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Martina von Schaewen,

1961 in Stuttgart geboren, arbeitet an einer Schule für Kinder mit geistiger Behinderung und lebt mit ihren Söhnen in Freiberg am Neckar.

Nach Schattenblende ist Budschakenblut ihr zweiter Roman.

Martina von Schaewen

Budschakenblut

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2013

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.dnb.de abrufbar.

Alle Rechte bei Martina von Schaewen


Lektorat: G und G
Umschlaggestaltung: Jochem Maier
www.cms-werbung.de
Umschlagfotos: djama, leksustuss
www.fotolia.com
Autorenfoto: Helmut Pangerl
www.helmut-pangerl.de

Copyright (2013) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

1. digitale Veröffentlichung 2013 Zeilenwert GmbH

ISBN 978-3-954888-45-0

www.engelsdorfer-verlag.de

Inhalt

Cover

Titelseite

Impressum

Widmung

Einleitung - Sarata 1940

Sarata 1919

1

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Lange blieben die beiden so stehen, bis er die Umarmung auflöste, ihr einen Kuss auf die Wange drückte und sich mit den Worten:

„Denk daran, du musst dafür sorgen, dass die Sonne in deinem Herzen scheint“,

verabschiedete.

Für meine beiden Söhne

Hannes und Simon

Einleitung
Sarata 1940

Olga starrte zu dem aufgebauten Galgen gegenüber dem Gebietsamt. Morgen würden die Russen die Schlinge um seinen Hals legen. Selbst wenn Olga dann noch hier wäre, sie würde sich das nicht anschauen.

Ihr Mann riss sie aus ihren Gedanken: »Es gibt keinen Menschen auf der Welt ohne Schicksalsschläge.«

»Wir sind doch alle nur noch Nummern.« Olga hielt ihm eine Karte entgegen, auf der ihr Name und ihre Umsiedlungsnummer standen. Sie befestigte eine Schnur daran und hängte sich die Karte um den Hals.

Die beiden saßen auf ihrem Fuhrwerk, vor dem zwei Pferde angeschirrt waren.

Über dem Wagen befand sich ein halbrundes Gerüst aus gebogenen Holzstangen, darauf eine befestigte wasserdichte Plane, die vor Regen, Wind und Kälte schützen sollte.

Olga blickte auf die zwei Plakate, die am Gebietsamt aushingen: Aufruf zur Rückkehr ins Großdeutsche Reich. Eines in deutscher, das andere in russischer Sprache. Ein freiwilliger Appell an die Deutschen in den Kolonien Bessarabiens. In Sarata trieb die Angst die Menschen fort. Die wenigen, die mit dem Gedanken gespielt hatten, in der Heimat zu bleiben, kamen schnell davon ab. Ungewissheit und Furcht, die Russen könnten die Menschen in Sibirien oder Kasachstan ansiedeln, hatte auch die letzten Ausreisegegner dazu gebracht, die Umsiedlung zu beantragen.

Noch keinen Schritt bewegte sich das Fuhrwerk von der Stelle und Olga störte sich bereits an dem unbequemen, harten Holz der schmalen Bank, auf der sie saß. Sie stand auf und suchte hinten im Gefährt nach einer Decke. Ihr Mann erhob sich ebenfalls. Er stieg vom Wagen und ging auf die anderen Männer zu, die schweigend auf der Straße standen und sich Zigaretten reichten.

Die Frauen und Kinder blieben auf ihren Fuhrwerken sitzen. Auch dort herrschte eine unheimliche Stille. Die Kinder trauten sich kaum, etwas zu sagen und wenn, dann flüsterten sie. Viele der Frauen hielten Taschentücher in den Händen und wischten sich damit die Tränen ab.

Olga breitete sorgfältig die Decke auf der kleinen Holzbank aus und setzte sich darauf.

Sie erinnerte sich an den Abschiedsgottesdienst vergangenen Sonntag in der Kirche.

So viele Menschen waren bisher noch bei keinem Gottesdienst anwesend gewesen. Es hatte sich kein Platz mehr auf den Bänken, in den Gängen und auf der Treppe gefunden.

Die breite zweiflügelige Holztüre der Kirche stand offen und viele nahmen im Freien, neben den vier riesigen Säulen, oder auf der Treppe, die zur Straße führte, teil.

Die Dorfbewohner hörten zum letzten Mal die Worte ihres Pfarrers. Der Pastor konnte sich kaum aufrecht halten und stand zusammengesunken auf der Kanzel. Das lag gewiss nicht nur an seinem fortgeschrittenen Alter – er hatte vor kurzem seinen 88. Geburtstag gefeiert – sondern an den widrigen Umständen. Über viele Jahrzehnte war diese Kirche sein Zuhause gewesen. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er seine sonntäglichen Predigten so lange gehalten, bis Gott ihn von der Kanzel weg zu sich gerufen hätte.

Früher dauerten seine Gottesdienste mindestens zweieinhalb Stunden.

Mittlerweile gingen dem Geistlichen nach einer Stunde die Worte aus, was aber keinen der Kirchgänger störte.

Bei diesem letzten Gottesdienst sahen alle dem Pfarrer an, wie viel Kraft es ihn kostete, von der Kanzel herunter zu der Gemeinde zu sprechen.

Den linken Arm auf das Pult gelegt, stütze er sich ein wenig ab, während der rechte Arm hin und wieder seinen Stock in die Höhe fahren ließ. Nicht mehr so schwungvoll wie all die Jahre zuvor, seine körperlichen Kräfte waren aufgebraucht.

Seit Alois Fischer eine Gehhilfe benötigte, setzte er diese auch in den Predigten ein. So gelang es ihm, seinen Worten die nötige Bedeutung zu verleihen.

Die Haare, die er früher sorgfältig vor jeder Predigt mit Sonnenblumenöl eingerieben hatte, waren ihm ausgegangen. Sein langer Bart, ehemals grau, hatte sich in ein unbeflecktes weiß verwandelt.

Zehn Jahre war es jetzt her, als sein Körper zu schrumpfen begann. So wie sich des Pfarrers Körpergröße jedes Jahr um fünf Zentimeter verkleinerte, so erleichterte sich sein Leib jährlich eines Balastes von zwölf Kilogramm. Aus dem einstigen Kirchenoberhaupt von zwei Metern und reichlich Übergewicht war ein schmales, ein Meter fünfzig Männchen mit weniger als fünfzig Kilogramm geworden. Seine treue Haushälterin, die ihm seit Jahrzehnten diente und auch schon die 80 erreichte, änderte ihm jährlich seine Kleidung.

Viele in Sarata wunderten sich über den Umstand, dass diese Frau mit den Jahren die Masse, die ihr Dienstherr verlor, zunahm. So oft wie sie seine Kleider enger nähte, musste sie sich selbst neue schneidern.

Das einzige, das an Alois Fischer die letzten Jahrzehnte unverändert geblieben war, war seine runde Nickelbrille. Man sah ihn nie ohne Brille, obwohl er sie mittlerweile eher aus Gewohnheit, als aus Notwendigkeit auf der Nase hatte. Vorlesen ließ er sich von seiner Haushälterin.

Alois Fischer predigte immer häufiger im Sitzen. War es ihm zu anstrengend auf der Kanzel zu stehen, ließ er sich einen Stuhl vor den Altar stellen.

Oft geschah es, dass er mitten im Satz aufhörte zu sprechen und nicht mehr wusste, was er sagen wollte. Mürrisch zeigte er dann mit dem Stock auf ein Gemeindemitglied und forderte dieses dazu auf, den letzten Satz zu wiederholen.

Wer nicht im Gottesdienst bloßgestellt werden wollte, tat gut daran, während der Predigt gedanklich nicht zu weit abzuschweifen.

In ihrem ganzen Leben hatte Olga in Sarata keinen anderen Pfarrer als Alois Fischer kennen gelernt. Ihre Gottesdienstbesuche waren sehr unregelmäßig. An einem der seltenen Sonntage, an denen sie die Kirche besuchte, kam es zu einem Zwischenfall, bei dem sie immer wieder lächeln musste, wenn sie sich daran erinnerte.

Vor dem Altar auf seinem Stuhl sitzend predigte der Pastor. Unermüdlich fuchtelte er mit dem Stock in der Luft herum. Bei seinem Lieblingsthema, der Sünde, angekommen, ging seine laute Stimme in ein Brüllen über. Doch wenig später kamen aus seinem Hals nur noch heisere Wortfetzen. So wie seine Stimme weniger wurde, so ließ auch das Hantieren mit dem Stock nach.

Plötzlich, wie aus heiterem Himmel, setzte Alois Fischer seinen Stock ab und lehnte sich im Stuhl zurück. Kein Wort fand mehr den Weg aus seinem Mund. Gespannt verfolgten die Gemeindemitglieder diese Geste und warteten ab. Aus den hinteren Reihen vernahm man ein Räuspern und so manch ein Kirchgänger rutschte ungeduldig auf seinem Hintern hin und her. Der eine oder andere nutzte die Pause, um sich die Nase zu schnäuzen oder im Geiste noch einmal vergangene Erlebnisse vor seinen Augen ablaufen zu lassen. So mancher Bauer, der bereits seit dem Morgengrauen auf den Beinen war, nickte ein oder döste abwesend vor sich hin.

Als Alois Fischer seinen Stock fallen ließ und die Augen schloss, setzte in der Gemeinde eine unheimliche Stille ein. Jetzt richteten sich alle Augen auf den Pastor, der sich nicht mehr bewegte. Alle dachten dabei das gleiche. Der Bürgermeister der Gemeinde, der Schulz, drängte sich durch seine Bankreihe zum Gang und sprang rasch zu Alois Fischer nach vorne. Er stellte sich vor den Geistlichen und starrte ihn an. Dann beugte er sich über den Pfarrer und hob diesen mühelos aus dem Stuhl. Dabei hatte er sich vorher nicht überlegt, was er da eigentlich tat. Er sah sich um, wollte den Pfarrer ablegen, wusste aber nicht, wohin. So stand er einige Augenblicke mit dem Pastor in den Armen vor der Gemeinde, die immer noch erschrocken und sprachlos dem Geschehen folgte. In Gedanken überlegte der Schulz, was zu tun war, um dem Kirchenoberhaupt eine würdige Beerdigung auszurichten. So etwas konnte man nicht auf die lange Bank schieben, es musste zügig organisiert werden. In den Armen spürte er langsam die Kraft schwinden. Er schaute in die erstaunten Gesichter der Anwesenden, dann drehte er sich um zum Altar. Er entschied sich dafür, den Pfarrer dort abzulegen.

Kaum berührte der Körper von Alois Fischer die kalte Marmorplatte, öffnete dieser seine Augen. Erstaunt blickte er den Schulzen an. Dieser starrte entsetzt zurück. Einige Sekunden verstrichen, dann erfüllte ein schriller Schrei aus den hinteren Bankreihen die Kirche. Das anfängliche Murmeln und Flüstern der Gemeindemitglieder ging in lebhafte Unterhaltungen über. Alois Fischer richtete seinen Oberkörper auf und setzte sich so hin, dass seine Füße vom Altar baumelten.

Wütend schaute er den Schulzen an und zeigte auf seinen Stock, der noch neben dem Stuhl lag. Gehorsam hob der Schulz den Stock auf, reichte ihn an den Pfarrer weiter und schritt eilig zu seinem Platz zurück. Alois Fischer streckte seinen Stock in die Höhe und augenblicklich verstummte die Gemeinde.

Sichtlich erholt fing der Geistliche noch einmal am Anfang seiner Predigt an. Er ließ die Gemeinde dreimal dasselbe Lied singen und keiner wusste, ob es aus Vergesslichkeit geschah oder ob sich ein tieferer Sinn dahinter verbarg. Es war, als hätte der Geistliche vergessen, dass er immer noch auf dem Altar saß. Und keiner aus der Gemeinde traute sich, den Pfarrer zu unterbrechen und darauf aufmerksam zu machen. Jeder befürchtete bei Unterbrechungen könnte der Geistliche noch einmal mit der Predigt beginnen.

Nach dem vierten Vaterunser hintereinander – auch hier verstand keiner den Grund dafür – rutschte Alois Fischer mit seinem schmächtigen Körper langsam nach vorne, bis seine Füße den Boden berührten. Auf seinen Stock gestützt schlurfte der Pastor den Gang entlang und deutete auf zwei Männer, die gehorsam zu ihm eilten. Einer hielt dem Pfarrer die Türe auf, während der andere seinen Stuhl brachte und an den Ausgang stellte. Alois Fischer setzte sich auf den Stuhl und gab jedem Einzelnen seiner Gemeindemitglieder zum Abschied die Hand.

Für die Sarataer Kirchgänger war dies ein Tag, den sie nie wieder vergessen würden. Der Gottesdienst dauerte so lange, dass sie ihren Sonntagsbraten mit den Strudeln erst zur Kaffeezeit essen konnten.

Beim Abschiedsgottesdienst dann lauschten die Menschen ergriffen den wenigen Worten des Geistlichen. Aus allen Ecken ließ sich leises Jammern und Seufzen vernehmen. Die Kinder rutschten auf den Bänken hin und her und wurden von ihren Müttern ermahnt. In dieser schicksalsschweren Stunde hatte sich Alois Fischer dafür entschieden, den Kirchenchor und die Orgel in den Mittelpunkt zu stellen. Die Gemeinde sang so ergreifend mit, dass der Geistliche hoffte, es würde den Menschen ein wenig Trost spenden.

Wenige Tage nach dem Abschied in der Kirche besuchten die Menschen zusammen mit dem Pfarrer den Friedhof. Der Weg führte sie aus dem Dorf hinaus, eine Anhöhe hinauf. Bei dem Trubel um die bevorstehende Umsiedlung hatte keiner daran gedacht, dass der Pastor diese Strecke in seinem Alter und auf seine Gehhilfe angewiesen, kaum bewältigen konnte. Anfangs schritt der Pfarrer zügig mit Hilfe seines Stockes voran, seine Gemeinde ergeben hinterher.

Kaum hatte man den Ort verlassen, stieg der Weg ein wenig an. Ohne Vorwarnung ließ sich Alois Fischer plötzlich nach hinten fallen, direkt in die Arme des Schulzen. Für einen Moment schloss der Geistliche die Augen. Als er sie wieder aufriss, begann er nach Atem zu japsen. Wie ein Maikäfer vor dem Abflug pumpte er Luft ein und aus. Seine Haushälterin rannte, so schnell es ihr Alter und ihr Umfang zuließen, herbei. Keuchend setzte sie sich auf den Boden und forderte den Schulzen auf, ihr den Geistlichen in die Arme zu legen. Seinen Kopf unter ihrem dicken Busen, wiegte sie den Pfarrer wie eine Amme einen Säugling hin und her. Sein hektischer Atem beruhigte sich und er schloss lächelnd die Augen. Die anschließenden Minuten kamen den Umstehenden wie eine Ewigkeit vor. Unvermittelt riss der Pastor die Augen wieder auf und befreite sich aus den Armen dieser Frau. Zwei kräftige Männer halfen ihm dabei und stellten ihn aufrecht hin. Alois Fischer griff nach seinem Stock, schwang ihn in die Höhe, während er den Menschen ein »Voran!« zurief. Der Ortsvorsteher überzeugte den Geistlichen jedoch davon, dass es besser wäre, sich von den kräftigsten Männern des Ortes zum Friedhof tragen zu lassen. Für die Helfer war dies allerdings keine einfache Aufgabe. Nicht das Gewicht des Geistlichen forderte ihre ganze Kraft, sondern die schwungvollen Stockschläge, die der Pfarrer zum Allmächtigen in den Himmel schickte, gefolgt von unverständlichen Litaneien.

Am Friedhof angekommen, blickten viele wehmütig auf Sarata zurück.

Malerisch erstreckte sich der Weg von hier oben, eingerahmt zwischen Sträuchern und Bäumen. Von der Anhöhe sah man über den größten Teil des Dorfes hinunter, bis zur Marktstraße.

Jeder spürte die Ergriffenheit und den Schmerz des Anderen bei dem Gedanken daran, dass sie dieses Bild ein letztes Mal vor Augen hatten. Es sollte in ihrem Gedächtnis bleiben für ihre Enkel und Urenkel.

Nach stillen Minuten wendeten sich die Ersten ab und liefen auf die Gräber ihrer Toten zu. Es galt, ein letztes Mal die Gräber zu schmücken und für immer Abschied zu nehmen.

Nicht nur die Eltern und Großeltern hatten hier ihre letzte Ruhestätte gefunden, sondern auch die Urgroßeltern, die vor über 100 Jahren den Ort Sarata gründeten.

Alois Fischer stand am Grab seines Vorgängers und versuchte ein paar tröstende Worte an die Gemeinde zu richten. Der Pfarrer verabschiedete sich von seiner Gemeinde. Jetzt wurden auch die, die bisher nicht zugehört hatten, aufmerksam. Keiner verstand so richtig, was Alois Fischer redete. Nach seinen letzten Worten: »Sarata, im Tode bin ich dein!«, legte er sich zum Erstaunen seiner Gemeindemitglieder auf das Grab seines Vorgängers und schloss die Augen. Diesmal wiegte ihn die herbeieilende Haushälterin vergeblich unter ihren dicken Brüsten hin und her.

Mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen starb der Geistliche in den Armen der Frau, die jahrzehntelang treu an seiner Seite gelebt hatte.

An all das dachte Olga, während sie wünschte, dass der Transport endlich losging. Auf was wartete man noch? Sie seufzte leise und schaute auf die Nummern der Fuhrwerke. Die Wagen waren bereits in der richtigen Reihenfolge aufgestellt, denn keiner sollte unterwegs verloren gehen.

Alles in ihrem Leben erwirtschaftete musste Olga nun zurücklassen; selbst das Geld und den wenigen Schmuck, den sie besaß. Was ihr blieb, waren ein paar Decken und Kleider, wenige Fotos und Bücher.

Olgas Blick verweilte einen Moment auf dem Proviant, den sie eingepackt hatte: Gekochtes Gemüse, ein Fässchen eingelegtes Fleisch, zwei Laibe selbstgebackenes Brot. Wie weit würde es reichen?

Ihre Gedanken an zu Hause, an die vielen Dinge, die in der Stube lagen, wurden gestört durch das Läuten der Kirchenglocken, welches nun einsetzte.

Aus einem entfernten Planwagen hörte man eine Frau, die das Heimatlied anstimmte.

Viele folgten der Aufforderung und sangen mit. Aufgewühlt und ergriffen hörten sich die Worte an:

Gott segne dich, mein Heimatland!

Ich grüß` dich tausendmal,

Dich Land, wo meine Wiege stand,

Durch meiner Väter Wahl!

Du Land, an allem Gut so reich,

Ins Herz schloß ich dich ein;

Ich bleib` dir in der Liebe gleich,

Im Tode bin ich dein!

So schirme, Gott, in Freud und Leid

Du unser Heimatland!

Bewahr der Felder Fruchtbarkeit

Bis hin zum Schwarzmeerstrand!

Erhalte du uns deutsch und rein,

Send` uns ein freundlich Los,

Bis wir bei unsern Vätern ruhn

Im heimatlichen Schoß!

Olga faltete die Hände in ihrem Schoß. Sie schloss die Augen und spürte Tränen an ihren Wangen hinunterkullern. Die Lippen fest zusammengepresst, blieb ihr Mund verschlossen. Kein Ton kam aus ihrem Hals.

Selbst die Pferde an den Fuhrwerken spürten diese Traurigkeit. Aufgeregt wieherten sie, als könnten sie die Abfahrt kaum erwarten.

Langsam setzte sich die Wagenkolonne in Bewegung.

Olga vernahm ein Bellen, das näher kam und lauter wurde. Ohne ihren Kopf zu drehen, schielte sie mit den Augen zur Seite und sah einen Hund neben dem Wagen herspringen.

»Sabaka, du kannst nicht mit«, murmelte Olga.

»Schau nicht zurück«, hörte sie ihren Mann leise sagen.

Nein, sie würde nicht zurückblicken, nicht einmal für einen winzigen Moment. Ihrer Heimat beraubt, einer ungewissen Zukunft entgegen – ein Blick zurück würde alles nur noch schlimmer machen, kam es ihr in den Sinn.

Langsam kroch die Kolonne die kleine Anhöhe hinauf, die aus dem Ort hinausführte. Olga spürte, dass sie doch noch ein letztes Mal zurückblicken musste. Sie sah die Straße hinunter, die bis zum Fluss reichte. Rechts und links davon standen niedere, weißgetünchte Steinmauern, hinter denen sich die Bauernhäuser mit den großen Höfen befanden.

Die Mauern und die Häuser wurden immer kleiner. Nur der Kirchturm mit seiner runden Kuppel und dem Kreuz darauf überragte noch die Dächer des Dorfes. Aber bald war auch das Kreuz der Kirche verschwunden.

Olga spürte den aufkommenden Ostwind im Rücken. Es war, als wollte er sie schnell dem Westen zutreiben.

Sie schaute zu ihrem Mann, der seine Tränen nicht verbergen konnte.

»Es gibt kein Leben ohne Leid«, versuchte er sie zu trösten.

»Und es gibt kein Leben ohne Geheimnisse« erwiderte Olga.

Morgen hängen ihn die Russen auf, dachte sie.

Sarata 1919
1

Die Zeiger der Wanduhr standen auf 18.45 Uhr. Zu früh, um ins Gasthaus zu gehen. Nie betrat er vor sieben Uhr abends die Wirtsstube.

Das hatte er mit sich selbst vereinbart. Warum, wusste er nicht.

Die Wärme in seiner Stube machte ihn ein wenig schläfrig. Langsam erhob er sich aus seinem breiten Stuhl und trat zum Fenster. Er schaute in die Dunkelheit und erkannte die Umrisse des Maulbeerbaumes im Hof. Dachte er an diesen Seidenraupenbaum, tauchten Kindheitserinnerungen vor seinen Augen auf.

Wie oft hatte er als kleiner Junge die Blätter mit den vielen Seidenspinnerraupen abgepflückt? Beobachtet, wie die Tierchen fraßen, wuchsen, sich häuteten, immer wieder, bis daraus fingerlange Raupen wurden. Oft hatte er es kaum erwarten können, bis sie sich einhüllten und irgendwann als weiße Seidenspinnenfalter ausschlüpften. Das war lange her.

Ein Jahrzehnt später erlernte er das Handwerk des Pfeifenmachers. Damals rauchten die meisten Männer den Tabak in den Pfeifen. Es musste so bis in die 80-er Jahre des letzten Jahrhunderts gewesen sein. Danach drehte man Zigaretten aus dem Blättertabak, dem russischen Papuscha. Oder man schnupfte den türkischen Mesaksude mit seinem besonderen Aroma. Wer brauchte da noch seine Pfeifen? Es lohnte nicht mehr und er entschied sich, den Beruf des Seilers auszuüben.

Immerhin arbeiteten Seiler bereits, bevor es Zieh- und Schöpfbrunnen gab. Ein sicheres Handwerk. Er stellte Stricke und Seile her, die zum Wasserschöpfen gebraucht wurden und zum Festbinden und Halten der Tiere. Arbeit hatte er genug. Schließlich kam jeder im Ort auf die Dienste eines Seilers zurück.

Sein Freund war ebenfalls Seiler gewesen. Sie hatten nicht nur gut miteinander gearbeitet, sie waren auch oft zusammen auf die Jagd gegangen.

Er musste lächeln, als er sich an die letzte Wolfsjagd um die Jahrhundertwende erinnerte. Noch heute sprachen manche davon, dass es zwei Seiler gewesen waren, die den Wolf erledigt hatten. Damit es alle im Dorf erfuhren, hängte man das tote Tier an einem Baum auf, oder man legte den Wolf auf die Hofmauer vor der Dorfkanzlei, so konnten auch noch die Schulkinder die Beute betrachten.

Ihren Erfolg feierten sie ausgiebig im Wirtshaus. Auf dem Heimweg mussten sie sich gegenseitig stützen. Nach so einer erfolgreichen Jagd war am nächsten Tag nicht an Arbeit zu denken.

Es war eine schöne Zeit und die beiden begannen, täglich ein paar Gläschen Wein oder Schnaps nach der Arbeit zu trinken. Später wählten sie nicht mehr aus zwischen Wein oder Schnaps, sondern tranken beides. Stets fühlte er sich wohl in der Nähe seines Freundes. Wie oft waren sie gesellig zusammen in der Wirtsstube gesessen, ohne viel zu reden.

Bei dem Gedanken daran kamen ihm fast die Tränen. War das nicht die wunderbarste Zeit seines Lebens gewesen?

Dann passierte das schreckliche Unglück. Er trank weiter, brauchte den Alkohol, um zu vergessen. Versuchte damit seine Schmerzen, die er seither im Bein hatte, erträglicher zu machen. Wenigstens ersparte ihm das kaputte Bein den Kriegsdienst.

Manchmal glaubte er, nicht der Alkohol würde ihn töten, sondern die Einsamkeit. Im Wirtshaus war er wenigstens in Gesellschaft und konnte ein paar von seinen Geschichten mitteilen. Immer die gleichen Erzählungen, wie die mit der Wolfsjagd oder den Tauben, die nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges geschlachtet werden mussten. Es sollte der Spionage durch Brieftauben vorgebeugt werden. In Sarata, wo sich wie überall die Tauben schnell vermehrten, lag damals oft Taubenbraten und Taubensuppe auf den Tellern.

Er verspürte einen Schmerz in seinem rechten Bein, als würden unsichtbare Hände daran reißen. Bis in den Rücken breitete sich ein unangenehmes Ziehen aus. Womöglich hatte er durch das Stehen sein Bein zu lange belastet. Es kam ihm vor, als bohre sich eine spitze Klinge in seine Hüfte. Er stöhnte auf, drehte sich vom Fenster weg und schleppte sich zu seinem Stuhl zurück. Kaum saß er wieder, ließ der Schmerz nach. Erleichtert drückte er seinen Hinterkopf gegen die Stuhllehne und warf einen Blick auf die Uhr an der Wand. In einer Minute würde der Zeiger auf die zwölf springen und er könnte siebenmal dem Glockenschlag lauschen. Er hörte bis zum letzten Schlag zu, dann stand er vom Stuhl auf, löschte das Licht in der Wohnstube und schlurfte in den Flur. Dort griff er im Dunkeln nach seiner Jacke, die am Haken hing, öffnete die Türe und trat ins Freie. Fest zog er die Haustüre hinter sich zu und humpelte zum Wirtshaus, wenige Straßen weiter.

Wie immer stellte der Wirt ein gefülltes Glas vor ihm auf den Tisch und ließ ihn reden. Er war wie so oft der einzige Gast, störte sich aber nicht daran, dass ihm niemand zuhörte.

Manchmal brachte ihm der Wirt einen Teller mit Oliven und Schafskäse. So auch an diesem Abend. Ob es aus Mitgefühl oder Mitleid gegenüber seinem Stammgast war, spielte keine Rolle.

Der Himmel war voller Sterne und klar, als er das Wirtshaus verließ und sich auf den Heimweg machte. Mühsam zog er sein rechtes Bein nach. Er stöhnte leise und schaute auf seinen Atem, der aus seinem Mund austrat und in der kalten Luft deutlich zu erkennen war.

Ein komisches Gefühl überfiel ihn, je näher er an sein Haus kam. Die angelehnte Türe bemerkte er sofort.

Verwundert fragte er sich, ob er vergessen hatte, die Türe zu verschließen.

Er konnte sich nicht erinnern.

Beim Eintreten spürte er, etwas war anders. Aus der Wohnstube drang Licht in den Flur. Er zögerte, blieb stehen. Sein Atem wurde schneller, er begann zu schwitzen. Mit einem Ruck stieß er die nur halbgeöffnete Türe weit auf.

Er hörte etwas auf seinem Kopf zerbrechen und sank zu Boden. Neben seinem Kopf bildete sich eine Pfütze aus Blut. Eine Stunde später war Alfons Mayer tot.

2

Olga schaute prüfend in ihr Köfferchen, das aufgeklappt auf dem Tisch lag. Sie seufzte kurz, dann schloss sie die Augen. Bilder eines prachtvollen Festtages tauchten vor ihr auf:

Auf dem Marktplatz von Sarata feierte man sie. Sie stand auf einem Podest, neben sich den Schulzen, Karl Eberle. Olga trug ein selbstentworfenes Kleid, einem Kimono gleich, aus dunkelrotem Samt. Quasten aus hellroten Perlen verzierten ihren Ausschnitt. Der Stoff hing locker um ihren Oberkörper, war in der Taille mit einer schwarzen Kordel gebunden. Etliche Male umwickelte die Kordel den schmalen Körper Olgas. Auf Kniehöhe hatte sie an der Vorderseite ein paar Falten drapiert, so dass sie trotz der schleppenförmigen Verlängerung auf der Rückseite des Kleides bequem laufen konnte. Ihre langen dunkelbraunen Haare hingen locker über ihren Schultern. Ein winziger Hut mit weißen Gänsefedern zierte ihren Kopf, kunstvoll mit vielen Haarnadeln schräg aufgesteckt.

Karl Eberle setzte an zu seiner Rede: »Liebe Mitbürger, heute ist ein denkwürdiger Tag. Wenn ich um mich schaue, sehe ich, alle sind gekommen. Ich betone: alle. Besonders begrüßen möchte ich auch Hochwürden, Alois Fischer, der es sich trotz einer schlimmen Erkältung nicht nehmen ließ, heute und hier zu erscheinen. Eine unserer Mitbürgerinnen ...« Er drehte sich zu Olga um und nickte ihr zu. »So. Dieser Mitbürgerin gebührt heute unser ganzer Stolz.« Die Menschen klatschten begeistert. »Ich wiederhole: unser ganzer Stolz. Olga hat es geschafft, unser Sarata weit über die Grenzen des südlichen Bessarabiens hinaus ...« Eberle räusperte sich. »Über die Budschakengrenze hinaus bekannt zu machen. Und ich betone: ganz Bessarabien wird bald von ihr reden.«

Jetzt wandte er sich wieder Olga zu: »Olga, ich bin, nein, wir sind alle überzeugt davon: du wirst Russland im Sturm erobern. Wer geht dann noch nach Odessa, Moskau oder Sankt Petersburg? Die Menschen kommen hierher. In unser Sarata.« Wieder setzte begeisterter Beifall ein. Der Gemeindeschreiber, die rechte Hand des Schulzen, stand vor dem Podest und winkte seinen Vorgesetzten zu sich. Eberle beugte sich zu seinem Schreiber hinunter.

»Schulz, wir sind doch gar nicht mehr in Russland.«

»Halt den Mund! Wer redet schon von Rumänien?« Zornig richtete sich Karl Eberle wieder auf.

Die Begeisterungsrufe dauerten an, bis das Gemeindeoberhaupt die Hand hochhielt und wieder Ruhe einkehrte. »Für deine Verdienste, die in erster Linie den Frauen zugute kommen, überreiche ich dir ...« Er blickte suchend zu seinem Schreiber, der auch sogleich nach dem Korb vor seinen Füßen griff und ihn auf das Podest stellte.

»Olga, ich überreiche dir im Namen aller Bürger Saratas die goldene Nadel.« Die Männer grölten und die Frauen kreischten. Als der Schulz Olga das Präsent überreichte, ging sie ein wenig in die Knie, so schwer war die Nadel, die die Größe eines Fleischermessers hatte.

Olga öffnete ihre Augen und blickte auf ihre Hände die immer noch auf dem geöffneten Köfferchen lagen. Einen Moment dachte sie an das rote Kleid, dass sie vor ihrem inneren Auge gesehen hatte. So eines würde sie sich nähen. Aber woher sollte sie so kurz nach dem Krieg roten Samt bekommen? Bestimmt würde bald jeder außerhalb dieses Kolonistendorfes ihren Namen kennen. Ja, sie würde Russland im Sturm erobern. Aber hatte sie denn vergessen, dass ihre Heimat seit ein paar Monaten zu Rumänien gehörte? Gab es in diesem Land überhaupt eine vergleichbar schöne Stadt wie Odessa? Sie wusste es nicht.

Olga fragte sich bisweilen, was sie nun mit ihren ausgezeichneten Kenntnissen in der russischen Sprache anfangen sollte. Die rumänische Sprache interessierte sie nicht und sie hatte auch keine Lust, ihre Zeit mit dem Erlernen dieser Sprache zu verbringen.

Aber wahrscheinlich würde sie, wie die anderen auch, nicht darum herum kommen, sich ein paar Brocken dieser fremden Sprache anzueignen.

Olga klappte den Koffer zu, warf sich ihr dickes wollenes Tuch über und verließ das Haus. Draußen war es bereits dunkel. In Abständen von vier Häusern mit ihren Höfen standen lange Holzmasten mit Petroleumlampen. Die Laternen, die abwechselnd von den Hofbesitzern angezündet wurden, beleuchteten die breite Straße spärlich.

Olga bemerkte, dass sie vergessen hatte, ihre Handschuhe mitzunehmen. Um ihre Hände zu wärmen, umklammerte sie den Koffer mit beiden Armen vor ihrem Bauch. Unter ihren Stiefeln spürte sie den gefrorenen Boden. Trotzdem zeigte sie keine Eile, als sie von der Marktstraße auf den Marktplatz zuging. Aufrecht, den Kopf stolz gerade gehalten, setzte sie einen Schritt vor den anderen. Sie dachte daran, dass in diesem Köfferchen, das sie wegen der Kälte noch stärker an ihren Bauch drückte, ihre Zukunft liegen würde. Zumindest in diesem Augenblick war sie fest davon überzeugt.

Olga spürte einen Druck in der Magengegend. Ob es daran lag, dass sie mal wieder vergessen hatte, etwas zu essen? Das war das letzte, an das sie jetzt denken durfte! Und außerdem wie konnte man bei so einer wichtigen Angelegenheit auch nur einen Gedanken ans Essen verschwenden?

Sie überquerte den Marktplatz, da tauchte vor ihren Augen die Kirche auf. Kaum ging sie an der Kirche vorbei, waren es nur noch wenige Meter, bis sie ihr Ziel erreichte. Das Gebäude, in dem sich der Sarataer Frauenverein regelmäßig traf. Hauptsächlich in den Wintermonaten war der Raum gefüllt mit Frauen, die ihren Handarbeiten nachgingen. Es wurde gestrickt, genäht und gehäkelt für den jährlichen Verkauf. Der Erlös kam der Barmherzigkeitsanstalt, dem Alexander-Asyl, den Kranken und Alten zugute.

Olga schaute um sich und vergewisserte sich, dass sie alleine war. Dann trat sie hinter einen Busch und spähte durch ein Fenster ins Innere des Raumes. Die Tische waren besetzt mit Frauen, die redeten und lachten, während ihre Hände keine Ruhe fanden zwischen den Nadeln und der Wolle. Die einen unterhielten sich laut über die bessarabische Küche, während andere von den Opfern die der Krieg gefordert hatte, sprachen. Wieder andere wussten die neuesten Meldungen aus dem Ort und den Nachbardörfern zu berichten.

Je länger Olga den Frauen zusah, desto mehr Zweifel stiegen in ihr auf. Vielleicht sollte sie doch umdrehen und wieder nach Hause gehen.

»Poschjol« hörte Olga in der Ferne eine Männerstimme rufen und zuckte erschrocken zusammen. Es war, als hätte das russische Wort, das »Vorwärts, geh« bedeutete, Olga gegolten.

»Mein Gott, Mutter steh’ mir bei«, murmelte sie und trat hinter dem Busch hervor auf die Straße.

Entschlossen schritt Olga auf den Eingang zu, öffnete schwungvoll die Türe und ließ sie dabei versehentlich los, so dass es einen riesigen Knall tat, als die schwere Holztüre gegen die Wand schlug. Das Klappern der Nadeln versiegte und nur das Knistern des Holzes im Ofen war noch zu hören. Olga schlug ein Geruch nach Schweiß und abgestandener Luft entgegen.

»Die Türe, ich habe ... äh, ich weiß auch nicht, ...entschul...«

Aber schon wurde sie von der Frau des Küsterlehrers, die diese Abende leitete, unterbrochen: »Ach Mädchen, es ist doch nichts passiert. Komm her, hast du auch endlich Zeit gefunden, zu kommen?«

»Ja. Das heißt, eigentlich nein. Ich bin nicht zum Handarbeiten gekommen. Ich ...« Olga begann zu schwitzen und streifte ihr Wolltuch ab. »Ich habe etwas mitgebracht.« Sie legte ihren Koffer auf den Tisch. Langsam erhoben sich die Frauen und versammelten sich neugierig um den Tisch.

»Zuerst einmal möchte ich sagen ...« Olgas Stimme ging im allgemeinen Geplauder der Frauen unter.

»Was ist eigentlich in dem Koffer?«, rief eine Frau.

»Könnt ihr nicht ein wenig näher an den Tisch rücken, ich seh’ von hier aus gar nichts«, schrie eine aus den hinteren Reihen.

»Seid mal ruhig und lasst sie reden«, kam es aus einer Ecke.

»Was ist drin in dem Koffer?«, aus der anderen Ecke.

»Jetzt mach doch endlich den Koffer auf!«, schrie eine Frau von hinten nach vorne.

»Haltet doch den Mund!«

Olga merkte, wie ihr der Schweiß ausbrach.

Die Frau des Küsterlehrers kam ihr zu Hilfe und schlug mit der Hand auf der Tisch: »Ruhe! So geht das nicht. Jetzt seid alle still!« Aufmunternd nickte sie Olga zu, die dankbar zurück lächelte.

Olga räusperte sich. »Lasst mich zuerst ein paar Worte sagen, bevor ich euch zeige, was ich dabei habe.«

»Mach doch zuerst ...« kam der Einwand aus der hinteren Reihe. Ein strenger Blick der Lehrersfrau reichte jedoch aus, um die Sprecherin verstummen zu lassen.

Olga dachte einen kurzen Moment an die Schweißflecke, die sich bereits unter ihren Achselhöhlen auf dem Kleid gebildet haben mussten. »Wir alle sind froh ...« Eine Menge Spucke sammelte sich in ihrem Mund an. Olga schluckte und begann erneut: »Wir alle sind froh, dass der Krieg endlich zu Ende ist.«

Sogleich setzte ein gelangweiltes Stöhnen unter den Frauen ein. Sie blickten Olga verständnislos, manche aber auch fragend und neugierig, an.

Diese bemühte sich um eine feste und laute Stimme und fuhr fort: »Eine neue Zeit ist angebrochen. Eine Zeit, die wir nutzen sollten. Ich meine, wir Frauen.« Olga machte eine kurze Pause und schaute in zustimmende Gesichter. »Die meisten von euch sind Bäuerinnen. Ihr arbeitet nicht nur im Haus, sondern auch auf dem Hof, im Stall und im Sommer vor allem auf dem Feld.« Olga sah viele nickende Köpfe. »Wenn ihr einmal daran denkt, was ihr bei eurer Arbeit am Körper tragt, dann müsst ihr zugeben, es sind dunkle Schürzen über den Kleidern und meist schwarze Kopftücher.« Um die Wirkung ihrer Worte zu unterstreichen, legte Olga eine kurze Pause ein.

»Sollen wir jetzt keine Schürzen mehr anziehen und unsere Kleider beschmutzen?«, kam ein Zwischenruf.

»Meinst du, es macht einen Unterschied, ob wir rote oder schwarze Tücher auf dem Kopf tragen?«, fragte eine der Umstehenden.

»Bei den Ochsen im Stall vielleicht schon«, kam aus den hinteren Reihen die Antwort.

»Wen interessiert schon, was für eine Farbe unsere Tücher haben?«, fragte die Frau, die rechts neben Olga stand.

»Mein Albert daheim merkt doch nicht mal, ob ich was auf dem Kopf habe. Er merkt nur, wenn sein Essen abends nicht pünktlich auf dem Tisch steht.« Verständnislos schüttelte diese Sprecherin den Kopf.

»Was willst du eigentlich von uns?«, ertönte eine schrille Stimme aus einer Ecke.

»Sie will uns die Schürzen und Kopftücher wegnehmen«, lachte jemand hinter Olga.

»Jedenfalls möchte ich...« Olgas Stimme versagte unter dem allgemeinen Gelächter und Geschnatter der Frauen. Abermals kam ihr die Frau des Lehrers zu Hilfe: »Frauen, so geht es nicht. Ruhe bitte, lasst Olga reden.«

Olga begann erneut: »Ich will euch nichts wegnehmen. Ich will es ersetzen. Eure langweiligen Kopftücher durch etwas ersetzen, das zum einen eure Haare besser gegen Sonne und Staub schützt und euch zum anderen endlich voneinander unterscheidet. Auch die dunklen Schürzen werden ersetzt. Keine Angst, ich habe nur einen neuen Schnitt erfunden. Ein raffinierter Schnitt zusammen mit unterschiedlichen Stoffen und Mustern würde euch einmalig machen. Ich finde, keine Bäuerin sollte ein schwarzes Kopftuch tragen. Weder bei der Feldarbeit, noch bei sonst einer Arbeit. Alle reden von einem Neuanfang. Wir Bessaraberinnen machen den Anfang, in dem wir mutig Neues in der Mode ausprobieren. Keiner kann mehr behaupten, dass wir, wenn wir schon am Ende Europas leben, so doch, was die Mode angeht, fortschrittlich nicht nur mithalten, sondern vorauseilen.« Olga schaute in die Runde und sah in überraschte Gesichter.

»Jetzt will ich euch nicht länger hinhalten.« Sie öffnete langsam den Deckel des Koffers. Die umstehenden Frauen blickten neugierig und verwundert auf den Inhalt.

Ein Staunen ging durch den Raum.

»Was soll das denn sein?«, schrie eine alte Bäuerin dazwischen.

Diesmal ließ sich Olga nicht irritieren.

Behutsam stellte sie ein Drahtgestell auf den Tisch.

Die runden Drahtreihen, die in gleichem Durchmesser in die Höhe gearbeitet waren, verbanden blaue Streifen aus Stoff. Sie waren so um den Draht geflochten, dass er für den Betrachter kaum noch sichtbar war. »Was ihr hier seht, ist ein Haubenhut. Das«, Olga zeigte auf das Drahtgestell, »sind geflochtene Bänder aus Seide. An diesem Modell für den Sommer wird nur Seide verwendet, weil ihr dann bei der Hitze einen kühlen Kopf behaltet. Dieses Tuch, das von dem eigentlichen Hut, der Haube, herabhängt, schützt eure Ohren und den Nacken vor der Sonne. Hier oben an der Haube ist ein Loch, ihr werdet gleich sehen, wofür das gebraucht wird.« Olga blickte kurz zu den Frauen auf und schaute in ungläubige Gesichter. »An diesem Loch wird der Draht mit dem Stoffsäckchen hier befestigt. Ich zeig euch das gleich mal. Ach ja, auch bei den Farben des Stoffes habe ich mir etwas gedacht. Die eigentliche Haube, also das Gerüst ist blau, wie der bessarabische Himmel. Der Ohren- und Nackenschutz und das Säckchen oben sind goldfarben, wie die Ähren auf den Feldern. Ich habe es das Modell ‚Himmel und Erde’ genannt. Himmel und Erde wird aus Seide gefertigt. Im Winter habt ihr die Wahl zwischen Tschainik ...«

»Welche Frau will schon eine Tschainik auf dem Kopf tragen?«, kam es aus den hinteren Reihen. Alle im Raum wussten, dass das Wort Tschainik aus dem Russischen kam und Teekanne hieß.

Noch ließ sich Olga durch diesen Zwischenruf nicht stören. »Und es gibt noch das Modell ‚Arbuse‘.«

Gelächter machte sich im Raum bemerkbar, denn alle wussten, dass mit Arbuse die Wassermelone gemeint war.

Unsicher sprach Olga weiter: »Die beiden Modelle sind für den Winter gedacht. Tschainik soll aus schwerem Brokatgewebe sein und Arbuse aus dunkelrot eingefärbter Schafwolle. Die elegantere Variante auch in dunkelrotem Samt.« Das Gelächter war in der Zwischenzeit verebbt und Olga schaute in fragende Gesichter. »Ich meine, das mit dem Samt und dem Brokat ... Na ja, wenn es eben wieder welchen zu kaufen gibt.« Olgas Unsicherheit war wie weggeblasen und in ihrer augenblicklich aufflammenden Euphorie nahm sie die bedrückende Stille im Raum gar nicht wahr. Sie deutete die Ruhe als Zeichen der Bewunderung. Die boshaften Blicke, die sich die Frauen untereinander zuwarfen, bemerkte Olga genauso wenig wie das überhebliche Grinsen, das mancher Siedlersfrau im Gesicht stand.

Fest überzeugt von ihrem genialen Einfall des Haubenhutes machte sich Olga daran, das Modell vorzuführen.

Olga beugte ihren Oberkörper nach vorne und ließ ihre dicke Lockenmähne vorfallen. Sie umfasste ihre Haare mit einer Hand, während die andere nach einem Stoffband im Koffer griff. Kopfüber band sie die Haare zu einem Pferdeschwanz zusammen.

Dann warf sie ihren Kopf wieder zurück und griff nach ihrem Haubenhut. Sie setzte sich das Drahtgestell auf den Kopf.

Mit der einen Hand hob sie den Hut fest, mit der anderen suchte sie nach dem Pferdeschwanz und zog ihn durch das Loch oben aus der Haube heraus. Dann griff sie nach dem Stoffsäckchen, in das Draht eingenäht war. Sie steckte ihr Haarbüschel hinein und befestigte das Ende des Drahtes an dem Haubengestell.

»Euer ganzer Kopf ist so geschützt vor Dreck, Staub und Sonne. Die langen Haare in dem Stoffsäckchen könnt ihr durch den Draht in die Form biegen, die ihr haben wollt. Ihr könnt ein Nestchen auf dem Kopf machen, alles als geraden Pferdeschwanz zu einer Seite oder nach hinten biegen. Ach, ihr habt so viele Möglichkeiten. Also ihr könnt jetzt den bessarabischen Haubenhut bei mir bestellen und ich mach mich sofort zu Hause an die Arbeit. Allerdings noch nicht die Modelle Tschainik und Arbuse. Aber Himmel und Erde auf jeden Fall.« Zufrieden nahm Olga das Drahtgestell wieder vom Kopf, befreite den Pferdeschwanz aus dem Säckchen und entfernte das Band. Sorgfältig legte sie alles zurück in den Koffer. »Was meint ihr, eure Männer ...«

»Unsere Männer schlagen uns so was ohne viel Worte vom Kopf, dann hat sich das mit dem Haubenhut erledigt.« Wohl ein ernstzunehmender Einwand, der von hinten kam.

»Olga, was glaubst du, was mein Alfred sagt, wenn ich mit Tschainik, Arbuse oder Himmel und Hölle auf dem Kopf nach Hause komme?«, fragte eine Siedlerfrau, die gegenüber von Olga am Tisch stand.

»Das Modell heißt Himmel und Erde«, verbesserte eine Andere.

Aus einer Ecke schrie eine Bäuerin durch den Raum: »Olga, da fehlen noch die Pfauenfedern oben drauf.«

Neben Olga ergriff jemand das Wort: »Haubenhut! So ein Blödsinn. Wer traut sich schon mit so einem Aufbau rumzulaufen und dann noch bei der Arbeit! Wenn wir so rumlaufen und die Fremdstämmigen sehen das, was meint ihr wohl, was die denken? Die halten doch alle Bessaraber für meschugge!«

Hinter Olga zischte ihr eine Frau böse ins Ohr: »Olga, vielleicht solltest du auch mal auf dem Feld arbeiten. Täte dir sicher gut. Dann hättest du nicht so unglaubliche Einfälle. Du solltest deine Zeit mit richtiger Arbeit ausfüllen. Näh Kleider, strick Pullover. Aber so was, ... Die bessarabische Bauersfrau mit Haubenhut!«

»Stellt euch vor, wir stehen auf dem Feld und haben diese Drahthauben auf dem Kopf. Und jetzt denkt an die schrecklichen Gewitter im Sommer. Da ist doch so ein Hut wie eine Todesfalle. Hast du das auch schon überlegt, Olga?«

Olga hörte nicht mehr hin. Sie hatte den Koffer bereits geschlossen und griff nach ihrem Tuch, das danebenlag. Eine kräftige Frau lehnte sich zu Olga über den Tisch und zischte böse: »Was kann man schon von einer Illg, die einen Idler zum Großvater hatte, erwarten. Die Mutter war immer so stolz.«

»Amalie hör auf«, wurde sie von der Küsterlehrersfrau aufgefordert.

Aber Amalie Müller kümmerte das wenig. »Das weiß doch jeder, dass sich die Katharina Illg immer für was Besseres gehalten hat.« Amalie kam mit ihrem Gesicht ganz nahe an Olga. Ihre Augen funkelten böse: »Ha, wie die immer durch Sarata stolziert ist.«

Olga konnte den schlechten Atem der Frau nicht ertragen und wich zurück.

Wieder war es die Frau des Lehrers, die sich einmischte: »Olga, wir wissen doch, ...«

Olga hörte ihre Worte nicht mehr. Sie rannte mit ihrem Koffer und ihrem Wolltuch in der Hand auf die Straße hinaus.

Ohne anzuhalten lief sie schnell nach Hause.

In der Bachstraße angekommen, stürzte sie keuchend in die Küche. Ihre Schwester Berta saß am Küchentisch und war gerade dabei, die restlichen Pfannkuchen vom Mittag zu essen. Als sie Olga so außer Atem mit verheultem Gesicht sah, schluckte sie, ein Stück Pfannkuchen im Mund, ohne zu kauen hinunter. »Mein Gott Olga, was ist denn passiert?«

Olga warf ihren Koffer in die Ecke und ließ sich auf einen Stuhl fallen. »Ich hätte auf dich hören sollen. Es war so, so schrecklich. Warum hab ich nicht auf dich gehört?« Olga rannen die Tränen über die Wangen. Vor lauter Wut weinte und schluchzte sie hemmungslos.

»Diese Amalie Müller, diese Maschka! Eine Baraska ist das, ein Durak!«

Berta verstand diese Schimpfworte gut. So bedeutete Maschka eine dicke Frau, Baraska eine in ihren Arbeiten langsame Frau und Durak einfach Dummkopf.

Berta versuchte ihre Schwester ein wenig zu trösten. »Olga, schon unsere Mutter hat sich in diesen Dingen bei den Frauen hier aufgerieben.«

»Die hätte mich verstanden.«

»Die Müller war schon immer ein Weibsbild mit einer lockeren Zunge. Aber im Grunde redet sie nur gerne und viel.«

»Die stinkt so aus dem Maul.«

»Olga, jetzt hör aber auf!«

»Tschort wosmi!« Olga wiederholte die zwei Worte noch einmal in Deutsch: »Hol’s der Teufel!«

Berta reichte ihrer Schwester ein Taschentuch. Olga wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. »Diese Weiber hier sind doch alle gleich. Ich hab’ das alles so satt, ich geh’ hier fort.«

»Ich versteh, dass du enttäuscht bist. Aber wo willst du denn hin? Du gehörst hierher. Du wirst sehen, wenn hier alles wieder in geregelten Bahnen läuft, kommen auch deine Ideen an. Die Menschen sind noch verwirrt vom Krieg. Bestimmt wollen sie bald ...«

»Trinken wir einen von Großvaters Weinen oder den Nussschnaps?«; unterbrach Olga.

Berta stand auf und füllte einen Krug mit Wein. Olga ging zum Küchenschrank und holte zwei Gläser. Berta zeigte auf die drei Pfannkuchen, die noch auf dem Teller lagen. Ihre Schwester schüttelte den Kopf. Sie konnte doch nach so einer Enttäuschung keine Pfannkuchen essen. Ihr war der Appetit vergangen. Berta hingegen stopfte die Mehlspeise genüsslich in sich hinein.

Seit dem Tod der Mutter nahm Bertas Körper von Woche zu Woche rundlichere Formen an. Während Olga stetig schmäler wurde und manchmal vergaß, dass sie noch nichts gegessen hatte, schaufelte sich Berta aus Kummer alles Essbare, das sie erwischen konnte, in den Mund.

Nach zwei Gläschen Wein ging Berta zu Bett. Olga blieb noch solange in der Küche sitzen, bis kein Tropfen von dem Wein mehr im Krug war. Dann stand sie auf und ging in die Kammer ihrer verstorbenen Mutter.

Jedes Mal, wenn sie diesen Raum betrat, war es, als bliebe ihr Herz einen kurzen Moment stehen. Sie sah dann vor sich auf dem Bett die tote Katharina liegen.

Weder Olga noch ihre Schwester hatten es bisher geschafft, in Katharinas Kammer etwas zu verändern.

Olga stellte die Petroleumlampe auf der Kommode ab. Sie griff zu einem gerahmten Foto das die Mutter und den Vater auf deren Hochzeitsreise zeigte. Olga nahm das Foto und blickte in den kleinen Spiegel, der über der Kommode hing. Sie begann, ihr Äußeres mit dem Katharinas zu vergleichen. Sie war das Ebenbild ihrer Mutter.

Die gleichen braunen schulterlangen Locken, die gleiche zarte Gestalt, den schmalen Körperbau, der fast zerbrechlich wirkte. Der einzige Unterschied zwischen Mutter und Tochter waren die Augen. Katharinas Augen waren strahlend blau gewesen, während Olga unterschiedliche Augenfarben hatte. Eines war leuchtend blau und das andere strahlend grün. Olga seufzte, da hatte sich wohl der Herrgott nicht entscheiden können.

Jeder, der Olga und Katharina kannte, hatte stets betont wie ähnlich sich die beiden auch in ihrem Wesen waren. Die gleichen Interessen, der gleiche Starrsinn, um ein Ziel zu erreichen, die gleiche Verletzlichkeit. Beinahe so, als wären sie eine Person.

Olga öffnete die oberste Schublade der Kommode und holte eine große Schere heraus.

Sie grinste sich im Spiegel an. »Was brauchen wir Weiber einen Haubenhut! Wir schneiden uns einfach die Haare ab!« Sie hob einen dicken Haarschopf in die Höhe und schnitt ihn mit einem Ruck ab. Je schneller sie schnitt, desto besser wurde ihre Laune. Als keine Locke mehr bis zur Schulter reichte, legte sie die Schere zurück, lief in die Küche und kam mit einem Glas Nussschnaps zurück. Lachend prostete sie ihrem Spiegelbild zu und kippte den Schnaps in einem Zug hinunter.

Dann griff sie zur Lampe und beleuchtete die abgeschnittenen Locken, die auf dem Holzboden lagen.

»Tschort wosmi«, lachte sie und schloss die Tür der Kammer hinter sich.

Berta hatte bereits das Haus verlassen, als Olga am nächsten Morgen aufwachte. Einen Augenblick wusste Olga nicht, ob sie alles nur geträumt hatte, oder ob die Ereignisse des gestrigen Abends wirklich stimmten. Sie fasste sich auf den Kopf und merkte sofort, dass ihre Haare abgeschnitten waren. Es war kein Traum gewesen. Der Kopf tat ihr weh. Lag es an der Bloßstellung mit dem Haubenhut oder an dem Wein und Schnaps, den sie getrunken hatte? Olga entschied sich für das Erstere. Wie sollte man bei so verbohrten Budschakenweibern keine Kopfschmerzen bekommen? Aber sie wollte nicht mehr daran denken. Bald schon würde sie nach Sankt Petersburg gehen und ...

Olga stöhnte leise, als sie aufstand. Langsam ging sie in die Küche und kochte sich einen Tee. Sie füllte den Waschzuber mit kaltem Wasser aus den Eimern, die immer gefüllt neben dem Herd standen. Sie wusch sich mit dem eiskalten Wasser und steckte am Schluss noch ihren ganzen Kopf in den Zuber.

Abgetrocknet und wieder angezogen, trank sie ihren lauwarmen Tee und fühlte sich besser.

Olga stellte sich mit ihrer Teetasse in der Hand ans Fenster und schaute auf den Hof.

Ihr Blick wanderte vom Stall über die letzten Schneereste, die noch vereinzelt in den Ecken lagen. Alles wirkte friedlich und ruhig. In der Ferne bellte ein Hund.

Es war Ende Februar und immer noch sehr kalt. Bestimmt freuten sich die Menschen, wenn endlich der Frühling anbrechen würde. Hoffnungsvoll sahen alle dem Jahr entgegen und sehnten sich nach den Farben der ersten Blumen und dem Duft ihrer Blüten. Der Wunsch nach Frieden nach diesem langen Krieg war vergangenes Jahr im November endlich in Erfüllung gegangen. Wäre nicht der Tod der Mutter gewesen, könnte Olga auch allem mit mehr Freude entgegenblicken.

Katharina, die jede freie Minute an ihrer Nähmaschine verbracht hatte. Katharina, in einem neuen Kleid aus blauem Seidenstoff, so blau wie ihre Augen. Elegant hatte sie darin ausgesehen, zu fein für diese Umgebung. Als Kind war es Olga manchmal unangenehm gewesen, wenn die Mutter mit ihr an der Hand in solch einer Aufmachung in den Kaufladen ging oder durch den Ort lief. Trafen die Kleine böse Blicke mancher Bäuerinnen, schämte sie sich für die Mutter. Ebenso unangenehm war es ihr, bei erstaunten oder gar aufmunternden Blicken mancher Männer im Dorf.

Die Mutter schien das nicht zu bemerken, sie schritt erhobenen Hauptes durch Sarata. Als Olga Jahre später die gleiche Leidenschaft gegenüber Stoffen und raffiniert geschnittenen Kleidern erfasste, spazierte sie ebenso gleichgültig und stolz in eigen entworfenen Modellen durch den Ort. So wie Katharina die meiste Zeit an der Nähmaschine verbracht hatte, so tat es jetzt Olga. Entweder nähte sie, oder sie ging auf den Markt Stoffe aussuchen. Auch in der Tuchfabrik war sie eine gern gesehene Kundin, die zwar anspruchsvoll war, aber auch großzügig einkaufte, wenn sie etwas fand. Nur leider gab es wenige Monate nach Kriegsende hier noch keine Auswahl an Stoffen. Hoffentlich würde sich das bald ändern.

Olga stellte ihre Teetasse ab und schaute auf die Uhr. Sie war zwar heute sehr spät aufgestanden, doch wenn es nach ihr gegangen wäre, könnte es bereits Mittag sein. Wie langsam aber auch die Zeit heute Vormittag verging, dachte sie und lauschte eine Weile dem Ticken der alten Wanduhr.

Man hatte ihr gesagt, im Laufe des Vormittags würde die Lieferung eintreffen. Vor Mittag brauchte sie nicht zu kommen. Die vergangenen drei Vormittage verbrachte Olga bereits mit Warten. Jedes Mal wurde sie enttäuscht, als sie ihre Bestellung abholen wollte und diese nicht eingetroffen war. Von Deutschland bis ans Schwarze Meer nach Bessarabien war es eben doch ein langer Weg.

Olga hörte Geräusche von außen. Jemand rannte über den Hof. Es war Berta die ins Haus stürmte.

»Sie haben mich genommen!«, rief Berta ihrer Schwester entgegen. Ihr Gesicht strahlte vor Freude und ihre Augen funkelten. Dann starrte sie entsetzt zu Olga: »Wie siehst du denn aus?«

Olga zuckte mit den Schultern.

»Na ja, ich meine nur«, Berta fasste an Olgas Haare. »Da fehlt ein ...«

»Du hast es also geschafft, gratuliere«, unterbrach Olga.

»Ich bin noch ganz aufgeregt. Es hat sich verdient gemacht, dass ich während dem Krieg im Lazarett geholfen habe.«

»Hoffentlich. Schließlich hast du dich für die vielen Verletzten bis zur Erschöpfung aufgeopfert. Es hat ja nicht mehr viel gefehlt und wir hätten dich pflegen müssen.«

»Olga, endlich!« Berta umarmte die Schwester stürmisch. »Endlich darf ich die Ausbildung zur Krankenschwester machen.«

»Du weißt auch hoffentlich, was das heißt: zwei Jahre Schülerin, zwei ...«

»Zwei Jahre Probeschwester«, unterbrach Berta. »Und danach Hilfsschwester. Wenn ich 25 bin, werden sie mich als Schwester einsegnen.« Zufrieden schaute Berta auf Olga.

»Ach Berta, ich freu mich für dich. Aber du wirst jetzt dein Leben lang in einem dunkelgrauen Kleid mit einer hellgrauen Schürze darüber rumlaufen. Dazu den braven weißen Kragen am Hals und das schlimmste: diese weiße Haube. Überleg dir das gut. Tag für Tag grau und weiß.«

»Du hast vielleicht Sorgen«, lachte Berta. »Wenn das so schlimm ist, dann frag ich mich, warum sich am Sarataer Diakonissenhaus so viel mehr Schülerinnen melden, als aufgenommen werden können.«

Olga zuckte nur mit den Schultern. Sie verstand das nicht. Krankenschwester werden konnte sie sich nie und nimmer vorstellen.

»Olga, jetzt sag schon, was hast du mit deinen Haaren gemacht?«

»Solltest du auch tun, das ist viel praktischer. Vor allem für dich, du trägst ja bald Zeit deines Lebens eine Haube.«

»Spotte nur«, meinte Berta beleidigt.

»Ach komm«, fiel ihr Olga ins Wort und umarmte die Schwester. »Es war nicht richtig von mir, das zu sagen. Hilfst du mir heute Abend, die Haare gleichmäßig abzuschneiden? Ist mir nicht so gut gelungen.«

Berta nickte. »Ich muss gleich mal zu Lydia rüber und ihr die Neuigkeit sagen.«

Bevor Olga noch etwas sagen konnte, schlug Berta bereits die Türe hinter sich zu.

Wieder schaute Olga auf die Uhr. Sie würde jetzt die Zeit nutzen und die Küche aufräumen und putzen. Damit konnte sie Berta eine große Freude machen. Berta war nämlich diejenige, die sich hauptsächlich darum kümmerte, dass Haus und Hof saubergehalten wurden und jeden Tag ein warmes Essen auf dem Tisch stand. Olga wusste gar nicht, wie es werden sollte, wenn Berta als Schwesternschülerin anfing. Dann war sie selbst wohl oder übel auch mal dran mit der Hausarbeit.

Olga stürzte sich in die Putzarbeit. Als die Wanduhr endlich zwölfmal schlug, ließ sie den Lappen einfach fallen. Sie schwang ihr Wolltuch über die Schultern und setzte einen Hut auf. Obwohl es noch Zeit war, lief sie schnell zum Marktplatz, in die Wernerstraße.

Insgeheim bangte Olga, dass sie wie die vergangenen Tage auch, mit leeren Händen nach Hause kommen würde. Hoffentlich hatte sie heute Glück und musste sich nicht wieder auf den nächsten Tag vertrösten lassen.

In Sarata gab es jetzt endlich eine Buchhandlung, die auch gleichzeitig Galanterie war. Der Buchhändler hatte ihr erzählt, dass er die erste deutsche Modezeitschrift, die Kleiderschnitte aus neuerer Zeit einführte, für die Frauen in Sarata bestellt hatte. In Deutschland kleidete man sich jetzt, nach dem Krieg, nämlich nach der Mode. Olga befürchtete allerdings, dass das in diesem Kolonistenort noch lange dauern würde. Natürlich hatte sie sich gleich als sie davon erfuhr, ein Exemplar reservieren lassen.

Olga betrat den Laden und war die einzige Kundin. Gespannt schaute sie den Buchhändler an. Der zwinkerte ihr zu und nickte mit dem Kopf. »Olga, deine Zeitschrift ist dabei, bei der Lieferung. Vielleicht brauchst du noch etwas anderes? Etwas aus der Galanterieabteilung?«

»Nein danke.«

»Vielleicht ein Tuch, oder einen Fächer? Oder etwas von den Putzwaren?«

»Danke, aber ich ...«

Der Verkäufer griff nach der Zeitschrift im Regal und reichte sie Olga, die sogleich bezahlte.

»Wenn alle Frauen hier so versessen auf die neue Mode sind, dann hat sich die Lieferung gelohnt«, rief er Olga hinterher, die bereits den Laden verlassen hatte.

Der Buchhändler ahnte nicht, dass dies seine einzige Bestellung gewesen war. Er blieb auf einem Stapel Zeitschriften sitzen, bis er sie Wochen später in seinem Ofen zu Hause verfeuerte.

Trotz der Kälte konnte Olga es nicht erwarten, die Zeitschrift erst anzuschauen, wenn sie zuhause war. Neugierig, was Deutschland in der Mode zu bieten hatte, setzte sie sich auf eine Bank am Markplatz, blätterte in der Zeitung und schaute auf die Schwarzweißbilder.

»Die moderne Frau trägt ihren Rock jetzt kürzer. Passend dazu höhere Absätze an den Schuhen. Die Auswahl an Formen und Farben sind vielfältiger. Bei den Strümpfen setzen sich hellere Farben durch. Schwarze Strümpfe dürfen in der untersten Schublade ihrer Kommode verschwinden. Meine Damen, Sie sehen, Strumpf und Schuh spielen eine wichtige Rolle in ihrem neuen Erscheinungsbild.«

Olga blätterte um.

»Hier ein ganz besonders ausgefallenes Modell des österreichischen Dirndls. Seinen Erfolg hatte es bereits im Jahre 1916. Die mutige Frau trägt die runde Büste etwas enger geschnürt und legt auch besonderen Wert auf die hohe Taille.

Der weite wadenlange Rock verhilft Ihnen dazu, an der guten Tradition festzuhalten und sich wie in besseren Zeiten zu fühlen. Denn, glauben Sie mir, meine Damen, die besseren Zeiten sind angebrochen.«

Olga blätterte ein paar Seiten weiter. Ihre Aufmerksamkeit wurde auf eine Fotografie gelenkt, die eine Frau mit kurzem Haarschnitt zeigte. Unter dem Foto stand:

»Die moderne Frau greift zur Schere: Wer in neuerer Zeit modisch mithalten möchte, schneidet sich die langen Haare ab. Vergessen Sie Ihre alten Zöpfe. Kurzhaarfrisuren setzen sich durch.«

Olga musste lächeln. Das würde sie Berta zeigen. Sie war zwar hier – wie sie oft zu Berta sagte – am Borschtsch der Welt, aber mal wieder ihrer Zeit voraus. Olga freute sich, war aber gleichzeitig enttäuscht. Wie wenig hatte ihr diese Modezeitschrift zu bieten. Die Mode aus Deutschland war für sie nichts Aufregendes. Die mitgelieferten Kleiderschnitte brauchte sie sowieso nicht. Sie fertigte selbst welche an.

Olga stand von der Bank auf und ging nach Hause.

Kaum hatte sie den Hof in der Bachstraße betreten, rannte ihr Berta entgegen. Sie fuchtelte mit einem kleinen Päckchen in der Hand in der Luft herum.

»Olga, für dich! Aus Paris!«

»Ach Berta«, Olga dachte daran, dass die Schwester sich mal wieder einen Scherz mit ihr erlaubte.

Als Berta ihr aber das Päckchen entgegen streckte, sah sie es mit eigenen Augen. Es war tatsächlich in Paris abgeschickt worden.

Sie kannte niemanden, der dort lebte. Vielleicht eine Verwechslung? Sie schaute nochmals darauf. Groß und deutlich war ihr Name zu lesen: Olga Illg.

3

»Warum müssen wir überhaupt nach Kiew fahren?« Friedrich warf einen Holzklotz in den Ofen und schaute zu seiner Mutter, die am Tisch saß und in ihre Stickarbeit vertieft war. »Jetzt fang nicht schon wieder an.«

»Ich versteh nicht, warum der alte Herr nicht nach Sarata kommt. Wenn er krank ist, können wir ihn hier am besten pflegen.«

»Der alte Herr ist immer noch dein Vater. Ich erwarte etwas mehr Respekt.« Lydia legte ihre Handarbeit auf den Tisch. »Dein Vater wünscht sich, dass wir kommen. Warum sollen wir ihm nicht den Gefallen tun? Wann hast du ihn das letzte Mal gesehen?«

Friedrich zuckte mit den Schultern.

»Siehst du, du erinnerst dich nicht einmal mehr daran. So lange ist das her. In Kiew waren wir auch nur ein einziges Mal. Da warst du ...« Lydia überlegte, aber es wollte ihr nicht einfallen, wie alt ihr Sohn damals gewesen war. »Jedenfalls werde ich deinen Vater nicht bitten, in seinem Zustand hierher zu kommen. Darüber brauchen wir nicht mehr zu reden. Wir fahren.« Entschlossen stand Lydia vom Stuhl auf und stellte sich neben ihren Sohn.

Friedrich überragte seine Mutter um zwei Köpfe. Neben ihm wirkte Lydia wie ein zerbrechliches Püppchen. Der 20-jährige sah seinem Vater sehr ähnlich. Er besaß die gleichen forschenden dunkelbraunen Augen, eine ebenso länglich schmale Gesichtsform und einen kräftigen Haarwuchs. Friedrichs Körperbau war schlank und durchtrainiert. Sein ganzer Oberkörper war muskulös, was daran lag, dass er während des Krieges im Schotterwerk und beim Straßenbau mitarbeiten musste. Auch bei Lydia im Haus und auf dem Hof erledigte er alle anfallenden körperlichen Tätigkeiten.

Wenn Friedrich im Dorf unterwegs war, entgingen ihm nicht die bewundernden Blicke der jungen Mädchen. Auch bemerkte er, wenn eines der Mädchen allzu oft seine Wege kreuzte. Lydia blieb das nicht verborgen. Insgeheim sorgte sie sich aber ein wenig darüber, dass sich ihr Sohn den Blicken der Mädchen gegenüber gleichgültig verhielt.

Friedrich war genauso intelligent wie der alte Friedrich Köhler. Ebenso wie der Vater verfügte der Sohn über eine schnelle Auffassungsgabe. Er besuchte die Wernerschule im Ort. Vom Alter her war er eigentlich kein Schuljunge mehr, aber durch den Krieg hatten die jungen Männer in Sarata einiges versäumt. Wenn Friedrich so schnell weiterlernte, wie er angefangen hatte, würde er nicht nur einen hervorragenden Abschluss machen, sondern vielleicht auch früher zur Prüfung zugelassen werden.

In Kiew, wo der alte Köhler schon seit ewigen Zeiten lebte, arbeitete er an der dortigen Universität. Sein Leben gehörte einzig und allein der altindischen Literatursprache, dem Sanskrit und natürlich der Wissenschaft. Er hatte wenig Zeit zusammen mit seiner Familie verbracht und das Leben seiner Frau und vor allem das Leben seines Sohnes waren ihm fremd. Von den seltenen Aufenthalten des alten Köhlers in Sarata hatte der Sohn nur ein ungenaues Bild. Aber er erinnerte sich daran, als er noch klein war und der Vater seinen Besuch angekündigt hatte. Da sprang die Mutter schon Tage vorher freudig und aufgeregt durchs Haus, säuberte alles und backte Kuchen. War der Vater dann da, hatte die Mutter für den Kleinen kaum noch Zeit. Packte der alte Köhler seine Koffer wieder, hüpfte der Sohn aufgeregt vor Freude durchs Haus. Endlich hatte er die Mutter wieder für sich alleine.

Die Jahre vergingen und Lydia zeigte sich vor der Ankunft ihres Mannes immer weniger euphorisch. So gelassen wie sie dem Wiedersehen entgegen sah, so ruhig verabschiedete sie ihn auch wieder. Sie hatte sich daran gewöhnt, mit ihrem Sohn alleine zu leben und gut mit ihrer Situation zurechtzukommen.

Kam der Vater doch noch auf einen Kurzbesuch nach Hause, brachte er die alltäglichen Verrichtungen und den Tagesablauf von Mutter und Sohn durcheinander.

Auch der alte Köhler spürte die Entfremdung und war es leid, sich auf seine Familie einzustellen. So wurden die Abstände zwischen seinen Besuchen immer größer, bis sie ganz ausblieben. An der gegenseitigen Wertschätzung und der Liebe zwischen Mutter und Vater änderte das jedoch nichts. Fortan verwandelte sich ihr Miteinander in eine schriftliche Korrespondenz. Zuweilen schrieben sie sich wie Frischverliebte leidenschaftliche Briefe. Zwischen den Zeilen teilten sie sich alles mit. Sie wussten mehr voneinander, als manch verheiratetes Paar im Ort, dass sich täglich sah und nichts zu berichten wusste.

Lydia band immer zehn Briefe mit einer roten Schnur zusammen und bewahrte sie unter ihrem Bett in einer Holzkiste auf.

Friedrich Köhler plagte Zeit seines Lebens ein Lungenleiden. Je älter er wurde, desto träger wurde seine Lungentätigkeit und seine Asthmaanfälle nahmen zu. Als er seiner Frau diesmal schrieb und um einen Besuch bat, ahnte er bereits den nahen Tod.

Lydia und Friedrich dachten bei ihrer Reise nach Kiew an eine schlimme Erkältung des Vaters, die sich dank Lydias Pflege während ihres Besuches bestimmt schnell beheben ließ.

Als die beiden in Kiew eintrafen, lag der alte Köhler nicht mehr in seinem Bett, sondern in einem Sarg aus Tannenholz. Seine russischen Kollegen hatten bereits alle Vorbereitungen getroffen und richteten ihm eine prunkvolle Beerdigung aus. Jeder der Professoren hielt eine Rede und würdigte die wissenschaftlichen Verdienste des Toten. Lydia konnte den Worten der Gelehrten kaum folgen, Friedrich dagegen verstand die russische Sprache ausgezeichnet. Mutter und Sohn waren damit einverstanden, den Toten dort ruhen zu lassen, wo er gelebt hatte. So wurde Friedrich Köhler die große Ehre zuteil, als einziger Professor auf dem Gelände der Universität seine letzte Ruhestätte zu finden. Der Leichnam wurde unter alten Kastanienbäumen gegenüber dem Eingang des Universitätsgebäudes begraben.

Anschließend begab man sich in den großen Saal der Universität zum Leichenschmaus. Das Mahl zum Gedenken an den Toten bot eine Vielfalt an Köstlichkeiten der russischen Küche. Auf den Tischen standen Schüsseln voll mit russischer Krautsuppe, dem Borschtsch. Daneben auf Tellern gestapelte Hefepfannkuchen, Schafskäse mit Oliven, Krautwickel mit Hackfleisch und Reis gefüllt, Kaviar, Hackgemüse aus Auberginen und Paprika, gefüllte Zucchini und Kürbisse und verschiedene Fleischpasteten. Zwischen den einzelnen Speisen standen reichlich Piroschki, die gefüllten Brötchen und Moskowski, die bekannte Moskauer Wurst.

Zuerst wussten Lydia und Friedrich gar nicht, für was sie sich entscheiden sollten. Lydia ließ sich einen Teller Borschtsch reichen und aß zwei Piroschki dazu. Friedrich dagegen aß außer von den Gemüsespeisen von allem zu viel.

Das Dessert wurde aufgetragen: Süßspeisen aus gepressten Haselnüssen oder Sesam mit Honig, eingemachtes Obst und Teigtaschen gefüllt mit Beeren oder Quark. Man reichte Erfrischungsgetränke und in silbern glänzenden Samowaren zubereiteten russischen Tee, den tschai.

Während der Mahlzeiten drehten sich die Gespräche um den verstorbenen Friedrich Köhler. Doch kaum waren die letzten Anwesenden mit dem Essen fertig, spülten alle die wehmütigen Worte und Gedanken an den Toten mit reichlich Wodka hinunter. Machorka, ein starker russischer Tabak machte die Runde.

So ging dieses traurige Zusammentreffen in ein fröhliches Abschiednehmen über.

»Die Russen verstehen es, schnell wieder ins wahre Leben zurückzukehren«, flüsterte Friedrich seiner Mutter ins Ohr. Er lehnte sich satt auf seinem Stuhl zurück und ließ sich noch einen Schnaps und eine Zigarette reichen.

Doch der russische Tabak und der Alkohol bekamen dem 20-jährigen nicht. Wenig später rannte er die Treppen im Universitätsgebäude hinauf, in die Wohnung seines verstorbenen Vaters. Der alte Köhler war der einzige Professor, der in der Universität gewohnt hatte. Hier hatte er sich einen Vorlesungssaal zu einer Wohnung umbauen lassen, mit der Begründung, zu jeder Tages- und Nachtzeit der Wissenschaft dienen zu können.

Nachdem sich Friedrich der köstlichen Speisen in seinem Magen wieder entledigt hatte, warf er sich aufs Bett und schlief sogleich ein.

Kaum war Friedrichs Stuhl neben Lydia frei geworden, setzte sich ein korpulenter, glatzköpfiger Russe mit einem Glas Wodka in der Hand zu ihr. Ungefragt goss er Lydia noch einen Schnaps ein. Dann hob er sein Glas, grinste sie an und zeigte auf sich: »Leonid.« Lydia wollte nicht unfreundlich sein, hob ebenfalls ihr Glas: »Lydia.«

Kaum hatte sie ihren Namen ausgesprochen, öffnete sich die Türe des Saals und eine Gruppe Musiker spazierte herein.

Sie stellten sich in eine Ecke des Raumes und packten ihre Instrumente aus. Für alle anderen im Saal schien an der Situation nichts besonderes. Und bevor sich Lydia noch mehr wundern konnte, setzte die Musik ein zum Kosakentanz im 2/4 Takt. Schon erhoben sich die Ersten von ihren Plätzen und tanzten den Kasatschok.

Lydia schaute erstaunt zu. Plötzlich griff Leonid nach ihrer Hand. Bevor Lydia den Mund aufmachen konnte, zog Leonid sie hinter sich her zu den Tanzenden.

Die starke Hand des Mannes und der Wodka erstickten Lydias Ablehnung bereits im Anflug. Einen Moment überlegte sie, wann sie das letzte Mal getanzt hatte. Es musste an ihrer Hochzeit gewesen sein.

Sie staunte, wie manche der Gelehrten ihre Füße zu den Seiten schwangen und weite Sprünge machten, als wären sie echte Akrobaten.

Leonid ließ Lydias Hand los und zeigte ihr, wie sie sich bewegen konnte. Anfangs scheute sie sich davor, ihren Körper kreisen zu lassen und sich der Musik hinzugeben. Ihr Partner war aufmerksam genug, um zu erkennen, dass diese Frau womöglich schnell wieder an ihren Platz zurückkehren würde. Deshalb fasste er erneut nach ihrer Hand und ließ sie nicht wieder los. Je länger er ihre zarte Hand mit der seinen umschloss, desto sicherer gab sich Lydia dem Rhythmus hin.

Leonid war ein geduldiger Lehrer und Lydia zeigte sich bald schon als begabte Schülerin. Unermüdlich hüpften sie neben den anderen Tänzern. Leonids Kondition war Lydia unbegreiflich. Sein Bauch schwabbelte auf und nieder während er in der Hocke seine Füße abwechselnd vor sich hin und her warf. Lydia hatte sich schon lange nicht mehr so lebendig gefühlt.

Leonid zog sie an sich und umschlang sie mit seinen festen Armen. Es kam ihr vor, als würde sie von einem kräftigen Bären gehalten, der sie beschützen wollte.

Was tue ich hier? Kaum bin ich Witwe, schon amüsiere ich mich, ging es ihr durch den Kopf.

Aber dieses Gefühl von Sicherheit und Wärme zog sie an. Einen Moment dachte sie, nie wieder in ihrem Leben so eine Geborgenheit spüren zu können. Lag es am Wodka, oder an diesem Mann, dass sie am liebsten in seinen Armen sterben würde? Sie drückte sich fester an seinen Körper. Es störte sie nicht, dass die Ärmel ihres Kleides auf ihrer Haut klebten. Sein nassgeschwitztes Hemd machte ihr ebenfalls nichts aus. Sie atmete seinen Duft ein. Er roch erdig-süßlich, nach Kirschen, vermischt mit seinem Schweiß. Sie mochte diesen Geruch. Leicht, jugendlich und begehrenswert fühlte sie sich. Plötzlich wusste sie, dass es genau das war, was sie in all den Jahren vermisst hatte. Dieses einzigartige und unbeschreibliche Gefühl nach Geborgenheit und Körperwärme. Einen Augenblick überlegte sie, wann ihr Mann sie das letzte Mal im Arm gehalten hatte. Sie seufzte und schloss die Augen. Leonid streichelte mit einer Hand in kreisenden Bewegungen ihren Rücken. Mit der anderen hielt er sie an sich gepresst, als wolle er sie nie wieder loslassen.

»Lass mich dieses Gefühl nie vergessen«, murmelte Lydia leise vor sich hin. Aber wie konnte sie sich so hingeben, wo sie doch gerade eben erst Witwe geworden war? Sie sollte sich schämen und diesen Mann von sich stoßen. Aber sie konnte nicht anders und legte ihren Kopf an seine Schulter, um ihm noch näher zu sein.

War sie verrückt geworden? Kaum lag der alte Köhler unter der Erde, ließ sie sich von einem Fremden anfassen. Es war wie ein Traum. Vielleicht träumte sie wirklich und würde gleich aufwachen, über alles lachen oder sich ärgern darüber, dass es nur ein Traum gewesen war. Doch es konnte kein Traum sein, ihre Haut zitterte bei jeder Berührung, sein Geruch betäubte ihre Sinne. Nie wieder wollte sie die Augen öffnen. Sie hörte seinen Atem an ihrem Ohr und wusste, würden ihre Füße versagen, er hielt sie fest. Sie spürte ein paar Tränen, die zwischen ihren geschlossenen Lidern einen Weg über ihre Wangen suchten, sich an seiner Schulter im Hemd verfingen, wo sie augenblicklich antrockneten.

Lydia bemerkte, dass sie sich nicht mehr bewegte. Wie lange schon standen sie bewegungslos auf der Tanzfläche?

Weder sie noch Leonid hörten, dass die Musiker nicht mehr spielten.

Umschlungen standen die beiden im Saal. Lydia mit geschlossenen Augen, ihren Kopf an seine Schulter geschmiegt. Leonid mit geneigtem Haupt auf ihrem Haar.

Ihre Atmung hatte einen gemeinsamen Rhythmus gefunden. Lydia spürte sein Herz schlagen und fühlte immer noch die sanften Bewegungen seiner Hand auf ihrem Rücken. Leonid küsste ihre Haare.

Die Musiker packten ihre Instrumente ein. Es wurde laut im Saal.

Lydia öffnete ihre Augen und hob ihren Kopf. Da standen sie und alle Augen im Saal waren auf die Beiden gerichtet. Lydia spürte, wie ihr das Blut in den Kopf schoss.

Sie schob sich weg von Leonid. Ihre Wangen leuchteten wie reife Tomaten, als sie zu ihrem Stuhl lief, nach ihrer Tasche griff und aus dem Saal rannte. Leonid schaute ihr erstaunt nach, dann lief er hinter Lydia her. Im Treppenhaus nahm er zwei Stufen auf einmal, als er die Treppe hinter ihr hinaufrannte. Oben holte er sie ein und griff nach ihrer Hand. Ohne sich umzudrehen, zog sie ihn hinter sich her, bis an die Türe der Wohnung ihres verstorbenen Mannes. Sie drehte sich um. Er umschlang sie mit seinen Armen und drückte ihren Körper an seinen. Dann nahm er ihr Gesicht in seine Hände und küsste sie. Lydia weinte.

Einen Tag später reisten Lydia und Friedrich ab. Ein paar Kollegen des alten Köhler brachten die beiden zum Bahnhof. Sie überreichten Lydia eine Holzkiste. Darin lagen alte Knochen. Es waren die Knochen, die der alte Köhler lange vor dem Krieg aus Sarata nach Kiew mitgebracht hatte. Lydia erinnerte sich daran, dass ihr Mann früher einmal Ausgrabungen an den Kanonenhügeln gemacht hatte. So nannten die Bessaraber die kegelförmigen Hügel auf den Anhöhen um Sarata. Das kam daher, dass die ersten Einwanderer diese Hügel für Erdaufschüttungen in Kriegen hielten und sie als praktisch zum Ausspähen der Feinde ansahen. Sie dachten damals, wenn Kanonen darauf stünden, wäre der Feind von oben herunter besser zu treffen.

Der alte Köhler hatte das alles nicht geglaubt. Er hatte Männer aus der Gemeinde dazu überredet, die Anhöhen aufzugraben. Was er gefunden hatte, waren Gräber. Die Kanonenhügel waren nichts anderes als Hügelgräber. Als Köhler die ersten Knochen ausgebuddelt hatte, veranstaltete der Schulz in Sarata ein großes Fest. Zur Erforschung hatte der alte Köhler ein paar Knochen mit nach Kiew genommen.

.

Jetzt standen Lydia und Friedrich auf dem Bahnsteig neben ihrem Koffer und einer alten Holzkiste voll menschlicher Überreste. Als sich die Russen von der Witwe und dem Sohn verabschiedet hatten, sah Lydia einen Mann auf sie zurennen. Sie erkannte Leonid, der außer Atem ihren Namen rief und ihr zuwinkte.

»Was will der denn?«, wunderte sich Friedrich.

Lydia sagte nichts. Leonid sprang auf sie zu und keuchte: »Lydia!« Er nahm ihre Hände in seine.

Friedrich schaute verblüfft zu. Er traute seinen Augen nicht, als er sah, wie der Mann seine Mutter an sich drückte und ihr nicht nur einen herzhaften Kuss auf den Mund gab. Dann schaute Leonid Lydia lange in die Augen und reichte ihr einen Briefumschlag. Er sah Friedrich an und verabschiedete sich mit den Worten: »Dein Vater sagte einmal zu mir, seine Frau würde wie eine griechische Göttin aussehen. Er hatte nicht ganz Recht damit.« Leonid blickte zu Lydia und sprach weiter: »Sie sieht nicht nur so aus. Deine Mutter ist eine Göttin.« Leonid lächelte Lydia an, die nichts verstanden hatte. Dann drehte er sich um und ging davon.

Die Rückreise war sehr unangenehm für Lydia. Zuerst musste sie sich anhören, dass ihr Sohn diesen Russen für betrunken und nicht ganz richtig im Kopf hielt. Als nächstes starb Friedrich fast vor Neugier, was wohl in dem Brief stand, den seine Mutter bekommen hatte. Da Lydia nicht im Stande war, Leonids russische Zeilen zu lesen, griff sie auf die Hilfe ihres Sohnes zurück. Sehr schnell bemerkte sie, dass dies ein Fehler war. Friedrich lachte über Leonids Worte und ereiferte sich über dieses Dickerchen, wie er Leonid nannte. Wütend riss ihm seine Mutter den Brief aus der Hand.

Ihre Augen funkelten Friedrich böse an und sie verbot ihm jedes weitere Wort während der Fahrt. Als der Zug in Sarata ankam, ärgerte sie sich immer noch darüber, dass sie so unvorsichtig gewesen war, Friedrich den Brief zu zeigen. Warum hatte sie nicht gewartet damit und Olga gebeten, ihr alles vorzulesen?

Lydia wäre nicht in den Sinn gekommen, dass sie von Kiew als Witwe mit einem Totenschein und einer Kiste voller Knochen zurückkommen würde. Aber dass sie nach Sarata zurückkehrte, Kasatschok tanzen konnte und noch den schriftlichen Heiratsantrag eines russischen Professors in der Tasche hatte, das wäre ihr nicht mal im Traum eingefallen.

Nach den vielen Ereignissen in der kurzen Zeit blieb Lydia keine Zeit auszuruhen, nachzudenken und zu trauern. Als die Gemeinde erfuhr, was geschehen war, rief der Schulz die Bürger zusammen und organisierte eine Trauerfeier zu Ehren des Verstorbenen. In der Kirche hielt der Pastor Alois Fischer eine seiner ausschweifenden Reden, bei der so mancher Zuhörer demonstrativ seine Uhr aus der Hosentasche zog. Viele der Bäuerinnen waren in Gedanken bei den Arbeiten, die es an diesem Tag noch zu verrichten gab und fragten sich, wie sie das noch alles schaffen konnten.

Es dauerte noch eine Weile bis der Pfarrer mit seiner Trauerrede zum Ende kam. Als es dann soweit war und die Menschen aus der Kirche gingen, erfuhren sie, dass sich der Schulz noch etwas ganz besonderes ausgedacht hatte. Er ließ die Gemeinde zu dem Kanonenhügel wandern, auf dem der alte Köhler gegraben hatte. Das war man schließlich dem Wissenschaftler schuldig, fand Karl Eberle. Geduldig wartete der Schulz, bis auch die Langsamsten auf dem Hügelgrab eintrafen. Er stellte sich in die Mitte und schaute zum Himmel hinauf. Seine Mitbürger wussten nicht, was das zu bedeuten hatte und taten es ihm gleich. Über ihnen hingen dunkle Wolken, die sich jeden Moment entladen konnten. Karl Eberle senkte seinen Kopf wieder und blickte zu Lydia.

»So. Wir sind heute hier, weil Friedrich Köhler ...« Unter den Menschen setzte ein Gemurmel ein, da die ersten Regentropfen vom Himmel fielen.

Der Schulz erkannte, dass er rasch handeln musste, sonst würde er am Ende alleine mit der Witwe und dem Waisen auf dem Kanonenhügel stehen. »Liebe Mitbürger, ich mache es kurz: ich ernenne den Verstorbenen Friedrich Köhler zum Ehrenbürger von Sarata.«

Er winkte dem Schreiber zu, der mit einer Tafel, an einem Holzpflock befestigt, zu ihm kam. Die anfänglich vereinzelten Regentropfen mehrten sich.

»Ich wiederhole: zum Ehrenbürger Saratas. Deshalb bekommt unser Friedrich Köhler eine Gedenktafel hier an dieser Stelle.« Eberle zeigte vor sich auf den Boden. Das Gemurmel der Menschen wurde lauter, um die Geräusche des beginnenden Regens zu übertönen. Auch der Schulz wurde lauter: »Ich betone: Gedenktafel.« Der jetzt heftige Schauer über den Zuhörern, führte dazu, dass die Ersten den Heimweg antraten.

Der Schulz sah ein, dass es aussichtslos war, die Menschen im Regen stehen zu lassen. »Wir danken euch«, er nickte Lydia zu »ich wiederhole: wir danken euch allen, dass ihr gekommen seid und Friedrich Köhler die letzte Ehre erwiesen habt. So.« Kaum sprach der Schulz die letzten Worte, standen nur noch er, mit der Tafel in der Hand, sein Schreiber, der Sohn des Verstorbenen, die Witwe und die Kiste mit den Knochen auf dem Hügel. Der Schulz drückte dem Schreiber die Tafel in die Hand und verabschiedete sich.

»Aber Schulz, was ist jetzt damit?« Friedrich zeigte auf die Kiste. Man wollte die Kiste mit den Knochen bei der Gedenkfeier neben der Tafel vergraben.

Eberle überlegte kurz, dann meinte er: »Ich glaube dein Vater hätte gewollt, dass ihr sie behaltet.« Zu Lydia gewandt sagte er: »Es ist dein Erbe. Bewahre es als Andenken auf.«

Lydia wusste nichts darauf zu sagen.

»Aber Schulz, die Gedenktafel. Die müssen wir noch anbringen«, mischte sich der Schreiber ein.

»Du hast doch den Hammer mitgebracht. Ramm sie in den Boden und dann geh nach Hause. Ich muss aufs Gebietsamt.« Der Schulz lief los und ließ die anderen Drei stehen.

Nicht über den Regen, der sich auf ihre Häupter ergoss, fluchte Friedrich auf dem Heimweg, sondern darüber, dass er die Knochen umsonst auf den Hügel geschleppt hatte. Zu Hause angekommen, entschied sich Lydia dazu, die Kiste neben die andere Kiste mit den Briefen ihres verstorbenen Mannes unters Bett zu stellen.

Lydia war so erschöpft, dass sie 24 Stunden am Stück durchschlief. Als sie aufwachte, holte sie die Kiste mit den Briefen ihres verstorbenen Mannes unter dem Bett hervor. Tausende Seiten breitete sie vor sich aus. Sie legte sich ins Bett zurück und begann zu lesen. Sie versank in den Zeilen und verlor jedes Gefühl für die Zeit. Ab und zu klopfte Friedrich und brachte ihr einen Tee, einen Teller Suppe oder ein belegtes Brot. Je länger sie las, desto mehr störten sie die Unterbrechungen durch den Sohn. Sie gab ihm auf Fragen nur noch kurze oder gar keine Antworten und verbot ihm, ständig mit Essen oder anderen Ablenkungen vor ihrer Türe zu stehen.

Sie weinte, stöhnte, hin und wieder schrie sie und Friedrich sorgte sich. War es zu lange ruhig, schlich er sich zur Türe und öffnete sie lautlos einen Spalt. Lydia lag in ihren Kissen, war kurz eingeschlafen, ein Blatt Papier zwischen den Fingern. Er legte ihr ein Stück Kuchen, das Berta gebacken hatte, auf einen Teller und stellte es mit einer Tasse Tee auf den Nachttisch.

Die Stunden die dann folgten, waren für Friedrich die schlimmsten. Lydia stieß verzweifelte Schreie aus und begann im nächsten Moment hysterisch zu lachen. Friedrich hörte sich das eine Weile an, dann hielt er es nicht mehr aus. Entschlossen schritt er in die Kammer der Mutter und stellte sich vor sie. Entsetzt blickte er Lydia an. Durch die vergossenen Tränen hatten sich hervorstehende Falten unter ihren Augen gebildet. Ihre Haare hingen glanzlos, völlig durcheinander vom Kopf herunter. Da Lydia in den vergangenen Tagen kaum Nahrung zu sich genommen hatte, traten ihre Wangenknochen deutlicher hervor, ihr Gesicht sah ausgezehrt und ihr Körper entkräftet aus. Sie lachte ihren Sohn an. Friedrich packte sie an den Schultern und schüttelte sie. Sie lachte heftiger, er wurde ratloser und besorgter. Dann ließ er sie los, setzte sich zu ihr aufs Bett und weinte. Das war für Lydia der Auslöser, der sie in die Wirklichkeit zurückholte. Sie wollte nach Friedrichs Hand greifen. Doch bevor sie ihn anfassen konnte, stand er auf und lief weg. Lydia rief ihm nach, aber er hörte ihr nicht mehr zu. Friedrich rannte aus dem Haus, in dem Glauben, seine Mutter wäre irregeworden. Er wusste sich keinen anderen Rat, als zu seinem Kameraden Karl zu laufen.

Karl Rossmann wurde bereits als Halbwaise geboren, seine Mutter starb bei der Geburt. Der Vater gab den Jungen in die Obhut der Großmutter. Der Kleine war noch nicht einmal sieben Jahre alt, da zog sein Vater in den Russisch-Japanischen Krieg. Aus der Mandschurei kehrte er nicht wieder zurück. Im Kugelhagel von Mukden ließ er sein Leben. Karl wurde im Alter von sieben Jahren zum Vollwaisen.

Seine Großmutter, Amalie Müller, zog den Jungen auf. Sie versuchte den Enkel mit der Fürsorge und Liebe einer Mutter und der strengen Hand eines Vaters aufzuziehen, so wie auch sie selbst aufgewachsen war.

Amalie Müller praktizierte in ihrer Wohnstube als Heilerin der Zahnmedizin. Auch ohne Zahnschmerzen, bei allen Krankheiten suchten die Menschen ihre Beratung. Nicht wenige weigerten sich zu den Ärzten oder ins Krankenhaus zu gehen, weil sie der alten Müller mehr vertrauten. Andere kamen zu ihr, wenn die Weißkittel keinen Rat wussten. Bei Amalie gab es für alles ein Mittelchen. Sie war zwar nicht besonders beliebt, weil sie oft eine lockere und böse Zunge hatte. Als Heilpraktikerin aber war sie über Sarata hinaus anerkannt und geschätzt. Egal wegen welcher Leiden sie aufgesucht wurde, ihre Medizin hatte noch niemandem geschadet. Sie wurde von den Leuten nur die Blütenmüllerin genannt, da sie ihre Arznei fast nur aus Pflanzenblüten zubereitete.

Von klein auf sah ihr Karl dabei zu. Er lernte, dass gegen jedes Leiden ein Kraut gewachsen war.

Er wusste früh, dass Johanniskraut auch Wundkraut, Hexenkraut oder Blutkraut genannt wurde und Baldrian auch unter Stinkwurz und Katzenkraut oder Dreifuß bekannt war. Karl lernte, dass die Heilkräuter neben ätherischen Ölen auch Bitter- und Gerbstoffe, Spuren von Vitaminen, Mineralstoffen und anderen Substanzen enthielten. Amalie nahm den Jungen mit, wenn sie am Flussufer Pflanzen suchte und er lernte von ihr, wie man daraus Tee, Saft und Tropfen zubereitete. Auch die Wirkung der verschiedenen Heilkräuter kannte er von klein auf. So wusste er, dass bei manchen Pflanzen und Blüten eine lange regelmäßige Einnahme der Tropfen nötig war um nach Wochen eine Linderung der Leiden zu erlangen.

Bei Amalie duftete es stets nach einem besonderen Aroma. Durch Wasserdampfdestillation rochen ätherische Öle aus allen Winkeln ihres Hauses. Übertraten Ratsuchende die Schwelle zu ihrem Reich, fühlten sie sich gleich wohler.

Der kleine Karl Rossmann wurde in der Volksschule für zurückgeblieben gehalten. Er tat sich mit dem Lesen und Schreiben sehr schwer und um sich nicht zu blamieren, beteiligte er sich nicht am Unterricht und sprach fast nichts. Manchmal blieb er mit seiner Schultasche an einem Tisch hängen oder stolperte über Gegenstände, die ihm im Weg waren. Seine Großmutter war die Einzige, die den Grund dafür erkannte. Sie verordnete dem Schuljungen eine Kur mit Möhrensaft. Karl wurde von Tag zu Tag gelber im Gesicht, aber seinen Augen verschaffte es keine Linderung. Amalie versuchte es mit Kamillentröpfchen, die sie ihm täglich in die Augen tropfte. Damit erreichte sie, dass Karls Augen wie bei einem Albino aussahen und anschwollen. Sie versuchte es noch mit allerlei anderen Heilkräutern, doch ohne Erfolg. Nach einigen Wochen packte sie den Jungen und fuhr mit ihm nach Kischinew zu einem Spezialisten für Augenleiden. Der Arzt verordnete dem Buben eine Brille mit zwei Zentimeter starken Gläsern. Als der Junge, ausgestattet mit seiner dicken Hornbrille, wieder die Schule betrat, ging es mit seinen Leistungen steil aufwärts.

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Дата выхода на Литрес:
22 декабря 2023
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9783954888450
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