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Maxi Hill

EINFACH. ÜBER. LEBEN.

Neufassund von: Maxi Hill * AFRIKA - IM Auftrag der Geier

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Inhaltsverzeichnis

Titel

DER UNBEKANNTE KONTINENT

DAS ANDERE LEBEN - November 1986

KINDER IM STAUB DER STRASSE

DER MUT EINER UNWISSENDEN

EIN ZAGHAFTER VERSUCH

DAS UNBEKANNTE LAND

WEIHNACHTLICHES DÉJÀ-VU-ERLEBNIS

DER JUNGE

ZWISCHEN EUROPA UND AFRIKA

ZURÜCK IN LUBANGO

EINE ANDERE FENDA

PRÄGENDE TRADITION

EIN HALBES JAHR AUS-ZEIT

RÜCKFLUG MIT WERNER

ROM SEHEN UND STERBEN?

YVONNE

ACEVEDOs LETZTE STUNDE

TEUFELSZEUG IN ROTER ERDE

EIN ARTIKEL IN DER SUPERILLU

ALPHABETISCHE WORTERKLÄRUNG

Impressum neobooks

DER UNBEKANNTE KONTINENT

Angola 1986

Schwüler Dunst stieg aus der heißen Erde und umhüllte die Hütten der Hoffnungslosen. So rasch wie der Regen eingesetzt hatte, rissen die Wolken wieder auf und die Bedauernswerten krochen aus ihren armseligen Behausungen. Tausendfach wölbten sich Wellblechdächer über Lehmhütten vom Stadtrand her, krochen die Tafelberge hinauf oder bissen wie Krebsgeschwüre in jedes Stück erbärmlichen Boden. Die kleine Regenzeit hatte eingesetzt. Kurze, heftige Schauer erquickten das dürstende Land, doch dazwischen beherrschte die unbarmherzige Sonne den azurblauen Himmel, hier im dunkelsten Winkel der Welt.

Ich blickte von der Loggia im vierten Stock des Laureano hinüber zum Eukalyptushain. In meiner Hand vibrierte ein Brief. Ich sah nicht die Pracht dieser tropischen Landschaft, genoss nicht die betörenden Düfte der trunkenen Natur. Selbst das Elend, das mir ringsum entgegen schrie, das Leid der Menschen in ihrem jammervollen Dasein, rührte mich in dieser Stunde nicht. Die eigene Seele litt. Bereits mit der ersten Post aus der Heimat verfluchte ich meine Zusage, hierher zu reisen.

Auch später galten meine Tränen noch lange nicht dem Leid der Menschen, das der Bürgerkrieg über sie schüttete. Barbarisch. Beispiellos. Ich weinte um meine Tochter, die Tausende Kilometer entfernt im Internat lebte und schrieb, wie sehr sie uns vermisste, mich und ihren Vater.

Unten auf der Straße schritten sonderbare Gestalten im Gänsemarsch auf das Haus zu. Die Mumuilas, eine ethnische Gruppe der Nyanekas aus dem Südwesten Angolas. Sie kamen den unendlich weiten Weg aus ihrem kimbo im Hochland zu Fuß in die Stadt, um Gemüse, Früchte und Eier zum Tausch anzubieten. Zum Glück. Ohne diese Möglichkeit müssten wir an diesem Ort beinahe ohne jede Frischware auskommen.

Die kleine Gruppe kam heute ungewöhnlich spät. Ich rechnete nicht damit, dass ihr Vorrat noch bis zu mir im vierten Stock reichte.

Der Regen wird sie aufgehalten haben. Meine Lippen bewegten sich, aber ich sprach nicht, hatte es gelernt, still zu sein, wenn mein Mann vor lauter Arbeit nicht ansprechbar war. Ich fühlte mich nicht nur in diesen Momenten wie ein Kind, das in seiner Bedeutungslosigkeit nicht zu Wort kommt. Ich fühlte mich als mitreisende Ehefrau ohne berufliche Herausforderung bedeutungslos, obwohl ich längst begriff, wie unendlich mühsam es hier war, das ganz profane Leben abzusichern.

Auf dem staubigen Vorplatz knirschten wie allabendlich zur selben Stunde die Reifen des Lada Niva von Don Acevedo. Acevedo war ein schlanker, eleganter Angolaner um die vierzig Jahre. Er wohnte mit seinen Kindern, die von wechselnden Zugehfrauen betreut wurden, hier im Haus der Entwicklungshelfer, dem predido do Laureano. Die sachliche Architektur des Gebäudes ähnelte den uns vertrauten Plattenbauten, war weder besser ausgeführt, noch solider ausgestattet. So schmucklos dieser Klotz auch war, so begehrt war sein bescheidener innerer Standard bei den meisten Menschen dieser Stadt, zugleich unerreichbar für jene da unter mir in ihren Hütten. Nicht für Don Acevedo. Der herrschte über die staatlichen Wohnungen und litt auch sonst keine Not. Wie ich inzwischen wusste, krümmte er selbst keinen Finger. Das Volk hatte sich vor elf Jahren von ihren portugiesischen Herren befreit, aber es gab längst wieder die Schicht der Besseren, die den Status des Herrenmenschen erstrebenswert hielten.

Gewöhnlich hütete ich mich vor Vorurteilen gegen Menschen, die nicht schuld an meinem Trübsinn waren, aber dieser Mann passte nicht in mein Bild von einer unterdrückten Rasse, und er passte noch weniger in die schwarze Brüderlichkeit. Er lebte als Siegertyp, smart, doch mit eiserner Faust. Drei Ehefrauen waren vor seinen Schlägen schon auf und davon. Sie hatten diesem Tyrannen vier süße Kinder hinterlassen, an deren dunklen, spitzbübischen Kulleraugen ich mich nicht sattsehen konnte. Beim ersten Blick schon waren meine Schuldgefühle aufgelebt. Mein halbwüchsiges Kind von fünfzehn Jahren musste in die Obhut fremder Menschen, damit es hier im dunkelsten Winkel der Welt vorwärts geht…

Ohne eine bestimmte Hoffnung lief ich zur Hinterseite des Hauses und trat auf die Balustrade. Von hier aus konnte ich hören, auf welcher Etage die Mumuilas gerade ihre Waren anboten. Mein Blick erfasste die Weite der Landschaft, die südlich-östlich bis zum Horizont reichte. Auch von dieser Seite umzingelten endlose Elendsviertel die stabilen Häuser entlang der Straße.

Ein Luftzug trug den Geruch nach gärender Milch, nach Zwiebeln und Schweiß durch das Treppenhaus. Die letzten Sonnenstrahlen kündeten schon von der raschen Dämmerung, als sie barfüßig, beinahe lautlos, den regennassen Betonboden betraten.

Wie viele Menschenalter war ihre Zeit stehengeblieben? Noch traute ich mich kaum, meinen Blick genauer auf die halbnackten Körper zu richten. Auch wagte ich nicht, in den gelbstichigen Augen des einzigen Mannes das Misstrauen zu deuten, das bei jedem Besuch zu spüren war.

Auf diesem einen Planeten, wo die andere Welt nach fernen Sternen griff und sich anschickte, in unseren Genen die Handschrift der Schöpfung zu entziffern, leben diese Menschen einfach, nur um zu überleben.

Wie sehr ich irrte, wurde mir erst später klar. Ihr Leben war einfach, ja, aber sie lebten in Würde und hatten ihre Ideale, wie wir die unseren hatten.

Die Haartracht der Frauen, mit einem Gemisch aus Kuhdung und roter Erde angereichert, thronte kunstvoll geformt über der kahlgeschorenen Stirn. Die bloßen Oberkörper der jungen Mädchen schimmerten wie Hämatit. Kreuzweise gelegte Perlenketten, bunte Schnüre und bestickte Bänder umspielten knospengleiche Brüste, deren Fleisch fest und deren rosige Warzen prall und spitz waren. Nur bei den älteren hing die Haut aschfahl und trocken um die ausgemergelten, schlaffen Brüste. Man sagte mir, der monströse Halsschmuck — mit Perlen besetzte Bastwülste — lasse die soziale Stellung der Frauen erkennen. Ich vermochte es nicht. Noch nicht.

Zu dieser Zeit wusste ich nicht viel über das Land und seine Kultur. Bücher über Afrika waren rar in der DDR und Angola war wohl der weißeste Flecken auf den Landkarten der Welt. Die Bücher, in denen der Staat sein Land beschrieb, waren in Moskau gemacht und strotzten vor Patriotismus. Über die Menschen und deren Geschichte wusste ich rein gar nichts. Wie sollte man so in die Seelen blicken können? Woran sollte man erkennen, ob sie zufrieden sind und ob die altväterliche Kultur ihr wahres Heiligtum ist?

Mais velho, das Oberhaupt der Gruppe, trug abgelederte Sandalen aus alten Autoreifen und einen dicken, zerlumpten Wollmantel, schien aber immer noch zu frieren. Mit herrischer Miene wies er auf eine der Frauen, die er Ngula nannte und die ihr Baby in einem Tuch auf dem Rücken gebunden mit sich trug. Diese Frau öffnete die Bündel aus grobem Sackstoff, in dem ihre Waren verstaut waren. Nur noch drei Eier, etwas Maniok und Süßkartoffeln kullerten durcheinander. Ihr Misstrauen blieb, und mein Misstrauen wuchs, dabei wünschten wir beide den raschen Austausch. Ich begann zu feilschen, aber weder meine Strickjacke noch die Kernseife aus der hiesigen loga gefielen dem Alten, wenngleich die Blicke der Frauen heller wurden und ihre Hände sich danach streckten.

»Pano«, sagte der Alte forsch. Ich besaß keinen Stoff. Inzwischen hatte ich den universellen Wert von Stoffen für diese Menschen begriffen, heuchelte aber angesichts des geringen Gegenwertes mein tiefes Bedauern. Kranke, gelbe Augen irrten wirr umher, bis er energisch durch sein lückenhaftes Gebiss schnalzte: »Acucár?«

»Nein, ich habe auch keinen Zucker«, log ich ziemlich gereizt. Er würde ihn doch nur für das Teufelsgebräu brauchen, das ihre Augen gelb, ihre Sinne trüb machte. Gujóme hieß es. An ganz bestimmten Tagen schöpften die Frauen im Schatten großer Bäume diese stinkende Brühe mit Blechbüchsen aus Blechtonnen. Ein widerliches Zeug und äußerst gefährlich. Sie brauten es nicht nur in ausgedienten, verrosteten Tonnen, sie gaben auch hinein, was wir als Sondermüll entsorgten, um eine Kontamination des Erdreiches zu verhindern: Batterien.

Bitterstoffe mussten sein, egal woher sie stammten. Jeder fragte sich, wie ihre Leber aussehen mochte und wie lange sie die Welt noch mit ihren Augen erleben durften.

Ich fuchtelte mit sechs Fingern vor seiner Nase herum, um anzudeuten, wie viele Eier er für eine Tüte Zucker herausrücken müsse, die Ngula gar nicht mehr hatte.

Ich weiß nicht mehr, was mich an jenem Tag so wütend gemacht hatte. Es kann nur das mütterliche Herzweh gewesen sein, das nicht nachlassen wollte. Freundlich brauchte ich jetzt nicht mehr zu sein, aus dem Geschäft würde nichts werden.

Ngula packte bereits mit wütendem Blick ihr Bündel zusammen. Dabei drehte sie sich zum Himmel, als wollte sie an die nahende Dämmerung erinnern. Ihr merkwürdiges Stöhnen und ihr Zucken verrieten etwas Bedrohliches. Ich folgte ihrem Blick über die unendliche Weite des Hochplateaus, das sich von hier scheinbar bis in die Unendlichkeit erstreckte. Natürlich sah ich Neuweltmensch nur etwas Wundervolles. Mit letzter Kraft hatten die Sonnenstrahlen einen prächtig schillernden Regenbogen vor die abziehende, dunkle Wolkenwand gespannt. Wie eine winzige Krone thronte die fade Sichel des Mondes darüber, der schon am langsam ermattenden Himmel hing.

Ngula zerrte das Bündel mit ihrem Baby nach vorn und auch die anderen Frauen schnürten die Bündel zusammen. Mais velho klopfte mit einem der hölzernen Schlangenstöcke auf den Betonboden und trieb die Frauen mit merkwürdig schnalzendem Ton an.

Es war jene Zeit, als ich noch wissbegierig jede Vokabel zu lernen versuchte. Baloico und lua, nur so viel konnte ich später von den ängstlichen Worten in mein Gedächtnis zurückrufen. Mühsam fügte ich sie einzeln aus dem Wörterbuch zusammen und verstand nicht, was oder ob es etwas bedeuten könnte: »Mond und Schaukel?«

Ich huschte zurück in die spartanische Küche und vergrub mich in längst fälliger Kleinarbeit. Überreife Guaven-Früchte mussten noch ausgeschält und zu einem süßen Brotaufstrich eingekocht werden. Bei stupider Arbeit meldete sich zumeist mein Gewissen. Ich hatte die Balance im Umgang mit diesen mir fremdartigen Menschen noch nicht gefunden und war dem Heulen nahe. Sie brauchten, was wir hatte, wie wir brauchten, was sie uns geben konnten.

Ich war alles andere als lebensunerfahren, aber Arne, der schon vor sechs Monaten vorausgereist war und diese Welt besser verstand, hatte mich gewarnt. Wenn man denen die Hand zu weit ausstrecke, bekäme man sie nie wieder los.

Warum hatte er das gesagt? Warum bin ich hier? Warum ist dieser Tag so schwer?

Nicht lange danach ersann ich eine gute Tat, um meinen Seelenfrieden, meine Achtung vor mir selbst wieder herzustellen. Etwas herauszufinden, war nicht schwer. Es durchzuführen schon eher. Arne würde mir zu dieser Stunde strikt verbieten, die Wohnung zu verlassen. Doch Arne saß im kleinen Zimmer an seinem Schreibtisch und las die ersten Kapitel der Diplomarbeit seiner Studentin Celestina. Wenn ich aber aus der separaten Küchentür schlüpfte, würde er es gar nicht hören.

Unbemerkt erreichte ich das lichtlose Treppenhaus und lief hinunter in die Vorhalle, wo immer ein bewaffneter Posten stand, der uns zu beschützen hatte. Hier herrschte Krieg.

»Boa noite«, grüßte ich blind vor Dunkelheit und streckte ein halbes Stangenbrot und die Schüssel mit dem Rest lauwarmer Makkaroni vorsichtshalber weit von mir. Die fremden Augen waren besser an die Finsternis gewöhnt. Zielsicher aber nicht hastig griffen zwei eiskalte Hände danach.

»Bon apetite!« sagte ich, diesmal betont freundlich. Die Gestalt eines besonders jungen Burschen erschien für einen Moment im faden Lichtkegel eines vorbeifahrenden Autos. Er trug die Kalaschnikow vor dem Körper und sein Drillich schlappte um den schmächtigen Körper herum. Aus der Dunkelheit klang die helle Stimme: »Obrigado Senhora! Obrigado!«

Ich spürte geradezu, wie er buckelte. Nur schemenhaft konnte ich sehen, wie seine Augen glänzten, wie die Zähne blitzten. Die schwarze Haut seines Gesichtes verlor sich im Nichts.

Rekrutieren die jetzt auch schon Kinder? Ich ärgerte mich. Bei Tageslicht hatte ich den Jungen keines Blickes gewürdigt. Man lief vorbei, man nahm nicht wahr, was man nicht wahrhaben wollte. Weltweit wurde Rebellenführer Jonathan Savimbi wegen der Kinder in seiner Armee angeprangert, die den längsten und mörderischsten Konflikt auf dem Kontinent am Zündeln hielt. Einst brillanter Akademiker mit Doktortitel, war er nun in seinem Streben nach dem Präsidentensessel zum psychopathischen Egomanen mutiert. Seine Rebellen verübten Terror und Grausamkeiten, wüteten in Dörfern und Städten, erzwangen sich Proviant und Rekruten. Da hatte es dieser Bursche in der Staatsarmee vermutlich leichter.

»Quantos anos tem?«, fragte ich nach seinem Alter, ein Wort deutlich an das andere reihend.

»Dezassete«, flüsterte er und trat für einen Moment aus der stockdunklen Vorhalle näher an die stets offene Haustür. Ja, er war noch jung. Sehr jung.

»Aha, siebzehn«, übersetzte ich, wieder sehr betont, als müsse er es auf Deutsch wiederholen, wenn er unser Beschützer sein wollte.

Ich spürte meine sprachliche Ohnmacht und lächelte, und er lächelte zurück; Carlos heiße er und stamme aus der Gegend von Tundavala.

Mit viel zu vielen falschen Worten und in viel zu hohen Tönen schwärmte ich, welch ein Glück er habe, so nah bei dieser gigantischen fenda zu wohnen. Ich sagte es so, als wäre eine atemberaubende Schlucht gleichsam in der Lage, einen hungrigen Bauch zu stopfen und einen frierenden Leib zu wärmen. Uns verwöhnten Europäern fehlten hier zwar die kleinen Ikonen der zivilisierten Welt, aber Hunger und Kälte quälten uns nie.

Solange ich hier stehe, wird er nicht essen, überlegte ich, ohne zu wissen, was zu tun war. Auf der Straße fielen Schüsse. Hier ballerte man von früh bis spät. Keiner von uns kam dahinter, was das sollte oder wem die Schüsse galten. Der Krieg tobte in dieser Zeit in den entfernteren Provinzen Cuando Cubango, Huambo, Moxico und, wie man erzählte, auch im Nordosten bei den Diamantenminen. Carlos zuckte nicht einmal. Ich aber schimpfte in die Dunkelheit: »Diese Idioten! Dieses Imponiergehabe!«

Berechenbar waren die Waffenträger in der Tat nicht. Der Junge aber blieb ungerührt stehen und ich fragte ihn so nebenbei, wie oft die Mumuila mit ihren Waren in dieses Haus kämen.

»Mais o menos«, sagte er und seine Stimme versetzte mich nicht zum ersten Mal in Staunen. Nur vier Silben, aber sie klangen melodiös wie ein Lied. Es war zu dunkel, um sein Gesicht genau zu sehen. Nur der Luftzug, der mir seinen Geruch in die Nase trieb, kündete vom Fuchteln seiner Arme. Es schien, als bete auch er — wie Ngula zuvor — und er sagte etwas, wovon ich nur ein Wort im Wörterbuch wiederfand: Mahamba. Die Götter der Ahnen.

Zu dieser Zeit wusste ich noch nicht, dass im Glauben der Naturvölker die Götter der Ahnen einen nahen Tod voraussagten. Dennoch gefiel mir zum ersten Mal die Dunkelheit. Sie verschluckte mein Lächeln, nicht jenes über den Glauben, wohl aber jenes über die Freude, die ich mir selbst bereitet hatte. Carlos stieß seinen hitzigen Atem von sich, setzte sich endlich auf den schmutzigen Beton der Vorhalle und grub seine bloßen Hände hastig in die Schüssel. Das nutzlose Ding, meinen Löffel, legte er auf den Mauersims.

Von oben her dröhnten Schritte über den blanken Beton vom Treppenhaus. Wegen des politischen Umbruches 1975 war das Haus nie vollendet worden, der Fahrstuhl nie eingebaut. Laureano, der portugiesische Bauherr, musste ebenso überstürzt das Land verlassen haben, wie es die meisten Kolonialisten vorgezogen hatten zu tun. Man weiß nicht, ob ihm etwas geschehen wäre. Es war eine Revolution, da gehen die Temperamente eines rechtlosen, ausgebeuteten Volkes schon mal durch. Den wenigen Portugiesen, die hier geblieben waren, war kein Haar gekrümmt worden, wie man hörte. Sofern sie nicht große Schuld auf sich geladen hatten.

Solange Carlos aß, huschte ich nach draußen, wohl wissend, dass ich so erst recht gegen die strengen Vorschriften verstieß. Wir DDR-Bürger durften allein nirgendwohin gehen. Ich hatte mich offiziell nicht abgemeldet, also hatte ich das Haus nicht zu verlassen. Außerdem wusste nicht einmal Arne, wo ich war. Der Posten hielt mich auch nicht zurück, wie es seine Pflicht wäre. Gierig verschlang er die wahrscheinlich einzige Mahlzeit an diesem Tage.

Ich lief neben der Straße ein Stück stadtauswärts. Hoch oben auf dem Tafelberg hob sich Christo-Rei wie ein weißes Kreuz vom tiefschwarzen Himmel ab und breitete die Arme aus, als wolle er alle Menschen unter seine Fittiche nehmen. War es ein Zufall oder hatte diese Stadt in den Jahren der Kolonialzeit einen besonderen Rang? Immerhin hatte der Schöpfer der Götterstatuen von Rio de Janeiro und Lissabon das Probestück auf dieses, jetzt gottverlassene Stückchen Erde gestellt. Inzwischen schien die schneeweiße Statue der einzige Luxus der Stadt zu sein, den die Sieger der Revolution noch nicht zweckentfremdet hatten.

Mit unsicherem Tritt stolperte ich auf dem staubigen Weg ein paar Schritte weiter in jene Richtung, die ich damals noch als Süden ansah, weil da die Sonne am Mittag stand. Wir waren jedoch südlich vom Äquator!

Je weiter ich mich entfernte, desto dunkler schien die Welt. Ich konnte die Hand vor meinen Augen nicht sehen. Laternen gab es kaum, Strom noch weniger. Beklommen blieb ich an einer Hauswand stehen. Aus dem Bairro drang monoton das Rasseln von Ketten oder Perlen in trockenen Kalebassen zu den Schlägen einer batuque. Dazwischen ein hilfloses Wimmern. Zu dieser Zeit und noch lange danach, war die afrikanische Kultur für mich unverständlich. Auswüchse nannte ich, was mich erschreckte. Gerade hatte ich über Beschneidungen gelesen: Ein Mädchen, das ihre sexuellen Gefühle noch gar nicht kennt, wird des Verlangens schon beraubt! Diese brutale Verstümmelung würde jährlich an zwei Millionen Opfern weltweit vollzogen, in vielen Kulturen. Mir schnürte es die Kehle zu. Stimmengewirr übertönte nun das Jammern. Ich war wütend, so machtlos zu sein. Zugleich war mir etwas klarer: Was bedeutet das Herzweh meines Kindes zu Hause, das in einer friedlichen Welt behütet lebt, gegen dieses Leid, dieses blutige Ritual einer patriarchalischen Welt. In meiner Kehle sammelten sich die Worte: Lasst das Kind in Ruhe. Doch ich schrie sie nicht. Ich lauschte nur wütend in die Dunkelheit. Die rhythmischen Klänge beherrschten die Nacht. Kein einziger klagender Ton war mehr zu hören. Und wenn es so ist? Ich bin hier Gast. Ich habe diese Kultur zu respektieren. Irgendwie sind wir doch alle verstümmelt, beschnitten in der Freiheit, beschnitten in unseren Gedanken über diese Welt. Spüren wir es als Leid?

Jäh rissen mich nahe Schüsse aus meiner Lethargie und stellten in meinem Kopf den Schalter der Vernunft wieder an. Die Schüsse galten mir nicht, das wusste ich. Daran gewöhnen wollte ich mich nicht. Zurück im Schutz des Hauses fühlte ich, wie mein Herz aus dem Hals zu springen drohte. Ich schnappte nach Luft, doch Carlos stand in der Tür und lächelte satt und vergnügt. Vom Betonboden hob er die säuberlich ausgeleckte Schüssel und buckelte abermals: »Obrigado.«

»De nada«, winkte ich ab und ich meinte es auch so. Seine Demut machte mich wütend, nahm mir die winzige Genugtuung, die mein unbemerktes Aufbegehren gegen die übertriebene Vorschrift bringen konnte.

Langsam stapfte ich Stufe für Stufe die vier Stockwerke wieder hinauf. Von weiter oben hörte ich es nun besser. In einer der Hütten im Schilfland östlich vom Laureano feierte man eine komba, eine Totenfeier, wie beinahe allabendlich. Das Sterben nahm kein Ende. Es begleitete die Menschen auf ihrem hoffnungslosen Weg, wie die unbarmherzige Sonne in der Hitze des Tages. Wie die eisigen Nächte, in denen sich Mensch und Tier aneinander kuschelten, um zu überleben. Wie der unendliche Kampf um Nahrung, um sauberes Wasser, um ein bisschen Brennholz. Der einst stolze Bestand an Wald hatte längst den Weg von den Hängen der Berge hinunter in den hitzigen Kessel der Stadt genommen, um Tausende kleine Kessel zu heizen, in denen nur einmal am Tag der Hirsebrei brodelte. Holz, das nicht zum Kochen Verwendung fand, wurde für Särge gebraucht. Viele Särge. Nur der Tod schien an diesem Elend seine Freude zu haben.

Nach kurzer Stille begann der auf- und abschwellende Gesang der Trauergemeinde. Die Nacht trug ihn sehr weit und jagte einem Fremdling wie mir den kalten Schauer unter die Haut.

Amadé Njava, einer unserer angolanischen Freunde, hatte einmal erzählt, früher hätten die batuques stets Kriege angekündigt. Wohl deshalb würden sie mich so erschrecken. Ja, sie erschreckten mich, den Gesängen zu lauschen aber konnte ich mich nicht entziehen. Man fühlte sich auf dem Weg in eine andere Welt, hob ab in Trance, in trauriger Hoffnung. Doch wenn man jäh auf die Erde zurückfiel und die Augen wieder öffnete, hatte das Elend noch längst kein Ende.

So bedrückend das Ritual immer war, an diesem Tag berührte es mich auf eine andere, eine nie gekannte Weise.

Hatte Ngulas »Mondschaukel« Recht? Hatten die Götter der Ahnen ihren Tribut gefordert?

Wie ferngesteuert legte ich eine Hand auf meine Brust und schaute in den südlichen Sternenhimmel, dessen unbeschreibliche Pracht aus dieser tiefen Dunkelheit geboren wurde. Ein faszinierendes Firmament wölbte sich über den schäbigen Hütten, als wäre der ganze Reichtum dieses Volkes in den Himmel geflüchtet und zeigte den armseligen Kreaturen den Weg aus ihrem jämmerlich irdischen Dasein. Aber wo wiegt sich jetzt der Halbmond? Ich sah ihn nicht mehr.

»Die Mondschaukel«. Noch begriff ich nicht, dass meine Sinne an jenem Tage auf rätselhafte Weise infiziert waren. Der Tod war hier alltäglich zu Gast, warum hatte ich plötzlich so viel Ehrfurcht vor einem Zufall? Nur weil ein paar Zurückgebliebene ihn als Weisung einer höheren Macht verstanden? Ich hatte mir nie ernsthafte Gedanken gemacht, ob höhere Mächte existierten. Ich hasste die Verwirrung, die solche Gedanken anrichteten. Jetzt aber schien mir sogar meine Traurigkeit zu gefallen. Noch immer lauschte ich mit unbekanntem Gefühl in meiner Brust und wusste, sie würden die ganze Nacht mit den Klageweibern singen. Froh, keiner Beschneidung gelauscht zu haben, sah ich im Geiste die Bilder vor mir, die Zeremonie vom nächsten Morgen, die zu dieser Zeit in diese Stadt gehörten wie Sonne, Mond und Sterne an das Firmament:

Ein offener LKW. In einer Holzkiste die sterblichen Überreste des Verstorbenen. Die Trauergäste umringen die Kiste, nur die Witwe darf darauf sitzen. Hier gibt es frische Blumen allein für den Tod. Zum Zeichen der Trauer reckt jemand zwei zum Kreuz geschlagene Hölzer über das Fahrerhaus. Die Tradition verbietet dann allen Fahrzeugen das Überholen. Sie reihen sich ehrfürchtig aneinander und ich hoffte selbstvergessen, es möge zu einer Zeit stattfinden, wo keine Unwissenden, keine respektlosen Ignoranten unterwegs seien. Es würde wieder einen endlos langen, schleichenden Trauerzug geben.

Vorsichtig legte sich ein Arm um meinen Körper.

»Arne!« Ich schmiegte mich an ihn. Sein Atem vibrierte, aber sein T-Shirt fühlte sich so eisig an, wie es die Nacht zu werden versprach. Er hatte mich schon bei den Nachbarn gesucht.

»Mach das nie wieder Maxi!« keuchte er. Für mich klang seine Stimme vorwurfsvoll, aber ich spürte zugleich Erleichterung darin.

Gemeinsam stiegen wir die dunklen Stufen bis zu unserer Wohnung hinauf. In der dritten Etage bei Don Acevedo wurde lautstark und fröhlich gefeiert.

DAS ANDERE LEBEN - November 1986

Die Sonne an diesem Morgen und die Aussicht auf die Ankunft des Koffers mit Post aus der Heimat brachten neue Zuversicht. Ein stilles Abkommen mit den Piloten der angolanischen Fluggesellschaft TAAG bescherte uns einmal wöchentlich die schnelle Beförderung der heiß ersehnten Post, die mit der Interflugmaschine aus Berlin-Schönefeld zur Botschaft in Luanda befördert wurde und nach der Kontrolle durch deren Sicherheitsdienst mehr oder weniger rasch von angolanischen Piloten auf den Weg in die Provinzen gebracht wurde.

Manchmal war der Koffer verschwunden. Zumeist tauchte er aufgebrochen und ramponiert irgendwann wieder auf. Bisweilen aber blieb er verschwunden. Abgesehen vom Wert des Koffers war der Inhalt für Diebe unergiebig, für uns aber unersetzbar. Niemand wusste, welche Nachrichten aus der Heimat verlorengegangen waren. Briefe aus der Heimat waren die einzige Chance, mit unseren Familien in Kontakt zu bleiben. Telefone gab es für uns nicht, und auf meine angolanische Nachbarin Rosa konnte ich mich entweder nicht verlassen, oder auch sie hatte bei diesem Telefonnetz keine Chance. Zweimal hatte ich sie gebeten, für mich anzurufen, aber es gab nie einen Erfolg. Die deutsche Gruppe verfügte über ein Funkgerät, aber das diente nur der Übermittlung von Zustandsberichten der mitgereisten Staatssicherheitsleute an deren Dienststellen in der Hauptstadt oder für einen absoluten Notfall. Die anderen Informanten, die es in der Gruppe gab, und von denen wir wussten oder vermuteten, schrieben wöchentlich Briefe an ihre Dienststellen in der Heimat.

An diesem Tag gab es per Funk ein Avis aus Luanda. Sobald die Boeing 707 vom Inlandsverkehr im Anflug auf die Stadt war, machte sich Björn, unser Sicherheitsmann, auf den Weg zum Flugplatz. Der lag fünf Kilometer östlich vom Stadtrand entfernt. Björn ging keiner anderen Arbeit nach, als die dreißig Leute der Gruppe zu «beschützen». Ihn unterstützten dabei im Wechsel jeweils andere Angehörige der Staatssicherheit, die stets nur sechs Monate im Land blieben. Björn wohnte mit seiner Frau Yvonne über uns und sie blieben mehrere Jahre hier.

Noch war die Luft kühl. Auf der Ostseite wärmte die Sonne bereits die Balustrade, zu der die Wohnungstüren zeigten. Die spartanisch eingerichtete Küche hatte eine separate Tür. Vor dem Sieg der Revolution hielt man auf diese Weise die Dienstboten aus dem Wohnbereich der portugiesischen Herrschaften fern. Diese Küchentür benutzte ich nur, um Björn beim Wasserzapfen den kürzesten Weg zu ermöglichen, oder manchmal, wenn mein Brotteig schon am Morgen mit einem Tuch bedeckt auf einem Hocker in der warmen Sonne stand. Das war an diesem Tage der Fall.

Zum Osten hin lagen die Hütten eines der vielen bairros zwischen dichtem Grün. Nur vereinzelt konnte man sehen, wie das Leben da unten zu erwachen begann. Umso erdrückender für mich die Gewissheit, auf dieser Seite sehr nah am Elend zu sein. Auch wenn es die Augen nicht direkt sahen, das Elend und der tägliche Tod schlichen in mein Gemüt, zerkratzten die Seele und das Gewissen, hier zu sein und doch nicht genug zu tun.

Was aber war genug, und wo sollte man beginnen? So wie es keinen Anfang gab, würde es kein Ende geben.

Ich riss mich los vom Anblick der dichten Bambusbüsche. Wie immer würde ich im unüberschaubaren Durcheinander die Hütte der Trauernden nicht herausfinden, wo mir am Abend das laute Wehklagen der komba diesen Schrecken versetzt und des Nachts den Schlaf geraubt hatte. Ich lief zur West-Seite der Wohnung und trat auf den Balkon. Nirgendwo auf der nach beiden Seiten ansteigenden Straße hatte sich ein langer, unfreiwilliger Leichenzug hinter einem dahin schleichenden Lastwagen gebildet. Der Weg zum Friedhof war weit. Er lag auf einer Anhöhe, einst außerhalb der Stadt. Heute war er längst umringt, geradezu eingeschnürt von den Elendsvierteln. Man begrub die Toten dicht an dicht in erschreckender Einfachheit. Nur selten zeigte ein Holzpflöckchen die Stätte der letzten Ruhe, die von Unkraut überwuchert bald in Vergessenheit geriet. Ein anderer Teil des Gottesackers, ein morbides Spektakel marmorner Tempel- und Kapellenarchitektur, ließ den Wohlstand der einst Herrschenden erahnen. Dieser Grabmal-Pomp war eines der Privilegien der Portugiesen gewesen und ich fragte mich, wer wohl jetzt deren opulente Grabmäler schmückt.

Die Luft war klar wie an jedem Morgen, doch irgendetwas war anders. Die laute, dicht befahrene Straße war von welkem Laub übersät. So glaubte ich, bis ich begriff, dass es Heuschrecken waren. In meinem Trübsinn hatte ich am Abend vergessen, die Wäsche von der Leine zu nehmen, die die Hälfte meines Balkons überspannte. An jedem Stück Wäsche klebten nun die gefräßigen Biester. Nur mit Ekel und Widerwillen bemühte ich mich, das grüne Getier abzuschütteln. Ich hatte mich an all diese Dinge noch nicht gewöhnt. Den grünen, jungen Tieren sah man ihre Gefährlichkeit nicht an, das einzelne Tier war auch nicht wirklich ekelig, eher grazil. Die Penetranz liegt immer in der Masse, pflegte Arne gerne zu sagen, und das beträfe nicht nur die Heuschrecken. Vier Stockwerke unter mir auf der Asphaltstraße war die Masse verendet. Ob es die Kälte der Nacht war?

Schräg gegenüber entlang der Straße waren die weiß getünchten Villen aus der Kolonialzeit in helles Licht getaucht. Wie aufgereihte Perlen blendete ihr Glanz. Nur ein paar Schritte dahinter, im nahen bairro, kamen die Menschen wie allmorgendlich stocksteif aus ihren Hütten gekrochen und wärmten sich an den gelben Lehmwänden, die sich der Sonne entgegen reckten. Solange ich die Heuschrecken über die Balkonbrüstung aus den Kleidungsstücken schüttelte, war mir beklommen zumute. Nicht der Tiere wegen, es war der Anblick dieser betrüblichen Nachbarschaft. Ich liebte es, hoch oben zu wohnen und den ungehinderten Blick bis zu den Tafelbergen schweifen zu lassen. Dieser Blick aber sah immer zugleich auch das Elend. Die Leute in den flachen, weißen Villen zogen hohe Mauern um sich oder errichteten Zäune aus lebendem Blattwerk, um das Elend, das der Bürgerkrieg gebracht hatte, von sich fernzuhalten. Wenn man mit einem von ihnen über die Menschen im bairro reden wollte, erntete man nur beleidigtes Schweigen. War denen beim Anblick des Elends ebenso beklommen zumute wie mir? Oder fühlten sie sich von den vor dem Krieg geflüchteten Landsleuten gestört? Ohne diesen sinnlosen Krieg hätte jeder Einzelne von denen sein Überleben selbst gesichert.

Warum ging mir das alles durch den Kopf? Die bairros waren — für mich jedenfalls — immer da gewesen und mit ihnen die Erklärung, warum sie da sein mussten. Ich kannte es nicht anders, die Einheimischen kannten die Zeit sehr wohl, als die Stadt nur ihnen gehörte. Damals war es angenehmer, in dieser Stadt — der Perle des Südens — zu leben. Jetzt waren viele Häuserwände zerschossen, die Fenster geborsten und etliche Bauruinen verkamen in jahrelanger Starre, weil deren Bauherren es vor mehr als zehn Jahren vorgezogen hatten, das Land zu verlassen, das kein Herrenvolk mehr um sich haben wollte. Als dann die neue Aggression begann und die lehmigen Krebsgeschwüre die Grünflächen am Stadtrand überwucherten, wurde die Perle matt, verlor ihren Glanz, und mit den Elendsvierteln schwand der junge Glanz einer geeinten Nation. Über Hunderttausend Menschen lebten jetzt in der Stadt, die für zwanzigtausend genügen würde. Die meisten waren notdürftig eingepfercht zwischen selbstgeformten Lehmwänden unter notdürftigen Dächern.

»Lauter Dumme und Faule werden es nicht sein, die jetzt dort hausen«, hatte Arne zu seiner Diplomandin Celestina gesagt.

»Wie gebrochen, wie schuldlos entwürdigt müssen die Menschen sich fühlen?«, mischte ich mich in das Gespräch, wohl ahnend, dass die Leute aus den Hütten einst auf dem Land ihr Auskommen hatten.

»Jeder Mensch, vor dem ein Unglück auftaucht, fühlt sich ausgestoßen, minderwertig geworden«, wich Celestina aus, als gäben meine Worte nur ein Gefühl wieder, einen Trugschluss. Sie hatte leicht reden. Ihr ging es gut. Sie hatte einen Beruf, konnte nebenbei studieren und fuhr einen kleinen weißen Käfer, um den sie jeder DDR-Bürger beneidete. Ob sie wirklich dachte, diese Menschen fühlten grundlos, ausgestoßen zu sein? Fragte sie danach, ob ihre Landsleute je Beistand bekamen, ob sie wirklich satt wurden und ihrer Tradition folgen konnten, ihrem Glauben nachgingen oder auch den schon längst verloren hatten? Davon wollte die Studentin nichts wissen.

Später, Gott sei Dank nicht zu spät, bekam ich dann selbst den Blick für den einzelnen Menschen in dieser beklagenswerten Masse, deren bescheidene Wünsche in den Sorgen versickerten, in den Ängsten, in der Hoffnungslosigkeit dieser staubigen Welt. Ich musste erleben, wie sie das ganz normale Leben an sich vorbeiströmen ließen und nur noch in Zeitabständen dachten, die von der einzigen Mahlzeit am Tage bis zur nächsten reichte.

Aber davon später.

An jenem Tag ahnte ich noch nichts davon. Ich ahnte nur, wie gut es mir trotz aller Einschränkung noch ging. Ich beklagte mich nie. Nur meine Unwissenheit über alles, was mich umgab, lähmte mich zuweilen, machte meinen Geist unbeweglich, ließ nur eine Denkrichtung zu. Zurück.

Am folgenden Sonntag brachen wir auf zur Fahrt nach Tundavala. Björn und Bernhard, die beiden OSK genannten Staatssicherheitsleute hatten zuvor den Weg ausgekundschaftet und ihn für sicher befunden. Es war gesetzt, dass kein DDR-Kooperant ohne Begleitung eines der OSKARs, wie wir sie kurz nannten, den Schutz der Gruppe verlassen durfte. Sogar unsere Fahrt zum einzigen freien Gemüsemarkt in dreißig Kilometer Entfernung — auf dem nicht gekauft, sondern getauscht wurde — musste einer der Bewacher mit seiner Waffe begleiten. Es war für keinen von uns noch überlegenswert, jeder hatte sich daran gewöhnt. Hier war es auch leichter als zuhause, diesen Umstand der ständigen Bewachung zu ertragen, hier gab es schließlich eine echte Gefahr.

Die Natur und der klare Himmel sollten uns diesem Tag etwas Leichtigkeit geben. Unser kleiner Konvoi nahm die Straße nordwestlich über die Tafelberge und bog hinter dem Hügel der Igreja Senhora da Monte nach Westen ab. Der Weg entlang einer Bergfalte war ausgewaschen und steinig. Rechtsseitig in der Senke lagerten Unmengen rostiger Hinterlassenschaften des Krieges. Ausgebrannte LKW, auf Minen gelaufene Panzer, zerschossene Kriegsmaschinerie. Die üppige Natur besiegte die Spuren des Verderbens, wo das Verderben noch am Leben war. Überall, wo noch vor Wochen das Braun der Dürre vorherrschte, begann dichte Vegetation zu sprießen. Jetzt war das Land wirklich grün. Nur der Jungaustrieb der kleinwüchsigen Bäume und Sträucher hatte ein rötliches Braun, als hätte die Sonne ihre ganze Pracht darin zur Ruhe gebettet, um sie an diesem Morgen zu neuem Strahlen zu erwecken. Am Wegesrand streckten rosa Agaven ihre Blütenstängel mannshoch in den Himmel. Hin und wieder blitzte das feurige Rot eines Weihnachtssternes durch das üppige Grün. Jetzt ging es der Natur gut, es regnete täglich einmal. So erquicklich diese Zeit auch war, mit dem Regen wuchs neue Gefahr. Tagsüber fühlten wir uns sicher, aber jede Dämmerung hieß Achtung vor der gefährlichen Anopheles.

Ich war das erste Mal hier oben. Alle aus unserer deutschen Gruppe fuhren gerne hier herauf auf die Felsplateaus über der Schlucht, die über sechshundert Meter in die Tiefe reichte. Hier war die Luft rein und würzig. Der einzige Hinweis auf Zivilisation war ein einsames Wirtshaus. Davor war der Weg zu Ende. Ein junger Mann im schneeweißen Hemd und dunkler Hose machte sich an den Blumenrabatten zu schaffen, ein anderer lehnte gelangweilt in der Tür. Hier herauf verirrte sich kaum ein Gast und auch wir hatten es nur auf den Picknickplatz unweit des Hauses abgesehen. Steinerne Bänke und Tische, gemauerte Grillroste und schattenspendende Bäume — Rudimente aus der Kolonialzeit. Mehr brauchten wir nicht.

Ich sog die würzige Luft tief in meine Lungen, ehe das gleißende Licht der Mittagssonne uns in den Schatten der wenigen Eukalyptusbäume verdammen sollte, die dem Holzraub der Hoffnungslosen noch entgangen waren.

Beinahe dreißig meiner Landsleute verteilten sich in kleinen Gruppen um die steinernen Tische. Jedes Paar hatte einen gut gefüllten Picknickkorb dabei und selbst gemachte Säfte. Dieser Tag hatte noch etwas Besonderes. Jemandem war es gelungen, einen Kasten N’Gola-Bier außer der Reihe zu organisieren. So alle zwei bis drei Wochen hatten wir Anspruch auf einen kleinen Kasten pro cartaò de abastecimento. Das war jene Lebensmittelkarte für den hiesigen Einkauf, die nur der bekam, der Arbeit hatte. Zwanzig kleine Flaschen Bier waren lächerlich wenig für alle, aber immerhin, es war Bier, auch wenn es zuweilen nach Stachelbeeren schmeckte.

Die fenda von Tundavala ist eine gewaltige Schlucht im Bruch zwischen Serra da Chela und Serra da Neve. Zu dieser Zeit stürzten kleine Bäche von den Felsen herab und ergossen sich in die Täler, wo sie in der dürstenden Erde versiegten. Da, wo das Wasser sich sammeln konnte, traf sich Alt und Jung.

Die Waschplätze nahe der Stadt, oft zwischen Felsgestein gelegen, waren die Badestuben für Mensch und Vieh und die Tummelplätze der Kinder. Berge von Textilien wurden hier von den Frauen gewaschen. Sie lachten und redeten dort miteinander, bis die Sonne die über heiße Felsbrocken ausgebreiteten Kleidungsstücke getrocknet hatte. Wenn die Frauen mit ihren Kiepen auf den Köpfen —bisweilen waren sie auch noch voller nasser Wäsche — und mit ihren Babys auf dem Rücken wieder nach Hause gingen, lachten sie ebenso, als wäre es keine Anstrengung.

Der schwere süße Geruch gelber Akazien breitete sich über dem Picknickplatz aus und kroch mir unerträglich stark in die Nase. Arne hatte sich einem Skatspielertrupp angeschlossen und die Frauen lamentierten über diverse häusliche Verrichtung, die für jede Einzelne nichts als Rückständigkeit bedeutete. Auch ich konnte der fremden Lebensart kein Lob abringen. Zum Lamentieren war ich noch weniger geboren worden. Keiner von uns hätte es ändern können, wenn Brot aus den Transportsäcken auf die dreckige Ladefläche des offenen Lastwagens kullerte und das Vieh, dessen Fleisch wir maximal viermal im Jahr erhielten, in Holzfällermanier zerteilt wurde.

Ich dachte an Carlos und daran, wo er wohl wohnen könnte. Ganz bestimmt da weit unten im grünen Land, von wo er seinen Blick auf die Felsen gerichtet haben mochte, die er nie erklimmen sollte. Und ich dachte an meine Kinder.

Mein mütterlicher Schmerz im Herzen und die nächtliche Angst seit meiner Ankunft, wandelten sich bald in nachdenkliche Stille. Ich fühlte mich merkwürdig untätig, obwohl es täglich viel Mühe bereitete, das profane Leben abzusichern. Mein Herz wurde nie leicht und mein Kopf war wie leergeblasen.

Das änderte sich erst viel später, als ich anfing, heimlich zum Bairro zu laufen…

KINDER IM STAUB DER STRASSE

Ich erinnere mich ungewöhnlich gut an den Tag, wo die Veränderung ihren ungewollten Anfang nahm. Es war Sonntagvormittag. Wir waren — ordentlich bei Björn abgemeldet — mit unseren deutschen Nachbarn Hellen und Dietmar zu Fuß den weiten Weg bis zum Stadtpark gegangen, der hier feira genannt wurde, weil in diesem Areal alle großen Zusammenkünfte stattfanden. Der Morgen war noch mild, und wir genossen die Ruhe. Zu dieser Zeit hielten sich kaum Menschen da draußen am Fuße der Tafelberge auf. Eigentlich war es der netteste Vormittag, den wir je mit Hellen und Dietmar verbracht hatten. Wir saßen auf einer Bank und lauschten den Wasserspielen, die das Schwimmbecken im unteren Park speisten. In einem bombastischen Gummibaum zirpten Zikaden. Wir hielten unser Picknick ab und erzählten von zuhause, von den Kindern und unseren Berufen, die wir Frauen vermissten. Der Tag ging dahin, aber keiner verspürte Lust, wieder von hier aufzubrechen, Dabei war es höchste Zeit. Wir hatten und bis gegen Sechzehnuhr abgemeldet. Gegen Siebzehnuhrdreißig begann die Sonne rasant hinter die Bergen zu verschwinden und ab Achtzehnuhr war es zu jeder Zeit stockdunkel. Der Weg zurück war lang. Beinahe eine Stunde war zu laufen, aber Dietmar meinte, es gäbe einen kürzeren Weg quer durch den bairro.

Wir liefen auf halber Distanz zwischen Tafelberg und Stadtzentrum durch ein unendlich großes, unendlich verwirrendes Gebiet. Offiziell nannte man diese Ansammlungen der Flüchtlingshütten bairro, aber wir wussten längst, dass dieses Wort schlicht Stadtteil heißt. Dies hier waren in Wahrheit Elendsviertel, wo die Straßen ihre Namen verloren, sich in Trampelpfade verengten um ganz zu versanden. Hier atmete die Wirklichkeit unter der Weite des afrikanischen Himmels unheimliche Bedrückung. Hier hausten die Ärmsten der Armen, Menschen ohne Arbeit und ohne Besitz. Ihr fremdes Zuhause war nichts als vier nackte Lehmwände unter einem Wellblechdach. Sie hatten sich aus dem Staube gemacht, aus Furcht vor Überfällen und vor Zwangsrekrutierungen ihrer Söhne in die Armee des »schwarzen Hahnes« Jonathan Savimbi, der bei der Befreiung von den Portugiesen der Wegbegleiter des Staatspräsidenten Eduardo dos Santos war.

Nach dem Sieg hatte der Geruch von Macht die einstigen Freunde entzweit, ihr Streben nach Vormacht in verschiedene Lager getrieben — zu Lasten der Menschen, für die sie Verantwortung zu tragen hätten.

Hier im Staub am Rand der Stadt fühlten sich die Menschen zwar sicherer als zu Hause auf ihrem Stück Land, das sie nährte. Versorgt und behütet waren sie hier keinesfalls. Die städtische Infrastruktur war für zwanzig-, vielleicht auch dreißigtausend Menschen ausgerichtet. Jetzt warteten hier über hunderttausend Menschen auf das Ende des längsten und mörderischsten Krieges auf diesem Kontinent.

Durch die Elendsviertel zu gehen, war uns seitens der DDR verboten. Es sei zu gefährlich, zu unübersichtlich. Das konnte jeder, der sich einmal darin verirrt hatte, guten Gewissens bestätigen.

Nun liefen wir auf einem Damm entlang, der noch die Reste des Schienenstranges einer Zubringerbahn trug. Das machte mich ruhig. Die Gleise würden irgendwo spitzwinkelig auf den Bahnhof treffen. Von da aus verlief die Asphaltstraße in Richtung Stadtmitte, an der das Laureano stand, das Haus, in dem die meisten DDR-Kooperanten wohnten und das noch immer den Namen seines portugiesischen Erbauers trug, wie viele Häuser in der Stadt.

Vom Damm aus konnte man über die notdürftigen Umfriedungen in die Höfe der Hoffnungslosen blicken. Die ärmlichen Behausungen aus Lehm und Gras hatten selten Türen. Die Eingänge waren mit Stofffetzen geschützt, bestenfalls diente am Abend ein Wellblechrest als Tür. Solche Bleche lehnten überall an den Hauswänden. Ihr Vibrieren begleitete mit schaurigen Klängen das dumpfe Schlagen der Stampfstöcke in die Getreidemörser. Vor jeder Hütte gab es eine Feuerstelle aus aufgeschichteten Steinen. Dort kohlten die Enden dicker Baumstämme oder zusammengesammelter Äste. Äxte oder Sägen besaß keiner hier.

Die Höfe waren sauber gefegt, aber Berge von Müll und stinkendem Unrat türmten sich ein paar Schritte entfernt an den Wegen. Magere, von nächtlichen Kämpfen zerschundene Hunde, Hühner und sogar Ziegen liefen frei herum und wühlten im Abfall nach Brauchbarem.

Je näher man der Stadt kam, sah man kleine Gartenflecken zwischen den Hütten, was von längerem Aufenthalt zeugte. Hier wie dort war die Zeit zu leben kurz bemessen worden, das einst erhoffte Kriegsende aber war schon lange verstrichen.

Dieser bairro erstreckte sich kilometerweit vom Rande des Stadtkerns bis zum Fuße des Tafelberges, und sogar an dessen Hängen klebten schon vereinzelt Behausungen, als hätte sie die vorzeitliche Sintflut dort hinauf gespült. Längs des schmalen Weges sahen die Höfe trist aber sauber aus, während weiter an der Peripherie Unrat und Dreck vorherrschten. Hinter einem üppigen Busch aus Zuckerrohr und Bambus blitze das seltene, halbrunde Gebilde eines Backofens aus Lehm hervor.

In dieser Zeit spürte man noch das Wachsen der Natur, ehe die jungen Pflanzen durch die schwirrende Hitze der Tage erstarren sollten, bis der Himmel ihnen wieder den Segen schickte, der ihr Siechtum für ein paar Wochen beendete.

Eine kleine Menschenansammlung zwang uns, einen Bogen um üppiges Gestrüpp zu schlagen. Da wo der Weg in einen kleinen Platz auslief, saßen ein paar Männer in ein Spiel mit Kieselsteinen vertieft. Die Runde wurde von Schaulustigen flankiert, die in ärmliche Kleider gehüllt waren. Die kleinen Kinder hüpften splitternackend dazwischen herum. Ein verkrüppelter Junge mit dem Körper eines ausgehungerten Gerippes schaukelte, nur auf seine übergroßen Hände gestützt, über den festgestampften, lehmigen Boden. Seine nackten Beine — zum ewigen Schneidersitz verschränkt — schimmerten wie Elfenbein, hell und knöchern. Das Muster der hingeworfenen Steine musste einen der mürrischen Alten in Trance versetzt haben. Seinem Mund entwichen unheimliche Worte, seine Hand deutete auf den Krüppel, der allem Anschein nach durch seine pure Anwesenheit zum Schuldigen für das Pech des Alten im Spiel erklärt wurde.

Wir liefen eiligst in angemessener Entfernung vorbei, in der Hoffnung, nicht Zeugen eines Unheils zu werden. Es kam vor, dass diese selbst ernannten Weisen in den vom Schicksal geplagten Wesen die Ursache irgendeines Unheils erkannten und sie dafür kollektiv bestraften.

Etliche Meter weiter, vor einer größeren Hütte, die über zwei Türen und einen Stall für Ziegen und Federvieh verfügte, saßen Halbwüchsige über Schnitzarbeiten gebeugt. Einer sprang auf und winkte uns zu, näher zu kommen, um etwas zu kaufen. Ein anderer Junge schnitzte ein Krokodil, das Arne gefiel. Obwohl er den Boss der Schnitzer hinter sich wusste, redete Arne nur mit dem Jungen. Der aber durfte nicht verhandeln, schien trotzdem sehr stolz über die unverhofften Worte des Fremden zu sein. Seine Augen blitzten noch weiß, wo das Weiß hingehörte, weil das giftige Gebräu des gujome seine Leber noch nicht zerfressen hatte. Der Mund des Jungen lächelte kindlich, samtig: Nein. Er habe noch nie ein Krokodil gesehen. Er arbeite nach, was sein patron gearbeitet habe, als er noch ein zé-ninguém war, wie er einer sei. Jetzt brauche der patron nicht mehr zu arbeiten. Er sprach mehr mit den Händen, die flink und geschickt zu hantieren gewohnt waren, als mit dem Mund, der immer wieder zu Lauten griff, die fremd klangen. Wir verstanden ihn dennoch. Krokodile, so meinte er, lebten im Wasser. Hier aber gäbe es kaum Wasser. Noch schlimmer sei es im Westen, nur trockene Flussbette sogar in der Regenzeit.

Ich zeigte auf ein Nashorn, das bereits mit Wichse schwarz poliert neben anderen Figuren auf einem Holzklotz stand. Es gefiel mir.

»Nao conheces tambèn?«, fragte ich fonetisch vermutlich unkorrekt, denn ich hatte nur halbherzig und nur autodidaktisch Portugiesisch gelernt. Doch das störte diese Menschen nicht. Es war ja auch nicht ihre Sprache. Eindringlinge hatten sie ihren Vätern und Großvätern und Urgroßvätern auferlegt. Unter sich sprachen sie die Sprache ihrer Väter. Keiner von uns kannte sich aus mit den Volksstämmen und deren Sprachen, so, wie wir DDR-Bürger die große Welt nicht kannten, nicht kennen durften. Aber mehr als irgendwo sonst spürte man hier das großherzige Bemühen zu akzeptieren, wie ein jeder in der Lage war, sich verständlich zu machen.

Die Augen des Jungen huschten hastig hin und her, von uns zum patron und zurück. Nein. Er habe auch noch nie ein Nashorn gesehen, sagte es lächelnd. Die Kinder in den bairros kannten die afrikanischen Tiere weniger gut, als die Kinder in Europa.

Der Boss saß unbeweglich auf einem Holzklotz im Schatten und rauchte, die Beine weit auseinandergestellt, die Ellenbogen auf die Schenkel gestützt, seinen Oberkörper nach vorne gebeugt. Arne ging zu ihm und versprach, später auch das Krokodil noch zu holen, wenn es fertig sei. Dem Jungen steckte er behände ein paar Bonbons zu, in der Hoffnung, der Boss würde sie ihm lassen. Ein einziges Bonbon hatte hier den gleichen Schwarzmarkt-Preis wie ein Stangenbrot aus dem staatlichen Handel.

Der Mann hatte in seiner Trägheit nichts bemerkt, während die Augen des Jungen zu glühen begannen. Unruhig scharrten seine Füße im Staub, doch er beugte sich tief über das Krokodil aus hellem Holz und schnitzte weiter.

»Ate logo«, rief Arne zum Abschied. Er zwinkerte dem Jungen zu und zog das Zaunfeld aus Draht und Binsen wieder ordentlich vor den Ausgang. Kaum waren wir außer Sichtweite, zupfte Hellen Arne am Ärmel und wetterte in ihrem unverwechselbaren Jargon: »Schade um die Bonbons, Arne. Der Alte lässt die dem Jungen nicht. Da wette ich.«

Im Innersten wusste ich, dass es so sein konnte, aber Wasser auf die nie verstummende Mühle von Hellens Lamento zu kippen, behagte mir nicht. Wenn ich schwieg, hielten ihre Tiraden meist nicht lange an. Also schwieg ich in der Gewissheit, auch niemals im Leben gewusst zu haben, wohin unsere Soli-Spenden flossen. Immer hatten wir gehofft, sie mögen die Bedürftigen erreichen. Ohne diese Hoffnung, ohne das Vertrauen in die Instanzen, funktioniert keine Solidarität. Auch nicht die gewaltige, pflichtgemäße der sechzehn Millionen Menschen meines Heimatlandes.

Schon bald hörten wir hastige Schritte und ein Schnaufen dicht hinter uns.

»Amigo, obrigado! Amigo!« Der Junge war uns gefolgt, in seiner Hand glitzerte es bunt. Er lachte breit und deutete auf eine armselige Hütte am Ende des holprigen Weges.

»A minha casa.«

Er lehnte seinen Körper gegen den Pfosten am Stacheldrahtzaun und schob das lose Feld einen Spalt breit zurück. Geschmeidig wie eine Katze wand er sich hindurch und lief zu den Frauen, die vor der Hütte mit wuchtigen Schlägen Maismehl oder Hirse stampften. Die jüngere, hochschwangere Frau im zerfetzten Kittel trug ein Kleinkind auf den Rücken gebunden, dem das ständige Auf und Ab das Wiegenlied ersetzte. Die Frauen blickten ernst, keine hielt inne. Nicht einmal beim Anblick der bunt verpackten Bonbons erhellten sich ihre Gesichter, die runzelig und matt aussahen, wie vertrocknete Mangos. Wortlos nahm die ältere entgegen, was der Junge ihr reichte und trug es in die Hütte. Diesen Moment nutzte die jüngere, um ihren Körper einen Moment zu strecken. Mit einer Hand den Rücken stützend, ließ sie ihre Augen blitzschnell den Stand der Sonne suchen, ehe das rhythmische Schlagen erneut den stark gewölbten Bauch und gleichsam das Baby auf dem Rücken erschütterte.

Auf dem säuberlich gefegten Boden türmte sich ein kleiner Haufen gelber Kolben. Zwei kleine Mädchen saßen davor und puhlten den Mais mit ihren wundgescheuerten Fingern. Ein anderes Kind, vermutlich ein Junge, spielte im Dreck. Einen Vater sahen wir nicht. Es dauerte nicht lange, bis der freundliche Junge sich wieder durch den Drahtzaun zwängte und seine dunkle, von Schwielen durchfurchte Hand auf den Arm meines Mannes legte. Ich konnte meinen Blick nicht lösen vom Anblick der Kinderhand, die sich so deutlich von der Haut des weißen Mannes abhob, der in den Augen des Jungen ein weiser Mann zu sein schien. Oder ein reicher? Es war nicht nötig zu grübeln, was für das Kind, das vermutlich seine Familie zu ernähren hatte, als wertvoller galt.

»Eu Enkembe«, sagte er mit strahlenden Augen, die scheu zu den Frauen hinüber blitzten, deren dumpfes Schlagen mit den Stöcken wieder den erbarmungslosen Takt ihres Lebens bestimmte. Der Junge blieb stehen, ohne ersichtlichen Grund. Er schien ruhig, nur die nackten Füße, die bis zu den Knien mit hellem Staub bedeckt waren, scharrten unruhig über den trockenen Weg. Arne strich dem Kind über das krause Haar, das hart und knotig aussah, aber nicht schmutzig und nicht verfilzt.

»Eu Arne, deste Maxi, a minha Esposa. Deste Amigos Allemaes«, stelle er uns der Reihe nach vor, um irgendetwas zu erwidern. Dann fiel ihm ein zu fragen, warum der Junge keines der Bonbons probiert habe. Enkembe zog die Schultern bis zu den Ohren und er erklärte, er habe nicht das Recht, darüber zu entscheiden. Sein Vater würde es tun, später. Er wies mit dem Kopf in die Richtung, wo sich die Männer dem Stumpfsinn und den magischen Steinbildern hingaben, während den Frauen die Last der harten Arbeit blieb. Dieses weibliche Fügen in die Tradition machte mich ebenso betroffen wie das ganze Elend ringsum. Zuerst hatte ich gedacht, dass diese unerträgliche Wirklichkeit ein Traum sein musste, man wischt sich die Augen und sieht wieder klar. Wenn ich nachts darüber nachgedacht hatte, war mir unsere Anwesenheit in diesem Land so sinnlos erschienen. Wenngleich Arnes Arbeit einen Sinn machte, so war es doch nur ein winziger Tropfen auf heiße, brodelnde Lava. Von mir fiel nicht einmal dieser Tropfen auf die Erde. Wenn ich aber bei Tage meine Augen mit dem Elend quälte, dann schien das kleinste bisschen Hilfe so wichtig und so zwingend. Das Elend zu sehen und sich einzubilden, nicht helfen zu können, erkannte ich bald als Selbstbetrug.

DER MUT EINER UNWISSENDEN

Nicht zum ersten Mal fragte ich mich, warum wir hier waren. Wenn es um Solidarität ging, warum halfen wir denen nicht, die in der allergrößten Armut vegetierten. So wie diese Hoffnungslosen Opfer unverständlicher Fehlentscheidungen waren, so wurde ich mehr und mehr Opfer meines Gewissens. Ich hatte nichts dagegen, dass wir Frauen seit Anbeginn unseres Aufenthaltes allerlei Solidaritätsgeschenke bastelten, dass wir nähten und strickten. Dass wir Kuchen buken und Säfte kochten, wenn es ein Kinderfest in der Stadt oder in einem großen Betrieb auszugestalten galt. Ich hatte auch nichts dagegen, einigen Leuten aus der Stadt all das abzugeben, was uns aus der staatlichen Versorgung geboten wurde, aber nicht unserem Geschmack entsprach. Das betraf unseren angolanischen Freund Marco ebenso wie die junge Frau, Dida, eine aus der Putzkolonne für das Treppenhaus des Laureano. Marko war eines Abends zu Arne gekommen, weil er einen Brief aus der DDR übersetzt bekommen haben wollte. Marko war eins Basketball-Spieler bei der angolanischen Nationalmannschaft. Nach einer schweren Verletzung wurde er in Bad Saarow geheilt und unterhielt noch immer Briefverkehr mit Schwestern und Ärzten. Er hatte zu uns großes Vertrauen, und bisweilen erwartete er auch, etwas geschenkt zu bekommen.

Dida hingegen brachte immer das kleinste ihrer vielen Kinder mit zu Arbeit, und bisweilen saß das kaum einjährige auf dem puren Beton und knabberte an einem rohen Fisch herum, was mir einen Stich bis unter die Kopfhaut versetzte. Warum sollte ich nicht auch Dida etwas von dem abgeben, was wir ohnehin nicht selbst aßen.

Ich konnte auch all den Leuten, die zum Tauschen in unser Haus kamen, abgeben, was ich erübrigen konnte. Der Gegenwert war maximal etwas Handgeschnitztes oder frische Gartenfrüchte, zu denen wir ansonsten keinen Zugang hatten. All diese Leute litten nicht so, wie die Elenden im bairro in unvergleichlicher Weise zu leiden hatten.

Die simple Einsicht, durchaus Gutes zu tun, aber nicht an der notwendigsten Stelle, nagte an mir. Nicht mehr besonders quälend, nicht mehr besonders vorwurfsvoll, immerhin sah ich jetzt einen vagen Weg vor mir, für den Rest der Zeit nicht unschlüssig den Mond anheulen zu müssen. Das Herz sieht schärfer als die Augen. Mein Herz hatte längst entschieden, wohin mein Hirn mich steuern sollte. Es war Zeit, mich von der zwangsauferlegten Nebenrolle einer mitreisenden Ehefrau zu emanzipieren und meine Nachbarin Hellen sollte teilhaben an diesem guten Gefühl. Noch vermied ich es, ihr genau zu sagen, was in mir vorging.

Die Luft war trocken und es wehte ein leichter Wind. Zehn Uhr stand die Sonne nordöstlich über dem Kopf von Christo Rei und ließ die Blüten der violetten Bougainvillea aufleuchten. Ein Anblick, den Arne besonders mochte, der ihn noch Jahre später, als wir endlich auch ohne staatlichen Auftrag in alle Ecken der Welt reisen durften, in verzückte Erinnerung versetzte, auch wenn er den Namen dieser Blüten noch heute nicht aus seinen Hirnwindungen heraus kramen kann.

In Momenten wie diesen konnte sogar Hellen die Widrigkeit des staubigen Weges ignorieren oder wenigstens tolerieren. Auch ihre Augen blieben ungewöhnlich lange an dem Farbenspiel haften, während ihre Lippen den Vergleich zwischen den Schönheiten dieses Landes und den vielen Unannehmlichkeiten zu formulieren versuchten, denen wir hier ausgesetzt waren. Weil ich dazu schwieg, blieb sie stehen und stippte mich heftig an:

»Stell dir vor Maxi, du müsstest immer hier leben? Neben diesem Dreck und der Armut …« Die Blicke ihrer rollenden Augen tasteten mein Gesicht ab, das sich bemühte, so gleichgültig wie nur irgend möglich zu tun.

»Man kann überall leben. Der Ort ist nicht das Wichtigste.«

Es schien, als fragten Hellens Augen, was für mich das Wichtige sei, aber sie war zu sehr damit beschäftigt, dem Unrat auszuweichen, der mit jedem Schritt zunahm, den wir auf den bairro zugingen,.

»Das Wichtigste im Leben ist immerhin, genau zu wissen, was das Wichtigste ist«, vollendete ich meine Gedanken, ohne wirklich auf Hellens Befindlichkeit achtgegeben zu haben. Ich war nicht bei der Sache, meine Unruhe war kaum zu beherrschen, aber irgendwie traf mich ihre Frage. So wenig ich früher daran geglaubt hätte, einmal in diesen Winkel der Welt zu geraten, so sehr bewusst machte mir eben diese Tatsache, dass man immer auf einen plötzlichen Wandel des Lebens gefasst sein musste.

»Arne meint, wegen des Klimas würde er gerne bleiben.«

»Und du?«

»Ich natürlich nicht!«

Meine Worte kamen zu barsch über die Lippen. Es war nicht fair. Ich benutzte Hellen an diesem Vormittag für meine Zwecke, nun sollte ich auch ihre Nachteile ertragen. Mehr noch, ich sollte nett zu ihr sein.

»Es ist doch das uralte Lied: An grauen Novembertagen wünschst du dir den Himmel von Afrika, und wenn du ihn hast, denkst du an nichts anderes, als an erfrischenden Regen. Das Wichtigste ist beides dennoch nicht. «

Hellen stöhnte leise. Dieses Stöhnen kannte man nicht nur von Hellen. Es war ein winziges Indiz des Aufbegehrens unserer, an ihr Geschick gewöhnten Generation.

»Wenn wir wenigstens verreisen dürften wohin wir wollen. Ans Mittelmeer oder in die Alpen. Wäre das nicht klasse, Maxi?«

Ich glaubte ihr, dass sie es nur in die ferne Welt zog, nicht aus dem heimischen System. Sie hatte eine erwachsene Tochter im Alter unseres Sohnes Nico, der verheiratet war aber nicht sorgenfrei, weshalb diese Ehe kein Hort für unser Tochter Ina war.

»Bist du der Landschaft wegen mit Dietmar mitgegangen?« Wenn ich Hellen richtig einschätzte, hatte sie auf alles, was sich im Leben ihrer Ehe je geändert hatte, den größeren Einfluss, auch wenn dieser nur im Abwenden scheinbar nachteiliger Entscheidungen ihres Mannes lag.

Hellen stolperte neben mir her wie ein Huhn im Schnee und antwortete atemlos. »Wir wussten doch nicht, wohin man uns schickt. Ich wäre lieber in ein reiches Land gegangen. Aber wer weiß, vielleicht hätte ich dann nie wieder nach Hause zurück gewollt.«

Das war neu. Hellen schwärmte zwar nicht zum ersten Mal von fantastischen Gegenden der Welt, doch zum ersten Mal war es ihr gelungen, mich neugierig zu machen:

»Heißt nicht gewollt auch nicht gegangen?«

»Wo denkst du hin!« Der Satz kam genauso barsch über ihre Lippen, wie kurz vorher einer von mir. Nur eines war anders. Hellen trug jetzt nicht die Züge ihrer ständigen Abscheu gegen dieses Stückchen Land, gegen Schmutz und fehlende Hygiene zur Schau. Ihre Augen begannen zu leuchten wie die Bougainvillea.

»Ich freue mich auf mein Zuhause.« Sie streckte ihre Hände in die Luft und spreizte die Finger: »Noch neun Monate, Maxi. Neun. «

Sie konnte nicht verbergen, was ihr bei dem Gedanken an zuhause durch den Kopf ging. Doch dann war es doch ungewöhnlich. Hellen, die beinahe ausschließlich von Hausfrauensorgen bewegt wurde, begann ein Loblied auf die Sozialleistungen in der DDR zu singen. Zu guter Letzt legte sie einen Finger auf die Lippen und sprach von ihren westdeutschen Verwandten, von denen niemand wissen durfte.

»Die loben unser Sozialsystem, aber bei uns leben will keiner von denen da drüben.«

Noch viele solche Worte holperten aus ihrem Mund, wie ihre Füße über den ausgetretenen Weg. Mir schien es, als müsste ich sie auffangen, bremsen. Ich hatte keine Lust, mit Hellen über diese Dinge zu reden. Sie redete sonst nie über Politik. Warum heute, wo meine Sinne fest auf ein bestimmtes Ziel gerichtet waren. Meine Unlust war nicht zu überbieten, dennoch ging ich auf Hellen ein:

»Jeder wünscht sich das, was er nicht hat. Wir die Reisefreiheit und deine Westverwandten mehr Sorge um den Menschen. Das ist wie mit dem Himmel von Afrika und dem gewohnten Novemberregen.«

Hellen war stehen geblieben und zupfte sich mit staunenden Augen herumfliegende Samen von der Bluse.

»Eines hab ich nie verstanden, Maxi. Die nennen es Demokratie und sind stolz darauf. Und wir tun dasselbe, obwohl doch Welten dazwischen liegen.«

Angesichts der immer drückenderen Hitze und der Mühsal, die uns das Laufen bereitete, vermied ich es, jeglichen Anschein von Interesse zu hinterlassen. Hellen hatte trotzdem gesiegt. Im Stillen dachte ich nach. Auch wenn ich mir manchmal wünschte, in einigen Dingen des Lebens freier entscheiden zu können, weniger biegsam den Erwartungen der Obrigkeit zu entsprechen, so ruhte doch jene Ahnung in mir: Die mündigen Bürger in der freiheitlichen Demokratie, auf die so manch einer von uns neidisch schielte, könnten einer gnadenlosen gesellschaftlichen Konfrontation ausgesetzt sein. Parteiengerangel. Machtkampf. Ellenbogengesetz. Wir hingegen hatten keine andere Wahl, dafür aber die gutgläubige Hoffnung, die Zuversicht auf eine friedliche Welt, auf die Solidarität mit benachteiligten Völkern, auf den Siegeszug der Menschenwürde auf diesem Planeten und den Stolz, auf neuen Wegen der menschlichen Gesellschaft zu schreiten.

Während mein Kopf den Schlagabtausch zwischen dem goldenen Westen mit seinem Wirtschaftswunder und dem unschätzbaren Sozialwunder im Osten führte, liefen unsere Füße durch den Staub der realen afrikanischen Welt. Dieser Staub umhüllte bereits unsere Schuhe und kroch langsam bis zu den Knöcheln. Ich musste mich zwingen, nicht auffallend schneller zu laufen, war ich doch kribbelig auf den Moment, den ich beabsichtigt, aber Hellen verheimlicht hatte.

Nachdem ich im Durcheinander von Trampelpfaden und Hütten beinahe die Orientierung verloren hätte, quälte der trocken-muffige Geruch eines Abfallberges unsere Nasen. Hier war die Stelle, an der wir in Richtung Damm abzubiegen hatten, um jene Hütte zu finden, nach der ich suchte. Prompt wollte Hellen zurückgehen und begann mit ihrem Gezeter von tückischen Krankheiten, die man sich auf diesen Wegen holen könne. Nicht umsonst sei uns nahegelegt worden, diese Gegenden zu meiden. Wegen der jämmerlichen Volkskunst sollten wir dieses Risiko nicht eingehen. Außerdem fände ich in Luanda an jeder Ecke ein solches Krokodil. Das hier sei eh΄ kein wertvolles Schwarzholz, nur mit Schuhkrem eingefärbte Pinie oder Eukalyptus, und wer weiß, was Kenner davon halten würden.

»Man braucht immerhin einen selo für jedes Teil. Was für den Zoll nicht wertlos ist, wird auch nicht wertlos sein. Später einmal wird der ideelle Wert für uns der größere sein.«

Warum war ich nicht still, warum verhandelte ich noch? Es war ohnehin zu spät umzukehren. Wenn der Dürstende das Wasser spürt, gibt es kein Zurück mehr. Selbst bei größter Gefahr.

Hinter dem Müllberg saßen Kinder, wühlten im Unrat nach Essbarem und starrten uns mit großen Augen an. Einige von ihnen reckten ihre schmutzigen Hände uns entgegen und ich war sicher, wir würden bis zu unserem Ziel eine kleine Eskorte aus hungrigen Mündern mit uns ziehen, die Grimassen schneiden und wilde Verrenkungen aufführen würden. Ich war diese Wege durch den bairro noch nicht oft genug gegangen, um so viele Kinder zu bemerken. Der Schlafende weiß von nichts. Nur wer sich auf den Tag einlässt, dem öffnen sich die Augen.

Als ich zum ersten Mal unten in der Stadt Kinder im Müll gesehen hatte, war meine einzige Regung pures Entsetzen, Verachtung für die Eltern, die nicht auf ihre Kinder achteten. Es seien doch keine Ratten, und der Unrat sei kein Ort für das Spiel eines Kindes, das gesund und kräftig werden sollte, um seine Eltern einmal ernähren zu können.

Wie hatte man sich inzwischen an den Anblick gewöhnt!

Ich konnte plötzlich nicht mehr reden, nicht darüber, worüber Hellen gewöhnlich schwatzte. Ich wünschte, auch ihr ginge es wie mir. Doch der Anblick des Elends führt bei verschiedenen Seelen durchaus zu verschiedenen Resultaten. Hellen trat heftig mit den Füßen in das dürre Gras neben dem staubigen Weg und ließ wieder ihr ständiges »igitt« durch die in Ekel festverbissenen Zähne schlüpfen. Dabei rümpfte sie ununterbrochen die Nase. Mindestens genauso energisch versuchte sie, mich noch einmal zur Umkehr zu bewegen. Sie tat mir leid. Was musste sie ob ihrer empfindsamen Wahrnehmung gelitten haben. Es gab hier kaum zwanzig Meter Weg, auf dem kein Unrat lag, kaum ein Gebüsch, aus dem nicht die Exkremente gen Himmel stanken. Nur um die Opuntien schwirrten die Schmeißfliegen nicht in Scharen herum, obwohl gerade diese bombastischen Gebüsche als Ersatz für fehlende Latrinen dienten. Die Natur weiß sich offenbar besser zu helfen, als der Mensch dem Menschen.

Je näher wir der Hütte in der dritten Reihe kamen, desto sicherer war ich, wenn auch nur für einen kurzen Moment, dass meine Knie zitterten. Ich vermisste den Widerhall der Mörser, dennoch konnte es keine Vorahnung gewesen sein. Mein Herz raste in dem Maße, wie der löchrige Zaun mehr und mehr vom Elend preisgab, von dem wir nichts ahnen konnten. Diesmal waren an Enkembes Hütte auch zwei Männer anwesend. Sie knieten auf der blanken Erde und zimmerten notdürftig eine kleine Kiste zusammen, keine sechzig Zentimeter lang. In der Tür lehnte, abgemagert und mit fadem Gesicht jene Frau, die vor einigen Tagen mit schwangerem Leib zusammen mit der Alten Hirse gestampft hatte.

Mir war sofort klar, woher dieser Schmerz in mir rührte. Jene Kiste, für die sich der Vater heute einmal Zeit nahm, sollte das tote Baby aufnehmen, das keine Chance hatte, in dieser Welt zu überleben. Alle fünf Sekunden stirbt auf dieser Erde ein Mensch an den Folgen der Unterernährung, das hatte ich im Sputnik gelesen.

»Es war der Hunger«, sagte ich, fest davon überzeugt, Hunger sei auch in diesem Land die Todesursache Nummer eins.

»Dieser verdammte Krieg«, fluchte Hellen, in dem sie sich beide Hände vor ihren erschrockenen Mund presste. Ob es wirklich nur der Krieg war, der den Hunger brachte, bezweifelte ich. Für Politiker war der Krieg der Vater aller Rechtfertigungen. Wir waren keine Politiker, wir mussten es uns nicht so einfach machen. In einem aber hatte Hellen Recht. Nicht Malaria, nicht Tuberkulose oder Aids waren die Ursachen des Massensterbens. Nicht einmal die kriegsbedingte Übervölkerung dieser Stadt schien das Problem zu sein. Ich musste nicht einmal an meine angolanischen Nachbarn Rosa und Tharkino denken, man brauchte sich nur umzusehen. Die Lebensmittelknappheit war nichts als der Auswurf korrupter Ungerechtigkeit.

Um Hellen bei der Stange zu halten, murmelte ich die Weisheit eines Experten der Welthungerhilfe vor mich hin, die mir schon seit geraumer Zeit nicht aus dem Sinn ging:

»Auch wenn die meisten Opfer nicht im strengen Sinne verhungern, so sterben sie doch an Krankheiten, die bei guter Ernährung nicht lebensbedrohlich gewesen wären.«

Ich spürte Hellens Hand auf meinem Arm und hörte ihr stoßartiges Raunen, doch zu reden war sie nicht imstande.

»Es gäbe genug zu essen auf dieser Welt«, murmelte ich, selbst unschlüssig, was in diesem Moment am Zaun leidgeprüfter Menschen zu tun sei. Das allerdings durfte ich mit Hellen nicht bereden, nicht jetzt. Noch eine Weile standen wir betroffen herum. Nur ein schäbiger Zaun trennte uns von dem Elend, genug, um zu ergründen, jeder für sich und ohne Worte, wie viel fremden Leides man ertragen kann. Auch Hellen schien das gleiche Entsetzen gepackt zu haben wie mich.

»Die armen Kinder«, zischte sie dicht neben mir, zog an meiner Bluse und schob ihr Gesicht dicht hinter meinen Kopf, als dürften diese Menschen da hinter der Absperrung sie nicht erkennen, ihr Wohlergehen nicht begreifen.

Ich war in diesem Moment auch nicht gerade stark, und immer, wenn ich mich schwach fühlte, dachte ich an mein Kind, das so unerreichbar fern von mir war. Dafür sei es wohlernährt und gutgebildet, sehnsuchtsvoll im Moment, aber an Körper und Geist unversehrt, wie man sagt.

Heute bin ich von der Unversehrtheit der kindlichen Seele nicht mehr überzeugt, aber die Zeit half mir über die Trugschlüsse des Lebens hinweg. Sie heilte nicht die Wunden mütterlichen Leidens, wohl aber die meiner Unwissenheit. Sie machte mich klüger, aber nicht ruhiger. In diesem Moment unschlüssigen Verharrens war ich endlich einmal wütend.

Im hinteren Winkel des Hofes, wo die Sonne ein helles Dreieck in den Sand malte, hockten die Kinder der Familie beieinander mit großen, ängstlichen Augen. Sie sprachen kein Wort. Auf den ersten Blick waren es ganz normale Kinder, zerzauste Wuschelköpfe, verschmierte Münder, gelb-verkrustete Nasen und ebensolche Krümel in den Augenwinkeln. Man konnte sicher sein, sie waren nicht an diesem Morgen so schmutzig geworden. Also fehlte es an Wasser. Vom einzigen Bach, der durch diese Stadt floss, waren wir soeben gekommen, etwa drei Kilometer von hier entfernt. Neben der Hauptstraße dicht beim Laureano floss er von West nach Ost durch die bairros dieser Stadt. Wie weit es von hier bis zur Quelle unterhalb der Igreja Senhora da Monte war, konnte ich nicht abschätzen, aber es war sehr weit für nackte Füße.

Das Auffälligste an den Kindern waren ihre runden Bäuche, die die Kleinen wohlgenährt erscheinen ließen, wüsste man nicht um die Folgen der Unterernährung. Nur Enkembe hatte keinen so aufgedunsenen Bauch. Er stand bei seinen Geschwistern und bastelte an einem Drahtgestell herum. Not beflügelt zuweilen die Fantasie. Enkembe hatte aus Draht und einer zerbeulten Fanta-Dose ein kleines Vehikel geformt, das die Grundform eines Autos erkennen ließ. Er hatte uns bemerkt, rührte sich jedoch nicht vom Fleck. Ein wenig beklommen winkte ich ihm zu. Nur mit den Augen und einem leichten Lächeln, schon kam er angeflitzt. In meiner Tasche zusammengeknüllt steckte ein Ringelpullover, den ich eigens für den Jungen mitgenommen hatte. Das war es, was mir den ganzen Weg über eigenartig auf der Seele brannte. Man wusste nie, womit man den Menschen hier eine Freude bereiten konnte. Einmal wollte ich einer Landfrau meine Strickjacke schenken. Sie saß vor ihrer armseligen Hütte bei den Hügeln außerhalb der Stadt und stillte ihr Kind. Die pralle Brust quoll aus den Löchern ihres zerfetzten Kittels. Dennoch wehrte die Frau meine großzügige Gabe ab. Für sie hatte das Ding keinen praktischen Wert. Ihrer Geste zufolge wollte sie lieber pano, irgendeinen Stoff, in den sie sich selbst nach Belieben wickeln oder ihr Kind damit auf dem Rücken festbinden konnte. Sicher war Stoff auch hilfreich für die Nacht, deckte den Körper zu, oder auch zwei. Jedenfalls besser, als die schön gemusterte Jacke, die nur für einen einzigen Menschen taugte, nur für den Tag geschaffen war und nur für einen Teil des frierenden Körpers reichte.

Der Junge schien nicht so weltfremd, er würde sich sicher über den farbenfrohen Pullover freuen, dachte ich. Mir war das gute Stück von jeher zu auffällig gemustert, zumindest für eine Frau um die vierzig mit schlichtem Selbstverständnis. Irgendwann in diesem Land und mit ungeeigneten Waschmitteln war er beim Waschen auch noch eingelaufen. Es fiel also nicht schwer, auf diesen Pullover zu verzichten. Ich zog ihn erst aus der Tasche, als Enkembe vor mir stand. So wie ich ihn an den Körper des Jungen hielt, ging er ängstlich einen Schritt zur Seite. Es schien, als erinnerte er sich in diesem Moment an Arnes Worte über das Krokodil und gab mir zu verstehen, dass er nicht zu tauschen berechtigt sei.

»Eu nào queria trocar«, sagte ich wahrheitsgemäß, obwohl sich Hellen bereits wunderte, warum ich plötzlich nichts tauschen wollte. Die Szenerie jenseits des Zaunes hatte offenbar ihren Hang zum Protest erstickt. Zum Tauschen wäre mir, hätte ich es vorgehabt, in der Tat nicht mehr zumute gewesen. Zwar schien auch der Junge verwundert, sein Blick aber senkte sich traurig. Sanft, beinahe ehrfürchtig berührten seine zerschundenen Hände das weiche Material, das ich ihm mit Nachdruck über die Schultern legte.

»Para ti.«

»Para mi?«, flüsterte er fragend. Dabei füllten sich seine großen Augen wässrig. Wenn man will, kann man feuchte Augen bei einem heranwachsenden Kind als Ausdruck eines tapfer ertragenen Leides ansehen. Ich sah sie so, weil ich nur Freude in den Augen des Jungen erwartet hatte, den ganzen Morgen schon. Ich lächelte und schluckte schwer an dem Kloß, der meine Kehle blockierte. »Sim, sim, para ti.«

Mit kurzem Nicken gab ich ihm ein Zeichen, er solle ihn überstreifen. Enkembe zögerte und warf seine Blicke um sich, doch niemand befahl ihm, es nicht zu tun. Niemand hinter dem Zaun gab auf ihn acht. So wie er meine Hand auf seiner Schulter spürte, erstarrte er. Ich konnte nicht anders, als meinen Finger über seine Haut streichen zu lassen, behutsam doch vor den Blicken der Leute an der Hütte verborgen. Ich würgte schwer am Kloß in meinem Hals. »So para ti!« Das sollte ihm die nötige Sicherheit geben, es sei ein Geschenk nur für ihn und das könne ihm keiner mehr nehmen. Der Junge blickte auf, blinzelte mit einem lachenden Auge zu mir auf und schlüpfte ungeschickt mit vor Ehrfurcht erstarrten Gliedern durch die Ärmel, ehe sein Kopf nach einem rasanten Aufwärtsschwung der schon ringelbedeckten Arme durch die Halsöffnung schlüpfte.

Ich merkte schnell, dass sich hinter Enkembes wachem Blick etwas ganz Besonderes verbarg, etwas, das in diesem Umfeld nicht ans Tageslicht drängen durfte, wohl aber im Verborgenen loderte, genau so, wie es in meiner eigenen, überaus armen Kindheit gewesen war. Niemand durfte bemerken, wie ständige Hoffnung, wie unerfülltes Sehnen nach wahrlich winzigen Freuden die arme Kinderseele verbrannte. Am wenigsten sollte meine Mama es spüren, die sich schon viel zu sehr zu mühen hatte, um fünf hungrige Mäuler durch die Wirren der Nachkriegszeit zu bringen.

Dieser Junge wird sich von seinem widrigen Leben ebenso wenig unterkriegen lassen, da war ich sicher. Solange ich in der Nähe war, klebten seine Blicke an mir, stolz, leuchtend. Ein heimliches Flehen aber blieb. Ich musste mich zurückhalten, durfte keine Hoffnung schüren, die nicht zu halten war.

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210 стр. 1 иллюстрация
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9783754184400
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