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Matthias Hipler
Gefühle sind veränderbar
Mit Ängsten, Aggressionen, Schuld- und
Minderwertigkeitsgefühlen richtig umgehen

Die in diesem Ratgeber aufgezeigten Hilfen können nicht das therapeutische Gespräch ersetzen. Konsultieren Sie einen Arzt, wenn schwerwiegende körperliche Symptome vorliegen und wenden Sie sich an einen Therapeuten, wenn Sie unter starken psychischen Beeinträchtigungen leiden. Eine Haftung kann weder vom Verlag noch vom Autor übernommen werden.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
2., überarbeitete Auflage 2011
ISBN 9783865065728
© 2000 by Joh. Brendow & Sohn Verlag GmbH, 47443 Moers
Einbandgestaltung: Brendow Verlag, Moers
Titelfoto: istock
Satz: Satz & Medien Wieser, Stolberg
www.brendow-verlag.de
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Im Labyrinth der Gefühle
Von Minderwertigkeitsgefühlen zu einem gesunden Selbstvertrauen
Gesichter der Angst
Mit Aggressionen leben lernen
Freiwerden von Schuldgefühlen
Im Labyrinth der Gefühle
Wir bekommen sie jeden Tag neu zu spüren: Die Kraft, die in unseren Gefühlen steckt. Gefühle machen uns lebendig. Sie bringen uns in Bewegung. Sie bereichern Beziehungen. Einmal werden wir von ihnen angenehm überrascht und beflügelt, ein andermal lassen sie uns kalt erschauern.
Auf der Sonnenseite der Emotionen blühen wir auf. Negative Gefühle verdrängen wir lieber. Frust- und Schuldgefühle törnen ab. Heiße Gefühle, wie Wut und Zorn, können unserer Kontrolle entgleiten. Wir platzen lieber vor Selbstvertrauen, als von Minderwertigkeitsgefühlen niedergedrückt zu werden. Die Gefühlspalette ist breit. Zur Liebe gehört auch der Schmerz. Der Seele ist einmal nach Lachen und ein anderes Mal nach Weinen zumute. Ins Vertrauen mischt sich Angst. Siegergefühle sind nicht ohne Niederlagen zu haben. Die Welt der Gefühle erstreckt sich von paradiesischen Glücksgefühlen bis zur Hölle aus Verzweiflung und Angst. Und manchmal verirren wir uns im Labyrinth der Gefühle.
Verwoben mit der eigenen Gefühlsgeschichte
Jeder Mensch ist verstrickt in ein Netz von Gefühlen, das schon in Kindheit und Jugend geknüpft wurde. Erfahrungen, Prägungen und Ereignisse haben ihre Spuren im Gefühlshaushalt hinterlassen. Unsere Eltern waren unsere Gefühlstrainer. Durch ihr Vorbild und ihren Erziehungsstil haben sie uns den Umgang mit Gefühlen beigebracht: positiv wie negativ. In meiner therapeutischen Praxis berichten Klienten davon, welches Gefühlsmotto in ihrer Herkunftsfamilie vorherrschte, zum Beispiel:
„Über Gefühle spricht man nicht!“
„Männer weinen nicht!“
„Andere sind für meine Gefühle verantwortlich!“
„Brave Kinder sind gute Kinder!“
Eltern können Kinder darin bestärken, Emotionen freien Lauf zu lassen. Aber sie können auch bestimmte Gefühlsregungen für unerwünscht erklären, weil sie diese für unangebracht halten, indem sie zum Beispiel drohen: „Wenn du noch einmal so wütend wirst, kannst du was erleben!“
Ich möchte Ihnen deutlich machen, welche Prägungen aus der Kindheit dazu beigetragen haben, dass Sie heute mit Angst, Aggression, Schuld- und Minderwertigkeitsgefühlen zu kämpfen haben. Erziehungs- und Beziehungstipps schließen sich an. Sie sollen Ihnen Mut machen, Ihre Aufgabe als Gefühlstrainer Ihrer Kinder positiv wahrzunehmen. Ich zeige beispielhaft die Rolle der vier behandelten Gefühle in der Partnerschaft auf. Weil auch in der Beziehung zu Gott und zum christlichen Glauben Gefühle eine Rolle spielen, greife ich an einigen Stellen biblische Aspekte auf.
Der erste wichtige Schritt aus dem Labyrinth der Emotionen besteht darin, dass Sie sich Ihre Gefühle zugestehen. Sie fühlen, was Sie fühlen. Sie dürfen sich beispielsweise Ängste und Ärger erlauben, wenn Sie sich überfordert fühlen oder ein anderer Mensch Ihre Grenzen überschreitet und Sie verletzt.
Es gibt weder gute noch schlechte Gefühle. Sie sind für sich genommen wertneutral. Entscheidend ist vielmehr die Frage, wie Sie angemessen mit Ihren starken Empfindungen umgehen. Wut und Aggressionen können konstruktiv wirken, wenn sie geäußert werden, ohne andere zu verletzen. Sie zerstören Beziehungen, wenn sie darauf abzielen, einen anderen Menschen fertig zu machen. Angstsignale überhören kann in tödliche Gefahren bringen. Panische Angst vor harmlosen Situationen dagegen schafft einen enormen Leidensdruck.
Gefühle leben von der zwischenmenschlichen Interaktion. In der Art, wie wir mit uns und anderen umgehen, spielen Gefühle eine entscheidende Rolle. Was wir für einen anderen Menschen empfinden, entscheidet darüber, wie wir uns ihm gegenüber verhalten.
Mein Ziel ist es, Ihnen die Angst vor negativen Gefühlen zu nehmen. Sie brauchen keinen Bogen um das Bermuda-Dreieck negativer Emotionen zu machen. Wenn Sie Ihre Gefühle verdrängen, melden sie sich um so lauter wieder zu Wort. Gefühle brauchen Raum. Das gilt gerade für unliebsame, schmerzliche Empfindungen.
Wenn sich zum Beispiel Ängste und Minderwertigkeitsgefühle im Alltagsleben die Klinke in die Hand geben, wird es ungemütlich. Spätestens wenn der Gedanke an den nächsten Tag einem Angstschweiß auf die Stirn treibt, eine unfreundliche Bemerkung schmerzlich unter die Haut geht und man sich nicht traut, „Nein“ zu sagen, weil dann Schuldgefühle das Gewissen quälen, gerät man ins Wechselbad der Gefühle. Wenn die Gefühlswelt die Krise kriegt, ist das eine Chance zur Veränderung.
Gefühle sind veränderbar
Ich werde Ihnen keine Do-it-yourself-Methode vermitteln nach dem Motto: „Wenn du gut drauf bist, erlebst du Erfolge. Wenn du Erfolge erlebst, bist du gut drauf. Fühle dich unheimlich gut, dann bist du es auch!“ Ich spreche vielmehr von den Gefühlszuständen, die gerade in Verbindung mit Niederlagen oder Krisen kommen.
Es geht um eine gute Balance zwischen positiven und negativen Gefühlen. Lernen Sie, angemessen mit starker Wut, quälenden Schuldgefühlen, Selbstwertproblemen oder Alltagsängsten umzugehen. Ich möchte Ihnen grundlegende Zusammenhänge dieser Emotionen durchschaubar machen und alltagsnahe Tipps zu ihrer Bewältigung weitergeben.
Gewinnen Sie ein neues Gefühl für Ihre eigene Persönlichkeit. Werden Sie sensibler für die Emotionen anderer. Als Mutter oder Vater brauchen Sie ein Gespür für die Gefühle Ihrer Kinder. Als Partner sind Sie herausgefordert, an Ihrer emotionalen Beziehung zu arbeiten. Und am Arbeitsplatz beeinflussen Gefühle Ihre Leistung.
Die meisten Menschen glauben, Gefühle würden sie schicksalhaft überfallen. Plötzlich tauchen sie in bestimmten Situationen oder Ereignissen auf, sozusagen wie aus heiterem Himmel. Gefühle werden eher passiv erlebt. Sie scheinen einem zu widerfahren. Und weil sie so spontan und unvermittelt auftreten können, fühlen wir uns ihnen hilflos ausgeliefert. Im Nu geraten wir auf 180 oder fühlen uns plötzlich ohnmächtig und von Angst geschüttelt. Die gute Nachricht lautet, dass wir unsere Gefühle tatsächlich verändern können. Gefühle suchen uns eben nicht schicksalhaft heim, sondern sind häufig Ausdruck unserer Gedanken und spiegeln bewusste wie unbewusste Überzeugungen wider, die wir hegen. Wir fühlen, was wir denken. Wir fühlen uns schlecht, wenn wir negative Gedanken pflegen. Wir werden von Schuldgefühlen geplagt, weil wir uns für schuldig halten. Wir reagieren ängstlich, wenn wir etwas als gefährlich bewerten.
Das ABC der Gefühle
Anders ausgedrückt: Alle Gefühle funktionieren nach dem ABC der Gefühle. A steht dabei für Situationen oder Tatsachen, denen wir begegnen. B beinhaltet unsere persönliche Art, die Situationen oder Tatsachen zu bewerten. C meint die entsprechenden Konsequenzen, die wir für uns daraus ziehen und die damit verbundenen Gefühle, körperlichen Reaktionen und Verhaltensweisen. Die Tatsachen sind gegeben. Situationen treten ein. Sie lassen sich nur bedingt beeinflussen. Was wir verändern können, sind unsere Bewertungen. Sie finden zu jedem der vier behandelten Gefühle konkrete Alltagsbeispiele, wie negative Bewertungen zu negativen Gefühlen führen. Ich zeige Hilfen auf, wie unangemessene Bewertungen korrigiert werden können und die daraus resultierenden Gefühle sich verändern.
Ich wünsche Ihnen die Erfahrung, dass Sie Angst, Aggressionen, Schuld- und Minderwertigkeitsgefühle besser verstehen lernen und Schritte zu ihrer Bewältigung unternehmen. Die aufgezeigten Hilfen können Sie auf Ihre Alltagssituation anwenden. Dieser kompakte Ratgeber kann Ihnen Anstöße vermitteln, aber keine Therapie ersetzen. Er kann Sie ermutigen, das Gespräch mit einem kompetenten Seelsorger oder Therapeuten zu suchen.
Von Minderwertigkeitsgefühlen
zu einem gesunden Selbstvertrauen
Vermutlich haben Sie das auch schon einmal erlebt: Eine unangenehme Situation, in der Sie inständig gehofft haben, dass die Erde sich auftut, um Sie augenblicklich verschwinden zu lassen. Genauso erging es einer jungen Krankenschwester: „Das war mir vielleicht peinlich: Einem durchgefrorenen Patienten, der sich bis zur Nasenspitze zugedeckt hatte, bot ich – ganz die fürsorgliche Krankenschwester – eine Wärmflasche für die Füße an. Er antwortete auf mein freundliches Angebot: ‚Für welche Füße?‘ Mein Patient hatte beide Unterschenkel amputiert! Nur eine Woche später kontrollierte ich bei diesem Patienten den Blutdruck. Weil der so hoch war, meinte ich flapsig zu ihm: ‚Mensch, Herr S., Sie haben ja einen hohen Blutdruck! Sind Sie hierher gejoggt?‘“
Pleiten, Pech und Pannen finden wir irre komisch. Einzelne Missgeschicke verursachen noch keine Minderwertigkeitsgefühle. Aber der Spaß hört auf, wenn wir peinlich berührt reagieren. Den Tritt ins Fettnäpfchen können wir uns so schnell nicht verzeihen. „Warum muss das ausgerechnet immer mir passieren?“ – „Die anderen halten mich wohl für bescheuert – und das zu Recht!“ Wenn es uns dann doch gelingt, über solche Alltagskatastrophen zu lachen, kommt alles wieder ins Lot. Aber wenn wir uns bloßgestellt fühlen, haben wir noch lange daran zu knacken. Unser Selbstvertrauen rutscht in den Keller.
Reichen bei Ihnen schon Kleinigkeiten aus und Sie fühlen sich verunsichert? Der kritische Kollegenblick macht Sie misstrauisch. Die vermasselte Prüfung stempelt Sie zum Versager. Ihnen passiert ein blödes Missgeschick und Sie empfinden es als unverzeihlich. Ihr Partner macht eine taktlose Bemerkung und Sie fühlen sich empfindlich getroffen. In solchen Alltagssituationen spüren Sie, dass Ihr Selbstwertgefühl auf wackligen Beinen steht.
Profi in Nächstenliebe –
in Selbstliebe Amateur
In Seminaren zum Thema „Selbstvertrauen“ stelle ich den Teilnehmern folgende Frage: „Wie zeigen Sie einem anderen Menschen, dass Sie ihn mögen und ihn besonders wertschätzen?“ Die Antworten sprudeln nur so: „Zeit widmen, Komplimente machen, loben, anlächeln, helfen, vorurteilsfrei gegenüber treten, gerne haben, ins Herz schließen, umarmen, für ihn interessieren, ermutigen, positiv über ihn sprechen . . .“ Es scheint kein Problem für uns zu sein, einem Menschen, den wir mögen, Liebe zu zeigen. Das lernen wir wie selbstverständlich schon im Sandkasten. Aber wie können wir lernen, uns selbst zu achten und zu mögen? Woran liegt es, dass wir Nächstenliebe perfekt buchstabieren, aber das Einmaleins der Selbstliebe nicht beherrschen?
Machen Sie sich einen Moment folgende Tatsache bewusst: Sie verbringen Ihr ganzes Leben mit sich selbst, mit jemandem, der es wirklich verdient, dass Sie ihn mögen. Er trägt Ihren Namen und wünscht sich, dass Sie gut mit ihm auskommen und liebevoll mit ihm umgehen. Zugegeben, er verhält sich nicht immer so, wie er sollte. Er ist eckig und kantig und manchmal baut er Mist. Einen Schönheitswettbewerb wird er vielleicht nie gewinnen. Im Vergleich mit anderen schneidet er durchschnittlich ab. Und nicht eben selten macht er Ihnen das Leben unnötig schwer.
Stellen Sie sich vor: Sie duschen morgens einen Menschen, den Sie nicht riechen können. Sie ziehen ihn an und finden nicht viel Anziehendes an ihm. Sie ernähren ihn ausgezeichnet, aber sein Selbstwertgefühl halten Sie auf Diät. Das gibt den totalen Krampf. Wenn Sie sich selbst nicht leiden können, müssen Sie gut leiden können – anders ist das nicht auszuhalten.
Ich bin bisher noch keinem Menschen begegnet, der mit sich hundertprozentig zufrieden gewesen wäre. Menschen, die sich immer nur toll finden, halte ich persönlich für ungenießbar. Nach meiner Erfahrung besitzen Leute, die äußerst selbstsicher erscheinen, verwundbare Stellen, an denen sie tief getroffen werden können.
Ich möchte Ihnen dabei helfen, ein liebevolles Empfinden für Ihre eigene Person zu entwickeln. Sie können lernen, sich wertzuschätzen. Begegnen Sie sich mit einer guten Portion Selbstachtung. Überwinden Sie Ihre Minderwertigkeitsgefühle. Stärken Sie Ihren Selbstwert. Ihr Leben gewinnt dadurch deutlich an Qualität.
Minderwertigkeit als Lebensgefühl
Alfred Adler erfand sozusagen den treffenden Begriff „Minderwertigkeitsgefühl“. Er spielt in der von ihm entwickelten Individualpsychologie eine Hauptrolle. Jeder hat sie. Alle versuchen sie auszugleichen. Keiner ist völlig frei davon. Wie lästige Kletten kleben Minderwertigkeitsgefühle am Menschen. Und weil sich keiner gerne klein und unzulänglich fühlt, streben wir danach, die Minderwertigkeitsgefühle loszuwerden. Adler nennt das „Überlegenheitsstreben“. „Minderwertigkeitskomplex“ meint das umfassende und hartnäckige Lebensgefühl, nichts wert zu sein. Es beschreibt eine entmutigte Haltung. Daran etwas zu ändern, erscheint für Betroffene außergewöhnlich schwer.
Einen objektiven Maßstab für Minderwertigkeitsgefühle gibt es nicht. Jeder von uns erlebt sie subjektiv. Unsere Sprache beschreibt eine breite Palette von Gefühlslagen, die einem geringen Selbstwertgefühl entspringen. Wenn Sie sich schüchtern, gehemmt und scheu fühlen, trauen Sie sich nichts zu. Misstrauen Sie den Menschen in Ihrer Umgebung, werden Sie sich zaghaft, befangen und unsicher verhalten. Solange Sie sich Ihres „Selbst“ nicht sicher sind, glauben Sie stärker an Ihre Mängel als an Ihre Möglichkeiten.
„Selbst“-sicher trotz Unsicherheit
Selbstbewusst lebt, wer ein ausgeprägtes Gefühl für sein „Selbst“ besitzt. Mit einer gesunden Portion Selbstbewusstsein müssen Sie nicht den coolen Typen spielen, der jede Klippe mit stoischer Gelassenheit nimmt. Selbstbewusste leisten sich durchaus kleine Unsicherheiten. Wenn Sie wissen, was Sie wert sind, können Sie beispielsweise Herzklopfen und Lampenfieber vor einem öffentlichen Auftritt nicht aus der Ruhe bringen. Und sitzen Sie einmal in der Tinte, kratzt das nicht gleich an Ihrem Selbstwertgefühl.
Minderwertigkeitsgefühle machen wertlos
Umgekehrt gilt: Wenn Sie sich minderwertig fühlen, stellen Sie häufig Ihren Wert als Person infrage. Wenn Ihnen zum Beispiel ein peinlicher Versprecher passiert, sind Sie der letzte, der sich das verzeihen kann. Je pessimistischer Sie denken, umso schneller stempeln Sie sich als Versager ab.
Wenn Sie sich selbst häufig ablehnen oder verneinen, gefährden Sie Ihren Selbstwert. Versagensängste und Beziehungsprobleme belasten Ihr Leben. Selbstwertstörungen können zu selbstzerstörerischen Handlungen führen.
Die Bandbreite der Gefühle, die auf einen mangelhaften Selbstwert zurückgehen, beginnt mit leichter Schüchternheit und endet im Selbst-Hass.
Menschen mit Minderwertigkeitsgefühlen leben unter dem drückenden Joch der unterschiedlichsten „Zu-Vorstellungen“: zu groß oder zu klein, zu dick oder zu dünn, zu erfolglos, zu schlecht, zu unattraktiv, zu ungebildet. Gründe für selbst entwertende Überzeugungen gibt es so viele, wie es Menschen gibt.
Fünf Typen von Minderwertigkeit
1. Physische Minderwertigkeit:
z. B. Behinderungen, organische Beeinträchtigungen, körperliche Anomalien, Leistungsschwächen
2. Soziale Minderwertigkeit:
z. B. einer gesellschaftlichen Randgruppe angehören, in sozialen Brennpunkten leben, Scheidungswaisen, sich in seinem sozialen Prestige entwertet fühlen
3. Eingebildete Minderwertigkeit:
z. B. sich einen körperlichen Makel einbilden: Sommersprossen oder die Figur werden als minderwertig angesehen
4. Angeeignete Minderwertigkeit:
Eine zur Schau gestellte Minderwertigkeit wird benutzt, um eigene Ziele zu erreichen; durch eine Krankheit soll z. B. eine erhöhte Aufmerksamkeit erzielt werden
5. Kosmische Minderwertigkeit:
Der Mensch empfindet sich als winziges Staubkorn im unendlichen Universum; er erlebt z. B. Ohnmachtsgefühle angesichts von Naturkatastrophen
Futter für Minderwertigkeitsgefühle
Wer in eine Atmosphäre des Vertrauens hineingeboren wurde und darin aufwuchs, bildet ein gesundes Selbstvertrauen aus. Wer ungeborgen ins Leben geht, lernt schon früh, anderen Menschen zu misstrauen und sich selbst nichts zuzutrauen. Der Nervenarzt Michiaki Horie schildert anschaulich die Folgen fehlenden Urvertrauens: „Wo keine Geborgenheit ist, hat Entwurzelung stattgefunden. Da ist der Mensch wie eine Pflanze, die aus dem Erdreich gerissen wurde und verdorrt, abgetrennt von der Lebensquelle, die Kraft spendet. Und Unsicherheit schafft Angst, Aggression und Feindschaft. Der ungeborgene Mensch hat in sich keine Spannkraft, um mit Schwierigkeiten fertig zu werden. Er wird leicht zum Versager, zum Außenseiter der Gesellschaft“ (Michiaki und Hildegard Horie, Ängste – Wie gehen wir damit um? Wuppertal, S. 33). Bereits das Kleinkind nimmt sehr genau wahr, wie Eltern und Geschwister mit ihm umgehen. Nehmen sie es bedingungslos an oder praktizieren sie eine ablehnende Haltung? Ihre Art des Umgangs prägt das Selbstbild des Kindes nachhaltig – zum Guten wie zum Schlechten.
Fünf Erziehungsstile,
die Minderwertigkeitsgefühle verstärken
und das Selbstvertrauen schwächen:
1. Überbeschützende Erziehung
Die Eltern räumen in gut gemeinter Absicht jedes Hindernis und alle Schwierigkeiten aus dem Weg ihres Kindes. Sie wollen es vor Frustrationen und schmerzlichen Niederlagen bewahren. Als Folge dieser über-behüteten Erziehung lernt das Kind nicht ausreichend, die Herausforderungen des Lebens zu bestehen. Wer immer nur in Watte eingepackt wurde, den wirft schon der kleinste Windhauch um.
Ähnlich die verwöhnende Erziehungshaltung: Die Eltern tun alles für ihr Kind, erfüllen jeden Wunsch und nehmen ihm so die Chance, Frustgefühle auszuhalten. Im Gegenzug erwarten die Eltern, dass sich ihr Kind wunschgemäß verhält. So rauben sie ihm den Spielraum, die eigene Persönlichkeit auszubilden. Sie erziehen zur Anpassung.
2. Entmutigende Erziehung
„Du bist noch zu klein, zu schwächlich!“ – „Das kannst du noch nicht!“ Bei dieser entmutigenden elterlichen Grundeinstellung verkümmert das kindliche Selbstvertrauen. Das Kind kann sich – bildlich gesprochen – nur mit angezogener Handbremse entfalten: „Weil mir meine Eltern nichts zutrauen, traue ich mir selbst nichts zu!“ Es sammelt mehr entmutigende als Mut machende Erfahrungen. Verkümmert der Lebensmut, wachsen Hemmungen und Minderwertigkeitsgefühle.
3. Destruktive Verhaltensweisen
Alle Verhaltensweisen, die das Grundgefühl von Geborgenheit und Annahme vergiften, berauben das kindliche Selbstwertgefühl. Es erlebt sich unter Wert und verkauft sich unter Wert. Bloßstellung führt zu einem übertriebenen Schamgefühl. Verbale und physische Gewalt wirken extrem entwertend durch die Botschaft: „Ich strafe dich, weil du nicht so bist, wie du sein solltest.“ Eltern überschreiten die schützenden Grenzen ihres Kindes und nehmen ihm den Raum zur gesunden Entfaltung seiner Persönlichkeit.
4. Entwertende Bemerkungen
Das sind Sätze anderer, die auf das „Lindenblatt“, die verletzlichste Stelle des Kindes oder Jugendlichen, treffen. Gleichaltrige können unbarmherzig und brutal direkt sichtbare Schwächen geißeln. „Du kannst ja aus der Dachrinne trinken!“ – „Da kommt die Brillenschlange!“ oder „Du hast eine Figur wie ein Brett!“ Bemerkungen der taktlosen Art klingen manchmal lebenslang nach, weil sie zielsicher genau den wunden Punkt getroffen haben, für den sich der Betreffende selbst schon minderwertig fühlte.
5. Verzerrte religiöse Erziehung
Eltern können Gott als Hilfspolizisten in der Erziehung einsetzen. Die warnende Botschaft: „Gott sieht alles, ihm entgeht kein Fehler!“ produziert Angst und Minderwertigkeitsgefühle. Gott entlarvt mit detektivischem Gespür jede Schwäche und Sünde. Er scheint unnahbar fern und zugleich bedrohlich groß und nah. Biblische Maßstäbe werden vorrangig als Verbote ausgelegt. Das Ich des Menschen muss gebrochen werden. Selbstentfaltung wird als Egoismus verworfen. Jede religiöse Erziehung, die klein macht und in Ängsten gefangen hält, widerspricht dem biblischen Glaubens- und Gottesverständnis. Die Evangelien beschreiben eindrücklich, wie Gottes bedingungslose Liebe den Kindern gilt. Jesus wendet sich ihnen zu und hebt ihr kindliches Vertrauen als vorbildlich für die Erwachsenen hervor. Sie sind eben nicht zu klein, zu unwissend oder zu unbedeutend, um ihren Platz im Reich Gottes einzunehmen.
„Im Rückblick auf meine Kindheit kann ich mich nicht an sehr viel Wertschätzung erinnern. Haften geblieben sind vor allem Gebote, ständige Warnungen: ‚Pass auf!‘ – ‚Das kannst du nicht!‘ – ‚Muss das sein?‘ etc. Ermutigende Gegenpole blieben aus. Ich habe innerlich geglaubt: ‚Sei gehorsam und mach, was man dir sagt! Sei schön brav und lieb, dann wirst du auch gemocht!‘ Als Ergebnis sind bis heute ein geringes Selbstbewusstsein und eine geringe eigene Wertschätzung haften geblieben. In kleinen Schritten lerne ich jetzt, ein Gefühl für mich selbst, meine Wünsche und meine Fähigkeiten zu entwickeln. Ich beginne zu begreifen, dass ich ein Recht habe auf ein glückliches, selbstgestaltetes Leben, das nicht immer jemand anderem gefallen oder nutzen muss. Heute bedeutet mir Wertschätzung durch andere besonders viel. Sie ist für mich überhaupt Voraussetzung für ein ‚gutes Gefühl‘ in meinem Leben. Ich sauge sie auf wie ein ausgetrockneter Schwamm das Wasser. Es gibt allerdings auch heute oft Zeiten oder Situationen, in denen ich Lob oder Komplimente überhaupt nicht annehmen kann. Ich höre die Worte dann so, als hätten sie überhaupt nichts mit mir zu tun.“
Christina, 35 Jahre
Jeder Mensch bewahrt im „Archiv“ seiner Lebensgeschichte eine unendliche Zahl an Erinnerungen und Erfahrungen. Die Qualität dieser Erinnerungen entscheidet über die eigene Identität und das Selbstwertgefühl in der Gegenwart.
11 Mutmach-Tipps für Eltern, die ihren Kindern Selbstvertrauen vermitteln wollen:
1 Lieben Sie Ihr Kind bedingungslos, so wie es ist!
2 Entdecken und fördern Sie seine Begabungen!
3 Trauen Sie ihm etwas zu und glauben Sie an Ihr Kind!
4 Praktizieren Sie ungeteilte Aufmerksamkeit. Schenken Sie Zeit mit Qualität!
5 Loben Sie Ihr Kind konkret für alles, was es gut macht.
6 Ermutigen Sie Ihr Kind zur Selbstständigkeit. Übertragen Sie ihm Verantwortung für Aufgaben, die seinem Alter entsprechen.
7 Sie fördern Ihr Kind, indem Sie es fordern! Geben Sie ihm die Chance zu echten Erfolgserlebnissen!
8 Vermeiden Sie entwertende Bemerkungen: „Du-kannst-bist-wirst-nichts!“
9 Stellen Sie keine Vergleiche mit „besseren“ Kindern an: „Deine Schwester kommt in der Schule viel besser mit als du!“
10 Lassen Sie Ihr Kind für sich selbst sprechen!
11 Leben Sie als Mutter und Vater ein gutes Modell für eine gesunde Selbstachtung vor!
Das James-Bond-Syndrom: Wie Minderwertigkeitsgefühle ausgeglichen werden
Leinwand-Agent 007 vom britischen Geheimdienst ist ein Musterbeispiel für den immer siegreichen, smarten, potenten Typen auf Platz eins. Er spiegelt die Heldenträume vieler Menschen wider. Jeder sehnt sich danach, auf der Hitliste seiner Mitmenschen einen vorderen Platz zu belegen. Einmal aus dem Schatten der Bedeutungslosigkeit ins Rampenlicht treten: beachtet, ernst genommen werden, Konkurrenten übertreffen, besser ankommen als andere. Wie James Bond selbst in ausweglosen Situationen Herr der Lage bleiben, niemals aufgeben und unverwundbar den Schurken und Bösewichten Paroli bieten. Übermensch Bond weiß alles, nur nicht, wie sich Minderwertigkeitsgefühle anfühlen.
Im realen Leben entwickeln „normale“ Menschen ihre eigenen Strategien, um Minderwertigkeitsgefühle auszugleichen. Weil es unerträglich ist, dauerhaft auf der Minusseite des Lebens zu vegetieren, suchen sie einen Weg aus dem Schatten ihrer Schwächen in ein bedeutungsvolleres Licht. Wer sich klein und wertlos empfindet, entdeckt früher oder später Möglichkeiten, seine Minderwertigkeitsgefühle ins Gegenteil zu verkehren. Er will Schwächen ausgleichen und beseitigen. Die Psychologie spricht von Kompensation. Dabei schießt man schnell über das Ziel hinaus. Man überkompensiert Minderwertigkeitsgefühle. Je schwächer man sich fühlt, umso stärker muss man dastehen, je kleiner man sich selbst sieht, umso größer will man gesehen werden. So verkehren sich Minderwertigkeitsgefühle ins Gegenteil. Minderwertigkeitsgefühle und Über-Kompensation gehören zusammen wie siamesische Zwillinge. Über-Kompensationen dienen als Ersatzbefriedigungen. Sie sind keine echten Hilfen, um Selbstwertprobleme zu meistern.

Ob Macht, Status, Leistung, Geld oder Anerkennung – alle Über-Kompensationen versprechen, den eigenen Wert zu steigern. Sicher erhöhen sie die Lebensqualität. Anerkennung und finanzielle Sicherheit tun gut. Problematisch wird es aber immer dann, wenn sie als vermeintliche Glücksbringer einen zentralen Stellenwert einnehmen. „Wenn ich dies oder jenes besitze oder erreiche, dann gewinnt mein Leben Wert, und ich bin glücklich!“ Solange diese Attribute des Lebens den Selbstwert hochhalten, befindet sich der Mensch in tragischer Abhängigkeit. Wehe, wenn Erfolg oder Anerkennung ausbleiben. Dann stürzt der Selbstwert in sich zusammen.
Eine trügerische Selbstwert-Gleichung
In ihrer Gedanken- und Gefühlswelt rechnen sich die meisten Menschen ihren persönlichen Wert so aus:
Erbrachte Leistung + Anerkennung durch andere = Selbstwert.
Was ich leiste und wie ich mit den Augen anderer gesehen werde, summiert sich zu meinem Selbstwertgefühl. Leistung und positives Feedback gehören zum Leben selbstverständlich dazu. Das Gefühl, etwas zuwege zu bringen und wertgeschätzt zu werden, besitzt einen hohen Stellenwert. Wer aber seinen persönlichen Wert über diese Gleichung definiert, gerät in eine sklavische Abhängigkeit.
„Schaffst du was, dann bist du was!“
Das glaubt, wer sich an seiner Leistung orientiert. Mit jeder neu erklommenen Erfolgssprosse auf der Karriereleiter steigt auch der persönliche Wert. Die Gehaltsabrechnung drückt den Marktwert in Euro und Cent aus. Und auch der gesellschaftliche Status hängt an Symbolen, an denen Leistung und Erfolg gemessen werden. Zeig mir, wo du wohnst, wie du dich kleidest, wohin die Urlaubsreise geht und welches Auto du fährst – und ich sage dir, wie erfolgreich du bist. Das erzielte Einkommen entscheidet darüber, wie ich gesellschaftlich ankomme. Der Leistungsfaktor hängt für Männer tendenziell stärker von dem ab, was sie erwirtschaften und sich leisten können, während Frauen ihren Erfolg eher an ihrer Mutter- und Familienleistung festmachen oder der erzielten Attraktivität. Allerdings spielt der Joberfolg auch für sie eine zunehmende Rolle.
„Wirst du gemocht, dann bist du wer!“
Anerkennung zählt. Es kommt eben darauf an, gut anzukommen.
Was ich in den Augen der anderen darstelle, das bin ich wert. Je größer ihre Wertschätzung, umso positiver die Selbsteinschätzung. Natürlich muss es nicht immer der Sympathie-Applaus sein, der aufrichtet. Wer sich auf der Arbeit unentbehrlich macht, erntet Lorbeeren für seinen Einsatz. Ein anderer tut alles für die Familie. Er opfert sich auf, weil er insgeheim darauf hofft, dafür wertgeschätzt zu werden.
Das allzeit sonnige Naturell dient dazu, bei anderen schön Wetter zu machen. Dahinter verbirgt sich die Überzeugung:
„Nur wenn alle mich mögen, mag ich mich selbst.“ Sonnenschein-Typen bekommen leicht die Krise, wenn sie abgelehnt werden. „Wenn mich einer nicht leiden kann, leide ich!“ Wer allen zu gefallen sucht, hechelt nach klatschendem Publikum. Er hängt sein Fähnchen nach dem Wind. Nur wenn er seine Mitmenschen zufrieden stellt, kann er mit sich selbst zufrieden leben.
Die Gleichung „Leistung + Anerkennung = Selbstwert“ steht auf wackligen Füßen. Sie funktioniert eine gewisse Zeit und gibt, was sie verspricht: ein gutes Gefühl! In der Konsequenz geht diese Rechnung aber nicht auf.
„Schaffst du nichts, dann bist du nichts!“
Leistungsdruck versklavt. Wer sich über seinen Erfolg definiert, setzt alles daran, noch mehr zu schaffen. Er bekommt nie genug. Er kann aber auch wie gelähmt verharren, weil er Angst hat, Fehler zu machen. Mit einer Fehlentscheidung büßt er Sympathiepunkte ein.
Was passiert, wenn die Leistungsfähigkeit nachlässt? Wie wirken sich altersbedingte Schwächen oder leistungsmindernde Erkrankungen aus? Mit dem Karriereknick knickt auch der Selbstwert. Wer die Arbeit verliert, büßt seine Selbstachtung ein.
„Wirst du abgelehnt, bist du nichts wert!“
Ablehnung stürzt in die Krise. Dabei kann keiner wirklich allen gefallen. Aber niemand muss es allen recht machen. Wer der Gunst seiner Umgebung nachläuft, jagt ein Phantom.
Er reagiert überempfindlich auf Kritik. Dadurch sieht er seinen Wert infrage gestellt. Wer auf die Gunst der anderen schielt, spielt schnell Verstecken. Im besten Licht erscheint, wer seine Schattenseiten verheimlicht. Fehler dürfen niemals publik werden. Nicht nur Politiker fürchten peinliche Enthüllungen. Alle, die um ihr Image besorgt sind, tragen die Maske des moralisch Guten und manchmal auch die des frommen Schauspielers.
Wer es aus dem Wunsch nach Anerkennung allen recht machen will, macht es letztlich niemandem recht. Nicht der smarte, glatte Typ, der sich um jeden Preis anpasst, gewinnt echte Wertschätzung. Echt und sympathisch wirkt, wer Fehler eingesteht und zu seinen Schwächen steht. Wer den Mut aufbringt, eigene Positionen gegen den Strom der Mehrheit zu vertreten, wird respektiert und anerkannt.
Letztlich glauben wir an eine Lüge, wenn wir nach Geltung und Selbstwert durch Leistung und Anerkennung streben. Das Problem ist: kaum einer lebt bewusst nach dieser Selbstwert-Gleichung. Doch unbewusst ist sie der treibende Motor für unser Handeln. Sie erzeugt Druck. Hinter der Fassade beruflichen Erfolges lauern Depression und Angst. Wenn der Applaus verebbt und der Vorhang fällt, ist jeder doch wieder mit sich selbst, mit seinen dunklen, schwachen Seiten allein.
Ein Beispiel, wie falsche Motive entlarvt werden können, finde ich im Neuen Testament. Dort wird beschrieben, wie Jesus seine Mitarbeiter davor warnt, ihren Selbstwert an Leistung oder Applaus festzumachen. Er streicht die unmenschliche Gleichung „Leistung + Anerkennung = Selbstwert“. Er misst seinen Mitarbeitern einen Wert zu, der völlig unabhängig ist von dem, was sie schaffen oder wie sie ankommen.
„Als die siebzig Jünger zurückgekehrt waren, berichteten sie begeistert: ‚Herr, sogar die Dämonen mussten uns gehorchen, wenn wir deinen Namen nannten!‘ ‚Ich weiß‘, antwortete Jesus, ‚denn ich sah den Satan wie einen Blitz vom Himmel fallen. Ich habe euch die Macht gegeben, auf Schlangen und Skorpione zu treten und die Gewalt des Feindes zu brechen. Nichts wird euch schaden. Trotzdem: Lasst euch nicht davon beeindrucken, dass euch die Dämonen gehorchen müssen; freut euch vielmehr darüber, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind!‘“ (Lukas 10,17-20).
Die Evangelien berichten, dass die VIPs dieser Welt für Gott nicht in der ersten Reihe sitzen, sondern zu den „Losern“ der Gesellschaft zählen: Prostituierte, Kranke, Behinderte, Menschen im gesellschaftlichen Abseits, an sich selbst Verzweifelnde. Nicht die beliebten, sondern die ungeliebten Typen wertet er durch seine Zuwendung in ihrem Selbstwert auf.
Acht Schein-Wege,
um den Selbstwert zu sichern
Die folgenden beispielhaften Verhaltensweisen beschreiben Über-Kompensationen von Minderwertigkeitsgefühlen. Alle praktizieren diese oder andere Varianten, ohne dass dadurch das eigene Ego übermäßig aufpoliert werden soll. Keiner muss auf intelligente Kosmetik der Selbstsicherheit verzichten, solange sie in einem angemessenen Rahmen bleibt.
Kritisch gestalten sich diese über-ausgleichenden Verhaltensweisen aber immer dann, wenn der Selbstwert davon abhängig gemacht wird. Die unbewussten Überzeugungen, nach denen ich so sein muss oder jenes tun muss, damit ich mich wertvoll und anerkannt fühle, erweisen sich als brüchige Krücken, denn die Wurzel der Minderwertigkeit bleibt erhalten.
Der Besser-Wissi
Sein Credo lautet: „Ich muss immer Recht haben!“ Es gibt nichts, was er nicht weiß, oder zumindest besser weiß, als die anderen. Er kommentiert in Oberlehrermanier, was andere sagen oder wie sie sich verhalten. Das letzte Wort muss ihm gehören, sonst fühlt er sich nicht stark. Er wertet andere durch seine altkluge Besserwisserei ab, um sich selber aufzuwerten. Im Berufsleben fühlen sich die Arbeitskollegen durch den Besser-Wissi geschulmeistert. Den Ehepartner putzt er durch ständiges Korrigieren und Kritisieren herunter. Besserwisserei isoliert, macht einsam und nervt andere.
Der Clown
Schon als Kind entdeckt er sein komödiantisches Talent, mit dem er auf sich aufmerksam machen kann. Er spielt den Klassenclown und erobert durch Charme seine Umgebung. Sein allzeit sonniges Gemüt verschafft ihm Beliebtheitspunkte. Die Überzeugung, „nur wenn ich spaßig bin, werde ich geachtet“, setzt ihn manchmal unter Druck. Er glaubt, es sich nicht wirklich leisten zu können, allzu ernsthaft oder bedrückt zu wirken. Wenn Probleme oder Stimmungstiefs den Spaß verderben, bröckelt sein Selbstwert. Er steht in der Gefahr, sich zum Narren zu machen. Man nimmt ihn nicht mehr ernst. Wer um jeden Preis lustig sein muss, gibt eine traurige Figur ab.
Der Tagträumer
Weil er sich im realen Leben minderwertig vorkommt, träumt er sich fort in eine heile, bessere Welt. In seinen Tagträumen stellt er etwas dar und gleicht vorhandene Defizite aus. Erfolg, Bedeutung und Liebesglück kennzeichnen seine Phantasien. Alkohol, Medikamente, Sex oder andere Drogen dienen nicht selten als Fluchtvehikel. Mit ihrer Hilfe entkommt er verletzenden Erfahrungen, enttäuschenden Lebensumständen und schmerzlichen Misserfolgen seiner alltäglichen Wirklichkeit. Er gleicht sein geringes Selbstwertgefühl durch Größen- und Glücksphantasien aus. Je phantastischer die gebauten Luftschlösser, um so bitterer kehrt er auf den Boden der Wirklichkeit zurück.
Der Tyrann
Er lebt sein aus Minderwertigkeitsgefühlen gespeistes Geltungs- und Machtbedürfnis auf Kosten anderer aus. Im Berufsleben, in Partnerschaft und Familie muss er um jeden Preis gewinnen, auch wenn Beziehungen dabei auf der Strecke bleiben. „Nur als Boss habe ich einen Wert“, glaubt der Tyrann und hält seine Mitmenschen deshalb klein und unmündig. Eine Spezies ist der Krankheitstyrann. Er missbraucht körperliche Leiden als Machtmittel. Seine Umgebung soll ihn anerkennen. Rücksichtnahme wird eingefordert.
Das Bedürfnis, zu beherrschen und den Ton anzugeben, verleitet tyrannische Typen dazu, verbale oder physische Gewalt anzuwenden. Sie benutzen erfolgreiche Verhaltensmuster, um vermeintlich Schwächere einzuschüchtern oder greifen zu gefährlichen Waffen, wie das folgende Beispiel zeigt:
Kampfhunde können als Imponierobjekt oder gefährliche Waffe von fragwürdigen Hundehaltern missbraucht werden. Frank Mangelsdorf kommentiert dazu: „Sieht man hinter die Fassaden, dann leben die Halter so genannter Kampfhunderassen oft am Rande der Gesellschaft, bepackt mit Minderwertigkeitsgefühlen, Alkoholproblemen, manche sogar mit kriminellen Erfahrungen. Für diese Menschen sind ihre vierbeinigen Begleiter letzte Möglichkeit vermeintlicher Anerkennung, das Einfordern von Respekt durch die gutbürgerliche Gesellschaft oder eben auch unverhohlene Drohung zur Durchsetzung eigener, scheinbar rechtmäßiger Ansprüche. Die anerzogene Aggressivität der Tiere macht oft die Gewaltbereitschaft ihrer Halter anschaulich“ (Frank Mangelsdorf, Berliner Morgenpost vom 12.06.1998).
Der Kontrolleur
Er kompensiert Unsicherheit und Versagensängste durch ein ausgeprägtes Kontrollverhalten: „Nur wenn ich alles im Griff habe, kann ich mich selbstsicher fühlen!“ Selbst- und Fremdkontrolle bestimmen sein Denken, Fühlen und Handeln. Dabei neigt er dazu, andere zu manipulieren. Auf seine Umgebung wirkt er sehr beherrscht und verstandesorientiert. Er fürchtet sich vor allzu viel Gefühl. Fremdbestimmung ist ihm ein Gräuel. Sollte ihm aber einmal die Kontrolle entgleiten, fühlt er sich stark verunsichert und in seinem Wert bedroht.
Der Spaß-um-jeden-Preis-Typ
„Fun! Fun! Fun!“ lautet sein oberstes Ziel. Hauptsache Spaß erleben. Man gönnt sich ja sonst nichts! Das gute Gefühl ist alles. Ob Bungeejumping oder Freeclimbing, er braucht den ultimativen Kick. Normal sein heißt langweilig sein. Adrenalin ist Champagner für sein Selbstbewusstsein. Frust- und Minderwertigkeitsgefühle verschwinden im Rausch der Geschwindigkeit. Wer allerdings immer nur Spaß und lustvolle Abwechslung sucht, dem vergeht sie irgendwann.
Der In-Typ
Er tendiert zur Anpassung. Was ist gerade in und hip? Er läuft jedem Trend hinterher! Er schöpft sein Selbstwertgefühl aus der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe. Ihr Kleidungs-, Musik- und Lebensstil definiert seine Identität. Beispielsweise weigern sich schon manche Erstklässler mit Händen und Füßen Turnschuhe anzuziehen, die nicht das gewünschte Markenzeichen tragen. Kleider machen Leute. Leute fühlen sich sicher, wenn sie sich konform kleiden.
Der Musterchrist
Er will christlicher, moralischer, einsatzbereiter erscheinen als andere. Mit verstecktem Hochmut stellt er sich über seine Mitmenschen. Er geißelt jeden Fehler, bei anderen und sich selbst. Seine Umgebung erlebt ihn über-gewissenhaft, überdogmatisch und über-fromm. In der Figur des selbstherrlich betenden Pharisäers, der sich über den verruchten Zöllner erhebt, hat Jesus ihm ein warnendes Denkmal gesetzt (Lukas 18,9-14).
Das ABC der Minderwertigkeitsgefühle
Minderwertigkeitsgefühle entstehen nach dem ABC der Gefühle. (A) steht für eine Situation oder Tatsache, die auf eine bestimmte Art bewertet (B) wird und als Konsequenz (C) zu selbstunsicheren Verhaltensweisen, Minderwertigkeitsgefühlen und damit verbundenen Körperreaktionen führt.
Menschen mit geringem Selbstvertrauen bewerten Situationen und Tatsachen häufig unangemessen und produzieren so Minderwertigkeitsgefühle. Die beiden folgenden Beispiele zeigen, wie eine angemessenere Bewertung (B) zu höherer Selbstachtung und mehr Selbstsicherheit führen kann:
Beispiel:
A. (Tatsache)
Martina ist alleinerziehende Mutter von zwei Kindern im Grundschulalter. Durch Gelegenheitsjobs hält sie ihren Haushalt gerade so über Wasser.
B. (Bewertung der Tatsache)
Martina wertet sich ab: „Ich bin nur Hausfrau und Mutter. Im Berufsleben leiste ich nicht wirklich etwas. Andere Frauen bekommen ihre Situation mit Kindern und Beruf viel besser unter einen Hut.“
C. (Konsequenzen)
Sie fühlt sich unzufrieden, unzulänglich und schuldig dafür, dass sie ihren Kindern finanziell nicht mehr bieten kann. Im Vergleich mit anderen fühlt sie sich weniger wert.
Korrektur ihrer Bewertung:
„Ich leite ein kleines Unternehmen. Haushalt, Kindererziehung und Gelegenheitsarbeiten bilden eine Herausforderung, der ich mich gestellt habe. Ich beweise betriebswirtschaftliches Können, indem ich mit meinem sehr knapp bemessenen Haushaltsbudget auskomme.“
Martina beginnt, sich für ihre Leistung wertzuschätzen. Sie stellt ihren Wert nicht mehr in Frage. „Als allein erziehende Mutter muss ich mit vielen Einschränkungen kämpfen. Es gibt keinen Grund, meinen Wert infrage zu stellen. Auch wenn meine Situation nicht einfach ist, gelingt es mir, das beste für mich und meine Kinder daraus zu machen.“
Superman im Rollstuhl
Letztlich entscheiden nicht die objektiven Tatsachen darüber, was wir selbst und unser Leben wert sind. Entscheidend wirkt sich aus, mit welchen Augen wir sie sehen.
Die Rolle von „Superman“ war dem amerikanischen Schauspieler Christopher Reeve wie auf den Leib geschrieben: Athletische Figur, markante Gesichtszüge und Power ausstrahlend. Als er sich 1995 bei einem folgenschweren Reitunfall einen Genickbruch zuzog, drohte für ihn alles zusammenzubrechen. Reeve überlebte. Einige Jahre lebte er an den Rollstuhl gefesselt, völlig abhängig von moderner Gerätemedizin. Sein starker Überlebenswille bewahrte ihn davor, am Weiterleben zu verzweifeln. Der Schauspieler gewann neuen Lebensmut und sagte von sich selbst: „Ein Held ist ein gewöhnlicher Mensch, der die Kraft findet, sich mit Ausdauer und Beharrlichkeit in einer ausweglos scheinenden Lage zurechtzufinden“ (zitiert in Psychologie heute, Mai 1999, S. 22). Weil er sich selbst nicht aufgab, wurde er zum Vorbild für andere, wie man ein schweres Schicksal meistern kann. Den Reitunfall und seine Folgen deutete „Superman“ als größte Herausforderung seines Lebens, bis zu seinem Tod.
Minderwertigkeitsgefühle in der Ehe
Partnerschaftliche Liebe lebt davon, dass einer den anderen respektiert und akzeptiert. Die Partner sagen zueinander „Ja“, so wie sie sind, mit Ecken und Macken. Nach meiner Erfahrung in der Paartherapie bedingen Selbstannahme und die Annahme des anderen einander. Nur wer sich selbst liebt, vermag auch den anderen wirklich zu lieben. Partnerliebe setzt Selbstliebe voraus.
Minderwertigkeitsgefühle wirken sich belastend aus. Eigene Unzufriedenheit trübt das Beziehungsklima. Der sich minderwertig Fühlende entwertet durch Kritisieren und Nörgeln den vermeintlich Stärkeren. Damit er sich größer fühlt, muss er den anderen klein machen. Er reagiert eifersüchtig. Es fällt ihm schwer, daran zu glauben, dass der andere ihn liebt. Sich selbst findet er wenig liebenswert. Krankhaft eifersüchtige Menschen drücken ein geringes Selbstwertgefühl aus. Wer sich selbst akzeptiert, braucht dem anderen nicht heimlich hinterherschnüffeln.
Partnerschaft lebt von einem partnerschaftlichen Verhältnis. Keiner darf allein dominieren, und niemand darf dominiert werden. Liebe heißt nicht, den Fußabtreter des anderen zu spielen. In der Zweierbeziehung hat jeder das Recht und die Pflicht, seine einmalige Persönlichkeit auszubilden und zu entfalten.
Nur wenn Sie und Ihr Partner sich eine unabhängige Identität bewahren, kann ein gemeinsames Leben dauerhaft gelingen. Wenn Sie dazu neigen, in ihrer aufopferungsvollen Liebe zu Partner oder Kindern eigene Wünsche und Bedürfnisse hintenanzustellen, bleiben Sie früher oder später auf der Strecke. Um für Ihre Ehe und Familie angemessen sorgen zu können, dürfen und sollen Sie auch gut für sich selbst sorgen.
Kultivieren Sie gemeinsame Interessen, die Ihnen beiden Spaß machen. Betonen Sie Gemeinsamkeiten, statt immer nur genervt darüber zu lamentieren, wie verschieden Sie doch sind. Liebe ist, wenn sich beide auf Augenhöhe begegnen und in die gleiche Richtung schauen.
Welche Folgen Minderwertigkeitsgefühle für die Partnerschaft haben können, beschreibt Walter Trobisch sehr eindrücklich:
„Wer sich selbst nicht lieben kann, wird seinem Partner als ein ständig fordernder Nimmersatt gegenübertreten, der nach der Liebe des anderen wie nach einem Medikament verlangt, ohne selbst etwas geben zu können oder zu wollen. So hart es klingen mag: Die Ehe ist kein Sanatorium für Liebeskrüppel. Dadurch allein, dass einer heiratet, kann er dem Mangel an Selbstliebe nicht abhelfen“ (Walter Trobisch „Liebe dich selbst“, Wuppertal 1975, S. 31).
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