Читать книгу: «Schwarzer Kokon»
Matthias Kluger
SCHWARZER KOKON
Buch 1 und 2
Roman
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2016
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Copyright (2016) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor
Titelfoto:
Madness concept. Emotional girl in strange pose © Wisky (Fotolia)
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2016
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Widmung
Buch 1 – 1728 bis 2007
Der Anfang
Die Suche
Vor dem Sommerball
Übermut
Der Sommerball
Das Verhängnis
Die Suche geht weiter
Ratlose Veronika
Die Flucht beginnt
Das Imperium
Die Frage der Todesstrafe
Ein Schuldiger ist gefunden
Das Gewitter zieht auf
Scharfrichter und Henker
Gelingt die Flucht?
Abas Verhaftung
Der Fluch
Die Todesstrafe?
Stephens Frauen
Der Sperling
Marcs Entlassung
Der Leitwolf
Die Brüder
Das Dunkel des Waldes
Der Oberste Gerichtshof entscheidet
Hugh
Das Frühstück
Die Stadt
Zolas Geschichte
Vereint und schuldig
Das Ende der Ehe
Veronikas Flucht
Sam schaltet sich ein
Die Vernissage
Fredriks Versuch
Die Senatoren
Zurück im Herrenhaus
Tumelos Vermächtnis
Abschied von Tumelo
Heimliche Leidenschaft
Marcs Entdeckung
Willsons Rückzieher
Die Eroberung
Die Geburt
Leben und Tod
Der Kampf
Die Schriften der Bibel
Die Verhaftung
Das politische Aus
Geschwister
Die Jury
Im Gefängnis
Die Beichte
Der Fluch erfüllt sich
Marias Enthüllung
Ein neuer Zellengenosse
Morbus Addison?
Die Entscheidung
Der Raub
Mahoni
Metamorphose
Clextons Zorn
Die Einzelzelle
Miss Fitch
Die Reise
Krankenstation
Die Zerrissenheit Fredriks
Hughs Vergangenheit
Zurück zur Uni
Francis und Sammy
Ein seltsamer Ort
Columbia
Die Truhe
Nachdenkliche Zola
Der Auftrag
Untersuchungshaft
Wo ist Stephen?
Zola und Jessika
Wohin wärst du geritten?
In ein anderes College?
Zu viele Fragen!
Besuch bei Miss Fitch
Aba spricht
Ein Farbiger als Bruder
Philipp kämpft
Die Zusage des Colleges
Russ’ Grab
Das College von Charleston
Clexton schwört Rache
Die Wohnungssuche
Unheil zieht auf
Cops im Einsatz
Die Opferung
Lincoln tobt
Zolas Rache
Das neue Zuhause
Clextons Grab
Im Kaufhaus
Zurück in Charleston
Unterlagen des Genealogen
Die Droge Deboras
Knastbesuche
Lincoln schöpft Verdacht
Das Fundament des Haskins-Imperiums
Des Rätsels Lösung
Marcs Entlassung
Der Streit
Das Testament
Wäre Lincoln nicht gewesen
Zu Besuch
Geburtstag
Der Tag in Charleston
Offene Worte
Kampf der Sucht
Sie machen sich Sorgen
Buch 2 – 2011 bis 2015
Die Absolventen des Jahrgangs 2011
Der Anwalt
Die Anklage
Ich kenne dich!
Namensgleichheit
Treffen der Freunde
Fredriks Hochzeitsrede
Die Verhandlung
Zurück im Hotel
Der Fanatiker
Willson und Harper
Die Dienstanweisung
In der Obhut des FBI
Zentrale des FBI
Pressetermin
Post kündigt sich an
Neue Identität
Den Brief in Händen
Die Dinge entwickeln sich
Ein weiterer Blog
Stephen meldet sich
Der Stick
Alles hat seinen Preis
NICHT SCHULDIG
Das Standbild
Der dreißigste Geburtstag
Ein fataler Fehler
Southern Poverty Law Center
Die Spur wird heiß
Rufus Quade
Ein Treffen nach Jahren
Etwas mehr als nichts
Stephen gibt sich zu erkennen
Keine weiteren Beweise
Wirst du mich hassen, wenn ich ihn wiedertreffe?
Liebe und Freundschaft
Zu den Akten
Da der Tag sich jährt
Aufbruch nach Charleston
Gefahr in Verzug
Fahndung nach Quade
Wieder in Charleston
Der Feind in Charleston
Die Suche beginnt
Ich hab Plätze für uns reserviert
Reine Vorsichtsmaßnahme
Mother Emanuel African Methodist Episcopal Church
Einsatzteams vor Ort
Das Attentat
Ausnahmezustand
Die Gedanken sind bei Stephen
Die Geschichte geht weiter
Epilog
Literaturhinweise
Fußnoten
Dieses Buch ist meiner einzigartigen Frau Aimie gewidmet.
Gemeinsam haben wir Höhen und Tiefen durchlebt.
Gemeinsam lieben wir unsere Tochter Lea und die Familie über alles.
Mein ganz besonderer Dank gebührt meinem Lektor, Philosoph Friedhelm Zühr, Eva und Michael, Ingrid und Karl.
Buch 1
Der Anfang
Zola stand barfuß in der Hütte, eine Behausung aus Stroh und einfachen Holzplanken. Sie schnappte nach Luft und röchelte leise. Ihre Silhouette wirkte im Mondlicht, welches durch Ritzen der Hüttenwände ins Innere drang, sonderbar verkrampft – ausgestreckte Arme, flehende Finger. Blut tropfte aus ihrem Schoß, rann die schlanken Beine herab über die Füße und versickerte, zu dunklen Flecken werdend, im Staub. Vor dem Schlafplatz ihrer Mutter Aba, der nur aus einer Wolldecke bestand, sank Zola kraftlos auf die aufgeschlagenen Knie. Höllische Schmerzen durchfuhren den Körper.
Durch das dumpfe Geräusch geweckt, erwachte Aba und blickte in fiebernde Augen. Ein Aufschrei des Entsetzens zerriss die nächtliche Stille. Mit bebenden Händen umschloss Aba das schmerzverzerrte Gesicht ihrer Tochter, die außerstande schien, eine Regung zu zeigen. Gurgelnde, nicht verständliche Laute. Speichel und Tränen, die sich als Rinnsal den Weg über die eingefallenen Wangen bahnten.
Zola spürte noch die rauen Hände ihrer Mutter – als sich ein schwarzer Vorhang über sie legte. Sie fiel bewusstlos zur Seite.
Aba zog Zolas erschlafften Körper auf ihren Schlafplatz und zündete mit zittrigen Händen den Kerzenstummel an, welcher in einem schlichten Tongefäß auf dem Lehmboden neben ihr stand. Im Schein des Kerzenlichtes erschauderte sie beim Anblick des geschundenen Körpers. Das weiße Hemdchen, welches Zola, seitdem sie im Herrenhaus arbeitete, mit Stolz trug, war zerrissen, bedeckte nur knapp ihre birnengroßen Brüste und gab die schlanken, wohlgeformten Schultern frei. Tiefe Kratzwunden formten ein seltsames Muster in die dunkelbraune Haut. Ansonsten war Zola nackt. Aba besah wie in Trance die tiefen Kratzspuren der Schenkel und sie spürte den Schmerz, so als wären es ihre eigenen Wunden. Klebrige dunkle Feuchtigkeit überzog Zolas Haut.
In Panik griff sie nach alten Lumpen, die sie sonst zum Waschen des Gesichtes verwandte, aus dem hölzernen, mit Wasser gefüllten Eimer und reinigte damit zuerst das Gesicht, weiter Zolas Schultern und Beine.
Was war nur passiert, dass ihre Tochter derart zugerichtet in ihrer Hütte lag? Wurde sie von Wölfen angefallen, die rund um die Plantage keine Seltenheit waren?
Aba überlegte Hilfe zu holen, doch war der Einzige, der in Frage kam, Tumelo, der im Herrenhaus untergebracht war. So befeuchtete sie weiter und weiter das Gesicht ihrer Tochter in der Hoffnung, dass diese die Augen öffnete.
Das Morgenrot kündigte bereits den neuen Tag an, während Aba noch immer unter leisem Wimmern in der Hütte kniete, das Ohr an Zolas Nase und Mund. Atmete Zola noch? War Zola nur bewusstlos oder lag da gar die leblose Hülle ihrer Tochter?
Die Suche
Charleston, South Carolina, 1732
Clexton Baine zählte zu den zehn reichsten Plantagenbesitzern in Charleston. Den fast unermesslichen Reichtum verdankte er dem Geschick seines Vaters Matthias Maria Baine, der 1699 als irischer Auswanderer mit dem Anbau von Reis und dem »weißen Gold« – die Baumwolle – in Charleston zu Wohlstand kam. Clextons Mutter, eine zierliche Irin, starb im Kindsbett und so verließ Clextons Vater, wie viele irische Landsleute in jener Zeit, ein Jahr nach Geburt des Sohnes Irland, um im neuen Land sein Glück zu finden.
Schon als Kind zeigte sich in Clexton ein Gefühl des Ekels vor den vielen Sklaven, die unter Anweisung des Vaters die Wälder am Fluss rodeten und zu fruchtbarem, mit aufwendigen Wasserkanälen durchzogenem Ackerland veredelten.
Im Laufe der Jahre, in denen er zu einem großen, breitschultrigen Mann heranwuchs, formte sich aus der widerwärtigen Abneigung Clextons eine grausame, kalte Mentalität den Sklaven gegenüber. Jedes Tier auf der Plantage genoss einen höheren Stellenwert als die – seiner Meinung nach – »stinkenden Schwarzen«, welche für ihn einzig billige, jederzeit austauschbare Arbeitskräfte waren. Höllenangst war es dann auch, die sein ständiger Begleiter war. Höllenangst vor dem Hass aller Sklaven. Diese Furcht bestimmte sein Handeln, nicht den kleinsten Anschein von Schwäche zu zeigen, und wurde durch regelmäßige, grausame Bestrafungen der Arbeiter bei noch so geringem Anlass offenbart. Die Angst der Sklaven um ihr Leben musste größer sein als die seine.
Wie alle Plantagenbesitzer in Charleston verschiffte Clexton die geerntete Baumwolle des vierhundert Hektar umfassenden Guts nach England. Seine wichtigsten Abnehmer hatten ihre Arbeitsstätten in der Grafschaft Lancashire. Billige Arbeitskräfte, die man für Anbau und Ernte laufend benötigte, wurden auf dem Sklavenmarkt im Hafen von Charleston angeboten. Segelschiffe, meist zweimastige Briggs oder Schoner, transportierten die Sklaven auf Handelsrouten aus Westafrika und der Karibik nach Charleston. Freiheit fanden nur die leblosen Körper der wegen sehr schlechter hygienischer Zustände zu Tode gekommenen Frauen, Männer und Kinder. Von ihren Fesseln erlöst warf man sie über die Reling zur letzten Ruhestätte ins offene Meer. Jene Menschen aber, die zu Hunderten den Transport im Schiffsrumpf auf engstem Raum zusammengepfercht und an Massenpritschen angekettet überlebten, wurden zu Leibeigenen. Für sie begann eine neue Zeitrechnung als »Unfreie« im Gelobten Land.
Clexton Baine war, da er die Sklaven nicht einzeln, sondern stets im Dutzend bezog, bei den Händlern sehr angesehen. So wurde für ihn – von den skrupellosen Schiffseignern – bereits vor dem Kauf eine Auslese im Verhältnis von zehn männlichen zu zwei weiblichen Sklaven getroffen. Neben Alter, Körperbau und gesunden Zähnen achtete man auf erkennbare Krankheiten wie Skorbut, die nicht selten die Sklaven befiel.
Auf den Plantagen angekommen, wies man den Farbigen Unterkünfte zu. Von zwei bis zu acht Personen hausten sie nach Geschlecht getrennt in kleinen Hütten. Die Schlafstätten bestanden aus Decken am Boden, zu essen bekamen sie Maisbrei und Wasser. Ohne Rechte war der Sklave Eigentum seines Herrn – ihm auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.
Clexton stand auf der großen Veranda des im typischen Kolonialstil erbauten, auf einem Hügel stehenden Herrenhauses und blickte in die Ferne. Über dem Rest der Plantage blendeten die ersten warmen Strahlen der noch tief liegenden Sonne, sodass Clexton seine Augen mit der Hand beschattete. In Richtung Osten sah Clexton die nahe gelegenen, strohbedeckten Hütten der Unterkünfte seiner Sklaven, weiter entfernt die Plantagenfelder bis zum Fluss Ashley River, der die natürliche Begrenzung in Richtung Osten bildete. Reges Treiben hatte die Plantage bereits erfasst. Die Vorarbeiter, wegen der sprachlichen Verständigung auch Sklaven, waren angehalten, bei Sonnenaufgang die Arbeitskräfte auf die Felder zu schicken, bis sie abends im Dunkel wieder zurück in die Hütten kehrten. Er versuchte zu erkennen, ob sich die Sklaven an diesem Morgen anders verhielten, er konnte jedoch nichts Ungewöhnliches ausmachen.
Trotz alledem – dieser Morgen war anders.
Clextons Gedanken schwirrten wild durcheinander und verursachten ein beklemmendes Gefühl.
Jäh unterbrach ihn seine Frau Veronika, als sie mit ihrem gemeinsamen, gerade einjährigen Sohn Joseph Matthias Maria auf die Veranda trat. Der kleine Joseph hatte die beiden Vornamen des Großvaters väterlicherseits erhalten, wurde aber stets »Jos« genannt. Veronika, eine groß gewachsene Frau mit langem blondem Haar, welches offen über die Schultern fiel, wurde vielfach beneidet um die Schönheit und Anmut, die sie mit ihren 28 Jahren ausstrahlte. Ihre Ehe mit Clexton glücklich zu nennen, wäre übertrieben. So verebbte mit der Geburt ihres Sohnes die liebevolle Zuneigung, die sie zu Beginn von Clexton erhielt. Es war keine Seltenheit, dass Clexton nachts nicht neben ihr lag.
Als Veronika wieder einmal alleine in ihrem Bett aufwachte, schlich sie an der Kinderwiege vorbei aus dem Schlafzimmer im ersten Stock und suchte nach ihrem Mann. Sie fand ihn, betrunken mit einer Flasche Gin und der Bibel auf seinem Schoß, seitlich der Eingangshalle im großen Ledersessel der Bibliothek. Unbemerkt huschte sie über die ausladend geschwungene Treppe im Eingangsfoyer hinauf ins Schlafgemach. Sie vermied es, ihn darauf anzusprechen – zu gut kannte sie seine Zornausbrüche, die kurz nach ihrer Heirat zutage kamen, wenn Unangenehmes in der Luft lag.
Irgendetwas schien ihren Mann zu beschäftigen, denn er stand angewurzelt mit Blick gen Osten am hölzernen Geländer der Veranda.
»Guten Morgen, Clexton, warst du die ganze Nacht wach?«
Clexton fuhr herum und blickte sie ungehalten an.
Schon bereute sie die spontane Frage.
Langsam, eindringlich den Blick direkt auf Veronika gerichtet, antwortete er eisig: »Ja, meine Liebe, ich bin wach gewesen. Sicher wird es dich nicht stören zu hören, dass, während du in Ruhe schlafen konntest, ich mir Gedanken um die heutige Verladung gemacht habe. Wir haben zu wenig Ware, um die Zwischendecks voll zu bekommen. Die Nigger arbeiten zu langsam und das bedeutet Einbußen, die weder du noch ich wollen – oder bist du anderer Meinung?«
»Entschuldige, Clexton. Mir liegt es fern, dich zu verstimmen.« Veronika senkte den Blick, streichelte über den Haarschopf ihres Sohnes in der Hoffnung, dass ein gemeinsames Frühstück ihren Mann wieder besser gelaunt stimmen würde. So griff sie mit der freien Hand nach der mit kleinen Ornamenten verzierten goldenen Glocke, die auf dem schlichten Messingtisch der Veranda stand.
Tumelo, ein Sklave aus Botswana, der seit sieben Jahren auf der Plantage lebte, erschien. Aufgrund der Fähigkeit, die englische Sprache lediglich durch Zuhören schnell erlernt zu haben, durfte er seit zwei Jahren als Bediensteter im Herrenhaus arbeiten. Zu seiner Aufgabe gehörte, neben dem Reinigen aller silbernen Gegenstände wie Leuchter und des Bestecks, hauptsächlich die Reparatur von Schäden, welche im über dreißig Jahre alten Herrenhaus anfielen. Nicht aber die morgendliche Versorgung der Herrschaften! Insofern verwunderte es Veronika, dass nicht Zola, das Dienstmädchen, vor ihr stand.
»Sie wünschen, Madam?«, fragte Tumelo in einwandfreiem Englisch.
»Wir würden gerne das Frühstück auf der Veranda einnehmen. Wo ist Zola?« Veronika blickte Tumelo fragend an.
Zögernd sah Tumelo erst zu Clexton, danach zu Veronika. Ihm war, als hätte sein Herr, Mr. Baine, drohend die Augen zugekniffen. Bestimmt würde Mr. Baine eine Strafe verhängen, sobald er erfuhr, dass Zola morgens nicht in der Großküche, welche im hinteren Trakt des Herrenhauses lag, erschienen war. Sollte er die Wahrheit sagen oder eine Ausrede zum Schutz von Zola vorbringen? Er entschied sich für Ersteres, zumal Mr. Baine bekannt dafür war, zu strafen, egal ob nötig oder nicht.
»Zola heute Morgen nicht in Küche, haben bereits nach ihr gesucht. War auch nicht in ihrem Zimmer – werden aber suchen.«
Ängstlich, eine Züchtigung für die Nachricht zu erhalten, blickte er mit gesenktem Haupt auf die Holzplanken der Veranda, deren weiße Farbe an mehreren Stellen abblätterte. Aus seinem Augenwinkel heraus erkannte Tumelo, wie Mr. Baine abweisend seine rechte Hand erhob.
»Wenn sie nicht erschienen ist, wird sie in der Hütte ihrer Mutter sein«, raunzte Clexton und wandte seinen Blick wieder gen Osten, in Richtung der Sklavenbehausungen. »Ich kümmere mich darum.«
Veronika blickte verwundert. Wieso in der Hütte? Warum engagierte sich Clexton derart, wo er doch sonst den direkten Kontakt zu seinen Sklaven mied und seine Anweisungen sowie die Art der Bestrafung an seine Vorarbeiter übertrug?
»Ich würde mich gerne darum kümmern dürfen«, warf sie ein. »Du hast doch sicherlich mit der heutigen Schiffsladung vieles zu erledigen.«
Zur Antwort erhielt sie den kalten Blick Clextons, der ohne weitere Diskussion und zum Erstaunen Veronikas an ihr und Tumelo vorbei ins Innere des Hauses drängte. Verwirrt sah Veronika ihrem Mann hinterher.
Tumelo hob langsam den Kopf. Würde noch eine Anweisung von Madam kommen?
»Habt ihr wirklich das gesamte Haus durchsucht?«
Tumelo nickte, blieb aber stumm. Sollte er vom Blut in Zolas Zimmer berichten, das er bei der Suche entdeckt hatte? Er entschied sich vorerst dagegen.
»Gut, Tumelo, geh hinüber zu den Stallungen und suche dort nach ihr«, befahl Veronika, »und frage Sam, ob er sie gesehen hat. Gib mir sofort Bescheid, wenn du etwas herausgefunden hast.«
Tumelo nickte abermals und schritt die Stufen der Veranda hinab in Richtung Stallungen. Veronikas Blick folgte Tumelo in Sorge um Zola, die sie in der kurzen Zeit, da sie im Herrenhaus untergebracht war, lieb gewonnen hatte.
Vor dem Sommerball
Vier Jahre zuvor, Charleston, South Carolina, 1728
Als Veronika vom diesjährigen Ball der Plantagenbesitzer erfuhr, war sie aufgeregt vor Freude, sollte das Fest doch eine wundervolle Abwechslung für sie sein. Voller Tatendrang, der ihrem jungen Naturell entsprach, empfand sie die Sommermonate auf der Plantage als äußerst langweilig und genoss daher täglich lange Ausritte auf ihrem schwarzen Hengst, den sie von ihren Eltern zum 21. Geburtstag geschenkt bekommen hatte. Mindestens einmal die Woche besuchte sie mit ihrer Mutter Tea Partys der Plantagenfamilien. Abwechselnd wurde eingeladen, ohne Beisein der Männer, da derartige Treffen den Frauen vorbehalten waren. Unterhaltungen über das wundervoll aufgetischte Gebäck oder die neueste Mode aus England entlockten Veronika allerdings nur ein müdes Gähnen. Sollte ab und an dennoch Spannung aufkommen, so meist, wenn hinter vorgehaltener Hand die Gerüchteküche blühte. Veronika liebte das Getuschel über angebliche Affären der Männer derjenigen Frauen, die nicht zur Tea Party eingeladen waren, und wurde abrupt enttäuscht, wenn die Gerüchte, wie sie fand, zu schnell im Sande verliefen. Mutter betonte dann stets, dass es sich nicht zieme, da die bessere Gesellschaft Skandale zu vermeiden hätte.
Die Sommermonate waren also unaufgeregt und so fieberte Veronika, sobald sich die Blätter der Bäume in goldenes Braun verwandelten, dem Winter entgegen. In der kälteren Jahreszeit wohnte sie mit ihren Eltern in der prunkvollen Villa direkt in Charleston City. Das rege Treiben der Stadt sowie die vielen Läden waren eine willkommene Abwechslung. Sie freute sich auf das neue Theater, welches ihr Vater mit der Stadtverwaltung an der Ecke Church Street/Dock Street plante. Doch bis dahin würden noch einige Monate vergehen, denn jetzt war die Zeit, in der die Sonne tagsüber das Land zum Glühen brachte.
Die kleine, bunte Einladungskarte zum Sommerball, auf die Veronika schon gespannt gewartet hatte, lag auf dem schweren mahagoniroten Arbeitstisch ihres Vaters Robert Turner. Er hatte seine Tochter zu sich gerufen und schob ihr die Karte lächelnd hin.
Veronikas Wangen röteten sich vor Freude, als sie die Einladung las. »Endlich. Ich dachte schon, sie würde gar nicht mehr kommen. Was soll ich nur anziehen?« Sie unterlegte ihren gespielt fragenden Blick mit Schmollmund und leicht seitlich gewandtem Kopf. Als ob dies ein Thema wäre! Ihr Kleiderschrank war voll mit prachtvoller Garderobe. Bevor ihr Vater antworten konnte, küsste sie ihn auf die Wange und tänzelte mit dem Schreiben, fest an ihre Brust gepresst, aus dem Arbeitszimmer.
Robert Turner lächelte kopfschüttelnd seiner Tochter hinterher, dann wandte er sich wieder seinen Unterlagen auf dem Arbeitstisch zu.
Die Zeit bis zum Ball wollte und wollte nicht vergehen. Seitdem Veronika den ersehnten Termin auf der Einladung gelesen hatte, waren ihr die Minuten wie Stunden und die Stunden wie Tage vorgekommen.
Schließlich war es so weit. Der große Tag des Sommerballs!
Vor lauter Aufregung erwachte Veronika vor dem Morgengrauen, noch vor ihren Eltern. Mit nackten Füßen schlich sie, in einem für sie viel zu großen Schlafanzug steckend (Veronika trug nicht die Satinkleider, die für Frauen ihres Standes üblich waren, sondern Schlafanzüge ihres Vaters), in die Küche.
Maarifa, die kleine, farbige Haushälterin mit grauen, kurz gekräuselten Haaren, zwinkerte ihr lustig entgegen. Viel zu dick für ihre Größe, unterstrich die pummelige Figur Maarifas liebevolles Wesen. Sie kannte Veronika seit deren Geburt und verbrachte, dank der Erlaubnis der Herrschaften, viel Zeit mit ihr. Vieles hatte Veronika von Maarifa gelernt, unter anderem das Kochen von schmackhaften Speisen, die Maarifa mit ihren schnellen dunklen Fingern zubereitete. Veronika betrachtete Maarifa nie als Sklavin – nein – Maarifa gehörte zur Familie.
»Was machst du denn hier um diese Zeit?«, fragte Maarifa und sah Veronika mit gespielter Verwunderung an. Natürlich wusste sie vom heutigen Ball.
»Ich bin so aufgeregt und konnte nicht schlafen und jetzt habe ich einen Mordshunger. Wie wäre es mit vier bis acht Broten zum Frühstück?«
»Sicher, nicht dass du dein Kleid sprengst?«, gluckste Maarifa.
»Dann geh ich halt in meiner Reithose, da passe ich immer noch rein.« Sie tänzelte und drehte sich vor Maarifa mit ausgebreiteten Armen, um ihre Figur zu zeigen, die man jedoch wegen des zu großen Schlafanzugs lediglich erahnen konnte.
»Ist ja gut; setz dich auf deinen Hintern und warte ab, was ich dir zaubere.« Maarifa deutete auf einen Schemel, der an der Seite der Küchentheke stand.
Veronikas Eltern würde es sicher nicht recht sein, ihre Tochter in diesem Aufzug bei ihr in der Küche frühstückend vorzufinden. Doch sie schliefen noch. Schnell hatte Maarifa belegte Brote sowie eine Tasse heißer Schokolade zubereitet. Veronika verschlang die ersten beiden mit wenigen Bissen und fragte mit vollem Mund zu Maarifa gewandt: »Was glaubst du, Maarifa? Werden dieses Jahr wieder so viele rosa Lampions hängen wie letztes Jahr? Sie leuchteten abends wie rosa Sterne.« Verträumt blickte sie an die Zimmerdecke, als ob dort dieselben Lampions angebracht wären.
»Na, spätestens in ein paar Stunden wirst du es wissen. Aber schau nicht zu sehr auf die Lampions, sonst entgehen dir die feinen Herren, die dich bestimmt zum Tanzen auffordern werden.« Maarifa lachte.
»Ach was«, entgegnete Veronika mit gespielter Gleichgültigkeit. »Die steigen mir beim Tanzen bloß auf meine neuen Schuhe und werden mich fürchterlich mit Themen wie die Handelsgeschäfte ihrer Väter, die Bestellung der Felder, bla, bla, bla langweilen.«
Doch natürlich war sie aufgeregt, die Söhne der Landbesitzer wiederzusehen, die sie sonst selten zu Gesicht bekam. Wie wird sich wohl Thomas verändert haben? Letztes Jahr zum Sommerball hatte er noch mächtig viele Pickel im Gesicht, was sie verwunderte, denn er war mit 24 Jahren längst aus dem Alter für Akne heraus. Trotz seiner Pickel fand Veronika Gefallen an ihm. Er hatte eine lustige Art zu reden und konnte spannende Geschichten über Indianer erzählen – eine tolle Abwechslung zur sonstigen Konversation der anderen jungen Männer.
Maarifa bereitete währenddessen das Frühstück für die Herrschaften zu und blickte seufzend auf vier Hühner, die sie vor Tagesanbruch geschlachtet hatte und nun für das Dinner der Herrschaften rupfen musste. Einem Huhn die Gurgel durchzuschneiden, war kein Problem für sie, das Rupfen hasste die Dicke jedoch.
»So, jetzt ist es Zeit, bevor dein Vater noch in der Türe steht und schimpft. Oder willst du im Schlafanzug auf dem Ball tanzen?« Sie wedelte Veronika mit der linken Hand zu.
Satt und glücklich sprang Veronika von ihrem Schemel, gab der kleinen Dicken noch einen flüchtigen Kuss auf die pralle Wange, dann huschte sie barfuß in Richtung ihres Zimmers im oberen Stockwerk.
Der jährliche Sommerball wurde jedes Jahr von einem anderen Plantagenbesitzer auf dessen Gut organisiert. Dieses Jahr war das Fest auf dem Anwesen von Mr. Baine, einem der begehrtesten Junggesellen des Tals.
Übermut
Washington D. C., 2001
Marc saß an einem langen Tresen, auf einem jener Barhocker der fünfziger Jahre mit knallroter Sitzfläche. Und seine hellblonden, kurzen Haare waren in der Menge an Gästen von Weitem zu erkennen. Er war groß, sportlich und Center seines Footballteams an der Georgetown University, die ihren Namen dem Sitz im noblen Washingtoner Stadtteil Georgetown verdankte. Eigentlich sollte er vormittags im Hörsaal der Universität sitzen und den Vorträgen seiner Professoren lauschen. Doch wie so oft zog er es vor, mit seinen beiden engsten Kommilitonen Patrick und Abel, die wie er siebzehn waren, in der dem Universitätsgelände nahe gelegenen Bar Marie Inn abzuhängen. Das Marie Inn war wegen der umfangreichen Frühstückskarte sowie der Möglichkeit, Billard und Darts zu spielen, beliebt bei den Studenten und vielfach schon vormittags gut besucht.
Abel, von kleiner, zierlicher Statur, entstammte einer reichen jüdischen Familie, die über Generationen im Bankengeschäft ein Vermögen verdient hatte. Trotz strengen jüdischen Glaubens seiner Familie vermied er es, tagsüber die Kippa, die jüdische Kopfbedeckung, zu tragen. Er hatte die feste Überzeugung, seine Chancen beim anderen Geschlecht würden sich hierdurch mindern. So saß er, mit dünnem, schwarzem Haar und seiner zu groß geratenen Nickelbrille auf der schlanken Nase, ebenfalls auf einem Hocker rechts neben Marc. Er musterte seinen Freund von der Seite.
»Hey, wenn du so weiter trinkst, erlebst du das Mittagsläuten nicht mehr!« Dabei tippte Abel auf das halbvolle Glas Whiskey.
»Kennst du den Unterschied zwischen arm und reich?«, entgegnete Marc. Ohne auf die Antwort seines Freundes zu warten, fuhr Marc fort: »Arme stehen um diese Zeit an der öffentlichen Suppenküche an oder liegen noch benommen vom billigen Fusel der Nacht unter einer Brücke. Ohne Chance, was zu ändern. Reiche dagegen«, er grinste, »Reiche haben das Privileg eines vollgefressenen Magens und können sich schon tagsüber mit Drinks zuschütten. Ich kann doch nichts dafür, dazu auserwählt zu sein – oder?« Er hob sein Glas und trank einen kräftigen Schluck.
»Wenn du meinst, aber wolltest du nicht heute Nachmittag zum Training auf dem Campus erscheinen?« Abel wusste zu gut, dass Marc ganz und gar in seinem Sport aufging. Seine Qualität als Center des Football Teams war auch der Grund, warum der Principal der Georgetown University Marc viel durchgehen ließ. Denn als Student zählte Marc nicht gerade zur Elite – seine Noten waren meist mangelhaft.
In Marcs Kopf drehte sich alles. Der Alkohol seiner zu schnell getrunkenen fünf Whiskeys bahnte sich den Weg ins Blut und von dort aus ins Gehirn. »Du hast recht, lass uns ne Runde Billard spielen und dann an die frische Luft.«
Nun drehte sich auch Patrick zu den beiden, der links von Marc saß, während er dem Gespräch der Freunde am Rande lauschte. Seit sie an der Bar Platz genommen hatten, war er einzig auf eine schöne Brünette, die an einem der Tische gegenüber mit ihrer Freundin saß, fixiert, die wiederum versuchte, das dämliche Grinsen Patricks zu ignorieren. »Los, komm«, seufzte Patrick, zupfte Marc am Ärmel und machte Anstalten, ihn mit in Richtung Hinterzimmer zu den Billardtischen zu bewegen. So rutschten die Freunde allesamt gelangweilt von ihren Barhockern und sichtlich wankend folgte Marc den beiden.
Als sie am Tisch der brünetten Schönheit vorbeikamen, verlangsamte Patrick seinen Gang, zupfte aus einer Laune heraus am linken Ohrläppchen des Mädchens und beugte sich zu ihr: »Heute Abend um acht hier ein Date?«
Das Mädchen sah ihn böse an, stieß seine Hand von sich und zischte: »Blödmann, verpiss dich.«
Lachend, der erteilten Abfuhr wegen, gingen sie weiter zum Hinterzimmer. Dieses war durch eine schwenkbare Holztür mit gläsern milchigem Bullauge vom Rest der Bar getrennt. Ein strenges Rauchverbot in den Bars schrieb separate Bereiche vor. So hatte der Besitzer den hinteren Raum für Raucher eingerichtet. Im Vergleich zum vorderen, im Stil der Fünfziger möblierten Barbereich, erweckte das Spielzimmer einen relativ heruntergekommen Eindruck. Eine Menge junger Leute saßen plaudernd an Bistrotischen oder standen, sich am Bier festhaltend. Schwaden gelben Zigarettendunstes durchzogen den Raum und vermischten sich mit Gerüchen aus Alkohol und gebratenem Speck. Gerade war ein Billardtisch seitlich der Wand frei geworden und die drei Jungs bewegten sich zielstrebig darauf zu. Das defekte Neonlicht über dem Tisch flackerte in unregelmäßigem Takt. Jeder nahm sich einen Queue aus der Halterung an der Wand, während Abel alle Kugeln für den ersten Anstoß auf dem mit grünem Stoff überzogenen Tisch zurechtlegte.
Ohne zu fragen, übernahm Patrick mit der weißen Kugel in der Hand den Anstoß; dies war das ungeschriebene Recht des besten Billardspielers unter den dreien. Krachend traf die Weiße den Rest der Spielbälle, während der Blick aller die erste Kugel suchte, die ihr Ziel in einem der Löcher des Tisches fand.
Währenddessen öffnete sich die Schwenktür und das brünette Mädchen von eben kam, gefolgt von ihrer Freundin sowie zwei groß gewachsenen Jungs in schwarzen Lederjacken, herein. Sie blickte sich um, deutete mit ihrem Zeigefinger auf die drei ins Spiel Vertieften und flüsterte einem der Männer etwas ins Ohr.
Sogleich bahnten sich die beiden ›Lederjacken‹ den Weg zum Billardtisch, während die Brünette mit ihrer Freundin am Eingang stehen blieb. Der Größere der beiden stupste Patrick von hinten an dessen Schulter. Leicht stolpernd drehte sich Patrick um, derweil Abel, als Kleinster in der Runde, einen Schritt zur Seite trat. Marc, vom Alkohol noch benebelt, brauchte etwas länger, um die angespannte Situation zu begreifen.
»Hey, du College-Bübchen, hast du meine Freundin angegrapscht?«
»Moment, Moment, ruhig Blut, Brauner«, entgegnete Patrick und überlegte kurz, welche ›Freundin‹ wohl gemeint war. Dann entdeckte er die beiden Mädchen grinsend am Eingang stehen. »Ich wusste ja nicht, dass sie ›deine‹ Freundin ist, darüber hinaus habe ich sie keineswegs begrapscht. Was hältst du davon, wenn ich euch allen einen Drink spendiere und wir vergessen das Ganze?«
»Ihr College-Jungs glaubt wohl, was Besseres zu sein, und habt dann nicht mal Eier in der Hose.« Der Große wandte sich triumphierend zu seinem Kumpel. In seinem Blick war zu sehen, dass er Streit suchte.
Du kommst mir gerade richtig! Nicht mal Eier in der Hose? Was für ein Idiot, dachte Marc. Bekannt dafür, keinem Streit aus dem Weg zu gehen, trat Marc vor Patrick, bis er dem Wortführer der beiden Halbstarken direkt gegenüberstand. Sie waren zu dritt, auch wenn Abel bestimmt keine große Hilfe in dieser Situation sein würde. Sein Gegenüber hatte ungefähr die gleiche Größe, ebenso wie Marc erweckte dieser nicht den Eindruck, zum ersten Mal in solch einer Situation zu sein.
»Wir wollen doch jetzt keinen Zoff«, ermahnte Marc. »Nimm das Angebot meines Freundes lieber an, sonst brauchst du noch einen Strohhalm für den Drink.«
Allen war klar, dass Marcs Auftreten keineswegs zur Entspannung der Situation beitrug, doch sein Alkoholpegel stimmte ihn mutiger, als wenn er nüchtern gewesen wäre.
Marcs Blick fixierte sein Gegenüber, um die Reaktion, wie sie auch ausfallen sollte, schnell zu erfassen.
Im Bruchteil einer Sekunde und ohne jegliche Vorwarnung schlug die Lederjacke zu. Marc konnte seinen Kopf noch leicht zur Seite bewegen, doch die Faust des Angreifers traf ihn am rechten Wangenknochen. Er spürte den Schmerz, taumelte und wäre gefallen, hätte Patrick, hinter ihm stehend, ihn nicht gehalten. Blitzschnell duckte sich Marc, schnellte wie ein Puma vor, seinen Kopf in den Bauch des überraschten Angreifers rammend. Die umherstehende Menge stob lauthals auseinander, während einige Gläser klirrend zu Bruch gingen. Prustend flogen beide zu Boden, als Marc auf seinem Gegner landete. Noch ehe sich die Lederjacke vom Gewicht Marcs Körpers befreien konnte, schlug dieser ihm mitten ins Gesicht. In seiner Faust spürte er das Knacken der Nasenknochen. Blut spritzte, wodurch sein Rivale derart benommen war, dass er mit beiden Händen sein Gesicht vor weiteren Schlägen zu schützen suchte.
Heftiger Schmerz durchfuhr nun Marcs Rücken, da der zweite Randalierer zu einem Queue gegriffen, diesen, mit heftigem Schwung ausholend, krachend auf Marc niederschlug.
Abel stand zu weit abseits, um eingreifen zu können, und auch Patricks Reaktion war zu langsam gewesen. Nun aber reagierte Patrick mit einem Hieb in die Nieren des Angreifers. Sofort war Marc wieder auf seinen Beinen und ging prügelnd auf diesen los. Beide, Marc und Patrick, hatten ihn in der Mangel. Er war chancenlos.
Das Ganze hatte sich innerhalb weniger Minuten abgespielt und wäre als Schlägerei in einer Bar nicht weiter erwähnenswert gewesen – hätten nicht zwei Polizisten der USCP (United States Capitol Police) an einem der hinteren Tische im Barbereich ein verspätetes Frühstück zu sich genommen. Vom Krach des Hinterzimmers aufgeschreckt, eilten sie durch die Schwenktür, an der noch wie angewurzelt die zwei Mädchen standen. Die Polizisten sahen den am Boden Liegenden mit blutender Nase sowie Marc, der gerade seinem Gegenüber in den Magen boxte. Einer der Cops packte Marc von hinten und drehte ihm, im geübten, schon hundertmal erprobten Griff, den rechten Arm auf dessen Rücken. Der Polizist zog Marc in leichte Rückenlage. Zwar sah Marc nicht, wer hinter ihm stand, doch dessen Partner in schwarzer Polizeiuniform. Der Blondschopf leistete daher keinen weiteren Widerstand, als der Polizist am Hosenbund zu Handschellen griff und sich diese um Marcs Handgelenke am Rücken schlossen.
Der zweite Cop beugte sich über den Verletzten, zog ihn helfend auf die Beine, während dieser schmerzverzerrt seine gebrochene Nase hielt: »So ein Schwein, so ein besoffenes Schwein.« Blut und Speichel spritzten bei seinen Worten. Anscheinend hatte auch seine Oberlippe eine Platzwunde; er sah blutverschmiert zu Marc, während auch bei ihm die Handschellen klickten.
»Ihr beiden kommt mit aufs Revier und ihr anderen«, der Blick des Officers wanderte erst zum zweiten Lederjackenträger, danach zu Patrick, »haltet die Füße still, ist das klar?!«
Beide Raufbolde stolperten, fest im Griff der Cops, an den beiden Mädchen vorbei durch die Schwenktüre.
Auf dem Parkplatz vor der Bar wurden sie unsanft in einen weißen Polizeiwagen, Ford Crown Victoria mit blauen Streifen und orangefarbener Aufschrift POLICE, verfrachtet. Immer noch in Handschellen saßen sie hinten im Wagen, während die beiden Cops vorne Platz nahmen. Der Polizist auf der Beifahrerseite drehte sich um und Marc erkannte dessen dunklen Oberlippenbart durch das Gitter, welches den Fond des Wagens zu ihm trennte.
»Mach mir bloß keine Scheißflecken aufs Polster.« Grimmig blickte der Cop ins Gesicht des Blutenden, anschließend wandte er sich an seinen Kollegen am Steuer: »Lass uns den zuerst ins Foggy fahren.«
Foggy war das nahe gelegene George Washington University Hospital in der 23rd NW im Stadtviertel Foggy Bottom. Sie fuhren los Richtung Pennsylvania Avenue und erreichten nach knapp zehn Minuten die Klinik. Der Bärtige öffnete die hintere Tür, zog Marcs Widersacher, mit seinen Händen an Kopf und Schulter, aus dem Wagen und verschwand mit ihm durch den Haupteingang. Derweil wurde im Streifenwagen nicht gesprochen, sodass Marc dem Polizeifunk, der rauschend wie knackend irgendwelche Informationen einer weit entfernten weiblichen Stimme von sich gab, lauschte.
Nach fünfzehn Minuten kam der Polizist zurück in den Wagen und sie setzten ihre Fahrt in Richtung 119th über die Virginia Avenue fort. In der Nähe des Supreme Courts parkten sie direkt vor dem Eingang des Gebäudes der United States Capitol Police. Am Rücken gefesselt, führten sie Marc wie einen Schwerverbrecher die breiten Steinstufen hinauf ins Innere des Gebäudes. Sie durchschritten die große, hohe Eingangshalle, in der durch reges Treiben an Polizisten und Zivilpersonen ein hoher Geräuschpegel herrschte. An einer Theke, hinter der ein Kaugummi kauernder Cop mit schütterem Haar und geschätzten hundertzwanzig Kilogramm Körpergewicht schon auf sie zu warten schien, machten sie halt.
»Was haben wir?«, fragte dieser gelangweilt.
Der Schnauzbart in schwarzer Uniform erklärte kurz: »Schlägerei im Marie Inn. Den anderen haben wir ins Foggy gebracht. Der Typ hier hat ihm die Nase zu Brei geschlagen.«
»Name, Adresse?«, wollte der Dicke monoton wissen, ohne den Blick von seinem alten IBM-Monitor abzuwenden.
»Marc Haskins«, antwortete Marc und gab seine Adresse Nähe Upper Northwest an.
Erstmals sah der speckig wirkende Cop vom Bildschirm auf, blickte Marc mit seinen Fettaugen an und pfiff durch die Zähne. »Marc Haskins, der Sohn von Fredrik Haskins?«
Marc nickte bejahend.
»Na, das ist ja mal ein Fang!« Er grinste und pfiff erneut durch seine Zahnlücke.
Fredrik Haskins stand hinter seinem Schreibtisch des Homeoffice im Gespräch mit zwei in dunklen Anzügen gekleideten Herren, die es sich in schweren Ledersesseln vor seinem Tisch bequem gemacht hatten. Einer der beiden, mit grau meliertem Haar, war wie Haskins Senator der Republikanischen Partei, der andere sein persönlicher Assistent.
Durch das Läuten des Telefons wurde das Gespräch unterbrochen und Haskins hob mit kurzem entschuldigendem Wink den Hörer ab. »Fred Haskins«, sagte er in die Hörermuschel und lauschte.
Sowohl der Senator als auch sein Assistent sahen Fredrik teilnahmslos an. Dieser wandte ihnen den Rücken zu, nickte mehrmals in den Hörer.
»Okay, ich werde mich persönlich darum kümmern. Bitte geben Sie mir kurz Zeit, ich melde mich gleich wieder.« Er notierte sich eine Rufnummer, dann legte er auf. »Bitte entschuldige, Frank«, wandte sich Haskins an den Senator. »Ich muss unser Gespräch leider vertagen. Wir könnten es doch später im Club weiterführen!« Dies war weniger eine Frage als eine Aufforderung an den Senator.
»Klar, ist kein Problem, Fred. Wir sind so gegen 13 Uhr im Club.« Senator Frank Brown nickte zustimmend erst Fredrik, danach seinem Assistenten zu.
Nachdem beide gegangen waren, blickte Haskins abermals, nun rot vor Zorn, aus dem Fenster in Richtung United States Capitol, dessen Gelände und imposanten Bau er aus seiner Wohnung in der New Jersey Avenue sehen konnte.
»So ein Scheißkerl.« Fluchend überlegte er, was als Erstes zu unternehmen sei. Er hob den Hörer und wählte die Nummer von Michael Thomson, seinem Anwalt und Jugendfreund. Von Thomsons Sekretärin erfuhr Fredrik, dass dieser bei Gericht und erst wieder gegen 14 Uhr erreichbar sein würde.
Jetzt wählte er die vorhin auf dem Notizzettel notierte Nummer, wartete ein langes Läuten ab, bis sich am anderen Ende jemand meldete. »Haskins hier, Senator Haskins. Sie haben mich vorhin angerufen. Es geht um meinen Sohn Marc Haskins.«
»Ah, Senator, ja, wir hatten vorhin schon das Vergnügen.« Haskins gewann den Eindruck, dass, neben dem schmatzenden Geräusch eines Kaugummis, Sarkasmus in der männlichen Stimme lag. »Ich verbinde sie zu Deputy Chief Willson.«
Ein Knacksen in der Leitung deutete an, dass er verbunden wurde.
»Willson, hallo, Senator. Ich freue mich, dass Sie anrufen. Wie geht es Ihnen?«
Ohne auf die Höflichkeitsfloskel einzugehen, kam Haskins gleich zur Sache. »Mein Sohn ist in Ihrem Gewahrsam. Was genau ist passiert?«
»Tja, Senator, mir ist die heikle Situation bewusst, daher habe ich den Fall gleich direkt zu mir geben lassen.« Haskins vernahm aus der Stimmlage, dass Willson sich entspannt in seinem Bürostuhl zurücklehnte. »Ihrem Sohn wird schwere Körperverletzung vorgeworfen. Anscheinend hat er in einer Bar namens Marie Inn einen anderen windelweich geprügelt. Genaueres wissen wir noch nicht, aber sein Prügelknabe wurde ins Foggy, also George Washington Hospital, gebracht. Wir warten noch auf das Ergebnis der Schwere seiner Verletzungen.«
Haskins schnaufte ungehalten: »Okay. Chief Willson, ich bitte Sie, den Ball flach zu halten. Wir werden sicherlich eine Lösung finden. Kann ich Marc einstweilen abholen lassen?«
»Seeenatoor«, er zog das Wort in die Länge, »so gerne ich das auch würde, doch man wirft Ihrem Sohn schwere Körperverletzung vor. So ohne Weiteres kann ich ihn nicht gehen lassen. Ich weiß, Ihnen ist wichtig, dass kein öffentliches Spektakel hieraus entsteht, das kann ich Ihnen auch erst mal garantieren – nur gehen lassen kann ich ihn nicht. Er wird vorerst hier bleiben müssen, bis sowohl die Sachlage als auch die Schwere der Verletzungen geklärt sind.«
Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, legte Haskins eine kurze Pause ein: »Willson, kümmern Sie sich, dass nichts an die Öffentlichkeit kommt! Ich melde mich wieder. Sollten neue Erkenntnisse vorliegen, will ich sie als Erster erfahren! Rufen Sie mich auf meinem Handy an.«
Dies war ein klarer Befehl und Willson verstand entsprechend. Ihm wäre es lieber gewesen, Senator Haskins hätte ihn mit ›Chief Willson‹ angesprochen, ebenso seine Forderung mehr als Bitte formuliert, doch er antwortete gelassen: »Geht klar, Senator, Sie haben mein Wort.« Nachdem Willson die Handynummer notiert hatte, legte Haskins auf, ohne sich zu verabschieden.
Willsons Finger spielten mit dem Stück Papier, worauf er die Mobilnummer des Senators notiert hatte. Es verwunderte ihn nicht, dass es den Senator weniger interessierte, wie es dem eigenen Sohn erging, sondern dessen Priorität auf Vermeidung jeglicher Publicity lag. Eine gute Gelegenheit für ihn, wie er fand, denn, wenn er keinen Fehler machte, stünde Senator Haskins in seiner Schuld. Diesen Umstand wollte er nutzen.
Vorerst sitzt Marc Haskins in einer Zelle, bis man ihn dem Haftrichter vorführt, der dann zu entscheiden hat. Denn Recht und Ordnung müssen gewahrt bleiben, auch wenn es das Bürschchen vom Senator ist. Willson schmunzelte. Was für ein Tag.
Der Sommerball
Charleston, South Carolina, 1728
Zwei Wallache standen, vor eine dunkelbraun glänzende Kutsche gespannt, ruhig in der Auffahrt. Veronika nahm als Erste auf dem weinroten Samt in der Kutsche Platz. Voller Ungeduld wartete sie auf ihre Eltern. Eng schmiegte sich das ausladende Ballkleid aus feinster hellblauer Spitze an ihren Körper. Ihr goldblondes Haar war hochgebunden und zu einem Dutt frisiert; lediglich eine kleine widerspenstige Strähne fiel ihr ins Gesicht.
»Wo bleibt ihr denn?«, rief sie laut, den ungeduldigen Blick auf die offen stehenden Eingangstüren des Hauses gerichtet.
Lachend traten ihre Eltern heraus und schritten, elegant wie ein Königspaar, die fünf Stufen der breiten Treppe hinab.
»Madam.« Ihr Vater Robert Turner verbeugte sich wie ein Page vor seiner Frau Isabelle und half ihr mit dem ebenfalls aus Seide und Spitze genähten Kleid in die Kutsche. Isabelle trug lange Satinhandschuhe und reichte ihrem Mann die Linke für einen Handkuss.
»Sie werden mich entschuldigen müssen, aber ich habe zwei Ladys zum Sommerball zu fahren.« Robert zwinkerte Veronika zu, worauf er ein bewunderndes »Superb«, mit Blick auf seinen edlen, silbergrauen Anzug, erntete.
Leichtfüßig schwang sich Robert auf den Kutscherbock, legte den grauen Zylinder aus Samt neben sich und fasste nach den Zügeln, um die Pferde in Trab zu bringen.
Nach einer Stunde im Trab, seitlich entlang des Ashley Rivers, erreichten sie die Auffahrt des Anwesens von Mr. Baine. Die Kutsche bog in die lange Allee aus Ahornbäumen, die wie ein Tunnel als natürlicher Sichtschutz direkt zum Herrenhaus führte, ohne dass man Felder oder Sklavenbehausungen einsehen konnte. Das dichte Blätterdach spendete angenehmen Schatten und die Pferde trabten etwa zwanzig Minuten in Gesellschaft weiterer Gäste in ihren Kutschen und Fuhrwerken.
In etwa gleichem Abstand von dreihundert Metern, zu beiden Seiten des Weges, sah Turner bewaffnete Männer, die der Sicherheit dienten. Ihm missfiel der Anblick, zumal er auf seinem Landgut auf diese Bewachung verzichten konnte. Damit zählte seine Plantage zu den wenigen Ausnahmen.
Das Ende der Promenade mündete in einen großen Garten, an dem sich der Weg in eine kreisförmige Auffahrt hin zum Herrenhaus gabelte, welches erhaben auf einem Hügel thronte. Viele elegant gekleidete Gäste flanierten bereits im Park zwischen weißen Zelten, Stehtischen und gedeckten Tafeln.
Oben angekommen, wurden sie überschwänglich empfangen: »Hallo, Robert, schön dich zu sehen … Aber zuerst zu den wunderschönen Ladys.« Mit diesen Worten öffnete Clexton Baine zur Begrüßung die kleine Türe der Kutsche und half zuerst Isabelle aus dem Wagen, indem er ihr die Hand reichte. »Meine Liebste, Sie sehen wie immer bezaubernd aus.« Baine verneigte sich und gab Isabelle einen Handkuss. »Ich bin mir ganz sicher, dass Sie«, dabei wanderte sein Blick von Isabelle zu Veronika, »der Höhepunkt des heutigen Balls sein werden.«
Als Veronika der Kutsche entstieg, ergriff Baine ihre Hand, indes er ihr tief und lange in die Augen sah. »Veronika, Veronika, du bist doch Veronika?«, fragte er gespielt unglaubwürdig. »Ich kann es gar nicht fassen. Wo hat Sie Ihr Vater so lange versteckt? Sie sind tatsächlich noch schöner geworden seit dem letzten Mal, als ich Sie gesehen habe. Wie lange ist das schon her?«
»Daran kann ich mich dummerweise gar nicht mehr erinnern«, antwortete Veronika keck. »Also, das muss schon sehr lange her sein!«
Robert, derweil vom Kutscherbock gestiegen, hatte sich seinen Zylinder wieder aufgesetzt und schlug Clexton freundschaftlich auf die Schulter. »Vielen Dank für die Einladung, Clexton. Wir haben uns schon sehr auf heute gefreut, ganz besonders meine Tochter.«
»Ich hab ein ernstes Wörtchen mit dir zu reden«, sagte Clexton nun streng, ohne Veronikas Hand loszulassen. »Wie kann es sein, dass du mir deine hübsche Tochter so lange vorenthalten hast?«
Lachend legte Robert seinen Arm um Clextons Schulter. »Mein lieber Clexton, dafür werde ich schon Gründe gehabt haben.«
»Ich bestehe auf jeden Fall auf den Eröffnungstanz mit Ihnen, Veronika.«
»Es wird mir eine Ehre sein, Mr. Baine.« Veronika lächelte.
Mit einem Wink zum Personal verabschiedete sich Clexton vorerst, denn weitere Kutschen stauten sich bereits in der Auffahrt.
Eine hübsche Farbige mit weißer Haube im schwarz gekräuselten Haar, dunkler Dienstrobe sowie heller Schürze reichte Champagner, auf einem silbernen Tablett serviert.
Bis in den Abend hinein amüsierte sich Veronika an der Seite ihrer Eltern. Eine Musikkapelle, deren Bühne von blauen Fahnen mit weißem Halbmond eingerahmt wurde, spielte Square Dance direkt an einer aus Holzdielen erbauten Tanzfläche.
Isabelle und Robert unterhielten sich etwas abseits in einer kleinen Runde lachender Gäste, als Veronika von einer Bank aus, direkt neben der Bühne, das Entzünden der vielen Fackeln im Park betrachtete. Plötzlich legten sich zwei Hände von hinten auf ihre Augen und versperrten ihr die Sicht.
»Papa?«, fragte Veronika, doch sie erhielt keine Antwort. Insgeheim hoffte sie, dass Mr. Baine hinter ihr stand.
»Rate weiter«, bat eine sich verstellende Männerstimme.
»Scott, Jake, Elijah?«, zählte Veronika auf, obwohl sie etwas enttäuscht bereits ahnte, dass es nicht Mr. Baines, sondern Thomas’ Hände waren, die sie spürte.
»Du bist und bleibst ein Biest!« Lachend drehte er Veronika zu sich herum, setzte sich und gab ihr einen Kuss auf die Wange.
»Hallo, mein Jüngling, wie geht es dir?« Veronika blinzelte Thomas übermütig an. Seine Haut hatte sich zum Glück von der lästigen Akne befreit.
»Mir geht es blendend, jetzt, da ich dich endlich gefunden habe. Warum sehen wir uns so selten – nur einmal im Jahr zum Sommerball?«
»Du bist selbst daran schuld! Würdest du mich öfter besuchen, müsste ich mich nicht mit Mutter auf Tea Partys langweilen.«
»Das lässt sich doch ändern. Wir fangen gleich damit an, denn ich werde heute Nacht nicht von deiner Seite weichen.«
In diesem Augenblick sah Veronika Mr. Baine auf sie zukommen. »Da wirst du mit unserem Gastgeber reden müssen. Er hat darauf bestanden, mit mir den Ball zu eröffnen.«
Thomas stand höflich auf und begrüßte Baine. »Mr. Baine, mein Kompliment für dieses schöne Fest. Wie ich soeben erfahren habe, wollen Sie mir meine Freundin für den Eröffnungstanz entführen.«
Die forsche Formulierung von Thomas, seine Freundin zu sein, verärgerte Veronika ein wenig.
»Keine Sorge, mein liebster Thomas, Miss Turner ist bei mir in den besten Händen. Darf ich bitten.« Er reichte Veronika seinen Arm, den sie mit einem Knicks sowie einem zu Thomas gerichteten Augenzwinkern ergriff.
»Sie haben mir gar nicht verraten, dass Sie in festen Händen sind«, kam Clexton auf dem Tanzparkett sofort zum Punkt. Doch ehe Veronika darauf antworten konnte, begannen die Musiker mit dem Eröffnungstanz.
Clexton stieß Veronika sanft von sich und sie bewegten sich entgegengesetzt nach hinten, um nach einer Drehung wieder einander zuzutanzen. Fest ergriff Clexton Veronikas Taille, als sie sich gemeinsam im Takt der Musik drehten.
»Vielleicht scheint manches nicht so wie auf den ersten Blick«, begann Veronika mit Clexton zu flirten.
»Wie scheint es denn?«, fragte Clexton ernst, während er Veronikas Hüfte etwas fester umschloss.
»Mir scheint, Sie haben mich gerade gut im Griff«, antwortete Veronika schnippisch in Anspielung auf Clextons Hand an ihrer Taille.
Lächelnd flüsterte Clexton in ihr Ohr: »Daran könnte ich mich gewöhnen.«
Veronika wurde es sichtlich warm. Clextons direkte Art war ganz und gar die eines erfahrenen, erwachsenen Mannes. Ganz anders als die Burschen sonst um sie herum. In diesem Augenblick wurde ihr bewusst, dass sie sich mehr für diesen Mann interessierte, als sie zugeben wollte. Verwirrt von diesem Gefühl blickte sie in die Reihen der Zuschauer, die sich rund um die Tanzfläche eingefunden hatten. Ihr Blick fiel auf Thomas, der sie sichtlich beleidigt aus der Menge heraus beobachtete.
Als die Kapelle das zweite Musikstück spielte und sich die Tanzfläche zu füllen begann, tänzelte Veronika mit Clexton an der Hand seitlich zur Bank, auf der sie vor wenigen Minuten noch mit Thomas gesessen hatte.
»Ihre Gegenwart stimmt mich sehr glücklich, liebste Veronika, doch bin ich verunsichert …« Clextons und Veronikas Wangen berührten sich leicht – und dies nicht nur der lauten Musik wegen.
»Oh, Mr. Baine, wenn es Ihnen unangenehm ist und ich Sie verunsichere …« Veronika rutschte verspielt ein wenig zur Seite. Clexton umfasste wieder ihre Taille und zog sie zu sich heran. »Mr. Baine, was sollen die Gäste denken?« protestierte Veronika.
»Welche Gäste, hier und jetzt gibt es nur Sie und mich.«
Um Veronika war es geschehen! Sie verbrachten den ganzen weiteren Abend zusammen und verabredeten sich fürs Wochenende zu einem Ausritt.
Ein Jahr später, im Sommer 1729, feierte Veronika Baine, ehemals Turner, Hochzeit im gleichen Garten, in dem sie sich auf dem Sommerball Clexton Baine verschrieben hatte.
Das Verhängnis
Charleston, South Carolina, 1732
Wieder einmal wach, lag Clexton in seinem Bett und vernahm das ruhige, tiefe Atmen seiner schlafenden Frau Veronika. Er lauschte auf Jos, konnte aber aus der kleinen Wiege, die direkt vor dem Ehebett stand, nichts hören. Es muss Mitternacht sein, dachte Clexton, unterdessen er nach einem Schluck Gin gierte.
Wie so oft, wenn er nachts wach lag, grübelte er über Veronika nach. Zu Beginn ihrer Ehe hatte er ein großes Verlangen nach ihrem Körper und es verging kaum ein Tag, an dem er sie nicht nahm. Veronika, im Bett eine heißblütige junge Frau, umschlang mit ihren langen Beinen seinen Rücken, wenn er unter lautem Stöhnen in ihrem Schoß kam.
Bereits ein Jahr nach ihrer Hochzeit war Veronika schwanger und gebar 1731 ihren gemeinsamen Sohn. Obwohl sich Veronika nach der Geburt sehr schnell erholte, sie auch in kurzer Zeit ihre schlanke Figur wiedererlangte, verlor Clexton jegliche Lust an ihr. Unerklärlich, aber das Bild der stillenden Mutter, mit Jos saugend an ihrer reichlich mit Milch gefüllten Brust, war für ihn abstoßend. Veronikas Versuche, ihn zu verführen, scheiterten; Clexton reagierte stets genervt und abweisend, bis auch die Bemühungen seiner Frau nachließen. Es war, als hätte Clexton keinerlei Verlangen nach Befriedigung – er schien sprichwörtlich lustlos.
Doch vor sechs Wochen wurde eine junge Sklavin zu ihnen gebracht. Eine Haushälterin war ausgefallen, woraufhin Veronika Tumelo darum bat, diese zu ersetzen. Veronika saß gerade neben Clexton beim Tee, als Tumelo mit Zola zur Treppe der Veranda kam.
»Kommt doch bitte hoch«, ermutigte Veronika die beiden.
»Ich habe dich schon gesehen. Wie lange bist du schon bei uns?«
»Seit vier Jahren, Ma’am, mit meiner Mutter«, antwortete Zola schüchtern, ohne es zu wagen, Madam oder gar Mr. Baine anzusehen.
»Du wohnst mit deiner Mutter in den Hütten?«
Zola nickte.
»Sei nicht so schüchtern, Zola«, lächelte Veronika beruhigend. »Tumelo hat sich für dich eingesetzt, daher werden wir es versuchen. Lass dich von ihm einweisen.« Und an Tumelo gewandt: »Gib ihr bitte das Eckzimmer wie auch frische Kleidung.«
Zola platzte innerlich vor Freude.
Bereits im zarten Alter von dreizehn Jahren war sie mit ihrer Mutter aus der Goldküste, dem späteren Ghana, mit einem voll beladenen Schiff der Sklavenhändler angekommen. Sie und ihre Mutter hatten großes Glück, da sie beim Verkauf nicht getrennt wurden und so auf der Plantage von Clexton Baine landeten.
Wie alle auf der Plantage erfüllte sie Mr. Baine mit großer Angst. Obwohl sie ihn nie direkt kennengelernt hatte, eilte ihm sein Ruf, bei kleinster Gelegenheit seine Sklaven mit Peitschenhieben zu bestrafen oder ohne Essen und Trinken tagelang einzusperren, voraus. Hierfür war seitlich der Behausungen, hinter Gebüsch und Bäumen versteckt, ein Käfig erbaut worden, der schon bei ihrer Ankunft existierte. Der ›Schlund‹, wie die Sklaven den Gitterverschlag voller Furcht nannten, war stets von zwei stämmigen Afrikanern bewacht, die zwar Mitleid mit den Eingesperrten zeigten, jedoch als Leibeigene bedingungslos den Anweisungen ihres Herrn folgen mussten.
Zola kannte die Geschichten, dass die Inhaftierten im ›Schlund‹ einfach verdursteten, während sie, großer Hitze ausgesetzt, darüber hinaus Baines Befehl folgend, weder Nahrung noch Wasser erhielten. Sie wurden im nahe gelegenen Wald verscharrt und Clexton Baine verbot jedwede Zeremonie nach afrikanischem Glauben, wie die Initiationsriten, die normalerweise für den Weg des Menschen in das Reich der Ahnen zelebriert wurden. Viele Afrikaner glaubten an Geister, Magie und Zauberkräfte, doch nur wenige getrauten sich des Nachts, die Toten heimlich zu ehren.
Bereits am ersten Tag ihrer Ankunft musste Zola mit auf die Felder, was dazu beitrug, dass sich an den Handflächen rasch eine feste Hornhaut bildete. Im flirrenden Licht der heißen Sonnenstrahlen pflückend, lernte sie Tumelo kennen und freundete sich mit ihm an. Seine freundliche, zuvorkommende Natur sowie sein Wissen über viele Dinge dieses Landes erstaunten Zola. Bis zu dem Tage, da Tumelo ins Herrenhaus kam, brachte er nachts, heimlich leise flüsternd, Zola die englische Sprache bei. Beide mochten sich, lächelten sich an, aber es ging nie über eine platonische Liebe hinaus.
Nun aber hatte Zola die Chance, nach vier Jahren harter Feldarbeit gemeinsam mit ihrem Freund im Herrenhaus, ausgestattet mit schöner Kleidung sowie guter Verpflegung, zu dienen.
Clexton betrachtete Zola, wie sie so vor ihm auf der Veranda stand. Sie mochte sechzehn, vielleicht siebzehn sein, dachte Clexton und das erste Mal in seinem Leben empfand er keinen Ekel einer Sklavin gegenüber. Ganz im Gegenteil. Seit langer Zeit fühlte er sexuelle Erregung, als er den kindlichen Körper von Zola betrachtete.
»Ich denke, du hast eine gute Wahl getroffen«, wandte er sich an seine Frau, währenddessen er sein erigiertes Glied in der Hose spürte.
Noch immer lag Clexton lauschend im Bett. Er dachte an seinen Gin in der Bibliothek – und an … Wieder versteifte sich sein Glied bei dem Gedanken an Zola.
Leise streifte er sich seinen Morgenmantel über, warf noch einen kurzen Blick auf Jos, der friedlich in der Wiege schlief, dann verließ er ohne Laut das Schlafzimmer.
In der Bibliothek angekommen, füllte er ein Glas aus Saphir randvoll mit Gin und leerte dieses in einem Zug. Ein weiteres folgte, bis er nach kurzer Zeit die halbe Flasche in seinem Sessel sitzend geleert hatte. Er legte die Bibel, in der er so gerne las, zur Seite, stand auf und tastete sich im Dunkeln durch das Foyer, an der Großküche vorbei in den hinteren, abgeschirmten Trakt des Gebäudes, dorthin, wo die Zimmer der Bediensteten lagen. Vom Alkohol benommen, lauschte er vor Zolas Zimmertüre. Nichts war zu hören. Vorsichtig drehte er den Knauf und ohne das leiseste Geräusch betrat er Zolas Kammer. Ganz vorsichtig verschloss er die Türe und trat mit angehaltenem Atem an Zolas Bett.
Seine Augen hatten sich an die Dunkelheit gewöhnt, als er sie betrachtete. Die dünne Decke war bis zu ihrer Hüfte heruntergerutscht, er erkannte, dass sie ihr weißes Hemdchen trug. Ihre Schultern waren, durch die oberen geöffneten Knöpfe, unbedeckt. Ein Schenkel lugte unter der Bettdecke hervor. Wie schön sie ist, dachte Clexton, außer sich vor Erregung. Vorsichtig streichelte er die samtweiche Haut ihrer Schenkel und fasste sie sanft an den Schultern.
Zola räkelte sich zaghaft, öffnete verschlafen die Augen. Urplötzlich wurde sie sich der Berührung bewusst und starrte bewegungslos wie das Kaninchen vor der Schlange auf den Mann, der sich über sie beugte. Schreckliche Angst erfüllte Zola, nachdem sie erkannte, wer ihr die Schulter streichelte. Clextons rechte Hand schob sich unter Zolas Hemdchen und umfasste ihre linke Brust. Trotz der Panik, die Zola erfasste, wurde ihr Nippel sofort steif, was Clexton als sexuelle Erregung des Mädchens deutete, das scheinbar willig vor ihm lag und ihn anstarrte.
»Nein, nicht«, entfuhr es Zola, während sie versuchte die Hand von Mr. Baine unter ihrer Bluse hervorzuziehen. Ihre Finger umschlossen seinen Unterarm und mit aller Kraft drückte sie ihn weg. Doch Clexton zeigte keine Anstalten, von ihrer Brust zu lassen. Ganz im Gegenteil kniff er schmerzhaft zwischen Daumen und Zeigefinger ihre Brustwarze, unterdessen er, mit seinem linken Knie auf das Bett gestützt, Zola niederdrückte. Sie sog tief Luft in ihre Lungen, um zu schreien, doch Clexton reagierte, indem seine linke Hand fest ihren Mund und ihre Nase umschloss, sodass sie keine Luft mehr bekam. Clextons Erregung vereinigte sich mit der rohen Gewalt des Dämons.
Clexton war nun ganz auf dem Bett, indes unter seinem Druck Zola ihren drahtigen Körper wie eine Katze spannte. Ihre Widerspenstigkeit spornte Clexton derart an, dass er sie, mit seiner rechten Hand in ihre Schultern krallend, niederdrückte. Wie ein Aal wand sich Zola in ihrer Todesangst, sie aktivierte all ihre Kraft, um sich den Fingernägeln, die sich in ihr Fleisch bohrten, zu entziehen.
Clexton hob seine Linke – und aus einem Schrei Zolas wurde, infolge des Schlags seiner flachen Hand, schwaches Gestöhn. Weder der heftige Schmerz des Schlages noch seiner Fingernägel brachten Zola zur Ruhe. Sie bewegte wild den ganzen Körper, wodurch sie ihren rechten Arm freibekam. Schon wollte sie ihrem Peiniger ins Gesicht kratzen, doch dieser fasste nach ihrem Handgelenk und verdrehte dieses. Vor Wut riss er an ihren Haaren, zog sie mehrfach hoch, bis er sie wieder zurück aufs Bett schleuderte.
Clexton packte Zolas Schenkel, spreizte sie brutal auseinander. Zola presste dagegen und seine Fingernägel ritzten weitere tiefe Wunden in ihre Haut. Wieder und wieder holte er aus, schlug auf sie ein, um sie so gefügig zu machen. Doch sie streckte beide frei gewordenen Arme und trommelte auf ihren Peiniger ein. Letztmalig, dieses Mal die Hand zur Faust geballt, traf Clexton ihr linkes Auge – kurz und mit voller Wucht.
Zola rührte sich nicht mehr.
»Dumme Niggerschlampe«, waren seine ersten Worte, seit er ins Zimmer geschlichen war.
Er riss ihr das Höschen herunter und stierte auf ihre Vagina, die von leicht gekräuselten Härchen umrahmt wurde. Seine Hand griff an den Bund seines Pyjamas, zog daran, bis sein erigiertes Glied aus der Hose zuckte. Unter roher Gewalt versuchte er seinen Penis in Zolas Vagina zu pressen. Sie war eng, ihre Schamlippen geschlossen. Wie ein Tier rammte Clexton in ihren Schoß, bis er endgültig in sie eindrang. Erneut war ein Widerstand zu spüren. Es wurde feucht und ihr Herr genoss das warme Blut der Entjungferung. Brutal drehte er sie auf den Bauch, um sich sogleich weiter an ihr zu vergehen.
Bewusstlos nahm Zola nichts von alledem wahr.
Wieder auf den Rücken gedreht, stieß Clexton sie rasend vor Begierde. Nach kurzer Zeit spürte er unbändigen Samendruck – er ergoss sich keuchend in ihre Scham. Schwer atmend sackte Clexton auf den geschundenen Körper, sein Gesicht an ihrer linken Wange.
Dann kniete Clexton breitbeinig über Zola – wie ein Raubtier über seiner erlegten Beute. Noch immer außer Atem zog er seine Hose hoch, erhob sich wie ein Werwolf und blickte auf den geschundenen Körper. Nackt, das Hemdchen um den schlanken Bauch gerafft, lag sie auf dem Rücken, während zwischen ihren Beinen Blut ins Laken sickerte.
Ein schneller, intensiver Orgasmus hatte seine Gier befriedigt und selbst der hilflose Anblick Zolas, der sich ihm nun bot, verhinderte nicht, dass seine Feindseligkeit, die er für die Schwarzen empfand, erneut aufkeimte.
Sein Verlangen nach sexueller Erfüllung, welches seinen Ekel in den Hintergrund rücken ließ, war gewaltsam gestillt. Er ging aus dem Zimmer zurück in die Bibliothek. Hier wartete schon ungeduldig die restliche Flasche Gin.
Zola wusste nicht, wie lange sie bewusstlos war. Einsame Dunkelheit umgab sie. Ihr gesamter Körper schmerzte, besonders heftig und stechend im Unterleib. Ängstlich blickte sie sich im Zimmer um, außerstande, einen klaren Gedanken zu fassen. Unter Schock wollte sie nur noch aus diesem gottverdammten Haus. Aus Angst, ihr Zimmer durch die Türe zu verlassen und erneut Mr. Baine in die Arme zu laufen, kroch sie auf allen vieren ans Fenster. Mühsam zog sie sich am Fensterbrett hoch im Versuch, zitternd die beiden Flügel zu öffnen. Mit aller Kraft stemmte sie ihren Körper durch den geöffneten Fensterrahmen, fiel vornüber und stürzte hart hinter dem Haus in einen kleinen Dornenbusch.
Qualvoll, mit brennend aufgeschlagenen Knien, rappelte sich Zola auf, um sich mit wackeligen Beinen, barfuß, leise wimmernd, zu den Sklavenunterkünften zu schleppen.
Die Suche geht weiter
Tumelo eilte hastig in Richtung Stallungen. Von Weitem sah er Sam am Eingang der großen Scheune, wie er mit nacktem Oberkörper, braun gebrannt, Heuballen schichtete.
»Mr. Haskins, Mr. Haskins«, rief Tumelo, als er glaubte, in Hörweite zu sein.
Haskins drehte sich zu Tumelo und ließ den soeben angehobenen Ballen wieder fallen. »Hey, Tumelo, schöner Tag heute.«
»Mr. Haskins, Mrs. Baine mich schicken. Zola heute Morgen nicht in ihrem Zimmer. Ich suchen sie überall. Haben Zola gesehen?«
»Jetzt mal langsam, Tumelo«, sagte Sam, unterdessen er beruhigend seine Hand auf dessen Schulter legte. »Was meinst du mit ›nicht in ihrem Zimmer‹? Vielleicht ist sie ja bereits in der Küche und wartet dort auf dich!«
»Nein, Mr. Haskins, überall gesucht. Mr. Baine böse, will zu Hütte von Aba gehen und Zola selbst suchen.«
Sam runzelte die Stirn. Wenn Mr. Baine selbst nach Zola sucht und sie tatsächlich in der Hütte finden sollte, wäre dies nicht ungefährlich für sie. »Warum könnte Zola denn in die Hütte gelaufen sein?«, fragte Sam.
Tumelo überlegte kurz und vertraute sich ihm an. »Haben Blut im Bett von Zola gesehen, aber ich habe nichts verraten. Nicht gut, Mr. Haskins.« Tumelo blickte sehr besorgt.
»Okay. Tumelo, wann will Mr. Baine nach Zola suchen? Ist er bereits nach unten gegangen?«
»Mr. Baine im Haus und ich gleich zu Ihnen gerannt.«
»Komm mit, vielleicht haben wir Glück und können das Schlimmste noch verhindern.«
Beide eilten in Richtung der Sklavenhütten, während Sam laufend Ausschau nach Mr. Baine hielt, der, wenn er ebenfalls unterwegs war, ihren Weg kreuzen würde.
Unbemerkt kamen sie im leeren Lager der Sklaven an. Vor der schäbigen Hütte Abas blickte Tumelo vorsichtig gebückt durch das Eingangsloch.
Ratlose Veronika
Als Clexton Baine seine Frau wie auch Tumelo auf der Veranda stehen ließ und in der Bibliothek verschwand, bereute er bereits, dass er Zola in der Nacht so hatte liegen lassen. Nicht, dass er ihr hätte helfen wollen. Nein, sie war eine Gefahr für ihn geworden! Er war sicher, dass sie sich ihm trotz ihrer Angst nicht unterwerfen würde. Auf keinen Fall darf sie Gelegenheit bekommen, jemandem davon zu erzählen, dachte Clexton und in seinen Ohren erklang der Satz von Zola, als er sie das erste Mal auf der Veranda stehen sah: ›Vor vier Jahren mit meiner Mutter … mit meiner Mutter … ‹ Es war naheliegend, dass sie dorthin geflüchtet war. Er musste Zola und ihre Mutter finden, bevor all seine Sklaven das Geschehene erfuhren, und vermeiden, dass trotz Züchtigung Aufsässiger hieraus eine Revolte entstand.
»Was ist denn los mit dir?«, fragte Veronika ihren Mann, dem sie, nachdem Tumelo gegangen war, mit Jos auf dem Arm ins Haus gefolgt war.
»Was soll schon sein? Da hast du dich ja reichlich geirrt in deiner Zofe, oder siehst du das anders?« Giftig blickte er Veronika an.
»Aber Clexton, du weißt doch gar nicht, was los ist. Sicher wird uns Zola erklären können, warum sie heute nicht da war!«
»Wie naiv bist du eigentlich?«, harschte Clexton sie an. »Wer ist hier der Herr im Haus, du oder ich – oder gar Zola?« Zynisch spuckte er Zolas Namen Veronika entgegen.
»Natürlich du«, beschwichtigte Veronika im Versuch, zu retten, was zu retten war. »Aber Zola ist so gewissenhaft, sie wird uns bestimmt alles erklären!«
Für Erklärungen ist keine Zeit, dachte Clexton, schob Veronika zur Seite und verließ die Bibliothek.
»Clexton, in Gottes Namen, bleib doch hier!«
Veronika lief ihm, mit einem verwundert dreinblickenden Jos, hinterher, doch Clexton durchquerte entschlossen das Foyer und rief nach Tumelo. Niemand kam. Er ging nach draußen und schrie erneut Tumelos Namen, dieses Mal laut und wütend. Die einzige Reaktion hierauf war, dass Jos zu weinen begann. Clextons Wut steigerte sich.
»Was treibt dieser Nigger nur?«, stieß er hervor und seine Lippen formten sich zu dünnen Strichen.
Noch immer konnte sich Veronika keinen Reim auf die übertriebene Reaktion ihres Mannes machen. Was war los mit ihm? Wutausbrüche war sie gewohnt, doch diese gingen so schnell, wie sie gekommen waren. Normalerweise beruhigte Clexton sich in kurzer Zeit wieder, wenn er durch lautes Gebrüll seinem Zorn freien Lauf ließ. Heute allerdings war alles anders. Seine Wut steigerte sich regelrecht, so weit, bis Veronika Angst bekam; Angst um Zola wie auch – zum ersten Mal in ihrem Leben – Angst vor Clexton.
Sie beschloss, selbst die Stallungen aufzusuchen in der Hoffnung, dort Sam und Tumelo anzutreffen. Sicherlich war ihr Mann auch auf dem Weg dorthin. Hoffentlich, dachte sie. Nicht, dass er bereits wie ein Berserker zu Zolas Hütte unterwegs war.
Clexton verließ gerade die Stallungen, um in der Schmiede, welche seitlich davon lag, nach Tumelo zu suchen. Er würde sie alle auspeitschen lassen.
»Wer ist hier der Herr, wer ist hier der Herr, ›seit vier Jahren mit meiner Mutter‹, wer ist hier der Herr …« Immer wieder murmelte Clexton wie ein Geisteskranker diese Worte vor sich hin.
An der Schmiede angekommen, standen beide Türen sperrangelweit offen. Innen traf er auf zwei Vorarbeiter, die Werkzeug und Körbe reinigten. Einer der beiden Farbigen war ihm mit Namen bekannt.
»Okwundu, hast du Tumelo gesehen?«
Stumm schüttelte dieser den Kopf und blickte fragend zu seinem Helfer. Dieser verstand zwar nicht die Frage von Mr. Baine, aber Tumelos Namen und konnte sich denken, worum es ging. Abermals eine verneinende Geste.
»Kommt mit«, befahl Clexton, schritt hinaus, zurück zu den Stallungen.
Gefolgt von den beiden Sklaven traf er zu seiner Verwunderung Veronika, die gerade aus dem riesigen Tor des Stalls heraustrat. Über dem Tor war eine große Öffnung mit einem am oberen Ende dick herausragenden Holzträger angebracht. Man benötigte diese Konstruktion für das Hochhieven der Strohballen in den oberen Lagerbereich. Eine dicke Eisenkette baumelte gefährlich direkt über Veronikas Kopf.
»Folgst du mir?« Clexton biss die Zähne zusammen.
»Nein, Clexton, aber so komm doch zur Besinnung«, beschwor ihn Veronika. »Ich habe Tumelo gebeten, nach Zola zu suchen, er wird sie sicherlich finden … Clexton, ganz bestimmt!«
»Um sie zu verstecken, damit sie ihrer Strafe entgeht«, vollendete Clexton Veronikas Satz. »Zum letzten Mal, Veronika, halt dich raus!«
»Was ist nur los mit dir? Du schäumst ja vor Wut!«, ereiferte sich Veronika.
Im selben Moment, als sie ihm die Worte an den Kopf warf, bereute sie sie bereits. Sie würde dadurch das Gegenteil bewirken und den Zorn ihres Mannes steigern. Auf der Hut vor der Reaktion Clextons, presste sie ihre Lippen fest aufeinander. Doch jegliche Antwort blieb aus. Als ob sie wieder einmal Luft für ihn wäre, beachtete Clexton sie nicht weiter und gab den beiden Negern ein Zeichen, ihm zu folgen.
Er geht den Weg in Richtung der Plantagenfelder zu Zola und deren Mutter, dachte Veronika. Sie wusste nicht mehr ein noch aus. Ihr Mann agierte, wie sie es noch nie erlebt hatte, und alle, an die sie sich hätte wenden können, waren indes verschwunden.
Die Flucht beginnt
Der Sonnenaufgang wurde von vielen Sperlingen begrüßt, die überschwänglich für Aba zwitscherten. Doch Aba hörte weder den Gesang der Vögel noch das morgendliche Treiben des Sklavendorfs. Wie in einem nebligen Schleier war sie auf Zola konzentriert, die ohne Regung vor ihr lag.
»Zola, Zola.«
Aba benetzte die Lippen ihrer Tochter mit Wasser und rüttelte sanft an ihren Schultern. Das linke Auge Zolas war zugeschwollen und hatte sich blau, violett und grün verfärbt. Jeden Moment, dessen war sich Aba bewusst, würde der Vorarbeiter erscheinen, um sie aufs Feld zu schicken.
Just in diesem Augenblick blickte dieser in die Hütte. »Aba, kwenda nje katika uwanja«, was so viel hieß wie: »Komm jetzt, raus aufs Feld.«
Aba sah ihn an, dann deutete sie auf Zola, leblos auf der Schlafdecke liegend.
»Ni nini kilichotokea (Was ist passiert)?«
»Zola ni kujeruhiwa vibaya. I hawajui. Mimi kukaa pamoja naye (Zola ist schwer verletzt, ich muss bei ihr bleiben).«
Eindringlich sah sie ihren Landsmann an, doch der Vorarbeiter konnte keine Rücksicht nehmen. Schon trat er auf sie zu, um sie aus der Hütte zu zerren. Seine Finger umschlossen ihr Handgelenk. Dies war der Augenblick, da eine furchtbare Energie seinen ganzen Körper erfasste. Als hätte er nach einer Stromquelle mit mehreren tausend Volt gegriffen, war er nicht in der Lage, seine Hand von Abas Handgelenk zu lösen.
Wie am Rande eines Wirbelsturms verloren seine nackten Füße den Kontakt zum Boden und eisiger Wind riss ihn in die Höhe. Unkontrolliert zuckte sein Körper in der Luft – verschweißt an Abas Handgelenk, um nicht davonzufliegen. Seine weit aufgerissenen Augen waren auf die von Aba gerichtet und obwohl er schreien wollte, war er außerstande, auch nur einen Ton von sich zu geben.
Abas Augen veränderten sich schlagartig. Die runden Pupillen verformten sich zu zwei Ellipsen, während ihr sonst so sanfter Blick sich in eine gleißend grüne Lichtquelle wandelte. Der kleine Raum mutierte, von sichtbaren Wellen durchzogen, zu einer riesigen, hell erleuchteten Halle. Laut dröhnte es in den Ohren des Farbigen, der nach wie vor herumgewirbelt an Abas Handgelenk gefesselt schien. Durch den schmerzhaft hallenden Laut hindurch sowie vom grünen Lichtstrahl Abas Augen gebannt, drang eine Stimme zu ihm, ohne dass Aba ihre Lippen bewegte. Ihre Gedanken umwoben im Bruchteil von Sekunden die seinen. Wie eine Spinne, die ihren klebrigen Faden um den zappelnden Schmetterling im Netz spinnt, umspannen Abas Gedanken seine weiche Gehirnmasse.
»Uqando gejuna daque, uqando gejuna daque, uqando gejuna daque.«
Wieder und wieder drangen diese geheimnisvollen Worte, die keiner Sprache zuzuordnen waren, dunkel hallend in seinen Verstand; durchspülten jenen, versickerten in jeder noch so kleinen, weichen Gehirnwindung. Kleine Blutstropfen fanden den Weg durch die Tränendrüsen des Farbigen und füllten seine Augen.
So schnell, wie die schmerzende Kraft Besitz von seinem wirbelnden Körper ergriffen hatte, war sie auch wieder verschwunden. Er fiel wie ein Stein auf den staubigen Boden direkt vor Abas Füße.
Plötzliche Ruhe.
Kein Hauch war zu spüren.
Benommen, angsterfüllt, blickte er zu Aba.
»Geh jetzt und sage nichts!«, befahl sie.
Am ganzen Körper zitternd, noch immer das Schauspiel nicht begreifend, stand er langsam auf und verneigte sich vor ihr wie vor einer Gottheit. Er, die Urgewalt des Übermächtigen soeben erlebt, flüchtete nach draußen.
Geschwächt sank Aba neben Zola in sich zusammen. Sie ahnte von dieser Kraft, kannte sie aus ihren Träumen, nun wissend, dass sie außerstande war, dies Übernatürliche zu steuern. Ihre Mutter, »die Weise« ihres Stammes im kleinen Dorf in Ghana, hatte Aba, als kleines Mädchen, oft davon erzählt. Es waren liebevolle Erzählungen von engelsgleichen Kräften der Seelen der Ahnen, die gebündelt wie Wellen des Ozeans den Körper der Auserwählten durchspülen. Doch keine der Geschichten hatte ansatzweise das wiedergegeben, was soeben passiert war.
Zolas Zeigefinger zuckte. Stille, absolute Ruhe; wie in der Unendlichkeit des Alls schwebend. Eine kleine, grün schillernde Fliege krabbelte auf Zolas rechtem Handrücken. Wieder bewegte sich Zolas Finger. Sie öffnete ihr zuckendes rechtes Augenlid. Das linke war zu verschwollen, als dass sie es hätte bewegen können.
Zolas Hand suchte zitternd die Abas und drückte sie schwach. Tränen liefen Zolas Wangen herab – noch war sie nicht in der Lage, etwas zu sagen. Wie in einem bösen Traum erschien vor ihr das gespenstische Antlitz von Clexton Baine.
Nun stammelte sie leise flüsternd: »Baine, Baine, Baine.« Immer wieder raunte sie den Namen. Ihre Hände zitterten immer heftiger, je öfter »Baine« über ihre Lippen kam.
Abas Augen wurden feucht. Die Erleichterung, ihr junges Mädchen zwar schwach, aber bei Bewusstsein zu sehen, rückte von einer Sekunde auf die andere in den Hintergrund, als sie Baines Namen hörte. Augenblicklich wusste sie, was Zola geschehen war. Welche Pein und Angst ihre Tochter ausgestanden hatte!
Sie streichelte Zola zärtlich die Wange: »Zola, beruhige dich. Du bist in Sicherheit.«
Unbändiger Zorn stieg in Aba hoch, wissend, dass sie beide in Lebensgefahr schwebten. Mr. Baine würde es nicht zulassen, dass Zola als Opfer und sie als Mitwisserin des Geschehens am Leben blieben.
»Zola, wir müssen fliehen. Mr. Baine wird uns beide umbringen.«
Keine weitere Sekunde durfte sie verstreichen lassen. Zu übermächtig war die Gefahr. Aba schob ihren linken Arm unter Zolas Rücken und zog sie zu sich. Zola nahm mit letzter Kraft, in sich gekauert, auf der Decke Platz.
»Hier, zieh das an.« Sie reichte ihr ein grob gewebtes, braunes Baumwollkleid. Zolas Glieder schmerzten, als sie die Arme anhob, um das Kleid über ihren Kopf zu streifen.
Unterdessen spähte Aba aus dem Eingang ihrer Hütte, um das noch rege Treiben auf dem Gelände zu beobachten. Die Vorarbeiter überwachten den Trubel und drängten die Sklaven zur Eile. Wenn sie Zola ins Freie schleppen würde, wäre das Risiko erheblich, dass einer der Vorarbeiter Aba von Zola trennen würde. Sie mussten warten, bis alle auf den Feldern ihrer Arbeit nachgingen und Ruhe im Camp einkehrte.
Sie nutzte die Zeit, gab Zola einen Schluck Wasser, dann setzte sie sich neben ihre Tochter, die Angst im Nacken, dass jeden Moment Mr. Baine auftauchen würde.
Allmählich verstummten alle Geräusche, die vor ihrer Behausung ins Innere drangen, und Ruhe stellte sich ein. Zweifelsfrei bestand die einzige Chance zu fliehen darin, unbemerkt zum Fluss zu kommen. Wie weiter, würde sie dort entscheiden müssen.
Schritte vor der Strohhütte.
Todesangst stieg in ihnen hoch.
Aba und Zola drückten ihre Rücken an die Holzplanken der Hütte und saßen umarmt, kauernd, mit angezogenen Knien auf Abas schäbiger Schlafdecke, ganz so, als ob sie hierdurch unsichtbar werden würden. Das Loch des Eingangs erschien in diesem Moment wie das weit aufgerissene Maul eines sie sogleich verschlingenden Ungeheuers.
Ein Gesicht, welches von hinten mit Tageslicht beschienen und somit im Schatten lag, erschien und Aba erkannte beide Personen erst, als sie eintraten. Tumelo, gefolgt von Sam Haskins. Niemand sagte ein Wort – die ganze Situation glich einem schweigsamen Gebet in der Kirche. Sam trat zu Zola, hob mit Zeige- und Mittelfinger leicht ihr Kinn und betrachtete das zugeschwollene Auge.
Aba, erleichtert, nicht mehr alleine zu sein, sah Sam an, anschließend Tumelo, und entblößte erst Zolas Schulter, anschließend ihre Beine. »Baine!«, durchbrach sie die Stille.
Sam Haskins war der Erste, der die Situation erfasste. Keine Ahnung, was genau geschehen war. Wurde sie von Mr. Baine bestraft, gezüchtigt? In diesem Moment war dies auch egal. Die Sklavin hatte das Herrenhaus unerlaubt verlassen.
Zola zitterte, hob ihren Rock und deutete ungeniert auf ihre Scham. Ihre Geste war derart schockierend, dass Tumelo Übelkeit beschlich, als er begriff, was Zola zugestoßen war. In ihm entbrannte der Hass des betrogenen Liebhabers, der er nie war, aber gerne gewesen wäre.
»Mr. Haskins, was wir tun? Zola sonst sterben«, entfuhr es Tumelo aufgeregt.
Zola, trotz ihrer Qualen bewundernswert gefasst, brach nun in Tränen aus. Keine Tränen der Angst oder gar Scham, sondern funkensprühender Hass, entfesselte Wut. Tief, ihren glasigen Blick in die Augen von Sam Haskins bohrend, zischte Zola: »Ich werde töten Mr. Baine.«
Sam wusste, dass es nie so weit kommen würde, wenn sie hier in der Hütte blieben. »Packt eure Sachen, wir müssen raus hier, bevor Mr. Baine kommt.«
Da sie nichts hatten, was man packen konnte, halfen sie Zola hoch und von Tumelo gestützt standen sie am Ausgang der Hütte.
Es schien zu spät.
In einer Entfernung von etwa achtzig Metern sah Sam drei Personen vom Herrenhaus her kommen. »Schnell, da sind sie.«
Sam deutete in Richtung des angrenzenden Waldes, in dessen Areal auch der ›Schlund‹ seinen Platz hatte. Das angrenzende Buschwerk würde ihnen erst einmal Deckung geben, denn der direkte Weg zum Ashley River bot ihnen auf ganzer Strecke keinen Sichtschutz.
In der Hoffnung, nicht von den drei näher Rückenden entdeckt zu werden, huschten sie blitzschnell und geduckt hinter Abas Hütte. Von dort aus ging es, die weiteren eng stehenden Hütten als Deckung, circa hundert Meter weiter, bis sie den dicht bewucherten Rand des Areals erreichten. Allen war bewusst, dass sie als Fliehende und Fluchthelfer in Lebensgefahr waren. Nur eine Minute später und sie wären entdeckt worden.
Hinter dem Gebüsch sackte Zola erneut in sich zusammen. Zu mächtig waren die Ereignisse der letzten Stunden und sie fühlte sich elend.
Sam und Tumelo schoben Zweige eines Steppenläuferstrauchs zur Seite und beobachteten, wie Mr. Baine, von zwei Negern eskortiert, sowohl vor als auch in der Hütte suchte, in der sie selbst noch vor wenigen Minuten standen. Mr. Baine blickte um sich. Schon dachte Sam, dass Baines Blick in Richtung der Sträucher verweilte.
Nachdem einer der Farbigen im Inneren der Hütte verschwunden war, um sogleich wieder herauszukommen, machten sich die drei zu Sams Erleichterung auf den Weg zu den Baumwollfeldern.
»Sie werden Aba auf den Feldern suchen«, sagte Sam. »Wir haben nicht viel Zeit. Schnell, wir müssen zum Fluss.«
Der Ashley River stellte die einzige Möglichkeit dar, zu entkommen, jedoch auch das größte Hindernis. Das gesamte Ufergelände war gut bewacht, um diejenigen abzuschrecken, die eine Flucht aus der Leibeigenschaft planten. Die Wachen waren mit Gewehren bewaffnet und Sam wusste, dass sie Mr. Baine hörig waren und seinen Schießbefehl ohne Rücksicht ausführen würden. Sam fasste unter Zolas Beine und Schulter und führte die Gruppe durch das Dickicht. Er stolperte mehrfach, da das Wurzelwerk den Boden uneben machte. Schweiß lief ihm in die Augen.
Nach einer guten Stunde, unterbrochen durch eine kurze Pause, in der Tumelo Zola übernahm, hatten sie es geschafft. Sie spürten die höhere Luftfeuchtigkeit und konnten durch das Gestrüpp hindurch das Ufer erkennen. Sam schlich voraus, dann duckte er sich ruckartig. Die anderen taten es ihm gleich. Vor ihnen, etwa fünfzig Schritte entfernt, patrouillierte eine Wache, ihnen den Rücken zugekehrt.
Sam dachte nach. Was, wenn er zum Schwarzen gehen und ihn durch ein Gespräch ablenken würde? Er hatte schon des Öfteren mit den Wachen geplaudert, wenn er an einem freien Sonntag mit seinem ›Kahn‹ auf den Fluss hinausfuhr, um Barsche zu angeln. Sicher, er war bekannt unter ihnen, doch würden sie misstrauisch werden, da es in der Woche war? Früher oder später hätte Mr. Baine davon erfahren und eins und eins zusammengezählt. Nein, sie mussten sich weiter rechts der Felder halten, um eine Lücke zwischen den Spähern zu finden.
Ihm kam seine kleine Barke in den Sinn. Sie würde sich für eine Flucht eignen, doch lag diese genau in entgegengesetzter Richtung, fest vertäut, mit Gestrüpp verdeckt am Ufer.
Leise schlich die kleine Gruppe flussaufwärts durch das Geäst, bis Sam den nächsten, ebenfalls bewaffneten Posten erspähte. Beide Wachen waren keine zweihundert Meter voneinander postiert, was es unmöglich machte, unentdeckt zum Ufer zu gelangen. Nur im Schutz der Dunkelheit würde das beinah aussichtslose Unterfangen vielleicht doch gelingen.
Sam wandte sich an Tumelo: »Wir müssen zurück und die Nacht abwarten. Mr. Baine darf nicht erfahren, dass wir hier waren.« Und an Aba und Zola gerichtet: »Geht weiter zurück ins Dickicht, ruht euch aus und kommt, wenn es dunkel wird. Tumelo und ich werden auch da sein. Versteckt euch so lange im Buschwerk.«
Dann rannten Sam und Tumelo los. Sie mussten wieder zur Stelle sein, bevor Baine zum Herrenhaus zurückkam. Während sie hetzten, drehten sich Sams Gedanken um Mr. Baine. Was, wenn er einen Suchtrupp nach den beiden zusammenstellt? Die Chancen von Aba und Zola waren minimal.
Das Imperium
Washington D. C.
Fredrik Haskins, alleiniger Inhaber der Haskins Warenhaus Corporation, deren imposante Kaufhallen in allen großen Städten der USA zu finden sind. Insgesamt arbeiten mehr als 12.000 Mitarbeiter in über 200 Filialen für die Haskins Warenhaus Corporation. Während die Verkaufsstätten in den beliebtesten und somit teuersten Einkaufsstraßen sehr gut platziert sind, befindet sich die Zentrale, mit riesigen Lagerhallen, außerhalb von Washington im circa dreißig Meilen entfernten Maryland.
Jedes Kind kennt den edlen Schriftzug Haskins Corp. in blauschwarz geschwungener Schrift auf gelbem Hintergrund. Alle Warenhäuser tragen die gleiche Handschrift und sind allesamt gleich konzipiert. Über mehrere Stockwerke verteilt werden Kleidung, Haushaltswaren sowie Lebensmittel angeboten. Sowohl der Mann als auch die handwerklich begabte Frau findet über mehrere Etagen hinweg einfach alles, was das Herz von ›Bob dem Baumeister‹ begehrt. Von der kleinsten Schraube bis hin zu großen Werkzeugmaschinen. Handel mit Baumaterial und Werkzeugen ist der historische Grundstock des über Generationen hinweg entstandenen Firmenimperiums.
Im obersten Geschoss hat man den Eindruck, unter freiem Himmel einzukaufen. Alle Außenwände als auch Teile des Daches sind verglast. Riesige Aufzüge mit getönten Scheiben transportieren einen Kunden schnell bis in die oberste Etage, will man es vermeiden, die oft mit Menschen dicht gedrängten Rolltreppen zu benutzen. Im Dachgeschoss angekommen, steht man inmitten der Lebensmittel- und Feinkostabteilung. Separate Feinkosttheken laden ein, köstlich zubereitete Speisen zu genießen.
Das Konzept – welches Fredriks erste Amtshandlung nach Übernahme der Firmenleitung war –, einzukaufen und gleichzeitig die Mittagspause bei einem Glas Wein gemütlich plaudernd verbringen zu können, war bestens aufgegangen.
Bereits mit 29 Jahren übernahm Fredrik das Firmenimperium von seinem Vater Valentin Haskins. Fredrik hatte ebenfalls, wie derzeit seine beiden Söhne Stephen und Marc, an der Georgetown University studiert, um als einer der Besten seines Jahrgangs abzuschließen. Nach einem zweijährigen Aufenthalt in Europa, wovon er über ein Jahr in Deutschland verbrachte, kam er früher als geplant zurück. Valentin Haskins erlitt zu dieser Zeit, im Alter von erst 72 Jahren, einen Schlaganfall und war seit diesem Schicksalsschlag halbseitig gelähmt.
Schnell verschaffte sich Fredrik durch seine direkte, ebenso bestimmende Art Respekt bei seinen führenden Angestellten. Eine einzige Kündigung war notwendig, um den Rest der Mannschaft in Hab-Acht-Stellung zu bringen. Sein sehr eloquentes wie auch älter wirkendes Auftreten, gepaart mit erfolgreichen Entscheidungen, war ausschlaggebend, rasch als angesehener Nachfolger seines Vaters akzeptiert zu werden.
Die Art zu reden, seine ganze Erscheinung, darüber hinaus die Mitgliedschaft in der Republikanischen Partei brachten ihn neben seiner beruflichen Karriere auch politisch auf die Überholspur. So wurde er 1999 in den United States Senate gewählt und vertritt seither, neben Senator Frank Brown, den Bundesstaat Columbia.
Die Frage der Todesstrafe
Fredrik verließ nach seinem Telefonat mit Chief Willson das Arbeitszimmer des dreihundert Quadratmeter großen Apartments. Seine Frau und er hatten es vor drei Jahren gekauft, zogen vom nahe gelegenen Alexandria, Virginia, direkt in die Nähe des Capitols, als abzusehen war, dass Haskins chancenreichster Kandidat auf den Senatorenposten des Bundesstaates Columbia war.
Mit hochgekrempelten Ärmeln stand Olivia in der Küche, knetete Teig und weißes Mehl staubte ihre Unterarme herauf.
»Sie haben Marc verhaftet«, sagte Fredrik kurz und knapp.
Olivia beendete die Massage des Teigs und sah Fredrik erstaunt an. »Wieso verhaftet? Im College?«
»Ganz sicher nicht im College! Dieser Idiot hat sich heute Morgen in einer Bar geprügelt und sich festnehmen lassen. Den anderen hat er so zusammengeschlagen, dass dieser ins Hospital eingeliefert werden musste.«
Besorgt nahm Olivia ein Handtuch und wischte sich grob das Mehl sowie restlichen Teig von ihren Händen. »War das der Anruf von eben?«
»Ja, ein Chief Willson von der USCP hat Marc in Gewahrsam und mir versichert, dass er die Presse raushalten will. Ich kann nur nicht sagen, ob er wirklich hält, was er verspricht. Ist ein arrogantes Arschloch am Telefon. Ich habe gleich Michael angerufen, aber der ist bei Gericht und erst wieder um 14 Uhr im Büro.«
»Und wo ist Marc jetzt?«
»Hinter Gittern, bei der USCP. Ich kann unmöglich zu ihm fahren. Da kann ich gleich die Washington Post anrufen. Könnte nicht vielleicht Stephen …«
»Stephen ist im College – denke ich.« Olivia überlegte, ob Stephen eventuell auch, statt im Hörsaal der Uni, gerade in einer Bar seinen Vormittag verbrachte. »Er wollte später kurz vorbeikommen, um nachmittags zu Susan zu fahren, sie hat heute Geburtstag. Ich backe gerade einen Kuchen für sie. Meinst du, es ist ratsam, Stephen zu Marc zu schicken?«
»Sicher hast du recht, das macht alles keinen Sinn. So ein Mist. Wie ein dahergelaufener Halbstarker, der sich mit asozialem Pack prügelt. Er ist verdammt noch mal der Sohn eines Senators der Vereinigten Staaten – Herrgott noch mal!« Fredrik redete sich in Rage.
»Wo ist Senator Brown?«, versuchte Olivia abzulenken.
»Eben gegangen, als der Anruf vom Police Department kam. Ich treffe ihn gleich nachher im Club.«
»Dann fahr du mal in den Club und versuche von unterwegs Michael zu erreichen. Ich bleibe hier, falls nochmals jemand wegen Marc anruft. Außerdem muss der Kuchen fertig werden und so weit ich es verstehe, können wir momentan sowieso nichts weiter unternehmen. Gib mir Bescheid, was Michael sagt. Soll ich vielleicht später zu Marc fahren?«
»Lieber nicht. Warten wir ab, was Michael vorschlägt. Besser, wenn er als Anwalt sich der Sache annimmt. Dann bleibt es hoffentlich unter dem Teppich. Ich reiße Marc den Kopf ab, wenn ich ihn in die Finger kriege!«
»Ja, ja.« Olivia schob Fredrik aus der Küche. »Fahr du jetzt in den Club, ich halte hier die Stellung.«
Fredrik gab Olivia einen Kuss und machte sich auf den Weg zum Club. Wie immer behielt Olivia auch in brenzligen Situationen die Nerven. Fredrik bewunderte sie insgeheim dafür.
Er hatte seine Frau am College kennengelernt. Auch heute noch war sie eine gut aussehende Frau Mitte vierzig und seit zwanzig Jahren mit ihm verheiratet. Als sie damals schwanger wurde, machte ihr Fredrik umgehend einen Heiratsantrag. Gemeinsam verbrachten sie zwei Jahre in Europa und ihre beiden Zwillinge, Marc und Stephen, kamen in Hamburg zur Welt. Die beiden waren keine eineiigen Zwillinge, sicher einer der Gründe ihrer völlig unterschiedlichen Charaktere.
Olivia buk weiter ihren Kuchen, indes sie über Marc und Stephen nachsann. Während Stephen ein Musterschüler war, hatte Marc stets Probleme mit seinen Noten. Stephen gab sich arrogant und trug stolz den Namen Haskins. Er ließ keine Situation aus, damit anzugeben, und Luxus war für ihn Lebenselixier. Auf viele wirkte er dadurch versnobt, doch es kümmerte ihn nicht.
Ganz anders Marc. Als Erstgeborener erblickte er eine Stunde vor Stephen die Neonlampe des Kreißsaals. Schon immer war er ein Kämpfer gewesen. Verbote stellten für ihn schier Anreiz dar, diese zu brechen. Jedoch war er tief in seinem Inneren ein Herz von einem Menschen. Dies betonte Olivia stets, wenn es mal wieder Probleme mit Marc gab. Und die gab es zuhauf. Es ging schon in der Vorschule los und zog sich bis zum heutigen Tag wie ein roter Faden.
Beide Brüder verband eine Art Hassliebe. Zwar war Marc schon als kleiner Junge stets zur Stelle, seinen jüngeren Bruder zu beschützen, selbst dann, wenn Vater laut schimpfend Strafen erteilte. Je älter die beiden allerdings wurden, desto mehr lebten sie sich auseinander. Stephens arrogante Art missfiel Marc mehr und mehr, Stephen wiederum tadelte Marcs, wie er es formulierte, ›Einstellung zum Leben‹. Um häufige Wortgefechte zu vermeiden, gingen beide in den letzten Jahren ihrer eigenen Wege.
Fredrik bog direkt in die Auffahrt zum Haupteingang des Oval Clubs. Seine Wagenschlüssel des Bentley Brooklands, Baujahr 1998, übergab er einem jungen Farbigen, der diesen in die mit Kameras überwachte Tiefgarage fuhr. Ein Butler begrüßte ihn mit Namen und öffnete die Eingangstüre des alten, im Kolonialstil eingerichteten Gebäudes, ganz in der Nähe der Union Station. Die hohen Decken der mächtigen Räume wurden von schweren Säulen getragen. Helle Wände neben viel dunklem Holz verliehen der Architektur eine sakrale Atmosphäre.
Um Mitglied des Oval Clubs zu werden (der Name wurde zu Ehren des Oval Office gewählt), waren vier Mitglieder des Clubs als Bürgen notwendig. Politiker, Unternehmer wie hochrangige Persönlichkeiten bildeten den Kern des Clubs und so manches Geschäft oder Gesetz wurde in diesen Räumlichkeiten zur Verabschiedung vorbereitet.
Fredrik durchschritt die Eingangshalle, die von einem riesigen, herabhängenden Lüster gekrönt wurde, und steuerte zu einem der hinteren Räume. Er betrat durch die vertäfelte Türe einen etwa achtzig Quadratmeter großen Raum mit schweren, braunen Ledersesseln und dunklen, massiven Tischen. Das Mobiliar war so angeordnet, dass man die Gespräche der anderen Mitglieder nicht mitverfolgen konnte. Neben der Eingangstüre saßen bereits Senator Brown sowie sein Assistent in einer Nische.
»Hallo, Fred, konntest du heute Vormittag alles klären?«, fragte Senator Brown gleich zur Begrüßung.
»Danke, Frank, alles bestens.«
Fredrik füllte ein Glas der kleinen Bar bis zum Rand mit Eiswürfeln und goss einen Schluck Bourbon ein. Sodann machte er es sich in einem alten Ledersessel bequem und schlug seine Knie übereinander.
»Also, Fred, was gedenkst du zu tun?« Brown sah Fredrik fragend an.
»Eine echt heikle Situation«, antwortete Fredrik, nippte kurz am Bourbon, dann führte er weiter aus. »Stehen wir im Fall Sanders hinter der Todesstrafe, haben wir sicherlich die USCP sowie einen Großteil der weißen Wählerschaft hinter uns. Wehren wir uns dagegen, versuchen wir gar Einfluss auf die Entscheidung des Bundesrichters zu nehmen, könnten wir uns eine Menge Ärger einhandeln.«
»Aber das Video?«, gab Brown zu bedenken.
»Bis jetzt hat es noch keiner zu Gesicht bekommen und was beweist es schon?«
»Fred, es zeigt, dass der Polizist zuerst geschossen hat! Meines Erachtens war es Notwehr, als der Neger, nachdem er am Bein getroffen wurde, zugestochen hat. Noch dazu sieht man zu gut, wie der Cop nach dem ersten Schuss dem verletzten Neger die Waffe direkt an den Kopf gehalten hat. Das verstößt eindeutig gegen alle Regeln!«
»Frank, die Cops setzen täglich ihr Leben aufs Spiel. Kannst du einen guten und einen schlechten Nigger unterscheiden? Die haben doch alle die gleichen Klamotten an. Also Frank, was haben wir? Einmal die Videobänder aus dem Store, die den Neger beim Überfall zeigen. Dass er keine Waffe bei sich hatte, kann man nicht erkennen. Zum Zweiten die Aufnahme der Straßenkamera. Wird diese ignoriert, liegt der Fall zugunsten des Bundesrichters und der USCP. Wir hätten nur einzelne Verbände gegen uns, die für die Rechte der Schwarzen kämpfen. Die spielen bei den nächsten Wahlen keine bedeutende Rolle.«
Fred legte eine kurze Pause ein: »Unsere weiße Wählerschicht wird es uns danken, wenn wir den Tod des Polizisten derart sühnen. Der Cop hat zwei Kinder im Alter von drei und fünf Jahren! Dennoch sollten wir klar den Aktivposten der Entscheidung aufs Bundesgericht legen. So sind wir weitestgehend aus dem Schussfeld.«
Frank Brown überlegte, während der Assistent schweigend angespannt dem Gespräch lauschte. »Okay, ich werde mit Richter Rudolph sprechen. Speziell auch über die Beweisvideos. Sollte allerdings das zweite Video herangezogen werden, fechten wir ein Todesurteil an.«
Frank Brown runzelte die Stirn. Das zweite Video, welches eindeutig den Polizisten mit der Schusswaffe am Kopf des Negers zeigte, war ein brandheißer Beweis und würde über Leben und Tod entscheidend sein.
»Lass uns das weiter diskutieren, wenn ich das Gespräch mit Richter Rudolph geführt habe«, sagte Brown.
Fredrik nickte, während er einen Blick auf seine Uhr warf. Es war bereits 14 : 30 Uhr und Michael müsste längst in seinem Büro sein. »Entschuldigt mich für einen Moment. Ich hab noch ein kurzes Gespräch, bin gleich wieder da.«
Fredrik durchquerte das Clubzimmer und trat hinaus auf einen großen Balkon. Er zückte sein Handy und wählte Michaels Nummer.
»Hallo, Fred!« Michael Thomson hatte Freds Mobilnummer erkannt. »Claire hat mir schon ausgerichtet, dass du angerufen hast. Du willst wohl eine Revanche für dein letztes 6 : 4? Da musst du schon Agassi mitbringen, um mich zu schlagen.« Michael lachte.
»Mike, Marc ist wieder mal in Schwierigkeiten und dieses Mal auch ich. Er hat’s übertrieben. Schwere Körperverletzung.«
»Wo ist er gerade?«
»USCP, ein Chief namens Willson. Ein arrogantes Aas, wenn du mich fragst.«
»Kenn ich«, sagte Michael. »Presse?«
»Bisher nicht. Willson hat mir zugesichert, dass er stillhält, aber auch klargemacht, dass er Marc nicht einfach gehen lässt, nur weil er das Söhnchen vom Senator ist.«
»Oder vielleicht gerade deswegen«, gab Michael zu bedenken. »Ich führe ein paar Telefonate und fahr anschließend ins Police Department. Wo bist du gerade?«
»Mit Senator Brown im Club. Soll ich nachher bei dir vorbeikommen?«
»Wart erst mal ab. Ich weiß nicht, wie lange es dauern wird. Mach dir vorerst keine Sorgen. Ich ruf dich an. Grüß mir Olivia.«
Michael hängte ein und Fredrik kehrte zurück zu seinen Parteifreunden.
Ein Schuldiger ist gefunden
Charleston, South Carolina, 1732
Clexton musste Aba und Zola unbedingt finden. Eskortiert von seinen zwei Vorarbeitern, schlug er, nachdem sie die Hütte leer vorgefunden hatten, den Weg zu den Plantagenfeldern ein. Insgeheim hoffte er, dass die beiden nicht auf den Feldern waren, sondern auf der Flucht. Wie auch sollte Zola in ihrem Zustand aufs Feld? Möglicherweise waren sie auch getrennt und allein Zola versteckt? Es galt, den Vorarbeiter ausfindig zu machen, welcher der Mutter dieser Schlampe zugeteilt war. In der Hoffnung, irgendetwas zu entdecken, blickte Clexton laufend um sich. Augenblicklich machte er halt.
»Sucht nach Zola und der Mutter. Wenn sie nicht auf den Feldern sind, findet mir denjenigen, der die Hütte der beiden beaufsichtigt, und kommt mit ihm sowie ein paar der Vorarbeiter sofort wieder her. Ich warte hier.«
Eine gute Stunde später standen die beiden Neger, gefolgt von einem Dutzend Farbiger, jedoch ohne Zola oder deren Mutter vor Clexton.
»Wo sind die Niggerschlampen?«, herrschte Clexton.
Verängstigte Blicke fielen auf einen der jüngeren Vorarbeiter.
Clexton trat einen Schritt auf ihn zu. »Wo?«
»Nix wissen«, gab dieser von sich, während Schweißperlen ihm über die Stirn liefen.
»Was nix wissen? Waren sie heute Morgen nicht in ihrer Hütte?«
»Nix wissen« neben irgendwelchen unverständlichen Sätzen, die Clexton nicht verstand, waren das Einzige, was der Verängstigte von sich gab.
»Was sagt er?«, fragte Clexton gereizt in die Runde.
»Er sagt, niemand heute Morgen in Hütte. Hütte war leer.«
Clexton missfiel die Übersetzung sichtlich. »Das kann nicht sein, das Schwein lügt. Ich werde ihn zum Sprechen bringen. Ihr beide, nehmt ihn mit zum Käfig. Ich selbst werde es aus ihm rausprügeln, bis er quiekt wie ein Schwein. Sagt ihm das!«
Grob packten zwei Farbige den jungen Neger an den Oberarmen und zerrten ihn davon. Ihr Ziel: der ›Schlund‹.
Ohne Zeit zu verlieren, organisierte Clexton einen Suchtrupp. »Ihr hier geht hinunter und gebt den Wachen Bescheid. Sie sollen das ganze Ufer absuchen sowie das Dickicht durchkämmen. Dort müssen sie irgendwo sein. Wenn ihr sie findet, sofort schießen. Ich will ihre Leichen am höchsten Ast baumeln sehen! Ihr beide geht mit mir zurück zu den Stallungen, um Fackeln zu holen. Die werden wir brauchen.« Beim Betrachten der verängstigten Neger wurde er sich wieder seiner eigenen Furcht vor ihnen bewusst. »Wenn ihr sie nicht findet, lass ich euch alle bis aufs Fleisch auspeitschen. Ihr Hurensöhne.«
Wutentbrannt drehte er sich um und machte sich auf den Rückweg zu den Stallungen.
Das Gewitter zieht auf
Sam und Tumelo gelangten keuchend ans Herrenhaus.
»Tumelo, geh ins Haus und mach deine Arbeit wie gewohnt. Wenn Mr. Baine dich fragt, sag ihm, du hast Zola nicht gefunden. Sag ihm, du hast mich gefragt und auch ich habe sie nicht gesehen. Mehr nicht, ist das klar?«
Tumelo nickte.
»Sobald es dunkel wird, treffen wir uns hinter den Stallungen. Bring etwas Verpflegung mit, so, dass man sie sich um den Bauch binden kann.«
Tumelo verschwand im Haus und Sam ging zu den Stallungen. Sein Blick richtete sich nach Westen, als er dunkle Gewitterwolken aufziehen sah. Auch das noch!, dachte Sam. Es war um diese Jahreszeit völlig untypisch, solch dunkle Wolken am Himmel zu sehen, die sich nun wie schwarzes Bergmassiv türmten. Meist brannte die Sonne und Regen stellte die große Ausnahme dar.
Sam widmete sich wieder seiner Arbeit, als er nach einer halben Stunde Mrs. Baine resoluten Schrittes kommen sah. »Sam, wo waren Sie?«, rief Veronika von Weitem.
»Hallo, Mrs. Baine. Ich war auf der Weide, eines der Pferde lahmt.«
»Haben Sie Zola gesehen? Tumelo hat mir bereits erzählt, Sie wüssten nichts, ich glaube Ihnen aber nicht!« Veronika sah Sam stur und ungläubig an. »Tumelo und Sie waren stundenlang weg, das kann doch kein Zufall sein!«
»Mrs. Baine, ich bitte um Entschuldigung, doch ich verstehe wirklich nicht, was Sie meinen.«
»Sam, Sie sind seit Jahren für uns tätig und ich weiß, dass Sie viele Ansichten und Entscheidungen meines Mannes nicht teilen. Genauso wenig, wie ich das tue«, fügte sie zu Sams Überraschung hinzu. »Mein Mann ist völlig außer sich, seit Zola verschwunden ist. Ich kann mir keinen Reim darauf machen, habe aber große Angst um Zola.«
Sam überlegte, während er einen weiteren Heuballen zur Seite schob. Sie war die Frau seines Chefs. Würde er sich ihr anvertrauen, wäre auch sie in Gefahr, obendrein war er sich ihrer Loyalität in diesem Moment nicht sicher.
»Wie gesagt, Mrs. Baine. Ich würde Ihnen sehr gerne behilflich sein, doch ich hab Zola nicht gesehen. Entschuldigen Sie mich, Mrs. Baine, es zieht ein Unwetter auf und ich habe zu tun, das Heu ins Trockene zu bringen.« Mit diesen Worten griff er unversehens nach einem Heuballen und ließ Veronika stehen.
Erneut stieg Wut in Veronika auf. Wurde sie denn von jedem übergangen? »Ich glaube Ihnen kein Wort, Sie sturer Bock. Wenn Zola etwas passiert und Sie hätten es verhindern können, mache ich Sie verantwortlich.« Der Satz war unlogisch, zugleich unüberlegt, das wusste Veronika, denn alle Entscheidungen traf einzig ihr Mann. Nicht sie und auch nicht Sam.
Tief und durchdringend grollte der erste Donner durchs Tal.
Scharfrichter und Henker
Baine schickte seine beiden Begleiter alleine zu den Stallungen. Er selbst entschied sich um und schlug den direkten Weg zum ›Schlund‹ ein. Dort saß bereits der junge Vorarbeiter verängstigt hinter Gittern.
»Holt ihn raus und bindet ihn fest«, befahl Baine. »Und bringt mir die Geißel.«
Die Geißel war eine der Peitschen, die als grausamstes Foltergerät verwendet wurde. Aus ihrem Stiel mündeten mehrere Lederriemen mit dicken Knoten an deren Ende. So war sichergestellt, dass jeder Hieb auf dem Rücken eines Menschen tiefe Wunden hinterließ.
Zwei Wachen zerrten den jungen Vorarbeiter aus dem ›Schlund‹, rissen ihm das Hemd vom Oberkörper und banden ihn mit Seilen an ein neben dem ›Schlund‹ aufgestelltes Holzkreuz. Der junge Neger wehrte sich mit aller Kraft, war aber chancenlos und in kürzester Zeit fest am Kreuz gefesselt. Im Boden verankerte Eisenschellen fixierten seine Fußknöchel, sodass der zu Geißelnde breitbeinig am Kreuz hing.
Clexton stellte sich hinter den Zitternden, der irgendetwas Unverständliches murmelte. Es war für Clexton das erste Mal, dass er die Bestrafung eigenhändig vornahm – er war nun Scharfrichter und Henker in einem. Schlingernd hielt er die Peitsche in seiner Hand; dann holte Clexton aus und schlug die Riemen knallend auf den Rücken des Gekreuzigten nieder. Sein erster Schlag traf unsauber und die Riemen schnalzten zuerst am Ohr des Gefolterten, um schließlich seitlich den Rücken zu streifen. Doch verfehlten die Riemen nicht ihr Ziel, Schmerz zuzufügen. Das rechte Ohr des Mannes wurde zur Hälfte abgerissen und sofort sprudelte Blut dessen Hals hinab. Laut schrie der Gepeinigte auf, sein ganzer Körper spannte sich schmerzverzerrt, bis er zitternd erschlaffte.
Wieder holte Clexton aus und dieses Mal traf er mit voller Wucht entlang der Wirbelsäule. Die hohe Geschwindigkeit der Riemen durchschnitt die Luft und verursachte einen lauten Knall des Peitschenhiebes. Jeder einzelne Knoten der Riemen riss sich in die dunkle Haut des Rückens. Aus roten Striemen, die das rohe Fleisch sichtbar machten, quoll Blut. Wieder und wieder zischte die Peitsche auf das Opfer nieder. Heftig zuckte der Geschlagene unter seinen Schmerzen, bis er letztendlich das Bewusstsein verlor. Wie im Blutrausch griff Clexton zu einem Eimer Wasser. Er schüttete das kalte Nass über das Haupt seines Vorarbeiters, sodass sich eine Lache aus Wasser und Blut auf dem ausgetrockneten harten Boden bildete. Clexton zerrte dessen Kopf nach hinten, bis seine Lippen direkt am linken, gesunden Ohr des Negers waren.
»Wo sind die beiden?«, flüsterte er eindringlich und seine Worte züngelten sich in die Ohrmuschel wie eine Giftschlange.
Der Sklave hing geschunden und bluttriefend am Kreuz. Er hörte Baine nicht mehr. Sein ganzer Körper war ausgefüllt von den donnernden Worten, die sich erst vor wenigen Stunden in seinen Verstand eingebrannt hatten: »Uqando gejuna daque. Uqando gejuna daque.« Die Sturmflut dieses Mantras erlöste ihn und sein Herz hörte auf zu schlagen.
Gelingt die Flucht?
Die Nacht war hereingebrochen. Gewaltige, schwarze Gewitterwolken öffneten ihre Schleusen und ergossen sich in strömendem Regen. Während die Suchtrupps mit Fackeln am Ufer des Ashley Rivers unterwegs waren, wartete Baine allein auf der Veranda. Schnell würde es sich unter den Sklaven herumgesprochen haben, dass er den Neger zu Tode gepeitscht hatte. Keiner wagte es, Baine anzusprechen. Weder seine Frau noch Tumelo wurden von ihm nach seiner Rückkehr befragt und beide zogen es vor, ihm nicht über den Weg zu laufen.
Veronika hatte sich mit Jos ins Schlafzimmer verkrochen, während Tumelo, neben sich eine Ledertasche gefüllt mit Proviant, in seinem Zimmer saß. Eine mystisch bedrohliche Atmosphäre lag über der ins Dunkel gehüllten Plantage. Tumelo starrte aus dem Fenster. Er hatte Angst. Er musste zu den Stallungen, um sich mit Mr. Haskins zu treffen. Doch er war wie gelähmt. Wir werden alle sterben, alle! Er dachte an die vielen Wachen, die mit Fackeln das Ufer absuchten. Die vielen Gewehre. Wieder überkam ihn die Vorstellung, wie Mr. Baine über Zola liegt – sie vergewaltigt. Seine Zola! Der Gedanke daran ließ die Angst von ihm weichen und Zorn gewann die Oberhand. Er musste gehen. Er musste Zola helfen. Er war es ihr schuldig. Hätte er besser auf sie aufgepasst, wäre es nicht so weit gekommen.
Den Proviantsack umgeschnallt, öffnete er sein Fenster und sprang ins Freie. Ein Blitz zuckte am nächtlichen Himmel, erhellte für Sekunden das ganze Tal, gefolgt von tief grollendem Donner. Gebückt rannte Tumelo zu den Stallungen und kam völlig durchnässt an.
Sam trat aus seinem Versteck hervor, als er die Silhouette von Tumelo erkannte. »Wo warst du so lange?«
Ohne darauf zu antworten, zeigte Tumelo den Ledersack.
»Gut, dann los.«
Schlechte Sicht, des starken Regens wegen, sowie die stockfinstere Nacht machten es ihnen leicht, unentdeckt bis in die Nähe des Ufers zu gelangen, wo sie sich tagsüber von Aba und Zola getrennt hatten. Sie erkannten viele helle Fackeln, die wie Glühwürmchen in Flussnähe unterwegs waren. Hinter Gestrüpp versteckt warteten sie auf Aba und Zola. Nichts regte sich. Tumelo griff nach zwei Steinen und klopfte diese leise und vorsichtig aufeinander. Sein Klopfzeichen hatte Erfolg. Nicht unweit vor ihnen hörten sie ebenfalls einen Klopflaut.
»Zola«, zischte Tumelo weiterhin geduckt, um nicht gesehen zu werden, sollte das Zeichen nicht von Aba und Zola gekommen sein.
Es raschelte, bis zwei Schatten vorsichtig gebückt aus dem Unterholz schlichen.
»Leise«, mahnte Sam, der sie als Erster erkannte. Anschließend erklärte er ihnen seinen Plan.
Sam lief zum Ufer und sah einen Wachposten, der mit einem Gewehr im Anschlag direkt auf ihn zukam. »Nicht schießen!«, schrie Sam durch den Regen. »Ich bin es, Sam Haskins.«
Die Wache trat näher und erkannte Sam.
»Mr. Baine hat mich beauftragt, mitzusuchen. Aber meine Fackel ist ausgegangen.«
Der Neger griff an seinen Hosenbund und gab Sam eine neue. Mit seiner eigenen entzündete er das am Holzstiel in Wachs getränkte Baumwolltuch.
»Habt ihr schon irgendwas entdeckt?«
»Nichts«, sagte sein Gegenüber, während Regenwasser ihm über das dunkle Gesicht lief. Er fixierte Sam mit hellen wachen Augen.
»Ich werde weiter flussabwärts suchen«, schrie Sam, denn ein erneut lauter Donner dröhnte durch Mark und Bein. Zustimmend nickte der Neger, deutete auf eine Gruppe Suchender, derer sich Sam augenblicklich anschloss.
Nach zehn Minuten entlang des Ufers fand er die Stelle, an der er Tage zuvor seine Barke vertäut hatte. Langsamer werdend ließ er sich vom Rest der Gruppe zurückfallen und verschwand im Ufergestrüpp. In der Hoffnung, unbeobachtet zu sein, entfernte er hastig das der Tarnung dienende, durchnässte Geäst und Gestrüpp von seinem Boot. Der Augenblick war günstig, den Kahn ins Wasser zu lassen. Er zog an dem kleinen Schiff, welches sich sonst leicht über den sandigen Boden bewegen ließ. Doch der Kiel sank tief in den weichen, schlammigen Untergrund, was das Gleiten erheblich erschwerte. Sam benötigte wesentlich mehr Zeit und Kraft als erhofft – ständig in Gefahr sich nähernder Wachposten. Seine Muskeln brannten unter der Anstrengung, bis er endlich, den matschigen Ufersand hinter sich gelassen, das Boot ins Wasser schob. Mit einem Satz landete er im schaukelnden Kahn, legte seine brennende Fackel vorsichtig auf den Bootsboden, holte sein Paddel und ruderte leise einige Meter zur Mitte des Flusses. Hoffend, man könne in der Dunkelheit das Boot vom Ufer nicht mehr ausmachen.
So flach wie möglich paddelte er gebeugt gegen die Strömung an. Nach fünfzehn Minuten erreichte er die Höhe des Verstecks der drei anderen. Er setzte alles auf eine Karte und ruderte ans Ufer. Sam rechnete damit, denn sofort waren auch schon drei Farbige bei ihm. Einer von ihnen war der Wachposten, welcher ihm noch kurz zuvor die Fackel gegeben hatte.
»Ich habe den Fluss abgesucht«, schrie Sam und sein Ton wurde fordernd, während er den Kahn zu einem Drittel auf Sand setzte. »Ich bin mir sicher, dort hinten am Ufer Schatten gesehen zu haben.« Er deutete flussabwärts. »Es waren zwei Gestalten, die ohne Fackeln unterwegs waren. Sie können nicht weit sein! Ihr müsst dort suchen.«
Die Wachen sahen sich etwas unsicher an, dennoch folgten sie seiner Anweisung. Immerhin kam sie von Mr. Haskins, einem Weißen.
Sie waren keine zwanzig Meter entfernt flussabwärts, als Tumelo, der aus sicherem Versteck heraus die Szene beobachtet hatte, gefolgt von den Fliehenden angeschlichen kam. Sam rief laut durch den peitschenden Regen, an Zola und Aba gewandt: »Rudert so weit, wie es geht, ans andere Ufer und lasst euch dann flussabwärts treiben. Jetzt seid ihr auf euch gestellt.«
Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, geschah es! In dem Moment, als Zola ins Boot stieg, traten zwei Wachen aus dem Unterholz und eilten auf die Flüchtigen zu. Tumelo warf geistesgegenwärtig den Proviantbeutel zu Zola ins Boot, stieß es ins Wasser, drehte sich dann blitzschnell zu Sam und schlug unvermittelt mit seiner Faust zu. Von der Wucht des überraschenden Schlages getroffen, fiel Sam in den matschigen Ufersand. Aba verpasste die Chance, ins Boot zu springen, und ging mit erhobenen Fäusten schreiend auf den vermeintlichen Verräter Tumelo los. Dieser packte Aba, riss sie nieder, warf sich auf sie und flüsterte in ihr Ohr: »Es tut mir leid. Vertraue mir.«
Dann schrie er laut: »Ich habe sie, ich habe sie!«
Abas Verhaftung
Schüsse fielen.
Die beiden Wachen feuerten in Richtung des Bootes. Sam rappelte sich auf und warf sich dazwischen: »Hört auf zu schießen, ihr Idioten! Glaubt ihr, da irgendjemanden zu treffen? Da ist niemand im Boot! Wir haben sie!« Hektisch deutete er auf Aba, die noch immer unter Tumelo lag.
Durch die Schüsse alarmiert, hetzten umgehend vier weitere Wachen auf die Gruppe zu. Tumelo blieb regungslos liegen, während er leise zu weinen begann.
Trotz des Fausthiebes von Tumelo, der noch an seinem Kiefer pochte, behielt Sam einen klaren Kopf. »Packt das Miststück, das mich niedergeschlagen hat, und bringt es in den ›Schlund‹.«
Die Wachen staunten sichtlich verwirrt. Einer von ihnen ergriff als Erster das Wort: »Mr. Baine haben befohlen zu erschießen.«
»Und ich sage euch, bringt sie in den ›Schlund‹, die anderen suchen weiter. Nur so haben wir eine Chance, die Zweite zu finden! Solange die Mutter noch lebt, wird die Tochter nicht abhauen. Los jetzt!«
Sam war so bestimmend, dass keiner es wagte, ihm zu widersprechen. Zwei der Wächter zerrten Aba unsanft in die Höhe, verschwanden mit ihr in der Dunkelheit, während Sam und Tumelo Abas Silhouette nachsahen, die sich stolpernd im Vorhang des Regens auflöste. Dann wandte sich der Blick beider Männer aufs Wasser. Vom Boot war nichts mehr zu sehen.
Der Fluch
Eine Stunde später saß Aba durchnässt und schlammbedeckt, scheinbar hilflos, im ›Schlund‹. Ein schweres Vorhängeschloss an der Türe verhinderte jeden weiteren Fluchtversuch. Sie hatte ihre Tochter verloren! Wieder spürte sie den Zorn in sich aufsteigen. Dunkles Grollen und stärker werdende Donnerschläge hüllten sie ein. Regen prasselte ihr ins Gesicht, als sie sich langsam erhob. Wie bei einem Hurrikan, den ›Schlund‹ in dessen Auge, wirbelten fluoreszierende Wellen um den Käfig. Ohrenbetäubendes Tosen umgab Aba. Wie ein Wesen der Unterwelt, beide vom Morast bedeckten Arme in den Himmel gestreckt, schrie sie aus tiefster Seele heraus: »Zooooolaaaaa.«
Der Schrei Abas explodierte in den Nachthimmel, füllte die pechschwarzen Gewitterwolken, begleitet von einem Feuerwerk an Blitzen, die vom Himmel gespien kamen. »Zooooolaaaaa« erzitterte über die gesamte vierhundert Hektar große Plantage und hallte wie das Orgelspiel in einer Kathedrale.
Abas Augen begannen grün zu glühen und sie durchschritt wie ein Wesen aus einem anderen Universum die Gitterstäbe ihres Gefängnisses, so als wären diese nicht existent. Wie in Trance bewegte sie sich an verängstigt zurückweichenden Wachen vorbei, die es nicht wagten, diesem vom Schlamm bedeckten Wesen mit seinen glühenden grünen Augen entgegenzutreten.
Baine stand indes noch immer auf der Veranda und wartete auf Nachricht der erhofften Erschießung von Zola und deren Mutter. Ein unnatürlich hallender Schrei durchdrang das Regenmeer, während der Name Zolas gleich einem Donner vom Himmel vibrierte, begleitet von unzähligen Blitzen, die sekundenlang den Nachthimmel erhellten und ein gespenstisches Spiel aus Licht und Schatten erzeugten.
Über seinen Rücken lief ein eiskalter Schauer, derweil Zolas Name sich in seine Brust brannte. Etwas Unnatürliches war im Gange und eine Welle der Furcht durchflutete seinen Körper. Schaudernd griff Baine mit eiskalt gewordenen Fingern nach seiner Steinschlossbüchse, die neben ihm an einem Pfosten lehnte. Der sintflutartige Regen verhinderte wie ein Vorhang zu erkennen, was unterhalb der Veranda vor sich ging. Angsterfüllt, die Waffe im Anschlag, blickte er in die Nacht und verspürte in seinem tiefsten Inneren, dass aus dem Jäger der Gejagte wurde.
Sam und Tumelo waren gerade an den Stallungen angekommen, als sie der Schrei durch die Nacht überraschte. Sie sahen einander kurz an, dann rannten sie weiter zum Herrenhaus.
Veronika stand am Fenster ihres Schlafzimmers. Jos lag schlafend in seiner Wiege. Die leblosen Fensterscheiben vibrierten, als Zolas Name wie Donner gegen sie hallten. Veronika konnte nichts erkennen, ahnte jedoch, dass unterhalb auf der Veranda Clexton stand.
Wieder zuckten grelle Blitze am Himmel, verwandelten die stürmische Landschaft in ein riesiges, bewegtes Schattentheater. Baine konnte durch den Sturm hindurch weder hören noch genau sehen, was außerhalb der Veranda vor sich ging. Er spürte die drohende Gefahr, die im Anzug war, als er glaubte, etwas zu erkennen. Aus dem aufgeweichten Boden erhob sich eine dunkle Erscheinung. Baine erblickte vage Umrisse einer gebeugten Gestalt, langsamen Schrittes auf die Veranda zukommend.
Als ob himmlische Mächte ihren Zorn bekundeten, erhellte sich der Himmel unheilvoll durch die Entladung von Billionen von Watt. Wie riesige Blutadern durchzog eine Welle von Blitzen sekundenlang den nächtlichen Himmel, gefolgt von krachenden Donnerschlägen. Was folgte, war eisige Dunkelheit. Einzig das Prasseln des Regens war zu hören. Clexton verharrte, ahnend, dass direkt vor ihm jemand – etwas stand. Äußerlich zu Stein erstarrt, ließ sein Herzschlag die Adern pulsieren, roter Lebenssaft pochte über den Hals hinauf in seine Ohren.
Die Stimme, die jetzt zu ihm sprach, ließ augenblicklich sein Blut gefrieren. Es war nicht die Stimme eines Menschen, vielmehr die einer Gottheit, die ihre Gebote ins Land zu senden schien. Dunkel, hallend, mächtig.
»Vervloek jy en jou nageslag!« –›Verflucht bist du und deine Nachkommen!‹
»Jou kuit geslagte ons lyding weet!« –›Generationen deiner Brut sollen unser Leid erfahren!‹
Die Worte drangen bis in Baines Gedärme vor und außerstande, sich zu bewegen, konnte er nichts erkennen, lediglich Worte, die in einer unnatürlichen Tonart das Dunkel durchzogen.
Tumelo ergriff aus der Angst heraus Sams Oberarm. Beide standen seitlich der Veranda, während Tumelo, unfähig, das Geschehene zu begreifen, der Einzige war, der in diesem Augenblick zumindest den Sinn der Worte verstand.
Plötzlich hallte es wieder aus dem Nichts: »Damn dit al, damn dit al!« –›Verflucht ihr alle, verflucht ihr alle!‹
Immer stärker werdendes goldenes Licht umrahmte wie eine Aura die Gestalt von Aba, die hocherhobenen Hauptes direkt vor der Veranda stand. Gleißend grüne Augen starrten bannend direkt auf Baine. Wieder schrie Aba ihren Fluch. Drohend, von Schwingungen des Lichtes begleitet, erhob sie ihre ausgestreckte Hand, deutete auf den Verfluchten.
Wie aus einem Traum erwacht, riss Baine angsterfüllt seine Flinte in die Luft. Aba, schreiend, beide Arme gen Himmel gereckt, war nun ein perfektes Ziel. Der Schuss traf sie direkt in die Brust. Der Aufprall der Kugel riss Aba augenblicklich rückwärts zu Boden. Tumelos Aufschrei ging indes im krachenden Gewehrlaut unter.
Dann Stille.
Alle Blicke waren gebannt zu jener Stelle gerichtet, an der ein lebloser, toter Körper lag. Noch immer währende Sekunden der Stille. Doch plötzlich, zum Entsetzen aller, streckte die Tote einen Arm mit weit auseinandergespreizten Fingern in die Höhe, danach ein zuckender, sich aufrappelnder Körper. Aba bäumte sich zu ihrer vollen Größe, ihr durchdringender grüner Blick auf Baine gerichtet, dessen Trommelfelle brannten.
Erneut grollte die Botschaft aus Aba: »Damn dit al, damn dit al!«
Baine stolperte fassungslos nach hinten. Bevor die Umstehenden vollends begriffen, was soeben geschehen war, begann Aba schwerelos über dem Boden zu schweben. Ihr ganzer Körper hing wie eine Marionette, deren Fäden man losgelassen hatte. Hell schimmerndes Licht strahlte aus ihrer Brust, an jener Stelle, wo die Kugel sie durchbohrt hatte. Klare, weiße Leuchtkraft überstrahlte den ganzen Platz wie Scheinwerfer das Amphitheater – die Zuschauer des übernatürlichen Schauspiels blendend. Noch flirrte ihr Körper lichterfüllt in der Luft, als es plötzlich aufhörte zu regnen.
Totenstille zur Einleitung des letzten Aktes.
Das leise Zwitschern der Sperlinge, eine komponierte Symphonie. Aus der hell erleuchteten Brust Abas heraus gebar es einen Sperling, der fröhlich singend, flatternd tanzte. Es folgten weitere und stimmten ihre Instrumente mit ein. Wie Engelsgesang zwitscherten Hunderte Sperlinge ihr Lied, flirrende Flügelschläge umhüllten Abas Körper wie eine sanfte Frühlingsbrise. Nach und nach trugen sie das Licht in den Kosmos, bis auch der letzte Sperling seinen goldenen Lichtschimmer hinauf, durch dunkle Wolken hindurch, mit sich nahm. Dann folgten Dunkelheit und völlige Stille, wie kurz vor dem tosenden Applaus des Publikums, deren Herzen die Emotionen des gerade Aufgeführten noch genießen.
Veronika liefen kalte Tränen über die Wangen.
Es verging eine gefühlte Ewigkeit, bis Sam zwar benommen, doch langsamen Schrittes sich zu der Stelle vorwagte, an der Aba soeben noch gelegen hatte. Er suchte nach ihr, doch der Platz war leer. So, wie sie aus der Nacht gekommen – aus dem Nichts –, so verschwand sie in einem gleißenden Lichtermeer.
Die Todesstrafe?
First Street, NE, einen Block östlich des Capitols, 2001
Frank Brown saß im Büro von Richter Rudolph, welches sich im ersten Stock des Supreme Courts, dem Obersten Gericht der Vereinigten Staaten, befand. Bereits vor einer Stunde hatte er das fünfstöckige, über 28 Meter hohe Gebäude aus den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts, das aus reinem Marmor bestand, betreten. Seine braune, lederne Aktentasche durchleuchtet, durchschritt er die Sicherheitszone, gefilzt von Metalldetektoren. Nun wartete er schon über dreißig Minuten, was bei Richter Rudolph keine Seltenheit darstellte. Er grübelte, ob der Richter ihn aus Absicht warten ließ, um deutlich zu machen, welch wichtiges Amt er bekleidete.
Endlich ging die Türe auf und würdevoll, doch mit sportlichem Elan begrüßte Richter Rudolph beim Eintreten seinen Gast: »Hallo, Senator Brown. Entschuldigen Sie, dass ich Sie warten ließ.«
Nachdem sie sich freundlich die Hände geschüttelt hatten, nahmen beide in einer Sitzecke auf abgewetzten Ledersesseln Platz. Es folgte eine gegenseitige kurze Musterung in der Art, als ob sie gleich sagen wollten: ›Hey, alter Knabe, fit schaust du heute aus. Gut gevögelt?‹
Senator Brown ergriff zuerst das Wort: »Richter Rudolph, Sie ahnen, warum ich hier bin?«
»Geht es um Jeff Sanders?«
»Genau, Jeff Sanders.«
»Den schwarzen Jeff Sanders, der sich einer Polizeifestnahme entzog und einen Officer der USCP mit gezieltem Stich in den Hals förmlich hingerichtet hat?«
Brown missfiel dieses Frage- und Antwortspiel. »Richter Rudolph, wir stehen als Senat vor der gleichen Frage wie Sie. Können wir die Verhängung der Todesstrafe verantworten?«
Samuel Rudolph schlug seine Beine übereinander und lehnte sich entspannt im Sessel zurück. »Was soll ich Ihrer Meinung nach tun, Senator? Ist es aus Ihrer Sicht nicht mehr eine Frage Ihrer Wählerstimmen? Wenn ja, dann würde ich mich an Ihrer Stelle für die Todesstrafe aussprechen. Kommen Sie allerdings aus tief ethischen Beweggründen, so sollten Sie sich die Frage stellen, ob Sie nicht bei den Demokraten besser aufgestellt wären.«
Rudolphs angriffslustiges Verhalten verwirrte, beleidigte Brown und er stellte sich insgeheim die Frage, was der Richter hiermit bezwecken wollte. »Weder noch«, entgegnete er. »Für mich sind es in diesem Fall rein sachliche Gründe, die mich erwogen haben, das Gespräch mit Ihnen zu suchen.« Was nicht der Wahrheit entsprach.
»Ihnen sind die Beweisvideos bekannt?« Browns Stirn schlug Falten.
»Sicher doch, und in der Tat stellen diese ein gewisses Problem dar, wenn nicht moralisch, so könnten sie doch einen anderen Eindruck als den tatsächlichen Tathergang vermitteln. Senator Brown, entschuldigen Sie, wenn ich eben etwas barsch war. Doch hier geht es nicht um die Frage, ein zutiefst verwurzeltes Recht des guten amerikanischen Bürgers auszuhebeln. Das Recht der Sicherheit auf unseren Straßen, das Recht, das jedes einzelne Kind, jede Frau und jeder Mann in diesem Staat vor Ungemach schützen soll. Wissen Sie eigentlich, wie lange dieses Recht auf Todesstrafe schon besteht? Seit 1608, in den britischen Kolonien Nordamerikas. Ein naturgewolltes Gesetz, ohne dieses wir nicht das wären, was wir heute sind. Ein freier Staat mit zu schützenden Bürgern.«
Brown kam die Rede einstudiert vor und er fragte sich, wie oft der Richter diese schon vorgetragen hatte.
»Aber auf Ihre Frage zurückkommend. Ja, ich kenne diese Videos und sie machen die Entscheidung sehr kompliziert. Hier geht es nicht allein um die Todesstrafe. Hier geht es um Farbig und Weiß. Wir haben bereits genug Probleme mit angeblichen Übergriffen auf die schwarze Minderheit. Haben Sie schon mal versucht, sich wirklich intensiv in die Rolle eines US-Cops zu versetzen? Jede Fahrzeugkontrolle, jeder Zugriff auf einen Schwarzen könnte der letzte sein.«
»Genau wie jeder Zugriff auf einen Weißen«, erwiderte Brown.
»Aber das steht doch in unserem Fall gar nicht zur Debatte! Hier geht es um einen Farbigen, der einen US-Marshal niedergestochen hat. Wenn ich richtig informiert bin, mit kleinen Kindern und Frau, die er hinterlässt. Sie wollen meine Meinung wissen, wenn Sie hier zur Türe hinausgehen? Ich sage sie Ihnen: Wir müssen uns an das Gesetz halten. Das Gesetz schreibt eindeutig die Todesstrafe vor, wenn die Beweislast als erdrückend anerkannt wird. Zumindest in unserem Bundesstaat, und daran muss und werde ich mich als Vertreter der Gesetzgebung halten müssen. Meine persönliche Auffassung ist hier hinten angestellt. Doch sehen Sie, ich kann die Beweise des Berufungsantrags nicht unter den Teppich kehren. Die Videos belegen eindeutig, dass hier aus Notwehr gehandelt wurde.«
Rudolph hatte es geschafft und Brown verblüfft. Die ganze Zeit vermittelte der Richter den Eindruck, er würde dem Antrag, Jeff Sanders hinzurichten, stattgeben. Stattdessen hing nun die Aussage klar im Raum, dass dieser, entgegen seiner persönlichen Überzeugung, die Videos als Beweis zur Berufung zulassen würde.
Stephens Frauen
Stephen fuhr direkt von der Uni nach Hause und parkte seinen knallroten Ford Mustang Cabrio, Baujahr 1968, in der Tiefgarage. Noch wusste er nichts von der Schlägerei seines Bruders, auch nicht, dass dieser hinter Gittern der United States Capitol Police einsaß. »Mom«, rief er, als er durch die Aufzugstür, die direkt in die Wohnung führte, eintrat. In der Küche erblickte er den wunderschönen Kuchen mit vielen Kerzen darauf. Er zählte nach – es waren siebzehn. Nochmals rief er seine Mutter, als er zu seinem Zimmer lief.
»Hier, Stephen, ich bin im Schlafzimmer.«
»Hey, Mom, ein toller Kuchen. Ich zieh mich nur schnell um und fahr dann gleich zu Susan. Kann heute spät werden.«
»Warte kurz«, bat seine Mutter und legte einen Stapel Kleider, den sie für die Obdachlosensammlung herrichtete, aufs Bett. »Lass uns ins Wohnzimmer gehen, ich muss mit dir reden.«
Beide saßen auf der weißen Couch und Olivia berichtete Stephen in Kurzform, was sein Bruder am Vormittag angestellt hatte.
»Au Mann«, war die erste Reaktion von Stephen. »Marc reißt Dad ganz schön in die Scheiße. Weißt du schon was von Michael? Hat er sich gemeldet?«
»Nein, noch habe ich nichts gehört und Dad ist im Club mit Senator Brown. Nun fahr du zu Susan und erzähl um Gottes willen niemandem davon.«
»Geht klar, aber stell dich nicht wieder wie eine Löwenmutter vor ihr Junges. Marc muss endlich lernen, was aus seinem Leben zu machen. Wenn du ihn ständig in Schutz nimmst, hilfst du ihm nicht und Dad rastet noch mehr aus.«
Belehrende Worte, dachte Olivia.
Stephen ging in sein Zimmer, welches direkt neben dem von Marc lag. Fein säuberlich hängte er die ausgezogene Hose über einen Bügel in den Schrank, sein weißes Hemd landete auf dem Boden. Ein kurzer, prüfender Blick in den Spiegel seines Kleiderschrankes bestätigte seine Erwartung und ihm gefiel, was er sah.
Stephen, ein paar Zentimeter kleiner als sein blonder Bruder Marc, hatte etwas dünneres, dunkles Haar, welches er zu einem akkuraten Seitenscheitel frisierte. Sein Gesicht zeigte männlich markante Züge, vor allem durch das ausgeprägte, breite Kinn, welches, durch starken Bartwuchs, etwas dunkel schien. Nicht so muskulös wie Marc, war seine Figur schlank, drahtig durchtrainiert. Man sah es Stephen an, dass er den Sportarten der Leichtathletik mehr zugeneigt war, als den Mannschafts- und Kraftsportarten seines Bruders.
Stephen schlüpfte in seine Designerjeans, streifte ein Poloshirt über, dann zog er seine beigefarbenen, ledernen Mokassins an.
»Was schenkst du Susan eigentlich?« Olivia lehnte am Türrahmen.
Aus seiner Hosentasche kramte er ein unverpacktes Schmucketui. Darin lag ein kleines, dünnes Goldkettchen mit einem Anhänger. Dieser hatte die Form des Dollarzeichens.
»Wäre ein Herzchen nicht persönlicher gewesen?«, fragte Olivia und runzelte die Stirn.
»Mom, du kennst mich doch, ein Dollarzeichen passt eben besser zu mir als ein Herzchen.« Stephen grinste.
»Aber sie trägt doch das Kettchen!«
Stephen lächelte, drängelte sich an ihr vorbei und warf ihr hauchend einen Handkuss zu, als er in der Küche den Kuchen holte und durch die Aufzugstür verschwand.
Sein Mustang steuerte direkt zu Susan, die wenige Meilen entfernt bei ihren Eltern wohnte. Da vor dem Haus viele Autos schon angekommener Gäste standen, parkte er in einiger Entfernung. Laute Musik dröhnte ihm entgegen, als er direkt um das Anwesen herum nach hinten in den Garten ging. Etwa vierzig Jugendliche, einige, zum Teil in Badehose und Bikini, feierten bereits ausgelassen. Stephen sah auf seine Patek Philippe. Es war kurz nach 17 Uhr und er lächelte erwartungsvoll. Wenn um diese Zeit schon so eine Stimmung herrscht …
Lex, ein etwas untersetzter Kommilitone aus der Uni, kam ums Eck und legte freundschaftlich seinen Arm um Stephen. »Hey, alter Knabe, da geht heute die Post ab.« Dabei hob er seinen Cocktail in die Höhe. »Campari, Wodka und ein Schlückchen O-Saft. Kann ich dir empfehlen. Haut rein, wenn die Mischung stimmt.«
»Hast du Susan gesehen?«
»Oh ja, zuletzt war sie drüben an der Poolbar. Tom baggert an ihr.«
Stephen lächelte süffisant, während er seitlich zum Pool lief. Susan stand mit Tom an der Bar, der ihr etwas ins Ohr flüsterte. Laut lachend warf sie ihren Kopf in den Nacken und ihre roten, langen Haare wirbelten, als sie Stephen erblickte. »Stephen, hierher«, rief sie ihm zu und winkte.
»Hey, Zuckermäuschen, ich hab gehört, hier feiert jemand seinen Geburtstag.«
Nachdem der Kuchen abgestellt war, drückte er Susan einen dicken Kuss direkt auf ihre knallrot geschminkten Lippen. Tom verzog missmutig das Gesicht.
»Wow, ein selbst gebackener Kuchen.« Susan tat so, als ob sie ein Wunderwerk bestaunte.
»Hab ich die ganze Nacht nur für dich gebacken, Mäuschen.«
Mäuschen, Mäuschen, Tom wurde sichtlich sauer.
Sodann holte Stephen aus seiner Hosentasche das unverpackte Etui hervor. Susan verzog beim Anblick der hellgrauen Schmuckbox leicht ihre Augenbrauen, ließ sich jedoch nichts anmerken, als ihr nach Öffnung der Dollar-Anhänger entgegenblitzte. »Ganz mein Schatz Stephen«, witzelte sie und umarmte ihn.
Da die Schlacht für Tom vorerst verloren schien, trat er, mit einem kurzen Wink, den Rückzug an.
Mit Susan im Arm griff Stephen zu einem gemixten Cocktail, der zumindest genauso aussah wie der von Lex. Ausgelassen wurde gefeiert und getanzt, bis kurz vor 23 Uhr Stephen gemeinsam mit Susan deren Zimmer aufsuchte. Sie küssten sich leidenschaftlich.
»Schau mal, was ich da habe«, schmunzelte Stephen und zog aus seiner Gesäßtasche ein verpacktes Kondom heraus. Er hielt es winkend vor Susans Nase. »Erdbeergeschmack.«
»Stephen, sorry, das geht nicht. Die ganzen Gäste, und ich hab meine Tage.« Susan verzog ihr Gesicht.
»Fuck«, fluchte Stephen kurz. »Aber du kannst mir sicher einen blasen?« Und schon griff er an seine Hose, um die Knöpfe zu öffnen.
»Du spinnst doch. Ich werde dir jetzt ganz bestimmt keinen runterholen. Lass uns nach draußen gehen und weiterfeiern.« Susan zeigte sich beleidigt.
»Bist du bescheuert, du hast mir doch schon öfter einen geblasen. Was soll das jetzt?«
»Nun sei nicht sauer. Es ist doch mein Geburtstag.« Beschwichtigend drückte sie ihre Lippen auf seine Wange und zog ihn aus dem Zimmer.
Stephen hatte sich den Verlauf des Abends anders vorgestellt. Er wollte feiern, um anschließend mit Susan zu schlafen. Seine gute Stimmung war verflogen. Wieder unten angekommen, schnappte er sich ein Glas Bourbon mit Cola, setzte sich alleine auf einen Gartenstuhl, während Susan in einer Gruppe tanzender Mädchen unterging.
Mit glänzend fröhlichen Augen gesellte sich Lex zu Stephen. »Na, du schaust ja mal kotzig drein. Wohl nicht zum Stich gekommen?«, grinste er und traf damit ins Schwarze.
»Genau, Kumpel, nicht mein Tag heute. Ich glaub, ich mach die Biege und fahr noch auf nen Sprung ins Brown Sugar. Kommst du mit?«
»Nö, Stephen, ich find’s gut hier. Zudem habe ich ein echt heißes Eisen im Feuer.« Er deutete auf eine dunkelhaarige, etwas Mollige, deren massige Brüste das Bikinioberteil zu sprengen drohten und deren Stringtanga gerade einmal zu erahnen war. Sie hatte Lex direkt im Visier. »Die ist scharf auf mich und meine Peperoni! See you.« Lex tänzelte beschwipst zu der Molligen und gab ihr frech einen Klaps auf den blanken Hintern.
Stephen hatte die Nase voll. Er kramte seinen Autoschlüssel hervor und ohne sich zu verabschieden, verließ er die Party. Sein Wagen steuerte direkt zum Brown Sugar, eine beliebte Bar im Westen von Georgetown. Angekommen nahm er als einziger Gast am Tresen Platz. Eine hübsche Farbige mit kurzem Top fragte nach seiner Bestellung.
»Bourbon Cola, viel Bourbon.«
Die Bardame lächelte und mixte ihm seinen Drink. Sie stellte das Glas vor ihm auf die Bar. »Na, miesen Tag gehabt?«
»Hatte schon bessere. Aber morgen ist ja auch wieder einer.«
Ihm den Rücken zugedreht, betrachtete er das Mädchen und ihm fiel ihre schlanke, durchtrainierte Figur auf. Wenn sie keine Schwarze wäre, dachte er, träfe sie genau meine Kragenweite.
»Darf ich Ihnen einen Drink spendieren?«, fragte er, während sie mangels zu bedienender Gäste Gläser polierte.
Abrupt drehte sie sich um und strahlend weiße Zähne lächelten ihn charmant an. »Ich trink einen mit, geht auf Kosten des Hauses. Ist eh nichts los.« Sie goss sich einen Schluck Wodka ins Glas und mischte mit Ginger Ale. »Cheers.«
»Cheers. Ich heiße Stephen, Stephen Haskins.«
»Sandra, angenehm, Stephen.«
Sandra schien nicht auf den Namen Haskins anzusprechen. Sonst wurde Stephen gefragt: »Der Sohn von Senator Haskins?«
»Was machst du so, Stephen?«, fragte Sandra.
»Ich bin der Sohn von Senator Haskins«, gab Stephen angeberisch von sich. Ein Trumpf, so glaubte er, der ihn interessant erscheinen ließ.
»Hab ich mir gedacht, und? Ich wollte wissen, was du so machst.«
Stephen war perplex. So eine Reaktion hatte er nicht erwartet. »Ich studiere an der Georgetown und werde wohl in die Fußstapfen meines Vaters treten. Haskins Corporation, du weißt schon. Und du, was machst du so, wenn du nicht hinter dem Tresen stehst?«
»Tagsüber studiere ich am College of Arts Kunst. Ansonsten jobbe ich nachts hier und dreimal die Woche als Aushilfe in einer Wäscherei. Wenn du also mal ein Hemd gebügelt brauchst, komm einfach vorbei.«
Sie lächelte unwiderstehlich. Ihre exakt sitzenden, weißen Zähne wurden von weichen Lippen umrahmt – beim Lächeln bildeten sich kleine Grübchen. Stephen war von ihr angetan.
»Wenn du dir ein zusätzliches Trinkgeld verdienen willst, dann bring mir bitte noch einen.« Dabei deutete Stephen auf sein Glas.
»Wenn’s weiter nichts ist?« Sandra goss ihm Bourbon mit Cola nach. »Und warum sitzt ein Mr. Haskins mutterseelenallein bei mir an der Bar? Etwa Liebeskummer, der ertränkt werden will?«
»So in etwa oder auch nicht«, murmelte Stephen. Sie hatte recht. Was mache ich eigentlich hier? Stephen saß vor seinem Glas und dachte über den Tag nach. Kurz an die Uni, um dann, so sein Plan, auf einer tollen Party die Freundin zu bumsen.
Sandra unterbrach seine Gedanken: »Hey, ich will dich ja in deinem Leiden nicht stören, aber es ist schon nach Mitternacht und wir schließen gleich.«
»Jetzt macht ihr schon zu?«
»Ja, unter der Woche immer. Am Wochenende ist mehr los, da haben wir bis vier offen. Aber ich sollte ins Bett, muss morgen früh raus – zur Uni.«
Stephen legte eine Fünfzig-Dollar-Note auf den Tresen. »Stimmt so.«
»Das ist aber ein großzügiges Trinkgeld, Stephen, ich kann das unmöglich annehmen.« Sandra griff an den Geldbeutel, der unterhalb ihres kurzen Tops an ihrer Hüfte hing.
»Nein, lass gut sein, das passt.« Erstmals lächelte Stephen zurück.
Den Blick auf ihn gerichtet, legte Sandra den Kopf zur Seite. »Bist du mit dem Wagen da, kannst du noch fahren?«
»Ja und ja«, erwiderte Stephen.
»Würdest du mich ein Stück mitnehmen?«
»Wenn du dich traust, zu einem Fremden ins Auto zu steigen, dann gerne.« Stephen zwinkerte ihr zu.
»Ein Haskins ist doch kein Fremder, außerdem hatten wir doch gerade unser erstes Date.«
Zwanzig Minuten später saßen beide im Mustang und fuhren mit offenem Verdeck zur Georgia Street. Die Gegend, in die sie kamen, war Stephen nicht ganz geheuer, was Sandra ihm offensichtlich anmerkte. »Du kannst mich gerne da vorne rauslassen, den Rest gehe ich zu Fuß.«
»Kommt gar nicht in Frage«, gab Stephen den Helden, »ein Kavalier fährt seine Angebetete direkt vor die Haustür.«
»Ich weiß nicht, ob es einem Haskins gefallen wird, wo seine Angebetete wohnt.« Sandra sah ihn verunsichert an.
»Ein Haskins steht zu seinem Wort. Also los, wie muss ich fahren?«
»Bieg dort vorne rechts ab, wir sind gleich da.«
Die Straße, zu beiden Seiten mit eng aneinandergereihten, mehrstöckigen Gebäuden, bot einen traurigen Anblick, der bei Tageslicht sicher nicht besser werden würde. Vor einer dreistöckigen Klinkerfassade parkte Stephen.
»Da wohnst du?«
»Da wohne ich. Ist echt lieb von dir, dass du mich heimgebracht hast. Wenn es nicht so spät wäre und meine Mutter nicht schon schlafen würde, könnte ich dich auf einen Kaffee, wohlgemerkt«, und sie betonte, »auf einen Kaffee, noch mit hoch bitten.«
»So, du wohnst also mit deiner Mutter hier?«
»Ja und mit Elias, meinem älteren Bruder. Er ist der Wachhund der Familie und passt auf uns auf.« Sandra lachte. »An dem musst du erst mal vorbeikommen.«
»Okay, okay, ich habe verstanden«, lachte Stephen zurück. »Dann mach dich mal auf nach oben.«
Sandra blickte verlegen auf ihre Knie. Sie wollte Stephen wiedersehen, war sich aber nicht sicher, wie sie die Frage möglichst belanglos formulieren sollte. »Kommst du mal wieder in der Bar vorbei?«
»Mal sehen, wie sich’s zeitlich einrichten lässt«, gab Stephen linkisch zurück und biss sich gleich darauf die Unterlippe. Im Versuch, das eben Gesagte wiedergutzumachen, begann er etwas hilflos: »Ähm, du weißt schon …«
Sandra ärgerte sich wegen ihrer eigenen Frage. Und Stephens Antwort gab ihr den Rest. »Gut, dann vielen Dank, Mr. Haskins.« Mit diesen Worten stieg sie aus und lief auf den Hauseingang zu, der über wenige kleine Steinstufen hinauf zu einer hölzernen Haustür führte.
Stephen sah ihr hinterher, als sie sich plötzlich umdrehte und nochmals zum Wagen kam. Beide Hände auf der Beifahrertür aufgestützt, zischte Sandra: »Ist das so bei euch reichen Weißen? Traut ihr euch nur nett zu sein, wenn es dunkel ist und man euch nicht mit einer Schwarzen sehen kann? Ja, ich weiß schon, du bist reich und ich bin arm. Aber das ist es wahrscheinlich nicht. Du bist weiß und ich schwarz, das meintest du doch, oder?« Sie schlug ihre flache Hand auf die Oberseite der Autotür. »Merde!«
Damit machte sie kehrt, nahm die engen Steinstufen zur Eingangstür und verschwand im dunklen Flur des dreistöckigen Gebäudes.
Der Sperling
Charleston, South Carolina, 1732
Sanfte Wellen plätscherten gegen den hölzernen Rumpf der Barke. Die Sonne hatte ihren höchsten Stand noch nicht erreicht und tauchte den im Boot liegenden Körper in eine wohlige Wärme. Auf dem Rücken liegend, blinzelte Zola zaghaft in das helle Tageslicht. Vorsichtig drehte sie sich zur Seite, wagte ihren Kopf ein wenig über die Bootswand hinweg zu heben und erkannte, dass ein ins Wasser ragender Ast die Barke davon abhielt, noch weiter nordwestlich zu treiben. Und so schlenkerte das kleine Schiffchen mit der Flüchtigen an Bord wie eine Nussschale hin und her.
Zola blickte in alle Richtungen, wusste aber nicht, wie weit sie die Nacht hindurch getrieben war. Panik kroch in ihr hoch. Was, wenn sie noch ganz in der Nähe der Plantage war? Doch um sie herum herrschte absolute Stille. Lediglich eine samtige Brise sowie das Plätschern des Wassers.
Plötzlich erschrak Zola. Direkt an ihrem Gesicht vorbei, sodass sie die aufgewirbelte Luft der kleinen Flügelschläge spürte, flatterte ein Sperling und setzte sich wenige Zentimeter von ihr entfernt auf die Bootswand. Sein braun gefleckter Kopf wackelte hektisch, aber auch lustig nach allen Seiten und schien sie zu betrachten. Neugierig wanderten seine kleinen Krallen auf der Bootswand auf und ab. Selbst als Zola sich vorsichtig aufsetzte, zeigte er keine Anstalten wegzufliegen.
»Wer bist denn du?«, fragte Zola, froh und etwas belustigt, nicht mehr ganz allein zu sein.
Als ob er ihre Frage verstand, blickten seine kleinen Knopfaugen sie direkt an.
»Weißt du, wo ich bin?«
»Du willst wissen, wo du bist?«, zwitscherte der Sperling.
Zola war es, als verstünde sie den Piepmatz, der vor ihr Platz genommen hatte.
»Ich kann dir helfen«, hörte sie erneut eine Botschaft des Sperlings.
Sie glaubte, womöglich ihren Verstand verloren zu haben, und fixierte fassungslos den kleinen Vogel.
»Entspann dich, Zola, noch bist du in Sicherheit. Es gibt Dinge, die du erst lernen musst. So auch, dass du mich hören kannst.«
»Wie kann es sein, dass ich dich verstehe?« Ungläubig, dass sie sich gerade mit einem Sperling unterhielt, klangen ihre Worte wie die eines Kleinkindes.
»Wie kann es sein, dass ich dich verstehe?«, ahmte der Sperling Zola nach. »Wie kann es sein, dass Leben entsteht? Vieles wird einfach, wenn man nur gut genug zuhört und die Vorstellungskraft dazu besitzt. So wie du, Zola! Aber lass uns das später besprechen. Zuerst musst du aus dem Boot und dort in den Wald. Geh!«
Obwohl verwirrt, kletterte sie behände aus dem Kahn und zog diesen unter großen Mühen in den Ufersand. Einige herumliegende Äste sowie Schilf und Gras deckte sie über die Barke und schlich, den Lederbeutel fest im Griff, ins nah gelegene Unterholz. Noch wusste sie nicht, wo genau sie war. Wie auch? Seit ihrer Verschleppung aus Ghana hatte sie das Innere eines Schiffes, den Hafen von Georgetown und die Plantage kennengelernt. Aus Erzählungen Tumelos wusste sie jedoch, dass sie in einem sehr, sehr großen Land lebte.
Der Sperling flog voraus und Zola folgte ihm, bis sie aus dem Wäldchen heraus auf eine kleine Lichtung kam. Neben einem Baumstumpf setze sich Zola und kramte in der Ledertasche nach etwas Essbarem. Herzhaft biss sie in ein Stück Wurst, schob ein Stück Käse hinterher, bis ihr zuletzt kühles Wasser aus der Feldflasche in die Kehle rann. Sie fühlte sich frisch, trotz der schrecklichen Erlebnisse der vergangenen zwei Nächte.
Als sie ins Boot gefallen war, war es ihr unmöglich gewesen zu erkennen, was weiter geschah. In ihrer Erinnerung spürte Zola lediglich einen heftigen Ruck, der sie vom Ufer gestoßen und in den Fluss treiben ließ. Dann lag sie zusammengekauert im Dunkel der Nacht, spürte den Regen niederprasseln, bis gleich darauf Schüsse wie Donnerschläge an ihr Ohr drangen. Die Salve ließ sie in Todesangst zusammenzucken, ahnungslos, ob Kugeln in ihre Richtung abgefeuert wurden oder – sie hielt kurz inne – ihre Mutter trafen.
»Mama«, flüsterte sie neben dem Baumstumpf sitzend und ihre Liebe zu Aba forderte, wieder zur Plantage flussaufwärts zu gehen. Doch ihr Verstand hielt sofort dagegen. Damit wäre niemandem geholfen. Weder ihrer Mutter noch Tumelo noch Sam, welche ihr Leben aufs Spiel gesetzt hatten, ihr die Flucht zu ermöglichen. Nein, jetzt trug sie die Verantwortung für sich selbst und jeder Schritt, dem Fluss nach Norden folgend, würde sie weiter in die Freiheit bringen.
Sie nahm das Jagdmesser aus dem Sack und durchschnitt einen darin liegenden Apfel. Der Sperling saß direkt vor ihr.
»Dein Brandzeichen«, sagte er plötzlich. »Es muss weg!«
Noch immer erstaunt, sich mit einem Vogel zu unterhalten, drehte Zola ihren linken Unterarm. Das eingebrannte Mal, ein großes »B«, kennzeichnete sie als Sklavin von Mr. Baine. Sollte man sie finden, wäre dies wie ein Wegweiser zurück zu dieser Bestie. Ja, sie musste es loswerden. Sofort.
Langsam streifte sie beide Seiten des Messers an ihrem Baumwollkleid, bis es vom Saft des Apfels gesäubert war. Vorsichtig setzte sie an. Die scharfe Klinge ritzte in ihre Haut bis ein stechender Schmerz in ihrem Arm brannte. Ohne eine Träne zu vergießen, führte sie das Messer wie eine Sense über ihre Haut, so lange, bis rotes Blut den Unterarm hinablief und die gesamte Klinge des scharfen Messers verfärbte. Schon als Kind hatte Zola lernen müssen, mit Schmerz zu leben. Wenige Minuten später lag ein blutgetränkter Hautlappen vor ihr im Gras. Es war ihr, als hätte sie ein eisernes Halsband abgelegt.
Plötzlich flatterte der Sperling, griff mit seinem kleinen Schnabel das Fragment Haut und flog davon. Verwundert blickte Zola ihm hinterher.
Nachdem sie einen Fetzen ihres Baumwollkleides abgerissen und ihren Unterarm verbunden hatte, machte sie sich barfuß auf den Weg. Sie spürte den weichen Waldboden an ihren Fußsohlen und hastete ohne Pause, geschützt durch Bäume und Gestrüpp, immer nördlicher, am Rande des Ashley Rivers entlang. Als die Dunkelheit hereinbrach, suchte Zola einen geeigneten Schlafplatz, den sie inmitten hoher Bäume, die sie wie eine riesige Mauer umgaben, fand. Erschöpft sank sie auf moosbedecktem Boden in tiefen Schlaf.
Die dunkle Nacht lag noch über ihr, als sie ein Geräusch weckte. Unsicher blickte sie um sich. Da war es wieder – das leise Knacken von Ästen. Sollten ihr etwa die Wachen von Mr. Baine hierher gefolgt sein? Die Iris ihrer Augen weiteten sich. Helle Punkte huschten um sie herum, kreisten sie ein und schienen sie zu beobachteten. Es waren gelb leuchtende Augen, jedoch in zu niedriger Höhe, als dass sie menschlich wären. Wieder das Geräusch eines brechenden Astes. Zola hielt den Atem an, während ihre Hand vorsichtig in den Proviantbeutel griff. Fest umschloss sie den Griff ihres Messers. Einer Raubkatze gleich, richtete sich Zola in die Hocke, ein Knie am Boden, das andere Bein angewinkelt, gleich einem knienden Bogenschützen. So war sie bereit und entschlossen, mit der Waffe in ihrer Faust auf die drohende Gefahr zu reagieren. Sollten sie nur kommen, wer immer da auch war. Ich, Zola, habe nichts mehr zu verlieren! Ihr lasst euch mit der Falschen ein!
In diesem Augenblick erkannte Zola ihren Feind. Langsam näher kommend, fletschten sie die Raubtierzähne eines Wolfes an, der sie angriffslustig fixierte. Zola sprang auf und stieß einen furchterregenden Schrei aus. Der Wolf wich erschrocken zur Seite, floh jedoch nicht. Weitere Augen des Rudels kamen von allen Seiten direkt auf sie zu.
Marcs Entlassung
Marc lag auf einer Pritsche in einer zweimal drei Meter großen Einzelzelle, beide Arme hinter dem Kopf verschränkt, und blickte an die Decke. Wenigstens ein Einzelzimmer, dachte er sarkastisch.
Nachdem seine Personalien vormittags aufgenommen waren, kam er zuerst in eine Gemeinschaftszelle, die zwar größer, jedoch von zwei anscheinend auch erst vor Kurzem festgenommenen Häftlingen besetzt war. Beide waren übersäht mit Tattoos, an den Unterarmen kein Zentimeter der natürlichen Haut sichtbar. Marc tippte auf mexikanische Abstammung. Grimmig sahen die beiden ihn an, als er hereingeführt wurde. Seine Handschellen abgenommen, schloss sich die stählerne Tür hinter ihm. »Hey« war das Einzige, was ihm zur Begrüßung einfiel. Doch die zwei Insassen beachteten ihn nicht weiter und ließen ihn in Ruhe.
So saß er einige Stunden, beide Beine angezogen, mit dem Rücken an der Wand auf dem Zellenboden, bis im Türschloss ein Schlüssel klapperte. Ein Officer mittleren Alters, den Schlagstock in der Hand, wandte sich direkt an ihn: »Blondschopf, mitkommen.«
Was Marc nicht wusste: Der Officer wurde von Chief Williams angehalten, keinen Namen zu nennen. Williams hielt sich an die Abmachung, alles zu unternehmen, dass nichts an die Öffentlichkeit kam.
Die Hand des Gefängniswärters fest an seinem Oberarm, stolperte Marc neben diesem her, bis sie, nachdem sie eine weitere Sicherheitsschleuse durchschritten hatten, an eine graue Zellentüre kamen. Der Wärter schloss auf.
»Von wann bis wann gibt’s Frühstück?«, fragte Marc, doch der Polizist war für diese Art von Spaß nicht zugänglich. Wortlos schloss sich die Türe hinter Marc.
Seine Swatch verriet ihm, dass es bereits nach 16 Uhr am Nachmittag war. Das dauert aber, bis Pops seine Beziehungen spielen lässt, dachte Marc. Doch insgeheim war ihm mulmig zumute, wenn er an die Reaktion seines Vaters dachte. Würde bestimmt kein Spaß werden.
Es war bereits nach acht, als sich die schwere Türe wieder öffnete. Zu seiner Erleichterung kam neben der Person in Polizeiuniform Michael mit in die Zelle.
»Pack deine Sachen, wir verschwinden hier«, sagte Michael ohne Umschweife.
Seine Jacke in der Hand, lief Marc wortlos hinter den beiden her. Anscheinend hatte Michael den ganzen Papierkram schon erledigt, denn sie durchschritten zielstrebig zwei Sicherheitsschleusen und erreichten über verwinkelte, neonbeleuchtete Gänge direkt das große Eingangsfoyer, in dem er noch am frühen Vormittag seine Personalien angegeben hatte. Lautes Treiben erfüllte das Revier, vergleichbar mit einer vollen U-Bahn-Station. Sie schlängelten sich an Polizisten und einer Meute Zivilpersonen vorbei zum Ausgang.
Neben Michael im Wagen sitzend, brach dieser das Schweigen: »Bist du völlig irre, Marc? Du hast dem anderen die Nase gebrochen. Kannst du dir vorstellen, was das für eine Publicity gäbe, wenn auch nur ein Journalist davon erfahren hätte? Ich seh schon die Schlagzeilen: Sohn von Senator Haskins prügelt Jugendlichem ohne Vorwarnung den Arsch aus der Hose.«
»Michael, es war anders, als du denkst«, begann Marc sich zu verteidigen.
»Einen Scheiß, Marc, das interessiert niemanden. Es sind immer die anderen bei dir. Wie oft soll dir Fredrik denn noch den Kopf aus der Schlinge ziehen? Du kannst von Glück reden, dass der Kerl kein unbeschriebenes Blatt ist.«
Michael hatte am Nachmittag ein paar Anrufe getätigt. Schnell hatte er raus, um wen es sich bei dem Geschlagenen handelte, der nun im George Washington University Hospital behandelt wurde. Der Typ mit gebrochener Nase hieß Vincent Doyle. Ein kleiner Ganove, der ein längeres Strafregister wegen verschiedener Delikte, unter anderem Körperverletzung, kleinere Diebstähle und Drogenkonsum, vorzuweisen hatte. Louis, ein Mitarbeiter von Michael, der die Drecksarbeit, die ab und an anfiel, übernahm, war in die Klinik gefahren, um Vincent Doyle aufzusuchen. Danach war Vincent klar gewesen, dass es zu seinem Besten sein würde, keine Anzeige zu erstatten. Vielmehr unterschrieb er eine Bestätigung, dass es sich bei dem Zwischenfall in der Bar Marie Inn um eine Rauferei handelte, die er, Vincent Doyle, angezettelt hatte. Fünfhundert Dollar, die ihm Louis für die Unannehmlichkeiten sowie die Arztkosten in die Hand drückte, gaben letztendlich den Ausschlag.
Michaels Wagen parkte in der Tiefgarage und gemeinsam fuhren sie im Aufzug zur Wohnung. Olivia stand bereits an der Türe. Sie umarmte Marc und gab ihm einen Kuss auf die Wange. »Gott sei Dank, dass du da bist. Dieses Mal hast du es echt übertrieben. Dein Vater ist mächtig sauer, mach dich auf was gefasst.«
Marc verzog sein Gesicht und wartete darauf, dass sein Vater wutentbrannt um die Ecke kam. Doch Fredrik stand ruhig im Wohnzimmer und begrüßte Michael, ohne dass er von Marc Notiz nahm. »Danke, Michael« war das Einzige, was Fredrik in diesem Moment für angebracht hielt.
»Äh, Pops«, fing Marc zu stammeln an, doch Fredrik unterbrach ihn sofort.
»Zu dir komme ich später. Verschwinde auf dein Zimmer und lass dich erst blicken, wenn ich dich rufe.«
Für Marc war die Reaktion seines Vaters schlimmer, als hätte er eine Salve an Vorwürfen über sich ergehen lassen. »Schon gut, schon gut.« Er hob kurz die Hand, um zu zeigen, dass er verstanden hatte. Ohne ein weiteres Wort verkroch er sich in sein Zimmer.
Der Leitwolf
Der Leitwolf kam immer näher. Leicht seitlich Zola zugewandt, starren Blickes auf sein Opfer gerichtet. Angst kam in Zola auf. Übelkeit überfiel sie. Sollte dies hier und jetzt ihr Ende sein, nach alledem, was sie durchlebt hatte? Nichts außer dem Rascheln des Waldbodens, ausgelöst durch mindestens acht sie einkreisende Wölfe. Sie drehte sich von einer Seite zur anderen, jeden Moment bereit, das Messer in die Brust des Wolfes zu stoßen. Der Leitwolf war ihr am nächsten. Groß war er und sein muskulöser Brustkorb spannte die Muskeln bei jeder Bewegung der Pfoten. Zola konnte seine Reißzähne sehen. Lang und gefährlich würden sie jeden Moment versuchen, ihre Kehle zu erreichen.
Kurz bevor der Leitwolf zum Sprung ansetzen konnte, legte Zola plötzlich das Messer zwischen sich und dem Wolf auf den Boden. Sie konnte sich in diesem Moment nicht erklären warum, irgendeine Kraft hatte sich ihrer bemächtigt. Fassungslos starrte sie auf die glänzende Klinge, die jetzt im Moos vor ihr lag.
Der Leitwolf stierte sie an, gab plötzlich ein Gähnen von sich, reckte seine Vorderpfoten nach vorne und sein Hinterteil in die Höhe. Wie ein Schoßhund ließ er sich gemütlich auf die Seite fallen. Das restliche Rudel kam langsam auf Zola zu und einer der Wölfe schleckte mit seiner rauen Zunge ihre Hand. Überwältigt legte Zola zaghaft ihre Finger auf das Fell des Wolfes – und streichelte ihn. Als sei sie schon immer ein Teil des Rudels gewesen, verhielten sich die Wölfe friedlich und legten sich nieder.
Nach kurzer Zeit tat Zola es ihnen gleich. Sie fasste ruhig nach ihrem Messer, legte es zu ihrer Provianttasche und sich selbst zum Schlafen. Noch immer ein wenig ängstlich, getraute sie sich nicht, sofort die Augen zu schließen. Doch die Schwere der Nacht legte sich über sie. Im Dunst des feuchten Mooses, vermengt mit dem modrigen Geruch vom Fell des Leitwolfs, schlief Zola ein.
Die Brüder
Schlecht gelaunt kam Stephen zu Hause an. Alle schienen zu schlafen. Er ging direkt in sein Zimmer und zog sich seinen Pyjama an. Kurz ins Bad und Zähne putzen. Er legte stets Wert auf sein Äußeres, da gehörte die abendliche Pflege dazu. Er betrachtete sich noch kurz im Spiegel und dachte an Marc. Ob er noch im Knast war? Vor dessen Zimmer öffnete er die Türe einen Spalt breit und hörte sein Schnarchen. Stephen trat ein und knipste das Licht an.
»Hey, Marc, bist du wach?« Blöde Frage, die durch das Schnarchen beantwortet wurde. Er schüttelte Marcs Schulter. »Marc, wach auf!«
Ein kurzes Knurren. Marc öffnete verschlafen die Augen. »Was ist?«
»Was soll sein, das würde ich gern von dir wissen!«
»Lass mich schlafen, Stephen, verpiss dich.«
»Du spinnst doch völlig, weißt du eigentlich, was du gemacht hast?« Stephen hatte sein Ziel erreicht, Marc war wach. Mürrisch setzte er sich, nichts außer weißen Boxershorts tragend, im Bett auf. Stephen war wieder mal erstaunt, wie muskulös sein Bruder war.
»Was willst du jetzt von mir, Stephen? Soll ich bei dir die Beichte ablegen? Ich hab nem Typen die Nase gebrochen. Na und? Du hättest mal seine blöde Fresse sehen sollen!« Marc grinste.
»Und was, wenn Dad dich nicht rausgehauen hätte?«
»Hat er aber und jetzt verschwinde, Stephen.«
»Du bist so ein selbstsüchtiger Arsch, Marc. Weißt du das?«
»Wenn du jetzt nicht gleich die Biege machst«, schnaubte er, nahm blitzschnell seinen Bruder in den Schwitzkasten und rubbelte mit seinen Knöcheln auf dessen Kopf, »dann ergeht es dir gleich wie dem Typen heute. Los, hau dich aufs Ohr und lass mich zufrieden.«
Stephen rieb sich seinen Kopf, während er wütend in sein Zimmer verschwand. Es bringt einfach nichts, mit Marc zu reden.
Das Dunkel des Waldes
Am Horizont zeichnete sich der Sonnenaufgang ab, als Zola durch lebhaftes Vogelgezwitscher geweckt wurde. Keiner der Wölfe, die ihr nachts ein solch sonderbares Erlebnis beschert hatten, war zu sehen. Sie blickte sich um, ob sie ihren Sperling unter den Vögeln erkennen konnte. Doch weder sah sie den Kleinen noch konnte sie aus dem Vogelgewirr einen Pieps verstehen. Verlier nicht den Verstand, dachte Zola. War das alles nur ein wirrer Traum?
Zola, du musst weiter! Sie dachte kurz an die Barke, um damit weiter flussabwärts zu fahren. Doch sie entschied sich dagegen. Mit festem Boden unter den Füßen fühlte sie sich sicherer. Ein Blick in den Proviantbeutel riet ihr, den Vorrat sparsam zu verzehren. Wer weiß, wie lange ich unterwegs bin, bevor ich irgendetwas Essbares finde.
Die Sonne schien ihr warm auf den Rücken, war stundenlang ihr Begleiter, bis sie an den Rand eines Waldgebietes kam. Massive Baumstämme sowie üppiges Gestrüpp erzeugten einen düsteren Eindruck, der keineswegs einladend auf Zola wirkte. Doch sie erkannte, dass diese dunkle Welt für sie einen natürlichen Schutz bedeutete. Hier ist die Grenze. In jenes Dunkel wird mir keiner folgen.
Wenige Meter war Zola zaghaft in die Dunkelheit gegangen, als sie die Veränderung wahrnahm. Dichtes Blätterwerk des Waldes kühlte angenehm die Luft des Sommers. Der Waldboden war warm, mit Moos überwuchert. Es roch nach Blattwerk, Pilzen und feuchter Erde. Immer wieder blieb sie stehen, um sich an die Laute des Waldes zu gewöhnen. Ein sanfter Wind blies durch das Geäst, ab und an ein knackendes Geräusch, das sie unwillkürlich ducken ließ.
Rasch gewöhnte sich Zola an die Sprache des Waldes, sie blieb nur stehen, wenn es um die Orientierung ging. Ihr gutes Gehör vermochte das leise Rauschen des Flusses zu erkennen. Sie lief den ganzen Tag, ohne aus der Düsternis des Waldes herauszukommen noch ein Ende zu sehen.
Als die Dämmerung einsetzte, hielt sie Ausschau nach einem Lagerplatz für die Nacht. Unter einer großen Eiche sank sie erschöpft nieder. Einsam in der Dunkelheit trank sie die letzten Tropfen aus der Flasche und beschloss, den nächsten Tag zu nutzen, sowohl Proviant als auch Wasser zu suchen. Sie fühlte sich einsam und dachte mit geschlossenen Augen abermals an ihre Mutter. Leise weinend schlief sie ein.
Nachts erwachte sie kurz aus ihrem Schlaf. Neben ihr ein warmer, leise atmender Körper. Der Leitwolf lag an sie geschmiegt und schlief.
Als sie morgens zu sich kam, lag sie auf taufeuchtem Moos. Es roch nach den nächtlichen Aromen des Waldes. Der Wolf war verschwunden. Zola lauschte und konnte das Rauschen des Flusses hören. Sie dehnte ihre müden Glieder, rieb sich den Schlaf aus den Augen und machte sich auf den Weg.
Keine zwanzig Minuten später kam sie an eine Lichtung, von der aus der Fluss zu sehen war. Zu ihrer Verwunderung erstreckte er sich einige Meter unterhalb des Waldes. So musste eine geeignete Stelle gefunden werden, um über einen steilen Abhang nach unten zum Ufer zu gelangen. Dort angekommen, fand sie eine ruhige Stelle, die ihr die Möglichkeit bot, zu trinken und ihre Flasche aufzufüllen. Ohne weiter darüber nachzudenken, zog sie sich aus und ihre Füße gingen vorsichtig ins kalte, klare Nass. Erfrischendes Kühl umspülte ihren zarten Leib und sie schrubbte mit beiden Händen jeden Zentimeter ihres Körpers. Als wolle sie allen Dreck, jede Berührung der vergangenen Tage und Nächte von sich waschen. Brennender Schmerz erinnerte sie an die Stelle ihres linken Unterarms. Die Wunde zeigte neben einer dunklen Blutkruste einen Rand aus Eiter. Sie entfernte ihn vorsichtig mit Wasser, dann zog sie ihr Baumwollkleid über den nassen Körper.
Auf dem gleichen Weg, den sie gekommen war, gelangte Zola zurück in den schützenden Wald. Erfrischt, gleichwohl ihr Magen knurrte. „Geh nicht an den Proviant“, mahnte sich Zola abermals und setzte ihren Weg fort.
Gegen Mittag säumten niedrige Sträucher, welche dunkelblaue, fette Beeren trugen, ihren Weg. Nicht wissend, ob gut oder giftig, steckte sie hungrig vorsichtig eine in den Mund. Langsam kaute sie. Der Geschmack besaß eine sonderbare Süße. Sie führte eine zweite in ihren Mund und entschloss sich, für eine Pause auf einem Baumstumpf Platz zu nehmen. Wartend, welche Wirkung die Beeren zeigten. Würde ihr übel, so hoffte sie, wenig des Giftes in sich zu haben. Insgeheim wünschte sie natürlich, dass nichts passierte, denn der Geschmack der Beeren war wunderbar.
Nach einer Stunde, ohne dass sie Übelkeit überfiel, entschied sie, die Beeren zu essen und einen Vorrat zu sammeln. Während sie vornübergebeugt Beeren in ihren Beutel füllte, überfiel sie erneut der Schmerz ihrer Wunde am Unterarm. Gelblicher, schmieriger Eiter trat aus der Wunde.
»Du solltest dich um die Wunde kümmern.«
Zola fuhr erschrocken herum. Da saß er, der Sperling, und sprach zu ihr, als ob es das Natürlichste der Welt wäre.
»Sie schmerzt. Ich habe sie vorhin schon mit Wasser gereinigt.«
»Ich sagte dir, du wirst viel lernen müssen. Was glaubst du, hätte deine Mutter gemacht?«
Zola sah traurig zum Sperling. »Kannst du mir sagen, wie es ihr geht?«
»Es geht ihr gut. Sie und ich sind eins. Du und ich sind eins. Komm mit!«
Schon flog der Spatz und Zola musste eilen, ihm zu folgen. Sie rannte über den Waldboden, übersprang Wurzeln und Gestrüpp, bis sich der Sperling auf einem Ast in Zolas Augenhöhe niederließ.
»Siehst du die Pflanze dort? Pflücke, zermalme und vermische sie mit Wasser. Nimm ein großes Blatt, dann streiche es ein. Lege es auf deine Wunde.«
Zola sah die lilafarbenen Blüten des Eisenkrauts, ohne diese zu kennen. Schon nach Tagen, die Anweisung wiederholend, trat Besserung ein. Zola hatte ihre ersten Lektionen gelernt. Der Wald war ihr neues Zuhause!
Der Oberste Gerichtshof entscheidet
Chief Willson hatte einen Mordskater. Bis tief in die Nacht hatten er und einige seines Departments die Nachricht gefeiert, dass der zuständige Bundesrichter die Todesstrafe im Fall Sanders in Erwägung zog. Das Schwein Jeff Sanders sollte erledigt werden! Hatte er doch einen von ihnen gekillt.
So traf ihn heute Morgen die Schlagzeile der Washington Post wie ein Hammer, der mit viel Schwung direkt auf sein Gesicht einschlug:
»OBERSTER GERICHTSHOF ENTSCHEIDET GEGEN TODESSTRAFE. Der Oberste Gerichtshof unter dem Vorsitz von Richter Samuel Rudolph hat sich im Fall Jeff Sanders gegen die Anwendung der Todesstrafe ausgesprochen. Ein endgültiges Urteil steht noch aus. Wie bereits berichtet, hat der angeklagte Farbige Jeff Sanders in der Nacht vom …«
Wie konnte es so weit kommen? Fassungslos las er nochmals die Schlagzeile, ohne sich den weiteren Ausführungen zu widmen. In welchem Land leben wir, wenn solche Schweine ihrer gerechten Strafe entgehen? Der Nigger hatte einen seiner Kollegen hingerichtet. Wie ein Schwein abgestochen und jetzt sollte er auf Staatskosten ein friedliches Dasein bei kostenloser Verpflegung und nachmittäglichen Basketballspielen fristen. Zwar für immer hinter Gittern, aber – lebend!
Ich werde etwas unternehmen! Das bin ich meinem Kollegen, allen Weißen und mir schuldig. Und wenn es das Letzte ist, dachte Willson.
Er entnahm seinem Portemonnaie einen zusammengefalteten Zettel und wählte die darauf notierte Nummer.
»Haskins.«
»Hallo, Senator, Deputy Chief Willson. Ich habe wenig Zeit und komme gleich zur Sache. Haben Sie die Washington Post gelesen?«
»Sie meinen die heutige Ausgabe?«
»Natürlich die heutige Ausgabe, Senator!« Willson war merklich aufgebracht. »Senator, können Sie sich vorstellen, wie sich ein Cop der USCP nach diesem Schlag ins Gesicht fühlt?«
»Willson, die Entscheidung wurde vom Bundesgericht getroffen, nicht von mir.«
»Sie wollen mir doch nicht erzählen, dass diese Entscheidung nicht mit Vertretern des Senats diskutiert wurde. Wie konnte es so weit kommen?«
»Chief Willson, ich kann verstehen, dass Sie aufgebracht sind, aber …«
»Kein aber, Senator. Das Schwein hat einen Weißen abgestochen. Unser Kollege trug die gleiche Dienstmarke wie ich und Tausende andere. Es kann nur eine Strafe geben, die Spritze, die diesen Nigger fertigmacht.«
»Noch mal, Willson, Sie sprechen mit dem Falschen.«
»Nein, Senator, bei allem Respekt, Sie sind mir was schuldig. Mir und meinen Kollegen.«
»Wie meinen Sie das?«, fragte Haskins, wissend, wie er es zu interpretieren hatte.
»Sie haben es mir zu verdanken, dass Ihr Sohn und damit auch Sie nicht auf Seite 1 der Washington Post standen. Schon vergessen?«
»Sicher nicht, aber wollen Sie mich jetzt damit erpressen?«
»So etwas würde ich nicht mal denken, Senator. Aber ist es nicht schon immer in der Politik so: Eine Hand wäscht die andere? Reden Sie mit dem Richter, machen Sie irgendwas. Es sollten andere Schlagzeilen über diesen Nigger in der Zeitung stehen. Meinen Sie nicht auch?«
Und damit legte er auf.
Hugh
Zola war nicht alleine unterwegs. Tagsüber begleitete sie ein Sperling, auch wenn dieser nicht ständig zu sehen war. Des Nachts lag stets ein Freund an ihrer Seite. Der Leitwolf. Dennoch fehlten Zola die Menschen, die sie früher um sich hatte. Tumelo, Sam, Mrs. Baine und natürlich ihre Mutter Aba. Der Sperling aber verlieh ihr das sonderbare Gefühl, ihre Mutter wäre bei ihr. Auch deutete dies der kleine Spatz immer wieder an. Dass sie mit einem Vogel sprach, wunderte sie nicht mehr.
Zola lief tagelang, ohne daran zu denken, sich in einer Höhle oder gar selbst gebauten Hütte niederzulassen. Nahrung fand sie reichlich. Beeren, Pilze, selbst Fische zu fangen, hatte sie gelernt. Stundenlang stand sie bewegungslos im Wasser des Flusses, um im Bruchteil einer Sekunde mit bloßen Händen nach dem Fisch zu greifen. Sie aß den Fisch stets roh, da sie es vermied, ein Feuer zu entzünden. Die Technik, kleine Holzspäne durch Reiben zweier Feuersteine anzuzünden, hatte sie zwar von Tumelo gelernt. Doch die Angst, infolge des Scheins der Flammen oder des Geruchs von Rauch entdeckt zu werden, überwog.
Eines Nachmittags – im Spätsommer 1732 – vernahm Zola ein sonderbares Geräusch. Es war wie das Geplapper vieler, durcheinanderredender Menschen. Vorsichtig, doch entschlossen machte sie sich auf den Weg zum Fluss. Je näher sie diesem kam, desto stärker vernahm Zola die seltsamen Laute. Als sie aus dem Wald trat, stand sie auf einer Anhöhe und überblickte das gesamte Tal. Ein betörendes Bild tat sich ihr auf. Neben bewaldetem Gebiet erkannte sie eine große Seenlandschaft. Tausende von Vögeln flogen oder standen in der Nähe der Gewässer, schnatterten und kreischten. Der überwältigende Anblick, der sich ihr bot, gab ihr zum ersten Mal in ihrem Leben das Gefühl von Freiheit. Lange saß sie auf einem Stein, bestaunte den Sonnenuntergang, der das Tal in ein tiefes Rot färbte und sich im Wasser spiegelte. Als die Dunkelheit hereinbrach, genoss sie noch immer das Gefühl, glücklich zu sein.
Es raschelte neben ihr, als die Wölfe zu ihr gelangten. Sie spürte die raue Zunge des Leitwolfes, als dieser ihre Wange schleckte. Das restliche Rudel begann zu jaulen, als wollte es für Zola ein Lied anstimmen, bevor sie den Anführer drängten, wieder mit in den Wald zu kommen. Doch dieser blieb in der Nacht neben Zola, während der Rest der Meute in der Dunkelheit verschwand.
Am nächsten Morgen machte sich Zola wieder auf den Weg. Sechs Tage nochmaliger Fußmarsch Richtung Norden. Weitere fünf Tage später lag sie schlafend unter einem großen Laubbaum, dessen vormals grüne Blätter jetzt goldbraun schimmerten.
Im Traum sah sie Tumelo, wie er auf einem weißen Schimmel angeritten kam. Behände sprang er vom Pferd und sie spürte seine Hand auf ihrer Wange. Doch statt der weichen Haut der Handflächen, war es ein stechendes Gefühl. Als ob ein Specht seine Arbeit verrichtete, um ein Loch für sein Nest zu bauen. Ihre Hand wischte im Schlaf an ihrer Wange, dann erwachte sie.
»Zola, wach auf. Wir brauchen deine Hilfe.«
Nach und nach erkannte sie, dass es der Schnabel des Sperlings war, der sie in die Wange piekste. »Was ist los? Wer braucht meine Hilfe?«
»Lass alles hier. Nimm nur dein Messer mit und folge mir.«
Der Sperling flog in Sichtweite voraus, Zola rappelte sich auf und folgte ihm in die Nacht. Allmählich gewöhnten sich ihre Augen an die Dunkelheit. Dann hörte sie ein Jaulen. Es war ein jämmerlicher Laut, durchsetzt von Angst. Wenig später sah sie ihn. Ihr Leitwolf taumelte aufgeregt um die eigene Achse und biss hektisch in seine Vorderpfote. Irgendetwas schien seinen Vorderlauf festzuhalten. Geduckt schlich Zola näher, bis sie, neben ihm angekommen, vorsichtig sein Ohr streichelte, was ihn zu beruhigen schien.
»Ruhig, ruhig«, flüsterte sie, während sie zur Vorderpfote blickte. Scharfe Eisenkrallen hatten sich in sein Fell geschlagen und hielten ihn fest. Das halbrunde Metallgebilde wurde durch eine im Waldboden verankerte Kette gesichert. Zola zog mit aller Kraft an der Kette, ohne dass die Verankerung auch nur einen Millimeter nachgab. Beim Versuch, beide Krallen der Falle auseinanderzupressen, hätten sich fast ihre eigenen Finger in dem Ungetüm verfangen. Im zweiten Anlauf gelang es Zola, die Eisenzähne so weit auseinanderzupressen, dass der Wolf sein Bein herausziehen konnte. Hechelnd fiel ihr Wolf mit heraushängender Zunge zur Seite.
Sie betrachtete die Wunde ihres Freundes. Das Fell der Pfote war blutverschmiert. Sie musste sie reinigen und mit Eisenkraut behandeln. Während sie noch die Verletzung ihres Freundes betrachtete, vernahm sie plötzlich ein leises Rascheln direkt hinter ihrem Rücken. Blitzschnell zog Zola ihr Messer, sprang auf und drehte sich um. Der Gewehrkolben schlug wie ein Blitz auf ihre Stirn und sie verlor im Bruchteil einer Sekunde das Bewusstsein.
Als Zola wieder zu sich kam, hämmerte ein dumpfer Schmerz an ihrer Stirn, brachte in Erinnerung, dass sie ein heftiger, harter Schlag getroffen hatte. Sie lag auf einer Pritsche in einer geräumigen, aus schweren Holzstämmen erbauten Hütte. In der Mitte des Raumes brannte ein Feuer. Darüber ein großer Kessel, dem ein wohlriechender Duft direkt in ihre Nase entstieg. Ihre Hände tasteten vergeblich nach ihrem Messer, als die Türe geöffnet wurde.
Zola versuchte aufzustehen, um sich dem Angreifer zu stellen, doch ihre Beine versagten den Dienst. Auch verrutschte ein nasses Tuch, welches ihre Stirn bedeckte, derart, dass es ihr die Sicht versperrte. Sie warf den feuchten Stoff auf den Boden und sah, dass zwei stämmige Beine in Fellhose vor ihr standen.
Zola sah einen Mann, dessen Gesicht nur aus zwei Augen und einem dicht gewucherten Bart zu bestehen schien. Selbst die Nase war durch den dichten Haarwuchs kaum zu erkennen. Nicht allein das Aussehen des Mannes (hatte er überhaupt einen Mund?) flößte ihr Angst ein, nein, es war seine Größe. Einen solch gigantischen Menschen hatte sie zuvor noch niemals gesehen.
Langsam beugte er sich zu ihr, hob das Tuch vom Boden und ging schweigend zur gegenüberliegenden Seite des Raumes. Dort stand ein großer hölzerner Trog. Er tauchte das Gewebe ein, trat schweren Schrittes zur Pritsche und reichte ihr den nassen Lappen.
»Kannst du mich verstehen?« Seine Stimme war dunkel, grollend wie die eines Donners. »Sag, kannst du meine Sprache?«
Er zog einen Schemel heran und nahm Platz. Sitzend hatte er ungefähr die Größe, die Zola für normal erachtete.
»Dann werden wir es schwer haben, wenn du nicht sprechen kannst.« Seine Augen lagen bohrend auf Zola.
»Ich …« Zolas Hals war heiser und ihre Worte klangen krächzend. »Ich kann Sie verstehen.«
»Na, das nenne ich Fortschritt. Wenigstens etwas. Hast du Hunger?«
Langsam wich die Angst. Hätte er sie töten wollen, so würde sie bestimmt nicht in dieser Hütte liegen. Zola nickte.
Der Hüne stand auf und füllte eine breiige Masse aus dem Kessel in eine Holzschale. Er reichte Zola die Schale mit einem Holzlöffel. Vorsichtig begann sie den heißen Brei zu essen. Es war seit Langem ihr erstes gekochtes Gericht.
»Ich muss mich bei dir entschuldigen. Der Wumms, den ich dir verpasst habe, war heftig, oder?« Sein Lachen hatte einen dröhnenden, doch angenehmen Klang. »Natürlich war es heftig, ha, ha, du hast richtig tief geschlafen. Was hat so ein zierliches Ding wie du im Wald verloren? Und dann noch Wölfe retten. Hab so was ja noch nicht erlebt.« Er schüttelte seinen großen Kopf hin und her und sein kinnlanges, zotteliges Haar schwang mit.
»Wo ist er?«, fragte Zola vorsichtig.
»Du meinst den Wolf? Hab so was ja noch nicht erlebt.« Wieder schüttelte er sein Haupt und Zola war außerstande, selbst wenn er sprach, seine Lippen zu erkennen. Einzig der Bart bewegte sich. »Du wirst es nicht glauben. Dieser Köter ist mir den ganzen Weg hierher humpelnd gefolgt und sitzt jetzt in einiger Entfernung vor der Hütte. Sobald ich auf ihn zugehe, verschwindet er, um kurze Zeit danach wieder da zu sitzen, wo er vorher war. Das nenn ich Freundschaft. Er ist doch dein Freund, oder?«
»Wo bin ich?«
»Na, hier in meiner Hütte, nicht unweit davon entfernt, wo sich dein Freund in meiner Falle verfangen hat. Du musst doch vorsichtig sein, Kindchen, hier draußen wimmelt es vor Gefahren. Sei nur mal froh, dass du mir begegnet bist. Besser als den Cherokee oder deren Erzfeinden, den Chickasaw. Na, da hättest du nichts zu essen bekommen, das sag ich dir. Von wo bist du denn abgehauen? Sklavin, oder?«
»Wie kommen Sie darauf?«
»Na, wie kommt der alte Hugh da drauf? Da hier die Schwarzen nicht an den Bäumen wachsen vielleicht? Und dann hast du noch die Narbe am Unterarm. Ist mir gleich aufgefallen. Wer hat dir denn das Brandmal entfernt?«
»Ich selbst«, antwortete Zola stolz.
Hughs Blick verriet Erstaunen und Bewunderung. »Dich sollte man nicht unterschätzen! Das sag ich dir. Sei froh, dass du keinen Brand bekommen hast. Hab’s schon gesehen. Erst wird die Wunde schwarz, dann der Arm und dann, ja, dann bist du Futter für die Wölfe. Hab’s schon gesehen.« Wieder musste er lachen und dieses Mal entlockte er auch Zola ein Lächeln. »Ich bin übrigens Hugh, lebe schon länger hier draußen. Und du, wie soll ich dich nennen?«
»Zola.«
»Zola? So einen Namen hab ich ja noch nie gehört. Gefällt mir. Wenn du möchtest, kannst du bleiben. Wenn du mir nicht die Kehle durchschneidest, bekommst du auch dein Messer wieder. Du siehst müde aus. Schlaf ein wenig und dann brauche ich dich für den Wolf. Der hat ne Wunde am Bein.«
Das Frühstück
In der Küche saßen bereits Olivia und Stephen am ovalen Tisch beim Frühstück.
»So ein verdammter Scheißkerl«, hörte sich Fredrik flüstern.
»Soll ich dir noch ein paar Eier machen, Schatz?«, fragte Olivia, als Fredrik zu ihnen trat.
»Wo ist Marc?«, winkte er ab.
»Liegt noch im Bett«, gab Stephen über den Glasrand seines selbst gepressten Orangensafts Auskunft.
»Der spinnt wohl? Erst im Knast und jetzt verschläft er den Tag.« Fredrik war gerade in der richtigen Stimmung, um Marc an den Haaren aus dem Bett zu zerren.
Olivia hielt ihn davon ab: »Fred, lass ihn. Ich werde nachher mit ihm sprechen.«
»Mom«, sagte Stephen hörbar entsetzt, »du bist schon wieder nur auf Marcs Seite. Der kann doch bei dir machen, was er will. Kapierst du nicht, dass er alle nur ausnutzt?«
Ein wenig erschrocken über die heftige Reaktion ihres Sohnes blickte Olivia Hilfe suchend zu Fredrik.
»Sprich nicht so mit deiner Mutter; aber er hat schon recht, Olivia. Marc braucht eine harte Hand!«
»Marc braucht eine harte Hand«, äffte nun eine Stimme aus dem Off. Mit zerzaustem Haar sowie nur seinen Shorts bekleidet kam Marc an den Tisch. »Sorry, Dad, für gestern, wird nicht mehr vorkommen.« Anscheinend unbekümmert griff Marc nach einer Scheibe Toast und setzte sich lässig neben Stephen.
»Und du glaubst, damit ist alles gesagt und wir gehen wieder zur Tagesordnung über?« Fredrik erhob die Stimme. »So nicht, mein Junge. Du wirst die Konsequenzen dafür tragen, ist das klar?«
»Und wie sollen die aussehen?« Marc vermied es, seinen Vater direkt anzusehen, und widmete sich lieber der Erdnussbutter, die er fein säuberlich auf seinem Toast verteilte.
»Morgens zur Uni, und wehe ich bekomme raus, dass du auch nur eine Sekunde der Vorlesung verpasst. Nach dem Training bis auf Weiteres Hausarrest.«
»Dad, das ist nicht fair« versuchte Marc seine miserable Position zu verbessern. »Ich meine die Jungs und …«
»Kein Wort mehr oder ich garantiere dir, es war das letzte Mal, dass ich, Michael oder sonst wer dir aus der Patsche geholfen haben.«
Bevor Marc erneut protestieren konnte, stieß Stephen ihn unterm Tisch und zischte: »Halt jetzt die Klappe!«
»Misch du dich nicht ein«, wurde Marc laut und fuhr seinen Bruder an.
Fredrik verlor endgültig die Geduld: »Marc, noch ein Wort und ich vergesse mich. Wegen dir hab ich mächtig Ärger am Hals. Wegen dir setzt mich die USCP unter Druck – hast du auch nur den leisesten Schimmer, wie deine Schlägerei mir als Senator schadet?«
»Wie meinst du das?«, wollte nun Olivia wissen.
»Nichts weiter«, entgegnete Fredrik resigniert. »Willson und die gesamte USCP sind mit der Entscheidung des Bundesrichters nicht einverstanden. Du weißt schon, im Fall des Schwarzen, der den Polizisten erstochen hat.«
»Ja, und?«, Olivia blickte stirnrunzelnd.
»Willson hat vorhin angerufen. Er verlangt, dass ich mit dem Bundesrichter spreche.«
»Aber das ist doch nicht dein Bier«, warf Stephen ein. »Was wollen die von dir?«
»Was die wollen? Dass ich den Bundesrichter überzeuge, doch die Todesstrafe für diesen Sanders durchzudrücken.«
»Wäre aber auch korrekt, Dad«, meinte Stephen. »Der hat’s doch verdient! Ein schwarzer Killer mehr oder weniger.«
Marc blickte von seinem Sandwich auf und schüttelte sein blondes, zerzaustes Haar: »Du bist echt bescheuert!«
»Klar, Bruderherz, unser barmherziger Marc. Stehst ja auf die Schwarzen. Womöglich vögelst du noch eine.«
»Hört beide auf«, fuhr Fredrik dazwischen.
»Was willst du jetzt tun?« Olivia blickte besorgt.
»Ich muss mit dem Richter sprechen oder ich gehe zur Washington Post und liefere aus erster Hand die Story meines völlig verblödeten Sohns.«
Das war Marc zu viel. Nicht ohne Schuldgefühl, dennoch sauer, Fredriks und Stephens Äußerungen wegen, stieß er den Stuhl zurück, der laut zu Boden krachte, und verschwand in sein Zimmer.
»Klar, hau nur ab, wie du es immer machst, du Pfeife!«, rief Stephen ihm hinterher.
»Hör sofort auf«, fuhr Olivia Stephen an.
»Ja, das kennen wir. Ist immer dieselbe Leier. Marc baut Scheiße und du? Hast du dich jemals so vor mich gestellt?« Stephen tat es Marc gleich und verschwand mit Gepolter.
Dieser Vorwurf traf Olivia. So hatte sie es noch nie gesehen. »Aber Stephen, das ist doch …«
Die Stadt
Columbia, South Carolina, 1732
Ihr Entschluss war gefasst. Sie würde einige Zeit bei Hugh bleiben, der sich als anscheinend vertrauenswürdig herausstellte. Weder machte er anzügliche Bemerkungen noch verhielt er sich respektlos Zola gegenüber. Ganz im Gegenteil hatte Zola mit der Zeit das Gefühl, Hugh sähe in ihr mehr eine große Tochter als die Frau, die sie war.
Hugh richtete Zola eine Schlafstätte ein und hatte in ihr eine Hilfe, sowohl bei der Hausarbeit als auch bei der Trocknung und Gerbung der Felle und Lederhäute. Letzteres war ein aufwendiger Prozess, den sie von Hugh erlernte. Um nötige Salze für das Einlegen der Felle zu erwerben sowie für den Verkauf der ledernen Ware, begaben sie sich zur nahe gelegenen Siedlung Columbia. Mit Erstaunen stellte Zola fest, wie nahe sie auf ihrer Flucht als Einsiedlerin des Waldes einer Stadt gekommen war.
Der Ortskern Columbias bestand aus einer langen, niedergewalzten, staubigen Hauptstraße, an der sich zu beiden Seiten hölzerne Wohnhäuser und Ladengeschäfte reihten. Kleinere Gassen, seitlich entlang der Hauptgebäude, führten nach hinten zu einigen wenigen, teils windschiefen Hütten. Neben mehreren Geschäften und einem Saloon gab es die Schmiede, den Barbier, einen Krämerladen sowie ein Gefängnis, dessen Vorsteher ein gewählter Sheriff war. Der friedvolle Ort war trotz zahlreicher Bewohner überschaubar, jeder kannte jeden, sodass der Ordnungshüter, wenn überhaupt gefordert, lediglich manchmal Betrunkene des Saloons nachts in seiner Zelle ausschlafen ließ. Dennoch erfüllte diese Zivilisation Zola mit Furcht. Würde man ihr gegenüber misstrauisch werden, sie erkennen, gar zurückschicken?
Hugh genoss Ansehen unter den Einwohnern und keiner stellte unangenehme Fragen über die Schwarze mit dem Wolf an ihrer Seite. Sie standen gerade im Laden des Krämers, der neben Lebensmitteln auch Werkzeuge sowie Holz für die Farmer und Tabakbauern vorrätig hielt.
»Na, Hugh, was hast du heute Schönes dabei?« Ein kleiner, schmächtiger Mann mit Halbglatze und gezwirbeltem Oberlippenbart trat hinter seiner Theke hervor.
»Wie immer, John, wundervoll gegerbte Felle und Leder. Wirst ein Vermögen verdienen. Ich mach dich noch reich.« Hugh lachte donnernd.
»Dann lass mal sehen.«
Während Hugh den Sack öffnete, betrachtete John Zola als auch den neben ihr sitzenden Wolf. »Ich bin übrigens John. Hab dich hier noch nie gesehen.«
Bevor Zola etwas antworten konnte, ergriff Hugh das Wort: »Das ist Zola, John. Geht mir gut zur Hand; ein liebes Mädchen. Muss endlich nicht mehr selbst kochen. Ha, ha, hab sie so nem Halsabschneider abgekauft, den Köter gab’s umsonst dazu.«
»Versteht sie unsere Sprache?«
»Und wie, John. Die flucht schlimmer als wir beide zusammen.« Wieder brach Hugh in schallendes Gelächter aus und John stimmte mit ein, während Zola verlegen blickte.
Sie erzielten einen guten Preis für ihre Ware und tauschten einen Teil des Erlöses gegen Salz.
Bis Zola den Mut aufbrachte, alleine Columbia zu besuchen, sollte ein weiteres halbes Jahr vergehen.
Zolas Geschichte
Columbia, South Carolina, 1733
Sie saßen am klobigen Holztisch und aßen. Zola hatte auf dem einzigen Holzschemel in der Hütte Platz genommen, Hugh schob wie immer eine schwere Holzkiste an die Tafel. Neben Zola lag der Wolf, der ebenfalls in der Hütte wohnen durfte. Mangels Kreativität sowie der Tatsache, dass er auf den Namen hörte, hieß er einfach nur »Wolf«.
»Hast du fein gekocht, wirklich fein.« Hugh schmatzte und führte den voll beladenen Löffel an seinen Bart, der genau an der Stelle, wo Zola seinen Mund vermutete, verschwand. Obwohl Hugh, wie Zola mit der Zeit erkannte, seinen Bart durchaus pflegte, war er von solcher Fülle, dass keine Lippen zu sehen waren. Haare an der Oberlippe verschmolzen mit denen der Unterlippe.
Zola hatte einen Eintopf zubereitet. Ihr Rezept: Heißes Wasser, angereichert mit Speck sowie einem Hüftknochen, der mit reichlich Fleisch bestückt war. Anschließend schnitt sie Rüben in den Topf und würzte mit ein wenig Salz und Kräutern aus dem Wald.
»Wirklich fein, wirklich fein.« Hugh schlürfte den nächsten Happen und biss sodann in eine geschälte, rohe Zwiebel. Wie immer, wenn er Zwiebeln aß, hielt er sie hoch und referierte: »Hält den alten Hugh gesund, weißt du?«
Zola gewöhnte sich an den Zwiebelgeruch und nahm ihn nach einiger Zeit nicht mehr wahr.
»Wir haben heute was zu feiern.« Hugh mampfte, während seine Augen zwinkerten. Zola sah ihn verwundert an, jedoch wollte ihr nicht in den Sinn kommen, was es zu feiern gäbe. »Na, Mädchen, genau vor einem Jahr haben wir uns kennengelernt. Ho, ho, und wie wir uns kennengelernt haben, was, Zola?« Dabei schlug Hughs flache Hand geräuschvoll auf seinen Oberschenkel.
»Ist das schon so lange her?«
»Aber natürlich, natürlich. Der alte Hugh hat so bei sich gedacht, das sollten wir feiern und einen kräftigen Schluck darauf trinken.«
Zola kannte den Fusel, welchen Hugh des Abends trank, um dann samt Kleidung schnarchend ins Bett zu fallen. Bevor sie etwas wie »Oh, nein« oder »Lass mal gut sein« erwidern konnte, stand Hugh plötzlich auf und verschwand aus der Hütte. Wo geht er hin?, überlegte Zola, indes sie zur tönernen Flasche Schnaps auf dem Wandregal sah.
Noch während sie grübelte, trat Hugh wieder in die Hütte. In seiner Hand hielt er stolz einen Schemel in die Höhe. »Ich kenne ja deinen Geburtstag nicht«, er wirkte etwas verlegen, »du hast ihn mir nie verraten, daher hat der alte Hugh so bei sich gedacht, na ja, jedenfalls ist der heutige Tag für mich dein Geburtstag.« Mit diesen Worten stellte er den Hocker neben Zola.
»Was ist das?«, fragte Zola zögerlich.
»Na, was wird das schon sein? Ein Schemel, damit ich nicht laufend die Kiste durchs Zimmer rücken muss. Zum Geburtstag macht man doch Geschenke, oder?«
Zola war tief gerührt. Sie kannte diesen Brauch, doch ein Geschenk hatte sie noch nie bekommen. Sie sprang auf, umarmte Hugh und drückte das Gesicht an seinen mächtigen, harten Bauch. »Danke, Hugh.«
»So, das haben wir ja jetzt«, räusperte sich Hugh, »dann lass uns mal weiteressen und anstoßen.« Er holte die Flasche aus dem Regal, zwei hölzerne Becher und setzte sich.
Zola tat es ihm gleich, doch nahm sie jetzt auf ihrem Geschenk Platz. »Fühlt sich gut an«, kicherte sie vor Freude, während sie mit ihrem Hintern hin und her rutschte.
Hugh reichte Zola den mit Schnaps gefüllten Becher. »Auf uns, Zola. Bin richtig froh, dass du da bist.« Er hob an und leerte den Becher in einem Zug.
Zola trank ebenfalls einen Schluck. Der Alkohol brannte derart in ihrer Kehle, dass sie husten musste. »Ha, ha«, war das Einzige, was Hugh hierzu einfiel.
»Ich habe ja nie gefragt«, begann Hugh, »es geht mich vielleicht auch nichts an, aber ich weiß so gar nichts über dich, weißt du?«
Zolas Blick senkte sich zu Wolf am Boden. Ihre Hand fuhr über sein Fell. Kurz erwog sie, Hugh nichts von sich preiszugeben. Nach wie vor hatte sie Angst, entdeckt zu werden. Noch immer plagten sie Albträume. Doch sie entschied anders.
»Hugh, ich bin geflohen. Nur gelaufen und gelaufen, immer am Fluss entlang, weg, weit weg von der Plantage.«
»Hat sich der alte Hugh schon gedacht. Und warum?«
Jetzt begann Zola zu erzählen. Erstmals redete sie sich alles Leid von der Seele, welches sie unter Baines Herrschaft erfahren musste. Sie berichtete von der Nacht, in der Mr. Baine über sie hergefallen war, von Sam und Tumelo und von ihrer Mutter. Kein Detail der Flucht ließ sie aus. Als sie zu der Stelle kam, an der die Schüsse fielen, rannen ihr die Tränen über die Wangen. »Ich habe keine Ahnung, ob Mutter lebt, doch …«, sie unterbrach, »doch ich fühle, dass sie nicht mehr am Leben ist.«
»Ach, Zola, sicher ist sie noch auf der Plantage und es geht ihr gut, ganz bestimmt.«
»Nein, gewiss nicht.« Erstmalig kamen Zolas Gedanken und Ängste über ihre Lippen. »Nein, ich weiß es genau.«
»Aber woher willst du das denn wissen, Kindchen?« Hugh ergriff über den Tisch hinweg Zolas Hände und sie verschwanden gänzlich in seinen Pranken.
»Der Sperling hat es angedeutet, nein, eigentlich hat er es mir gesagt.«
Nun runzelte Hugh die Stirn. Solch eine Begründung hatte er am allerwenigsten erwartet. »Hat der alte Hugh dich richtig verstanden? Ein Vogel hat dir das gezwitschert?«
»Ja, der Sperling.«
»Ho, ho, ho«, lachte Hugh laut auf, »das hab ich ja noch nicht erlebt. Der Sperling, ho, ho.« Doch sein Lachen brach unwillkürlich ab, als er Zolas Augen sah. Stolz und Glaube strahlten sie aus. Ernst flüsterte er: »Du willst mir also weismachen, dass du mit einem Spatz reden kannst?«
Zola nickte. »Anfangs dachte ich selbst, ich sei verrückt geworden. Doch er spricht zu mir und hat mir den Weg gewiesen. Auch in jener Nacht vor einem Jahr hat er mich aus dem Schlaf geweckt und zu Wolf geführt.«
»Na, dir werde ich noch mal von meinem Schnaps geben«, schnaubte Hugh, hob dabei die Flasche und betrachtete sie.
»Du wirst mich doch nicht verraten, oder?«
»Ja, wo denkst du denn hin, Kindchen. Du bist hier auf meinem Land, da gelten meine Gesetze. Auch wenn ich das mit dem Sperling kaum glauben kann, sei mir nicht böse, aber ein Vogel, der spricht.«
Zola entschied, ihn nicht weiter überzeugen zu wollen, während Hughs Barthaare sich zu einem Lächeln formten und seine Augen kopfschüttelnd eine liebevolle Güte ausstrahlten.
Da klopfte es leise. Ein gedämpftes Tacken aus Richtung der Fensterscheibe. Hugh vermutete zuerst, ein Ast würde durch den Wind ans Glas geschlagen, doch sein Blick fiel auf etwas Sonderbares. Er traute seinen Augen nicht. Auf dem Sims des Fensters saß ein … Sperling. »Ich werd verrückt«, entfuhr es ihm, als auch Zolas Blick zum Fenster wanderte.
Dass just in diesem Moment ihr Freund auftauchen würde, damit hatte selbst sie nicht gerechnet. Lange Zeit, genau genommen vor einem Jahr, hatte Zola ihn zuletzt gesehen. Manchmal zweifelte sie daher gar an seiner Existenz. Zola stand auf, tat ein paar Schritte und hob den Riegel, der den Fensterflügel verschlossen hielt. Der Spatz machte keine Anstalten davonzufliegen, selbst als der hochgewachsene, verdutzt dreinblickende Hugh hinzutrat.
»Was, was machst du hier? Wo warst du die ganze Zeit?«, fragte Zola.
»Immer an deiner Seite«, kam die piepsende Antwort.
Hugh rieb sich die Augen: Ein Sperling auf der Fensterbank, der lautes Gezwitscher von sich gab.
»Warum hast du dich mir nicht gezeigt?«
»War es vonnöten? Ich habe dich zu ihm geführt, er ist eine rechte Seele. Bleibe bei ihm.«
Zola sah kurz zu Hugh, der staunend neben ihr stand.
»Zola, es ist an der Zeit, dass ich dir etwas gebe. Vergiss nie deine Herkunft und gedenke immer derer, die dir aus schwerer Not geholfen haben. Es wird der Tag kommen, da andere deine Hilfe brauchen. Zögere nicht, auch wenn die Angst in dir übermächtig wird.«
Der Sperling senkte sein kleines Köpfchen und pickte an der Fensterbank. Als er seinen Kopf wieder anhob, steckte ein Gegenstand in seinem Schnabel, der einem Stück Leder glich. Zola fasste danach und begriff. Ihren Körper überkam eine Gänsehaut. In ihren Händen hielt sie ein Stück Haut, etwa dreimal drei Zentimeter groß. Auf der Rückseite getrocknetes Blut. Der Anblick der Vorderseite brachte ihre Atmung zum Stocken. Da war es wieder, das große, geschwungene »B«, welches viele Jahre, als schmerzvolle Zierde ihres Unterarms, eingebrannt war.
»Bewahre es gut, Zola. Es ist ein Symbol deiner Vergangenheit. Das Mal der Knechtschaft, jenes, das du abgelegt hast, um frei zu sein. Nutze die Freiheit. In dir ist mehr Macht und Kraft, als du glaubst. Nimm das Geschenk deiner Mutter Aba.« Mit diesen Worten breitete der Sperling die Flügel und verschwand in die Nacht.
Zitternd stand Zola am Fenster.
Hugh warf einen Blick nach draußen: »So was hab ich ja noch nicht erlebt, hab ich ja noch nicht.« Er griff nach Zolas Hand, in der sie das Hautstück hielt. Kopfschüttelnd betrachtete er das Brandmal, nahm sanft Zolas linken Unterarm und legte den Hautlappen auf ihre Narbe. Etwas kleiner als die Vernarbung, doch Hugh erkannte dennoch, dass dies das herausgeschnittene Hautstück von Zolas Arm war.
Vereint und schuldig
Wahrheit, Sein!
Verzerrt fließend ins Dunkel.
Nichts scheint, wie es war!
Mit einem Mal, den Blick im Spiegel!
Das Bild nicht begreifend!
Was ist das, was du siehst?
Du fragst, was dich umgibt!
Keine Antwort!
Neugier und Furcht!
Geburt des Glaubens! WELCHES GLAUBENS?
Die Zeit findet Jünger!
Es hatte sich für alle – alles auf der Plantage geändert. Clexton stemmte sich vehement gegen die Angst, die ihn schlimmer denn je, gezwängt wie in einem Schraubstock, zu erdrücken drohte. Des Tags mit harter Hand gegenüber seinen Untertanen, die Nächte im Alkohol ertränkt hinter verschlossener Türe in der Bibliothek.
Veronika, seit Abas schicksalhafter Nacht nicht mehr in der Lage, einen klaren Gedanken zu fassen, war in einen Zustand der Trance verfallen. Jos war der einzige Mensch, der ihr Halt gab, und hierfür erhielt er die übertriebene Fürsorge seiner Mutter.
Tumelo, seine Arbeit verrichtend, schwieg die meiste Zeit des Tages. Nachts von Albträumen geplagt, schweißgebadet, zitternd in seinem Bett.
Und Sam wurde von einem tiefen Glauben erfasst. Seit dieser Nacht sah er sich und alles um sich herum mit anderen Augen. Trauer um Aba, ohne sie näher gekannt zu haben. Neugierde, wer sie war und was sie war – doch niemals gestillt. Sein Herz erkannte die Reinheit ihrer liebevollen Macht. Einer Macht, die hätte strafen können und es doch in jener Nacht, trotz des großen Schmerzes, nicht tat. Aba hatte sich hingegeben, im Glauben, im Zorn.
Warum?
Wofür?
Veronika, Tumelo und Sam waren stumm vereint durch das Band der grausamen Wahrheit: Clexton Baine hat sich schuldig gemacht! Schuldig wie einst Judas, den Todesweg gepflastert. Drei Jahre sollten ins Land gehen, ohne dass jemand je über die Geschehnisse besagter Nacht sprach. Die Verdrängung der Gedanken vor dem drohenden Wahnsinn.
Das Ende der Ehe
Charleston, South Carolina, 1735
Die Zeit heilt Wunden, sagt man.
Clexton hatte sich verändert. Tagsüber, seinem Geschäft nachgehend, verhielt er sich Veronika gegenüber, als ob nichts geschehen wäre. Mehr noch, er ignorierte sie. Was Jos betraf, so legte Clexton eine Liebe zutage, die für den Sohn befremdlich, ja fast erdrückend erscheinen musste. Dem Kleinen sollte es an nichts mangeln. Jos stellte das einzige Bindeglied in ihrer Beziehung und den häufigen Grund für Streitigkeiten dar. Laut, ohne Tabus, warfen sich seine Eltern Vorwürfe an den Kopf. Meist beendet durch das ängstliche Weinen von Jos.
So auch am Abend des 12. August 1735. Clexton, seinen ›Kameraden‹ Gin an den Lippen, saß in der Bibliothek, als Veronika an der Tür klopfte. Widerwillig öffnete er.
»Hast du Jos geschlagen?«, fragte Veronika ohne Umschweife.
»Wieso sollte ich?«
»Woher sonst soll er die blauen Flecken haben?«
»Wenn du glaubst, dass ich gegen Jos die Hand erhebe …« Clextons Gesicht rötete sich. Er wollte ihr die Türe vor der Nase zuschlagen, doch Veronika stemmte sich dagegen, außer sich, nicht in der Lage, durch weitere Fragen die Wahrheit aus Clexton herauszubekommen. Nervlich am Ende, prügelte sie wild mit beiden Fäusten auf Clexton ein. Dieser stolperte schwankend zurück und hielt ihre beiden Arme an den Handgelenken.
»Lass mich los, du Bastard!«, schrie Veronika, während sie nun begann mit ihren Füßen nach ihm zu treten. Haare fielen ihr ins Gesicht. Mit ganzer Kraft stieß Clexton sie von sich und Veronika fiel zu Boden. Weinend lag sie in der Bibliothek. Sie wusste, dass sie so weder weiterleben konnte noch wollte.
Als Clexton das Häufchen Elend am Boden liegen sah, regte sich Mitleid. Wohin war die Zeit, als er sie begehrte, als er noch Gefühle hatte? In diesem Bruchteil des lichten Momentes trat er einen Schritt auf Veronika zu und ergriff entschuldigend ihre Hand.
Doch Veronika stieß ihn grob von sich und sah hasserfüllt zu ihm auf. Der Blick in ihren Augen sprach Bände und erweckte erneut den Zorn Clextons. Sie war doch an allem schuld! Wäre sie nicht gewesen, wie sie war, hätte er sich nicht an einer Sklavin vergangen. Nein, sie hatte ihn dazu gebracht. Sie allein. Jetzt sollte sie ihn kennenlernen und ihrer Strafe, die längst überfällig war, nicht entgehen!
Grob packte er Veronika an den Haaren, riss sie hoch und sie spürte den Schmerz an ihrer Kopfhaut, seine Kraft, der sie nichts mehr entgegenzusetzen hatte. In diesem Moment hatte sie jeden Widerstand aufgegeben. Sich aufgegeben. Ohne Gegenwehr, ohne sich zu widersetzen, ließ Veronika ihn gewähren, als er ihren Oberkörper auf den Tisch niederdrückte, ihr den Rock hob und sie hart und kurz von hinten nahm. Mit geschlossenen Augen, ohne einen Laut, ergab sie sich seinen harten, erniedrigenden Stößen, lag reglos da wie eine mit Stroh gefüllte Puppe.
Dann, als ob nichts geschehen wäre, knöpfte Clexton die Hose zu und nahm wortlos in seinem Sessel Platz. Er griff zu seiner Flasche Gin und setzte zu einem tiefen Schluck an. »Du bist nicht besser als jede Negerhure. Verschwinde endlich, du Miststück«, zischte er, ohne sie dabei anzublicken.
Veronika rappelte sich auf, strich ihr Kleid flüchtig über ihre Knie und verließ Clexton – für immer. Beide wussten, sie waren am Ende, nur war keinem klar, wie dieses Ende aussehen würde.
Veronikas Flucht
Noch in derselben Nacht des Jahres 1735 verließ Veronika das Herrenhaus. Während Clexton in der Bibliothek weilte, hangelte sich Veronika, mit beiden Händen am Geländer der großen Foyertreppe, gebeugt, Stufe für Stufe ins obere Stockwerk. In ihrem Zimmer stopfte sie rasch Kleidung in einen Koffer und schlich anschließend, Jos schlafend auf dem Arm, vors Haus.
Es war eine laue Sommernacht, deren leuchtende Sterne am Firmament sie zu beobachten schienen. Langsam sog sie die frische Nachtluft in ihre Lungen, während sie sich zu beruhigen begann. In der Linken den Koffer, rechts Jos im Arm, überlegte Veronika, wohin sie gehen solle. Als naheliegende Lösung kamen die Stallungen in Betracht, allerdings wollte sie eine Begegnung mit Sam vermeiden. Die Option, einen Pferdewagen anzuspannen, um in das Stadthaus von Charleston zu fahren, verwarf sie. Jos könnte aufwachen und sie verraten, außerdem hätte sie in diesem Moment nicht die Kraft hierfür aufgebracht. Ihr kam das Kutscherhaus in den Sinn. Ursprünglich als Wohnraum für Sam gedacht, hatte sich dieser jedoch entschlossen, in seiner Kammer bei den Pferdestallungen zu bleiben.
Langsamen Schrittes, seitlich am Herrenhaus vorbei, erreichte sie mit Jos im Arm das etwa hundert Meter hinter dem Gutshaus liegende Gebäude. An der untersten Stufe der seitlich an der hölzernen Hauswand angebrachten Außentreppe stellte sie den Koffer ab und stieg mühsam zur Eingangstüre hoch. Diese war abgesperrt. Veronika legte Jos auf eine der Stiegen. Sie schlich wieder hinab, lief um die Ecke zum Haupttor des Kutscherhauses. Dieses war unverschlossen und ließ sich seitwärts an einer Führung aufschieben.
Veronika gelangte in die dunkle Halle der Droschken. Es roch nach Farbe eines frisch gestrichenen Fuhrwerks. Gleich neben dem Eingang stand eine Lampe gefüllt mit Rapsöl und Veronika entzündete den Docht. Im Lichtschein der hochgehaltenen Laterne suchte sie ein Werkzeug, geeignet, um die Türe im ersten Stock aufzustemmen. Auf einer Werkbank lag eine Eisenstange für Reparaturen an den Wagenrädern. Circa fünfzig Zentimeter Länge, unten abgewinkelt, hervorragend als Brecheisen zu verwenden. Vorsichtig löschte sie das Licht, schob mit Einsatz ihres ganzen Körpers das schwere Holztor zu und lief, etwas außer Atem, zurück zur Außentreppe.
Sie fasste nach dem Koffer am Treppenabsatz und stellte diesen, oben angekommen, neben den noch immer schlafenden Jos. Sofort setzte sie das Eisen seitlich zwischen Türe und Rahmen an. Ohne Widerstand gab das Schloss knarzend nach. Als sie den kleinen Raum betrat, legte sie den kleinen Jos in ein Federbett im hinteren Eck des Raumes. Oberhalb des Bettes schien das sternklare Nachtlicht durch ein Fenster, was ausreichend war, den Raum genügend zu erhellen.
Veronika erkundete weiter das Zimmer. Der Raum war karg ausgestattet. In ihm ein Bett, eine Kommode sowie ein Tisch mit vier Stühlen. Besorgt fiel Veronikas Blick auf die aufgebrochen Türe! Sowohl das Bett als auch die Kommode waren aus massivem Holz. Ihre Kraft würde nicht ausreichen, um die schweren Möbel vor die Türe zu schieben. So entschloss sie sich, den Tisch mit allen vier Stühlen als Türbarrikade zu verwenden. Anschließend legte sie sich angekleidet neben Jos ins Bett und stierte zur Zimmerdecke. Ihr schwerer Atem beruhigte sich nach und nach.
Wie weiter? Was würde der Tag bringen, wenn Clexton ihr Verschwinden bemerkte? Sie wusste es nicht. Mit ihrem Sohn lag sie im Dunkeln. Allein. Doch jetzt, zum ersten Mal seit jener Nacht, als Aba lichterfüllt die Grenzen des bis dahin wahrgenommenen Lebens aufzeigte, erfüllte sie ein Gefühl der Freiheit. Wie eine Raupe hatte sich Veronika seither in einen Kokon gesponnen und kam aus diesem nicht mehr heraus. Alles außerhalb des Kokons schien seit Jahren verschwommen zu sein. Ihre ausnahmslose Aufmerksamkeit galt Jos. Die Welt um sie herum war verhüllt. Keine Gefühle, keine Gedanken an das Geschehene. Doch nun?
Die Gewalt, die sie heute Nacht durch ihren Mann erfahren hatte, hatte ihren Käfig gesprengt und dem Schmetterling Freiheit geschenkt. Sie wusste jetzt: Clexton hatte sich damals schuldig gemacht. Wodurch? Überlegungen hierüber hatte sie all die Jahre erfolgreich verdrängt. Auch sprach sie seit jener schicksalhaften Nacht weder mit Sam noch mit Tumelo darüber. Jetzt, hier in der Stille des sternklaren Raumes, ahnte sie: Clexton musste sich in jener Nacht an Zola vergangen haben. Er war fähig dazu und nur dies gab dem ganzen Verlauf einen Sinn.
Ihr Blick verschwamm durch Tränen. Sie hatte ihren Mann geliebt, jenen, der sich nun an ihr vergangen hatte. Veronika erschrak. Was, wenn sie von Clexton schwanger würde? Keinesfalls durfte sie ein Kind des Zorns in sich tragen! Ein unerträglicher Gedanke.
Ihr Blick, der auf Jos gerichtet war, ließ sie für einen Augenblick die Liebe spüren, die sie einst für Clexton empfunden hatte. Jos war ein Geschenk dieser Liebe. Doch jetzt … „Ich muss etwas unternehmen.“
Sie setzte sich auf die Bettkante, hob ihr Gewand und spreizte die Beine. Ihre Scham war feucht. Veronika presste, ein verzweifelter Versuch, den Saft des Dämons aus ihrem Leib zu verbannen. Einige Tropfen quollen hervor, doch würde sie damit etwas ändern? Mit dem Saum ihres Kleides trocknete sie ihre Scham. Gottes Wille, dachte sie.
Dann lag sie wieder mit geschlossenen, zuckenden Lidern, bis sich der Horizont blutrot färbte. Hatte sie Schritte von außen gehört? Sie riss die Augen auf und blickte entsetzt zur Tür. Dumpfe Tritte schweren Schuhwerks, eine Stufe nach der anderen nehmend, ohne Hast.
Sam schaltet sich ein
Es rüttelte an der Tür. Erst leicht, dann stärker werdend. Veronika erbleichte. Sie rappelte sich auf, nahm Jos in den Arm und saß wie versteinert mit angezogenen Knien, den Rücken ans Kopfende des Bettes gepresst. Für einige Sekunden Ruhe. Doch dann ein heftiger Stoß und die Tischbarrikaden wurden zur Seite gerammt, die Stühle fielen knallend zu Boden. Jos erwachte, wusste nicht, wo er war, und sah zu seiner Mutter. Er spürte ihre Angst, unterdessen sein Blick zur Türe ging, die sich laut knarrend öffnete.
Clexton trat ein. Unrasiert, von der Nacht gezeichnet. Er sah aus wie ein grober Gewaltverbrecher. »Hier hast du dich versteckt.« Ein unheimliches Grinsen verzerrte sein Gesicht zu einer Fratze.
»Lass uns in Ruhe, Clexton, du hast genug Unheil über die Familie gebracht.«
Die zittrige Stimme Veronikas erweckte in Clexton ein Gefühl der Macht, welche er nun auskosten wollte. »Du denkst, du kannst deiner Schuld entkommen, Veronika. Das wird dir aber nicht gelingen. Ich bin dein Mann, schon vergessen?« Er streckte ihr beide Hände entgegen und seine Finger bewegten sich so, als wolle er ihr befehlen, zu ihm zu kommen.
Veronikas Beklemmung wich dem Hass, der in ihr aufstieg. Dieser Dämon war nicht mehr ihr Mann! Mit lauter Stimme, ohne Anzeichen von Unsicherheit schmetterte sie ihm entgegen: »Du hast dich versündigt, Clexton. Versündigt an deinem Sohn, versündigt an deiner Frau und versündigt an einer Unschuldigen. Weder ich noch Jos können dir die Strafe zukommen lassen, die du verdienst. Aber solltest du vergessen haben, welche Kraft von dir in jener Nacht Besitz ergriffen hat, so werde ich dich in jeder Sekunde deines Lebens daran erinnern. Aba und Zola werden dich in der Hölle schmoren lassen, zu Lebzeiten und im Tode.«
Augenblicklich wurde Clexton leichenblass. Veronika hatte seine tiefsten Ängste ausgesprochen. »Ich, ich werde dir die Seele aus dem Leib prügeln!«, schrie Clexton und machte einen Satz nach vorne.
In diesem Augenblick erschien Sam im Zimmer. Er musste die Außentreppe hochgekommen sein, ohne dass beide dies bemerkt hatten. Leise und ruhig, als ob er diesen kurzen Satz jahrelang mit sich herumgetragen hätte, sprach Sam: »Mr. Baine, es ist genug.«
Clexton fuhr herum und sah wutentbrannt zu Sam. Sein Gesichtsausdruck veränderte sich zu dem eines verängstigten Tieres in der Falle. Er warf Veronika und Jos einen letzten Blick zu, dann drängte er sich nach draußen.
Die Vernissage
Stephen saß vor einer Tasse Kaffee in der Küche, war unleidlich, wusste jedoch nicht so recht warum. Mein Bruder kann sich alles erlauben, ohne hierfür wirklich bestraft zu werden. Hausarrest, dachte er. Lächerlich. Marc zieht den Ruf unseres Vaters und den der Familie in den Dreck und schert sich einen Scheiß um die Konsequenzen.
Seine Mutter dagegen hatte sich wieder einmal vor Marc gestellt. Unbegreiflich. Warum nur habe ich das Gefühl, sie würde dies zwar für Marc, aber nie für mich tun? Liebt sie Marc mehr? Ich bin Dad ähnlicher, überlegte er. Ich und Vater teilen die gleichen Ansichten, kleiden uns ähnlich, beide tragen wir stolz den Namen Haskins. Nicht, dass Olivia keinen Stolz hätte. Nein, sie war nur anders. Im Gegensatz zum Vater und ihm reagierte sie emotional, selten sachlich durchdacht. Dies wird es wohl sein. Daher Olivias Nähe zu Marc. Auch mein Bruder handelt aus dem Bauch. Bevor er nachdenkt, ist der Satz gesagt, der Ball in der Scheibe, dem Widersacher eins auf die Nase gegeben. Erst hinterher denkt Marc über die Auswirkungen nach. Jetzt allerdings hat Marc den Bogen überspannt. Er bringt die Familie in Schwierigkeiten und hält es nicht für angebracht, dafür geradezustehen, dachte Stephen.
Seine Gedanken bewegten sich allmählich im Kreise und er beschloss, sich abzulenken. Fredrik und Olivia waren dieses Wochenende auf einem Kongress der Republikaner und würden erst Sonntag wiederkommen. Marc lümmelte schon den ganzen Morgen gelangweilt auf der Couch und sah Footballspiele im Fernsehen. Er wagte es nicht, seinen Hausarrest zu brechen. Dad hatte angekündigt, mehrmals täglich anzurufen, um dessen Anwesenheit zu prüfen.
Nachdem Stephen fertig gefrühstückt und geduscht hatte, fuhr er ohne Verabschiedung mit dem Aufzug zur Tiefgarage. Der Mustang bog aus der Garage und Stephens Laune besserte sich. Der Fahrtwind des offenen Verdecks blies ihm warm ins Gesicht. Sein Ziel war das College. Susan hatte samstags Training der Cheerleader und hinterher sicherlich Zeit, mit ihm eine Spritztour zu unternehmen. Er parkte seinen Wagen direkt vor dem Zaun des Uni-Sportplatzes. Von Weitem konnte er Susan im Kreis junger Mädchen mit knappen Kostümen und rot-weißen Pompons ausmachen.
Nach der Geburtstagsfeier hatte Susan mehrfach bei ihm angerufen sowie SMS geschrieben, die er allesamt unbeantwortet ließ. Er hatte die ganze Woche über den Kontakt zu ihr vermieden, um nicht Vorwürfe seines Verschwindens auf der Geburtstagsparty über sich ergehen zu lassen. Stephen war sich nicht einmal im Klaren, ob er richtig fest mit Susan zusammen war, geschweige denn, ob er sie liebte. Zugegeben, sie hatten ein paarmal miteinander geschlafen, das war es dann aber auch. Liebe? Wofür? Ich bin jung und das ganze Leben – hübsche Frauen! – liegt vor mir.
Doch jetzt hatte er Verlangen nach Susan, stand am Zaun und hob winkend die Hand. Sie musste ihn gesehen haben. Ihm war, als ob ihre Blicke sich getroffen hätten. Allerdings reagierte Susan nicht. So wartete Stephen, bis circa zehn Minuten später das Training zum Ende kam. Er betrat durch eine Öffnung im Zaun das Sportplatzgelände und lief quer über den Rasen. »Susan, warte!«
Sie drehte sich um und verschränkte beide Arme. »Ach, der liebe Herr lebt noch«, zickte sie ihn an.
»Na klar lebe ich noch, was denkst du denn? Hatte nur echt keine Zeit, mich letzte Woche zu melden.«
»Keine Zeit«, äffte Susan ihn nach. »Hör mal, Stephen, mir ist echt unbegreiflich, wie man Hunderte von SMS ignorieren und keine fünf Minuten telefonieren kann. Wenn du das unter Freundschaft verstehst, dann pfeif ich drauf.«
»Hör zu, Susan.«
»Nein, jetzt hörst du mir zu. Du schläfst mit mir, versprichst das Blaue vom Himmel und dann …«, Susan kam richtig in Fahrt, »… dann verschwindest du einfach mir nichts, dir nichts von meiner Party, nur weil ich dir keinen blasen wollte. Hast du sie noch alle?«
Die umstehenden Mädchen kicherten, da Susan es nicht vermied, wenigstens das letzte Thema leise auszusprechen.
»Okay, dann eben nicht. Ich wollte dich auf eine Spritztour einladen und es wiedergutmachen. Aber wenn du meinst, du musst mich vor all deinen Freundinnen runtermachen, gut so.«
»Auf eine Spritztour, ha, wie passend. Du kannst mir gestohlen bleiben mit deiner Spritztour. Tom holt mich nachher ab und der hat eine Spritztour mehr verdient als du.«
Stephen hatte endgültig genug. Um sich nicht weiter vor all den Mädchen zu blamieren, machte er mit einem »Dann lass es« kehrt und stolzierte zurück zum Mustang. Cool, wie er fand, erhobenen Hauptes, doch er fühlte die Demütigung, deren Krönung das Date mit Tom war. So eine dumme Gans, was denkt sie denn, wer sie ist. Blöde Kuh.
Der Motor heulte auf und eine Staubwolke hinter sich lassend, fuhr er vom Gelände. Immer wieder schlug er mit der flachen Hand zornig auf das Lenkrad, während er den Mustang zur Hauptstraße steuerte. Schon wieder hatte Susan seine Laune verdorben. Soll sie doch. Ich finde jederzeit eine Neue. Ich bin es: Stephen Haskins!
Was wohl Dad in einer solchen Situation gemacht hätte? Er überlegte, zu einer Prostituierten zu fahren. Ab und an taten es seine Freunde und sie hatten mächtigen Spaß daran. Doch jetzt war ihm nicht danach. Er fühlte eine gähnende Leere. Was also dann? Mit Kumpels irgendwo abhängen, ins Kino – keine der Ideen wollte ihn aufmuntern. Minutenlang stierte er vor sich hin, bis er wusste, was er brauchte. Das Gefühl der Eroberung! Vor seinen Augen schwirrten die unterschiedlichsten Mädchen. Welche davon wäre geeignet, flachgelegt zu werden? Genau das hatte er heute nötig. Keine, die sich bezahlen ließ, nein, eine, um die man kämpfen musste. Haupttreffer! Stephens Wahl fiel auf …
Der Gedanke daran ließ ihn innerlich jubeln. Er fuhr geradewegs zum Kino, aß eine Kleinigkeit und besuchte anschließend die Nachmittagsvorstellung. Der Film war Nebensache – er wollte die Zeit totschlagen bis … Als die Vorstellung um 18 Uhr endete, steuerte er den Mustang direkt zum anvisierten Ziel: das Brown Sugar. Einige wenige Gäste saßen an der Bar. Die Tische waren allesamt unbesetzt, viele mit dem Schild »Reserviert« versehen. Nur mehrere Bedienungen erweckten den Eindruck regsamen Treibens. Doch keine davon war Sandra. Vielleicht ist sie in der Küche oder kommt später, sann Stephen. Eine der Angestellten mit einem leeren Tablett in der Hand stand plötzlich neben ihm.
»Ist Sandra da?«
»Sandra? Warte mal kurz.« Sie rief über ihre Schulter hinweg einer Kollegin zu: »Hat Sandra heute Dienst?«
»Nein, die hat frei, irgendeine Vernissage.«
»Sorry, kann ich ihr was ausrichten?«
»Weiß jemand, wo diese Vernissage ist?«
Die Blondine in engen Jeans und bauchfreiem Top schüttelte den Kopf. »Nein, aber Frank könnte es wissen, der ist für den Dienstplan zuständig. Scheint dir ja wichtig zu sein. Wenn sie nicht kommen sollte, ich habe um zwei Schluss.« Sie zwinkerte, indes sie ihn von oben bis unten musterte.
»Ist Frank da?«, fragte Stephen unbeeindruckt.
»Na, dann nicht. Ja, ist hinten, kommt sicher gleich. Du kannst ihn nicht übersehen. Mehr breit als hoch.« Eine Kaugummiblase aus ihrem Mund schwoll an wie ein kleiner Luftballon und platzte auf den roten Lippen. Damit ging sie, die Kerzen der Tische anzuzünden.
Stephen blickte sich um, als schon ein kleiner Dicker mit buntem Hawaiihemd aus der Küche kam und einen Karton auf die Bar wuchtete. Während er die Pappe aufriss und Flaschen entnahm, ging Stephen auf ihn zu. »Frank? Ich suche Sandra. Eine Kollegin hat mir verraten, dass sie heute auf einer Vernissage ist. Wissen Sie zufällig …«
»Klar, weiß ich wo, bin ja eingeladen. Wer will das wissen?«
»Ich bin ein Freund von Sandra und wollte sie treffen.«
»Wenn du ein Freund bist, wieso weißt du dann nicht, wo die Vernissage ist? Sandra macht doch schon die ganze Woche Werbung dafür.«
»Ich hab sie letzten Samstag kennengelernt, anschließend nach Hause gefahren. Ich würde sie gerne wiedersehen.«
»Tatsächlich, heimgebracht?« Anscheinend hatte der Dicke jetzt etwas mehr Zutrauen. »Massachusetts Avenue, im College, da stellen sie und ihre Malerfreunde heute aus. Freut sich bestimmt, dich zu sehen. Sag ihr, Frank kann leider nicht kommen.« Damit drehte er sich um und marschierte mit dem leeren Karton zurück in die Küche.
Stephen steuerte in die Wisconsin Avenue, vorbei an der Georgetown University, wo er erst vor wenigen Stunden mit Susan gestritten hatte, und bog in die Massachusetts. Zwanzig Minuten später erreichte er den Haupteingang des College of Arts. Bunte Blumen sowie prachtvolle, von weißen Blüten bedeckte Bäume zierten das Gebäude. Breite Steinstufen führten zum Eingang, dessen massive Überdachung – mit dem Schriftzug ›Batterial Memorial‹– von zwei griechisch anmutenden Steinsäulen getragen wurde.
Als Stephen das Foyer betrat, stand dort vereinsamt auf dem Steinboden ein Flipchart:
»Heute Vernissage des Studiengangs Malerei und Plastik. Erste Etage.«
Bis in den ersten Stock hinauf begegnete er keiner Menschenseele, Stephen befürchtete schon, dass die Ausstellung vorüber sei. Er schritt einen hellen Gang entlang, als ein junger Mann mit Vollbart und Rastalocken aus einer Türe kam und ihm entgegenschlurfte. Seine Baggy Jeans hing ihm bis an die Knie.
»Entschuldige, kannst du mir sagen, wo die Ausstellung ist?«
Ohne Antwort gab dieser nur mit seinem Daumen über die Schulter Zeichen und ging weiter. Stephen schritt den Flur entlang, bis er den Raum betrat, aus dem der »Rasta« soeben gekommen war. Etwa dreißig Personen befanden sich in einem großen Saal mit weiß gestrichenen Wänden. Überall hingen bunte Bilder in unterschiedlichsten Stilen, auch lagen wie hingeworfen und vergessen obskure Installationen im Raum.
Sandra fiel ihm sofort ins Auge. Sie stand mit zwei Jungs vor einem großen, mit Facetten unterteilten Fenster, welches nach oben hin rund zulief. Neben ihr hing ein großes Portrait einer alten Frau an der Wand. Sandra lächelte erstaunt, als sie Stephen erkannte.
»Hey, Stephen, was machst du denn hier?«
»Ich soll dir ausrichten, dass Frank nicht kommen kann.« Stephen grinste über beide Backen.
»Ach, du warst im ›Sugar‹? Und jetzt hier?«
»Hast du das gemalt?« Stephen deutete auf die Leinwand.
»Ja, gefällt es dir?«
»Es ist toll.« Damit log Stephen nicht. Das Portrait war realistisch gemalt und hatte dank bunter, dick aufgetragener Farben einen beeindruckend pastosen Ausdruck. »Mein Dad hat vor Jahren zwei Bacon ersteigert, die bei uns im Wohnzimmer hängen. Ihm würde dein Bild sicher gefallen.«
»Wow, Francis Bacon.« Sandra stieß einen Ruf der Bewunderung aus, auch die beiden Jungs neben ihr nickten zustimmend. »Na, wenn meine Bilder mal neben dem hängen, kann ich dich auch zum Essen einladen.« Sie lachte und einige Sekunden blickten sich beide schweigend an.
Dann zog sie ihn zur Seite.
»Stephen, ich möchte mich entschuldigen. Es war nicht nett von mir, was ich dir letztes Mal an den Kopf geworfen habe.«
»Mach dir keine Gedanken, obwohl du total danebenlagst. Vorschlag: Ich verzeihe dir, wenn du mit mir Essen gehst und mich über Kunst aufklärst. Bin tatsächlich kein Profi. Vielleicht kann sich Dad ja mal deine Bilder ansehen?«
Sandra war überglücklich. Zumal sie neben dem Date auch die Aussicht bekam, Stephens Vater ihre Bilder zu zeigen. Plötzlich, als suche sie jemanden, drehte sie sich in den Raum und schien fündig geworden. »Da drüben steht mein Bruder. Ich hab dir doch von Elias erzählt?«
»Ja, ich kann mich erinnern. Die Bulldogge, an der man erst mal vorbeikommen muss.«
»Genau.« Sie kicherte und zog ihn am Ärmel durch den Saal.
Ihr Bruder hatte etwa Stephens Alter, trug kurzes, wie ein Teppich auf der Kopfhaut liegendes, schwarzes Haar und war einen Kopf kleiner als Stephen. Gleich der Schwester, blitzten ihn die strahlend weißen Zähne ihres Bruders an.
»Elias, darf ich bekannt machen. Das ist Stephen.«
»Hey, Stephen, studierst du auch Kunst?«
»Nein, ich bin zufällig hier.« Dabei zwinkerte er Sandra zu.
»Dachte schon, denn die meisten, die hier sind, studieren auch hier. Woher kennt ihr euch?«
»Aus dem ›Sugar‹«, warf Sandra ein. »Stephen hat mich neulich heimgebracht.«
»Ah«, nickte Elias vermeintlich wissend, indes Stephen überlegte, ob Sandra ihrem Bruder von ihm erzählt hatte. Elias musterte Stephen. »Willst du ein Bier? Hinten stehen Kästen, kostet nichts.«
Stephen nickte und folgte Sandra zum Biervorrat.
»Wie lange geht das hier heute?«, fragte Stephen wenig später mit der Flasche in der Hand.
»Denke, noch ein, zwei Stunden. Ist ja sowieso nicht viel los.«
»Wollen wir danach essen gehen? Du bist eingeladen.«
Sandra wirkte aufgeregt, doch verzog sie etwas nachdenklich das Gesicht. »Ich bin mit Elias hergekommen, aber er kann sicher alleine nach Hause. Ich frag ihn kurz.« Sie huschte hinüber und kam nach rascher Unterredung mit Elias freudestrahlend zurück. »Passt. Er bittet nur, dass du mich spätestens gegen Mitternacht nach Hause bringst.«
»Klar, Punkt zwölf liefere ich dich ab.«
Eine Stunde später saßen sie gemeinsam in einem japanischen Restaurant. Sandra staunte, als Stephen das Menü für beide bestellte. Um die Zeit einzuhalten, verschlangen sie die Speisen, während Sandra lachend und plaudernd aß, was das Zeug hielt. Sie erläuterte Stephen voller Hingabe alles, was sie über Kunst gelernt hatte. Kurz nach Mitternacht standen sie vor Sandras Wohnung. Die Verabschiedung verlief dieses Mal anders. Sandra küsste Stephen leidenschaftlich auf den Mund.
Fredriks Versuch
Richter Rudolph war erstaunt, als er vom Termin mit Senator Haskins erfuhr, den seine Sekretärin auf Bitte des Senators vereinbart hatte.
»Senator Haskins, was kann ich für Sie tun?«
Fredrik, sichtlich nervös, versuchte sich nichts anmerken zu lassen. »Der Grund meines Besuches, Richter Rudolph, ist Ihre Entscheidung im Falle Sanders. Wie ich der Presse entnehmen konnte, erwägen Sie, keine Todesstrafe zu verhängen.«
Richter Rudolph runzelte erstaunt die Stirn. »Gewiss, Senator Haskins, aber habe ich diesen Fall nicht schon ausgiebig mit Ihrem Kollegen Brown diskutiert? So weit ich mich erinnere, saß er auf eben jenem Stuhl, auf dem Sie heute hier sitzen. Und das ist keine vier Wochen her. Haben Sie seitdem nicht mit Senator Brown gesprochen?«
»Doch, doch, es ist nur …« Haskins legte eine Pause ein. Es kam jetzt auf eine exakte Formulierung an, die so gewählt werden musste, um weder Richter Rudolphs Misstrauen zu wecken noch hierdurch sein eigenes politisches Grab zu schaufeln. Seine Hände waren feucht. »Natürlich haben wir uns, also Senator Brown und ich, seit seinem Besuch bei Ihnen, ausgetauscht. Nur, verstehen Sie mich jetzt nicht falsch, wir vertreten dennoch die Ansicht, dass Ihre Entscheidung gegen die Verhängung der Todesstrafe, wohlgemerkt in diesem speziellen Falle, wie soll ich sagen, große Wellen schlagen würde.« Er sah den Richter an, im Versuch, aus dessen Gesichtszügen zu erkennen, ob Skepsis oder Interesse auf ihnen lag.
»Ich bin verwundert, Senator Haskins. Wie ich Senator Brown bereits ausgeführt habe, wird jede meiner Entscheidungen Wellen schlagen. Ich dachte, dies hätte Senator Brown seinerzeit verstanden und, unter uns, ich hatte das Gefühl, dass meine Entscheidung«, jetzt machte der Richter eine Denkpause, »zumindest auf das Wohlwollen von Senator Brown gestoßen ist.«
Es folgte ein Schweigen, da anscheinend keiner der beiden so recht wusste, wer als Nächstes das Wort zu ergreifen hatte.
»Richter Rudolph«, begann Haskins, wurde aber unvermittelt vom Richter unterbrochen.
»Ich bin mir auch sicher, dass ich Senator Brown, wenn nicht ganz so direkt, meine persönliche Meinung vermittelt habe. Ihnen gebe ich sie gerne unverblümt: Wenn es nach mir und meinem Rechtsverständnis ginge, hätte ich Sanders zum Tode verurteilt. Allerdings leben wir in einer Demokratie mit Gesetzen, wo nicht die Meinung des Einzelnen zählt, sondern die der Gemeinschaft. Und dies, Mr. Haskins, spiegelt sich auch in unserer Verfassung. Da die Beweislast nicht ausreichend ist, Sie kennen selbst die Videos des Tathergangs, konnte kein anderes Urteil gefällt werden.«
Dies war eindeutig, dennoch nicht die Lösung des Problems, welches Fredrik schlaflose Nächte bereitete. »Richter Rudolph, haben wir hier nicht doch eine Ausnahme auf dem Tisch? Bedenken Sie doch bitte die Auswirkung auf unsere Exekutive. Ich spreche hier von all den Beamten der USCP.«
Jetzt wurde Richter Rudolph ungehalten. »Senator Haskins, es verwundert mich doch sehr, dass Sie versuchen mich umzustimmen. Soll ich Ihnen die Videoaufnahmen nochmals vorspielen? Auch wenn es keinem Schwarzen zusteht, einen weißen Polizeibeamten abzustechen, so ist dieses Video ein solcher Zündstoff, der kein anderes Urteil zulässt. Ich denke, hiermit ist unser Gespräch beendet.«
Fredrik hatte auf breiter Front verloren. Nichts war gewonnen, aber vermutlich würde sich sein Problem vergrößern, sollte das Gespräch nicht in diesen vier Wänden bleiben. Daher wandte sich Fredrik beim Gehen nochmals an den Richter: »Vielen Dank, Richter. Ich bitte Sie, die Unterhaltung vertraulich zu behandeln.«
»Wir werden sehen«, war die lapidare Antwort.
Die Senatoren
Eine Woche nach dem Gespräch beim Richter rief Senator Brown bei Fredrik an und bat um ein Treffen im Club. Er wollte nicht verraten, worum es gehen würde. Fredrik saß bereits seit einigen Minuten in einer ruhigen Ecke des Clubraums, als Brown zu ihm kam.
»Hallo, Fred, danke, dass du gekommen bist. Ich will gleich zur Sache kommen.« Brown beugte sich im Sessel nach vorne, um etwas dichter an Fredrik zu sein. »Welcher Teufel hat dich geritten, Richter Rudolph zu besuchen und dieses irrwitzige Anliegen vorzubringen? Wir hatten doch geklärt, dass es für uns und die Fraktion extrem wichtig ist, Neutralität auszustrahlen. Die Entscheidung solle einzig beim Richter liegen. Jetzt hast du den Eindruck erweckt, wir und der Senat seien uns uneins und wollten auf Gedeih und Verderb die Hinrichtung Sanders. Was ist nur in dich gefahren?«
Fredrik hatte sich auf solch einen Vorwurf vorbereitet. Alle Alternativen abgewogen, kam er zu dem Ergebnis, dass einzig die Wahrheit ihm helfen könnte. »Frank, ich weiß, es war falsch und unüberlegt. Es ist … es ist komplizierter, als du denkst. Das, was ich dir jetzt erzähle, äußere ich dir gegenüber als Freund, nicht als Senator.«
Brown zog neugierig eine Augenbraue hoch, als er die Anspannung Fredriks bemerkte.
»Du kennst meinen Sohn Marc?«
»Ja, ich bin ihm ein-, zweimal begegnet, warum?«
»Er wurde jüngst wegen einer Schlägerei verhaftet. Ich habe es hinbekommen, dass keine Anzeige erhoben wurde, dennoch saß er für einen Tag in Untersuchungshaft. Chief Willson von der USCP hat den Fall an sich gerissen und mir zu verstehen gegeben, dass er jederzeit die Presse einschalten könne. Natürlich hat er dies nach einem Telefonat mit mir unterlassen, aber jetzt hat er was gut bei mir!«
»Wie meinst du, was gut bei dir?«
»Kannst du dir den Schaden ausmalen, der meiner Person entsteht, wenn das an die Öffentlichkeit dringt? Sohn des Senators prügelnd in Washington D. C.«
»Okay, aber noch mal, Fred, was will Willson von dir?«
»Das kann ich dir sagen. Er hat mich angerufen und unter Druck gesetzt. Die USCP will Sanders hängen sehen. Deswegen mein Besuch bei Richter Rudolph.«
Brown schüttelte den Kopf. »Warum hast du nicht vorher mit mir gesprochen? Ehrlich, Fred, du hast nichts erreicht, ganz im Gegenteil, du hast es verschlimmert.«
»Ja, ich weiß. Was soll ich jetzt machen?«
»Ohne es vorher mit mir abzustimmen, gar nichts. Ich werde versuchen die Wogen zu glätten. Ich melde mich.«
Zurück im Herrenhaus
»Sam, was soll ich nur machen?« Veronika saß noch immer auf dem Bett und hielt den verängstigten Jos im Arm.
»Mrs. Baine, ich weiß nicht, was zwischen Ihnen und Ihrem Mann vorgefallen sein mag, es geht mich auch nichts an, aber Sie sollten es klären. Er ist Ihr Mann.«
»Sam, Sie haben es doch selbst erlebt, er ist nicht mehr derselbe, der er früher war. Ich kann nicht zurück zu ihm. Und Jos auch nicht.«
»Sie müssen, Mrs. Baine. Wo wollen Sie denn hin?«
»Zurück zu meinen Eltern.«
»Und Jos, soll er ohne Vater aufwachsen?«
Jos blickte Hilfe suchend zu Veronika.
»Für ihn allemal besser, als bei einem Mann, der sich an anderen Frauen vergeht.«
»Mom«, flüsterte jetzt Jos. Er verstand nicht genau, worum es ging, so viel jedoch, dass er weg vom Vater sollte. »Will bei Dad bleiben.«
»Oh Gott, Sam, ich halte das nicht aus.«
»Veronika, wenn es Ihnen hilft, ziehe ich doch hier ein. Dann bin ich näher bei Ihnen und Jos. Haben Sie ein Dienstmädchen, dem Sie vertrauen?«
»Ich könnte Maarifa bitten, für einige Zeit zu kommen. Meine Eltern würden mir diese Bitte nicht ausschlagen.«
»So wird es das Beste sein, Mrs. Baine. Glauben Sie mir. Ich mische mich nicht gerne in Ihre Familienangelegenheiten, aber …« Sam machte eine Atempause und grübelte, ob er den Satz zu Ende führen sollte. »… aber nächtigen Sie in einem separaten Zimmer. Mr. Baine wird es unter diesen Umständen sicher akzeptieren.«
»Sam, ich habe Angst, Angst vor ihm, Angst vor der Zukunft, Angst vor dem, was mit Aba geschah.« Es war das erste Mal seit der besagten Nacht, dass Veronika ihre Sorge ansprach.
»Mrs. Baine. Sie brauchen sich nicht zu fürchten, sie nicht. Aba hatte Kräfte, von denen wir nichts wissen. Abas Zorn galt Ihrem Mann, nicht Ihnen und auch nicht Jos. Vertrauen Sie mir.«
»Woher wollen Sie das wissen?«
»Ich habe es gespürt, Mrs. Baine. In jener Nacht habe ich es gespürt!« Sam sah Veronika tief in die Augen, dann nahm er ihr Gesicht in seine Hände. »Ich habe Abas Liebe gespürt, unendliche Liebe – und Zorn. Die Liebe überwog, sonst hätte Mr. Baine unmöglich überlebt. Dessen bin ich mir sicher.«
Veronika sah Sam an und ihr fielen erstmals seine mandelförmigen Augen auf. »Sam, ich habe all die Jahre geschwiegen, aus Furcht, es könne etwas Abscheuliches passieren.«
»Auch wenn Ihr Mann überlebt hat, es hat ihn verändert. Mag sein, dass seine Pein die Ihre überwiegt. Dessen bin ich mir sogar sicher. Ihr Mann, Mrs. Baine, fristet ein Dasein in Angst. Sie jedoch sollten wieder ins Leben treten. Nehmen Sie Ihr Schicksal in die Hand. Für sich und Jos.«
Tränen liefen Veronikas gerötete Wangen herab. Plötzlich, aus einem Gefühl heraus, gab Sam ihr einen Kuss auf die Stirn. Hiermit hatte Veronika nicht gerechnet. Ohne darüber nachzudenken, legte sie ihre Arme um Sams Hüfte und drückte das Gesicht an seine Brust.
Veronika zog wieder ins Haupthaus und ließ ungefragt das Gästezimmer am anderen Ende des Ganges herrichten. Es war mithin die beste Lösung; sie würde nicht mehr gemeinsam mit Clexton in einem Raum schlafen und Jos’ Zimmer lag direkt neben dem ihren.
Clexton akzeptierte, ging Veronika so weit möglich aus dem Weg und verbrachte jede Nacht in der Bibliothek. Es kam jetzt häufiger vor, dass er nicht nur nachts zur Flasche griff, sondern auch des Tags.
Sam tat, wie er es versprochen hatte. Tags darauf bezog er die Räumlichkeit im Kutscherhaus. Auch Maarifa wohnte nun, wenn auch vorübergehend, im Herrenhaus. Nachdem Sam einen Brief von Veronika an ihre Eltern übergeben hatte, stimmte Robert besorgt, doch wohlwollend zu.
Maarifa fuhr im Gespann mit Sam zum Anwesen der Baines. Untergebracht wurde sie im ehemaligen Zimmer Zolas. Ohne viele Worte hatte Maarifa die Lage im Haus sofort erkannt, vermied es, Mr. Baine über den Weg zu laufen, und kümmerte sich hingebungsvoll um Jos und Veronika.
Tumelo war ihr in dieser Zeit eine große Hilfe. Er wies sie in allem ein und machte sie mit wichtigen Bereichen des Hauses vertraut. Maarifa verspürte zu jeder Sekunde, die sie mit Tumelo zusammen war, seine tiefe Traurigkeit. Ihr Instinkt sagte ihr, dass in ihm eine Glut loderte, die, wenn sie entflammte, nicht aufzuhalten war.
In nur wenigen Tagen entwickelte sich ein Band zwischen Veronika, Sam und Maarifa. Jos war durch diesen Dreierbund wohlbehütet, sah zwar ab und an seinen Vater, konnte sich aber nicht erklären, warum dieser immer sonderbarer wurde. Liebte er es früher, wenn Vater ihm einen Kuss auf die Wange gab, so stachelte es neuerdings. Die kurzen Haare in Vaters Gesicht sahen unschön aus und kratzten. Außerdem, so verriet er seiner Mutter eines Abends, als er zu Bett gebracht wurde, rieche Vater so komisch. Veronika streichelte seine dünnen, dunkelbraunen Haare und gab ihm einen Gutenachtkuss.
Tumelos Vermächtnis
Tumelo erging es ähnlich wie Sam. Gleichsam erfüllte ihn die Nacht Abas mit dem Gefühl der Liebe, wenig verängstigt des Übernatürlichen. Tumelo wusste von der Kraft seiner Völker, ebenso waren ihm viele Geschichten hierüber aus Erzählungen bekannt. Erlebt hatte er dergleichen zuvor noch nie. Im Gegensatz zu Veronika und Sam verstand er die Botschaft Abas und wusste diese zu deuten. Immer wieder grübelte er darüber nach, wann und in welcher Form der Fluch Wirkung zeigen würde. Drei Jahre lebten sie nun auf dem Gut nebeneinanderher und die Tage verliefen, als wäre nie etwas vorgefallen.
Tumelo fiel Veronikas zurückhaltende, in sich gekehrte Art auf, doch helfen konnte er nicht – dies stand ihm auch der Stellung nach in keinster Weise zu. Ebenso konnte er sich seinem Freund Sam gegenüber nicht in Gänze öffnen. Er war ein Sklave und würde dies immer bleiben. Mit all dem damit verbundenen Leid, welches Sam als Freund zwar lindern, aber nicht zu beseitigen vermochte. Vor Mr. Baine hatte er nach wie vor große Furcht, obwohl dieser weder Anweisungen noch Befehle ihm gegenüber erteilte.
Tagsüber verrichtete Tumelo die anfallenden Arbeiten, des Nachts lag er wach im Zimmer. Stets waren seine Gedanken bei Zola. Wo sie jetzt wohl sein mag? In Träumereien sah er Zola wieder in ihrer Heimat, wie sie glücklich in einem See unter einem Wasserfall schwamm. Sie entstieg dem Nass und ihr Körper, wohlgeformt mit perlenden Tropfen auf samtweicher Haut, erschien vor seinen geschlossenen Lidern. Immer wieder bemächtigten sich seiner derartige Szenen und nährten seine Sehnsucht.
Tumelos innige Liebe zu Zola blieb unausgesprochen, sie zehrte an ihm. Warum hatte er seine Gefühle ihr gegenüber nicht gestanden, als er Gelegenheit dazu hatte? Warum dies alles nur? Je mehr Zeit verstrich, je mehr er mit seinem scharfen Verstand darüber sann, desto größer wurde das auf ihm lastende Gebirge an Fragen und Selbstvorwürfen.
So kam in ihm der Wunsch auf, sein Leid niederzuschreiben. Sicher würde ihm dies helfen, Antworten und Erlösung zu finden. Unter einem Vorwand bat er Sam, ihm ein ledergebundenes Heft zu besorgen. Mit rund fünfzig leeren Seiten lag es Tage später, neben einem Tintenfass sowie einer Schreibfeder, auf seinem Tisch. Viele Abende betrachtete er den hellbraunen Ledereinband, ohne den Mut aufzubringen, niederzuschreiben, was seine Pein lindern sollte. Immer wieder nahm er sich tagsüber vor, am selben Abend damit zu beginnen. Doch vor dem Tisch sitzend schwand seine Courage. Zu welcher Entscheidung würde er durch seine Geschichte kommen?
Eines Abends klappte er dann doch entschlossen den Einband auf. Eine unbeschriebene weiße Seite starrte ihn an und wollte gefüllt werden. Tumelo schloss für Minuten seine Lider und als seine Augen wieder die leere Seite erblickten, nahm er die Feder zur Hand und tauchte sie in das Gefäß mit Tusche. Mit der ersten Zeile brach der Bann und geschwungene Silben erzählten von seinen Gefühlen zu Zola.
Einmal angefangen, sprudelten die Worte nur so aus ihm heraus, bildeten ganze Sätze und offenbarten sein tiefstes Inneres. Sowohl zu schreiben als auch das Getextete wieder und wieder zu lesen, erleichterte ihn zwar, doch der übermächtige Schmerz, der seinen ganzen Körper erfüllte, blieb.
Spät in der Nacht war der vermeintlich letzte Satz geschrieben. Jeder Gedanke an Zola war zu Papier gebracht. Sollte Zola diesen Lederband jemals in die Hände bekommen, würde sie sich seiner Liebe gewiss sein. Tumelo stand auf und trat ans Fenster. Als er es geöffnet hatte, wehte eine warme Brise der lauen Sommernacht ins Zimmer. Glühwürmchen schwirrten in der nächtlichen Dunkelheit und verschwammen zu einem Leuchten in seinen tränennassen Augen. Er wischte sich das Feuchte aus dem Gesicht, drehte sich um, nahm erneut an seinem Tisch Platz. Die Feder in der Hand, ließ er ein Blatt frei und beschrieb die nächstfolgende Seite:
»Abas Fluch«
Ausführlich schilderte er die Qualen, die Zola durch Mr. Baine hatte über sich ergehen lassen, die Nacht der Flucht sowie die Ermordung Abas. Wortwörtlich dokumentierte Tumelo sowohl Abas Fluch als auch seine Unwissenheit darüber, wann das Unheil über die Familie Baine hereinbrechen würde. Er ließ keinen Zweifel daran, dass etwas Verhängnisvolles geschehen würde. Noch vor der Morgendämmerung setzte Tumelo die Feder ab. Sein letzter Satz lautete:
»Ich bin Tumelo, ein Sklave, der alles verloren hat. Meine Freiheit, meine Liebe, mein Leben. Doch heute werde ich meine Ketten sprengen. 1735, September.«
Er löschte die Kerze auf dem Tisch, schlich in die Dunkelheit und stieg wenig später die Außentreppe des Kutscherhauses hoch. Tumelo drehte vorsichtig den Knauf der Türe. Sie war unverschlossen. Er vernahm die gleichmäßige Atmung Sams, die von einem tiefen Schlaf zeugte. Leise legte er den Ledereinband auf dessen Tisch.
Sam fand seinen Freund am nächsten Morgen. Tumelo hing vor dem großen Tor der Stallungen. Die Eisenkette, welche um den Holzbalken gewunden und für das Hochhieven von Strohballen gedacht war, strangulierte Tumelos Hals. Seine Augäpfel waren weit hervorgetreten und seine blau gefärbte Zunge ragte aus seinem Mundwinkel. Tumelo hatte seine Ketten für immer gesprengt.
Abschied von Tumelo
Fassungslos starrte Sam auf den Körper, dessen Füße über dem Boden baumelten. Das Entsetzen zwang ihn in die Knie. Mit beiden Händen vor dem Gesicht begann Sam hemmungslos um seinen Freund zu weinen. Die Fassungslosigkeit des Warums traf ihn wie ein Blitz aus heiterem Himmel.
Sam löste die Eisenkette von Tumelos Hals. Wie ein Kartoffelsack fiel ihm der leblose Körper in seine Arme. Stolpernd trug Sam den Leichnam hinter das Kutscherhaus. Sein Blick war durch Tränen, die er ohne Scham vergoss, getrübt. Tumelo sollte in seiner Nähe begraben werden, in seiner und in Veronikas. Das waren sie ihm schuldig. Sanft legte er Tumelo auf das weiche Grün. Ohne Clexton Baine um Erlaubnis zu fragen, holte er einen Spaten, um ein Grab zu schaufeln. In der tiefen Grube stehend, zog er vorsichtig Tumelos Leichnam zu sich hinab. Er kletterte aus dem Grab und schlurfte gebeugten Hauptes zum Herrenhaus.
Veronika und Maarifa standen plaudernd mit dem spielenden Jos auf der Veranda. Noch lachten sie und ahnten nichts von der grausamen Neuigkeit. Starren Blickes flüsterte Sam die Schreckensnachricht. Veronika brach in Tränen aus und stützte sich an das Geländer der Veranda. Tumelos Entscheidung, sich sein eigenes Leben zu nehmen, war für sie unbegreiflich. »Warum nur, Sam, warum?« Sam fand keine Antwort.
Maarifa legte stumm ihre warme Hand auf Veronikas Schulter. Ihr Blick wanderte von Sam zu Veronika, dann regungslos zum Horizont. Sie hatte das tragische Ereignis erwartet. Der leere, müde Blick Tumelos hatte es ihr verraten. Ebenso ahnte sie seinen Entschluss, dem sie all die Zeit nichts entgegensetzen konnte.
»Kommt bitte!«, bat Sam.
Sie folgten ihm. Schweigend passierte der Trauerzug das Kutscherhaus. Maarifa blieb mit Jos an der Hand etwas abseits stehen, da dieser in seinem Alter den Augenblick nicht erfassen konnte. So stellte Maarifa sicher, dass Jos weder das Grab noch den Leichnam sah. Mit schräg gestelltem Kopf betrachtete Jos derweil eine alte Virginia Eiche. In den Ästen des Baumes tummelten sich Hunderte von Sperlingen und beäugten die Trauernden.
Tief bewegt stand Veronika neben Sam vor der Grabstätte. Dieser wusste nicht recht, was er in jenem Moment sagen sollte, doch er fand stockend einfache Worte: »Mein Herr im Himmel, wir übergeben dir unseren Freund Tumelo. Lass ihn die Freiheit spüren, die er hier nicht hatte. Lass ihn Aba wiederfinden sowie all seine Vorfahren. Seine zu Lebzeiten nicht in Erfüllung gegangenen Träume sollen Wirklichkeit werden. Wir wissen nicht, warum er von uns ging, doch bitte strafe ihn hierfür nicht. Du bist gütig, wie es auch Aba war. Unser Freund Tumelo war ein guter Mensch. Wir vermissen ihn.«
Veronika schluchzte laut, dann begann sie zu weinen. Auch Sam ließ seinen Tränen freien Lauf. Schweigend gedachten sie ihres Freundes vor dem geöffneten Grab, während Veronikas Hand die von Sam fand und fest umschloss. Dann gab Veronika Sam ihren feinen, seidenen Schal. »Bitte bedecke Tumelos Gesicht. Hätte ich doch mehr für ihn getan.«
Sam tat, wie ihm geheißen, denn Tumelos blaugrau verfärbtes Gesicht war durch das Abschnüren der Luftzufuhr verzerrt. Sodann begann er das Grab mit Erde zu füllen. Veronika ließ sich währenddessen davor nieder, nachdem sie Jos, der mit Maarifa zurück zum Herrenhaus ging, einen Kuss gegeben hatte. Als Sam fertig war, sah das Grab wie ein frisch angelegtes Beet, ohne Blumen darauf, aus.
Veronika blickte zu Sam auf. »Ich will heute Nacht nicht alleine sein. Darf ich zu dir kommen?«
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