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martin Witthöft

Verkörperter Wandel
Die Praxis der Integrativen Yogapsychologie

Impressum
© 2021 Arbor Verlag GmbH, Freiburg
Alle Rechte vorbehalten
1. Auflage 2021
Lektorat: Pascal Frank
Titelfoto: © shevtsovy/istock.com
Der Auszug der Texte aus dem Yogasutra von Patanjali, herausgegeben von R. Sriram, erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Theseus Verlags in Kamphausen Media, ISBN 978-3-89901-241-5
Umschlaggestaltung und Satz: mediengenossen.de
www.arbor-verlag.de
ISBN E-Book: 978-3-86781-368-6

Hinweis:
Alle in diesem Buch vorgestellten Übungen dienen der Gesundheitsprävention oder unterstützen die Praxis der Selbsterfahrung und Persönlichkeitsentwicklung. Die Ratschläge und Übungen in diesem Buch sind vom Autor sowie Verlag sorgfältig geprüft worden. Dennoch kann eine Garantie nicht übernommen werden.
Die Behandlung und Diagnose von Krisen und Störungen mit einem Krankheitswert sind in Deutschland ausschließlich (Fach-)Ärzt*innen, Psycholog*innen, Psychiater*innen, Psychotherapeut*innen und Heilpraktiker*innen mit einer entsprechenden Heilerlaubnis nach dem Heilpraktikergesetz gestattet.
Sollten Sie sich in einer akuten oder andauernden Krise befinden, die das Denken, Fühlen und Handeln so beeinträchtigt, dass Sie nicht mehr in der Lage sind, Ihre persönlichen Probleme zu bewältigen, wenden Sie sich bitte an Fachkräfte wie oben aufgeführt mit entsprechender Heilerlaubnis. Im Fall einer akuten Krise, in der sich suizidale Gedanken oder Handlungen aufdrängen, suchen Sie bitte eine psychiatrische oder psychosomatische Ambulanz in Ihrer Nähe auf. Eine Haftung des Autors oder des Verlags für Personen,- Sach- und Vermögensschäden ist ausgeschlossen.
Inhalt
Vorwort von Anna Trökes
Einführung
Teil I
Mitgefühl, Achtsamkeit und Pulsation (MAP): Grundhaltung und Orientierung
Prolog
Die Wissenschaft vom Sein
Drei-Farben-Weiß: Das Erscheinen von Mitgefühl, Achtsamkeit und Pulsation
Eine holistische Perspektive
Vom Yogasutra zur Psychopathologie: Eine yogapsychologische Brücke
Depression
Ängste
Teil II
Integrative Yogapsychologie: Das Absolute und das Konkrete
What You Gonna Say to the Real Me?
Kleshas in der Entwicklungspsychologie
Grundmuster der Charakteranalyse:Klesha-Reaktion auf Verletzungen in verschiedenen Entwicklungsstufen
Ein Mann Besatzung
Wir sind einander:Yoga und Beziehung
Folgen von Avidya:Eine yogapsychologische Perspektive zum Verständnis sexualisierter Gewalt im Yoga-Umfeld
Purushartha
Auf der anderen Seite
Die Alte Gestalt: Samskara – das Blockademodell der Yogapsychologie
Der andere Flügel: Pratipaksha Bhavana
Die neue Gestalt: Unterstützende Samskaras – das Ressourcenmodell der Yogapsychologie
Ressourcing: Die Quelle finden
Das Herz ist das Selbst
Herz-Geist-Yoga
Das Chakrenmodell in der Yogapsychologie:Alltag als Transformationsprozess
Svabhava und Svadharma: In den Eigenfarben des Selbst
Kaivalya: Verbundene Freiheit
Jyotismati
Teil III
Die Praxis der integrativen Yogapsychologie
MAP: Die Karten zur Selbst-Orientierung
Die Alte Gestalt: Das Auffinden biografischer Gefühle
Die Neue Gestalt: Das Auffinden der Ressourcen-Gefühle
Bhavana-Meditation
Das innere Kind und die Alte Gestalt
Embodiment: Die Verkörperung der Neuen Gestalt
Die fünf Fragen: Aufbruch in die Freiheit
Yoga entlang der fünf Fragen
Pulsation zwischen den Ressourcen
Epilog
Anhang
Dank
Literaturverzeichnis
Glossar
Über den Autor
Vorwort von Anna Trökes
Langsam spricht es sich in der westlichen Welt rum, dass Yoga noch viel mehr ist als Sonnengrüße, Armbalancen und kräftigende Standhaltungen. Nach mehreren Jahrzehnten der Körper-Übungspraxis lässt sich bei vielen Übenden ein zunehmendes Interesse beobachten, den Yoga in der Vielschichtigkeit seiner Wirkweisen verstehen zu lernen.
Warum vertreten alle Yoga-Richtungen den Anspruch, uns aus leidhaften Erfahrungen herausgeleiten zu können? Warum fühlen wir uns tatsächlich nach (fast) jeder Yogapraxis wohler und sind besser gestimmt als vorher? Was wirkt hier?
Viele Antworten auf diese Fragen finden wir in den uns überlieferten Quellentexten, wie zum Beispiel dem Yogasutra. Wenn wir – mit der Unterstützung eines erfahrenen Lehrers/einer erfahrenen Lehrerin – diesen Text studieren, werden wir verstehen lernen, wie unser Geist funktioniert und womit er sich immer wieder selbst leidhafte Erfahrungen erschafft. Es werden uns Konzepte und vor allem Methoden – in Form von Übungs-Wegen (sadhana) – angeboten, die uns zeigen, wie wir alte, beschwerende Erfahrungen hinter uns lassen können und wie bestimmte Veränderungen unseres Verhaltens zu mehr Wohlbefinden führen. Die Quellentexte können das leisten, weil sie in Indien nicht als rein philosophische Texte (eben »Yoga-Philosophie«) verstanden werden, sondern als »Atma-Vidya«, also als eine Wissenschaft (vidya) vom Selbst (atman). Im Zentrum fast aller Lehren steht die Einladung zur Entwicklung von Meta-Perspektiven (Beobachter, Zeuge, Seher, drashthu), um uns selbst zu erforschen (svadhyaya), von einer Ebene aus, die es möglich macht, unseren Wesenskern (svarupa) bzw. unser unwandelbares Selbst (purusha oder atman) zu erkennen und zu erfahren.
So geschah es, dass sich die Yogapraxis in der für sie typischen Kombination aus Körperpraxis, Beschäftigung mit den Konzepten des Atman-Vidya und der Verinnerlichung in der Reflexion oder Meditation allmählich immer mehr zu einer »Yogabasierten Psychotherapie« wurde – und damit zu dem, als was Yoga eigentlich gedacht war.
Wer so wie ich seit Jahrzehnten die Körperarbeit (asana, pranayama) und Meditation in Verbindung mit der ständigen Reflexion der Yogakonzepte unterrichtet, weiß, dass dieser Weg nur in genau dieser Vernetzung nachhaltig wirksam werden kann. Lehrerinnen und Lehrer wie ich verfügen über sehr viel Erfahrung in der Umsetzung der Konzepte und der Begleitung der Übenden auf ihrem Weg, aber wir waren lange Zeit selber dafür verantwortlich, schlüssige Theorien herauszubilden, warum der Yoga diese Wirkungen zeigt. Eine »Psychologie des Yoga« bildete sich erst langsam und vereinzelt heraus und blieb deswegen ohne Breitenwirkung.
Ich denke, das wird sich nun grundlegend ändern!
Mit »Verkörperter Wandel«, dem Buch, das uns Martin Witthöft hier vorlegt, steht uns nun endlich ein Grundlagenwerk (!) zu diesem wichtigen Thema zur Verfügung. Ein Grundlagenwerk, weil Martin sich dieses Themas wirklich grundlegend angenommen hat.
Mit großer Sorgfalt hat er Konzepte des Yoga, die sich mit unserem Gewordensein (vasanas und samskaras) und unserem aktuellen Sein und Verhalten (repräsentiert durch die Wirkkraft der kleshas) beschäftigen, zu Konzepten der modernen Psychologie wie Neuropsychotherapie, Bindungsforschung und Körperpsychotherapie, insbesondere der Biosynthese in Beziehung gesetzt.
Wir lernen verstehen, wie wir uns natürlicherweise zu einer »Gestalt« formen (bzw. durch Erziehung und gesellschaftliche Bedingungen zu ihr geformt werden), die zumeist in ihren Annahmen, Bewertungen, Glaubenssätzen und in ihren Verhaltens- und Handlungsmustern (= »alte Gestalt«) erstarrt ist. Yoga hilft uns mit seinen oft herausfordernden Praktiken wie intensives Atmen und vor allem der Meditation, dass wir uns als Erstes dessen bewusst werden und in der Folge für uns klären können, ob wir so weiterleben und weitermachen wollen – oder nicht.
Falls wir spüren, dass sich etwas in uns wandeln möchte, bietet der Yoga uns Konzepte an, die uns darin unterstützen, zu einer »neuen Gestalt« zu finden. Diese Gestalt zeigt die Wesenszüge von zunehmender Bewusstheit, Achtsamkeit, Klarheit und innerer Freiheit, aber auch von Einfühlungsvermögen, Mitgefühl und einem lebendigen Mitfließen mit den sich ständig wandelnden Strömungen des Lebens.
Diesen Prozess der Umkehr (pratipakshabhavana) und der Wandlung beschreibt Martin genau und nachvollziehbar. Er weist uns auf unsere Ressourcen hin, auf die Kraft, die sich auftut, wenn wir zu unserem eigenen Weg (svadharma) und zu unserer eigenen, authentischen Gestalt (svabhava) finden.
Wesentlich ist meiner Ansicht nach, dass er seinen Leser*innen eine Vielzahl von Übungen mit auf den Weg gibt. Die meisten dieser Übungen sind so angelegt, dass sie zu einer achtsamen und von Selbstmitgefühl geprägten Selbstreflexion einladen, die hilft, mehr Klarheit und Einsicht in das eigene Fühlen und Denken und das daraus resultierende Verhalten und Handeln zu gewinnen.
»Verkörperter Wandel. Die Praxis der integrativen Yogapsychologie« ist somit ein unverzichtbares Handbuch für Yogalehrende, Meditationslehrer*innen und vor allem für alle, die Yogalehrer*innen ausbilden. Es ist aber auch ein wertvoller Begleiter für die Yoginis und Yogis, die als Übende auf dem Yogaweg unterwegs sind und merken, dass eine Sehnsucht in ihnen sie hinausführen möchte über die stete Verfeinerung der asanas – nämlich in die Begegnung mit sich selbst.
Die Themen der Yogapsychologie sind vielschichtig, komplex und gehen oft sehr tief. Martin ist das Kunststück gelungen, diese Tiefe zu bewahren und trotzdem einen Ton zu finden, der von Leichtigkeit und Verständlichkeit geprägt ist. Dabei helfen die diversen biografischen Einschübe sehr, mit denen Martin sich uns als ein Spiegel anbietet, und seine sehr schöne, oft bildhafte Sprache.
Ich wünsche diesem reichhaltigen, so spürbar auf Erfahrung beruhenden Buch eine vielfältige, interessierte und offene Leserschaft, und empfehle es gleichermaßen gerne vom Kopf und vom Herzen.
Anna Trökes
Berlin, März 2021
Einführung
Meine erste Berufsausbildung erhielt ich auf einer Schule für zeitgenössische interdisziplinäre Kunst. Bis heute profitiere ich sehr von dieser großartigen Zeit. Unter einem Dach vereinten sich unterschiedliche Disziplinen wie Malerei, Schauspiel, Tanz und Akrobatik. In den verschiedenen Fächern lernte ich, bisher vertraute Dinge immer wieder neu und frisch zu betrachten, aber auch infrage zu stellen und zu erneuern, indem ich sie mit scheinbar Fremdem in Beziehung setzte.
Ausgelöst durch eine frühe Krise, hatte ich schon in der Kindheit begonnen, mich mit spirituellen Themen auseinanderzusetzen. So standen immer auch der Mensch, seine Verkörperung und die vielschichtige Bedeutung seiner gegenseitigen Beziehungen im Zentrum meiner gestalterischen Arbeit, der Zeichnungen, Bilder und Installationen. Existiert ein alle Menschen und Wesen verbindendender Seinsgrund? In welchem Verhältnis steht dieser zur Individualität des Menschen, seinem freien Ausdruck?
Die kreative Auseinandersetzung führte mich über eine Weiterbildung zum Yogalehrer in eine fünfjährige Ausbildung, die sich mit der »Biosynthese«, einem somatisch und tiefenpsychologisch fundierten Verfahren, befasste. Obwohl sich der Schwerpunkt meiner Tätigkeit damit verlagerte, ich immer mehr mit Gruppen, Paaren oder im Einzelsetting arbeitete, blieben das Grundthema meiner Arbeit, ihr Motiv und ihre kreative Haltung identisch.
In den folgenden Jahren entwickelte sich die Einsicht, dass Yoga und Psychologie nicht nur voneinander profitieren – sie erschienen mir wie zwei Seiten derselben Praxis. In dieser Verbindung lagen die Antworten, nach denen ich gesucht hatte, und so begann ich ihre gemeinsame Essenz eingehender zu erforschen.
Die Traditionen des Yoga lehren uns die Verbindung zum Absoluten, unsere Heimkehr in das Ganze, das All-Eine. In der Psychologie beschäftigen wir uns hingegen mit den Beziehungen im Konkreten, zu uns selbst, den Menschen, Situationen und Dingen, die uns prägen.
Die vielleicht grundlegendste Verbindung zwischen dem Absoluten und Konkreten erleben wir in den Qualitäten Mitgefühl, Achtsamkeit und lebendiger Pulsation, dem prozesshaften Sein. Das dabei entstehende Akronym »MAP« verweist auf das englische Wort für »Karte«. So wurde auch die Idee der Orientierung ein Leitgedanke des vorliegenden Buches.
Entlang dieser Linie entstand in den vergangenen 20 Jahren eine eigenständige Methode: die integrative Yogapsychologie. Mit einem breiten Repertoire an Tools und Skills bildet sie heute die Grundlage für eine ganzheitliche yogapsychologische Beratung, yogapsychologisches Coaching und Yogapsychotherapie. Sie ist zugleich eine vielseitige Inspiration für die psychologische Erweiterung des klassischen Yogaunterrichts.
MAP-Sensing steht dabei für das feine, sinnliche und zugleich zielvolle Vorgehen beim Suchen, Finden und Begleiten eines letztendlich immer prozesshaften Weges.
Damit richtet sich dieses Buch einerseits an interessierte Yogapraktizierende, andererseits – und insbesondere – aber auch an professionelle Yogalehrende, Therapeut*innen, Berater*innen etc.
Jedes der Kapitel verbindet Erfahrungen und Einsichten der alten spirituellen Traditionen mit Erkenntnissen der modernen, zeitgenössischen Psychologie. Quellentexte des Yogasutra, der Sankhya Karika oder Bhagawadgita begegnen der modernen Neuropsychologie, Körperpsychotherapie, Charakteranalyse und anderen humanistischen Ansätzen.
Die einzelnen Abschnitte und ihre Inhalte sind aufbauend strukturiert, können aber immer auch einzeln und themenbezogen gelesen und verstanden werden. Die durchgängig begleitenden Übungen erlauben die eigene praktische Erfahrung, lassen sich aber auch problemlos auf Coaching- bzw. Unterrichtssettings übertragen. Illustrierende Fallbeispiele ermöglichen zudem ein Anwendungsverständnis für die Beratung, das Coaching oder die Psychotherapie. Die Personen in den Beispielen sind fiktiv und setzen sich aus Aspekten verschiedener Fälle zusammen.
Der Text ist in drei Teile gegliedert und behandelt die integrative Yogapsychologie von den Grundlagen bis zur Praxis:
Der erste Abschnitt beginnt mit einer vergleichenden Betrachtung von Entwicklungsbiologie und den Ursprüngen des Yoga. Über die Parallelität dieser Perspektiven entsteht ein erweitertes Verständnis der Ebenen Fühlen, Denken und Handeln. Anschließend folgt eine Einführung in die Qualitäten Mitgefühl, Achtsamkeit und Pulsation mitsamt ihren spirituellen und psychologischen Dimensionen. Sie bilden die Grundlage der integrativen Yogapsychologie.
Der zweite Teil verbindet Aspekte des Yogasutra mit zeitgenössischen Erkenntnissen, insbesondere der Neuropsychologie, um ein eigenständiges, psychologisches Ressourcen- und Blockademodell zu entwickeln. Entlang der Chakren werden sieben Entwicklungsfelder vorgestellt, die eine klare Orientierung innerhalb der prozesshaften Persönlichkeitsentwicklung ermöglichen.
Im letzten Abschnitt wird der Theorieteil in die Praxis überführt. Dabei steht jeder der Übungsbeschreibungen eine begleitende Einführung zur Seite. Diese sorgfältige Einbettung ermöglicht die Erweiterung der persönlichen Übungspraxis und bildet eine verantwortungsvolle Grundlage für die Übertragung in die professionelle Arbeit mit Gruppen und Klient*innen.
Für den Erhalt einer Tradition können neue Einflüsse und Perspektiven eine große Herausforderung bedeuten. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um Kunst, Spiritualität oder Wissenschaft handelt. Nicht selten fühlen sich die Bewahrer der Tradition von den Erneuerungen bedroht. Polarisierende Konflikte sind die Folge.
Das vorliegende Buch möchte mit der Verbindung zwischen Yoga und Psychologie generell nicht reformieren und infrage stellen, sondern eine alternative, erweiterte Sicht anbieten. Dabei geht es vor allem um die Orientierung am eigenen Selbst, das immer auch ein verbundener Teil und damit Ausdruck der Gesamtheit ist.
Wenn es uns gelingt, der Intelligenz dieser gestaltenden Quelle zu vertrauen, können wir beginnen, uns von alten Glaubenssätzen, Konzepten und Ideologien zu lösen – als achtsame, mitfühlende und lebendige Wesen in einer sich beständig wandelnden Welt.
Teil I

Mitgefühl, Achtsamkeit und Pulsation (MAP): Grundhaltung und Orientierung
Prolog
Ich erinnere mich noch sehr genau an diesen Moment. Ein Jahr zuvor hatte ich meine Ausbildung zum Yogalehrer absolviert und eine weitere Ausbildung in tiefenpsychologisch orientierter Körperpsychotherapie abgeschlossen.
Unsere Tochter war gerade drei Jahre alt. Wir saßen auf dem Balkon und genossen den weiten Blick über das Tal. Die Sonne schien heiß. Ich schnitt auf einem Teller Gemüse für das Mittagessen, während sie am Tisch eines dieser wunderbaren Bilder malte.
Nach ihrer Geburt waren meine Frau und ich aufs Land gezogen, etwas abseits des Dorfes, in die Nähe eines Bauernhofs, von Wiesen und Wäldern umgeben. Jetzt im Juli war das dominante Gelb der Löwenzahnblüte schon den feinen Farben der Wiesenkräuter gewichen. Die Kühe standen auf ihrer täglichen Wanderung nah am Haus, und wir hörten ihr Schmatzen und Reißen am Gras.
Als meine Tochter von ihrem Stuhl aus über den Balkonrand zu den Kühen schaute, bat ich sie, sich nicht weiter über das Geländer zu beugen. Das sei gefährlich, sagte ich. Meist antwortete sie dann: »Ja, ja.« Ein Ja zu viel, wie ich als Vater finde. Doch dieses Mal schaute sie mich nur an und erklärte: »Du musst keine Angst haben! Jeder Mensch hat Schutzengel, die ihn bewachen.« Ich war überrascht, legte das Gemüse auf den Teller ab und fragte: »Jeder Mensch?« »Ja!«, antwortete sie, als wäre es selbstverständlich. »Jeder Mensch hat drei Schutzengel. Einen blauen, einen grünen und einen roten!« »Woher weißt du das«, fragte ich, »habe ich auch drei Schutzengel?« »Natürlich! Der blaue und der rote sitzen auf deiner Schulter.« Sie zeigte rechts neben meinen Kopf: »Und der grüne ist auf der anderen Seite.«
Damals lebte ich beruflich wie privat in einer herausfordernden Zeit. Der dauernde Wechsel zwischen meiner Rolle als Vater, meiner inneren Arbeit und der gerade beginnenden Tätigkeit mit Klient*innen machte mir zu schaffen. Ich erlebte die Übergänge oft als mühsam und empfand sie als Bruch. Gab es nicht ein gemeinsames inneres Zentrum dieser Lebensfelder, eine beständige Essenz, auf die ich mich ausrichten könnte? So würden alle Wechsel und ihre entsprechenden Rollen rein äußerlich bleiben. Die Suche nach einer in sich ruhenden und zugleich mit dem Leben verbundenen Nabe beschäftigte mich sehr.
Zurück in der Küche, noch berührt vom schönen Engelbild meiner Tochter, setzten sich etwas später – fast plötzlich – Vatersein, Meditation und Psychologie wie Puzzleteile in mir zusammen. Ich erkannte, dass ich lernen musste, mich dem Leben selbst anzuvertrauen, um die in mir empfundenen Brüche zu überwinden. »Du brauchst keine Angst zu haben …«, hatte sie so unbeirrt gesagt. »Wir alle werden beschützt. Du auch!«
Aber was bedeutet es, mich dem Leben anzuvertrauen? Wer oder wo ist das Leben? Sofort schoss mir die die Antwort ins Bewusstsein: Das Leben ist hier, in mir, unmittelbar. Dem Leben vertrauen bedeutet, meinem Körper, meinen Gefühlen und meinem Geist zu vertrauen. Jede dieser drei Ebenen hat einen vollkommen reinen und makellosen Anteil, gleich den drei Wesen, von denen meine Tochter so selbstverständlich sprach. Das konnte ich spüren.
Dem Bild folgend, steht der rote Engel für das beständige und ausgleichende Pulsieren meines Körpers, für die Essenz jeder lebendigen Körperlichkeit. Alles was lebt, pulsiert. Denn das Leben ist kein Zustand, sondern drückt sich in einer fortdauernden, rhythmischen Bewegung aus.
Der grüne Engel steht für den Urgrund meiner emotionalen Ebene: das Mitgefühl. Voraussetzung für wahrhaftige Begegnung, Ausgangspunkt jeder Beziehung und Quelle der Liebe.
Zuletzt repräsentiert der blaue Engel die Essenz meines geistigen Feldes: die Achtsamkeit. Tor meines Bewusstseins in die Welt, stiller Beobachter und anhaftungslose Quelle des Seins. Was für eine Freude!
Pulsation, Mitgefühl und Achtsamkeit bilden als Kernqualitäten die Verbindung zwischen dem Absoluten und dem Konkreten. In ihrer gemeinsamen Mitte befindet sich die eigenschaftslose Quelle des Seins. Alle drei fühlen sich wie der intimste Teil von mir an, sind zugleich aber das, was mich liebevoll und beständig über meine Persönlichkeit hinausführt.
Ich verstand, dass im Spektrum meiner verschiedenen Tätigkeiten Mitgefühl, Achtsamkeit und Pulsation der heilsamste Ausdruck meines Selbst waren. Dieser Einsicht bin ich seither beständig gefolgt. Mit den Jahren ist sie zur Grundlage eines einheitlichen und zugleich vielseitigen Modells geworden, in dem sich das Wissen der traditionellen Spiritualität und einer modernen transpersonalen Psychologie miteinander verbinden.
Ein wesentlicher Punkt besteht dabei in der Beobachtung, dass tiefgreifende Veränderungen immer dann – und oft wie von »selbst« – geschehen, wenn wir das werden, was wir sind. Mitfühlend und achtsam betrachtet, ist jeder Ausdruck unserer Seele, mag er zunächst auch noch so niedrig oder egoistisch erscheinen, immer auch ein notwendiger Teil unserer spirituellen Entwicklung. Wenn ich lernen will, mich dem Leben hinzugeben, werde ich Fehler machen. Aber, wie Miles Davis so treffend sagte: »When you hit a wrong note, it’s the next note that makes it good or bad.«
Das Leben ist nun mal nicht perfekt. Perfektion ist ein Konzept, ein Hindernis, eine Idee des Egos. Wenn wir lernen, die nächste Note aus dem Zentrum von Mitgefühl und Achtsamkeit zu spielen, können wir uns dem pulsierenden Leben vollständig anvertrauen. Dann stehen wir weniger zwischen dem Absoluten und dem Konkreten, sondern erscheinen als die Verkörperung des einen im anderen.
Staunend und dankbar betrachtete ich meine Tochter beim Essen. Fühlen, Denken und Handeln kamen bei ihr aus einer Quelle und widmeten sich in diesem Augenblick leidenschaftlich den Kartoffeln. Die Kühe waren ein Stück weitergezogen und suchten die Kühle im Schatten eines Baumes. Am Horizont tauchten Wolken auf, und die Luft roch bereits nach der erdigen Feuchte des Regens.
Die Wissenschaft vom Sein
Wie soll es gehen, sich dem Leben zu anvertrauen – dem Körper, den Gefühlen und dem Geist? In gewisser Hinsicht widerspricht das allen spirituellen Traditionen.
Denn raten diese nicht gerade davon ab, sich dem trieborientierten, instinktgesteuerten Körper zu überlassen? Dem Körper, der anfällig für Krankheiten und Ursache vielfältigen Leids ist und zuletzt sterben wird?
Widerspricht es nicht jeder Vernunft, sich den impulsiven, unbewussten und irrationalen Gefühlen hinzugeben? Denn es gibt ja nicht nur die Sonnenseite von Liebe, Freude und Mut. Warum sollten wir auch unseren verzweifelten Ängsten trauen, zerstörerischer Aggression, besitzergreifender Eifersucht oder missgünstigem Neid?
Und sind wir nicht genauso oft von unserem Geist in die Irre geleitet worden: Waren wir nicht immer wieder überzeugt, etwas zu wissen, und hatten letztlich doch nur Behauptungen aufgestellt? Sind es nicht unsere Wertungen, Ideologien und Konzepte, die uns von der lebendigen Gegenwart trennen?
Der Körper, die Emotionen und der Geist sind Ausgangspunkt von tiefen, leidvollen Erfahrungen. Das führt zur Frage: Was passiert, wenn wir Körper, Emotionen und Geist ablehnen, ihnen misstrauen? Wie bleiben wir mit dem Leben verbunden? Woran können wir uns stattdessen orientieren? Was hilft uns zu erkennen, ob wir uns in Richtung Wachstum, Entwicklung und Freiheit bewegen oder wir stattdessen ausweichen, vermeiden und uns täuschen?
Zunächst ist es hilfreich zu erkennen, dass die Kategorien Richtig oder Falsch, Ja oder Nein, Vertrauen oder Misstrauen auch nichts weiter als Konzepte des Geistes sind. Das Leben vollzieht sich aber in dem differenzierten, oft chaotischen und spontanen Raum zwischen Schwarz und Weiß. Es besteht nicht nur aus reinem Licht oder vollkommener Dunkelheit. Unsere Existenz erscheint immer in unzähligen Schattierungen und Farben.
Können wir also eine Neugier in uns spüren, ein Interesse, diesen Zwischenraum, dieses Spektrum zu erforschen? Können wir wahrnehmen, wie dabei Mut aufkommt – eine zarte Kraft – und mit ihm die Bereitschaft, uns auf etwas Neues einzulassen? Wo in uns können wir diesen Mut spüren? Können wir ihm etwas Raum geben? Vielleicht möchten wir seine Energie in Bewegung setzen, ganz körperlich. Anfangs noch vorsichtig, einen Fuß nach dem anderen, später selbstbewusster, spielerisch oder lustvoll. Hier geht es entlang! Körper, Emotionen und Geist agieren jetzt aus einer verbundenen Mitte. Diesem Impuls gilt es zu vertrauen.
Dazu fragen wir uns in einem ersten Schritt: Was verbindet das Yoga mit den Ebenen Geist, Emotionen und Körper? Für die Antwort unternehmen wir eine weite Reise: zweieinhalb Jahrtausende zurück bis zu den Wurzeln des heutigen Yoga.
Die damals entstandene Sankhya-Philosophie ist eine kosmische Evolutions- und zugleich spirituelle Befreiungslehre. Um ihre Relevanz für eine zeitgemäße Yogapsychologie zu verdeutlichen, stelle ich sie hier der Entwicklungsbiologie gegenüber. Dabei werden wir sehen: Fühlen, Denken und Handeln sind unterschiedliche Facetten ein und derselben Quelle.
Sankhya-Philosophie und Entwicklungsbiologie im Vergleich
»Nach dem Tod wirst du sein, was du vor deiner Geburt warst.«
Arthur Schopenhauer
Das Sankhya ist eine der wichtigsten Lehren der indischen Philosophie. Kapila, sein Begründer, entwickelte es vor etwa 2500 Jahren. Wegen seiner nüchternen, präzisen Klarheit sollte es später zur Grundlage des Mahabharata, der Bhagawadgita sowie des Yogasutra von Patanjali werden. Auch heute noch gehört die Sankhya-Philosophie zu einem der nachhaltigsten und einflussreichsten geistigen Einflüsse des indischen Subkontinents.
Die Entwicklungsbiologie hingegen ist eine verhältnismäßig junge Wissenschaft. Ihr Anliegen ist es zu verstehen, wie sich aus nur wenigen Zellen komplexes, bewusstseinsfähiges Leben entwickelt. Sicherlich haben Menschen schon immer danach gestrebt zu entschlüsseln, wie aus der Verbindung von Mann und Frau ein neuer, ganz eigener Mensch hervorgehen kann. Die moderne Medizin hat uns zuletzt in dieser Hinsicht neue Erkenntnisse gebracht.
Sankhya und Entwicklungsbiologie verbindet auf den ersten Blick, dass sich beide mit der Entstehung des Menschen und damit eines ganzen Kosmos befassen: Wie kommt unser Bewusstsein aus dem scheinbaren Nichts in die Welt? Wie inkarniert sich die Seele in einem Körper, der es ihr ermöglicht, sich in dieser Welt zu verwirklichen? Georg Feuerstein nennt Sankhya »die Wissenschaft vom Sein« (Feuerstein 2008) – eine Beschreibung, die zweifelsohne auch auf die Entwicklungsbiologie zutrifft.
Der Schöpfungsakt
Sankhya
Sowohl Sankhya als auch Entwicklungsbiologie beginnen mit einem Blick auf den Schöpfungsakt. Im Sankhya stehen sich dabei zwei Grundprinzipien gegenüber: Purusha (»Mann, Mensch, Menschheit, Urseele«), das allgegenwärtige und ewige Bewusstsein, und sein Gegenstück Prakriti (»Materie, Natur«), die veränderliche und unbewusste Grundlage der Natur und all ihrer Erscheinungen (siehe Abb. 1).
Der Ausdruck von Prakriti entsteht aus dem Zusammenspiel dreier fundamentaler Qualitäten, der Gunas. Ihnen liegen alle materiellen und psychischen Phänomene zugrunde: Sattva, das helle, leichte und heitere Prinzip, Rajas, das stimulierende, leidenschaftliche und bewegliche Prinzip sowie Tamas, das unbewegliche, verbergende und stoffliche Prinzip. Aus ihrem Mischungsverhältnis entfaltet sich die gesamte, für uns bekannte und unbekannte Welt.
Mit seinen feinstofflichen Eigenschaften entspricht Sattva auch unserem geistigen Ausdruck, dem Bewusstsein, der Unterscheidungsfähigkeit und Vorstellungskraft. Rajas, mit seiner Leidenschaft und Hitze, verweist auf die Emotionalität, unsere Gefühle inklusive ihrer zur Handlung drängenden Energie. Die stoffliche, materielle Dimension von Tamas dagegen bezieht sich auf die Grundlage unseres Körpers wie Haut, Muskeln, Knochen und Organe.
So wie sich im Sankhya der gesamte Kosmos aus den drei Gunas und ihren verschiedenen Eigenschaften zusammensetzt, besteht auch der Mensch aus diesen drei Elementen. Dabei sind die Qualitäten der Gunas weder gut noch schlecht, sondern haben jeweils ihre eigene Aufgabe und Berechtigung im dynamischen Gleichgewicht der Kräfte.
Entwicklungsbiologie
Auch in der menschlichen Schöpfung steht die Begegnung von zwei gegenüberliegenden Polen am Anfang: des männlichen Prinzips und des weiblichen Prinzips.
Die sexuelle Vereinigung beider ermöglicht, dass sich der männliche Samen mit der weiblichen Eizelle verbindet. Bereits in den ersten 24 Stunden nach der Empfängnis beginnt daraufhin die Zellteilung in der befruchteten Eizelle.
Georg Feuerstein vergleicht die Gunas mit dem physikalischen Prinzip von Atom, Energie und Materie (Feuerstein 2008); Ralf Skuban bezeichnet sie in seinem Buch Die Psychologie des Yoga als »Schöpfungsmasse« (Skuban 2014). Mit dem Moment der Befruchtung der Eizelle entfalten die Gunas demnach ihr kreatives und zugleich hochgradig strukturiertes Potenzial.
»Es ist unmöglich, zu wahrer Individualität zu gelangen, ohne im Ganzen verwurzelt zu sein.«
David Bohm
Die Inkarnation
Sankhya
Mit dem Beginn der Aktivität der Gunas erscheint im Sankhya zunächst unser geistiges Potenzial: Bewusstsein verbindet sich mit Materie. Die verschiedenen Eigenschaften des Bewusstseins werden im Antahkarana, dem »inneren Organ«, zusammengefasst. Dazu gehören Buddhi, die Intelligenz, Ahamkara, die Fähigkeit der Identifikation, und Manas, die Fähigkeit der Wahrnehmung, des Denkens und Fühlens.
Entwicklungsbiologie
Auf der embryologischen Ebene öffnet sich parallel dazu das Feld der Gastrulation (von griech. gaster, »Gefäß«). Aus dem ursprünglichen Zellkern entwickeln sich drei unterschiedliche Schichten oder Keimblätter. In jeder dieser winzigen Zellschichten ist bereits das Potenzial für die Ausgestaltung unseres gesamten Körpers enthalten (siehe Abb. 2).
Auch wenn wir in diesem Stadium noch nicht von Intelligenz, Ego, Fühlen und Denken sprechen können, lässt sich doch sagen, dass hier das Feld der pränatalen Psychologie beginnt. Alles, was von nun an geschieht, kann Spuren in uns hinterlassen. Unser Denken und Fühlen sowie die Identifikation mit beidem sind jetzt zumindest angelegt. So sagte der britische Entwicklungsbiologe Lewis Wolpert über die Gastrulation: »Es ist nicht die Geburt, die Hochzeit oder der Tod, sondern die Gastrulation, welche in Wirklichkeit der wichtigste Zeitpunkt in deinem Leben ist« (Wolpert 1998).
Sowohl im Sankhya als auch in der Entwicklungsbiologie entsteht aus einem dualen Gegensatzpaar etwas eigenes, unabhängiges und zunächst nonduales Drittes. Schon heute hat die Wissenschaft den materiellen Aspekt dieses Vorgangs, bestehend aus Zellteilung und der anschließenden Neuorganisation von Erbmaterial, Organzellen und Zellinhalten durch einzelne, steuernde Enzyme, im Großen und Ganzen entschlüsselt. Welche Voraussetzungen jedoch erfüllt sein müssen, damit ein Bewusstsein, unsere Seele, in den entstehenden Körper einzieht, entzieht sich bisher jeder Kenntnis.
Gegenwärtig können wir beobachten, wie auf der ganzen Welt zunehmend leistungsfähigere Computer entstehen. Gespannt wird dabei die Frage diskutiert, ob – und wenn ja, ab welchem Potenzial von Intelligenz – sich dabei eigenständiges, kreatives Bewusstsein entwickeln kann. Wann wird auf einem Display das erste kindliche, hochbegabte »Hallo – ist da jemand? Wer bin ich?« erscheinen? Doch während die Rechenleistung, zuletzt mit der Entwicklung von Quantencomputern, in kaum noch nachvollziehbare Dimensionen reicht, ist daraus bis heute kein selbstbewusstes Bewusstsein hervorgegangen.
Möglicherweise braucht es dafür die Wechselwirkung zwischen Denken und Fühlen auf der Grundlage eines sinnlich erfahrenden Körpers. Auch im Sankhya erscheint die Natur (Prakriti) immer in Gestalt aller drei Gunas, und soweit wir wissen, ist die Gastrulation mit der Entstehung der drei Keimblätter Ausgangspunkt unserer Psyche.
Bewusstsein ist sicherlich mehr als die Summe seiner Teile Denken, Fühlen und Handeln. Zugleich aber sind diese Teile scheinbar eine unverzichtbare Grundlage von Sein, das sich seiner selbst bewusst ist.
Die Differenzierung
Das entstandene Leben braucht einen eigenen Körper, um die Welt zu erfahren und sich in ihr ausdrücken zu können. Im anschließenden Prozess der weiteren Ausdifferenzierung offenbart sich in beiden Schöpfungstheorien noch eine bemerkenswerte Parallele. Die Grafiken weiter unten geben zu den Ausführungen einen Überblick.
Sankhya
Hier entsteht eine Differenzierung, die den entwicklungsbiologischen Prozessen auf faszinierende Weise genau entspricht. Beschrieben werden:
Die Wahrnehmungs- und Erkenntnisorgane (Jnanendriyas): Zu ihnen gehören der Bereich der Gedanken und Gefühle (Manas) sowie die äußeren Wahrnehmungsorgane mit der Fähigkeit zu hören, zu sehen, zu riechen und zu schmecken.
Die Handlungsorgane (Karmendriyas): Zu ihnen gehören die Fähigkeiten zu greifen, zu gehen, sich zu entleeren und zu zeugen.
Die Energie (Tanmatra und Mahabhuta): Die Tanmatras werden als feinstoffliche Elemente oder subtile Form der Energie beschrieben. Aus ihnen gehen die Mahabhutas, verkörperte, grobstoffliche Energie in Form der Elemente Äther, Luft, Feuer, Wasser und Erde, hervor. In der traditionellen chinesischen Medizin haben die Elemente Wasser, Feuer, Erde, Holz und Metall außerdem einen direkten Bezug zum Organ- und Drüsensystem. Das schafft eine weitere Verbindung zur nun folgenden Entwicklungsbiologie und der Keimschicht des Entoderms.
Entwicklungsbiologie
Auf der entwicklungsbiologischen Ebene entfaltet sich der Mensch aus den drei oben bereits angesprochenen Keimblättern. Sie werden als Ektoderm, Mesoderm und Entoderm bezeichnet. Ihr Potenzial gestaltet sich, wie folgt:
Die Wahrnehmungsorgane (Ektoderm): Aus diesem Keimblatt entwickeln sich Ohren, Augen, Nase, Haut, Zunge und das zentrale Nervensystem mit den Funktionen des Denkens.
Die Handlungsorgane (Mesoderm): Aus dem Mesoderm entfalten sich unsere Handlungsorgane wie Arme, Beine, Muskeln, Knochen, Wirbelsäule, Herz und Geschlechtsorgane.
Der Energiespeicher (Entoderm): Aus diesem Keimblatt entstehen Lunge, die Organe des Rumpfes und der Verdauung sowie unser Drüsensystem wie Pankreas, Schilddrüse und Thymus. Aufgrund des engen Zusammenhangs zwischen Emotionen und Drüsensystem verortet David Boadella die Gefühle im Bereich des Entoderms (Boadella 1991).
»Die Kraft, die den Körper erschaffen hat, kümmert sich auch um ihn.«
Nisargadatta Maharaj

Relevanz für die Yogapsychologie
Die drei eben beschriebenen Seinsebenen können wir als unsere grundlegendsten Arbeits- oder Orientierungsfelder begreifen. Gerät eine dieser Ebenen aus der Balance, verliert sie leicht den Kontakt zu den anderen beiden.
So kann sich beispielsweise ein in Konzepten und Ideologien verstrickter Geist immer weiter von den Emotionen entfernen. Ein hyperaktiver Körper kann dagegen kaum noch einen rationalen Gedanken fassen, sondern läuft Gefahr, sich in blindem Aktionismus zu verlieren. Eine hohe emotionale Ladung wiederum führt zu explosiven Ausbrüchen und verhindert ergebnisorientierte, geplante Handlung.
Immer wenn wir auf einer Ebene blockiert sind, fallen Fühlen, Denken und Handeln auseinander. Daher ist es hilfreich, die jeweiligen Funktionen der Ebenen zu verstehen, um so auch ihre Blockaden erkennen und benennen zu können.
Sowohl Sankhya als auch Entwicklungsbiologie beschreiben eindrucksvoll die Ursache und Bedeutung unserer inneren Dreiteilung. Die Schlussfolgerung liegt nahe, dass sich die drei wichtigsten Arbeitsfelder des Yoga an dieser organischen Architektur orientieren. Sie bildet das Fundament für Atemübungen, Körperarbeit und Meditation.
Wir finden sie in den ursprünglichen Yogawegen Karma-Yoga, Bhakti-Yoga und Jnana-Yoga wieder. Sie sind Gegenstand der Unterweisung, die Krishna, eine Inkarnation des Gottes Vishnu, dem Krieger Arjuna in der Bhagawadgita zukommen lässt.
Karma-Yoga: Karma bedeutet Handlung und ist uns bereits im Zusammenhang mit unseren Handlungsorganen, den Karmendriyas, begegnet. Karma-Yoga ist demnach das Yoga der Handlung, Yoga auf der Ebene des Körpers. Im Karma-Yoga geht es darum, sein Leben entsprechend der eigenen Bestimmung zu leben, ohne sich mit den Ergebnissen dieser Handlung zu identifizieren.
Jnana-Yoga: Jnana ist die Erkenntnis; die Jnanendriyas sind die Erkenntnisorgane. Jnana-Yoga ist das Yoga auf der Ebene unseres Geistes. Es führt über den Intellekt, das Studium und die Auseinandersetzung zu Urteilskraft und Unterscheidungsvermögen (viveka). Diese Klarheit ist die Voraussetzung, um das wahre Wesen, die Essenz aller Dinge zu erkennen.
Bhakti-Yoga: Bhakti bedeutet Liebe, Verehrung oder Anbetung und meint damit die Hingabe zu Gott. Dies ist das Yoga der Emotionen. Jede Tat in Liebe zu vollbringen, führt den Bhakti-Yogi zur Selbsterkenntnis. Eine derartige Liebe ist allumfassend und geht weit über die persönlichen Emotionen und Motive des Übenden hinaus.
Patanjali vereinigte später diese drei Formen des Yoga im Ashtanga-Yoga oder königlichen Weg. Er führt über acht Stufen (Ashtanga) zur Befreiung. Inhaltlich umfasst er Anleitungen zu Pranayama, verschiedene Atemübungen und Asanas, einschließlich der heute so populären Körperübungen, sowie Meditation.
Pranayama: Prana bedeutet Energie oder Lebensenergie, Ayama steht für Kontrolle. Im Pranayama geht es also um die Kontrolle der Lebensenergie. Das bei uns gebräuchliche Wort Psyche stammt aus dem Altgriechischen und bedeutete ursprünglich Atem oder Hauch. Wenn wir von der Psychologie als Lehre vom Erleben und Verhalten des Menschen sprechen, greifen wir die enge Beziehung zwischen Atem, Emotionen und Körper unmittelbar auf. Pranayama steht dabei nicht nur für die Kontrolle der Lebensenergie, sondern unterstützt auch die Regulation von Gefühlen. Er hilft, eine ausgleichende Harmonisierung des Körpers zu erreichen.
Asana: Heute werden alle Körperstellungen im Yoga Asana genannt (eigentlich »Sitz« oder »Körperhaltung«). Asana-Sequenzen sind dementsprechend aufeinander folgende Körperhaltungen. In der Regel sind die Positionen dabei so aufeinander abgestimmt, dass sie unseren Energiehaushalt, die Körperspannung und den Geisteszustand ausgleichen und verbinden können. Der Körper ist sehr viel mehr als nur die stoffliche Grundlage für Geist und Emotionen. Sinn und Sinnlichkeit sind eng miteinander verbunden. So erleben Menschen, die sich aus ihren körperlichen Empfindungen zurückgezogen haben, nicht selten auch eine geistige Leere. Die Asanas stehen insgesamt für die Körperarbeit im Yoga.
Dharana: Im Yoga geht die Übung der Konzentration (Dharana) der Meditation (Dhyana) voraus. Zunächst schulen wir unseren Geist, sich auf ein Objekt auszurichten und zu sammeln, ohne dabei in blockierende Anstrengung zu geraten. In der sich anschließenden Meditation löst sich die Identifikation vom Meditationsgegenstand ab. Der Geist geht über ihn hinaus und öffnet sich in einen Zustand losgelöster Freiheit. Meditation als regelmäßige Praxis kann uns dabei unterstützen, immer tiefer reichende Gleichmut (Vairagya) zu erreichen. Diese ist nicht zu verwechseln mit Gleichgültigkeit, vielmehr geht es in dieser annehmenden Offenheit um ein umfassendes Vertrauen und unsere Bereitschaft, sich dem Leben auf allen Ebenen hinzugeben. Fassen wir im folgenden Abschnitt die Perspektiven zusammen.
Die energetische Ebene: Gefühle – Entoderm – Pranayama
Die energetische Ebene pulsiert zwischen Auf- und Entladung.
Blockaden äußern sich in Über- und Unterladung.
Wenn wir uns auf der energetischen Ebene befinden, geht es um das Gleichgewicht zwischen Sympathikus und Parasympathikus, um die Pulsation zwischen Auf- und Entladung. Auf der Ebene des vegetativen Systems offenbart sich damit das Phänomen der Überladung, wie während einer Manie, oder das der Unterladung, wie während einer Depression.
Yogapsychologische Ausrichtung
Auf der Ebene des vegetativen Nervensystems geht es darum, die Schwingungsfähigkeit zwischen den beiden Funktionsmodi Anspannung und Aktivierung (Sympathikus) sowie Entspannung und Erholung (Parasympathikus) wiederherzustellen.
Die meisten Bereiche des vegetativen Nervensystems lassen sich nicht willentlich steuern. Allerdings beeinflusst die Regulierung des Atems, wie beispielsweise das Anhalten, Verlangsamen oder Beschleunigen, die verschiedenen vegetativen Funktionen. Damit befinden wir uns auf dem Feld des Pranayama.
Auf der einen Seite können wir hier die Entspannungsfähigkeit des Organismus fördern, um das Nervensystem zu beruhigen. Mit verlangsamenden Atemübungen lernen wir, belastende Stresskreisläufe zu unterbrechen, um eine chronische Überladung zu korrigieren.
Auf der anderen Seite haben einzelne Atemübungen aber auch das Potenzial, den Sympathikus zu aktivieren, Aktionsfähigkeit zu steigern und einer Unterladung, beispielsweise bei Erschöpfung, entgegenzuwirken.
Wechselt die Unterrichtsstunde zwischen aktivierenden und entspannenden Sequenzen, macht der Organismus die Erfahrung lebendiger Pulsation zwischen beiden Polen und lernt mit der Zeit, in diesen natürlichen Regulationsprozess zurückzufinden. Im Yogasutra von Patanjali heißt es dazu:
»Prāṇāyāma (die Atemtechnik) wird geübt mit umsichtiger Einfühlung in die Ausatmung, die Einatmung und das Anhalten, die Körpergegend, in der sich die Atmung abspielt, die Länge jeder Atempause und die Anzahl der Atemzüge. Dabei wird der Atem lang und zugleich sanft geführt« (Sriram 2006).
Yogasutra 2.50
Die Handlungsebene: Körper – Mesoderm – Karmendriyas – Asana
Die Handlungsebene pulsiert zwischen An- und Entspannung.
Blockaden äußern sich in Über- und Untererdung.
Auf der Handlungsebene reguliert das Stammhirn innerhalb des extrapyramidalen Systems unser Gleichgewicht zwischen bewussten, halb bewussten und unbewussten Bewegungen. Dies können wir als Überspannungen und Unterspannungen erleben. Hypertonische, »überspannte« Muskulatur kann als übererdet bezeichnet werden. Schlaffe, hypotonische Muskulatur dagegen als untererdet.
Yogapsychologische Ausrichtung
Wir alle kennen die Neigung zu muskulären Verspannungen bei privater oder beruflicher Belastung. In gewisser Weise leiden wir dabei unter aufgestauter, nicht umgesetzter Handlungsenergie: Wir speichern gleichsam Stress in der Muskulatur ab.
Auf der Ebene des Bewegungsapparates bietet Yoga mit seinen abwechslungsreichen Asanas und Asana-Sequenzen ein differenziertes und präzises Angebot an strukturierten Bewegungen und Haltungen, um überflüssige Anspannung zu lösen. Die einzelnen Übungen bauen dabei aufeinander auf und sprechen ganz gezielt die verschiedenen Muskelgruppen des Körpers an. Durch die systematischen Bewegungen kann sich gestaute Energie entladen. Überschüssiges Cortisol, das Stresshormon unseres Körpers, wird abgebaut und ausbalanciert.
Zudem lernen wir in den angeleiteten Asana-Klassen ein verfeinertes Körper- und Bewegungsbewusstsein. Die Asanas laden uns dazu ein, nach innen zu spüren und unser Bewusstsein auch für sehr kleine, feine Erfahrungen im Körper zu öffnen. Asana-Sequenzen sind Meditation in Bewegung. So kann sich unser Bewusstsein wieder im Körper erden. Das schafft die Voraussetzung für eine vitale Pulsation zwischen gezielter Anspannung und ausreichender Regeneration.
Die Wahrnehmungsebene: Geist – Ektoderm – Jnanendriyas – Dharana
Die Wahrnehmungsebene pulsiert zwischen Aufnahme und Integration.
Blockaden äußern sich in Über- und Unterfokussierung.
Auf der Wahrnehmungsebene geht es um das Filtern, die Verarbeitung und Einordung empfangener Reize durch unser zentrales Nervensystem. In der Körperpsychotherapie spricht man von einer Unterfokussierung, wenn es nicht gelingt, Reize ausreichend zu filtern. In der Folge erleben wir uns als überflutet; Konzentration fällt schwer oder misslingt ganz. Die Regulationsfähigkeit hinsichtlich der Menge und Art einströmender Reize ist diesem Zustand beeinträchtigt. Eine Überfokussierung hingegen liegt dann vor, wenn wir mit einseitiger, zwanghafter Wahrnehmung versuchen, unerwünschte Erfahrungen auszublenden (Boadella 1991).
Yogapsychologische Ausrichtung
Das angebrochene Informationszeitalter stellt uns vor die Herausforderung, extrem viele Eindrücke verarbeiten zu müssen. Gelingt es dem Geist nicht, Informationen zu sortieren, ihre Menge zu regulieren und den emotionalen Gehalt anzupassen, werden wir von ihnen überflutet. Unser Geist wird regelrecht »be-unruhigt«. Verloren in der Flut überfordernder Wahrnehmungen, verlieren wir auch den Kontakt zu uns selbst.
Im Yoga lernen wir durch Konzentration und Meditation die Möglichkeit kennen, gegenwärtig zu sein und dabei zugleich unser Nervensystem zu beruhigen. Achtsamkeit hilft uns wahrzunehmen, ohne zu werten oder auszublenden, ohne sich mit etwas zu identifizieren oder in etwas zu verstricken. So entsteht eine Haltung, die es erleichtert, einen angemessenen Abstand zu äußeren wie inneren Einflüssen einzunehmen.
In diesem erweiterten Raum wird es möglich, bisher ausgeblendete Erfahrungen zuzulassen: Wir fühlen uns dem eigenen Erleben nicht mehr ausgeliefert. Aufgrund der gesunden Distanz können wir Inhalte besser verarbeiten und integrieren, statt sie wie zuvor abzuspalten, zu verdrängen oder zurückzuweisen. Wenn es uns gelingt, einen Abstand zu kultivieren, in dem unser Atem wieder frei und anstrengungslos fließt, wird es auch möglich, uns selbst wahrzunehmen, zu erkennen und mitfühlend anzunehmen.
Beim Betrachten der drei Felder Emotionen, Körper und Geist wird deutlich, wie sehr sich Yoga in seiner Essenz um den Ausgleich dieser Pole bemüht. In einer gelungenen Yogastunde geht es im Kern darum, Wahrnehmung, Muskeltonus und Energiehaushalt in Balance zu bringen.
Yoga als körperorientierte Praxis hat noch mehr Potenzial. Wie im Abschnitt über die Entwicklung der Keimblätter deutlich wurde, ist unsere Psyche bereits ab der dritten Schwangerschaftswoche in der Lage, sowohl angenehme als auch leidvolle Erfahrungen zu machen und abzuspeichern. Erfahrungsmuster, die aus der Zeit vor unserer Geburt stammen, sind demnach präverbalen Ursprungs. Sie erschließen sich schwer oder gar nicht, wenn wir versuchen, uns ihnen auf der rationalen Ebene des Intellekts anzunähern. Dies gilt auch für Erlebnisse der frühen Kindheit.
Über ein behutsames Forschen auf den Feldern unserer Wahrnehmung, unserer Handlungsimpulse und unserer energetischen Muster können wir Kontakt mit vorbewussten Themen aufnehmen und ein annehmendes Verständnis für sie entwickeln. Vielleicht gelingt es über diese körperliche Annäherung, Worte für sie zu finden. Wir lernen uns besser kennen, verstehen vielleicht, weshalb bestimmte Auslöser uns aus der Fassung bringen, und erschließen uns passende Regulationsmöglichkeiten. So ist es uns möglich, Gedanken-, Gefühls- und Verhaltensmuster entweder als einen Teil unserer Identität wahr- und anzunehmen oder sie als leidbringend und unpassend zu erkennen.
Ein fundiertes fachübergreifendes Wissen über diese somatischen, psychologischen und spirituellen Zusammenhänge kann den Yogaunterricht wesentlich bereichern. In der yogapsychologischen Praxis – sei es in Coaching, Therapie, Unterricht oder in der eigenen Sadhana – bietet diese Perspektive eine Grundlage für das ganzheitliche Verständnis von Klient*innen oder Schüler*innen.
In der Arbeit mit der prozesshaften Wechselwirkung zwischen Gefühlen, Gedanken und Körper entfaltet die integrative Yogapsychologie ein breites Spektrum an Anwendungsmöglichkeiten. Sie schafft ganzheitliche Erfahrungsräume – und damit das Potenzial für Verarbeitung, Integration und Wachstum.
Integration
Das Ziel des Yoga beschreibt Patanjali gleich zu Beginn des Yogasutra:
»Yoga ist der Zustand, in dem die Bewegungen des citta (des meinenden Selbst) in eine dynamische Stille übergehen« (Sriram 2006).
Yogasutra 1.2
Wodurch aber gerät Citta aus der Ruhe? Sowohl im Sankhya als auch in der entwicklungsbiologischen Beschreibung der Keimblätter stehen unser Fühlen bzw. Denken, unser Wahrnehmen und Handeln nebeneinander. Auch wenn sie aus derselben Quelle stammen, ist ihre Verbindung untereinander verletzlich. Führt ein äußerer Einfluss dazu, dass sie gestört oder blockiert wird, fließen unser Denken bzw. Fühlen, Wahrnehmen und Handeln nicht länger aus einem gemeinsamen Zentrum. Dann erleben wir uns als fragmentiert.
Wenn unsere innere Ganzheit zerbricht, verlieren wir auch leicht den Kontakt zur äußeren Realität, das Vertrauen in ein ganzheitliches Aufgehobensein geht verloren. Das Wort Yoga kann mit »verbinden« oder »vereinigen« übersetzt werden. Die aufgebrachten Wellen unserer Psyche (Cittavrittis) kommen erst zur Ruhe, wenn unsere Seinsebenen wieder miteinander verbunden sind. Dann können wir die Identifikation mit ihnen lösen und zurückkehren zu unserer Quelle, zu unserem Selbst. So lässt sich Yoga erweitert definieren als die Lehre von der Integration unserer Lebensfelder: Denken, Fühlen, Wahrnehmen, Handeln und Energie.
Dabei ist es vor allem die Fähigkeit zu achtsamem Mitgefühl jenseits beurteilender Wertung, die uns heilen lässt. Verständnis ohne Liebe bleibt immer kalt. Eine Technik ohne Kontakt lässt uns allein zurück, und eine Erfahrung ohne Beziehung bleibt frei von Bedeutung. Entwicklung beginnt mit Beziehung – sowohl im Sankhya als auch in der Biologie. Je mehr wir die Hüllen unserer Identifikationen abstreifen, umso mehr kann sich diese ursprüngliche, liebevolle Kraft offenbaren. Sie ist der Eingang und Ausgang in das bedingungslose Sein, unsere wahre Natur.
»Sind Sie im Herzen, dann wissen Sie, dass das Herz weder der Mittelpunkt noch der Umfang ist. Es gibt nichts getrennt von ihm.«
Ramana Maharshi, Sei, was du bist!
Nach dieser Fahrt auf dem zweiädrigen Strom von Philosophie und Biologie möchte ich einen Moment innehalten, um zu würdigen und zu staunen. Es ist undenkbar, dass Kapila vor 2500 Jahren oder Ishvarakrishna, der wenig später Kapilas Lehre in der Sankhya Karika zusammenfasste, ein Wissen über die Embryogenese haben konnte. Sie ist eine Entdeckung des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Damit ist die Entwicklungsbiologie eine späte, unerwartete, aber auch besonders schöne Bestätigung von Kapilas Einsicht in die Ordnung des Seins.
Drei-Farben-Weiß: Das Erscheinen von Mitgefühl, Achtsamkeit und Pulsation
»Veränderung geschieht, wenn jemand wird, was er ist …«
Arnold Beisser, Wozu brauche ich Flügel?
Purusha: Das reine Licht
Jeder der Engel, die auf meiner Schulter saßen und uns – laut meiner Tochter – stets begleiten, hatte seine eigene Farbe: Rot, Grün und Blau. In meinen Jahren als Maler hatte ich mich lange mit den Gesetzen von Farbe und Licht auseinandergesetzt. Mit der additiven Farbsynthese, einem physiologischen Vorgang zwischen Auge und Gehirn, ist es möglich, aus dem farbigen Licht der drei Primärfarben Rot, Grün und Blau jede andere Farbe zu mischen. Werden diese drei in geeigneter Helligkeit addiert, entsteht in ihrem Zentrum die Farbempfindung Weiß. Weiß ist somit die eigenschaftslose Summe, die Essenz aller Farben.
Wenn wir diese Grundfarben nun mit den Qualitäten Mitgefühl (Grün), Achtsamkeit (Blau) und Pulsation (Rot) assoziieren, steht in ihrem Zentrum, durchdrungen von Licht, unser Sein: die Grundlage unserer Existenz (Weiß), der eigenschaftslose Purusha. Im Folgenden nenne ich diesen Schnittpunkt das »Selbst«. Dieses reine Licht (puruṣa) ist die Basis all unserer emotionalen, geistigen und körperlichen Erfahrungen, die Ursache all unserer Farben, das Fundament des Bewusstseins. Eine Abbildung dazu findest du auf der vorderen Umschlaginnenseite (Abb.3).
Wenn wir die Frage stellen »Wer bin ich?«, dann erklingt in uns die primärsubstanzielle Erfahrung des »Ich bin!«. Sie ist stets in uns, gleich wie es uns geht, wie alt wir sind oder in welcher Situation wir uns befinden. Wenn wir wollen, können wir jederzeit Kontakt mit diesem beständigen, bedingungslosen Urgrund in uns aufnehmen. Es braucht nur einen Moment der Besinnung, der Stille und des Zurücksinkens in die Essenz. Wenn du dir die Frage »Wer bin ich?« stellst, dann erklingt die nonverbale Antwort »Ich bin!«, das Erleben des Seins.
Ramana Maharshi nannte diese schlichte Praxis Selbstergründung (Atma Vichara). Der Geist kehrt dabei zu seinem Ursprung zurück. Noch vor den positiven Erfahrungen unserer individuell geprägten Biografie ist dieses Sein die Basis des Urvertrauens, das warme und beständige Gefühl sicheren Eingebundenseins.
Das Farbspektrum der Welt: Purusha trifft auf Prakriti
Der erste Ausdruck des an sich eigenschaftslosen Selbst sind die Qualitäten Mitgefühl, Achtsamkeit und Pulsation. Im Mitgefühl weitet sich das Selbst in unsere emotionale Dimension, in der Achtsamkeit konstituiert es sich in unserem geistigen Feld und über seine lebendig pulsierenden Wellen ist es mit der Welt und ihrer Pulsation verbunden. Trifft das reine, eigenschaftslose Licht des Purusha auf Prakriti, bricht es sich in ihr wie in einem Prisma, und das gesamte Farbspektrum der Welt beginnt sich zu entfalten.
Die integrative Yogapsychologie geht von der Annahme aus, dass die drei Qualitäten Pulsation, Mitgefühl und Achtsamkeit grundsätzlich in jedem Menschen vorhanden sind. Daher betrachte ich sie nicht als Fähigkeiten, sondern als eine Art Grundausstattung. Dabei besitzt jede dieser Qualitäten einen aktiven, erlernbaren Aspekt, der uns den Zugang zu ihr ermöglicht oder zumindest erleichtert.
Werfen wir im Folgenden einen Blick auf das Wesen dieses unmittelbaren Selbst-Ausdrucks.
Rot: Tamas, Pulsation Und Rhythmus –Die körperliche Ebene
Die Farbe Rot steht für unseren Körper. Wir erinnern uns: Prakriti, die Natur, besteht laut Sankhya aus den drei Eigenschaften Tamas, Rajas und Sattva – den Gunas. Wenn wir diese Gunas nicht als ein hierarchisches, wertendes Prinzip im Sinne von besser oder schlechter verstehen, verkörpert Tamas die Materie, das Feste, Stoffliche, unseren Körper.
Doch auch Materie ist immer in Bewegung: innerlich auf der Ebene der Moleküle und nach außen im Kontakt mit der Umgebung. Das gilt auch für unseren Körper. Er ist die stoffliche Grundlage für unser inneres Erleben, unsere Gefühle, unseren Geist und zugleich eine Brücke in die äußere Welt. Durch die Sinne des Körpers nehmen wir unsere Umgebung wahr und können in Beziehung zu ihr treten.
Wie können wir lernen, in der Welt, im Außen zu sein, ohne uns selbst zu verlieren? Oder andersherum: Wie können wir für uns selbst da sein und zugleich in Kontakt mit der Welt bleiben? Ganzheitlichkeit schließt immer beides ein. Es ist nicht leicht, diese Gleichzeitigkeit zu denken, aber vielleicht gelingt es uns, sie zu fühlen.
Genau hier öffnet sich der Weg. Prasava bedeutet Geburt, Ausfaltung, Entwicklung. Während dieser Evolution entfalten sich die Elemente (Gunas) und lassen unser vielgestaltiges Universum erscheinen. Prasava beschreibt die Entstehung des Lebens, der Natur, von uns. Im Tantra werfen wir uns in dieses Leben regelrecht hinein: Bhukti Mukti lässt sich als »Befreiung durch Genuss« übersetzen. So heißt es im Vijnana Bhairava Tantra: »Im Glücksgefühl sinnlicher Freude das Denken gestillt – mit solcher Freude eins wird sie zur Seligkeit« (VBT 49). Der Bhogi genießt die Welt und ihre Erscheinungen, er geht eine leidenschaftliche Liebesbeziehung mit ihr ein. Diese Liebe öffnet ihn in das Selbst.
Der Begriff Pratiprasava steht Prasava gegenüber und beschreibt die Wiedereinfaltung der Elemente, ihre Gegenströmung oder ihren Rückfluss. Pratiprasava steht damit auch für die Vergänglichkeit. Im Yoga oder in der Achtsamkeitspraxis lernen wir, uns zu sammeln, unsere Sinne nach innen zu richten und zu uns zurückzufließen. In dieser Sammlung geben wir unserer Seele die Möglichkeit, tiefgehend zur Ruhe zu kommen.
Wie Patanjali schreibt, erscheint das Selbst, wenn unsere Psyche zur Ruhe kommt (Yogasutra 1.2). Der fünfte Schritt seines achtgliedrigen Pfades besteht im Zurückziehen unserer Sinne nach innen, um uns aus dieser Sammlung für die Wahrnehmung des Selbst zu öffnen (Yogasutra 2.54, 2.55).
Entscheidend ist die Pulsation: Wir leben im ständigen Wechsel von Werden und Vergehen, zwischen Prasava und Pratiprasava. Der Körper macht es uns möglich, uns nach der Welt auszustrecken oder uns von ihr zurückzuziehen – und ist zugleich ein Teil von ihr (Boadella 1991). Wilhelm Reich widmete sich in seiner Arbeit Die Ausdruckssprache des Lebendigen ausführlich dem Phänomen der rhythmischen Pulsation als Merkmal von Lebensenergie (Reich 1971).
Der Biologe Max Hartmann beobachtete bei seinem Studium von Amöben, wie sie sich nach einigen Objekten ausstreckten und von anderen zurückzogen. Selbst im Ruhezustand sind in Amöben winzige, pulsierende Bewegungen zu beobachten (Boadella 1991). Einzeller wie die Amöbe können aus dem direkten Kontakt mit der Umwelt die Energie ziehen, die sie brauchen.
Mehrzellige Lebewesen benötigen dafür einen zirkulierenden Kreislauf. In der Embryonalentwicklung des Menschen entsteht der Blutkreislauf noch vor dem Herzen. Staguhn schreibt in seinem Buch Das Herz. Ein geheimnisvolles Organ: »Nicht das Herz bewegt das Blut, sondern das Blut bewegt das Herz (…) Der gesamte Organismus ist Herz (…) Damit ist der Organismus nichts anderes als verkörperter Rhythmus, verkörperte Pulsation« (Staguhn 1999).
Bereits bei wenigen Millimeter großen Embryonen beginnen jene Zellen, die später das Herz bilden werden, rhythmisch zu pulsieren. Sowohl die Herz- als auch die Skelettmuskulatur pendelt nun ein Leben lang zwischen den Polen der Anspannung und Entspannung, der Kontraktion und Streckung. Sie ermöglichen das Heben und Senken von Brustkorb und Zwerchfell wie auch die Pulsation der Atmung. Das nach der Geburt von der Nabelschnur getrennte Leben beginnt mit der ersten Einatmung (Inspiration) und endet im Sterben mit der letzten Ausatmung (Exspiration). Folglich kann der ganze Lebenszyklus als eine große Pulsation verstanden werden.
Auch bei anderen physischen Prozessen stoßen wir auf dieses Prinzip des Lebendigen. Das peristaltische Pulsieren der Gedärme wird durch Signale der vegetativen Nerven gesteuert. Weiter tragen Hormone zum Pulsationsmuster des menschlichen Körpers bei, indem sie Erregung verstärken oder verringern.
Auf der individuellen Ebene sehen wir den Ausdruck der Pulsation besonders deutlich im Muskeltonus, da das Spannungsmuster von Muskulatur und Atmung dem »Schwingungsmuster« von Geist und Emotion entspricht (Lowen 1981). Ein gesunder Muskeltonus pulsiert zwischen Anspannung und Entspannung. So entsteht im Anschluss an eine Ruhephase Bewegungsdrang und nach längerer Aktivität das Bedürfnis nach Ruhe und Regeneration.
Gefühle, wie beispielsweise Angst, können dazu führen, dass sich unsere Muskulatur anspannt. Angst ist eine Warnung vor Gefahr und versetzt unseren Organismus in einen Zustand erhöhter Aufmerksamkeit und Reaktionsbereitschaft. Bei Wut, die ebenfalls zu einer Anspannung unserer Muskulatur führt, bereitet sich der Körper auf einen möglichen Kampf vor. Wenn wir uns hingegen erschrecken, ziehen wir uns zusammen und machen so unsere Angriffsoberfläche möglichst klein. Warme Freude entspannt uns, heiße Freude dagegen macht uns aufgeregt und impulsiv. Eine schlaffe Muskulatur kann der körperliche Ausdruck von Hoffnungslosigkeit sein, während Weinen unseren Körper schüttelt und ihn so von der Spannung starker Trauer oder tiefer Verzweiflung befreit.
Jedes Gefühl hat also einen entsprechenden körperlichen Zustand. Wir pulsieren folglich nicht nur nach den Mustern unserer vitalen Funktionen, sondern auch mit den Wellen unserer Gefühle (Lowen 1981).
Alles folgt einem Rhythmus, der zugleich mit dem der äußeren Welt interagiert. Wir leben im ständigen Wechsel von Tag und Nacht, der Jahreszeiten sowie von Leben und Tod. Bei den Gezeiten der Meere variiert mit Ebbe und Flut der Wasserstand, je nach Stellung von Sonne und Mond. Selbst die Sonne pulsiert in unterschiedlichen Frequenzen. Schwingungen aus ihrem Inneren bewegen die Fotosphäre auf und ab, jene Schicht, der das für uns sichtbare Licht entstammt. Pulsation ist ein universelles Prinzip, das uns von innen heraus bewegt und dessen Wellen uns zugleich mit der Welt verbinden. Dabei unterscheiden sich die verschiedenen Rhythmen durch die Länge, Ausdehnung und Intensität ihrer Schwingungen.
Vor diesem Hintergrund könnte man Gesundheit als ein System definieren, das fähig ist, auf innere Bedürfnisse und äußere Anforderungen ausgleichend zu reagieren (Franzkowiak 2018). So streckt sich der gesunde Körper wie die Amöbe nach dem aus, was ihm guttut, und zieht sich zurück von dem, was ihm schadet. Wenn ein Organismus nicht in der Lage ist, sich seiner Umgebung anzupassen, also angemessen auf sie zu reagieren, wird er krank. So muss er etwa fähig sein, auf Infektionen zu reagieren.
Bei der Pulsation geht es nicht um die Frequenz der einzelnen Schwingungen, sondern um die Spontaneität und Qualität, mit denen ein neuer Impuls erfolgen kann. Diese regulierenden Wellen sind Grundlage aller Lebensvorgänge und Essenz jeder lebendigen Körperlichkeit (Keleman 1994).
Die Pulsation ist ein zentrales Prinzip der Yogapsychologie. Die pulsierenden Schwingungen sind Ausdruck unserer Lebensenergie (Prana). Wie können wir den Kontakt mit ihr pflegen, um stabil, resilient und gesund zu bleiben?
Pranidhana und Regulation
Pulsation erfolgt immer innerhalb eines Kontinuums, zwischen schnell und langsam, stark und schwach, gespannt und entspannt etc. Sie ist Bestandteil von zum Teil lebensnotwendigen Regulationsprozessen, die entweder unbewusst ablaufen oder gezielt beeinflusst und harmonisiert werden können. Wenn der Körper in einem Aspekt seines Pulsierens anhält und erstarrt, werden wir krank, oder die Starre an sich ist bereits Ausdruck einer Krankheit.
Eine mögliche psychologische Ursache für chronisch eingeschränkte Pulsation ist, dass verschiedene als unpassend oder bedrohlich eingestufte Gefühle an ihrer Entstehung und in ihrem Ausdruck gehindert werden. Dies geschieht beispielsweise durch die Kontraktion oder Erschlaffung der Muskulatur. Wilhelm Reich prägte dafür den Begriff der Muskelpanzerung (Reich 1971).
Auf diese Weise werden etwa Gefühle wie Angst in der Muskulatur des Nackens eingefroren – die Angst sitzt uns sprichwörtlich im Nacken. Der »Kloß im Hals« ist häufig Ausdruck von blockiertem Schreien, Weinen oder Sprechen; zurückgehaltene Wut kann zu Verspannungen im Bereich der Schulterpartie oder im Kiefer führen etc. (Boadella 1991). Die Literatur der Körperpsychotherapie beschreibt diese Phänomene sehr detailliert.
In bestimmten Situationen kann ein Organismus oder ein ganzes System einzelne Pulsationsfelder einschränken oder sogar aussetzen. Dies ist sinnvoll, wenn auf diese Weise übergeordnete Systeme geschützt werden können. So gibt es in massiv bedrohlichen Situationen drei grundsätzliche Reaktionsmuster. Das erste besteht darin, sich der Gefahr im Kampf zu stellen, das zweite, sich ihr durch Flucht zu entziehen. Scheint beides unmöglich, fällt der Körper in das dritte Muster, eine Art Starre. Bei einer Traumatisierung bleibt, selbst wenn die Gefahr vorüber ist, die Muskelpulsation reduziert und eingefroren im Überlebensmodus. Gefühle werden nur noch eingeschränkt wahrgenommen.
Peter Levine interpretiert die körperliche Starre traumatisierter Menschen als eingefrorene Flucht- oder Kampfbewegungen. Er ermutigt seine Patient*innen, ihrem Körper aufmerksam zu folgen und sich den erstarrten Reaktionen bis zum Ende hinzugeben. Dabei entstehen häufig unwillkürliche Entladungen wie Zittern, Kälte, Schaudern, Hitzewellen etc. Die sich dabei wieder entfaltende gesunde Pulsation der Muskulatur hat eine signifikante Erhöhung der Lebensqualität zur Folge (Levine 2011).
Diese Art der Entladung ist jedoch nur heilsam, wenn der oder die Betroffene ausreichend psychisch stabil ist und sich in einer sicheren Umgebung befindet. Andernfalls kann das Reaktivieren dieser Energie zu einer Retraumatisierung führen.
In der yogapsychologischen Körperarbeit versuchen wir durch Pranidhana, die Hingabe an die Pulsationsmuster der Muskulatur und der Atmung, eine Freisetzung unterdrückter, gebundener Emotionen zu fördern. Erst das ungehemmte Zulassen der Pulsation von Muskulatur und Atmung ermöglicht uns, lebendige Körperlichkeit wieder tief zu erleben. Starre beschreibt dagegen stets das Einfrieren von Schwingungsfähigkeit. Dabei spielt es keine Rolle, um welche Ebene der Pulsation es sich handelt.
Grün: Rajas, Mitgefühl und Annahme – Die emotionale Ebene
Die Farbe Grün steht in unserem Bild für das Gefühl, das subjektive Erleben. Ursprünglich bedeutet Rajas »der gefärbte Raum«. Eine treffende Beschreibung für das, was Emotionen tun: Sie färben den Raum unserer Wahrnehmung. Zugleich sind Gefühle auch immer Träger von Handlungsenergie. So verkörpert Rajas in der Sankhya-Philosophie Leidenschaft, Bewegung und Aktivität.
Aber Gefühle sind viel mehr. Sie sind wesentlicher Bestandteil unserer Kommunikation, notwendige Unterstützung beim Erkennen gesellschaftlicher Normen und fungieren als Impulsgeber und Motivation für spontane Reaktionen oder längerfristig angelegte Handlungen. Erst die Gefühle ermöglichen uns ein tiefes Erleben von Realität. Zugleich können sehr starke Gefühle (Cittavrittis) auch Realität vortäuschen.
Die Fähigkeit, ein breites Spektrum unterschiedlicher Gefühle empfinden zu können, ist ein Aspekt psychischer Gesundheit. Erst wenn Gefühle häufig in einem unangebrachten Kontext auftauchen, sich nicht angemessen regulieren lassen oder eine Intensität erreichen, die durch die auslösende Situation nicht gerechtfertigt ist, muss man von psychischer Erkrankung sprechen.
Eine wesentliche Voraussetzung für angemessenes emotionales Schwingen ist Karuna, das Mitgefühl. Mitgefühl ist die Fähigkeit, eigene Gefühle mit denen anderer in Resonanz zu bringen – wie bei einer stummen Saite eines Musikinstruments, die durch einen anderen Klang in Resonanz gebracht wird, zu schwingen beginnt und dadurch denselben Ton erklingen lässt. Dafür braucht es die Fähigkeit, eigene Gefühle, wann immer sie auftauchen, erkennen und annehmen zu können. Denn unbekannte, unterdrückte und nicht zugelassene Gefühle können nicht angemessen mitschwingen. Sie klingen entweder verzerrt und treffen so den Ton des Gegenübers nicht oder bleiben stumm. Daher fühlen wir uns ohne die Fähigkeit, Mitgefühl zu empfinden, auch in Gesellschaft anderer Menschen einsam.
Das griechische Verb agapan, von dem sich der Begriff Agape ableitet, wird oft als »selbstlose Liebe« übersetzt. Agape beschreibt eine metaphysische Beziehung zwischen Menschen, die das Erkennen und Begleiten des anderen mit einschließt. Diese Nächstenliebe ist die höchste christliche Tugend neben Glaube und Hoffnung (1 Kor 13.13).
In einem zentralen Abschnitt des Yogasutra empfiehlt Patanjali die beständige Praxis (Abhyasa) mit Freundlichkeit und Liebe (Maitri), Ermutigung und Mitfreude (Mudita), Geduld (Upeksha) und Mitgefühl (Karuna). Diese Qualitäten zu üben, versetze uns in die Lage, die eigene Psyche so zu beruhigen, dass wir unser wahres Wesen erkennen würden.
Auch im Buddhismus gehören liebende Güte (Metta), Mitfreude (Mudita), Gleichmut (Upeksha) und Mitgefühl (Karuna) zu den vier Grundtugenden. Im Buddhismus werden diese Tugenden Brahmaviharas genannt, was übersetzt »die vier himmlischen Verweilzustände« bedeutet. Was für eine schöne Einladung!
Zu den fünf Tugenden des Konfuzianismus gehört neben Rechtschaffenheit, Gewissenhaftigkeit, Ehrlichkeit und Gegenseitigkeit auch die Liebe im Sinne mitfühlender Menschlichkeit. Damit betonen die großen Weltreligionen die grundlegende Bedeutung des Mitgefühls.
Mitgefühl versetzt uns in die Lage, mit anderen Menschen einen transpersonalen Raum zu schaffen und zu teilen. Mit dem Jesuswort »Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, bin ich mitten unter ihnen« (Mt 18.20) ist die Bewusstseinstiefe der Liebe gemeint, die auf eine auslösende Ursache oder persönliche Betroffenheit verzichtet und die Erfahrung von »Nicht-getrennt-Sein« bzw. »Heilsein« schafft. Auf diese Weise geht sie über das persönliche Erleben hinaus. Wenn wir fähig sind, uns mit dieser annehmenden Liebe zu begegnen, heilt sie vorhandene Brüche. Was vorher fragmentiert war, darf nun ganz, heil und gesund sein.
Liebevolle Annahme jenseits von Identifikation
Identität entsteht durch den selbstreflexiven Prozess von inneren und äußeren, aktuellen und gespeicherten Erfahrungen. Wie eine Spinne weben wir uns zwischen diesen Erfahrungen ein Netz, in dessen Zentrum wir sitzen.
Entwickelte personale Identität besteht nicht nur aus den Inhalten unserer Erfahrung, sondern auch aus den Schwingungsmustern zwischen ihnen. Man könnte sagen, dass gesunde Identität pulsiert, denn Gefühle strömen in unseren emotionalen Resonanzraum, breiten sich aus und verklingen wieder. So betrachtet, bleibt Identität beweglich, frei und schwingungsfähig im Gegensatz zur Identifikation, die an den Erfahrungen festhält.
Es ist nicht nötig, sich mit Gefühlen im Sinne von »Ich bin ängstlich« zu identifizieren, denn damit legen wir uns fest, und unsere Identität verhärtet sich. Zunehmend setzen wir uns dann aus verschiedenen Facetten wie »Ich bin mutig, friedlich, faul, feige oder wütend« zusammen.
Wenn sich Teile dieses Selbstbildes widersprechen oder sich unsere Persönlichkeit weiterentwickelt, nehmen wir das als Konflikt wahr. Um diesen zu lösen, verleugnen wir situativ unpassende Seiten und stellen scheinbar angemessene heraus. Eine andere Möglichkeit besteht darin, sich aus augenscheinlich gut funktionierenden Anteilen eine feste Persönlichkeit zu erschaffen. Dieser Typ mag stabiler sein als der erste, doch sein emotionaler Resonanzraum ist starr und seine Schwingungsfähigkeit vermindert.
Im Yoga sprechen wir hier von Samyoga, der Verbindung des Sehers (Drashta, Purusha) mit dem Gesehenen und Erfahrenen (Drishya, Prakriti). Diese Identifikation wird als Ursache des menschlichen Leides betrachtet (Yogasutra 2.17).
Dabei ist es durchaus möglich, eine Erfahrung wie »Ich fühle mich ängstlich« anzunehmen, ohne sich deshalb auf »Ich bin ängstlich« festlegen zu müssen. Drashta erkennt im Selbstmitgefühl die Erscheinungen von Prakriti, ohne sich mit ihnen identifizieren zu müssen. So steht »Ich fühle mich mutig« nicht länger im Widerspruch mit »Ich fühle mich schüchtern«. Beides sind Pole eines lebendigen Kontinuums.
Vom Standpunkt einer bewussten, schwingungsfähigen Identität aus bedeutet Mitgefühl haben, bei sich selbst sein zu können. Diese Haltung der mitfühlenden Annahme ermöglicht es uns auch, mit anderen zu fühlen. Gefühle bedrohen uns also nicht länger oder widersprechen einander, sondern erscheinen als aufsteigende und abebbende Wellen in unserem Bewusstsein.
Um mit anderen Menschen mitzufühlen, ist es notwendig, unsere eigene Identität und unsere Bedürfnisse zurückstellen zu können. Diese Qualität ist nah an der unverfälschten Quelle (Purusha). Persönliche Färbung (Rajas) schränkt die Mitgefühlsfähigkeit ein. Wenn wir mit starken Wertungen von »richtig« und »falsch« identifiziert sind, kann nicht genügend Raum für die Gefühle unserer Mitmenschen entstehen.
Lautet beispielsweise ein Glaubenssatz von uns »Man sollte immer glücklich sein«, macht er es uns unmöglich, authentisches Mitgefühl für die Trauer anderer zu empfinden. Auch ein Beziehungsbedürfnis kann dem Mitgefühl blockierend gegenüberstehen: Wenn wir eine Person sehr mögen und ihre Nähe schätzen, wird es uns schwerfallen, sie mitfühlend in ihrem Bedürfnis nach Abstand und Unabhängigkeit zu unterstützen.
Für die Entwicklung von Mitgefühl brauchen wir also eine gewisse Durchlässigkeit, sowohl der eigenen Identität als auch unserer Bedürfnisse.
Blau: Sattva, Achtsamkeit und Bewusstheit – Die geistige Ebene
Sattva steht im Sankhya für das lichtvolle, reine und geistige Prinzip. Stärker noch als bei den beiden anderen Farben, die für den Körper und das Gefühl stehen, benötigen wir für den von Blau repräsentierten »Geist« eine klare Definition. Oft wird Geist mit Psyche gleichgesetzt, wobei diese auch Gefühle einschließt.
Um den Geist von den Emotionen abzugrenzen, definieren wir ihn hier als kognitive Fähigkeit wie Denken, Wahrnehmung, Gedächtnis, Problemlösung und Lernen. Dabei kennt der Geist jenseits seiner Inhalte und Fähigkeiten eine große Anzahl verschiedener Zustände und Verfassungen wie Ruhe, Klarheit und Konzentration oder auch Zerstreuung, Sprunghaftsein etc.
In welchem Zusammenhang stehen nun Bewusstsein bzw. Gewahrsein und Geist? Wir erinnern uns: In der indischen Sankhya-Philosophie entsteht der Mensch durch die Begegnung zwischen Purusha, dem göttlichen Bewusstsein, und Prakriti, dem Wahrnehmbaren. Zunächst entwickelt sich dabei eine Art intuitive Weisheit (Buddhi), in der sich das reine Licht des Bewusstseins erstmals der Welt zeigt. Daraus ergibt sich wiederum das Identifikationsvermögen (Ahamkara), das unterscheiden und trennen kann. Aus dieser Funktion entwickelt sich dann der Geist (Manas), auf den die Empfindungen der Wahrnehmungsorgane projiziert werden, der Entscheidungen trifft und reagiert (Unger/Hofmann-Unger 1999).
Im Folgenden verstehe ich universelles Bewusstsein, wie Brahman im Vedanta oder Purusha in der Sankhya-Philosophie, als Grundlage des persönlichen Bewusstseins, des Selbst (Atman). Universelles Bewusstsein ist der beseelende Stoff, der Materie überhaupt erst erschafft und belebt. Wenn wir universelles Bewusstsein als »das Eine-ohne-ein-Zweites« verstehen, erfahren wir es in uns selbst als das Sein, die Existenz oder, wie oben angesprochen, im »Ich bin«. Dieser Urgrund drückt sich in uns dann weiter als Pulsation (Körper), Mitgefühl (Emotion) und Achtsamkeit (Geist) aus, die sich schließlich untereinander mischen. So steht diese Trinität für einen erfahrbaren Ausdruck des universellen Bewusstseins.
Achtsamkeit ist jener Teil der Wahrnehmung, der vom Wissen begleitet wird, dass wir wahrnehmen. Sie ist frei von Urteil und Bewertung und demnach bewusste, urteilsfreie Wahrnehmung.
Der indische Lehrer Nisargadatta Maharaj sagt: »Durch die uneingeschränkte Akzeptanz von Allem, was möglicherweise auftaucht und somit ganz einfach vorhanden ist, bestärken Sie alles Tieferliegende, an die Oberfläche zu kommen und dadurch Ihr Leben und das Bewusstsein mit seinen eingeschlossenen Energien zu bereichern. Das ist die grenzenlose Wirkung des Gewahrseins« (Maharaj 1996).
Gewahrsein ist das Tor zur transpersonalen Dimension des Geistes (Gemsemer 1997). Denn im Gewahrsein erscheinen uns die Dinge nicht mehr isoliert, sondern als Aspekte des universellen Bewusstseins. Im Dzogchen, einer Tradition des tibetischen Buddhismus, ist Rigpa der Begriff für Intelligenz, die »innerste Natur des Geistes«. Er steht für reines Gewahrsein jenseits aller Begrenzung, durch das man zum Zustand der Allwissenheit und Erleuchtung gelangt. Doch auch diese hohe Form von Intelligenz ist ohne Mitgefühl nicht in der Lage, ihr gesamtes Potenzial zu entfalten.
Wahrnehmung jenseits von Wertung
Wie wir gesehen haben, ist es eine entwickelte Fähigkeit des Geistes, sich über Dinge bewusst zu sein, ohne über sie urteilen zu müssen. Das bedeutet, sie als Ganzes erleben zu können – und damit auch den ihnen innewohnenden Aspekt des universellen Bewusstseins.
Eine andere Fähigkeit des Geistes besteht darin, zu beurteilen und zu werten. Sie teilt die Welt auf in Kategorien wie alt und neu, hilfreich und nutzlos, hässlich und schön etc. Zum Teil handelt es sich dabei um notwendige Orientierungsmuster, die uns helfen, uns in der Welt zurechtzufinden. Je stärker wir aber pauschal wertende Kategorien wie »gut« oder »schlecht« kreieren, umso starrer werden die Identität und Bindung (Samyoga), die daraus hervorgehen. »Gut« oder »schlecht« sind keine Kategorien des Selbst. Das Selbst pulsiert völlig unabhängig zwischen den inneren und äußeren Bedürfnissen.
In Krisen werden solche Bewertungen häufig zu einem dysfunktionalen Wertesystem zusammengefügt. Das bedeutet, dass immer weniger unmittelbar erfahren, betrachtet und gefühlt wird. Stattdessen dominiert ein selektiver Blick, der Menschen und Dinge, Gefühle und Gedanken in Kategorien aus vorgefertigten Meinungen und alten Erfahrungen einsortiert. Die Dominanz solcher »Voreinstellungen« führt zu einer Verformung und Verfärbung der Realität (Cittavritti). Wir sehen die Welt nicht, wie sie ist, sondern durch die Brille unserer vorgefassten Meinungen. Die Gestalttherapie bezeichnet das als »Ego-Prozess«: »Das bin ich, und das bin ich nicht.«
Schwierig wird es, wenn scheinbar »schlechte« Gefühle in uns aufsteigen, die nicht zu unserer »guten« Identität passen. Diese »unpassenden« Seiten werden dann mithilfe verschiedener Abwehrmechanismen vor der eigenen Identität verborgen. Wir entziehen sie unserem Gewahrsein. Allerdings wird unsere Selbst-Wahrnehmung damit unvollständig, und was wir in unserm Inneren nicht kennen, verstehen wir auch nicht in der äußeren Welt. Im ersten Schritt sind wir uns selbst fremd geworden, im zweiten Schritt entfremden wir uns von der Welt. Je länger ein solches (Persönlichkeits-)System existiert, umso starrer und unbeweglicher wird es.
Aus der Perspektive einer integrativen Yogapsychologie steht Sattva nicht für ideale Eigenschaften wie Reinheit und Licht. Sattva steht vielmehr für die geistige Fähigkeit und Bereitschaft wertfreier, achtsamer Wahrnehmung und Erkenntnis.
Weiss: Sat-cit-ananda
Sat-cit-ananda beschreibt im Sanskrit das Wesen von Brahman: die attributlose, unendliche, transzendente Realität sowie den Urgrund von Materie, Energie, Zeit und Raum. Der Begriff setzt sich aus drei Wörtern zusammen:
1 Sat (der Körper – »Rot«) bezeichnet den reinen Zustand des Seins, der Existenz an sich. Sat ist der unpersönliche Ausdruck des Lebens und damit Grundlage jeder Pulsation.
2 Cit (der Geist – »Blau«) bezeichnet das unpersönliche Bewusstsein, das reine Gewahrsein, die Grundlage von Achtsamkeit. Wir erfahren Cit, wenn sich Achtsamkeit in seinem eigenen Licht durchdringt.
3 Ananda (das Gefühl – »Grün«) bedeutet Freude oder Glückseligkeit. Dieses Gefühl der Wonne entsteht, wenn allumfassendes Mitgefühl in sich selbst eintaucht, von sich erfüllt und umgeben ist. »Lebenskraft, Liebe und Bewusstsein sind von der Essenz her alle eins« (Maharaj 2009).
Zen-Meister Samy schreibt: »Sambhogakaya, der Körper der Glückseligkeit, ist das im Selbst verweilende Selbst, das Selbst, das sich am Selbst erfreut. Es ist das Selbst im Urgrund seiner grenzenlosen Offenheit und seines Geheimnisses. Das Selbst ist in seinem Körper, seinem Geist, seiner Seele zuhause, es ist in die Natur, wie auch in die Kultur eingebettet« (Samy 2005).
Eine holistische Perspektive
MAP: Eine Karte der Orientierung
Wie wir gesehen haben, können wir Körper, Gefühle und Geist grundsätzlich als interagierende Felder unserer Existenz betrachten. Jedes Feld hat ein eigenes, herausragendes Potenzial: die Pulsation, das Mitgefühl und die Achtsamkeit. Dabei ist die Pulsation nicht nur für den Körper relevant, sondern auch für das emotionale und geistige Feld. Genauso brauchen wir das Mitgefühl für unsere Körperlichkeit und unseren Geist sowie die Achtsamkeit für unseren Leib und unsere Emotionen. Das Potenzial einer Ebene befruchtet und bereichert somit jene der anderen.

Aus den Interaktionen zwischen den Ebenen und ihren Erlebenspotenzialen ergeben sich neun Felder. Jedes von ihnen bietet uns eine verlässliche Orientierung auf dem Weg in ein ganzheitliches, selbstreguliertes und integriertes Leben. Zugleich ermöglichen die Felder ein erstes Verständnis eventuell vorhandener Blockaden und des betroffenen Lebensbereichs. Zu den neun Feldern, ihren Potenzialen und Aufgaben gehören:
1 Sich dem Körper, seinen Bedürfnissen und Impulsen hingeben: Aus dieser Fähigkeit entsteht Vertrauen in das Wissen des eigenen Körpers sowie die Freiheit, seinen lebendigen und spontanen Ausdruck zuzulassen. Das ist die Grundvoraussetzung, um uns im eigenen Körper zu Hause fühlen zu können – eine Erdung in unserer organischen und muskulären Existenz. In den Bereichen Atmung und Bewegung können wir dies besonders deutlich erfahren.
2 Den Körper, seine Bedürfnisse und Impulse annehmen: Das setzt ein warmes, akzeptierendes Einfühlungsvermögen voraus. Dabei geht es nicht darum, unsere Bedürfnisse und Impulse rücksichts- und bedingungslos auszuleben, sondern vielmehr darum, ihr Erscheinen absichtslos anzunehmen.
3 Unsere Bedürfnisse wahrnehmen: Um unseren Körper bewusst wahrnehmen zu können, müssen wir offen für unser sinnliches Erleben sein, jenseits von Wertung. Auf dieser Grundlage wird es möglich, einzelne Empfindungen den ihnen zugrundeliegenden Bedürfnissen zuzuordnen. Dieses Feld ist die Voraussetzung für unser Körperbewusstsein.
In den ersten drei Orientierungsfeldern geht es um jede Form innerer, spontaner und mitunter triebhafter Impulse, wie beispielsweise um den Bereich der Sexualität und um die Fähigkeit zur Hingabe an die lustvollen, mit dem Atem verbundenen Rhythmen des Körpers. Entsprechend lassen sich in diesen Feldern auch Formen von sexuellen Blockaden oder einer insgesamt eingeschränkten Impulsqualität nachvollziehen.
Menschen, die sich von ihrer Körperlichkeit abgespalten erleben, finden in der Auseinandersetzung mit dieser Ebene Ressourcen für die Arbeit mit ihren kognitiven oder emotionalen Blockaden. Allein die Möglichkeit, den Körper bewusst und jenseits von Leistungsansprüchen, Wertung und einer dadurch vielleicht belasteten Sexualität zu erleben, ist für viele Menschen neu und befreiend. Wenn es uns zunehmend gelingt, unsere Körperlichkeit freundlich wahrzunehmen und anzunehmen, können wir allmählich wieder Vertrauen in die eigene Existenz finden und sie stabilisieren.
Die Felder vier bis sechs sind:
1 Die eigenen Gefühle zulassen: Im engl. Wort emotion, »Gefühl«, steckt motion, »Bewegung«. Denn jedes Gefühl ist ein Impulsgeber für Handlungen bzw. Ausdruck eines inneren Zustands. In Kontakt mit Achtsamkeit und Mitgefühl entsteht die Fähigkeit zu gesunder Pulsation in sozialen Beziehungen. Auch hier spielen die Qualitäten Hingabe und Regulation eine wesentliche Rolle.
2 Die eigenen Gefühle annehmen: Gefühle annehmen bedeutet, auch für schwierige, scheinbar unpassende, unangenehme oder sogar schmerzhafte Gefühle eine grundsätzliche Akzeptanz zu entwickeln. Eine dysfunktionale Identifikation bestünde, wenn wir uns stark mit einem aufkommenden Gefühl wie etwa Mut identifizierten, da es uns anschließend schwerfallen würde, ein »gegenteiliges« Gefühl wie Angst anzunehmen. Eine funktionale Identifikation jedoch unterstützt uns in diesem Feld dabei, Mut zu erlernen, wenn er uns als Ressource bislang fehlte.
3 Die eigenen Gefühle wahrnehmen: Das Wahrnehmen von Gefühlen ist die Voraussetzung für emotionale Klarheit. Es schafft in Verbindung mit Hingabe und Annahme den Zugang zu verdrängten oder verleugneten Gefühlen. Hier liegen häufig große Ressourcen verborgen. Eine Bedingung dabei ist, dass wir lernen, aufkommende Gefühle nicht zu werten.
Unsere Gefühle wahrnehmen, annehmen und zulassen zu können, ist eng verbunden mit der Impulsqualität unseres Körpers. Die Felder vier, fünf und sechs beschreiben die Ebene der sozialen Beziehung mit allen Themen von Unter- und Übergrenzung, Abhängigkeit und Autonomie.
Das Wahrnehmen tiefer Emotionen ist Voraussetzung für ein erfülltes Lebensgefühl. Menschen, die nach Sinn in ihrem Leben suchen, leiden häufig darunter, sich leer und abgetrennt zu fühlen. Hintergrund ist dabei nicht selten ein eingeschränkter Zugang zur Emotionalität. Um mit der eigenen Tiefe in Kontakt zu kommen, brauchen wir das gesamte Spektrum unserer Gefühle; wir müssen lernen, sie wertfrei wahr- und anzunehmen.
Das ist auch eine Voraussetzung für befriedigende soziale Beziehungen. Denn das Wahrnehmen der eigenen Bedürfnisse ermöglicht das pulsierende Vor und Zurück, die Regulation von Nähe und Distanz in sozialen Kontakten.
Die letzten drei Felder sind:
1 Eigene Gedanken und innere Bilder zulassen: Geistige Inhalte zuzulassen, ermöglicht uns, kreative Gedanken und innere Bilder zu verwirklichen. Dieses Feld erlaubt uns, Visionen zu entwickeln. Wenn wir es zulassen, können wir aus den scheinbar chaotischen Tiefen des Unbewussten äußerst inspirierende und unterstützende Orientierung erhalten.
2 Eigene Gedanken und innere Bilder annehmen: Selbst zunächst befremdlich oder bedrohlich erscheinende Gedanken sind, richtig verstanden, Teil eines heilsamen Wachstumsprozesses. Erst die Bereitschaft, eigene Gedanken anzunehmen, ermöglicht die Entfaltung ihres unbewussten Potenzials.
3 Eigene Gedanken und innere Bilder wahrnehmen: Gedanken wahrnehmen bedeutet, ein Bewusstsein für unsere häufig unbewusst ablaufenden Gedankenprozesse zu haben. Das ist die Voraussetzung, frei von einschränkenden Gedankenmustern und Glaubenssätzen zu sein.
Die Felder sieben, acht und neun bilden die geistige Dimension des Menschen ab. Hier geht es um Kreativität und Inspiration wie künstlerische Schaffenskraft oder Visionen zukünftiger Lebensgestaltung. Wenn dieser »Kanal« offen ist, reicht unsere Kreativität weit über bewusste Geistesinhalte hinaus.
Ein freier, offener Geist schöpft aus der Gesamtheit seiner bewussten und unbewussten Inhalte. Selbst normale Alltagsgedanken können dieses Potenzial haben. Plötzlich auftauchende, mitunter abwegig erscheinende Gedanken ermöglichen uns, etwas über unsere Seelenlage zu erfahren. Solche Einblicke tauchen noch unzensiert von der Wertungskontrolle auf. Aber auch wenn die Inhalte anscheinend nicht zu uns passen und die Neigung entsteht, sie zu verurteilen und abzulehnen, ist es hilfreich, sie zuzulassen, zu verstehen und ihre Motivationen anzunehmen. Eine zu rigide Wertungsinstanz verhindert den geistigen Ausdruck unserer Seele.
Mithilfe dieser neun Felder ist es uns möglich zu erkennen, wo wir in unserer Entwicklung stehen, wo eventuelle Schwierigkeiten liegen und wie wir Zugang zu geeigneten Ressourcen finden, die uns helfen können, diese Schwierigkeiten zu lösen. In den neun Feldern findet sowohl unsere persönliche als auch spirituelle Dimension ihren Ausdruck. Zudem erweitert die Praxis mit den Orientierungsfeldern das Vertrauen in unser Selbst, denn sie gründet sich in seinen Qualitäten Mitgefühl, Achtsamkeit und Pulsation.
Die Qualitäten und ihre Blockaden
Wie wir gesehen haben, steht jeder der Qualitäten ein grundlegender Blockademechanismus gegenüber: der Achtsamkeit die Wertung, dem Mitgefühl die Identifikation und der Pulsation die Starre. Die unten abgebildete Grafik führt das nochmals vor Augen. Sind diese Blockaden wirksam, können die Qualitäten sich nicht frei entfalten.
Verhindert ein Blockademechanismus (Wertung) den Zugang zu einer Qualität (Achtsamkeit), können wir die verbleibenden Ressourcen der beiden anderen Felder (Mitgefühl und Pulsation) nutzen, um uns aus der Blockade zu befreien. Sind zwei der Qualitäten blockiert, ist es möglich, mit der verbleibenden zu arbeiten. Und selbst wenn alle drei Ressourcen beeinträchtigt sind, wird es immer eine geben, zu der der Zugang am leichtesten fällt.

Implikationen für die Selbsterfahrungsarbeit
Die dargestellten sechs Felder sind Grundlage einer nachhaltigen Persönlichkeitsentwicklung. Der Begriff »Persönlichkeit« leitet sich von lat. personare, »hindurchtönen«, ab. Als personae wurden die Masken der Schauspieler im klassischen griechischen Drama bezeichnet. Persönlichkeitsentwicklung können wir somit als das schrittweise Durchdringen bzw. Abnehmen von Masken verstehen. Unsere Masken sind dabei ursprünglich im Laufe des Lebens entstanden, um uns zu schützen und verletzliche oder abgelehnte Persönlichkeitsanteile zu verbergen. Häufig identifizieren wir uns mit bewährten Masken, was zu einem starren, unflexiblen oder neurotischen Charakter führen kann.
Der Kern einer Existenz, ihr beseelter Grundstoff, ist dagegen die Essenz oder das Selbst. Selbst-Erfahrung findet statt, wenn es uns gelingt, durch die Masken der Persönlichkeit unser Selbst zu erkennen und zu erfahren. Die neun Orientierungsfelder fördern das Erleben des unverstellten Ausdrucks unseres Seins. Diese Selbst-Erfahrung kann nicht forciert werden. Es ist die Erfahrung der Weite, die entsteht, wenn wir uns ungebunden und jenseits von Wertung in der Welt bewegen.
In meiner persönlichen Praxis, meinen privaten Beziehungen und in der Selbsterfahrungsarbeit mit Gruppen und einzelnen Klient*innen erlebe ich immer wieder, wie unterstützend die Felder beim Erkennen der jeweils wirkenden Blockaden und freien Qualitäten sind.
Umgekehrt kommt es in der psychologischen Unterstützung und Begleitung von Klient*innen maßgeblich auf meine Bereitschaft an, sie wahrzunehmen, ihren Ausdruck zuzulassen und anzunehmen. Häufig tauchen, wenn sie auf diese Weise eingeladen werden, Gedanken, Gefühle und Impulse auf, die zunächst destruktiv und abwehrend erscheinen können. Dabei geht es nicht darum, einen destruktiven Impuls gutzuheißen, denn auch das wäre eine Wertung.
Es braucht vielmehr das Bemühen, entstandene Impulse liebevoll anzunehmen und ihr tieferliegendes Anliegen zu verstehen. Je vorbehaltsloser mir das gelingt, umso leichter fällt dies auch den Klient*innen. Wenn sie die Impulse dann ihrerseits wahrnehmen, zulassen und annehmen, beginnen sie sich zu wandeln. So entsteht ein Prozess, dem mit der beschriebenen Haltung immer weiter gefolgt wird. Anstelle der Masken und der somatischen Verpanzerung offenbart sich dann zunehmend das Vertrauen in die ausgleichende Kraft der eigenen Impulse, Gedanken und Gefühle.
Natürlich sind das zum Teil sehr langwierige Prozesse, die durch unterschiedliche Techniken unterstützt werden können. Doch im Kern ist es das kompromisslose Vertrauen in die gestaltenden Kräfte Mitgefühl, Achtsamkeit und Pulsation, das uns zurück zu uns selbst und in den Kontakt mit der Welt führt.
Eine tiefe Auseinandersetzung mit den Qualitäten Mitgefühl, Achtsamkeit und Pulsation hat Konsequenzen für alle Lebensbereiche. Sie ist Grundlage von Psychotherapie, Selbsterfahrungsarbeit, Pädagogik, Politik, Ökologie, Ökonomie und jeder Form sozialer Beziehung. Sie ermöglicht ein ausgewogenes Handeln aus der Mitte von Körper, Emotion und Geist. Aus dieser Mitte entspringt die Balance zwischen Mensch und Natur, zwischen technischem Fortschritt und natürlichem Lebensraum sowie zwischen dem persönlichen Bedürfnis nach Freiheit und sozialer Integration.
Übung
Ganzheitliches Gewahrsein
Dauer: ca. 15 Minuten
Material: Stift und Zettel/Tagebuch
Diese Übung kann dich dabei unterstützen, einen bewussten, annehmenden und ganzheitlichen Selbst-Kontakt aufzubauen. Ihre Struktur führt in einzelnen Schritten von deinen Gefühlen über den Körper bis zur Ebene des Geistes. Nach meiner Erfahrung bieten unsere Emotionen dabei einen guten Einstieg. Letztendlich ist die Reihenfolge für das Ergebnis nicht wichtig. Beobachte und folge dem, was dir guttut.
Versuche, so gut es dir möglich ist, dich nicht mit den unterschiedlichen Erfahrungen zu identifizieren oder ihre Inhalte zu werten. Wenn du es nicht verhindern kannst, beobachte auch das, ohne dich zu beurteilen.
Für die Übung ist es hilfreich, wenn du eine konkrete Situation oder die Beziehung zu einem Menschen wählst. Das Ziel ist aber nicht, die Lösung eines Konflikts oder die Antwort auf ein Problem zu finden. Dazu kommen wir später. Zunächst wollen wir einfach versuchen, uns möglichst vollständig zu erfassen und anzunehmen, wertfrei und verständnisvoll.
1. Die emotionale Ebene
Im ersten Schritt geht es darum, dich innerlich mit der gewählten Situation oder Person zu verbinden. Stell sie dir möglichst bildhaft und detailreich vor. Verweile hier einen Augenblick.
Nimm nun wahr, welche Emotionen mit der Vorstellung in dir aufkommen. Wie fühlst du dich? Gibt es mehrere oder vielleicht auch widersprüchliche Gefühle? Gibt es einen Ort im Körper, an dem du sie am deutlichsten wahrnehmen kannst? Kannst du ein Bedürfnis erkennen, das mit den Emotionen in Verbindung steht?
Notiere dir alle Aspekte. Beobachte, ob es dir möglich ist, die entstandenen Emotionen anzunehmen, ohne dich mit ihnen zu identifizieren oder sie zu werten.
2. Die körperliche Ebene
Verbinde dich mit erneut mit der Situation oder Beziehung.
Wie erlebst du dich in deinem Körper? Tauchen Empfindungen auf? Kannst du wahrnehmen, wo im Körper du eine Reaktion spürst? Gibt es den Impuls zu einer Bewegung? Was möchte dein Körper tun? Kannst du ein Bedürfnis hinter dem Impuls oder der Bewegung erkennen?
Notiere dir alle Aspekte.
Beobachte, ob es dir möglich ist, die entstandene Erfahrung einfach anzunehmen, ohne dich mit ihr zu identifizieren oder sie zu werten.
3. Die geistige Ebene
Verbinde dich ein drittes Mal mit der Situation oder Beziehung.
Tauchen Gedanken oder Bilder auf? Beeinflusst das Thema den Zustand deines Geistes? Wird er beispielsweise klar oder neblig, optimistisch oder pessimistisch, ruhig oder sprunghaft?
Notiere dir alle Gedanken, Bilder und Reaktionen, die du wahrnehmen kannst.
Beobachte, ob es dir möglich ist, die entstandenen Reaktionen anzunehmen, ohne dich mit ihnen zu identifizieren oder sie zu werten.
Versuche, alle Wahrnehmungen, Gedanken und Gefühle, die während der Übung auftauchen, einfach da sein zu lassen. Wie der indische spirituelle Lehrer Nisargadatta Maharaj sagt: »Durch die uneingeschränkte Akzeptanz von Allem, was möglicherweise auftaucht und somit ganz einfach vorhanden ist, bestärken Sie alles Tieferliegende, an die Oberfläche zu kommen und dadurch Ihr Leben und das Bewusstsein mit seinen eingeschlossenen Energien zu bereichern« (Maharaj 2003).
Solange wir Selbstanteile vor uns verbergen, sie verurteilen oder auf andere Weise abwehren, blockieren wir Wachstumsprozesse in uns. Wir müssen uns selbst vollständig annehmen, um uns entwickeln zu können. Daher gehört in der yogapsychologischen Arbeit mit Klient*innen, egal ob in der Einzel-, Paar- oder Gruppenarbeit, dieser zutiefst annehmende Blick zu unserer Grundhaltung.
Vom Yogasutra zur Psychopathologie: Eine yogapsychologische Brücke
Das Yogasutra, eine Sammlung von knapp 200 Versen, die dem Gelehrten Patanjali zugeschrieben werden, ist ein wichtiger Quellentext der integrativen Yogapsychologie. Sutra bedeutet »Faden«, und so verbinden sich auch die einzelnen Texte wie aufgereihte Perlen zu einer kostbaren Kette. Obwohl Entstehungszeit und Autor nicht letztgültig gesichert sind, wird die die Entstehung des Yogasutra auf die Zeit zwischen 200 v. und 400 n Chr. datiert.
In der Zusammenstellung des Yogasutra verbanden sich unterschiedliche geistig-spirituelle Strömungen. Hervorzuheben ist das schon erwähnte Sankhya, das als eine philosophische Grundlage diente. Aber auch der zu dieser Zeit in Indien äußerst populäre Buddhismus ist in diesem Zusammenhang zu nennen. Die Verbindung ist in beeindruckender Weise praxisorientiert und psychologisch relevant.
In welcher Beziehung stehen die oben vorgestellten Entwicklungsfelder zum Yoga? Rufen wir uns den folgenden Satz von Patanjali in Erinnerung:
»Yoga ist der Zustand, in dem die Bewegungen des citta (des meinenden Selbst) in eine dynamische Stille übergehen« (Sriram 2006).
Yogasutra 1.2
Auch wenn Citta häufig ausschließlich mit Geist übersetzt wird, gehe ich im Folgenden davon aus, dass damit unsere gesamte Psyche gemeint ist: unser Denken und Fühlen. Hierdurch erhält das Yogasutra psychologische Tiefe.
Kurz darauf schreibt Patanjali:
»In anderen Situationen beeinflussen die Bewegungen des citta (des meinenden Selbst) die Erscheinungsformen des draṣṭṛ (des sehenden Selbst)« (Sriram 2006).
Yogasutra 1.4
Drashta steht für den Zeugen und Beobachter, unsere Achtsamkeit sowie das Gewahrsein. Gemeint ist Folgendes: Wenn die Psyche aus der Balance gerät, beginnt ihr einseitiger Zustand unsere Wahrnehmung zu beeinflussen. Starke Gefühle und starre Glaubenssätze wirken wie Filter vor unserem geistigen Auge. Sind wir niedergeschlagen, wird uns eine schöne Wiese einsam und verlassen erscheinen. Wenn wir uns ängstlich fühlen, lauern in ihrem Gras schmerzhafte Dornen, Insekten und andere Gefahren.
Die Praxis des Yoga führt unserer Psyche in ihre dynamische Balance. Dann können wir die Wiese wieder als das erkennen, was sie ist: ein lebendiges, vielseitiges und einzigartiges Biotop. In der Klarheit des Zeugen verbinden sich der Beobachter und das Beobachtete zu einer Einheit. Jiddu Krishnamurti schreibt: »Wenn es nur noch die Beobachtung der Tatsache gibt, dann wird sich die Tatsache radikal verändern« (Krishnamurti 2001). Wir erkennen: Wir sind ein Teil der Wiese. Wir sind die Natur. Wir sind das Leben.
»Durch abhyāsa (beharrliches Üben) und vairāgya (Gleichmut) kann die dynamische Stille des citta (…) erreicht werden« (Sriram 2006).
Yogasutra 1.12
Im folgenden Abschnitt möchte ich die Bedeutung der drei Qualitäten und ihrer Entwicklungsfelder am Beispiel von Depression und Angststörung veranschaulichen.
Depression
Blockademechanismen und blockierte Qualitäten
Blockademechanismus: Wertung – blockierte Qualität: Achtsamkeit
Psychologische Modelle beschreiben negative Schemata und Überzeugungen als Hauptursache für die Entstehung und Aufrechterhaltung von Depression (Beck 1999). Im Yogasutra heißt es:
»Verblendung führt zu verkehrtem Wissen; der Gegenstand der Betrachtung wird anders verstanden, als er ist« (Sriram 2006).
Yogasutra 1.8
Durch bestimmte Denk- und Verarbeitungsmuster kommt es also zu einer Verzerrung der Realität. Becks Modell der Depression beschreibt verschiedene sog. »Denkfehler«, die zu einer negativen Einstellung führen. Das Yogasutra nennt in diesem Zusammenhang den Begriff Viparyaya, der falsche Wahrnehmung oder Verblendung bezeichnet. Die meisten aus Viparyaya hervorgehenden Denkfehler beruhen auf einer starken Bewertung der Realität. Die Form der Bewertung beeinflusst die Wahrnehmung und damit indirekt die Handlungsimpulse.
Blockademechanismus: Identifikation – blockierte Qualität: Selbstannahme
Wenn wir uns mit den negativen Inhalten unserer Gedanken unbewusst oder starr identifizieren (Samyoga), betrachten wir sie nicht länger als eine Möglichkeit. Stattdessen werden sie für uns zu objektiver Realität.
»Die Ursache des Leidens ist saṃyoga, die Anbindung des sehenden Selbst an das Objekt, das gesehen wird« (Sriram 2006).
Yogasutra 2.17
So erlebt sich ein depressiv gestimmter Mensch oft als unterlegen und fehlerhaft, kritisiert fortwährend die eigenen Leistungen, wertet sie ab und verkennt vorhandene Fähigkeiten. »Die Tatsache, dass wir diese schädlichen, verzerrten Gedanken in Bezug auf uns selbst oft als unanfechtbare Wahrheit ansehen, zementiert die Verbindung zwischen gedrückten Gefühlen und selbstkritischen Gedankengängen (…)« (Williams et al. 2009).
Hier geht es um die Identifikation mit unserem falschen Selbst, denn der Depressive hat nicht genug Vertrauen in seinen natürlichen Ausdruck. Stärker noch: Er hat Angst vor den eigenen Gedanken, Gefühlen und Impulsen. Alexander Lowen schreibt: »Die Unterdrückung des Gefühls schafft eine Prädisposition für die Depression, da sie das Individuum daran hindert, sich auf seine Gefühle als Leitlinie seines Handelns zu verlassen« (Lowen 1979). Im weiteren Krankheitsverlauf kommt es stattdessen zu einer Identifikation mit den belastenden Gefühlen der Depression selbst. Dies zieht erneut negative Bewertungen nach sich, die von der erlebten Realität scheinbar bestätigt werden.
Damit schließt und stabilisiert sich der depressive Kreislauf. Die Abwehr von gesunden Gefühlen und Impulsen verhindert sowohl ein Ausbrechen aus dem Kreis verzerrter Wahrnehmungen als auch das Aufgeben der Identifikation mit den niederdrückenden Folgen negativer Bewertungen.
Blockademechanismus: Starre – blockierte Qualität: Pulsation
Wenn Kinder keinen anderen Weg finden, als sich den Erwartungen der Eltern zu unterwerfen, können große seelische Konflikte entstehen. Die Psychologin und Psychotherapeutin Verena Kast beschreibt Depression in diesem Sinne als das Ende einer langen Anpassungsphase (Kast 2009). Unbewusst möchte sich das Kind gegen die Eltern abgrenzen, erlebt sich hierfür aber in einem zu großen Abhängigkeitsverhältnis. »Der Depressive ist durch unbewusste Schranken von ›du sollst‹ und ›du sollst nicht‹ eingesperrt, die ihn isolieren, die ihn eingrenzen und schließlich seinen Geist überwältigen« (Lowen 1979).
Das zunächst gegen die Eltern gerichtete Gefühl der Aggression wird dadurch zu einem verfolgenden Objekt, das als bedrohlich erlebt wird. Weil das Kind die entstandene Aggression nicht nach außen wenden kann, richtet es sie schließlich gegen sich selbst. So wird Depression in der Psychoanalyse auch als eine Form der Autoaggression betrachtet. In dieser Dynamik gefangen, kann sich ein Mensch bis ins Erwachsenenalter als hilf-, macht- und kraftlos erleben, unfähig, die eigenen Bedürfnisse der Welt gegenüber zu vertreten. »Die Unfähigkeit zu reagieren unterscheidet den Zustand der Depression von allen anderen Gemütszuständen« (Lowen 1979).

Die Überwindung der Blockaden
Karuna: Mitgefühl entwickeln und Desidentifikation erreichen
Mark Williams, Zindel Segal und John Teasdale haben an der Bangor University in Wales das Center for Mindfulness Research and Practice gegründet und das MBCT-Programm (Mindfulness Based Cognivitiv Therapy) entwickelt. Studien belegen diesem Verfahren eine gute Wirksamkeit in der Rückfallprävention von Depression.
In MBCT-Gruppen lernen die Teilnehmer*innen, sich durch die wiederholte Übung in Achtsamkeit und Mitgefühl nicht länger mit den eigenen dysfunktionalen Gefühlen und Gedanken zu identifizieren. Auf diese Weise können sie sich zunehmend von limitierenden Denkschemata und Glaubenssätzen befreien.
Um es zu ermöglichen, unterdrückte Gefühle zu erforschen, ist eine gefestigte, vertrauensvolle Beziehung zwischen Klient*innen und Begleiter*innen notwendig: »Wem es an Vertrauen fehlt, der hat all seine Gemütsbewegungen unterdrückt. An ihre Stelle hat er eine Reihe von Ansichten oder Illusionen gesetzt, die sein Verhalten lenken und steuern« (Lowen 1979). Der Klient kann nur auf Grundlage des Vertrauens in die Therapeuten-Klienten-Beziehung lernen, sich zu öffnen: »Die therapeutische Aufgabe besteht darin, dem Patienten zu helfen, seinen Weg zu Selbstliebe und zur Selbstannahme zu finden und ein Vertrauen zu sich selbst zu entwickeln, dass er an die Stelle dessen setzen kann, was er von seinen Eltern nicht bekommen hat« (Lowen 1979).
Wenn uns Patanjali im Yogasutra den folgenden Hinweis gibt, ist es nur naheliegend, dass wir uns auch selbst die genannte, heilsame Haltung entgegenbringen:
»Citta, unsere Psyche, wird allmählich klar, wenn wir aus innerer Überzeugung [uns] jeweils freundlich, mitfühlend, begeisterungsfähig und verzeihend gegenüber Menschen verhalten, die sich in Situationen des Glücks, des Unglücks, des Lobenswerten oder des Ächtenswerten befinden« (Sriram 2006).
Yogasutra 1.33
Wir werden die besondere Bedeutung dieses Verses für die integrative Yogapsychologie später noch ausführlicher betrachten.
Erst in einer Beziehung, die von Annahme und Verständnis geprägt ist, können Klient*innen lernen, sich von der Identifikation mit Symptomen und Glaubenssätzen zu befreien. Die Aufgabe des Begleitens, sei es in Coaching oder Therapie, ist es, diesen heilsamen Raum zu gestalten.
Drashta: Achtsamkeit im Umgang mit den eigenen Gefühlen entwickeln
Wenn im Laufe der therapeutischen Arbeit die Wahrnehmung des/der Klient*in freier von seinen/ihren Wertungsmustern und Identifikationen wird, entsteht allmählich die Fähigkeit zu annehmendem Gewahrsein. »Die Qualität von Achtsamkeit ist nicht ein neutrales oder leeres Anwesend-Sein. Wahre Achtsamkeit ist durchtränkt von Wärme, Mitgefühl und Interesse. Im Lichte dieser hingebungsvollen Aufmerksamkeit entdecken wir, dass es nicht möglich ist, etwas oder jemanden, das oder den wir wahrhaftig verstehen, zu hassen oder zu fürchten. Das Wesen der Achtsamkeit ist Hingabe: Wo Interesse ist, da folgt eine natürliche, ungezwungene Aufmerksamkeit« (Feldman/Kornfield 2004). Das gilt für den Blick auf die Welt wie auch für den Blick auf uns selbst.
Eine im Vertrauen pulsierende Achtsamkeit trägt in sich die Kraft, das Geschaute anzunehmen. Bei einer Depression werden das in erster Linie unterdrückte Gefühle sein. Doch das bedeutet nicht, dass der/die Klient*in sich nun über die neu entdeckten Emotionen definieren sollte.
»Der draṣṭṛ sieht ausschließlich, er ist standhaft und ohne jegliche Veränderung, kann aber nur aufgrund der über das citta (des meinenden Selbst) vermittelten Eindrücke sehen« (Sriram 2006).
Yogasutra 2.20
Stattdessen geht es darum zu lernen, die eigenen Gefühle und Bedürfnisse fühlend zu erkennen, um sie von externen Erwartungen zu unterscheiden. Wir müssen lernen »(…) wieder in Kontakt mit unseren Gefühlen zu kommen – mit denen, die wir mögen, mit denen, die wir nicht mögen, und mit denen, von denen wir nicht wissen, dass wir sie haben« (Williams et al. 2009).
Die Bedeutung des Körpers: Lernen, sich der Pulsation hinzugeben
Zu diesem Kontakt gehört selbstverständlich auch die heilsame Erfahrung des Körpers. Was wir geistig und emotional unterdrücken, müssen wir im Körper kontrollieren. Denn jeder Gedanke, jedes Gefühl wird immer von einem körperlichen Impuls, einem Ausdruck begleitet. So beobachtete Alexander Lowen in seiner Arbeit mit depressiven Menschen: »Wenn jemand mit seinem Körper in Fühlung kommt, eröffnet sich ihm eine neue Art, sich selbst zu verstehen, die sich allmählich in Selbstannahme verwandelt« (Lowen 1979).
Die Beziehung zwischen Klient*in und Begleiter*in findet in der Körperarbeit einen wichtigen Ausdruck. Während Klient*innen bisher in Konzepten, Konstrukten und kognitiven Verzerrungen gelebt haben, erleben sie nun Erdung und Realität, und nirgendwo ist die Realität unmittelbarer zu erfahren als auf der Ebene des Körpers. Voraussetzung dafür sind ein gewachsenes Vertrauen und der achtsame Respekt vor Grenzen. Dann kann der/die Klient*in auf der muskulären Ebene die Mechanismen der Kontrolle entdecken und lernen, sich wieder spontanen Impulsen zu überlassen.
Lowen geht dabei weiter, als es gegenwärtig in der Praxis von Psychotherapie und Coaching üblich ist: »Jeder Patient braucht es, dass man ihn berührt, und das gilt besonders für den depressiven Patienten. Indem man ihn berührt, ruft man seine Gefühle wach. Dadurch, dass man mit ihm in Fühlung ist, drückt man sein Mitgefühl und Verständnis aus, und indem man ihn physisch mit Wärme und Gefühl berührt, lässt man ihn seine eigene Liebe spüren« (Lowen 1979).
Annehmendes Gewahrsein: Das Selbst
Es ist es notwendig, dass sich Körper, Gefühle und Gedanken in der achtsamen Annahme des Mitgefühls verbinden. Denn aus der Mitte dieser drei entspringt jenes Leben, das der Depressive bisher so schwer zulassen konnte. »Dann stellen wir fest, dass wir gut für uns sorgen können, indem wir einfach alles, was wir gerade empfinden, in unserem Gewahrsein annehmen und bejahen – in einem Gewahrsein, das von Qualitäten wie Güte, einer sanften Aufgeschlossenheit und Interesse an allem durchdrungen ist, was sich in uns selbst zeigt, was immer es auch ist« (Williams et al. 2009).
Diese Art von Gewahrsein beschreibt den Begriff des Selbst, wie ich ihn verwende: Das Selbst sorgt für sich selbst, wenn wir nur bereit sind, uns dem, was innerhalb und außerhalb von uns geschieht, achtsam und mitfühlend hinzugeben. »Wir müssen auf unsere inneren Forderungen und Beweggründe hören und sie erkennen. Wir müssen berührt sein und uns hingezogen fühlen, für das, was uns wichtig ist zu sorgen« (Samy 2005).
Es ist die Verbindung all der voneinander getrennten Impulse, die aus der Depression zurück in das Leben und Erleben führt. Dabei sind es Mitgefühl, Achtsamkeit und die wiedergewonnene Pulsation des Körpers, die dazu befähigen, diesen Weg zu gehen.
Wie dieses Beispiel zeigte, sind die Blockadefelder und damit Wertung, Identifikation und Kontrolle maßgeblich an Entstehung und Aufrechterhaltung von Störungen wie der Depression beteiligt. Durch mangelndes Mitgefühl, unangemessene Wertung und Kontrolle wird die gesunde Entwicklung aller grundlegenden Bereiche des menschlichen Seins behindert.
Der Körper mit seinen Bedürfnissen und Impulsen ist davon ebenso betroffen wie das Feld der Emotionen und des Geists. Um einen Mangel an Mitgefühl, Achtsamkeit und Hingabe zu kompensieren, entwickelt das Kind, entsprechend seinem Alter und seiner Kompetenz, unterschiedliche Strategien. Wie wir gesehen haben, kann Depression ein Ausdruck oder eine Folge einer solchen Strategie sein.
Wenn wir aber lernen, wieder wahrzunehmen, ohne zu werten, anzunehmen, ohne anzuhaften, und uns dem Leben hingeben, weil wir in seine Lebendigkeit vertrauen, werden sich Achtsamkeit, Mitgefühl und Pulsation entfalten.
Ängste
Neben der Depression sind verschiedene Formen von Angst die am weitest verbreiteten psychischen Störungen. Angst hat viele unterschiedliche Erscheinungsformen, sie kann einzelne Objekte, Lebensbereiche oder den gesamten Alltag betreffen.
Um den Dreiklang der Qualitäten Achtsamkeit, Mitgefühl und Pulsation vertiefen zu können, gehe ich im Folgenden auf ein verbindendes Element aller Angststörungen ein. Das hilft uns, eine ganzheitliche Perspektive einzunehmen, die die Bedeutung der drei essenziellen Qualitäten verdeutlicht.
Blockademechanismen und blockierte Qualitäten
Blockademechanismus: Wertung – blockierte Qualität: Achtsamkeit
»Es gibt viele verschiedene Formen der Angst, aber es gibt auch etwas, das sich wie ein roter Faden durch alle Störungen der Angst zieht: Personen mögen nicht, was sie denken oder fühlen. In der Folge stürzen sie sich in Verhalten, das ihre Angst einflößenden Gedanken und Gefühle vermeiden soll« (Eifert/Forsyth 2009). Da wir uns mit der Angst beschäftigen, liegt es nahe, mit den Emotionen zu beginnen.
Gefühle sind eine zentrale Grundlage unserer Verhaltens- und Reaktionsmuster. Aber wie wir anhand der Depression sehen konnten, ist dieses System anfällig für Verzerrungen durch kognitive Interpretationen, Wertungen und Kontrollmechanismen. Auch bei der Angststörung führen kognitive Schemata zu einer verzerrten Wahrnehmung und Bewertung der äußeren und inneren Welt. Das führt dazu, dass Erleben, Situationen, Menschen oder Gegenständen ein unangemessenes Gefahrenpotenzial unterstellt wird. Die Welt liegt dann unter dem Mantel von Maya, der Täuschung; die eigentliche Realität wird nicht mehr erkannt.
Blockademechanismus: Identifikation – blockierte Qualität: Selbstannahme
Wenn wir uns mit einem Gefühl identifizieren, um es anschließend zu vermeiden, richtet sich diese Vermeidung gegen den Ausdruck des eigenen Selbst. »Manchmal fühlt sich das Ich-mich-mein so bedroht, dass eine überwältigende Panik alles zu sein scheint, was noch vorhanden ist. Die Vernichtung des Selbst, die Auslöschung von Ich-mich-mein, ist die zwanghafte Besorgnis des Moments« (Brantley 2006).
Patanjali verwendet im Yogasutra den Begriff Abhinivesha für diese elementare Angst:
»Abhiniveśa (die unbegründete Angst) kommt von selbst, ohne dass ein äußeres Objekt zum Anstoß nötig wäre, und bewegt sogar weise und erwachte Menschen« (Sriram 2006).
Yogasutra 2.9
Die daraus resultierenden Vermeidungsimpulse sind Ausdruck eines ausgeprägten Vertrauensverlustes, sowohl in das eigene Selbst als auch und gegenüber der Welt. Dabei wird die innere und äußere Welt in bedrohliche und nicht bedrohliche Anteile aufgespalten. Anschließend wird versucht, die als gefährlich gewerteten Anteile zu kontrollieren. Diese Kontrollversuche verhärten die Identität und machen sie zunehmend rigide. Ein Teufelskreis beginnt: Einer rigiden Identität wird die lebendige Welt immer fremd und unberechenbar erscheinen, was wiederum das Bedürfnis nach Kontrolle und Sicherheit verstärkt.
Blockademechanismus: Starre – blockierte Qualität: Pulsation
Willi Butollo führt Angst unter anderem auf Blockaden von Gefühlen, Erfahrungszuständen, Bedürfnissen, Körperwahrnehmungen und Gedanken durch Tabuisierungen in der Entwicklung eines Menschen zurück (Butollo 2003). Das bedeutet, dass die betreffende Person erleben musste, wie der Ausdruck ihres Selbst in der Welt nicht willkommen war. Stattdessen wurde er bewertet und abgelehnt.
Aus der schmerzhaften Zurückweisung von Bedürfnissen, Gedanken und Gefühlen geht der Wunsch hervor, ihr Erscheinen vorherzusagen oder zu kontrollieren. Aus der Undurchführbarkeit dieses Bestrebens ergeben sich dann neue negative Gefühle, ausgeprägte Sorgen und eine übertriebene Wachsamkeit gegenüber den angstauslösenden Faktoren. Man vermutet, dass die generalisierte Angststörung vor allem durch diesen Kreislauf aufrechterhalten wird.
Diese Kontrolle können wir auch auf der Ebene des Körpers beobachten. Zunächst aktiviert die Angst unsere Handlungsbereitschaft. Anschließend unterdrücken wir die entstandenen Handlungsimpulse, weil wir ihre negativen Folgen fürchten. Zentrale körperliche Angstsymptome wie Herzklopfen, ein Anstieg des Blutdrucks und schnelle Atmung werden damit nicht in Aktivität umgesetzt. Stattdessen richtet sich die Energie gegen das eigene Selbst.

Die Überwindung der Blockaden
Karuna: Mitgefühl entwickeln und Desidentifikation erreichen
Akzeptanz verbindet aus Sicht der Akzeptanz-Commitment-Therapie (ACT), ein jüngerer Ansatz der kognitiven Verhaltenstherapie, Gegenwartsorientierung mit den Qualitäten Mitgefühl (Karuna), Güte (Maitri), Offenheit (Upeksha) und Bereitwilligkeit (Mudita) (Eifert/Forsyth 2009).
Diese Eigenschaften sind in der Begleitung von Menschen mit einer Angststörung von größter Bedeutung. Denn die Schwierigkeiten der Betroffenen, sich im Kontakt mit anderen Menschen angemessen wahrzunehmen, kann auch in der Beziehung zwischen Klient*in und Begleiter*in zur Entstehung von Verunsicherung und Angst führen. So braucht es bei der Begleitung ein hohes Maß an Einfühlungsvermögen, Verständnis, Mitgefühl und Unvoreingenommenheit. Noch mehr als in jeder Alltagsbeziehung wird hier authentisches Mitgefühl zum Prüfstein nachhaltigen, unterstützenden Kontakts. Nicht zuletzt deshalb, weil fast immer in der Vergangenheit bestimmte Beziehungserfahrungen das Vertrauen des/der Klient*in verletzt oder missbraucht haben. Das Erleben einzelner Gefühle ist für ihn/sie unerträglich geworden.
In der Begleitung muss daher ein Beziehungsraum zur Verfügung gestellt werden, der es dem/der Klient*in ermöglicht, sich auch jenen Gefühlen hinzugeben, die er/sie über sehr lange Zeit gemieden hat. »Es ist (vorübergehend) notwendig, auch sehr unangenehme Gefühle wie Einsamkeit, Ohnmacht, Versagen, innere Leere ertragen zu können, um aus diesen Gefühlen heraus, gleichsam im Hier und Jetzt der lebendigen Erfahrung, neue Ausdrucksmittel zu entwickeln« (Butollo 2003).
Um diesen schwierigen Prozess zu unterstützen, entwickelte Jeffrey Brantley, der auch mit der MBSR-Methode arbeitet, eine Haltung von Achtsamkeit und Meditation für den Umgang mit Angst. »Es ist ein wichtiger Teil Ihrer inneren Reise, in der Meditation zu lernen, voller Mitgefühl sich selbst gegenüber präsent zu bleiben, während Sie den Schmerz von Angst, Furcht und Panik ertragen. Wenn Sie durch Meditation lernen, angesichts von Schmerz und Furcht weich und offenen Herzens zu bleiben, werden Sie auch erfahren, was es bedeutet, nicht von ihnen beherrscht zu werden« (Brantley 2006).
Doch Akzeptanz kann nicht einfach gelehrt oder vorgetäuscht werden. »In solchen Fällen ist es sehr wahrscheinlich, dass bei Ihnen und Ihren Klienten im Verlauf der Therapie Nicht-Akzeptanz in subtiler Form auftreten wird« (Eifert/Forsyth 2009). Nicht-Akzeptanz als eine Form der Abwehr verstärkt wiederum den Angstkreislauf und behindert eine konstruktive Entwicklung. Der/die Klient*in muss ausreichend Vertrauen und Sicherheit erleben, um Gefühle, Bedürfnisse und Gedanken, die er/sie als fremd empfindet, anzunehmen und zugleich die Funktion negativer Erwartungsgefühle zu erkennen.
Das sind wichtige Voraussetzungen, um die Mechanismen der Identifikation aufzudecken: »(…) durch das Durchbrechen der Identifikation mit den furchterregenden Gedanken unterstützt die Achtsamkeit die natürliche Fähigkeit der höheren kortikalen Zentren, die Situation im richtigen Zusammenhang zu sehen und richtig zu interpretieren« (Brantley 2006).
Drashta: Achtsamkeit im Umgang mit den eigenen Gefühlen entwickeln
Auch in der ACT geht es um »(…) Einüben von achtsamer Akzeptanz und Bereitschaft zum Durchleben unerwünschter Körperwahrnehmungen, Gedanken und Gefühle während Angst und sonstiger emotionaler Zustände. (…) Die Akzeptanz- und Achtsamkeitshaltung der ACT kann als ein Weg verstanden werden, die Verschmelzung von Ereignissen oder Erfahrungen mit der Bewertung solcher Erfahrungen zu entschmelzen, zu lockern oder zu entwirren« (Eifert/Forsyth 2009). Je besser wir die Angst und ihre Symptome kennenlernen und verstehen, umso leichter wird es, gleichzeitig die gesunde Angst anzunehmen und wieder als Teil von uns zu erleben.
Aus der Perspektive der Yogapsychologie geht es also darum, die Erregungsmuster unserer Psyche (Cittavrittis) zu erkunden und zu verstehen. Die Praxis hat zum Ziel, dass der/die Übende bzw. der/die Klient*in erkennt, wann und wie er/sie die Realität verzerrt und sie nur einseitig oder falsch wahrnimmt.
Die Bedeutung des Körpers: Lernen, sich der Pulsation hinzugeben
Da die Kontrollmechanismen der Angst die Hingabe an Gefühle beeinträchtigen, haben sich bei der Behandlung von Angststörungen naheliegender Weise auch Entspannungsmethoden bewährt. »Personen mit Panikstörungen reagieren auf ihre eigenen intensiven und gutartigen Erregungsempfindungen (zum Beispiel Empfindungen des Herzschlags, Schwitzen), indem sie dagegen ankämpfen und sich ihnen wiedersetzen, als ob sie bedrohlich oder gefährlich wären und unter keinen Umständen auftreten dürften« (Eifert/Forsyth 2009).
Entspannungsmethoden können dabei unterstützend wirken, somatische Kontroll- und Angstreaktionen, die durch Bewertungen und Identifikationen entstanden sind, zu identifizieren und sie allmählich aufzugeben. Hier bietet das Yoga ein breites Anwendungsspektrum. Durch das Erleben des essenziellen Gehaltenseins, das wir erfahren, wenn wir uns der Entspannung und natürlichen Pulsation überlassen, entsteht neues Vertrauen in das Leben.
Annehmendes Gewahrsein: Das Selbst
Ein derartiges entspanntes Vertrauen bedeutet gleichwohl nicht, passiv zu bleiben. Im Gegenteil: Es ist die notwendige Voraussetzung, um die eigenen Bedürfnisse in der Welt zu vertreten. Diese Aktivität, das Handeln und Behaupten ist Ausdruck gelebter Selbst-Annahme und die Rückkehr in ein integriertes, verbundenes Leben.
Wie jedes Leiden hebt auch die Angst die Wunden unserer Fragmentierung hervor. Sie konfrontiert uns mit Identifikationen, Wertungen und Kontrollen, die wir lernen müssen aufzugeben, damit sich unser Ich dem Selbst anvertrauen kann. Auf diese Weise betrachtet, ist Angst nicht länger etwas, was uns behindert: Sie ist das Tor, das wir durchschreiten müssen, wenn wir über uns selbst hinausgelangen wollen.

Teil II

Integrative Yogapsychologie: Das Absolute und das Konkrete
What You Gonna Say to the Real Me?
1976 in West-Berlin änderte sich mein Leben tief und nachhaltig.
Als Kind wohnte ich mit meiner Familie am Rand von West-Berlin, Frontstadt des Kalten Krieges. Von meinem Fensterplatz in der Grundschule konnte ich weit über den Mauerstreifen blicken, wo die bewaffneten Soldaten der Nationalen Volksarmee patrouillierten. Die weltpolitische Lage war drückend. Der deutsche Herbst war am Heraufziehen. Ulrike Meinhof nahm sich in Stammheim das Leben und wurde auf einem Friedhof in Berlin, unweit unseres Hauses, beerdigt.
Mein Vater arbeitete als Regisseur beim Film, während meine Mutter bei meinem Bruder und mir zu Hause blieb. Damals war die Rolle der Hausfrau noch üblich und angesehen. Nach dem Tod meines Großvaters wohnte auch meine Großmutter bei uns. Die Zimmer des alten Hauses waren großzügig dimensioniert und die stets geöffneten Türen eine ernst gemeinte Einladung, der gerne gefolgt wurde. In meiner Erinnerung sind diese Räume erfüllt von den Stimmen spielender Kinder aus der Nachbarschaft, laut und ausgelassen. Am Wochenende fuhren wir an den Wannsee zum Baden oder gingen am Kudamm ins Kino, um Bugsy Malone zu sehen. Das Leben erschien mir geborgen und sorglos.
Ich erinnere mich an keinen konkreten Auslöser. Von einem Tag zum nächsten war es da. Nicht theoretisch, sondern ganz nah, real und unmissverständlich: »Ich werde sterben! Meine Eltern werden sterben! Alles vergeht!« Meine Angst war übermächtig und drängte alles andere in den Hintergrund. Mit neun Jahren hatte ich keine Ressourcen, um diese Erfahrung zu regulieren. Nächtelang lag ich weinend wach. Ich fühlte mich ohnmächtig und ausgeliefert. Auch meine Eltern waren hilflos. Alle Versuche, mich zu beruhigen, blieben erfolglos.
Der Blick hinter den Schleier der oft banalen, aber auch sicheren Alltagsoberfläche machte mich untröstlich. In der Katha-Upanischad, einem Kapitel der indischen Upanischaden, bittet der junge Nachiketa den Tod selbst, Yama, ihn als Schüler zu akzeptieren. Nach einer Prüfung hält Yama ihn für geeignet, und es folgt ein zentraler Dialog der vedischen Literatur. Doch ich war nicht Nachiketa!
Es war die Zeit, in der David Bowie im Château d’Hérouville nahe Paris die erste Hälfte seines Albums Low einspielte. Der Musikjournalist Simon Reynolds schrieb später, Low klinge wie »eine implodierende Aggression«. Bowie war am Ende und verbarg es nicht, sondern drückte es kreativ und stimmungsvoll aus. Erfüllt von verschiedensten Ängsten, wiederkehrenden psychotischen Episoden und körperlich völlig ausgezehrt, begab er sich nach West-Berlin. An seiner Seite Iggy Pop, dem es nicht besser ging.
Mit all seinen künstlerischen Häutungen war Bowie das eigene Selbst abhandengekommen. Unter der letzten Schicht schien nichts mehr zu kommen. »Ich hatte Angst um mein Leben«, wird er später über diese Zeit sagen. In Berlin wollte er sich nicht mehr neu erfinden, sondern finden. »Under the cool, under the cool and under the ball. What you gonna say to the real me, to the real me«, heißt es in What in the World. Die atmosphärische Dichte von Low würde mich später noch lange begleiten.
Erschrocken und verstört saß ich in einem dunklen, holzgetäfelten Institut für klinische Psychologie. Es gab Tests und Gespräche, aber weder Befund noch Therapie. Eine gemeinsame Sitzung mit beiden Eltern lehnte mein Vater ab. Der Tod und die Angst blieben bei mir. Sie überforderten und forderten heraus. Mich selbst zu finden, zu verstehen und anzunehmen, würde die Aufgabe der kommenden Jahrzehnte werden. Würde es mir möglich sein, mit Yama an meiner Seite diese abgründige Vernichtungsangst zu überwinden? Viele Jahre war es das nicht, und es galt noch in etliche Abgründe zu schauen.
Bowie wohnte mittlerweile ganz in der Nähe zusammen mit Iggy Pop und der Fotografin Esther Friedmann in der Berliner Hauptstraße 155. Beide Musiker waren in diesen Monaten außerordentlich produktiv. Beinahe zeitgleich mit der Produktion des Albums Low nahm Bowie mit James Osterberg, wie Iggy Pop im wahren Leben heißt, The Idiot und anschließend Lust for Life auf. Titel, Cover und Musik zeigten klar, in welche Richtung es nun ging. Was bei The Idiot noch wunderbar cool, abgegrenzt und dunkel gewesen war, wurde auf Lust for Life kraftvoll, erdig und lebendig. Der bleiche Iggy bekam ein wenig Farbe!
Das galt auch für Bowie. Direkt nach einer Tour mit Iggy Pop und dem Abschluss der Aufnahmen zu Lust for Life machte er sich an die Arbeit für sein Album Heroes. Charles Shaar Murray schreibt dazu: »Bei Heroes ging es um den Sieg über einen Geisteszustand« (Jones 2018). Heroes war die Aufrichtung aus Low. So heißt es im Song Blackout: »Get me to the doctor. Get me off the streets. (Get some protection). Get me on my feet. (Get some direction).« Aber wie sollte ich das machen? Wie mich in meinem Selbst aufrichten, auf die Beine kommen, meine Richtung finden?
Bowie verließ die Stadt zwei Jahre später als jemand, der sich gefunden hatte. Seine Zeit der andauernden Verwandlungen war vorbei. Meine Reise nahm eine gegenläufige Bewegung. Ich entwarf und verlor mich in verschiedenen Versionen meines Selbst; versuchte angestrengt, jemand zu sein, der ich nicht war, und vermied denjenigen, der ich war. Ich taumelte zwischen Selbstentwertung und Selbstüberschätzung. Niemals wich dabei die Angst von meiner Seite.
Was ich nicht begriff, war das Naheliegende: die Erkenntnis, wer ich war – und bin. Manche der langen und verschlungenen Wege, das Ausweichen, die Häutungen mögen im Nachhinein wie vertane Zeit wirken. Aber das waren sie nicht. Denn es geht im Leben nicht um den kürzesten Weg, sondern um den ganz eigenen: das Entdecken unseres Wesens, unseres Selbst (Svabhava). Und um die Hingabe an dieses Selbst, an seine Bestimmung, seine Bedürfnisse sowie unsere Treue zu ihm: Svadharma. Hier beginnt sich die Angst endlich zu verwandeln. Denn das sterbliche Ich verliert auf dem Weg an der Seite des wahren Selbst an Bedeutung.
Kleshas in der Entwicklungspsychologie
Es ist nicht leicht, das enge Ich, den Teil, mit dem wir uns in der Regel identifizieren, vom weiten Selbst zu unterscheiden. Worin besteht seine Aufgabe? Das Ich tritt auf die Bühne, wenn wir uns bedroht fühlen. Wenn etwas in körperlicher oder seelischer Hinsicht zu viel, zu wenig oder falsch ist. Im Ich verdichten wir die eigene Existenz. Aus dieser Kompression behaupten wir unsere Bedürfnisse gegenüber der konkreten Welt.
Das Selbst dagegen wird nicht durch Angst und Mängel generiert. Es ist der Zugang zum Da-Sein. In ihm fühlen wir unser Recht zu sein, ohne es beweisen oder bestätigen zu müssen, verbunden sowohl nach innen als auch nach außen, Selbst-verständlich und Selbst-sicher. Dieser Selbst-Wert geht nicht aus einem Vergleich hervor. Er muss sich nicht erhöhen oder andere erniedrigen. Das Ich wird durchlässig, wenn es mit dem Selbst verbunden wird. Es entsteht eine Öffnung in den transpersonalen Raum des Absoluten, jenseits von Angst.
Yogapsychologie ist die Verbindung zwischen dem Absoluten und dem Konkreten: Yoga befasst sich mit der Verwirklichung des Absoluten, während die Psychologie nach Lösungen von Problemen im Konkreten sucht. In der integrativen Yogapsychologie schafft das eine die Voraussetzung für das andere. Sie versucht, unsere Verstrickungen im Konkreten zu lösen, um uns dem Absoluten anvertrauen zu können.
Im Folgenden möchte ich Patanjalis Modell der Kleshas mit der Charakteranalyse nach Wilhelm Reich verbinden, um das eine im anderen sichtbar zu machen. Beginnen wir mit dem Modell der Kleshas.
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