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Meghan Maslow
Dunkles Spiel im Elderreich
Starfig Investigations 2
Aus dem Englischen von Florentina Hellmas
Impressum
© dead soft verlag, Mettingen 2021
http://www.deadsoft.de
© the author
Titel der Originalausgabe: Be Fairy Game
Übersetzung: Florentina Hellmas
Cover: Irene Repp
http://www.daylinart.webnode.com
Bildrechte:
© Kerem Gogus – shutterstock.com
© Peter Polak – shutterstock.com
© Refluo – shutterstock.com
1. Auflage
ISBN 978-3-96089-437-7
ISBN 978-3-96089-438-4 (epub)
Inhalt
Sie sind zurück!
Wenn ein einfacher Fall von „Finden und zurückbringen“ des Privatdetektiv-Duos Twig Starfig und Quinn Broomsparkle zu einer Ermittlung des EBI Morddezernats wird, ist das wohl ein ganz normaler Tag im Elderreich.
Doch der Mord ist nicht das einzige Problem des Halbdrachen Twig Starfig. Mit Mord kann er umgehen. Schwieriger ist das Versprechen, das er seinem machthungrigen Feenvater gegeben hat.
Dazu kommt noch die nicht immer einfache Beziehung zu seinem Zauberer Quinn, den er eigentlich nur beschützen will. Und beißen natürlich.
Dieses Buch ist Teil der Starfig Investigation Serie, kann aber auch als Einzeltitel gelesen werden.
KAPITEL 1
„Es ist eine Faaalle!“ Quinn packte meinen Arm mit eisernem Griff und riss mich zurück, als eine Steinsäule herunterfiel und mit Getöse dort aufschlug, wo ich gerade gestanden hatte.
Wir Drachen – oder Halbdrachen, Halbfeen oder wie auch immer – rollen nicht mit den Augen. Nicht würdevoll genug. Selbst dann nicht, wenn eine Situation danach verlangt.
„Hör auf, mit den Augen zu rollen, Twig. Ich meine es ernst“, zischte Quinn und umklammerte mich fester. „Du könntest jetzt platt wie ein Pfannkuchen sein.“
Okay, manchmal lässt sich das Augenrollen nicht vermeiden. Ich schüttelte Quinn ab.
„Ich habe das schon von Weitem gesehen.“ Mehr oder weniger. Vielleicht war da ein klein wenig Angeberei meinerseits dabei.
„Und trotzdem hattest du vor, hineinzutappen.“ Quinn schüttelte den Kopf, wodurch ihm sein goldblondes Haar in die Stirn fiel. Das verlieh ihm ein zerzaustes Aussehen, als wäre er gerade aus dem Bett gestiegen, was mich total scharf machte. „Ich hätte meinen Vertrauten gerne noch ein bisschen länger, wenn es genehm ist. Es wäre so mühevoll, wenn ich mir einen neuen Drachen suchen müsste.“
Ich sah, wie seine Mundwinkel zuckten, obwohl er versuchte, mich streng anzusehen. Mein Quinn war ein Softie.
„Bleib hier“, sagte ich und stieg über das Geröll in den engen Zugang, der zum zentralen Raum führte.
„Twig …“
„Ich komme zurecht!“, rief ich über meine Schulter. Was konnte in einer dreitausend Jahre alten Pyramide schon schiefgehen? Abgesehen von einer Handvoll Mumien, ein paar nervigen Vampiren, ein paar Dutzend Zombie-Orcs, den zwölf … ähm nein, dreizehn Fallen und den verdammten Harpyien, die wir ausgeschaltet hatten.
Es handelte sich also um einen ganz alltäglichen Fall im Elderreich.
Da ich keine Lust hatte, in die vierzehnte versteckte Falle zu stolpern, hielt ich inne und sah mich in dem Raum um. Ich wartete, bis Quinn mir seine Fackel reichte. Ich brauchte sie nicht, aber mir war klar, dass mein Zauberer nicht lange in dem Korridor warten würde. Ich wollte sicherstellen, dass wir beide keine weiteren Fallen auslösten. In meiner Drachenform hinderten blaue und schwarze Schuppen nahezu alles daran, meine Haut zu durchdringen, aber in meiner menschlichen Form musste ich etwas vorsichtiger sein.
Ich hatte von der Pyramide von Duume gehört, aber den Erzählungen nicht allzu viel Glauben geschenkt. Bis mein Kunde, ein Irrwisch namens Jippaa Icegem, Starfig Investigations damit beauftragt hatte, den Kriegshammer von Scrodbun, dem Pflichtvergessenen, zu finden.
Auf die bescheuerten Namen will ich gar nicht erst eingehen, das würde zu weit führen.
Meine Augen tränten von der dicken Staubschicht und meine Haut juckte, weil die abgestandene Luft so trocken war. Je schneller wir das hinter uns brachten, desto eher konnten wir zurück ins Sonnenlicht und an die frische Luft. Mit diesem Ziel im Hinterkopf suchte ich den höhlenartigen Raum ab. Er musste sich an der Spitze der Pyramide befinden und natürlich stand dort eine goldene Truhe auf einem großen Podest. Ehrlich, es fehlte den Leuten an Kreativität. Ich näherte mich vorsichtig und bückte mich, um den Steinboden besser sehen zu können. Dann suchte ich nach Stolperdrähten und anderen unangenehmen Überraschungen. Ich umrundete das Podest und kehrte zu meinem Ausgangspunkt zurück. Nichts, rein gar nichts.
Außer, dass ich fühlen konnte, dass das Gold der Truhe nicht echt war. Die meisten Wesen würden das nicht auf den ersten Blick wahrnehmen, aber ich konnte es. Der Vorteil meiner Drachenanteile und einer der Gründe, warum Starfig Investigations so erfolgreich war. Wir fanden immer alle wertvollen Artefakte.
Es kam mir allerdings seltsam vor, etwas so Kostbares in etwas so Gewöhnlichem aufzubewahren. Ich durchquerte den Raum noch einmal und tastete sogar die Wände ab. Es gab keinen anderen Platz, an dem der Hammer sich befinden konnte. Das musste es sein. Wir hatten uns bereits über neun Treppen nach oben gekämpft, nachdem wir jede Ebene abgesucht hatten. Ich war so erledigt.
„Es scheint in Ordnung zu sein“, rief ich Quinn zu. „Aber bleib doch lieber hier, nur zur Sicherheit.“
Mein Zauberer konnte nicht gut mit Anweisungen umgehen und noch weniger mit Befehlen. Ich war deshalb nicht überrascht, als er zu mir schlurfte und nach oben deutete.
„Die Decke wird uns auf den Kopf fallen.“
Okay, ich gebe zu, dass ich diesmal wirklich mit den Augen rollte. Ich richtete mich zu meiner vollen Größe von rund 2,20m auf und sah auf Quinn herab. Der zuckte mit keiner Wimper.
„Die Decke wird uns nicht auf den Kopf fallen“, schnaubte ich. „Dazu müsste das Fundament der Pyramide rund um uns herum einstürzen. Nachdem ich die Steinblöcke bewegen musste, um den Eingang freizulegen, kann ich dir versichern, dass sie sehr stabil sind.“
Hörte ich mich übellaunig an? Das musste daran liegen, dass ich müde und hungrig war, endlich den blöden Hammer finden und nach Hause gehen wollte. Es war drei Tage her, dass Quinn und ich ein wenig Zeit füreinander gehabt hatten, und mein Drache wurde unruhig.
Und geil.
„Ich sage nur, dass alle Pyramiden über den Abenteurern zusammenbrechen, die es wagen, ihre Schätze zu rauben. Denk an den Gebirgskessel des Lichts, die Pizzanty-Pyramide und natürlich die Felsnadel vom Silbermoor. Sie sind alle zusammengebrochen.“ Quinn verschränkte die Arme und nickte, als gäbe es dem nichts hinzuzufügen.
„Das ist ein Klischee. Das wird hier nicht passieren.“
„Und was denkst du, was hier passieren wird?“
„Eine weitere Falle oder vielleicht ein Wächter, würde ich vermuten.“
„Ein Wächter?“ Quinn schnaubte. „Wer denkt hier in Klischees?“ Der Blick, den er mir zuwarf, hätte Glas schmelzen können. Mein Schwanz bemerkte es auch und regte sich. Quinn war offenbar ebenso sexuell frustriert wie ich und das sagte eine Menge. Wir starrten einander an und ich hätte schwören können, dass es in dem Raum um einige Grade wärmer wurde.
Das konnte aber auch an dem Feuer liegen, das aus Quinns Hand schoss und eine kleine Fellkugel wie eine Fackel in Flammen aufgehen ließ. Die Fellkugel knurrte kurz und zerfiel zu Asche.
„Was zum Teufel war das?“ Es sah aus wie eine haarige Staubflocke.
„Ich weiß es nicht, aber es ist schnell auf uns zugerollt.“
„Dir ist schon klar, dass es winzig war, oder?“
„Dein Dad ist auch winzig und soweit ich weiß, bricht dir jedes Mal der kalte Schweiß aus, wenn er bei uns zu Hause auftaucht.“
Das war ein gutes Argument.
„Außerdem hat es mich erschreckt.“
„Erinnere mich daran, dich nie zu überraschen.“
„Sehr witzig.“ Quinn boxte gegen meinen Arm. „Ich weiß nicht, was es vorhatte, aber ich konnte fühlen, dass es nichts Gutes war. Es hat etwas Bösartiges ausgestrahlt.“
„Vielleicht war es ja das Einzige.“
„Ja, klar.“ Jetzt war es Quinn, der mit den Augen rollte.
„Es darf ja auch mal was einfach gehen, nicht wahr?“
„Mhm.“ Er wirkte nicht überzeugt.
Wir sahen uns beide noch einmal in der Kammer um, ehe wir uns der Truhe näherten.
Quinn umrundete die Kiste mit der Eleganz eine Nymphe. Er hatte seine üppige Unterlippe zwischen die Zähne gesaugt und seine Kleidung saß perfekt an seinem großen, schlanken Körper. Zu perfekt.
Ich schluckte und sah zur Seite. Jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt für Lust. Wir mussten einen Kriegshammer bergen.
„Siehst du etwas?“ Meine Stimme klang selbst in meinen eigenen Ohren atemlos.
Quinn antwortete nicht. Ich drehte mich zu ihm um. Seine Augen glühten vor Verlangen. Er war extrem empfänglich für meine Stimmungen und mein eigenes Begehren spiegelte sich in seinem Blick.
„Quinn?“ Meine Stimme klang plötzlich ganz unpassend hoch für einen Drachen.
„Hm?“ Seine Augen tasteten weiter meinen Körper ab und es fühlte sich an, als würden flüssige Flammen über meine Haut tanzen.
„Hast du irgendwelche … Fallen gefunden? Objekte … um die wir uns kümmern müssen?
Er starrte mir auf den Schritt. „Ich habe ein Objekt gefunden und würde mich sehr gerne darum kümmern.“
„Quinn! Konzentrier dich.“
Verdammt, hatte ich das wirklich gerade gesagt? Was hatte ich mir nur dabei gedacht? Ein tiefes Knurren formte sich in meiner Kehle, wir prallten aufeinander und unsere Lippen verschmolzen zu einem glühenden Kuss. Der Kriegshammer konnte warten. Wäre es unverschämt, die große Truhe als improvisiertes Bett zu nutzen?
Als Quinn sich in meine Arme schmiegte, seine Schenkel meine Taille umklammerten und unsere Lenden sich aneinander pressten, war alles andere unwichtig. Mein Zauberer wollte mich und ich wollte ihn verdammt nochmal auch. Und zwar jetzt.
Quinn unterbrach unseren Kuss und ich knurrte.
„Twig …“
Ich presste unsere hungrigen Lippen wieder aufeinander und meine Zunge tastete nach Quinns einzigartigem Geschmack. Seine Hand zog an meinem Haar und ich schnurrte geradezu. Ich liebte es, wenn er mich härter anfasste. Ein weiterer scharfer Ruck trennte unsere Münder wieder.
„Autsch“, grunzte ich.
„Twig!“
Ich stürzte mich wieder auf ihn. Er war so verdammt heiß.
Eine Faust an meiner Schulter brachte mich dazu, mich zurückzuziehen.
„Hä?“
„Ich habe versucht, es dir zu sagen. Schau!“
KAPITEL 2
Quinn deutete über meine Schulter.
Ich fuhr herum. Ein Berg von diesen niedlichen, winzigen Fellknäulen rollte langsam auf uns zu.
„Sie sind überall.“ Quinns Atem kitzelte an meinem Ohr und mir wurde bewusst, dass ich ihn noch immer festhielt. Ich drehte uns langsam, um einen besseren Überblick über die Situation zu bekommen. Zu sagen, dass die Geschöpfe uns umzingelt hatten, war ein klein wenig untertrieben. Sie quollen aus vielen kleinen Öffnungen am oberen Rand der Wände hervor, was aussah wie mehrere pelzige Wasserfälle. Wenn wir nichts unternahmen, würden sie in kürzester Zeit zwei Reihen um uns bilden.
Ich sah mich im Raum um und entschied, mich nicht in meine Drachenform zu verwandeln. Ich könnte dann zwar kurzen Prozess mit ihnen machen, ich würde dabei aber auch die strukturelle Integrität der Pyramide gefährden. Solange es nicht unbedingt nötig war, stellte das ein zu großes Risiko dar. Bisher hatten wir keinen Hinweis, dass die Dinger überhaupt gefährlich waren.
Quinn stöhnte. „Hör gefälligst auf, dich zu drehen, und lass mich runter. Du machst mich schwindelig. Meine Magie ist nicht sehr hilfreich, wenn ich mich übergeben muss.“
„Tut mir leid.“ Ich blieb stehen uns stellte ihn auf die Füße.
„Bei dem Letzten war Feuer wirksam. Ich kann sie verbrennen. Dann wird es aber ziemlich heiß hier drin. Ich schätze, dich wird das nicht weiter stören, aber ich muss mich dagegen abschirmen.“
„Wir brauchen kein Feuer.“ Ich knurrte die Tierchen an und sie hielten zitternd inne.
„Siehst du, sie erkennen einen dominanten Jäger, wenn sie einen sehen.“
Eines der kleinen Wesen begann zu quietschen und dann noch eines. Bald stimmten alle Fellknäule in ein extrem hohes Zwitschern ein. Es dröhnte in meinen Ohren und bohrte sich in meinen Schädel. Ich bedeckte wimmernd meine Ohren. Verdammt, das tat weh. Quinn schien der Lärm nichts auszumachen. Vielleicht, weil Menschen kein so feines Gehör hatten wie Drachen.
„Hat anscheinend nicht funktioniert.“
Quinn konnte so ein Klugscheißer sein. Ich öffnete den Mund, um es noch einmal zu versuchen.
Quinn deutete auf eine Ecke, wo die kleinen Fellkugeln sich auftürmten. Höher und höher. Immer mehr von ihnen rollten auf den Berg zu, der anwuchs, bis er größer war als wir.
„Was glaubst du, was die vorhaben?“, schrie Quinn, um das Quietschen zu übertönen. Ich sank vor Schmerz auf die Knie und wagte es nicht, die Hände von den Ohren zu nehmen. Ich fühlte mich schwach, aber das war unmöglich. Ein Halbdrache kippte doch von ein bisschen Lärm nicht um.
„Ich bin nicht sicher, aber es kann nicht gut sein“, wimmerte ich. Obwohl sie bisher nichts getan hatten als zu quietschen. Aber was mich anging, war das genug.
Natürlich war ich voreilig gewesen. Als alle Wesen zu einem großen Berg zusammengekommen waren, begannen sie zu schimmern und formierten sich zu einer Art beweglicher Fellwolke.
„Bleib zurück.“ Quinn hob die Hände und Flammen stiegen aus seinen Handflächen. Eindrucksvoll, aber unnötig. Es gab keinen Grund, seine Magie zu nutzen, wenn es nicht unbedingt sein musste. Außerdem war ich inzwischen wirklich sauer. Niemand zwang mich in die Knie. Nun, außer ich wollte dort sein … Richtig, konzentrieren.
„Warte, lass mich erst etwas anderes versuchen.“
Bevor Quinn antworten konnte, stürzte ich mich auf die Ansammlung von Fellbällen. Was auch immer sie waren, sie schienen keine Zähne zu haben. Wie gefährlich konnten sie schon sein?
Als ich auf das seltsame Gebilde traf, bildete sich an der Stelle ein Loch. Ich sauste hindurch und landete mit einem Knall an der gegenüberliegenden Wand. Verdammt, das tat weh!
Ehe ich mich aufrappeln konnte, schossen pelzige Tentakel aus dem Gebilde, schlangen sich um meine Knöchel und schon war ich wieder in der Luft.
Die verfluchten Viecher ließen mich immer wieder gegen den Boden krachen. Ich strampelte und trat um mich, aber da war nichts, wogegen ich kämpfen konnte. Rutschiges Fell und sich dauernd verändernde Gliedmaßen. Igitt.
„Twig, wenn du aufhören würdest, könnte ich mich um sie kümmern“, sagte Quinn. Er klang tatsächlich verärgert. Das war mein Zauberer.
Als sie mich das nächste Mal zu Boden schleuderten, schossen meine Krallen aus den Fingern und ich durchschnitt die Tentakel, die mich festhielten. Es war zwar nicht so, als würde ich Muskeln oder Knochen durchtrennen, aber das Wesen ließ mich fallen. Auf den Kopf.
Ich kam auf die Füße, bevor mich das Gebilde wieder umschlingen konnte, und das Quietschen erschwerte mir das Denken.
„Geh aus dem Weg!“, rief Quinn.
Ich ignorierte ihn. Ich konnte damit fertig werden. Ich fauchte und schlug nach dem Wesen. Ich würde es in Streifen schneiden!
Ein schrilles, lautes Kreischen hallte durch den Raum. Ich sank schreiend auf die Knie und bedeckte meine Ohren. Das Geräusch war unerträglich. Sofort stand Quinn vor mir und das Feuer in seinen Händen loderte. Er schleuderte einen Feuerball auf die Kreatur, die sich wieder in der Mitte öffnete, um das Feuer durchzulassen, aber es genügte ein einziger Funke und das Wesen brannte wie ein Scheiterhaufen.
Es schlug um sich, Tentakel schossen hervor und stießen Quinn zurück, wo er über mich stolperte. Wir lagen auf dem Boden und brennende Fellstücke regneten auf uns herab, während das Geschöpf weiter so ohrenbetäubend kreischte, dass ich befürchtete, meine Trommelfelle würden platzen. Trotzdem schaffte ich es, mich umzudrehen, Quinn mit meinem Körper zu bedecken und ihn so gut wie möglich vor der sengenden Hitze und dem Feuer zu schützen, während ich mir immer noch die Ohren zuhielt.
Quinn schlang die Arme um mich und plötzlich verschwand die Hitze und es war wunderbar still. Ich nahm die Hände von den Ohren und starrte auf die Blase, die Quinn um uns gebildet hatte. Quinn grinste überheblich
„Ich habe dir doch gesagt, dass ich damit umgehen kann.“
Ich grunzte. Ja, ich wusste, dass ich dankbar sein sollte. Das war aber nicht meine starke Seite. Ich liebte es, den Helden zu spielen, und Quinn wusste das. Aber manchmal wollte er wohl auch ein Held sein. Diese Partnersache war schwierig.
Gemeinsam sahen wir zu, wie das Wesen verbrannte. Es war beinahe ein schöner Anblick, wie die Flammen das seltsame Gebilde verschlangen. Da ich es nun nicht mehr hörte, konnte ich zugeben, dass es interessant war.
„Hast du irgendeine Vorstellung, was das war?“, fragte ich.
„Keine Ahnung. Ich habe in meinen Büchern nie etwas Derartiges gesehen.“
„Was auch immer es war, ich bin froh, dass ich es nicht mehr hören kann.“
Quinn zuckte mit den Schultern. „Es hat sich für mich einfach nach Quietschen angehört.“
Wir beobachteten, wie auch die letzten Stückchen zu Asche verbrannten. Quinn löste die Blase um uns auf. Stille. Meine Ohren dröhnten immer noch, aber zumindest hatte der Schmerz aufgehört.
„Danke.“
Quinn lächelte. Sanft und voller Zuneigung. „Gern geschehen, du sturer Drache.“
Ich brummte, verstummte aber, als er seine Hand auf meine Wange legte. Nichts fühlte sich so gut an, wie von Quinn berührt zu werden. Ich schloss für einen Moment die Augen und genoss die Wärme, die uns beide durchströmte.
„Oh, hallo aber auch.“
Ich riss die Augen auf. Was war jetzt los? Ich folgte Quinns Blick zu einer einzelnen, winzigen Fellkugel, kaum größer als eine Zaubermurmel. Sie zitterte, aber sie rollte langsam näher. Ich holte aus, um sie zu erledigen, aber Quinn legte sanft eine Hand auf meinen Arm, um mich aufzuhalten.
„Das ist ein Baby.“
Ich blinzelte erst ihn an und dann das Fellknäul.“
„Und?“
Er stieß mich mit dem Ellbogen an. „Wir können es doch nicht einfach töten.“
„Warum nicht?“
„Twig, benimm dich.“ Er streckte die Hand aus und machte kleine Kussgeräusche.
Hatte er völlig den Verstand verloren?
„Ähm, du erinnerst dich aber schon, dass die Großen versucht haben, uns umzubringen, nicht wahr?“
„Ja, ich weiß. Sie waren die Wächter, die du so zuversichtlich prophezeit hattest.“
„Ich hatte recht.“
Quinn schnaubte und wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem Fellbällchen zu. Er machte lächerliche, gurrende Geräusche und das kleine Ding begann zurück zu trillern.
„Nein.“
Quinn hörte auf zu gurren. „Was?“
„Nein, du kannst es nicht mit zu uns nach Hause nehmen. Wir haben bereits einen Red Fury und einen Geister-Piraten-Papagei. Wir brauchen kein … was auch immer das Ding ist.“
„Wir können es nicht hier lassen.“
„Warum nicht? Es lebt hier.“
„Sei nett, Twig.“
„Drachen sind nicht nett.“ Ich sagte ihm das dauernd, aber er glaubte mir nicht.
„Doch, du schon.“ Der Blick, den Quinn mir zuwarf, bewirkte, dass sich Wärme in meiner Brust ausbreitete und mir heiß wurde. „Darum liebe ich dich.“
„Ich liebe dich auch, Zauberer.“
Er grinste.
Verdammt. Er hatte mich drangekriegt.
„Du weißt nicht mal, ob es hier überhaupt weg will“, protestierte ich lahm.
Quinn gurrte wieder und das kleine Wesen kam direkt auf ihn zu. Er streckte die Hand aus und die Fellkugel rollte in seine Handfläche. Natürlich.
Er hob sie zu seinem Gesicht. „Bist du aber süß. Und ob du das bist“, gurrte er und streichelte sie. Die verdammte Kreatur gurrte prompt zurück und rieb sich an seinem Kinn.
„Oh, sie mag mich.“
„Du bist bezaubernd. Jedes Wesen mag dich.“
Er grinste. „Bist du eifersüchtig?“
„Ha! Das hättest du wohl gerne.“
„Im Ernst, Twig.“ Sein Lächeln verblasste. „Wir sollten sie mit nach Hause nehmen. So etwas wie Cookie habe ich noch nie gesehen und ich würde sie gerne studieren.“
„Sag mir nicht, dass du der Fellkugel einen Namen gegeben hast. Nein, nein …“
Quinn schob die Unterlippe vor und sah mich bittend an.
„Ich seufzte. „Cookie, ernsthaft?“
„Was ist verkehrt an Cookie? Sie ist zauberhaft und verdient einen niedlichen Namen.“
„Wann ist aus dem Ding eine sie geworden?“ Ich hob die Hand, um seinen Kommentar abzuwehren. „Und Cookie ist kein niedlicher Name. Das klingt eher nach einem Snack.“
Cookie … Ich meine, die Fellkugel zischte tatsächlich in meine Richtung. Quinn kicherte, als ich zurück zischte.
„Ach komm schon, mein Großer. Findest du sie nicht niedlich? Soweit wir wissen, könnte sie ein erstaunliches neues Lebewesen sein.“
Ich sah ein, dass ich mich geschlagen geben musste. Trotzdem … „Wenn du sie mit nach Hause nimmst, wird Bill sie vielleicht fressen.“
„Er ist Vegetarier. Ich glaube, sie ist bei uns sicher. Nicht wahr, Cookie-Wookie? Ja, das bist du.“ Er rieb sein Kinn an ihr. Sie gurrte und trillerte.
„Nein, keine Kosenamen. Da hört meine Geduld auf.“ Okay, sie war irgendwie niedlich. Aber das würde ich niemals zugeben.
Er ignorierte mich weiter und flötete die ekelhaft süßesten Zärtlichkeiten. Ich stand auf und überließ die beiden den Bekundungen ihrer Zuneigung. Ich hatte zu arbeiten. Je eher wir den Hammer in unseren Besitz brachten, desto schneller konnten wir nach Hause zurückkehren – und ich konnte Quinn dazu bringen, seine Kleider abzulegen. Falls er damit aufhören würde, mit Cookie zu gurren.
Nicht, dass ich auf die Fellkugel eifersüchtig war. Hörte ich da Kussgeräusche hinter mir? Ich würde mich einfach nicht umdrehen und hinsehen.
Ich umrundete die Truhe und suchte ein letztes Mal nach verborgenen Stolperdrähten und anderen lästigen Überraschungen. Nichts. Das bedeutete aber nicht, dass es keine dunkle Magie gab, die all jene erwartete, die versuchten, die Truhe zu öffnen.
Zum Glück verdankte ich meiner Drachennatur, dass ich gegen die meisten Formen schwarzer Magie immun war. Deshalb konnte trotzdem ein Speer meine Eingeweide durchbohren, aber Flüche prallten gewöhnlich von mir ab. Ich fuhr mit der Hand über den Deckel und ließ sie eine Weile dort liegen. Ich fühlte kein Kribbeln.
Ein besserer Zeitpunkt würde nicht kommen. Ich griff nach dem Deckel und …
„Twig, warte!“ Quinn stürzte zu mir, Cookie noch immer in der Hand. „Ich möchte es mir zuerst ansehen.“
„Warum? Es ist nicht so, als ob dunkle Magie mir etwas anhaben könnte. Aber du solltest Abstand halten.“
„Du hast vergessen, dass die Pyramide einstürzen wird, sobald du den Deckel öffnest, nicht wahr?“
Ich schnaubte. „Das behauptest du. Ich sage, sie ist stabil und wird es auch bleiben. Nicht einmal eine Explosion würde diese Wände zum Einsturz bringen.“ Ich klopfte ihm auf die Schulter. „Du machst dir zu viele Sorgen.“
Er schüttelte meine Hand ab, als wollte er ein Insekt abstreifen.
„Dir muss klar sein, dass ich dich daran erinnern werde, dich gewarnt zu haben, wenn sie uns auf den Kopf fällt.“
Dass Cookie scheinbar ihre Zustimmung trillerte, half auch nicht.
„Wenn sie dir auf den Kopf fällt, kannst du mich im Jenseits verfolgen. Du kannst mich bis in alle Ewigkeit heimsuchen.“
„Sehr witzig.“ Quinn legte seine Hände neben meinen auf den Deckel. Er flüsterte ein paar Worte und ein heller oranger Schimmer umgab die Truhe. Als er verblasst war, schüttelte Quinn den Kopf und trat ein paar Schritte zurück. „Na schön, dann wollen wir uns den mächtigen Kriegshammer mal ansehen.“
Ich hatte immer angenommen, Scrodbuns Kriegshammer sei ein Mythos, ein Märchen für Kinder. Dank des Privatlehrers, den mein Vater angeheuert hatte, um mir die Anpassung an das Leben im Elderreich zu erleichtern, hatte ich die Geschichte oft genug gehört. Im Drachenreich hatten wir uns nicht mit solchen Dingen beschäftigt. Außer es hätte sich um eine wertvolle Bereicherung unseres Schatzes gehandelt. Nach allem, was ich gehört hatte, wäre der Hammer tatsächlich eine sehr nette Bereicherung gewesen. Nur, dass wir ihn eben für einen Kunden sicherstellen sollten.
Als Quinn weit genug entfernt war, um vor allfälligen Verteidigungsmaßnahmen sicher zu sein, bemühte ich mich, den Deckel anzuheben. Die seit langem eingerosteten Scharniere quietschten. Meine Nackenhaare sträubten sich, als Quinn hinter mir seine magische Kraft bündelte. Nur für den Notfall. Ich bereitete mich darauf vor, dass etwas herausspringen oder explodieren würde. Oder etwas in der Art.
Der Deckel sprang auf.
Ich duckte mich und wartete.
Nichts.
Ich warf einen Blick zu Quinn. Er starrte nach wie vor auf die Truhe, zu allem bereit. Ich spähte über den Rand. Aus diesem Winkel wirkte die Truhe eher wie ein Sarg als ein Aufbewahrungsort für einen kostbaren Schatz.
„Und?“, fragte Quinn, als ich einfach nur hinein starrte.
Ich richtete mich zu meiner vollen Größe auf und beugte mich hinein.
Hä? Das konnte nicht stimmen. Ich fuhr mit den Händen über die Innenseiten der Truhe.
„Ist sie leer?“ Quinn schlurfte näher.
„Nein.“ Ich schüttelte den Kopf. Nicht leer. Nicht ganz. Ich griff hinein und zog einen Hammer heraus, der nicht größer war als mein Daumen. Er schien aus versteinerten Knochen gefertigt zu sein. Keine Verzierungen.
„War Scrodbun nicht angeblich ein räuberischer Troll? Du weißt schon, dreieinhalb Meter groß, muskulös, schlechtes Benehmen?“ Quinn schielte auf den Hammer. „Glaubst du, dass er eher ein Feenwesen war? Das Ding sieht nach einer Waffe aus, die dein Vater schwingen könnte.“
„Ich weiß es nicht.“ Ich atmete tief ein. Ich glaube, es ist eine Attrappe.“
„Keine goldene Gravur? Keine Edelsteine?“ Quinn klang enttäuscht, was ich ihm nicht übelnehmen konnte.
Ich atmete wieder ein und schloss die Augen. Ein Hauch von Gold vielleicht. Mit Sicherheit nicht der Hammer, nach dem wir suchten. Ich schloss meine Hand um den Hammer und ließ meine Drachensinne durch die Pyramide wandern. Ich kam wieder auf diesen Raum zurück und fühlte eine gedämpfte Macht. Aber was auch immer das war, es schien an keinem bestimmten Ort zu sein. Das war noch nie zuvor passiert. Als wäre die Macht getarnt. Aber das sollte keine Rolle spielen. Ich müsste jeden wertvollen Stein und jedes edle Metall wahrnehmen können.
„Ähm Twig, ich möchte dein … Schnüffeln ja nicht unterbrechen, aber wir sollte hier verschwinden.“
Ich riss die Augen auf. „Warum glaubst du, dass …“
Quinn deutete zur Decke. Da konnte ich es fühlen. Ein leichtes Vibrieren.
„Ich glaube, das ist die Decke, die demnächst einstürzen wird.“
„Das bezweifle ich.“
Dann fiel der erste Block herunter und zerschmetterte die Truhe.
KAPITEL 3
Quinn zog eine Augenbraue hoch. Er hatte keine Zeit für einen süffisanten Kommentar, denn ich duckte mich und stieß ihn zur Seite, bevor ein weiterer großer Steinbrocken herunterfiel und ihn traf.
„Zur Tür!“ Ich packte sein Handgelenk und wir rannten zum Ausgang. Natürlich blockierten die nächsten Steine, die herunterstürzten, den Durchgang und wir saßen in einer Falle. Ich hielt noch immer den Hammer umklammert und steckte ihn rasch in meine Tunika.
„Ich habe es dir doch gesagt!“, krächzte Quinn und duckte sich vor einem weiteren Stück der Pyramide.
Ich zog ihn hoch und rannte zurück zu dem Ort, an dem die Truhe gestanden hatte. Ich sprang auf den Schutthaufen und sah zu, wie immer mehr Teile herunterfielen und die ganze Pyramide bebte.
„Kannst du uns Schutz geben, bis ich einen Weg hier raus finde?“, fragte ich.
Wieder wurden wir von einer Blase eingehüllt. Ein Steinbrocken traf sie und prallte ab. Quinn schnappte nach Luft.
„Bist du in Ordnung?“ Ich zog ihn näher.
„Es geht“, presste er zwischen den Zähnen hervor. „Aber es verbraucht eine Menge Energie, so schwere Felsblöcke abzuwehren.“
Cookie quiekte auf seiner Schulter und rieb sich an ihm. Sie waren wir natürlich nicht losgeworden.
Ich beobachtete, wie mehrere Teile rund um uns zu Boden fielen, Geröll von Quinns Schild wegsprang und die Pyramide unter meinen Füßen gefährlich schwankte.
„Hast du schon einen Weg hier raus gefunden?“
„Wir könnten den Hammer benutzen.“ Ich musste Quinn nicht ansehen, um zu wissen, dass er mir seinen berühmten vernichtenden Broomsparkle-Blick zuwarf. Ich hatte ihn schon oft genug gesehen.
„Wirst du das auch noch witzig finden, wenn wir unter der verdammten Pyramide begraben sind?“ Quinn wand sich in meinen Armen und sein Schild hielt noch. Ich konnte die Anspannung in seinem Körper fühlen. Er war ein starker Zauberer, aber auch er hatte seine Grenzen. In einer Ecke drang ein Lichtstrahl ein. Das bedeutete einen Ausweg.
„Halt Cookie fest, wir gehen in die Luft“, sagte ich, als ich mich in meine Drachenform verwandelte und das Innere der Pyramide komplett ausfüllte. Eigentlich mehr als das. Die Verwandlung schmerzte, weil mein Drache auf zu wenig Raum eingepfercht war. Eine Wand stürzte ein, als ich wuchs, und sobald Quinn auf meinen Hals gekrabbelt war, stürzte ich auf das Licht zu.
Das würde wehtun.
Ich krachte gegen die Decke und nutzte meine verstärkte Kraft, um sie zu durchbrechen. Ein großes Stück der Decke stürzte ein. Da ich mich nicht bewegen konnte, fiel es auf meinen Rücken. Ich heulte auf, als der Schutt einen meiner mickrigen Flügel zerfetzte. Ich hatte keine normalen Drachenflügel, meine stammten von meinen Feenanteilen. Sie hatten ihre Vorteile, waren aber nicht so beschaffen wie die lederartigen, schuppenbedeckten Flügel der meisten Drachen.
Ich verlor das Gleichgewicht und trudelte zurück auf den Boden der Pyramide. Quinn umklammerte meinen Hals wie einen Rettungsring. Er grunzte, als wir landeten, und trotz der Schmerzen in meinem Flügel versuchte ich, über unsere geistige Verbindung als Zauberer und Vertrauter zu kommunizieren.
Bist du in Ordnung?
„Es geht mir gut!“, rief er. „Bring uns hier raus, Twig! Die ganze Konstruktion stürzt ein.“
Ich flatterte mit meinem verletzten Flügel. Er stand in einem unnatürlichen Winkel ab und tat höllisch weh. Ich war nicht sicher, ob ich fliegen konnte. Aber ich würde mein Bestes geben. Ich warf mich noch einmal gegen den Spalt und nutzte meine Flügel erst, nachdem ich noch einmal gegen die Decke geprallt war, um nicht wieder abzustürzen.
Ich würde mir schlimme Abschürfungen zuziehen. Wie gut, dass Drachen eine dicke Haut hatten.
Diesmal gab die Mauer nach und eine große Öffnung entstand. Groß genug für mich. Ich krachte zum zweiten Mal auf den Boden, weil mein verletzter Flügel mich nicht für mehr als ein paar Sekunden tragen konnte.
Bist du noch da?
„Los, los!“ Quinn drückte meinen Hals, um sicherzustellen, dass ich ihn fühlen konnte.
Ich zog mich so weit zurück, wie ich nur konnte, und mein kaputter Flügel fühlte sich an, als würde mir jemand ein Messer in die Seite rammen. Dann stürzte ich mich wieder auf den Spalt.
Halt dich gut fest, dachte ich.
Für ein schwächeres Wesen wäre Quinns Griff schmerzhaft gewesen. Er klammerte sich fest, als wollte er mich nie wieder loslassen. Das war auch gut so, denn es würde ein ungemütlicher Flug werden. Ich flatterte rückwärts – einer der Vorteile meiner peinlichen Flügel – und zielte auf die Öffnung. Das würde knapp werden. Ich krachte ein letztes Mal gegen die Decke und schaffte es, mich zwischen den einstürzenden Mauern durchzuzwängen. Quinn schmiegte sich an meine Schultern, ich presste die Flügel an meinen Körper, wir schlüpften hindurch und stiegen in die Luft.
Sonnenlicht begrüßte uns, gefolgt von der Erde, als ich abstürzte. Ich schaffte es, unseren Fall zu bremsen, aber ich konnte ihn nicht stoppen. Wie prallten ab, als ich auf der Erde aufschlug und nahmen dabei zwei oder drei Bäume mit. Wir schlitterten ins Unterholz und ich stöhnte. Das waren üble Schürfwunden auf meinem Bauch und mein Flügel schmerzte. Ich hatte außerdem einen Knick im Schwanz und ein Bein war in einem seltsamen Winkel verdreht.
Ich lag da, versuchte Luft zu holen und die Schmerzen unter Kontrolle zu bringen, als Quinn von meinem Hals rutschte. Ich musterte ihn, um sicherzustellen, dass er okay war. Außer dass er ein wenig unsicher auf den Beinen war, schien es ihm gut zu gehen. Er lehnte sich an mich und tätschelte meine Seite.
„Kannst du dich verwandeln?“, erkundigte er sich. „Es wäre dann alles leichter zu heilen und ich könnte deine Wunden versorgen.
Ich grunzte. Ich wollte einfach nur die Augen schließen und ein wenig schlafen. Aber ich wusste, dass er recht hatte. Trotzdem fielen mir die Augen zu und die Dunkelheit war verlockend.
Ein Klaps auf meine Nase ließ mich die Augen wieder öffnen.
„Nein, du musst dich verwandeln. Du kannst danach schlafen. Komm schon, Twig. Tu es für mich.“ Quinn stand da, die Hände in die Seiten gestemmt, ganz der großartige Zauberer, der er war. Ich hatte wirklich Glück. Mit einem Lächeln im Gesicht begann ich wieder abzudriften.
„Oh verdammt, du wirst so sauer auf mich sein.“ Quinn räusperte sich und streckte das Kinn vor. „Als dein Zauberer befehle ich dir, dich zu verwandeln. Sofort.“
Mein Drachen-Ich reagierte auf seine Autorität und meine Knochen formten sich wieder zu meiner menschlichen Gestalt. Alles tat weh und die Dunkelheit rief nach mir. Sie war so nah und doch außer Reichweite.
Die Verwandlung war langsam und qualvoll, wie bei den ersten Dutzend – okay, eher den ersten Hundert – Malen, die ich es getan hatte. Ich knirschte mit den Zähnen, als Knochen brachen und sich neu bildeten, meine Flügel in meinen Schulterblättern verschwanden, meine Schnauze langsam schrumpfte und mein Schädel sich zu meinem menschlichen Gesicht verwandelte. Ein kleines Stöhnen kam über meine Lippen, aber ich weigerte mich, mir anmerken zu lassen, wie sehr die Verwandlung mir zusetzte.
Quinn eilte an meine Seite und kniete sich nieder.
„Bist du okay?“ Er strich mit der Hand sanft durch mein Haar. „Es tut mir leid, dass ich die Verwandlung erzwingen musste, aber wenn du das Bewusstsein verloren hättest, hätte ich dir nicht helfen können.“
Ich grunzte. Damit würde ich mich später befassen. Ich wusste, dass er die richtige Entscheidung getroffen hatte, auch wenn ein Teil von mir die Kontrolle ablehnte, die er über meinen Drachen ausübte. Über mich.
Quinn trat hinter mich. Seine Finger fuhren meinen Rücken entlang und hielten an der Stelle inne, wo sonst meine Flügel wären.
„Kannst du sie ausfahren? Ich muss sicherstellen, dass sie nicht zu schwer beschädigt sind.“
Ich knurrte. Ehrlich gesagt klang es eher nach einem Wimmern. Ich war nicht daran gewöhnt, solche Schmerzen zu haben. Bis jetzt hatte nichts jemals meine Flügel beschädigt. Der Schmerz pulsierte gleichmäßig in meinem Rücken. Der Rest von mir schien in Ordnung zu sein, das Rückbilden meiner Knochen hatte vermutlich die meisten Schäden beseitigt. Ich hatte aber immer noch hässliche Abschürfungen auf Brust und Bauch und mein Bein pochte dumpf.
„Sollten meine Flügel nicht geheilt sein? Die haben sich auch verwandelt.“
„Ich glaube, die schrumpfen nur, sie verwandeln sich nicht“, sagte Quinn. „Solange ich sie nicht sehen kann, weiß ich das aber nicht sicher.“
„Sie tun weh.“ Was für eine Untertreibung.
„Ich weiß.“ Quinn wartete geduldig. Ich war überrascht, dass er mich kein großes Baby nannte. Quinn wusste, wann er besser ruhig war.
Ich konzentrierte mich darauf, meine Flügel zum Vorschein zu bringen. Normalerweise stellte ich sie nicht zur Schau, da sie ungefähr so groß waren wie meine Hand und außer als Zierde komplett nutzlos. Es war peinlich.
Winzige, mickrige Feenflügel an einem Kerl wie mir. Ein schlechter Scherz des Universums.
Quinn atmete scharf ein. „Verdammt Baby, wenn du dich verletzt, dann aber gründlich.“ Er kicherte, aber es klang nicht amüsiert. Wahrscheinlich wollte er mich beruhigen. Er war nicht daran gewöhnt, mich so mitgenommen zu sehen. Mein halbes Drachenerbe machte es jedermann schwer, mich zu verletzen.
Wir hatten immer angenommen, die Flügel wären meine Schwachstelle. Glänzend und mitternachtsblau wie mein Haar waren sie zu ihren besten Zeiten filigran. Feenerbe war in mehr als einer Hinsicht nicht so toll wie sein Ruf.
„Lass mich sehen, ob ich einen Umschlag machen kann. Ich sollte ein paar Kräuter haben …“ Er kramte in seinem Umhang. „Die kann ich mit unserem Wasser mischen. Das wird genügen, bis wir nach Hause kommen.“
Während er in seinem großen Mantel herumsuchte, lag ich still da und konzentrierte mich darauf, meinen Körper zu entspannen und zu heilen. Ein leises Summen klang in meinen Ohren, das erst hörbar wurde, als ich ganz still dalag. Etwas Weiches kitzelte auf meinem Rücken und bewegte sich an meiner Wirbelsäule aufwärts zu meinen Flügeln. Ich schauderte.
„Hey, was machst du denn, Cookie?“
Quinn wollte sie von meinem Rücken holen, aber sie rollte von ihm weg und zwischen meine Flügel.
„Beweg dich nicht, Twig. Sie könnte dich sonst versehentlich verletzen.“
Ich hielt still. Was hatte die verdammte Fellkugel denn nun vor?
Als Quinn vorsichtig nach ihr griff, fauchte sie. Er hielt inne.
„Cookie, lass das. Komm sofort hierher.“ Er legte sanft eine Hand auf meinen Rücken.
Cookie kam aber nicht zu ihm. Stattdessen begann sie zu zwitschern. Es war beinahe ein Lied. Wärme breitete sich über meinen Flügeln aus, beruhigend und sanft.
Ich stöhnte wohlig. Es fühlte sich großartig an, wie warme Lippen auf überempfindlicher Haut. Quinn schnappte schockiert nach Luft und unternahm keinen Versuch mehr, sie zu entfernen.
„Twig, sie heilt dich. Ich weiß nicht, wie. Aber ihr Lied … das ist unglaublich.“
Vielleicht war Cookie doch nicht so übel.
Nach ein paar Minuten hörte sie auf zu singen und kauerte sich zwischen meine Schulterblätter. Ich hätte schwören können, dass sie nach wenigen Sekunden zu schnarchen begann. Ich drehte den Kopf und blickte über die Schulter zu ihr. Ja, eindeutig. Sie schnarchte.
Quinn betrachtete uns beide mit einem sanften Blick und einem erleichterten Lächeln.
„Ihr beide werdet sicher noch gute Freunde.“
Ich schnaubte. „Sie ist okay.“
„Sie hat dich geheilt.“
„Das weißt du nicht.“
„Doch.“ Quinn stupste mich in die Seite. „Glaubst du, Bill wird wissen, was sie ist? Ich wette, er wird sich eine Menge Notizen zu ihr machen.“
„Notizen zu wem?“, antwortete Bill. Wir zuckten beide zusammen, Cookie fiepte indigniert und rollte von meiner Schulter, um sich unter mir zu verstecken.
„Würdest du damit aufhören?“, knurrte ich.
Bill war das einzige Geschöpf, das ich kannte, das sich geräuschlos von Ort zu Ort teleportieren konnte. Nicht einmal andere Dämonen konnten das.
„Tut mir leid, Boss.“
Lügner. Er liebte es. Hinterlistiger roter Bastard.
Er räusperte sich. „Ich war mit den letzten Rechnungen fertig und dachte, ich hüpfe mal rüber und sehe nach, wie ihr beide zurechtkommt.“ Er musterte die Ruine der großen Pyramide von Duume. „Ehrlich gesagt hatte ich das erwartet.“
„Sehr witzig. Warum machst du dich nicht nützlich und teleportierst uns nach Hause?“, knurrte ich.
„Verstehe ich das richtig, dass ihr den Kriegshammer von Scrodbun, dem Pflichtvergessenen, an euch gebracht habt?“
„Eher ein klitzekleines Hämmerchen.“ Quinn seufzte. „Unser Kunde wird nicht erfreut sein.“
Mit großer Anstrengung setzte ich mich auf, zog den winzigen Hammer aus meiner Tunika und hielt ihn hoch.
„Oh. Ja, ich verstehe.“ Bill blinzelte durch seine breit gerahmte schwarze Brille.
„Er ist ziemlich unscheinbar.“
„So kann man es auch nennen.“
Bill lächelte und seine drei Zahnreihen sahen wirklich furchterregend aus, wenn man nicht wusste, was für ein Softie er war. Für einen Dämon, meine ich.
Ein leises Fiepen erregte unsere Aufmerksamkeit.
„Was in allen Reichen ist das?“ Bill bückte sich, um besser sehen zu können.
Cookie knurrte ihn an und Bill fiel die Kinnlade runter. Es kam nicht oft vor, dass sich ein Wesen einem Red Fury entgegenstellte. Ich schätze, ich wurde langsam warm mit ihr.
„Das ist Cookie“, erklärte ich. Wir sind nicht sicher, was sie ist, aber sie hat einige … interessante Fähigkeiten.“
„Wir dachten, du wüsstest es vielleicht“, fügte Quinn hinzu.
„Ich habe so etwas noch nie gesehen.“ Bill rückte seine Brille zurecht und versuchte sie genauer zu betrachten. Sie knurrte lauter.
„Nein, Cookie“, sagte ich. „Bill ist ein Freund.“ Zu meiner Überraschung hörte sie auf zu knurren.
„Glaubt ihr, dass ich sie halten darf? Sie ist ein wunderbares kleines Geschöpf, nicht wahr?“
Ich hätte schwören können, dass Cookie sich aufplusterte. Als Bill seine große, krallenbestückte Hand ausstreckte, rollte sie unerschrocken genau auf seine Handfläche.
„Du meine Güte, was für ein Schätzchen“, gurrte Bill.
Es wirkt ziemlich daneben, wenn ein Dämon gurrt. Aber ich war nicht so dumm, das laut zu sagen. Es ist nämlich auch irgendwie verkorkst, wenn eine winzige Fellkugel bei den Komplimenten eines Dämons schnurrt. Aber das gehörte neuerdings zu meinem Leben.
„Ich dachte, wir könnten nachforschen, Bill, und herausfinden, was sie sein könnte.“
Quinn schnappte Cookie und holte sie wieder zu sich. Hätte ich es nicht besser gewusst, hätte ich gesagt, er war eifersüchtig.
„Bereit, nach Hause zu gehen?“, fragte ich. Wobei ich mich nicht grade darauf freute, mich mit Icegems Zorn und Enttäuschung herumschlagen zu müssen. Es würde unserem Kunden nicht gefallen, dass der Hammer eine Attrappe war. Nicht mehr als ein Mythos. Aber wir hatten unseren Auftrag erfüllt und beabsichtigten, die vereinbarten Gold-Dyparis dafür zu kassieren. Wir hatten jeden Cent davon verdient.
Ein Fall abgeschlossen, nicht wahr?
KAPITEL 4
„Du solltest dich ausruhen“, sagte Quinn und zog die Felle auf unserem Bett bis zu meinem Kinn hoch, als sei ich invalide.
„Warum leistest du mir nicht Gesellschaft?“ Ich wackelte mit den Augenbrauen und rutschte zur Seite, um Platz zu machen. Es war ein gutes Gefühl, zu Hause zu sein. Unser Schlafzimmer war nicht groß, aber die warmen Gold- und Brauntöne sprachen meine hedonistische Seite an. Ich hatte den Boden mit plüschigen Teppichen bedeckt und an der Decke seidene Vorhänge mit Quasten angebracht, um dem Raum eine intime Atmosphäre zu verleihen.
Bills Fähigkeit, sich mühelos innerhalb des Elderreichs von Ort zu Ort zu bewegen, war manchmal praktisch. Vor allem, wenn ich mich nur noch in meinen Fellen einrollen und über meinen Gefährten herfallen wollte.
„Du weißt, dass das keine gute Idee wäre.“ Quinn lächelte geduldig, legte sich aber nicht zu mir.
Das würde einfach nicht genügen. Ich brauchte meinen Gefährten.
„Nicht, dass ich wüsste, Zauberer. Wovor hast du Angst?“ Ich fügte die Bemerkung absichtlich als Herausforderung an.
„Wirklich, Twig? Du musst wieder zu Kräften kommen.“ Er schnaubte, setzte sich aber neben mich und strich mir durchs Haar, den Blick auf meine breite Brust geheftet. In meiner menschlichen Form war ich groß und muskulös, mit schuppenartigen Linien, die einen Großteil meines Körpers bedeckten und für meinen Gefährten eindeutig anziehend waren. Genau so, wie sein definierter, schlanker Körper mich anzog.
Er fuhr mit einem Finger über meine Brust, zog meine Markierungen nach und beobachtete, wie meine Haut unter seiner Berührung zuckte. Seine langen Wimpern streiften seine Wangen und er summte anerkennend. Sein kantiges Kinn, seine hohen Wangenknochen und sein straffer Körper in Kombination mit beinahe zu schönen Augen und einem weichen Mund machten ihn zum schönsten Geschöpf, das ich je gesehen hatte. Alles an Quinn strahlte Sinnlichkeit aus.
Viel zu viel Versuchung. Ich streckte den Arm aus und schlang ihn blitzschnell um seine Taille. Er wand sich lachend, als ich ihn zu mir zog, bis er neben mir lag.
„Hm, ich fühle mich schon viel kräftiger.“
Quinn schnaubte wieder, aber er wich nicht zurück, als ich die Arme um ihn legte und an seinem Hals nuckelte. Er roch göttlich. Wie alles Gute in meinem Leben. Frisch. Stark. Meins.
Mein Zahnfleisch juckte vor dem Verlangen danach, meine Fangzähne auszufahren und sie in den Paarungspunkt am Übergang zwischen Schulter und Hals zu vergraben. Stattdessen leckte ich mit der Zunge über den Bereich und rollte mich herum, bis ich auf Quinn lag. Er stöhnte leise, als ich die Stelle bearbeitete.
Viel besser.
Meine Fangzähne lugten hervor. Mein Drache flüsterte mir zu und drängte mich, dass wir uns endlich paaren, paaren, paaren. Quinn und ich hatten die Zeremonie, bei der ich meinen Anspruch geltend machen und unsere Verbindung besiegeln würde, während der drei Monate, die wir nun schon zusammen lebten, immer wieder aufgeschoben.
Warum nicht heute Nacht, flüsterte mein Drache verführerisch. Es war eine Versuchung. Mehr als das. Ich stimmte voll und ganz zu. Nur, dass Quinn nicht bereit war. Dennoch ließ ich meine Fangzähne leicht über den Punkt streifen, an dem ich ihn eines Tages zu markieren hoffte. Mein Körper zitterte vor Verlangen, meine Zähne zu versenken.
Tu es, drängte mein Drache. Er gehört uns. Beschütze, was uns gehört.
„Twig, hör auf.“
Mein hormonüberflutetes Hirn brauchte einen Moment, um wahrzunehmen, was Quinn gesagt hatte, und einen weiteren, um meine tastende Zunge und meine Zähne zu stoppen. Ich zog mich zurück, um ihn anzusehen.
„Was ist los?“
„Du musst dich ausruhen.“
„Ich fühle mich gut.“
„Dann brauchst du eine bessere Strategie, um mit den Ereignissen fertig zu werden. Ich werde mich nicht mit dir paaren, nur weil du das Gefühl hast, du hättest die Kontrolle verloren, und jetzt einen Teil davon zurück willst.“
„Was? Kann ein Drache nicht einfach mit seinem Zauberer Sex haben wollen?“
„Du wolltest mich beißen. Ich konnte es durch unsere Verbindung fühlen.“
Er schaffte es, seine Arme zwischen uns zu bringen und sie zu verschränken. Sein sinnlicher Mund schmollte.
Ich stöhnte, rollte mich von ihm herunter, ließ mich auf den Rücken fallen und presste die Schultern gegen die Matratze.
„Quinn, ich will dich immer beißen. Mein Drache drängt mich seit unserer ersten Begegnung, mich mit dir zu paaren. Es ist ein Wunder, dass ich noch nicht die Kontrolle über den geilen Bastard verloren habe.“
„Du hast ihn normalerweise besser im Griff.“
„Nun, du hättest heute verletzt werden können. Das regt meinen Drachen immer auf.“
„Das tut es auch, wenn ich die Führung übernehme.“
„Müssen wir das ausgerechnet jetzt diskutieren?“ Ich legte einen Arm über meine Augen und blendete seinen strengen Blick aus. Ich wollte diese Unterhaltung nicht führen. Dabei kam nie etwas Positives heraus und sie verlief nie zu meinen Gunsten.
„Na schön.“ Die Felle raschelten, als Quinn aus dem Bett stieg. Ich schlang meinen Arm um seine Taille, um ihn aufzuhalten, rollte mich zur Seite und zog ihn mit dem Rücken gegen meine Brust. Er versteifte sich unter meiner Berührung.
„Ich wollte dich nicht verärgern“, sagte ich und lockerte meinen Griff. Ich würde ihn nicht festhalten, wenn er entschlossen war, zu gehen.
„Ich werde mich nicht mit dir paaren, um dir mehr Kontrolle über mich zu geben.“ Quinn drehte den Kopf und seine Augen glühten in dem schwachen Licht, während Zorn durch unsere Verbindung strömte. Das wiederum ärgerte mich.
„Dann weißt du wenigstens, wie es mir geht“, sagte ich mit zusammengebissenen Zähnen.
„Es ist nicht meine Schuld, dass dein Drache mir gehorcht.“
„Soweit ich weiß, hast du mich als deinen Vertrauten an dich gebunden. Also würde ich sagen, dass es sehr wohl deine Schuld ist.“ Was mehr oder weniger stimmte. Aber er hatte es getan, um unser Leben zu retten. Also ja, unfair von mir.
Er schloss die Augen und rieb sich über die Schläfen. Ich nahm an, dass er wegrücken würde. Aber wenn überhaupt, dann schmiegte Quinn sich dichter an mich.
Für eine Weile schwiegen wir beide. Ein Schwall von Emotionen floss durch unsere Verbindung. Ich konnte ihnen kaum folgen. Menschen, oder zumindest Quinn, schienen eine viel größere Bandbreite an Gefühlen zu haben als Halbdrachen. Meine Emotionen waren ziemlich geradlinig: glücklich, zornig, traurig. Nicht so bei meinem Quinn.
Als er immer noch nichts sagte, umschlang ich ihn fester und ließ ihn meine Hitze spüren.
„Quinn … ich benehme mich wie ein Arsch. Ignorier mich einfach.“
„Nein, es tut mir leid, Twig. Es ist Mist, dass ich diese Macht über dich habe. Du hast jedes Recht, verärgert zu sein. Ich bemühe mich wirklich, diese Kontrolle nicht zu missbrauchen. Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn jemand solche Macht hat. Es ist furchtbar. Und doch lässt du es zu. Für uns.“ Er kuschelte sich enger an mich.
„Du stellst mich wie eine Art Held dar.“
„Wenn du mich jetzt als deinen Sidekick bezeichnest, bin ich weg. Ich warne dich.“
Ich kicherte in sein Haar. „Das würde ich nie sagen.“
„Deine Handlungen sagen es manchmal.“ Quinn seufzte. „Ich weiß, du magst es nicht, dass ich Kontrolle über deinen Drachen habe. Aber so, wie du für mich sorgst, gibt es eben auch Zeiten, wo ich mich um dich kümmere.“
„Du hättest nicht …“
„Hör auf. Bitte.“ Er drückte meinen Arm. „Du hast meine Hilfe gebraucht. So ist es einfach. Ich kann dich auch beschützen. Und ich möchte es auch. Aber du wehrst dich dagegen. Jedes Mal.“
Quinn hatte recht. Hatte er meistens.
„Ich bin nicht nutzlos, Twig.“ Er klang so verärgert.
„Das habe ich nie behauptet.“
„So fühle ich mich aber, wenn du mich nicht helfen lässt. Du behandelst mich, als wäre ich aus Glas. Denk an die Szene in der Pyramide.“
Ich stöhnte. „Erinnere mich nicht daran.“
Er stieß mich mit dem Ellbogen an. „Ich meine es ernst. Wenn wir zusammenarbeiten, dann musst du lernen mir zu vertrauen. Du musst nicht immer alles übernehmen. Ich kann auch etwas beitragen.“
Ich drückte ihn an mich und hoffte, dass meine Berührung ihm zeigen würde, wie groß meine Wertschätzung war. Er war meine bessere Hälfte. Er brachte Licht in mein Leben, wenn ich noch nicht einmal merkte, dass ich im Dunklen war.
„Ich arbeite daran.“
Er entspannte sich neben mir und unsere Wangen lagen aneinander. „Arbeite härter.“
„Du hast leicht reden. Du hast kein sabberndes, wildes Tier in dir, das seinen Gefährten in Besitz nehmen will – und dann beschützen, beschützen und noch mal beschützen. Den Drang, beides zu tun, habe ich im Blut.“ Ich beschwerte mich, aber ich würde mich wirklich mehr bemühen. Er wäre nicht mein Quinn, wenn er nicht seinen Beitrag leisten würde. Sowohl in unserer Partnerschaft als auch in unserer Geschäftsbeziehung. Trotzdem … „Ich könnte dich besser beschützen, wenn du mein Gefährte wärst.“
Das musste einfach gesagt werden. Obwohl der Drang, mich zu paaren, vorüber war. Mein Drache war ein ungeduldiges Biest. Ich würde unsere Verbindung nicht besiegeln, ehe Quinn ganz einverstanden war.
Ich konnte fühlen, wie Quinn an meiner Wange zu lächeln begann. „Wovor? Anderen Drachen? Du bist meines Wissens der einzige Drache im Elderreich.“
Gutes Argument.
„Ich möchte dich einfach vor … allem beschützen.“
„Du möchtest mich am liebsten in einen Turm sperren, damit ich in Sicherheit bin.“
„Er wäre luxuriös ausgestattet. Und du hättest deine persönliche Drachenwache. Nur das Beste für dich.“
Er kicherte. „Das wäre sicher toll. Wenn ich der Typ dafür wäre. Aber wir wissen beide, dass ich das nicht bin.“
Und ich würde ihn auch nicht so haben wollen. Er war perfekt, wie er war. Nervig, aber perfekt.
Ich rieb meine Wange an seiner und genoss das Gefühl von Bartstoppeln auf meiner Haut. Er mochte sein Gesicht lieber glatt rasiert. Ich dagegen genoss es, wenn da ein Hauch von Behaarung war. Ein Schnurren vibrierte in meiner Brust.
Er hob die Hand und strich über meine andere Wange. Ich drehte den Kopf, um seine Handfläche zu küssen und der Ärger von vorhin war verflogen.
Quinn seufzte und zog seine Hand weg. „Im Ernst, Twig. Ich bin noch nicht bereit, mich zu paaren. Ich möchte es, aber … Ich habe … Angst. Panik sogar.“
Beklemmung floss durch unsere Verbindung.
Angst vor der Paarung? Oder dass ich wütend auf ihn wäre? Beides war nicht akzeptabel. Er hatte von mir nichts zu befürchten. Mein Drache war vielleicht ungeduldig, aber ich würde nötigenfalls eine Ewigkeit auf ihn warten.
Ich nuckelte an der Haut hinter seinem Ohr und achtete darauf, den Paarungspunkt zu vermeiden.
„Ich weiß.“
Und das stimmte. Als wir uns kennengelernt hatten, war er seit drei Jahren der Sexsklave eines brutalen Einhorns gewesen. Quinn würde seine Freiheit nicht leichtfertig wieder aufgeben. Wir konnten uns zwar nicht sicher sein, aber nach meinem Biss würde sich die Machtdynamik unserer Beziehung wahrscheinlich wieder verschieben.
Drachen kontrollierten ihre Gefährten, zumindest hatte ich das so gehört. Es gab nicht so viele von uns und wir paarten uns nicht oft. Und ein Halbdrache sowie der Vertraute eines Zauberers zu sein, brachte mehrere Unbekannte ins Spiel. Wir mussten annehmen, dass Quinn unter meinem Einfluss stehen würde, sobald ich ihn gebissen hatte. Und eine Verbindung wäre für uns beide dauerhaft, da man sie nicht mehr auflösen konnte, sobald sie einmal bestand.
„Ich weiß, es ist nicht fair …“
„Ich möchte, dass du dich wohlfühlst. Wenn wir uns paaren, ist es für immer. Ich möchte dir nie das Gefühl geben, ich hätte dich dazu gedrängt.“
„Das hast du nicht. Dein Drache ist manchmal ein bisschen fordernd, aber ich weiß, dass das sein Instinkt ist. Und ich weiß, dass du mir nie wehtun würdest.“ Quinn zog die Felle über uns. „Also ist es okay für dich? Zu warten?“
Ich lächelte an seiner Wange. „Ja. Mein Drache hat schlechte Laune. Aber er diktiert nicht alles. Ich verstehe es, Quinn. Ich möchte, dass du dir auch sicher bist.“
Seine Hand wanderte zurück zu meiner Wange. „Ist es für dich unangenehm, deinen Drachen zu unterdrücken? Mir ist klar, dass du mehr Drache als Fee bist …“
„Ach was, es ist nur lästig. Damit kann ich umgehen. Zumindest, wenn es um dich geht. Es ist nur so, dass mein Drache stärker reagiert, wenn du in Gefahr bist, weil wir keine Gefährten sind. Ich bin nicht sicher, ob ich erklären kann, warum das so ist. Vielleicht hat er Angst, du könntest einen anderen Gefährten wählen, der dich besser beschützt. Menschen haben normalerweise keine wahren Gefährten, oder? Es ist also verständlich, dass mein Drache nervös wird.“ Ich bemühte mich, es harmlos klingen zu lassen. Er musste nicht wissen, wie sehr mein Drache meine Beherrschung herausforderte und wie egal es ihm war, ob Quinn zustimmte oder nicht. Er folgte keinen menschlichen Moralvorstellungen, auch wenn ich mich bemühte, das schon zu tun.
Mein leichter Tonfall musste seinen Zweck erfüllt haben, denn Quinn entspannte sich völlig in meiner Umarmung.
„Ich habe großes Glück.“ Quinn streichelte wieder über meine Wange und entzündete das Feuer, das zwischen uns immer präsent war.
„Ich bin der Glückliche, Zauberer.“ Ich drehte den Kopf, um ein paar seiner Finger in den Mund zu nehmen. Er schnappte nach Luft und es klang für mich süßer als jede Musik. Mein Körper kribbelte von dem sinnlichen Geräusch und ich ließ meine Hände über seine Brust bis zum Saum seiner Tunika wandern. Es war viel zu lange her, dass ich seine Haut an meiner gefühlt hatte. Das würde ich ändern.
Ich sog seine Finger tiefer in meinen Mund und demonstrierte, was ich in Kürze mit seinem Schwanz vorhatte.
„Du machst das viel zu gut.“ Er stöhnte leise, als meine Hand über seine Hüfte glitt und nach dem Saum der Tunika griff. Ich zog das weiche Material langsam an seinem Körper hoch und stellte sicher, dass ich dabei seinen Schwanz streifte. Sanft genug, dass es ihm nicht geben würde, was er wollte.
„Du bist so gemein“, beschwerte er sich.
Ich kicherte böse und saugte weiterhin an seinen Fingern. Ich wollte, dass ihm genau bewusst war, was er verpasste. Aber nicht lange. Als ich die Tunika unter seinem Kinn zusammenschob, wanderte ich mit einer Hand zurück zu einem Nippel. Quinn war wunderbar empfindlich und ich genoss es, ihn zu foltern. Meine Finger umschlossen die feste Knospe und ich drückte sie so zusammen, dass es gerade an der Grenze zum Schmerz war. Er wand sich unter mir und bog den Rücken durch.
Es gab nichts besseres, als meinem Zauberer Lust zu bereiten. Ich stellte sicher, dass der andere Nippel ebenso viel Aufmerksamkeit bekam. Ich strich mit einer Hand langsam über seinen Bauch und genoss, wie die glatten Muskeln unter meinen Fingern zuckten, als er sich bemühte, nicht zu zappeln.
Kurz bevor ich seine Erektion erreichte, platzte Bill ins Zimmer.
Quinn und ich schrien auf – kreischten wäre das bessere Wort, aber wir haben beide einen Ruf zu verlieren – und ich zog mit einem Ruck die Felle über unsere Körper.
„Oh, tut mir leid, Boss.“ Bill grinste. Gar nicht bedauernd. Er stand da mit einer hellblauen Seidenfliege und einer passenden Weste. „Ich habe geklopft. Als ihr nicht geantwortet habt, habe ich mir Sorgen gemacht.“
Warum hatte ich ihm nochmal erlaubt, bei uns zu wohnen?
Quinn vergrub sein Gesicht in seinem Kissen und stieß einen Schrei purer Frustration aus. Ich wusste genau, wie er sich fühlte. Als Bill weiter herumstand, knurrte ich.
„Ja, richtig.“ Er eilte zu uns herüber, öffnete seine riesige Faust und zeigte uns die schlafende Cookie. Sie schnarchte immer noch gewaltig, unbeeindruckt davon, dass ein Red Fury sie festhielt.
„Ich gehe kurz weg und wollte sie nicht allein lassen, weil wir ihre Fähigkeiten noch nicht kennen. Ich will nicht, dass sie das Haus in Flammen setzt.“
„Hübsche Weste“, presste ich hervor.
„Dykkie hat sie für mich machen lassen.“ Er strahlte, bis er die mordlustigen Blicke sah, die auf ihn gerichtet waren.
„Na schön.“ Bill setzte Cookie in den winzigen Spalt zwischen unseren Körpern. Er winkte uns zu, als er hastig den Raum verließ.
Kluger Dämon.
Quinn sah von seinem Kissen auf und sagte: „Du weißt, dass er heute Abend Sex haben wird, nicht wahr?“
Und ob ich das wusste. Verdammter Lustkiller.
Ich drehte mich auf den Rücken und mein schmerzender Schwanz beulte das Fell aus.
„Du wolltest sie mit zu uns nehmen“, betonte ich. Das war vielleicht ein bisschen kleinlich.
Quinn drehte sich zu mir und legte das Kinn auf meine Schulter. Cookie kuschelte sich zwischen uns.
„Nun ja, sie hat dich geheilt. Und du musst zugeben, dass sie irgendwie niedlich ist.“
Ich musste gar nichts zugeben. Besonders nicht, weil sie schnarchte wie ein Kobold mit einer Erkältung. Allerdings fühlte sich ihr weiches Fell nett an, als sie sich an uns schmiegte, und ihr Schnarchen glich immer mehr einem leisen Schnurren.
„Ich nehme nicht an …“
„Auf keinen Fall“, sagte Quinn. „Wir werden nicht vor ihr Sex haben.“
„Ich könnte in der Ecke ein Bett für sie machen …“ Ich wusste bereits, dass ich diesen Kampf verloren hatte.
Quinn klopfte mir auf die Brust und schloss die Augen. „Gute Nacht, Twig.“
Wenn meine schmerzenden Eier mir nicht vorher ein Ende bereiteten, würde ich Bill umbringen. Langsam.
KAPITEL 5
Zwei Tage später hatte ich unsere Diskussion schon beinahe vergessen. Alles war weitestgehend wieder normal, was bedeutete, dass Bill und Quinn ihr übliches Hickhack wieder aufgenommen hatten.
„Quinn, der Hexenmeister des Zorns“, schlug Bill vor, als er und Quinn sich auf einem Berg roter und goldener Kissen in meinem Wohnzimmer ausstreckten.
Ich bemühte mich, nicht mit den Augen zu rollen. Bill versuchte immer, den perfekten Zauberer-Beinamen für Quinn zu finden. Quinns tiefem Seufzen nach zu urteilen, war er damit nicht sehr erfolgreich.
„Echt jetzt? Hexenmeister des Zorns? Die Namen werden immer schlimmer.“ Quinn fuhr mit der Hand durch sein goldblondes Haar, bis es wirr in alle Richtungen stand. Cookie, seine ständige Begleiterin, hockte auf seiner Schulter und rieb sich tröstend an seiner Wange. Zumindest interpretierte ich es so.
Bill schnaubte und stampfte sogar mit dem Fuß auf einem der Plüschteppiche auf, die ich überall in meinem Haus ausgelegt hatte. Die bockige Geste wirkte unpassend für einen zweieinhalb Meter großen Dämon, der bei weitem die furchterregendste Kreatur im Elderreich war. Auch wenn er theoretisch Vegetarier war und eine Weste, eine Fliege und eine breit gerahmte Brille trug.
„Was meinst du, Twig? Hexenmeister des Zorns klingt doch wunderbar dunkel, findest du nicht?“ Bill fuchtelte mit einem Arm herum, als stünde der Name an der Wand.
Ich hob beschwichtigend die Hände. „Hey, ich bin nur ein einfacher Privatdetektiv. Haltet mich aus eurer Auseinandersetzung raus.“
Bill schnaubte wieder. „Das ist keine Auseinandersetzung.“
Natürlich war es das. Seit Bill sich meinem Team bei Starfig Investigations angeschlossen hatte, war er von der Idee besessen.
„Warum kann ich nicht einfach Quinn Broomsparkle sein? Das ist doch ein guter Name, nicht wahr, Twig?“ Quinn lächelte mich an und ich konnte fühlen, wie mein Herz schmolz. Wenn mein Gefährte mich so anlächelte, hatte ich Mühe, meine Sprache zu finden. Also nickte ich.
„Oh Mann. Du …“ – Bill richtete einen krallenbestückten Finger auf meine Brust – „… bist deinem Zauberer hörig. Und du …“ – er deutete auf Quinn – „… machst dir Illusionen. Quinn Broomsparkle würde nicht mal einem flauschigen Wampapus Angst einjagen und jeder weiß, dass die sich vor ihrem eigenen Schatten fürchten.“
„Um fair zu sein, ihr Schatten hat auch etwas Raubtierhaftes“, sagte Quinn. „Abgesehen davon habe ich kein Interesse daran, jemandem Angst einzujagen.“
„Mann, du bist der erste Zauberer seit tausend Jahren! Zeig ein bisschen Stolz! Ich dachte, Menschen wüssten gute Beinamen zu schätzen.“
Quinn zog eine Augenbraue hoch. „Das tun wir.“ Dabei beließ er es.
Ich kicherte, als ich begann, die Schriftrollen einzupacken, die wir für das morgige Treffen des Stadtrates brauchen würden, und ignorierte den Rest ihres Geplänkels. Seit Quinn und Bill in mein Leben gekommen waren, war es deutlich lauter als ich es vorher gewohnt war. Ein Halbdrache und eine Halbfee zu sein, bedeutete, dass ich nicht wirklich ins Elderreich passte, wo es kaum Halbblüter gab. Ich war daran gewöhnt, allein zu sein. Das war nun eindeutig vorbei.
Ich sah zu Quinn und mein Herz machte einen Sprung. Gut, wir hatten unsere Verbindung noch nicht besiegelt, aber in praktisch allen Bereichen, in denen es eine Rolle spielte, waren wir Gefährten. Und deshalb nahm ich an einem weiteren Treffen des Stadtrats teil.
Mein Vater mit seiner Status-Besessenheit hatte Quinn aus den Hufen dieses vertrottelten Einhorns gerettet und erwartete im Gegenzug von mir, dass ich mich früher oder später um einen Sitz im Hohen Rat des Elderreichs bewarb. Wie der Vater so der Sohn.
Bevor ich mich den vornehmen – und unerträglich versnobten – Rängen anschließen konnte, musste ich jedoch erst Mitglied eines untergeordneten Regierungsgremiums sein. Deshalb der Stadtrat von Lighthelm oder kurz SRL. Es war die Verwirklichung eines Traums. Für meinen Vater.
Zu sagen, dass ich diese Zusammenkünfte hasste, war so, als würde man sagen, dass Drachen Orcs hassen – es war selbstverständlich.
Ich knurrte, als ich die Schriftrolle betrachtete, die meine Kandidatur für den Stadtrat ankündigte. Vielleicht würde etwas Dringendes dazwischenkommen und ich müsste es ausfallen lassen?
„Ich weiß, was du denkst“, sagte Quinn. „Wir gehen hin.“
Ich musste mich nicht erst umdrehen, um zu wissen, dass er schmunzelte. Natürlich wusste er es. Da ich sein Vertrauter war, konnte er meine Emotionen lesen. Selbst meine Gedanken, wenn wir sie nicht abschirmten. Anders als die einfachen Tiere, mit denen Hexen sich verbanden, um Zugriff auf ihre Magie zu bekommen, war das Band zwischen mir und Quinn einzigartig. Statt zu antworten, verfluchte ich in Gedanken seine Vorfahren und stellte sicher, dass dies nicht abgeschirmt wurde.
„Hey“, schnaubte er. „Das ist nicht nett, so etwas über meine Mutter zu sagen, Twig.“
Da Quinns Familie ihn praktisch im Stich gelassen und seinem Schicksal in vertraglicher Knechtschaft überlassen hatte, als er bei seiner Zauberprüfung versagt hatte, hielt sich mein schlechtes Gewissen in Grenzen.
Na schön, es führte also kein Weg daran vorbei. Wir mussten hingehen.
Ich musste meine Wirbelsäule gestreckt haben, denn Quinn und Bill sprangen auf. Quinn suchte seine Stiefel und Bill richtete seine Fliege und rückte seine schwarz gerahmte Brille zurecht. Ich verengte die Augen.
„Bill, sag mir bitte nicht, dass du Dyknor eingeladen hast.“ Oder Dickmore, wie ich ihn gewöhnlich in Gedanken nannte. Ich meine, Dyknor Dhenduge. Wirklich?
Bill erstarrte. Kein gutes Zeichen. Mistkerl. Er hatte es tatsächlich getan.
„Nun, sieh mal, er wollte teilnehmen, Boss. Ich konnte doch schlecht Nein sagen.“ Da Bill ein Red Fury war, konnte man auf seiner fleckigen Haut nur schwer erkennen, wenn er errötete. Ich war mir aber trotzdem ziemlich sicher, dass er rot wurde.
„Das hatten wir doch schon. Ich möchte nicht, dass ein Dunkelelf in Quinns Nähe ist. Sie haben diese unerfreuliche Neigung, die magischen Kräfte von Hexen anzuzapfen.“
„Ach komm schon, Twig. Du bist unfair. Dykkie hat doch niemandem was getan … bis jetzt. Er war bemerkenswert zurückhaltend. Ich glaube, er mag mich wirklich.“ Bill rückte seine Brille zurecht und seine Augen wirkten durch die Gläser groß und eulenhaft.
„Hat er dich nach deinem richtigen Namen gefragt?“ Den Namen Bill hatte ich ihm gegeben, als wir uns ein paar Monate zuvor kennengelernt hatten. Ich hatte keine Ahnung, wie er wirklich hieß, und das war auch gut so. Der wahre Name eines Dämons gab einem Macht über ihn und das letzte, was ich wollte, war jemand, der Kontrolle über einen Red Fury hatte.
„Neiiin.“ Bill sah zur Seite. „Natürlich nicht.“
Ich räusperte mich.
„Nicht mehr als einmal.“ Er trat von einem Fuß auf den anderen. „Oder … ein paar Dutzend Mal.“
„Bill …“
„Ich weiß, was du sagen wirst, Boss, also spar es dir. Ich mag Dykkie. Es könnte sein, dass er mich tatsächlich auch mag. Er kann eben nicht anders. Es liegt an seiner dunklen Seele.“
„Kannst du nicht mit jemandem ausgehen wie einem gutherzigen Gargoyle? Oder vielleicht einem sexy Zentauren? Musst du dir immer bösartige Kreaturen aussuchen?“
Bill seufzte. „Gleich und gleich gesellt sich gern.“
„Du bist nicht böse.“
„Doch. Ich gebe nur mein Bestes, um es zu unterdrücken. Das versuche ich auch Dykkie beizubringen.“
„Ich bin mir nicht sicher, ob ich überhaupt wissen will, wie ich mir das vorstellen soll.“
„Reden du und Quinn nicht miteinander? Er weiß alles darüber, wie ich meinen niederen Instinkten widerstehe.“
„Wir reden sehr wohl miteinander. Über alles Mögliche.“ Es konnte gut sein, dass Quinn mir davon erzählt hatte, aber er neigte dazu, sich in technischen Erklärungen zu verlieren, die mich zu Tode langweilten. Ich teilte seine Faszination, wie Magie funktionierte, einfach nicht. Das lag vielleicht daran, dass meine Magie Teil meiner Natur war und sich nicht entwickelte wie bei Quinn. Je mehr er wusste, desto mächtiger wurde er, besonders mit mir als seinem Vertrauten, von dem er Energie beziehen konnte.
Bill schüttelte den Kopf. „Es bedeutet, dass ich ihm zeige, wie er die Anteile seiner Persönlichkeit, die böse sind, abspalten und isolieren kann. Genau wie ich es mit dem mörderischen Berserker gemacht habe, der Teil meiner Natur ist. Es ist ein bisschen schwierig zu erklären. Ich habe ihn Übungen machen lassen und mehrmals täglich Meditationen und …“
„Hältst du es für schlau, einen Dunkelelfen zu einer Ratssitzung mitzubringen?“ Genug der Erklärungen. Ganz gleich, wie viel Wunschdenken Bill auch projizierte, Dickmore war nicht wie Bill. „Bei all den Sicherheitsvorkehrungen wird er gar nichts tun können.“
„Du bist kein sehr vertrauensvoller Typ, weißt du das?“
„Ich habe dich als Assistenten eingestellt. Ich glaube, das war ein ziemlicher Vertrauensbeweis. Aber …“ Ich hielt die Hand hoch und zählte an meinen Fingern ab. „Zuerst bringst du einen Orc nach Hause. Einen Orc. Du weißt, dass Drachen Orcs hassen. Und was hat er getan? Er hat versucht herauszufinden, wo ich meinen Schatz versteckt habe. Hätte ich das nicht vorausgesehen, wäre es ihm vielleicht gelungen.“
Bill hatte die Frechheit zu grinsen und alle drei Zahnreihen blitzten. „Oh ja, das war witzig.“
Ich hob einen weiteren Finger. „Dann war da die Harpyie. Sie hat Quinn in die Kehrseite gebissen.“
„Also, um fair zu sein, so sind Harpyien nun mal. Und außerdem war das ein Kompliment. Ich meine, Quinn muss sehr lecker sein, sonst wäre sie wahrscheinlich nicht in einen Fressrausch verfallen.“
„Wahrscheinlich?“
Bill zuckte mit den Schultern.
Oh Mann, Was sollte ich mit diesem liebeskranken Schwachkopf nur anfangen.
„Seid ihr bereit?“, rief Quinn von der Tür. Er schob Cookie in eine Tasche, die er an die Schulter seiner Tunika genäht hatte. Er trug weiche Lederleggings, die zu dem goldfarbenen Oberteil passten, das seine Augenfarbe gut zur Geltung brachte.
Ich konnte nicht verhindern, dass sich ein albernes Grinsen auf meinem Gesicht ausbreitete. Vielleicht waren liebeskranke Schwachköpfe ja doch nicht so schlimm.
***
„Riechst du das?“ Ich sah mich in dem großen, offenen Säulengang vor den Versammlungsräumen des Stadtrates um. Eine Spur von etwas … nein, von jemand Vertrautem lag in der Herbstluft. Nur ein Hauch, der im nächsten Moment von einer kühlen Brise weggeweht wurde.
„Ich … ach, vergiss es. Es ist nichts.“ Mein Drache war nicht meiner Meinung. Er knurrte in meinem Kopf und ging in höchste Alarmbereitschaft. Als müsste ich mein Territorium verteidigen. Was lächerlich war. Warum sollte mein Drache das Ratsgebäude verteidigen wollen?
Zugegeben, zu den Treffen des Stadtrates von Lighthelm zu kommen, war immer bemerkenswert. Als wir vor zwei Monaten zum ersten Mal teilgenommen hatten, war ein Tumult ausgebrochen. Es war nicht wirklich Bills Schuld, aber da Red Furys den Ruf hatten, alles und jeden in ihrer Reichweite zu zerstören, war die Panik verständlich gewesen.
Einen Halbdrachen beziehungsweise eine Halbfee hätte man normalerweise auch mit Spott bedacht, aber als einer der bevorzugten Nachkommen von Auric Starfig hatte ich einigen Spielraum.
Es mag sein, dass ich beim ersten Mal gekichert und den Aufruhr ein klein wenig genossen habe. Beim zweiten Mal schnappten viele nach Luft und es gab auch ein paar unterdrückte Aufschreie. Wir saßen in der ersten Reihe, die sich auf mysteriöse Weise geleert hatte. Man stelle sich das vor.
Diesmal war ich enttäuscht, dass die Reaktionen nicht annähernd so eindrucksvoll ausfielen. Ein paar scharfe Atemzüge und viele neugierige Blicke, als wir in dem Säulengang darauf warteten, dass die Türen zur Ratshalle geöffnet wurden. Bills Wirkung hatte nachgelassen, auch wenn die wachsende Menge immer noch einen ziemlich großen Sicherheitsabstand zu uns hielt.
Fokreas Flintheart, der ältere Zwerg, gegen den ich im Wahlkampf um einen Sitz im Rat antrat, winkte uns fröhlich aus dem Gedränge zu und seine Wangen waren von der Kälte ganz rot. Er war immer so … vergnügt. Und großväterlich. Sein dicker Wollmantel war leuchtend rot und ließ ihn aus jeder Umgebung hervorstechen. Er trug einen passenden Hut und sein langer weißer Bart war kunstvoll gezwirbelt. Er wandte seine Aufmerksamkeit wieder der versammelten Menge zu, zog kleine Päckchen in Geschenkpapier aus einem großen Sack und verteilte sie lachend. Seine Schwester, die auch einen passenden Umhang und Hut trug, tat dasselbe. Aber ihr Lächeln erreichte ihre Augen nicht. Mehrere andere Zwerge, die allesamt satt grüne Umhänge mit dem Logo Flinthearts Geschenk- und Spielzeugfabrik trugen, standen um sie herum und hielten die Menge in Schach.
Wie zum Teufel ich den Kerl bei einer Wahl schlagen sollte, war mir ein Rätsel. Und ehrlich gesagt kümmerte es mich auch nicht. Ich hatte meinem Vater versprochen, mich um einen Sitz zu bewerben. Ich hatte nie versprochen, dass ich gewinnen würde. Das war seine Sorge, nicht meine.
Ich winkte zurück und legte meinen freien Arm um Quinns Taille, um ihn warm zu halten. Und um Bills Lover von ihm fernzuhalten. Dickmore schielte über Bills Schulter. Ein Bild von einem Elfen. Groß und gertenschlang mit langem, fließendem Haar, das zu komplizierten Zöpfen geflochten war. Nur statt der goldenen Farbe, die die meisten Elfen auszeichnete, war es dunkelgrau, als hätte er sich in Ruß gewälzt. Er musterte Quinn neugierig und leckte sich über die Lippen, als wäre Quinn ein Lutscher, an dem er gerne … nun ja … lecken würde.
Bevor mein Drache warnend knurren konnte, beugte Quinn sich zu mir und flüsterte: „Du weißt, dass der alte Mann verschlagener ist als ein Höllenhund, nicht wahr?“
Ich kicherte und drückte ihn an mich. „ Sei nicht so zynisch, Quinn. Er ist offensichtlich nur ein freundlicher alter Knabe.“
Von wegen. Flintheart war vermutlich der Pate der Unterwelt von Lighthelm. Ich hatte schon vor einer langen Zeit gelernt, keinem Erscheinungsbild zu vertrauen. Hübsche Zentauren waren sehr oft auch nicht das, wonach sie aussahen. Obwohl dieses Theater, wenn es denn eines war, gut gespielt war.
Flintheart und sein Gefolge kamen auf uns zu und verteilten unterwegs weiter Päckchen. Die Gewänder der Zwerge waren ja irgendwie niedlich und ihre großen Augen und runden Nasen ließen sie harmlos aussehen. Die passenden gestreiften Bänder in ihren geflochtenen Bärten unterstrichen das noch. Da ich aber wusste, dass Zwerge hervorragende Kämpfer waren und dazu neigten, eher jähzornige Persönlichkeiten zu sein, kaufte ich ihnen das nicht ab.
„Mister Starfig“, grüßte Flintheart. „Nett, Sie wieder hier zu sehen. Ich nehme an, das bedeutet, dass Sie offiziell in den Wahlkampf eintreten?“ Er strahlte mich an und sein runder Bauch wackelte beim Sprechen. Mir fiel auf, dass er vergessen hatte, Quinn, Bill und Dickmore zu begrüßen.
„In der Tat, Ratsmitglied Flintheart.“ Ich nickte seinen Begleitern zu. Flinthearts Schwester runzelte die Stirn und alle anderen Zwerge lächelten mich wie auf Kommando an, auch wenn ihre Augen etwas ganz anderes sagten. Gruselig.
„Ausgezeichnet. Ein wenig Wettbewerb ist immer gut. Bringt einen alten Zwerg dazu, wachsam zu bleiben.“ Er griff in den Sack und zog ein weiteres Päckchen hervor. „Ich habe spezielle Glücksbringer-Karamellen für Sie mitgebracht. Es gibt ja keinen Grund, nicht zivilisiert miteinander umzugehen.“
Ich griff nach dem Päckchen, aber Bill schnappte es, ehe ich es nehmen konnte.
„Das nehme lieber ich.“ Er funkelte meinen Gegner an. „Es könnte vergiftet sein, Boss.“
Mann, meine Begleiter waren alle so misstrauisch. Obwohl mir der Gedanke auch gekommen war.
„Aber, aber, mein Lieber. Ich habe mehr Ehrgefühl als das.“ Er hielt Bills Blick stand. Eindrucksvoll.
„Da bin ich sicher“, antwortete Quinn mit einem eisigen Lächeln. „Bill ist nur überfürsorglich. Er würde jeden vernichten, der Twig auch nur falsch ansieht. Aber was soll man machen, er ist nun mal ein Dämon.“
Flintheart nickte, als hätte Quinn eine große Einsicht mit uns geteilt. „Ja, natürlich. Du meine Güte, mir hätte klar sein müssen, dass er nur auf das Wohl seines Meisters bedacht ist. Dass alle seine Diener das sein würden.
Er streckte tatsächlich die Hand aus und tätschelte Bills Arm. Ich lachte einmal laut auf, ehe Quinn mir auf die Zehen trat.
Bill verschluckte sich fast. „Meister? Ich sage Ihnen mal …“
„Ja, er ist immer nur auf das Wohl anderer bedacht. Das ist eben unser Red Fury.“ Quinn packte Bill am Ellbogen und drehte ihn zum Eingang.
„Die Türen sind offen. Lasst uns gehen. War nett, Sie zu treffen, Ratsmitglied Flintheart.“
Quinn zog Bill und mich in Richtung Eingang und Dickmore eilte uns hinterher.
„Danke für die Karamellen“, rief ich über die Schulter. Als ob ich die je essen würde.
„Bill“, zischte Quinn.
Ich wandte meine Aufmerksamkeit wieder meinen Begleitern zu. Bill hatte die gesamte Schachtel Karamellen samt Schleife und allem in seinen Rachen geschoben und kaute hingebungsvoll.
„Ich dachte, du würdest dir Sorgen machen, dass sie vergiftet sein könnten“, sagte ich.
„Mmm, oh Boss, die sind köstlich. Dekadent, geradezu sündhaft“, sagte er mampfend. „Es ist gut, dass du nicht davon gekostet hast. Sie sind vermutlich tödlich.“
„Wow, du opferst dich wirklich für das Team“, sagte ich. Ich rollte nicht mit den Augen, aber ich war nahe dran.
„Tut mir leid“, murmelte er, immer noch kauend. „Ich habe eine Schwäche für Karamellen.“
Dickmore streichelte seinen Arm und sein Lächeln war beinahe süß, als er zu Bill aufsah.
Wir betraten den Ratssaal und gingen den Hauptgang entlang. Reihen abgenutzter hölzerner Bänke säumten den Gang zu beiden Seiten und vorne stellte ein Podium mit einem schlichten Holztisch sicher, dass die Ratsmitglieder auf das gemeine Volk herabsehen konnten. Aus unerklärlichen Gründen waren die Wände in einem düsteren Grau gehalten, ohne jede Verzierung. Keine Farbe, keine Kunst, steril.
Schließlich belegten wir wieder die vorderste Reihe und rutschen auf die lange Bank. Flinthearts Gefolge besetzte die Bänke auf der anderen Seite des Ganges, während er seinen Platz am Tisch des Rates einnahm.
„Soll ich mal fauchen oder so?“, fragte Bill und bewegte dabei kaum den Mund. „Sie ein bisschen für dich wachrütteln?“
Quinn, der zwischen uns saß, stieß Bill mit dem Ellbogen an, richtete seine spitzen Knochen dann auf mich und versetzte mir einen Stoß, der eines weit größeren Geschöpfs würdig gewesen wäre. Dickmore, der an Bills anderer Seite saß, betrachtet Quinn mit einem Glänzen in den Augen, das meinen Drachen in meinem Kopf rumoren ließ. Ich solle den Dunkelelfen zermalmen, ehe er versuchte, meinem Gefährten zu schaden.
Scheinbar war mein Knurren nach außen gedrungen, denn der gute Dykkie riss die Augen auf und drückte sich enger an Bill.
„Es … es tut mir leid. Das … das ist meine Natur.“
Bill legte schützend den Arm um seinen Dunkelelfen.
„Mach dir keine Sorgen, er wird dir nichts tun“, flüsterte Bill.
Ich beugte mich zu Quinn und flüsterte: „Doch. Doch, das werde ich.“
Das brachte mir einen weiteren Rippenstoß von Quinn ein, aber das war es wert. Verdammte, bösartige Dunkelelfen. Vielleicht mussten wir Bill überzeugen, einen Feerapeuten aufzusuchen, der ihn dazu brachte, bessere Entscheidungen zu treffen.
Ehe ich diesen Gedanken zu Ende denken konnte, schnappten einige der Anwesenden hörbar nach Luft und im Saal brach ein ehrfürchtiges Flüstern aus. Ich drehte mich um, um zu sehen, wer oder was die Unruhe verursacht hatte und stöhnte.
Ach du Scheiße. Mein Vater.
KAPITEL 6
Mein Vater war so ziemlich die letzte Person im Elderreich, mit der ich mich an diesem Tag auseinandersetzen wollte. Ich hätte es so ziemlich mit jedem aufgenommen. Einer Horde Zombies, einer Herde Hydras oder einem mörderischen Minotaurus. Mit irgendwem. Ich hörte Quinn stöhnen und Bill wimmern.
Ja, mein Dad war tatsächlich so angsteinflößend, wenn er es sein wollte. Jeden seiner 20 Zentimeter Körpergröße umgab die Aura des majestätischen, überheblichen, harten Politikers, in eine purpurfarbene Toga gehüllt, die von seinem Abzeichen als Mitglied des hohen Rates zusammengehalten wurde. In Anbetracht des eingeschüchterten Ausdrucks auf den Gesichtern der Zuhörer und der Ratsmitglieder, die aufsprangen wie Marionetten, hatte ich mit meiner Behauptung, Bill sei die furchtsamste Kreatur des Elderreiches, vielleicht danebengelegen.
Mein Vater schwebte in gemäßigtem Tempo herbei und zeigte sein charakteristisches Stirnrunzeln, ohne auf die Unruhe einzugehen, die er verursachte. Stattdessen war sein Blick starr auf unsere bunt zusammengewürfelte Gruppe gerichtet und ich konnte ihm ansehen, dass er nicht begeistert war. Ganz und gar nicht.
Also ein typischer Tag mit meinem Vater.
„Du hättest dich zumindest dem Anlass entsprechend kleiden können“, sagte er, als er auf der Bank Platz nahm. Er wandte sich um und sagte beinahe im Plauderton zu den Reihen direkt hinter uns: „Verschwindet. Ich möchte mit meinem Sohn unter vier Augen sprechen.“
Es waren von Haus aus nur wenige so tapfer gewesen, in unserer Nähe zu sitzen, und sein Missmut reichte, um die übrigen in die Flucht zu schlagen.
„Dad, das ist ein öffentlicher Ort. Verdammt, wir sind nicht bei dir zu Hause. Du kannst hier nicht alle herumkommandieren, als wären sie deine Bediensteten.“
Er ignorierte mich und wandte sich Bill und Dickmore zu. „Verzieht euch, ihr üblen Kreaturen, ehe ihr wünscht, ihr wärt nie geboren worden.“
Dickmore quiekte und flüchtete den Gang hinauf, stieß Leute zur Seite, als er zum Ausgang hastete. Bill wurde blass, aber er wich nicht zurück. Übertriebene Loyalität. Er war gekommen, um meine Bewerbung zu unterstützen, und er würde mich auch unter dem drohenden Blick meines Vaters nicht im Stich lassen. Seine Krallen gruben sich in das Holz der Bank und er warf mir einen flehenden Blick zu. Obwohl ich immer noch sauer war, weil er mir kürzlich mein Schäferstündchen ruiniert hatte, verspürte ich Mitleid und nickte ihm zu.
Bill sprang auf und folgte Dickmore. Ich stellte anerkennend fest, dass er es langsamen, gemessenen Schrittes tat, als würde er nicht in Panik vor der Drohung meines Vaters flüchten.
Wir wussten es beide besser.
„Musst du Bill gegenüber so ein Mistkerl sein?“, fragte ich.
„Er hat deinen Bruder gefressen.“
„Halbbruder. Und wenn er es nicht getan hätte, hätte Nyx mich umgebracht. Er hat mir das Leben gerettet. Ist dir das klar?“
Mein Vater schnaubte und zog seine Toga zurecht. Ach ja. Richtig. Warum hatte ich erwartet, dass ihn das kümmern würde?
Also tat ich das, worin ich am besten war. Ich ging in die Offensive.
„Schön, dich zu sehen, Dad. Ich bin sicher, es hat nichts damit zu tun, dass du besorgt warst, ich könnte nicht erscheinen, um meine Kandidatur bekanntzugeben.“
Er winkte gelangweilt ab. „Kann ein Vater nicht mal nach seinem Sohn sehen?“
„Nein.“
Er lächelte. „Schön, dass du nicht mehr so naiv bist. Du hast die Papiere doch mitgebracht, oder?“
„Wenn ich gewusst hätte, dass du kommst, hätte ich mir nicht die Mühe gemacht. Ich schätze, du hast deine eigenen mitgebracht.“
„Natürlich. Es kann nie schaden, vorbereitet zu sein.“
„Dir ist schon klar, dass ich einen Fragebogen ausfüllen muss, oder?“
Mein Dad griff in seine Robe und zog eine Schriftrolle hervor. „Natürlich. Ich habe die Fragen für dich beantwortet. Es geht doch nichts über den Feinschliff eines Experten.“ Er lächelte beinahe. Das Aufblitzen seiner spitzen Zähne war kaum zu sehen. Er war in seinem Element.
„Ich werde deine Antworten nicht verwenden.“
„Er hat eine Menge Zeit dafür aufgewendet“, fügte Quinn hinzu und rutsche auf der Bank näher zu mir.
Ich zuckte zusammen. Ich wusste Quinns Versuch, den Blick meines Vaters auf sich zu ziehen, zu schätzen. Aber gewöhnlich endete das damit, dass mein Vater Quinn beleidigte, ich zornig wurde und meinen Vater aufforderte zu verschwinden, gefolgt von einer Woche der Funkstille, ehe sich der ganze Vorgang wiederholte.
„Ich glaube wohl kaum, dass du ein Experte in diesen Dingen bist“, schnaubte mein Vater. „Ich denke, deine Fähigkeiten liegen in anderen Bereichen.“
Quinn wurde rot. Mein Vater erinnerte ihn nur zu gerne an seinen früheren Status als Sexsklave. Ich öffnete den Mund, um meinen Vater wegzuschicken, als von Quinns Schulter ein leises Knurren erklang. Cookie missfiel offenbar der Ton, den mein Vater Quinn gegenüber anschlug. Ich mochte die kleine Fellkugel von Tag zu Tag lieber.
„Was zur Hölle ist das? Und was immer es ist, ich hoffe sehr, dass es keine Aufenthaltsgenehmigung braucht. Ich habe dir schon zu oft einen Gefallen getan.“
„Woran du mich mit Vorliebe erinnerst.“
Natürlich ignorierte er mich. Stattdessen begutachtete er Cookie und verzog ein wenig den Mund. Oh oh.
„Weißt du, was das ist? Wir haben versucht, es herauszufinden.“
Mein Vater hielt für etwa eine halbe Sekunde inne. Jemand, der mit seiner undurchsichtigen Art weniger vertraut war als ich, hätte dem keine Bedeutung beigemessen. Er wusste etwas.
„Möchtest du dazu etwas sagen?“
Er seufzte und machte eine wegwerfende Handbewegung in Richtung Cookie. „Du und deine Haustiere.“
Ich zählte bis zehn, um mich davon abzuhalten, vor dem versammelten Stadtrat eine Szene zu machen. Ich wollte nicht gewählt werden, ich hoffte sogar, dass ich verlieren würde. Aber ich würde meine Chancen nicht absichtlich untergraben. Wenigstens das schuldete ich meinem Vater. Selbst wenn er … nun ja, er selbst war.
Bevor ich mir noch eine passende Antwort ausdenken oder einen Versuch starten konnte, mehr Informationen aus ihm herauszuholen, brach in der Menge neuerlich Gemurmel aus. Was war denn nun schon wieder?
Eine männliche Fee in einer verzierten Lederuniform, deren Haar, Augen und Flügel in hellem Blaugrün leuchteten, betrat den Ratssaal. Zwei große, muskulös aussehende Gargoyles folgten ihm, aber alle Augen waren auf das Feenwesen gerichtet.
Wer war der Typ? Und warum versteifte sich mein Vater neben mir?
Die Fee kam auf uns zu, den stählernen Blick der ungewöhnlich gefärbten Augen auf meinen Vater fixiert. Mein Vater verschränkte die Arme, was seine Unruhe verriet, wenn man die Zeichen deuten konnte.
Quinn stieß mich in die Seite. Ich zuckte nur mit den Schultern. Ich hatte keine Ahnung, was da vorging.
Als das Feenwesen uns erreichte, sagte er: „Wir hatten das doch besprochen, Auric. Jetzt musste ich den ganzen Weg bis hierher zurücklegen, um dich zu einzusammeln.“
Hatte er meinen Dad wirklich gerade mit seinem Vornamen angesprochen? Niemand, und ich meine wirklich NIEMAND, benutzte den Vornamen meines Vaters.
Mein Vater atmete scharf ein. Oh Mann, wurde er tatsächlich gerade rot? Dann straffte er seinen ohnehin schon steifen Rücken. Seine Lippen kräuselten sich.
„Greyclover, zu was für einem berechenbaren Ärgernis du dich doch entwickelt hast.“
Stille senkte sich auf die Menge. Wahrscheinlich wollten alle hören, was gesprochen wurde. Selbst Quinn und ich machten große Augen. Greyclover. Mein Vater hatte ihn gelegentlich erwähnt. Auch ein Mitglied des hohen Rates. Ein Kollege, auf den mein Vater herabsah. Ich meine, mehr als auf die meisten anderen. Greyclover konnte kaum älter als dreihundert Jahre sein. Für ein Ratsmitglied war er also ziemlich jung. Während die tausend plus Jahre meines Vaters eher das typische Alter für die Mitglieder des Hohen Rates darstellten.
Greyclover lächelte. Sein Gesicht wirkte jungenhaft und hübsch.
„Komm schon, Auric. ich dachte, wir hätten uns darauf geeinigt, dass du mich Novus nennen sollst. Zumindest in der Öffentlichkeit. Die Kosenamen können der Zeit hinter verschlossenen Türen vorbehalten bleiben.“
Quinn schnappte angesichts der naheliegenden Schlussfolgerung nach Luft. Moment, nein, das war ja ich gewesen. Hatte er gerade gesagt … Ich meine, ich wusste um die unersättlichen Gelüste meines Vaters, aber Greyclover deutete ein Maß an Vertrautheit an, das mein Vater seinen Sexpartnern gewöhnlich nicht zugestand.
Ich glaube nicht, dass mein alter Herr je mordlustiger ausgesehen hatte. All die Jahre des Trainings, in denen er mich darauf gedrillt hatte, Emotionen zu verbergen, seinen Feinden keinen Hinweis darauf zu geben, was man dachte, lösten sich in Luft auf.
„Was willst du, Greyclover? Ich bin ein viel beschäftigter Mann.“
„Du weißt, was ich will, Auric.“ Er wackelte mit den Augenbrauen.
Was für ein frecher Welpe! Ich mochte ihn jetzt schon. Was er dagegen an meinem Vater fand … Nun, über Geschmack ließ sich eben nicht streiten.
„Da das aber im Augenblick nicht machbar ist, bestehe ich darauf, dass du nicht wieder ohne deine Wächter verschwindest“, fuhr er fort. „Wir können keinen weiteren Anschlag auf dich erlauben. Der letzte war ein wenig zu knapp, um ihn auf die leichte Schulter zu nehmen, meinst du nicht auch?“
Moment, was? Quinn kniff mich in den Arm, während mein Gehirn versuchte, diese neue Wendung in der Konversation zu verarbeiten.
„Jemand hat versucht dich umzubringen, Dad?“
Mein Vater hatte offenbar vergessen, dass ich auch noch da war, denn sein Blick war voll und ganz darauf konzentriert, Greyclover in ein Häufchen Asche zu verwandeln. Er grunzte, wandte sich aber nicht von seiner türkishaarigen Nemesis ab.
„Oh pardon. Verzeih meine Unhöflichkeit. Er streckte seine winzige Hand aus und ich hielt ihm einen Finger zum Schütteln hin. „Ich bin ein Freund deines Vaters …“
„Ein Kollege. Kein Freund“, schnaubte mein Dad.
„Wie ich schon sagte, Ich bin ein enger Freund deines Vaters. Nach dem letzten Anschlag wollte der Rat …“
„Moment. Nach dem letzten? Plural?“
Mein Vater machte eine wegwerfende Handbewegung.
„Nun, ich bin nicht überrascht, dass er dir nichts davon erzählt hat“, fuhr Greyclover fort.
„Er möchte nicht, dass seine Lieben sich Sorgen machen.“
Mein Dad und ich schnaubten gleichzeitig. Ja, sicher.
Greyclover sah zwischen uns hin und her. „Wie auch immer, der Rat ist der Meinung, dass es im besten Interesse deines Vaters ist, Leibwächter bei sich zu haben, wann immer er sich außerhalb seines Wohnsitzes aufhält. Schließlich wollen wir ihn ja nicht verlieren.“
„Ich brauche keine …“
„Ich bin Twig“, sagte ich und nahm meinem Vater den Wind aus den Segeln, bevor er noch richtig in Fahrt kam. Ich deutete auf Quinn. „Das ist mein Zauberer und Gefährte, Quinn Broomsparkle.“
Quinn streckte zögernd seinen Finger aus und erwartete, dass Greyclover sich so ablehnend verhalten würde, wie mein Vater und die Mehrheit der Alphae Gilde es taten. Immerhin war Quinn ein Mitglied der niedrigen Lovely Creatures Gilde. Oder der Gilde des letzten Auswegs, wie die überheblichen Alphae sie mitunter zu nennen pflegten.
Greyclover schenkte Quinn aber ein strahlendes Lächeln und ergriff eifrig seinen Finger.
„Es freut mich so, dich endlich kennenzulernen, Quinn. Der erste Zauberer in tausend Jahren! Twig muss extrem stolz auf dich sein.“
„Oh, danke. Ich freue mich auch, dich kennenzulernen.“ Quinn errötete, was ihn noch attraktiver aussehen ließ. Greyclover schien das durchaus auch zu bemerken.
„Mir war nicht bewusst, dass du obendrein auch noch schön bist. Aber Auric neigt dazu, sich mehr auf die inneren Werte als auf die äußere Erscheinung zu konzentrieren.“ Sein Grinsen war ansteckend und Quinn erwiderte das Lächeln und kicherte über den Scherz.
„Daran muss es liegen.“ Vielleicht war es auch mir nicht ganz gelungen, ein Lachen zu unterdrücken. Mein Vater und innere Schönheit passten einfach nicht in denselben Satz.
Aber Quinns Schultern entspannten sich und ich empfand Dankbarkeit, dass Greyclover sich meinem Gefährten gegenüber nicht so abweisend verhalten hatte wie viele andere.
Als die Gargoyles in unser Lachen einstimmten, richtete ich mich sofort zu meiner vollen Größe auf. Jemand versuchte, meinen Vater zu ermorden. Greyclover bemerkte die Veränderung in meiner Haltung sofort.
„Keine Sorge, Twig. Ich werde nicht zulassen, dass deinem Vater irgendetwas zustößt.“ Er deutete auf die Gargoyles. „Valod und Kizzaz sind zwei unserer besten Wächter. Sie werden uns nicht im Stich lassen.“
Beide Wächter nickten zustimmend und zeigten ihre bedrohlichen steinernen Zähne.
Wie auf Kommando streiften ein paar Reihen hinter uns sechs Kobolde ihre Kapuzen ab und stürzten sich auf unsere Gruppe. Innerhalb des Ratssaals funktionierte Magie nicht, dafür aber guter, altmodischer Stahl. Und davon hatten sie reichlich. Noch ehe ich mehr als entsetzt nach Luft schnappen konnte, drehten sich die Gargoyles mit einem Tempo, das ich bei Ihresgleichen noch nie gesehen hatte, um und rissen die Möchtegernangreifer in Stücke. Aus abgehackten Händen fielen Schwerter zu Boden, Degen ragten aus den Gürteln von nunmehr leblosen Körpern. Ein abgetrennter Kopf rollte sogar bis zu der Bank, die wir besetzt hatten.
Es war schrecklich, brutal und hässlich. Ich mochte diese Jungs.
Massenpanik brach aus. Reihe um Reihe der entsetzten Zuschauer stürzte auf die Türen zu. Wächter begleiteten die Ratsmitglieder zu einem privaten Ausgang.
Großartig. Nun würde ich später zurückkommen müssen, um meine Papiere abzugeben.
„Stopp!“, rief mein Vater und alle erstarrten, als hätte er sie mit einem Zauber belegt.
„Die Bedrohung wurde neutralisiert“, schnaubte er verächtlich. „Also schlage ich vor, dass wir fortfahren.“ Er setzte sich auf die Bank, als sei nichts Außergewöhnliches passiert, und ignorierte die Körperteile, die über den Boden des Saals verstreut lagen.
Und natürlich setzten sich auch alle anderen wieder hin. Ich eingeschlossen.
Mein Vater deutete auf den Rat. „Beginnen eure Treffen immer so spät? Ich habe Gesetze auszuarbeiten und politische Initiativen zu einem Abschluss zu bringen. Lasst uns weitermachen.“
Die Ratsmitglieder und besonders Flintheart wurden unter seinem Blick sichtlich blass.
Ein Hammer knallte auf den Tisch und sorgte für Ruhe im Saal.
„Hättest du mir je davon erzählt, Dad?“, flüsterte ich, als der Vorsitzende das erste Thema des Abends ankündigte.
„Nein“, schnaubte er.
„Ist das alles, was du zu sagen hast? Nein?“
„Es ist nichts, worüber du dir Sorgen machen müsstest. Glaubst du, es ist das erste Mal, dass jemand versucht hat, mich zu töten? Ich bin über zwölfhundert Jahre alt, Twig. Ich habe mich schon mit einigen Mordversuchen herumgeschlagen.“
„Auric, das ist kein Scherz. Das war jetzt Anschlag Nummer sechs. In einem Monat. Das ist nicht normal. Irgendwer will dich wirklich tot sehen.“ Grayclover legte einen Finger an sein Kinn. „Ich meine, mehr als sonst.“
Mein Vater würdigte Greyclovers Vorwürfe keiner Antwort. „Ich würde diesen letzten Angriff wohl kaum als ernsthaftes Attentat bezeichnen“, fügte er hinzu.
KAPITEL 7
„Ich kann nicht glauben, dass jemand versucht, deinen Vater umzubringen“, sagte Quinn, als wir uns spät am Abend in unserem Bett entspannten. „Ich meine, natürlich kann ich es glauben. Er ist ein Arsch. Aber wow. Und er hätte es uns nicht einmal erzählt.“
Ich rutschte ein Stück und zog die dicke Felldecke über uns. Quinn schmiegte sich an meine Seite, als würde er da hingehören. So war es auch.
„Es sollte mich nicht überraschen, aber irgendwie tut es das trotzdem.“
„Und was läuft da zwischen ihm und diesem heißen Typ von Greyclover? Hast du bemerkt, wie dein Dad ihn angesehen hat? Holla, da lag eine Menge sexueller Spannung in der Luft.“
Ich kicherte. „Glaubst du? Ja, vielleicht. Aber ich bin sicher, dass es bei meinem Vater nur Lust ist. Für etwas anderes müsste er ein Herz haben und wir wissen beide, dass er keins hat.“
„Das ist wahr. Aber er hat sich so untypisch verhalten. Ich glaube, er ist sogar rot geworden. Stell dir das vor!“
„Das war eines der Highlights meines Lebens“, scherzte ich. „Vielleicht sollte ich Greyclover Fanpost schicken.
Wir kicherten beide und bauten dabei den Stress des Tages ab. Ich hatte meine Bewerbung um einen Sitz im Stadtrat erfolgreich abgegeben. Zu meiner Überraschung war die Tinte auf der Schriftrolle noch lesbar gewesen, obwohl meine Hände so geschwitzt hatten, als ich sie überreicht hatte.
„Wirst du enttäuscht sein, wenn du gewinnst?“ Quinn folgte meinen Gedanken nahtlos. Einer der Vorteile davon, sein Vertrauter zu sein.
„Ich weiß nicht. Ich hasse die Vorstellung, mit diesen Alphae-Schwätzern im Rat zu sitzen, und dass mein Dad mich ständig für seine Zwecke einspannen würde. Aber ich mag die zwei Mitglieder aus der Neptun und der Ikarus Gilde. Die sehen wie anständige Ladies aus und scharfzüngig sind sie auch. Und ich höre, dass auch ein Mitglied der Hufträger Gilde gegen einen der regierenden Alphae in diesem Sektor der Stadt antritt. Vielleicht könnten wir zu viert ein paar Veränderungen bewirken, von denen Lighthelm profitieren würde. Oder zumindest Veränderungen, von denen nicht nur die Alphae profitieren.“
„Dann wären aber immer noch fünf Alphae im Rat, die euch bei jedem Vorschlag überstimmen würden.“
„Es gibt vielleicht Hoffnung bei Nebula Candelbloom. Sie scheint nicht ganz so hochnäsig zu sein wie der Rest von ihnen.“
Quinn strich abwesend mit einer Hand über meine Brust und fuhr meine Zeichnung nach. Er lächelte an meiner Haut und der schwache Schein einer Wandleuchte aus buntem Glas tauchte seine Gesichtszüge in ein beinahe ätherisches Licht. „So ungern du das auch zugibst, du hast etwas von der politischen Klugheit deines Vaters.“
Ich stöhnte. „Sag das nicht. Ich möchte in keinster Weise wie er sein.“
Quinn seufzte. „Ach Twig, wie können dem Einfluss unserer Eltern nie ganz entkommen. Selbst dann nicht, wenn wir uns darum bemühen.“
Ich verspannte mich. „Hast du von deinen wieder etwas gehört?“
Seit Quinn mich zu seinem Vertrauten gemacht und entdeckt hatte, dass er als Zauberer doch kein Versager war, erhielt er immer wieder Briefe und Grüße aus dem Hominusreich, vom Hexenrat für heilige Magie und von seinen Eltern, die ihn seinem Schicksal überlassen hatten, als er sie gebraucht hätte. Wir waren beide nicht bereit, uns versöhnlich zu zeigen.
„Nein.“ Seine Hand hörte auf über meine Brust zu streicheln. „Ich frage mich nur …“
„Quinn?“
Er sah zu mir auf und lächelte. „Nichts. Es ist nichts. Lass uns nicht über sie reden. Lass uns besser überhaupt nicht über Eltern reden.“
Seine Hand nahm ihre gleichmäßige Bewegung wieder auf, nur dass sie von meiner Brust zu meinem Bauch wanderte.
Ich schauderte und er fühlte es. Quinns Berührung war magisch, sowohl wörtlich als auch im übertragenen Sinn. Nichts sonst konnte ein solches Gefühl auslösen und wenn seine begaben Hände ihre Arbeit aufnahmen, war ich nahezu wunschlos glücklich.
Er lehnte sich herüber und fuhr mit der Zunge am Rand meiner Lippen entlang, die ich mit Vergnügen für ihn öffnete. Ich liebte Quinns Geschmack auf meiner Zunge. Vor seiner Zeit hatte ich vom Küssen nicht allzu viel gehalten. Nun war das anders. Ich stöhnte, versiegelte unsere Lippen und schwelgte in dem Kuss.
Als wir uns voneinander lösten, um unseren Lungen zu dringend benötigter Luft zu verhelfen, leuchteten seine Augen und sein Lächeln war sanft.
„Weißt du, wie du daran arbeiten könntest, dass wir in allen Dingen gleichberechtigt sind?“ Quinns Stimme flüsterte sanft und unglaublich verführerisch.
„Hm?“ Ich richtete mich auf, um unsere Lippen wieder zu verbinden, aber er wanderte von meinem Mund zu meinem Ohr.
„Du könntest mich heute Nacht toppen lassen. Wie wäre das? Du hast gesagt, du wärst dafür offen, und ich war sehr geduldig.“
Ich weiß nicht, ob es das Saugen an meinem Ohrläppchen war oder die Vorstellung, dass er mich ausfüllen würde, aber mein Schwanz war plötzlich schmerzhaft hart.
Moment mal, ich ließ niemals jemanden toppen. Mein Drache hatte das nie zugelassen. Er empfand Toppen als einen Ausdruck von Dominanz und war selbst durch und durch dominant. Aber aus irgendeinem Grund rollte mein Drache sich auf den Rücken, als Quinn vom Toppen sprach, und präsentierte seinen empfindlichen Bauch. Er war geradezu … eifrig.
Und das machte mich sehr, sehr nervös. Er hatte bereits Quinns Kontrolle als sein Vertrauter zugelassen. War er wirklich gewillt, ihm auch das zu geben?
Ich drehte den Kopf, bis wir Nase an Nase lagen. „Das klingt toll, aber können wir es auf eine andere Nacht verschieben? Es ist zu lange her, dass ich in dir war. Ich muss fühlen, wie du mich umschließt.“ Ich bemühte mich um einen entspannten Gesichtsausdruck. Ich wollte nicht, dass er sah, wie aufgeregt ich wirklich war. Meine Gefühle zu verbergen war schon schwieriger und ich war nicht sicher, wie gut es mir gelang.
Für den Bruchteil einer Sekunde blitzte in seinen Augen Enttäuschung auf. Er überspielte sie mit einem frechen Grinsen.
„Du weißt, dass ich es liebe, dich in mir zu haben, Drache.“ Er hob das Kinn und unsere Lippen verbanden sich wieder.
Mein Drache jammerte über die verpasste Gelegenheit und um ehrlich zu sein war auch ich ein wenig enttäuscht.
Ich würde das für ihn so überwältigend machen, dass er seinen Wunsch, einmal zu toppen, vergessen würde. Zumindest für eine weitere Nacht. Und wenn er das nächste Mal fragen würde, wäre ich hoffentlich bereit.
Ich strich mit den Händen über seinen Rücken und genoss seinen starken, drahtigen Körper. Wir würden uns in dieser Nacht Zeit lassen und er würde all meine Hingabe fühlen können.
Diesmal hatte ich sichergestellt, dass Cookie die Nacht bei Bill verbrachte. Vielleicht hatte ich ihn auch ein klein wenig bedroht. Wir würden jedenfalls nicht gestört werden.
Ein Klopfen an der Schlafzimmertür strafte mich Lügen. Ich würde diesen Red Fury umbringen. Tot. Verschwunden. Geschichte.
„Was?“, knurrte ich.
„Ich bin’s nur, Leute“, rief eine vertraute Stimme. „Ich bringe eine Nachricht, die ihr sicher sehen wollt.“
Quinn und ich tauschten verblüffte Blicke, bevor ich meinen Kopf in den Kissen vergrub. Ich würde heute Nacht wieder keinen Sex haben. Meine Eier liefen schon blau an.
„Komm rein, Pie“, rief Quinn nach einem angespannten Moment und dem Richten unserer Decke.
Pirat McPiratestein, für seine Freunde Pie, schwebte durch unsere Tür und der Geisterpapagei hielt eine Schriftrolle in den Klauen. Wie er es schaffte, feste Objekte zu durchdringen, während er andere feste Objekte trug, würde ich nie verstehen. Quinn hatte mal versucht, es mir zu erklären. Ehrlich gesagt war ich während der langatmigen Ausführungen abgedriftet.
Pie flog zu unserer Matratze und ließ die Schriftrolle in meinen Schoß fallen.
„Wie läuft es so, Pie?“, fragte Quinn und streckte zwischen den Fellen seinen Arm hervor, um Pie einen Sitzplatz zu geben. „Wir haben dich vermisst.“
Pie landete, krächzte einmal und seine Geisterform erschien überraschend dicht.
„Es tut auch mächtig gut, Sie zu sehen, Mister Quinn.“
„Hattest du Glück bei der Suche nach anderen Piraten?“
„Leider nicht. Piraten scheinen sich im Elderreich nicht lange zu halten. Dazu werde ich ins Hominusreich gehen müssen. Aber die Menschen sind von Geistern nicht allzu angetan. Ich habe also Pech.“ Pie ließ seinen gefiederten Schwanz hängen.
„Sei nicht traurig, Pie.“ Quinn streichelte den Papagei zwischen den Augen und achtete darauf, seine Augenbinde nicht zu berühren. „Wir werden schon einen Weg finden, dich ins jenseitige Reich zu schicken.“
„Quinn hat recht“, fügte ich hinzu. „Es ist nur eine Frage der Zeit, bis du wieder mit deinem Captain vereint bist.“
„Ich wusste es doch, Mister Twig. Sie waren freundlicher zu mir, als ich es je hätte erwarten dürfen.“ Pie rülpste und der Geruch von Tollkirschennektar lag schwer in der Luft. Nun, immerhin war er ein Pirat.
„Das ist nicht wahr.“ Quinn lächelte Pie an. Ich konnte aber sehen, dass das Lächeln seine Augen nicht erreichte. Er und Bill hatten Stunden ihrer Freizeit damit verbracht, eine Lösung für Pies Dilemma zu finden. Während die Geistercrew der Unehrenhaften Prinzessin geschlossen auf die jenseitige Ebene gewechselt hatte, zu der sich Geister eben begeben, wenn sie sterben, war Pie mit dem Schiff zurückgelassen worden und für alle Ewigkeit durch die große Ebene, die Wüste des Elderreichs gesegelt. Zumindest bis wir aufgetaucht waren. Es war uns gelungen, das Schiff auf die andere Seite zu schicken, aber aus irgendeinem Grund war Pie immer noch da. Verblüffend, um es milde auszudrücken. Es wurmte Quinn und Bill gewaltig, dass sie Pies Problem noch nicht gelöst hatten.
Pie hatte Schluckauf und schwankte seitlich auf Quinns Unterarm. Es war schwer, nicht zu kichern, weil er so offensichtlich betrunken war. Die Träne, die in seinem intakten Auge glitzerte, hielt mich davon ab.
Ich sah Quinn an, das er versucht war, Pie auf sein Problem mit dem Trinken anzusprechen. Es wurde jeden Tag ein bisschen schlimmer. Ich hatte gar nicht gewusst, dass ein Geisterpapagei überhaupt in der Lage war, Bier und andere alkoholische Getränke zu konsumieren, aber offensichtlich konnte er. Um von dem Vortrag abzulenken, den Quinn Pie sicherlich gleich halten würde, rollte ich das Pergament aus und verschluckte mich.
„Was ist das?“ Quinn lehnte sich an meine Schulter und las.
Scheide jetzt aus dem Rennen aus, sonst … Darunter war eine Reihe kleiner Herzchen aufgemalt.
„Sonst was?“ Quinn nahm mir die Schriftrolle aus der Hand und schüttelte dabei Pie ab, der indigniert krächzte, als er auf dem Boden landete. „Tut mir leid, Pie.“
Quinn hatte den Anstand, rot zu werden. Er bot Pie wieder seinen Arm an, aber der Papagei ließ sich stattdessen an dem Platz nieder, wo er heruntergefallen war, und sein gesundes Auge fiel ihm zu. Er würde innerhalb von Sekunden schnarchen.
Quinn drehte die Schriftrolle um, sonst stand da aber nichts. „Nun, das ist …“
„Bescheuert?“, schlug ich vor.
„Ja.“ Er schüttelte den Kopf. „Glaubst du, dass Flintheart dahintersteckt?“
„Wer sonst?“ Ich kicherte und senkte meine Stimme „Scheide aus, sonst … Können sich Bösewichte nicht mal was Originelleres ausdenken?“
„Ja, das ist ziemlich lahm.“ Quinn strich sich die Haare aus der Stirn. „Und die Herzen sind auch komisch.“
„Ja, nicht wahr? Er hätte wenigstens mit meinem Tod drohen können oder sowas.“
„Oder mit meinem.“
Ich knurrte. „Nein, niemals mit deinem. Das würde er bereuen.“
„Quinn schnaubte. „Du hättest das schreiben sollen.“ Er schwenkte die Schriftrolle. „Du bist viel furchteinflößender.“
„Das versteht sich von selbst.“ Ich nahm die Rolle und warf sie quer durch das Zimmer.
„Glaubst du, dass er wirklich etwas plant?“
„Keine Ahnung, vielleicht. Ist dir aufgefallen, dass er heute Abend eine Menge Unterstützer dabei hatte, die die mittleren Reihen gefüllt haben? Er versucht zu zeigen, dass er mächtig ist.“
„Das ist doch Zeitverschwendung. Soweit ich weiß, fürchten Drachen und Dämonen sich nicht so leicht.“
„Und Zauberer auch nicht.“ Ich fuhr mit dem Daumen über seine Wange und beugte mich vor, um ihn zu küssen. Gerade als unsere Lippen sich berührten, begann Pie laut zu schnarchen.
So viel zu unseren erotischen Plänen.
KAPITEL 8
„Boss, Professor Icegem ist hier und möchte dich sprechen.“ Bill streckte am nächsten Morgen den Kopf in mein Büro. Dickmore drückte sich an seine Seite. Er mochte zwar ein Feigling sein, aber er sah gut aus.
Er lächelte zaghaft und winkte mir zögernd zu. Igitt. Ich fletschte meine Fangzähne in Dickmores Richtung. Er jaulte auf und verschwand wieder in den Empfangsbereich. Verdammter Dunkelelf.
Bill warf mir einen vorwurfsvollen Blick zu.
„Tut mir leid.“ Tat es nicht. Ich beherrschte dieses Spiel auch.
„Er hat schon wieder Blumen für den Empfangsbereich gebracht. Er gibt sich wirklich Mühe. Du und Quinn müsst ihm eine Chance geben.“ Bill schüttelte den Kopf, als hätte ich ihn enttäuscht. Egal, ich würde keinem Wesen eine Chance geben, das Quinn mit so offensichtlicher Begierde ansah.
Ich kam auf Bills ursprüngliche Ankündigung zurück und verzog das Gesicht. Ich freute mich nicht darauf, dem aufgeblasenen Professor sagen zu müssen, dass sein berühmter Kriegshammer nicht echt war und sich besser zum Knacken von Nüssen eignete, als seine Visionen von Ruhm zu erfüllen. Da die Fecks Universität, laut meinem Vater die erstklassigste Einrichtung für höhere Bildung im Elderreich, eine Ausstellung später Demi Undine Artefakte plante, wäre der fehlende Kriegshammer eine Enttäuschung. Man stelle sich nur den Ruhm vor, wenn Icegem ihn hätte auftreiben können.
Deshalb hatte ich es aufgeschoben, ihn zu kontaktieren, nachdem wir von der Pyramide zurückgekehrt waren. Ich wollte mir die Bauchschmerzen ersparen. Besonders, nachdem ich ihm gesagt hatte, er solle sich keine zu großen Hoffnungen machen. Man wusste nie bei diesen angeblichen Artefakten. Manche existierten wirklich und waren großartig … andere ganz und gar nicht.
Zumindest war Quinn oben und bereitete für uns alle das Mittagessen zu. Wir hatten Münzen geworfen, er hatte verloren und war kein besonders guter Verlierer. Er hätte wissen müssen, dass man mit einem Drachen nicht wetten sollte. Er hatte nur Glück, dass unsere Wohnung direkt über dem Büro lag und er nicht weit gehen musste.
Ich hoffte, dass mir bei dem Gespräch mit Icegem nicht der Appetit vergehen würde und ich hinterher etwas Zeit mit Quinn verbringen könnte. Vorzugsweise nackt.
Aber die Pflicht rief. Ich hatte schon öfter Fälle gehabt, bei denen Starfig Investigations für Kunden wertvolle Objekte aufgespürt hatte, von denen sich dann herausstellte, dass sie gar nicht so wertvoll waren. Es war erstaunlich, wie viele Fälschungen es da draußen gab. Die eingestürzte Pyramide mit all ihren Fallen und Wächtern erschien reichlich übertrieben für einen wertlosen Hammer.
„Bitte Professor Icegem herein, Bill.“
Ich schob Papiere auf meinem Schreibtisch hin und her und gab vor, beschäftigt zu sein. Quinn und Bill hatten mein Büro vor kurzem in einem warmen Grün gestrichen und darauf bestanden, dass ich meine alten Möbel ersetze. Während meine Wohnung luxuriös war, hatte ich für mein Büro nie viel Aufwand betrieben und die Gestaltung praktisch gehalten. Sie hatten sogar einen seidenen Wandteppich mit dem Wappen des Hauses Starfig angebracht. Ich hatte ihn in einer Truhe versteckt gehabt, bis Quinn und Bill ihn gefunden und aufgehängt hatten. Sie dachten, es würde mir eine höhere Glaubwürdigkeit verleihen. Ich hasste das Ding und hoffte immer, Quinn würde es versehentlich in Brand setzen. Aber bisher war das leider nicht passiert.
„Möchtest du, dass ich hierbleibe, falls Professor Icegem seine gute Kinderstube vergisst? Du weißt, wie diese Akademikertypen sein können.“ Bill richtete seine Fliege und zog seine Strickweste zurecht. Heute hatte sie ein Muster aus kleinen Phönixen. Seine rosa und gelb karierte Fliege war farblich darauf abgestimmt.
„Nein, ich glaube, ich komme mit ihm klar. Aber trotzdem danke.“
„Falls du es dir anders überlegst, ich bin an meinem Schreibtisch.“ Bill lächelte und seine Zähne glänzten im Licht.
Ich winkte ab. Ich würde mit einem kleinen Irrwisch fertig werden.
Als Icegem mein Büro betrat, steuerte er direkt auf meinen Schreibtisch zu. Menschen hatten diese seltsame Vorstellung, Irrwische wären so etwas wie Miniaturausgaben von Dämonen, und obwohl er ein wenig so aussah, war er wohl kaum eine böse, seelenlose Kreatur. Mein Lehrer hatte mir erklärt, dass Irrwische eher mit Kobolden verwandt waren, nur dass sie den schlaueren Teil darstellten. Was keine Kunst war, da Kobolde nicht viel intelligenter waren als Orcs.
Icegems gelber Reisemantel unterstrich die violette Farbe seiner Haut und verlieh ihr einen gesunden Schimmer, der nicht zu meinem Bild eines farblosen Akademikers passte. Sein purpurfarbenes Haar war glatt aus seiner hohen Stirn gekämmt und passte zu seinem getrimmten Bart. Seinen schmalen, pinkfarbenen Augen ließen ihn wie ein Geschöpf aussehen, das unter Tag hauste und erst kürzlich ans Licht gekrochen war. In anderen Worten, doch ein typischer Akademiker. Nur dass seine Kleidung von höchster Qualität war und von einem teuren Schneider stammte. Mit einer Größe von fast 1,40 m war er es eindeutig gewöhnt, dass man ihm mit Respekt begegnete.
„Ich höre, Sie haben etwas für mich.“ Icegem scannte mein Büro, als würde ich den Hammer vorsätzlich vor ihm verbergen. Er machte keine Anstalten, mir die Hand zu schütteln, und ich bot sie ihm auch nicht an.
„Bitte nehmen Sie doch Platz, Professor Icegem.“ Ich deutete auf einen der neuen, steifen, lederbezogenen Stühle.
„Danke, Mister Starfig, aber ich muss in einer Stunde eine Vorlesung im Yrovi Tower halten. Ich möchte also nur rasch den Hammer abholen und Ihnen den Rest Ihres Honorars geben.“ Er neigte den Kopf, als würde er mich studieren. „Sie haben ihn doch?“
„Ja, allerdings nehme ich an, dass Sie enttäuscht sein werden.“
Er rieb an seinem Ohrläppchen und ich musste ihm zugutehalten, dass er nicht laut wurde. „Erklären Sie mir das.“
„Lassen Sie es mich Ihnen stattdessen zeigen.“ Ich griff in meine Schreibtischschublade und holte den winzigen Hammer hervor. Ich klemmte ihn zwischen Daumen und Zeigefinger.
„Soll das so eine Art Scherz sein?“ Er runzelte die Stirn und sein Körper versteifte sich. Er nahm mir den Hammer aus der Hand und drehte ihn in seiner Handfläche.
„Wohl kaum. Nachdem wir gegen jedes Ärgernis, das die Pyramide von Duume für uns bereithielt, gekämpft haben und die Pyramide über uns zusammengestürzt ist, kann ich mit Sicherheit sagen, dass das der einzige Hammer an diesem Ort war. Also war Scrodbuns Kriegshammer entweder ein Mythos und hat nie existiert oder irgendwer hat den Hammer während der letzten dreitausend Jahre entwendet und er ist irgendwo da draußen. Ich tippe auf ersteres. Der Hammer könnte sich natürlich in irgendeiner Sammlung befinden, dann müssten die Diebe aber verdammt clever gewesen sein, der Ort war hervorragend gesichert.“ Was die Gebeine aller vorangegangenen Forscher belegten.
„Das ist unmöglich. Er strich mit einem Finger über den Hammer und schnippte ihn dann auf meinen Schreibtisch. Ich machte mir nicht die Mühe, ihn aufzuheben. Wir starrten beide auf den mickrigen Hammer, dem das versteinerte Holz einen matten Schimmer verlieh.
„Was daran ist unmöglich?“ Ich hätte nicht fragen sollen, aber seine nun überkreuzten Finger und sein geistesabwesender Gesichtsausdruck machten mich neugierig. Ich hatte mit Zorn gerechnet, nicht mit tiefer Nachdenklichkeit.
„Hm?“ Er zuckte zusammen, als hätte er mich eben erst bemerkt. Das berechnende Funkeln in seinen pinkfarbenen Augen gefiel mir nicht. „Oh, verzeihen Sie meine Unhöflichkeit, Mister Starfig. Wissen Sie, ich hatte in letzter Zeit viel Stress. Wegen der Ausstellung und so.“ Er sank auf einen Stuhl und seine Haltung war immer noch steif.
Aha. Ich erkannte gewöhnlich, wenn jemand ein Attentat auf mich hatte.
„Es tut mir leid, das zu hören.“ Ich konnte von meinen guten Manieren auch Gebrauch machen, wenn ich es für angebracht hielt. Er sagte nichts und schien wieder in Gedanken versunken. Ich konnte warten. Minuten verstrichen, während er über etwas nachzudenken schien.
„Das Dreifache“, sagte er schließlich.
„Wie bitte?“
„Ich zahle Ihnen die dreifache Summe, um den Hammer zu bekommen.“
„Aber wir wissen nicht einmal, ob es einen Hammer gibt, und ich kann Ihnen versichern, dass seit mindestens tausend Jahren keine Seele in dieser Pyramide war.“ Die Berge von Staub auf allen Oberflächen waren der Beweis dafür gewesen.
Er winkte ab, als wären das nur Nebensächlichkeiten, die ihn ablenkten.
„Es gibt einen Hammer. Ich muss nur herausfinden, wer von ihnen ihn genommen hat.“
„Sie wissen, wer ihn hat? Warum haben Sie mich dann danach suchen lassen?“
„Natürlich. Nun … in gewisser Weise. Ich meine, nicht wirklich. Aber ich weiß jedenfalls, dass es einer von den beiden sein muss.“
„Verraten Sie mir, wovon Sie sprechen?“
Er lächelte und ein unterdrücktes Kichern drang aus seinem Mund. „Ja, verzeihen Sie. Ich habe vergessen, dass Ihresgleichen nicht besonders empfänglich für Gedankensprünge ist. Ich meine natürlich Wexy Winnie oder Astrofel Phiro.“ Er wartete meine Reaktion ab.
Da ich noch nie von ihnen gehört hatte, sagte ich nichts. Und was bitte sollte meinesgleichen bedeuten? Ich war versucht ihm zu demonstrieren, was meinesgleichen mit aufgeblasenen Professoren machte.
„Die bedeutendsten Fachleute für die Geschichte der Demi Undine Epoche. Nun, außer mir natürlich.“ Er wirkte ernsthaft besorgt, ich könnte nicht wissen, von wem er sprach.
„Natürlich.“ Ich schaffte sogar, es ohne allzu spöttischen Unterton zu sagen.
„Also werden Sie es machen?“
Ich fasste seufzend an meine Nasenwurzel. „Lassen Sie mich das klarstellen. Sie sind überzeugt, dass einer Ihrer Kollegen den Hammer geklaut hat, als Sie abgelenkt waren, und jetzt wollen Sie, dass ich rausfinde, welcher von ihnen, und ihn dann zurückhole. Ist das richtig?“
„Ah, Sie sind schneller von Begriff, als ich angenommen hatte. Ausgezeichnet! Ja, das genau ist mein Anliegen.“ Er strahlte, als hätte er mir ein Kompliment gemacht, und nicht achtlos mit Beleidigungen um sich geworfen.
Man sollte meinen, es könnte manchen Leuten in den Sinn kommen, dass ich als Sohn von Auric Starfig nach meinem Vater geraten könnte. Aber sobald sie das Wort Drache hörten, nahmen sie an, ich würde nur aus Instinkt und Muskeln bestehen. Und die hatte ich reichlich. Aber das bedeutete noch lange nicht, dass ich ein Idiot war. Nun, zumindest nicht immer.
Ich war nicht sicher, ob ich über Icegem dasselbe sagen konnte.
„Wie können Sie sicher sein, dass einer von ihnen den echten Hammer hat?“, wollte ich wissen.
„Das ist doch offensichtlich. Ich habe ihn nicht, also muss einer der anderen ihn haben. Sie versuchen mich auszustechen. Fangen Sie bei Wexy an. Sie ist eine eitle Zicke, die mir ständig ihren Erfolg unter die Nase reibt.“ Er zupfte wieder an seinem Ohrläppchen. „Als wäre ich eifersüchtig auf ihren dürftigen Ruf, wenn ich mich an meinem eigenen erfreuen kann, der viel besser ist.“
Mich beschlich das Gefühl, dass Logik nicht zu den Fächern gehörte, die Icegem unterrichtete. Aber da er von dreifachem Honorar gesprochen hatte, würde ich ihm das nicht sagen. Noch nicht.
„Es besteht die Möglichkeit, dass keiner der beiden ihn hat.“ Es musste mal ausgesprochen werden.
„Theoretisch ist nahezu alles möglich, Mister Starfig. Nichtsdestotrotz würde ich meine beträchtliche Reputation darauf verwetten, dass einer der beiden Schleimer ihn zuerst in die Finger bekommen hat.“ Er richtete sich in seinem Stuhl auf und rieb sich die Hände. „Wann können Sie anfangen? Die Ausstellung ist in weniger als drei Wochen. Ich brauche den Hammer zumindest ein wenig vorher, um seine Eigenschaften zu dokumentieren.“
„Langsam, Professor. Ich habe nicht gesagt, dass ich den Fall übernehme. Es könnte sehr gut sein, dass es gar keinen Hammer gibt und ich für meine Bemühungen nicht bezahlt werde. Das ist kein Fall, in den ich meine Zeit investieren möchte.“
Er starrte mich einen Moment an, ehe er wieder nachdenklich wurde. Wieder verstrichen Minuten.
„Was wäre, wenn wir es nicht davon abhängig machen, ob Sie den Hammer auftreiben können? Zumindest noch nicht.“
„Ich kann Ihnen nicht folgen.“
„Natürlich hätte ich Scrodbuns Kriegshammer liebend gern in meinem Besitz. Er würde sich als zentrales Exponat für einen Abschnitt der Ausstellung sehr gut machen. Da sie aber unsicher sind, ob er tatsächlich existiert – obwohl ich Ihnen versichern kann, dass es so ist und entweder Wexy oder Astrofel ihn hat –, würde ich Sie bitten, dass Sie versuchen herauszufinden, wer von den beiden ihn hat. Und sicherzustellen, dass die beiden nicht in der Lage sind, ihn vor der Ausstellung zum Athenaeum zu bringen, falls sie ihn nicht in Ihren Besitz bringen können. Wissen Sie, ich mag es nicht, wenn mir jemand die Schau stiehlt.“
Ich zog die Augenbrauen hoch. Bat er mich ernsthaft, seine Kollegen zu beseitigen? Es hätte mich nicht überraschen sollen. Deshalb befasste ich mich nur mit Objekten. Selbst einem Halbdrachen unterstellte man, unmoralisch und nur an Geld interessiert zu sein. Nicht, dass ich das jemandem verübeln konnte; Drachen hingen durchaus an ihren Schätzen und nicht alle von ihnen teilten meine Weltanschauung. Drachen stellten ihre Regeln gerne spontan auf. Regeln, die zu ihrem Vorteil waren.
„Ich bin Ermittler, Professor. Kein Auftragsmörder.“
Er blinzelte mich an. „Ich glaube nicht, dass Sie den Namen Starfig tragen dürften, wenn Sie das wären. Ich meine nicht, dass Sie meinen lieben Freunden etwas antun sollen. Ganz und gar nicht. Ich will nur einfach nicht, dass der Hammer auftaucht, falls es Ihnen nicht gelingen sollte, ihn an sich zu bringen. Ich gehe allerdings davon aus, dass Sie das werden. Aber ich verstehe Ihre Ängste, Mister Starfig.“
„Und wie soll ich verhindern, dass der Hammer auftaucht?“
Er winkte ab, als wäre das offensichtlich. „Nun, sie tun, was immer Sie tun müssen, um es zu verhindern.“
„Aha.“ Da ich davon ausging, dass der Professor nicht bei Verstand war, war ich nicht geneigt, den Fall zu übernehmen, auch wenn ich meinen Schatz gerne vergrößert hätte. Besonders, da ich nun auch für Quinn und Bill verantwortlich war. Der Unterhalt für einen Red Fury war nicht billig und ich wollte für Quinn die Sterne vom Himmel holen. Das konnte ich nicht, wenn ich jeden Fall ablehnte, der ein wenig fragwürdig wirkte. Trotzdem …
„Wir machen es.“ Quinns Stimme überraschte uns beide.
Professor Icegem fuhr in seinem Stuhl herum und fasste sich ans Herz. Eben war er noch ein Irrwisch und im nächsten Moment saß ein großer Troll an seiner Stelle.
Quinn schrie überrascht auf und hob seine Hände im Angriffsmodus.
„Immer mit der Ruhe, Hexenmeister des Zorns“, beruhigte ich Quinn. „Irrwische sind Meister der Illusion, nicht wahr, Professor?“
Der Troll verblasste und Icegems kleine Gestalt kam wieder zum Vorschein. Er strich seinen Umhang zurecht. „Da haben Sie recht, Mister Starfig. Mir war nicht klar, dass Sie das wissen.“
„Ich bin voller Überraschungen.“ Das Klischee vom dummen Drachen nutzte sich langsam ab.
Ich stellte anerkennend fest, dass Quinn ein paar Mal blinzelte und dann das Büro durchquerte, als hätte er nicht gerade vorgehabt, den Irrwisch zu rösten. Er streckte die Hand aus und Icegem schüttelte sie grimmig.
„Wie gesagt, wir übernehmen Ihren Fall gerne, Professor.“
Ich warf Quinn wütende Blicke zu und schüttelte hinter Icegems Rücken den Kopf. Ernsthaft? Wir würden für den paranoiden Professor arbeiten?
Er neigte sein Kinn zu einem dezenten Nicken und ich wusste, dass diese Auseinandersetzung verloren war, noch ehe sie richtig begonnen hatte. Ich hatte vielleicht ein klitzekleines Problem, meinem Gefährten irgendetwas abzuschlagen.
„Wirklich?“ Icegems Stimme war überschwänglich.
Noch ehe ich antworten konnte, legte Quinn nach. „Mit Vergnügen. Twig würde Sie natürlich niemals um so etwas bitten, aber wären Sie bereit, heute in Ihren Vorlesungen ein paar Flugblätter zu verteilen? Die Fecks Universität liegt in Wronoccaft Cross, nicht wahr?“ Quinn zog einen Stapel Pergamente aus der Innentasche seines Umhangs. Auf dem obersten Flugblatt waren eine Zeichnung meines Gesichts und der Slogan ‚Wählt Twig‘ zu sehen. Ich weiß, nicht sehr kreativ. Ich wollte keine Auseinandersetzung zwischen Quinn und Bill, also kurz und prägnant.
Icegem und ich machten beide große Augen bei Quinns Vorschlag. Icegem fasste sich zuerst.
„Nun, sicher. Natürlich. Es wäre mir eine Ehre, die zu verteilen. Ratsmitglied Starfig war bereits bei uns, um die Kandidatur seines Sohnes mit dem Rektor zu besprechen. Der hat uns wissen lassen, dass eine beträchtliche Spende in naher Zukunft ihren Weg zu uns finden würde. Ihr Vater ist ein wahrer Unterstützer von Fecks.“
Ich spürte, dass ich im Begriff war, Kopfschmerzen zu bekommen. Ich fuhr mir mit der Hand über die Augen. Mein Vater bestach die Schule. Er konnte den Dingen nicht ihren Lauf lassen. Warum überraschte mich das auch nur für einen Moment? Schließlich war das die Vorgehensweise meines Vaters. Er wusste, wen er schmieren musste, um zu bekommen, was er wollte. Eine Spende eines Mitglieds des Hohen Rates würde man nicht misstrauisch betrachten, schon gar nicht, wenn es sich um einen Absolventen der Universität handelte.
„Welches Gebäude wird er denn nach sich benennen lassen?“ Ich konnte mir die Frage nicht verkneifen.
„Woher wussten Sie das? Ich sehe, ich habe Sie wesentlich unterschätzt, Mister Starfig.“ Icegem klatschte entzückt in die Hände. „Das neu gegründete Archiv der Prinzipien und Gesetze. Sehr passend für einen Mann seines Ranges. Wobei es nicht überraschend ist, wenn man bedenkt, dass er ein Absolvent der Universität ist. Es wird in der Politik ein Makel sein, dass Sie Fecks nicht besucht haben, aber ich vermute, das kann man von einem Drachen nicht erwarten, nicht einmal mit dem Namen und dem Geld der Starfigs im Hintergrund.“
Ich konnte nicht sehen, wie Quinn das Gesicht verzog, aber ich konnte es fühlen. Manchmal war ich froh, dass mein Zauberer keine Blitze aus den Augen schießen konnte. Jetzt zum Beispiel.
„Affektiert.“ Ich grinste bewusst, als ich es sagte.
„Wie bitte?“ Icegem sah mich mit großen Augen an.
„Oh, Verzeihung. Ist das nicht das Motto der Schule?“ Ich klimperte mit den Wimpern und tat mein Bestes, um dümmlich auszusehen und dabei nicht zu lachen. Quinn war nicht hilfreich. Er hustete und drehte sich weg, um die Wirkung nicht zu ruinieren.
„Nun, ich kann nicht erwarten, dass Sie das wissen, aber tatsächlich lautet es effektiv“, erklärte Icegem.
Aber sicher.
Icegem sprang gut gelaunt auf und strahlte uns an. Er streckte die Hand über den Schreibtisch. „Ich bin sehr erfreut, dass Sie sich meines Falls annehmen, Mister Starfig. Ich würde es nicht ertragen, wenn einer meiner lieben Freunde mich in meinem bedeutendsten Moment übertrumpfen würde. Diese selbstsüchtigen Bastarde.“
Ich schüttelte mürrisch seine Hand. Ich wusste, dass ich das bereuen würde.
KAPITEL 9
Das Mittagessen schmeckte nach gar nichts, was aber nicht daran lag, dass Quinn kein guter Koch war. Nein, ich hatte einfach kein gutes Gefühl bei diesem Fall. Warum sollten wir unsere Zeit bei einer wilden Jagd nach einem Phantom verschwenden, wenn wir seriöse Kunden haben konnten? Selbst wenn die Summe beträchtlich war.
Versteht mich nicht falsch. Mein Drache schnurrte bei der Aussicht, unseren Schatz zu vergrößern. Wir mochten es beide gerne luxuriös. Seidene Kissen, plüschige Teppiche, von Yetis geschnitzte Möbel mit Goldintarsien, Einlegearbeiten aus buntem Glas – all diese Dinge waren nicht billig. Dennoch hatte ich ein schlechtes Gefühl.
„Es ist ein einfacher Job. Wir wissen beide, dass die anderen Scrodbuns Hammer nicht haben. Niemand kann weiter in die Pyramide vorgedrungen sein als wir.“ Quinn schauderte und versank tiefer in den Kissen. Als wir die Pyramide betreten hatten, waren auf den ersten Ebenen Knochen verstreut gewesen. Den anderen Forschern war es nicht so gut ergangen wie uns.
„Ich gebe dir recht. Genau deshalb wollte ich den Job nicht annehmen. Statt ein wertvolles Objekt zu lokalisieren, werden wir unsere Zeit damit verschwenden, zwei Wochen lang nervige Professoren zu beschatten.
Quinn zuckte mit den Schultern. „Ehrlich gesagt wird das eine ganz nette Atempause sein. Wenn Pie wieder auftaucht, können wir ihn bitten, sich uns anzuschließen. Er kann uns helfen, ihre Wohnungen zu durchsuchen.“
„Du weißt schon, dass man so etwas Einbruch nennt, nicht wahr?“
Quinn lächelte. „Ich nenne es lieber strategischen Einsatz von Ressourcen. Er wird die Häuser nur betreten. Er muss nicht einbrechen.“
Ich stöhnte. „Das ist das Rechtsverständnis von Zauberern, oder? Du hörst dich schon an wie mein Vater. Jetzt kriege ich bestimmt eine Woche lang keine Erektion mehr.“
„Wirklich? Oh, das ist aber schade.“ Quinn grinste.
Sein Fuß wanderte über meine Schenkel bis in meinen Schoß und widerlegte meine Aussage.
„Müsst ihr euch über Erektionen unterhalten?“, fragte Bill, als er plötzlich neben dem Tisch auftauchte. Wir erschraken beide und Quinn rammte seinen Fuß in meine Weichteile. Hart. Woraufhin mein Schwanz genau das nicht mehr war. Ich fasste mir zwischen die Beine.
„Würdest du endlich damit aufhören?“, presste ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
Bills Augen wurden lächerlich groß hinter seiner Brille und er zuckte zusammen. „Oh, tut mir leid, Boss.“
Selbst jetzt wusste ich, dass es ihm nicht leidtat. Ich verfluchte alle Red Furys und ihre Fähigkeit, sich geräuschlos zu teleportieren.
„Bill, vielleicht solltest du jetzt lieber nicht hier sein“, stellte Quinn sanft fest.
„Ich bin hungrig.“ Bill drückte auf seinen Magen, als würde er sterben. „Und du kochst gut, Quinn. Jedenfalls meistens. Wenn du kein Fleisch von toten Tieren benutzt.“
Quinn lachte. „Na schön. Hol dir einen Teller. Es ist vegetarisch.“
„Wo ist Dickmore?“, rief ich Bill nach, als er in die Küche ging. Du hast ihn doch nicht allein im Büro gelassen, oder?“
„Du kannst mich mal“, fauchte Bill.
Ich grinste und verzog das Gesicht, als Quinn mir gegen das Schienbein trat. „Sei nett.“
„Ich bin nett. Du hast es selbst gesagt.“
„Vielleicht war ich voreilig.“ Quinn funkelte mich an und nahm einen weiteren Bissen.
„Du kannst uns bei diesem Fall nicht begleiten, also frag erst gar nicht“, sagte ich, als Bill mit einem beladenen Teller aus der Küche kam, sich neben uns auf den Teppich setzte und Quinn ein Kissen stibitzte. Er stellte seinen Teller auf den niedrigen Tisch und zog abwesend mit dem Finger die Ornamente nach.
„Aber Boss …“
„Nein, wir können diese Leute nicht mit einem Red Fury im Schlepptau beschatten. Du bist viel zu auffällig.“
„Ach, und ihr seid das nicht? Jedes Wesen im Elderreich kennt Twig Starfig und seinen Zauberer, Quinn, den … Ach, vergiss es. Ich gebe auf. Such dir selbst einen Beinamen. Ist mir doch egal.“ Er stand auf und stampfte wieder in die Küche.
„Das lief ja toll“, sagte Quinn und nahm wieder einen Bissen.
„Er kann nicht mitkommen, das weißt du. Mein Vater würde ausrasten.“
„Du kannst ihn nicht bis in alle Ewigkeit mit Handlangerdiensten und Papierkram beschäftigen.“
„Oh doch, das kann ich.“ Wäre es nach meinem Drachen gegangen, wäre Bill niemals einer Gefahr ausgesetzt gewesen. Das galt auch für Quinn. Leider war das keine Option.
Bill kam zurück ins Wohnzimmer, ließ sich neben Quinn in die Kissen fallen und stellte einen großen Krug auf den Tisch, aus dem er Flüssigkeit verschüttete.
„Ich kann nützlich sein, Boss. Besonders an einer Universität. Sieh mich an! Man könnte mich für einen Professor halten.“ Er wischte gedankenverloren den Tisch ab.
„Wir hatten diese Diskussion schon, Bill. Ich mag dich. Ich möchte, dass du im Elderreich bleiben kannst. Ich möchte gerne im Elderreich bleiben. Ich kann nicht riskieren, dass irgendwas schiefläuft und mein Vater mit hineingezogen wird. Er hasst dich auch so schon genug.“
„Ich möchte nur festhalten, dass du mir nicht erlaubt hast, mit zur Pyramide zu kommen. Aber hättest du es getan, wärst du nicht verletzt worden. Ich hätte den Weg freigemacht und ihr hättet euch um den ähm … Hammer kümmern können.“ Er kratzte sich am Kopf. „Sollen wir ihn vielleicht den Hammer von Duume nennen, da es offensichtlich nicht Scrodbuns Kriegshammer ist?“
Jetzt stöhnte Quinn. „Was ist das nur mit dir und den Beinamen? Du bist davon besessen.“
„Ich weiß nicht, wovon du redest“, schnaubte Bill.
„Ich kann es nicht riskieren, Bill. Es tut mir leid. Ich würde dich gerne mitnehmen, aber du bist leuchtend rot und fast zweieinhalb Meter groß. Ich weiß nicht, was du dir vorstellst, wie du dich unauffällig auf dem Fecks Campus bewegen könntest.“
„Du bist auch groß! Und unauffällig bist du auch nicht gerade. Jeder im Elderreich weiß von dem Starfig, der der Vertraute einer Hexe ist.“
„Zauberer“, stöhnte Quinn. „Hexen haben keinen Schwanz.“
Wir ignorierten ihn. Bill brachte weitere Argumente vor und lehnte weiterhin hartnäckig ab.
„Schau, du bist erst seit kurzer Zeit hier. Warte ein paar Monate ab und dann sehen wir weiter.“ Mehr konnte ich nicht tun.
„Was ist der wahre Grund?“ Bill schlug so heftig mit der Faust auf den Tisch, dass das Geschirr klirrte.
„Ich habe dir doch gesagt …“
„Und jetzt versuchen wir es mal mit der Wahrheit. Wenigstens das verdiene ich. Du vertraust mir nicht? Ist es das? Du denkst, ich könnte durchdrehen und jemanden fressen. Du kannst es mir sagen.“
„Das stimmt nicht.“
„Ehrlich gesagt ist es ziemlich enttäuschend, dass du deinen Vater vorschiebst.“
„Ich habe nicht …“
Quinn hustete. Es hörte sich verdächtig danach an, als hätte er Unsinn gesagt. Ich sah zu ihm.
„Wirklich? Du auch, Zauberer?“
„Ich habe nichts gesagt.“ Quinns Unschuldsmiene wirkte nicht sehr überzeugend. Das breite Grinsen zerstörte die Wirkung. „Ich finde, Bill hat ein Recht darauf, zu erfahren, warum du ihn immer auf die Ersatzbank verbannst. Es liegt nicht daran, dass du ihm nicht vertraust. Und dein Vater ist definitiv auch nicht der Grund.“
Beide sahen mich erwartungsvoll an. Nein, ich wand mich nicht unter ihren Blicken. Jedenfalls nicht sehr.
Ich atmete tief aus und drehte meinen Löffel zwischen den Fingern, während ich nach den richtigen Worten suchte. Ich musste nicht aufblicken, um zu wissen, dass sie mich immer noch fixierten.
„Ich habe Angst, dass dir etwas zustoßen könnte“, murmelte ich, kaum lauter als ein Flüstern.
Stille. Eine Sekunde. Zwei.
Ich sah auf. Quinn und Bill sahen mich gleichermaßen mit einem verblüfften Ausdruck an, der nicht wirklich schmeichelhaft war. Ich stöhnte. „Was?“
„Hast du gerade gesagt, du machst dir Sorgen, dass ich verletzt werden könnte?“ Bill richtete seine Brille und beugte sich zu mir, als müsse er mich aus der Nähe betrachten.
„So was in der Art.“
Beide brachen in schallendes Gelächter aus. Hielten sich aneinander fest und mussten sich gegenseitig auf den Rücken klopfen.
Genau das war der Grund, warum ich nichts gesagt hatte. Es hörte sich sogar für mich selbst verrückt an.
Als ihr Lachen nur mehr ein Keuchen war, meinte Bill: „Nimm es mir nicht übel, Boss, aber du weißt schon, dass ich der gefürchtetste Jäger in diesem Reich bin, oder? Nun, abgesehen von deinem Vater vielleicht. Ich könnte so ziemlich jedes lebende Wesen im Elderreich töten, ohne dabei ins Schwitzen zu kommen.“
Ich stieß einen tiefen Schrei aus und bäumte mich auf. Bill quietschte, rollte sich von seinen Kissen und lag mit erhobenen Händen auf dem Rücken. Der Inbegriff von Unterwerfung.
„Was zur Hölle war das?“ Quinn sprang auf, packte mich an den Schultern und versuchte mich zurückzuhalten, als sei ich verrückt geworden.
Ich zeigte auf Bill. „Das ist der Grund, warum ich mir Sorgen mache.“
Bill streckte sich und richtete sich langsam wieder auf. Er blinzelte ein paar Mal rasch. „Ich verstehe das nicht. Ich habe so etwas nie zuvor getan. Ich hätte dich in Stücke reißen müssen, als du mich herausgefordert hast.“
Quinns Blick wanderte zwischen uns hin und her. Er hatte die Unterlippe zwischen die Zähne gesaugt und schien von dieser neuen Entwicklung verwirrt. Schließlich sah er mich an. „Erklär es uns.“
„Ich bin der Anführer des Clans.“ Ich entspannte mich in meinen Kissen und setzte meine Mahlzeit fort, als sei nichts Ungewöhnliches geschehen.
„Und das bedeutet?“ Quinn griff nach Bills Hand und zog ihn zurück auf die Kissen.
Ich deutete auf uns drei. „Mein Drache hat entschieden, dass wir einen Clan bilden.“
„Aha.“ Quinn nickte mir auffordernd zu.
„Ich bin der Alpha und Bill hat das akzeptiert. Deshalb hat er mich nicht angegriffen und deshalb ist es meine Pflicht, ihn zu beschützen.“
„Aber … aber …“ Bill schüttelte den Kopf. „Dämonen leben nicht in Clans. Die meisten von uns können nicht einmal zusammen arbeiten, Red Furys sind Einzelgänger.“
„Nun, du hast selbst gesagt, du bist nicht wie die meisten Red Furys.“
Bills Augen wurden groß und ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. „Du meinst … ich bin Teil des Clans. Ich … gehöre dazu.“ Er sagte die letzten Worte andächtig. Quinn drückte seine Hand und wandte sich wieder mir zu.
„Ja, ich verstehe es auch nicht. Technisch gesehen habe ich keinen Clan. Ich sollte nicht in der Lage sein, mit nicht-Drachen einen zu bilden, und schon gar nicht, einen anzuführen. Normalerweise ist das eine Ehre, die man sich erkämpfen muss.“ Ich seufzte. „Ich beginne zu verstehen, dass mein Drache so seltsam ist wie ihr beide.“
Quinn kicherte. „Ich nehme dir das nur deshalb nicht übel, weil ich weiß, wie du es meinst.“
„Boss, das ergibt keinen Sinn. Du nimmst Quinn mit, obwohl er nicht annähernd so widerstandsfähig ist wie ich.“
„Ich weiß, dass es keinen Sinn ergibt, aber da er mein Zauberer und mein Gefährte ist, will mein Drache auch für keine noch so kurze Zeit von ihm getrennt sein. Ich muss mit ihm zusammen sein. Muss wissen, dass er in Reichweite ist. Oder in einem Turm eingeschlossen.“ Ich zwinkerte Quinn zu. „Da das keine Option ist, muss er bei mir sein. Bei dir weiß mein Verstand, dass du gut auf dich selbst aufpassen kannst. Es ist nur so, dass mein Drache auch dich keiner Gefahr aussetzen will. Ich kann euch nicht beide beschützen. Ich habe mit Quinn schon genug zu tun.“
„Hey, ich brauche keinen Beschützer …“
„Ehrlich, du musst mich nicht beschützen, Boss. Ich sage nicht, dass ich unverwundbar bin, aber es ist ziemlich … unwahrscheinlich.“
„Trotzdem könnte es passieren.“ So lächerlich sich das auch anhörte, Bill konnte verletzt werden. Meinen Drachen kümmerte es nicht, wie unverwundbar er war. Beschütze den Clan. Das Gefühl pulsierte in meinem Blut. Eines der stärksten Gefühle, die ich je empfunden hatte.
Bill neigte den Kopf zur Seite und seine großen Augen füllten sich mit Tränen. „Wow, ich fühle mich geschmeichelt. Noch nie hat sich jemand Gedanken über meine Sicherheit gemacht.“
„Schon gut, mein Großer. Kein Grund, sentimental zu werden. Ich erkläre dir nur, was Sache ist.“ Bill lächelte mich an und ich konnte fühlen, wie meine Wangen heiß wurden.
Quinn lehnte sich an Bill und auch seine Augen sahen verdächtig feucht aus. „Er ist kein so übler Bursche, nicht wahr, Dämon?“
„Das wird mir jetzt langsam zu viel.“ Ich räusperte mich. „Und außerdem müssen wir wieder an die Arbeit.“
„Also kann ich mitkommen?“ Bill nahm die Brille ab und wischte sich die Augen mit einem Taschentuch ab, das er aus seiner Westentasche zog.
„Absolut nicht.“ Hatte er mir eigentlich zugehört?
„Aber Boss …“
„Ich bin nicht bereit, dich da draußen einzusetzen.“ Ich hob die Hände, um seinem Widerspruch zuvorzukommen. „Ich brauche Zeit, um meinen Drachen davon zu überzeugen, dass du klarkommst. Ich werde daran arbeiten, ich verspreche es.“
Bill schob seine üppige Unterlippe vor und verschränkte die Arme. „Na schön, aber wenn ihr in Schwierigkeiten geratet, dann ruft nicht mich zu Hilfe.“
Quinn öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber eine gewaltige Explosion im Untergeschoss erschütterte das Haus und wir gingen alle in Deckung.
KAPITEL 10
„Was zur Hölle war das?“, schrie ich.
Bill richtete sich auf und seine Brille saß schief. „Ich würde nachsehen, aber du willst ja nicht, dass ich mich beteilige.“
Ich knurrte nicht, aber ich war nahe dran. Ich rappelte mich hoch und rannte zur Treppe, die zu einem Büro führte. Quinn war mir auf den Fersen.
„Na schön, ich werde helfen!“, rief Bill. Ich hörte nicht, wie er verschwand, aber ich wusste, dass er nachsehen würde, was passiert war.
Rauch quoll aus der Tür von Starfig Investigations, die nun einen spaltbreit offen stand. Ich wusste, dass Bill die Tür vor dem Mittagessen immer versperrte. Er war so penibel. Als wir hereinkamen, trat Bill aus dem Büro, von dem nun Rauch in den Warteraum strömte.
„Boss, jemand hat dein Büro durchwühlt und versucht, an unsere Akten zu kommen. Deshalb der Knall.“
Da die kunstvoll verzierten Aktenschränke mit einem sehr starken Zauber belegt waren, überraschte mich das nicht. Den Möchtegern-Einbrecher aber vermutlich schon. Der Mistkerl hätte schon sehr gut geschützt sein müssen, um nichts abzubekommen. Wie auch immer, es war ihm nicht gelungen, meine Aktenschränke zu knacken, in denen ich alle geheimen Verträge und Schriftrollen aufbewahrte.
Wonach hatte er wohl gesucht? Vielleicht wollte er auch nur Schaden anrichten oder etwas finden, das Flintheart zu seinem Vorteil nutzen konnte.
„Ich schätze, jetzt wissen wir, was mit ‚oder sonst‘ gemeint war. Nicht sehr kreativ. Folgen alle Bösewichte demselben Schema?“
„Twig, das ist kein Scherz! Wie ist der hier reingekommen?“ Quinn betrachtete das Empfangsbüro, als hätte er es noch nie gesehen. „Hier gibt es genug Schutzzauber, um nahezu alles fernzuhalten. Dafür habe ich gesorgt.“
„Ich bin nicht sicher“, antwortete ich.“ Gute Frage. Es musste jemand gewesen sein, der entweder stark genug war, um die Schutzzauber zu überwinden, oder jemand, der im Besitz von sehr hochwertiger Magie gegen Schutzzauber war. Mir war nicht bewusst gewesen, dass Flintheart über derartige Verbindungen verfügte. Dennoch war ich nicht wirklich überrascht. Er war schon lange genug im Stadtrat, um seine dicken kleinen Finger in allen möglichen Angelegenheiten zu haben. Warum sollte er sich also nicht auch Zugang zu illegaler Magie gegen Schutzzauber verschaffen können? „Ist irgendwer reingekommen, während ich beim Mittagessen war, Bill?“
„Wir hatten zwei Lieferungen.“ Er deutete auf den Schreibtisch und ein paar Schriftrollen.
„Aber nichts, das mir komisch vorgekommen wäre.“
„Sieht so aus, als ob du doch dazukommst, ein wenig Detektivarbeit zu machen, Bill.“
„Wirklich?“
„Wird er?“ Quinn drückte meinen Arm.
„Ich brauche dich als Manager meiner Wahlkampagne.“
„Du willst, dass ich … deine Kampagne leite?“ Sein Gesichtsausdruck wandelte sich von begeistert zu enttäuscht.
„Ja, ich möchte, dass du im Bezirk Flyer verteilst und dabei herausfindest, von wem die Drohung kam.“
„Das wissen wir doch, Twig. Es ist logisch, dass es Flintheart oder einer seiner Unterstützer war.“
„Ich weiß. Aber ich möchte dahinterkommen, wen er anheuert. Und wenn du es herausgefunden hast, möchte ich, dass du dich mit ihnen unterhältst.“ Ich ließ das für einen Moment wirken.
Bills Lächeln strahlte, als wäre Wintersonnenwende und er hätte das größte Geschenk bekommen. „Ist das dein Ernst, Boss?“
„Twig, ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist.“
„Keine Sorge, Quinn. Ich tue ihnen ja nichts, ich werde nur so tun als ob.“ Bill rieb sich erwartungsvoll die Hände. „Das wird ein Bedürfnis befriedigen, das ich schon lange unterdrücke.“
„Anderen Wesen einen riesigen Schrecken einzujagen?“
„Genau.“
Ich kicherte, als ich den Flur entlangging. Bill war schon liebenswert.
Als ich mein Büro betrat, schnappte ich nach Luft und der heitere Moment löste sich auf wie Wasser im Feuerstrahl eines Drachen. Alles war komplett verwüstet. Der Schreibtisch war gegen die Wand geschoben, die Stühle umgestoßen und überall lagen Papiere verstreut. Meine Aktenschränke spuckten immer noch schwarzen Rauch und der Wandteppich mit meinem Familienwappen war zerfetzt. Es war also nicht alles daran schlecht. Um noch eine Beleidigung hinzuzufügen, hatte der Einbrecher mit Asche ‚Stirb, mickriges Halbblut‘ an die Wand geschrieben.
Und wieder ein Hauch eines vertrauten Geruchs. Mein Drache knirschte mit den Zähnen. Wieso konnte ich den Duft nicht zuordnen? Ich atmete tief ein und das Aroma verflüchtigte sich rasch. Besonders neben dem starken Geruch von Schwefel und Traumfenchel. Interessant. Jemand versuchte, seinen Geruch zu tarnen.
„Du meine Güte!“ Quinn schäumte vor Zorn, als er mein Büro betrat und das Graffiti sah. Er schnippte mit den Fingern und die Papiere sortierten sich und stapelten sich ordentlich auf meinem Schreibtisch. „Du solltest mich denjenigen finden lassen, der das getan hat. Ich werde mich um ihn kümmern. Bill kann dich begleiten.“
„Nicht so schnell, mein blutrünstiger Zauberer. Du musst mir mit unserem aktuellen Fall helfen. Überlass Bill den …“ Ich machte eine wegwerfende Handbewegung in Richtung der Schrift an der Wand. Ich hätte wissen müssen, dass sich im Elderreich politisch zu engagieren, solchen Mist einschließen würde. Drachen waren da viel direkter. Wir forderten unsere Rivalen heraus und rissen ihnen das Herz heraus. Ganz einfach.
Obwohl ich zugeben musste, dass die Wortwahl interessant war. Mein Drachenname war Twig, der Mickrige, was nur wenige Wesen im Elderreich wussten. War es ein Zufall, dass er Teil der Botschaft war? Konnte Flintheart ihn herausgefunden haben? Wenn ja, wie?
Ich ging durch den Raum und etwas fühlte sich nicht richtig an. Mit der Hilfe von Bill und Quinn brachte ich mein Büro wieder in Ordnung. Nachdem wir die Möbel wieder aufgestellt hatten und Quinn die Schrift von der Wand entfernt hatte, sah ich mich um, durchsuchte meine Schreibtischschubladen und schnitt eine Grimasse.
Quinn sah mich an. „Was ist los?“
„Kennst du diesen Stein?“ Ich griff nach dem faustgroßen Quarz in meiner obersten Schublade.
„Quinn stieß mich regelrecht zur Seite. „Fass ihn nicht an. Er könnte verhext sein.“ Er murmelte ein paar Worte und hielt erst einmal, dann noch einmal die Hand über den Stein. Er verzog vor Konzentration das Gesicht. Dann nahm er ihn aus der Lade. „Es ist einfach nur ein Stein.“
Ich nahm ihn und drehte ihn in meiner Hand. Warum hatte der Eindringling einen Stein in meinen Schreibtisch gelegt? Mein Blick wanderte wieder zur Schublade zurück und ich stöhnte.
„Was ist denn, Twig?“, fragte Quinn.
„Der Hammer ist weg.“
KAPITEL 11
„Wexy Winnie muss der langweiligste Kobold sein, den ich je gesehen habe.“ Quinn spähte durch das Loch zwischen den Wälzern der Bibliothek, in der wir uns versteckten. Das Hauptarchiv der Fecks Universität war riesig. Mit unzähligen Reihen von Büchern, ohne ein Staubkörnchen. Während er sprach, strich Quinn abwesend mit der Hand über die Buchrücken einiger besonders dicker Wälzer, ohne jedoch den Blick von Winnie abzuwenden. „Was glaubst du, wie lange wir noch hier rumhängen sollen?“
Ich zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung.“
Wir hockten seit drei Stunden in diesem Gang und langweilten uns zu Tode. Nun, ich zumindest. Quinn hatte seine Zeit wenigstens damit verbracht, nach Antworten auf Pies Dilemma zu suchen. Er hatte in einigen umfangreichen Werken nachgeschlagen, in der Hoffnung, einen Zauber zu finden, der Pie ins Jenseits schicken könnte. Leider war seine Suche ergebnislos geblieben, weshalb er besonders schlecht gelaunt war. Mein Zauberer mochte es nicht, zu versagen.
Soweit wir erkennen konnten, betrieb Winnie alle möglichen philologischen Studien. Zumindest behauptete Quinn das. Ich hatte nur ‚Linguistik‘ bla bla, langweilig, bla bla und ‚Studie literarischer Texte‘, bla bla, noch mehr langweiliger Mist gehört und muss zugeben, dass meine Gedanken ein wenig abgeschweift waren. Laut Icegem war Winnie keine echte Historikerin, sondern von der Fakultät für Sprachen und Soziologie. Waren alle Akademiker so unerträglich spießig wie Icegem? Wahrscheinlich.
Abgesehen davon, dass wir herausgefunden hatten, dass Winnie an etwas Philologischem – war das überhaupt ein Wort? – arbeitete, war schwer zu sagen, was genau sie Stunde um Stunde im Zentralarchiv tat. Sie hatte Bücher und Schriftrollen auf einem kleinen Tisch ausgebreitet, saß über ein Pergament gebeugt, kritzelte wie wild Notizen darauf und murmelte dabei vor sich hin.
Das Licht in dem Archiv kam von weißen, rechteckigen Steinen, die entlang der grauen Wände aufgestellt waren. Da die oberen Stockwerke keine Fenster hatten, teilten farbige Wandmalereien die Mauern in gleichmäßige Abschnitte. Unter jedem Bild war eine Inschrift mit schlauen Sprüchen zu lesen. Wissen ist Macht, Macht ist nicht immer Wissen. Wahrheit und Licht bringen Licht und Wahrheit hervor. So tiefschürfend wie ein Tümpel in der Trockenzeit.
„Hältst du es für wahrscheinlich, dass sie den Hammer gestohlen hat? Sie wirkt nicht, als wäre sie der Typ dafür.“ Quinn schielte wieder zwischen den Büchern zu Winnie.
„Wie genau sieht denn ein Hammer-Dieb aus?“ Ich musste ihm aber zustimmen. Sie und Bill mussten im selben Laden einkaufen. Dieselben dick gerahmten Brillen und statt einer Weste trug sie ein langes, formloses Kleid, baumelnde Ohrringe und einen bunten Schal. Andererseits war Bill der lebende Beweis dafür, dass das Aussehen täuschen konnte.
„Du denkst also, es hat mit dem Absender dieser schrecklichen Botschaft zu tun, wer auch immer das ist?“
„Wahrscheinlich. Wir sollten nichts ausschließen.“
„Warum will irgendjemand diesen Hammer? Du hast gesagt, er sei nichts wert.“
„Er enthält keine wertvollen Metalle oder Edelsteine, aber offensichtlich hatte er für irgendwen irgendeinen Wert.“
„Ich kann mir nicht vorstellen, warum. Ich habe es überprüft, er verfügt über keinerlei Magie.“
„Vielleicht eine Ahnung. Mein Bauchgefühl sagt auch, dass er einen Zweck hat.“
„Ja, ja, ja!“ Winnies Aufschrei hallte von den Wänden wider. „Jippaa, du wirst alles zurücknehmen müssen.“
Wir hörten das Rücken des Stuhls. Winnie war aufgestanden.
Quinn seufzte erleichtert. „Na endlich.“ Es stellte sich heraus, dass wir beide mit Tatenlosigkeit nicht gut umgehen konnten. Man lernte nie aus.
„Mist“, flüsterte ich. „Sie kommt auf uns zu.“ Wir standen mit dem Rücken zur Wand, nur ein Weg führte aus diesem Gang heraus und Winnie würde uns mit Sicherheit sehen. Wir mussten noch viel darüber lernen, wie man jemanden beschattete und dabei nicht gesehen wurde. Als Winnie in die Nähe unseres Verstecks kam, begann Quinn einen Zauberspruch zu murmeln. Uns lief die Zeit davon, also packte ich ihn, schob ihn mit dem Rücken gegen die Wand und presste meine Lippen auf seine. Er quietschte, aber mein Kuss verschluckte das Geräusch.
„Studenten“, murmelte Winnie, als sie vorbeiging. „Habt ihr kein Zimmer?“
Kaum dass sie an uns vorbei war, unterbrach ich den Kuss. Quinn sah zu mir auf und seine Pupillen waren riesig.
„Wow, darauf wäre ich nie gekommen.“ Dann packte er mich am Kragen und zog mich in einen weiteren leidenschaftlichen Kuss. Hätten wir keinen Job zu erledigen gehabt, hätte ich ihn an Ort und Stelle vernascht.
Wir lösten uns keuchend voneinander und in seinen Augen lag das Versprechen, dass wir das später zu Ende bringen würden. Quinn schob mich weg, huschte ans Ende des Ganges und spähte um die Ecke.
„Alles leer. Wir sollten uns beeilen, ich kann sie nirgendwo sehen.“
Wir folgten der breiten, gewundenen Treppe, so schnell wir es wagen konnten, und erblickten Winnie, als sie durch die Türen des Archivs ins Abendlicht stürmte. Wir drosselten unser Tempo und folgten ihr. Sie überquerte den Campus und ihre Sandalen klapperten über die glitzernden Gehwege, als sie sich beeilte, zu ihren Wohnräumen zu kommen. Junge Lehrkräfte wohnten oft auf dem Campus, um Geld zu sparen. Vielleicht hatte Icegem Winnies Stellung an der Universität korrekt beschrieben.
Wir standen draußen und lehnten uns gegenüber von ihrem Quartier, einem roten Ziegelbau, an einen Baum. Anders als das blitzsaubere Archiv war dieses Haus vernachlässigt und renovierungsbedürftig. Nicht gerade baufällig, aber es war offensichtlich, dass die Absolventen ihr Geld nicht in die Erhaltung der Wohnungen investierten. Wir versuchten, uns unverdächtig zu verhalten und im Schatten zu bleiben. Als könnten ein Halbdrache und ein Zauberer im Elderreich unverdächtig wirken. Wir taten trotzdem unser Bestes.
„Sollen wir bleiben, bis sie schlafen geht?“, fragte Quinn.
„Ja, das werden wir wohl müssen.“
„Glaubst du, wir können Bill dazu bringen, eine Runde zu übernehmen? Ich werde langsam hungrig.“
„Du bist derjenige, der mich drängt, das Geschäft zu erweitern. Das ist es nun mal, was Privatdetektive tun.“
Quinn zog die Nase kraus. „In meinem Kopf hat sich das viel cooler angehört.“
Bald darauf wurde es vollständig dunkel und wir behielten Winnies Fenster im Auge. Wir hatten den Ort vorher ausgekundschaftet und wussten, welches Fenster ihres war. Quinn hatte die Wohnung in ihrer Abwesenheit durchsuchen wollen, aber ich konnte das nicht dulden. Es würde nicht gut aussehen, wenn jemand, der für den Stadtrat kandidierte, bei einem Einbruch erwischt wurde. Außerdem waren wir keine Diebe und hatten keinerlei Beweis, dass sie den Hammer hatte, nur Icegems Überzeugung, dass sie irgendwie involviert war. In Wahrheit hielt mich der Umstand ab, dass ich mich nicht dem Zorn meines Vaters aussetzen wollte, wenn wir erwischt wurden.
Wir hätten beinahe übersehen, dass Winnie mit einer kleinen Laterne in der Hand aus dem Haus schlüpfte. Quinn und ich tauschten vielsagende Blicke. Wohin konnte die gute Frau Professor um diese späte Stunde wohl unterwegs sein? Wir nahmen wortlos die Verfolgung auf.
Winnie schulterte einen großen Rucksack und murmelte vor sich hin, als wir wieder zurück über das gepflegte öffentliche Gelände trotteten. Sie steuerte auf das graue, turmartige Gebäude zu, das ihr Büro beherbergte. Sie stellte die Laterne ab und legte die Hand auf das Türschild. Ein schwaches Leuchten und die Tür sprang auf. Sie sammelte ihre Sachen ein, spazierte in das Gebäude und die Tür schlug hinter ihr zu.
Wir liefen hinüber und probierten zur Sicherheit den Türknopf. Nichts. Fest verschlossen. Wir konnten nicht einfach so in ein Fecks Gebäude einbrechen. Dann wäre unsere Tarnung im Eimer. Und die Universität hatte bestimmt zusätzliche Schutzmaßnahmen eingesetzt, um zu verhindern, dass jemand die Schlösser mithilfe von Magie knackte. Wie saßen fest.
Quinn kramte in seinem Umhang, holte einen kleinen Beutel hervor und drückte ihn mir in die Hand. Dann verschwand seine Hand wieder suchend in dem weiten Mantel. Sein Gesicht leuchtete triumphierend auf, als er einen kleinen Pinsel hochhielt.
„Halt das mal für mich. Es dauert nicht lange.“ Er öffnete den Beutel, tauchte den Pinsel in ein blaues Puder und bestrich den Türknopf und seine Umgebung. Es leuchtete und Handabdrücke kamen zum Vorschein. Eine Menge Abdrücke. Überlappend.
Er runzelte die Stirn. „So funktioniert das nicht. Ich brauche einen guten Handabdruck.“
„Soll ich nachsehen, ob ich im Erdgeschoß ein Fenster aufdrücken kann?“ Das konnte womöglich einen Alarm auslösen, aber mein Bauchgefühl sagte, dass wir da rein mussten. Irgendwas ging hier vor und vielleicht war Icegem nicht so verrückt, wie ich gedacht hatte. Oder betrieb Winnie spätnachts weitere Forschungen? Der kalte Schauder, der über meine Haut jagte, sagte etwas anderes.
„Lass mich etwas anders versuchen.“ Quinn tauchte den Pinsel wieder in den Beutel und drehte ihn, bis er mit blauem Puder bedeckt war. Dann bestrich er eine Stelle neben den Scharnieren. Ein Handabdruck erschien. „Ja! Ich wusste doch, dass sich irgendwer mal da angelehnt haben muss.“
„Und was jetzt?“ Quinns Wissen um Kräutermagie überraschte mich immer wieder. Ich hatte gehört, dass manche Menschen darin hervorragend waren. Aber Feen und andere Wesen im Elderreich verließen sich lieber auf ihre eigene Art von Magie. Die meisten wollten keine Zeit investieren, um etwas so Banales zu lernen.
„Jetzt gehen wir rein.“ Quinn hielt seine Hand über den Abdruck und der blaue Schimmer übertrug sich auf seine Handfläche. Als er sie an den Türknopf legte, klickte das Schloss. Wir waren drin.
„Nett.“ Ich hielt die Tür auf und Quinn schlüpfte durch. Schwach brennende Fackeln beleuchteten die Korridore und ließen Teile der Halle im Schatten. Es ging doch nichts über die Atmosphäre eines Kellergewölbes.
Winnie war nirgends zu sehen. Direkt am Eingang hing ein großer Orientierungsplan des Gebäudes. Ich suchte darauf nach ihrem Büro.
„Hast du nicht gesagt, ihr Büro wäre im zweiten Stock?“, fragte Quinn und begann die Treppe hinaufzusteigen. Ich eilte hinter ihm her.
„Ich glaube nicht, dass sie in ihrem Büro sein wird!“, rief ich ihm nach.
Quinn blieb stehen, bis ich ihn eingeholt hatte. „Was verschweigst du mir? Ich kann durch unsere Verbindung fühlen, dass du dir Sorgen machst.“
„Tut mir leid, ich kann das abstellen, wenn es dich zu sehr ablenkt.“
Er seufzte. „Es lenkt mich nicht ab. Ich möchte nur wissen, warum du so unruhig bist.“
„Ich bin nicht unruhig. Es ist nur … Etwas stimmt nicht, ich kann es fühlen.“ Und dieses Gefühl nahm zu.
Quinn schien darüber nachzudenken, als wir um die Ecke zum nächsten Stockwerk bogen. Als wir den zweiten Stock erreichten, legte er die Hand auf meinen Arm und ich stoppte.
„Wenn irgendwas … Verrücktes geschehen sollte, dann erwarte ich, dass du mir vertraust. Ich will nicht, dass du mich beschützt, wenn ich auf mich selbst aufpassen kann. Du möchtest nicht, dass ich Macht über dich ausübe. Ich verdiene denselben Respekt.“
„Ich kontrolliere dich nicht.“
„Du versuchst es, wenn du mich nicht tun lässt, worin ich gut bin. Ich zerbreche schon nicht. Ich bin auch ein Teil dieses Teams.“
Unsere Blicke trafen sich und obwohl mein Drache bei dem Gedanken knurrte, dass Quinn in Gefahr sein könnte, nickte ich langsam. Ich würde es versuchen.
„Gut“, sagte er.
Wir schlichen so leise wie möglich durch die Gänge, was bei meiner Größe nicht leicht war. Die Korridore auf dieser Ebene waren schmal und nicht für jemanden mit meinem Körperbau gemacht. Mein Kopf berührte fast die Decke. Sagte eine Menge darüber aus, wie junge Lehrkräfte behandelt wurden. Ich wollte mir gar nicht vorstellen, wie beengt erst die Büros sein mussten. Wir suchten, bis wir Winnies Büro fanden. 221B.
Kein Licht schien unter der Tür durch. Quinn trat näher und legte ein Ohr an die Holzverkleidung. Mein Gehör war wesentlich besser als seines, weshalb ich ihm hätte sagen können, dass niemand drin war. Ich konnte überhaupt auf dem gesamten Stockwerk nichts hören.
„Wo könnte sie sein?“
„Im Keller. Ich habe auf dem Plan ein großes Labor gesehen.“
„Ein Labor? Wozu braucht eine Sprachwissenschaftlerin ein Labor?“
„Gute Frage.“
„Du glaubst wirklich, dass sie den Hammer hat, nicht wahr?“
„Wozu sollte der nochmal gut sein?“ Ich wandte mich wieder der Treppe zu und beschleunigte meine Schritte.
„Ihm werden alle möglichen Kräfte zugeschrieben, aber soweit ich weiß, ist das nur eine Legende. Nach allem, was ich gelesen habe, und das ist nicht viel, hat Scrodbun nie wieder eine Schlacht verloren, nachdem er den Hammer hatte. Falls er je existiert hat. Es gibt Wissenschaftler, die seine Existenz anzweifeln.“
Während Quinn erklärte, eilten wir über die Stufen und folgten der Treppe, bis wir im Keller standen.
„Dort.“ Quinn deutete auf ein Licht unter einer Tür am Ende eines düsteren Korridors.
Ich hielt einen Finger an meine Lippen. Er nickte. Wir schlichen so schnell und leise wie möglich durch den Gang. Am Eingang mit der Bezeichnung Labor 042 horchten wir beide an der Tür. Wir konnten Winnie drinnen fluchen hören. Laut.
„Was treibt sie?“, murmelte ich.
Quinn zuckte mit den Schultern und lauschte weiter.
Ich legte mein Ohr wieder an die Tür. Winnie lachte. Es klang …seltsam. Schadenfroh, aber irgendwie komisch.
Quinn blinzelte in den dunklen Korridor und schien all seine Aufmerksamkeit darauf zu konzentrieren, was hinter der Tür vor sich ging.
Winnie begann einen Sprechgesang, ihre Stimme wurde in eigenartigen Intervallen lauter und leiser. Quinns Augen wurden groß und der Mund stand ihm offen.
„Oh verdammt, nein! Twig, wir müssen sie stoppen. Sofort.“
Бесплатный фрагмент закончился.
