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Matthias Hipler

Für immer?

Ja!

Der kreative Workshop

für Ihre Partnerschaft


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN 9783865065933

© 2013 by Joh. Brendow & Sohn Verlag GmbH, Moers

Einbandgestaltung: Brendow Verlag, Moers

Titelfoto: shutterstock

Satz: BrendowPrintMedien, Moers

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2014

www.brendow-verlag.de


Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Vorwort

Kapitel 1

Reden ist Silber – Verstehen ist Gold

Kommunikation ist alles

Praxis-Übung: Hören und verstehen

Allgemeine Erkenntnisse aus der Paarforschung

Die vier Sprecher-Regeln

Die vier Zuhörer-Regeln

Praxis-Übung: Wechsel der Sprecherrollen

Praxis-Übung: Komplimente

Praxis-Übung: Zeitreise in die Anfangszeit

Kapitel 2

Fair streiten, aber wie?

Praxis-Übung: Druck und Gegendruck

Fragebogen zur partnerschaftlichen Streitkultur

So schnell kann es gehen – ein Streitgespräch mit typischen Konfliktmustern

Praxis-Übung: Durch Kommunikation täuschen

Fairness-Regeln für fruchtbare Auseinandersetzungen

Praxis-Übung zwischendurch: Wer hat Schuld?

Praxis-Übung zwischendurch: Ärgerfaust

Systematische Problemlösung

Kapitel 3

Bedürfnisse: Wünschen darf man sich alles!

Spannungsfeld: Selbstfürsorge und Partnerfürsorge

Kapitel 4

Erotik und Sexualität

Die drei Dimensionen partnerschaftlicher Sexualität

Lust und Frust im Liebesleben

Praxis-Übung: Wie zufrieden sind wir mit unserem Sexualleben?

Die sechs Spielarten partnerschaftlicher Sexualität

Praxis-Übung: Wir kommen wir über Sex ins Gespräch?

Praxis-Übung: Erotische Fantasien

Praxis-Übung: Was tun, wenn der Sex schlafen gegangen ist

Praxis-Übung: kreative Ideen für sinnliche Paarspiele

Kapitel 5

Was macht Liebende unzertrennlich?

Praxis-Übung: Resilienz-Faktoren

Kapitel 6

Küsse nach der Krise

Praxis-Übung: Die Partnerschaft als dritte Person sehen

Praxis-Übung: In der Beziehungskrise geschieht ein Wunder

Kapitel 7

Die spirituelle Dimension der Partnerschaft

Kapitel 8 Herkunftsfamilie und Partnerschaft

Praxis-Übung: Familienaufstellung mit Bonbons

Praxis-Übung: Die Chronik meiner Herkunftsfamilie

Praxis-Übung: Behalten und Zurückgeben

Kapitel 9

Humor contra Langeweile

Praxis-Übung: Humorbarometer

Praxis-Übung: Improvisiertes Erzählen

Praxis-Übung: Träumen auf die Spur kommen

Kapitel 10:

Auf die Couch?!

Paartherapie praktisch

Verwendete Literatur

Fußnoten



Vorwort

■ „Wie können wir besser miteinander reden lernen?“

■ „Wir machen uns das Leben schwer, weil wir so unterschiedlich sind. Wie finden wir wieder enger zusammen?“

■ „In unserer Beziehung läuft es im Großen und Ganzen gut, aber wir merken langsam, dass wir etwas tun müssen, damit unsere Liebe nicht langsam einschläft. Was kann uns davor bewahren?“

■ „Wie bekommen wir sexuelle Probleme in den Griff?“

■ „Gibt es noch eine Perspektive für unsere Beziehung und wenn ja, wie kann die aussehen?“

Diese und ähnliche Fragen begegnen mir als Paartherapeut seit zwanzig Jahren immer wieder. Jedes Paar bringt seine individuelle Geschichte mit, verfügt über besondere Stärken, und ist gleichzeitig gewillt, an den eigenen Schwächen zu arbeiten.

Eine Vielzahl von Problemen und Konflikten kann das Zusammenleben belasten oder schier unerträglich erscheinen lassen. Aus meiner Erfahrung kann ich sagen: Letztlich entscheidet nicht das Ausmaß der Beziehungsprobleme über eine positive Veränderung, sondern die echte Bereitschaft zur Veränderung. Im Vergleich zu anderen Beziehungsratgebern habe ich den Schwerpunkt auf kreative Übungen und praxiserprobte Aufgaben gelegt, die die Liebe auffrischen und akute Konflikte lösen helfen. Und da es sich nicht um eine nüchterne Abhandlung handelt, sondern um ein Praxisbuch, das persönlich ansprechen soll, verwende ich als Anrede das vertraute „Du“.

Jedes Kapitel bildet eine in sich geschlossene Einheit. So könnt Ihr Euren ganz eigenen Workshop gestalten, darin herumstöbern und die für Euch besonders interessanten Themen herausgreifen.


„Für Immer? Ja!“ ist kein Rezeptbuch für das Glück zu zweit nach dem Motto: Man nehme diese und jene Zutat für eine glückliche Beziehung und alles entwickelt sich wie von selbst zum Guten. Nein, Ihr haltet ein echtes Arbeitsbuch in den Händen, das Euch herausfordert, zu Experten für die eigene Partnerschaft zu werden. Kommt offen und ehrlich miteinander ins Gespräch! Idealerweise nutzt Ihr die Lektüre gemeinsam zur Beziehungsarbeit. Und wenn der Partner noch keine Lust hat, mitzumachen, wirst Du Anregungen finden, ihn für positive Veränderungen zu motivieren.

Zugegeben: Das Cover dieses Buches zeichnet eine Idealvorstellung von romantischer Liebe. Der ganz normale Beziehungsalltag ist von verliebten Luftsprüngen weit entfernt. Aber ich verbinde mit meinem Workshop für Paare die Hoffnung, dass in Deinem und Eurem Liebesleben frischer Wind einkehrt und der starke Wunsch wächst, das Beste aus Eurer Liebe zu machen.

Ihr werdet bei der Lektüre dieses Buches die unterschiedlichsten Erfahrungen sammeln. Welche Einsichten, Übungen und Anregungen haben Euch als Paar weitergebracht? Welche Fragestellungen waren hilfreich und welche haben Euch gefehlt? Ich freue mich über ein Feedback, kreative Anregungen und Verbesserungsvorschläge per Mail an hipler@aol.de.

Matthias Hipler



Reden ist Silber – Verstehen ist Gold

Kommunikation ist alles!

Im Wald geht das Gerücht um, der Bär habe eine Todesliste. Als Erster fasst sich der Hirsch ein Herz, geht zum Bären und fragt ihn: „Bär, stimmt es, dass du eine Todesliste hast?“ „Ja, das ist richtig. Ich habe eine Todesliste!“, antwortet der Bär. „Und stehe ich auch auf deiner Liste?“, fragt der besorgte Hirsch. „Du stehst auch auf meiner Liste“, bekommt er zur Antwort. Verängstigt rennt der Hirsch weg und wird zwei Tage später tot im Wald aufgefunden. Das Wildschwein kommt zum Bären und fragt: „Stehe ich auch auf deiner Todesliste?“ „Du stehst auch darauf“, bestätigt der Bär. Zwei Tage später wird der Keiler tot im Unterholz entdeckt. Der Hase fasst sich ein Herz, hoppelt zum Bären und fragt: „Stimmt das mit der Todesliste?“ „Ja, das stimmt“, antwortet der Bär. „Und stehe ich auch darauf?“, fragt der Hase. „Ja, du stehst auch darauf!“ „Könntest du mich bitte von deiner Liste streichen?“, bittet der Hase. Darauf der Bär: „Na klar, kein Problem!“ Kommunikation ist alles!

Es trifft auf alle menschlichen Beziehungen zu: Ohne Kommunikation läuft nichts. Das gilt besonders für Paarbeziehungen. Egal ob wir uns intensiv unterhalten oder in Schweigen hüllen, wir kommunizieren unentwegt. Verbal oder nonverbal, immer reagieren wir aufeinander und teilen uns in Worten, Mimik und Gestik dem anderen mit. Nicht kommunizieren geht gar nicht. Entscheidend ist die Frage, welche Qualität die partnerschaftliche Kommunikation hat.


Praxis-Übung: Hören und verstehen

Setzt Euch Rücken an Rücken. Einer wählt aus einer Zeitschrift ein Bild aus, das der Partner nicht kennt, und beschreibt dieses Bild in 60 Sekunden. Der Partner hört nur zu und lässt während der Bildbeschreibung ein entsprechendes Bild in seinem Kopf entstehen. Nach Ablauf der Minute zeigt der Erzähler seinem Partner das beschriebene Bild. Der Zuhörer meldet zurück, inwieweit sein inneres Bild mit dem tatsächlichen übereinstimmt. Anschließend werden die Rollen mit einem neuen Bild getauscht.

Diese Übung veranschaulicht, dass das, was wir sagen und was wir hören, nicht immer hundertprozentig übereinstimmt. Bei einer sachlichen Bildbeschreibung gelingt die Verständigung vielleicht noch einigermaßen gut. Sehr viel schwieriger fällt sie dagegen aus, wenn es beispielsweise um die Kommunikation von negativen Gefühlen oder komplexen Problemen geht.

Verliebten fällt das Reden noch leicht

In der Anfangszeit der Beziehung erleben die meisten einen sehr wortreichen Austausch über Gott und die Welt. Sie haben sich unendlich viel zu erzählen und hören einander interessiert zu. An Themen mangelt es nicht. Mit der Zeit schleicht sich eine gewisse Sprachmüdigkeit ein. Die Bereitschaft, dem anderen mit voller Aufmerksamkeit zuzuhören, nimmt langsam ab. Mann und Frau haben einander nicht mehr ganz so viel zu sagen wie in der Verliebtheitsphase. Es kann passieren, dass die partnerschaftliche Kommunikation in destruktive Muster abgleitet. Gesprächskiller wie beispielsweise Kritik, Vorwürfe, Anklagen oder der Rückzug ins Schweigen würgen gute Gespräche regelrecht ab. Ihr müsst Euch nur lange genug missverstehen, damit der gemeinsame Austausch immer öfter verstummt. Jeder fühlt sich unverstanden.

Mangelhafte Kommunikation trocknet mit der Zeit auch die größte Liebe aus. Dabei sind es oft nicht die einzelnen Probleme in der Beziehung, mögen sie auch noch so schwer wiegen, die in die Gesprächskrise führen, sondern es ist die mangelhafte Bereitschaft, die Schwierigkeiten angemessen zu bereden. Klappt es nicht mehr, konstruktiv zu reden, werdet Ihr Euch entzweien. Nicht das, was Probleme macht, ist entscheidend, sondern die Art und Weise, wie miteinander darüber gesprochen wird. Wenn Ihr Euch am Ende eines intensiven Gespräches immer häufiger schlechter fühlt als zu Beginn, müssen alle Alarmglocken schrillen.

Allgemeine Erkenntnisse aus der Paarforschung
Das 5-zu-1-Prinzip:

Der amerikanische Paarforscher John Gottman fand heraus, dass Paare, die auf Dauer glücklich zusammenleben, fünfmal mehr positive Kommunikationsanteile gebrauchen als negative. Dieses magische Verhältnis (5 : 1) kennzeichnet die Kommunikation von stabilen Zweierbeziehungen. Die Partner schätzen einander wert, indem sie regelmäßig loben und Komplimente machen. Wenn sie miteinander reden, schauen sie sich dabei an. Sie pflegen einen sachlichen Gedankenaustausch, können aber auch über ihre Gefühle reden. Sie lächeln einander häufiger an und bemühen sich, aktiv zuzuhören. Wenn sie merken, dass ihr Gespräch zunehmend verletzende Züge annimmt, ziehen sie rechtzeitig die Notbremse: „Besser, wir hören jetzt auf, weiterzudiskutieren, sonst verletzen wir uns nur unnötig!“ Sie vertagen die Fortsetzung der Unterredung. Diese konstruktiven Kommunikationsstile sind fünfmal häufiger vertreten als destruktive Redeweisen. Aber es darf durchaus auch einmal unfair zugehen. Entscheidend ist, dass vergleichsweise selten Vorwürfe ausgesprochen oder verbale Machtkämpfe ausgefochten werden.

Verändert sich das Verhältnis von positiver zu negativer Kommunikation auf 3 : 3, steigt die Trennungswahrscheinlichkeit deutlich an. Die Partner reden zwar noch miteinander, aber es fällt ihnen zunehmend schwerer, Konflikte offen auszutragen und versöhnlich zu lösen. Lob und Komplimente werden seltener. Kritische Bemerkungen und Anklagen werden umso häufiger vorgebracht. Wenn sich das Verhältnis der Kommunikationsstile von 3 : 3 weiter auf 1 : 5 verschlechtert, sind die Partner kaum mehr in der Lage, unbefangen, freundlich und sachlich zu reden. Sie geraten andauernd verbal aneinander. Die Gespräche eskalieren sehr schnell. Jeder fühlt sich andauernd unverstanden. Negative Gedanken und Gefühle machen sich breit und bestimmen die partnerschaftliche Atmosphäre. Geht es mit der Kommunikation bergab, rutscht die gesamte Beziehung in eine tiefe Krise.

Jedes Paar kann einer Krise vorbeugen, indem es daran arbeitet, positive und aufbauende Kommunikationsstile zu praktizieren. Grundlage dazu sind die nachfolgenden Sprecher- und Zuhörerregeln.

Sprecher- und Zuhörertraining

Acht simple, aber sehr effektive Regeln schaffen die Voraussetzung für eine gute Gesprächskultur. Während der eine spricht, übt sich der andere im aktiven Zuhören. Für Dich als Sprecher kommt es darauf an, dass Du Vorwürfe und Anklagen vermeidest. Dabei helfen Dir sogenannte Ich-Botschaften.

Die vier Sprecher-Regeln
1. Sprich über dich!

Formuliere Deine Botschaft in Ich-Form, d. h., berichte Deine Sichtweisen, Deine Gedanken und auch davon, was Dir Probleme bereitet. Wenn Du beispielsweise sagst: „Du bist total egoistisch und denkst immer nur an Dich!“ startest Du einen verbalen Angriff. Dein Partner wird kaum gelassen darauf antworten, sondern sich kritisiert fühlen und entsprechend negativ reagieren.

Überlege zuerst, welches Problem Du für Dich selbst siehst. Was geht Dir durch den Kopf? Welche Gefühle nimmst Du bei Dir selbst wahr? Womit kommst Du nicht so gut klar im Verhalten des Partners?

Versuche, Dein Erleben in einer Ich-Botschaft auszudrücken. Die könnte lauten: „Mir ist in letzter Zeit klar geworden, dass ich meine Wünsche und Bedürfnisse oft zurückgestellt habe. Ich möchte künftig mehr mit Dir zusammen entscheiden. Ich wünsche mir, dass Du meine Anliegen stärker berücksichtigst.“ Auf diese Weise beziehst Du einen Standpunkt und wünschst Dir eine Verhaltensänderung, ohne deinem Gegenüber eine „Breitseite“ zu verpassen.

2. Sprich ein konkretes Thema an!

Je genauer ein Gesprächsthema eingegrenzt wird, umso effektiver die Kommunikation. Dabei fällt es gar nicht so leicht, bei einem Thema zu bleiben. Die Versuchung ist groß, im Laufe einer Unterhaltung von „Hölzchen auf Stöckchen“ zu kommen. Du kannst zum Beispiel mit einer konkreten Frage Deine Sichtweise eröffnen: „Ich habe darüber nachgedacht, wie wir das verlängerte Wochenende im nächsten Monat nutzen können. Ich würde gerne mit Dir zusammen eine Radtour planen. Wir sind schon länger nicht mehr gemeinsam Rad gefahren. Ich dachte da an eine schöne Strecke den Rhein entlang. Wie denkst Du darüber?“

Bitte vermeide Verallgemeinerungen wie „immer“ oder „nie“. Besonders wenn es um konflikthafte Themen geht, führen Pauschalisierungen nicht wirklich weiter. Die Aussage „Wir unternehmen nie etwas gemeinsam“ klingt anklagend. Sie entspricht auch nicht der Wahrheit, denn natürlich gab es gemeinsame Aktivitäten, auch wenn sie in letzter Zeit zu kurz gekommen sind.

3. Sprich im Hier und Jetzt!

Gerade dann, wenn es um strittige Themen oder verletzte Gefühle geht, kann das Gespräch schnell ausfransen, indem Verletzungen aus der Vergangenheit hervorgeholt werden. Was Dein Partner vor fünf Monaten oder sechs Jahren verbockt hat, mag vielleicht stimmen, aber es hilft momentan im Austausch über ein konkretes Thema nicht weiter. Bleibe bei dem, was im Moment für Dich aktuell ist, und verzichte darauf, alte Kamellen hervorzukramen. Ein Thema könnt ihr noch ganz gut im Gespräch bewältigen. Noch zusätzlich zurückliegende Themen anzusprechen wird Euch überfordern. Besser ist es, ein altes Thema zu einem anderen Zeitpunkt gesondert anzugehen.

4. Sprich offen!

Es fällt nicht immer leicht, offen und ehrlich über sich selbst zu reden. Aber nur dann, wenn Du Dich für den anderen gedanklich und emotional durchschaubar machst, weiß er, woran er mit Dir ist. Lass Dein Gegenüber wissen, wie es Dir wirklich geht. Wenn es Dir schwerfällt, über einen bestimmten Punkt zu sprechen, hilft es, Deine Unsicherheit oder Angst in Worte zu fassen: „Es fällt mir nicht ganz leicht, Dir zu sagen, wie ich mich im Moment fühle, und ich bin unsicher, ob ich es Dir richtig erklären kann. Aber ich glaube, es ist wichtig, dass Du mich besser verstehst.“

Die Sprecher-Regeln helfen, ein Gespräch konzentrierter zu führen und nicht vorschnell abzuschweifen. Gutes Zuhören ist eine Kunst, in der Mann und Frau sich immer wieder neu üben müssen. Wer aktiv zuhören will, sollte vier einfache Grundregeln beachten.

Die vier Zuhörer-Regeln
1. Sei ganz Ohr!

Signalisiere Deinem Partner verbal und nonverbal, dass Du ganz auf Empfang eingestellt bist. Schau ihm in die Augen und zeige Dein Interesse. Lächle oder nicke zustimmend mit dem Kopf. Du musst Dir bewusst sein, dass Deine Denk- und Zuhörgeschwindigkeit schneller ist als die Sprachgeschwindigkeit des Sprechers. Der Mensch kann dreimal mehr Worte aufnehmen als sprechen. Deshalb ist die Versuchung so groß, dass Du als Zuhörer gedanklich spazieren gehst. Du schweifst innerlich ab und hörst nicht mehr wirklich zu. Möglicherweise hast Du eine Bemerkung gehört, auf die Du am liebsten sofort antworten willst. Jetzt wartest Du nur darauf, dass Du endlich Deine Sichtweise schildern und den Sprecher korrigieren kannst. Und wieder hörst Du nicht mehr aufmerksam zu. Nur wer diese beiden Versuchungen überwindet, ist in der Lage, den Sprecher wirklich zu verstehen und seine Ausführungen stehen zu lassen.

2. Gib mit Deinen Worten wieder, was bei Dir angekommen ist!

Um Dich zu vergewissern, dass Du alles richtig verstanden hast, gib das Gehörte noch einmal mit Deinen Worten wieder: „Habe ich Dich richtig verstanden …?“ oder „Bei mir ist angekommen, dass du …!“ Versuche, auf Interpretationen zu verzichten. Frage nach, wenn etwas für Dich unklar geblieben ist. So erfährst Du, ob Du den anderen verstanden oder missverstanden hast. Der positive Nebeneffekt dieser Regel besteht darin, dass sich der Sprecher ernst genommen fühlt und er sich durch Deine Wiederholung klarer darüber wird, ob er genau das sagen wollte, was bei Dir als Zuhörer angekommen ist.

3. Stelle offene Fragen!

„Wie genau war das für dich? Wie kommst du auf diesen Gedanken? Was bewegt dich besonders?“ Durch solche offenen Fragen motivierst Du den anderen Sprecher, seine Sichtweisen noch konkreter und ausführlicher zu schildern.

4. Sag, wie es Dir mit dem eben Gehörten geht!

Vielleicht bist Du überrascht. Möglicherweise bist Du nachdenklich geworden oder Du merkst, wie Ärger in Dir hochkommt. Versuche, dem Sprecher eine taktvolle Rückmeldung zu geben. Einer der größten Fehler in der partnerschaftlichen Kommunikation ist die Bemerkung des Zuhörers: „Das stimmt nicht! Das ist falsch!“ Diese Aussage unterstellt dem anderen, nicht ehrlich geredet zu haben, und er wird darauf entsprechend negativ reagieren. Zuhören bedeutet: „Ich will dich verstehen und deine Sicht der Dinge, deine Gedanken und Gefühle stehen lassen, auch wenn ich es völlig anders sehe.“


Praxis-Übung: Wechsel der Sprecherrollen

Die acht Gesprächsregeln sind Euch sicherlich nicht neu. Das Geheimnis liegt in ihrer Umsetzung. Übt sie in der Praxis miteinander ein und schaut, was passiert. Eure Gespräche bekommen einen etwas anderen Charakter. Ihr werdet konzentrierter und effektiver miteinander kommunizieren. Je schwieriger allerdings die Thematik, umso schwerer fällt die Einhaltung der Regeln.

Wie könnt Ihr die Regeln konkret ausprobieren?

Verabredet Euch zu einem kleinen Paaraustausch in entspannter, ungestörter Atmosphäre. Legt jetzt die Sprecher- und Zuhörerrolle fest. Der Sprecher wählt ein Thema aus und schildert seine Gedanken und Gefühle, während der Zuhörer sehr aufmerksam bemüht ist, zu verstehen. Das Gespräch ist dann erfolgreich verlaufen, wenn der Zuhörer verstanden hat, was den Sprecher genau bewegt. Anschließend wechselt Ihr die Rollen. Der Zuhörer wählt entweder das gleiche oder ein anderes Thema aus, worüber er gerne reden will. Hier eine kleine Auswahl an konfliktfreien Themen:

■ „Was ich an unserer Kommunikation schätze.“

■ „Was mir besonders gut gefällt in unserer Partnerschaft.“

■ „Mich beschäftigt im Augenblick folgendes Thema: … “

■ „So stelle ich mir unser Leben in drei oder fünf Jahren vor:“

■ „Für unsere Freizeitgestaltung wünsche ich mir … “

Besonders herausfordernd können auch diese Themen sein:

■ „Ich habe mich das letzte Mal über dich geärgert, weil … “

■ „Ich würde mich in unserer Beziehung ein bisschen zufriedener fühlen, wenn wir … “

■ „Ich habe Schwierigkeiten damit, dass … “

■ „Ich fühle mich unverstanden im Blick auf … “

Frauen und Männer kommunizieren unterschiedlich

Männer und Frauen ticken unterschiedlich in ihrem Kommunikationsverhalten. Die sprachlichen und kommunikativen Fähigkeiten von Frauen sind in der Regel deutlich ausgeprägter als die des Mannes. Sie benutzt pro Tag etwa dreimal so viele Kommunikationszeichen (Worte, Gesten, Töne) wie ihr Partner. Auch wenn es sehr sprachgewandte Männer gibt, geben die Frauen stärker den Ton in partnerschaftlichen Gesprächen an. Nicht selten ist sie diejenige, die das partnerschaftliche Gespräch sucht, während er sich wortkarger gibt und sich schwerer tut, Emotionen in Worte zu fassen.

Harry sagt zu seiner Frau: „Hör mal, das ist interessant, Schatz. Ich habe gerade gelesen, dass einer Studie zufolge Männer durchschnittlich 9000 Wörter am Tag benutzen – Frauen dagegen fast 27 000. Das dürfte ja wohl endgültig beweisen, dass Frauen mehr reden als Männer.“ „Überhaupt nicht“, sagt seine Frau „Das beweist nur, dass wir immer alles dreimal sagen müssen, damit ihr es kapiert!“

In vielen Paarberatungen habe ich häufig wiederkehrende Kommunikationsmuster erlebt, die das Zweiergespräch erschwert haben.

Deine Art, Probleme anzugehen, ist aber nicht meine Art

Männer suchen nach Lösungen – Frauen nähern sich von verschiedenen Seiten einem Problem, wie zum Beispiel Markus und Katja:

Katja: „Meine Chefin war heute echt nervig. Sie hatte wieder andauernd etwas zu meckern. Ich gebe wirklich mein Bestes, aber das scheint sie nicht zu sehen. Manchmal würde ich am liebsten kündigen und eine neue Stelle suchen.“

Markus: „Ich habe dir schon ein paarmal vorgeschlagen, auf dieser einen Internetseite nach Stellenangeboten zu suchen.“

Katja: „Ich will von dir nicht gesagt bekommen, was ich tun soll. Höre dir doch einfach nur mal meinen Frust an. Kannst du mich wenigstens ein bisschen verstehen?“

Katja und Markus haben aneinander vorbeigeredet. Katja schildert ihren Frust, Markus schlägt ihr eine Problemlösung vor. Katja will mit ihm über die Chefin reden, Markus geht nicht wirklich auf ihre emotionale Stimmung ein. Katja fühlt sich unverstanden und nicht ernst genommen. Markus fühlt sich mit seinem Vorschlag, Katja zu helfen, nicht wertgeschätzt.

Eine Frau möchte zuallererst verstanden werden. Sie wünscht sich den einfühlsamen Zuhörer und nicht den Problemlöser. Dabei sind für sie auch Kleinigkeiten bedeutsam. Sie teilt ihre einzelnen Gedanken, Gefühle und Reaktionen mit. Gerade durch ihr Erzählen erhofft sie sich Nähe und Verbundenheit mit ihrem Mann. Sie will gesehen und verstanden werden. Im Kopf des Mannes läuft das Denkmuster „Wenn-es-ein-Problem-gibt-muss-eine-Lösungher“ ab. Sein Motiv ist ehrenwert, denn er möchte ihr bei der Lösung einer Schwierigkeit helfen. Er möchte, dass sie sich besser fühlt. Dabei erliegt er der Versuchung, eine vorschnelle Lösung zu präsentieren, statt sich über ihre Emotionen auszutauschen.

Der Weg zu einer Problemlösung verläuft auf männlicher Seite linear, geradewegs auf die seiner Meinung nach passende Lösung zu. Ihre Art, mit Schwierigkeiten umzugehen, liegt im offenen Gesprächsaustausch über ein Problem.

Katja kann in dem oben genannten Beispiel neuerlichen Frust über Markus vermeiden, der sie scheinbar überhaupt nicht verstanden hat, indem sie klar formuliert, was sie von ihm erwartet: „Markus, mein Tag war einfach fürchterlich. Ich muss mich mal ausheulen. Hör mir einfach nur mal zu!“ Katja wünscht sich einen Austausch auf der Beziehungsebene. Markus argumentiert auf der Sachebene. Beide reden aneinander vorbei. Erst wenn sich Katja auf der Beziehungsebene abgeholt fühlt, wird sie sich später auf ein Gespräch über sachliche Lösungen einlassen. Für Paargespräche gilt die Regel: Klärt erst die Beziehungsebene und wendet Euch danach einer sachlichen Lösung zu. Wenn in der Beziehung Unstimmigkeiten aufgetreten sind, könnt Ihr endlos über Lösungen in einer Sachfrage streiten, ohne zu einem Ergebnis zu kommen. Sprecht deshalb immer zuerst mögliche Misstöne an und räumt sie aus. Ist Eure Beziehung geklärt und bereinigt, werdet Ihr konstruktive Problemlösungen besprechen können.


Praxis-Übung: Komplimente

Die folgende Gesprächsübung fordert Euch heraus, einander wertzuschätzen und Lob auszusprechen.

Setzt euch einander gegenüber. Legt nun fest, wer damit beginnt, Anerkennung auszusprechen und wer sie geschenkt bekommt (Sprecher – Zuhörer).

Zunächst hat der Sprecher die Aufgabe, drei allgemeine Komplimente an den anderen nach dem Motto weiterzugeben: Was ich schon immer sehr an dir schätze! Sie sagen etwas aus über grundlegende Charaktereigenschaften, Fähigkeiten oder besondere Persönlichkeitsmerkmale. Beispielsweise: „Ich schätze erstens an dir deine besondere Art von Humor. Du bringst mich immer wieder damit zum Lachen! Zweitens mag ich deine absolut verlässliche Art. Du hältst Zusagen zuverlässig ein. Und drittens gefällt mir deine offene und herzliche Art, mit der du anderen Menschen begegnest. Du hast dein Herz auf dem richtigen Fleck!“

Jetzt gibt der Angesprochene das ausgesprochene Lob noch einmal mit eigenen Worten wieder: „Du findest an mir gut, dass ich erstens … “

Bitte auf Bewertungen und Interpretationen der Komplimente verzichten. Aber der Wertgeschätzte darf nach der Wiederholung gezielt Fragen an den Sprecher stellen: „Was genau findest du an meiner Art von Humor so toll?“ So wird das ausgesprochene Lob weiter vertieft und konkretisiert.

Nach den allgemeinen Komplimenten bringt der Sprecher jetzt drei alltagsbezogene Komplimente zur Sprache. Was hat mir in den vergangenen Tagen besonders gut gefallen? Wofür verdient der Partner ein dankbares Lob? Es geht um die kleinen, liebenswerten Momente, wie beispielsweise folgende: „Als du gestern Abend noch aufgestanden bist, um mir eine Wärmflasche zu holen, fand ich das sehr liebevoll von dir. Zweitens hat es mich sehr gefreut, dass wir jetzt die Theaterkarten besorgt haben und du dir den nächsten Mittwochabend dafür freigeschaufelt hast. Und dann fällt mir noch der Telefonanruf von gestern Mittag ein. Mir tat es gut, dass du mich gefragt hast, wie die Sitzung am Vormittag gelaufen ist.“ Wieder gibt jetzt der Zuhörer die drei Alltagskomplimente mit eigenen Worten noch einmal wieder. Er darf auch konkret nachfragen, was genau dem Partner in der jeweiligen Situation so gut gefallen hat.

Nach dieser ersten Komplimente-Runde werden nun die Rollen getauscht. Der Gelobte ist an der Reihe, jetzt nach dem gleichen Muster drei allgemeine und drei alltagsbezogene Komplimente weiterzugeben. Der vormalige Sprecher übt sich jetzt in der Zuhörerrolle. Am Ende dieser Übung habt Ihr einander zwölf schöne, wertschätzende Dinge gesagt, die Eure Seele erwärmen und Euch einfach guttun. Nicht zuletzt habt Ihr ein Dutzend guter Gründe in den Blick genommen, warum es sich lohnt, einander zu lieben.

Notizen:

Was ist Euch konkret bei dieser Komplimente-Übung aufgefallen?


Praxis-Übung: Zeitreise in die Anfangszeit

Die einen hat Amors Pfeil getroffen, als sie sich schon eine halbe Ewigkeit kannten. Ein anderes Paar erlebte im wahrsten Sinne des Wortes die große Liebe auf den ersten Blick. Ob es nun gleich zwischen Euch funkte oder ob einige Monate mit anwachsendem Interesse ins Land gingen – es gab gute Gründe für Euch beide, Euch ineinander zu verlieben.

Bitte versetzt Euch noch einmal in die erste Verliebtheitsphase zurück. Erinnert Euch an die ersten Begegnungen und Verabredungen, die Momente, in denen Ihr nicht anders konntet, als Euch ineinander zu verlieben. Welche konkreten Eigenschaften, Charakterzüge und Wesensmerkmale habt Ihr jeweils bei Eurem Partner wahrgenommen? Was genau war außergewöhnlich und faszinierend? An welchen Punkten habt Ihr gespürt, dass der andere etwas hat, was Euch fehlt?

Sprecht Euch ab, wer von seinen Verliebtheitsfaktoren zu erzählen beginnt. Bitte beschreibt mindestens drei besondere Vorzüge, die Euch ungeheuer angesprochen und angezogen haben.

„Was ich als Frau besonders faszinierend an dir fand, war … “:

1________________

2________________

3________________

„Was ich als Mann besonders faszinierend an dir fand, war … “:

1_________________

2_________________

3_________________

Der Zuhörer gibt das Gehörte jetzt mit eigenen Worten noch einmal wieder: „Habe ich dich richtig verstanden? Dir gefiel besonders … “

Tauscht jetzt die Rollen! Der Zuhörer erzählt jetzt seine Liebesgeschichte und nennt ebenfalls mindestens drei entscheidende Anziehungspunkte.

Die Gesprächsübung ruft sehr schöne Erinnerungen in Euch wach. Ihr erfahrt auch etwas darüber, was Eure Liebe in der Gegenwart neu erwärmen wird. Zeigt dem anderen wieder die faszinierenden Seiten, die damals magisch gewirkt haben, und die Chancen stehen gut, auf diese Weise erneut liebevolle Gefühle zu erwecken.

Notizen:

Was habt Ihr in Gedanken und Gefühlen wahrgenommen, wenn Ihr Euch an die Zeit des Kennenlernens zurückerinnert?



Fair streiten, aber wie?

Konflikte gehören zum Leben. Wir suchen sie uns nicht immer aus. Sie kommen auf uns zu. Spätestens nach der Verliebtheitsphase lernen sich Liebespartner auch als Konfliktpartner kennen. Zwangsläufig treten Meinungsverschiedenheiten und Interessenkonflikte auf. Es wäre fahrlässig zu glauben, in der Liebe liefe immer alles rund und harmonisch. Die Beziehungsrealität beinhaltet jede Menge Reibungspotenzial. Es beginnt damit, dass zwei sehr unterschiedliche und oft auch gegensätzliche Charaktere dauerhaft miteinander klarkommen müssen. Jeder bringt zudem seine eigene Geschichte mit, hat Erfahrungen, Ängste und persönliche Empfindlichkeiten im Gepäck. Männer ticken zudem ganz anders als Frauen, sodass es auch zu geschlechtsspezifischen Missverständnissen kommen wird. Sie reden, denken und fühlen manchmal völlig unterschiedlich und aneinander vorbei.

Es können sich aber auch äußere Faktoren belastend auf die Beziehung auswirken, wie beispielsweise eine angespannte finanzielle Situation oder das Verhältnis zu den Eltern des Partners. In der Liebe erwarten uns also vielfältige Konfliktherde, die es zu bewältigen gilt. Deshalb brauchen beide eine faire Streitkultur, die sie in die Lage versetzt, Brücken der echten Verständigung über alle Unterschiedlichkeiten hinweg zu bauen. Gute Kommunikation und reife Konfliktfähigkeit funktionieren wie ein Reißverschluss, der zwei Seiten immer wieder neu zusammenbringt.

Konflikt-Flieher und Konflikt-Sucher

Ich stelle immer wieder in Paargesprächen fest, wie unterschiedlich Menschen mit dem Thema „Konflikte“ umgehen.

Da sind zunächst einmal die Konfliktscheuen. Sie erleben jede Auseinandersetzung als bedrohlich. Sie haben in ihrem Denken und Fühlen eine große Angst abgespeichert, abgelehnt und nicht mehr geliebt zu sein, wenn es zu Streitigkeiten kommt. Um negative Gefühle zu vermeiden, gehen sie jedem Streit möglichst aus dem Weg. Entweder haben diejenigen in ihrer Familie keine offene Streitkultur erlebt oder es ging so heftig in Auseinandersetzungen zur Sache, dass sie sich geschworen haben, in der eigenen Partnerschaft ganz anders miteinander umzugehen. Sie fliehen die Auseinandersetzung, indem sie sich ins Schweigen zurückziehen oder aufgetretene Probleme verharmlosen. Die heimlich ersehnte Harmonie in der Beziehung erweist sich aber auf Dauer als brüchig. Was unter den Teppich gekehrt wird, wird früher oder später zur Stolperfalle. Unerledigte Streitthemen holen die Beziehung im Alltag wieder ein. Sie schmoren unter der Oberfläche gefährlich vor sich hin.

Im Gegensatz zum Konflikt-Flieher sucht der Konfliktfreudige die offene Auseinandersetzung. Er hat gelernt, dass kritische Punkte auf den Tisch der Beziehung gebracht werden müssen. Er will nichts „anbrennen“ lassen und sucht deshalb das offene Gespräch. Für ihn sind Auseinandersetzungen normal und erst einmal als nicht besonders bedrohlich anzusehen. Vielleicht wurden in der Herkunftsfamilie klare Worte gebraucht und es wurde ggf. auch leidenschaftlich miteinander gestritten. Dem Konflikt-Sucher sind verbale Auseinandersetzungen vertraut und er kann gelassener mit ihnen umgehen. Wer in der verbalen Auseinandersetzung sehr geübt ist, kann allerdings manchmal über das Ziel hinausschießen und den anderen verletzen. Für den Konfliktgeübten ist es nach einem heftigen Streit eher wieder gut und erledigt, während der Partner noch lange mit erlebten Verletzungen aus einem Streitgespräch zu kämpfen hat.

Ich ermutige Euch sehr dazu, offen anzusprechen, was an Konflikten im Raum steht. So groß auch die Versuchung sein mag, um des lieben Friedens willen einander zu schonen, es bringt die Beziehung nicht voran. Partnerschaften, in denen oft um den heißen Brei herummanövriert wird, drohen auf lange Sicht zu versteinern und zu erstarren. Ungeklärte Konflikte lähmen die Liebesbeziehung und verhindern, dass die Liebe sich weiterentwickeln wird. Konflikte gehören genauso zur Liebe wie Harmonie und Versöhnung.


Praxis-Übung: Druck und Gegendruck

Ihr steht Euch mit einem Abstand von einem Meter gegenüber. Legt Eure Handflächen jeweils gegen die des Partners. Einer beginnt spielerisch, etwas Druck über die Handflächen auf sein Gegenüber auszuüben. Der andere reagiert darauf so, wie ihm zumute ist. Der wechselseitige Druck kann erwidert, verstärkt oder abgeschwächt werden. Experimentiert mit Euren Energien und beobachtet, was genau mit Euch in der Interaktion passiert.

Wer setzt wann dem anderen etwas entgegen? Wie viel Druck wird als angenehm erlebt? Wann genau wird es unangenehm?

Teilt Euch alle Beobachtungen mit und unterhaltet Euch darüber, in welchen Bereichen der Partnerschaft ein Zusammenspiel von Druck und Gegendruck vorkommt!

Gute Gründe, Auseinandersetzungen offen und fair auszutragen

Wenn Ihr Konflikte und Streitthemen angeht, muss das nicht zwangsläufig zu negativen Gefühlen und Kränkungen führen. Konflikte bergen viele Chancen. Was Ihr gewinnen könnt, wenn Ihr Euch zusammensetzt, um Euch mit Problemen auseinanderzusetzen, macht die folgende Zehn-Punkte-Auflistung deutlich:

1 Wer mit dem Partner spricht und streitet, bleibt in Beziehung. Streiten verbindet.

2 Im Konflikt ist jeder Partner herausgefordert, seinen eigenen Standpunkt zu finden und zu vertreten. Ich werde mir selbst klarer darüber, was ich will und was ich nicht will.

3 Eine offene Auseinandersetzung kann genügend Druck auf- bauen, damit sich etwas positiv verändert.

4 Konflikte zielen auf Problemlösungen und eine Weiterentwicklung der Partnerschaft.

5 Im Streitfall lernt Ihr Euch noch besser kennen, mehr als nur Eure Schokoladenseiten. Ihr erkennt deutlicher, was Euch jeweils besonders wichtig ist. Eure verletzlichen Seiten kommen zum Vorschein.

6 Konflikte können neue, ungeahnte Kreativität fördern. Sie ermutigen Euch, festgefahrene Verhaltensweisen zu verlassen und nach neuen Lösungsmöglichkeiten Ausschau zu halten. Wenn etwas in der Beziehung nicht gut funktioniert, probiert, es anders zu machen.

7 Meinungsverschiedenheiten werden ausdiskutiert und Entscheidungen sorgfältiger überdacht, bevor Ihr Euch für eine Lösung entscheidet.

8 Ein echter Streit beinhaltet die Chance einer echten Versöhnung. Nur wer leidenschaftlich ringt, kann sich wieder liebevoll in die Arme schließen.

9 Konflikte lehren Euch, erlittene Kränkungen auszusprechen und um Verzeihung zu bitten.

10 Ein ehrlich ausgefochtener Streit kann sogar Spaß machen. Als ein „Krimi für zwei“ produziert er Spannung und sorgt für Adrenalin.


Fragebogen zur partnerschaftlichen Streitkultur

Der folgende Fragebogen soll Euch vor Augen führen, inwieweit Konflikte in der Beziehung schnell zu eskalieren drohen und wie man von negativen Gefühlen im Streit überwältigt werden kann.

Welche der nachfolgenden Aussagen trifft auf Dich zu, welche nicht?



Auswertung: Jede zutreffende Aussage ergibt einen Punkt.

0 – 5 Punkte:

Ihr seid für Eure Konfliktkultur zu beglückwünschen. Ihr besitzt die Fähigkeit, Auseinandersetzungen zu führen, ohne in eine Abwärtsspirale negativer Gefühle hineinzugeraten. Ihr könnt unterschiedliche Standpunkte vertreten, ohne in eine feindselige Haltung zu verfallen. Es geht weitgehend mit fairen Mitteln zu. Die sachliche Auseinandersetzung steht im Vordergrund.

Ihr achtet die Grenzen des anderen mit Respekt. Missverständnisse und Kränkungen ufern nicht zu endlosen Streitereien aus. Eure Streitkultur zeichnet sich durch den Willen zur Fairness aus. Die wenigen Aussagen, die auf Euch zutreffen, könnt Ihr für Euch noch einmal thematisieren.

6 – 10 Punkte:

Negative Gefühle können in Euren Streitgesprächen schnell die Überhand gewinnen. In manchen Konflikten gelingt es Euch aber trotz hitziger Auseinandersetzung, die Kurve zu einem fairen Konfliktgespräch zu meistern. Aber gerade bei heiklen Themen geratet Ihr in einen negativen Gefühlsstrudel, der eine echte Verständigung und Problemklärung unmöglich macht. Grundlegende Kommunikationsregeln, wie der Gebrauch von Ich- statt Du-Botschaften, die Konzentration auf ein Thema, sich ausreden lassen und aufmerksames Zuhören können Eure Streitkultur in kurzer Zeit deutlich verbessern.

11 – 15 Punkte:

Konflikte arten schnell zu feindseligen Auseinandersetzungen aus. Der Streit eskaliert sehr schnell. Ihr steht in der Gefahr, respektlos miteinander umzugehen und Euch mit spitzen Bemerkungen zu kränken. Im Streit brechen alle Dämme und überfluten Euch mit negativen Gefühlen. Ihr erlebt Euch ängstlich, wütend, rachgierig, bitter, neidvoll, unverstanden, angegriffen und tief verletzt.

Möglicherweise schwelen in der Beziehung viele ungelöste Konflikte, die Euch im Streit sehr schnell einholen und ein aktuelles Problem überlagern. Ihr fühlt Euch verletzt und geht auf eine verletzende Art und Weise miteinander um. Möglicherweise dient permanentes Streiten auch dazu, Nähe und Intimität zu vermeiden. Jeder ist ärgerlich und frustriert und will den Partner deshalb nicht zu nahe an sich herankommen lassen.

Die gute Nachricht lautet: Ihr habt die Chance, eine faire Streitkultur zu erlernen und einzuüben. Wenn es mit der Zeit immer ein bisschen besser gelingt, die in diesem Kapitel angesprochenen Streitregeln zu beachten, wird sich die Atmosphäre in Eurer Beziehung nachhaltig verbessern. Voraussetzung ist die echte Bereitschaft, eingefahrene Streitmuster zu verlassen und neue zu trainieren.

So schnell kann es gehen – ein Streitgespräch mit typischen Konfliktmustern:

Thomas und Anne sind seit sechs Jahren miteinander verheiratet und Eltern des vierjährigen Jonas. Beide gehen arbeiten. Anne kommt in der Regel gegen 16 Uhr von ihrer Arbeitsstelle nach Hause, nachdem sie Jonas aus dem Hort abgeholt hat. Thomas trifft zwei Stunden später um 18 Uhr zu Hause ein. An diesem Tag hat er sich schon etwas früher freigenommen, um mit seinem Freund Peter joggen zu gehen. Nach dem Begrüßungskuss entwickelt sich zwischen ihnen ein heftiger Streit.

Anne: „Warum bist du heute schon so früh zu Hause?“

Thomas: „Du, ich wollte gleich mit Peter joggen gehen. Da hab ich früher Schluss gemacht.“

Anne: „Gut, dass ich das auch mal erfahre. Na toll. Du hättest mir wenigstens etwas davon sagen können.“

Thomas (leicht gereizt): „Jetzt mache bitte nicht gleich ein Problem daraus. Da hat Peter ausnahmsweise mal Zeit und Du fängst schon wieder an zu meckern.“

Anne (in vorwurfsvollem Ton): „Jetzt rede dich nicht wieder raus. Wenn’s nur die eine Stunde joggen wäre, würde ich ja nichts sagen. Aber gestern und vorgestern Abend warst du doch auch auf Achse. Und ich kann mich die ganze Zeit alleine um Jonas kümmern.“

Thomas: „Jetzt geht das schon wieder los. Ich weiß ja, dass du mir nichts gönnst!“

Anne: „Und du hast mal wieder überhaupt nicht verstanden, worum es geht. Ist doch typisch für dich.“

Thomas: „Ich weiß, ich mache sowieso alles falsch! Da kann ich mal früher aus dem Büro raus und du regst dich immer gleich so auf.“

Anne: „Ich rege mich auf, wenn ich mich aufregen will. Was dagegen?“

Thomas: „Dabei hast du doch immer schon um halb vier Schluss.“

Anne: „Ach, hör mir doch auf damit. Du denkst doch immer nur an dich. Und wenn ich dich mal brauche, dann … “

Thomas: „Was dann …?“

Anne: „Genau wie dein egoistischer Vater!“

Thomas (ironisch): „Das sagt ja gerade die Richtige. Deine Psycho-Eltern haben aber alles richtig gemacht!“

Anne (ebenso ironisch): „Du bist so was von gemein. Rede doch noch lauter, damit Jonas auch alles mitkriegt.“

Thomas (äfft Anne nach): „Damit Jonas auch alles mitkriegt!“ Ich hab da keinen Bock drauf! Ich bin jetzt weg.“

Anne: „Und wann gedenkt der gnädige Herr zurückzukommen?“ Thomas: „Weißt du, wo meine Trainingshose ist? Liegt die noch im Bad?“

Anne (sarkastisch): „Bin ich dein Hausmädchen? Such sie dir doch selber. Und grüß Peter schön von mir!“

Thomas schnappt sich schweigend seine Trainingstasche und verlässt wortlos das Haus. Wie wird es bei den beiden weitergehen? Vermutlich klagt Thomas seinem Freund Peter sein Leid, wie ungerecht Anne sich ihm gegenüber verhält. Nach dem Jogging verspürt Thomas wenig Lust, nach Hause zu kommen. Er geht lieber mit seinem Freund noch einen trinken. Und Anne? Sie schildert ihrer besten Freundin in einem langen Telefonat, dass ihr Mann sich unmöglich verhält, egoistisch ist und sie überhaupt nicht versteht. Nach ihrem Streit ist für beide der Abend gelaufen.

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Возрастное ограничение:
0+
Дата выхода на Литрес:
22 декабря 2023
Объем:
168 стр. 48 иллюстраций
ISBN:
9783865065933
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