dazu sagen würden, aber sie sagten nichts, sie wussten Bescheid. Sie wussten, dass ich bis zu den obersten Häusern hinab mindestens vier Stunden brauchen würde, dass ich eine Rettungskolonne dann nicht im Handumdrehen beisammenhätte und dass die Kolonne mit einem etwa sechsstündigen Aufstieg rechnen müsste, abgesehen von der Frage, ob ich nach so außerordentlichen Anstrengungen überhaupt noch fähig wäre, sie da hinaufzuführen, und abgesehen auch von der hohen Wahrscheinlichkeit, dass eine Rettungskolonne im Morgengrauen zu spät käme. Das Schweigen, mit dem sie meinen Vorschlag aufnahmen, erschütterte mich mehr, als wenn sie noch so furchtbar geklagt hätten.
Indessen kam mir ein anderer Gedanke. «Da unten auf der Alp ist doch ein Stall, nicht?», fragte ich.
«Ja, aber wie willst du den finden!», erwiderte Otto dumpf. «Er steht irgendwo mitten auf der Alp … Aber du würdest ihn nicht finden, auch wenn du wüsstest, wo er wäre … man sieht ja nichts.»
«Aber ich kann ihn suchen, verdammt noch mal! Und dann schleppe ich euch beide hinab.»
«Hinab wären es etwa zwei Stunden und hier hinauf drei … bis dahin …»
«Aber es wäre doch eine Möglichkeit!», warf Karl ein.
«Jawohl!» rief ich. «Und solang es eine Möglichkeit gibt, hat es keinen Sinn, den Kopf hängen zu lassen, Otto. Der Stall wird gesucht. Und einen von euch nehme ich gleich mit … oder versuche es doch wenigstens.»
Das belebte sie nun beide, aber, wie ich rasch merkte, auf eine sehr zwiespältige Art, und im nächsten Augenblick überfiel mich selber die Frage, die ihre aufkeimende Hoffnung erbarmungslos bedrohte: Wie soll einer allein es hier oben auch nur zwei, geschweige denn fünf Stunden aushalten? Wir waren tatsächlich so ermüdet und froren, ja schlotterten am ganzen Körper dermaßen, dass nicht einmal ich mit meinen gesunden Gliedern mir so etwas zugetraut hätte. Davon sagte ich aber nichts, ich klammerte mich vielmehr an meinen Einfall, da mir gar keine andere Wahl blieb.
Von diesem Augenblick an wurde unser bisher so offenes Verhältnis zueinander peinlich gespannt. Wir wussten alle drei, dass der Unglückliche, der dableiben musste, verloren war, wenn kein Wunder geschah, weil es fast unmöglich schien, die Hütte zu finden, und weil der Zurückgebliebene selbst dann, wenn ich sie nach unvermeidlichen, zeitraubenden Irrgängen gefunden hätte, bis zu meiner Rückkehr es nicht aushalten würde. Welcher von beiden aber sollte nun dableiben?
Ich konnte nicht hoffen, dass sich der eine für den andern freiwillig aufopfern würde, dazu waren sie bei aller Kameradschaft denn doch zu wenig eng befreundet; außerdem durfte von so nüchtern denkenden, mitten im Erwerbsleben stehenden Männern ein derart seltener Edelmut auch gar nicht erwartet werden. Die Entscheidung blieb mir überlassen, wie sich bald genug herausstellte, die furchtbarste Entscheidung, die ich jemals zu treffen hatte. Beide waren gefestigte, selbständige Menschen zwischen dreißig und vierzig Jahren, von der äußerlich herben, im Grunde aber recht gemütvollen Art, wie man sie unter der einheimischen Bevölkerung überall trifft. Otto betrieb eine Möbelschreinerei, Karl war Drogist. Sie befanden sich in guten Verhältnissen und besaßen im Dorfe ein beträchtliches Ansehen. Ich selber war der neue, etwas liederliche Fotograf, der lieber Tiere und Berge aufnahm als Brautpaare und Vereinsausflügler. Ohne viel mehr voneinander zu wissen als eben dies, hatten wir uns gelegentlich im Wirtshaus getroffen, unsere gemeinsame Freude an der Bergwelt entdeckt, über Touren geplaudert und dann zusammen diese Wanderung unternommen.
Im Verlaufe der letzten drei Tage nun waren wir einander etwas näher gekommen und hatten Schmollis gemacht, wie sich das in einsamen Berghütten unter Männern, die aufeinander angewiesen sind, ohne Weiteres ergibt. Sie gefielen mir beide, aber erst jetzt, da sie auf der Waagschale lagen und ich das Zünglein spielen sollte, das über Leben und Tod entscheidet, wurde mir bewusst, wie ungenau ich sie kannte und wie schwierig es war, aus mehr als persönlichen Gründen einen dem andern vorzuziehen.
Karl, von mittlerer Größe, mit einem schmalen Gesicht und wachen, rasch blickenden Augen, war vielleicht etwas intelligenter als Otto, dabei sehr bescheiden, wenigstens mir gegenüber, obwohl er offenbar viel gelesen hatte und zum Beispiel von Gebirgsbildungen, Mineralien, Pflanzen mindestens so viel wusste wie ich. Er litt jetzt innerlich wohl noch mehr als Otto und verriet deutlicher, wie unbeständig er zwischen Hoffnung und Verzweiflung schwankte. Er fror auch am ärgsten und lag, auf einen Ellbogen gestützt, die Hände in den Hosensäcken, mit gesenktem Kopf oder leicht erhobenem, gequält forschendem Gesichte zitternd da.
Otto war etwas kleiner und fester, dabei vitaler, warmherziger. Er hatte vor unserem Aufbruch eine vorzügliche Flasche gestiftet, dann im Rucksack viel gute Dinge mitgetragen und uns mit einer Freigebigkeit davon angeboten, die man nirgends mehr zu schätzen weiß als im Gebirge. Zuletzt war er trotz seiner kräftigen Natur nicht ohne große Mühe mitgekommen und nach dem Absturz mit dem gefährlicheren, schmerzlicheren Bruche liegengeblieben. Seine kummervoll brütende Miene stand zu dem sonst so heiteren Ausdruck seines selbstbewussten runden Gesichtes in einem Gegensatz, der mir ans Herz griff.
Kann man entscheiden, welcher von zwei ungefähr gleichartigen Menschen, die man nicht schon in allen möglichen Lagen genau kennengelernt hat, der bessere, wertvollere ist? Im Alltag macht man sich das leicht und tut es je nach dem Standpunkt, den man einnimmt, aber wenn Leben und Tod davon abhängen, kann es nur vom höchsten Standpunkt aus geschehen. Wie rasch sagen wir doch im täglichen Leben, der und jener sei nichts wert! Irgendeiner gefällt uns, weil er eine gewinnende Fratze hat oder uns Honig ums Maul streicht, und für diesen gäben wir drei andere hin. Und wer nimmt sich die Mühe, nach Verdiensten und verborgenen guten Eigenschaften auch nur zu fragen, wenn er einen vor sich hat, der ihm missfällt? Nichts ist schwieriger und nichts wird leichtfertiger gehandhabt als das Urteil über einen Menschen, auch wenn er unser Nächster ist. Wir sind darin grauenhaft ungerecht, bald aus Dummheit oder Hochmut, bald aus lauter Bequemlichkeit. Wohl uns, dass wir unsere leichtfertigen Urteile nur vor unserem eigenen abgestumpften Gewissen und nicht vor einer unerbittlichen höchsten Instanz verantworten müssen!
Ich ging nun mit einer Zuversicht ans Werk, die wohl nicht ganz ehrlich erscheinen mochte. «Vorerst müssen wir hier weg», entschied ich. «Wenn der Schnee da oben noch weiter wächst, kann er auf der trockenen Unterlage am Ende doch abrutschen. Ich wundere mich überhaupt, dass wir nicht mit dem ganzen Schneehang da unten angekommen sind. Vielleicht finde ich auch eine etwas geschütztere Stelle, ich will nachsehen, habt einen Augenblick Geduld!» Ich stieg eilig nach links hinunter und schlug einen weiten Halbkreis, fand aber nichts Geeigneteres als einen kleinen ebenen Absatz, wo man zwar nicht geschützt, aber doch wenigstens bequem liegen konnte. Als ich weitersuchend nach rechts wieder zum Felshang hinaufgestiegen war und ihm entlang der Unfallstelle zuging, fiel es mir in dem rasenden dichten Gestöber schon auf diese kurze Entfernung so schwer, die Kameraden zu finden, dass ich rufen musste.
Beide antworteten und sahen dann, als ich an sie herantrat, qualvoll gespannt zu mir auf. Sie hoben sich nur noch mit dem Kopf und einem Schulterstück vom Schnee ab, so stark waren sie schon zugeschneit. Ich hob ohne lange Erklärungen den Nächsten, Otto, mit beiden Armen auf, und er legte mir, stöhnend vor Schmerz, einen Arm um den Nacken. Mit meiner gequetschten Hüfte und bei meiner Müdigkeit aber kam ich nun so schwerfällig vorwärts, dass ich nicht nur meine unbestimmte heimliche Absicht aufgeben musste, beiden zugleich von hier aus weiterzuhelfen, sondern schon zweifelte, ob ich auch nur einen von ihnen retten könne.
Was nun geschah, während ich beide nacheinander etwa hundert Meter weit hinabtrug, das mag ich nicht nur flüchtig berichten, ich muss die beiden mit ihren eigenen Worten reden lassen – zu meiner Rechtfertigung. Wie sie sich benahmen und was sie sagten, das weiß ich noch so genau, als ob es gestern geschehen wäre, ich habe jedes ihrer Worte auf die Waagschale gelegt.
Otto begann eindringlich zu klagen: «Herrgott, dass das nun so enden muss! Bis dahin ist alles so gut geraten, und jetzt muss uns das passieren … Ich weiß nicht, was meine Frau tun würde, wenn ich nicht mehr zurückkäme. Es ist eine liebe Frau, das kann ich dir schon sagen … schade, dass du sie nicht kennst … hast sie nie gesehen?»
«Vielleicht schon», sagte ich, «aber ich hätte sie ja nicht als deine Frau erkannt.»
«Solltest sie kennenlernen, du!», fuhr er fort. «Hättest überhaupt schon lang einmal zu uns kommen sollen. Ich habe allerlei, was dich interessieren würde, zum Beispiel eine Sammlung von schönen alten Stichen … ich sammle sie aus Liebhaberei, weißt du … Aber was nützt das jetzt, es ist ja alles aus, fertig!»
«Ach was! So rasch gibt man sich nicht auf!», erwiderte ich.
Er schwieg einen Augenblick, dann sagte er lebhaft: «Wenn du das fertigbrächtest, wenigstens einen von uns hinabzuschleppen, das wäre doch allerhand … das hättest du nachher nicht zu bereuen!»
«Zuerst den einen, dann den andern», entgegnete ich.
«Ja ja, schon recht … du weißt genau, wie es steht.» Nach einer kurzen, bedrückenden Pause blickte er mich verzweifelt an und sagte: «Weißt du, es will mir ja nicht in den Kopf, aber einer muss dran glauben.»
Ich widersprach abermals, doch er ging nicht darauf ein und begann, zwischen seinen abgebrochenen Sätzen immer wieder keuchend oder stöhnend vor Schmerz, weiterzuklagen: «Das hab ich mir nicht träumen lassen, dass ich jemals in eine solche verfluchte Lage geraten könnte. Da hat man gearbeitet und immer ein wenig Glück gehabt, man hat ein schönes Geschäft, eine Familie, eine Frau, wie es keine zweite gibt, Kinder, den Peter und mein Anneli, ein Schatz, ist vor drei Wochen zehnjährig geworden … der Peter ist vierzehn und besucht die Handelsschule … Dann lebt noch mein alter Vater bei uns … Und nächstes Jahr wollten wir ein Wohnhaus bauen, wir haben uns alle darauf gefreut …» Er bewegte mit krampfhaft verkniffenen feuchten Augen langsam den Kopf hin und her, dann schien er, düster vor sich hinstarrend, einem Gedanken nachzuhängen. Plötzlich sah er mir wieder ins Gesicht. «Christoph, ich mache dir einen Vorschlag», begann er in einem neuen, entschlossenen, wenn auch immer noch gequälten Ton. «Du bist kein Geschäftsmann, ich weiß es, hast ein schmales Einkommen und wirst nichts Rechtes erspart haben. Aber ohne Geld kommst du auf die Dauer nicht aus. Ich helfe dir, du … und du hilfst mir, bringst mich hinab … ich lege dir auf der Bank ein Guthaben an, fünftausend …»
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