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Martha Christensen
Der Tanz mit Regitze

Roman

Saga

1

Es wird ein schöner Abend werden. Einer von den seltenen stillen und warmen Sommerabenden, an denen gleichsam alles still steht und für eine Weile den Atem anhält. Regitze konnte sich keinen besseren Abend für ihr Fest wünschen. Er hielt inne vor der Flut der Farben des Blumenbeetes, niemals hatte es so verschwenderisch reich geblüht wie in diesem Jahr. Schwere dunkelrote Rosen, die nur mit Mühe ihre Köpfe tragen konnten und leichte gelbe, schlank wie das Licht. Gruppen von Sommerblumen, in hellerem und dunklerem Blau. Tiefviolette Stiefmütterchen, wie Flecken von Samt. Ein Rausch von Farben. Eine Symphonie.

Der dunkelgrüne, frischgemähte Rasen. Die schlanken Birken, Blautannen und die Eberesche mit ihren silbrigen Blättern. Das Vogelbad aus rotem Granit.

Es war, als sähe er seinen Garten zum ersten Mal, und dabei hatte es doch Jahre gedauert, um beides – das Haus und den Garten – zu gestalten. Vom ersten, winzigen Anfang bis jetzt, wo der Garten sich über zwei Grundstücke erstreckt und das Haus fast das Format eines Sommerhauses hat. Ihr halbes Leben. An Wochenenden und nach Feierabend am Alltag, wenn sie ihre Räder genommen hatten, um schnell eine Tour hierher zu machen. Frühjahrsabende auf der Terrasse. Herbstabende mit dem würzigen Geruch von verbranntem Abfall in der Nase und die Winterabende, an denen das Auto durch den Schnee pflügte, der weißer war als der in den Straßen der Stadt. Aber niemals war es so zu Herzen gehend schön gewesen wie an diesem Abend.

„Karl Aa-ge!“

So hatte ihr Rufen unzählige Male aus der offenen Küchentür geklungen.

„Ja. Ja, ich komme.“

Die Art, wie sie die Schüsseln mit Essen trug und wie sie ihr Haar mit dem Handrücken aus der Stirn strich und die wohlbekannte Ungeduld in ihrer Stimme: „Da sind die Tische.“ Seine Augen suchten besorgt ihren Blick. „Wirst du es schaffen, Regitze? Wirst du dies hier wirklich schaffen?“ Sie nickte.

„Der Küchentisch muß mit dem Gartentisch zusammengesetzt werden. Und die Stühle. Und die Hocker. Es ist nicht zu früh.“

Er nahm den Küchentisch, trug ihn hinaus, setzte den Gartentisch daran und die Stühle dazu. Er legte das Tischtuch auf, holte einen Stapel Teller und deckte sorgfältig den Tisch. Zwei an das eine Tischende, einen an das andere und vier an jede Seite. Oder fünf? Er zählte die Teller, sie hat offenbar mit fünf gerechnet, aber sie kann doch nicht im Ernst glauben –

Ihre leichten Schritte hinter ihm und der schnelle Feldherrenblick.

„Zwei und eins und fünf – und fünf, ja, so stimmt es.“ „Findest du nicht, daß wir uns damit begnügen sollten, für elf zu decken?“ Er fragte vorsichtig, und sie warf den Kopf in den Nacken. „Wenn wir nun dreizehn werden? Das ist doch eine tolle Idee. Deck mal ruhig!“

Sie machte dies und das und marschierte dann zurück in ihre Küche. Es war doch allerhand von ihr, zu glauben, daß Börge und Ilse kommen würden, so grob wie sie Börge persönlich verletzt hatte, als sie sich das letzte Mal gesehen hatten. Vor einem halben Jahr, oder war es noch länger her. Selbstverständlich – sie hatte recht mit dem, was sie gesagt hatte, aber trotzdem. Regitze war auf Hochtouren gewesen, und wenn sie ganz aufgedreht war, konnte man sie unmöglich bremsen. Das Ende der Freundschaft, hatte er gedacht, als er im Taxi auf dem Weg nach Hause war. Das Ende einer lebenslangen Freundschaft. Eine allmählich ausgedünnte Freundschaft. Es hatte sich schon lange zusammengebraut, gewiß, die Einladungen bei Börge waren seltener geworden und die Zeiträume dazwischen länger und länger. Aber sein Stil wäre gewesen, es so langsam ausebben, statt es zu einer gewaltigen Konfrontation kommen zu lassen.

Er hatte geahnt, daß es an jenem Abend schlimm ausgehen würde. Schon auf dem Wege zu Börges Villa, die so verdammt flott war. Oder vielleicht noch früher. Schon bei der Einladung, als sie vom Telefon zurückkam und mit dem gewissen Zug von Unversöhnlichkeit und Erregung um den Mund davon erzählte.

„Dein Jugendfreund wünscht uns zu sehen – bei einer warmen Frikadelle und einem Käsebrot“, sagte sie spitz.

„Ja, das ist doch nett“, erwiderte er.

„Findest du? Glaubst du, daß es außer uns noch andere gibt, die zu einer so üppigen Mahlzeit eingeladen werden?“ „Na, nun hör mal,“ protestierte er, „du stellst doch sonst nicht so hohe Ansprüche ans Essen, wir kommen doch nicht deswegen zusammen.“

„Weswegen kommen wir zusammen? Was haben wir eigentlich gemeinsam? Ehrlich gesagt, Karl Aage...“

„Wir haben uns schon immer gekannt, Börge und ich, das weißt du sehr gut. Ich will nicht derjenige sein, der die Verbindung abbricht. Es kann ja gut sein, daß wir uns gleichsam etwas voneinander entfernt haben – im Laufe der Zeit.“

„Etwas?“ sagte sie.

„Na-ja, die sind wirklich jedes Mal dabei gewesen, wenn wir ein Fest hatten, und wir haben sie doch auch sonst gesehen – oder? Hin und wieder.“

„Ja, und du warst unheimlich stolz, daß sie sich herabgelassen hatten zu kommen. Dein Freund, der Fabrikant im teuren Smoking und all dem Kram.“

„Nun hör aber auf, Regitze.“

„Er, der aufstand und eine Rede hielt, im Gegensatz zu unseren Freunden, die sich nicht so gut ausdrücken können. Aufstehen und die alte Scheißplatte laufen lassen über die treue Freundschaft, die alle Jahre hindurch allen Wechselfällen des Lebens zum Trotz hielt.“

„Regitze“, bat er.

„Dabei hat er sich nur mehr und mehr von dir und uns und von seiner eigenen Herkunft entfernt. Er hat auch ganz und gar vergessen, wo er herkommt. Und wenn er etwas angetrunken ist, erzählt er seine dummen Geschichten. Weißt du was, Karl Aage, ich habe keine Lust mehr, und eines schönen Tages sage ich ihm, was ich von ihm halte.“

„Das wirst du nicht tun“, murmelte er, „Börge und ich, wir kennen uns trotz allem seit der Lehrlingszeit, wir haben zusammen an der Drehbank gestanden.“

„Ja“, sagte sie, „aber das tut ihr nicht mehr, und ich habe große Lust zurückzurufen und zu sagen, daß wir leider verhindert sind. Jetzt und für alle Ewigkeit.“

Er schwieg, denn er wußte im Innersten, daß sie im Grunde recht hatte – sie hatte gerne recht, aber deswegen mußte sie das doch nicht immer unbedingt zum Ausdruck bringen. Börge war bestimmt ein harter Mann geworden, mit Interessen, die seinen eigenen so entgegengesetzt waren, daß es schwer war, noch Gemeinsamkeiten zu finden. Und – naja, es war ja auch zuweilen schwer, seine ewige Schauspielerei zu ertragen, sein schrilles, polterndes Lachen, mit dem er sich selbst applaudierte. Aber er war doch Börge.

Dieser besondere Abend war von vornherein zum Scheitern verurteilt. Er war für gewöhnlich ein guter Gastgeber, wenn sie sich schließlich zu einer Einladung entschlossen, aber er wirkte schlecht aufgelegt, als ob er keine Lust hätte. Das Lachen dröhnte nicht, es war schnarrend, und es fehlten die spritzigen Anekdoten, und seine Geschichten trug er ausgesprochen gleichgültig vor, so daß ihm beim Kaffee und Cognac der Gedanke kam, daß er an diesem Abend vielleicht deshalb nicht brillierte, weil sein Publikum zu klein und unbedeutend sei. Diesen Gedanken wies er jedoch als unwürdig zurück und spülte ihn mit einem ordentlichen Cognac hinunter, an dem er sich verschluckte.

„Das hier lernst du, weiß Gott, nie“, sagte Börge mißgelaunt und drehte sein Glas in der wärmenden Hand. „Karl Aage hat ja auch nur begrenzte Möglichkeiten, sich so im Genießen zu üben“, sagte Regitze mit der Stimme, die er zu fürchten gelernt hatte.

„Tja-a, vielleicht hätte man sich auch mehr an Bier halten sollen. Und an die Jobs ohne Verantwortung. Du mußt, weiß Gott, eigentlich ein glücklicher Mann sein, Karl Aage. Die Rente in greifbarer Nähe und nicht einen Dreck, um den du dich kümmern mußt. Ich wünschte, ich hätte selbst die Fähigkeit gehabt, alles aufzugeben.“

Ilse unterbrach ihn, und er meinte, plötzlich einen Unterton von Nervosität herauszuhören, der vielleicht schon immer hinter der eleganten Fassade und dem Lächeln vorhanden gewesen war: „Börge hat zur Zeit etwas Schwierigkeiten draußen in seiner Fabrik.“

Börge zog die Augenbrauen hoch.

„Überhaupt nicht. Ich habe, verdammt noch mal, nie Schwierigkeiten. Ich verstehe nicht, daß du so etwas sagst. Ich habe höchstens ein paar Dinge, die ich ordnen muß.“ „Ja“, sagte Regitze mit derselben unerschütterlichen Ruhe, „aber das schaffst du ja sicher mit links“.

Börge sah sie verunsichert an, biß sich auf die Lippen und wollte ablenken, aber das hatte ihm noch nie gelegen. „Was für Probleme können das sein“, sagte Regitze vor sich hin.

„Ach, nur so ein paar Kleinigkeiten.“

Es entstand eine Pause, und er wünschte, daß Börge in sein Gelächter ausbräche und sich dazu bereitfände, die eine oder andere Geschichte zu erzählen. Auch wenn seine Geschichten Regitze oft dazu brachten, ihre Lippen noch mehr zusammenzupressen als sie sowieso schon waren. Aber das tat Börge nicht, er sah weiter so aus, als hätte er keine Lust, richtig in seiner alten Rolle aufzugehen, oder als ärgere er sich. Ilse rührte in ihrer Kaffeetasse aus dem dünnen, kostbaren Porzellan, das man aus Furcht, es könnte bei Berührung zerbrechen, kaum anzufassen wagte, und sie fuhr fort umzurühren, bis Börge sie ansah, dann legte sie den Teelöffel auf die Untertasse. Es klirrte mit einem kleinen, feinen, zarten Laut.

Er wechselte die Beinstellung, und Börge schob schließlich das Glas von sich.

„Die sind etwas zu selbstbewußt geworden, die Leute bei mir.“

Nein, das war nicht Börges Abend, es war nicht seine Art, sich so zu äußern, und es war auch nicht seine Art, mit einem Mundwinkel leicht zu zittern. Vielleicht hatte er tatsächlich Schwierigkeiten. Wenn Regitze ihn doch in Ruhe lassen würde.

„Die Leute – sind damit deine Mitarbeiter gemeint, von denen du sprichst?“

„Mitarbeiter? Weißt du was, die sind, verdammt noch mal, nicht meine Mitarbeiter.“ Nun klang es, als ob er das Wort nachäffe. „Das sind meine Leute, die ich allzu teuer bezahle. Aber bei Gott nicht für ineffektive Arbeit und auch nicht, damit sie bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit aufbegehren. Das habe ich nämlich satt, und ich habe keine Lust mehr dazu.“

„Börge“, sagte Ilse und langte nach der silbernen Kaffeekanne, die sie dann doch stehen ließ. Sie blickte vor sich hin und lächelte nicht.

„Und nun willst du die Zügel anziehen?“, fragte Regitze so unschuldig, daß er mit einem Augenaufschlag an sie appellierte, ohne eine Antwort zu bekommen. „O Gott, Regitze, nun hör doch auf, es ist schon peinlich genug.“

„Zügel anziehen?“

Börge lachte kurz auf. „Nein, du, ich will meine Firma sanieren, bevor die Arschlöcher ganz die Macht übernehmen.“ „Und die Faulen und Unbequemen an die Luft setzen?“ „Die Firma sanieren, wie ich dir sagte. Das ist zufällig meine Firma, Regitze.“

„Und danach, wenn du zu Ende saniert hast, dann wirst du dir vielleicht überlegen, andere einzustellen, die gefügiger sind?“

Jetzt schwitzte er und hatte das Bedürfnis, die Krawatte zu lockern.

Börge hatte sich in seinem Stuhl zurückgelehnt und spielte wieder mit seinem Glas mit dem lächerlich kleinen Quentchen Cognac, so als müßte er etwas in den Händen haben. Es sah so aus, als hätte er keine Lust zu antworten, aber als die Stille eine Weile gewährt hatte, unterbrach er sie doch.

„Ich habe nicht die leiseste Ahnung, welche Gedanken ich mir zu dem Zeitpunkt machen werde, das wird ganz von der Situation abhängen.“

Und mit einem leisen, schiefen Lächeln: „Zufrieden?“ „Du bist ein Scheißkerl“, sagte Regitze ruhig, „und das bis du immer gewesen. Ein richtiger Scheißkerl. Ich habe schon oft und viele Male Lust gehabt, dir das zu sagen, aber nun ist es gesagt. Und weißt du was, ich glaube auch, daß Karl Aage derselben Meinung ist, auch wenn ich es bin, die es hier ausspricht. Sei so gut und telefoniere nach einem Taxi und bitte darum, daß es sofort kommt, denn jetzt wollen Karl Aage und ich nach Hause.“

Und als ob es noch nicht genug gewesen wäre, nicht mehr als genug, fügte sie noch hinzu, obwohl Börge sich schon von seinem Stuhl erhoben hatte: „Wir haben nämlich beide einen von diesen verantwortungslosen und uneffektiven Jobs, die verlangen, daß wir früh aufstehen müssen. Es tut mir leid, Ilse, aber...“

Ilse antwortete nicht. Sie saß schweigend da. Es war, als ließe sie alles um sich herum einstürzen, sie erhob sich nicht und begleitete sie nicht zur Garderobe.

Sie gingen an Börge vorbei, als er vom Telefon zurückkam. Er sah aus wie ein Politiker, der gerade von einer stressigen Sitzung kommt und noch nicht sein Lächeln aufgesetzt hat. Oder wie einer, der schon begonnen hat, alles um sich herum zu sanieren.

„Mußte das sein“, sagte er im Auto auf dem Heimweg, „war das wirklich nötig, Regitze? Hätten wir nicht alles still und ruhig im Sande verlaufen lassen können?“

Und sie antwortete, daß er ausgezeichnet wisse, daß das nicht ihr Stil sei.

„Aber du hast ihn ja auch provoziert; du hast erreicht, daß er viel gröber wirkte, als er in Wirklichkeit ist. Du hast ihn dazu gebracht, Dinge zu sagen, die er lieber nicht hätte sagen wollen.“

„Ja, das kann gut sein, aber ich mußte es tun, es mußte sein, Karl Aage.“

Er schwieg, denn es war ja geschehen. Eine Freundschaft – trotz allem eine lebenslange Freundschaft – war an einem Abend zerbrochen. Aber in Gottes Namen... Wie konnte sie glauben, daß sie kommen würden? Sie hatte ihnen eine Karte mit den Worten geschickt: „Hoffe, daß ihr Lust habt zu einem kleinem Ausflug in den Garten – am Sonnabend gegen sechs. Es kommen die üblichen Leute.“

Nicht ein entschuldigendes Wort, nur dieses: „Hoffe, daß ihr Lust habt...“

Er hatte die Karte, die er zur Post bringen sollte, gedreht und gewendet.

„Ja, aber Regitze“, sagte er, „ist das nicht ein Fehler, wie kannst du glauben, daß Börge und Ilse...“

„Die gehören doch dazu“, hatte sie gesagt, als würde diese Erklärung ausreichen.

Er deckte gehorsam für dreizehn, wie sie ihn gebeten hatte.

Während er das tat, kam er sich etwas dumm vor. Als er von weit oben am Gartenweg das feine Summen des Motors hörte, das näher kam; bis der große silbergraue Porsche an der Hecke entlangglitt und anhielt, war ihm nicht bewußt, daß es dieses Geräusch gewesen war, auf das er gewartet hatte. Ilse wand sich aus dem Vordersitz heraus, wie immer elegant in teuren engsitzenden Hosen und einer taubenblauen Seidenbluse, von dem diskreten Duft eines kostbaren Parfüms umwölkt.

„Ilse“, sagte er und wußte nicht, wie er fortfahren sollte, „nett, daß ihr gekommen seid – das ist wirklich eine Überraschung – das ist richtig nett von euch.“

Börge war ausgestiegen und um das Auto herumgegangen. Während nun beide dastanden, war Börge nicht weiter gekommen als zu seinem:

„Ilse...“

Dann war Regitze da, und nun war es an ihr, die richtigen Worte zu finden. Aber es sah nicht so aus, als ob das schwierig sei. Es schien vielmehr für Ilse ganz selbstverständlich zu sein, ihre Wange an Regitzes zu legen, und für Börge, seine Arme weit auszubreiten und sie an sich zu drücken.

„Gut, daß ihr kommen konntet“, sagte Regitze.

„Auch wenn ich der größte Scheißkerl der Welt bin“, sagte Börge.

„Na – jaa, vielleicht ja nicht gerade der allergrößte“ – Regitze wischte eine unsichtbare Fussel von seiner hellen Sommerjacke, „kommt, laßt uns auf die Terrasse gehen und uns ein Glas genehmigen, während wir auf die anderen warten.“

„Ja, Mensch, das hier ist wirklich ein richtiges Sommerhaus geworden“, polterte Börge los, lehnte sich im Korbstuhl zurück und ließ die Eiswürfel im Glas klirren. „Wenn ich an den elendigen Schuppen denke, mit dem ihr angefangen habt.“

„Und ein herrlicher Garten“, ergänzte Ilse, „ihr habt es wirklich nett hier.“

Er wunderte sich. Börge hatte eingestanden, daß er ein Scheißkerl sei, und war außerdem nicht einmal beleidigt, daß jemand ihm das ins Gesicht gesagt hatte. Es war unglaublich, was Regitze konnte, und immer kam sie damit durch. Kein Zweifel, daß er sich jetzt wohlfühlte. Seine langen Beine in den gut gebügelten Hosen weit von sich gestreckt, die eine Hand ruhte leicht auf der geschwungenen Armlehne des Korbstuhls. Mit einigen freundlichen Worten über Haus und Garten, das schöne Wetter, und daß sie sich gefreut hätten. Ilse und er. Ein feiner, älterer Herr mit schneeweißem Haar.

Aber Börges Haar war doch schwarz gewesen, pechschwarz und wie eine Kapuze, gut frisiert, mit wohlriechender Pomade. Er mußte damals eine beträchtlichen Teil von den paar Kröten, die er verdient hat, dafür ausgegeben und eine erhebliche Zeit vorm Spiegel zugebracht haben, um sich für den Stadtbummel am Samstagabend zurechtzumachen. Wie ein zweiter Filmheld, direkt von der Leinwand geholt, mit einer Zigarette im Mundwinkel und einer Hand lässig in der Hosentasche. Lüstern und reserviert – beides zugleich. Ein Streifzug durch die Stadt mit Börge an einem Samstagabend. Mit dem Geld für zwei Bier, an denen man möglichst lange nippte. Börge und er. Börges Fuß in einem gut geputzten Schuh, der im Rhythmus der Musik wippte. Börge auf dem Weg an den Tisch des auserwählten Mädchens, nachdem er sich einmal über das Haar gestrichen hatte. Börge auf dem Tanzboden mit flotten, richtigen Bewegungen und sicheren Schritten und dann seine schnellen und bequemen Verabredungen. Und das selbstsichere Auftreten, wenn er zurückkam zu ihm, der da immer noch wie ein Klotz saß und an seinem Bier nippte und – mit einer Hand in der Tasche – die nötigen Münzen zusammensuchte. „Ich gehe dann, du bezahlst die Rechnungen, nicht? Amüsier dich gut, Alter!“ Später waren es Börge, Ilse und er. Ilse mit ihrer Kaffeetasse, die kleine schwarze Lacktasche neben sich auf dem Tisch. Und er protestierte, er hätte es lieber gesehen, wenn sie zu zweit ausgegangen wären, die zwei, frischverlobt wie sie waren, aber Börge wehrte ab.

„Quatsch, du Alter, was wollte man sonst an einem Samstagabend anfangen. Ilse kann eine von ihren Freundinnen mitnehmen, von denen sie doch so viele hat.“ Und sie schien wirklich viele zu haben.

Es waren flotte und lustige Mädchen. Auch erfahrene Mädchen, mit Augen, die kühl abschätzten. Es waren stille, ernste Mädchen, und es waren kleine, verschreckte Püppchen mit kalten Händen, die unsicher auf der Kante des Stuhls saßen, immer nur lächelten, mit Augen, die immer mehr glänzten, je länger der Abend währte, und die ungelenk auf allzu hohen Absätzen hinter Ilse zur Toilette stolzierten, um sich mit Lippenstift zu beschmieren und mit Puder zu bestäuben.

Es waren Mädchen, mit denen er zusammensitzen, sich ruhig und friedlich mit ihnen unterhalten konnte und mit denen er hin und wieder aus Höflichkeit tanzte, auch wenn er kein geübter Tänzer war. Es waren auch solche darunter, die ihm leid taten, wenn Börge regelmäßig seinen Samstag-Markt veranstaltete. Es muß schrecklich demütigend für sie gewesen sein, und ihm war es peinlich. Er nahm sich immer vor, daß es das letzte Mal sein sollte, aber – wie Börge sagte – was konnte man sich sonst an einem hochheiligen Samstagabend vornehmen?

„Nun?“ sagte Börge, wenn die Mädchen zur Toilette gegangen waren, hob die Augenbrauen, zog die Schulter hoch und fühlte sich offensichtlich nicht besonders wohl. Und anschließend stellte er dann ärgerlich fest, daß er verdammt noch mal auch etwas von einem Schlappschwanz an sich habe, wandte sich dem Nachbartisch zu und war kurz darauf wieder im Gespräch und bald wieder der Mittelpunkt in einer größeren Gesellschaft, der er mit großen Gesten eine Geschichte erzählte, die mit seinem lauten Lachen endete.

Es war immer etwas los, wo Börge war. Nur nicht gerade an diesem Abend. Es war ein todlangweiliges Lokal, wo sie gelandet waren. Die wenigen Gäste hingen an ihren Tischen, und selbst der einzige Pianist, der ein Orchester darstellen sollte, gähnte und sah aus, als würde er sich zum Gotterbarmen langweilen, während er die Noten umblätterte. Ilses Freundin war im letzten Augenblick krank geworden, und Börge hatte gesagt, daß er, verdammt nochmal, selbst die Initiative ergreifen müsse. Als er aber seinen Blick prüfend herumschweifen ließ, seufzte er resigniert, und das bedeutete soviel wie, daß hier nicht viel zu holen sei.

„Laß uns tanzen, Ilse, jetzt wo wir einmal hier sind, und dann gehen wir woanders hin.“

Börge hatte eine Nase für Vergnügungsstätten, und es ärgerte ihn, daß dieses neue Lokal, das er gefunden hatte, so ohne Leben war. Aber sie waren ein schönes Paar, er und Ilse, sie stachen ab von den drei oder vier anderen, die so phantasielos und betrübt herumtrampelten, als befänden sie sich in der schwersten Prüfung ihres Lebens.

Er folgte ihnen mit den Augen, trank einen Schluck von seinem Bier und langweilte sich. Er ließ, wie es Börge zu tun pflegte, seinen Blick von Tisch zu Tisch schweifen. An einem mit drei Personen hielt er inne. Die dort saßen, wirkten eigenartig unberührt von der Jagd und dem Konkurrenzkampf und unterhielten sich. Ein junger, bebrillter Bursche, der einem schlecht bezahlten Büroangestellten glich, ein Mädchen mit aschblondem Haar und einem ganz alltäglichen Gesicht ohne Schminke und künstliche Augenwimpern und noch eins, seitlich von ihm, das etwas dünn und dunkelhaarig war – sie hielt den Kopf leicht vornübergebeugt, während ihr Nacken so rührend unbeschützt wirkte, daß er Lust empfand, seine Hand darüber gleiten zu lassen. Er konnte seine Augen nicht von dem Nacken lösen wie auch nicht von der kleinen Gruppe. Es war, als befänden sich die drei Menschen auf ihrer eigenen kleinen, privaten Insel, intensiv beschäftigt und miteinander vertraut. Sie könnten zusammen im Kino gewesen sein, vielleicht sogar im Theater und zufällig danach hier gelandet, um den Abend ausklingen zu lassen. Sie könnten zusammen auf Besuch gewesen und hier hineingeschlittert sein, einer plötzlichen Eingebung folgend. Sie könnten wer weiß wo gewesen sein. Sie zogen ihn an, sie waren mehr von seiner Art als die Leute, die Börge als Publikum um sich zu sammeln pflegte. Sein andauerndes Starren veranlaßte das dunkelhaarige Mädchen, ihren Kopf zu drehen, und plötzlich lächelte sie ihm zu und, als folge er einem inneren, unwiderstehlichen Drang, erhob er sich, ging zu ihr und fragte, ob sie mit ihm tanzen wolle. Er hätte genausogut fragen können, ob sie ihm von diesem Augenblick an für alle Zeiten folgen wolle. Der Mann sah ihn mit seinem kurzsichtigen Blick forschend an, so als ob er nicht ohne weiteres akzeptieren könne, daß irgendjemand sie auffordere. Aber sie erhob sich und sagte: „Ja, gerne!“ Sie tanzten in tiefstem Schweigen, denn es kam ihm zu dumm vor, die gewöhnlich einleitenden Floskeln über die gute Musik zu verwenden, die übrigens gar nicht gut war, oder zu sagen, daß hier eine gute Stimmung sei, was ja bestimmt auch nicht der Fall war. Da ihm nichts anderes einfiel, schwieg er. Sie hatten bereits drei Tänze miteinander getanzt, bis er sich anschickte, sie nach ihrem Namen zu fragen. Ihr Gesicht nahm einen etwas drolligen, leicht verärgerten Ausdruck an, bevor sie antwortete, daß sie Regitze heiße, sie ihren Namen aber nicht möge, er sei langweilig.

„R-e-g-i-t-z-e“, wiederholte er langsam und fühlte eine große Freude, allein schon beim Aussprechen ihres Namens. „Er ist doch schön. Ich finde, er ist schön. Und anders als die Namen, die man sonst hört. Er paßt gut zu dir. Regitze, findest du nicht selbst, daß er sich gut anhört?“ „Ja-a“, sagte sie nachdenklich und legte ihre Arme etwas fester um seinen Hals – „wenn du es sagst, dann hört es sich richtig gut an.“

Sie gingen an ihren Tisch, als die Musik eine Pause einlegte, und er setzte sich, als ob er dazugehöre. Etwas später stand Börge da, mit dem Mantel über dem Arm. „Ilse und ich gehen jetzt. Kommst du mit?“

Er schüttelte den Kopf, und Börge sah Regitze an, die ruhig seinem Blick standhielt. Dann schaute er noch einmal hin, und langsam kam der Weltmann in ihm hoch, mit einer eleganten Handbewegung: „Nein, es ist klar, daß du nicht mitgehst, das verstehe ich gut“, verabschiedete er sich. Es war, als hätte er sie schon immer gekannt und als stünde er an der Schwelle zu einer neuen, noch nicht entdeckten Welt, erfüllt von einer unausweichlichen Forderung, die Welt zu erforschen und zu lieben. Es war, als wäre er an seinem Anfang.

„Das sind Annie und Rikard“, sagte sie, „meine allerbesten Freunde“.

Es klang so, als äußere sie den Wunsch, daß sie auch seine Freunde werden möchten, und er nickte als Antwort. Ja, er wollte mögen, was sie mochte, und er wollte für alles eintreten, wofür sie eintrat.

Er konnte nicht wissen, was das für ihn bedeuten sollte: Ihre streitsüchtige Mutter, die an endlosen Sonntagnachmittagen über den Verfall der Jugend schwadronieren würde. Nachmittage, über die man hinterher lächelte und die man gemeinsam abschüttelte. Er konnte nicht die schlaflosen Nächte voraussehen, mit einem schreienden Kind, das Bauchweh hat oder das Zähne bekommt. Oder, daß Augenblicke im Leben bevorstünden, in denen sie ihm eigensinnig und unvernünftig erscheinen würde, so daß er am liebsten sein gutes Zeug genommen hätte und gegangen wäre. Er konnte nicht wissen, daß das Mädchen, das ihm gegenüber saß und mit seinen braunen Augen so lächelte, für ihn so lebensnotwendig werden würde wie die Luft, die er einatmete. Er fühlte nur, daß ein Strom zwischen ihnen hin und her wogte. Hier bin ich. Dort bist du. Hier sind wir.

Er ist ja nie ein besonders guter oder eifriger Tänzer gewesen, aber sie tanzten weiter, als der Pianist wieder begann. Sie tanzten noch, als er den Deckel zuschlug und die Noten zusammenlegte und die letzten Gäste zur Garderobe gingen. Sie tanzten, bis die Kellner ungeduldig anfingen, die Stühle hochzustellen.

Draußen warteten Rikard und Annie mit hochgeschlagenem Mantelkragen, um die Ohren vor der Kälte zu schützen. Die letzte Straßenbahn war weg, und es waren nur wenige Nachtwanderer auf der dunklen Straße.

„Wir begleiten dich nach Hause“, fing Rikard an, „du solltest den langen Weg nicht allein gehen, wo es jetzt so spät geworden ist und...“

Aber sie unterbrach ihn, indem sie ihn mit einer schnellen, etwas scheuen Bewegung, die er noch so gut kennenlernen sollte, über die Wange strich.

„Das ist nicht nötig, Karl Aage begleitet mich.“ Es war weit von dort in der Stadt bis zu dem Wohngebiet, wo sie ein Zimmer in der ersten Etage hatte, aber es war keinen Schritt zu weit, nie war sein Gang so leicht gewesen, und er hätte noch stundenlang mit ihr Hand in Hand gehen können. In seiner Erinnerung blühte es in allen Vorgärten, und die Luft war angefüllt mit einem feinen, sommerlichen Duft von Flieder und Jasmin, obwohl er wußte, daß es eine der kältesten Nächte im ersten Kriegswinter gewesen war. So kalt, daß er seinen Arm um sie legte, um sie zu wärmen, weil sie in ihrem dünnen Mantel vor ihm stand und einer von ihnen als erster „Auf Wiedersehen“ sagen mußte.

„Ich nehme gewöhnlich niemand mit nach oben“, sagte sie mit ihrer Wange an seiner, „es ist nicht meine Art, jemand mit hochzunehmen.“ „Nein“, sagte er und wollte sie nicht weiter bedrängen, im Gegenteil, er wollte sich nach ihr richten, ihren Wunsch erfüllen. Er war innerlich erfüllt von der Freude, daß das nicht ihre Gewohnheit war: „Das ist schon in Ordnung, Regitze.“

Sie zitterte etwas, aber ihre Stimme war fest und ruhig, als sie fortfuhr: „Aber mit dir ist das anders, ich hätte gern, daß du mit raufkommst.“

Und das war der Anfang.

Seitdem war – nach so vielem anderen – Börges Haar ganz weiß geworden, und an Ilses Mundwinkeln hatten sich ein paar Linien gezeigt, die das diskrete Make-up nicht verbergen konnte. Er hatte das früher nicht bemerkt, er hatte in ihnen wahrscheinlich das ewig junge Paar gesehen, das lächelnd zur Tür herinkam – immer mit dem größten Blumenstrauß oder der prächtigsten Schachtel Schokolade – herausgeputzt auf ihren Festen. Ilses lächelnde Freundlichkeit und Börges dahinplätschernde Tischreden – Ilse und ich. Strahlend, immer ohne Kinder, ständig am Umziehen von einer herrschaftlichen Villa in die nächste und größere.

„So werden wir wohl im Sommer zu Hause bleiben“, beendete Börge einen längeren Bericht.

„Ihr seid ja auch fast überall gewesen“, sagte Regitze und fuhr fort: „Karl Aage hatte ja nie Lust zum Reisen.“ Das traf ihn wie eine Anklage. Das hatte er nie gewollt. Er hatte mit ihr nicht eine Reise ins Ausland machen wollen und es auch nicht getan. Er wollte auch nicht aus seiner Wohnung ausziehen, und deswegen haben sie dort die ganze Zeit gewohnt, so dunkel und finster sie auch war.

„Ich hätte natürlich auch allein reisen können, aber...“

„Wir zwei“, sagte Ilse, „wir könnten doch mal eine Tour zusammen machen, meinst du nicht auch, Regitze?“

Irgendwann einmal.

Das gab ihm einen Stich, und er sah sie unruhig an, aber sie lächelte: „Ja, doch, das könnten wir vielleicht. Irgendwann...“

„Nun kommen die nächsten Gäste“, sagte er schnell und erhob sich, um ihnen entgegenzugehen.

Rikard und Annie hatten die Freundinnen auf den hinteren Sitzen im Volkswagen. Gloria, der große Kleiderständer von einem Frauenzimmer, in einem gewaltigen, großgeblümten Sommerkleid mit dünnen Schulterstrippen, die sich in die fleischigen Schultern einschnürten, und der Schatten Vera. Regitzes Arbeitskollegen, soweit wie sie zurückdenken konnte.

„Danke für die Einladung“, rief Gloria, lachte übers ganze Gesicht und schwang seine Hand rauf und runter wie einen Pumpenschwengel – sie hatte einen Händedruck wie ein Schiffsheizer und eine Stimme wie ein erkältetes Nebelhorn: „Und wie braun du hier im Garten wirst, du siehst richtig gut aus, Karl Aage.“ Und mit plötzlich gedämpfter Stimme und leicht errötenden Wangen wandte sie sich dem Gast zu, der gerade aus seinem eigenen Gartenhaus hier in der Nähe gekommen war: „Du bist auch da, wie schön!“

Es war wirklich schön, so daß sich ein verständnisvolles Lächeln auf den Gesichtern zeigte, denn es war kein Geheimnis, daß der Dichter Jonas und das Fabrikmädchen Gloria sich gern hatten. So himmelschreiend verschieden sie auch waren.

„Und Börge und Ilse sind auch hier“, sagte Rikard mit einem Blick auf den Porsche und nahm die Brille ab und blinzelte kurzsichtig in die Richtung der Terrasse: „Da kann man mal sehen.“

„Die gehören ja dazu“, sagte Annie mit Regitzes Worten – „warum sollten sie auch nicht dabei sein. Setz endlich die Brille auf, Mann, sonst kannst du ja gar nichts sehen! Und rückt alle etwas zusammen, so daß John auch parken kann!“ John, Vibeke und die Kinder, die ja eigentlich keine Kinder mehr waren, wälzten sich aus der alten Klapperkiste von Auto, während Regitze eilig über den Rasen dazukam. So standen sie alle plötzlich zusammen in einer Runde neben der Pforte. Willkommensgrüße, Umarmungen, Schulterklopfen und Händeschütteln kreuz und quer in buntem Durcheinander. „So, hier soll demnach ein richtiges Fest stattfinden, was?“

Das war sein Sohn, der neben ihm stand und ihn anstieß: Ihn anstieß – ‘Wach auf, Vater, es ist Sonntag, und Mutter sagt, wir sollen Brötchen holen.’

Das kleine Ungeheuer, das sonntagsmorgens stets so unchristlich aufgelegt war, daß er in sein Bett zum Toben kam und ihn nicht schlafen ließ, wo er nur das eine Mal in der Woche dafür Zeit hatte. Und Regitze, ebenfalls munter, ließ schon Wasser in den Kessel in der Küche. ‘Wach endlich auf, Vater.’

Sein Sohn lachte ihn mit blendend weißen Zähnen an, umrahmt von einem weichen, braunen Bart. Sein Sohn war schon lange ein erwachsener Mann.

Fest? Ja – das ist ja wahr.

„Ja – Mutter meinte, daß wir einige Menschen versammeln sollten.“ John lachte wieder und gab ihm einen Klaps auf die Schulter: „Das ist weiß Gott gut, daß du Mutter hast, um für dich zu entscheiden.“

„Ja, ja, das ist schon gut, daß ich sie habe. Was sollte ich ohne sie machen, John, was soll ich machen?!“ Regitze nahm ihn unter den Arm: „So, nun sind wir alle beieinander, dann könnten wir zu Tisch gehen. John, setz du dich an das unterste Tischende, und Gloria und Annie nehmen rechts und links von dir Platz! Jonas setzt sich an die Seite von Gloria und Anni an die andere Seite, und dann kommen die Kinder. Und du, Karl Aage, setzt dich zwischen Annie und Ilse, dann kommen Rikard und Vibeke. Börge und ich sitzen am anderen Tischende. Und wenn du, John, dich gleich um die Getränke kümmern würdest, dann kann Karl Aage mir bei den Broten und den Heringen helfen.“

Regitze organisierte, und John spielte Kellner mit den Bierflaschen zwischen den gespreizten Fingern und einem Geschirrtuch im Hosenbund. Er teilte die Flaschen aus, schenkte Schnaps ein und machte Faxen, so daß die Kinder sich ansahen und den Kopf schüttelten. Alles gehörte dazu und war wie immer.

Er ließ seinen Blick um den Tisch herum schweifen. Sie waren da – alle – die Nächsten, wie Regitze es sich gewünscht hatte. Sie saßen lächelnd da, mit dem Schnapsglas in der Hand und warteten darauf, daß Regitze sie willkommen hieße. Ein Bild, eingefroren eine Sekunde oder zwei, das auf den Grund seiner Erinnerung sinken und dort bleiben würde.

„Wir warten auf dich, Karl Aage.“ Ja. Ja, er würde schon kommen. Wenn nur John das Glas nicht so voll geschenkt hätte. So schwer zu halten. So seltsam schwierig, es zu heben. Die kleine Oberfläche im Glas vibrierte unruhig und wurde dann bei Regitzes ruhiger Stimme glatt wie ein Spiegel: „Ja, Karl Aage und ich möchten euch willkommen heißen, es ist so nett, daß ihr alle gekommen seid. Bitte, fangt an!“

Die Stimmen begannen zu summen, und ein Lachen aus allen Ecken umgab ihn, während Messer und Gabeln klirrten. Hoch oben am blauen Himmel glitt ein keilförmiger Vogelschwarm vorbei, und irgendjemand sagte, daß Regitze unmöglich einen besseren Abend für ihr Sommerfest hätte auswählen können.

2

„Ihr müßt nicht so erschrocken aussehen, ich habe nicht die Absicht, eine Rede zu halten. Ich will nur Danke sagen, ein richtiges herzliches Danke, daß Ilse und ich hier heute Abend dabeisein dürfen. Ilse und ich, wir kommen in verschiedene Häuser, vielleicht auch in allzu viele. Wir haben Geschäftsessen, die überstanden werden müssen, und wir haben einen unglaublich großen Bekanntenkreis, dem wir verpflichtet sind – aber wir haben nicht viele Freunde.“ Börge schwieg einen Augenblick. Das war nicht eine seiner üblichen, humorigen Reden, und es war, als ob er nach Worten suchte. „So, deswegen, nein, ich will nur sagen, daß wir uns nirgends so wohl fühlen wie bei dir, Regitze.“ Er setzte sich und erhob sich halb: „Und bei dir, Karl Aage, selbstverständlich. Entschuldigung.“

Er nickte, daß das schon in Ordnung sei, und John erhob sein Glas.

„Prost auf euch beide, ihr seid ja schon unerhört lange ein Paar.“

„Ja, wie lange kann es gewesen sein“ – Rikard sah aus, als rechne er nach, „es müssen um die vierzig Jahre sein. Nein, verflixt, noch mehr – fünfundvierzig?“

„So ungefähr“, sagte Regitze kurz – „laß den Hering noch einmal herumgehen.“

Rikard war noch immer am Rechnen. – „Ist heute etwa ein besonderer Erinnerungstag? Was für ein Tag ist es, Karl Aage?“ „Frag ihn nicht“, sagte Regitze etwas spitz, „er hat sich noch nie Daten merken können. Im übrigend ist kein besonderer Erinnerungstag.“

„Wir haben nie geglaubt, daß ihr heiraten würdet“ – das war jetzt Annie – „das haben wir wirklich nicht geglaubt. Wir anderen waren mehr bürgerlich, wir haben fein geheiratet, bevor wir Kinder bekamen, aber darüber wart ihr erhalben. Bei euch kam John zuerst.“

„Ja, John“ – und Regitze sah liebevoll auf ihren Sohn –, „warum haben wir eigentlich geheiratet, Karl Aage?“ „Deine Mutter“, erinnerte er sie, und sie nickte nachdenklich.

„Ja, das ist auch wahr, das habe ich ganz vergessen. Sie konnte sich überhaupt nicht damit abfinden, daß wir nicht verheiratet waren. Das war fast ein Skandal in ihren Augen, das war ja auch nicht üblich damals, daß man so zusammenlebte.“

„Auf polnisch?“ warf Rikard ein und putzte seine Brille. Auf polnisch, Ja, das war genau der Ausdruck, den sie benutzte, Regitzes Mutter. Regitzes schreckliche Mutter. Ja, gewiß, sie war schrecklich, es gab dafür kein anderes Wort, und Regitze hätte ihn am allerersten Sonntag vor ihr warnen müssen, anstatt nur zu sagen, daß sie ihre Mutter begrüßen sollten. Aber es war doch schon eine Warnung, daß sie solange damit gewartet hatte, ihn mit nach Hause zu nehmen. Und daß sie so nachdenklich dasaß, mit Falten auf der Stirn, als sie das plötzlich an einem unschuldigen Sonntagnachmittag vorschlug.

Seine Bekanntschaft mit Regitzes Mutter beschränkte sich bis dato auf einen flüchtigen Blick auf ein Familienbild in einem Album, das Regitze liegen hatte, und er wußte auch, daß Regitze sie ab und zu besuchte. So wie sie nach der Arbeitszeit zum Kaufmann oder zum Schlachter ging. Aber er faltete gehorsam die Zeitung zusammen und fragte, ob sie glaube, daß Blumengeschäfte geöffnet seien, jetzt am Sonntag, denn er wollte einen Blumenstrauß mitnehmen, weil es das erste Mal war.

„Blumenstrauß“, sagte sie, immer noch mit der kleinen Falte auf der Stirn, – „ach, ich weiß wirklich nicht, meine Mutter wird sich wohl nicht milde stimmen lassen durch einen Blumenstrauß.“

Er dachte, daß dies eine etwas sonderbare Bemerkung sei, und vergaß es. Er erinnerte sich wieder daran, als sie vor der großen, kräftigen Frau standen, deren Busen einen Umfang hatte, wie er ihn noch nie gesehen hatte, und wie er sich mustern ließ von ein Paar Augen, fünf- bis sechsmal so kritisch wie Regitzes, wenn sie am allerkritischsten waren. Nein, sie war sicher nicht eine Dame, die sich leicht milde stimmen ließ, wenn ihr etwas in die Quere kam.

Er legte den Arm um Regitzes Schulter und war standhaft bemüht, sein gewinnendes Lächeln beizubehalten, und die stattliche Dame nickte – mit der Würde einer Königin und nicht ganz ungnädig, als hätte seine Erscheinung schlimmer sein können.

„Das ist Karl Aage“, sagte Regitze heiter, „und das ist meine Mutter. Hast du eine Tasse Kaffee?“

Er war bereit, etwas von Regitzes Mutter zu halten, allein weil sie Regitzes Mutter war. Er heuchelte Interesse für die Handarbeit, über die Regitze sich stürzte, und bemühte sich, nichts von den unzähligen Nippsachen, von denen die Stube angefüllt war, herunterzureißen. Die Stube war damit so angefüllt wie ein Haushaltswarengeschäft. Er lobte den Kaffee und das Gebäck so heftig, daß Regitze ihn verwundert ansah. Es ging alles ausgezeichnet, bis das Gespräch auf die Wohnung kam, die sie glücklicherweise bekommen hatten, und der Mutter klar wurde, daß sie schon eingezogen waren. „Soll das heißen“, sie holte Luft, und der Busen wogte gefahrdrohend –, „soll das heißen, daß ihr dort wohnt? Zusammen?“

Regitze nickte zustimmend, daß sie dort wohnten: „Zusammen! – Stube, Schlafzimmer, und eine Kammer. Die Wohnung ist vielleicht etwas dunkel, aber mit der Zeit können wir ja eine bessere bekommen.“

Die Mutter beendete das Gerede über die Wohnung mit einer Handbewegung und strahlte eine Kälte aus, die den Raum gleich ganz ausfüllte.

„Ich denke mir, daß ihr heiraten müßt. Das habe ich von meiner einzigen Tochter nicht erwartet.“

„Warum sollten wir heiraten müssen? Wenn du glaubst, daß wir ein Kind erwarten, dann ist die Antwort – nein, noch nicht.“

Und Regitze fuhr mutig fort, das Kinn etwas vorgeschoben und in ihrem allerleichtesten Tonfall: „Im übrigen haben wir gar nicht vor zu heiraten, vorläufig jedenfalls nicht.“ „Aber das könnt ihr doch nicht, so – so polnisch zusammenzuleben. Das werde ich nicht zulassen, Regitze.“ „Du solltest zu uns kommen und sehen, wie wir uns eingerichtet haben, Mutter. Wir haben noch nicht soviel, Karl Aage hat wenig, und was ich habe, weißt du ja, aber wir haben uns ein Bett gekauft.“

Das Wort wirkte wie ein elektrischer Schlag, und die Mutter sah noch empörter aus. „Nein, danke, ich setze meine Fuß nicht in die Wohnung. Nicht solange wie ihr darauf besteht, diesen Stil beizubehalten.“

Aber als es wieder Sonntag wurde, kam sie trotzdem und inspizierte Stube und Küche, während sie geflissentlich die Tür, die Regitze gastfrei zum Schlafzimmer aufschlug, übersah. Dann stellte sie eine Schachtel mit Kuchen auf den Küchentisch und holte sich selbst den besten Stuhl aus der Stube.

„Ich habe darüber nachgedacht“, teilte sie zwischen zwei Happen Napoleonskuchen mit, „wenn ihr nicht so sehr für eine große Hochzeit seid, will ich keinen Druck auf euch ausüben. Du bist ja die einzige, die ich habe, Regitze. Ich habe zwar von einer etwas größeren Hochzeit geträumt, aber gut – dann begnügen wir uns damit, deine Vettern und Cousinen, und Karl Aages Familie selbstverständlich, einzuladen und machen ein richtiges gemütliches, kleines Familienfest.“ Regitze schüttelte den Kopf.

„Dann nur wir drei und Karl Aages Eltern.“

„Wir glauben nicht an das Stück Papier, und wir brauchen es nicht. Das ist herrlicher Kuchen, Mutter, den du zum Kaffee gekauft hast. Und es war nett von dir, daß du gekommen bist, aber wir lassen uns nicht bestechen.“ „Das finde ich gar nicht gut, du hast ja gar keine...“ – Sicherheit, wollte sie vielleicht sagen, behielt das aber für sich und begnügte sich, ihm einen tötenden Blick zuzuwerfen.

„Was ist an dem Tag, an dem er dich verläßt, was dann? Dann sitzt du da mit der Schande.“

„Ja“, sagte Regitze, beugte sich über den Tisch und streichelte der Mutter die Wange, bevor diese ihren Kopf zurückziehen konnte – „und was ist an dem Tag, an dem ich ihn verlasse, dann sitzt er da mit der Schande. So ist das nun mal.“

„Ich halte nichts davon. Zu meiner Zeit hat man geheiratet. Dein Vater hätte auch nichts davon gehalten.“ „Vater ist tot, so weit ich zurückdenken kann“, sagte Regitze munter. „Trink nun deinen Kaffee, und danach mußt du dir die Bettdecke ansehen, die ich genäht habe, und die Matratze, die ist nämlich wirklich gut.“

Und die Mutter bekam den Kaffee in den falschen Hals. „Deine Mutter“, fragte er, nachdem sie gegangen war, „ist sie so stark – religiös?“

Regitze antwortete, daß sie das nicht glaube.

„Es sei denn, es ist eine Art Religion, sich in alles einzumischen und sich mit allen zu streiten. Einmal hat sie sich mit dem Maler gestritten, der gerade ihre Stube tapezierte. Er hat sein Gerät eingesammelt und alles so gelassen, wie es war. Auf ihre Art meint sie es ganz gut, sie gehört nur zu den Menschen, die überzeugt davon sind, daß sie immer recht haben. Und im übrigen ist sie von dir ganz begeistert.“

„Wie in aller Welt kommt du darauf?“ fragte er aufrichtig erstaunt. Regitze meinte, sonst wäre sie ganz anders zu ihm gewesen, und überließ es seiner Phantasie, sich vorzustellen, wie das hätte sein können.

Ihre Beharrlichkeit war fast bewunderungswürdig. Sie behauptete, daß diese unmoralische Lebensweise für sie eine Qual sei, und sie wiederholte immer wieder in verschiedenen Variationen, daß sie nach ihrer Meinung heiraten müßten. Es wurde in einem solchen Ausmaß zur Gewohnheit, daß es schon zum Alltag gehörte. Vielleicht zu einer so lieben Gewohnheit, daß sie gar nicht mehr anders konnte, denn sie zeigte keine große Freude, als man ihr erzählte, daß es nun ganz einfach geschehen sein. Sie äußerte nur etwas Verärgerung darüber, daß es in aller Heimlichkeit und ohne sie vor sich gegangen war. Sie nickte und meinte, daß es wahrhaftig auch nicht zu früh gewesen sei und langte nach John, dem über alle Maßen vergötterten Kind.

„Nun bleibst du wohl zu Hause bei ihm“, forschte sie, als Regitzes Mutterurlaub zu Ende ging. „Du schickst ihn nicht irgendwohin, nicht wahr?“

Es wurde unheilverkündend still, als sie erfuhr, daß sie – wie Regitze sich ausdrückte – soviel Glück gehabt hätten, einen Krippenplatz für ihn zu finden.

„Ja, dann“, fing sie schließlich an, während ihr Busen wie eine aufgewühlte See wogte, „ – ja, dann!“

Am Tag danach kam sie mit zwei schweren Koffern und einem kämpferischen Gesichtsausdruck.

„Mein Enkel“, begann sie, als sie nach dem Treppensteigen wieder zu Atem gekommen war, – „soll nicht in eine Institution und dort mit allen möglichen Krankheiten angesteckt werden und nicht rumliegen, weinen und warten, bis er an der Reihe ist, gefüttert und gewickelt zu werden – nicht, solange ich das ändern kann. Deshalb habe ich mir gedacht...“

Sie mußte innehalten, um ein paarmal tief Luft zu holen. Regitze benutzte die Gelegenheit, sie in die Stube zu bitten und sich zu setzen.

„... habe ich mir gedacht“, fuhr sie fort, immer noch im Flur stehend, das Gepäck um sich herum, „daß ich vorläufig hierher ziehe, damit ich ihn versorgen kann, während ihr auf der Arbeit seid. Ich kann in der Kammer wohnen.“

Sein Blick ging von Regitze zu ihrer Mutter und wieder zurück, und als ein leises Wimmern zu hören war, schlenderte er in das Schlafzimmer, und er nahm sich viel Zeit, bis er wieder in der Stube auftauchte, wo Regitze und die Mutter Platz genommen hatten.

„Wir sind uns einig geworden, daß Mutter ein paar Tage bleibt, da sie sich nun all die Mühe mit dem Gepäck gemacht hat.“

„Soll das heißen“, begann er plötzlich kampfbereit und wollte fortfahren – daß er nicht in die Krippe soll und daß deine Mutter hier wohnt, – wurde aber von Regitzes Blick gebremst.

„... daß Mutter ein paar Tage hierbleibt, ja, und daß sie mit mir in die Krippe geht, damit sie selbst sehen kann, wie es dort ist, und daß sie dort die Kinder nicht mißhandeln.“ „Nun“, sagte er und schluckte noch einmal, „das geht ja auch, ich meine, das ist ganz nett. Für ein paar Tage.“ Hierauf traf ihn ein sehr kühler Blick der Mutter, und er zog sich zur Tür zurück.

„Dann hole ich wohl am besten das Feldbett aus dem Keller und schlage es auf.“

„Es sei denn, du meinst, daß ich auf der Erde schlafen soll.“ Du hättest ja auch zu Hause in deinem eigenen Bett liegen können, dachte er auf dem Weg in den Keller. Und dann dachte er noch, daß es so aussähe, als ob sie diese Runde gewonnen hätten.

Dafür gewann sie die Runde mit der Kindstaufe, aber da setzte sie auch alle Segel.

Denn das Kind sollte getauft werden. Und wenn dies das einzige wäre, was sie zu bestimmen hätte. Und wenn es sie das Leben kosten sollte. Als sie die ersten zwei, drei Male das Thema anschnitt und eine Abfuhr erhielt, ging sie in Aktion. Sie verriegelte die Tür vor ihnen und ließ sie mit Kind und Sonntagskuchen stehen und ließ sie vergeblich klingeln, bis Regitze schließlich kopfschüttelnd wieder die Treppe hinunterging.

„Sie ist vielleicht nicht zu Hause“, meinte er, und Regitze konterte: „Selbstverständlich ist sie zu Hause. Aber damit soll sie nicht durchkommen, das ist ja immerhin noch unser Kind, und nun mußt du dieses eine Mal standhaft bleiben, Karl Aage.“

Er blieb auch standhaft und erinnerte sie daran, daß es ihr Sohn sei, als Bulletins vom Nachbarn der Mutter eingingen. Die Mutter habe sich zu Bett gelegt und verweigere die Nahrung, solange sie – Karl Aage und Regitze – so schroff auf ihrem Standpunkt beharrten.

„Das hat sie bisher noch nie gemacht“, sagte Regitze und bekam ihre nachdenklichen Stirnfalten, „aber es nützt nichts, sie bekommt ihren Willen nicht. Findest du nicht auch, Karl Aage?“

„Selbstverständlich nicht“, sagte er, „es gibt doch eine Grenze“. Und die Bulletins folgten einander. Die Tochter der Nachbarin kam auf ihrem Rad angejagt – außer Atem und mit Sensation in den Augen. Sie esse immer noch nicht, und die Kräfte seien am Schwinden.

Das solle sie ausrichten und grüßen.

„Sie kann sich doch nicht zu Tode hungern?“ fragte Regitze quer über den Tisch mit Kartoffeln und Bratwürsten. Sie empfand es als nahezu ungebührlich, am Tisch zu sitzen und das Essen in sich hineinzuschlagen, so wie die Dinge lagen – „wielange kann ein Mensch es durchhalten, keine Nahrung zu sich zu nehmen?“

„Wie lange kann man es durchhalten, so krankhaft starrköpfig zu sein?“ antwortete er, und sie biß sich auf die Lippen und sah bekümmert aus: „Es ist doch meine Mutter, wir können sie doch nicht einfach so liegenlassen – nicht wahr?“ Und die Nachbarstochter verdrehte die Augen bei ständig düsterer werdenden Botschaften. Nun habe sie ein ganzes Kilo abgenommen, und einen Arzt wolle sie nicht, und nachts schlafe sie auch nicht.

„Das ist doch gut, daß sie etwas zu verlieren hat“, sagte er mit einem aufmunternden Lächeln, bekam aber kein Lächeln zurück. Regitze fand es gar nicht lustig. Sie war so weit fort in ihren Gedanken, daß ihr die Teller aus der Hand glitten, als sie das Geschirr spülte.

„Nein, das geht nicht“, sagte sie, während sie auf den Knien lagen und die Scherben aufsammelten – „früher oder später sind wir gezwungen aufzugeben, du kannst ebensogut morgen hingehen und mit dem Pastor sprechen.“

Und als er protestierte: „Nun, dann mache ich das eben. Es hat keinen Sinn, so stur zu sein, warum kann er nicht genauso getauft werden wie andere Kinder.“

Und so wurde das Kind getauft, und Regitzes Mutter schritt durch die Kirche wie ein Triumphator, der nach einem überwältigenden Sieg heimgekehrt ist. Das kleine, weiße Bündel hielt sie so fest an die Brust gedrückt, daß es nahezu in dem wogenden Busen verschwand. Und in ihrer Eigenschaft als Patin überschüttete sie ihn später mit Geschenken in einem Ausmaß, daß er jedesmal meinte, nun müsse es aber genug sein, sonst würde sie den Jungen, verflucht noch mal – ganz verderben. Er war so zornig auf sie, auch wenn sie Regitzes Mutter war, daß sie sich beinahe ernsthaft verkracht hätten.

Aber soweit kam es nicht. Regitze navigierte zwischen ihnen, bis die Mutter plötzlich und unerwartet starb, an ihrer Schatulle sitzend, vor sich Bilder von John als nacktes, rundes Baby bis zum fünfjährigen, kräftigen Jungen mit den Händen in den Hosentaschen. Und Regitze weinte bei der kurzen, festlichen Beisetzung, als würde sie gepeitscht. Sie saßen vorne auf der ersten Bank, ein kleines Gefolge von schniefenden, fremden Menschen einige Meter hinter sich und ein Gefühl von Unwirklichkeit in sich und um sich herum.

„Sie war ein so lieber Mensch“, sagte sie unter Tränen, als sie wieder draußen vor der Kapelle standen, frierend und mit dem schweren Duft des Begräbnisses in der Nase, und sie trocknete sich das Gesicht mit einem klitschnassen Taschentuch, schnaubte noch einmal und steckte dann ihren Arm unter seinen.

„Und wie nett du immer zu ihr warst, dafür bedanke ich mich.“

Und als er den Mund öffnen wollte, um im Namen der Wahrheit zu protestieren: „Ja, doch, das warst du, widersprich mir jetzt nicht. Fast immer, Karl Aage. Und sie hielt so viel von dir.“

Und während sie über den Kiesweg gingen, schniefte sie ein letztes Mal: „Und John – ihn liebte sie geradezu, das dürfen wir auch nicht vergessen. Nicht wahr, Karl Aage. Und nun sollten wir vielleicht irgendwo reingehen und eine Tasse Kaffee trinken, das haben wir doch nötig. Oder was meinst du?“ „Ja, natürlich, sagte er, dagegen hätte deine Mutter nichts gehabt.“

Er schenkte ihr ein kleines, etwas schiefes Lächeln, und Regitze nickte, als sei sie seinen Gedanken gefolgt: „Nein, es war nicht immer leicht, mit meiner Mutter umzugehen, aber sie war ein außergewöhnlicher Mensch.“

„Und meine Mutter“, sagte John vom unteren Tischende – „war immer eine außergewöhnliche Dame. Ich erinnere mich an einen bestimmten Weihnachtsabend –“

„Nicht jetzt schon wieder“, riefen die Kinder im Chor – „also, Vater, wir bekommen die Geschichte jeden Weihnachtsabend zu hören, und wir kennen sie von hinten und von vorn auswendig. Du erzählst sie auch gar nicht besonders gut, und wir alle kennen sie.“

„Ich kenne sie nicht“, sagte der Dichter freundlich und legte einen Arm auf Glorias Stuhlrücken, so daß seine Hand auf ihrer Schulter ruhte. „Ich will die Geschichte gerne hören, ich sammle Geschichten.“

„Ich kenne sie auch nicht“, sagte Ilse und zündete sich eine Zigarette an – „ich liebe Weihnachtsgeschichten“. „Erzähl‘ ruhig, mein Junge“, schlug Gloria vor und setzte sich besser zurecht, der Hand zu, die sich so fest und gut um ihre Schulter legte.

„Ja, das fing eigentlich –“

„Ja, fang ruhig so weit wie möglich in der Vorzeit an“, bemerkte der Junge mit einem leidenden Gesichtsausdruck, während das Mädchen die Augen verdrehte.

„Nun laß ihn“, sagte Vibeke und zog die Brauen hoch. „Das fing bereits im Herbst an, und ich bin vielleicht fünf oder sechs Jahre alt gewesen. Damals gab es ja bekanntermaßen noch Bettler, die von Tür zu Tür gingen. Die gingen ganz nach oben zu den Wohnungen, klingelten und baten um eine Spende oder um abgelegtes Zeug...“

„Ihr müßt wissen, das war also in der guten alten Zeit“, murmelte der Junge, und Vibeke sagte: „Brian!“, während John unbeirrt fortfuhr: „Und meine Mutter brachte es ja nicht fertig, nein zu sagen. Sie gab ihnen immer etwas, obwohl wirklich nicht viel herzugeben war. Dadurch war sie natürlich bei den Vagabunden beliebt, und besonders dieser eine war ihr zugetan. Im Herbst kam er schon, und er sah grauenhaft aus. Er ähnelte einem Kobold mit langem, struppigem Haar, und das ganze Gesicht war voller Bartstoppeln, und er hatte eine Nase wie eine überreife Erdbeere. Als ich ihn das erste Mal sah, wurde ich so bange, daß ich mich unter dem Eßtisch versteckte.“

„Küchentisch“, korrigierte das Mädchen, „sonst ist es immer der Küchentisch.“

„Na, denn Küchentisch. Ich versteckte mich jedenfalls, aber allmählich hatte ich mich an ihn gewöhnt. Er kam von Zeit zu Zeit, alle vierzehn Tage, so ungefähr, glaube ich, und immer zur selben Zeit, mitten am Nachmittag, wenn wir nach Hause gekommen waren, ich vom Kindergarten und Mutter von der Fabrik. Ungefähr eine halbe Stunde, bevor der Alte nach Hause kam, das kriegte er immer richtig hin. Regitze gab ihm ein wenig Geld, und manchmal bekam er eine Tasse Kaffee am Küchentisch. Dann saß ich da und glotzte ihn ungeniert an. Denn es kam mir ganz unglaublich vor, daß jemand, der so aussah und so dreckig war, daß so einer ganz normal mit meiner Mutter sprechen konnte.

„Mein Alter dort“, er wies mit der Hand in Richtung Karl Aage, „der sagte natürlich, daß das Unsinn sei, als er eines Tages davon hörte, und daß sie aufhören solle, ihm was zu gehen. „Er geht ja nur eben um die Ecke und kauft sich Fusel für das Geld“, sagte er, und Mutter antwortete, das könne schon sein, und dann unterließ sie es, ihm zu erzählen, daß er dagewesen sei. Dann wurde es bitterlich kalt im Dezember dieses Jahre.“

„Und der Schnee lag einen Meter hoch, und die Leute fuhren mit Schlitten auf der Straße“, sagte der Junge, und Vibeke zog ihre Brauen noch ein bißchen höher.

„– und eines schönen Tages wurde es zuviel für meinen Alten. Er pflegte von und zur Arbeit das Fahrrad zu benutzen, nur mit einer Jacke bekleidet. Aber eines Nachmittags kam er nach Hause, rieb sich die Hände und sagte, daß es nun richtig Winter geworden sei. Wir saßen am Küchentisch und spielten Ludo, kann ich mich erinnern, Mutter und ich. Er stand mitten in der Küche, rieb sich die Hände und redete davon, wie kalt es sei, und dann stapfte er in das Schlafzimmer, rumorte dort herum, bis er wieder zu uns in die Küche kam.

‚Du, Regitze‘, sagte er, ‚ich such meinen Wintermantel und kann ihn, verflixt noch mal, nicht finden.‘

‚Na‘, sagte Mutter und schüttelte den Würfelbecher, ‚na-ja, dein Wintermantel. Aber den brauchst ja nie, Karl Aage.‘

‚Ich brauche ihn, wenn es kalt ist‘, sagte mein Alter ganz vernünftig – und das ist es jetzt tatsächlich, weißt du, wo er ist, Regitze?‘

‚Mm – nja‘, sagte meine Mutter oder etwas Ähnliches. Sie wurde etwas rot im Gesicht und schüttelte den Becher, und plötzlich stellte sie ihn hin.

‚Der war doch nur noch zum Weggeben gut‘, sagte sie, ‚du solltest einen neuen haben, Karl Aage.‘

Dann fing er an, daß der Mantel wahrhaftig noch gut genug sei, und vom Weggeben könne doch gar nicht die Rede sein. Plötzlich war sein Gesicht ganz verzerrt, und er starrte sie an.

‚Regitze‘, sagte er, so ganz langsam, mit Betonung auf jeder Silbe, wie nur er es sagen konnte, ‚Regitze, was hast du mit meinem Mantel gemacht?‘

Und dann mußte sie wohl zugeben, daß sie ihn diesem Vagabunden gegeben habe. Aber er brauche doch nur einen Pullover unter der Jacke anzuziehen, das ginge doch auch. Noch nie habe ich den Alten so verdreht gesehen, er wurde ganz weiß um die Nase herum. Sein Mantel. Sein guter, alter Mantel. So einfach sein Zeug wegzugeben.

‚Was fällt dir ein‘, schrie er, daß die Küchenlampe wackelte – ‚mein Zeug wegzugeben an einen Landstreicher‘. Aber meine Mutter saß nur da und wurde immer ruhiger. Sie wartete nur darauf, daß er aufhören würde zu schreien, und das tat er dann auch schließlich.

‚Der Vagabund hat einen Namen‘, sagte sie, ‚er heißt Nielsen.’

Und dann nahm sie wieder den Becher und schüttelte ihn. ‚Und dann können wir übrigens gleich richtig reinen Tisch machen, wenn wir schon mal dabei sind. Ich habe ihn zu Heiligabend eingeladen. Nur daß du es weißt.‘

Da tat mir mein Alter fast leid, er sah so richtig hilflos aus. ‚Nein, das hast du nicht‘, sagte er, ‚jetzt, wo wir endlich frei sind und am Heiligabend allein sein können. Das hast du nicht, zum Teufel noch mal, Regitze.‘ Aber als es dann Heiligabend wurde, hatte er sich damit beruhigt, daß der Kerl wahrscheinlich nicht kommen würde. ‚Er hat das alles vergessen‘, sagte er, ‚an einem solchen Tag sprechen diese Leute von den Morgenstunden an dem Alkohol zu. Du kannst also ruhig damit rechnen, daß er alles vergessen hat.‘ Und er schüttelte ein wenig den Kopf, als sie für vier den Tisch deckte, und er hielt einen langen Vortrag für mich über alte Zeiten auf dem Lande, wo man an einem Festabend immer für einen unerwarteten Gast deckte, das habe er irgendwo gelesen. Regitze summte vor sich hin, legte Servietten auf die Teller, stellte Kerzen auf den Tisch und sagte, es handele sich ja um Nielsen, für den gedeckt sei, und nicht um einen Unbekannten.

Und die Uhr schlug vier, und sie schlug fünf, und die Stimmung meines Alten wurde immer besser, als die Zeit verstrich. Der Schweinebraten wurde fertig und die Kartoffeln gar, und die Uhr schlug halb sechs, und Regitze war eine Ewigkeit damit beschäftigt, die Soße zu machen. Er war ja klug genug, nichts zu sagen, ihm sollte nicht der Weihnachtsabend verdorben werden, aber er sah aus, als freue er sich. Er richtete etwas am Tannenbaumschmuck und machte es sich gemütlich – das erste Mal, daß wir allein und zu Hause sind, sonst waren wir ja bei der Großmutter gewesen, aber jetzt –“

„Dann, ein Viertel vor sechs“, sagte Brian.

„Fünf Minuten vor sechs, genau fünf Minuten vor sechs, klingelte es an der Tür, und meine Mutter rief von der Küche: ‚Macht doch eben auf, ich bin gerade bei der Soße.‘ Als ob sie nicht die letzte halbe Stunde dabei gewesen wäre. Mein Alter stapfte in den Flur und öffnete die Tür. Dann wurde es einige Augenblicke ganz still da draußen, bevor er Mutter mit einer Stimme rief, die einige eigenartige Unter- und Obertöne hatte, daß wir alle beide losließen, was wir in den Händen hielten, sie ihren Suppenlöffel, ich mein kleines Auto, das ich als Vorschuß bekommen hatte, mit dem ich auf dem Boden lag und Krach machte. Ich stürzte hinaus. Das ist eins der wenigen Male, daß ich meine Mutter nach Luft schnappen hörte, denn es stand nicht einer, sondern drei standen vor der Tür. Jeder in einer gräßlichen, blankgescheuerten Jacke, und jeder mit einem hochroten Schlips. Unser Landstreicher stand in der Mitte, aber es dauerte etwas, bis ich ihn erkannte: Das Haar hatte eine hellere Farbe bekommen, und die Bartstoppeln waren weg, nur die Nase war wie gewohnt. Ich will nicht sagen, daß sie beschwipst waren, aber sie waren kurz davor. Unser Landstreicher reichte meiner Mutter einen Blumenstrauß. ‚Gnädige Frau‘, sagte er und knickte in den Hüften etwas vornüber, ‚ich hoffe, es macht nichts aus, daß ich einige Kameraden mitgebracht habe‘.

Regitze sah auf den Alten, der ganz fein herausgeputzt war. Er setzte ein etwas schiefes Lächeln auf, und mit einer raschen Handbewegung winkte er die Männer herein. Das Lächeln der drei strahlte auf, so daß im Korridor eine unbestimmbare Atmosphäre aufkam. Dann gingen sie mit schweren Schritten in die Stube.

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05 мая 2025
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150 стр. 1 иллюстрация
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9788711448793
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