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Später Aufbruch

Danksagungen:
Ich möchte mich an dieser Stelle bei meiner Frau bedanken. Sie hat mich ermutigt, diesen Schritt in meine Zukunft zu wagen.
Bedanken möchte ich mich auch bei Herrn Rupert Ernst (†), dem ehemaligen Leiter des AMS Salzburg, der mir diese Umschulung ermöglicht hat.
Bedanken möchte ich mich zuletzt bei meinen Professoren beiderlei Geschlechts, welche mir von Beginn an signalisiert haben, dass dies der richtige Weg für mich ist.
Verlag INNSALZ, Munderfing 2018
Gesamtherstellung und Druck:
Aumayer Druck + Verlag Ges.m.b.H. & Co KG, Munderfing
Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt.
Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist unzulässig und strafbar.
Alle Ähnlichkeiten mit tatsächlich existierenden Personen, auch deren Namen, sind rein zufällig.
ISBN: 978-3-903154-75-9
Martin Ressagg
Später Aufbruch
Eine Satire

Inhalt
Frank
Ende Jänner hatten sie Frank gekündigt. Frank war zuletzt Außendienstmitarbeiter in Deutschland, nachdem er zuvor in Nordamerika für die Firma gearbeitet hatte. Seine Kündigung hatte sich abgezeichnet. Die Chefin hatte ihn schon lange Zeit wie Luft behandelt. Saß er gemeinsam mit einem anderen Außendienstmitarbeiter im Büro, so begrüßte sie diesen recht freundlich, ignorierte Frank jedoch demonstrativ. Immer wieder hatte er es sich erlaubt, bei der Abrechnung seiner Reisekosten und Provisionen die Erfüllung der mit der Firma ausgehandelten Konditionen einzufordern. Er akzeptierte keine einseitigen Verkürzungen seiner Ansprüche, das kostete ihn die Sympathien der Geschäftsleitung. Zwar war Frank ein »Piefke«, aber er war wirklich in Ordnung. Das war schon sehr bald klar, man überhörte seine Sprache und sah einen positiven, dynamischen, selbstbewussten Kerl, der seiner Arbeit mit viel Engagement nachkam. Seine Schwachstelle war der Innendienst: Hatte er einen Kunden an der Angel, ließ man sich bei den Angeboten wochenlang Zeit und war schließlich auch nicht bereit, bei den Listenpreisen ein paar Prozent nachzugeben, um einen neuen Kunden zu gewinnen. Noch schlimmer war allerdings, wie sehr der Ruf der Firma in Deutschland dadurch litt, dass Reklamationen nur sehr zögerlich und möglichst zum Nachteil des betroffenen Kunden bearbeitet wurden. Diesem Umstand wollte man ursprünglich entgegenwirken, indem man im Norden Deutschlands eine Werkstätte mit Büro mietete.
Für wirklich gutes Geld setzte man dort einen Techniker hin, der so in der Nähe der Kunden sein konnte. Mark war, wenn er nüchtern war, ein sehr guter Mann. Die Technik im Blut. Aber seine Wochenenden waren meist recht intensiv, am Montag konnte man oft noch eine deutliche Alkoholfahne wahrnehmen. Bei den Frauen war Mark extrem beliebt: drahtig, muskulös, geheimnisvolle dunkle Augen, immer gut gelaunt, charmantes Lächeln. Aber das war auch sein Pech: Wenn ein Mann allzu begehrt ist, fehlt ihm schließlich die Energie für ausdauerndes, konsequentes Arbeiten. Dass er dort oben in Deutschland als Einziger in der Firma der strengen Kontrolle der Chefin und ihres Geheimdienstapparats entzogen war, tat ein Übriges dazu. So kam es, dass die deutsche Niederlassung still und heimlich nach eineinhalb Jahren wieder »abgedreht« wurde. Fortan existierte sie nur mehr auf der Homepage – der Juniorchef hatte wohl seine Gründe, mir die Löschung der Zweigstelle im Internet zu untersagen.
Durch eine Reihe von Fehlentscheidungen hatte man den deutschen Markt ruiniert: Um die Jahrtausendwende waren etwa sieben bis acht Händler in Deutschland für die Firma tätig. Diesen hatte man jedoch Rabatte von etwa 30 Prozent gewähren müssen, da sie ja keinerlei Anspruch auf Ersatz ihrer Fixkosten hatten. Da die von der Firma Bammer hergestellten Maschinen und Geräte am Markt zu erheblichen Preisen verkauft wurden, kam es vor, dass ein Händler für einen einzigen Abschluss eine Provision von 30.000,- Euro oder mehr einstreifte. Das traf die Chefleute jedes Mal ins Mark. Sie beschlossen, die Händler auf unterschiedlichste Art und Weise zu vergraulen und den Markt dann durch eigenes Personal bearbeiten zu lassen. Das Ende war, dass der deutsche Markt für die Firma tot war und man Frank weder brauchte noch wollte. Frank war mittlerweile 49 Jahre alt geworden, die Zeit drängte. Hätte man noch zugewartet, würde man glatt riskiert haben, dass diese Kündigung als »sozialwidrig« eingestuft worden wäre. Möglicherweise hätte man eine Abschlagszahlung gebraucht, um einer Klage auf Wiedereinstellung zu entgehen. So aber konnte man sich noch recht billig von ihm trennen.
Frank hatte sieben Jahre lang für das Unternehmen gearbeitet. Nun sollte er uns also verlassen. Das Ganze war von der Geschäftsleitung (bestehend aus Chef, Chefin und Junior) als geheime Kommandosache geplant worden. Nur die junge Lohnverrechnerin und die Buchhalterin wussten Bescheid. Die Lohnverrechnerin war eine »gute Haut«. Offenbar konnte sie sich ganz schwer damit arrangieren, von der Geschäftsleitung zur »Geheimnisträgerin« auserkoren worden zu sein. Sie wusste, dass ich mit Frank in engem Kontakt stand. Am Vorabend des geplanten Ereignisses stand sie also plötzlich bei mir und bestellte einige Blatt Geschäftspapier mit dem Briefkopf der deutschen Niederlassung. Dieses Papier wurde selten benötigt, daher musste ich es im Bedarfsfall mit dem Laserdrucker produzieren. Kein Wort kam über ihre Lippen. Allerdings merkte ich ihre Unruhe. Wenig später rief sie mich zu sich, sie wisse nicht genau, wie sie die von mir produzierten Vordrucke in ihren Drucker einlegen muss, damit der Brieftext auf der richtigen Seite gedruckt wird. Ich startete in ihr Büro. Wieder sagte sie kein Wort. Sybilla, die Buchhalterin, saß nur wenige Meter entfernt. Sybilla war in der ganzen Firma als Zuträgerin und als verlässliches Mitglied der Geheimdienst-Brigade unserer Chefin bekannt. Einen Mausklick später erschien auf dem Bildschirm das Dokument. Adressiert an Frank D. In der Kopfzeile das Wort »Kündigung«. Zwei Sekunden. Schon war das Dokument wieder ausgeblendet. Ohne ein Wort gewechselt zu haben, hatte mir die Lohnverrechnerin also mitgeteilt, dass Franks Kündigung geplant war. Und zwar für den nächsten Tag, Franks Bürotag. Es war klar. Die junge Kollegin hatte ihren Job aufs Spiel gesetzt, damit Frank am nächsten Tag nicht ins offene Messer laufen würde. Nun war es wohl meine Verpflichtung, diese Information weiterzugeben. Aber auch ich musste sehr vorsichtig sein. Würde man meine Nummer auf Franks Handy entdecken, wäre wohl klar, von wem die Warnung gekommen war. Die technischen Überwachungsmöglichkeiten für Mitarbeiter waren immer auf dem neuesten Stand. Würde ich aber mit unterdrückter Nummer anrufen, so war es wahrscheinlich, dass Frank nicht abheben würde. Daher entschloss ich mich, abends mit dem Handy meiner Frau zu telefonieren. Ich ging davon aus, dass diese Nummer der Firma nicht bekannt sein würde. Ich erreichte meinen Kollegen. Er überlegte kurz. Sollte er »auf krank« machen und den Flug versäumen? Aber was würde es bringen – einen Monat später wäre die Situation wieder dieselbe. So geschah es, dass Frank uns mit dem letzten Februartag des Jahres 2014 verließ.
Frank war nicht der Letzte
Der Nächste auf der Liste sollte ich sein. Auch ich hatte das 48. Lebensjahr schon seit einiger Zeit vollendet. Zwar war ich nicht in jener Weise »problematisch« wie Frank, da ich einen All-in-Vertrag hatte, der über mein Grundgehalt hinaus keinerlei Abgeltungen vorsah. So konnte auch nirgendwo ein Interpretationsspielraum entstehen. Aber auch ich war nicht »einfach«. Mein Problem war jenes: Obwohl ich keineswegs wie beispielsweise die Familie Bammer von »höherer Geburt« war, sondern lediglich einfacher Angestellter, verfügte ich provokanterweise über ein gesundes Selbstbewusstsein – eine Tatsache, die der Eigentümerfamilie suspekt war. Oft wurde mir von der Chefin in Gesprächen signalisiert, ich möge mich doch bescheidener, unterwürfiger geben. Den anfänglichen Intentionen der Geschäftsleitung, mich als »Zuträger« oder »Ausrichter« zu verwenden, war ich stets mit Ablehnung begegnet. Mein Selbstvertrauen schöpfte ich alleine aus der Tatsache, dass ich permanent ein hohes Quantum an guter Arbeit ablieferte, was mir von verschiedenster Seite immer wieder attestiert wurde. Ich hatte bereits vor meinem Eintritt in die Firma umfassende Kenntnisse in allen für diese Tätigkeit erforderlichen Programmen erworben. Kreativität, Verlässlichkeit und Organisationstalent waren mir wohl in die Wiege gelegt worden. Stets absolvierte ich auf eigene Kosten in meiner Freizeit wertvolle Fortbildungen, war also immer am Ball. Mein durchschnittlicher jährlicher Krankenstand lag über all die Jahre bei 0,4 Tagen. Die Chefin war aber trotzdem nie glücklich mit mir. Für sie war es extrem wichtig, Menschen um sich zu haben, die »geformt«
werden konnten – ein Luxus, den ich nicht bieten konnte. Dennoch war ich der tiefsten Überzeugung, dass alle vorab genannten Vorzüge und das Damoklesschwert der »Abfertigung alt« mich vor einem Schicksal, wie es Frank getroffen hatte, bewahren könnten.
Dieser 15. Mai war ein ganz normaler Arbeitstag. Die Chefin kam um neun. Eine Veranstaltung zum 30-jährigen Firmenjubiläum war in Vorbereitung. Auch ein privates Fest der Firmeninhaber warf seinen Schatten voraus – eine Einladungskarte für die Gäste musste rasch produziert werden. Wenige Minuten vor Dienstschluss hastete der Junior mit wichtiger Miene in mein Büro. »Kommst bitte rasch mit mir zum Chef!« Schreibblock und Kugelschreiber in der Hand folgte ich ihm ins Büro des Seniors. Dieser machte ein Gesicht, als plagte ihn Bauchgrimmen. »Nehmen Sie bitte Platz ... ich habe leider keine sehr guten Nachrichten für Sie …« Dann erklärte er mit Leidensmiene, wie leid es ihm tue, aber der böse Markt lasse ihm keine andere Chance. Die Preise seien überall im Keller, ein eigener Marketingmann daher ein unfinanzierbarer Luxus. Nein, man wolle alle meine Arbeiten künftig extern erledigen lassen, das sei sicher günstiger, als dafür jemanden fix zu beschäftigen. Dann erklärte er, dass ich ab sofort freigestellt sei. Ich möge doch bitte unverzüglich alle privaten Fahrnisse von meinem Arbeitsplatz entfernen und den Firmenschlüssel seinem Sohn aushändigen. Er habe sich dazu entschlossen, diesen Schritt noch so rechtzeitig zu tun, dass meine Chancen auf dem Arbeitsmarkt intakt seien. »Sie sind ja noch jung – wie alt sind Sie jetzt – 45? Da kommen Sie sicher gleich wieder wo unter, in einer Druckerei vielleicht ...« Natürlich wusste ich zu diesem Zeitpunkt, dass der »böse Markt« dem Chef kürzlich einen schönen Ferrari beschert hatte, um den herum bereits im Jahr zuvor eine herrliche Garage mit integrierter Schießbahn und einem Kühlhaus für Wildbret gebaut worden war, wohl größer als die Wohnung der meisten Mitarbeiter seiner Firma. Aber es hätte vermutlich keinen Sinn gehabt, in diesem Augenblick mit meinem Wissen aufzutrumpfen.
Bereits wenige Wochen später werkelte an meinem Arbeitsplatz ein junger, williger Praktikant, der um die Weihnachtszeit seine Fixanstellung erhalten sollte. Das zeigt, wie sehr man sich als Chef eines Unternehmens irren kann, denn gelogen wird Herr Bammer ja wohl nicht haben.
Das war es dann also. Ich hatte mich eigentlich bereits ganz gut damit arrangiert, noch für viele Jahre für diese abgehobenen, intriganten Leute zu arbeiten. Mein Job war nämlich klasse. Es gab natürlich auch etwas zähere Arbeiten, aber insgesamt hatte ich bei der Umsetzung meines Aufgabengebietes große Freiheiten. Auch kamen regelmäßig neue Bereiche hinzu, vor allem organisatorischer Natur. Die Kollegen waren wunderbar. Dieser Gemeinschaft trauere ich noch heute nach. Man wusste genau, in welchem Umfeld man reden konnte und wo Vorsicht geboten war. Je ernster sich unsere »Manager« gaben, desto lustiger war es für jene, die um die psychologischen Vorgänge dahinter wussten. Viele waren froh, mir Dinge anvertrauen zu können, die niemals unsere Ebene verlassen durften. Ich setzte mich oft mit Leidenschaft für Anliegen ein, deren Berechtigung ich erkannte, die aber von der Eigentümerfamilie für unwichtig erachtet wurden. Dennoch liebte ich meine Arbeit, die Rahmenbedingungen konnte ich akzeptieren. Das war nun von einer Sekunde auf die andere Vergangenheit.
Meine Frau holte mich an diesem Tag ab. Es war geplant, Besorgungen für den unmittelbar bevorstehenden Urlaub zu erledigen. Natürlich rief ich sie an, ob sie mir beim Räumen meines Arbeitsplatzes behilflich sein könne. Das konnte der Junior nicht verbieten. Also stand er die nächste halbe Stunde mit betretener Miene in meinem Büro und blickte abwechselnd an die Decke und auf den Boden. Zwischendurch folgten hektische Blicke auf das iPhone, aber dieses schien gnadenlos. Nicht ein einziges Mal in diesen 30 Minuten eine Nachricht, ein Anruf oder irgendwas. Keiner schien ihn zu brauchen, er musste sich mit dem Anblick eines Mitarbeiters quälen, der in den letzten dreizehneinhalb Jahren seine Arbeit mit Freude und Enthusiasmus stets zuverlässig erledigt hatte, der in dieser Zeit dank seiner Fähigkeiten und seiner Motivation eine gut funktionierende Abteilung aufgebaut hatte und den er in diesem Augenblick auf die Straße zu setzen im Begriff war. Das tolle, neue iPhone schwieg. Kein Anruf. Kein SMS. Nichts. Fast hätte er mir leidgetan.
Am nächsten Morgen tat ich etwas, das in dieser Firma noch nie zuvor jemand getan hatte. Üblicherweise trat nach einer überraschenden Kündigung oder Entlassung eines langjährigen Mitarbeiters der Chef vor die wichtigsten Angestellten und informierte diese mit aufgesetzter Leidensmiene aus erster Hand. Dies war mir wohl bewusst. Um 7 Uhr 30 wäre also der Zeitpunkt gewesen, wo der Chef die Neuigkeit verkündet hätte – noch bevor irgendjemand etwas ahnen oder darüber tuscheln hätte können. Ich jedoch war um 6 Uhr 30 bereits am Computer. Die E-Mail-Adressen der meisten Angestellten hatte ich im Kopf. So sandte ich folgendes Mail an meine Noch-Kollegen:
»Leider wurde ich gestern Abend ziemlich überraschend gekündigt und werde wahrscheinlich bis zum Ende meines Dienstverhältnisses nicht mehr in der Firma anwesend sein. Daher möchte ich mich auf diesem Wege ganz herzlich für die gute Zusammenarbeit bei jedem Einzelnen von Euch bedanken! Es hat mich sehr gefreut, so viele Jahre ein Teil dieses guten Teams gewesen zu sein!«
Zumal ich wusste, dass ein Teil der Kollegen seine Mails am Handy empfängt und der Rest der Belegschaft zwischen 6 Uhr 45 und 7 Uhr 15 am Arbeitsplatz eintrifft, konnte ich ziemlich sicher sein, dass des Chefs Überraschung eine solche wohl nicht mehr sein würde, ich hatte ihm diesbezüglich also die Show gestohlen.
Ab in den Urlaub
Soll man in den Urlaub fahren, wenn man soeben gekündigt wurde? Wenn man nicht weiß, wie sich die Finanzen der Familie in den nächsten Monaten und Jahren entwickeln? Wenn man nicht weiß, wie das Leben überhaupt weitergeht? Wenn man auch nicht weiß, ob man überhaupt abschalten kann? Trotzdem – man soll!
In Domland war das Wetter wie die Stimmung: trüb, nasskalt, regnerisch. Diesseits des Montanatunnels hingen die Schwaden tief. Die Montanaalm – gewohnheitsmäßig der erste Stopp auf jeder Reise in den Süden – zeigte sich mit 6° und Nieselregen ziemlich unwirsch. Jenseits der beiden Tunnel waren die Schwaden strahlend hell, blitzblaue Fenster in den Wolken erhellten auch die Stimmung. Mit jedem Kilometer nahm die Dramatik des vorletzten Abends ab, verlor sich bereits in der Ferne vergangener Tage und Ereignisse. Die grünen Hänge, die stattlichen Höfe hoch über der Autobahn zogen gemächlich vorüber.
Urlaub ist immer eine andere Welt, ganz unabhängig davon, aus welcher Situation man startet. Die Stimmung wurde zunehmend heiterer. Wenn man meine Gesamtsituation der letzten Jahre retrospektiv betrachtete, so hatte ich zwar eine erfüllende und – das muss man auf alle Fälle zugeben – auch fair bezahlte Arbeit. Aber wie den meisten anderen Mitarbeitern wurde einem täglich vermittelt, wie minderwertig man doch war. Wie wenig Bedeutung es doch hatte, dass man zumindest jene Informationen bekam, die für die eigene Arbeit eigentlich unerlässlich sind. Dass E-Mails an Vorgesetzte prinzipiell nicht beantwortet werden. Dass man eine Standpauke erhält, wenn man sich erlaubt, bei Mails an den Chef eine Lesebestätigung anzufordern – man glaube demnach wohl, der Chef habe nichts Besseres zu tun, als die E-Mails seiner Mitarbeiter zu lesen. Wie selten vor allem der Chef persönlich in der Firma ansprechbar war und wie wenig auskunftsfreudig die paar Eingeweihten waren, wenn man probierte, einen eventuellen Anwesenheitstermin unseres Altvordersten zu eruieren! Nicht weil man ohne ihn die Arbeit nicht genau so gut erledigen hätte können, nein, vielmehr deshalb, weil man permanent Gefahr lief, einen famosen Anschiss zu erhalten, sobald man im Sinne eines raschen Arbeitsfortgangs selbst eine Entscheidung getroffen hatte. Im Nachhinein betrachtet wirkte das Ganze auf mich ohnehin so, als hätte man schon seit Jahren versucht, mir einen Abgang aus eigenem Antrieb möglichst schmackhaft zu machen.
Diese Vermutung hatte ich bereits etwa ein Jahr vor meiner Kündigung, als man plötzlich das Büro der Chefin in direkte Nachbarschaft zu meinem Büro verlegte. Unsere Chefin war quasi die Leiterin des firmeninternen Geheimdienstes. Im Gegensatz zum Chef und dem Junior war sie fast immer anwesend. Nicht etwa deshalb, weil sie für die Herren in deren Abwesenheit irgendwelche Entscheidungen hätte treffen können, nein, sie durfte ja nicht einmal alleine entscheiden, welche Farbe die Tischdecken für die Weihnachtsfeier haben sollten. Jedoch sie war in der Firma Augen und Ohren des Chefs, zumindest fühlte sie sich dazu berufen. Stets auf der Suche nach irgendwelchen skandalösen Vorgängen, die sie – dank ihrer negativen Lebenseinstellung – hervorragend zu interpretieren und zu verstärken verstand und die sie schließlich dem heimkehrenden Chef in stundenlangen Problemgesprächen servierte. Das hatten bereits viele Kollegen erfahren müssen. Es war dann immer extrem schwierig, dem aufgeregten Chef die Tatsachen realistisch darzulegen und ihn von der Harmlosigkeit eines Vorfalls oder einer Aussage zu überzeugen. Nun also sollte die Geheimdienstgeneralin für alle Zeit mein Nachbarbüro belegen, dies bei stets geöffneter Tür. Sogar der Öffnungswinkel der Tür war meist exakt eingestellt – mein Bildschirm wurde von der Glastür direkt zum Schreibtisch der Chefin projiziert. Möglich, dass man glaubte, ich würde mich nun selbst von dannen stehlen, schließlich hätte man sich die Abfertigung in Höhe von vier Monatsgehältern gespart. Dafür wären sich eventuell die Winterräder für den Ferrari ausgegangen.
So rollten wir über die slowenische und über die kroatische Grenze und ich begriff langsam, dass diese Kündigung auch einen unglaublichen Befreiungsschlag für mich bedeutete. Nie wieder würde ich es nötig haben, mich von diesen Menschen demütigen zu lassen. Endlich müsste ich nicht mehr Rücksicht darauf nehmen, dass die Interessenslage der Familie Bammer bis in den letzten Winkel meines Privatlebens hinein ihre Auswirkungen hat. Nicht dass ich plötzlich große Lust darauf gehabt hätte, mir plötzlich ein Flinserl am Auge stechen oder ein neckisches Bärtchen wachsen zu lassen. Aber von diesem Tage an würde dies für mich möglich sein, ohne dass ich deshalb ein Mitarbeitergespräch haben würde. Wenn ich einen Leserbrief schriebe, bräuchte ich keine Angst zu haben, dass mein Chef sich dadurch auf den Schlips getreten fühlen könnte. In meiner Freizeit könnte ich plötzlich wieder jedermann treffen (in der Firma war es nämlich überaus verpönt, Kontakt zu jemandem zu halten, der das Unternehmen – aus eigenem Antrieb oder auch passiv – verlassen hatte). Mit jedem Meter, den wir uns vom grauen Domland entfernten, schwanden die trüben Gedanken und wuchs die Begeisterung über die ungeahnten Erleichterungen, welche diese Wende mit sich bringen würde.
Der erste Abend in Kroatien. Auch hier hatte sich die Wolkendecke nicht gänzlich gelichtet. Aber anstatt sechs hatte es hier 20 Grad. Und plötzlich trat unter der Wolkendecke die Abendsonne hervor. Der Weg ins Restaurant war schlagartig in pures Gold getaucht, vor einem dunkelgrauen Wolkendach leuchteten die Bäume, die steinernen Häuser und die Felder erschienen in nie gesehener Pracht. Eines war klar – die Entwicklung der vergangenen Tage sollte für mich den Aufbruch in ein neues, ein besseres Dasein bedeuten.
Es war kurz vor Ende Mai, als wir aus Kroatien heimkehrten. Das Bewusstsein, dass es für mich jetzt eine Fülle an Möglichkeiten und Chancen gab, sorgte für gute Stimmung. Ich hatte beschlossen, mich so rasch wie möglich beim AMS als Arbeit suchend zu melden, wiewohl ich ja noch fast drei Monate in meinem alten Dienstverhältnis »beschäftigt« sein würde. Es war klar, dass ich während des auslaufenden Dienstverhältnisses keinerlei neue Beschäftigung annehmen würde, dies hätte der Geschäftsleitung einen willkommenen Anlass für eine »Fristlose« geboten, die Abfertigung wäre dann wohl futsch gewesen. Also beschloss ich, dass dieser Sommer der »Sommer meines Lebens« werden sollte. Seit meinem Abschluss am Gymnasium vor 31 Jahren hatte ich in keinem Sommer mehr als zwei Wochen Urlaub gehabt. Nun würde ich zumindest Juni, Juli und den halben August in Freizeit verbringen »müssen« – insgesamt keine schlechten Aussichten. Wie sehr hatte ich in den vergangenen Jahren damit gehadert, die herrlichen, heißen Sommertage bei heruntergelassener Jalousie im wahlweise heißen oder eben klimagekühlten Büro verbringen zu müssen. Und wie es sich mit schönen Sommertagen ebenso verhält, setzte meist kurz vor Dienstschluss ein heftiges Gewitter ein, ein Pech für Berufstätige. Dafür sollte mich dieser Sommer entschädigen. Tat er aber nicht – der 2014er-Sommer war der wechselhafteste Sommer seit vielen Jahren. Kaum ein Tag, an dem das Thermometer über 25° stieg. Dennoch – auch die für Domland typischen Dauerregentage blieben uns erspart, so sollte es zumindest für einige herrliche Bergwanderungen reichen.
Beim AMS
Anfang Juni hatte ich meinen ersten Termin beim AMS. Ich betrat dieses Gebäude zum ersten Mal in meinem Leben. Mein Termin war für 10 Uhr 15 angesetzt, ich begab mich in den dritten Stock. Nachdem die angegebene Zimmertür auch um 10 Uhr 20 noch verschlossen blieb, wagte ich ein zaghaftes Klopfen. Nichts. Ich bemerkte einen Herrn, der – geschäftig mit dem Handy telefonierend – den kurzen Flur auf und ab ging. Als er, wieder einige Minuten später, sein Gespräch beendet hatte, sprach ich ihn an, ob er der für mich zuständige Berater sei. »Nein«, meinte er kurz, er habe im nämlichen Raum bereits um zehn Uhr seinen Termin gehabt, aber es sei niemand drin. Der Flur mündete in ein kleines Rondell, an dessen gegenüberliegender Seite sich bereits seit einiger Zeit eine aparte Brünette mittleren Alters mit einer Kaffeetasse in der Hand herumdrückte, dann wieder hinter einer Tür verschwand und schließlich – es war etwa 10 Uhr 30 – um das Rondell herum zum besagten Raum kam. Der Herr begab sich flugs zur Eingangstür, ich ebenso. »Wer sind denn Sie?«, fragte mich die Dame. Ich nannte meinen Namen und bemerkte, dass ich um 10 Uhr 15 meinen Termin bei ihr gehabt hätte. »Ja, da müssen S’ aber jetzt warten, weil es kann ja immer nur einer zu mir herein.« Nun ja, darauf würde ich mich als Klient des AMS wohl einstellen müssen, schließlich war ich ja bald nicht mehr in der Rolle des Beitragszahlers, sondern in jener des Bittstellers. Nach etwa zehn weiteren Minuten beschloss ich, mir beim nahen Supermarkt eine Zeitung zu besorgen, das dumpfe Herumsitzen war ich ja noch nicht so gewohnt. Knapp fünf Minuten später war ich wieder vor Ort, konnte aber durch die Scheibe aus Strukturglas nicht erkennen, ob mein Vorgänger noch in der Besprechung war. So nahm ich Platz und begann zu lesen. Es war kurz vor elf, als ich neuerlich zaghaft klopfte. Diesmal wurde ich hineingebeten. Die Dame war noch intensiv mit ihrem Computer beschäftigt. »Ich habe schon nach Ihnen gesehen, aber Sie waren ja nicht mehr da«, sprach sie und warf mir einen strafenden Blick zu. Aus dem Drucker fuhr mit leisem Summen ein Zettel, den die Beraterin akkurat faltete, in ein Kuvert steckte und in einen Nebenraum brachte. Dann nahm sie wieder Platz. »Bitte, was kann ich für Sie tun?«, meinte sie, während sie ca. 30 cm vor sich auf ihren Schreibtisch starrte. Ich erklärte kurz, dass ich in etwa zweieinhalb Monaten arbeitslos werden sollte und ich mich daher bereits vormerken lassen wolle. »Ja, aber dann haben Sie ja noch eine Arbeit, was tun Sie denn dann schon hier?« Sie wies mich dann auf die Möglichkeit hin, dass ich mich jederzeit elektronisch beim AMS als Arbeit suchend anmelden könne, und wollte mich nach etwa zwei Minuten tunlichst loswerden. Nun erwies ich mich aber als etwas hartnäckig: »Wäre es denn vorstellbar, dass ich auch eine Umschulung in Anspruch nehmen könnte?« »Warum wollen Sie sich denn umschulen lassen?« Ich erklärte, dass ich nicht die allerhöchste Zuversicht hätte, mit meiner derzeitigen Qualifikation eine adäquate Anstellung zu finden. Die heutige Arbeitswelt biete Nicht-Akademikern solche Jobs eigentlich nicht mehr an. Außerdem sei es in meiner Jugend ein Traum von mir gewesen, mich als Lehrer ausbilden zu lassen. Aufgrund verschiedenster (vor allem finanzieller) Hindernisse war das seinerzeit jedoch nicht möglich gewesen, so hätte ich schließlich in der Privatwirtschaft zu arbeiten begonnen. »Aha, Sie wollen also studieren. Ja, wenn Sie studieren wollen, dann ist das Ihre Sache. Sie melden uns einfach, wann Sie mit Ihrem Studium beginnen, und wir stellen dann die Zahlungen ein.« Die Beraterin hatte die ganze Zeit über auf ihren »Fixpunkt« am Schreibtisch geblickt. Ich konnte dort weder ein Insekt erkennen noch hatte sie ihr Handy vor sich liegen. Weshalb sie es trotzdem vermied, mich auch nur einen Augenblick lang anzusehen, ist mir bis heute nicht klar.
Eine ehemalige Arbeitskollegin aus längst vergangenen Tagen hatte sich – nachdem meine vorvorletzte Firma insolvent geworden war – beim AMS beworben. Seit mittlerweile 19 Jahren ist sie in einer anderen Bezirksstelle als Beraterin tätig und genießt demonstrativ jene Bonifikationen, welche die Unternehmen der öffentlichen Hand ihren Mitarbeitern ermöglichen (zusätzliche Urlaubstage, Gesundheitstage samt Übernahme von Hotelkosten, Fortbildungen während der Arbeitszeit usw.). Spontan erkundigte ich mich, ob nicht etwa beim AMS ein Platz als Berater frei wäre – schließlich stieg in jenen Tagen die Arbeitslosigkeit dramatisch an. Die Brünette starrte weiter vor sich auf den Tisch. »Aber wenn Sie bei uns arbeiten möchten, da müssen Sie zuerst einmal für
20 Wochen nach Linz zur Einschulung!«, warnte sie mich. Wenn die Dame glaubte, mich damit nachhaltig erschreckt zu haben, so täuschte sie sich gewaltig. Dass jemand, der in den letzten Jahren förmlich am Schreibtisch angekettet war, eine bezahlte Schulungsmaßnahme während der Dienstzeit als willkommene Abwechslung betrachten könnte, war ihr wohl nicht bewusst. Ich solle einfach eine Bewerbung an jene E-Mail-Adresse schicken, welche ich auf der Homepage fände. Nun wurde ich aber nochmals lästig: Ich wollte wissen, wer die eingehenden Bewerbungen verwaltet, damit ich meine Bewerbung etwas gezielter und mit persönlicher Anrede einbringen könne – sogleich hatte ich ein Zettelchen mit der Mailadresse der betreffenden Frau Magister in Händen.
Als ich mich verabschiedete, streckte ich meiner Beraterin die Hand entgegen. Diese Geste schien sie sehr zu überraschen – es kostete sie offenbar etwas Überwindung, sich per Handschlag von mir zu verabschieden. Das war also meine erste, wenig erquickliche Erfahrung mit unserem AMS.
Der Nachspeis’-Skandal
Trotz der bereits geschilderten Situation, welche im Unternehmen meines ehemaligen Arbeitgebers herrschte, wird so mancher unter euch noch immer nicht so ganz verstehen, wie man froh sein kann, einen ordentlich dotierten Job zu verlieren, den man noch dazu mit viel Freude ausgeübt hat. Daher habe ich mich entschlossen, zum allgemeinen besseren Verständnis in diesem Buch einige Episoden zu schildern, welche man kaum zu glauben vermag, welche aber genau so passiert sind. Beispielsweise fällt mir soeben jenes kuriose Erlebnis ein, welches ich nach einem Betriebsausflug samt Besuch der Messe in Verona hatte. Solche Ausflüge waren für die Mitarbeiter üblicherweise eine recht willkommene Abwechslung. Meist hatte die Chefin Migräne oder musste auf den Dackel aufpassen, also war der Chef alleine mit seinen Leuten unterwegs und üblicherweise locker und gut gelaunt. Bisweilen aber war die Chefin überraschenderweise doch dabei und nützte die Situation selbstverständlich, um irgendwelche Skandale zu entdecken.
Am Sonntagnachmittag waren wir aus Italien zurückgekehrt. Ich muss vorausschicken, dass ich freitagmorgens meine Geldbörse im Auto meiner Frau vergessen und mir daher einen »Fuffy« (50er) von Frank ausgeliehen hatte. Nun war es Montagnachmittag. Ganz unvermittelt rief mich der Chef zu sich. »Nehmen Sie doch Platz, wie hat Ihnen denn der Messebesuch gefallen, sollen wir an unserem Stand für nächstes Jahr etwas ändern?« Ich war mit dem Stand bezüglich Größe und Ausstattung eigentlich sehr zufrieden gewesen, das teilte ich dem Chef auch mit. »Ach ja, das muss ich Ihnen jetzt auch noch sagen: Sie haben sich am Freitagabend ja um halb elf noch eine Nachspeise bestellt.« Ich stutzte. »Also, das geht so nicht, alle anderen sind so bescheiden und beenden das Essen ganz normal – nur Sie müssen da wieder eine Ausnahme machen und sich um diese Zeit als Einziger noch eine Nachspeise bestellen.« Ich war baff. Natürlich wies ich jetzt darauf hin, dass drei bis vier Kollegen zur gleichen Zeit jeweils einen Aperol oder einen Rotwein bestellt hatten, Getränke, die, wie ich mich erinnern konnte, zumindest jenen Betrag gekostet haben mochten, welcher für meine Panna Cotta angefallen war. »Darum geht es ja gar nicht, Sie hätten sich ja noch drei Gläser Wein bestellen können, da hätte sich niemand etwas dabei gedacht – aber nein, Sie bestellen sich ausgerechnet eine Nachspeise.« Meine Verblüffung kannte kein Ende. »Und am Sonntag, bei unserer Rast in Wielsbruck, da haben Sie sich wieder als Einziger eine Mehlspeise bestellt.« Ich musste das korrigieren – ich war etwas früher als alle anderen mit dem Essen fertig geworden und wollte mir kurz die Füße vertreten. Dabei hatte ich eine Konditorei entdeckt und mir dort von meinem eigenen Geld eine Nachspeise gekauft, den letzten Bissen hatte ich beim Einsteigen in den Bus vertilgt. »So geht das nicht! Wenn Sie in einer Konditorei etwas Süßes sehen, dann müssen Sie doch zu mir kommen und mich darüber informieren, vielleicht hätten ja auch andere Kollegen noch eine Nachspeise gewollt. Das ist jetzt ganz egal, um wessen Geld Sie das gekauft haben.« Sapperlot! Aber okay, jetzt wusste ich auch das. Der Chef war aber noch immer nicht fertig: »Und Sie haben ja auch Ihre Geldbörse vergessen, nicht? Also, das wirft auf Sie als erwachsenen Mann und als Großvater kein gutes Licht. In einem solchen Fall können Sie doch jederzeit zu mir kommen und mir das vertraulich sagen, ich helfe Ihnen dann doch gerne aus, aber das brauchen doch die Kollegen nicht mitzubekommen.« Seit diesem Tag weiß ich, dass es für einen jungen Großvater absolut unschicklich ist, seine Geldbörse zu vergessen. Hatte es bei früheren Ausflügen mit der Chefin noch »echte« Skandale um betrunkene Lehrmädchen gegeben (die mit dem Rauswurf eines Kollegen endeten), so war diesmal der unsägliche »Nachspeisen-Skandal« das Highlight der Saison. Das Traurigste an dieser Geschichte war aber wohl, dass ein an sich selbstbewusster Unternehmensgründer sich vor einem Mitarbeiter zum Kasperl machte, weil die Chefin aufgrund ihres permanenten psychischen Ausnahmezustandes stets danach strebte, irgendein Fehlverhalten von Mitarbeitern entdecken und korrigieren zu müssen.
Wohin geht der Weg?
Gut. Das AMS hatte also nicht das allergeringste Interesse, mir eine Umschulung zum Pädagogen zu ermöglichen. Gott sei Dank strotzte das Internet geradezu von verlockenden Jobangeboten. Ich hatte bei der lokalen Einschränkung einen relativ großen Radius gewählt, denn ich würde mir ja ohnehin aussuchen können, wo meine Schmerzgrenze hinsichtlich Arbeitsweg dann liegen würde. Dies müsste man sicherlich im Bezug auf das zu erwartende Gehalt sehen, denn ich hatte keine Ambitionen, für ein Nettogehalt von 1500 Euro monatlich hundert Kilometer am Tag zu fahren.
Im Keller hatte ich ein kleines Fotostudio aufgebaut. Eine gute Spiegelreflexkamera, zwei synchronisierte Aufsteckblitze, ein großer, neutraler Hintergrundkarton und die Unterstützung meiner Frau – so entstanden einige sehr brauchbare Bewerbungsfotos. Da meine letzten Bewerbungsschreiben schon Jahre zurücklagen (natürlich hatte ich auch während meiner Tätigkeit bei den Bammers fallweise eine Testbewerbung abgeschickt), musste erst einmal alles auf den neuesten Stand gebracht werden. Die letzten absolvierten Kurse im Lebenslauf eintragen, Bestätigungen einscannen usw. – aber ich hatte ja Zeit. Insgesamt sandte ich in den folgenden Wochen gut 35 Bewerbungen aus. Teilweise auch für Positionen, bei denen das angegebene Gehalt mir bereits signalisierte, dass sie für mich wahrscheinlich nicht in Frage kommen würden. Teils auch auf ausgeschriebene Stellen, für welche ich wohl haushoch überqualifiziert sein würde. Aber einen Job wie bei der Firma Bammer würde ich wahrscheinlich ohnehin mein Lebtag lang nicht mehr erwischen. Ach ja, auch das sei noch erwähnt: Selbstverständlich erhielt auch die Frau Magister vom AMS eine Bewerbung von mir. Ein Pöstchen im Schoße unseres Staates mag vielleicht nicht ganz so gut bezahlt sein wie mein letzter Job in der Privatwirtschaft, aber sehr sicher ist er allemal.
Ich hatte mich in dieser Zeit gut eingeteilt: Ich nahm an Informationsveranstaltungen des WIFI teil und ließ mich auch in Einzelgesprächen detailliert über den Weg in die Selbstständigkeit informieren. Natürlich hatte ich nie im Sinn, die x-te Ein-Mann-Werbeagentur im Großraum Domstadt zu gründen, denn die meisten Agenturen leben leider nicht von ihren hervorragenden Leistungen, sondern von den Beziehungen zu Politik und Wirtschaft. Da sah es bei mir leider düster aus: Wohl kannte ich eine Vielzahl an Leuten, die man eben kennt – bis hinauf zum Landeshauptmann, mit dem ich vor Jahrzehnten einige Milizübungen beim Bundesheer absolvieren durfte. Es fehlte mir jedoch absolut am Talent des »Beziehungsmanagements«. Stets hatte ich meine Energie darin investiert, fachlich kompetent zu sein und aus meiner Kreativität das Maximum herauszuholen, hatte auch viel Schweiß und nächtliche Gedanken darin investiert, wie ich die mir anvertrauten Projekte so umsetzen konnte, dass ich selbst mit Stolz darauf würde blicken können – aber ob mich jemand aus der »oberen Gesellschaft« dafür mögen oder mich zum Freund haben wollen würde, das war mir immer herzlich egal. Daher mein Entschluss: Keine Werbeagentur! Aber ich hatte einige andere gute Ideen – Produkte, die in unserer Welt viel Sinn machen könnten und auch den entsprechenden Abnehmerkreis finden mochten. In diese Richtung gingen meine Überlegungen. In der Wirtschaftskammer gibt es eine Anlaufstelle für potentielle Unternehmensgründer. Dorthin wandte ich mich und hatte alsbald einen Termin bei einem sehr kompetent wirkenden Magister. Wir verstanden uns auf Anhieb, interessiert hörte er sich an, welche Projekte ich wälzte und in welcher Weise ich die Realisierung derselben in Angriff nehmen wollte. Dabei half mir meine Marketingausbildung, wir waren ja dort unter anderem darin gedrillt worden, welche Argumente etwa eine Bank hören möchte, bevor sie ein Wirtschaftsprojekt unterstützt. Der WK-Berater schien sehr positiv zu meinen Ideen zu stehen, auch die Art und Weise der von mir geplanten Umsetzung und die von mir angedachten Varianten der Markterschließung dürften ihn überzeugt haben. Er selbst brachte noch zwei oder drei Kontakte in das Gespräch ein, von welchen er annahm, dass diese eventuell Interesse an einer Zusammenarbeit haben bzw. mir Vertriebswege öffnen könnten. Nach einer Stunde sehr guten Gesprächs kam mir der Berater noch etwas mehr entgegen: Er würde mir einen für mich kostenlosen Gesprächstermin bei einem Unternehmensberater vermitteln, der in Fragen innovativer Produktideen für die WK tätig ist und mir also noch weitere wertvolle Tipps geben könnte. Mit einem überaus positiven Gefühl verließ ich das prachtvolle Gebäude der Domländer WK – hier fühlte ich mich wohl und verstanden, das könnte also mein künftiger Weg werden.
Der ORF-Skandal
Etwa 2003 hatte bei uns in der Firma eine Buchhalterin zu arbeiten begonnen, nennen wir sie Adele. Schon sehr bald stellte sich heraus, dass Adele ein irrsinniges Talent hatte, bei den Chefleuten Ansehen zu erlangen. Jede kleinste Kleinigkeit aus den Reihen der Mitarbeiter landete schnurstracks bei der Chefin. Diese hatte dann noch die Möglichkeit, die Angelegenheit auf ihre Weise zu interpretieren und dem Chef fast täglich einen neuen Skandal zu präsentieren. Auch war Adele extrem lieb zum degenerierten »Firmenhund« Burgi, einer altersschwachen, kurzbeinigen Kreatur aus der Kategorie Rauhaardackel, welche in ihren besseren Tagen als Jagdhund den Chef auf seinen ausgedehnten Wanderungen hatte begleiten dürfen. Nun aber lag Burgi den ganzen Tag unter irgendwelchen Schreibtischen herum und war wohl mehr eine Belastung für das ganze Team. Hier konnte sich Adele in besonderer Weise profilieren – oftmals ging sie tagsüber mit Burgi auf den Hof, damit diese ihre Geschäfte erledigen konnte. Und ging einmal ein Gacki oder ein Lulu auf den Teppich, so war sich Adele auch nicht zu schade, dieses zu entfernen (eine Aufgabe, die ansonsten gänzlich der Chefin zufiel).
Gemeinsam mit ihrer stets frustriert dreinblickenden Kollegin Suuus bildete Adele in diesen Tagen die Speerspitze des firmeninternen Geheimdienstes. Neben ihrer Arbeit in Buchhaltung und Personalwesen kamen die beiden Damen der Aufgabe des Skandalsuchens in perfekter Weise nach. Ein Beispiel: Eines Vormittags sollte der ORF in der Produktion Filmaufnahmen machen – die Bilder sollten der visuellen Bereicherung eines Beitrages dienen, den die Wirtschaftskammer gestaltete. Ich wusste von dieser Angelegenheit nichts. Die Chefin hatte Albrecht, unseren Qualitätsmanager, damit beauftragt, das Kamerateam zu empfangen und in die entsprechende Halle zu führen. Es begab sich jedoch, dass ich just an jenem Morgen ein Dokument im Personalbüro abzugeben hatte. Da ich als PR-Mann üblicherweise den Kontakt zum ORF hielt, bestürmten mich Adele und Suuus (die von der Aktion natürlich Wind bekommen hatten) mit der Frage, worum es bei diesen Dreharbeiten denn gehe. Ich musste die Damen enttäuschen, wusste ich doch wirklich von nichts. Minuten später rief mich unsere Empfangsdame an, es sei gerade ein Kamerateam des ORF eingetroffen und ich möge bitte in die Empfangshalle kommen, um die Herrschaften in Empfang zu nehmen. Nun war ich verunsichert. Hatte man etwa vergessen, mich zu informieren, dass ich in diesem Zusammenhang irgendwelche Maßnahmen zu treffen hatte? Kurzerhand rief ich die Chefin an (die Herren Bammer waren wie fast immer in wichtiger Mission außer Haus). »Das geht Sie aber nichts an, Albrecht kümmert sich schon darum«, kreischte die Chefin ins Telefon. »Und kommen Sie bitte jaaa nicht auf die Idee, in die Produktion zu gehen, das wollen wir nicht.« Okay, ich hatte verstanden. Es war die Art, einem Mitarbeiter zu signalisieren, dass er völlig überflüssig sei: Eine Aufgabe, von der das ganze Team annahm, sie würde in jemandes Verantwortungsbereich liegen, wurde einfach an einen (willfährigeren) Kollegen delegiert. Das wurde aber im Unternehmen nicht weiter kommuniziert, sodass man zwangsläufig davon erfahren sollte. Der krönende Schlusspunkt war dann der Auftrag, sich vom Geschehen nur ja fernzuhalten, weil es dafür ja geeignetere Kollegen gebe. Eins zu null für die Chefin.
Aber das Ganze war ja noch ausbaufähig. Einige Stunden später rief mich die Chefin zu sich. »Sagen Sie, wie kommen Sie eigentlich dazu, Adele wegen dieser Dreharbeiten auszufratscheln?« Na servass! Ich erklärte ganz schlüssig, dass ich gar niemand »ausfratscheln« hätte können, da ich ja bis zu diesem Morgen überhaupt nichts von irgendwelchen Dreharbeiten gewusst hätte. Ich sei rein zufällig in die Buchhaltung gegangen und die Damen seien mit Fragen auf mich zugekommen. »Aber die beiden haben mir das ganz anders erzählt. Wem soll ich denn jetzt glauben? Also, dass Sie rein zufällig in die Buchhaltung gekommen sind, das glaube ich Ihnen einfach nicht.« Zwei zu null für die Chefin, sie war ja in diesem Betrieb schließlich die Hüterin der Wahrheit.
Der Pausenskandal
Noch so ein Schmankerl: Seitens der Geschäftsleitung war es bei der Firma Bammer stets erwünscht, dass Mitarbeiter die 45-minütige Mittagspause dazu nützen, im Speisesaal den launigen Ausführungen des Chefs zu seinen Jagd- und Fliegereierlebnissen zu lauschen. Bei Abwesenheit des Chefs sollten dort aber jene wichtigen dienstlichen Informationen ausgetauscht werden, welche während der Arbeitszeit unterzugehen drohten. Dennoch verließen etliche Mitarbeiter über Mittag die Firma, um sich die Zeit anderweitig zu vertreiben. Zu diesen Abtrünnigen gehörte auch ich – meist stoppelte ich mir Ohrhörer mit meinem geschätzten Mittagsjournal in die Ohren und marschierte einige Kilometer. Im Zuge eines Gesprächs forderte mich die Chefin eines Tages auf, ich solle – sobald ich das Firmengelände verließe – »ausstempeln«. Von einer früheren Lohnverrechnerin wusste ich jedoch, dass das Lohnverrechnungsprogramm bei jedem Mitarbeiter automatisch 45 Minuten täglich als Pausenzeit abzog; hätte ich ausgestempelt, wären mir täglich also 90 Minuten von meiner Arbeitszeit abgezogen worden. Darauf wies ich Frau Bammer hin und regte an, erst eine technische Lösung für das »Pausenproblem« zu erarbeiten und dann eine Regelung zu erlassen, welche für alle Mitarbeiter gelte, nicht ausschließlich für mich.
Etwa zwei bis drei Wochen später brachte Suuus mir etwas in mein Büro. Ganz beiläufig meinte sie: »Ach, übrigens: Letzten Donnerstag bist du erst um fünf vor eins von deiner Mittagspause zurückgekommen, ich hab dir da eine Viertelstunde abgezogen.« Okay. Da ich regelmäßig übers Jahr ein (pauschal abgegoltenes) Stundenplus von etwa 180 bis 200 Stunden anhäufte, interessierte mich die Viertelstunde nicht wirklich. Aber ich war mir sicher, dass ich nie und nimmer erst zehn Minuten nach dem Schlag der Pausenglocke in der Firma eingerückt sein konnte, da war ich immer sehr pedantisch. Ich begab mich also ins Lohnbüro, in dem auch die Buchhaltung untergebracht war. Dort informierte ich Suuus, dass mir zwar diese Viertelstunde komplett egal sei, zumal ich dafür ja ohnehin nichts bekam, ich ließe mir aber nicht nachsagen, dass ich die Mittagspause mit zehnminütiger Verspätung beenden würde. Wie aus einem Munde beteuerten Adele und Suuus, dass sie beide gerade zufällig um 12 Uhr 55 zeitgleich aus dem Fenster gesehen hätten und beide bestätigen könnten, dass es exakt fünf vor eins gewesen sei, als ich über den Hof gehuscht war. Das kam mir nun sehr verdächtig vor. Ich glaubte, die Urheberschaft dieser angeblichen Verspätung zu kennen. Im Empfangsbüro der Firma stand ein Videorekorder, der die Bilder von vier verschiedenen Überwachungskameras aufzeichnete. In einer der darauffolgenden Mittagspausen bat ich die Kollegin aus der Rezeption, ob sie das Band für mich auf die besagte Mittagspause zurückspulen könne. Und siehe da – ich sah mich über den Hof flitzen, just nachdem die anderen Kollegen sich von ihren sonnigen Plätzen erhoben und sich an ihre Arbeitsplätze begeben hatten. Also wohl zu spät, aber nur etwa 30 bis 40 Sekunden nach dem Signal der Glocke. Was nun? Die Damen hatten mich doch eindeutig verleumdet, das bewies das Video. Wie würde die Firmenleitung darauf reagieren, dass zwei Kolleginnen in vollem Bewusstsein unisono gelogen hatten? Also berichtete ich dies der Chefin. Ihre Entrüstung darüber hielt sich sehr in Grenzen. Es schien fast, als hätte sie von der Sache gewusst. »Ja, und was wollen Sie jetzt?« Eigentlich wollte ich gar nichts, außer eben beweisen, dass man etwas früher aufstehen muss, um mir Dinge anzudichten, deren Gegenteil so leicht zu beweisen ist. Ich wies also nur darauf hin, dass die Chefin zur Kenntnis nehmen möge, dass Adele und Suuus jederzeit lügen würden, um mich zu belasten. Sollte daher in einer schwerwiegenderen Angelegenheit einmal die Aussage der Damen gegen die meinige stehen, so möge dies bitte berücksichtigt werden.
Adele muss gehen
Wirklich gedankt hat man Adele ihre Loyalität jedoch nicht: Nach einem Mitarbeitergespräch Adeles mit der Chefin, über dessen Inhalt man bis heute nichts Genaueres weiß, kühlte die Beziehung schlagartig ab. Die Chefin würdigte ihre einstige Geheimdienstoffizierin keines Blickes mehr. Hatte sie ihr etwas mitzuteilen, betrat sie das Büro und beauftragte Suuus, Adele dieses und jenes auszurichten, obgleich die Angesprochene nur fünf Meter entfernt an ihrem Arbeitsplatz saß. An einem frühen Winternachmittag vor einigen Jahren sah ich Adele – hochrot im Gesicht und begleitet von Albrecht, dem allerengsten Vertrauensmann der Geschäftsleitung – die Treppen hinuntersteigen. Obwohl mitten während der Arbeitszeit, trug sie ihre rote Daunenjacke und ihre Handtasche unter dem Arm. 15 Minuten später rief der Chef zu einer »Mitarbeiterbesprechung«, wie sie nur alle paar Jahre einmal stattfand. In einem großen Büro im Erdgeschoß standen die etwa 20 Angestellten der Firma in einem großen Halbkreis, während der Chef mit Leidensmiene verkündete, er habe Adele soeben fristlos entlassen müssen. Nicht dass sie in irgendeiner Weise kriminell gewesen oder der Firma auf andere Weise in den Rücken gefallen sei, aber ihr sei bereits zum zweiten Mal ein Fehler unterlaufen, der die Firma viel Geld koste, er müsse diese Konsequenz daher also ziehen.
Ich bin heute mit Adele in losem Kontakt. Nach ihrem Ausscheiden aus der Firma veränderte sie sich Gott sei Dank um 180 Grad. Obwohl sie große Scheu davor hatte, irgendwelche kompromittierenden Interna preiszugeben, teilte sie einigen von uns bei einem späteren Treffen mit, was ihre fristlose Entlassung bewirkt hatte: In ihrer versperrbaren Schreibtischlade hatte sie eine Mappe, darin, nach Tagen geordnet und fein säuberlich durch Zwischenblätter getrennt, jene Zahlungen, welche zum jeweiligen Zeitpunkt getätigt werden mussten. So brauchte sie nur das aktuelle Blatt aufzuschlagen und hatte alle anstehenden Erledigungen parat. Eines Tages wurde ihr mitgeteilt, dass irgendetwas nicht termingerecht erledigt worden sei, dadurch sei der Firma ein Schaden von etwa 16.000 Euro entstanden, zufällig etwas mehr, als die Firma ihr an Abfertigung zu bezahlen gehabt hätte. Natürlich nahm sie unverzüglich ihre Mappe zur Hand und schlug jenes Blatt auf, wo sich die angeblich vergessene Aufgabe befinden hätte müssen. Und siehe da: Wie durch ein Wunder befand sich unter all den leeren Blättern jene verhängnisvolle Seite, wo ein einziges Blatt zurückgeblieben war: die unerledigte Finanztransaktion, welche angeblich den Schaden für die Firma verursacht hatte. Ich brauche an dieser Stelle wohl kaum zu erwähnen, wer außer Adele noch einen Schlüssel für diese Schreibtischlade hatte.
Man bot Adele an, auf eine Klage wegen der 16.000 Euro zu verzichten, wenn sie im Gegenzug dafür darauf verzichte, in ihrer Angelegenheit die Arbeiterkammer oder gar das Arbeitsgericht zu bemühen. Die Geschäftsleitung wusste wohl, dass sie dieses Angebot annehmen würde. Eine elegante Lösung für die Firma. »Drei zu null für die Chefin«, möchte man da fast sagen.
Wie tickt die Wirtschaft?
Bei mir trudelten mittlerweile die ersten Absagen ein. Generell war der Tenor, dass man wohl meine hervorragende Qualifikation lobte, sich aber einen »noch besser geeigneten Bewerber aus der Fülle der eingegangenen Bewerbungen« herausgepickt habe. Wie man zu diesem Urteil über die bessere oder schlechtere Eignung gekommen ist, ohne mit mir auch nur ein Wort gewechselt zu haben, blieb mir natürlich verborgen. Eine tolle Formulierung in den Ablehnungsschreiben war auch jene vom »beeindruckenden Lebenslauf«. Sicherlich, nicht jeder Bewerber konnte 28 Jahre Berufserfahrung in sieben verschiedenen Unternehmen und insgesamt mindestens 100 Wochen an Fortbildungen nachweisen. Aber im Prinzip las es sich doch so, als würde mir ein vielleicht 33-jähriger »Human Resources Manager« mitteilen wollen, ich alter Trottel hätte in einem jungen und dynamischen Unternehmen, wie dies sein Arbeitgeber eben sei, nichts verloren.
Was wünschen sich Firmen eigentlich? Wissen sie überhaupt, um welchen Preis man sich notfalls »verkaufen« würde, wenn die Position interessant und sicher klingt? Ist es überhaupt gewiss, dass man einen gut qualifizierten 30-Jährigen um dasselbe Geld langfristig halten kann? Können sich Firmen überhaupt vorstellen, dass ein fast 50-Jähriger weniger als einen Tag Krankenstand pro Jahr konsumiert? Dass ein solcher Mensch leistungsfähig und motiviert ist? Dass er gesund und nachhaltig lebt, sein Leben in stabilen Bahnen hält und demnach seine Energie überproportional in seine Arbeit stecken kann, dass dieser Mensch wahrscheinlich einen höheren Workload einbringt als ein 25-Jähriger, der ein Drittel seiner Arbeitszeit darin investieren muss, auch tagsüber auf Facebook und WhatsApp am Laufenden zu sein?
Der Zufall wollte es, dass meine Tochter just zu dieser Zeit als Assistentin der Geschäftsleitung in einem technischen Handelsbetrieb tätig war. Als solcher oblag es ihr, die eingehenden Bewerbungen zu sammeln und alle paar Wochen mit dem Chef durchzugehen, um den laufenden Personalbedarf der Firma abdecken zu können. Bei ihr trafen viele Bewerbungen ein, denen man ansah, wie viel Mühe sich der Absender damit gemacht hatte: aufwändige Mappen, bunte Bilder, perfekt gestaltete und auf die Firma abgestimmte Coverseiten. Die Vorgangsweise des Chefs war folgende: Er blätterte die Mappen kurz auf, um bis zum Bewerbungsfoto zu gelangen. Hatte eine Person einige Fältchen im Gesicht, so schlug er die Mappe sofort wieder zu. »Zu alt«, war der lapidare Kommentar, mit dem er über die Zukunft von Menschen entschied. Er sah sich oft nicht einmal das Geburtsdatum an, weil dies für ihn bereits zu viel Aufwand bedeutet hätte. In der Privatwirtschaft ist man heute ab 40 pauschal zu alt, zu teuer, zu oft krank, zu unflexibel; und überdies kann man vermutlich auch nicht mehr »geformt« werden. Interessant wird man erst wieder ab 55, denn dann zahlt das AMS einen Gutteil des Gehalts. So kann sich die Wirtschaft ziemlich billig mit qualifizierten und motivierten Arbeitskräften eindecken, die plötzlich nicht mehr zu alt und zu unflexibel sind und aus denen man in den verbleibenden Jahren bis zur Pension noch allerhand herauspressen kann, ohne tief in die Tasche greifen zu müssen.
Dann entdeckte ich etwas Interessantes: Etwa ein bis zwei Wochen, nachdem man mich höflich informiert hatte, einen besseren Bewerber »gefunden« zu haben, tauchte exakt dieselbe Stellenanzeige wieder im Internet auf. Wäre dies nur ein einziges Mal passiert, so hätte man durchaus annehmen können, der »Superbewerber« hätte sich kurzfristig anders entschieden und es wäre dem Unternehmen einfach zu peinlich gewesen, sich nochmals bei mir zu melden. Aber das passierte nicht einmal, nicht zweimal, nein, insgesamt siebenmal war in den folgenden vier Wochen eine Stelle, für die man angeblich bereits einen passenderen Bewerber gefunden hatte, abermals im Internet ausgeschrieben. Ich hatte also ganz klare Hinweise darauf, dass die Unternehmen sich offenbar gar nicht so leichttaten, hoch qualifizierte und erfahrene Bewerber für die ausgeschriebenen Positionen zu finden. Einen 48-Jährigen wollte man aber offenbar keinesfalls einstellen. Ein ausländisches Unternehmen, das im Großraum von Domstadt technisches Gerät für Zahnärzte herstellt, hatte die Stelle eines Mitarbeiters für die Presseabteilung ausgeschrieben – die in der Ausschreibung genannten Anforderungen erfüllte ich zu 100 %, auch konnte ich mit weit darüber hinausgehenden Kenntnissen aufwarten. Nun, nachdem ich nach erhaltener Absage die Stellenausschreibung erneut entdeckt hatte, schrieb ich an die Absenderin meiner Absage zurück:
»Sehr geehrte Frau K., ich habe gesehen, dass diese Position erneut ausgeschrieben wurde. Sollte es mit meinen ›Mitbewerbern‹ nicht geklappt haben, so möchte ich Sie über mein aufrechtes Interesse an dieser Stelle höflich informieren. Mit besten Grüßen …«
Nun möchte man meinen, dass die arme Frau K. sich unverzüglich und hoffnungsfroh bei mir gemeldet hätte, nachdem ihr alle »besseren Bewerber« offenbar abgesprungen waren. Nichts dergleichen passierte. Nicht einmal eine Lesebestätigung für meine E-Mail kam zurück. Ähnlich erging es mir in weiteren Fällen: Etwa vier- bis fünfmal machte ich mir die Mühe, nach neuerlicher Ausschreibung einer Stelle per E-Mail oder auch telefonisch nachzuhaken – auf meine Mails kam üblicherweise keinerlei Reaktion mehr. Bekam ich aber einmal eine Dame ans Telefon, so stammelte diese ziemlich hilflos herum, von einem Irrtum war dann die Rede oder davon, dass die Stelle vom Computer versehentlich nochmals ausgeschrieben worden sei (so was passiert, kostet ja gerade einmal um die 1000 Euro, Computer tun solches manchmal). Auf jeden Fall war für mich bewiesen: Eine Firma sucht lieber weiter nach dem optimalen (jungen) Bewerber und investiert dafür entsprechend Zeit und Geld, bevor sie einen bestens geeigneten 48-Jährigen einstellt.
Der neue Student
Es war kurz nach Mitte Juni. Obwohl ich die Umschulung zum Lehrer innerlich bereits ad acta gelegt hatte, drängte mich meine Frau, mich doch noch an der PH (Pädagogischen Hochschule) Domstadt einzuschreiben. Der letzte Einschreibtermin stand unmittelbar bevor. Da ich an diesen regnerischen Frühsommertagen ohnehin nicht allzu beschäftigt war und mich die Einschreibung nicht mehr kosten sollte als einige Kopien und eine Autofahrt nach Domstadt, beschloss ich, mir auch diesen Weg offen zu halten.
Es war kurz vor zwölf an einem trüben Freitagvormittag. Die letzten Schritte legte ich zu Fuß zurück. Je näher ich dem Gebäudekomplex aus den 1970er-Jahren kam, desto unwohler fühlte ich mich. Was um Himmels willen mache ich da? Unmengen von Schülern und jungen Menschen strömten mir auf der Straße entgegen. Sie beachteten mich natürlich nicht. Sie wussten ja auch nicht, dass ich soeben im Begriff war, mich als Student für das Lehramt einschreiben zu lassen. Ich, der spärlich kopfbehaarte ältere Herr mit den bereits ergrauenden Schläfen. Auch als ich das Gebäude betrat, änderte sich an diesem Gefühl nichts. Die einzige Aufmunterung war der Anblick der vielen jungen und teilweise recht hübschen Mädchen in diesem Gebäude. Aber gehörte ausgerechnet ich in diese Welt? Es war Jahre her, dass ich zuletzt ein Schulgebäude betreten hatte – es war damals darum gegangen, dass man meiner Tochter in der HAK eine Entscheidungsprüfung zwischen vier und fünf hatte vorenthalten wollen. Die Erinnerung an die überhebliche, selbstherrliche und komplizierte Person, welche meine Tochter damals unterrichtet hatte, stieg in mir hoch. Ich hatte während der Schulzeit meiner Kinder nur wenige aufrechte, kompetente und engagierte Persönlichkeiten in diesem Metier angetroffen. Zumeist war ihnen der Überdruss an ihrer Tätigkeit anzumerken gewesen. Obwohl es an der PH Domstadt Gott sei Dank keine Garderobe mit »Hausschuhduft« gibt, stieg mir auf der Treppe eine Art Schulgeruch in die Nase. Soll ich das jetzt wirklich machen? Schon stand ich im Büro. Eine ältere Dame (in Wirklichkeit war sie wahrscheinlich etwa gleich alt wie ich) übernahm meine Unterlagen. Nein, sie könne das leider nicht kopieren. Wenn ich meine Originale gleich wieder mitnehmen möchte, solle ich mir beim Kopierer am Gang die Dokumente selbst kopieren, sie würde dann anhand der Originale die Echtheit prüfen und die Kopien zu ihren Akten nehmen. So stand ich mit meinem Zettelpack wieder im weitläufigen Treppenhausbereich. Ein Kopierer war rasch gefunden. So, wie geht das jetzt, wo kann ich da einen Euro einwerfen oder wie … nach einigem Herumfragen hatte ich schließlich fünf Euro »Paycash« oder wie immer das heißt auf meine Bankomatkarte geladen, damit konnte ich die paar Kopien machen. Im Büro übergab ich nun alle Kopien, die tatsächlich nochmals ordentlich mit den Originalen verglichen und in meinen Akt genommen wurden. In etwa zwei Wochen seien dann die Aufnahmetests, und zwar verteilt auf drei Tage, diese Tage müsse ich mir unbedingt frei halten, diese Tests seien obligatorisch für eine Aufnahme.
Karriereknick
Als ich mich seinerzeit bei den Bammers bewarb, war dort die Position eines »Marketing-Managers« ausgeschrieben. Zwar hatte ich keine fundierte Marketingausbildung, war jedoch immer im Bereich der Gestaltung, der Werbung, fallweise der Pressearbeit und auch im Randbereich des Marketings eingesetzt. Das war im Vorstellungsgespräch überhaupt kein Hindernis. Ich konnte sehr gelungene Arbeitsproben vorlegen. Meine Kreativität und die erkennbare Fähigkeit, Ideen in gelungener Weise umzusetzen, befähigten mich demnach, in diesem Unternehmen die Position des Marketingmanagers einzunehmen. Als bald darauf Visitenkarten produziert werden mussten, setzte ich diese Jobbezeichnung stolz unter meinen Namen.
Alle Angestellten der Firma absolvierten etwa einmal jährlich ein Gespräch bei der Chefin. »Novembergespräche« hatten diese Unterredungen ursprünglich geheißen, wohl in Anbetracht der Stimmung, welche deren Ankündigung alljährlich unter den betroffenen Mitarbeitern auszulösen vermochte. Später wurden sie in »Mitarbeitergespräche« umbenannt. Etwa fünf Jahre nach meinem Eintritt in die Firma absolvierte Stella ein solches Mitarbeitergespräch. Stella war die Freundin unseres Juniors und zu dieser Zeit in der Telefonzentrale beschäftigt. Leider war sie nach etwa einem Jahr mit dieser Tätigkeit nicht mehr recht glücklich und wollte ein interessanteres Betätigungsfeld. Natürlich hatte sie erkannt, dass mein Arbeitsbereich eines der interessantesten Beschäftigungsfelder im Unternehmen darstellte, daher deponierte sie bei der Chefin den Wunsch, mittelfristig in eine Tätigkeit im Marketingbereich wechseln zu wollen. Da dieses Ansinnen noch in der Zeit vor dem »Großen Zerwürfnis« geäußert wurde, sann man in der Geschäftsleitung darüber nach, wie der Schwiegertochter in spe dieser Wünsch erfüllt werden könne. Eines Tages rief mich der Chef zu sich: »Als wir Sie damals eingestellt haben, da haben wir ja eigentlich nicht genau gewusst, was dieser Marketingbereich alles umfasst.« Man habe nun festgestellt, dass ich ja fachlich leider nicht ausreichend qualifiziert sei, um weiterhin als Marketingmanager fungieren zu können. Herr Bammer schlug vor, ich solle künftig die Arbeitsbezeichnung »Werbe- und PR-Manager« erhalten, weil dies ja mein Betätigungsfeld optimal bezeichne. So weit hatte er ja recht. Nachdem Stella jedoch im Kollegenkreis keinen Hehl aus ihren Ambitionen gemacht hatte, wusste ich sehr wohl, wer in naher Zukunft »Marketingmanager« unserer Firma werden sollte. Immerhin hatte Stella eine Fachschule für Textiltechnik absolviert, konnte walken und stricken und war auch irgendwie kreativ. Daher fragte ich den Chef, ob denn jemand anderes für die Position des »Marketingmanagers« vorgesehen sei … dies wurde natürlich vehement in Abrede gestellt. So schrieb ich also – völlig vom Gegenteil überzeugt – ein Protokoll, das ich an Chef, Chefin und den Junior sandte und in welchem festgehalten war, dass mir niemand als Marketingmanager vor die Nase gesetzt würde. Das bereits erwähnte »Große Zerwürfnis« (auf das wir sicherlich noch kommen werden) verhinderte schließlich, dass Stella wirklich Marketingmanagerin wurde.
Vorsichtig war ich trotzdem. Unverzüglich begann ich mit einer berufsbegleitenden Ausbildung zum »ISO zertifizierten Marketingmanager«, welche ich zwei Jahre später erfolgreich abschließen sollte. Das Zertifikat darüber hinterlegte ich bei Suuus, welche die Personalakten verwaltete und von der ich mit Sicherheit wusste, dass sie ca. binnen einer Minute die Chefin von meinem provokanten Verhalten benachrichtigen würde. Schließlich würde es nun nicht mehr ganz so einfach sein, irgendeine nicht ausgebildete Person als »Marketingmanager« einzusetzen und mich dieser zu unterstellen. Die Strafe folgte auf dem Fuß: Es wurde daraufhin festgestellt, dass ich die Bezeichnung »Werbe- und PR-Manager« eigentlich ja auch zu Unrecht führen würde, weil ich ja doch kein Manager sei. Der Junior war es schließlich, der für mich eine neue, besser geeignete Dienststellenbeschreibung erfand: »Creative Activities« stand von da an unter meinem Namen auf den Visitenkarten. Gott sei Dank geschah dies bereits zu jener Zeit, da ich die Firma dienstlich kaum mehr verlassen durfte, daher konnte ich auch nicht allzu viele dieser peinlichen Visitenkarten unters Volk bringen.
Selbstverständlich war ich nicht der Einzige, dem solches widerfuhr. Bereits kurz nach meinem Eintritt in die Firma gab es ein kleines Fest: Tom, unser vom Chef über alles geschätzter Produktionsleiter, und Juppe, ein verdienter Kollege, der zudem weitschichtig mit dem Chef verwandt ist, wurden in Anwesenheit des Teams zu Prokuristen ernannt. Ich hatte damals die ehrenvolle Aufgabe, ansprechende Urkunden für diese Ernennung zu kreieren und auf besonders hochwertigem Papier auszudrucken. Der Chef überreichte den beiden die schön gerahmten Dokumente, welche von den neuen Prokuristen mit stolzgeschwellter Brust entgegengenommen wurden. Das Ganze hatte jedoch einen Pferdefuß: Im Kollektivvertrag des metallverarbeitenden Gewerbes ist für Prokuristen ganz eindeutig eine Gehaltsstufe vorgesehen, die den beiden Kollegen ein weitaus höheres Salär zugedacht hätte, als diese zum damaligen Zeitpunkt hatten – der Chef hätte also zusätzlich zu den Kosten für Urkunden, Bilderrahmen und Sekt auch noch die Bezüge der Ernannten erhöhen sollen. Damit war der Spaß auch gleich wieder vorbei. Als ich mich einige Wochen später mit Tom unterhielt und ihn scherzhaft »Herr Prokurist« nannte, verriet er mir hinter vorgehaltener Hand, dass ihm und Juppe dieser Titel mittlerweile aus pekuniären Gründen wieder aberkannt worden sei. Das solle aber niemand in der Belegschaft erfahren, nach außen solle dieser Schein gewahrt bleiben. Tom arbeitet heute als Leiter der US-Niederlassung eines deutschen Großunternehmens und wird sich vermutlich mit einigem Schaudern an die damaligen Ereignisse zurückerinnern.
Erstes Bewerbungsgespräch
Eines muss ich aber zugeben: Bereits meine dritte Bewerbung war insofern erfolgreich, als ich zu einem Gespräch samt Persönlichkeitstest eingeladen wurde. Ein Domstädter Headhunter hatte die Position ausgeschrieben. Besetzt werden sollte die Stelle des Marketingmanagers in einem Unternehmen, welches im Eigentum dreier Domländer Körperschaften steht.
Zuvor jedoch war Einkaufen angesagt: Ich hatte meinen Kleiderkasten gesichtet und war mit dem Vorgefundenen nicht recht zufrieden gewesen. Zwar war eine reichliche Auswahl an beliebig kombinierbaren und auch ziemlich neuwertigen Teilen vorhanden, allerdings bevorzugte ich auch in der Arbeit ein eher legeres Outfit – nicht unbedingt optimal für Vorstellungsgespräche. Ganze zwei Nachmittage investierte ich in die »Gestaltung« meines Auftritts. Dabei ließ ich mich von einer umfangreichen Damenriege beraten – meine Frau und ihre Freundin, meine Tochter, meine Schwester und meine Nichte durften meine Einkäufe unterstützen und mich beim Kombinieren beraten. So gelang es mir schließlich, elegant, aber nicht arrogant, lässig, aber nicht schlampig, gediegen und doch nicht altmodisch meinem Termin entgegenzueilen.
Mitte Juni konnte ich in den Räumlichkeiten des Vermittlers meinen Termin wahrnehmen. Es war einer der wärmsten Tage des bisherigen Sommers. Nicht etwa dass eine sengende Sonne ihre unbarmherzigen Strahlen zu uns herabgesandt hätte, nein, es war nur ein wenig sonnig und dann auch wieder bewölkt. Aber die vorangegangenen verregneten Wochen und die an diesem Tage doch sehr präsente Mittsommersonne sorgten für ein tropisch warmes Klima. Mein Termin: ausgerechnet am frühen Nachmittag. Im klimatisierten Besprechungsraum hieß mich ein älterer, kompetent wirkender Herr willkommen. Rasch entwickelte sich ein gutes Gespräch, meinem Gesprächspartner war anzumerken, dass er psychologisch gut geschult war. Aber nachdem ich beschlossen hatte, mich in keinster Weise zu verstellen und ganz und gar mich selbst zu verkaufen, lief die eineinhalbstündige Unterredung für mich perfekt. Es war mittlerweile halb vier geworden. Man hatte mich bereits im Vorfeld ersucht, »genügend Zeit mitzubringen«, da der umfassende Computertest doch zumindest eineinhalb Stunden dauern werde. Der Berater verabschiedete sich an dieser Stelle von mir, er werde bei Beendigung des Tests vermutlich nicht mehr im Hause sein. Dann führte mich eine Sekretärin in den Computerraum und erklärte mir den Ablauf. In dieser Kammer war es ziemlich warm, zumal sie exakt nach Westen ausgerichtet war und sich die Sonne mittlerweile an diese Gebäudeseite geschlichen hatte. Das Angebot, die Klimaanlage einzuschalten, lehnte ich jedoch dankend ab, ich vertrage diese generell nicht besonders gut.
Am Bildschirm erschienen nun verschiedene Zahlen- und Buchstabenreihen, wobei es galt, nicht passende Elemente zu finden und in ein Kästchen einzutragen. Von Frage zu Frage wurde dies schwieriger, sodass ich bald drei oder vier Minuten benötigte, um eine Entscheidung zu treffen. Trotzdem quälte ich mich beharrlich durch die Aufgaben. Es hätte ja schließlich auch der Fall sein können, dass man anhand dieses zermürbenden Tests erkunden wollte, wie ausdauernd und belastbar ich denn sei. Als Nächstes erschienen Tabellen, sechs senkrechte Kolonnen und sechs Zeilen mit Zahlen. Oberhalb der Tabellen wurde erklärt, welche Zahlen an welcher Stelle durch eine andere Zahl zu ersetzen sind, dann erschienen Rechenaufgaben mit den Zahlen, die ja nun nicht mehr sie selbst waren, sondern im Geiste ersetzt werden mussten. Dabei wurde über drei oder vier Instanzen gerechnet, man musste sich also doch ziemlich konzentrieren und das Kurzzeitgedächtnis ausgiebig strapazieren.
Direkt eine Erleichterung war dann der Worttest. Der Schirm zeigte jeweils ein selten verwendetes Wort, zumeist Fremdwörter. Sogleich erhielt man sechs Vorschläge, denen die Bedeutung des zuvor gesehenen Wortes zugeordnet werden musste. Gott sei Dank kann ich auf einen gediegenen Wortschatz zurückgreifen, diese Aufgabe kostete mich wohl keine 20 Minuten. Nun, es war mittlerweile halb sechs geworden. Ich fragte mich, wie lange wohl die Sekretärin Dienst hatte. Das Sakko und die Krawatte hingen längst am Kleiderständer, der »offizielle Teil« war ja bereits vorüber. Nun kamen Managementaufgaben auf mich zu. Plötzlich sah ich mich in der Rolle von Vorstandsvorsitzenden, von Abteilungsleitern mit hunderten von Mitarbeitern, von Börsenmaklern in prekären Situationen. Etwa zehnzeilige Texte erklärten den jeweiligen Sachverhalt. Meine Aufgabe war es, aus neun Reaktionsmöglichkeiten jene drei herauszufiltern, welche für mich die idealen Lösungen zur Bereinigung einer Situation oder zur Hintanhaltung größeren Schadens darstellen würden. Ich entschied mich, ein menschlicher Manager zu sein. Wenn es irgendwie möglich war, rettete ich meinen Mitarbeitern den Arsch, verhinderte Werksschließungen in Krisengebieten, widersetzte mich Korruptionsangeboten und erschuf innerhalb einer Dreiviertelstunde eine Wirtschaftswelt, nach der sich die Gutmenschen dieser Erde wohl schon lange sehnen. Tatsache ist, dass es in dieser Sequenz keine richtigen oder falschen Antworten gab, die Aufgaben dienten lediglich dazu, jemandes persönlichen Führungsstil zu analysieren. Die Sekretärin hatte mir inzwischen einen Krug Wasser gebracht. Die Managementaufgaben hatte ich wahrlich im Schweiße meines Angesichts erledigt. Auch hatte ich den Verdacht, dass das Fräulein über eine rasche Beendigung meiner Aufgaben nicht unglücklich gewesen wäre. Endlich erschienen die Spielkarten, welche das herannahende Ende der Computersession signalisieren sollten. Es galt, innerhalb einer sehr kurzen Zeit möglichst viele Aufgaben richtig zu erledigen. Gezeigt wurden jeweils vier Spielkarten. Nur wenn exakt zwei der Karten das gleiche Symbol trugen, musste ein »J« eingegeben werden. Sollten jedoch zweimal zwei gleiche Symbole dargestellt sein oder auch drei gleiche Symbole, war ein »N« einzutragen, genauso wenn überhaupt keine gleichen Symbole gezeigt wurden. Eine höchst einfache Aufgabe, nach diesem dreistündigen Test aber doch mühsam. Um halb sieben war ich fertig.
Später sollte ich erfahren, dass ich unter allen Bewerbern unter die ersten drei gereiht worden war, sich der künftige Dienstgeber aber nicht so rasch entscheiden könne und vor Herbst sicherlich keine Entscheidung zu erwarten sei.
Die Geschichte vom Mahlsteiner Axel
Axel war einer von unseren Monteuren. Er gehörte also zu jenen Burschen, die man am einen Tag dahin und am anderen dorthin schickte, die also bestens beraten waren, Zahnbürste und Pyjama stets in der Firma zu haben, denn es konnte durchaus passieren, dass man als Monteur um 16 Uhr erfuhr, dass man am nächsten Morgen z.B. in Köln sein muss. Axel war ein gutmütiger Riese, etwa zehn Zentimeter größer als ich (und ich bin schon nicht klein) und mit Oberarmen, deren Umfang etwa jenem meiner Oberschenkel entsprach. Axel hatte vor seinem Dienstantritt bei den Bammers eine bessere schulische Ausbildung genossen, er war bereits Geselle, als ich in die Firma eintrat. Bisweilen wirkte er etwas schwerfällig, obwohl er sein Handwerk tadellos beherrschte. In der Firma konnte er jedoch nicht weiterkommen. So begann er, einen Meisterkurs zu absolvieren, um seine Chancen zu verbessern. Manni, jener Meister, unter dessen Ägide Axel arbeitete, sah natürlich sofort seinen Status bedroht. Er schickte Axel noch öfter in der Welt herum als zuvor, der sollte möglichst wenig Gelegenheit bekommen, seine Kursabende zu besuchen. Auch das Familienleben forderte Axel, zwei seiner drei Kinder waren bereits auf der Welt. Dennoch schaffte es Axel, nach etwa zwei Jahren hatte er seinen Meistertitel. Nun hoffte er darauf, endlich mehr Verantwortung, eine interessantere Herausforderung oder zumindest mehr Geld zu bekommen. Der Firma kam es natürlich am billigsten, Axel mit einer interessanten Herausforderung zu ködern, das Finanzielle sollte dann folgen, wenn das von Axel künftig zu verantwortende Projekt einmal satte Gewinne abwirft.
Der Zufall wollte es, dass wir gerade ein sehr innovatives, jedoch auch komplexes Produkt auf den Markt gebracht hatten, dessen Entwicklung noch in den Kinderschuhen steckte und das daher die intensive Betreuung durch einen versierten Handwerker mit guten Theoriekenntnissen erforderte. So tourte Axel weiterhin durch die Welt, jedoch mit Fokus auf unser neues Produkt, die künftige Cash Cow der Firma. Sonst aber ging nicht viel weiter. Axels sich vergrößernde Familie saß in einer kleinen Wohnung fest, die Karotte, die man ihm vor die Nase gehängt hatte, kam nicht näher. So begann Axel seine Fühler auszustrecken und fand bald einen Arbeitgeber, der bereit war, schon als Einstiegsgehalt 400 Euro mehr zu bezahlen, als Axel nach etlichen Jahren bei den Bammers verdiente. Obwohl er dadurch zwei Monatsgehälter an Abfertigung verlieren sollte, beschloss Axel, zu kündigen. Die Kündigung gab er bei Albrecht ab, doch schon zwei Minuten später rief der Chef Axel zu sich. Die Szenen, die sich im Chefbüro abgespielt haben, wurden mir so beschrieben: »Ja, was glaubst du denn, du kannst uns doch jetzt nicht einfach im Stich lassen! Jetzt haben wir dir dieses tolle Projekt zukommen lassen und die Firma beweist so viel Vertrauen in dich, und du hast nichts Besseres zu tun, als dich woanders zu bewerben.« Axel verwies darauf, dass er selbst als Meister noch im Arbeiterstatus geführt werde, die anderen Meister jedoch längst Angestellte seien und dadurch auch höhere Bezüge hätten. »Ja, dann sag das doch, das ist ja überhaupt kein Problem, du kannst ab nächstes Monat Angestellter sein.« Axel lamentierte weiter, dass er dann ja trotzdem noch als einfacher Monteur durch die Lande gondeln müsse, wobei er doch gerne Teamverantwortung übernehmen würde. Nun sagte ihm der Chef auch das zu. Gott sei Dank fiel Axel noch ein, dass er, wenn er nun Angestellter wird, in dieser Firma keinen Anspruch mehr auf Diäten haben würde. Es war den Bammers wichtig, dass Angestellte keinesfalls in den Genuss solcher steuerfrei auszubezahlenden Gehaltsbestandteile kommen, stattdessen behielt man es sich vor, eine jährlich neu zu beschließende Prämie (Schleimzulage) zu zahlen, von der wir Arbeitnehmer gleich einmal 60 % an Krankenkasse und Fiskus abliefern mussten. Im Fall von Axel sagte der Chef nun sogar zu, dass er auch als Angestellter weiterhin seine Diäten einreichen dürfe. Axel, von der spontanen und komplett unerwarteten Generosität des Chefs vollkommen überwältigt, zog seine Kündigung zurück und sagte dem potentiellen künftigen Chef ab.
Nun ging es daran, die neuen Vereinbarungen umzusetzen: Axel wurde tatsächlich Angestellter, das Grundgehalt bewegte sich etwas in die richtige Richtung. Vom Angebot der anderen Firma war man aber noch meilenweit entfernt. Auch das Team, dessen Leitung Axel fortan übernehmen durfte, war rasch zusammengestellt: Der Lackierer und ein Lehrling aus dem ersten Lehrjahr wurden Axel »unterstellt«. Zwar durfte er dadurch deren Urlaubsanträge abzeichnen, de facto aber hatte er auf die beiden Leute keinerlei Zugriff und konnte sie auch für jenes Projekt, das er weiterhin zu betreuen hatte, überhaupt nicht brauchen. Immerhin: Bereits am nächsten Lohnzettel fand Axel die ihm zustehenden Diäten angeführt, wenngleich er inzwischen tatsächlich Angestellter war. Dies ging sogar noch ein weiteres Monat so. Im dritten Monat nach dieser Umstellung aber vermisste Axel seine Diäten plötzlich. Er ging ins Lohnbüro, um sich danach zu erkundigen. Luise teilte ihm nüchtern mit, dass die Auszahlung seiner Diäten in den vorangegangenen beiden Monaten leider irrtümlich erfolgt und künftig natürlich vollkommen ausgeschlossen sei. Darüber werde sich aber demnächst eh noch die Chefin mit ihm unterhalten. Man hatte Axel schlichtweg verarscht. Weil er natürlich nichts Schriftliches vorweisen konnte, musste sich Axel schließlich doch noch einen neuen Job suchen.
Der Fliegerbund-Skandal
Unser Chef reiste in den Anfangsjahren des Jahrtausends oft und gerne zu seinen Händlern, Lieferanten und Kunden. Nachdem er bereits als junger Spund einen Hang zur Fliegerei entwickelt hatte, lag es auf der Hand, dass er Termine in einer Entfernung von hunderten Kilometern bevorzugt mit einer kleinen Propellermaschine anpeilte. Zu diesem Zwecke war er vor langer Zeit dem »Fliegerbund« beigetreten, einer Vereinigung, die gemeinsam mehrere Flugzeuge besitzt und an die Mitglieder verleiht. Wer nun einen Flug zu absolvieren hatte, suchte sich das geeignete Gerät aus und zahlte einen angemessenen Stundensatz plus Sprit. Das große Manko an dieser Regelung lag jedoch darin, dass man als Mitglied eines Vereins nicht das alleinige Diktat führen konnte, sondern immer in Abstimmung mit Gleichgestellten entschied. Dem Herrn Alfred Bammer dürfte dies wohl kaum geschmeckt haben. Oft berichtete er während der Mittagspause von den skandalösen Zuständen in diesem Verein, dass der abgehobene Vorstand die Wartungsarbeiten quasi unter der Hand an befreundete Unternehmen vergebe und dass diese nicht mit der entsprechenden Sorgfalt durchgeführt würden. Mit einem leitenden Vereinsmitglied kam es daraufhin zu einem tiefgreifenden Zerwürfnis. So schrieb dieser Diplomingenieur unserem Chef auf dessen Firmen-E-Mail. Sinngemäß teilte er unserem Herrn Bammer mit, er könne sich seinetwegen in seiner Firma aufführen wie ein Kaiser, im Verein aber habe er sich den Statuten und Beschlüssen der Gremien unterzuordnen. Vermutlich war es nur ein fataler Irrtum, dass der Herr DI dieses E-Mail in BCC (also für den Chef nicht sichtbar) auch an die offizielle Mailadresse der Firma sandte. So erlangte schließlich auch ich eine Kopie dieses Schreibens. Die geschilderten Charakterzüge waren uns Mitarbeitern leidvoll bekannt, nun konnten wir mit einiger Häme darüber schmunzeln, wie dem Chef hier ein Spiegel vorgehalten wurde.
Das Fass war damit übergelaufen. Im Verein stand die Neuwahl des Vorstandes an. Nun dürft ihr raten, wer sich für die Position des neuen Vereinsvorstandes berufen fühlte. An mich erging in diesem Zusammenhang der Auftrag, ein gediegenes »Propagandaschreiben« zu erstellen, in welchem die herrschenden Zustände kritisiert und eine strahlende Zukunft der Vereinigung unter der Ägide des Herrn Bammer angekündigt wurden. Als Bildmotiv für den Kopf der Aussendung wählte ich das Triebwerk einer Propellermachine vor strahlend blauem Himmel und kleine weiße Wolkenfetzen im Hintergrund, dies ließ ich abgesoftet verlaufen und in einen martialisch-revolutionären Text übergehen. Ich hätte nach Lektüre dieses Schreibens mit Sicherheit meinen Chef gewählt. Von diesem Rundbrief druckte ich etwa 160 Stück, die Kuvertierarbeit muss wohl die Chefin übernommen haben. Leider kam die Wahlpropaganda bei den Vereinsmitgliedern anscheinend nicht ganz so gut an. Obwohl alles Weitere reinste Geheimsache war und ich natürlich von offizieller Seite keinerlei Informationen mehr erhielt, erfuhr ich Folgendes: Der Vorstoß muss blamabel gescheitert sein. Bereits am nächsten Tag traten der Chef, unser Junior (welcher die Flugleidenschaft des Vaters zwangsläufig teilen musste) und unser Pilot, ein Freund des Chefs, aus dem Fliegerbund aus. Nun war aber wirklich Feuer am Dach: Wie lange würde die Firma wohl noch bestehen können, so gänzlich ohne Zugang zu einem Fluggerät? Alle Besuche mit dem Auto oder per Linienflug zu absolvieren und dabei nicht einen einzigen Kilometer zur Aufrechterhaltung der Pilotenlizenz zu erfliegen, das war eine höchst prekäre Situation. Die Stimmung war schlecht. Eine große und kostspielige Messe stand an. Zumindest war es nicht
üblich, den beteiligten Mitarbeitern irgendwelche Diäten oder Überstunden auszubezahlen, was die Kosten geringfügig senkte. Just in dieser finanziell bedrohlichen Situation flatterte uns eine Rechnung ins Haus: Für wohlfeile 170.000 Euro musste sich die Firma nun eine gebrauchte zweimotorige Cessna kaufen, um die zuvor genannten Bedrohungsbilder hintanzuhalten. Nachdem dieser »Notkauf« nicht geheim gehalten werden konnte, gab es etwas später in einem Meeting folgende Information: Man habe im Sinne der Flexibilität handeln müssen. Es gehe nicht an, dass in 1000 km Entfernung eine Maschine stillstehe und unser Chef müsse erst mühsam mit dem Auto dorthin fahren. Dann aber kam das Eingeständnis, dass Unterbringung, Wartung und Erhaltungskosten für dieses Gerät einen erheblichen Kostenfaktor für ein kleines Familienunternehmen darstellen und man danach trachte, eventuelle »Taxiflüge« für andere Unternehmen durchzuführen, um die Kosten etwas aufteilen zu können. Wenige Tage später stand ich mit einem fertigen Konzept beim Chef: Über die Wirtschaftskammer hätten wir Adressen von Unternehmen erhalten können, welche an dieser Art der Dienstleistung Interesse hätten haben können. Einen Textentwurf für die Aussendung hatte ich vorbereitet, einen Artikel für die »Domländische Wirtschaft« hatte ich ebenso entworfen. Nun zeigte sich aber eine gänzlich andere Situation: »Wir wollen ja nicht Lufttaxi für Hinz und Kunz spielen.« Wenn jemand Interesse daran habe, das Bammer’sche Fluggerät samt Crew zu buchen, so möge derjenige doch bittstellend auf uns zukommen (vorzugsweise natürlich befreundete Unternehmer). Wenn dann die Chemie stimmt und das Bordpersonal nicht gerade anderweitig verplant ist, dann würde man eine derartige Dienstleistung ja gerne durchführen. Ich habe in den darauffolgenden Jahren nicht bewusst erlebt, dass die Firma je als Luftfahrtunternehmen tätig geworden wäre. Dafür habe ich bisweilen Urlaubsfotos von den Perlen der Adria gesehen, die offenbar nicht auf dem Landweg oder per Linienflug erreicht worden waren. Weil in solchen Fällen aber der gute Wille für das Werk steht, wurde offenbar versucht, für viele tausend Liter Flugbenzin vom Finanzamt eine Rückerstattung geleisteter Abgaben zu erlangen, wie sie für Luftfahrtunternehmen anscheinend vorgesehen ist. Ob diesem Ansinnen letztlich stattgegeben wurde, entzieht sich meiner Kenntnis.
Eine ebenso bezeichnende Flugzeug-Episode wurde mir später von Frank berichtet: Ein großer deutscher Kunde war im Begriff, mehrere Maschinenausrüstungen im Wert von weit über 100.000 Euro zu bestellen. Die Endverhandlungen für diesen Auftrag wollte man mit dem Chef persönlich führen, die Außendienstmitarbeiter hatten ja nicht den entsprechenden Handlungsspielraum. Bei den Details wollte der Kunde einige Kleinteile im Wert von wenigen hundert Euro ohne zusätzliche Berechnung für sich heraushandeln. Unser Chef verfiel augenblicklich in eine gejammerte Elegie, das Geschäft sei unerbittlich hart, die Ausrüstungen ohnehin so kalkuliert, dass kein Cent mehr bleibe, kurzum, es sei daher schlicht unmöglich, auch noch diese Kleinteile im Preis zu integrieren. Dabei dürfte er so glaubhaft gewirkt haben, dass der Kunde nur mit Mühe die Tränen zurückhalten konnte und sofort einwilligte, diese Teile separat zu bezahlen. Die Tinte unter dem Kaufvertrag war noch feucht, als der Chef eine Bitte äußerte: Ob es wohl möglich sei, dass sein Begleiter während des im Anschluss geplanten Essens seinen Laptop in den Räumen des Kunden aufladen könne. Man sei nämlich mit dem PRIVAT-FLUGZEUG angereist und müsse für den Rückflug ausreichend Akku-Kapazität sicherstellen. Frank erlangte angesichts dieser plötzlichen Wohlstandskundgebung eine gesunde Gesichtsfarbe, der Chef aber merkte gar nicht, wie unglaubwürdig er von einer Sekunde auf die andere geworden war. Fingerspitzengefühl war also Herrn Bammers Sache nicht.
Die Aufnahmeprüfung
Anfang Juli waren die »Aufnahmeprüfungen« an der Pädagogischen Hochschule zu absolvieren. Am ersten Tag ging es darum, innerhalb einer kleinen Gruppe von Studenten glaubhaft die Motive für die getroffene Berufswahl zu präsentieren. Dabei wurde jeweils folgender Ablauf gewählt: Von einem Professor wurde kurz das Thema erklärt, welches die Präsentation behandeln sollte. Dann hatte man zehn Minuten Zeit, um sich auf das Thema vorzubereiten, und schließlich sollte das Ergebnis in einer etwa drei Minuten dauernden, möglichst freien Rede dem Publikum übermittelt werden. Meine armen, jungen Mitprüflinge schrieben sich in der zur Verfügung stehenden Zeit fast die Finger wund, um dann – sich krampfhaft an ihren Zettelchen festhaltend – die Stichworte abzulesen und in der verbleibenden Zeit stakkatoartig zu beteuern, wie gut man doch für diesen Beruf geeignet sei und wie viel Freude man denn an Kindern habe. Dazu kam, dass jene gestrenge Professorin, welche uns am ersten Vormittag begleitete, die Stoppfunktion ihres iPhones aktivierte und exakt die Einhaltung der vorgegebenen Redezeit kontrollierte. Ich hatte beschlossen, mir keine Notizen zu machen. Aus etlichen Erfahrungen, die ich in den von mir absolvierten Kursen gemacht hatte, wusste ich, dass es mir möglich wäre, eine dreiminütige Präsentation auch ohne Stichwortzettel zu halten. Nach meinem Ermessen gelang das auch ganz gut.
Die Vorgangsweise blieb die gleiche, als es darum ging, sich für seine fiktiven Schüler ein Schulprojekt auszudenken und dieses dann auf einem fiktiven Elternabend den staunenden Eltern zu präsentieren. Während meine künftigen Kommilitonen Skikurse und gesunde Jause präsentierten, also Projekte, die sie als Schüler soeben noch selbst erlebt hatten, entschloss ich mich, eine fächerübergreifende »Zukunftswoche« an der Schule einzuführen. In dieser Woche sollten die Schüler aufgefordert werden, ihre Vorstellungen von ihrer eigenen Zukunft zu präsentieren, anstatt ein fertiges Konzept der Erwachsenenwelt vorgesetzt zu bekommen. Mit viel Verve präsentierte ich dieses Projekt, sprach neben den fiktiven Eltern auch mein fiktives Kollegium an, schrieb in Riesenlettern an die Tafel und pries den Nutzen, den die ganze Gesellschaft aus einem solchen Projekt ziehen könne. Gott sei Dank hatte inzwischen ein Professorenwechsel stattgefunden, denn die drei Minuten werde ich bei dieser Präsentation wohl nicht ganz eingehalten haben.
Am letzten Prüfungstag war ein Rechtschreibtest angesetzt. Dankenswerterweise hatte jemand in den Hinweisen zur Anmeldung einen Link zu einem ähnlichen Test gesetzt, so konnte ich einige Tage zuvor bereits nachsehen, wie dieser Test so abläuft. Da ich an meinem Rechner die Lautsprecher nicht angeschlossen hatte, bekam ich nicht mit, dass der Test auch akustische Anweisungen gab. So wunderte ich mich sehr, dass ich beim Ausfüllen von Leerfeldern, für welche mehrere Begriffe möglich waren, immer null Punkte bekam. Erst später bemerkte ich, dass hier genau jene Wörter zu ergänzen waren, welche eine sonore elektronische Stimme vorgab. Bei meinem ersten Testlauf hatte ich etwa 85 %, damit war ich einigermaßen zufrieden. Am Vorabend des Rechtschreibtests entschloss ich mich, den Beispieltest nochmals zu absolvieren, dabei hatte ich die Lautsprecher angeschlossen. Mit einer Quote von diesmal 93 % war ich durchaus zufrieden und ging am nächsten Tag voller Zuversicht zum Test. Die gnädigen Professoren und der Computer dürften meine Leistungen allesamt recht positiv beurteilt haben. Als etwa eine Woche später die Ergebnisse veröffentlicht wurden, stellte sich Folgendes heraus: Von etwa 140 Bewerbern konnten insgesamt 110 die Aufnahmeprüfung erfolgreich ablegen. Die anonymisierte Reihung zeigte mir zu meiner großen Überraschung aber auch, dass ich unter den 110 zukünftigen Studenten meiner Sparte an die 28. Stelle gereiht worden war. Ich schien also doch nicht ganz so unfähig zu sein, wie ich dies aufgrund meiner erfolglosen Bewerbungen inzwischen hatte annehmen müssen.
Heilerfolg
In den letzten Jahren hatten sich bei mir einige »Wehwehchen« etabliert. Die Lendenwirbelsäule war eigentlich permanent beleidigt. Es gab lediglich einen einzigen Stuhl in meinem Büro, den ich über längere Zeit benützen konnte, ohne immense Schmerzen zu bekommen. Leider sah die Chefin dies als Affront – schließlich hatte sie kurz zuvor optisch attraktive, farblich auf das Büro abgestimmte Drehstühle erworben, die von mir nun anscheinend »verschmäht« wurden. So gut es der Designer dieser Stühle auch gemeint hatte, zum Sitzen waren sie nur mäßig geeignet. Letztlich baute ich mir zuhause aus ein paar Brettchen ein kleines, aufklappbares Pult, das gerade Platz für Tastatur und Maus bot. Ich konnte also – wenn die Schmerzen zu belastend wurden – mein Erhöhungspult ausklappen, die Bildschirme leicht nach oben schwenken und im Stehen weiterarbeiten. Das brachte aber wieder andere Beschwerden mit sich: In der rechten Ferse wurde über die Monate ein stechender Schmerz spürbar, der im Fachjargon »Fersensporn« genannt wird. Jeden Morgen sah mich aus dem Spiegel ein Mensch mit stark geschwollenen Tränensäcken an, nur am Wochenende besserte sich das kurzfristig. Zusätzlich trat am linken Schulterblatt häufig ein krampfartiger punktueller Schmerz auf, für den ich überhaupt keine Erklärung hatte und der auch von meiner Hausärztin logisch nicht zugeordnet werden konnte. Bisweilen griffen noch weitere unerklärliche Schmerzen dieser Art an Händen oder Füßen Platz. Tatsache ist, dass ich mich in dieser Zeit zunehmend als körperliches Wrack fühlte. Zwar betrieb ich in der Freizeit gar nicht so wenig Sport, absolvierte die eine oder andere Physiotherapie, eine spürbare und nachhaltige Besserung meiner diversen Leiden konnte ich dennoch nicht verzeichnen.
Wenige Wochen nach meiner Demission bei den Bammers waren alle diese Erscheinungen urplötzlich verschwunden. Mein Körper erschien mir um etliche Jahre jünger. Natürlich, ich hatte (bis auf ein bisschen Hausarbeit und ein, zwei Stunden Bewerbungen schreiben) Zeit für mich. Ich machte also noch viel mehr Sport oder vertrieb mir die Zeit auf angenehme Weise. Erstaunlich ist aber, dass mich die oben genannten Leiden auch dann nicht mehr einholten, als ich wieder einen geregelten Alltag bekam und Leistungen erbringen musste. Ich kann diese physischen Erscheinungen aus heutiger Perspektive einzig auf den psychischen Druck zurückführen, welchem ich in meiner alten Firma unbewusst unterlag.
Meine Sonderregelung
Womit wir wieder bei einer »Geschichte« angelangt wären: Wie schon erwähnt hatte ich, wie die meisten Angestellten des Unternehmens, einen »All-in-Vertrag«. Das bedeutet: Eventuell erforderliche Überstunden waren im Grundgehalt selbstverständlich inkludiert. Ebenso die Diäten, die gegebenenfalls für Dienstreisen angefallen wären. Für viele meiner Kollegen waren auch regelmäßige »Seminare« an den Wochenenden pauschal abgegolten – ich hatte Gott sei Dank sehr bald Seminar-Verbot erhalten, weil ich mich nach einer peinlichen Gehirnwäsche des Seminarleiters kritisch zu Wort gemeldet hatte, dazu jedoch später. Es war mir also nicht möglich, beispielsweise einen »Zeitausgleichspolster« aufzubauen, wenngleich ich im Schnitt 45 Stunden pro Woche arbeitete. Gleitzeit gab es nicht, von 7 Uhr 30 bis 17 Uhr herrschte strikte Anwesenheitspflicht. In den ersten Jahren war es jedoch üblich, dass ich mir, wenn ich einen dringenden Termin bei einem Lehrer meiner Kinder oder in einem Amt wahrnehmen musste, dafür stundenweise Urlaub nehmen konnte. Dies auch deshalb, weil das Lohnverrechnungsprogramm den Urlaub ohnehin in Stunden abrechnete, präzise bis zur zweiten Nachkommastelle. Irgendwann bemerkten meine Chefleute, dass es mir möglich war, dadurch wichtige private Termine wahrzunehmen, ohne dafür einen Urlaubstag opfern zu müssen. Ich wurde instruiert, mir in solchen Fällen halbe Urlaubstage zu nehmen. Es sei nämlich – so die Begründung – für die Firma nicht möglich, den Urlaub stundenweise abzurechnen. Das nahm ich wider besseres Wissen zur Kenntnis. Vorübergehend war das Thema also erledigt. Etwa ein oder zwei Jahre später, es war ein herrlicher Sommertag und es standen keinerlei dringliche Arbeiten an, bat ich den Junior (die Chefleute waren an schönen Sommertagen kaum zugegen), mir den Nachmittag freinehmen zu können. Er wollte von mir natürlich wissen, wofür ich diesen halben Urlaubstag denn benötigte. Wahrheitsgemäß antwortete ich, dass ich einfach den schönen Nachmittag genießen wolle, schließlich hätte ich ja noch einige alte Urlaubstage übrig. Meine entwaffnende Ehrlichkeit dürfte ihm keine Wahl gelassen haben, schmunzelnd zeichnete er meinen Urlaubsantrag ab. Guter Laune schrieb ich an alle Kollegen ein E-Mail, dass ich am Nachmittag privat außer Haus sei. Dies war von der Geschäftsleitung so vorgegeben, jede noch so kurze Abwesenheit aus dem Büro musste schriftlich an alle mitgeteilt werden.
Am nächsten Vormittag rief mich der Chef in sein Büro. »Was hatten Sie denn gestern so Dringendes zu erledigen?« Auch dem Chef gegenüber antwortete ich wahrheitsgemäß, dass ich mir einfach einen halben Tag Urlaub genommen hatte, schließlich sei das zwischen uns so vereinbart gewesen. »Nein«, meinte er plötzlich, das könne er sich nicht vorstellen, dass er das jemals so gesagt habe. Grundsätzlich sei es ja die Intention eines Urlaubes, dass man sich erholt. Eine Erholung sei aber nur dann möglich, wenn man sich zumindest eine freie Woche gönnt, in Ausnahmefällen könne er jedoch einzelne Tage genehmigen. Es kam zu einer kleinen Diskussion. Ich erklärte, dass ich mir ja nicht jedes Mal einen ganzen Urlaubstag nehmen kann, wenn ich einen Termin in der Schule oder auf einem Amt wahrnehmen muss, der vielleicht eine Stunde dauert. Immerhin seien etwa acht bis zehn Urlaubstage pro Jahr durch die weihnachtliche Betriebssperre ohnehin nicht frei verfügbar. Es blieb aber dabei, ab sofort hatte ich die Anweisung, künftig nur mehr ganze Urlaubstage zu konsumieren. Natürlich wurde auch der Junior davon in Kenntnis gesetzt und Suuus vom Lohnbüro erhielt den Auftrag, über jegliches Urlaubsansuchen von mir unverzüglich die Geschäftsleitung in Kenntnis zu setzen.
In den nächsten Monaten bekam ich permanent mit, wie Kollegen ab 10 Uhr 45 Urlaub nahmen oder beispielsweise erst um 12 Uhr 45 Uhr in den Arbeitstag starteten, weil sie am Vormittag Privates zu erledigen hatten. Manche garnierten ihre Rundmails mit »in Abstimmung mit den Kollegen« oder ähnlich lautenden Hinweisen. Das bedeutet, dass sie sich lediglich innerhalb des Büros absprechen mussten, die Geschäftsleitung kümmerte sich offenbar nicht weiter darum.
Monate später ersuchte ich die Chefin um ein Gespräch. Ich teilte ihr den Sachverhalt mit und bat, mir in dieser Sache doch nicht eine Sonderbehandlung zukommen zu lassen. Natürlich konnte ich ihr Beispiele nennen, so gut hatte ich mich vorbereitet. »Ja, das ist schon klar«, meinte die Chefin, »dass wir diesem und jenem fallweise am Nachmittag zum Heuen freigeben müssen. Wissen Sie, die Bauern haben es ja ohnehin nicht leicht, da müssen wir ihnen schon ein bisschen entgegenkommen.« Nun hatte ich aber noch weitere Namen im Gedächtnis, Namen von Kollegen, die eine Heugabel sicher nur vom Hörensagen kennen. Mein Bürokollege beispielsweise hatte sich wenige Tage zuvor am Nachmittag anderthalb Stunden Urlaub genommen, um im Möbelhaus eine Küche zu besichtigen. Auch dafür hatte die Chefin größtes Verständnis: »Das versteh ich schon, weil die Möbelhäuser sperren ja alle um sechs Uhr zu.« Schließlich tröstete sie mich aber: »Ja, der Kollege hat ja auch nicht eine solche Position wie Sie. Fühlen Sie sich doch geschmeichelt, dass Ihre Anwesenheit für die Firma so unentbehrlich ist, dass wir IHNEN leider keine halben Urlaubstage genehmigen können.« Dabei lächelte sie süffisant. Ihr könnt euch schon denken, was jetzt kommt: 4:0 für die Chefin!
Der Kampf der Titanen
Einst war Herr Bammer sehr enttäuscht von der Sparkasse. Offenbar hatte ein Kunde über dieses Bankinstitut sein Unternehmen finanziert, war finanziell ins Straucheln geraten und die Bankdiener hatten es verabsäumt, Herrn Bammer vorab zu informieren und ihm vor Eintritt des Desasters das ihm noch zustehende Geld zu überweisen. Nun, so etwas konnte der Magnat nicht einfach hinnehmen. Er beschloss, dass es künftig keinerlei Geldflüsse mehr zwischen dem Bammer’schen Imperium und dem Bankenmoloch geben dürfe. Erwartete Herr Bammer, dass der Generaldirektor der Bank möglicherweise demnächst ganz zerknirscht in der Firma auftauchen würde, mit einem Strauß Blumen und einer Flasche guten Weines, sich entschuldigte und den aushaftenden Betrag aus dem Geschäft mit seinem Kunden reumütig an unsere Buchhaltung übergeben würde? Man weiß es nicht.
Für uns Mitarbeiter war dies aber eine sehr mühsame Phase: Ich hatte beispielsweise einen sehr zuverlässigen und kompetenten Lieferanten, der eben auch sein Firmenkonto bei der Sparkasse hatte. Nachdem einige kleine Rechnungen über längere Zeit nicht beglichen worden waren, wandte sich mein Lieferant an mich und erkundigte sich nach dem Grund. In der Buchhaltung erfuhr ich, dass man diese Zahlungen deshalb nicht überweisen könne, weil das Konto eben beim falschen Geldinstitut sei. Darauf sprach ich den Chef an. Er meinte, ich könne ja meinem Lieferanten ausrichten, wenn er auch in Zukunft mit uns Geschäfte machen möchte, dann solle er sich doch demnächst ein Konto bei der Raiffeisenkasse zulegen. Aber auch wir Mitarbeiter bekamen immer wieder den Auftrag, unser Konto von diesem Bankinstitut weg zu verlegen, außer mir betraf dies jedoch nur mehr zwei oder drei Personen. Anfangs lief es noch so, dass die Chefin am Zahltag auf die Raiffeisenbank fahren musste, unser Gehalt erhielten wir wie zu Großvaters Zeiten knapp vor Dienstschluss im papierenen Lohnsackerl. Man hatte dieses Geld halt dann einige Zeit zuhause herumliegen, bis jemand aus der Familie zu Banköffnungszeiten die Einzahlung vornehmen konnte. Der Chefin war es aber bald zu blöd, stets auf die Bank zu pilgern und unsere Gehälter abzuheben. So erhielten wir später einen Barscheck. Das machte die Situation nicht besser: Wochentags war es komplett unmöglich, die Bank zu ihrer Öffnungszeit zu erreichen. Hatte man, wie ich bisweilen, den Freitagnachmittag mit einer Fortbildung verplant, so konnte man den Scheck oft erst nach acht bis zehn Tagen einlösen, das Konto schmierte in dieser Zeit ganz schön ins Minus ab. Einmal bat ich die Chefin, ob ich denn nach Erhalt des Schecks meine Mittagspause um 15 Minuten vorverlegen könne, damit ich den Scheck noch vor zwölf Uhr einlösen kann. Dies wurde mir in diesem einen Fall gewährt, nicht jedoch ohne den strengen Hinweis, dass ich im nächsten Monat ein Konto bei der richtigen Bank haben sollte.
Dieser Zirkus dauerte sicherlich mehr als ein Jahr. Sybilla, unsere Starbuchhalterin, war es schließlich, welche den Chef davon überzeugen konnte, dass er die Sparkasse mit seinen Maßnahmen wohl nur schwer in die Knie zwingen konnte, so folgte schließlich die Rücknahme derselben.
Magistrat sucht händeringend Personal
Von der Frau Magister beim AMS hatte ich inzwischen eine Absage bekommen. Trotz der stetig steigenden Zahl an Arbeitslosen konnte man anscheinend mit den vorhandenen Mitarbeitern komfortabel das Auslangen finden. Na ja, wenn die Berater sich bei den Terminen entsprechend knapp halten und ihre Klienten bald wieder zur Tür drängen, dann geht es sich ja immer noch aus, zwischendurch mit der Kaffetasse einen Rundgang durch die Büros der Kollegen zu starten.
Eine große Gratiszeitung war in diesen Tagen mit folgendem Aufmacher erschienen: »Domstädter Magistrat sucht 600 Mitarbeiter«. Auf fast zwei Seiten des Innenteils wurde die dramatische Situation geschildert: Viele Magistratsbedienstete gingen derzeit in Pension, Tendenz in den nächsten Jahren stark steigend. Leider würden jedoch gut qualifizierte Kräfte viel lieber in die Privatwirtschaft strömen, weil dort die Bezahlung angeblich besser sei. Mit großem Foto präsentierte man den besorgten Magistratsdirektor, der die Leser und deren nähere Umgebung flehentlich ersuchte, sich doch umgehend beim Magistrat zu bewerben, um dem drohenden Personalengpass halbwegs entgehen zu können. »Nun, dem Manne kann geholfen werden«, dachte ich und schrieb schnurstracks eine flotte Bewerbung an die Domstädter Stadtverwaltung.
Von Adele – diese war in der Zwischenzeit ebenfalls Magistratsmitarbeiterin geworden – hatte ich gehört, dass sie es sich im Vergleich zu ihrer »Bammer-Zeit« angeblich nicht schlechter gemacht habe. Nicht nur dass das Grundgehalt in dieser Institution durch allerlei Zulagen aufgefettet werde, nein, auch die sogenannten Biennalsprünge seien beim Magistrat durchaus Usus. Man muss wissen, dass diese »Erfindung« in der Privatwirtschaft allgemein und bei den Bammers in besonderer Weise nicht genützt wird. Jedes Jahr stehen Ende Jänner 0,5 bis 2,5 % mehr am Lohnzettel, je nachdem, wie die Gewerkschaft halt verhandelt hat. Wenn jemand der Meinung ist, über diese Anpassungen hinaus ein kleines Plus verdient zu haben, so ist man gerne eingeladen, sich bittstellend bei Chef oder Chefin einzufinden, die eigenen überragenden Leistungen glaubhaft darzustellen und dann monate- oder jahrelang zu warten, ob es der Gang der Geschäfte erlauben würde, einem Mitarbeiter noch »Extrabutter« aufs Brot zu schmieren. Adele dagegen konnte bereits jene beeindruckende Summe nennen, mit der sie in 25 Jahren in Pension gehen würde. So schlecht kann es also auch für mich nicht werden.
Der Magistrat würde mit mir einen umfassend gebildeten, engagierten Mitarbeiter erhalten, der in verschiedensten Bereichen einsetzbar sein würde. Nicht nur hatte ich natürlich Routine in allen Belangen von Öffentlichkeitsarbeit und Medienproduktion, auch Gespür für das Verfassen von komplexen Texten und ein gesellschaftspolitisches und juristisches Wissen weit über das Durchschnittsniveau hinaus konnte ich vorweisen. Noch dazu war ich sehr lernfähig und auch -willig, wie ich durch meine zahlreichen Fortbildungen beweisen konnte. Der Magistratsdirektor würde angesichts meiner Bewerbung vermutlich in lauten Jubel ausbrechen, glorreiche 17 Jahre in der Verwaltung unserer Landeshauptstadt könnten also meine Berufslaufbahn abrunden.
Diese Bewerbung wollte ich persönlich einbringen und mich dadurch noch etwas mehr von der Masse der Bewerber abheben. Nach einigem Herumfragen hatte ich schließlich jenes Büro im dritten Stock des Schlosses Mirabell gefunden, wo man persönliche Bewerbungen abgeben kann. Ich klopfte an die riesige weiße Holztür. Drinnen hörte ich wohl Stimmen, konnte aber nicht ausmachen, ob man mich hineingebeten hatte. So öffnete ich ganz vorsichtig einen Spalt weit. »Bitte warten Sie draußen, wir haben noch etwas zu besprechen«, herrschte mich eine Frauenstimme an. Nun gut, so wartete ich halt einige Minuten. Daran würde ich mich ohnehin gewöhnen müssen, dass Besprechungen unter Kolleginnen etwas dauern können, wird ja nicht ganz unüblich sein beim Magistrat. Schließlich wurde ich dann doch vorgelassen. Zwei Wochen später erreichte mich ein kleines, dünnes Kuvert aus dem Domstädter Magistrat. Ein Personalverantwortlicher teilte mir höflich mit, dass man gerade für mich in diesem Betrieb keinerlei Verwendung habe. Bis heute quält mich der leise Verdacht, dass man dem Magistratsdirektor gar nichts von meiner Bewerbung erzählt hat und ihn stattdessen seine verzweifelte Suche nach wirklich guten Mitarbeitern bis in alle Ewigkeit fortsetzen lässt.
Der Feuerwehr-Skandal
Die Bammers legten immer extrem viel Wert darauf, dass die Mitarbeiter ein Maximum an Leistungsfähigkeit in die Firma einbrachten und keinerlei Energie für »Nebensächlichkeiten« verschwendeten. Deshalb hatten alle Angestellten in ihrem Dienstvertrag auch einen Passus, dem zufolge sie keinerlei entgeltliche Nebentätigkeit ausführen dürften, es sei denn, diese wäre von der Geschäftsleitung ausdrücklich genehmigt worden. Dass sich diese Regelung auch auf unentgeltliche Einsätze bezog, bekamen die Kollegen in verschiedenen Fällen zu spüren. So wurde beispielsweise unserem Allround-Manager Albrecht einmal Folgendes zum Verhängnis: Als engagiertes Mitglied einer Musikkapelle nahm er sich dereinst zwei oder drei Tage Urlaub, in denen er sich um die Organisation eines Festes und den Aufbau eines Bierzeltes kümmerte. Selbst während des Festes stand er fallweise persönlich am Tresen und ließ das Bier fließen. Natürlich wollte man am Beginn der darauffolgenden Woche wissen, wie denn der Urlaub gewesen sei. Albrecht berichtete frei von der Leber weg vom Fest und von seinem ehrenamtlichen Einsatz. Es dauerte nicht lange, da wurde er zum Chef gerufen. Wie er denn dazu komme, sich in seinem Urlaub derartigen Arbeitseinsätzen zu widmen, wurde er gefragt. Schließlich sei Urlaub in den einschlägigen Regelungen als »Erholungsurlaub« definiert, daher habe sich der Arbeitnehmer im Urlaub gefälligst zu erholen und nicht irgendwelchen freiwilligen Tätigkeiten nachzugehen. Man kann davon ausgehen, dass alle, die von diesem an sich geheim zu haltenden Gespräch erfuhren, sich fortan hüteten, über allfällige ehrenamtliche Tätigkeiten in der Firma zu sprechen.
Noch viel schlimmer erging es unserem Lehrling Christian. Christian hatte als Lehrling ohnehin keinen besonders guten Stand, zumal seine Mutter infolge von Scheidung Alleinerzieherin war – solche »desolaten Verhältnisse« waren von der Geschäftsleitung naturgemäß nicht sehr gerne gesehen. Christian war aber dennoch ein putzmunterer Kerl, der sich mit großem Enthusiasmus bei der Freiwilligen Feuerwehr engagierte. In der Gemeinde, in welcher die Firma Bammer ihre Betriebsstätte hat, wütete einst ein Jahrhunderthochwasser. Die Feuerwehr brauchte jeden Mann, natürlich fragte man auch Christian. Zumal zu diesem Zeitpunkt keine wirklich dringenden betrieblichen Erfordernisse dagegen standen, genehmigte ihm sein Abteilungsleiter einige Urlaubstage. Schon bald bemerkte die Chefin das Fehlen des Lehrbuben. Als sie schließlich erfuhr, dass Christian sich freigenommen hatte, um bei der Beseitigung der Hochwasserschäden zu helfen, sah sie darin DIE Chance für einen erstklassigen Skandal. Natürlich kann man einen Lehrling nicht ernsthaft mit Kündigung bedrohen, schon gar nicht wegen eines ehrenamtlichen Engagements. Nichtsdestotrotz ließ sie Christian spontan direkt vom Einsatzort in die Firma beordern. Ich als zufälliger Augenzeuge der darauffolgenden Besprechung habe heute noch ein Bild im Gedächtnis: Durch die Glastür des Besprechungsraumes sah ich die Chefin, wie sie Christian mit krankhaft stierendem Blick durch ihre massiven Brillengläser fixierte und wild gestikulierend auf ihn einredete. Christian selbst saß ihr mit gesenktem, hochrotem Kopf gegenüber und ließ die Tirade schweigend über sich ergehen. Wie ich später erfuhr, wurde Christian in diesen Minuten vor folgende Entscheidung gestellt: Wenn er seine Lehre in dieser Firma erfolgreich fortsetzen und abschließen wolle, so müsse er umgehend der Feuerwehr entsagen. Wenn ihm aber die Feuerwehr wichtiger als seine Lehre sei, dann brauche er sich in dieser Firma nicht mehr blicken zu lassen, ihm wurde also eine Selbstkündigung nahegelegt. Dies war das letzte Mal, dass ich Christian in der Firma sah.
Die Feuerwehr war in weiterer Folge auch ein Thema bei anderen Angestellten, die sich in dieser Organisation engagierten: Ein Verlassen des Arbeitsplatzes beim Erklingen der Sirene war ohnehin völlig tabu – die Firma braucht die Mitarbeiter schließlich permanent auf ihrem Platz. Falls aber jemand in der dienstfreien Zeit ausgerückt war, so hielt derjenige schön seinen Mund, um nur ja nicht in Verdacht zu geraten, die in der Firma ja so dringend benötigten Energien anderweitig vergeudet zu haben.
Im darauffolgenden Frühjahr war eine große Messe. Chef, Chefin und Junior waren daher persönlich nicht zugegen, als mitten am Vormittag in einer Wand der ehemaligen Lackierhalle nach Schweißarbeiten Lackreste zu brennen begannen. Die Mitarbeiter vor Ort reagierten rasch, innerhalb kürzester Zeit hörte man die Sirene. Und wieder vergingen eher Sekunden denn Minuten, schon war der erste Einsatzwagen eingetroffen. Die wackeren Männer orteten den schwelenden Brand zielsicher, entfernten Blechabdeckungen und waren des Feuers binnen weniger Minuten Herr. Zwei weitere Einsatzfahrzeuge standen inzwischen auf dem Firmengelände. Insgesamt sah ich gut und gern 20 Männer, die vermutlich spontan ihren Arbeitsplatz verlassen hatten, um die Firma Bammer vor gröberem Schaden zu bewahren. Nämlich genau jene Firma Bammer, welche ihren Mitarbeitern striktest untersagt hatte, beim Ertönen einer Sirene den Arbeitsplatz zu verlassen. Zu dieser Zeit war »Fremdschämen« noch kein gängiger Ausdruck, aber genau dieses Gefühl plagte mich am besagten Vormittag.
Man hält es kaum für möglich, aber eine Steigerung der Peinlichkeit war noch erreichbar: Nachdem Alfred Bammer von seinem Messeauftritt zurückgekehrt war, dürfte ihn doch in irgendeiner Weise sein Gewissen geplagt haben. Als er sich bei der Feuerwehr für den raschen und erfolgreichen Einsatz bedankte, überreichte er den namhaften Betrag von 1000 Euro als Spende. Die örtliche Feuerwehr wiederum revanchierte sich bei ihrem großzügigen Gönner mit einer protzigen Urkunde, für die ich eigentlich einen schönen Platz im Foyer hätte suchen sollen. In dieser speziellen Angelegenheit entschloss ich mich allerdings für einen stillen Boykott und »vergaß« so lange, diese Urkunde aufzuhängen, bis auch der Chef darauf vergessen hatte. Dafür schaue ich auch heute noch gerne in den Spiegel.
Studieren, ohne zu verarmen
Ich hatte inzwischen einen Beschluss gefasst: Angesichts meiner zahlreichen erfolglosen Bewerbungen einerseits und der höchst erfolgreich absolvierten Aufnahmeprüfung an der Pädagogischen Hochschule wollte ich jetzt alles daransetzen, diesen neuen Weg auch gehen zu können. Was die Beraterin vom AMS davon hielt, ist ja schon bekannt. Daher suchte ich intensiv nach Möglichkeiten, eine Finanzierung für das geplante Vorhaben auf die Beine zu stellen. Da gibt es ja dieses »Selbsterhalterstipendium«, auf welches man Anspruch hat, sobald man sich über vier Jahre hinweg selbst erhalten und in unser Sozialsystem einbezahlt hatte. Lächerliche vier Jahre hätten also genügt, um eine Unterstützung von über 700 Euro monatlich zu erhalten. Damit, mit dem Einkommen meiner Frau und mit den Rücklagen, die wir über die Jahre geschaffen hatten, wäre wohl knapp über die Runden zu kommen. Der Pferdefuß war allerdings, dass es diese Unterstützung nur gibt, wenn man sein Studium vor dem 35. Geburtstag antritt. Da hatte ich Tor wohl um 14 Jahre zu lange gearbeitet, um dieses Zuschusses würdig zu sein. Pech halt!
Auch gibt es für Arbeitnehmer die sogenannte Bildungskarenz. Maximal ein volles Jahr lang erhält jemand vom AMS das Arbeitslosengeld, wenn er es schafft, im Einvernehmen mit dem Dienstherrn eine Auszeit zu vereinbaren, und diese dazu nützt, seinen Horizont bildungsmäßig zu erweitern. Nun, bei mir lief ja schon die Kündigungsfrist und wie man die Herrschaften Bammer kennt, deren Einverständnis wäre wohl in tausend Jahren nicht zu erhalten gewesen. Also nochmals Pech gehabt.
In den Weiten des Internets präsentierte das AMS auch eine Liste von Berufen, in welchen ein derartiger Mangel an kompetenten Bewerbern herrscht, dass man bereit wäre, auch eine über ein Jahr hinausgehende Ausbildung durch ein Fachkräftestipendium zu fördern. Man hatte dabei jedoch das Gefühl, dass ebendiese Liste schon sehr lange Zeit nicht den aktuellen Gegebenheiten angepasst worden war. Natürlich – Pflegekräfte werden nicht nur gestern und heute dringend benötigt, es ist absehbar, dass hier weiterer Bedarf herrscht. Aber von einigen der genannten Berufe hatte man durchaus den Eindruck, dass sie nicht jenem Bedarf entsprechen, der aktuell von der Wirtschaft in Inseraten und im Internet dringend nachgefragt wird. Andererseits hatte man auf Bereiche wie jenen des NMS-Pädagogen vollkommen vergessen. Die Warnungen, dass es in diesem Bereich demnächst zu einem Engpass kommen könnte, waren ja noch nicht so lange öffentlich zu hören. Das bedeutet: Hätte ich mich beispielsweise für den Beruf des Sonderpädagogen interessiert, wäre eine dreijährige Umschulung durch das AMS förderbar gewesen. Für den »stinknormalen« Hauptschullehrer (auch NMS-Lehrer), bei dem ebenfalls ein Kräftemangel zu entstehen drohte, konnte man von offizieller Seite eine Umschulung offenbar nicht ermöglichen.
Ein skurriles Gespräch
Bei Firmen, welche mir nicht innerhalb kürzester Zeit eine Absage geschickt hatten, konnte ich »ganz schön lästig« sein. So hatte ein Unternehmen aus dem technischen Bereich gleich mehrere Stellen ausgeschrieben, in einem nicht allzu weit entfernten Ort im Speckgürtel von Salzburg wollte diese Tiroler Firma eine neue Zentrale gründen und suchte Personal für den Verkauf, Techniker, Sekretärinnen und Marketingfachleute. Das Produkt der Firma schien mir ausgesprochen interessant zu sein, die Anforderungen für die ausgeschriebenen Stellen eines PR-Fachmannes und auch für jene des Werbemittel-Producers erfüllte ich jeweils perfekt. Nachdem ich bereits ein Schreiben mit der Bitte um etwas Geduld erhalten hatte, ließ ich etwa zwei Wochen ins Land gehen. Dann fasste ich mir ein Herz und rief bei jener jungen Dame an, welche mir kurz nach dem Absenden meiner Bewerbung bereits ein E-Mail geschickt hatte. »Das ist gut, dass Sie sich jetzt melden, ich koordiniere nämlich gerade die Vorstellungstermine«, meinte die junge Frau. »Wie war gleich noch mal der Name … aha … hab Sie schon gefunden. Alsoooo … hätten Sie morgen um
16 Uhr Zeit? Sie finden uns … bla, bla, bla ...« Natürlich hatte ich Zeit.
Nun muss ich aber – um das Sonderbare an diesem Bewerbungsgespräch herauszuarbeiten – etwas weiter ausholen. Bereits Jahre zuvor hatte ich aufmerksam mitverfolgt, wie Domstadt sich erfolglos um die Durchführung Olympischer Winterspiele bewarb. Dass im Zuge dieser Olympiabewerbung die diversen Politiker von Stadt und Land kreuz und quer durch die Welt jetteten und sich in den nobelsten Hotels »Anregungen und Ideen« für die geplante Durchführung der Spiele holten, ohne noch irgendetwas in der Tasche zu haben, war ja kein Wunder. Als die Umstände der gescheiterten Bewerbung später untersucht wurden, kam zutage, dass an einen Berater aus dem Domgau ein Millionenhonorar überwiesen worden war – angeblich soll der Herr ein Ein-Mann-Unternehmen betreiben, in seiner Abrechnung jedoch fiktive Arbeitsstunden von etwa zehn Mitarbeitern verrechnet haben. Just in jenen Tagen, als ich mich bei der Tiroler Firma bewarb, las ich in der Zeitung, dass der Berater R. nun dringend vom Gericht gesucht werde, jedoch nicht einmal von seinem Rechtsanwalt erreicht werden könne und gegenwärtig im Ausland vermutet werde.
Ich komme also pünktlich um 16 Uhr in das von der jungen Sekretärin beschriebene Gebäude. Dieses muss ich über eine seitlich gelegene Laderampe betreten, über den Haupteingang wären die Büros der Firma gar nicht erreichbar. Durch ein Labyrinth von schmalen, frisch getünchten Gängen gelange ich schließlich in einen etwas offeneren Bereich und sehe durch eine teilweise verklebte Scheibe bereits einen jungen Bewerber mit einem älteren Herrn. Vorne an der Ecke sitzt in einem ebenfalls kahlen Büro mit provisorischem Ikea-Schreibtisch die Sekretärin. Sie bringt mich in einen fensterlosen, neonbestrahlten Innenraum, in welchem bereits ein weiterer Bewerber über einem Fragebogen brütet. Auch ich erhalte einen solchen und einen Kugelschreiber gleich dazu. Nachdem ich das Formular fertig ausgefüllt habe, beginne ich ein Gespräch: »Für welche Stelle hast du dich beworben?« »Fürs Marketing.« (War ja klar). »Und was hast bisher gemacht?« »Bin bei Privatradio Domland, aber die sind mit dem Gehalt Monate im Rückstand, grad jetzt hab ich die erste Hälfte vom letzten Weihnachtsgeld gekriegt.« Es stellt sich heraus, dass der junge Mann Anzeigenverkäufer für Radiospots ist und die geforderte Qualifikation (Grafikprogramme, Texterfahrung, Videoschnitt usw.) mitnichten beherrscht, aber dafür ist er vielleicht halb so alt wie ich.
Mit einiger Verspätung werde ich schließlich vorgelassen und staune nicht schlecht: Mir gegenüber sitzt der von Gericht und Anwalt verzweifelt gesuchte Berater R. und schielt mich – über den Rand seiner Lesebrille hinweg – an. Na so was! Natürlich lasse ich mir nichts anmerken, könnte ja auch kontraproduktiv sein. Das Gespräch verläuft, wie ein Bewerbungsgespräch eben verläuft. Wir kommen darauf zu sprechen, warum ich denn nicht länger für die Firma Bammer tätig sein wollte. Ich stelle richtig, dass dies ja nicht auf meinem Mist gewachsen sei, und vermute Kostengründe für meine Kündigung. R. möchte wissen, ob ich denn bereits viele Bewerbungsgespräche geführt hätte. »Nein«, antworte ich und führe ins Treffen, dass man eben mit 48 Jahren nicht mehr von jedem Unternehmen gerne eingeladen wird. »Aber von mir wurden Sie ja eingeladen, Ihre Chancen sind so gut wie die jedes anderen Bewerbers hier.« Dem Herrn R. glaube ich das auch, schließlich ist er mindestens zehn Jahre älter als ich. »Wissen Sie eigentlich, dass Sie lügen dürfen?« »Was, warum sollte ich Sie anlügen?« »Nein, was Ihr Alter betrifft, Sie dürfen in einer Bewerbung ein anderes Alter angeben, deshalb dürfen Sie keinesfalls diskriminiert werden.« Für mich eine interessante Erkenntnis. Ich denke ernsthaft darüber nach, mich in weiteren Bewerbungen um zehn Jahre jünger zu machen. Nun möchte ich meine Arbeitsproben vorlegen, zumindest jene, die ich in gedruckter Form in einer hochwertigen, schweren Ledermappe extra zu diesem Zwecke mitgeschleppt habe. Auch Fotos der von mir gestalteten Messen sind darin enthalten. R. blickt kurz in die Mappe, bereits nach zweimaligem Umblättern ist ihm etwas Ungeduld anzumerken. Haben Sie denn kein iPad? Zu diesem Zeitpunkt hatte ich jedoch nur ein veraltetes Samsung-Tablet mit etwa zwei kg Gewicht und einer erbärmlichen Auflösung. Dieses mitzunehmen habe ich tunlichst vermieden. »Also, wenn Sie sich für eine derartige Stelle bewerben, müssen Sie technisch schon auf dem neusten Stand sein, mit einer Ledermappe können Sie heute niemanden mehr beeindrucken.« Dann geht es darum, welche Filme ich bei den Bammers erstellt habe (auf die gelungenen Videos bin ich extrem stolz). R. aber möchte sehen, was ich an privatem Videomaterial habe. Ich solle mich ja selbst mit diesen Videos auf YouTube oder auf meinem tollen fiktiven iPad präsentieren, das sei ja wohl das Mindeste, wenn ich mich um so eine Stelle bewerbe. »Na sicher, Herr R.,« denke ich, »als künftiger Arbeitsloser habe ich natürlich keine anderen Sorgen, als in ein iPad und eine moderne Videoschnittsoftware zu investieren, um den Herrn Berater zu beeindrucken. Die Million hat man schließlich Ihnen überwiesen und nicht mir …«
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