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COACHING
ERFOLG IM 21. JAHRHUNDERT
1. Auflage, ePUB, August 2014
© Sokrates Verlag München
Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werks darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlags reproduziert, oder in elektronischen Systemen verarbeitet, eingespeichert oder vervielfältigt werden.
Erstausgabe der Printversion im Dezember 2006
| COACHING | ISBN 978-3-945562-00-0 | Gestaltung: |
|---|---|---|
| Alle Rechte der Ausgabe: | Wolfgang Rollmann | |
| © Sokrates Verlag München | Graphische Umsetzung: | |
| Web: www.sokrates-verlag.de | atelier kolar | |
| Shop: www.sokrates-verlag.com | Umschlag: Petra Tschorn | |
| Martin Sage | Autorenkontakt: | Sage University |
| info@sageuniversity.com | www.sageuniversity.com | |
| Sonja Becker | Autorenkontakt: | Wailea, München |
| High Performance | info@wailea.de | |
| Leadership Training | www.wailea.de |
MARTIN SAGE UND SONJA BECKER
Gute Mentoren haben nicht das Gefühl, schlau sein zu müssen. Das ist vulgär. Es zeichnet einen Menschen nicht aus, etwas zu wissen, was ein anderer nicht weiß oder wissen kann. Was gute Mentoren ausmacht, ist Menschlichkeit und Demut. Carlos Castaneda spricht in diesem Sinn von „Nicht-Tun“ oder auch von „kontrollierter Verrücktheit“ – etwas zu tun, ohne einen Grund dafür zu haben. Daraus erwächst zwangsweise etwas Neues.
Martin Sage, Mentor und Meister der Neugier, und Sonja Becker, Mentorin und Anthropologin, wollen mit diesem Standardwerk wache Menschen ermutigen. Ein Amerikaner und eine Deutsche sehen von Deutschland ausgehend die Kernzelle für eine neue Gesellschaftsepoche für Europa pulsieren!
In diesem Standardwerk wird die Sage-Lernmethode mit 100 Tools vorgestellt. Die „FührerInnen“ von morgen, die tatsächlich Menschen bewegen wollen, sind die Leser und Anwender dieses Buches. An dieser Stelle soll ausgeheilt werden, was das Talent der Deutschen ist: Führen = Leadership!
Sage und Becker coachen Menschen in die Richtung, was sie am liebsten tun, und vermitteln ihnen den Weg dorthin. Um den eigenen Stil zu finden, entwickeln sie Themen rund um Leitfragen wie „Was lieben Sie am meisten?“ oder auch „Was haben Sie überlebt? Was ist Ihre Botschaft?“. Wenn Sie einmal so weit sind, eine klare Antwort auf diese Fragen zu formulieren, wissen Sie auch, welche Art Coach Sie sind und wie Sie es verkaufen.
EIGENTLICH IST JEDER MENSCH EIN COACH in etwas: Es lohnt sich, es herauszufinden, denn dahinter könnte ein Millionengeschäft warten. Sie können sich selbst überraschen. Sie leben nur das halbe Leben, wenn Sie sich nicht zumindest diese Frage stellen.
Die meisten Menschen haben Angst davor, zu sehen, wer sie wirklich sind, weil ihre Wirklichkeit eine andere ist. Daher entwickeln sie einen Tunnelblick. Dazu gibt es ein berühmtes Zitat: „Angst killt Innovation“. Lassen Sie nicht die Ihre killen.
PROLOG
Wenn ihr’s nicht fühlt,
ihr werdet’s nicht erjagen,
Wenn es nicht aus der Seele dringt, und mit urkräftigem Behagen
Die Herzen aller Hörer zwingt.
Sitzt ihr nur immer! Leimt zusammen,
Braut ein Ragout von andrer Schmaus,
Und blast die kümmerlichen Flammen
Aus eurem Aschenhäufchen ´raus! Bewunderung von Kindern und Affen,
Wenn euch darnach der Gaumen steht -
Doch werdet ihr nie Herz zu Herz schaffen,
Wenn es euch nicht von Herzen geht.“
"What you don’t feel, you will not grasp by art,
Unless it wells out of your soul
And with sheer pleasure takes control,
Compelling every listener’s heart.
But sit - and sit, and patch and knead,
Cook a ragout, reheat your hashes,
Blow at the sparks and try to breed
A fire out of piles of ashes!
Children and apes may think it great,
If that should titillate your gum,
But from heart to heart you will never create.
If from your heart it does not come."
aus: Goethe, Johann Wolfgang von. Faust I.
Erich Trunz (Hg.), München 1982
DIALOG (Bliss: Charles Lloyd/Billy Higgins).
DIALOG – BLISS
Zwei Musiker auf dem Höhepunkt ihres Lebens. Der Saxophonist Charles Lloyd und der Schlagzeuger Billy Higgins sitzen in Lloyds Haus in Big Sur, Kalifornien, an der Küste des Pazifik. Der eine wird bald sterben. Beide wissen das. Und eine Woche lang haben sie zusammen im Wohnzimmer Musik gemacht. Immer, wenn Higgins die Kraft hatte, vom Bett aufzustehen, bringt er eines von Lloyds überall verstreuten Instrumenten mit und beginnt, sie zu traktieren. Es entsteht Musik, die sie noch nie vorher gemacht haben. Musik, die nicht populär ist. Aber das ist ihnen egal. Sie sind eins mit sich und ganz woanders: In Big Sur, auf dem Gipfel des Berges, über dem Pazifik.
CHARLES LLOYD: „There’s a feeling when you play, that I can’t describe – but there’s no feeling like it in the world.“
BILLY HIGGINS: „We did all those wonderful and all not those wonderful things together, but we come out of all that and here we are, on another plane now. So this is a different plane here.“
Lloyd ist einer der größten lebenden Saxophonisten, Higgins einer der größten Drummer im Jazz. Kein Titan am Jazzhimmel, mit dem Billy Higgins nicht in den vergangenen vierzig Jahren gespielt hat. Charles Lloyd, der einzige Jazzmusiker, der in Woodstock auf der Bühne stand. Der sich von Big Sur zurückzog und lieber am Strand mit seinem Nachbarn Larry Hagman Frisbee spielte. Der zu Beginn der Achtziger wieder die Bühne betrat und sie seitdem nicht wieder verließ. Der eine moderne Musik spielt, die die Frauen lieben. Die beiden sind alte Freunde. Jetzt ist die letzte Gelegenheit, zu spielen, wie sie schon immer spielen wollten.
LLOYD: „When I was in retreat, I had the benefits of all that experience to reflect to and also, to work continually. But what I really learned – when you slow down enough, you can understand volition and velocity better. And when you play, the timelessness of that becomes infused and your song has a natural rhythm that you can move through space in a different kind of way. (...) It is such a true high that causes great humility because you know it is not yours, and you can’t misuse it.“
HIGGINS: „Anything you do, if it is in the spirit, it’s going to be right. So you submit to the point where it’s not coming from me, it’s going through me ... Hey man, I’m telling you, that’s a whole suite right there! That’s two guys, just two guys sittin’ on the top of the mountain. You’re talkin’ about the journey’s end – the journey’s just beginning.“
LLOYD: „Can I say something to you in all sincerity? This is one of the greatest joys of my life – because what we have been able to do, to share it with you – and for you to peep that it’s real and that it’s blessed ... I mean, it just encourages us.“
HIGGINS: „Let me tell you something, please ... let’s please ... this might be the last time we do this. It made me understand a lot of what I’m trying to do ... but for us to be able to do it at the right time, in the right space ... What we doin’ is gettin’ our fire power to be able to do this on any level. We got to keep workin’ on this music.“
LLOYD: „Do you mean to tell me that you’re going to get up off the bed and come back to work on this with me?“
HIGGINS: „I didn’t say I would be there, but I will always be with you.“
Quelle:
Charles Lloyd/Billy Higgins: Which way is East.
ECM Records 2004.
PART 1 THEORIE
1. EINFÜHRUNG - DEUTSCHLANDS MELANCHOLISCHER MARKT
DEUTSCHLANDS MELANCHOLISCHER MARKT
„Der Mensch, welcher nicht zur Masse gehören will, braucht nur aufzuhören, gegen sich bequem zu sein; er folge seinem Gewissen, welches ihm zuruft: „Sei Du selbst! Das bist Du alles nicht, was Du jetzt thust, meinst, begehrst.“
„The man who doesn’t want to belong to the masses needs just to stop being comfortable with himself; he should follow his conscience that appeals to him: „Be yourself! From all what you are doing, meaning, longing for right now, nothing is yourself.“
(Friedrich Nietzsche, Unzeitgemäße Betrachtungen)
1. EINFÜHRUNG
Coaching und Erfolg im 21. Jahrhundert – wie hängt das zusammen? Eine zunächst schwierige Frage. Aber nehmen wir es sportlich. Schließlich ist „Coaching“ ein Begriff aus dem Sport, und Business ist im Prinzip auch eine Sportart.
Das zu beweisen, ist schwer, zumindest bei einem Blick auf den deutschen Markt. Die moderne Ökonomie, wie etwa in Deutschland, ist noch nicht dynamisch ausgerichtet. Wenn Konzernriesen neue Modelle entwickeln, die ihrem trägen System einen neuen Schub geben oder sie sogar retten sollen, versuchen sich hoch bezahlte, meistens denkbar unkreative Unternehmensberater als Rationalisierer zu profilieren. Die Menschen, die da in Massen entlassen werden, erschienen immer pünktlich zur Arbeit, versuchten, einen guten Job zu machen, sind auf Sicherheit und Vorsorge ausgerichtet und lebten in der ständigen unterschwelligen Panik, entlassen zu werden. Bis dieser Fall tatsächlich eintritt. Selbst erfolgreiche Manager werden immer öfter entlassen und wissen nicht, wie sie den Weg zurück finden können. Die Headhunter sind selbst arbeitslos, das Arbeitsamt mit dem inzwischen etwas flotter klingenden Namen „Bundesagentur für Arbeit“ präsentiert alte Hüte, keine neuen Jobs und immer höhere Arbeitslosenzahlen. Erfolgreiche Leute werden mit dem Prädikat „überqualifiziert“ abqualifiziert, Angestellte haben Angst, nie wieder Angestellte zu sein. Sie sollten froh sein: Das Leben hat gerade erst begonnen. Für all das gibt es in Deutschland meistens einen Schuldigen: Die Politik, die Regierung, wenn nicht gar der Bundeskanzler persönlich. Dies entspringt dem klassischen Denken im deutschen Kulturkreis, das schon immer den „Staat“ als größte übergeordnete Einheit wahrgenommen hat.
Der deutsche Generalzustand ist als melancholisch zu bezeichnen. Ein Blick in die Nachkriegsgeschichte und auch in die Kultur- und Mentalitätsgeschichte der Nation gibt darüber reichlich Aufschluss.
Deutschland 1954:
3, 2, 1, 0 ... Tor! Tor! Tor! Tor!
DEUTSCHLAND 1954:
3, 2, 1, 0 ... TOR! TOR! TOR! TOR!
Tor! Tor! Tor! Tor! Es ist aus! Das Spiel ist aus! Deutschland ist Weltmeister!“ Fast jeder Deutsche kennt diese O-Töne des Reporters Herbert Zimmermann am 4. Juli 1954. In den letzten Minuten vor dem Schlusspfiff gelang der deutschen Nationalmannschaft auf wundersame Weise doch noch der entscheidende Siegtreffer zum 3:2-Endstand, nachdem das deutsche Team 0:2 zurückgelegen hatte. Das „Wunder von Bern“ verhalf den Deutschen wieder zu neuem Selbstbewusstsein, zum ersten Mal nach der Katastrophe des Nationalsozialismus. Keine Frage: Mentalitätsgeschichtlich betrachtet, ist dieser 4. Juli, an dem das „Wunder von Bern“ geschah, nicht nur der amerikanische, sondern auch der deutsche Nationalfeiertag.
Glücklicherweise trat bereits das nächste Wunder ein: Das deutsche Wirtschaftswunder. Nachdem die deutschen Trümmerfrauen nach 1945 aus Schutt und Asche die zerbombten Städte langsam wieder aufrichteten, gelang vor allem durch Fleiß und Akribie der neue industrielle Boom in den Fünfziger Jahren. Arbeit gab es genug, den Beruf konnte man sich aussuchen. Der Wohlstand breitete sich allmählich aus und sorgte für wellenartige Konsumbewegungen: Zeitgenossen erinnern sich noch gut an die „Fresswelle“, die „Autowelle“ und die „Häuserwelle“, bis man in den Siebziger Jahren in den Bereichen der Notwendigkeiten eine gewisse Marktsättigung feststellen konnte. Dann ging es darum, das jeweils bessere Produkt am Start zu haben, die modischeren Kleider zu tragen und das jeweils bessere Auto vor dem Reihenhaus zu parken als der Nachbar – „keepin’ up with the Jones“.
In den Achtziger Jahren brach schließlich die große Party namens „Lifestyle“ der „Young Urban Professionals“ aus – endlich durfte man ungeniert zeigen, was man hat, und die Champagnerkorken knallen lassen. Noch nie hatten junge Menschen derartige Chancen, innerhalb kurzer Zeit zu viel Geld zu kommen, statt wie ihre Eltern sich bis ins hohe Alter für ihr Häuschen und ihre Rente krumm und buckelig zu schuften.
Perestroika war das globale politische Wunder der Achtziger Jahre, dem Fall der Mauer folgte nach anfänglicher Euphorie für ein Stimmungstief, das mit der Rezession und dem ersten Golfkrieg zu Beginn der Neunziger Jahre einherging. Die von einem Bundeskanzler prophezeihten „blühenden Landschaften“ der ehemaligen DDR verdorrten, zahlreiche Milliardenprojekte verliefen im märkischen Sand Ostdeutschlands, das als „Mezzogiorno Deutschlands“, das hoffnungslos verarmte „Dunkeldeutschland“ galt. Und irgendwie verschwand die Partylaune der Achtziger Jahre, inklusive ihrer Gegenbewegungen, der künstlerischen Subversivität und Avantgarde, irgendwo in den Stromlinien bedingungsloser Anpassung an Marktgesetze von der korrekten Krawatte bis zur Manager-Etikette, an die neue Bescheidenheit und der „political correctness“. Man behalf sich mit Spaß und Ironie.
Die Neunziger Jahre waren vor allem langweilig und nicht so gemeint. Für kurze Zeit herrschte wieder Auftrieb, als die „New Economy“ Jüngst- und Kleinstunternehmer mit schnell geschriebenen Business-Plänen dank „Business Angels“ an die Börse trieb, die ihr von Aktionären hereingespültes Geld geschickt zu verschwenden wussten. Die vermeintlichen „Innovationen“, die dank der Digitalisierung ganzer Wirtschaftszweige wie Unkraut sprossen, erwiesen sich als Seiltanz, weil sie jeden unternehmerischen und verantwortungsvollen Denkens entbehrten – dazu war einfach schon zuviel Geld da. Der „Neue Markt“ ging sang- und klanglos unter.
11. September: Schluss mit lustig
11. SEPTEMBER: SCHLUSS MIT LUSTIG
Der 11. September 2001 besiegelte in Deutschland das Ende dieser „Spaßgesellschaft“, der pseudo-ironischen Kultur der Neunziger Jahre, die sich selbst auf die Nerven ging. Die Lage der Nation wird ernst und ernster. Immer mehr Arbeitsplätze gehen verloren, wer sich auf der Straße wieder findet, fühlt sich meistens hilflos. War es in den Neunziger Jahren für viele sogar ein Spaß, mal arbeitslos zu sein, nichts zu tun und vom Staat Geld zu kassieren, wirft die Regierung viele jener aus ihrer „sozialen Hängematte“ mit Kürzungen und Auflagen hinaus. Wenn es einen neuen Wert gibt, dann ist es der Euro, der von vielen „Teuro“ genannt wird. Fast alle Anbieter nehmen den Abschied von der Wirtschaftswunder-D-Mark zum Anlass, die alte Währung mit der neuen gleichzusetzen. Die meisten Konsumprodukte werden in Deutschland bis doppelt so teuer, gleichzeitig haben die meisten Menschen weniger Geld. Billig erlebt einen Boom wie nie, „value for money“ ist das Gebot der Stunde, „Geiz ist geil“ der bekannteste Slogan, ganze Märkte erleben einen Einbruch, weil die Konsumenten entweder preiswerte Wege zur Ware finden oder sie gnadenlos herunterhandeln. Die Profiteure sind Konsumketten, die schon immer billigst anboten. Gehörte es in den Achtziger Jahren zum guten Ton des Konsums, nach dem Motto „was nichts kostet, das ist nichts“ zu shoppen, ist es nun ein Zeichen der Intelligenz, das jeweils günstigste Angebot zu recherchieren und dann vielleicht doch nichts zu nehmen. Die Situation nimmt dann absurde Züge an, wenn Politiker angesichts der wirtschaftlichen Talfahrt ihre Bürger zu „mehr Konsum“ auffordern. Diese haben entweder kein Geld – oder einfach Angst.
Deutschland befindet sich in einem gewaltigen Umbruch: Man klammert sich verzweifelt an die alten Jobs, auch wenn sie immer redundanter werden. Bürokratische Institutionen und Gewerkschaften lähmen notwendige Prozesse und wissen, dass sie an alten Zöpfen hängen. Die bittere Pille der Reformen liegt zur Einnahme bereit, an ihr führt kein Weg mehr vorbei, und jeder weiß es. Aber wer es sich nach wie vor einfach machen will, schiebt weiter die Schuld auf die „Regierung“. Das Problem Deutschlands, wenig Eigenverantwortung zu entwickeln – im Gegensatz etwa zu den Vereinigten Staaten – liegt an der traditionellen Fixierung auf das System „Staat“ und seiner Elemente im deutschen Kulturkreis, innerhalb derer man sich selbst nicht als Agierenden, Verändernden in die Situation einbezieht, sondern lediglich auf das Agieren des Staates wartet. Diese dem „Vater Staat“ zugeschriebene Übermächtigkeit generiert das Gefühl der eigenen Ohnmächtigkeit.
Das Gefühl, selbst nichts ändern zu brauchen, hat eine lange Tradition in der deutschen Mentalitätsgeschichte. Der Grundcharakter der Deutschen ist nach wie vor ihre weltberühmte und viel zitierte Melancholie: Wir sitzen da, geben die Schuld für alles Übel selten uns selbst und warten auf das nächste Wunder. Die Gründe für diese Befindlichkeit? Möglicherweise liegen sie tief in unserer Vergangenheit verankert. Viele Zitate aus unserer Kulturgeschichte sprechen dafür. Um dieses Phänomen zu verstehen, reicht ein Sprung in die deutsche Mentalitätsgeschichte seit Martin Luther.
Die lange Karriere der deutschen Melancholie
DIE LANGE KARRIERE DER DEUTSCHEN MELANCHOLIE
Gehorsam ist bei ihnen nicht Knechtschaft, er ist Regelmäßigkeit, charakterisiert die französische Philosophin und Chronistin Madame de Staël die Deutschen in ihrer viel beachteten Analyse „Über Deutschland“ (37) zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Das ist ein schockierender Befund. Es handelt sich aber um eine Entwicklung, die man in Deutschland bereits seit dem Mittelalter nachvollziehen kann.
Die kulturelle „Prägung“ Deutschlands ist sprichwörtlich zu nehmen. Als Johannes Gutenberg um 1400 in Mainz eine Weinpresse in eine Maschine umwandelt, mit der man jeden Buchstaben einzeln zu Wörtern und Sätzen zusammensetzen kann, erfindet er die beweglichen Lettern, mit denen man beliebige Texte mit schwarzer Flüssigkeit auf ein Stück Papier oder Pergament in beliebiger Anzahl „drucken“ kann. Mit der Einführung der beweglichen Lettern beginnt die Wirkungsgeschichte der Medien.
In Deutschland wurde mit dem Buchdruck eine gigantische Medien- und Mentalitätsverschiebung in Gang gesetzt. Der durchschlagende Erfolg des Buchdrucks beruht weniger auf der Entwicklung von grafischen und textlichen Grundlagen, sondern ihrer Verbreitung. So vermutet man, dass die Kunde von der Entdeckung Amerikas am Ende des 15. Jahrhunderts und die Nennung ihrer Protagonisten kaum so schnelle Verbreitung und Nachahmung gefunden hätte, wenn nicht bald danach eine große Anzahl von Mitteilungsblättern, Text- und Kartenmaterial in Europa kursierten, die schnell in den Druckerpressen Spaniens, Italiens und Deutschlands angefertigt wurden.
Buchdruck bedeutet Orientierung. Mit Johannes Gutenberg, dem „Mann des Jahrtausends“ (TIME Magazine 2000), kommt die „Macht der Ideen“ in die Welt. Das erste große Druckwerk Gutenbergs ist eine lateinische Bibel. Einer der ersten, der die Dimensionen dieser neuen Technik erkennt, ist der Reformator Martin Luther. Der Philosoph Johann Gottlob Fichte betrachtet Luthers Reformation in seinen „Reden an die deutsche Nation“ im Jahr 1806 als die „letzte große, und im gewissen Sinne, vollendete Welttat des deutschen Volkes“.
Die neue Religion verändert das Gesicht Deutschlands mental und fundamental. Die katholische Kirche schlug die Brücke zwischen Gott und den Menschen, die protestantische Kirche hält sich nun aus allem heraus, um die Eigenständigkeit des Menschen als mündiges Wesen zu bestärken. Das hat seinen Preis: Keine Vertretung Gottes auf Erden, der irdische Bezug fällt weg, nichts steht zwischen Gott und Mensch. Nun liegt es an jedem einzelnen Individuum, wie er/sie die unmittelbare Beziehung zu Gott gestaltet. Die einzige Instanz ist das Gewissen, und es ist meistens ein schlechtes Gewissen, das die protestantischen Menschen verfolgt. Aber im Dialog zu Gott – etwa durch das Gebet oder die Andacht – entsteht ein Moment, das eine neue Realität hervorbringt: die „Innerlichkeit“. Auf sich selbst geworfen zu sein und allein mit dem Gewissen vor Gott sind Freiheit und Fluch der Protestanten. Luthers populärste Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ (1520) geht von Paulus‘ Paradox aus: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan“.
Zwischen Gewissen und Gott, Innerlichkeit und Wirklichkeit, Freiheit und Untertänigkeit entsteht das neuzeitliche Deutschland protestantischer Prägung. Luthers „Welttat“ hat also einen tragischen Kern. Ohne den wirklichen Rückhalt der Kirche ist man mit seinem Gewissen auf sich gestellt. Der innerliche Bezug zu Gott wird dabei wirklicher als der Bezug zur Wirklichkeit. Gott allein ist ihr metaphysischer Mittelpunkt. Jetzt tut es dringend Not, die Bewegung vom Epizentrum Wittenberg auf Deutschland auszudehnen. Dies geschieht durch die Verbreitung der Lehre Luthers mit Bibel und Bildung. An den Universitäten entwickelt sich ein weltliches Pendant zur göttlichen Ordnung: Ein abstrakter, unpersönlicher Herrschaftsapparat: der “Staat“.
Luther bringt mit den Mitteln der Zeit „den Ernst in die Welt“, wie der Soziologe Helmut Plessner im 20. Jahrhundert beschreibt. Publikumswirksam schlägt Martin Luther seine Thesen gegen den Ablass an eine Tür. Dann nutzt er die frische, wenn auch noch unausgegorene Technik des Buchdrucks, sein Wort Gottes zu übersetzen und zu verbreiten.
Und damit es dabei auch auf Dauer nicht bleibt, unternimmt er mit Hilfe von Philip Melanchthon das Großprojekt „Verbreitung der Reformation“. Ort des Geschehens: Die Universität Wittenberg, die kurz vorher erst das Gründungsprivileg erhielt. Wittenberg wird zum Epizentrum des deutschen neuzeitlichen Denkens, dessen gepflegte Innerlichkeit von hier aus Schule und Staat macht. 1508 kommt Martin Luther auf Ersuchen des Generalvikars Johann von Staupitz als studierender Mönch und Lektor für Philosophie aus dem großstädtischen Erfurt an die Universität. 1512 erhält er an der Universität eine Bibelprofessur. Bereits 1516, im Jahr des bis heute geltenden Deutschen Reinheitsgebots für Bier, betont Luther die Aufwertung nichttheologischer Fächer und die Notwendigkeit einer Bereinigung der Universität von altscholastischen Zöpfen. Das war ausnahmsweise nicht allein Luthers Idee. Mit den katholischen „Burgen des Teufels“, wie er die Universitäten nannte, wollte er früher nichts zu tun haben. Bis Philip Melanchthon kommt. Luthers anfänglicher Hass auf die Universitäten schlägt durch Melanchthons Einfluss in den Plan um, vor Ort mit der Reformation anzusetzen.
Die Universitäten besaßen politische Autorität, weil Absolventen meistens Staatsdiener und Berater wurden, so dass die Kaste der Intellektuellen und die Regenten die politische Sache traditionell unter sich ausmachten. Unter Luther sollte das so bleiben – natürlich nach allen Regeln der Reformation. In erster Linie ging es nun darum, die Universität von der dort gelehrten Scholastik und dem Einfluss Roms zu befreien. In zweiter Instanz wollte man die tiefsten Wurzeln des Christentums aus der Antike ausgraben. Der Wittenberger Rückzug in die Tiefe war der Gegenschlag zum Katholizismus, der die Sünde immer im Beichtstuhl ortete.
Für das isolierte schlechte Gewissen vor Gott allein aber musste ein neues Medium her. An der Universität Wittenberg, Luthers und Melanchthons Wirkungsstätte, entsteht das Modell Deutschland. Denn von hier aus machen Martin Luther und Philip Melanchthon Staat und Schule.
Die Lehrer Deutschlands
DIE LEHRER DEUTSCHLANDS
Im Jahr 1518 hält Melanchthon seine Antrittsrede an der Wittenberger Universität als Professor für Griechisch. Schon der Name lässt die Begeisterung für die Antike erkennen: Er übersetzte seinen Familiennamen „Schwarzerde“ in die elegantere Altsprache. Luthers Willen zur Verbreitung der reformatorischen Ideen verschmilzt mit Melanchthons Willen zur Ausgrabung der letzten Wurzeln des Christentums im Boden der römischen und griechischen Kultur. So bilden die beiden für das Projekt Wittenberg das perfekte Gespann. Die Tiefe und der Ernst der Bücher sind ihre Schatzkammer, sie besorgen den Wittenberger Studenten die passende Lektüre. Luther übersetzt von 1522 bis 1534 die Bibel, Melanchthon Aristoteles‘ „Nikomachische Ethik“. So kommt es nicht nur zur didaktischen Beschwörung der Antike im deutschen Schul- und Unterrichtswesen, sondern auch dazu, dass das neuzeitliche Verständnis von Mensch und Staat in Deutschland von Aristoteles und seinen Retro-Fanatikern geprägt ist. Was damit gemeint ist, kommt ganz eklatant in Melanchthons Verständnis von Aristoteles‘ „Politik“ zum Tragen: „Politia est legitima ordinatio civitatis, secundum quam alii paesunt, alii parent“, Politik als zivile Ordnung, in dem die einen befehlen und die anderen gehorchen. Die einen, das sind die Verwalter und Beauftragten des Staates, die anderen sind das Volk. Das Phänomen des Gehorsams gegenüber dem Staat hat in Deutschland also eine lange Geschichte. So lang, dass die extreme Gehorsamkeit der Deutschen der Beobachterin Madame de Staël noch dreihundert Jahre später auffällt.
Durch diese Hin- und Rückwendung zum Aristotelismus wird die deutsche Bildungs-, Rechts-, Kultur- und Mentalitätsgeschichte entscheidend geprägt – mit der denkwürdigen Wendung, dass die Intellektuellen des Landes von oben nach unten dozieren. Sie wurden entweder Prediger oder Beamte und Berater des Staatswesens. So entsteht das archetypische, hermetische, deutsche Modell vom „Staat“, wenn man so will, eine Art Instanz gewordenes Gewissen.
Von Wittenberg in die Welt
VON WITTENBERG IN DIE WELT
Nachdem Luther und Melanchthon Wittenberg in eine Mustereinrichtung der Reformation verwandelt hatten, kümmert sich Melanchthon um andere Universitäten.
So überziehen Gehorsam, Ernst und Innerlichkeit ganz Deutschland: In Marburg, Königsberg, Jena, Helmstedt, Straßburg, Gießen, Duisburg und Kiel werden zwischen 1527 und 1665 protestantische Universitäten gegründet. Die katholische Kirche lässt sich das nicht gefallen. Im Zuge der Gegenreformation entstehen bis zum Anfang des 18. Jahrhunderts katholische Universitäten in Dillingen, Paderborn, Osnabrück, Bamberg, Innsbruck und Breslau. Aber der Einfluss Melanchthons ist gewaltig. Sein Verdienst ist es, Aristoteles‘ „Politik“ für den täglichen Gebrauch im Staatswesen fruchtbar zu machen. Melanchthons Image heute ist das nach einem von Karl Hartfelder 1889 geprägten Wort vom „Praeceptor Germaniae“, dem „Lehrer Deutschlands“. Seine Adepten und Kopisten perfektionieren in den nächsten Jahrhunderten das Verwaltungsmodell Deutschland bis zum unübersichtlichen „Monströsen“, wie Samuel von Pufendorf im 17. Jahrhundert die Staatsverfassung Deutschlands bezeichnet. Kein Wunder: Bis zur Aufklärung war diese Art Staatsbildung Sache der Kopisten und Kameralisten der „old school“ Wittenbergs. Und die verstanden keinen Spaß. Sie machten buchstäblich Ernst.
Das Tragische: Martin Luther wollte ursprünglich eine Art Verfassung für Deutschland niederlegen, Melanchthon für ihre Durchsetzung sorgen. Er folgte zwar der Lehre Luthers, hielt aber für die Durchsetzung politischer Interessen Cicero und Aristoteles für eine bessere Anleitung als die Bibel. Luther ging eher nach menschlichem Instinkt in dem Sinne, dass (Zitat) „aus einem verzagten Arsch selten ein lustiger Furz komme“. Natürliche Rechte waren aber für Melanchthon nicht die Auswüchse menschlicher Instinkte, sondern die Bildung göttlicher Weisheit und Gerechtigkeit in der menschlichen Seele. Auch für ihn war jede Regierung von Gott eingesetzt. Ihre Macht aber bekam sie nur durch ein Volk, das der Regierung gehorcht.
Die Machtverhältnisse sind damit konzeptionell klar geregelt. In der neuzeitlichen politischen Verfassung entsteht die soziale Ordnung durch die klare Unterteilung in befehlende Obrigkeit und parierende Untertanen. Das lateinische „parere“ („gehorchen“) erscheint noch in der Redewendung vom „Vaterland“, denn es hat die gleiche Quelle wie das lateinische „parentes“, die Eltern. Der Mythos vom „Vaterland“ mit seiner Konnotation der Unterwürfigkeit ist in Deutschland bereits im ausgehenden Mittelalter angelegt.
Im Würgegriff des StaatesM
IM WÜRGEGRIFF DES STAATES
Europa lernte, dass bürokratische Wohlfahrtsstaaten und mächtige Gewerkschaften die einzige Alternative zum erbitterten Klassenkampf seien; die Amerikaner lernten, dass Regierung und Gewerkschaften bestenfalls notwendige Übel sind“, schreibt Walter Russell Mead in seinem Artikel „Goodbye Europa“ (SZ vom 3. Mai 2002). Der deutsche „Staat“ ist offenbar seit Luther und Melanchthon mit dem merkwürdigen Mythos behaftet, allumfassend zu sein. Alles politische Denken ging damals von einem Staat aus, dessen Träger vorstehen, und der Rest gehorcht – und vieles scheint noch immer davon beherrschend zu sein. Die damaligen Träger des „Staates“ sind vor allem Intellektuelle, die in seinem Dienst und beratend und verwaltend tätig sind. Das ist eigenartig: Die deutsche Intelligenz der ersten Stunde berät den Staat und seine Herrscher. Damit haben sie fast eine größere Macht als die Herrscher selbst. Und gleichzeitig sorgen sie dafür, dass Macht und Wissen in ihren Reihen bleiben. Dass der Staat die „ultima ratio“ alles Denkens und Handelns ist, scheint den Zeitbewohnern Deutschlands gar nicht anders vorstellbar. Deshalb bekommt der Staat in Deutschland die überbewertete Rolle, eine Art Träger des Verstandes sein zu müssen. Statt etwa der pragmatischen Machtphilosophie von Machiavelli, dessen weltliche Gebrauchsanweisung für Machthaber, der „Prinicipe“, 1513 zum ersten Mal ins Deutsche übersetzt wurde, setzt sich die kleinkarierte und kleingeistige Beamtenpolitik der an der Universität ausgebildeten Angestellten durch, die sich im Rahmen ihrer Verselbständigung immer weiter in die kleinsten Adern der lebensweltlichen Dinge hineinfrisst. Aus der Überlegung, Für- und Vorsorge für das Volk zu treffen, entwickeln die universitär ausgebildeten Berater in Deutschland die Policey- und Kameralwissenschaften, und aus ihnen gewaltige Beamten- und Verwaltungsapparate. Aus den spätmittelalterlichen politischen Beratern wird das neuzeitliche Verwaltungspersonal, das sich um Ordnung, Sicherheit, wirtschaftliche Absicherung und die Sicherstellung staatlicher Einkünfte durch die Untertanen kümmert. Die Beamten hatten sich an die Prinzipien der Aktenmäßigkeit, der Anonymität und der hierarchischen Organisation zu halten, die später von dem Soziologen Max Weber als „Grundprinzipien der neuzeitlichen Bürokratie“ definiert wurden.
Bürokratie vor Demokratie
BÜROKRATIE VOR DEMOKRATIE
Die Entwicklung vom Fürstenstaat zum abstrakten Verwaltungsstaat hat auch seine positiven Seiten. Die aufkommende Dominanz des Staates unter lutherischer Prägung beruht auf dem Willen, vorherige Ereignisse zukünftig zu vermeiden. Erinnerungen aus dem Dreißigjährigen Krieg wie das Massaker der Bartholomäusnacht in Frankreich (1572) und der Mord an Wallenstein sind noch sehr präsent. Dieser Willkür konnte ein rechtmäßig eingesetzter Staat Einhalt gebieten. Dieser Staat aber musste ein neuer, ein vor- und fürsorgender Staat sein. Aus der Not entstand durch die dringend notwendigen Fragen der Absicherung der elementaren Bedürfnisse des Volkes, vor allem geweckt durch akute Hungersnöte in Kriegs- und Krisenzeiten die Grundlegung des modernen Wohlfahrtstaates, und die zu dieser Zeit in Deutschland entwickelten Prinzipien der Entwicklung entsprechender Systeme wurde seit der Hälfte des 19. Jahrhunderts ein echter deutscher Exportschlager. Nicht übersehen sollte man dabei, dass der damalige Staat so handelte, um durch das Überleben des Volkes sein eigenes Überleben zu sichern. Sämtliche merkantilistischen Tätigkeiten und Möglichkeiten der Machts- und Wirtschaftsexpansion liegen natürlich in den Händen der Machthaber, und ihre Träger sind die Beamten. Ihr Wesen ist der nicht klar umrissene, aber umso idealere „Staat“. Das Problem: Die Vielzahl der kleinen Fürstenstaaten mit ihren territorialen Machtansprüchen verhindern eine Einheitlichkeit in Form eines Staates über den gesamten deutschen Sprachraum. Wären die weniger gebildeten Zulieferer des Staatswesens, die Mitglieder des Volkes, gefragt worden, sie hätten schon damals nicht viel für die Idee des Staates übrig gehabt. Schließlich waren sie dem System des Beamten- und Bürokratenstaates ausgeliefert. Ein Zeugnis dafür ist Veit Ludwig Seckendorffs „Teutscher Fürstenstaat‘ von 1656, ein einflussreiches Werk aus der Lutherschule. Es bildet über ein Jahrhundert lang den wichtigsten Text zur politischen Bildung an den Universitäten. Der konservative Staatsmann Seckendorff plädiert für eine absolute Macht, die sogar die Gemeinschaft fördert, damit der Staat selbst die Macht behält. Die besondere Freiheit der Deutschen wird ihnen zu einem Verhängnis besonderer Art: Die freie Konfessionsausübung (seit dem Augsburger Religionsfrieden von 1555) ging mit der konkurrenzfreien Ausübung des Berufs einher. Die Territorialstaaten begannen, Handel und Gewerbe in eigener Regie zu gestalten. Einerseits musste sich das Bürgertum um nichts kümmern. Andererseits hatte es nichts zu sagen. Selbst in der Theorie des Widerstands ist der Staat Dreh- und Angelpunkt des Denkens, die in Deutschland bezeichnenderweise fast so alt ist wie das neuzeitliche Staatsmodell. Denn selbst wenn man die in Deutschland entstehende und herrschende Staatskonzeption ablehnt, muss man sie als herrschende voraussetzen, um nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren. Das deutsche Staatsmodell, in dem man es mit einem System, nicht mit einem Despoten zu tun hat, ist nicht einfach wegzudenken oder zu beseitigen. Deswegen beschäftigt man sich in Deutschland schon im 17. Jahrhundert sehr intensiv mit der Frage, wann es legitim ist, gegen eine politische Autorität Widerstand zu leisten. Nach dem Dreißigjährigen Krieg war es bitter nötig, das wirtschaftliche Leben wieder in Gang zu bringen. Die neuen Intellektuellen der Zeit (die „alten“ besorgten in der Verwaltungswissenschaft den Nachschub an Getreide, die Finanzierung der Heere und andere Staatsaufgaben) sehnten sich nach dem Zusammenbruch alter Werte und nach einer neuen Ordnung, die auf Vernunft und Naturrecht beruht. Und vor allem: Einheit. Man suchte sie in einer tragenden Verfassung. Und auch diese sollte dem Verwaltungs- und Gestaltungswahn der Staatsbeamten zum Opfer fallen – bis schließlich nichts mehr dem Zufall überlassen war. Der Westfälische Frieden brachte eine neue Verfassung hervor, die die Fürsten des Landes regelrecht unabhängig machte und die zentrale Macht schwächen sollte. Das ist der Beginn der deutschen Kleinstaaterei. Um von einer Feudalgesellschaft vieler kleiner Fürstentümer zu einem modernen Staat zusammenzuwachsen, müssten diese Einzelmächte zu einer Macht vereinigt werden, die als gesetzgebende Autorität akzeptiert werden kann. Dies legt einen abstrakten Staat nahe, der mehr auf intellektuellem Kalkül als auf Pioniertaten beruht.
Deutschland in kranker Verfassung
DEUTSCHLAND IN KRANKER VERFASSUNG
Samuel von Pufendorf ist derjenige, der Staat und Kirche endgültig voneinander trennen will, und der erste, der die Vernunft einsetzt, um das natürliche Recht des Menschen wirken zu lassen. Unter dem Pseudonym „Severinus de Monzambano“ veröffentlicht der sächsische Spross einer Dynastie von protestantischen Theologen im Jahr 1667 eine Schrift, die für Furore sorgt und in etlichen Auflagen und Sprachen erscheint: „Über die Verfassung des deutschen Reiches“.
Diese „Verfassung“ kann man durchaus auch im psychologischen Sinne verstehen. Unter verdecktem Namen betrachtet von Pufendorf die Verfassung einer Nation als schwach, wenn sie „etwas Unregelmäßiges und Monströses zeigen“. Diese Schwäche und Unregelmäßigkeit ist in Deutschland so dominant, weil ein Kaiser versucht, monarchische Systeme wiederherzustellen, während die Reichsstände nach Unabhängigkeit streben. Beide aber haben eine gewisse Macht und schwächen dadurch das System. Deshalb verhält es sich im deutschen Kulturkreis so, „dass gewisse Elemente in der deutschen Verfassung es unmöglich machen, diese auf eine der so genannten einfachen Staatsformen (...) zurückzuführen“. Weil es nicht einfach geht, wird es kompliziert, und „abgesehen davon, dass jede Mischung verschiedener Staatsformen nur ein Monstrum von Staat darstellen kann, so passt auch keines genau auf das deutsche Reich“. Sein Urteil ist eindeutig: „Es bleibt also nichts übrig, als Deutschland, wenn man es nach den Regeln der Politik klassifizieren will, einen unregelmäßigen und einem Monstrum ähnlichen Staatskörper zu nennen, der sich im Laufe der Zeit durch die träge Nachgiebigkeit der Kaiser, durch den Ehrgeiz der Fürsten und die Ruhelosigkeit der Pfaffen aus einer Monarchie zu einer so ungeschickten Staatsform umgestaltet hat“ (v. Pufendorf 1922:94). So sieht es aus im Staate Deutschland in dieser Zeit. Im Zuge der Diagnose der „Krankheiten“ Deutschlands attestiert von Pufendorf dem Mittelstand einen Hang zur Eifersucht und Klage – ein regelmäßig auftauchendes Symptom der Volksmentalität, sobald es sich zu schwach fühlt, um die buchstäblich herrschenden Dinge zu ändern. Aber genau darin liegt der Kern der Krankheit: „ (...) eine Menge von Menschen, mag sie noch so zahlreich sein, ist nicht stärker als ein Mann, solange jeder seine besonderen Zwecke verfolgt“, sagt von Pufendorf. Konfessionelle Verschiedenheiten und die Durchsetzungsinteressen am Staat vom Kaiser einerseits, den Reichsständen und Territorialstaaten andererseits verhinderten jedoch jede Einigkeit. Nach v. Pufendorfs Auffassung liegt der prinzipielle Grund für das „fieberhafte“ Deutschland – der Disparatheit untereinander angesichts der monströsen Entwicklungen in Verfassung und Recht des Staates – in den Wurzeln der römisch orientierten Politik Karls des Großen und der Vorstellung, dass das „Heilige Römische Reich Deutscher Nation“ sich immer noch immer als Nachfolger des römischen Imperiums betrachtet. Sein wichtigstes Heilmittel: Wiederherstellung der „inneren Eintracht“, vor allem durch die rechtliche Ausgewogenheit.
Aber es gibt Hoffnung. Von Pufendorfs zweites großes Werk war „De jure naturae et gentium“ (1672). Er widerspricht dort der Lehre von Thomas Hobbes, dass jeder Mensch im vorstaatlichen Zustand „des anderen Menschen Wolf“ sei, oder dass es sich um einen Zustand des „Krieges aller gegen alle“ handeln würde. Jedenfalls war es seiner Ansicht nach nicht aus diesen Gründen notwendig, einen Herrscher einzusetzen oder einen Staat zu errichten. Mit dem Aufkommen des aufgeklärten Absolutismus entstand das Bedürfnis nach allgemein verbindlichen gesellschaftlichen Kodierungen, die diese Ideen in Gesetze und Rechtsprechungen umsetzten. Aufgrund der Vielzahl der Fürstentümer und Territorialstaaten sollte bei allen Verfassungen der spezielle „Volkscharakter“ gewahrt bleiben, aus dem ein Staat hervorgeht. Und so natürlich besonders der Deutschen.
„Wage es zu denken!“: Die Aufklärung
„WAGE ES, ZU DENKEN!“: DIE AUFKLÄRUNG
An diesem Punkt, etwa ab 1700, geschieht etwas fundamental Neues: Die Entdeckung der eigenen und einzigartigen Fähigkeit des Menschen, selbst zu denken, sich selbst auszubilden und über sich selbst hinauszuwachsen – Kants „Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Mündigkeit“, die Aufklärung. Es handelt sich um eine kulturelle Leistung, um die man Deutschland mit seinen bestimmenden Dichtern und Denkern einfach nur beneiden kann, allen voran der Denker Kant und der Dichter Goethe. Sie haben gegenüber allen anderen Kulturen sich nicht dem szientistischmechanistischen Weltbild angeschlossen, das seit Descartes ganz auf die Wissenschaft gesetzt hat, den Fortschritt preist und menschliche Potenziale außer Acht lässt. Umso merkwürdiger ist es, dass man in Deutschland diese Werte als „Klassiker“ einstuft und nicht das unglaubliche Potenzial in dieser Bewegung als eine deutsche Erfindung verbucht. Aber fangen wir von vorne an.
Unter dem preußischen König Friedrich I. erlebt Preußen eine große intellektuelle Blüte. Der überragende Denker dieser Phase war der Philosoph, Mathematiker, Diplomat und politische Berater G.W. Leibniz. Leibniz‘ Auffassung vom Staat war geprägt von dem Bemühen um Humanität. Ideen zur Beförderung des menschlichen Glücks hatten Vorrang vor nationalen Anwandlungen. Der Staat bildete für ihn eine moralische Instanz, die einem allgemeinen Willen entspricht. Der Staat sollte sich der Prinzipien des Naturrechts annehmen. Die Herrschaft des Gesetzes war die wesentliche Aufgabe des Staates, neben Sauberkeit, Unterstützung der Armen und die Kultivierung der Wissenschaften und Künste. Leibniz‘ Theodizee, sein populärstes Werk, ist eine Hymne an die Freiheit unter den Bedingungen der Vernunft. Er legte damit die philosophische Grundlage für die Reformideen von Christian Wolff.
Wolff wurde zunächst des Atheismus bezichtigt, des Reiches verwiesen und später von Friedrich Wilhelm I. rehabilitiert. Der Grund dafür war sein Weltruhm als führender Philosoph in Deutschland. Seine Bücher wurden in viele Sprachen übersetzt und galten an den Universitäten der Welt als Pflichtlektüre. Wolffs Rationalismus fand durch Propagandisten und Parodisten eine unvergleichliche Breitenwirkung. Doch noch zu Lebzeiten kamen seine Ideen aus der Mode, als neue französische und englische Denker Aufmerksamkeit erregten. Trotzdem war die so genannte Leibniz-Wolff-Schule im deutschen Kulturkreis derart fest institutionalisiert, dass Wolff als „Schulmeister der Deutschen“ galt, die mit seinem strengen und disziplinierten Denken einherging. „Sapere aude!“ – „Wage es, zu denken!“ war Wolffs Leitspruch, den später Immanuel Kant als Grundgedanken der Aufklärung zitierte. Nach seiner Auffassung hatte die Vernunft keine Grenzen. Als Philosoph versuchte Wolff, Leibniz‘ Ideen zu einem System zu verschmelzen, das Rationalismus und Empirismus zugunsten eines Determinismus ablöste: Sein vorgegriffener Utilitarismus besagte, dass die Gründung einer Gesellschaft notwendig sei, damit jeder einzelne seinen Pflichten nachgehen könne, sich zu einem perfekten Menschen zu machen.
Wolff sprach zum ersten Mal nicht von „Staat“ oder „Gesellschaft“, sondern von Gemeinwohl oder Gemeinschaft. Diese wurde von ihm als eine Art große Familie verstanden. Je mehr Menschen zusammenkommen, um ihrem Glück nachzugehen, umso höher das allgemeine Glück und der Wohlstand einer Nation. Bei Christian Wolff vollzieht sich zum ersten Mal eine scharfe Trennung von Staat und Gesellschaft. Aber selbstverständlich gilt der Mensch als gehorsamspflichtiger Untertan, der dem Staat dienlich ist. Hier ist zudem die dem deutschen Denken so charakteristische Trennung von Staat und Gesellschaft bereits angelegt, die gewöhnlich erst für das 19. Jahrhundert – seit Hegel – angenommen wird. Doch zwischen Wolff und Hegel liegt die Aufklärung Immanuel Kants. Es war die Zeit der großen Ideen in Deutschland. Damit war die Zeit reif, in der Deutschland seine größte Blüte erlebt und seine größte historische Chance auf eine Selbstbesinnung verspielt – ausgerechnet durch die Nachfolger der Aufklärung, die deutschen Idealisten und die Romantiker. Auf einmalige und erstaunliche Weise gelingt es den Deutschen gerade bei jeder evolutionären und revolutionären Veränderung der Denkgeschichte, dafür zu sorgen, dass sich alles verändert, damit alles bleibt, wie es ist: Staat auf der einen, Gesellschaft auf der anderen Seite. Mit der Aufklärung tritt das „Individuum“ hinzu. Und hier kommt ein Mann, den man schon zu Lebzeiten den „Alleszermalmer“ nannte, weil er mit nahezu jedem bestehenden Denkmodell bricht und eine vollkommen neuartige philosophische Konzeption vorlegte, die auch das Denken in Deutschland fundamental verändert. Die Rede ist von Immanuel Kant.
Kants Neugier
KANTS NEUGIER
Selten findet man den Antrieb, der einen das Leben lang verfolgt, so klar formuliert wie bei Immanuel Kant, einem der größten Philosophen der Menschheit. Er steht am Ende seiner „Kritik der praktischen Vernunft“, und am Ende seines Lebens auf seinem Grabstein, zu seinem 200. Todestag 2004 stand er auf dem Titel des SPIEGEL: „Nichts erfüllt das menschliche Gemüt mit mehr Ehrfurcht und Bewunderung als der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.“ Was wir nun tun, ist wissenschaftlich frivol: Wir wollen Kant in fünf Sätzen erklären. Kant war überzeugt, dass es nicht die Erfahrung ist, die uns allgemeingültige Gesetzmäßigkeiten verschafft – denn sie müssten ja ständig neu bewiesen werden. Wo hört das Universum auf? Es hört nicht auf – doch wir können uns Unendlichkeit nicht vorstellen. Aber wir können es wissen.
Das ist Kants Neugier: Prinzipien des Wissens, die unabhängig von Erfahrung funktionieren. Diese Prinzipien „a priori“, unabhängig von der Erfahrung, sind Kants große Entdeckung: Im Denken können synthetische Urteile entspringen, Gesetze, denen etwas hinzugefügt wird, was unabhängig von Erfahrung ist, sondern dem Denken entspringt. Es wird also immer ein selbstständig denkendes und deshalb freies Wesen vorausgesetzt: Niemand, nur das Denken selbst kann Dir mitteilen, was wahr und falsch, gut und schlecht, was schön und hässlich ist. Kants Entdeckung (je)des Menschen als selbst denkendes und deshalb freies Wesen löste eine Revolution aus.
Das Zeitalter der frühen Aufklärung wurde die Ära der meinungsbildenden Medien, der Zeitungen. Schon 1700 gab es in Deutschland 58 Journale, zehn Jahre später waren es bereits 122 offizielle Zeitungen, weitere zehn Jahre später 241, gefüllt mit Sensationsgeschichten und Neuigkeiten aus der Gesellschaft, aber auch mit eine beträchtlichen Menge an historischem, politischem und philosophischem Inhalt. Trotz Zensur wurden bis 1790 in über 3.400 meist wöchentlich erscheinenden Journalen und Magazinen die Ideen der Leibniz-Wolff-Schule, von dem Königsberger Philosophen Immanuel Kant und anderer Vertreter diskutiert und verbreitet. Vor allem in den protestantischen Hochburgen, den Handelsstädten Leipzig, Frankfurt, Hamburg und den Universitätsstädten Halle und Jena erfreuten sich Zeitschriften immer größerer Beliebtheit. Immer stärker nahm auch die Zahl der kleinen Regionalzeitungen zu. Desgleichen erfuhren Bücher eine rasante Konjunktur. Waren es in den 1760er Jahren zwischen 2.000 und 3.000, so stieg die Zahl der Neuerscheinungen bis zum Ende des Jahrhunderts um fast 11.000 pro Jahr an. Und es wurde nicht nur von Intellektuellen gelesen. Auch ärmere und ungebildetere Schichten wurden ein Lesepublikum, das sich durchaus auch mit politischen und philosophischen Ideen, Texten, Gedichten und Romane der zeitgenössischen Dichter und Denker von Shakespeare bis zu den einschlagenden Werken von den politischen Ideen Montesquieus, Herders und Rousseaus, schließlich den poetischen Werken von Wieland, Lessing, Goethe und Schiller, der ein großes Interesse an der Verbreitung eines neuen, aufgeklärten Nationalgeistes hatte. Der Buchdruck erntete zum ersten Mal seine positiven Früchte: die der Individualität, der Persönlichkeit, des Menschen als „Zweck an sich“.
Licht, Liebe, Leben: Aufklärung nach Kant
LICHT, LIEBE, LEBEN: AUFKLÄRUNG NACH KANT
In der epochalen Phase Deutschlands zwischen 1795 und 1806, dem Ende des „Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation“ und dem Aufstieg der preußischen Regierung entstehen die wichtigsten kulturellen Errungenschaften des Landes auf dem Gebiet der Literatur und der Philosophie, die Erzeugnisse der heutigen „Klassiker“ und der Philosophen des Deutschen Idealismus, die Deutschland zum „Land der Dichter und Denker“ machten. Den neuen Ideen stand der regulierende, bürokratische deutsche Staat gegenüber. Viele Leute, die sich mit Freiheitsideen, dem Vaterland, Menschlichkeit und Freiheit gleichermaßen befassten und diese Ideen als Gegenpol zum herrschenden Staat betrachteten, waren in der Poesie beheimatet. Denn man war nur innerlich „frei“. Diese innere Freiheit brachte allerdings einen Schatz an Ideen hervor, die wissenschaftlich bis ins Letzte ergründet, aber bis heute pragmatisch noch nicht ausgeschöpft sind. Johann Gottfried Herder (1744-1803) entwickelte in seinen „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“ (1784-1791) den Gedanken, in der Menschennatur schlummert eine Vielzahl an Entfaltungsmöglichkeiten, die in der Menschheit zum Tragen kommen. Ein Staat sollte nur auf seinen eigenen Werten beruhen: eine große, familienähnliche geschlossene Gemeinschaft mit gemeinsamer Sprache, Religion und historischer Tradition. „Licht, Liebe, Leben“ lautet die Inschrift auf seinem Grabmal.
Der „Dichterfürst“ Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) hatte ein großes Interesse an den kulturellen Errungenschaften seiner Zeit. Er schloss sich wie die Dichter Herder, Klopstock, Lessing, Wieland der Freimaurerloge an.
Für Friedrich Schiller (1759-1805) fällt der Kunst die Aufgabe zu, Muster des Sein-Könnens zu liefern. Im Mittelpunkt seines Denkens steht der Begriff der menschlichen Würde, der nach dem Zweiten Weltkrieg von Carlo Schmid in den viel zitierten Artikel 1 des deutschen Grundgesetzes eingesetzt wird: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Denn Schmid erkannte die eigentliche Qualität der deutschen Tradition: „Die Majestät der Deutschen ruhte nie auf dem Haupte seiner Fürsten. Abgesondert von dem politischen hat der Deutsche sich seinen eigenen Wert gegründet, und wenn auch das Imperium unterginge, so bliebe die deutsche Würde unangefochten. Sie ist eine sittliche Größe, sie wohnt in der Kultur und in dem Charakter der Nation, der von ihren politischen Schicksalen unabhängig ist...“ (24).
Schiller stellt in seinen „Briefen zur ästhetischen Erziehung des Menschen“ aber fest: Der Mensch „kommt zu sich aus dem sinnlichen Schlummer, erkennt sich als Mensch, blickt um sich her und findet sich – in dem Staat“. Er beansprucht für jeden Menschen die Freiheit im Sinne Kants. Schiller bezeichnete sich im Gegensatz zum Realisten Goethe als Idealisten und bezog seine Begeisterung für die Idee der Freiheit aus der Ethik und Ästhetik Kants. Beide wiederum begeisterten sich für Rousseau. Schillers und Goethes Dichtung sowie Kants Philosophie wurden Evangelien der Freiheitsbewegung. Aber der brennende Wunsch nach einer national verbindlichen Einheit in Freiheit war nicht zu leugnen, das Bemühen jedoch vollkommen umsonst. So sahen es die Dichter Goethe und Schiller, als sie 1795/96 zusammen einen Text verfassten: „Zur Nation Euch zu bilden, Ihr hofft es, Deutsche, vergebens. Bildet, Ihr könnt es, dafür freier zu Menschen Euch aus!“ (Xenien). Viele Zeitungen, die diese neuen geistigen Produkte aus Deutschland diskutierten, entstanden in dieser Zeit, und sorgten für die Verbreitung der Ideen von Kant, Goethe und Schiller. Die Deutschen griffen begierig zu: die Auflage lag um 1780 bei 30.000, 1803 waren es schon 50.000 verkaufte Exemplare. Der Buchhändler und Verleger Friedrich Nicolai verlegte zwischen 1765 und 1806 die „Deutsche Allgemeine Bibliothek“, sein erfolgreichstes Projekt unter vielen. Moses Mendelssohn und Nicolais Freund Gotthold Ephraim Lessing publizierten ebenfalls in dem Berliner Verlag. Der Bewunderer von Friedrich II. galt als Oberhaupt der aufklärerischen Bewegung, obwohl er später Goethe, Kant und Rousseau scharf attackierte. Langsam sickerte unter der preußischen Zensur immer stärker der Wunsch nach einer demokratischeren Republik durch. Diese Freiheit wurde jenseits des Atlantischen Ozeans realisiert: Die Unabhängigkeit Amerikas vom europäischen Kontinent, die 1776 mit der „Declaration of Independence“ besiegelt und 1783 in Paris anerkannt wurde.
Der deutsche Staat: Die Mensch-Maschine
DER DEUTSCHE STAAT: DIE MENSCH-MASCHINE
Drei junge Intellektuelle, die 1795 in einer Tübinger Wohngemeinschaft leben, formulieren berauscht von den neuen Ideen der Aufklärung durch Kant und Schiller einen Sprengsatz, in dem sie deutlich machen, dass die Wirklichkeit in keinster Weise mehr den Ideen der Zeit entspricht. Diese Wirklichkeit ist der bestehende Staat, in dem sich die Freiheit nicht entfalten kann. Ihm setzen sie die neuen Ideale der Schönheit und eine neue Mythologie, die „Mythologie der Vernunft“ entgegen. Aus einer Mischung zwischen Religion und Ästhetik soll sie der „Menschheit“ endlich Seelenheil verschaffen. Es handelt sich um die beiden Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel und Friedrich Wilhelm Joseph Schelling sowie den Dichter Friedrich Hölderlin.
Diese drei späteren Vertreter des „deutschen Idealismus“ stimmen, wie alle anderen Vertreter dieser Richtung nach Kant, darin überein, den Menschen nicht lediglich als ein durch mechanische Ursachen oder durch sinnliche Anreize bestimmtes Naturwesen, sondern als geistiges Wesen zu betrachten, das sich über die Einschränkungen der Natur erheben und aus sich heraus eine geistige Welt erzeugen kann, in dem die Werte des Wahren, Guten und Schönen Gestalt annehmen können; dass sich jeder Mensch von den Fesseln der Notwendigkeiten befreien und Aufgaben lösen kann, die ihn über sich hinausführen – darin liegt seine Freiheit. Der Mensch macht sich zu dem, was er sein kann, und er ist nichts anderes als das, was er ständig aus sich hervorbringt. Er ist ständige Bewegung, Tätigkeit, Leben, und darin frei. Diese Freiheit hat nichts mit Willkür oder Beliebigkeit zu tun, sondern mit Aufmerksamkeit, Hingabe und Verantwortung. Dies ist nach den deutschen Idealisten die wahre Bestimmung des Menschen, die zum ersten Mal bei Kant deutlich geworden ist, als er den Menschen als selbst denkendes Wesen erkannt hatte. Aber gerade auf dem Gebiet des Rechts und im politischen Leben treffen Freiheit und Zwang, Macht und Ohnmacht in Deutschland hart aufeinander.
Ihr „Systemprogramm“, eine Art Flugblatt der Aufklärung, will den hinderlichen deutschen Staat gleich abschaffen: „Nur was Gegenstand der Freiheit ist, heißt Idee. Wir müssen also auch über den Staat hinaus! – Denn jeder Staat muss freie Menschen als mechanisches Räderwerk behandeln; und das soll er nicht; also soll er aufhören (...)“. Die Autoren wollen den Staat ganz abschaffen, weil es in ihrer Vorstellung gar keinen anderen Staat geben kann als den Maschinenstaat, vor denen sich jeder, der die Freiheit liebt, in Schutz bringen muss. Die Aufklärung bringt ihre ersten Früchte. Vorbei war es mit der einfachen Handhabung, jeden Menschen einer Rolle in einem Staat unterzuordnen. Aber ein „Reich der Freiheit“ war auch nicht unbedingt sofort auszumachen. Die Polarität Staat-Mensch blieb in der deutschen Realpolitik bestehen. Wie anders klingt da zum Beispiel die Amerikanische Verfassung nach der Vorlage der „Federalist Papers“, allein das erste Wort: „We, the American people...“. Den Mitgliedern der neuen amerikanischen Gemeinschaft wird die Verfolgung des persönlichen Glücks („the pursuit of their own happiness“) auferlegt – und der Staat ist auf nichts als „Meinung“ begründet („that all government rests upon opinion“). Für Deutsche bis heute kaum nachvollziehbare Gedanken. Und undenkbar, so etwas in der deutschen Verfassung wiederzufinden. Dort kämpft man sich bis heute mit der „Würde“ ab.
Hegels Wende – Das Ende der grossen Freiheit
HEGELS WENDE – DAS ENDE DER GROSSEN FREIHEIT
Wenn dieses Systemprogramm der drei Idealisten abgearbeitet ist, „herrscht ewige Einheit unter uns. (...) Dann erst erwartet uns gleiche Ausbildung aller Kräfte, des einzelnen sowohl als aller Individuen. (...) Ein höherer Geist vom Himmel gesandt, muss diese neue Religion unter uns stiften, sie wird das letzte, größte Werk der Menschheit sein.“ 1806 steigt dieses vermeintlich höhere Wesen in Jena zur Begeisterung des Autoren Hegel direkt vor ihm vom Pferd: Napoleon Bonaparte. Er denkt, dass der Mann auf dem Pferd sein höheres Wesen ist, das die Signale von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit vor sich herträgt. Seine Ansprüche, die im Systemprogramm formuliert sind, verwirklicht er nicht. Im Gegenteil: Speziell seine geistige Entwicklung kann man als grandiose Dialektik, als Abkehr dieses Programms in ihr Gegenteil sehen – nämlich dadurch, dass er mit diesen Ideen wiederum Staat macht.
Hegel selbst aber reitet bald schon – als Berliner Professor im Auftrag des preußischen Fürsten unterwegs – auf seinen Prinzipien der Dialektik herum, die alles erklären können, durch die Institutionen. Der Diplomat und Beamte Wilhelm von Humboldt gründet 1809 die neue Universität Berlin und legt damit den Grundstein für eine neue, liberale Entfaltungsmöglichkeit des am Boden liegenden preußischen Staates durch universelle Bildung und die Schaffung eines „Rechtsstaates“ und eine Wirtschaft. Sein Ziel: Die intellektuelle, politische und wirtschaftliche Führerschaft über Frankreich. Sein Mittel: Die neue, frei gesetzte Energie der Aufklärung in der deutschen Bevölkerung. Sein Vertreter an der Universität: Hegel. Und Hegel sagt: „Alles, was wirklich ist, ist vernünftig, und alles, was vernünftig ist, ist wirklich“. Das ist ein Killersatz. Die Anbetung der Vernunft wird zum Dreh- und Angelpunkt seiner Konzeption, „der Mensch“ als höhergeleitetes Vernunftwesen das Maß aller Dinge – im Gegensatz zu „den Menschen“. Friedrich Schillers Konzeption von einem „ästhetischen Staat“, das Hegel früher für ein „Meisterstück“ hielt, findet er jetzt „nicht tragisch, sondern entsetzlich“. Durch die Ironie dieses Schicksals wird der gleiche Mann, der früher den Staat abschaffen wollte, später offiziell Preußens erster Staatsphilosoph und interpretiert den Staat als „Verwirklichung göttlicher Ideen". Der einstige Schiller- und Napoleon-Fan Hegel konvertiert zum Ideologen, der seiner eigenen Erfindung, der Dialektik, erliegt. Wie es sich für den genialen Dialektiker gehört, verwandelt er seinen „Staat“ in die bereits verwirklichte Form jener Ideen, die ihm früher mal vorschwebten. Vielleicht ist dies die fatalste Entwicklung der deutschen Kultur: die Tatsache, dass der deutsche „Rechtsstaat“ heutiger Prägung wiederum von einem Idealisten begründet wird.
Eines muss man Hegel lassen: Er sieht in der Schlacht von Jena, die er 1806 selbst erlebt hatte, das Ende der Weltgeschichte, weil hier die Werte der französischen Revolution – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – den nationalstaatlichen Armen Napoleons entrissen wurden. Denn nun ist es seiner Meinung nach nur noch eine Frage der Zeit, wann Vernunft und Freiheit in einem Staat zusammenkommen.
Sein „Rechtsstaat“ beansprucht, „die Allgemeinheit der Rechtsqualität aller zu sein“ – ohne die Mitglieder der Nation konkret zu fragen. So sind in der deutschen Kultur auch nach der Blüte von Aufklärung, Idealismus und Romantik die alleinig bestimmenden Instanzen: Herrschaft und Bürokratie. Hier ist er wieder, nach den glorreichen Ideen von Freiheit und der Entdeckung des Menschen wie Phoenix aus der Asche: der alles dominierende deutsche Staat.
Hegel bezeichnete seinen Staat als „Wirklichkeit der sittlichen Idee“ (Grundlinien §257). „Die Rechtsphilosophie – darin liegt das Geheimnis ihrer gedanklichen Provokationen und ein Schlüssel zu ihrer wechselvollen Wirkungsgeschichte – ist philosophisches Lehrbuch und politische Publizistik, gelehrter Traktat und aktuelle Kampfschrift in einem.“ (Riedel 1975:11f.) „Trotz aller Polemik gegen den Fichteschen Polizeistaat, in welchem „Alles nach der Schnur geht“, ist der Hegelsche Freiheitsstaat viel schlimmer als jener – eine rechtfertigende Konstruktion der faktisch in Preußen waltenden Polizeigelüste.“ (Haym in Riedel 1975:389) Es tritt also das Gegenteil von dem ein, was in der revolutionären Freiheitsschrift des Systemprogramms – vom gleichen Autor, Hegel! – die Rede war: Eine Welt für die Menschen zu schaffen. Anders gesprochen: Für das Politische, also die Entfaltung der Freiheit in Gemeinschaft, bleibt keine eigene Authentizität außer der Absorption durch den Staat als Rechtsordnungssubjekt übrig. Damit ist der Typus des politischen Denkens in diesem Kulturkreis (Deutschland) entwickelt. In Hegels Rechtsphilosophie sammeln sich die Ströme, die das deutsche politische Denken der Neuzeit geprägt haben: Die „Politica“ – Staatswissenschaft, das Naturrecht, die Polizeiwissenschaft, der „Transzendentalismus“ (Ernst Vollrath 1987:122). Aber was die deutsche Mentalität angeht, ist der Deutsche Idealismus und daraus resultierende, verklärende Romantizismus um 1800 bis heute „the real German Weltanschauung“ (Friedrich Hertz) geblieben. Und es ist schon erstaunlich, dass Peter F. Drucker noch 1985 betonen muss: „Alle haben erkannt, dass Staatspolitik und Staatsbehörden nicht göttlichen, sondern menschlichen Ursprungs sind. (...) Dennoch geht die Politik immer noch von der Jahrtausende alten Prämisse aus, was auch immer der Staat tue, sei in der Natur der menschlichen Gesellschaft verwurzelt und sei daher „für ewig“. Die Folge ist, dass es bis heute keinen Mechanismus gibt, mit dessen Hilfe ein Staatswesen Altes, Ausgedientes und nicht mehr Produktives abstreifen kann.“ (Drucker 1985:364) Das trifft in bedeutender Weise auf Deutschland zu. Das Problem: Die Vereinigung aller guten Ideen der Aufklärung und des deutschen Idealismus führt in Deutschland nicht zu einer Umkehrung der Verhältnisse zwischen Staat, Gesellschaft und Mensch, sondern offenbar zwangsweise zu einer Neu-Verfassung des Staatsgebildes. Etwas anderes als „der Staat“ scheint gar nicht denkbar. Die Realität Deutschlands ist bis heute der „Staat“ in der Vorprägung Hegels.
Nur, wo „Staat“ ist, ist Macht – auch nach der deutschen Revolution und der Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche 1848. „Die Bahn der Macht ist die einzige, die den gärenden Freiheitstrieb befriedigen und sättigen wird, der sich bisher selbst nicht erkannt hat. Denn es ist nicht bloß die Freiheit, die der Deutsche meint, es ist zur größeren Hälfte die Macht, die ihm bisher versagte, nach der es ihm gelüstet“, sagt allen Ernstes der Verfassungs-Entwickler Friedrich Christoph Dahlmann in seiner Rede in der Nationalversammlung am 22. Januar 1849 (in Bleek 2001:149). „Die Macht ist das Prinzip des Staates“, sagt Treitschke in „Bundesstaat und Einheitsstaat“ (1864, zitiert in Bleek 2001:153), und zwar, „dass das Wesen des Staates zum Ersten Macht, zum Zweiten Macht und zum Dritten Macht ist“. Für den Historiker Friedrich Meinecke ist dies der klassische Beleg für die Wende von der Priorität des Freiheitsideals zum Vorrang des Machtgedankens (vgl. Bleek 2001:149).
A melancholic state of mind
A MELANCHOLIC STATE OF MIND
Es ist wohl ein einzigartiges Vorkommnis in der Weltgeschichte, dass Philosophen und Verfassungsrechtler dem „Staat“ traditionell so viel Autorität zukommen lassen wie in Deutschland. So viel Macht in der Hand des Staates, das kann nicht gut gehen. Auf Macht folgt Ohnmacht. In der Abenddämmerung des deutschen Idealismus und der Romantik beginnt der Aufstieg der typisch deutschen Melancholie. Sie wird in einer Gesellschaft besonders da auffällig und präsent, wo ein Volk oder eine Volksgruppe wieder und wieder scheitern, ihre Interessen durchzusetzen, wo sie sich als Untertanen einer Obrigkeit ausgesetzt fühlen, wo sie ihre Utopie verlieren. Das führt zu einem verminderten Bewusstsein der Eigenständigkeit, zu Minderwertigkeitskomplexen und Resignation. Bei einer übermächtigen Hand des Staates wie in Deutschland entsteht die Gefahr der Schicksalsergebenheit. Der wachsende Einfluss der Niedergeschlagenheit in Deutschland wird besonders bei Arthur Schopenhauer deutlich. In gewisser Weise ist der Hegel-Hasser Schopenhauer Nachfolger der idealistischen Schule, aber vor allem der Auslöser einer Bewegung unter Philosophen, die mit dem Scheitern von 1848 einhergeht und versucht, sich aus der Verstrickung dieser Übermacht durch das eigene Denken, die Persönlichkeit und das Leben zu befreien: Die Romantiker.
Wenn man jemanden benennen will, der die für uns vollkommen geläufige andauernde Kritik am Staat – und das ist der Staat Hegels – erfunden hat, dann ist das Arthur Schopenhauer. Weil man sich in Deutschland mit dem Staat identifizieren muss, wenn man sich mit seiner nationalen Kultur identifizieren will, hasst Schopenhauer konsequent jede Form von Nationalstolz: „Der Intelligente erkennt immer die Mängel seiner Nation. Der Dumme ist einfach nur stolz darauf“. Er fasste den klugen Entschluss, sich nicht an der herrschenden Staatskonzeption abzuarbeiten, sondern zu zeigen, worauf es im Leben ankommt. Seine prominentesten Schüler waren Richard Wagner und Friedrich Nietzsche. Nietzsche hat diesen melancholischen Rückzug klar formuliert: „(...) indem man zum Natürlichen zurückzufliehen glaubte, erwählte man nur das Sichgehenlassen, die Bequemlichkeit und das möglichst kleine Maß von Selbstüberwindung. (...) Sind sie (die Deutschen, d.A.) doch das berühmte Volk der Innerlichkeit“ (Nietzsche, Unzeitgemäße Betrachtungen (275)). Diese „Innerlichkeit“, die wir schon bei Luther finden, ist ein Zeichen der Resignation und der Kompensation der Erfolglosigkeit, die man mit dem berühmten deutschen Wort „Gemütlichkeit“ kenntlich machen kann.
Melancholie speziell deutschen Zuschnitts – Verzweiflung an der Obrigkeit – hat Tradition. Zahlreiche literarischen Schriften sind Zeugen dieser Grundstimmung: Allen voran Johann Wolfgang von Goethes „Werther“, der eine Selbstmordwelle auslöste. Oder Karl Philipp Moritz’ „Anton Reiser“, der ihr in Gestalt der „Mönchskrankheit“ begegnet, jene Lethargie, die „seine Kraft gegen sich selbst kehrt, weil sie nicht nach außen wirken kann, und den Wankenden und Unentschlossenen in jedem Moment seines Lebens mit sich selbst unzufrieden macht.“ (Moritz 1971:21) Der Universalgelehrte Wilhelm von Humboldt analysiert diese Zeit der „Werther“-Krankheit als eine Zeit, „wo man häufiger als sonst Passivität und Schlaffheit mit Bildung und Geistesfähigkeit vereint antrifft. (...) Dies ist eine kränkelnde Gemütsstimmung, die auch unserem Zeitalter, mehr als dem vorherigen, sogar unserer Nation, mehr als den Auswärtigen, eigen ist.“ (zit. in Lepenies 1998:197) Er weiß im Prinzip aber auch die Lösung: „(...) wir bedenken nicht, dass ein Leben, das keine große That, kein wichtiges Werk, nicht einmal das Andenken an eine nützliche Geschäftigkeit unter einer größeren Anzahl unserer Mitbürger hinterlässt, ein verlorenes und verschwendetes Leben ist.“ (ebd.)
Gleichzeitig erscheint in der Melancholie der menschliche Zug. Vorbei ist die Idealisierung „des Menschen“ als ein höhergeleitetes Wesen, das Idealbild, das niemand ausfüllen kann. Nietzsche fleht, nicht der Melancholie oder der Angst zu verfallen, sondern sich der Leichtigkeit, Möglichkeit und Heiterkeit des Lebens bewusst zu werden – durch das „möglichst kleine Maß an Selbstüberwindung ... warum an dieser Scholle, diesem Gewerbe hängen, warum hinhorchen nach dem, was der Nachbar sagt? Es ist so kleinstädtisch, sich zu Ansichten zu verpflichten, welche ein paar hundert Meilen schon nicht mehr verpflichten. (...) Niemand kann Dir die Brücke bauen, auf der gerade Du über den Fluss des Lebens schreiten musst, niemand außer Dir allein. (...) Es gibt in der Welt in der Welt nur einen einzigen Weg, auf welchem niemand gehen kann, außer Dir. Wohin er führt? Frage nicht, gehe ihn.“ (Unzeitgemäße Betrachtungen III: 340) Das ist Kants „Zweck an sich“ und Nietzsches Neugier. Sein berühmter „Wille zur Macht“ bedeutete übrigens Macht über sich selbst, die Fähigkeit, über sich hinauszuwachsen, genau im Sinne dieses Zitats. Was seine Schwester ihrem rechtskonservativen Mann zuliebe aus Nietzsches Texten gemacht hat, als dieser längst im Irrenhaus saß, ist eine andere Geschichte. Aber nur dieser Verdrehung der Inhalte Nietzsches ist die aberwitzige Groteske der Geschichte zu verdanken, dass Elisabeth Foerster-Nietzsche gemeinsam mit Adolf Hitler einen Kranz auf Nietzsches Grab niederlegt.
Angesichts der zeitgenössischen gesellschaftlichen Entwicklungen wird Melancholie, die Verzweiflung an der eigenen Unfähigkeit, sich selbst zu entwickeln und sich gegen die Institutionalisierung der Freiheit durch den Staat durchzusetzen, in Deutschland geradezu zur Zuflucht, zur Sucht. Die deutsche Volksseele – eine feine Art der Verzweiflung. Erst im Zeitalter der Industriellen Revolution, der Geburtsstunde des Fortschritts, sah das Bürgertum zum ersten Mal die Chance, sich durch Arbeit mit dem Adel auf eine Stufe zu setzen und die staatliche Macht mit ökonomischer Macht zu überwinden und gleichzeitig „von der ehemals gesuchten Melancholie loszukommen“ (Lepenies 1969: 204). Tatsächlich verabschiedet man sich im deutschen Kulturkreis von den Werteparadigmen, die sie selbst geschaffen hat – Aufklärung, Idealismus, Romantizismus – und wendet sich den Idealen des kartesianischen, mechanistischen Weltbildes mit ihrer klassischen Trennung von Körper und Geist und der Naturwissenschaft zu, deren Erkenntnisse sich immer besser industriell verwerten lassen.
Die Menschen und ihre Befindlichkeit bleiben allerdings im Zuge der Industrialisierung auf der Strecke. Sie, die gerade noch durch ihre Philosophen ihre Selbstbestimmung vor Augen hatten, geraten in die nun realen Maschinenhallen der Fabriken. Sie empfinden und akzeptieren ihr Dasein als sinnlos und treten die Flucht in die Natur, in die Einsamkeit oder in den Tod an. Wie bei Kierkegaard zu lesen ist, der alle Menschen für langweilig hält, schließlich bei Sigmund Freud, später dem brillanten und tragischen Essayisten Walter Benjamin und den Schriftstellern Gottfried Benn, Rainer Maria Rilke, Georg Trakl, Thomas Mann, Robert Musil, den Kulturkritikern Heidegger und Adorno.
William James, von 1867 bis 1868 Medizinstudent in Berlin, war von der deutschen Grundstimmung so erfasst, dass er daraufhin seinen Pragmatismus „erfand“, um sich von der in Deutschland erfahrenen Melancholie zu befreien: „Oh God! An end to idle, idiotic sinking into Vorstellungen disproportionate to the object“ (zit. in Melancholie 182). Melancholie – nicht zuletzt ein Erbe der protestantischen Lehre Luthers, seit der man sich mit sich selbst auseinandersetzen muss – ist für William James „der Niedergang der Lebensneugierde“. Sie entsteht aus Enttäuschung über die vorgefundene Wirklichkeit und die Unfähigkeit, jene Brücke zwischen Wirklichkeit und Ideal zu gehen, die Nietzsche nahegelegt hat. Es ist übrigens die persönliche Kommunikation und die reale Beziehung mit anderen Menschen und der Wille zu tatkräftiger Arbeit, die ihn rettet: „For the remainder of the year, I will abstain from the mere speculation and contemplative Grübelei in which my nature takes most delight, and voluntarily cultivate the feeling of moral freedom, as well by acting. (...) Not in maxims, not in Anschauungen, but in accumulated acts of thought lies salvation“ (Letters, Vol. 1, 147f., zit. Melancholie 184).
Die Diskrepanz zwischen der Freiheit zur Selbstverwirklichung aus der Aufklärung und der ständigen Behinderung durch den „Staat“ als ordnende Form zieht sich, wie wir gesehen haben, wie ein roter Faden durch die deutsche Kulturgeschichte. Geblieben ist die traditionelle latente Gewohnheit, viele Dinge als schicksalsergeben hinzunehmen, die eigentlich in unsere private Lebensplanung fallen könnte. Nicht nur die Rente, auch die Karriere. „Sie alle würden die Frage: ‚wozu lebst du?’ schnell und mit Stolz beantworten – um ein guter Bürger, oder Gelehrter, oder Staatsmann zu werden – und doch sind sie etwas, was nie etwas Anderes werden kann, warum sind sie dies gerade?“. Nietzsche meint damit seine Zeitgenossen, die Angestellten seiner Zeit. Hat sich daran etwas geändert?
Wirtschaftswunder und Wirtschafts-Melancholie
WIRTSCHAFTSWUNDER UND WIRTSCHAFTS-MELANCHOLIE
Der Grundstimmung der Bundesrepublik blieb die Melancholie aufgrund der jüngsten historischen Ereignisse erhalten, und „Kompensation war und blieb das Wirtschaftswunder“, stellt der Melancholie-Experte Wolf Lepenies fest. Im sportlichen und mentalitätsgeschichtlichen Sinne sicher das „Wunder von Bern“. Die wirtschaftliche Eigendynamik der Fünfziger Jahre entspricht allerdings nicht dem Pragmatismus etwa amerikanischen Zuschnitts – es handelte sich für viele eben um „Wunder“. Erst jetzt, in der modernen Ökonomie Deutschlands im 21. Jahrhunderts, schickt sich auch die Bundesrepublik endlich an, weniger Staat und mehr Zivilbürgertum zu schaffen. Dreh- und Angelpunkt zu der Hinwendung ist die Eigenverantwortung und Verwirklichung einzelner in Gestalt der Verwirklichung ihrer Utopien, als Karriere. Tatsächlich ist, wie die Systemtheorie sagt, der Wirtschaftsmarkt der einzige Raum, der zur Verwirklichung von Utopien bleibt. Aber der moderne Markt ist nicht U-topia mit räumlicher Beschränkung, sondern A-topia, ein Raum ohne Privilegien und Grenzen, der der Ungleichheit der Menschen Rechnung trägt und jedem durch die allgemeinen Regeln der Wirtschaft eine Chance einräumt: „in einer utopischen Gesellschaft mit globalem Radius findet die Marktutopie die Bedingungen ihrer Selbstverwirklichung. Auch wenn Marktökonomen dies habituell ausblenden, so leiden ihre idealisierten Märkte bislang doch an der territorialen, ortsgebundenen und örtlich bindenden Vormundschaft des Staates.“ (Willke 2001:13)
Mit dem in Deutschland vererbten Abhängigkeitsgefühl von „Vater Staat“ ist es nun endgültig vorbei. Das Ende des Wohlfahrtsstaates ist erreicht – und damit auch das Ende des Pessimismus. Zuletzt hat sich die sozialistische Utopie an ihrer Gängelung und ihrem Einheitszwang selbst zur Strecke gebracht. Noch aber herrscht eine gewisse, wenn nicht traditionelle Art von Melancholie gegenüber den wirtschaftlichen Entwicklungen. Im wiedervereinigten Deutschland hatte sich zunächst die Utopie von „blühenden Landschaften“ als frustrierender Trugschluss erwiesen, der auch den Westen Deutschlands befällt: Je weniger Geld man hat, desto öfter stellt man sich die Frage, wofür man den speziell eingeführten „Solidaritätszuschlag“ bezahlt, der für den fast aufgegebenen „Aufbau Ost“ bestimmt ist. Keine Frage: Das Warten muss ein Ende haben. Das Handeln beginnt. Deutschland steht an einem Punkt, an dem die Überschätzung des Staates als unser Versorger Schicksalsträger nur dazu führen würde, dass es noch mehr Arbeitslose und mehr Markt-Melancholie gibt. Im Gegensatz zum 19. Jahrhundert kann heute niemand mehr vom Staat mit besseren Chancen ausgestattet werden.
Heute spielen alle nach den gleichen Regeln: „Statt auf Gleichheit der Menschen setzt die Marktutopie auf die Gleichheit gegenüber den Regeln des Marktes. Tatsächlich kennen diese Regeln keine Privilegien. Bill Gates unterliegt diesen Regeln in gleicher Weise wie Tante Emma, General Motors ebenso wie die Garage an der Ecke.“ (Willke 2001:9) Es kommt nur darauf an, diese Regeln zu verstehen und zu kennen.
Man kann ohne weiteres von unseren alten Einschränkungen eines ver- und fürsorgenden Staates abrücken und sich der längst realen, rigorosen Unbeschränktheit des Marktes aussetzen. „Es muss doch möglich sein, dass sich die Gesellschaft in bestimmten Dingen selbst organisiert. Es kann doch nicht sein, dass der Staat permanent die Familie, das Land, die Wirtschaft reglementiert“, sagt Markus Lüpertz, einer der wichtigsten lebenden deutschen Künstler, im Gespräch mit den traditionellen Vordenkern Günter Grass und Peter Glotz (SPIEGEL 32/2004, S. 41). Aus Angst halten noch viele lieber an der fürsorgenden Rolle des Staates fest. Während der wirtschaftlichen Rezession Anfang der Neunziger Jahre galt es in Deutschland sogar eine Zeitlang als schick, sich arbeitslos zu melden und dem Staat für eine Weile „auf der Tasche zu liegen“ – für Amerikaner ein undenkbares, vor allem „unmännliches“ Verhalten, das ihnen gar nicht in den Sinn kommen würde. „Deutsche Erwartungen an die Allgemeinbildung, die Kirche, den Staat, das Sozialwesen sind anders als die eines Amerikaners. In Deutschland ist es unchristlich, den Schwächeren nicht unter die Arme zu greifen; in Amerika ist es unmännlich, vom Staat zu leben. Die Deutschen finden Sinn in der Kritik und in der Verweigerung; die Amerikaner sehen Sinn nur im Tun.“ (Eric T. Hansen, „Typisch deutsch“, in: Süddeutsche Zeitung v. 13. Juli 2004, S. 11) Traditionell liegt auch die Schuld an der eigenen Arbeitslosigkeit in Deutschland am Staat – niemals an einem selbst. In den Vereinigten Staaten macht niemand dem Präsidenten einen Vorwurf, wenn er arbeitslos wird – höchstens sich selbst. Längst ist die Wirtschaft der Markt einer Weltgesellschaft geworden, wir aber bewegen uns immer noch in den engen Behausungen unserer nationalstaatlichen Grenzen. Deutschland ist eine Weltmacht und verhält sich wie ein ängstlicher kleiner Junge, der nichts mehr fürchtet als den Blauen Brief aus Brüssel. Leute ohne Arbeit sitzen zuhause, schauen fern und warten auf den „Ruck“, die „Wende“, den „Wechsel“, von dem die Politiker sprechen. Dass dieser Ruck von uns selbst kommen muss, werden diese nicht auszusprechen wagen. Wer aber die Globalisierung nicht verpassen will, muss den Rahmen schaffen, in dem man Karrieren und Unternehmen befördern kann. Und dafür muss man sich überlegen, für welchen Job man gerne um neun Uhr morgens vor der Tür ist.
Die moderne Wirtschaft ist vom Nationalstaat unabhängig, ob man will oder nicht: „Heute tragen Beobachtungen und Überlegungen vieler Disziplinen zu der Einsicht bei, dass die Steuerung komplexer Gesellschaftssysteme nicht der Politik überlassen werden kann. (...) Es nimmt die Einsicht zu, dass Steuerung im Wesentlichen als Selbststeuerung konzipiert sein muss.“ (Willke 2001:42) Deutschland befindet sich auf genau diesem Weg: Von der Angestelltenkultur und staatlich reguliertem Arbeitsmarkt zur selbst bestimmten Wirtschaft – und zu selbst bestimmenden Akteuren – hin zu Innovation und Unternehmertum. Deshalb muss man sich vom tradierten deutschen Glauben auf eine Veränderung „von oben“ schleunigst lösen. Dabei müssen sich sowohl Individuen als auch Unternehmen zum Teil umstrukturieren. Wer auf das Anziehen der nächsten Konjunktur wartet, um dann zu handeln, hat nicht verstanden. Die Konjunktur zieht nur dann an, wenn man jetzt handelt. Die Chance, sich in einem Unternehmen oder einem Angestelltenjob wirklich selbst zu verwirklichen, ist gering. Die meisten Menschen, die längere Zeit vergebens versucht haben, in ihrem Bereich einen neuen Job zu ergattern, verstehen langsam, dass man selbst Hand anlegen muss. Die Arbeitslosenzahlen werden nur sinken, wenn immer mehr Menschen aus der Statistik fallen. Nicht, weil sie obdachlos werden, sondern Unternehmer, die sich auf ihre eigenen Fähigkeiten besinnen müssen. Wenn sie diese gefunden haben, ist ihr Erfolg nicht mehr aufzuhalten. Dafür brauchen sie Coaches.
Selbst die größten Unternehmen müssen sich umkrempeln. An ihnen kann man studieren, dass sie nur dann erfolgreich bleiben, wenn sie sich immer wieder neu definieren: „ (...) Kodak, Daimler-Benz, Philips und viele andere. Sie alle wurden gnadenlos vom Sockel gestoßen, weil neue Produkte und bessere Angebote auf dem Markt erschienen. Josef Schumpeters „produktive Zerstörung“ erreicht sie alle, nur weil sie sich selbst diesen Regeln des Marktes unterwarfen, konnten sie sich ihrerseits mit innovativeren Produkten und preiswerteren Angeboten wieder hocharbeiten.“ (ebd.) Die Verdienste der Gewerkschaften in den Zeiten des Wirtschaftswunders – Respekt. Aber heute profilieren sie sich fast nur noch durch die Behinderung gesellschaftlicher Prozesse, die alte Wirtschaftszweige obsolet machen und gelernten Bergarbeitern die fatale Illusion vermitteln, ihre Jobs würden nur aus Willkür aufgegeben. Ihr Mitgliederschwund ist bezeichnend, die Starrsinnigkeit von ver.di verhindert jedoch längst nötige Umstrukturierungsprozesse: Weniger Staat, mehr Zivilgesellschaft.
Es ist erstaunlich, dass zwei der zu Amtszeiten meistgehassten Politiker heute fast als Helden gefeiert werden, weil sie damals den Gang durch das tiefe Tal der Umstrukturierung gegangen sind, um die Wirtschaft neu zu gestalten: Margret Thatcher und Ronald Reagan. Es ist erstaunlich, dass der befreundete konservative deutsche Kanzler diese unpopuläre, aber notwendige Entscheidung vor sich her geschoben hat und statt dessen Zweckoptimismus deklarierte: Helmut Kohl (Slogan: „Weiter so, Deutschland!“). Um so erstaunlicher, dass ausgerechnet die ehemalige Toscana-Fraktion der Lehrer und Arbeiter sich unter ihrem Kanzler komplett umstrukturiert hat und beginnt, das Land zumindest im Ansatz mit Reformen in Richtung Entrepreneurship und Innovation umzubauen: Gerhard Schröder. Noch erstaunlicher, dass ein Grüner dieses Werk mitträgt und vielleicht fortsetzen wird: Joschka Fischer. Man sollte diese Entwicklungen nicht zu negativ sehen. Schließlich bietet sie die einmalige Chance, das Ideal von einem eigenen, erfolgreichen Leben – dem Ideal der Aufklärung – als persönliche Karriere zu erreichen und zu erleben. Es besteht zum ersten Mal die Chance, den Markt selbst zu steuern und die Regeln des Marktes schnell zu begreifen und selbst zu bestimmen. Unternehmen werden lernende Systeme, deren Kenntnis von Leuten abhängig ist, die das Ganze beobachten und verstehen. Dazu braucht man keine braven Angestellten, sondern ein motiviertes Team. Dazu braucht man weniger Consulting und mehr Coaching. Coache helfen Menschen, ihre Ziele zu erreichen.
Deutschlands Kultur – oder Unternehmenskultur – wird vermutlich eine Coaching-Kultur werden, wie es in den USA längst der Fall ist. Das Potenzial dafür findet sich unter anderem in der deutschen Kultur und Wissenschaft. Um ein Beispiel zu geben: Immanuel Kant definierte Menschen als „Zweck an sich“, einmalige Wesen mit einer je einmaligen Zielsetzung – und das Leben entsprechend als den Weg, diese Zielsetzung zu erkennen, die Lebenszeit zu nutzen, um diesen Zweck zu erfüllen. Schärfer noch: Dieses Ziel ist der Mensch selbst! Natürlich besteht jeder Mensch auch noch aus Fleisch und Blut. Aber er hat seine Sinne und seinen Verstand, um sich nach den besten Möglichkeiten auszuloten.
Dieser Gedanke unterstellt für jeden Menschen auf der Welt einen Sinn, eine individuelle Bestimmung und nebenher seine Einzigartigkeit. Darüber kann man sicherlich diskutieren. Aber überlegen Sie, ob es nicht etwas gibt, das Sie besser beherrschen, als jeder andere (außer Autofahren). Überlegen Sie, was es gibt, was Sie wirklich interessiert, was Sie mit Teilnahme und Hingabe verfolgen könnten. Stellen Sie sich vor, Sie könnten in Ihrem Bereich das Beste aus anderen Leuten herausholen, was diese zu bieten haben: Ihr Ziel. Stellen Sie sich vor, Sie packen andere Menschen an ihrer eigenen Neugier, holen das aus ihnen heraus, was sie am besten beherrschen, und fördern ihr Talent, indem Sie sie ständig zurück ins Feuer werfen, auch wenn sie Sie hassen und lernen, sich selbst zu lieben, wenn sie über sich hinauswachsen, wenn sie plötzlich mehr auf die Beine stellen, als sie sich selbst jemals zugetraut hätten, wenn sie Talent, Profi, Meister werden... dann sind Sie ein Coach! „Jeder Mensch trägt seine Talente mit sich herum, aber oft fehlt der Mut, sie umzusetzen. Angst, sich zu blamieren, vielleicht auch Existenzängste. Aber es gibt diese Momente, in denen sich eine Chance bietet, und dann genau muss man Mut fassen, es auch zu tun. Man kann nicht warten, dass einem jemand diese Träume erfüllt, dass die Regierung sich schöne Dinge ausdenkt, damit man gut leben kann.“, erläutert der erfolgreiche Schauspieler und Filmemacher Deutschlands Michael „Bully“ Herbig seine Vorstellungen von einem gelingenden Leben (DIE ZEIT 15. Juli 2004, S. 54).
Das Leben ist das, wozu wir es machen
DAS LEBEN IST DAS, WOZU WIR ES MACHEN
Hier schließt sich der Kreis. Ganz am Anfang dieser Einführung steht – aus gleicher Quelle – die Formel dieses Buches, Nietzsches Zitat: „Sei Du selbst – das bist Du alles nicht, was Du thust, meinst, begehrst“. Es besagt, dass man sich niemals am Ziel, immer nur in einer bestimmten Stufe des Lebens und seiner Entwicklung befindet. William James kommt zu einem ähnlichen Schluss: Das Leben ist das, „wozu wir es machen“ (zit. in Konersmann, Melancholie, S. 170). Das ist die psychologische Version dessen, was Immanuel Kant als „Zweck an sich“ bezeichnet hat: Der Mensch, das ist das Leben, das bist Du selbst mit deinen eigenen Zielen. Diese Ziele muss man erst einmal entdecken – oder wiederfinden. Gerade, wenn Du denkst, das bist Du selbst, bist Du es nicht. Keiner kann Dir im Prinzip in Dein Leben hineinpfuschen – und nur Du selbst hast es in der Hand. „Du selbst zu sein“, ist das Ziel. Der Antrieb auf dem Weg dorthin wird die Neugier sein. Die Erkenntnis, vielleicht jemand anderes zu sein, als das, was man „tut, meint, begehrt“, ist vielleicht ein gutes Zwischenergebnis – oder das, was Nietzsche mit „Ausströmung von Licht und Wärme, liebevolles Niederrauschen nächtlichen Regens“ meinte: Erleichterung, und das gute Gefühl, aus der Gewohnheit auszubrechen und auf dem richtigen Wege zu sein: „Gewiss, es gibt wohl andere Mittel, sich zu finden (...), aber ich weiß kein besseres, als sich auf seine Bildner und Erzieher zu besinnen“, sagt Nietzsche im gleichen Zusammenhang (Unzeitgemäße Betrachtungen, Werke Bd. 1:340). Das sind Ihre Coache.
Was wir jetzt besonders brauchen können, ist ein bisschen Pragmatismus. Die „Bildner“ unseres modernen Lebens sind Coache – und wir brauchen mehr denn je davon. Coaching bedeutet Kommunikation von höchster Qualität zu betreiben: auf seinem ureigenen Gebiet zu agieren, sich in die Situation anderer zu versetzen und mit seiner Brillanz anderen Menschen zu Brillanz auf ihrem Gebiet zu führen. Coaches sind deshalb weder Manager, noch Unternehmensberater oder Motivatoren – sondern Leute, die anderen Menschen ihre Stärken klar machen und auf diese Weise neue Energien freisetzen. Die deutsche Kulturgeschichte besitzt mit ihrem Aktivposten, der Aufklärung, und deren Heroen die besten Voraussetzungen für Coaching. Als einzige Kultur in der westlichen Hemisphäre hat sie die alten kartesianischen Werte von Mechanik, Wissenschaft und Fortschritt zugunsten eines Humanismus erhalten. Die Helden des „Coaching“ sind Kant, Goethe & Co.. „Licht, Liebe, Leben“ – die Herren wussten schon, wovon sie redeten.
Es steht alles, was man braucht, zur Verfügung: Ihre besondere Brillanz, die kein anderer Mensch besitzt. Milliarden von Menschen, deren Neugierde Sie wecken. Und ein Werkzeugkasten mit hundert Tools, die eine Service-Ökonomie braucht und die Sie zum Coach in Ihrem Metier machen. Wir werden Ihnen zeigen, wie es funktioniert.
Willkommen im Licht.
Willkommen im Leben.
Willkommen im Team.
2. WAS DIE WELT JETZT BRAUCHT, IST COACHING
2. WAS DIE WELT JETZT BRAUCHT, IST COACHING
„Um seine Träume zu verwirklichen, muss man sich den Arsch aufreißen.“
(Michael „Bully“ Herbig, 36,
Regisseur, Autor, Schauspieler, erfolgreichster deutscher Spielfilmproduzent aller Zeiten)
Wer gewinnt, ist modern
WER GEWINNT, IST MODERN
Zu den Olympischen Spielen in Athen 2004 wurde rechtzeitig eine neue Brücke fertiggestellt. Zur Einweihung darf ein besonders ausgezeichneter Ehrenmann als letzter Träger die Fackel des olympischen Feuers die letzten dreihundert Meter über diese Brücke tragen. Dieser Mann ist kein Grieche. Er heißt Otto Rehhagel. Seit einigen Wochen wird er allerdings von den Griechen „Rehakles“ genannt, angelehnt an die mythische Figur Herakles, der zehn schier unmöglich zu bewältigende Heldentaten vollbrachte. Dass dem deutschen Coach der griechischen Nationalmannschaft diese Ehre zuteil wird, darauf hätte drei Monate vorher kein Mensch einen Pfifferling gesetzt. Inzwischen aber ist Rehhagel Ehrenbürger Athens, Held Griechenlands, und seine griechische Gurkentruppe der amtierende Fußball-Europameister. Eigentlich war die Mannschaft bestimmt, schon in der Vorrunde auszuscheiden. Doch arbeiteten sie sich von Spiel zu Spiel weiter. Der krasse Außenseiter schlägt Weltklasse-Mannschaften wie Frankreich aus dem Rennen – Portugal gleich zwei Mal. Schon beim Einzug ins Viertelfinale war Rehhagel der König Griechenlands. Beim Halbfinale gelang der Mannschaft ohne auffällige Spieler dann die unglaubliche Überraschung: Griechenland im Finale! Dann die noch größere Sensation: Der zweite Sieg gegen den klaren Favoriten Portugal (na gut, mit dem „Silver Goal“ nach dem Eckstoß) – Griechenland... Europameister! Mit seinem klassischen Konzept des Arbeitsfußballs (Libero, Viererkette, Manndeckung) hat der deutsche Trainer dem modernen, glamourösen Weltfußball mit seinen Stars das Fürchten gelehrt. Die Lösung: Homogenität und Ruhe. Kein Medienstress, denn wo kein Star ist, spielen alle gleich. Wenn auch gleich schlecht. Also haben sie nichts zu verlieren. Und haben am Schluss alles gewonnen. Rehhagel: „Wer gewinnt, ist modern!“
It’s not about the bike
IT’S NOT ABOUT THE BIKE
Ein Triathlet aus Austin/Texas namens Lance Armstrong hat Mitte der Neunziger Jahre den größten Sieg seines Lebens davon getragen – den Sieg über den Krebs. Seine „Coache“ Chris Carmichael und Eddy Mercks waren diejenigen, die ihm seinen Sieg bei der Tour de France prophezeihten. Bei seiner ersten Tour schied er nach zwei Tagen aus. 1995 gewann Armstrong eine Etappe und scheiterte hoffnungslos in den Bergen. Armstrong musste eine Primärtugend lernen: Geduld. „Heute glaube ich, dass Geduld das ist, was einen Jungen von einem Mann unterscheidet“, sagt er in seinen Memoiren. Nach der Überwindung seines unheilbar scheinenden Krebsleidens gewinnt er 1999 zum ersten Mal die Tour de France und stellt 2004 einen neuen Rekord auf: Der erste Mensch, der bei der Tour de France sechs Mal hintereinander siegt. Warum nimmt man solche Strapazen auf sich? Nur wegen des Sports? Armstrong: „It’s not about the bike. It’s a metaphor for life, not only the longest race in the world but also the most exalting and heartbreaking and potentially tragic. It poses every conceivable element to the rider, and more: cold, heat, mountains, plains, ruts, flat tires, high winds, unspeakably bad luck, unthinkable beauty, yawning senselessness, and above a all great, deep self-questioning. During our lives we’re faced with so many different elements as well, we experience so many setbacks, and fight such a hand-on battle with failure, head down in the rain, just trying to stay upright and to have a little hope. The Tour is not just a bike race, not at all. It is a test. It tests you physically, it tests you mentally, and it even tests you morally.“ (70f.) Armstrong macht deutlich, dass der Sport Muster liefert, die andere Lebensbereiche beeinflussen. Ein weiteres Muster ist die Energie des Teams. Was ihm zu seiner Siegesserie verhalf, war die Einführung des Teamsports in der Tour de France. Wo sich früher mehr oder weniger die Einzelgänger abrackerten, hatte der legendäre Miguel Indurain eine Strategie entwickelt, in der alle Teammitglieder für ihn fahren und gleichzeitig die Gegner taktisch ausschalten: „You don’t win a road race all on your own. You need your team mates – and you need the good will and cooperation of your competitors, too. People had to want to ride for you, and with you“ (55). Durch seine Coache hat er gelernt, worauf es noch ankommt: Seine Ungeduld zu zügeln. Niemals zu früh zu attackieren. Sich im Peloton gut zu benehmen und sich Freunde zu machen: „Give an inch, have a friend“. Es geht also weniger ums Fahrradfahren, sondern darum, dass alles nach Regeln funktioniert, die auf andere Bereiche übertragbar sind. Die Erfahrungen Lance Armstrongs gehen über den Sport hinaus – sie beschäftigen sich mit dem Leben. Es geht im Sport wie im Business oder im Leben um Werte, Verhalten, humane Energien. Sport ist ein Bereich, in dem wir die Dinge des Lebens simulieren: Unsere Ziele, unsere Pläne, unser Verhalten, unsere Einstellung gegenüber Unwägbarkeiten wie den Krebs. Coaching zieht die Essenzen daraus: Coache sind Personen, die die Regeln des Sports auf Business übertragen.
Smells like team spirit
SMELLS LIKE TEAM SPIRIT
Gewinnen, Verlieren, Team, Coach, „goals“... nicht zufällig hantiert die Wirtschaftssprache mit den gleichen Vokabeln. Leute, die ihre Ziele mit Teams erreichen wollen, brauchen „team spirit“. Jede Mannschaft, ob im Sport oder im Business, hat einen speziellen Teamgeist. Er ist der Indikator für die Energie. Die höchste humane Energieform ist die Liebe. Wir wollen nicht gleich übertreiben, obwohl es zum Beispiel viele Leute gibt, die die Tour de France auch die „Tour de L’amour“ nennen. Aber Leidenschaft ist ein guter gemeinsamer Nenner für die zweithöchste Energieform in einer Mannschaft – weil sich dann alle gemeinsam für eine Sache einsetzen. Das allerhöchste ist das, was beim Fußball vielleicht alle zehn Jahre mal passiert: Dass die Spieler alle so im „flow“ miteinander sind, dass sie auch mit verbundenen Augen spielen könnten wie Otto Rehhagels griechische Nationalmannschaft. Nennen wir es Magie... einer für alle, alle für einen. Ganz unten folgen jede Menge negativer Energieformen: Verwirrung, Frustration, Verweigerung, Neid, Schuldzuweisung, Intrigen – alles eine Frage, wie ein Team aufgestellt ist. Wann immer zwei Mannschaften auflaufen, treten zwei verschiedene Mentalitäten gegeneinander an. Wer die Stadien analysiert, in dem sich ein Team befindet (nein, nicht die Fußballstadien!), wer das Mienenspiel, die Reden, Gesten und das Verhalten der Spieler untereinander verfolgt, befindet sich in einem spannenden Spiel. Gewinnen wird in der Regel immer jene Mannschaft, die sich besser aufgestellt hat, optimaler nach innen funktioniert. Beim Fußball zum Beispiel kann man in jeder Saison alle Schattierungen des Teams und seiner Trainer beobachten. Sport sympathisiert: Man sieht Menschen siegen und scheitern, man sieht Hoffnung, Verzweiflung, Siegeswillen, jede menschliche Emotion in den Gesichtern der Athleten. Man befindet sich in einem Theater des Lebens (vielleicht nicht umsonst ist Otto Rehhagel ein alter Freund des Theaterintendanten Jürgen Flimm) – und das Beste daran: Man kann auch noch selber spielen, wenn auch im begrenzten Rahmen. Wir hängen nicht nur wegen der Leistungen, der Siege und der Punkte an sportlichen Ereignissen, sondern auch, weil wir dort jede mentale Verfassung und Veränderung vorfinden und verfolgen können. Wie die Mannschaft spielt, und warum sie so gut, mittelmäßig oder schlecht spielt, ist der Grund, warum sich Millionen von Menschen das ganze Jahr über und auch außerhalb der 34 Spieltage einer Bundesligasaison mit einer Sportart beschäftigen, von der nur Ignoranten sagen, es „laufen doch nur 22 Menschen einem Ball hinterher“. Im Fußball, im Sport, im Business gibt es jede Art von Team: Mannschaften, die sich verabreden, solange schlecht zu spielen, bis ihr Coach gefeuert wird, bis zu Mannschaften, die ihr Letztes geben, um ihrem Coach die Ehre zu erweisen.
•Ein schlechtes Team beschließt, gegen seinen Trainer zu spielen.
•Ein mittelmäßiges Team sagt sich: „Heute zeigen wir dem Trainer, was wir drauf haben!“
•Ein Siegerteam verspricht sich gegenseitig: „Wir wollen unseren Coach nicht enttäuschen!“
Der Erfolg liegt nicht an der Mannschaft und nicht am Trainer – sondern dazwischen: im „team spirit“. Die Aufgabe des Coaches kann man auf eine Formel bringen, die wiederum für Sport und Business passt: „helping people reach their goals“.
Das moderne Spiel: Business-Coaching
DAS MODERNE SPIEL: BUSINESS-COACHING
Coaching heißt, Menschen zu helfen, ihre Ziele zu erreichen. Die Menschen erreichen ihre Ziele durch Teams. Ein Team besteht nicht nur aus einer Handvoll Leuten, sondern auch ihrem Teamgeist. Ziele zu erreichen, bedeutet, den Fokus dieser Ziele ins Team zu legen und den Output dieser Aktivität zu messen. Im Business-Coaching hat dieser Output ein spezielles, nämlich Maß – Geld. Aber Geld ist nur sekundär im Vergleich zum „team spirit“. Auch der Teamgeist lässt sich messen: In Popularität. Warum gibt es Stadien mit 60.000 Zuschauern und Übertragungen für Abermillionen Zuschauer, obwohl nur die allerwenigsten Menschen so schnell, geschickt, erfolgreich werden können wie die da unten auf dem Platz? Weil viel Geschehnisse auf dem Platz nach gleichen Regeln und Mustern verlaufen wie im Alltag und weil man die Möglichkeit hat, die Regeln zu diskutieren. Wann immer etwas passiert, was nicht ganz der Regel entspricht, drehen sich sofort alle Kameras dorthin, richten sich alle Augenpaare auf dieses Ereignis, gellen tausende von Pfiffe durch das Stadion. Jeder ist dabei, wenn die Regeln aufgestellt werden. Nichts bleibt verborgen. Sport ist wie Business: Jeder kann zuschauen. Willkommen im Medienzeitalter.
Bisher hat Business nicht unter Spielregeln funktioniert, sondern mit den Regeln des Kriegs. Unter den Augen der Medien ändert sich diese Perspektive drastisch. Als Michail Gorbatschow seinen amerikanischen Amtskollegen Ronald Reagan in New York City traf, um eine neue Ära des Weltfriedens einzuleiten, war dies nicht deren eigene Entscheidung. Sie hatten keine andere Wahl. Die Bewohner dieser Erde, die das Wettrüsten satt hatten und den Kalten Krieg beenden wollten, zwangen sie dazu. In einem Gespräch mit seinem früheren Rivalen Bob Dole stellte Bill Clinton fest, dass es vor laufenden Kameras, Presse und Öffentlichkeit kein Entkommen mehr gibt. Watergate war nur der Beginn einer neuen Ära, in der sich die Politik nicht mehr hinter verschlossenen Türen, Kulissen und vorgehaltenen Händen abspielen kann. Der Kongress, sagen beide, ist weit aufrichtiger als noch zu ihren Zeiten, weil das ganze Spiel von Kameras verfolgt wird und jeder alles verfolgen kann. Der Bürger ist Zuschauer, ist Zeuge der Szenerie, in der die Regeln ständig ausgelegt und neu definiert werden. Und da kann keiner mehr mogeln.
Dabei war der kleine Beschiss das zweite Standbein der politischen Berater, der Unternehmensberater, und vieler anderer jener Berufsgruppen, die sich heimlich, schnell und leise wieder zurückziehen können. Doch inzwischen zerrt die Öffentlichkeit sie gnadenlos ins Rampenlicht. Jeder in Amerika weiß, dass PriceWaterhouseCooper die Regierung und seine Kunden gefoppt hat. Jeder weiß, dass Doping im Sport kein Zufall mehr ist. Aber immer weniger kleine und große Betrügereien können unter der Decke versteckt werden. Als die Wirtschaft noch nach den Regeln des Kriegs gespielt wurde, hatte sie nicht die Aufmerksamkeit von Kameras und Medien. Man konnte sich sehr gut verstecken. Aber nun entwickelt sich Business wie ein Spiel. In einem Spiel kann man nicht lügen. In einem Spiel muss man mit guter Leistung gewinnen. In einem Spiel sind die Spieler das wichtigste Potenzial – wie auch im modernen Business. Sie sind nicht länger ein Kostenfaktor, sondern der wichtigste Aktivposten im Spiel des Erfolgs. Mit sichtbarer Leistung.
Unsere moderne Ökonomie ist eine Service-Ökonomie. In den Vereinigten Staaten wird bereits mehr als die Hälfte aller Umätze in Servicebereichen gemacht. Diese Entwicklung, die der „Servicewüste Deutschland“ noch blüht, wird sich dadurch von der alten Ökonomie unterscheiden, dass nur noch Höchstleistung honoriert wird. Die Gewinner werden diejenigen sein, deren Teams von Enthusiasmus getragen werden, weil sie die höchste Energie entwickeln und die beste Leistung bringen. Das ist auf dem Spielfeld nichts anderes als auf jedem Geschäftsfeld. Früher war das anders. Da brauchte man nichts als seinen Job erledigen, und wurde dafür bezahlt. Deutschland steht durch seine Reformen wie Hartz IV auf der Schwelle zu einer neuen Epoche, in der die „Bürger“ ihre Verantwortung selbst tragen. Der Soziologe Wolfgang Sofsky beschönigt nichts: „Keiner wagt offen zu sagen, was der Fall ist: dass der deutsche Wohlfahrtsstaat vor dem Ende steht und künftig jeder selbst sehen muss, wo er bleibt.“ (Die Welt v. 25.08.2004. Arbeitslosigkeit stellt aus finanziellen Gründen keinen Reiz mehr da. Die soziale Hängematte ist gekappt. Immer mehr Menschen werden sich selbständig machen und haben damit die Chance, wesentlich erfolgreicher zu werden. Keine Frage: Wir stehen an dem Übergang von einer Angestellten- zu einer Unternehmerkultur. Dadurch ist der einzelne fast gezwungen, zu tun, was man schon immer tun wollte. Coaching ist das Mittel, um aus der Servicewüste in die Service-Oasen zu gelangen. Coaching bedeutet zunächst, Neugier auf seine eigenen Ziele zu erzeugen.
Seine Individualität zu nutzen, kann sehr fruchtbar sein. „Der eigenen Neugier folgen“, gibt das deutsche Top-Model Heidi Klum als ihr Erfolgsrezept an.
Modernes Business-Coaching entwickelt sich aus dem Spiel. Es ist das Resultat aus einer Entwicklung, in der sich die Unternehmen immer mehr auf die Öffentlichkeit einlassen müssen. Die Regeln liegen nun offen dar. Kleinstunternehmer haben eine Riesenchance, mit einem hervorragenden Team ganz groß herauszukommen. Große Unternehmen werden durch ihre eigenen Strategien unterhöhlt, werden berechenbar, brechen unter dem Druck ihres Publikums zusammen, definieren die Regeln neu und werden sich wie Phönix wieder aus der Asche erheben. Coache werden diese Veränderungen herbeiführen. Business Leaders werden Berühmtheiten. Das Spiel ist eröffnet.
Der Sex darin, oder was ist Coaching?
DER SEX DARIN, ODER: WAS IST COACHING?
Coaching ist prinzipiell Sport. Wirtschaft ist ein Spiel, und Coache sind die neuen Trainer in diesem Turnier. Coaches können bei anderen Menschen Neugier auslösen, neue Energien freisetzen, sie zu ihren Zielen und Erfolgen führen. Sie ersetzen Manager und Berater. Um diese besonderen Menschen und die Tools dazu geht es in diesem Buch. Dafür ist eine Differenzierung nötig.
Coaching hat nichts mit Unternehmensberatung zu tun. Unternehmensberater suchen Lösungen, Coache Leistungen. Wenn sie den Unternehmen nicht gerade raten, Arbeitsplätze zu rationalisieren, um das Unternehmen wieder auf Erfolgskurs zu bringen, raten sie ihnen, Arbeitsplätze zu rationalisieren, um mehr Geld zu machen. Coaches sind keine Manager. Sie arbeiten nicht mit Zahlen, sondern mit Teamgeist. Sie sorgen auf diese Weise für High Performance. Wir haben eine „Performance Scale“ entwickelt, auf der jeder sehen kann, in welchem Leistungsstadium er oder das Team sich befindet. Der Teamgeist schafft eine bestimmte Stimmung, ein bestimmte Qualität von Vertrauen. Wenn das Team einer Firma das Selbstwertgefühl von Losern hat, werden sie auch nicht zur High Performance des Unternehmens beitragen.
Coaching zerstört spontan Bürokratie, vernichtet die toten Teile des Systems, eröffnet den lebendigen, atmenden Teilen der Unternehmen neue Wege. Das sind die Mitarbeiter. Alte große Unternehmen müssen durch dieses Fegefeuer gehen und sterben als das, was sie sind. Aber sie müssen es tun. Viele von ihnen verloren bereits viel Geld: Telekom, Deutsche Bank, Siemens... weil sie versuchen, Geld zu sparen, indem sie ihre Leute feuern. Stattdessen müssen sie Produkte und Dienstleistungen finden, die die Leute wirklich brauchen – und auf die sie neugierig werden.
Coaches sind die Hebammen der neuen Service–Ökonomie. Sie bringen die neuen Typen von Unternehmen und Unternehmern hervor. Sie helfen ihnen durch den Prozess, neue, auf Service basierende Systeme zu entwickeln. Ein moderner Typ eines attraktiven Unternehmens und eines modernen Unternehmen ist Apple mit Steve Jobs. Apple produziert nicht nur genau das, was seine „Fans“ wollen – sondern, ach beinahe hätte ich es vergessen, jedes Jahr einen neuen Computer mit einem sexy Design, präsentiert von dem Popstar Steve Jobs. Hier stimmt der Anspruch. Der Claim von Siemens etwa – „a world of innovation“ – ist nur ein Claim. Der Anspruch wird nicht erfüllt. Sie brauchen Coaching und Innovation. Was nicht bedeutet, dass Siemens eine schlechte Firma ist.

Denn Coaching hilft, Visionen zu erhellen. Coache sagen Dinge, die man sich selbst nicht zutraut. Sie werfen ihre Leute ins Feuer, schicken sie in den Nebel, lassen sie (verbal) über glühende Kohlen laufen – so lange, bis sie selbst erkennen, was in ihnen steckt.
Coaching ist Kuriosität. Sie bringt die Neugier der Mitarbeiter und den Spirit des Unternehmens hervor. Dort liegen Energien brach. Was Coaching von anderen Maßnahmen unterscheidet, ist die Tatsache, dass niemand mehr mühsam bewegt werden soll, einer Idee oder einem Ideal hinterher zu rennen, mit dem er sich nicht hundertprozentig identifiziert. Ein Mitarbeiter ist oft genug gezwungen, merkwürdigen und ziemlich aussagefreien „Leitbildern“ entsprechend zu arbeiten und zu agieren. Aber erst nach fünf geht er aus dem Büro, zieht sich seine Fußballklamotten an, trifft seine alten Kumpels, hat eine Unmenge Spaß – und ein kohärentes Team.
Coaching ist Zukunft. Vision, Mission, Motivation, Unternehmensleitbilder, das sind die alten Zöpfe, die man abschneiden muss, um erfolgreich zu bleiben. Ganz so sexy wie bei Apple wird es bei der Arbeit vielleicht nicht zugehen – aber in Zukunft braucht man echte Teams statt jener künstlich motivierter „freundlicher Teams“, Teamplayer statt „Mitarbeiter“, Team-Spirit statt „Missionen“ und „Leitbilder“ – und vor allem, einen Team-Coach statt eines Chefs, der seine Truppe so richtig auf Vordermann bringt – und so, dass es am Ende allen Spaß macht, die Resultate zu genießen. In der Service Economy sind die Leute wichtiger als Geld. Coaching bildet eine Kettenreaktion von Information und Energie. Denn Menschen sind keine Mitarbeiter, sondern Innovatoren. Sobald sie zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort sind, werden sie ihr Unternehmen nach oben bringen, und auch für ihre Chefs nicht länger träge Kostenfaktoren darstellen. Ein enthusiastisches Team trainiert sogar den Coach und sich selbst dazu. Dadurch bringt Coaching ungeahnte Power in ein Unternehmen.
Das Coaching-System wird sich in der ganzen Welt durchsetzen. Dies geschieht 1:1, person-to-person, durch Menschen, die anderen Menschen wiederum zu ihren Zielen verhelfen. Man wird zusammen seine Werte entwickeln, und nach diesen Regeln spielen. Je besser diese „core values“ gestaltet sind, desto langfristiger wird der Erfolg des Unternehmens sein – wie man es zum Beispiel bei der Marriott-Kette verfolgen kann, deren Regeln so fundamental sind, dass sie sich über Generationen hinweg nicht verändert haben.
In den nächsten zwanzig Jahren werden immer mehr Leute Coache werden – sogar, wenn sie älter werden. Zum einen können sich die Unternehmen nicht mehr die Pension leisten, zum anderen wird ihre Erfahrung immer wichtiger. Sie können anderen direkt die Spielregeln vermitteln, bevor diese sich eine Beule am Kopf holen. Viele Unternehmen in Amerika holen inzwischen die „Alten“ für 12 Stunden die Woche als Coach zurück, um von ihrer Erfahrung zu profitieren und zu verstehen, mit welchen Regeln und „core values“ das Unternehmen so viel Erfolg hat. So wie Clive Davis, den vermeintlich ausgedienten „Mann mit dem goldenen Ohr“, Entdecker von Janis Joplin, Jimi Hendrix, Santana und Alicia Keys. Er wurde von seinem Arbeitgeber BMG Group gefeuert, machte allein weiter, entdeckte Alicia Keys, und hatte dann mehr Erfolg als bei Bertelsmann. Der Konzern kaufte ihn zurück. Sein Wert: Es gibt so viel schlechte Musik, da muss man einfach nur gute Musik produzieren. Klingt einfach, aber es steckt mehr dahinter.
Jedes menschliche Wesen ist oft genug in der Lage, zu coachen. Wer eine Familie hat, coacht seine Kinder. Wer Ahnung von irgendwas hat, coacht automatisch andere Leute. Jeder kann anderen Leuten Dinge zeigen, die in ihrem Gesicht stehen: Nur weil sie keinen Spiegel haben, entdecken sie sie nicht. Zum Beispiel, wo ihre Ziele liegen. Da werden sie neugierig. Um besser zu verstehen, worum es beim Coaching geht, hier noch ein kurzer Rückblick.
3. EINE KURZE, PAUSCHALE GESCHICHTE DES COACHING
3. EINE KURZE, PAUSCHALE GESCHICHTE DES COACHING
„Ihr seid alle Götter und Söhne des Höchsten.“
Gott
(im Interview mit Pico della Mirandola, 1494)
Die Theorie: Selbstorganisierende Systeme
DIE THEORIE: SELBSTORGANISIERENDE SYSTEME
Coaching bedeutet, einen Menschen oder ein soziales System zu organisieren, bis er oder es sich selbst organisiert. Leute, die mit Teams Ziele definieren und ein Spiel eröffnen, um diese Ziele zu erreichen, sind Coache. Die Triebfeder dafür ist Neugier. Der Beweis, dass diese Art Spiele kein Zeitvertreib, sondern sinn- und erfolgsgebundene Handlungen sind, zeigt die Weltgeschichte, die voll von Coaches ist. Hier nur ein paar davon, die uns gut in den Kram passen.
Am Anfang von allem steht natürlich der Coach aller Coache: Gott, oder wie man ihn nennen mag. Er schuf ein im Universum einzigartiges selbstorganisierendes System voller Energie: Den Planeten Erde. Eine Meisterleistung. Welches in den Galaxien schwebende Stück Geröll kann schon von sich behaupten, sich ständig um die eigene Achse zu drehen und durch eine Atmosphäre für jede Menge Abwechslung (Tag und Nacht, Wasser, Erde, Feuer, Wind und Wetter, Jahreszeiten) und vor allem für das selbstorganisierende System „Leben“ zu sorgen?
Gott war neugierig. Er wollte wissen, wie es mit diesem selbstorganisierenden System weitergeht. Eine ganz besondere Lebensart hat Gott dann kurz vor dem wohlverdienten Wochenende als Sahnehäubchen auf seine Schöpfung gesetzt. Damit es jemanden gibt, der das Ganze auch versteht und ihm auch mal dankbar ist für das, was er geschaffen hat, schuf Gott den Menschen. Präzise gesagt: Mann und Frau, und als selbstorganisierendes Energiesystem den Sex. Chapeau. Durch Reproduktion konnten sich Generationen um Generationen mit der Frage beschäftigen, warum sie auf dieser Erde wandeln und handeln, und wie das Ganze zusammenhängt. Anfangs hatten sie noch ein bisschen Angst, zum Beispiel vor höherer Gewalt. Aber dafür gab es rasch Götter und Mythen, denen Opfer dargebracht wurden, damit sich Gewitter, Sonnenfinsternisse und Lava schnell wieder verziehen. Inzwischen hat man diese Dinge relativ gut im Griff.
Dass die Natur, oder sagen wir die ganze Welt ein selbstorganisierendes System von selbst organisierenden Systemen darstellt, darauf kam man lange nicht, weil die Institutionen für solche Mythen, wie die Kirche, entschieden etwas gegen solche Vermutungen gehabt hätte. Mein Gott, kann man da nur sagen, der Allmächtige ist doch durchaus ein Mann, mit dem man reden kann. Aber die Kirche hatte mehr Interesse daran, dass die Menschlein Angst hatten – damit konnte man seine Macht behalten und durch Ablass und Absolution verdammt viel Geld verdienen. Durch Denker wie Descartes (Slogan: „Ich denke, also bin ich!“), aber auch Wissenschaftler wie Kepler, Galileo, Newton und andere kluge Köpfe kamen allerdings ganze Weltbilder ins Schwanken. Ab 1600 etwa drehte sich zum Beispiel nicht mehr die Sonne um die Erde, sondern die Erde um die Sonne. Als die Wissenschaften wie Astrologie und Mechanik sich immer häufiger mit ihren neuen Weltbildern aufdrängten, oder sich jemand wie Martin Luther mit seinen Thesen den Einzelmenschen in den Vordergrund rückte, wurden sie schnell Märtyrer oder Popstars, und der Klerus musste eine Bastion nach der anderen hergeben. Die Wahrheit setzt sich eben immer durch.
Zugegeben, es hat die Menschheit ein paar Jahre gekostet, bis man auf die wesentlichen Dinge gekommen ist, die zu ihrem Verständnis der Welt beitragen. Und sie ist noch lange nicht am Ziel. Aber Gott ist zuversichtlich, dass jeder Vertreter dieser Spezies es bis nach ganz oben schaffen kann. Um 1500 gab er dem Renaissance-Philosophen Giovanni Pico della Mirandola ein Interview, in dem er die Stellung des Menschen im Kosmos zurechtrückte, nachdem dies in der Bibel offenbar nicht klar herüberkam. Was Gott als Coach besonders auszeichnet – und ihn so sympathisch macht – ist die Tatsache, dass er sein Ziel als erreicht betrachtet, wenn er sich selbst überflüssig gemacht hat: „Du sollst Dich ohne jede Einschränkung und Enge, nach Deinem Ermessen, dem ich Dich anvertraut habe, selber bestimmen. Ich habe Dich in die Mitte der Welt gestellt, damit Du Dich von dort aus bequemer umsehen kannst, was es auf der Welt gibt. Weder haben wir Dich himmlisch noch irdisch geschaffen, damit Du wie Dein eigener, schöpferischer Bildhauer Dich selbst zur Gestalt ausformst, die Du bevorzugst. Du kannst zum Niedrigen, zum Tierischen entarten; Du kannst aber auch zu Höherem, zum Göttlichen wiedergeboren werden, wenn Deine Seele es beschließt.“
Nichts Schlimmeres konnte den Mächtigen aus Rom passieren, als dass die Menschen sich ihrer selbst bewusst werden – oder sogar selbst Karriere bis hin zur Gottwerdung machen können. Aber der Lauf der Geschichte war nicht mehr aufzuhalten – obwohl erst die Aufklärer Englands und Deutschlands den Fundus der Renaissance wieder entdeckten. Ihre stärkste Waffe: Die Freiheit. „Der Mensch wird frei geboren, aber überall liegt er in Ketten“, stellte Jean-Jacques Rousseau fest. Das fand Immanuel Kant in Königsberg so gut, dass er als einzige Dekoration in seinem bescheiden eingerichteten Haus ein Poster von dem französischen Philosophen aufhing. Der andere Coach von Kant war der schottische Denker David Hume. Er war der Meinung, dass man die Moral der Kirche gar nicht braucht, weil sie sich durch die öffentliche Meinung sowieso selbst organisiert: Alles, was ich tue, wird von meinen Mitmenschen gegengecheckt und eventuell korrigiert. Er begründete die deskriptive, die beschreibende Ethik, im Gegensatz zur präskriptiven wie jener der Kirche, die vorschrieb, was zu tun und was zu lassen ist.
Hume war wirklich ein sympathischer Mensch. Kein Wunder: Er hat die Sympathie erfunden. Es ist bei ihm die Fähigkeit, sich selbst an die Stelle anderer zu versetzen. Eine Grundvoraussetzung für Coaching. Durch diese und andere Ideen Humes wurden Kant und seine Neugier wach. Er gab zu, dass Hume ihn „aus meinem dogmatischen Schlummer weckte“. Kants Wake-Up-Call hatte sehr produktive Folgen. Er ging das Projekt Freiheit an. Aufklärung ist in seinen Augen „der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“. Das klappt. Man muss sich nur trauen. Schon ist man frei, selbst zu denken, statt ein unmündiges, also abhängiges Naturwesen zu sein. Der Rest regelt sich von selbst. Die Aufklärer hatten übrigens keine Probleme, solche Entdeckungen auch auf andere Dinge zu übertragen. Hume nannte diesen Vorgang „experimentell“, die Übertragung einer wissenschaftlichen Situation in einen anderen Bereich (er selbst schaute sich das von Isaac Newton ab). In der sich gleichzeitig entfaltenden freien Wirtschaft überträgt der Moralphilosoph Adam Smith, Kollege und Freund Humes, den Gedanken der Selbstorganisation auf die Wirtschaft: Je freier die Wesen handeln, um so größer der Output.
Smiths berühmte „unsichtbare Hand“, führt seitdem zusehends zu allgemeinem Wohlstand und Autonomie jedes Einzelnen. Aber bleiben wir noch einen Augenblick bei Kant, der übrigens keine Ökonomie schrieb, wie es sich damals für einen Philosophen gehörte. Stattdessen schrieb er sehr komplizierte Traktate namens „Kritiken“. Ziemlich am Ende seines Schaffens schrieb er ein Buch, das nur ein Mann schreiben kann, von dem die Zwänge seiner Karriere abfallen: Das vielleicht schönste, wenn auch nicht gerade einfachste Non-Fiction-Werk der Welt: Die „Kritik der Urteilskraft“. Es beginnt mit den Worten: „Man hat, nach transzendentalen Prinzipien, guten Grund, eine subjektive Zweckmäßigkeit der Natur in ihren besonderen Gesetzen, zu der Fasslichkeit für die menschliche Urteilskraft, und der Möglichkeit der Verknüpfung der besonderen Erfahrungen in ein System derselben, anzunehmen.“ (KU 305)
Das klingt etwas verschroben, aber es geht Kant um die Idee, dass die ganze Natur ein geschlossenes System bildet, und dass der Mensch in der Lage ist, dieses System zu knacken. Und nicht nur das: Sobald etwas für ihn oder sie stimmig, organisch, harmonisch wirkt, es schön zu finden. Um es mit den Worten von Samuel Fleischacker zu sagen: „Wahrheit ist Schönheit, und Schönheit Wahrheit. Wenn ich Schönheit in etwas entdecke, dann weiß ich, dass ich einen Platz in dieser Welt habe“. Diese Erscheinungen, „denen man daher den Namen schöner Formen beilegt“ (Kant), kann man überall antreffen, sei es im Hochgebirge, in einem Bild oder in Gestalt einer nackten Frau. Sie machen das Leben neugierig.
Natürlich war Kant vor allem dieser Natur, also Gottes Werk auf der Spur und versuchte nun, mittels der Urteilskraft, also des Selberdenkens statt Erfahrungssammlungen, hinter die „Zweckmäßigkeit“ der Welt zu kommen. Sein Kollege, heimlicher Bewunderer, aber selbst erklärter Kritiker und Nachfolger Hegel fand darin Widersprüche – und diese Widersprüche machte er sich zum Hobby, indem er alles behauptete, negierte, und dann wieder zusammensetzte. Das Hobby hieß „Dialektik“ und kam in seiner „Phänomenologie des Geistes“ dann doch zu der Schlussfolgerung: „Das Wahre ist das Ganze“. Wenn auch nur etwas komplizierter als bei Kant. Aber irgendwie musste man ihn ja toppen. Hegel spielte sich dann auch ganz schön als Coach auf, aber dazu kommen wir später. Kants „neue Kausalität“ (KU 307) und die Rede vom „Ganzen“ wurde im 20. Jahrhundert gerne aufgenommen, als Kybernetiker und Esoteriker sich anschickten, ein neues Weltbild zu kreieren, in dem quasi alles sorgfältig aufeinander abgestimmt ist. Bei den Esoterikern wurde Mutter Erde in der so genannten „Gaia-Hypothese“ geehrt, die das Gedankengut von den ganz frühen Griechen zurückkam, die die Erde selbst als ihre Mutter betrachteten. Daraus folgte nicht lange darauf der Holismus, der nicht ganz so hohl ist, wie er inzwischen mit dem Wort „ganzheitlich“ etikettiert ist. Dann trafen sich nach dem Zweiten Weltkrieg einige sehr schlaue Leute in New York – was als die „Macy-Konferenzen“ in die Wissenschaftsgeschichte einging. Vor allem Norbert Wiener beeindruckte seine Zuhörer mit seiner Wortschöpfung „Kybernetik“, die er vom griechischen Wort für „Steuermann“ entlehnte, seiner Definition als „Regelung und Kommunikation im Lebewesen und in der Maschine“ und mit anderen Worten der Idee, dass der Begriff der „wechselseitigen Kausalität“ – der auch bei Kant stehen könnte, der hier eben in der Kybernetik steht – durchaus in den Gesellschaftswissenschaften anwendbar ist. Dies war der Auftakt des „systemischen Denkens“, das der experimentellen Methode von David Hume nicht unähnlich ist. Aus diesem Ansatz, den Fundus von Systemen aus den verschiedensten Wissenschaften in andere Bereiche zu übertragen, entstanden viele andere grenzüberschreitende Wissenschaften, die die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts prägten, sei es mit Wieners Informationstheorie, der digitalen Form der Kybernetik in Gestalt von John Neumanns Computer, die systemische Familientherapie von Macy-Teilnehmer Gregory Bateson, „der erste erfolgreiche Versuch in der Wissenschaft, die kartesianische Trennung von Geist und Körper zu überwinden.“ (Capra 1996:71) Oder die Kommunikationstheorie seines Schülers Paul Watzlawick, die sich endlich nicht mehr auf einen Sender und einen Empfänger beschränkt, sondern auch auf die Botschaft, das Verstehen, das Feedback, den Inhalt des Gesagten und die Herstellung einer Beziehung in einer Kommunikation. Um nur einige Beispiele zu nennen, auf die wir in der Praxis an entsprechender Stelle ausführlicher zu sprechen kommen. Flugs erkannte man rückblickend mehrere solcher selbstorganisierender Modelle in Systemen der Wirtschaft, der Ethik, der Politik: Neben erwähnter „unsichtbarer Hand“ Adam Smiths, die die Wirtschaft regelt, auch dessen Ethik in der Allegorie des „unparteiischen Zuschauers“, der für eine gesunde Moral allein dadurch sorgt, dass er in unserem Kopf sitzt und die öffentliche Meinung über unser Tun und Lassen repräsentiert – so dass wir immer sehr genau wissen, ob es gut oder schlecht ist, was wir gerade tun. Auch Hegels Dialektik funktioniert wunderbar von selbst, auch wenn er in seiner „Phänomenologie des Geistes“ mit der Zeit dabei etwas abdreht. Hegel war der Coach von zwei Herren, die ein paar Jahre später daraus ein neues, selbstorganisierendes Weltmodell erstellten. Marx’ und Engels’ Modell von These und Antithese stammt aus dieser Technik, das sich 150 Jahre nach ihrer gesellschaftlichen Realisierung als Trugschluss herausstellt: Denn wer die Dialektik beherrscht, beherrscht alles. Nach dem Fall der Sowjetunion und der Berliner Mauer geisterte das typische Karl Marx-Gesicht mit Rauschebart und einer Sprechblase umher: „Sorry, war nur so eine Idee“. Die geschickte Organisation der Ausgleichung der gesellschaftlichen Mächte gelang wesentlich besser in dem System der „checks and balances“ in der Amerikanischen Verfassung. Kurzum: Alles ist System – wenn es funktioniert. Und wenn es denn funktioniert, ist das nicht einem einzelnen zu verdanken, der die Hebel immer wieder in Gang setzt (wie Gott einmal am Anfang), sondern ihrer Selbstorganisation. In dem Wort „Organisation“ steckt ja das Wort „Organ“, und wir überlassen es gerne den Systemtheoretikern, herauszufinden, wie es um die Rückkopplungsschleifen und die interaktiven Beziehungen bestellt ist, die diese Selbstorganisation auf Trab bringen. Wir kümmern uns besser ums Coaching und überlegen, wie im modernen Unternehmertum Coaching funktioniert. Speziell um die Frage: Wie bringt ein Coach es fertig, ein menschliches System wie ein Individuum, ein Team oder ein Unternehmen von selbst ins Laufen zu bringen (also auch ohne Antreiben, Drohen, künstlich Motivieren)?
Die Praxis: Geschichte des Coaching
DIE PRAXIS: GESCHICHTE DES COACHING
Gott blieb während der ganzen Zeit im Hintergrund und beobachtete, wie man sich da unten die Welt erklärte, sei es nun auf der Agora im antiken Athen oder in einem Hotel in Manhattan im 20. Jahrhundert. Man sollte sich ja auch kein Bild von ihm machen. Aber man kann ihn jederzeit anrufen. Er ist ein hervorragender Gesprächspartner. Er hört geduldig zu und hat immer die richtige Antwort. Die Telefonzelle mit dem heißen Draht nach oben steht in Ihrem Kopf: Das „Denken“. Plato den nannte das Denken den „schweigenden Dialog der Seele mit sich selbst“. Das ist eine Art Selbst-Coaching, das besonders in der Moral Karriere machte. Wir alle kennen unsere innere Stimme, die uns ab und zu ein Gespräch aufzwingt. Vor allem, wenn wir etwas entscheiden müssen, oder wenn wir drauf und dran sind, Mist zu bauen, meldet sie sich. Irgendwie scheint sie sehr vertraulich, wenn auch sehr bestimmend zu sein. Sie duzt uns sogar. Wenn wir dann richtig Mist gebaut haben, kommt sie mit mächtiger Stimme. In der Aufklärung nannte man sie „Gewissen“, der „innere Gerichtshof“ (Kant) und im Prinzip der Grundstein der Religion. So lange die Sache persönlich bleibt, ist das Denken oder diese Art des Denkens ein gutes Instrument zur moralischen Menschwerdung.
Dass Denken jede Menge Licht in eine Sache bringen kann, bewies Platon mit seiner berühmtesten Geschichte: Dem Höhlengleichnis. Da sitzen mehrere Menschen in einer Höhle und sehen im Feuerschein ständig Schatten von Menschen an der Wand entlanglaufen – die sie allerdings für richtige Menschen halten. Als dann mal jemand das Gatter auflässt und diese Menschen ans Tageslicht stolpern, merken sie, von der Sonne geblendet, dass sie immer einer Illusion aufgesessen sind. Diese Menschen sind wir, der Prozess heißt „Bildung der Idee“. Und ganz schlimm wird es, wenn diese Menschen Durst bekommen und auf dem Wasserspiegel eines Sees ihr eigenes Gesicht sehen – das heißt „Selbsterkenntnis“, ist aber heilsam. Platon, der alte Geschichtenerzähler, hatte noch weit mehr auf dem Kasten. Im Prinzip hat er seine ganze Philosophie als Coaching begriffen, denn er notiert nur Dialoge von einem berühmten Zeitgenossen. His master’s voice: Der große Sokrates. Dieser rauschbärtige Mann, der sich ständig auf dem Marktplatz oder bei Knaben herumtrieb, wenn er sich nicht gerade zum Stimmtraining am Meer das Maul mit Steinen vollstopfte und gegen die Brandung anbrüllte oder sich von seiner Frau Xantippe nerven ließ, kann ohne weiteres als erster Coach der Menschheitsgeschichte durchgehen (Ach herrje! Der erste Coach gleich ein Homosexueller!). Sokrates hatte eine furchtbare Angewohnheit: Reden und Fragen, im Prinzip also der nach außen gekehrte „schweigende Dialog mit sich selbst“. Dann behauptete er auch noch, dass er eigentlich nichts wisse, so dass er sich alles Mögliche von anderen erklären ließ – vor allen Leuten. Das war peinlich. Vor allem, weil seine Gesprächspartner dann oft Dinge sagten, die sie gar nicht sagen wollten – aber die mit der Zeit einfach aus ihnen herauskamen. Sokrates nannte diese Methode „Mäeutik“ – Hebammenkunst. Er brachte die Gedanken und Ideen über alle möglichen Erscheinungen im Kosmos einfach aus den anderen heraus – durch Reden, Reden, Reden. Seitdem ist die Philosophie ein Angebot zum Gespräch, eine Art Geburtshilfe, die das eigene Denken hervorbringt, eine Möglichkeit, das Leben besser zu verstehen: Coaching. Platon selbst war übrigens ein brillanter Schreiber, aber ein mieser Coach. Seine Kriegsbegeisterung übertrug er dummerweise auf den Machthaber Athens in seiner Funktion als dessen Berater. Dann kam er auf den originellen Gedanken, dass eigentlich nur Philosophen als Könige in Frage kämen, und dachte da mit Sicherheit an sich selbst. Als erstes hätte er dann die Künstler aus der Stadt getrieben, weil sie nach seiner Ansicht dort gar nichts zu suchen hätten. Aber dazu ist es glücklicherweise gar nicht gekommen. Sokrates wurde allerdings auf Dauer so nervig, dass man ihm den Schierlingsbecher überreichte, was eine besondere Ehre war. Ein ehrenhafter Grieche sah so aus, dass er nicht umgebracht wurde, sondern selbst die Gelegenheit bekam, sich zu vergiften, um damit seine Schuld einzugestehen. Das ist großes Coaching: Jemanden zu stimulieren, an sich selbst zu arbeiten. In der Weltgeschichte des Abendlandes gab es statt Coaching meistens Krieg. Das Modell von Herrschern und Heldentaten ist jedoch wenig geeignet für Coache. Es birgt den gleichen Trugschluss wie im Modell „Vision und Motivation“: Ist das Leitbild einmal geschaffen, müssen alle hinterher rennen. Und, tut uns leid, da wären wir eigentlich auch schon wieder bei Immanuel Kant. Schließlich können frei urteilende und selbst denkende Menschen nicht auf so etwas hereinfallen. Und genau, wie er schon als junger Mann seine Weltentstehungslehre in der „Allgemeinen Naturgeschichte und Theorie des Himmels“ (1755) frech behauptet, die Welt wäre auch ohne das Wirken Gottes entstanden – wenn auch nicht ohne seine Weisheit – stellt er dann auch noch klar, dass eigentlich alles um einen herum nur „Ding an sich“ ist und gar nicht interessant, solange es keine denkenden Wesen gibt, um die sich diese Dinge kreisen und die sie erkennen. Das klingt ein wenig anders als all die mechanistischen Weltbilder, die seit Descartes’ Leib-Seele-Trennung herumschwirren. Seit den Fortschrittstheorien von Francis Bacon und Condorcet ist das Denken nämlich in den Dienst der Wissenschaften gerückt, und hat selbst sozusagen nichts mehr zu sagen. Kant dagegen, ganz forsch, zermalmt diese ganzen Weltbilder mit einem allmächtigen Coaching-Tool: der Vernunft. Den Rationalismus und alle auf Erfahrung basierenden Erkenntnisse macht er mit einem Schlag fertig, als er zeigt, dass schon die menschliche sinnliche Anschauung eine eigene, ursprüngliche Erkenntnisquelle darstellt. Das ist praktisch. Durch das eigene Denken muss man nicht jeden Morgen erneut beweisen, dass die Sonne aufgeht – sondern durch die spontane, verknüpfende Leistung des Verstandes ist es möglich, dahinter eine gewisse Kausalität zu erkennen, die solche Dinge in Raum und Zeit anordnen. Das ist eine „Revolution“ des Denkens! Nicht die Natur schreibt uns die Gesetze vor, sondern umgekehrt – wir beschreiben sie! Damit sind wir der Mittelpunkt, und das Licht der Aufklärung erstrahlt. Kant coachte uns alle.
Das Schönste von der Welt
DAS SCHÖNSTE VON DER WELT
Kants „Vernunft“ lotet die verborgenen Prinzipien unseres Denkens und Handelns aus – und das in sehr schweren, dicken Büchern. Sie denkt alles, reguliert alles, und gelangt zu den fundamentalsten Prinzipien unseres Tuns und Treibens. Er hat so eine Menge Prinzipien geborgen, die die Grundlage alles Lebens bilden: Etwa der Kategorische Imperativ, das Gesetz der Gesetze („Handle so, das die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne“): Die Leitlinie von Vorhaben und Handlungen soll so allgemein gelten können, dass sie von jeder Person als ein vernünftiges Gesetz akzeptiert werden kann. Diese Gesetze gibt sich „der Mensch“ also auch noch selber, und das ist die Definition von Freiheit: genial. Freiheit ist also die Pflicht, der wir uns nicht entziehen können. Viele haben das bis heute nicht kapiert. Zum Beispiel Diktatoren und Ideologen, die anderen Menschen ihren Willen aufzwingen wollen.
Wir müssen uns aber auf Kants Coaching-Prinzip beschränken. In seiner schon erwähnten Ästhetik geht es um das Urteilen, die menschliche Fähigkeit, selbst zu reflektieren und zu entscheiden. Wie es so seine Art ist, sucht er auch hier nach den Prinzipien – wenn er sie nicht schon gefunden hat. Man findet sie im §40 dieser „Kritik der Urteilskraft“:
1. „Selbstdenken;
2. an der Stelle jedes anderen denken;
3. jederzeit mit sich selbst einstimmig denken“ (AA V:294)
Mit anderen Worten: Sich in die Situation anderer versetzen, und dadurch herausfinden, wie es um die Wahrheit bestellt ist. Ein fundamentales Coaching-Prinzip. Wahrheiten verkünden bedeutet nichts anderes, als Ideologien zu verkaufen. Aber in die Herzen anderer zu schauen und mit sich einstimmig zu machen, ist für Experten „das Schönste auf der Welt“ (Ernst Vollrath), und für Coache elementar. Allerdings ist dies auch eine hohe Kunst. Durch das Sich-In-Die-Situation-Anderer-Versetzen weiß man, wie sich alle anderen fühlen, wie ihre Meinung zu einer Sache ist, und wie die allgemeine Stimmung ist. Durch diese „allgemeine Stimme“ findet man zu einem Grundkonsens, auf dem man aufbauen kann – zum Beispiel ein Team. Diese „wechselseitige subjektive Übereinstimmung“ führt nicht zu einer höheren Wahrheit, aber zu einer einstimmigen, wie wir heute sagen würden „Gruppendynamik“. So entstehen Regeln, denn „ästhetische Urteilskraft ist also ein besonderes Vermögen, Dinge nach einer Regel, aber nicht nach Begriffen zu beurteilen“, wie Kant sagt – und dadurch, dass das Gefühl entscheidet (AA V:194). Denn „nur da, wo die Einbildungskraft in ihrer Freiheit den Verstand erweckt, und dieser ohne Begriffe (d.h. ohne vorgegebene Schemata, d.A.) die Einbildungskraft in ein regelmäßiges Spiel versetzt; da teilt sich die Vorstellung nicht als Gedanke, sondern als inneres Gefühl (...) mit.“ (AA 296) Um es in „coaching terms“ auszudrücken: In die Herzen schauen. Die gemeinsamen Nenner in Form der „Stimmung“ suchen. Spiele und Ziele definieren. Und die Regeln aufstellen. Das ist es, worum sich Coaching dreht: Die Erfahrung, die Methode und das Regelwerk.
Kants „Urteilen“ funktioniert also nach dem gleichen Prinzip wie Coaching: Es geht nicht darum, der Weisheit letzten Schluss zu finden, sondern eine grundsätzliche Regelung, die von allen gemeinsam vom „inneren Gefühl“ (Kant) getragen wird: Ein Ziel. Dieses Ziel ist also nichts anderes als der Ausdruck des kleinsten gemeinsamen Nenners im Team mit der größten Dynamik, ein Spiel mit einem Ziel. Ein Spiel ist das (freiwillige) Zusammentreffen verschiedener Menschen unter bestimmten Regeln. Die Regeln werden gemeinsam festgelegt, um dann für alle zu gelten. Der wichtigste Unterschied dabei liegt darin, dass diese Regeln nicht vorgegeben werden können. Es ergibt sich nur aus dem jeweiligen Team, wie sie miteinander spielen. Deswegen ist jedes Team anders aufgestellt. Um diese Methoden zu erlernen, öffnen wir nun unsere Büchse der Pandora und geben Ihnen die Werkzeuge an die Hand.
PART 2 PRAXIS 12 SCHRITTE VON MANAGEMENT ZU LEADERSHIP 100 COACHING-TOOLS
4. GRUNDLAGEN
4. GRUNDLAGEN
„Die Menschen suchen nicht nach dem Sinn des Lebens, sondern nach dem Gefühl, lebendig zu sein.“
„What people seek is not the meaning of life, but the feeling of being alive.“
Joseph Campbell
Der Auslöser: Was ist Neugier?
DER AUSLÖSER: WAS IST NEUGIER?
Sie sind bis hierher gekommen? Danke für das Kompliment, offenbar langweilen wir Sie nicht. Auf jeden Fall sind Sie neugierig. Der Begriff der „curiositas“ bedeutet Neugier oder Neugierde und umfasst ein ganzes Spektrum menschlicher Wissensansprüche, Erkenntnisinteressen und Erfahrungsbedürfnisse. Bereits seit der Antike wird sie sehr unterschiedlich ausgelegt. Der frühmittelalterliche Denker Augustinus definierte Neugier als sinnenhafte Selbstentäußerung des Menschen und belegt ihn mit dem Verdikt der Weltverfallenheit und Augenlust („concupiscentia oculorum“). Thomas von Aquin und die spätmittelalterlichen Philosophen entschärfen den Begriff und deuten ihn mehrfach um. Diese Kirchenphilosophen taten sich mit jeder Art von Gier schwer, sei es die sexuelle oder auch die finanzielle. Deshalb war auch die Neugier tendenziell etwas Sündhaftes.
Aber in der frühen Neuzeit wird die „curiositas“ zu einem regelrechten Leitbegriff für eine selbstbestimmte Emanzipation des Menschen aus theologisch fundierten Denk- und Lebensordnungen. Der Prozess der Umbesetzung des „curiositas“-Begriffes ist der gestiegenen Geltung der Wissenschaften wie der Künste zu verdanken. Der menschliche Wissensdrang wird im Zuge der aufkommenden Naturphilosophie ebenfalls als etwas Natürliches betrachtet. Ästhetische Erfahrungsweisen und die Entdeckung von uns selbst als „selbstdenkende Wesen“ (Kant) in der Aufklärung sind die Türöffner für unser kognitives Potenzial, das bis in die frühe Neuzeit nur den Mitarbeitern der Kirche und des Staates vorbehalten war. Seit Descartes aber heißt es: „Cogito, ergo sum“, und die Neugier macht vor nichts Halt. Neugier ist die Basis des positiven Lernens. Wir haben den Lernprozess fast ausnahmslos als mühsame und schmerzhafte Angelegenheit kennen gelernt. Was in der Schule vermittelt wurde, war für uns meistens etwas Neues.
Aber die Art und Weise der Vermittlung, inklusive Benotung und Bestrafung, hat unsere Neugier schnell abgetötet oder in eine Art Wachkoma versetzt. Vor allem in Fächern, die uns einfach nicht interessierten. An der Universität, wo wir unsere Fächer selbst wählen, kann es dann eher geschehen, dass ein bestimmtes Thema den Forscher in uns weckt. Dann wird ein Wissensdrang entfaltet, der manchmal unstillbar bleibt – vor allem angesichts der unendlichen Weite der wissenschaftlichen Literatur, die man ein Leben lang studieren kann. Neugier kann aber auch in ganz anderen Dingen geweckt werden. Dann handelt es sich um Interesse. Es gibt in jedem Menschen etwas, das in ständig bewegt, mit dem er sich permanent beschäftigt, das den Sinn seines Lebens ausmacht – und worin er ein absoluter Experte, der bestes seines Faches ist. Das Schöne daran: Es fällt ihm auch noch leicht.
Wenn er sich in seinem thematischen Element bewegt, fallen ihm die Dinge zu. Andere Leute werden auf diese Kompetenz aufmerksam, allein, weil er durch seine Neugier so viel Begeisterung ausstrahlt. Das macht ihn glaubwürdig. Ob man aufgrund dieser Fähigkeit nun ein hervorragender Schreiner, ein brillanter Wissenschaftler oder ein Popstar wird: Das, was „in uns“ steckt, macht unser Leben reich und uns selbst erfolgreich. Diesen ungeschliffenen Rohdiamanten in anderen Menschen zu finden, ist die Sage-Methode. Wenn Sie die Neugier eines Menschen wecken, sind Sie gerade dabei, ihn zu coachen. Denn da ist jemand, der das Gefühl hat, einen Gewinn von dem zu haben, was Sie sagen. Diese Qualität lässt sich trainieren. Wenn Sie sie einmal beherrschen, wird Ihre Gesprächsführung um ein Vielfaches effektiver sein.
Neugier zu erwecken und zu entwickeln, ist eine Geheimwaffe. Wenn man umgekehrt Neugier ausstrahlt, werden auch andere neugierig auf Sie. Sie werden ihnen folgen, weil sie neugierig sind, welchen Kurs Sie als nächstes einschlagen. Deshalb ist Neugier auch eine der Schlüsselqualifikationen zum Erfolg. Jeder, der ein Leader werden will, kann die Kunst lernen, Neugier zu verbreiten. Erst müssen wir allerdings lernen, wie Neugier entsteht. Neugier ist eine höchst zerbrechliche Qualität.
Nach tausenden von Interviews wissen wir, dass Neugier im Kern darin besteht, durch unerwartetes Handeln neugierig zu bleiben. Neugier bedeutet, sich selbst überraschen zu können. Etwas zu tun, das Sie nicht von sich erwartet hätten. Alice Coltrane sagte über ihren Mann, den überragenden Musiker John Coltrane: „Er konnte sich ständig selbst überraschen“. Jazzmusiker improvisieren. Sie spielen so rasend schnell, dass ein analytischer Verstand gar nicht in der Lage wäre, so viele Noten hintereinander zu setzen – was so genannte „ernste“ (!) Musiker, die meistens nur von Notenblättern spielen können, immer zur Verzweiflung bringt. Leonard Bernstein hat dieses Experiment einmal vollzogen – er stellte ein ganzes Orchester vor die Aufgabe, frei zu improvisieren, was nicht nur zu Chaos, sondern zu massivem Protest führte. Jazzmusiker folgen ihrer Neugier. Der Bebop-Titan Charlie Parker sagte einmal: „Erst lernst Du die ganzen Harmonien und Regeln, und dann vergisst Du den ganzen Mist und spielst einfach drauflos“. Und er spielte, als würde er die Noten wie Perlen hintereinander auf einem Faden aufschnüren. Der Trompeter Miles Davis machte das gleiche wie Parker, nur innerhalb der Harmonien: Seine modale Spielweise gab ein Grundschema vor, auf dem sich die Musiker anderen Akkorde und Skalen suchen und auf diese Weise immer weiter fortbewegen. John Coltrane war der Mystiker, der Mann, der immer spielte, als würde Gott ihm die Töne einhauchen.
Aber das „Absondern“ von Unerwartetem, wie es der Philosoph Herder genannt hatte, ist nicht nur Sache von Jazzmusikern, sondern die ureigene Qualität eines jeden Menschen. In ihrer höchsten Form sind erfolgreiche Menschen – Leute wie Pablo Picasso, Alfred Einstein, Bill Gates, Steve Jobs, Forscher, Künstler, Industrielle – einfach neugierig, was als nächstes aus ihnen herauskommt.
Im Seminar praktizieren wir eine Übung, in der wir simpel danach fragen, was Neugier ist. Dann kommen die unterschiedlichsten Antworten. „Wenn man etwas Bestimmtes wissen will?“ fragt einer. „Nach Antworten suchen“, ein anderer. Wir warten geduldig. Die Luft brennt, je mehr die Teilnehmer beginnen, sich in ihre Mutmaßungen hineinzusteigern. Dann fragen wir die Gruppe: „Was passiert hier gerade?“ Alle schauen einen Moment verwirrt, dann schreien alle unisono: „Wir sind neugierig!“ Richtig.
Die Definition lautet: Neugier ist Wunsch ohne Zusatz. Dann wird es ganz ruhig. Die Spannung nimmt ab. Und mit ihr die Neugier. Wer sich jetzt fragt, wie man neugierig werden kann, ist auf dem richtigen Weg. Man muss etwas tun, das man von sich selbst nicht erwartet hätte. „Aber wenn ich etwas beginne, weiß ich doch schon, was ich tun werde, und das ist nicht gerade überraschend“, werden Sie sagen. Vollkommen richtig. Aber wenn Sie etwas anfangen, das niemand erwartet, ist es unvermeidlich, dass auch alles, was darauf folgt, unerwartet sein wird. Legen Sie einmal Ihre Hände übereinander. Fühlen Sie Ihre Hände. Jetzt lassen Sie Ihre Hände von jemand anderem berühren. Wetten, da ist ein Unterschied? Selbstverständlich. Sie selbst handeln intentional. Jemand anderes wirkt dagegen wie Elektrizität. Alles, was er/sie tut, können Sie nicht berechnen. Wenn jemand Sie berührt, ist das eine Überraschung. Sie können nicht berechnen, was als nächstes passiert. Wäre auch noch schöner, denn sonst gäbe es so etwas wie Liebe nicht.
Übrigens: Liebe ist die höchste Form menschlicher Energie, und ein guter Maßstab für Neugier. An ihr können Sie messen, welche Energien freigesetzt werden können. Ganze Königreiche sind aufs Spiel gesetzt worden – aus Liebe. Sie werden am besten wissen, wozu man in der Lage ist, wenn man liebt, und was man aus Liebe alles tun kann. Liebe ist bedingungslos, überraschend, über sich selbst hinausgehend – Neugier.
Etwas profaner ausgedrückt: Man handelt immer auf einem gewissen Energielevel. Wenn man berechnen kann, was als nächstes passiert, herrschen Langeweile und Routine. Viele Dinge in unserem Alltag ist vorgetäuschte Überraschung, und nichts als Reizüberflutung. Wir bleiben am Fernsehen kleben, weil wir in der ganzen klebrigen Masse an Information und Unterhaltung immer auf die große Überraschung hoffen. Wir erleben selten genug sinnlichen Reiz, aber ständig Reizüberflutung. Wir haben alles schon einmal gehört oder gesehen. Wir wissen alles, und jede zweite Information ist doch schon von gestern. „Kenn’ ich, weiß ich“, ist das Mantra unseres Alltags.
Der Job des Coaches besteht darin, selbst in abgestumpften und zynischen Leuten wieder ihre Neugier zu erzeugen – immer vorausgesetzt, sie sind dazu bereit. Wenn einem eine nahe stehende Person mitteilt, sie fühle sich so ausgebrannt und gelangweilt mit ihrem Leben, fühlt man sich als Nicht-Coach schnell überfordert. Wenn man in ihnen die Neugier wecken kann, schenken Sie ihnen etwas Unbezahlbares. Sie können ihnen etwas zurückholen, was in ihnen abgestorben war – möglicherweise was sie als einziges hat gerne lernen und erfahren lassen.
Wie viel würde man wohl dafür bezahlen, wenn man sich wieder jung und lebendig fühlt und mit dem, womit man sich beschäftigt? Millionen und Abermillionen. Wer diese Leistung erbringen kann, ist ein Coach.
Der Begriff: Was ist ein Coach?
DER BEGRIFF: WAS IST EIN COACH?
Der Kern der Sage-Learning-Methode ist nicht das Trainieren der Menschen, sondern das Hervorbringen und Trainieren der Neugier der Menschen. Mit Kant teilen wir die Grundüberzeugung, dass jeder Mensch ein „Zweck an sich“ ist, der ein einzigartiges Talent in sich birgt, das hervorgebracht und dann trainiert werden kann. „Zweck“ bedeutet „Ziel“.
Dieses Ziel zu erkennen und zu verfolgen, ist der Sinn unseres Lebens. Wenn wir es nicht tun, werden wir nicht glücklich. Wenn wir es tun, sind wir schon auf dem Weg dorthin zufrieden. Neugierde ist der wesentliche Faktor der Zielerkennung und –verfolgung. Coaches bringen diese Neugier in anderen hervor. Sie gebieren übrigens immer andere „Neugierden“, je nachdem, in welchem persönlichen Stadium man sich befindet. Sonst wollten wir alle immer noch Tankwart, Lokomotivführer oder Kindergärtnerin werden. Tatsächlich aber ist es vielleicht so, dass Sie Ihre Neugier kennen und zum Teil bereits erfüllt haben. Dann kommt wieder Langeweile auf – ein Zeichen, dass eine neue Neugier Sie wieder wecken muss.
Die Ziele, die wir im Training verfolgen, sind keine Umsatzziele und auch keine „Selbstverwirklichungsziele“. „Zweck an sich“ bedeutet nicht, dass jede Person ein Selbstzweck ist, sondern 1. ein zu respektierender Mensch mit einer ihm innewohnende „Würde“, der deshalb als „Person“ wahrgenommen wird und niemals von anderen als „Mittel zum Zweck“ eingesetzt werden darf. Und 2., dass dieser Zweck bei jedem Menschen verschieden ist, also bei jedem Menschen individuell erkannt werden muss. Diesen Zweck, dieses Ziel zu erkennen, zu verfolgen und zu erreichen, dient die zeitliche Spanne, die wir „Leben“ nennen. Es gibt also viel zu tun.
So viel zur unsäglichen Sinn-Des-Lebens-Diskussion, die viele Menschen nur in ihrem persönlichen Wachstum aufhalten und über Abertausenden von Milchkaffees, Rotweinflaschen und selbstgedrehten Zigaretten ihren Narzissmus nähren, und bei dem sie in ihrer Verkennung dann gerade einmal etwas „Kreatives“ wie eine Makramée-Arbeit auf die Reihe bekommen, eine Galerie in der Vorstadt eröffnen oder einfach abdrehen und unter philosophischen Vorzeichen am Strand von Goa eine Menge Sex haben. Wer meint, seinen Zweck selbst bestimmen zu können und sich bei guten Freunden die Bestätigung abholt, bitte. Das Gequatsche der letzten zwanzig Jahre von „Individuum“, „Selbstverwirklichung“ und „Lebenssinn“ kommt über die Dynamik eines Kirchentags nicht hinaus und hat uns sehr viel Zeit gekostet. Es verleugnet ein paar wesentliche Tatsachen. Zum Beispiel, dass es nicht nur „des Menschen“, sondern „der Menschen“ braucht, um sich zu erkennen. Dass es nicht um Sie allein geht, wenn es um Ihre Entwicklung geht. Und dass Geld und Erfolg eben doch eine deutliche Sprache sprechen. Wer dies verleugnet – wie es unter Intellektuellen, Vulgärmarxisten und anderen Theoretikern immer noch der Fall ist – findet sich dummerweise schnell am unteren Ende der sozialen Skala.
Wer wissen will, in welchem Bereich er wirklich brilliert, wo er Talent und Freude hat, wo er/sie andere überraschen und begeistern kann, und deswegen einen Haufen Geld verdient – der nehme sich einen Coach.
Ein Coach ist das Gegenteil von jemandem, der Sie in Ihren Ansichten und Mutmaßungen über sich selbst unterstützt. Er ist kein Psychologe, der Sie mit Ihrer Vergangenheit konfrontiert oder Ihnen „Lösungen“ auf Ihre „Probleme“ bietet. Coache analysieren nicht. Ein Coach, der eine vermeintlich kindliche Neugier in Ihnen weckt, ist jemand, der die Neugier für etwas weckt.
Er zeigt Ihnen das Medium auf, in dem Sie brillieren. Den Rest erledigen Sie selbst. Denn es fällt Ihnen leicht, in diesem Medium eine Arbeit zu leisten, die für die meisten anderen eine schwere Last wäre. Ihre Begeisterung und Ihr Können bleibt von anderen nicht unbemerkt, und deshalb wird es eine Menge Leute geben, die dafür bezahlen, wenn Sie sie partizipieren lassen. Später wird man sich vielleicht anders entwickeln. Viele wechseln das Medium, weil sie merken, dass sie hier am Ende sind und dort eine Menge Spaß haben. Andere verwirklichen endgültig ihren Lebenstraum. Und wiederum andere werden selbst Coaches. Sie setzen sich in ihrem Medium an eine andere Position. Jungcoaches gibt es selten. Das Potenzial von Coaches ist ihre Erfahrung – und ihre nachhaltige Energie in dem Bereich.
Das beste Beispiel geben diejenigen Coaches, die dem Job ihren Namen geben: Die meisten Trainer waren früher Spieler, die aus rein physischen Gründen irgendwann aufhören müssen. Dann gehen sie an eine Sporthochschule und machen den Trainerschein. Viele von ihnen hören dort zum ersten Mal Dinge über rein menschliche Angelegenheiten: Teamführung beruht schließlich auf Psychologie und Sozialkompetenz.
Deshalb sind die besten Trainer nicht unbedingt die besten Fußballspieler, sondern diejenigen mit der besten Menschenkenntnis und dem größten Einfühlungsvermögen. Sie setzen ja nicht die Ziele, die erreicht werden müssen, sondern schweißen ein Team zusammen, das diese Ziele erreicht. Ottmar Hitzfeld, ehemaliger Trainer der mehrfachen Deutschen Meister Borussia Dortmund und Bayern München ist sicherlich einer der erfolgreichsten Fußballtrainer der Welt – und war ein zweitklassiger Fußballspieler, der es nicht weit brachte. Lothar Matthäus – einer der genialsten Liberos seiner Zeit, über dessen mangelnde Sozialkompetenz als Trainer die ganze Welt lacht. Die deutschen Bundestrainer Jürgen Klinsmann und Oliver Bierhoff haben das amerikanische Coaching-Prinzip importiert, das die Spieler in verschiedenen Bereichen trainiert, inklusive Mental-, Sprech- und Medientraining. Ach ja, wo wir bei Amerika sind: Was antwortet Phil Jackson, erfolgreichster Trainer der NBL, auf die Frage, womit er es schafft, seine millionenschweren Spieler namens Shaquil O’Neill oder Michael Jordan weiter zu Höchstleistungen anzutreiben? „Mit Neugier“. Achtung, da kommt ein Ball auf Sie zu! Sie haben keine andere Chance, als aufzuwachen und zu versuchen, ihn zu fangen. Es bleibt keine Zeit, nachzudenken. Sie fangen den Ball und wundern sich, dass sie so gut fangen können.
So funktioniert Coaching. Ein Coach jagt Sie über die Hindernisse, die Sie sich selbst gestellt haben, durch all Ihre Probleme und verkrusteten Schichten der schlechten Erfahrungen, durch all Ihre Vorstellungen vom Leben, Ihre Ideen und Begründungen – um Sie einfach zum Handeln zu zwingen.
Coaching ist handlungsorientierte Betreuung: Man wird aus dem Kopf in die Aktion gejagt. Man verliert seine Ängste, Bedenken, falschen Vorstellungen. Und seine Rückzugsmöglichkeiten. Ein Coach fragt Sie, was Sie machen würden, wenn Sie doch nur könnten. Dann zeigt er Ihnen, dass Sie es können. Dann sind Sie dran...
Täglich sehen wir Tausende von Menschen um uns herum. Ganz selten sehen wir uns selbst. Die eigene Person mit ihren Zielen und Möglichkeiten ist oft der Wald, den wir vor lauter Bäumen nicht sehen können. Coache und Mentoren können Dinge in anderen entdecken, die diese vielleicht für möglich, aber nie für wirklich halten. Sie betrachten ihre Schützlinge, wie diese noch nie vorher betrachtet wurden. Sie sind immer auf der Suche nach der Wahrheit: Was sie inspiriert. Sie müssen über hundert Arten und Weisen verfügen, eine Frage wie „Was ist es, was Sie wirklich wollen?“ zu formulieren.
Zum Beispiel „Was könnte Ihre nächste Herausforderung sein?“, oder „Wie sieht Ihre Karriere aus?“ Wenn darauf eine prompte Antwort kommt: „Und wie...?“, „Was dann...?“ Man muss so lange bohren, bis der Coachee über seine eigenen Antworten erstaunt ist. Dann erwacht die Inspiration: die Gier nach dem Neuen in sich.
Coache müssen penetrant sein. Denn für viele Fragen liegen einfache Antworten auf der Hand. Was wird wohl als erstes auf die Frage kommen, was man erreichen will? Genau: „Ich will einmal reich sein.“ Der Coach fragt am besten sofort: „Na gut, und danach?“
Das wird den Patienten vermutlich in Staunen versetzen. Jeder andere würde es wahrscheinlich bei solcherlei oberflächlichen Antworten belassen. Sie sind nicht falsch, aber bei weitem nicht erschöpfend. In einem Seminar fragten wir einmal einen 21jährigen Menschen nach seinen Wünschen, und es kam genau diese Antwort: „Ich will eine eigene Insel besitzen, eine Menge Autos und 800 Milliarden Dollar!“ Einen Augenschlag weiter fragten wir: „Okay, und was dann?“ Der Mann war für einige Minuten vollkommen irritiert. Schließlich meinte er nachdenklich: „Vermutlich würde ich mir eine Kugel durch den Kopf jagen“. Viele unserer vermeintlichen Ziele sind nicht inspirierend. Reich sein heißt vielleicht frei sein, aber das ewige Streben nach Glück ist eben nur ein Streben, wie Voltaire schon bemerkt hat. Reichtum ist eine Lebensform, aber kein Lebensinhalt. Das sieht man sehr schön an Leuten, die reich geboren werden, die durch diese Last ihr Leben nicht ausfüllen können oder in die Rolle des Nachfolgers ihrer Väter gedrängt werden: Patricia Hearst, Arndt von Bohlen und Halbach... rebellisch, desorientiert, abgedreht. Am Ende der Sitzung mit dem jungen Mann war übrigens nichts mehr so, wie es vorher war. Es war kein einfaches Interview. Am Anfang schien er sehr müde zu sein. Aber am Ende rutschte er vor Aufregung auf der Sesselkante und schilderte mit leuchtenden Augen sein Projekt, das er sofort in Angriff nehmen wollte. Er war ein vollkommen anderer Mensch. Was ist passiert? Sagen wir, wir haben unseren Job gemacht.
Die Praxis: Was tut ein Coach?
DIE PRAXIS: WAS TUT EIN COACH?
Ein guter Coach hat ein hohes emotionales Potential, um überhaupt in die persönliche Sphäre eines anderen Menschen gelangen zu können. Er muss sich in die Situation anderer versetzen können, um die Person, um die es geht, genau aus dieser Situation herauszuhebeln, ohne sie zu verletzen. Wie tut er das? Mit Gefühl. Nur auf diese Weise wird auch sein Gegenüber mit Gefühl reagieren. Dann wird er verschiedene Dinge erreichen, die er sonst niemals erreichen würde: Das Vertrauen seines Coachees. Eine Partnerschaft zu erzeugen, die angelegt ist, ein dieser Person zugehöriges, also einzigartiges Ziel zu erreichen. Ihr helfen, ihr authentisches Ich zu finden. Sie so lange in die Hitze zu halten, bis die Person sich zwingt, ihr inneres Feuer zu offenbaren. Keinerlei Entschuldigung und kein Selbstbedauern zu akzeptieren. Die Grenzen ausloten, sie überschreiten, die Person mit ihren Befürchtungen und Beschränkungen zu konfrontieren. So lange herausfordern, bis sie entdeckt, was in ihr steckt. Während eines Interviews besteht der Job eines Coaches zunächst nur darin, die Person zu beobachten und jeweils ein Feedback zu dem zu geben, was der Coach sieht. Zu diesen beiden Elementen kommen wir zu Beginn des nächsten Teils ausführlicher.
In diesem Prozess ist der Coachee Aladin auf der Suche nach der Lampe, aus der sein Genie aufsteigt. Er ist bereit, in die Höhle einzutreten. Jeder Mensch hat so eine Höhle. Es gibt eine Menge Türen dort hinein, aber nur eine ist die richtige.
Wir versuchen, herauszufinden, welche die richtige Eingangspforte ist. Wir wissen auch nicht, welche Tür die richtige ist. Aber wir merken es sofort, weil wir auf die Zeichen unseres Mandanten hören – wie er die Dinge sagt, welche Mimik er hat, welche Laute er von sich gibt. Sie werden ruhiger, erleichterter, überraschter, wenn wir an die richtige Tür klopfen. Sie haben Vertrauen und entwickeln Neugier. Wenn wir das richtige Feedback geben, öffnen sich die Augen, und wir können hineingehen. Wir sind eingeladen. Nur wenn wir die Erlaubnis haben, suchen wir in der Höhle nach der Lampe, in der das Genie steckt.
Zwei Dinge sind absolut tabu: Niemals die Tür zu öffnen, wenn es jemand nicht will. Und niemals zu spekulieren. Wir achten nur auf die feinen Signale unseres Gegenüber. Diese Methode steckt voller kleiner Risiken. Welche Frage stellen, welches Feedback geben, wo bestätigen und wo nicht? Nur wenn wir die richtigen Dinge sagen, öffnet sich die Tür. Bei der falschen Tür springt ein Tiger heraus: Argwohn, Unsicherheit, eventuell sogar das Vertrauen verspielt. Das größte Problem für einen Coach besteht darin, dass er sich keinen einzigen Fehlerleisten darf. Der Wendepunkt ist die Neugier. Wenn man dorthin gelangt, wendet sich das Spiel. Plötzlich öffnen sich noch mehr Türen. Was vorher verborgen und unnahbar war, bricht plötzlich aus den Menschen heraus.
Wie gelangt man zur Neugier? Durch das, was wir „Denken zum Handeln“ („action thinking“) nennen. Achten Sie auf Signale, die die Personen zwingen, zu handeln. Es sind vornehmlich Körpersignale. Wenn sie keine Lust haben, reagieren die Muskeln nicht darauf. Wenn man dagegen etwas sagt, das die Neugier weckt, gerät der Körper in Bewegung. Wenn etwas Angenehmes ist, huscht Erleichterung durch das Gesicht – vielleicht sogar durch ein Lächeln. Und noch einmal: Das Tödlichste ist, zu versuchen, den Coachee in seine Gewalt zu bringen. Schlechte Therapeuten versuchen immer, ihre Patienten in ihr eigenes Weltbild zu pressen. Der Coachee ist ein Partner, mit man das Ziel gemeinsam erreichen will. Ihr Partner wird nur dann ein Trainingspartner, wenn er es selbst zulässt. Er gibt die Signale durch seine Sprache, seine Haltung, seine Gestik und Mimik. Sie verraten, wohin die Reise geht.
Unsere primäre Kommunikation besteht aus diesen Komponenten. Wir benutzen beispielsweise unseren Atem, um unsere Sprache zum Ausdruck zu bringen – und damit unsere Glaubwürdigkeit. Es reicht nicht, etwas zu sagen – wir verleihen unserer Meinung Nachdruck, damit eine andere Person es auch glaubt. Das geschieht unbewusst. Wenn man versucht, sein Sagen vom Bewusstsein aus zu steuern, ist das harte Arbeit, wenn nicht Selbstbetrug oder Lüge. Wenn ein anderer auf die Signale hört, kann man leicht erkennen, ob das Gesagte auch so gemeint ist.
Feedback ist ein einfaches und auch sehr effektives Mittel, bei dem man sein Gegenüber mit seiner eigenen Wahrheit konfrontiert. Dann stellt sich heraus, ob es sich um eine Wahrheit oder eine „konstruierte Wirklichkeit“ (Watzlawick) handelt. Feedback steigert die Selbstwahrnehmung, und deshalb Coaching-Tool Nummer Eins.
Sie werden in dieser Anleitung erfahren, wie man die größten Fähigkeiten eines Menschen herauskitzeln kann. Wenn man ein Team von Geschäftsleuten oder eine individuelle Gruppe professioneller Manager vor sich hat, erfordert dieser Job jede Menge Kenntnis menschlichen Temperaments. Das kann man in fast keiner Universität lernen. Die Tools in diesem Buch bilden das Handwerkszeug zu einem Top-Coach. Wenn man sie einmal beherrscht, kann man den „Zweck an sich“, das Beste in Menschen hervorbringen, das sie zu bieten haben. Wenn man einmal Neugier aktiviert hat, sind Menschen in der Lage, ungeheure Energien in ihrem Bereich zu entwickeln.
Und nicht nur das: In „Neugier“ steckt das Wort „Neu“. Es ist nicht ein Genie, das in einem steckt, und das man in seiner Eitelkeit pflegt. Man legt sich selbst auf die Lauer, um zu schauen, was daraus wird, wenn man dies oder jenes tut – um dann selbst von dem Ergebnis überrascht zu sein. Man wird nicht der einzige sein, der dieses Geschehen gespannt verfolgt. Wer Begeisterung zeigt, macht andere neugierig, die daran partizipieren wollen – vorausgesetzt, es ist echte Neugier, die derjenige vermittelt. Diese glaubwürdige Begeisterung auszulösen, ist der Job eines Coaches.
Wenn man dieses Buch auswendig lernen würde, ist man kein Coach. Es ist in der Hoffnung geschrieben, dass der Leser eine Neugier oder eine lebenslange Leidenschaft für etwas entwickelt, das sein ganz eigener Bereich ist. Aber die Tools sind ein Ausschnitt aus einer unüberschaubaren Menge an Methoden, Techniken und Orientierung, die im Coaching nützlich sind. Sie sollen ermutigen, zu lesen, lernen, üben, Fragen zu stellen und selbst zu recherchieren.
In unserer Vision träumen wir von einem weltweiten Coaching-Netzwerk, in dem sich viele Menschen gegenseitig unterstützen und anderen zeigen, was sie wirklich wollen. Dahinter steckt die Idee, dass Coaching ein universelles Lebensprinzip wird, durch das einerseits mehr Harmonie gestiftet wird, andererseits jeder einzelne einen hohen geschäftlichen Erfolg verbuchen kann. Warum fährt Jan Ullrich die Berge im Sitzen hoch? Weil er es kann. Coaches inspirieren Teams zu hoher Performance. Das ist nicht immer unkompliziert. Unternehmensberater sind dazu da, Probleme zu lösen, während Coaches manchmal auch Probleme generieren.
Coaching ist bis zu einem gewissen Punkt keine gemütliche Angelegenheit. Sie treiben Ihre Mandanten aus ihrer Kuschelecke zu einem Punkt, wo sie mehr Leistung zeigen müssen – weil sie es können. Und weil der Coach weiß, dass sie es können.
In einem Seminar erzählt eine Frau, sie sei ein ehemaliges Model und hatte einen Vertrag als Sängerin. Sie wirkte traurig, als sie ihre Geschichte erzählte. Später erklärte sie, dass sie beide Karrieren aufgegeben hätte, weil sie damit nicht zurecht kam und ihr Selbstvertrauen verlor.
Die Trainer gaben ihr die Aufgabe, eine One-Woman-Show auf die Bühne zu bringen, in die sie allein der Star ist und alles machen kann, was sie will – singen, modeln, Comedy, was immer ihr gefällt. Sie musste auch die Tickets selbst verkaufen. Sie entwickelte ein Projekt mit einem klaren Ziel: 100 Gäste, jeder für 20 Dollar Eintritt, in einem bestimmten Theater an einem bestimmten Termin. Niemand zweifelte daran, dass sie es schaffen würde – nur sie selbst. Ihre Lippen zitterten, als sie fragte, wie sie das innerhalb von drei Wochen hinbekommen sollte. Das ist entweder ein Problem, oder eine Herausforderung. Wir wussten, dass sie es kann. Sie auch, aber sie traute sich nicht. Am Ende war sie der glücklichste Mensch auf der Welt – weil sie es geschafft hatte. Das ist Coaching, nicht Consulting.
Oft werden diese beiden Dinge noch verwechselt. Die Hauptkomponente unseres Coaching-Ansatzes sind die individuellen Talente. Das unterscheidet ihn von Beratern. Der menschliche Faktor ist die wichtigste Ressource und der komplizierteste Bestandteil in einem wachsenden Unternehmen.
Berater haben ein spezielles Gebiet und analysieren die Prozesse in einem Unternehmen, um sie zu verbessern. Coache haben die Leute in einem Unternehmen als spezielles Gebiet und entwickeln eine Atmosphäre, in der diese Leute freiwillig ihr Bestes geben. Hier die wesentlichen Begriffe, die Coaching und Consulting methodisch unterscheiden:

Effektives Coaching bringt die wahren Leidenschaften in den Personen hervor, entwickelt dafür eine Struktur und kombiniert sie mit geschäftlichen Resultaten. Auf einem hohen Level kann ein Coach ein ganzes bestehendes Team reorganisieren und dazu motivieren, neue Ziele zu erreichen. Viele Leader, die ihre Position durch technische oder unternehmerische Geschicke erworben haben, müssen vielleicht noch vieles über die menschlichen Fähigkeiten lernen, wenn sie noch viel mehr Leistung erreichen wollen. Um die viel zitierten „human resources“ zu aktivieren, braucht es etwas anderes, als „das Letzte aus ihnen herauszuholen“, nämlich genau das Gegenteil: Sie ganz wörtlich als Quelle von Energie zu betrachten und dafür zu sorgen, dass diese Quellen zum Sprudeln und Fließen kommen. Technische und wirtschaftliche Kenntnisse reichen da nicht mehr aus. Man muss jede Menge Psychologie studieren – auch wenn man kein Psychologe sein muss. Nehmen Sie sich ein Beispiel an den erfolgreichen Coaches im Sport.
Die Parallele: Was unterscheidet einen Business-Coach von einem Sportscoach?
DIE PARALLELE: WAS UNTERSCHEIDET EINEN BUSINESSCOACH VON EINEM SPORTCOACH?
Das Spannendste am Fußball ist eigentlich die Trainerfrage. Ein Coach geht, ein Coach kommt, manche überstehen nicht einmal eine Saison bei einem Verein. Aber was in der letzten Mannschaft überhaupt nicht geklappt hat, ist bei der nächsten überhaupt kein Problem. Wo die Spieler überhaupt nicht mehr zu motivieren waren, scheint bei dem neuen Trainer ein Ruck durch die Mannschaft zu gehen. Alles eine Sache der Mentalität, der Ausstrahlung des Trainers, der Atmosphäre, die er verbreitet, und der Art und Weise, wie er die Spieler miteinander verbindet. Das Ergebnis: „team spirit“.
Dabei gibt es die unterschiedlichsten Typen. Bei jedem Spiel treffen nicht nur zwei Mannschaften, sondern auch zwei Trainer aufeinander, die diese Mannschaften geformt haben. Dabei gibt es die unterschiedlichsten Typen: Ottmar Hitzfeld, die Respektsperson im langen Mantel mit Krawatte, immer diszipliniert. Der leidenschaftliche Schachspieler Felix Magath, der inzwischen als Trainer noch mehr Vorbildfunktion hat als zu seinen Zeiten als Spieler. Jupp Heynckes, ebenfalls erfolgreicher Spieler, dessen deutscher Ernst vor allem in der spanischen Liga überaus erfolgreich war. Und natürlich, wie immer über allem stehend: Der Kaiser, der Unantastbare. Einer der besten Fußballer aller Zeiten. Weltmeister als Spieler der deutschen Nationalmannschaft. Weltmeister als Trainer der deutschen Nationalmannschaft. Weltmeister in internationalen diplomatischen Beziehungen, so dass die Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland stattfindet. Drei Stationen, in denen ein Mann jeweils über sich hinaus gewachsen ist. Entweder ist der Mann eine Art Übermensch, oder er hat verdammt gute Coache. Denn man muss es erst einmal alleine schaffen, seine Grenzen zu sehen, um sie hinter sich zu lassen.
Im Sport üben gute Coache eine spezielle Magie auf die Leute aus. Die Spieler holen mehr aus sich heraus, als sie jemals selbst für möglich gehalten haben. Sie werden die Helden, von denen die sie immer geträumt haben. Im Business bringen Top-Coache ein Team auf ähnliche Weise zur Höchstleistung, indem sie es organisieren und einen unverwechselbaren Teamgeist kreieren.
„Suche nicht die verborgenen Talente außer dir, sondern in dir“, sagt Nietzsche. Die Werkzeuge in diesem Buch sind das Handwerkszeug für hohe Performance. Wer sie beherrscht – wozu natürlich viel Studium und Übung gehört – wird den Leader in sich hervorbringen. Wer einen Coach für sein Team engagiert, muss sich vorher vergewissern, ob die Teamplayer dazu bereit sind, von jemandem an ihre Grenzen getrieben zu werden. Coache sind dazu da, um das Spiel neu zu gestalten, sei es im Sport oder im Business. Gewohntes wird niedergerissen, Altbewährtes hinterfragt, neue, anstrengende Aufgaben erscheinen am Horizont. Viele Organisationen sind zu schlapp zum Coaching. Sie hängen lustlos in der Gegend herum, tun ihren Job, und lassen sich nichts zu schulden kommen – sie sind immer pünktlich, morgens wie abends. Ein sicheres Zeichen für Mittelmäßigkeit. Andere leisten geradezu Widerstand gegen jede Form der Veränderung, also auch Coaching.
Teams können endlos in kontraproduktiver Ignoranz vor sich hin trotteln und auf die Uhr schauen, wann Mittag ist. So lange niemand sie darauf aufmerksam macht, dass etwas Größeres in ihnen steckt, sind sie sich dessen auch nicht bewusst. Ignoranz ist gewollte Ignoranz, nicht Unwissenheit. Unwissenheit verunsichert. Es liegt in der menschlichen Natur, sich nach Sicherheit, Ruhe und Komfort zu sehnen.
Wenn ein Coach kommt, droht Gefahr – vor allem für Leute, die nicht in Form sind. Ein Coach bricht diese Beschaulichkeit schnell auf. Er muss ein klares Ziel formulieren, das erreicht werden muss und mit dem Team erreicht werden kann. Ein Sportscoach hat es da schwerer: Er muss mit diesem Team das nächste Spiel gewinnen! Man überlege sich einmal, welche Dynamik in ein Business-Team kommt, dass eine solche Vorgabe hat.
Ein Coach bedeutet Gefahr im Anzug, im doppelten Sinne. Er macht seinem Team schnell klar, dass wir hier nicht zum Spaß da sind. Die Gefahrensituation lässt alle Alarmglocken klingen. Die Spieler erwachen. Mit dem Coach springt ein hungriger Tiger in den Raum: „Wen esse ich als erstes?“ Wir würden mal behaupten, das lässt keinen kalt. Die träge Verdauung stoppt, die Augen sind weit aufgerissen, das Gehirn läuft auf Hochtouren. Du bist plötzlich ziemlich lebendig. Die Frage stellt sich nun für jeden einzelnen, ob er kämpfen oder abhauen soll. Der Coach inszeniert solche Situationen, um die Beteiligten mal richtig auf Messers Schneide zu stellen – und macht anschließend daraus ein Spiel. Es ist nun an jedem einzelnen, ob er das Spiel mitspielt oder nicht: Auf jeden Fall gibt es ein Spielfeld, Regeln, und ein Ziel. Das hat Business-Coaching mit Sport-Coaching gemeinsam.
Die meisten Unternehmen haben keine Ziele. Sie haben Visionen und „Leitbilder“. Als hätte die unsägliche Diskussion um die deutsche „Leitkultur“ nicht genügt, gehen viele Manager – offenbar geleitet von Beratern oder merkwürdigen Unternehmensphilosophen – in Klausur, um dort ein Leitbild zu formulieren, das sich meistens auf die kleinsten gemeinsamen Nenner beschränkt und deshalb am Ende meistens austauschbar ist. Diese Leitbilder drehen sich um Werte, nicht um Regeln.
In Visionen werden hohe, idealistische Ziele formuliert. Vor Jahren war in diesem Zusammenhang immer von der ominösen „Grabrede“ die Rede, die der Unternehmer, nur mit Papier und Bleistift bewaffnet in einer einsamen Berghütte formuliert. Es ist seine eigene Grabrede, die alles enthält, was man nach seinem Tode über ihn sagen soll. Mit anderen Worten: Mit solch einer Vision werden Ziele von Toten verfolgt, auch wenn sie noch leben. Stirbt der Unternehmer, wird das Unternehmen entweder komplett umstrukturiert, oder es fällt in Mittelmäßigkeit zurück.
Coaching hat keine Vision, an der man festhalten muss. Coaching arbeitet mit Dynamik und der Erwartung von Ergebnissen. Zum einen nimmt man die Dinge sportlich. Zum anderen lernt man dabei, Eigenverantwortung zu übernehmen, sowohl für die eigenen Aktivitäten als auch für die Aktivitäten in einem Team. Nicht zu verachten ist dabei das moralische Wachstum in einem Team: Einer für alle, alle für einen. Jeder ist ein Vorbild für den anderen. Wenn man andere Leute gut behandelt, antworten sie mit Großzügigkeit. Der Respekt kommt von selbst. Ein universeller Sinn für das Richtige, unabhängig von Situation, Interessen oder Verstellungen, schweißt die Leute zusammen.
Autoritäre Methoden machen die persönlichen Ziele kaputt: Moral wird auferlegt. Persönliche Prinzipien inspirieren. Coaching bedeutet, anzuerkennen, wenn Leute handeln. Statt den Mitspielern ein aufgesetztes Ideal vorzusetzen, sorgt ein guter Coach dafür, dass jeder einzelne motiviert ist, sich und seinen Charakter in Szene zu setzen. Egal, wie viel er verlangt, er weiß die Leistung der einzelnen immer zu schätzen. Nach jedem Versuch sagt ein Coach: „Prima“. Und fügt hinzu: „Und jetzt zeig’ mir mehr“. Das Ergebnis ist die so genannte „Moral“ im Team. Der Star ist am Ende die Mannschaft. Der Superstar: der Coach. Sie.
Auch wer „Business-Athleten“ coacht, braucht Assistenten. Wie im Sport muss man Theorie und Praxis, Supervision und hartes Training koppeln, um zu gewinnen. Erst- und Zweitligen (und tiefere Ligen) wie im Sport gibt es auch im Business. Amateur-Coache spielen in kleineren Ligen und steigen eventuell später auf, wenn sie mit diesen die relativ kleineren Ziele erreicht haben. Professionelle Coaches kennen das Geschäft, weil sie früher selbst in der Premier League gespielt haben. Wenn sie dort einmal Erfolg verbuchen konnten, erwarben sie soziale Kenntnisse und Fähigkeiten, um dann andere Leute und ihre Fähigkeiten erfolgreich zu trainieren. Gute Coache schaffen es, ein Team zu konstanten Siegen zu führen. Sie entwickeln eine Art humaner Bewegungsenergie im Team. Sie steigern die Eigendynamik der Mannschaft. Denn sie können die Träume ihres Teams so lange anfeuern, bis diese in unstillbare Neugier ausbrechen, ob sie das wirklich schaffen können, was er ihnen zutraut. Sie wollen dann nur noch dieses Ziel, dieses eine Ziel erreichen. Bis sie das Ziel sind. Es kann ein Traum sein, eine Geschichte, ein krankes Kind, das dieses Ziel symbolisiert. Oder ein Song. Der einfachste, schlichteste und doch beeindruckendste Song, der dieses Ambition auf den Punkt bringt: „I believe I can fly“ von R. Kelly – die Geschichte von Michael Jordan. Hören Sie das Thema? Es beginnt so harmlos, bis es sich zum Schlusschor steigert. Vom Start zum Ziel in drei Minuten. Na also.
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