Читать книгу: «Das Buch der Tiere»

Шрифт:


MARTIN THOMAS PESL

Das Buch
der Tiere
100 animalische Streifzüge
durch die Weltliteratur

aufgespürt, studiert und erklärt von Martin Thomas Pesl

illustriert von Kristof Kepler


VORWORT

Am Theater und im Film gibt es die Regel: Wer Kinder oder Tiere ins Rampenlicht stellt, ist selber schuld, wenn ihm die Schau gestohlen wird. In der Literatur ist das ähnlich, wenn auch auf einer abstrakteren Ebene. Und da an der Entstehung von Büchern keine eitlen Stars und geltungsbedürftige Diven beteiligt sind, sind der Vertierung der Literatur seit jeher keine Grenzen gesetzt (ebensowenig wie der Verkinderung übrigens). Diejenigen, die die Bücher schreiben, wissen ganz genau: Die Leserinnen und Leser werden sie umso mehr lieben (und kaufen), je mehr Tiere darin vorkommen und je genauer sie betrachtet und beschrieben werden. So einfach ist das.

Und natürlich ist es nicht ganz so einfach. Der Einsatz vierbeiniger Freunde, gefiederter Feinde, schwimmender Gefahren und trötender Hindernisse ist vielfältiger, als man im ersten Moment denkt. Das musste auch ich feststellen, als ich mich entschloss, als neuen Topos für eine weltliterarische Werkschau das Tierische im Menschlichen heranzuziehen.

Nach der erfreulichen Zusammenarbeit mit dem Verlag Edition Atelier und dem Zeichner Kristof Kepler an dem humorvollen Literaturlexikon Das Buch der Schurken stand schon bald fest, dass man so etwas gerne noch einmal hätte: eine Sammlung mit genau hundert Einträgen zu bekannten oder noch zu entdeckenden Figuren aus der Weltliteratur, recht subjektiven (aber dennoch ein bisschen informativen) Ausführungen dazu und einer Originalzeichnung. Besonderheiten der Hundertschaft der Schurken: Kein Autor und keine Autorin wiederholt sich, und es wurde eine gewisse Ausgewogenheit zwischen den Bösewichtern verschiedenster Formen, Farben, Geschlechter und Ausprägungen versucht.

Bloß Keine Helden

Nachdem mich die fertige Schurkenliste insgesamt recht zufriedenstellte – sie war zwar natürlich nicht erschöpfend, aber bei den meisten, die fehlten, konnte ich dafür eine plausible Rechtfertigung aus dem Hut zaubern –, stellte sich die Frage, ob es denn noch andere große Kategorien gibt, die sich auf diese Weise aufschlüsseln lassen. Helden? Langweilig! Und bitte, was ist schon ein Held? Antihelden? Interessant, aber auch in hohem Maße Ansichtssache. Ich wollte diesmal ein Einschlusskriterium, das weniger stark einer Bewertung unterworfen ist, ein deskriptives, kein qualitatives. Einen Vorschlag erhielt ich bei einer Lesung aus meinem Buch der Schurken von einer inspirierten Besucherin: Das Buch der Gurken. Ich war sehr angetan, doch kamen mir auf Anhieb nur zwei literarische Gurken in den Sinn.

So landete ich schnell bei den Viecherln, und mein Verlag, der auch genau weiß, dass nur Tiere sich besser verkaufen als Sex (ah, vielleicht fällt mir da gerade noch ein drittes Gurkenbuch ein!), zeigte sich begeistert. Kristof Kepler, der Illustrator, war überhaupt ganz aus dem Häuschen.

Kanon der Tiere

Die hundert Tiere zu finden, erwies sich als schwierig, aber aus anderen Gründen als zuletzt bei den Schurken: Das Kramen im eigenen Kanon brachte nicht besonders viele Exemplare hervor – vermutlich bin ich lektüretechnisch zu früh erwachsen geworden, habe also viele der klassischen Kindergeschichten übersprungen. (Gerade in Sachen Tieren ist mir einiges entgangen, als ich klein war: Meine Mutter nannte als Lieblingstier die Giraffe, weil die so weit oben ist, dass sie nichts mit ihr zu tun haben muss; vor dem Reiten hatte ich Angst, und das einzige Haustier, das ich mir – erfolglos – wünschte, war eine Schildkröte, weil ich vermutete, dass sie weniger Arbeit machte als ein Meerschweinchen.)

Ich war also besonders auf ein Crowdsourcing unter meinen hochgeschätzten und gebildeten Bekannten angewiesen, doch auch das fiel diesmal höchst unbefriedigend aus: Alle nannten gleich einmal Black Beauty, dann wussten sie nicht mehr weiter. Black Beauty!? Tatsächlich gab es vor dem Film, der offenbar die Kindheit meines gesamten Freundeskreises in verstörendem Ausmaß geprägt hat, einen didaktischen Öko-Roman von einer gewissen Anna Sewell aus dem Jahr 1877. Aus Trotz, dass meine Freunde mir keine literarisch hochwertigeren Ideen einzuimpfen wussten, sah ich über diese Stute arrogant hinweg.

Rückblickend weiß ich Folgendes über literarische Tiere: Es. Gibt. So. Viele! Pferde vor allem, Hunde, Vögel, Affen. Ich liebe Affen, ich deklariere mich hiermit als äußerst affenaffin, aber es gibt einfach so unendliche viele davon! Während ich im ersten Moment noch dachte, ich würde auch Theaterstücke und Filme »zulassen« oder die Regel »nur eine Figur pro Autor oder Autorin« aufheben müssen, stellte ich bald fest, dass allein die fiktiven Prosa-Tiere ein Vielfaches des mir zur Verfügung stehenden Umfangs füllen könnten. (Natürlich gibt es auch einige Überschneidungen zu den Schurken, weshalb ich mir ganz frech erlaubt habe, zwei von ihnen exemplarisch aus dem Vorgängerbuch in dieses zu übernehmen, einen kleinen und einen großen: den Bandwurm nach Irvine Welsh und Melvilles Moby Dick.)

Bei jedem Gang in die Bücherei, den ich unternahm, um einen bestimmten Roman zu finden, warfen sich mir fünf ganz andere Tierbücher, von denen ich noch nicht gehört hatte, vor die Füße und bettelten um meine Gunst wie junge Hunde. Wenn ich dann Radio hörte, erfuhr ich von der neuesten Neuerscheinung auf dem Belletristiksektor, die wieder einem neuen Elefanten oder Okapi in die Seele blickt. Und mein Kollege bei der Wochenzeitung Falter, Klaus Nüchtern, rief für die Literaturbeilage im Frühjahr 2017 einen animalischen Schwerpunkt aus. Es erscheint einfach ständig neues Tierisches.

Geschichte der Tiere in der Literatur

Die Attraktion des Animalischen als literarisches Mittel hat niemals nachgelassen, seit sich im Alten Testament die Schlange wichtigmachte. In allen alten Sagen, religiösen Schriften und nationalen Epen finden wir nach wenigen Seiten die erste Erwähnung eines Tieres, und praktisch immer hat es menschliche oder magische Züge. Ja, die Erzählenden und Erfindenden hielten es damals nur ganz schlecht aus, das Tier Tier sein zu lassen. Auch im indischen Epos Ramayana und in der chinesischen Reise in den Westen ist es völlig selbstverständlich, dass der wichtigste Handlungsträger jeweils ein Affe ist. Die Natur musste beseelt sein, und da Gott oder Götter, Teufel und Dämonen nicht in den profanen Menschen steckten, mussten sie in diese anderen Lebewesen hinein, die in Wirklichkeit nie etwas sagten, aber irgendwie klüger zu sein schienen als sie aussahen.

Daher ist es nur verständlich, dass die Menschen neugierig waren, was in diesen ihren entfernten Verwandten vorging. Sie wollten sich in sie hineinversetzen, wenn auch nur vorübergehend. Verwandlungen waren also schon vor Hunderten von Jahren ein beliebter Topos in der Literatur, Ovid widmete ihnen gar sein Lebenswerk. In Apuleius’ goldenem Esel und später Shakespeares Sommernachtstraum (der hier nicht vorkommt, weil ein Theaterstück) wurde der Mensch im Sinne der allgemeinen Belustigung zum Esel und wieder zum Menschen – eine Symbolik, die viel über unseren Blick auf uns selbst aussagt.

Indes wurde der Mensch nie müde, das Tier menschlich zu betrachten. In der westlichen Kultur stürzte man sich auf die Fabeln des alten Griechen Äsop (selbst eine recht fabelhafte Gestalt) und wandelte sie vielfach ab. Ein berühmter Adaptierer war im 17. Jahrhundert Jean de La Fontaine, dessen Fabeln immer noch reich illustriert für Kinder aller Altersstufen unter Weihnachtsbäumen liegen. Im 18. Jahrhundert stürzten sich deutschsprachige Dichter auf dieselben Stoffe, die im 19. dann unter anderem in so manches Märchen der Gebrüder Grimm Eingang fanden.

Erst im 20. Jahrhundert sollten Schreibende wie Franz Kafka (Die Verwandlung), Roald Dahl (Hexen hexen) und Marie Darrieussecq (Schweinerei) die weniger heiteren Seiten einer Tierwerdung beleuchten. Kafka (Ein Bericht für eine Akademie) und David Garnett (Dame zu Fuchs), aber auch etwa Pierre Boulle (Planet der Affen) und Peter Høeg (Die Frau und der Affe) versuchten sich auf unterschiedlich direkte Weise sogar am umgekehrten Weg – Tier wird zu Mensch – und brachten so einen modernen (Alb-)Traum zum Ausdruck: Was, wenn die, die wir mittlerweile endgültig als uns unterlegen erkannt haben, ihre Entwicklungsrückschritte aufholen und die gleichen Fähigkeiten erwerben wie wir, ja uns sogar irgendwann überlegen sind? Folgt dann die große Rache? Ein auch im 21. Jahrhundert immer noch brisantes Thema, nur haben sich da in Literatur und Film die Protagonisten geändert: Anstelle der minderen Intelligenzen (Tiere) sind künstliche (Roboter) getreten.

Der Mensch im Tiere

Am einfachsten und durchaus ebenso reizvoll ist es natürlich stets, den Tieren menschliche Züge zu geben. Ohne diesen Trick ergäbe die Kinderliteratur der Welt nur eine sehr karge Bibliothek. Aber auch hier gibt es Abstufungen, sowohl bei der Kindlichkeit der behandelten Stoffe (die Kaninchen in Unten am Fluss, ich bleibe dabei, sind nichts für Zartbesaitete!) als auch im Grad des Realismus bei der speziesübergreifenden Aneignung. In Kenneth Grahames Klassiker Der Wind in den Weiden könnte man die Protagonisten ohne Weiteres eins zu eins gegen Menschen austauschen, die wären dann halt weniger knuffig.

Die Möwe Jonathan denkt dafür zwar wie ein Mensch – noch dazu wie einer, der zu viel Weihrauch eingeatmet hat –, ihr Dasein als Möwengeist hätte aber keine Berechtigung, wenn sie nicht Flügel hätte. Ein postmodernes Resultat dieser Dialektik sind Texte wie David Duchovnys Heilige Kuh oder (ein Pionier in dieser Hinsicht!) E.T.A. Hoffmanns Kater Murr, in denen die Tiere zwar selbstredend so klug und gebildet sind wie die Menschen, aber großen Aufwand betreiben, damit diese das nicht bemerken. Selbsterniedrigung der eigenen Spezies – auch ein weit verbreitetes Motiv für den literarischen Einsatz der Fauna.

Vor den Unmengen an detektivisch begabten Katzen (und Hunden, aber vor allem Katzen), deren Spürsinn die vertracktesten Kriminalfälle löst, bevor die Herrchen und Frauchen auch nur eine Fährte aufgenommen haben, habe ich übrigens von vornherein kapituliert. Die müssen leider draußen bleiben.

Besonders interessant waren für mich hingegen jene Werke, in denen Tiere als Projektionsfläche, Arbeitsmaschine (das sind meist die Pferde), treuer Gefährte des Menschen oder gefährliche Ausformung der Natur wahrgenommen und beschrieben werden: die realistischen, die – haha! – naturalistischen Tiergeschichten, in denen die Tiere literarisch so bedeutend sind wie der Glanz der Sonne auf der Oberfläche eines Sees oder der letzte Blick der Protagonistin zu ihrem Geliebten. Hier sind, dicht gefolgt von den Pferden, die Hunde quantitativ in der Überzahl. Von den (real inspirierten, aber fiktionalisierten) Haushunden haben es Sándor Márais Tschutora, Elizabeth Barrett Brownings Flush (literarisiert von Virginia Woolf) und Ebner-Eschenbachs Krambambuli in unsere Auswahl geschafft. Aber es gibt ihrer noch viel, viel mehr.

Niedlichkeit vs Geschmack

Beliebter in den letzten Jahrzehnten ist freilich die Betrachtung der eher untypischen Haustiere, immer mit einem kalkulierten Niedlichkeitsmoment verbunden: Wer schmunzelt nicht bei der Vorstellung einer Elefantenkuh im Wohnwagen der schönen Frau in Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand oder angesichts des im Herzen der Ukraine herrlich deplatzierten Pinguins Mischa in Picknick auf dem Eis?

Nicht zu vergessen sind die Tiere als Nahrung – in dieses Lexikon haben sie allerdings nur Eingang gefunden, wenn ihr Leben davor annähernd der Rede wert war; wie das von Federigos Falken im Dekameron – und jene, die als Metapher, als Symbol, als literarisches Mittel zum Einsatz kommen. Der Löwe in Blumenberg zum Beispiel repräsentiert den mangelnden christlichen Glauben des Philosophen, der Bandwurm in Drecksau die unterdrückten Schuldgefühle des Protagonisten.

Die Handlung von Pnin hingegen würde ohne das Grauhörnchen ebenfalls stattfinden, auch Der Idiot von Dostojewski wäre ohne die wenigen Seiten mit dem Igel problemlos vorstellbar, und García Márquez hätte seine Familie Buendía am Ende der Hundert Jahre Einsamkeit problemlos auch anders der Natur anheimfallen lassen können als mithilfe der bunten Ameisen. Doch sie alle weisen ihre Autoren als Künstler aus, die eine Welt jenseits der Beschreibungs- und Fabulierkunst aufzustoßen wissen.

Die guten Tiere, die bösen Tiere, die echten Tiere, die menschlichen Tiere, die absurden Tiere, die Kuscheltiere. Da diese Kategorien oft nicht so leicht voneinander abgrenzbar sind, haben wir uns bei der Präsentation der Sammlung für eine zoologische Anordnung der Figuren entschieden, beinahe so, als schrieben wir eine Ergänzung zu Brehms Tierleben. So sind die Leserinnen und Leser eingeladen, mit ihrer Lieblingstierart zu beginnen (in meinem Fall, habe ich das schon erwähnt?, sind es die Affen!), in der Hoffnung, dass sie danach auch noch in die anderen Abteilungen des literarischen Zoos vordringen.

Literarischer Artenschutz

Was ich im Vorwort zu meinen Schurken geschrieben habe, gilt hier noch viel mehr: Es besteht keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit (mir ist allein von der Aufzählung der vielen Ausgaben schwindlig, die eine gewisse Fantasyreihe namens Warrior Cats umfasst). Mein Buch stellt keinen literaturwissenschaftlichen, auch keinen literaturkritischen und schon gar keinen biologischen Anspruch, es ist einfach ein Angebot eines begeisterten Lesers an andere Lesende, die Literatur von einer bestimmten Seite, der tierischen, zu erkunden. Lächeln Sie, weil die Tiere so süß sind. Schütteln Sie den Kopf, weil sie gar so süß sind. Fürchten Sie sich, weil sie so gefährlich sind. Und kraulen Sie dabei Ihren Vierbeiner. Oder ist Ihrer Meinung nach das Buch der beste Freund des Menschen?

Martin Thomas Pesl

Die
Schwimmenden
und Tauchenden


MOBY DICK

AUTOR: Herman Melville

TITEL: Moby Dick oder Der Wal (aus dem Amerikanischen von Matthias Jendis)

ORIGINALFASSUNG: 1851



Aye, aye! Es war dieser verfluchte weiße Wal, der mir den Mast abgeschlagen hat, der aus mir bis ans Ende meiner Tage einen erbärmlichen, humpelnden Krüppel gemacht hat!« Darauf schüttelte er die Fäuste gen Himmel und schrie seine maßlosen Verwünschungen hinaus: »Aye, aye, und ich werd ihn ums Kap der Guten Hoffnung hetzen und auch ums Horn herum und um Norwegens Mahlstrom und durch die Flammen der Verdammnis, eh ich die Jagd verloren gebe. Und, Männer, das ist es, wofür ihr angeheuert habt! Diesen weißen Wal zu jagen, auf beiden Ozeanen, in allen Winkeln der Welt, bis schwarzes Blut er bläst und tot im Wasser treibt.«

Man muss sich auch mal die andere Seite ansehen. Klar, diese gekränkten Männer und ihre Besessenheit von hungrigen Meerestieren haben etwas Lächerliches: dieser Captain Hook mit seinem Krokodil, dieser alte Mann im Meer auf der Jagd nach dem Riesenmarlin und durchaus auch dieser immer fanatischer werdende Kapitän Ahab. Sie können nicht gewinnen, aber sie müssen kämpfen, um ihre fehlenden Gliedmaßen zu rächen (oder auch einfach nur ihren Stolz zu befriedigen).

Aber trotzdem. Jetzt mal im Ernst: Moby Dick! Du Wal, du Weißer Wal du! Stellvertretend für die anderen Wassergenossen, die im Menschen einen irrationalen Tunnelblick auslösen, lass dir gesagt sein: Es ist ja verständlich, dass du nicht gejagt werden willst, und vor 150 Jahren hattest du auch noch keinen WWF, um dich zu schützen. Aber bitte, reiß dich zusammen, anstatt uns Menschen das Bein ab. Die ganze Umgebung leidet doch unter den ahabschen Gewaltobsessionen. Ismael, Starbuck, Queequeg – die müssen sich mit dem Mann ein Schiff teilen! Und das sind auch nur Säugetiere, so wie du.

Bliebest du doch wenigstens ein »Phantom des Lebens«, wie du an einer Stelle bezeichnet wirst, eine omnipräsente, doch ungreifbare, numinose Nemesis, ein dämonischer Teufel, der in Wahrheit nur in den Köpfen derer existiert, die dich jagen! Das wäre ohnehin schon tierisch gemein.

Aber nein, du lässt dich auch noch aufspüren von der irre gewordenen Mannschaft: Absichtlich, könnte man dir unterstellen, lockst du sie in dein Revier, in die Höhle des Löwen sozusagen, nur bist du größer, lauter, dicker (tut mir leid, aber du hast »dick« schon im Namen!) und gefährlicher als ein Löwe. Und da sind sie dann und nähern sich dir, nicht wissend, was sie tun, stoßen sich an dir und kentern. Du hast kaum eine Flosse gerührt, hast dann nur ein bisschen das Schiff gerammt und dabei halt alle vernichtet. Hattest wohl nach dem Ahab-etitanreger noch Lust auf den Rest der Mahlzeit?

Wer den Wal hat, hat die Qual. Und wer ihn nicht hat, quält sich selbst. Es ist ein Wunder, dass sich nach dir Weißem Wal und deinem ideellen Nachkommen, dem »Weißen Hai«, noch irgendjemand ins Wasser traut.

Und hier noch ein paar Fun Facts über euch Pottwale: Wusstest du, dass ihr eine sogenannte Junk-Melone in eurem rechteckigen Schädel habt, die euch den Kopf schwer macht und beim Rammen unterstützt? Dementsprechend werdet ihr Männchen auch Bullen genannt.

Und ja, du Bully der Meere: Der sanftmütige Sänger Moby ist nach dir benannt. Denn Herman Melville war sein Ururgroßvater. Da schaust du, was?

GATTUNG: Physeter macrocephalus

LEBENSRAUM: Kap der guten Hoffnung

FIGUR: dick

ERNÄHRUNG: Seemannshaxe

SOZIALVERHALTEN: bissig

ARTENSCHUTZ: nicht empfohlen

NATÜRLICHER FEIND: Kapitän Ahab

DIESES EINE KROKODIL

AUTOR: James Matthew Barrie

TITEL: Peter Pan (aus dem Englischen von Bernd Wilms)

ORIGINALFASSUNG: 1906



Zum Schluss kommt ein riesiges Krokodil. Nach wem es Ausschau hält, werden wir noch sehen.

Das berühmteste Krokodil der Welt? Da streiten sich jetzt wahrscheinlich zwei: jenes, das im Kasperletheater stets den Knüppel auf die Nase kriegt, und jenes, das Captain Hooks Arm verspeist hat. Nun, beide haben keinen besonders guten Ruf. Aber: Armfresser vor Armleuchter.

Er fürchte sich keineswegs vor Krokodilen, korrigiert der rachsüchtige Captain seinen Bootsmann Mr. Smee, »sondern vor diesem einen Krokodil«. Sein Arm, den Peter Pan ihm abgeschlagen habe, habe dem Tier so gut geschmeckt, dass er nun auch noch den Rest verzehren wolle. Als veritabler Allesfresser hat das Krokodil aber auch einen Wecker verschluckt, der seitdem ganz laut aus seinem Magen heraus tickt. Das Anschleichen gestaltet sich daher schwierig. Und so wie Captain Hooks Name prophetisch voraussah, dass er einst einen Greifhaken anstelle einer Hand haben würde, heißt im Disney-Film Peter Pan das Krokodil Tick-Tack.

Aber irgendwann ist auch im Nimmerland die Batterie leer, und dann kommt das Krokodil schallgedämpft daher. Das weiß Captain Hook, und davor fürchtet er sich gerade so sehr wie vor dem Anblick seines eigenen Blutes. Dazu kommt das Ärgernis, dass Peter Pan ein brillanter Stimmenimitator ist, der nicht nur Captain Hook selbst hervorragend nachzuahmen versteht, sondern auch das schwimmende Reptil beziehungsweise dessen innere Uhr.

In den zahlreichen Verfilmungen des Peter-Pan-Stoffs ist das alles ein bisschen anders. In Hook hat Hook seine Rache an dem Krokodil genommen und sich daraus – nein, keine Lederhandschuhe (das hätte wahrlich Stil), sondern einen Uhrturm (auch elegant) gemacht.

Scheint aber nichts zu nutzen, die nimmerländische Nimmerlogik lässt zu, dass das Krokodil einzig zu dem Zwecke, Hook am Ende zu fressen, wieder zum Leben erwacht. Und täglich grüßt das Krokodil.

In den 2000er-Jahren wurde dieses eine Krokodil immer dinosaurisch monströser und vermehrte sich. Dafür – um wieder in literarische Sümpfe zurückzukehren – hat Geraldine McCaughrean 2006 eine offizielle Fortsetzung geschrieben (Titel: Peter Pan und der rote Pirat), in der Captain Hook im Stil der alten GrimmEinwolfungen überlebt. Das Krokodil verspeist ihn ganz, aber die Sache hat einen Haken: Hook öffnet ein Giftfläschchen, tötet den Gegner von innen und klettert heraus.

GATTUNG: Crocodylus porosus

LEBENSRAUM: Nimmerland

GESCHLECHT: weiblich

ALTERNATIVNAMEN: Tick-Tock the Croc, Mr. Grin

ERNÄHRUNG: Tic-Tacs

KNUDDELFAKTOR:

ÖKOLOGIEVERSTäNDNIS: hoch (pladiert für ganzheitliche Verwertung)

ARTENSCHUTZ: nicht empfohlen

DER MARLIN

AUTOR: Ernest Hemingway

TITEL: Der alte Mann und das Meer (aus dem Amerikanischen von Annemarie Horschitz-Horst)

ORIGINALFASSUNG: 1952



Der Fisch traf den Draht noch verschiedene Male, und jedesmal, wenn er mit dem Kopf stieß, gab der alte Mann ein bißchen Leine ’raus. – Ich darf seine Schmerzen nicht größer werden lassen, dachte er. Meine sind ganz egal. Meine kann ich beherrschen. Aber seine Schmerzen könnten ihn zum Wahnsinntreiben.

Die Erzählung trägt den Titel Der alte Mann und das Meer, aber eigentlich müsste sie Der alte Mann und der Marlin heißen. Mit dem Meer an sich kommt der alte Fischer Santiago nämlich ganz gut klar, das Problem ist nur, dass es relativ leergefischt ist. Und das vor sechzig Jahren, als noch nix war mit globaler Ressourcenausbeutung und Co.!

Als der alte Mann eines Tages ohne seinen jungen Freund und Helfer Manolin zum 85. Mal hinausfährt, um etwas zu fangen, begegnet er dem riesigen Blauen Marlin, auch Speerfisch genannt, »zwei Fuß länger als das Boot« oder sogar noch größer. Ein Verwandter des Schwertfisches, er hat mit diesem auch Ähnlichkeiten, aber kein spitzes, scharfes, sondern ein zylindrisches »Maul«. Mithilfe dieses Mauls frisst er tatsächlich die Ködermakrelen vom Haken ab und bleibt dann hängen.

Das ist der Beginn eines monströsen Pas de deux, eines mehrtägigen Duetts oder Duells zweier erbitterter Feinde, von denen einer den anderen aber als Freund bezeichnet, sich um ihn sorgt und dennoch sagt: »Aber ich werde ihn töten. In all seiner Größe und Herrlichkeit.«

Wenn das so einfach wäre! Viel zu schwach ist der alte Mann, zu stark der Fisch. »Fisch, du mußt sowieso sterben«, sagt er ihm. »Mußt du mich auch töten?« Der Klügere gibt nach, in diesem Fall aber weiß der Klügere, dass Nachgeben die schlechteste Lösung wäre.

Nur einmal bekommt Santiago seinen seltsamen Tanzpartner zu Gesicht, kurz vor dessen Tod: »größer als ein großes Sensenblatt und ganz hell lavendelfarben über dem dunkelblauen Wasser«. Er sieht seine violetten Streifen und die angelegte Rückenflosse und fühlt sich seinem Herzen besonders nahe. Derlei Sentimentalitäten und die faszinierende Bewunderung für den namenlosen Numinosen halten ihn aber nicht davon ab, dem Tier mit seiner Harpune, mit Müh und mit Not den Garaus zu machen. Es schreibt dies schließlich ein tougher Amerikaner der Fünfzigerjahre mitten in der Schwüle Kubas.

Tough ist auch, dass das tote Tier und all seine von Santiago im Laufe der gemeinsamen Bootsfahrt ins Treffen geführten Nährwerte schließlich den Haien anheimfallen. Der alte Fischer schläft vor Erschöpfung ein. Eine der am meisten unterschätzten Liebestragödien der Literaturgeschichte hat ein höchst unbefriedigendes Ende gefunden.

GATTUNG: Isithiophoridae

LEBENSRAUM: Atlantik

FARBE: Lavendel

GRÖSSE: zwei Fuß länger als das Boot, größer als ein großes Sensenblatt

MAUL: Speer statt Schwert

ERNÄHRUNG: Makrelen

BESTER-FREUND-DES-MENSCHEN-FAKTOR:

ARTENSCHUTZ: empfohlen

BERUF: Duetttänzer

DER WEISSE HAI

AUTOR: Peter Benchley

TITEL: Der Weiße Hai (aus dem Amerikanischen von Vanessa Wieser)

ORIGINALFASSUNG: 1974



Was wird Martin denn nun mit diesem Hai tun?«, fragte sie.

»Ich weiß es nicht. Ich nehme an, sie werden versuchen, ihn zu fangen.«

»Kannst du den Leviathan ziehen mit dem Haken und seine Zunge mit einer Schnur fassen?«

»Wie bitte?«

»Buch Hiob«, sagte Minnie. »Kein Sterblicher wird jemals diesen Fisch fangen.«

Moment mal, es gibt ein Buch über den Weißen Hai!? Ja, es war sogar sehr erfolgreich damals im Jahr 1974. Der Autor Peter Benchley war seit seiner Kindheit ein Hai-Fan gewesen und wurde von der raschen Verfilmung seines Romans (nämlich: 1975) nachhaltig traumatisiert. Einerseits schrieb er zornige Briefe an die Produzenten betreffend Fehler im Drehbuch, andererseits war er unendlich dankbar, an ein »Genie namens Steven Spielberg« geraten zu sein.

Dem »Fisch« gegenüber, wie er ihn an den empathischen Stellen seines Romans bescheiden nennt, hatte Benchley zeitlebens ein schlechtes Gewissen, weil er ihn so biblisch böse dargestellt hatte (Spielberg freilich fand bei der Lektüre alle menschlichen Charaktere so unsympathisch, dass er zum Hai hielt). Benchley betreute fürderhin hai-tere Umweltschutzprojekte.

Ähnlich wie im Film jedenfalls taucht der Große Weiße Hai – die Länge der Gattung wird mit sechs bis 35 Metern spekuliert – vor dem Ferienort Amity, Long Island, New York auf und beißt ohne größeren Widerstand badende Menschen durch. Bis ein Triumvirat aus Polizeichef Martin Brody und zwei unerschrockenen Hai-Experten ihn jagen und töten geht – alle in Kapitän-Ahab-Manier schon ein bisschen wahnsinnig geworden –, gehen einige Wochen vorbei und einige Menschen drauf.

Dann aber sehen sie ihn endlich: »An jedem Seitenende der Schnauze, wo die graue Farbe in Cremeweiß überging, waren die Nasenlöcher – tiefe Schlitze in der gepanzerten Haut. Das Maul war nicht ganz bis zur Hälfte geöffnet, eine verschwommene, dunkle Höhle, beschützt von riesigen dreieckigen Zähnen. Fisch und Männer standen einander etwa zehn Sekunden gegenüber.« Wenig später bemerkt der Polizeichef fröstelnd: »Er sah aus, als ob er grinsen würde.« Und am nächsten Tag erlebt er dann das grausige Bild des halb aus des Fisches Maul hängenden Oberkörpers eines der Haiologen (der im Übrigen natürlich mit Brodys Frau geschlafen hat). Den anderen, einen geldgierigen Irren, frisst der Weiße Hai dann am nächsten Morgen.

»Der Fisch schien nie dagewesen zu sein«, heißt es einmal. Benchley beschreibt ihn zwar plastisch, zoomt hin und wieder auf seine Bewegungen, versucht seine Wahrnehmung nachzuvollziehen, aber die Fake News der intendierten Bösartigkeit schafft er nicht zu entkräften.

Der zwischen Supererfolg und zoologischer Integrität schwankende Peter Benchley starb 2006. Wahrscheinlich war das zu seinem Besten: Die Sharknado-Filmreihe (ab 2013) hätte er nicht gut verkraftet.

GATTUNG: Carcharodon carcharias

LEBENSRAUM: Atlantik

SCHNAUZE: kegelformig

ZÄHNE: dreieckig

ERNÄHRUNGSTYP: »Müllschlucker«

ARTENSCHUTZ: empfohlen

LÄNGE: variabel

Natürliche FEINDE: keine ernst zu nehmenden

DER ORCAFERON

AUTOR: Stefano D’Arrigo

TITEL: Horcynus Orca (aus dem Italienischen von Moshe Kahn)

ORIGINALFASSUNG: 1975



Ein Koloss von einem Körper, um die fünfzehn Meter lang und einige Tonnen schwer, von fetter Haut, die dampft wie erkaltende Lava und schwitzt so gemeine Düfte aus, dass man meint, alle seine Funktionen würde er mittels Ausschwitzen durch die Poren seiner Haut erledigen …

Er ist ein Kubikkillerwal, ein Orkan-Orca, ein überwältigendes Wesen, dem Moby Dick wahrscheinlich sofort sein Pausengeld herausgäbe. Ihn elefantös zu nennen, täte jedem Elefanten Ehre. Der mythische Orcaferon oder Orcinus Orca oder Tiergigant präsentiert sich so numinos, so unvorstellbar groß, dass selbst seine Beschreibung in einem Satz sich exzessiv breitmacht und am besten in Scheibchen zu genießen ist:

»… eine Körperform wie ein riesenhafter Torpedo, von ungeheuerlicher, schreckenerregender Düsternis; eine geschlossene, undurchdringliche Form, eine leichenartige Färbung von warmem, schimmerndem Schwarz …«

So monströs wie sein fabelhafter Meeressäuger ist Stefano Fortunato D’Arrigos ganzes Werk. Der 1975 erschienene Klassiker über die Odyssee eines Kriegsheimkehrers nach Sizilien hat 1500 Seiten und etwa 2000 Wortneuschöpfungen, zum Beispiel »Fere« für eine Art tückischen Delfin, der das gewisse Etwas und weiblichen Charme besitzt, statt nur männlich angeberisch herumzuplanschen. Wir schalten zurück zur Walberichterstattung:

»… der Kopf mit dem Knochen aus zwei Öffnungen des Atemlochs, das sich da befindet, wo der Hals hätte sein sollen, er ist mit dem Rest zu einem Ganzen verleibt, eine miteinander verschmolzene Einheit …«

Immer noch nicht fertig. Vor der letztlich 1975 erfolgten Veröffentlichung »überarbeitete« D’Arrigo seinen Roman noch einmal: Das dauerte 16 Jahre, und er fügte bei der Gelegenheit etwa tausend neue Seiten hinzu. Alle waren sich einig: Ein schwindelerregendes Meisterwerk von poetischer Kraft und absoluter Unles- und vor allem Unübersetzbarkeit war geboren.

Einer versuchte es dennoch, das Lesen und das Übersetzen: Der deutsche Moshe Kahn, der den 1992 verstorbenen D’Arrigo vor dessen Tod noch einige Male persönlich begegnet war. Er schuf seinerseits neue Wörter wie »erohräugen« (sehen und hören) und »Chinesischesdingsda« (Penis) und brachte 2015 eine preiswürdige Übersetzung heraus: den neuen Killerwal unter den Wälzern.

Ach ja, das Ende der Beschreibung fehlt noch:

»… alarmierend, unentzifferbar und Schauder hervorrufend, etwas, das man von weitem für ein geheimnisvolles Todeswerkzeug halten könnte, wie eine Art lebendiger und dauernd herumirrender Torpedo.«

Und was macht der Orcinus Orca? Nicht viel. Da sein. Das Meer sein. Feren verscheuchen. Langsam dahinsiechen. Dem Menschen seine Kleinheit vorhalten.

GATTUNG: Orcinus orca

KLASSE: Säugetier (= Fisch mit Chinesischemdingsda)

LEBENSRAUM: Das Meer vor Sizilien

SOZIALVERHALTEN: zermalmt Fischschwärme

WWF-FAKTOR:

GERUCH: bestialisch

DER BUTT

AUTOR: Günter Grass

TITEL: Der Butt

ORIGINALFASSUNG: 1977



Solange die Anklageschrift verlesen wurde, lag der Butt reglos auf dem Wannenboden aus Zinkblech, als betreffe ihn nicht der Vorwurf, seit Ende der Jungsteinzeit in beratender Funktion ausschließlich, und bewußt zum Schaden der Frauen, die Männersache betrieben zu haben.

Nicht Gott im Himmel: Butt im Wasser. Nicht Gott zum Gruße: Butt zur Buße. Der Fisch, geliehen aus dem alten Märchen Von dem Fischer und seiner Frau von Philipp Otto Runge, ist es, der bei Günter Grass wie eine auktoriale Instanz die Menschheitsgeschichte bestimmt. Im Gegensatz zu jenem, dem Originalbutt, berät dieser Butt aber nicht die Frau mit dem schönen Namen Ilsebill, sondern ihren Mann.

Der platte Fisch aus dem plattdeutschen Märchen hat es sich also bis zum Jahr 1977 anders überlegt. Er, selbst ein gestandener Milchner (im Gegensatz zum Weibchen, dem Rogner), steht jetzt dem Manne beratend zur Seite.

Damit ist nicht zuletzt der Autor selbst gemeint: »An einem zeitlosen Tag, heiter bis wolkig, fing ich den Butt.« Seither ist er das Teufelchen auf seiner Schulter und stiftet ihn zu klotzigen Gesten von historischem Ausmaß an: zu Kriegen, zu Gier und zu Völkerwanderungen.

Aus der Küche duftet es derweil köstlich. Die stets kochenden Frauen, von Ilsebill, prominenten Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts und diversen Köchinnen repräsentiert, haben die fischige Macho-Kiste irgendwann satt. Sie stellen den Butt vor ein feministisches Tribunal und klagen ihn der ruinösen Beeinflussung der Geschichte an.

In der ihm eigenen Eloquenz gibt der Fisch schließlich klein bei und räumt ein: Ja, die Männer seien Egomanen, die Frauen hätten stets gekocht und Kinder ausgetragen (im ursprünglichen Märchen war noch die Frau wegen ihrer Unersättlichkeit und Gier an allem schuld). Mit verächtlicher Ironie und überheblicher Belesenheit, die jener von E.T.A. Hoffmanns Kater Murr Konkurrenz macht, fügt sich der Angeklagte einer neuen Zukunft.

Die ihm auferlegte Strafe liegt auf der Hand, haben die Frauen doch die ganze Zeit kaschubisch gekocht – ein Thema, von dem der aus Danzig stammende Autor Günter Grass stets besessen war. Warum sie da nicht früher draufgekommen sind, die Ilsebills? »Kühler Riesling stand bereit. Die dampfenden Schüsseln wurden aufgetragen.« Genau, ein großes Buttessen gibt es.

Günter Grass handelte sich für seinen gut gemeinten und famos geschriebenen, aber eben trotzdem klischeebeladenen Geschlechterkampfroman den Titel »Pascha des Monats« der Frauenzeitschrift Emma ein. Der Butt konnte dafür natürlich nichts. Obwohl das alles in Wahrheit vermutlich seine Idee war.

GATTUNG: Scophthalmus maximus

BERUF: Berater

HUMOR: platt

GESCHLECHT: Macho (Milchner)

ALTER: ewig

MENSCHLICHKEITSFAKTOR:

KULINARIKFAKTOR:

ARTENSCHUTZ: nicht empfohlen

Natürlicher FEIND: das Feminal

VORBILD: der Frauenversteherbutt

Die
Summenden,
Sirrenden und
Zirpenden &
ihre Jäger


DIE AMEISE

AUTOR: Jean de La Fontaine

TITEL: Die Grille und die Ameise (aus dem Französischen von Ernst Dohm und Gustav Fabricius)

ORIGINALFASSUNG: 1668



Und vor Hunger weinend leise

Schlich’s zur Nachbarin Ameise;

Fleht’ sie an, in ihrer Not

Ihr zu leihn ein Körnlein Brot.

Mit den Fabeln ist das sehr kompliziert. Jeder kennt die Tiermärchen mit der moralischen Zeigepfote, viele wissen, eigentlich hat der alte Grieche Äsop sie gedichtet, im 6. Jahrhundert vor Christus. Die wurden aber in erster Linie mündlich überliefert, und niedergeschrieben haben sie dann viele, viele Menschen, die sprachlich versiert waren, sich aber keine eigenen Geschichten ausdenken wollten: in Deutschland etwa die Gebrüder Grimm, Lessing und Goethe, in Frankreich La Fontaine, der sie in Versform gebracht hat, während wir als Kinder wahrscheinlich unter seinem Namen Bilderbücher mit ungereimten, nett erzählten Prosatexten vorgelesen bekamen.

In Prosa wurden die Verse auch vom Barockpoeten Abraham a Sancta Clara übertragen. Die bekannteste fabula, die uns selbst in Roland Schimmelpfennigs Drama Der goldene Drache noch begegnet, ist jedenfalls die von der Ameise und der Heuschrecke oder von der Ameise und der Zikade oder von der Libelle und der Ameise oder von der Grille und der Ameise (wie bei La Fontaine). Die mit der Ameise jedenfalls. Warum?

Vielleicht weil die Ameise, sonst dank ihres Fleißes und der unverkrampften Solidarität mit ihren Baugenossinnen positiv konnotiert (der Begriff lautet: Eusozialität!), hier auch durchaus arrogant, ja gemein gelesen werden kann? Weil die Geschichte sowohl politisch links als auch politisch rechts als Beispiel herhalten kann und somit die ewige Unversöhnlichkeit der beiden Seiten aufzeigt?

Die Ameise hat jedenfalls den ganzen Sommer Nahrung beiseitegeschafft und somit vorgesorgt, die alte Streberin.

Die Grille hat sich den ganzen Sommer die Sonne auf den Bauch scheinen lassen und gezirpt, sich vielleicht zum Gaudium der Tierwelt als Zikade oder Libelle verkleidet und missachtet, dass sie im Winter einen ziemlichen Heuschreck erleiden wird, weil nichts mehr zu fressen da ist. Sie geht also zur Ameise und bettelt. Und die Ameise sagt: »Selber schuld.« Das war’s. Weiter geht es nicht. La Fontaine braucht ganze 22 kurze Verse dafür und lässt uns dann selbst im Regen stehen wie eine Grille vor dem Ameisenhaufen.

Diese Geschichte ist unfassbar unbefriedigend. Es ist ein Wunder, dass sie uns nicht zu Wutausbrüchen getrieben hat, als wir Kinder waren. Was sagt uns das denn jetzt? Dem Fuchs mit seinen Trauben gönnten wir das »Selber schuld«, der Ameise wollen wir es am liebsten um die Ohren hauen. Aber sie hat ja keine.

Soll die Grille verhungern? Soll sie es als Heuschrecke, Zikade oder gar Grashüpfer tun? Und soll dann die Ameise wegen unterlassener Hilfeleistung vor den Tiergerichtshof? Voten Sie jetzt.

GATTUNG: Formicidae

LEBENSRAUM: Speisekammer

NOTE: sehr gut mit Sternchen

SLOGAN: Leistung für Leistung!

HYMNE: Ätschi-bätschi!

SOZIALVERHALTEN: Ui.

KOLJAS IGEL

AUTOR: Fjodor Michailowitsch Dostojewski

TITEL: Der Idiot (aus dem Russischen von Arthur Luther)

ORIGINALFASSUNG: 1869



Haben Sie meinen Igel erhalten?«, fragte sie mit fester und beinahe zorniger Stimme.

»Ja«, antwortete der Fürst errötend und starr vor Angst.

»Erklären Sie mir sofort, was Sie darüber denken! Das ist notwendig, um meiner Mutter und unserer ganzen Familie Ruhe zu verschaffen.«

Es sind doch immer die Igel, die leiden. Die kleinen, unglaublich süßen Wesen, von denen man dachte, sie werden unweigerlich die Beziehung retten. Sie meinen es gut, sie lassen einem das Herz aufgehen, aber dann wollen sie sich doch nicht immer streicheln und abbusseln lassen und erweisen sich als ein bisschen stachelig. Und dann, in null Komma nichts, ist alles kompliziert.

Wie Dostojewski auf die Idee kam, im vierten Teil seines monumentalen Romans Der Idiot ausgerechnet einen Vertreter der Gattung Erinaceidae – vermutlich den Nördlichen Weißbrustigel – als Dreh- und Angelpunkt für die aufgeladene Stimmung zwischen Fürst Myschkin und der liebreizenden Aglaia einzubauen? Es ist jedenfalls eine bestechend originelle Idee – dafür, dass der Igel nur als Symbol dient.

Und dann ist auch noch alles irgendwie Zufall, ein impulsiver Annäherungsversuch, mit dem der kindlich naive Fürst Myschkin, der natürlich in Aglaia verliebt ist, nicht umgehen kann: Die Gymnasiasten Kolja und Kostja haben von ihrem Kollegen Geld erhalten, um die Weltgeschichte von Schlosser zu kaufen. Stattdessen haben sie einem Bauern den Igel und ein Beil abgekauft, was ihnen sehr peinlich ist (das Beil peinlicher als der Igel). Aglaia überredet sie, ihr den Igel (nicht das Beil) zu verkaufen, setzt ihn in ein Körbchen, deckt ihn liebevoll zu und schickt ihn mit Kolja dem Fürsten Myschkin, jenem fragilen Freund der Familie, als Geschenk.

Und wir wissen ja alle, was ein Igelgeschenk bedeutet!

Nein, wissen wir nicht. Auch russische Adelige im 19. Jahrhundert hatten nicht die Tradition, pieksende Säugetiere per Botendienst zur Evozierung von Heiratsanträgen durch Petersburg zu jagen.

Nach Aglaias Logik entspricht der Igel aber praktisch einem Verlobungsring: rund, kostbar – na ja, das war es auch schon mit der Vergleichbarkeit. Der Fürst, unerfahren in Liebesdingen, versteht nicht. Es ist ein Igel. Er freut sich, er besucht sie am nächsten Tag. Sie stellt ihm ein Ultimatum: Hält er jetzt also um ihre Hand an oder nicht? Er ist überwältigt und sagt ja. Aber Aglaias Mutter ist über den potenziellen Schwiegersohn entsetzt, und ihre Schwestern brechen in hemmungsloses Gelächter aus. Sie behaupten glaubhaft, der Antrag sei nie ernst gemeint gewesen und begründen das mit dem Igel: »›Ich habe es ja gewußt, daß sie nur ihren Spott trieb und nichts weiter!‹ rief Adelaida. ›Von Anfang an, schon von dem Igel an!‹«

Myschkins ästhetische, zoologische oder auch kulturgeschichtliche Bewertung des Igels wird danach nie wieder abgefragt. Auch ob den armen Kerl in der Zwischenzeit irgendjemand gefüttert hat, steht nicht im Roman. Ein Jammer, diese symbolhafte Nachlässigkeit.

GATTUNG: Erinaceidae

LEBENSRAUM: ein Körbchen in Russland

KUNDEN, DIE SICH DAFÜR INTERESSIERTEN, KAUFTEN AUCH: ein Beil

SOZIALVERHALTEN: abweisend

WWF-FAKTOR:

DER MAULWURF

AUTOR: Kenneth Grahame

TITEL: Der Wind in den Weiden (Aus dem Englischen von Harry Rowohlt)

ORIGINALFASSUNG: 1908



Der Maulwurf«, meinte der Dachs, »hat im kleinen Finger mehr Verstand als manche Tiere im ganzen fetten Körper. Der Maulwurf wird es zu etwas bringen, das weiß ich heute schon.«

Der Komiker Stephen Colbert erklärte einmal, jeder, der schon eine gewisse Prominenz habe, könne ein Kinderbuch schreiben und damit Geld machen. Er bewies es mit einer absurden Publikation über einen Pfosten: I Am a Pole and So Can You. Die Reimassoziation führt uns zum Ohrwurm I Am a Mole and I Live in a Hole. Und damit wären wir schon bei Mole, dem Maulwurf, in der kurios erfolgreichen, tausendfach mehr oder weniger animiert verfilmten Geschichte Der Wind in den Weiden.

Die schrieb ein pensionierter Direktor der Bank of England, der während seiner Arbeitszeit noch viel bessere und erfolgreichere Kinderbücher verfasst hatte. Keiner konnte so recht etwas anfangen mit den erratischen Geschichten von vier sehr menschlich agierenden Tieren (Maulwurf, Ratte, Dachs und Kröterich), und doch können anglophone Menschen heute noch aus Kindertagen daraus zitieren. »Messabouts«, beliebte Abhäng-Events, die oft spontan in den sozialen Medien organisiert werden, gehen auf die Originalzeile zurück: »Believe me, my young friend, there is nothing — absolutely nothing — half so much worth doing as simply messing about in boats.«

Der Maulwurf nickt auf diese Grundsatzerklärung der Ratte nur eifrig. Er ist der charakterärmste unter den Protagonisten, aber so etwas wie die Identifikationsfigur. Er ist nicht blind, wie man meinen könnte (obwohl Kenneth Grahames Sohn Alastair eine Augenkrankenheit hatte). Er rettet am Ende auch wie richtige Romanhelden den Tag, indem er die Hermeline aus Schloss Krötinhall vertreibt. Bis dahin aber zeigt er sich naiv, neugierig und ohne Schrullen wie die anderen.

Das Maulwurfigste an ihm ist die Tatsache, dass er sich unter der Erde, im Haus des Dachses, wohler fühlt als am Fluss, wohin ihn die Wasserratte immer zerren möchte. Gleichzeitig ist der Maulwurf loyal und ordentlich und macht im Zweifelsfall jeden ihm aufgehäuften Unsinn mit. Autofahren mit dem Kröterich? Okay! Den Kröterich am Autofahren hindern, weil zu gefährlich? Ach so. Ja, genau!

Monty-Python-Star Terry Jones hat die vielen Zeichentrickfilme und -serien auf Basis des Romans 1996 um eine mit echten Menschen ergänzt, zehn Jahre später folgte eine weitere von Rachel Talalay. Schon die allererste Verfilmung 1947 war eine, in der Menschen in Tierkostüme schlüpften. Sie beruhte auf einer Theateradaption von A.A. Milne, dem Autor von Pu der Bär, dessen Sohn Der Wind in den Weiden abgöttisch liebte.

Die negative Assoziation von Maulwürfen mit Spionage kam übrigens erst später auf. Die prägte John Le Carré mit seinem Roman Dame, König, As, Spion.

GATTUNG: Talpa europaea

ERNÄHRUNG: Gänseleberpastete, Champagner

MENSCHLICHKEITSFAKTOR:

KNUDDELFAKTOR:

FILMDARSTELLER: Jack Newmark, Steve Coogan, Lee Ingleby

DIE BUNTEN AMEISEN

AUTOR: Gabriel García Márquez

TITEL: Hundert Jahre Einsamkeit (aus dem Spanischen von Curt Meyer-Clason)

ORIGINALFASSUNG: 1967



In der Betäubung ihrer Leidenschaft sah sie, wie die Ameisen den Garten verwüsteten und ihren prähistorischen Hunger am Holzwerk des Hauses stillten, sie sah den Gießbach der lebenden Lava von neuem die Veranda begraben, doch sie bekämpfte ihn nur, wenn er in ihr Schlafzimmer einbrach.

Nirgendwo anders in der Literatur wird die Macht der Natur so eindrücklich geschildert. Menschen, die von dem da draußen Albträume haben, fürchten sich vor genau diesem Bild: den Fluten von kreuchenden und fleuchenden Insekten, die alles und jeden nicht nur unter sich begraben, sondern auch Stück für Stück verspeisen.

Dieser magische Realismus ist von filmischer Echtheit, und das, obwohl Gabriel García Márquez sich zeitlebens gegen eine Verfilmung seines (buchstäblichen) Jahrhundertromans sträubte.

Und obwohl die Buntheit der bunten Ameisen niemals im Detail besprochen wird: Ist jede einzelne Ameise bunt? Eingefärbt mit Zuckerlösung wie in Pseudowissenschaftssendungen im Fernsehen? Oder handelt es sich bei den hormigas coloradas um einen vielfältigen Schwarm monochromer Individuen, die womöglich die Buntbären bei Walter Moers unbewusst inspirierten?

Es ist eine der vielen Ursulas in Hundert Jahre Einsamkeit, eine Art Stammesmutter, die die Natur über Generationen hinweg noch mit Mühe unter Kontrolle hält. Mit ungelöschtem Kalk, den sie in die Löcher streut, tötet sie die Ameisen ab, ohne die Plage je ganz ausmerzen zu können.

Auch Ursula unterliegt dabei jedoch Regeln des Schicksals. Eine von einem fahrenden Zigeuner ausgesprochene Prophezeiung an die Familie Buendía im Dorfe Macondo besagt: »Der Erste der Sippe wird an einen Baum gebunden, und den Letzten werden die Ameisen fressen«.

Es darf nicht als Spoiler gewertet werden, wenn man andeutet, dass es genauso auch passiert. Und, auch so eine Regel: Nach dem Regen (der immerhin vier Jahre, elf Monate und zwei Tage anhält) muss Ursula, auch wenn es sie anstrengt, sterben.

Das ist das Stichwort für die bunten Ameisen: Plötzlich trauen sich die farbenfroh leuchtenden Tiere, die eben während dieser »Sintflut gediehen waren«, schon tagsüber auf die Veranda, und Ursulas Nachfolgerin Amaranta Ursula schafft es nicht mehr, sie im Keim zu bekämpfen. Sie vergisst beinahe die Kalkkur, kommt mit dem Ausrotten nicht mehr hinterher, und jeder Tag Überleben ist nur ein neuer Stellungskrieg gegen den Wucher der Natur.

Obendrein sind sie auch noch laut und machen ein Getöse, von dem man nachts kaum schlafen kann. Nein, es gibt aus menschlicher Perspektive wirklich nichts Gutes über diese Tiere zu berichten.

Am Schluss haben sie es prophezeiungsgetreu sogar auf Kinder abgesehen – und da hört der Spaß endgültig auf. Genauso übrigens wie die Familie Buendía.

GATTUNG: Solenopsis invicta

LEBENSRAUM: Macondo

ERNÄHRUNG: Allesfresserinnen

ARTENSCHUTZ: nicht empfohlen

HERKUNFT: Regen

BESTES GEGENMITTEL: Kalk

MERKMAL: Leuchten

NATÜRLICHE FEINDIN: Ursula I.

GOTH

AUTOR: Kenneth Oppel

TITEL: Silberflügel (Aus dem Amerikanischen von Klaus Weimann)

ORIGINALFASSUNG: 1997



Goth konnte erkennen, dass sogar einige von den Pflanzen künstlich waren, die Farnwedel steif und geruchlos. Glaubten die Menschen wirklich, er wäre so dumm? Dieser Ort war überhaupt nicht wie sein Zuhause, der wirkliche Dschungel, wo sie ihn vor einem Monat gefangen hatten. Dieser Ort war ein Gefängnis.

Drei Folgen, ein Prequel: In diesem aus Fledermaussicht geschilderten Epos tummeln sich naturgemäß zahlreiche Tiere. Allen voran Schatten, der Protagonist, der sich im Laufe des ersten Teils der Silberflügel-Trilogie vom verniedlichten Flaumbaby zum Mann fledermausert – zum »Batman« sozusagen.

Goth hingegen ist nicht nur ein Tier, sondern auch ein veritabler Schurke. Zu Beginn des vierten Kapitels von Silberflügel flieht er mit seinem Kumpanen Throbb aus einer Art Reptilienzoo und lacht sich den unfreiwilligen Abenteurer Schatten und seine neu gewonnene Freundin Marina an, damit diese ihm den Weg dorthin weisen, wo Schattens Kolonie überwintert.

Goth und Throbb kommen aus dem Dschungel und sind daher nicht für den Winter ausgestattet. Als sie gefangen wurden, hatten sie gewissermaßen keine Zeit zu packen.

Sie unterscheiden sich aber noch durch etwas anderes von den jungen, leicht beeinflussbaren, aber natürlich – Coming-of-age as Coming-of-age can – tapferen und wissbegierigen Jünglingen: Sie sind größer, gefräßiger, haben keine Angst vor Vögeln und ernähren sich bevorzugt von Fledermausfleisch. Genau, Goth ist ein Vampir, ein Kannibale vor dem Herrn.

Ach ja, apropos Herr: Auch das bietet Stoff für eine Kontroverse. Denn der Kampf zwischen Gut und Goth, also zwischen Schatten und Böse, ist auch ein religiöser: Während die Silberflügel an Nocturna glauben, eine Nachtgöttin, die ihnen angeblich versprochen hat, eines Tages wieder die Sonne sehen zu dürfen und vielleicht gar zu Menschen zu werden, ist Goth ein Anhänger von Cama Zotz und hält sich großspurig für dessen Auserwählten im Kampf gegen alle anderen Tierarten. Auch die Frage, ob die Menschen nun grundsätzlich helfen oder grundsätzlich schaden wollen, spaltet die Ideologien. Wenn die Tiere nur wüssten, dass diese Frage echt nicht so einfach zu beantworten ist!

Goth ist schlau, aber empathielos. Seinen Kollegen Throbb unterdrückt er permanent mit der Drohung, ihn aufzufressen. Schatten und Marina lässt er lange in dem Glauben, auf ihrer Seite zu stehen, während er insgeheim schon wie Gargamel das Fledermausmenü plant. Fun Fact: Auf den Seychellen ist bat curry auf den Speisekarten der meisten Restaurants zu finden.

Wie viele gute Antagonisten wird Goth von den Haupthelden längere Zeit für tot gehalten, ist aber nicht umzubringen. Je nachdem, ob man ihn fürchten oder verlachen möchte, sollte man sich den lateinischen Namen seiner Gattung, Vampyrum spectrum, vor Augen führen oder den prosaischeren deutschen: Große Spießblattnase.

GATTUNG: Vampyrum spectrum

LEBENSRAUM: Dschungel

GESCHLECHT: Männchen

ERNÄHRUNG: Glanzflügelfledermäuse

SCHWÄCHE: friert leicht

STÄRKE: gute Echoortung

TIER/SCHURKE-SCORE: hoch

RELIGIONSBEKENNTNIS: c.z. (Cama Zotz)

FROSCH

AUTOR: Haruki Murakami

TITEL: Frosch rettet Tokyo (aus dem Japanischen von Ursula Graefe)

ORIGINALFASSUNG: 2000



Nennen Sie mich bitte einfach Frosch«, sagte der Frosch mit kräftiger, sonorer Stimme.

Es ist verständlich (und »Verständnis ist äußerst wichtig«, sagt Frosch), dass Haruki Murakami nach dem fatalen Erdbeben von Kyoto am 17. Januar 1995 Angst hatte. Gleich mehrere seiner Geschichten kreisten um das Beben, auf Deutsch sind sie im Band Nach dem Beben zusammgefasst.

Die Schreckensfantasie, es könnte auch Japans Hauptstadt Tokio treffen, teilt Murakami mit einer seiner Hauptfiguren, dem Bankangestellten und Schuldeneintreiber Herrn Katagiri.

Ihm – uns allen! – zur Erleichterung eilt ein mannshoher Frosch mit Schwimmhäuten zwischen den Händen. Der erklärt Herrn Katagiri, er brauche seine Hilfe beim unterirdischen Kampf gegen Wurm, den Wurm, der nämlich sonst am 18. Februar 1995 die Erde bei Tokio zum Erbeben bringen und 150.000 Todesopfer fordern würde.

»Sind Sie ein echter Frosch?«, fragt ihn Katagiri. »Natürlich, das sieht man doch«, antwortet Frosch. »Keine Metapher, kein Zitat, keine Dekonstruktion, keine Attrappe oder sonst etwas Kompliziertes. Ein Frosch, wie er leibt und lebt. Soll ich mal ein bisschen quaken?«

»Keine Metapher«, das ist natürlich gelogen. Der Frosch symbolisiert unsere innere Kaulquappe, indem er sich aus Katagiris Fantasie heraus entpuppt hat und ausgerechnet den gesellschaftsscheuen Durchschnittsmenschen, der keine Freunde und keine Frau hat, zum Anfeuern für den ultimativen Kampf benötigt.

Ein Superheld auf glitschiger, lurchiger Unterlage. Ein Superheld aber auch, der Tolstoi und Dostojewski liest und selbstironisch sagt: »Es ist eine Frage der Männlichkeit. Ich habe ja leider keine. Hahaha.« Ein perfekter Freund.

Murakami wäre nicht Murakami, würde diese epische Schlacht tatsächlich stattfinden (dann wäre er J.K. Rowling oder J.R.R.R. Martin oder ein anderer Autor mit Initialen als Vorname). Denn am Abend davor erleidet Katagiri einen Zusammenbruch. Als er im Spital erwacht, ist der Kampf vorbei. Frosch besucht ihn und dankt ihm für seine Mithilfe, die wohl eine rein geistige, traumartige war. Frosch ist daher auch so müde, dass er neben dem Krankenbett einschläft, übersät von Wunden, Beulen und Striemen.

Und dann, dann platzt Frosch. Ja, einfach so. Und mit wohligem Grinsen erkennen wir, dass Frosch, der Frosch von seinem Schöpfer nur ersonnen wurde, damit der ihn am Ende platzen lassen konnte. Murakami wäre nämlich auch nicht Murakami, wenn er einen Frosch vorkommen ließe, der kein veritabler Knallfrosch ist.

GATTUNG: Anura

LEBENSRAUM: Tokio

GRÖSSE: > 2 m

STIMME: kräftig und sonor

LACHEN: laut und hell

ERNÄHRUNG: Tee

SYMBOLFAKTOR:

BESTER-FREUND-DES-MENSCHEN-FAKTOR:

LIEBLINGSBUCH: Anna Karenina

NATÜRLICHER FEIND: Wurm

C. LACHRYPHAGUS

AUTORIN: Andrea Grill

TITEL: Das Paradies des Doktor Caspari

ORIGINALFASSUNG: 2015



Mein Verhältnis zu diesen Schmetterlingen gleicht, könnte man sagen, und nicht einmal nur in Retrospektive, nein, bis jetzt, bis zu diesem Augenblick, in dem ich das niederschreibe, einer Ehe im Sinne Dostojewskis; große Gefühle, endlose Missverständnisse, Enttäuschungen, Erklärungsversuche, Geldknappheit – und all das zu niemandes Nutzen, weder für mich noch für andere.

Doktor Franz Wilhelm Caspari hat diese Schmetterlinge wiederentdeckt, er hat ihnen das Leben gerettet – kein Wunder, dass da eine besondere Bindung entsteht. Und das, obwohl keiner von ihnen einen Namen hat, alle nur nach Geburtstag, Häutungsdatum und Anzahl der Verpaarungen katalogisiert werden, ein kurzes Leben leben und er sie auch so pragmatisch entsorgt, dass seine Freundin Shambhavi ihn für herzlos hält. Aber schließlich haben Falter ja auch kein Herz, oder?

Auf der Insel Mangalemi im Indischen Ozean hat er sich verschanzt, wie einer dieser durchgeknallten Wissenschaftler, die an atomaren Weltherrschaftsplänen brüten. Aber Caspari brütet nur Schmetterlinge. Er ist Biologe, arbeitet an seinem großen Durchbruch. Der Haken dabei: Dass die als ausgestorben geltende Art Calyptra lachryphagus von ihm neu belebt wurde, darf noch keiner wissen.

Auch die Menschen im Ort kennen nicht die ganze Wahrheit. Sie halten den etwas über Dreißigjährigen für einen schrulligen Kulturphilologen, weil er so gerne ihre Begräbnisse besucht. Der wahre Grund für den Trauerfetisch ist aber ein anderer: Casparis Schmetterlinge ernähren sich von den Tränen der Menschen.

Als daher eine Zeit lang niemand auf der doch überschaubaren Insel stirbt, sieht Franz Wilhelm sich gezwungen, ins Gefühlsleben etwa seiner Haushälterin vorzudringen und sie mit geschürten Sorgen über ihre kranke Mutter zum Heulen zu bringen. Evil scientist und Emo in einem. »Der Tod erleichtert mir das Leben«, schreibt Caspari einmal.

Durch die salzhaltige Ernährung gestärkt, pflanzen sich die Lachryphagen (der Name sagt es eigentlich: Tränenfresser, schade nur, dass unter den Insulanern offenbar niemand Altgriechisch gelernt hat) fort und sterben dann auch bald.

»Ohne sich anzusehen hängen sie aneinander, die Leiber verbunden, festgesaugt, rühren sich nicht, berühren sich nur an einer einzigen Stelle; Kuss fiele mir ein, das Wort; schwer zu lösen, Austausch von Körperflüssigkeiten, eine Eigenart von Kuss. Wäre eine nicht unzutreffende Beschreibung, aber verboten in meiner Art Wissenschaft.«

Nun, deshalb hat die Österreicherin Andrea Grill die Biologie auch zugunsten der Belletristik hinter sich gelassen. Der eloquenteste Schmetterlingsfanatiker unter den Schreibenden wird zwar noch länger Vladimir Nabokov bleiben, aber Grill flattert ziemlich eifrig mit ihren bunten literarischen Flügeln.

SPITZNAME: Mützchen

ANZAHL BISHER: 38669

LEBENSRAUM: Mangalami, Indischer Ozean

ERNÄHRUNG: Tränenflüssigkeit

HOBBY: Knutschen

ARTENSCHUTZ: empfohlen, aber gar nicht so einfach

BESTER-FREUND-DES-MENSCHEN-FAKTOR:

Die
Kreuchenden
und Fleuchenden


DIE SCHLANGE

TITEL: Das Alte Testament

(aus dem Althebräischen, Altaramäischen und Altgriechischen von Martin Luther)

ORIGINALFASSUNG: ca. 440 v. Chr.



Und die Schlange war listiger denn alle Tiere auf dem Felde, die Gott der HERR gemacht hatte, und sprach zu dem Weibe: Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von den Früchten der Bäume im Garten?

Wie sah die Schlange wohl früher aus, als sie beim Herrn noch nicht in Ungnade gefallen war?

Die Geschichte ist bekannt, es ist gewissermaßen die älteste Geschichte der Welt (auch wenn das natürlich überhaupt nicht stimmt, es ist sehr schwer, die Entstehungsgeschichte des Alten Testaments festzunageln). Adam und sein Weib – das zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal einen Namen brauchte – tollten nackt, unschuldig und glücklich durchs Paradies. Das klügste Tier im Garten war auch gleichzeitig das fieseste. Unter anderem konnte es sprechen und verführte die namenlose Frau zum Ungehorsam, nämlich dazu, die Früchte vom Baum der Erkenntnis zu pflücken und zu essen, obwohl der Herr ihnen das extra verboten hatte. Es war die Schlange.

Daraufhin erfand der Herr die Plagen Schwangerschaft und Arbeit. Vor allem aber machte er Adam und Eva Beine und nahm der Schlange die ihren weg. »Auf deinem Bauche sollst du gehen und Erde essen dein Leben lang« sagte er (»Eat that!«, rufen bis heute gehässige Sieger englischer Zunge). »Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe und zwischen deinem Samen und ihrem Samen. Derselbe soll dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen.«

Vermutlich eher in umgekehrter Reihenfolge. Diesen letzten Satz jedenfalls musste er der Schlange wahrscheinlich nicht zweimal sagen, ihr prominentestes Opfer sollte die ägyptische Königin Kleopatra VII. werden.

Aber wie war das vorher? Wie viele Beine hatte die Schlange? Zwei, vier? War der erste Verführer des Christentums vielleicht ein Tausendfüßler?

Bald schon im Alten Testament bekommt die Schlange Gelegenheit, sich mit Zauberkunststückchen zu rehabilitieren. Als Moses sich fürchtet, das Volk Israels anzuführen und zu erretten, weil man ihm dies nicht zutrauen würde, lässt der Herr ihn seinen Hirtenstab zu Boden werfen. Er verwandelt sich in eine Schlange; als er die am Schwanz packt, wird sie wieder zum Stock.

Der »falschen Schlange« hilft das wenig. Spätestens im Neuen Testament identifiziert das Christentum sie endgültig mit Satan. Seither packen Mafiosi sie in Kartons und legen sie vor Türen Einzuschüchternder, um Zeichen zu setzen. Vor Apotheken windet sie sich lasziv und macht Werbung für die Pharmaindustrie.

Bei den alten Hopi-Indianern war die Schlange noch ein Fruchtbarkeits-symbol, wurde sie doch mit der Nabelschnur verglichen. Nun, dieses Verhältnis ist seit Langem vergiftet.

GATTUNG: Serpens satanicus

LEBENSRAUM: Paradies

SOZIALVERHALTEN: inakzeptabel

WWF-FAKTOR:

FABELTAUGLICHKEIT:

BEINE: hm, schlechtes Thema

ERSTES KUNSTSTÜCK: der Stocktrick

ERNÄHRUNG: Fersen

NATÜRLICHER FEIND: der Herr

JÖRMUNGANDR

AUTOR: Snorri Sturluson

TITEL: Prosa-Edda (aus dem Altisländischen von Karl Simrock)

ORIGINALFASSUNG: ca. 1220



Die Midgardschlange speit Gift aus, daß Luft und Meer entzündet werden; entsetzlich ist ihr Anblick, wenn sie dem Wolf zur seite kämpft.

Erstaunlich, wofür es alles eine eigene Bezeichnung gibt. Ein Ouroboros (Plural: Ouroboroi) ist wörtlich übersetzt ein Schwanzverzehrer.

Und jetzt bitte hier keine kannibalistischen Sexfantasien.

Gemeint ist ein Tier (häufiger jedoch ein Bild von einem Tier), das sich selbst in den Schwanz beißt und folglich den Eindruck kreisförmiger Unendlichkeit erweckt. Solche Ikonografien gab es schon im alten Ägypten.

Jörmungandr, die Midgardschlange, muss also Hobbyägyptologin gewesen sein und sich gedacht haben: Das probiere ich auch. Dabei umschlang sie die ganze Welt.

Die Seeschlange ist die gemeinsame Tochter des göttlichen Scherzkekses Loki und der Riesin Angrboda, geboren nach dem Wolf Fenrir und vor dem … undefinierbaren Zwischenwesen Hel. Ein mittleres Kind also, dessen Name »Erdenzauberstab« oder »gewaltiges Ungeheuer« bedeuten kann: Da sind die Probleme vorprogrammiert, vor allem bei so einem Riesenbaby, das dafür schon sehr früh, spielerisch und durch praktische Anwendung lernt, dass die Erde keine Scheibe ist.

Einmal lässt sich Jörmungandr in eine Katze verwandeln, die aber auch nicht weniger riesig ist. Thor soll die Katze anheben, um seine Stärke zu beweisen, und schafft immerhin ein Bein – wahrscheinlich kann Jörmungandr vor dem Hintergrund ihres gewohnten Schlangendaseins mit Beinen nicht so gut umgehen (und doch gibt es Gemälde davon – von einem gewissen Johann Heinrich Füssli!).

Ein andermal erschreckt sie Thor und den Riesen Hymir bei deren Angelausflug, als sie sich von ihnen in ihrer gigantischen, wahrhaft welthaltigen Größe aus dem Wasser ziehen lässt. In altnordischen Zeiten wurde kein Motiv so oft bildnerisch verewigt wie dieses.

Am Ende der Welt schließlich, zur Ragnarök, der Götterdämmerung, großspurig auch »Weltenbrand« genannt, wird die Midgardschlange den Himmel vergiften. Sie wird nebenbei auch Thor vergiften, der aber gerade lange genug durchhalten wird, um – bei ihrer dritten Begegnung – der Schlange mit seinem berühmten Hammer (genannt: Mjölnir) den Garaus und danach noch genau neun Schritte zu machen, bevor alles, alles endet.

Und eine neue Welt entsteht. Vielleicht ist die ja dann gut genug, um von wohlmeinenderen Ouroboroi umarmt zu werden.

GATTUNG: Serpens ouroboros?

LEBENSRAUM: die ganze Welt

NAMENSBEDEUTUNG: Erdenzauberstab

BERUF: Kosmologin

ÖKOLOGIEVERSTÄNDNIS: umfassend

FABELTAUGLICHKEIT:

SOZIALVERHALTEN: FREE HUGS

ERNÄHRUNG: Schlangenschwanz

NATÜRLICHER FEIND: der Hammer

DIE STRUDLHOF-SCHLANGE

AUTOR: Heimito von Doderer

TITEL: Die Strudlhofstiege oder Melzer und die Tiefe der Jahre

ORIGINALFASSUNG: 1951



Ein graues Schleppen und Ziehen geschah auf dem erdigen Hang und von da an in den Zipfel der versumpften Stelle hinein; und jetzt auch schon auf der anderen Seite wieder heraus. Da hatte René den Kopf der schlange bereits entdeckt, der größten, die ihm je in freier Natur begegnet war.

Dieser eine Moment in der Pubertät, der das ganze Leben verändert, den man nie vergessen und der das Erwachsenenleben prägen wird! Nicht der erste Kuss oder etwas ähnlich Konkretes – sondern etwas, das, obwohl es einen nicht erkennbar betrifft, tiefe Wunden der Rührung hinterlässt.

Heimito von Doderer schaut mithilfe eines gigantischen Exemplars der Gattung Tropidonotus natrix in geradezu satanischer Manier ins Innere seiner Figur René Stangeler. Obergescheit, wie der 16-jährige Gymnasiast nun einmal ist, kennt er natürlich sofort den lateinischen Namen seiner bahnbrechenden Entdeckung, ist sich aber nicht sicher, ob er sie auf Deutsch als Lindwurm, Natter oder Blindschleiche bezeichnen soll. Oder – wenn man Doderers obsessiven Fetisch kennt: vielleicht ja als Drachen. Denn nichts anderes ist diese Schlange für den Verfasser als das Maximum an Fantasy, das er sich in sein hyperrealistisches, komplexes Monumental-psychogramm einer Gesellschaft des frühen 20. Jahrhunderts einzufädeln erlaubte.

»René fühlte jede Bewegung der Natter, als sei er’s selbst, der sie ausführte, nur gleichsam umgeschlagen in sein Inneres: das Treffen auf ein Hindernis beim Kriechen, Ast oder Stein, während der lange Leib noch in Bewegung blieb und sich in engeren Windungen hinter dem zögernden Kopfe nachdrückend staute, das plötzliche Vorgleiten des nun gestreckten Halses aus dem entstandenen Knäuel heraus und dessen Übergehen in flachere Bogen, Schub um Schub …«

Und so weiter. Erotik pur. Stangeler überlegt denn auch, dass »eine Ringelnatter von solcher Ausgewachsenheit Schnürungen an seinen Armen bewirken könnte, die weit wirksamer wären als jene, wie sie auch die kleineren Stücke des öfteren versucht hatten«. Was immer er genau damit meint, jedenfalls entbrennt – kurz bevor er dann das Mädel Paula Schachl kennenlernt – »Liebe zu dem Tier«.

Die hält aber nicht allzu lange, denn bald schon wird ihm bewusst, »daß er hier zum ersten Male beim Anblick einer Schlange Ekel empfand. Vielleicht weil sie so groß war.« Vielleicht hält es die Online-Ausgabe der Welt deshalb für angemessen, von einer Würdigung ebendieser Szene durch den Autor Daniel Kehlmann direkt auf die Schlagzeile »Riesenschlange verschlingt Känguru auf Golfplatz« zu verlinken.

In diesem Wald, in der ekligen Natur jedenfalls, beginnt der Ernst des Lebens für René Stangeler. Wiewohl am Land, »schaltet« Doderer in Renés Kopf von diesem Sündenfall direkt weiter zur Assoziation von »Rampe über Rampe, Bühne über Bühne«. Und dort schlängelt sich – genau – die Strudlhofstiege.

GATTUNG: Tropidonotus natrix

LEBENSRAUM: Österreich

GIFTIG: nein

STÄRKE: windige Wendigkeit

FABELTAUGLICHKEIT:

BEUTESCHEMA: Stangeler

ERFOLGTE HÄUTUNGEN: >100

FASCHINGSKOSTÜM: Drache

KASSIOPEIA

AUTOR: Michael Ende

TITEL: Momo

ORIGINALFASSUNG: 1973



Plötzlich fühlte sie, wie etwas sie leise an ihrem nackten Fuß berührte. sie beugte sich hinunter, denn es war ja sehr dunkel, und erkannte eine große schildkröte, die ihr mit erhobenem Kopf und seltsam lächelndem Mund mitten ins Gesicht blickte. ihre schwarzen klugen Augen glänzten so freundlich, als ob sie gleich zu sprechen anfangen wollte.

Freundlich sind Schildkröten ja meistens – wie das auch all jenen zu raten ist, die nicht schnell laufen können. Kassiopeia aber ist freundlich, obwohl sie allen anderen etwas Wichtiges voraushat: Wie Kassandra aus der griechischen Mythologie sieht sie, was künftig geschehen wird! Der Haken, und da wären wir wieder beim Rat, nur schön freundlich zu bleiben: Sie sieht gerade mal eine halbe Stunde in die Zukunft und hat nur begrenzte Panzerfläche, auf der sie sich schriftlich – in Versalien – ausdrücken kann.

»KOMM MIT!«, sind also ihre ersten Worte an (die obendrein ob ihrer Kindheit und nicht vorhandenen Schulbildung eher leseschwache) Momo, um diese zu ihrem Herrchen Meister Hora zu entführen, der mit ihrer Hilfe plant, die Zeit – und in weiterer Folge die Welt – zu retten.

Die lebende Laufschrift wäre, hätten die grauen Herren die Herrschaft an sich gerissen, wahrscheinlich als Maskottchen für irgendwelche peinlichen Werbungen missbraucht worden. Um das zu verhindern, hat sich Meister Hora einen Wettlauf gegen die Zeit – für die Zeit einfallen lassen. Er begibt sich in eine Art Winterschlaf, friert die Zeit also ein und schickt Momo und Kassiopeia mit einer Stundenblume auf den Weg. Sie haben also eine Stunde, um die grauen Herren zu stoppen.

Dass es ausgerechnet eine sich ungern beim Frühstücken stören lassende und auch sonst recht gemächliche Schildkröte ist, die in dieser Challenge obsiegt, ist natürlich eine visionäre Botschaft des Autors gegen »Hudeln« und Burn-out, gegen Stress und digitalen Overkill, für die Ruhe, fürs Slow Food sozusagen (bloß keine Schildkrötensuppe!).

Wo Kassiopeia ihren Namen herhat, ist auch nicht ganz klar (und sie würde wahrscheinlich Tage brauchen, es zu erklären). Die Gattung Cassiopeia bezeichnet eigentlich Schirmquallen, und in der griechischen Mythologie ist Kassiopeia eine schöne Frau, die ihre eigene Schönheit zu wichtig nahm und der Poseidon daher ein Meeresungeheuer an den Hals schickte. Nach ihr ist auch das Sternbild benannt.

Ihre halbstündig begrenzte Weitsicht erlaubt ihr immerhin, mehr oder weniger blind die Straßen in Momos nicht näher benannter, aber wahrscheinlich irgendwo in Italien liegender Großstadt zu überqueren, obwohl die Autos dort keinerlei Ampelschaltung gehorchen: Sie weiß einfach immer, wann kein Auto kommt. »KEINE ANGST!«, meldet sie Momo. »Hab ich auch nicht«, antwortet diese, »nachdem sie es entziffert hatte«. Kurz darauf: »Ein Glück, dass ich schon so gut lesen kann, findest du nicht?« – »STILL!«

Speedy Gonzalez wären in dieser Konstellation wahrscheinlich die Synapsen eingeschlafen.

GATTUNG: Emys orbicularis

LEBENSRAUM: urbane Gefilde

ERNÄHRUNG: Kräuter

FUNKTION: Pager

AUGEN: schwarz, klug

MERKMAL: viel Zeit

BESTER-FREUND-DES-MENSCHEN-FAKTOR:

ANOBIUM DOMESTICUM

AUTOR: Julian Barnes

TITEL: Eine Geschichte der Welt in 10 1/2 Kapiteln (Aus dem Englischen von Gertraude Krueger)

ORIGINALFASSUNG: 1989



Unsere Art gelangte, wie ich mit Stolz berichten kann, ohne Bestechung oder Gewaltanwendung an Bord; andererseits sind wir nicht so leicht zu entdecken wie ein junger elch.

Endlich packt einmal jemand aus und schildert, wie es wirklich zuging auf der Arche Noah.

Dass es natürlich mehr als eine Arche gab, sonst hätten all die Tiere nie draufgepasst.

Dass Klatsch und Tratsch blühten, etwa darüber, ob Noahs Schwiegertochter wohl etwas mit einer (seither) ausgestorbenen Affenrasse angefangen hat?

Dass der Archpatriarch selbst ein Schluckspecht war und sich durch nichts weder für den Job des Weltretters noch für jenen des Kapitäns qualifizierte, dass er also nur aufgrund seiner peinlichen Gottesfürchtigkeit ausgewählt worden war.

Ganz nebenbei erwähnt der – von der menschlichen Leserschaft (letztlich lauter Abkömmlinge Noahs) deutlich desillusionierte – Erzähler, dass er der Gattung Anobium domesticum angehört. Diese wurde 1785 von einem gewissen Geoffrey beschrieben. Wer das nachgoogelt, hat die Pointe aber sowieso schon verstanden. Gut möglich, dass die meisten anderen bis zum letzten Satz der Geschichte Der blinde Passagier (Kapitel 1 von zehneinhalb in Julian Barnes’ Zusammenfassung der Weltgeschichte) warten müssen, bis das Aha-Erlebnis eintritt: »Aber letztendlich, was können wir dafür, wir sind halt Holzwürmer.«

Auf der Arche Noah erwünscht waren die Holzwürmer weder zu zweit (wie die unreinen Tiere) noch zu siebt (wie die reinen Tiere, was aber nur bedeutete, dass die Menschen sie essen konnten, was sie auch taten). Da Arche wie Nebenarchen allesamt aus Holz gebaut waren, hatten die blinden Passagiere vor allen anderen geboardet.

Interessant an der Berichterstattung des Holzwurms ist unter anderem seine Mischung aus Solidarität und journalistischer Distanz. Einerseits reiht sich der Erzähler durchaus unter die anderen Tiere ein, wenn es darum geht, den Irrsinn an Bord zu schildern (»Ja, sicher, wir haben uns gegenseitig aufgefressen und so.«). Andererseits erklärt er sich zum objektiven Beobachter: »Ich stehe etwas außerhalb der übrigen Tiergesellschaft, die noch immer ihre nostalgischen Zusammenkünfte hat.« Weshalb: »Meiner Darstellung könnt ihr vertrauen.«

Diese seine Darstellung ist jedenfalls sehr humorvoll, auch wenn man bald ahnt, worauf sie hinausläuft. Denn warum war wohl am Ende nur noch die Hälfte der Flotte übrig? Wovon werden sich die sieben Holzwürmer, denen peinlich war, zufällig genau in der für den Menschen heiligen Anzahl angetanzt zu sein, ernährt haben? Genau. »Gopher«, das Holz, aus dem sie die Arche(n) gebaut hatten.

Bibelforscher (aber auch Holzforscher) vermuten, es handle sich dabei um Zypressenholz. Wahrscheinlicher ist, dass dieses Holz ebenso ausgestorben ist wie viele der Tiere, die einst gutgläubig bei der Sintflutkreuzfahrt eincheckten. Und ausgestorben heißt: aufgefressen. Was für eine Welt!

LEBENSRAUM: Arche Noah

ERNÄHRUNG: Arche Noah

ARTENSCHUTZ: nicht empfohlen

BESTER-FREUND-DES-MENSCHEN-FAKTOR:

ERSTES GEBOT: kein Sex an Bord (zu gefahrlich)

NATÜRLICHE FEINDE: Noahs

DER BANDWURM

AUTOR: Irvine Welsh

TITEL: Drecksau

(aus dem Englischen von Clara Drechsler und Harald Hellmann)

ORIGINALFASSUNG: 1998



00000000000000000000000000 nein nein nein 000000 oh nein du Drecksack 00000000000000000 0000000000000000000000000000000000000000000000 0000000000000 000000000000000000000000000

Auf die Frage, was seiner Meinung nach das Coolste an der von ihm in der Verfilmung aus dem Jahr 2013 verkörperten Figur des schottischen Polizisten DS Bruce Robertson sei, antwortete Schauspieler James McAvoy: »Dass er gleichzeitig masturbieren und weinen kann.« In der Tat ist der greifbare Widerling hier Bruce Robertson selbst, der Kollegen und »Klienten« misshandelt, verarscht, beschimpft und gelegentlich ermordet, noch dazu aus unverzeihlichen Motiven wie Rassenhass heraus. Aber Bruce ist, wie von McAvoy andeutet, neben einer Dreckauch einfach eine arme Sau. Daran schuld sind: die miserable Kindheit mit einem Vater, der ihn zwang, Kohle zu fressen, die Trennung von der Ex – und der Bandwurm, der das alles wieder aufwurmt, äh, aufwärmt.

So ein Bandwurm ist ohnedies eine der ekelhaftesten Krankheiten, die man sich vorstellen kann: ein Parasit von länglicher Ausdehnung, der sich mithilfe von Saugnäpfen oder Hakenkränzen an der Darmwand seines Wirts festklammert und Nährstoffe, kaum hat dieser sie zu sich genommen, gleich einmal selbst vertilgt.

Bruces Exemplar präsentiert sich als ganz besondere Nervensäge. Zunächst ist er unersättlich, fordert Bruce permanent von innen heraus zur Nahrungsaufnahme auf: »0000iß000iß0000iß«. Obendrein entwickelt er im Zuge des Buches aber auch noch ein Selbstbewusstsein und kommuniziert mit irgendwelchen anderen Würmern ebenso wie mit dem Wirt, nach dem Motto »Darm ohne jeglichen Charme«: »Du bist ein schrecklicher Mensch!«, wirft er Bruce an den Kopf (oder besser: an die Darminnenwand) und psychoanalysiert sich zusammen, was den Wirt so wurmt: »Du bist zurückgewiesen worden und bist stolz.«

Dieser Bandwurm ist ein typografisches und narratives Kunstwerk: Er enthüllt und verbirgt zugleich. Autor Irvine Welsh stellt ihn nämlich durch fett und kursiv gedruckte Einschübe in bandförmigen Sprechblasen dar, die die eigenen inneren Monologe des Polizisten parasitär überlagern, sodass nur noch die Absatzränder zu lesen sind. Was steht unter dem Wurmfortsatz? Wenn wir es wüssten, kämen wir dann schon früher dahinter, dass dieser fluchende Ich-Erzähler sich nicht nur manchmal schizophren als die eigene Exfrau verkleidet, sondern auch den Kriminalfall, in dem er ermittelt, selbst verursacht hat?

Mit der großen (Selbst-)Erkenntnis am Ende hat der Bandwurm – pardon! – ausgeschissen. In exkrementeller Konsequenz fallen ihm die letzten Worte dieser nihilistischen schottischen Saga zu: »00000000000000000000000000000 00000000000000000000000000000000 00000000000000000000000000000000 00000000000000000000000000000000 00000000000000000000000000.«

GATTUNG: Cestoda

LEBENSRAUM: DS Bruce Robertson

ERNÄHRUNG: DS Bruce Robertson

NATÜRLICHER FEIND: DS Bruce Robertson

BEUTESCHEMA: DS Bruce Robertson

KNUDDELFAKTOR: 000000000000000000

BESTER-FREUND-DES-MENSCHEN-FAKTOR: 0000000000000000000000000000000

LANMO

AUTORIN: A.L. Kennedy

TITEL: Leises Schlängeln

(aus dem Englischen von Ingo Herzke)

ORIGINALFASSUNG: 2016



Warum liegt eine goldene Schlange quer auf Ihrer Pultkante und tut so, als sei sie ein Lineal?

Wenn Menschen berühmt werden, setzen sie ihre Popularität oft für einen guten Zweck ein, treten öffentlich für Feminismus oder gegen Walfang auf. Die schottische Autorin A.L. Kennedy, die 2000 mit ihrem Erzählband Gleißendes Glück berühmt wurde, nimmt sich einer überraschenden Randgruppe an: fiktiver Schlangen. »Schlangen brauchen eine Lobby!«, heißt es hinten auf dem wertvoll produzierten, in Prinzessinnenrosa gehaltenen Einband von Leises Schlängeln.

Die benötigte Lobby wird im Buchinneren dann einem besonders giftigen Exemplar der Gattung zuteil, das professionell um die Welt kriecht, um Menschen zu töten. Der Schlangerich heißt Lanmo und unterhält sich vor der jeweiligen Tat noch mit seinen Opfern. Indem seine Zunge die Luft in ihrem Umfeld abfühlt, »schmeckt« Lanmo, ob es eine arme, gute Oma oder einen reichen, grausamen Tyrannen erwischt (dazwischen gibt es nichts).

Als Lanmo das bitterarme Mädchen Mary kennenlernt, verspürt er plötzlich Liebe. Er hilft Mary gegen seilspringende Tussen in der Schule, verkuppelt sie mit dem klugen Paul und zeigt beiden den Weg zu einem besseren Leben.

Sie wiederum erzählt ihm alles, macht aus ihrem Herzen keine Schlangengrube und vermisst ihn, wenn er dienstlich unterwegs ist. Alles recht rührselig, aber hilft es dem Ruf der Schlangen? Werden Schlangen nun die neuen Ponys?

Vielleicht helfen ja die folgenden Fun Facts aus dem Märchen: Lanmo macht zischelnde Geräusche beim Schlafen, es ist seine Art zu schnarchen. Süß, oder? Wenn er aufwacht, vollführt er eine komplexe Choreografie des Ver- und Entknotens, rollt den Leib schließlich zu einer schönen Schleife und hebt den Kopf. Seine Augen sind rubinrot, und überhaupt ist er wunderschön. Warum? Weil er das sagt. »Ich bin ungemein hübsch«, stellt er sich eingangs Mary vor. »Hallo, Herr Hübsch. Ich heiße Mary.«

Und jetzt kommt das Beste: Er darf Trauungen durchführen. Argument: Wenn die saublöden Schiffskapitäne das können, kann eine Schlange das auch – nur besser, weil man aus den wertvollen Schuppen an ihrem Körper edle Ringe machen kann. So werden Mary und Paul in ihrem besseren Leben nach der Flucht Ringschmiede.

All das verdanken sie Lanmo, der natürlich auch Mary am Ende ihres Lebens unweigerlich besucht, um den letzten Biss zu praktizieren. Das ist sehr herzzerreißend. Aber na ja: Das Leben ist kein Ponyhof. Sondern, wie es aussieht, doch eine Schlangengrube.

GATTUNG: Serpentes

HERKUNFT: Hölle

GESCHLECHT: männlich (obwohl: »die« Schlange)

FARBE: golden (Augen: rubinrot)

SCHÖNHEIT: ungemein

BERUF: Richter und Henker

NEBENBERUF: Juwelier

NATÜRLICHE FEINDE: reiche Menschen

Die Flatternden und Schnatternden, die Zwitschernden und Krächzenden


SIMORGH

AUTOR: Farid ud-Din Attar

TITEL: Die Konferenz der Vögel

(aus dem Persischen von Katja Föllmer)

ORIGINALFASSUNG: 12. Jh.



Da sahen sie das Abbild Simorghs auf der Erde. Als die dreißig Vögel genauer hinschauten, sahen sie, dass sie selbst Simorgh, Dreißigvögel, waren. Aus Erstaunen waren sie ganz verwirrt. Sie hatten es nicht gewusst, bis sie es geworden waren.

Wer bin ich und wenn ja, wie viele? Oder: Dreißig Vögel suchen einen König. Oder: Tausend ist das neue Dreißig. Oder: Dreißig Spatzen am Ziel sind besser als tausend ahnungslose Tauben auf dem Dach.

In Farid ud-Din Attars mystischem Versepos Die Konferenz der Vögel (alternativ: Vogelgespräche) machen sich Tausende Vögel aus allen Teilen der Welt auf die Suche nach dem idealen König. Dieser ist ebenfalls ein Vogel, ein schräger Vogel geradezu, und in der Mythologie beladen mit Geschichten und Gerüchten: Simorgh (oder Simurgh) heißt er,

»Si morgh«, das bedeutet getrennt geschrieben eben »dreißig Vögel«, aber diese dreißig übrig gebliebenen Vögel konnten wahrscheinlich kein Persisch, deshalb nahmen sie diese lange, beschwerliche, verlustreiche Suche auf sich, um sich letztlich selbst zu finden: Weg = Ziel, Siddhartha lässt grüßen.

Der »Löwe der Lüfte«, wie er (oder wahlweise sie) auch genannt wird, ist ein großer Vogel, die genaue Art ist nicht bekannt. Passend zu der situationselastischen Verdreißigfachung ist auch der Umstand, dass Simorghs Antagonist Angha manchmal mit ihm oder ihr gleichgesetzt wird.

Zu Beginn der Vogelkonferenz heißt es: Alle Vögel sind schon da. Die Teilnehmer vom Wiedehopf bis zu Fink und Nachtigall, von Pfau bis Geieradler, Papagei, Geier und Reiher halten flatterhafte Reden und Ausreden, die einen gemeinsamen Ausflug auf der Suche nach dem Göttlichen zur Folge haben. Unter anderem wird dabei folgende Geschichte von Simorgh erzählt: »Er zog glänzend um Mitternacht über China. Inmitten Chinas verlor er eine Feder. Jeder Einwohner war sehr erregt. Jeder machte ein Abbild von dieser Feder.« Klingt nach einer visionären Vorschau auf die SelfieKultur.

Simorgh, heißt es, sei »uns nah, aber wir sind so fern von ihm. Seine Ruhe liegt im Heiligtum der Großmut, sein Name ist auf keiner Zunge.« Vor seiner Tür sollen mehr als hunderttausend Vorhänge aus Licht und Dunkelheit hängen, in anderen Worten, er ist so schön, dass man ihn nicht sehen kann, so klug, dass niemand seine wissende Vollkommenheit begreift. Simorgh ist das ornithologisierte Escher-Bild, und hätte die perfekte Musik aus Robert Schneiders Schlafes Bruder eine Gestalt, es wäre die seine. Oder ihre.

Am Ende der verschnäbelten Schnitzeljagd hat der weise Dichter ihnen so viele Weisheiten mit auf den Weg gegeben, dass die skurrile Auflösung sie vollends verwirrt. »Wie du siehst, war alles, was du wusstest, nicht Er, und auch nicht das, was du sagtest und hörtest, war Er«, erklärt ihnen Gott. Und dann heißt es kurzerhand: »Der Weg ist zu Ende.«

GATTUNG: Aves maximus

LEBENSRAUM: die Welt

BEINAME: Löwe der Lüfte

BEUTESCHEMA: jeder mit jedem

FABELTAUGLICHKEIT:

MERKMAL: #Feder

NATÜRLICHER FEIND: Angha

FEDERIGOS FALKE

AUTOR: Giovanni Boccaccio

TITEL: Das Dekameron

(aus dem Italienischen von Karl Witte)

ORIGINALFASSUNG: 1313



Mutter, könnt Ihr machen, daß ich Federigos Falken erhalte, so glaube ich in kurzem wieder gesund zu werden.«

Hundert Geschichten enthält Das Dekameron, aber keine ist so bitter wie die neunte Geschichte am fünften Tage, die Fiammetta ihren neun vor der Pest geflohenen Freunden erzählt. Sie hat selbst nicht einmal zehn Seiten und umfasst doch eine wahre Tragödie klassischen Ausmaßes. Die Moral: Man kann das Glück nicht erzwingen, es ist ein Vogerl:

Was für ein Vogerl? Jedenfalls kein Falke, zumindest nicht der des Federigo di Messer Filippo Alberighi, denn der ist ein veritabler Unglücksrabe.

Der junge Florentiner Edelmann verliebt sich in eine Dame namens Monna Giovanna, für die er sich vollends verausgabt: Er schmeißt Feste und nimmt an Ritterturnieren teil. Am Ende hat er nicht nur die Frau nicht erobert (schließlich war sie verheiratet), sondern obendrein alles verloren. In seiner Armut bleibt ihm nur ein Falke, »wie es kaum einen edleren auf der Welt geben mochte«. Mit dem zieht er sich aufs Land zurück und verdingt sich als Vogelfänger.

Nach dem Tod des Gatten der Angebeteten kümmert diese sich um dessen kranken Sohn. Der meint, nur der Besitz des federigoschen Falken könne ihn wieder gesund machen. Die Stiefmutter macht sich also auf den Weg zu Federigo und becirct ihn mit der Ankündigung eines Dates in Form eines Mittagessens bei ihm zu Hause (in Anwesenheit einer Anstandsdame, bitte sehr). Da der Falkner, verarmt, aber aufgeregt, nichts anderes zu Hause hat, muss der edle Vogel herhalten. Dieser sitzt, während sich die Gedanken formen, unpraktischerweise auf einer Stange ausgerechnet im Esszimmer …

Den Rest kann man sich denken. Die Magd rupft, spießt und serviert, der edle Falke mundet, danach erst wird die fatale Bitte ausgesprochen und der Mann bricht in Tränen aus. »Ich glaubte, ihm die beste Stätte bereitet zu haben«, schluchzt er. »Nach diesen Worten ließ er ihr zum Beweise des Gesagten Federn, Fänge und Schnabel des Falken vorzeigen.«

Ein zweifelhaftes Happy End folgt dann noch: Das Kind stirbt, und die Stiefmutter nimmt sich letztlich doch noch des so erbärmlichen wie erbarmungswürdigen Vogelmörders an.

Zur Verteidigung der Erzählerin Fiammetta: Es herrscht die Pest in Boccaccioland, die Menschen wollen nichts Trauriges hören. Den Verfasser inspirierte gewiss das einige Jahre zuvor erschienene »Falkenbuch« Friedrichs II., De arte venandi cum avibus. Auch der Stauferkönig galt als arger Schwerenöter. Dass er ebenfalls zu so drastischen Mitteln gegriffen haben könnte wie Federigo (Romanisch für Friedrich!), ist angesichts der doch sehr unterschiedlichen Vermögensverhältnisse der beiden Fritzen freilich nicht anzunehmen.

GATTUNG: Falco

MOTTO: Verdammt, wir leben noch

LEBENSRAUM: Florenz

GESCHMACK: edel

ARTENSCHUTZ: empfohlen

BESTER-FREUND-DES-MENSCHEN-FAKTOR:

FUNKTION: Wingman

ENDE: Schüssel, Spieß

DER VOGEL ROCH

AUTOR: vielleicht Antoine Gallard

TITEL: Tausendundeine Nacht

(aus dem Arabischen von Claudia Ott)

ORIGINALFASSUNG: spätestens 1704



Nach kurzer Zeit wird ein Vogel mit Namen Roch zu dir kommen und dich in seinen Krallen forttragen. Er wird mit dir hoch in den Himmel fliegen. Nach einer Weile wirst du selbst spüren, daß er dich auf einem Berg abgesetzt und losgelassen hat. Sobald du merkst, daß du auf den Berg gelangt bist, schneide die Haut mit dem Messer auf und klettere hinaus.

Die Anweisung im nebenstehenden Zitat könnte aus einem Agententhriller stammen. Eine von denen, die man sich genau merken muss, weil es im Anschluss heißt: »Diese Nachricht zerstört sich in zehn Sekunden selbst.«

Während James Bond also mit falschem Pass in einen Helikopter oder ein Charterflugzeug steigt, ließ man sich in der alten arabisch-persischen Welt in eine Hammelhaut einnähen und fuhr Vogel, um größere Strecken zurückzulegen.

Zum Glück durfte man den Vogel Roch als realistisch betrachten, hatte doch Marco Polo von ihm berichtet. In Wahrheit hatte der italienische Entdecker im Orient einfach eine recht große Feder gefunden, die seine Fantasie beflügelte.

Der Vogel Roch, heißt es, ist soooo grooooß. Er ist so groß, dass er sogar Elefanten durch die Gegend schleppen kann. Folglich ernährt er sich von diesen. In der 57. auf die 58. Nacht wird von ihm in der Geschichte vom Träger und den drei Damen berichtet. Sein noch berühmterer Auftritt, jener von Sinbad, dem Seefahrer, kommt in den ältesten arabischen Handschriften, die Claudia Ott neuerdings ins Deutsche übersetzt hat, gar nicht vor.

Sie geht so: Sinbad wird auf einer Insel vergessen. Daraufhin bindet er sich mithilfe seines Turbans an den Fuß des Vogels Roch (der praktischerweise offenbar gerade zum Auftanken dort gelandet ist). Der Vogel bringt Sinbad in ein Tal voller Diamanten, leider aber auch voller Schlangen. Blöd, wenn man keine Bordkarte hat, die einem das Erreichen eines sicheren Zielorts zumindest auf dem Papier garantiert.

Später entdeckt Sinbad allerdings, dass er den unfreundlichen Vogel gar nicht braucht (unfreundlich deshalb, weil er, als die Kaufleute sein Junges direkt aus dem noch ungeöffneten und natürlich gigantischen Ei stahlen und schlachteten, aggressiv reagierte und ihr Schiff zerschmetterte). Den Menschen, die sich am »äußersten Ende der Welt« befinden, wachsen nämlich immer zu Neumond Flügel. Es war immer schon so: Wer in Sachen Abreisedatum ein bisschen Flexibilität zeigt, zahlt weniger für den Flug.

In allen Geschichten bleibt die Persönlichkeit des Vogels Roch jedenfalls immer eher undurchschaubar. Wie geht es einem so als Monster, das trotzdem immer als lebender Hexenbesen missbraucht wird? Wie ein Turm (unerklärlicherweise teilt sich Roch die Etymologie mit der gleichnamigen Schachfigur) hält der Vogel sein Inneres dicht ummauert.

GATTUNG: Aquila rapax maximus

LEBENSRAUM: Orient

ERNÄHRUNG: Elefanten

FUNKTION: Transportmittel

BERUF: Rochstar

NATÜRLICHE FEINDE: Kaufleute

WWF-FAKTOR:

SCHWINGEN: riesig

EIER: riesig

Бесплатный фрагмент закончился.

1 713,71 ₽
Возрастное ограничение:
0+
Объем:
288 стр. 115 иллюстраций
ISBN:
9783903005877
Издатель:
Художник:
Правообладатель:
Bookwire
Формат скачивания:

Похожие книги