Читать книгу: «Wasserschloss zu vererben»

Seit 1993 begeisterte die Kabarettistin Usch Hollmann mit ihrer münsterländischen Kunstfigur „Lisbeth“ mit Radiokolumnen und Auftritten ein größeres Publikum. In der Folge sind ihre bei Solibro erschienenen „Lisbeth-Büchskes“ zu regionalen Bestsellern geworden: „Hallo Änne, hier is Lisbeth …“ (1996), „Wat is uns alles erspart geblieben!“ (1998) und „Dat muss aber unter uns bleiben!“ (2006). Es folgten „Spekulatius und Springerle“ (2002), „Stoffel lernt spuken/Stoffel lärt spöken“ (2004), „Aber das wär’ doch nicht nötig gewesen!“ (2008), „Stille Nacht light.“ (2012) Viele Jahre trat die Kulturpreisträgerin des Kreises Steinfurt auch mit ihrer Kabarettgruppe „Fünf freche Frauen“ Aktuell liest sie auch aus fremden literarischen Werken.
Markus Böwering arbeitet als Komponist, Texter, Produzent, Manager, IT-Creator und Sänger. Schon im Alter von 13 startete er als Sänger mit einer ersten Band. Später entfaltete er sein musikalisches Talent mit Soul unter dem Künstlernamen Aga Sono. Er landete mehrere Hits (so mit „Take good Care of my heart“, Platz 5 der deutschen Dance-Charts). Es folgten TV- und Bühnenauftritte auch im Ausland und weitere Hits (1991 A.G.A „Good Emotions“ oder 2016 Sander Kleinenberg ft. Gwen McCrae „Can you feel it“ und 2018 Sander Kleinenberg ft. George McCrae „Colours in the sun“). Als Coach förderte er den berühmten Musiker Sander Kleinenberg. „Wasserschloss zu vererben“, geschrieben mit Usch Hollman, ist sein erster Roman. Weitere Romane sind in Vorbereitung.


1. Jöricke, Frank: Mein liebestoller Onkel, mein kleinkrimineller
Vetter und der Rest der Bagage. Solibro Verlag 1. Aufl. 2007
ISBN 978-3-932927-33-1 / gebundene Ausgabe ISBN 978-3-932927-36-2 / Broschur-Ausgabe eISBN 978-3-932927-53-9 (epub)
2. Barski, Klaus: Prügel für den Hausbesitzer
Tatsachenroman eines Immobilienspekulanten
Solibro Verlag 1. Aufl. 2012; ISBN 978-3-932927-48-5
eISBN 978-3-932927-52-2 (epub)
3. Barski, Klaus: Sweet Florida Keys. Abenteuerroman
Solibro Verlag 1. Aufl. 2014; ISBN 978-3-932927-78-2
eISBN 978-3-932927-89-8 (epub)
4. Barski, Klaus: Lebenslänglich Côte d’Azur. Roman
Solibro Verlag 1. Aufl. 2018; ISBN 978-3-96079-049-5
eISBN 978-3-96079-050-1 (epub)
5. Barski, Klaus: Exil Ibiza. Roman
Solibro Verlag 1. Aufl. 2018; ISBN 978-3-96079-051-8
eISBN 978-3-96079-052-5 (epub)
6. Usch Hollmann / Markus Böwering: Wasserschloss zu vererben.
Ein Münsterlandroman
Solibro Verlag 1. Aufl. 2018; ISBN 978-3-96079-055-6
eISBN 978-3-96079-056-3 (epub)
eISBN 978-3-96079-056-3
1. Auflage 2018
© SOLIBRO® Verlag, Münster 2018
Alle Rechte vorbehalten.
Covergestaltung: Michael Rühle
Umschlagfotos: © Elena Schweitzer/Shutterstock.com (Tür); © maleevsw//Shutterstock.com (Schloss)
Autorenfoto (S. 2 links): Hermann Willers; Autorenfoto (S. 2 rechts): Michael Koch / Reggie Femi for Gomuto LLC, Chicago
www.solibro.de verlegt. gefunden. gelesen.
Aber hier, wie überhaupt, kommt es anders, als man glaubt.
Wilhelm Busch
Inhalt
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3 – Zwanzig Jahre später –
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
1.
„Ach, ihr mit eurem überholten Standesdünkel.“ Claudia von Wallburg, zu aufgebracht, um still zu sitzen, stößt ihren Stuhl rückwärts von sich, geht zum großen Gartenfenster und zieht mit energischem Griff den schweren Damastvorhang zur Seite. Nur widerwillig setzt sie sich danach erneut an den Frühstückstisch. Ihre Eltern, Fürst Raimund und Fürstin Henriette, verfolgen den Wutausbruch der Tochter schweigend, aber mit missbilligenden Blicken.
„Das sollte sich eigentlich längst sogar bis in die Abgeschiedenheit dieses alten Gemäuers herumgesprochen haben: Man kann heute auch ohne Adelstitel ein anerkanntes Mitglied der Gesellschaft werden. Ein von oder zu vor dem Namen? Vergesst es, das macht längst nicht mehr den Eindruck, von dem ihr beide immer noch träumt. Von solchen Märchen lassen sich bestenfalls noch die Leserinnen von Frauenzeitschriften einlullen, um sich beim Friseur und in Zahnarztpraxen die Wartezeit zu verkürzen. Im modernen Big Business zählen Qualitäten, nicht Titel. Ein goldenes Krönchen auf der Visitenkarte? Dass ich nicht lache! Aber ihr denkt immer noch, damit würden sich automatisch Tür und Tor zu einer glanzvollen Karriere öffnen.“
Claudia köpft mit einem gezielten Hieb ihr Frühstücksei und streut mit mehrfachem Schwung viel zu viel Salz auf den flüssigen Dotter.
Fürstin Henriette ergreift in liebevoller Besorgnis die peinlich exakt gefaltete Serviette des Fürsten und hilft ihm, diese wieder in den silbernen, mit dem fürstlichen Monogramm derer von Wallburg verzierten Serviettenring zu schieben, worum er sich mit fahrigen Gesten vergeblich bemüht hatte. Mit offensichtlicher Anstrengung erhebt er seine altersrostige Stimme.
„Ich verbitte mir diesen Ton, besonders an einem so herrlich sonnigen Herbstmorgen. Du benimmst dich wieder einmal wie eine pubertäre Vorstadtgöre und keinesfalls so, wie es unserem Stande entspricht.“
„Wie es unserem Stande entspricht!“ Claudia äfft den Tonfall des Vaters nach, stößt das durch zu viel Salz ungenießbar gewordene Ei von ihrem Teller in die Mitte des Tisches und schüttelt verständnislos den Kopf.
„Unserem Stande! Lächerlich! Was ist denn noch so besonders an ‚unserem Stande‘? Die meisten Adeligen sind verarmt oder zumindest bis zum Hals verschuldet. Viele müssen ihre Wasserschlösser und alten Herrensitze zu Hotels oder Museen umbauen oder es zulassen, dass neugierige Touristen auf Filzlatschen für Eintrittsgeld bis in die privaten Schlafzimmer schlurfen, damit die Eigentümer ihre Schlossmauern nicht aus lauter Finanznot den Abrissbirnen ausliefern müssen, – das heißt, ohne die gnädige Zustimmung der strengen Scharfrichter des Denkmalamtes dürfen sie ja selbst das nicht einmal.“
Die Tochter hämmert, die Hände zu Fäusten geballt, auf den Tisch.
„Vater, ich kann es nicht glauben, dass du immer noch der Überzeugung bist, die ‚von altem Adel‘ seien etwas Besonderes. Wir, die Wallburger, sind nur insofern anders als der Rest derer, die im Gotha verzeichnet sind, weil wir noch nicht verarmt sind, da du unseren Besitz umsichtig verwaltet hast, wofür ich dir wirklich dankbar bin. Aber was das Thema ‚Adel kommt von edel‘ betrifft – die Zeiten haben sich gründlich geändert. Es gibt genügend Beispiele dafür, ich brauche keine Namen zu nennen. Ihr müsst allmählich lernen, das zu akzeptieren. Adel verpflichtet nicht mehr. Weshalb also muss ich unbedingt einen Adeligen heiraten?“
Ein heftiger Hustenanfall schüttelt den Körper des alten Herrn, sodass die Fürstin sich einschaltet, nachdem sie ihrem Mann ein Glas Wasser gereicht hat.
„Weil Vater es sich wünscht, das weißt du sehr wohl. Und weil Adel nach wie vor und immer noch verpflichtet, auch wenn du anderer Meinung bist. Adel verpflichtet auch zu einem gepflegten Umgangston, darum ersuche ich dich jetzt dringend, dich in deiner Wortwahl zu mäßigen, umso mehr, als es dir wieder einmal gelungen ist, Vater in einer Weise zu provozieren, dass er …“
Sie legt dem Fürsten in großer Besorgnis den Arm um die Schultern.
„Liebster, Claudia hat sich von ihrem gestrigen Fest noch nicht wieder erholt. Das Treffen mit ihren Freundinnen aus der Abiturklasse hatte sich sehr in die Länge gezogen. Sie ist etwas übermüdet und meint es nicht so, wie es jetzt klingt … sie ist unsere Tochter, von deinem und meinem Blut, sie wird Wort halten und Michael Graf Lauenstein heiraten. Eine von Wallburg hält, was sie einmal versprochen hat.“
Fürst Raimund greift nach der kostbaren, mit Rosen bemalten Meißner Pillendose und entnimmt ihr eine Anzahl von Tabletten, die er ebenso wie ein Glas Wasser mit zitternden Händen zum Munde führt. Er wirft seiner Frau unter schweren Lidern einen unsicheren Blick zu.
„Ich fühle mich heute nicht in der Verfassung, dieses immer wiederkehrende Thema ein weiteres Mal ergebnislos zu erörtern. Ich habe das Bedürfnis, mich noch einmal hinzulegen. Würdest du bitte Dr. Mittmann anrufen und fragen, ob er – hoffentlich noch heute Vormittag – hier vorbeikommen kann? Und er möge das neue Herzpräparat mitbringen, von dem er bei seinem letzten Besuch gesprochen hat.“
Mühsam, aber um Haltung bemüht, erhebt er sich vom Tisch und geht, den hilfreich angebotenen Arm seiner Frau dankbar ergreifend, durch die Halle zu der geschwungenen Holztreppe, die in die oberen Stockwerke von Schloss Wallburg führt.
Die Fürstin streift ihre Tochter noch einmal mit einem vorwurfsvollen Blick, ehe sie den Gatten nach oben begleitet.
Claudia bleibt allein am Tisch sitzen. Wütend zerbröselt sie ihren Toast und wirft das silberne Frühstücksmesser in den Brotkorb.
Agnes Dahlmann, die Haushälterin, steckt ihren Kopf durch die Türe des angrenzenden Wirtschaftsraumes.
„Kann ich schon abräumen?“
Claudia sieht sie hilfesuchend an. „Komm rein, Dahlmann, hast du das gehört? Ja, ja, ja, es stimmt, ich habe versprochen, Michael zu Lauenstein zu heiraten, aber eigentlich nur, weil Papa es sich sehnlichst wünscht – er hat sich ja immer einen Sohn gewünscht. Ich als das einzige Kind meiner Eltern bin leider nur eine Tochter geworden – so ein Pech aber auch! Aber weil es bei den beiden nicht zu einem Sohn aus eigenem Fleisch und blauem Blut gereicht hat, muss wenigstens ein Schwiegersohn her, und zwar ein standesgemäßer. Ja, ich habe versprochen, ihn zu heiraten, aber sie haben mir auch etwas versprochen. Als ich vor Wochen mit meinem durchaus akzeptablen Abiturzeugnis nach Hause kam, hatte ich mir gewünscht, dass ich zur Belohnung für ein Jahr in die USA darf, um mein Englisch zu verbessern. Und wenn ich mein Versprechen halte, kann ich erwarten, dass sie ihres auch halten. Sie müssen mich vor der Hochzeit noch für ein Jahr von der Leine lassen, aber nun kämpfe ich schon seit einer halben Ewigkeit darum, dass ich mich endlich um einen Flug kümmern darf, weil …“
Den Blick in den sonnigen Garten gerichtet, atmet sie tief durch.
„Dahlmann, du hast es eben sicher gehört, was Mama gesagt hat: ‚Eine von Wallburg hält, was sie verspricht‘. Aber bei ihnen ist seit Monaten von ihrem Versprechen überhaupt nicht mehr die Rede. Jetzt sind sie wieder beleidigt abgezogen und nach oben gegangen. Ja, ja, ja, ich weiß, dass Mama sei Jahren schwer depressiv ist, ich nehme so gut ich kann auch Rücksicht darauf, auch wenn ich manchmal Zweifel habe, ob sie sich nicht – aus mir natürlich unbekannten Gründen – in diese Krankheit flüchtet. Und auch daran habe ich mich gewöhnen müssen, dass Papa immer mal wieder kurz vor dem Herzstillstand steht und keine noch so geringe Belastung überleben würde.“
Agnes Dahlmann will etwas einwenden, aber Claudia ist nicht zu bremsen.
„Und deshalb darf ich gar keinen Gedanken mehr äußern, der seiner Denkweise auch nur im Mindesten widerspricht. Wann immer es ihnen geboten scheint, ziehen sie sich kurz vor dem „Ende“ zurück, nehmen übel und lassen mich mit schlechten Gewissen sitzen. Dahma, wenn du wüsstest, wie sehr ich mich danach sehne, diesen Zwängen wenigstens für ein Jahr zu entkommen – bevor ich in den nächsten goldenen Käfig gesperrt werde. Am liebsten würde ich gleich morgen in den Flieger in die USA steigen.“ Sie ergreift einen Zipfel des Tischtuches und wischt sich mit ungeduldiger Geste ein paar Tränen aus dem Gesicht.
„Und sie bringen mich immer wieder zum Heulen, auch wenn ich gar nicht heulen will. Das muss auch mal aufhören.“
Die Haushälterin hat begonnen, das benutzte Geschirr aufeinanderzustapeln. Doch ehe sie damit in die Küche geht, stellt sie es noch einmal ab und nimmt Claudia in den Arm.
„Laudi, mein kleines Mädchen.“ Unversehens sind beide in die Anrede aus Claudias Kindertagen verfallen: Dahma und Laudi. Sie streicht der weinenden Prinzessin liebevoll übers Haar.
„Vielleicht solltest du versuchen, einen etwas weniger rebellischen Tonfall anzuschlagen, wenn du mit deinen Eltern sprichst. Dein Vater ist in der Tat schwer herzkrank und deine Mutter hat es nicht gerade einfach mit ihm. Was ihre zeitweiligen Anfälle von Depressionen betrifft, so finde ich, dass sie sich dennoch sehr tapfer hält.“
Das „kleine Mädchen“ schlägt die Hände vors Gesicht.
„Jajaja, und deshalb brauchen sie unentwegt Schonung und Nachsicht und müssen wie rohe Eier behandelt werden … Dahma, ich brauche auch manchmal Schonung und Rücksichtnahme, aber daran denkt niemand, und ich …“
Claudia beginnt hemmungslos zu schluchzen.
„Ich kann hier doch nicht ein ganzes Jahr untätig herumsitzen oder womöglich Monogramme in die Aussteuerwäsche sticken, bis Michael sein zweites Staatsexamen gemacht hat. Denn ehe er das nicht in der Tasche hat, denkt er nicht ans Heiraten. Und überhaupt – ich versteh ihn manchmal nicht – er ist so ehrgeizig, hat nur sein Studium und seinen zukünftigen Beruf im Kopf, träumt von einer glanzvollen Anwaltskarriere, von interessanten Fällen und …“
Agnes Dahlmann unterbricht sie.
„Kind, sei nicht ungerecht. In der heutigen Zeit ehrgeizig zu sein, ist kein Fehler, sondern ein Muss. Auch ihm als Adeligem fällt nichts in den Schoß, das weißt du selbst. Und – ich dachte immer, du liebst ihn?“
„Ach, Dahma – Liebe, das ist ein großes Wort. Ja, er ist nett, er ist anständig, er sieht gut aus, die Lauensteins sind reich, er ist ganz bestimmt das, was man eine gute Partie nennt. Alle Mütter mit Töchtern im heiratsfähigen Alter wünschen sich einen solchen Schwiegersohn – und ich mag ihn ja auch, aber …“ Sie stockt.
„Was, aber?“
„Ich verzehre mich nicht nach ihm, ich bekomme keine ‚Schmetterlinge im Bauch‘ in seiner Nähe – Mama sagt, das käme erst in der Ehe, aber ob Mama das jemals erlebt hat, das mit den Schmetterlingen im Bauch? Ob die Verbindung mit Papa nicht womöglich auch eine Ehe aus Standesgründen war? Dahma, warst du eigentlich mal verliebt?“
Die so Angesprochene streicht nachdenklich die Tischdecke glatt.
„Ja, war ich – und wie!“
„Oh, erzähl mal – wer war das, wie hieß er? Und warum hast du ihn nicht geheiratet?“
Claudia wischt mit dem Handrücken die letzten Tränen ab und sieht ihre „Dahma“ erwartungsvoll an.
„Er hieß Richard und war der Sohn eines Professors – und ich war die Tochter eines Tischlermeisters. Solche Standesunterschiede waren in meiner Jugend nicht zu überbrücken. Das hat sich bis zum heutigen Tage doch etwas gelockert, aber …“
„Das denkst du“, unterbricht Claudia. „Schön wär’s. In normalen, also in bürgerlichen Gesellschaftsschichten, hat es sich vielleicht etwas gelockert, aber in ‚unseren Kreisen‘, wie meine Mutter zu sagen beliebt, gibt es noch haufenweise Ewiggestrige, die der Ansicht sind, kostbares blaues und ordinäres rotes Blut dürfe man nicht mischen. ‚Lila Blut tut niemand gut‘, das ist doch einer ihrer Standardsätze.“
Nach einer Pause fährt sie resigniert fort:
„Deswegen sind meine Eltern auch so versessen darauf, dass ihre einzige Tochter einen Blaublütigen heiratet. Und Papa will endlich einen Sohn haben. Er hat es mich oft genug deutlich spüren lassen, wie sehr er es bedauert, dass ich nur ein Mädchen geworden bin. Ach, Dahma, du durftest nicht nach deinem Herzen heiraten, aber ich darf auch nicht frei entscheiden. Standesunterschiede und Standesdünkel gibt es auch heute noch, sonst müsste ich doch nicht diesen guten, lieben, ehrgeizigen und langweiligen Michael zu Lauenstein heiraten. Vater fiele tot vom Stuhl, wenn ich ihm eines Tages einen Bürgerlichen als künftigen Schwiegersohn präsentieren würde. Und Mutter würde mich enterben – sie hat ja bei uns das ganze Geld und die Ländereien, auf die Onkel Edwin, Mutters blöder Bruder, so erpicht ist. Das ist ja auch einer der Gründe, weswegen ich Michael heiraten soll: Dass unser Geld mit dem der Lauensteins verschmilzt, dass Michael und ich viele Kinder bekommen und dass Onkel Edwin, dieser Nichtsnutz mit seinen riskanten Finanzgeschäften, in die Röhre kuckt. Aber erzähl mir weiter von deinem Richard, in den du verliebt warst – war auch er in dich verliebt?“
„Nein, nein, und er war auch nie mein Richard, denn er hat ja gar nicht wissen können, wie es in mir aussah. Wir haben nur ein einziges Mal eher zufällig zusammen getanzt und danach hat er mich geküsst, aber mehr so bussibussi-mäßig. Und seitdem habe ich mich nach ihm ‚verzehrt‘, wie du es nennst, monatelang, und ich hatte die von dir erwähnten ‚Schmetterlinge im Bauch‘, wenn ich ihn nur von Weitem gesehen habe.“
„Arme Dahma, aber hättest du keinen anderen heiraten können? Du warst doch sicher hübsch früher. Bist es ja heute noch … du könntest noch heute einen Mann finden.“
„Ach, Kind, mit 45 Jahren denkt man nicht mehr unbedingt ans Heiraten. Nein, ‚verzehrt‘ habe ich mich nur nach Richard, dem Unerreichbaren. Und dann stand ja eines Tages diese Anzeige in der Zeitung, dass auf Schloss Wallburg die junge Fürstin Henriette eine zuverlässige Kinderfrau für die Betreuung der neugeborenen Prinzessin Claudia braucht – und weil ich ohne ‚Schmetterlinge im Bauch‘ niemanden heiraten wollte, bin ich ledig geblieben und eure Dahlmann und deine Dahma geworden – und das habe ich nie bereut. Besonders nicht deinetwegen, denn dadurch, dass deine Mutter andere Aufgaben übernehmen musste, bist du meine Laudi geworden. Du konntest lange keinen K-Laut sprechen. ‚Dahma, Dahma, Laudi Arm!‘ Das war immer so süß, wenn du nach mir gerufen hast.“
„Das möchte ich noch heute manchmal rufen“, murmelt Claudia und drängt sich in die Arme der Haushälterin.
„Du hast diesen Richard also nicht einmal geküsst … willst du damit sagen, dass du nie … also du hast nie … Dahma, bist du womöglich noch – Jungfrau?“
„Aber Claudia, so etwas fragt man doch nicht … so etwas würde ich dich bei all unserer Vertrautheit nie fragen.“
Agnes Dahlmann ist rot geworden. Sie schiebt Claudias von sich und streicht wieder mit fahrigen Händen über die längst tadellos geglättete Tischdecke.
„Aber du dürftest mich so etwas ruhig fragen“, wendet Claudia lebhaft ein, „Denn du kennst mich, seitdem ich lebe, also immerhin seit fast 19 Jahren. Du kennst mich besser, als meine eigene Mutter mich kennt – ich habe ‚Dahma‘ gebrabbelt, noch bevor ich „Mama“ sagen konnte, und deshalb verrate ich es dir ungefragt: Ich bin keine Jungfrau mehr. Setz dich hin, bevor du vor Schreck umfällst.“
Dahlmann lässt sich sichtlich erschüttert auf den nächsten Stuhl fallen. „Aber Claudia, ich …“
„Dahma, ich war die letzte Jungfrau in unserer Abiturklasse, alle konnten irgendwann von ihren erotischen Ersterfahrungen berichten, nur ich nicht – das war ja schon fast peinlich.“
„So etwas erzählt ihr euch gegenseitig? In meiner Jugend … Laudi, du machst mich sprachlos.“
„Ach, Dahma.“ Claudia verfällt immer wieder in den Kosenamen aus längst vergangenen Kindertagen.
„Diesbezüglich stand ich nicht wirklich unter dem Druck meiner Klassenkameradinnen – ich hätte mir jederzeit einen Liebhaber ausdenken können, um mich damit zu brüsten. Wer weiß, ob die anderen nicht auch dann und wann geflunkert haben. Notfalls hätte ich auch fröhlich gelogen. Nein, den eigentlichen Druck hat Vater ausgeübt.
‚Ist mit dir und Michael in jeder Beziehung alles in Ordnung?‘, fragte er manchmal. Anfangs wusste ich gar nicht, was genau er meinte, dann hakte Vater nach. ‚Ich meine – ist Michael ein richtiger Mann?‘ Wenn er sich getraut hätte, würde er wohl gefragt haben: ‚Ist dein Zukünftiger gut im Bett? Ist er imstande, der Vater meiner Enkel zu werden?‘ Dann hätte ich ihm wahrscheinlich ins Gesicht gesagt: ‚Ja, Vater, deine Sorgen sind unbegründet – er ist imstande, aber er bringt mein Blut nicht zum Kochen und er benutzt Kondome, weil wir erst nach seinem Examen heiraten und Kinder haben wollen – wir tun alles, damit ihr nicht wegen einer vorzeitigen Schwangerschaft eurer Tochter in den Schlagzeilen der bunten Blätter auftaucht und euer tadelloser Ruf einen Knacks bekommt – zufrieden?‘ Natürlich habe ich nie so reagiert, wohlerzogen und artig wie ich im Grunde bin, aber dass Michael mein Blut nicht zum Kochen bringt, dass ich mich nicht nach ihm ‚verzehre‘, das stimmt leider.“
„Oh, mein Schätzchen, mein Herzenskind.“ Agnes Dahlmann wiegt ihre „Laudi“ in den Armen wie in längst verflossenen Kindertagen.
„Aber wenn wir schon beim Thema sind, dann verrate ich dir noch etwas: Seit vorgestern weiß ich, wie es sein kann, wenn ein Mann nicht wie Michael pflichtgemäß, aber unbeholfen ‚den Druck aus dem Kessel lässt‘, sondern wenn jemand es schafft, echte Leidenschaft in einem zu wecken. Welches Gefühl dich überkommt, dass du nahe daran bist, den Verstand zu verlieren. Wenn du nicht nur Schmetterlinge im Bauch hast, sondern … ach, ich will dir nicht verspätet den Mund wässerig machen, arme Dahma, die du so etwas nie erlebt hast. Ich habe es erlebt – ob es aber ein Glück oder ein Segen ist, wird sich zeigen. Nur – wer der ‚Bösewicht‘ war, der mir den Pulsschlag lustvoll erhöht und die Blutzufuhr zum Herzen so beschleunigt hat, dass ich befürchtete, ohnmächtig zu werden – das werde ich niemandem erzählen, nicht meinen besten Schulfreundinnen und auch nicht meiner lieben treuen Dahma.“
Die Haushälterin schweigt zunächst, fast peinlich berührt und zögert, ehe sie ihre Scheu überwindet und eine Frage stellte, die ihr auf der Zunge brennt:
„War der ‚Bösewicht‘ wenigstens standesgemäß?“
Claudia lächelt. „Keine Auskunft!“
„Aber – wirst du Michael zu Lauenstein trotzdem heiraten?“
„Ja, ich bin eine brave, folgsame Tochter, eine von Wallburg, die ihr einmal gegebenes Versprechen halten wird, aber vorher will ich noch ein wenig von der Welt sehen, auch wenn …“
Die rufende Stimme der Fürstin unterbricht das Gespräch der beiden.
„Dahlmann, könntest du bitte kommen?. Ich muss Dr. Mittmann anrufen und möchte nicht, dass mein Mann in der Zwischenzeit alleine ist.“
Dahlmann windet sich aus Claudias Armen.
„Ich komme, Fürstin, bin sofort bei Ihnen.“
„Mutter, ich könnte auch …“
Die Fürstin reagiert abweisend.
„Meine liebe Claudia, deine Gesellschaft ist Vater in seiner momentanen gesundheitlichen Verfassung nicht anzuraten, wie du dir unschwer denken kannst, besonders nicht nach der Standpauke, die du uns eben überflüssigerweise gehalten hast. Nein, nein, Dahlmanns Obhut ist ihm auf jeden Fall zuträglicher.“
Claudia liegt eine bissige Antwort auf der Zunge, aber Dahlmann bedeutet ihr zu schweigen.
„Lass es gut sein, Laudi,“ murmelt sie halblaut. „Und was unser voriges Gespräch betrifft …“ Sie legt den rechten Zeigefinger auf ihre geschlossenen Lippen und flüstert im Vorbeihuschen: „Ich werde schweigen wie ein Grab.“
„Ich weiß es zu schätzen, liebe, liebe Dahma.“
Unwillig wendet Claudia sich an ihre Mutter.
„Wenn ich hier also unerwünscht und überflüssig bin, dann gehe ich in den Stall zu Avra und ihrem Fohlen. Die Pferde freuen sich über meine Anwesenheit und sind dankbar für ein paar Streicheleinheiten – im Gegensatz zu manchen Menschen.“
Die Miene der Fürstin verfinstert sich.
„Du kannst dir deinen schnippischen Unterton sparen. Im Übrigen würde auch Vater sich über ein paar Streicheleinheiten seiner einzigen Tochter freuen, aber diese …“ Sie vollendet den Satz nicht, sondern bedeutet Dahlmann, ihr ins Schlafzimmer des Fürsten zu folgen.
Claudia beherrscht sich nur mühsam. Sie schließt die Augen für einen kurzen Moment und atmet tief durch.
„Dann muss ich mir wohl schon wieder reumütig an die Brust schlagen: Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa …“, murmelt sie halblaut, schluckt aber eine bissige Antwort herunter, um weiteren Unfrieden zu vermeiden. Dann geht sie entschlossenen Schrittes durch den Garten zu den Hofgebäuden, in denen auch der Reitstall untergebracht ist. Ihr Pferd Avra begrüßt seine Herrin schon von Weitem mit einem sanften, aber hörbaren Schnobern.
2
„Na, wem gilt denn diese freudige Begrüßung?“
Der alte Gärtner des Fürsten schaut interessiert um die Ecke.
„Claudia, welch nette Überraschung am frühen Morgen. Ich habe dich lange nicht gesehen.“ Er wischt seine schwieligen Hände an der Schürze ab und streckt Claudia seine Rechte entgegen.
„Herzlichen Glückwunsch nachträglich zum bestandenen Abitur. Deine Eltern werden stolz und erleichtert sein, dass es so gut gelaufen ist. Meine Frau und ich waren es jedenfalls, als unser Harald damals diese erste von vielen Hürden genommen hatte.“
Claudia nimmt die Gratulation lächelnd entgegen.
„Danke, Onkel Weggi. Ja, das Abi habe ich geschafft, aber das ist ja schon fast eine Ewigkeit her.“
Seit Kindertagen, als der Name Wegener für sie noch zu schwierig auszusprechen war, benutzt Claudia diesen Namen, und Onkel Weggi nennen ihn seitdem auch einige der anderen Angestellten des Fürsten. Dieser seinerseits, ebenso wie Fürstin Henriette, spricht ihn weiterhin förmlich mit „Herr Wegener“ an. Auch dass der Gärtner Claudia gegenüber das vertrauliche Du benutzt, hatte der Fürst zu unterbinden versucht, aber Claudia hatte darauf bestanden, von ihrem „Onkel Weggi“ geduzt zu werden. „Onkel Edwin sagt ja auch du zu mir und Onkel Weggi ist viel netter als Onkel Edwin.“ Damit war für Claudia der Fall erledigt, und Fürst Raimund hatte sich widerwillig damit abfinden müssen.
Claudia schüttelt ihm kräftig die Hand.
„Wie geht es Harald übrigens? Studiert er nicht Jura in Marburg? Ich habe ihn lange nicht mehr gesehen. Wenn ich richtig rechne, muss er schon bald sein erstes Examen machen?“
Der Gärtner grinst. „Das erste Examen? Prinzessin, der hat sein Zweites schon mit Bravour abgelegt und arbeitet seit einem halben Jahr als Rechtsanwalt in einer Anwaltskanzlei in Münster. Wenn du mal einen tüchtigen Spezialisten für Erbschaftsangelegenheiten brauchen solltest, dann kannst du auf ihn zählen,“
„Ach, das ist gut zu wissen“, unterbricht Claudia ihn lachend, „Mein Vater ist im Moment so wütend auf mich, dass er womöglich durchaus in Erwägung zieht, mich zu enterben.“
Sie hält inne und fährt dann fort:
„Nein, das würde er schon deshalb nicht tun, weil unser ganzer Besitz nach seinem und Mutters Tod an Mutters Bruder ginge, an Onkel Edwin, das schwarze Schaf der Familie. Und der würde Haus und Hof in kürzester Zeit herunterwirtschaften oder verzocken – nein, da setzt er doch lieber mich als Alleinerbin ein. Aber auch wenn ich Haralds Rat als Anwalt hoffentlich nie in Anspruch werde nehmen müssen, würde ich ihn gerne einmal wiedersehen. Ist er schon verheiratet?“
Voll Stolz berichtet der alte Wegener umständlich und fast ein bisschen ausufernd von den Erfolgen seines Sohnes. Nein, verheiratet sei er nicht, aber er habe eine Freundin und …
Einen Hustenanfall vortäuschend, verabschiedet Claudia sich abrupt von ihm, weil Peter von Gliesen, der junge Veterinär, den Fürst Raimund vor einiger Zeit eingestellt hatte, im Eingang des Stalls erscheint. Gerade ihm will sie jetzt lieber nicht begegnen. Sie versucht in Richtung Ausgang zu flüchten, als Baron von Gliesen sich ihr in den Weg stellt und sie nach kurzer, korrekter Begrüßung bittet, für einen Augenblick mit in sein Büro zu kommen. Es sei da in Bezug auf irgendwelche fragwürdigen Abrechnungen des Heu liefernden Bauern etwas zu klären.
Beklommen und mit beschleunigtem Herzschlag entspricht Claudia seiner Aufforderung.
In von Gliesens Büro angekommen, fehlen beiden zunächst die Worte, bis Claudia, Interesse an der angeblich fragwürdigen Rechnung vortäuschend, zu sprechen beginnt.
„Was ist mit …“
Der Baron unterbricht sie.
„Claudia, was uns da vorgestern passiert ist – das darf sich nicht wiederholen.“
Er senkte die Stimme zu kaum mehr als einem Flüstern. „Nein, es darf sich nicht wiederholen. Bitte versteh mich recht: Ich liebe meine Frau – es würde ihr wehtun, wenn sie es erfahren würde, aber ich möchte ihr nicht wehtun. Claudia, dich habe ich an jenem Abend auch geliebt, du warst so … ich konnte mich nicht beherrschen.“
Er nimmt Claudias Hände.
„Ich hätte den Rotwein im Schrank lassen sollen. Er hat uns wegen der Geburt von Avras Fohlen in eine so euphorische Stimmung versetzt, dass wir …“
Er lässt ihre Hände los und beginnt, mit gehetztem Schritt das kleine Büro hin und her zu durchqueren.
„Du bist so jung und schön und begehrenswert und heiter und unbekümmert und … die Gefühle haben mich einfach überwältigt. Meine Frau ist seit Monaten so verändert, so melancholisch, so wenig heiter und schon gar nicht unbekümmert. Aber ich habe ihr Treue versprochen und meine es ernst damit.“
Er schließt die Augen und spricht leise weiter, wie zu sich selbst.
„Sonja und ich schlafen nur noch miteinander in der Hoffnung, ein Kind zu zeugen. Unser Beischlaf ist zu einer Pflichtübung geworden. Wir leiden beide darunter … ihr verzweifelter Wunsch nach einem Kind ist übermächtig, aber es klappt nicht bei uns.“
Er schweigt und schlägt die Hände vors Gesicht.
Claudia geht auf ihn zu und nimmt ihn vorsichtig und scheu in den Arm.
„Du hast recht, Peter, es darf und es wird sich nicht wiederholen, auch wenn es atemberaubend schön war. Ich verdanke dir ein Erlebnis, das ich so nicht erwartet hatte. Auch mich haben die Gefühle überwältigt – Gefühle, die ich bis dahin nicht kannte. Wir werden den Abend als unser beider Geheimnis hüten, denn auch ich habe Michael Treue versprochen, wenn auch noch nicht – wie du – vor dem Traualtar.“
Sie streicht ihm übers Haar, zieht mit schüchterner Hand den glatten blonden Scheitel nach und versucht ein unsicheres Lächeln.
„Vielleicht solltet ihr beide bei einer nächsten Gelegenheit denselben Wein trinken, der uns dermaßen in Stimmung versetzt hat, dass wir …“
Sie lässt ihn los, schüttelt ‚nie wieder‘ flüsternd den Kopf und wendet sich einem Stapel Papier auf seinem Schreibtisch zu. „Was also ist mit dieser ominösen Rechnung?“
Peter Gliesen geht zu seinem Bürostuhl, nachdem er Claudia einen freundschaftlichen Kuss auf die Stirn gedrückt hat.
„Du wirst also künftig nicht mehr mit schlechtem Gewissen versuchen, mir auszuweichen so wie eben?“
„Wir werden uns ohnehin nur noch selten sehen, ich fliege nämlich für ein Jahr nach Amerika, auch wenn ich dafür bei meinen Eltern noch Überzeugungsarbeit leisten muss. Ich habe eine Stelle als Au-pair in Aussicht und hoffe, bei einer amerikanischen Familie mit Kindern mein Englisch noch verbessern zu können. Wer weiß – vielleicht kann ich damit Michael in seiner zukünftigen Anwaltspraxis eines Tages dienlich sein, denn er will sich auf Europarecht spezialisieren, und sein Englisch ist nicht halb so gut wie meines. Also – her mit der Rechnung!“
„Ach, das war doch nur ein Vorwand, dich vom alten Wegener weg und in mein Büro zu locken. Ich musste mit dir sprechen, weil ich ein schlechtes Gewissen habe wegen des vorgestrigen …“
Er sucht nach einem passenden Wort.
„Man nennt das wohl einen Seitensprung, oder? Ich wollte, ich könnte ihn ungeschehen machen, das musst du mir glauben.“
Claudia sieht nachdenklich hinaus in den noch immer herbstlich blühenden Garten. Ihr Blick schweift zu der alten steinernen Brücke, die die Gräfte überspannt. Jenseits, vor der dunklen Taxushecke, leuchten unzählige Dahlien und Gladiolen in der Morgensonne, und an der Backsteinmauer der Remise stehen üppige Reihen mit weiß- und blaublühendem Rittersporn Spalier.
„Bring deiner Sonja einen Strauß Rittersporn mit – blau ist die Farbe der Treue, denn im Grunde bist du deiner Frau trotz allem treu. Ich möchte diesen Abend nicht vergessen, Peter, denn er hat in mir eine neue Saite zum Klingen gebracht. Aber ich werde in deiner Gegenwart nicht mehr darüber sprechen. Und nun möchte ich Avra nicht länger warten lassen.“
Sie klopft mit dem Fingerknöchel Abschied nehmend dreimal auf die Tischplatte und verlässt das Büro in Richtung Reitstall.
„Avra, meine Schöne, lass uns ein bisschen ausreiten und den goldenen Oktober genießen – jaja, dein Fohlen darf mit.“
Sechs Wochen später.
Eine SMS:
„Lieber Peter, könntest du bitte morgen gegen 18 Uhr MEZ diese auf dem Display angegebene Nummer anrufen? Ich muss dich dringend sprechen. C.“
3
– Zwanzig Jahre später –
„Ist das nicht ein wundervoller Frühlingstag, Dahlmann? ‚Nun will der Lenz uns grüßen‘ – haben wir früher in der Schule gesungen … Man wird ein anderer Mensch, wenn endlich die Sonne scheint – und sie wärmt sogar schon. Fühlst du es auch?“
Fürstin Henriette steht in der offenen Gartentür des Frühstückszimmers von Schloss Wallburg und legt den Kopf in den Nacken, der milden Sonne entgegen. Unter der Rotbuche blühen wie jedes Jahr die blauen Zwerghyazinthen in üppiger Fülle.
„Der Blumenteppich wird jedes Jahr etwas breiter, hast du das auch beobachtet? Als mein Mann noch lebte, war er längst nicht so ausladend. Schade, dass er diese Pracht nicht mehr erleben kann.“
Agnes Dahlmann räumt weiter den Tisch ab und trägt das Geschirr in die Küche, ehe sie sich neben die Fürstin stellt und ebenfalls in den Park schaut.
„Ja, Fürstin, die Sonne hat schon richtig Kraft … ich werde den Sonnenhut vom Dachboden holen. Sie sollten ihn aufsetzen, wenn Sie nach draußen gehen. Man holt sich um diese Jahreszeit schnell einen Sonnenbrand. Sie haben übrigens vor lauter Frühling Ihre Tabletten vergessen, hier, nehmen Sie sie jetzt, ehe ihre Stimmung wieder umschlägt.“
Die Haushälterin reicht der Fürstin ein Glas Wasser und die alte Meißner Pillendose mit den Medikamenten.
„Ach, Dahlmann, wenn ich dich nicht hätte … nein, meine Tabletten darf ich nicht vergessen. Manchmal bin ich schon stark versucht, sie abzusetzen, aber wenn ich damit riskiere, wieder so eine Psychose zu bekommen wie vor zwei Jahren – nein, ich werde brav sein und sie weiterhin schlucken … sieh mal da drüben, auf der anderen Seite der Gräfte, ist das nicht der alte Wegener? Was macht er denn da? Ach, er kümmert sich um den abgeblühten Rhododendron, dabei fällt ihm das Strecken und Bücken auch schon schwer. Aber er will ja um nichts in der Welt in Rente gehen. Der Park ist ihm nach wie vor Lebensinhalt. Welch ein Glück für mich. Ohne euch beide wäre ich in dem großen Haus einsam und alleine.“
„Das dürfen Sie nicht sagen, Fürstin. Sie haben doch auch Claudia und Michael und vor allem Ihre Enkelin, Esther. Übrigens, hat die nicht in der nächsten Woche Geburtstag? Wird sie nicht sogar 18 Jahre alt und damit volljährig?“
„Gut, dass du mich daran erinnerst, Dahlmann, ich möchte ihr so gerne irgendetwas Ausgefallenes schenken, denn der 18. Geburtstag ist in der Tat etwas Besonderes, nicht wahr? In unserer Jugend wurde man erst mit einundzwanzig Jahren volljährig, erinnerst du dich? Ich weiß noch, dass ich an dem Tag von meiner Mutter eine wunderschöne Perlenkette bekommen habe. Warum habe ich die eigentlich so lange nicht mehr getragen? Echte Perlen müssen getragen werden, sonst verlieren sie ihren Schimmer, aber seit Fürst Raimund vor vier Jahren starb …“
Wehmütig betrachtet sie ihre Hand mit den beiden Eheringen. Plötzlich kommt ihr ein Gedanke.
„Ob ich die Kette an Esther weiterverschenke? Sie könnte sie an ihrem Geburtstag tragen, Dahlmann, was meinst du?“
Dahlmann äußert vorsichtige Bedenken.
„Wenn Sie mich so fragen – Esther ist ja doch eher etwas … etwas flippig, möchte ich es nennen, und zu ihren bunten Schlabberkleidern passen die niedlichen bunten Glasperlenketten vom Flohmarkt eigentlich besser als wertvolle echte Tiefseeperlen, oder?“
„Ja, du hast wieder mal Recht. Vielleicht sollte ich sie ihr erst zum Abitur in drei Wochen schenken … Was haben wir eigentlich Claudia damals geschenkt, als sie ihr Abi bestanden hatte? Kannst du dich daran erinnern?“
Agnes Dahlmann spielt mit den Bändern ihrer Schürze.
„Oh ja, das weiß ich noch. Sie haben ihr nach langen erbitterten Diskussionen erlaubt, die heiß ersehnte Au-pair-Stelle in Amerika anzutreten. Fürst Raimund war dagegen und Sie hatten es seinerzeit auch bereut, ihr diese Auszeit als Belohnung für ihr glänzend bestandenes Abitur versprochen zu haben. Aber Claudia hat nicht lockergelassen. Die Reise in die Staaten, das war Ihr Abiturgeschenk an sie. Das Kind war so glücklich, als sie in den Flieger stieg …“
„Und sie war völlig verändert, als sie nach knapp einem Jahr schon wieder zurückkam. Nicht nur, dass sie zugenommen hatte, was wohl an der für uns Europäer eher ungewohnten amerikanischen Küche gelegen haben mag. Und die überzähligen Pfunde waren ja auch schnell wieder verschwunden. Bei der Hochzeit mit Michael war sie jedenfalls gertenschlank und hübsch wie eh und je, aber irgendwie verändert. Das fiel sogar meinem Mann auf. Sie war eigenartig mild und fügsam geworden, längst nicht mehr so aufmüpfig wie vorher. Wir haben uns oft gefragt, was sie wohl so verändert haben mag. Hat sie sich dir gegenüber auch nicht geäußert?“
Agnes Dahlmann schüttelte den Kopf.
„Nein, sie hat auch mir nie viel von ihrem Amerikaaufenthalt erzählt, obwohl ich sie mehrfach gebeten hatte, mir zum Beispiel von dem so häufig zitierten ‚way of life‘ der Amerikaner zu berichten. Aber es kam nicht viel dabei heraus. Es habe häufig ‚Fast Food‘ gegeben und dazu Cola, das Lieblingsgetränk der Amerikaner, deshalb habe sie auch so zugenommen. Und sie hat ihr Fahrrad vermisst, in Boston würden auch die kleinsten Entfernungen mit dem Auto erledigt. Stattdessen würde in der Freizeit gejoggt, was das Zeug hält … nein, viel Neues war da nicht zu erfahren.“
„Aber die Familie, deren Kinder sie als Au-pair-Girl zu betreuen hatte, soll doch eigentlich nett gewesen sein, oder nicht?“
„Ja, das habe ich auch so verstanden, besonders das Baby sei so süß gewesen … an dem hat sie wohl gehangen, aber ansonsten waren keine Details aus ihr herauszubekommen. Sie muss sehr unter Heimweh gelitten und viel geweint haben.“
„Wir waren enttäuscht, dass sie so selten angerufen hat – vielleicht deshalb, weil sie nicht zugeben wollte, dass sich dieser Trip doch nicht als das ideale Abiturgeschenk erwiesen hat – obwohl sie es sich so sehr gewünscht hatte. Arme Claudia … Wie gut, dass sie sich sofort nach ihrer Rückkehr ihrem Michael in die Arme gestürzt hat. Ich denke gern an diese Hochzeit zurück. Was für ein schönes Paar sie waren, das sagten alle. Und mein Mann war so glücklich, endlich einen ‚Sohn‘ zu haben, wenn auch nur einen Schwiegersohn.“
„Ja, sie waren ein schönes Paar, ich erinnere mich auch gern an den Tag. So hat sich dann doch alles zum Guten gewendet. Fürst Raimund war später so begeistert von Esther, seiner kleinen Enkelin, auch wenn er sich womöglich auch da wieder insgeheim einen männlichen Erben erhofft hatte – und er hat das Kind trotz seiner immer auffälliger werdenden gesundheitlichen Probleme viele Jahre genießen können. Nicht traurig sein an so einem herrlichen Frühlingstag … Wir sollten lieber darüber nachdenken, was ich heute kochen könnte. Wie wär’s mit frischem Spinat aus dem Treibhaus? Weggi hat schon vor ein paar Tagen voll Stolz berichtet, man könne eine erste Mahlzeit ernten. Also?“
Die Fürstin schenkt ihrer Haushälterin ein dankbares Lächeln.
„Eine gute Idee, Dahlmann, junger Spinat mit Stampfkartoffeln, gerösteten Zwiebelringen und Spiegeleiern. Ich werde im Hühnerstall nachsehen, ob die Hennen schon in Legestimmung sind.“
Sie öffnet die Flügeltür und will gerade die Terrasse betreten, als das Telefon klingelt.
„Soll ich …?“ Dahlmann sieht die Fürstin fragend an.
„Nein, ich gehe schon … Hallo Claudia, guten Morgen … Dahlmann und ich haben gerade von dir gesprochen, und davon, dass Esther nächste Woche Geburtstag hat und dass ich ihr gerne etwas besonders Hübsches schenken möchte … ich weiß nur noch nicht was. Hast du eine Idee? – Ach so, dann kann ich mir ja noch Zeit lassen …“
Sie bedeckt die Sprechmuschel mit der freien Hand und wendet sich zu Dahlmann. „Sie werden nach Juist fliegen und an dem Tag gar nicht zu Hause sein“, informiert sie diese mit flüsternder Stimme.
„Nun, wenn ihr dem Kind damit eine Freude macht, dann ist das sicher eine gute Idee? – Wie sind denn die Wetteraussichten? – Aber baden wird man noch nicht können, oder? – Ach so, das Hotel hat einen Wellnessbereich – Michael nimmt sich extra das Wochenende frei, gut so – nun ja, wenn die einzige Tochter volljährig wird …“
Sie bedeutet Dahlmann mit einer Handbewegung, dass es ein längeres Gespräch werden wird und geht, den Hörer am Ohr, über die Terrasse in den Park. Mutter und Tochter unterhalten sich angeregt und ausführlich.
„Gestern hatte Michael einen neuen Klienten, einen Amerikaner, dem Michaels Kanzlei empfohlen worden war, weil seine Frau – also ich – ein ausgezeichnetes Englisch bzw. Amerikanisch spräche und es deshalb keine Verständigungsprobleme geben werde. Da war ich richtig stolz, dass ich Michael auch dieses Mal helfen kann – es wird ein schwieriger und langwieriger Prozess werden, aber …“
Die Fürstin unterbricht.
„Dann war dein damaliges Jahr in Amerika doch keine verplemperte Zeit, oder? Wenigstens konntest du dich sprachlich so sehr verbessern, dass du auch in schwierigen juristischen Fällen dolmetschen kannst. Ansonsten hatten wir immer eher den Eindruck, dass du damals keine glückliche Zeit hattest – du hast jedenfalls nie viel erzählt. Sogar Dahlmann erinnert sich, dass du ein Gespräch über deine Zeit in Amerika nach Möglichkeit vermieden hast. Warum eigentlich?“
„Ach, Mama, klammern wir dieses Thema endgültig aus, es liegt so weit zurück, lassen wir die Vergangenheit ruhen. Ich habe sofort nach meiner Rückkehr Vaters Wunsch entsprochen und Michael geheiratet, damit er endlich einen ‚Sohn‘ hatte, und …“
Wieder unterbricht die Fürstin.
„Soll das heißen, dass du Michael nur Vater zuliebe geheiratet hast? Das kann und will ich nicht glauben, dass diese Ehe für dich ein Opfer war. Nein, Claudia, du warst mit Michael verlobt und hast ihn auch geliebt und, soweit ich das als Mutter erkennen kann, führt ihr eine gute Ehe, seid gesellschaftlich anerkannt, habt keinerlei finanzielle Sorgen, und ein zusätzlicher Beweis von Liebe ist eure Tochter Esther. Mach mir nicht das Herz schwer, indem du das abstreitest.“
„Mutter, bitte, noch einmal – lassen wir das Thema Amerika endgültig in der Versenkung verschwinden, zumal Esther gerade kommt und noch ein paar Worte mit dir wechseln möchte. Aber bitte nicht mehr zu lange, ich erwarte noch einige Anrufe … Bussi.“
„Hallo Großmutter.“
Esthers junge fröhliche Stimme erreicht das Ohr der Fürstin. „Hast du gehört, dass Papa sich zu meinem Geburtstag frei nimmt und wir mit einem Privatflieger nach Juist fliegen? Ist das nicht toll? Nur wir drei? Papa hat sogar versprochen, dass er das ganze Wochenende sein Smartphone abschalten und nicht anrühren wird. Da bin ich ja gespannt, ob er das durchhält … das wäre ein wirklich echtes Geschenk. Was sagst du dazu?“
„Ich freue mich mit dir, Kleines. Apropos Geschenk: Womit könnte denn ich meiner einzigen Enkelin eine Geburtstagsfreude machen? Gibt es da nicht einen vielleicht geheimen Wunsch, den deine Großmutter dir erfüllen könnte? Na? Überleg doch mal …“
„Omilein, also wenn ich mir wirklich etwas wünschen darf … ich habe vor ein paar Wochen bei euch auf dem Dachboden in dem großen Schrank, bei dem die Türe so klemmt, eines von deinen alten Kleidern gesehen, so ein buntes mit ganz großen Blumen darauf und mit einem weiten Rock – das ziehst du bestimmt nie mehr an, aber ich würde es schrecklich gern zu unserer Abiturfeier tragen – wir wollen alle in Kleidern von ‚anno dunnemals‘ erscheinen – und dieses Kleid finde ich so was von süß … bittebitte, Omi, ich passe auch ganz bestimmt auf, dass es nicht kaputtgeht, und …“
Esthers Stimme ist ganz klein und kindlich geworden und endet mit einem großen akustischen Fragezeichen. Die Fürstin kann sich eines Lächelns nicht erwehren.
„Wenn wir dasselbe Kleid meinen, dann sprechen wir von meinem Tanzstundenkleid … das hat mir unsere damalige Hausschneiderin genäht. Es ist aus sogenanntem Georgette, ein Stoff, den es heute fast gar nicht mehr gibt. Meine Mutter fand damals, der Ausschnitt sei für ein junges Mädchen viel zu tief – ich hatte schon zu meiner Tanzstundenzeit einen deutlich erkennbaren Busen – doch die Schneiderin hat meiner Mutter alle Bedenken ausgeredet. Aber sie musste aus einem Rest des Stoffs ein Tüchlein nähen, das man, zu einer Rose gefältelt, mit einer Schmucknadel am Ausschnitt befestigen konnte, um damit das Dekolleté zu verkleinern.“
„Genau, und diese Rose und sogar die altmodische Schmucknadel stecken immer noch an dem Ausschnitt“, fuhr Esthers fröhliche Stimme dazwischen. „Omi, schenkst du mir das Kleid zum Geburtstag? Dann brauchst du dir auch gar nicht mehr weiter den Kopf zu zerbrechen. Und das gilt dann gleich als Abiturgeschenk – wenn ich es denn bestehe und nicht mit Pauken und Trompeten durchrassle, aber es sieht nicht schlecht aus, was meine Vorzensuren betrifft – ach Omilein, bitte.“
„Okay, versprochen, es soll dir gehören und es macht mir Freude, dass du dir etwas wünschst, was mit mir zu tun hat. Ich wollte es übrigens schon lange zusammen mit anderen Kleidern aus dem alten Schrank in einen Theaterfundus geben, denn manchmal werden gerade die Kleider aus jenen Jahren gesucht, aber wenn meine Enkelin sich damit auf ihr Abiturfest traut … umso besser. Übrigens hat Großvater mich damals in dem Kleid kennengelernt.“
„War Großvater etwa mir dir zusammen in der Tanzstunde?“
„Nein, er war ja viel älter als ich – wo er mich in dem Kleid gesehen hat? Bei einem Besuch bei meinen Eltern, er war damals in verschiedenen Adelsfamilien auf Brautschau – seine Zukünftige sollte unbedingt ebenfalls adelig sein. Aus heutiger Sicht würde ich sagen: Ja, er war ein bisschen sehr standesbewusst. Deswegen hat er ja auch so großen Wert darauf gelegt, dass seine Tochter Claudia, also deine Mama, deinen Vater, Michael zu Lauenstein heiratet. Vielleicht würde er heute das mit der adeligen Herkunft nicht mehr ganz so eng sehen, aber ich bin froh, dass es so gekommen ist, denn sonst hätte ich dich ja nicht, meine einzige Enkelin – und das wäre nun wirklich sehr bedauerlich.“
„Und ich hätte nicht die beiden besten Großmütter der Welt, nämlich dich und Oma Charlotte. Nun siehst du, welch eine wichtige Rolle dein geblümtes Tanzstundenkleid in deinem und meinem Leben spielt – wie lieb von dir, dass du es mir schenken willst. Ach, Großmutter, ich freue mich so auf meinen Geburtstag, endlich einmal zwei ganze Tage mit Papa und Mama, und ganz ohne Smartphone und Laptop!“
Das Gespräch zwischen Großmutter und Enkelin geht noch eine Weile hin und her. Erst als Wegener aus dem hinteren Teil des Parks mit entsprechenden Handzeichen signalisiert, dass er die am offenen Fenster stehende Fürstin um ein Gespräch bittet, beendet diese das Telefonat.
„Hallo, Herr Wegener, welch herrlicher Frühlingstag. Bei dem Wetter sieht man dem ganzen Park deutlich an, dass Sie nicht nur einen, sondern zwei grüne Daumen haben. Sie wollten mich sprechen?“
Der alte Gärtner nimmt die Mütze vom Kopf und versucht, mit der linken Hand seine grauen Haare zu einer Frisur zu glätten. Gleichzeitig zieht er die bislang hinter seinem Rücken versteckte rechte Hand nach vorn und reicht seiner Chefin einen kleinen Strauß aus Zwerghyazinthen, Schlüsselblumen und Leberblümchen.
„Wenn Sie die vielleicht Fürst Raimund aufs Grab bringen würden? Er hat sich über die ersten Frühlingsblüher immer so sehr gefreut.“
Die Fürstin ist gerührt.
„Ach, Sie treue Seele … Nun ist mein Mann schon seit vier Jahren tot, aber die Natur kümmert sich nicht um unsere Trauer und erwacht jedes Jahr zu neuem Leben. Die Zeit vergeht unaufhörlich und …“
Der alte Gärtner unterbricht. „Fürstin, bei allem Respekt, ich denke nicht, dass die Zeit vergeht, sondern wir vergehen. Die Zeit …“ Er sucht nach den passenden Worten. „… also die Zeit ist doch irgendwie ein abstrakter Begriff, den wir benutzen, um Struktur in unser Dasein zu bringen …“
Er setzt seine Mütze wieder auf und rückt sie zurecht.
„Nein, nicht die Zeit vergeht, sondern wir vergehen“, wiederholt er nachdenklich. „Nichts für ungut, Fürstin, aber man macht sich als alter Mensch so seine Gedanken. Genießen wir den Tag, so lange wir genussfähig sind, besonders wenn der Tag so sonnig und verheißungsvoll ist wie dieser. Da macht die Arbeit noch mehr Spaß …“
Mit einer angedeuteten Verbeugung wendet er sich zum Gehen und tippt mit dem Zeigefinger Abschied nehmend an den Rand seiner Mütze.
Die Fürstin sieht ihm erstaunt lächelnd nach.
„Sieh an, mein alter Gärtner ist ein Philosoph, wer hätte das gedacht.“
Sie hebt den Frühlingsstrauß an ihr Gesicht und atmet den feinen Duft der Schlüsselblumen ein. „Ich werde euch ins Wasser stellen, bevor auch ihr vergeht“, flüstert sie, ehe sie ins Haus zurückkehrt. „Und heute Nachmittag bringe ich sie dir, Raimund“, sagt sie zu dessen Foto, das in silbernem Rahmen auf einem Sidebord steht.
4
„Dahlmann, du hast das Päckchen für Esther doch früh genug zur Post gebracht, nicht wahr?“ Fürstin Henriette geht unruhig in der Eingangshalle von Schloss Wallburg auf und ab. „Esther müsste es heute, pünktlich zu ihrem Geburtstag, bekommen haben. Wie spät ist es? Schon vierzehn Uhr? Die Post streikt doch wohl nicht schon wieder?“
Agnes Dahlmann tritt mit einem Glas Wasser und der für die Mittagszeit vorgesehenen Tabletten an die Seite ihrer Chefin.
„Seien Sie beruhigt, Fürstin, die Post ist rechtzeitig abgegangen und Esther hat ihr Geschenk ganz sicher bekommen, aber Graf Michael hat den Flieger für dreizehn Uhr bestellt und sie sind vermutlich gerade auf dem Flug nach Juist. Und da weder er noch Claudia zur Feier des Tages das Handy oder Smartphone in Betrieb nehmen wollten, hat sicher auch das Geburtstagskind keines dabei und kann Sie deshalb gar nicht anrufen. Nehmen Sie also ruhig ihre Medikamente und dann legen Sie sich ein Weilchen hin. Ich mache Ihnen später wie gewohnt einen Tee. Und falls das Telefon klingelt … ich bin ja im Hause.“
Gehorsam nimmt die Fürstin die Tabletten und das angebotene Glas Wasser an.
„Ich habe vorhin den Wetterbericht gehört – es bleibt sonnig, wenn auch etwas windig. Sie werden einen schönen Tag zusammen erleben, ich gönne es ihnen.“
Dahlmann nicht zustimmend.
„Ja, die Nordsee soll um diese Jahreszeit besonders reizvoll sein. Nicht umsonst ist Juist Esthers Lieblingsinsel, weshalb sie schon einige Male dort waren. Und dass der Pilot ein Freund der Familie ist und nach mehr als fünfhundert Flügen genug Erfahrung gesammelt haben dürfte, ist ebenfalls gut zu wissen. Esther wird morgen eine Menge zu erzählen haben.“
Sie schiebt die Fürstin mit sanftem Druck in Richtung Treppe. Auf der dritten Treppenstufe bleibt sie kurz stehen.
„Ich habe es Claudia nie wissen lassen, dass ich seit Fürst Raimunds Tod meine Tablettendosis fast verdoppeln musste … du weißt, dass ich immer öfter am Rande einer neuen Psychose herumkrauche – ich fühle mich manchmal so alleingelassen und nutzlos – das ist keine simple Altersdepression, was mich oft fast lebensmüde macht.“
Sie sieht sich in der Halle um, nimmt die Ahnenporträts derer von Wallburg in den Blick, die ihrerseits mit ernstem Gesichtsausdruck aus den kostbaren Goldrahmen schauen, und streicht mit müder Handbewegung eine ergrauende Haarsträhne aus der Stirn.
„Mit knapp sechzig Jahren ist man doch eigentlich noch zu jung für Altersdepressionen. Die Leute denken immer, wenn man in einem so schönen Schloss lebt und keine Existenzangst haben muss, dann hätte man für immer und ewig das Glück an seiner Seite. Sie lesen in den bunten Blättern von unseren schönen Kleidern, von unentwegten prunkvollen gesellschaftlichen Ereignissen, von Glanz und Gloria, sie beneiden uns womöglich, dabei …“
Dahlmann unterbricht energisch.
„Schluss jetzt, Fürstin, darüber reden wir notfalls nach Ihrem Schönheitsschläfchen – jetzt ruhen Sie sich erst einmal aus.“
„Jaja, Dahlmann, ich gehorche!“
Die Fürstin greift nach dem Geländer und geht mit müden, kurzen Schritten endgültig nach oben.
Agnes Dahlmann bleibt in der Halle stehen, lauscht und wartet. Erst als sie hört, dass die Tür des Schlafzimmers geschlossen, noch ein Stuhl gerückt wird und dann Ruhe einkehrt, setzt sie sich in einen der Sessel vor dem Kamin und gibt sich ihren Gedanken hin:
Die Fürstin ist trotz ihres Standes nicht zu beneiden, auch wenn Außenstehende das vielleicht anders sehen, geht es ihr durch den Kopf. Wenn Weggi und ich nicht täglich um sie herum wären, liefe sie die meiste Zeit alleine durch dieses altehrwürdige Gemäuer. Die Verwaltung des Schlosses liegt bei Bovermann in guten Händen – sie ist die Fürstin und ich bin ihre Dahlmann, die Haushälterin – wir sind fast gleich alt, aber ich glaube, dass ich im Vergleich zu ihr den besseren Teil erwählt habe. Ich habe keine Depressionen und für mich gibt es handfeste Aufgaben. Ich bin manchmal sogar unentbehrlich, besonders, wenn es der Fürstin so schlecht geht wie jetzt. Claudia und Esther hängen an mir, als gehörte ich zur Familie – ich werde gebraucht und geliebt – Ob ich mit meinem Traumprinzen Richard glücklicher geworden wäre? Ist Claudia mit ihrem Michael eigentlich glücklich? Oder hat sie sich mit ihm nur arrangiert? Wer mag das gewesen sein, dem sie das erste Mal „Schmetterlinge im Bauch“ zu verdanken hatte?
Motorengeräusch reißt sie aus ihren Gedanken. Durch ein schmales Fenster neben der breiten Eingangstür sieht sie, wie ein unauffälliger Wagen vor der Gräfte anhält. Wagentüren öffnen und schließen sich mit dumpfem Geräusch, zwei Männer steigen aus. Mit eiligen Schritten überqueren sie die Brücke, laufen über den Kiesweg und steigen die alte Steintreppe empor.
Dahlmann stutzt. Sie kennt die Männer nicht. Ein Gefühl von Unbehagen steigt in ihr auf, dann hört sie, wie der Klingelzug betätigt wird. Widerwillig öffnet sie die Haustür einen Spalt weit. Einer der Männer trägt eine dunkle Sportjacke, bei dem anderen, einem sehr jungen Mann, fällt ihr der weiße steife Kragen eines Geistlichen auf.
Dahlmann hat plötzlich ein Gefühl, als presse ihr jemand mit harten Händen die Kehle zu. Mit rauer Stimme zwingt sie sich zu sprechen.
„Ja bitte?“
Der ältere der beiden hält ihr in Augenhöhe einen Dienstausweis hin, Dahlmann kommen Schriftzeichen und Stempel irgendwie bekannt vor, kann sie aber nicht einordnen.
„Verkehrspolizei“, hört sie eine unaufgeregte Stimme sagen. „Wir müssen die Fürstin von Wallburg sprechen.“ Eine zweite, sehr sanfte Männerstimme räuspert sich. „Mein Name ist Hilgert, ich bin Pastor – und wir kommen leider mit traurigen Nachrichten. Ist die Fürstin zu Hause?“
Dahlmann fühlt den Boden unter sich schwanken, als zöge jemand im Zeitlupentempo an der dicken Kokosmatte unter ihren Füßen. Mechanisch ziehen ihre Hände einen eisernen Schieber zur Seite – die Männer betreten die Halle.
„Die Fürstin hat sich gerade erst hingelegt, ich wecke sie ungern, es geht ihr momentan nicht gut“ flüstert sie halblaut.
Die beiden Männer sehen sich an, scheinen ratlos.
„Es ist leider unumgänglich, dass …“ Der mit dem weißen Stehkragen zieht seine Schultern hoch und wirft seinem Begleiter einen fragenden Blick zu.
Auch dessen Stimme scheint belegt, er räuspert sich.
„Wir müssen sogar um äußerste Eile bitten, es geht möglicherweise um Leben und Tod.“
„Ist etwas mit … Claudia?“ Dahlmann tastet nach einer Stuhllehne.
Die Männer nicken mit besorgtem Gesichtsausdruck.
„Aber die Fürstin …“
„Es ist in Ordnung, Dahlmann, ich möchte hören, was die Herren mir sagen müssen.“
Die Fürstin steht auf der untersten Treppenstufe, ihre rechte Hand umklammert den kunstvoll gedrechselten obersten Knauf des Geländers. Ihre Stimme klingt beherrscht und fordernd.
Die Männer treten näher.
„Fürstin, es fällt uns unendlich schwer, aber wir haben eine schmerzliche Nachricht zu überbringen. Offenbar waren Ihre Tochter Prinzessin Claudia, ihr Schwiegersohn Graf zu Lauenstein und deren beider Tochter Esther auf dem Flug nach Juist. Aus noch ungeklärten Gründen konnte das Flugzeug sein Ziel nicht erreichen – die Kriminalpolizei ermittelt momentan die Ursache des Absturzes, aber …“
Der mit der dunklen Sportjacke räuspert sich in äußerster Verlegenheit.
„Sind sie – tot?“
Die Frage der Fürstin kommt zögernd und beinahe tonlos.
„Nein, Ihre Tochter lebt, aber sie ist schwer verletzt – wir haben den Auftrag, Sie so schnell wie möglich zu ihr ins Krankenhaus zu bringen. Die Ärzte kümmern sich um sie, sie liegt auf der Intensivstation. Wir können nachempfinden, wie Ihnen zumute ist, aber es ist wohl Eile geboten … Fühlen Sie sich imstande, uns zu begleiten?“
Die Fürstin ist blass geworden, sie schwankt kaum sichtbar. Dennoch wendet sie sich mit fester Stimme an ihre Haushälterin.
„Dahlmann, bring mir eine Jacke oder …“
Sie steht noch immer auf der untersten Treppenstufe, die Knöchel ihrer rechten Hand, mit der sie sich am Geländer festhält, treten weiß hervor.
„Schnell, mein Kind, meine Claudia …“
Dahlmann fasst sich, sie atmet tief durch. „Ich komme mit.“
Ohne eine weitere Frage an die abwartenden Männer geht die Fürstin durch die Halle und schließt die noch immer geöffnete Terrassentür, durch die die schräg stehende Frühlingssonne die alten Steinfliesen zum Leuchten bringt. Dann lässt sie sich von der herbeieilenden Dahlmann in eine Jacke helfen, nimmt einen Schlüsselbund von einem dafür vorgesehenen Schlüsselbrett und geht zur Eingangstür.
„Gehen wir.“
Während der knapp halbstündigen Fahrt sitzen die beiden Frauen mit versteinertem Gesicht im Fond des Wagens. Die Fürstin sieht aus dem Fenster, ohne die Frühlingslandschaft wahrzunehmen. Unaufhaltsam und ohne hörbares Schluchzen rinnen Tränen über ihre Wangen und versickern im Jackenkragen. Agnes Dahlmann greift zuerst zögernd, dann beherzt zupackend die zitternden Hände der Fürstin und hält sie mit warmem Druck sanft fest, ihre eigenen Tränen zurückdrängend.
Auch die zwei Männer sprechen kaum. Der Fahrer mit der Sportjacke sieht nur ab und an besorgt in den Rückspiegel, die Fürstin beobachtend. Schließlich hantiert er an der Freisprechanlage seines Autotelefons und kündigt mit halblauter, sachlich klingender Stimme die Ankunft des Wagens in etwa drei Minuten an.
Am Krankenhauseingang werden sie von zwei Pflegerinnen erwartet. Die eine bietet der Fürstin ein rollstuhlähnliches Gefährt an, wird von dieser aber zur Seite gedrängt.
„Wo liegt meine Tochter?“
„Bitte folgen Sie uns auf die Intensivstation.“
Minuten später beugt die Fürstin sich über einen mit Bandagen und Tüchern verhüllten Körper. Claudia ist nur an der Flut blonder, zum Teil blutverklebter Locken zu erkennen. Ihr Gesicht ist durch Schwellungen und kleine Wunden entstellt. Als sie die Stimme ihrer Mutter hört, bemüht sie sich, die Augen zu öffnen.
Sie sucht den Blick der Mutter und will sprechen.
Die Fürstin tastet nach der Hand der Tochter, die schmal und mit seltsam verrenkten Fingern auf der silberfarbigen Folie liegt, mit der der Körper zugedeckt ist.
„Claudia, Schätzchen …“
„Mutter, du musst …“ Mühsam formuliert kommen einige Worte aus Claudias verzerrtem Mund. Die Fürstin wirft einen hilflosen Blick auf den betreuenden Arzt.
„Ihre Tochter scheint Ihnen etwas Wichtiges sagen zu wollen, sie ist aber kaum bei Bewusstsein – versuchen Sie, sie zu verstehen, der Puls ist sehr schwach.“
„Frag Harald – Mutter – Harald – der Brief – Christopher und Alessandro – mein Brief – Amerika …“ Sie versucht den Kopf zu heben, lässt ihn kraftlos wieder sinken. „Meine Söhne – meine Söhne – frag Harald – mein Brief – Chris … und Alessandro …“
Die Stimme bricht ab, der suchende Blick, eben noch auf die Mutter gerichtet, gleitet zur Seite, ins Leere. Das leise Geräusch eines tickenden Monitors verstummt. Der Arzt tastet an der Halsschlagader nach dem Puls, beugt sich über Claudias Körper und horcht, richtet sich wieder auf und schließt ihr mit sanft über das Gesicht gleitender Hand die Augen. Eine der anwesenden Pflegerinnen bekreuzigt sich. Es ist sehr still im Raum.
Mit ernstem Gesichtsausdruck greift der Arzt nach der Hand der Fürstin und versucht, deren Finger aus der krampfhaften Verflechtung mit der Hand der Tochter zu lösen.
Dahlmann kann den zur Seite schwankenden Körper ihrer Herrin gerade noch auffangen und halten.
„Was ist mit den anderen? Mit Esther und ihrem Vater?“ Die Frage der Fürstin ist kaum vernehmbar.
Dem Arzt fällt die Antwort sichtlich schwer.
„Die Verletzungen waren irreparabel … unsere ärztlichen Bemühungen waren vergeblich. Aber sie haben nicht gelitten, es ging alles zu schnell.“
Die Fürstin befreit sich mit sanftem Ruck aus Dahlmanns Armen und beugt sich über Claudias leblosen Körper. Mit behutsamer Geste versucht sie, ihr das verklebte Haar aus der Stirn zu streichen, berührt mit zitternden Fingern den Mund, die Wangen und die geschlossenen Augenlider und legt schließlich ihren Kopf an Claudias Gesicht. Für die Umstehenden unverständlich flüstert sie ihr zärtliche Worte zu. Dann fasst sie den Rand des locker über dem Körper liegenden weißen Tuches und zieht es sanft über das blasse Gesicht der Toten. Sie wendet sich an den Arzt.
„Ich möchte nach Hause … ich muss nachdenken … kann uns jemand fahren? Herr Doktor, ich bitte Sie, sich vorläufig um alles Nötige zu kümmern.“
Sie greift nach dem Arm ihrer Haushälterin und lässt sich aus dem Raum führen. Ehe die sich automatisch öffnende weiße Tür wieder schließt, wendet Dahlmann sich noch einmal um.
„Leb wohl, meine Laudi, wo immer du jetzt bist“, flüstert sie schluchzend.
Der junge Geistliche, der sich bislang respektvoll im Hintergrund gehalten hatte, stellt sich den beiden Frauen schüchtern in den Weg.
„Frau von Wallburg, darf ich Sie begleiten? Es ist bestimmt in Gottes Rat, dass man vom Liebsten was man hat, muss scheiden. In schweren Stunden kann das Wort Gottes …“
Die Fürstin unterbricht ihn.
„Vielleicht später einmal, wenn ich in der Lage sein werde, mich mit Gott und seinem Rat auseinanderzusetzen. Ein Gespräch über ihn und seine nicht nachvollziehbaren Entscheidungen überfordert mich jetzt.“
„Ich werde für Sie beten.“ Der junge Pastor, bemüht, Zuversicht zu verbreiten, tritt verlegen zur Seite.
„Ja, tun Sie, was Ihr Beruf Ihnen vorschreibt.“
Sie gehen, von einer der Pflegerinnen geführt, schweigend durch ein Labyrinth von langen weißen Fluren bis zum Hauptportal und treten ins Freie. Die strahlende Frühlingssonne blendet fast. Zwei Gärtner tragen eine Schale mit bunten Primeln in den Eingangsbereich.
Die Fürstin zieht fröstelnd ihre Jacke enger um die Schultern und schlägt den Kragen hoch. Tränen laufen ihr übers Gesicht.
„Dahlmann, heute Morgen schien die Welt noch so hoffnungsvoll – wir waren eine Familie – und jetzt sind wir beide plötzlich allein.“
5
„Schwesterherz, das Leben geht weiter – du musst tapfer sein, schon deiner Tochter zuliebe. Sie war ein wundervoller Mensch und so stolz auf ihre Mutter. Sie würde es nicht gewollt haben, dass du dich der Welt bis ans Ende deiner Tage in Trauer und Teilnahmslosigkeit verschließt.“
Prinz Edwin von Ehrenfels tätschelt seiner Schwester Henriette aufmunternd den Arm. Sie schiebt seine Hand unwillig zur Seite.
„Bis ans Ende meiner Tage? Ich trauere um meine einzige Tochter, meinen Schwiegersohn und meine Enkelin, deren Tod erst sechs Wochen her ist.“
Seit der Beerdigung verlebt Fürstin Henriette die Tage und Wochen wie in Trance. Starke Beruhigungsmittel, von Doktor Mittmann zusätzlich zu den gewohnten Antidepressiva verabreicht, reduzieren ihr Wahrnehmungsvermögen.
Während der Beerdigung waren ihr die Anwesenheit der zahlreichen Trauergäste, die endlosen Beileidsbekundungen sowie die liturgischen Worte des Priesters kaum bewusst geworden. Charlotte zu Lauenstein, Michaels Mutter, und sie hatten sich gegenseitig gestützt, als die drei Särge in die Gruft der Lauensteins getragen wurden. Mit keinem Wort waren die letzten Augenblicke an Claudias Sterbebett erwähnt worden.
Wie versteinert und mit den eckigen Bewegungen einer Marionette bewegt sie sich seither im Haus, reagiert auf Fragen oder behutsame Ansprache wie abwesend und verwirrt.
Dahlmann, rührend um sie besorgt, ermuntert ihre Herrin von Zeit zu Zeit zur Kontaktaufnahme mit Charlotte zu Lauenstein, um ihr bewusst zu machen, dass diese unter dem Verlust von Sohn, Schwiegertochter und einziger Enkelin ebenfalls betroffen ist und leidet. Aber die Fürstin verschließt sich diesem Mitgefühl in ihrer eigenen Trauer völlig.
Die Haushälterin ist zutiefst bekümmert über die offensichtliche Teilnahmslosigkeit der Fürstin an den Geschehnissen des Alltags.
Einzig auf die wochenlange Anwesenheit ihres Bruders Edwin, der sich unsensibel und nahezu aufdringlich bemüht, auf Schloss Wallburg so etwas wie Normalität wiederherzustellen, reagiert die Fürstin zeitweilig aggressiv.
Seine unentwegt gute Laune und demonstrative Unbekümmertheit ist ihr auch jetzt zuwider, als er sie zu einem Rundgang durch den Park überreden will.
„Komm, lass uns schauen, was die Pferde machen, man muss sich um sie kümmern. Wer kümmert sich übrigens um den Park und die Gewächshäuser? Etwa immer noch dieser uralte Mann, der kaum noch den Rücken hochkriegt? Henriette, du solltest ihn endlich entlassen, ich werde dir einen jungen, modernen Gärtner besorgen, der dieses ganze Anwesen endlich mal ein bisschen zeitgemäßer anlegt. Auch was Gärten und Parks in alten Schlossanlagen betrifft, muss man sich um neue Erkenntnisse bemühen. Zum Beispiel die Taxushecken – es wird Zeit, die mal wieder gründlich zu kappen, notfalls stellenweise zu roden, man sieht ja nur noch Taxus und sonst nichts.“
Fürstin Henriette, ganz in schwarz gekleidet, schüttelt den Kopf. Sie weist den ihr dargebotenen Arm des Bruders zurück.
„Es gibt keine Pferde mehr, um die man sich kümmern muss. Ich habe nach Claudias und Esthers Tod veranlasst, dass mein Verwalter sie verkauft. Es tut Pferden nicht gut, wenn sie zu lange unberitten im Stall stehen. Es ist mir nicht leichtgefallen, aber …“
Prinz Edwin gibt sich entsetzt.
„Bist du von allen guten Geistern verlassen? Henriette, du hast Claudias Pferd verkauft? Eine so wertvolle Stute, mit der du noch lange hättest züchten und viel Geld verdienen können? Was hat dein Herr Verwalter denn dafür erlöst? Egal, welche Summe du jetzt nennst – er hat bestimmt darauf geachtet, bei dem Handel selber nicht zu kurz zu kommen – ich hätte jedenfalls mehr herausgeholt. Dieser einfältige Bauer hat doch nie und nimmer die Kontakte, mit denen ich hätte dienen können. Also wie viel?“
Der Fürstin ist diese Unterhaltung sichtlich unangenehm.
„Da müsste ich erst in die Bücher schauen – ich habe es vergessen. Aber ich konnte mich bislang immer auf Kurt Bovermann verlassen. Er ist keineswegs ein ‚einfältiger Bauer‘, sondern im Gegenteil ein umsichtiger, zuverlässiger Mitarbeiter, der mein vollstes Vertrauen genießt. Er würde mich nie und nimmer betrügen oder seinen eigenen Profit im Auge haben.“
Agnes Dahlmann kommt mit einem Tablett und zwei Teegedecken in den Raum und will eben den kleinen Teetisch decken, als Prinz Edwin sie anherrscht.
„Frau Dahlmann, meine Schwester und ich sind eben in einer wichtigen Besprechung, die keinen Aufschub duldet. Ich rufe Sie, wenn uns der Sinn nach Tee steht, also bitte …“ Er zeigt mit bestimmender Geste auf die Küchentür.
Ruckartig erhebt sich die Fürstin aus ihrem Sessel und stellt sich kerzengerade vor ihren Bruder.
„Was fällt dir ein, so mit meiner Haushälterin zu reden? Du bist Gast in diesem Hause und genießt keinesfalls die Rechte eines Hausherrn. Mir missfällt auch, wie du vom alten Wegener und von meinem Verwalter sprichst. Außerdem hatte ich dich als einziges noch lebendes Mitglied meiner Familie zwar zur Beerdigung eingeladen, dich aber nie aufgefordert, mehrere Wochen hier zu verbringen. Du hast mir deine Hilfe in Erbschaftsangelegenheiten angeboten und wenn ich deren je bedarf, werde ich mich an dich wenden, aber nun denke ich, dass es Zeit ist, dass du dich wieder deinen persönlichen geschäftlichen Dingen zuwendest, die mit meinen wenig gemein haben. Und mein von Herrn Wegener gepflegter Park gefällt mir so wie er ist, ich verspüre keinerlei Wunsch nach Modernisierung.“
Prinz Edwin legt beschwichtigend seine Arme auf die Schultern der Schwester und versucht sie auf die Wange zu küssen.
„Schwesterherz, jetzt hast du etwas in den falschen Hals bekommen.“
Er senkt seine Stimme und gibt ihr einen beruhigenden Ton.
„Ich will dich doch nur vor unüberlegten Schritten und Entscheidungen beschützen, das ist doch meine Pflicht als dein einziger Bruder. Und wenn ich dir rate, dich vom alten Wegener zu trennen, der bei jedem noch so kurzen Treffen das Gespräch unnötigerweise auf seinen vielversprechenden Sohn Harald als einen begnadeten Anwalt bringt, um von seinen gärtnerischen Unterlassungssünden abzulenken – Henriette, das kann doch nur in deinem Sinne sein. Aber bitte, wenn du meinst, auf meine guten Ratschläge verzichten zu können … ich reise morgen früh ab.“
Er wendet sich zum Gehen, dreht sich aber gleich wieder um. „Allerdings nur, wenn ich mir deinen Wagen ausleihen darf, weil mein Auto immer noch in der Reparatur ist … dem Halunken in der Werkstatt muss ich auch mal die Leviten lesen, was der sich einbildet …“
Fürstin Henriette unterbricht den Redeschwall des Bruders.
„Du kannst den Wagen nehmen und ihn behalten, ich wollte mir ohnehin einen etwas kleineren kaufen. Und betrachte deinen „Hinauswurf“ nicht als Unhöflichkeit meinerseits – ich bin es nur nicht gewohnt, immer einen Gast im Hause zu haben, auch wenn der mein einziger Bruder ist. Dahlmann, ich würde jetzt gern meinen Tee trinken, Prinz Edwin wird packen wollen, er verlässt uns morgen.“
Dahlmann erscheint neuerlich mit dem Tablett und der Teekanne, während Prinz Edwin noch zögert, den Raum zu verlassen. Nur widerwillig geht er durch die Halle, nachdem seine Schwester ihm mit entsprechenden Handzeichen bedeutet hat, dass er entlassen sei.
„Schwesterherz, wenn ich tatsächlich deinen Wagen haben kann, dann fahre ich lieber noch heute – mein Schreibtisch biegt sich vermutlich unter der eingegangenen Post – in einer halben Stunde bin ich weg.“
Er nimmt zwei Treppenstufen auf einmal und verschwindet in einem der oberen Räume.
Dahlmann beginnt den Teetisch zu decken, wobei sie das zweite Gedeck auf dem Tablett belässt.
„Oder wird Prinz Edwin noch mit Ihnen Tee trinken?“
„Nein, er hat es jetzt eilig, aber stell die zweite Tasse für dich auf den Tisch und leiste mir Gesellschaft. Warten wir eben noch ab, bis er weg ist – ich kann es kaum erwarten, ihn los zu sein.“
Sie senkt die Stimme.
„Er ist mein Bruder, aber ich konnte ihn schon als Kind nicht leiden. Er war der Liebling unserer Mutter. Sie hat ihn nach Strich und Faden verwöhnt und ich war eifersüchtig und bestimmt nicht die liebe große Schwester, die er eigentlich gebraucht hätte. Aber heute ist meine Abneigung gegen ihn noch größer. Er ist arrogant und hinterhältig und manövriert sich von einem finanziellen Desaster ins nächste. Auf diese Weise hat er sein gesamtes Erbe durchgebracht – und wir haben beide gleichviel von unseren Eltern erhalten. Ich fürchte, mit seiner angeblichen Hilfsbereitschaft, was meine nun anstehenden Geldsachen betrifft, versucht er nur, sich bei mir einzuschmeicheln, und hofft in irgendeiner Form auf eine Erbschaft, nun, da Claudia ebenso wie Esther …“
Sie vollendet den Satz nicht, greift gedankenverloren nach der Zuckerdose und löffelt etwas braunen Kandis in ihrer Teetasse.
Prinz Edwin kommt, mit einigen Gepäckstücken beladen, geräuschvoll die Treppe hinunter.
„Gibst du mir den Autoschlüssel und die Papiere, Schwesterherz? Und darf ich ein paar Erinnerungen an Claudia mitnehmen? Zum Beispiel das silberne Besteck, in das ich damals zu ihrer Taufe extra ihre Initialen habe eingravieren lassen?“
„Du meinst das Besteck, das eigentlich unseren Eltern gehörte? Du warst damals schon ständig in finanziellen Schwierigkeiten und konntest dir als Taufgeschenk nur die Gravur leisten, und sogar die hat Mutter später bezahlt, nachdem der Goldschmied die Rechnung und im Anschluss daran noch zwei Mahnungen schicken musste.“
„Das hat Mutter dir erzählt? Eine Frechheit! Aber wahrscheinlich war sie da schon ziemlich gaga – ich meine … durcheinander – da hat sie ja allerlei dummes Zeug gefaselt – wie alte Leute eben sind, schwatzhaft und geizig und paranoid. Henriette, pass auf, dass du nicht auch so wirst, das entsprechende Alter hast du ja fast …“
„Auf Wiedersehen, Edwin, du darfst gehen, das Besteck jedoch bleibt hier. Und was mein Auto betrifft: Ich werde dir den Fahrzeugbrief per Post zukommen lassen, fahr als vorsichtig, dass du nicht schon in einen Unfall verwickelt wirst, ehe der Wagen dir wirklich gehört. Ich wünsche dir allzeit ‚Gute Fahrt‘, aber betrachte mein Heim auch in Zukunft nicht als das deine. Dahlmann, du darfst jetzt für dich und mich den Tee einschenken.“
Mit gespielter Gelassenheit, aber innerlich zitternd, setzt sie sich in ihren gewohnten Sessel und dreht dem Bruder, der seinerseits die in ihm kochende Wut zu verbergen sucht, den Rücken zu. Die Haustür fällt mit schwerem, dumpfem Schlag ins Schloss.
Dahlmann nimmt zögernd in dem zweiten Sessel Platz. Die beiden Frauen sehen sich wortlos an, gespannt nach draußen horchend, bis der aufheulende Motor des abfahrenden Wagens nicht mehr zu hören ist.
„Kotzbrocken!“, entfährt es der Fürstin. Dahlmann versucht ein Lächeln zu verbergen.
„Wir könnten uns zur Feier des Tages einen Schluck Rum zum Tee gönnen, was meinst du, Dahlmann?“
„Ja, den haben Sie sich auf jeden Fall mehr als verdient, Fürstin, und ich trinke zur Gesellschaft gern einen mit. Und, wenn Sie erlauben: Das mit dem Kotzbrocken ist durchaus zutreffend, den Begriff habe ich für Prinz Edwin schon seit Jahren.“
Nahezu gleichzeitig brechen beide in ein erleichtertes, unbändiges Lachen aus. Die Fürstin sucht in ihrer Jackentasche nach einem Taschentuch, um sich die Lachtränen zu trocknen, Dahlmann greift nach einer Papierserviette.
„Wir haben lange nicht gelacht, Dahlmann. Aber mein Bruder und alle die anderen Leute haben recht, wenn sie einen mit dem überstrapazierten Spruch, ‚Das Leben geht weiter‘, zu trösten versuchen. Wir müssen mit der schrecklichen, brutal veränderten Situation fertig werden. Dazu gehört dann und wann ein befreiendes Lachen.“
Dahlmann nickt und wischt sich verschämt ihre eigenen Lachtränen ab.
Es ist ein regnerischer, kühler Frühsommertag. Die beiden Frauen, am Teetisch sitzend, schauen eine Weile schweigend in den Park, wo eben der alte Wegener mit einem Eimer in der Hand an den Rhododendronbüschen vorbeischlurft.
„Der hat bei der Beerdigung furchtbar geweint, hast du das gesehen, Dahlmann? Er hat Claudia so geliebt, und für Esther war er fast wie ein Großvater … und sein Sohn war auch unter den Trauergästen. Wie heißt er noch? Helmut? Hartmut? Harald? Ja, ich glaube so heißt er, Harald.“
Dahlmann überlegt.
„Ja, ich meine auch, dass Harald der richtige Name ist. Jedenfalls war er bei der Beerdigung. Claudia und er haben schon als Kinder oft zusammen gespielt und sich auch später gut verstanden, fast wie Geschwister. Ja, er war da, und Baron von Gliesen ebenfalls, erinnern Sie sich an ihn? Fürst Raimund hatte ihn als jungen Veterinär eingestellt, er soll später mit Frau und Tochter nach Australien gegangen sein. Nach der Trauerfeier hat er mich in ein langes Gespräch verwickelt und ganz seltsame Fragen gestellt. Ich sei doch bei Claudias Tod … also, ich sei mit Ihnen doch bis zum Schluss bei Claudia gewesen. Ob sie noch habe sprechen können und ob man sie hätte verstehen können und es täte ihm alles so leid. Er klang ziemlich gestresst und ich wurde aus seinen Worten irgendwie nicht klug, aber jetzt fällt es mir ein – er hat vom Sohn des alten Wegener gesprochen, von Harald, dem Rechtsanwalt, auf den Weggi so stolz sei. Aber auf was er mit seinen wirren Fragen eigentlich hinauswollte, das wurde mir nicht klar. Es kamen dann ja auch andere Leute dazwischen …“
Fürstin Henriette setzte sich mit einem plötzlichen Ruck wie elektrisiert auf. „Dahlmann, hat Claudia nicht etwas von einem Harald und einem Brief gesprochen? Und von Söhnen? Und hat sie nicht sogar Namen genannt? Mein armes Kind … sie war ja kaum zu verstehen und ich dachte sowieso, sie spräche in einer Art Wahn, aber jetzt fällt mir urplötzlich alles wieder ein.“
Erregt steht sie auf und beginnt nervös hin und her zu laufen.
„Doch, sie hat von einem Brief gesprochen und von einem Harald, den ich fragen soll. Dahlmann, hilf mir denken, du musst das doch alles auch gehört haben … sie wollte uns noch etwas Wichtiges sagen, das hat auch der Arzt angedeutet … Sie hat von Söhnen gesprochen und Namen genannt … Dahlmann, wir müssen aufwachen. Wir müssen versuchen … Dahlmann – Claudia hat uns etwas mitteilen wollen.“
Sie geht zur Terrassentür, öffnet die Verriegelung und ruft den Namen des alten Gärtners: „Herr Wegener, Herr Wegener …“
Es klingt wie ein Hilferuf.
Der Gärtner bleibt erschrocken stehen und dreht sich um. Die Fürstin bedeutet ihm mit winkenden Armen, zu ihr zu kommen. Sie läuft ihm entgegen.
„Herr Wegener, ich muss Sie sprechen. Ihr Sohn ist doch Anwalt geworden, vielleicht brauche ich seine Hilfe. Und er heißt Harald, nicht wahr? Er war mit Claudia lange Jahre befreundet, Claudia hat seinen Namen genannt, kurz bevor …“ Sie presst die Lippen schmerzlich zusammen und hält die geballten Fäuste vor den Mund.
„Ich muss Ihren Sohn in einer dringenden Angelegenheit so bald wie möglich sprechen, wo wohnt er? Kann ich ihn telefonisch erreichen?“
Der alte Mann nickt eifrig, wischt die erdigen Hände an der Hose ab, kramt in der Brusttasche seines Arbeitskittels und zieht eine Visitenkarte hervor. „Ich habe seine Karte immer bei mir …“
Er reicht sie der Fürstin. Sie liest:
„Harald Wegener, Rechtsanwalt für Zivilrecht, Münster … Rennweg … Telefon/fax …“
Die Fürstin sucht mit fahrigen Händen die Hände des überraschten Gärtners zu fassen, umarmt ihn jedoch plötzlich, wobei seine Mütze verrutscht und zu Boden fällt, dreht sich um und eilt über die Terrasse zurück ins Haus. „Ich rufe Ihren Sohn auf der Stelle an. Danke, danke … Weggi.“
Der alte Mann streicht nachdenklich seine grauen Haare zurück, ehe er die Mütze wieder zurechtrückt. Kopfschüttelnd, aber lächelnd geht er zurück zu seinen Rhododendren.
6
„Dr. Wegener – oder darf ich Sie Harald nennen? Ich kenne Sie schon, seit Sie mit meiner Tochter durch den Garten getobt sind … danke, dass Sie so schnell gekommen sind. Ich bin sehr besorgt.“
Mit diesen Worten begrüßt Fürstin Henriette ihren Gast und bittet ihn einzutreten.
„Ich warte seit Claudias Tod auf Ihren Anruf“, entgegnet Harald Wegener und folgt der Fürstin in die Eingangshalle des Hauses, wo Agnes Dahlmann dem Besucher mit einem Lächeln des Wiedererkennens den leichten Sommermantel abnimmt.
„Gehen wir ins Arbeitszimmer meines Mannes, dort sind wir ungestört. Darf ich Ihnen einen Tee anbieten? Aber dann lassen sie uns schnell zur Sache kommen. Ich bin in Hochspannung, seit mir nach wochenlangem Dämmerzustand unter einer Wolke von Trauer, Angst und Ausweglosigkeit gestern im Gespräch mit Frau Dahlmann – Sie kennen sich ja noch von früher – plötzlich Ihr Name einfiel, weil meine Tochter ihn kurz vor ihrem Tod erwähnt hatte. Sie hat von einem Brief gesprochen … und von angeblichen Söhnen und sogar Namen genannt, die allerdings kaum zu verstehen waren. Sie war ja schon fast bewusstlos und ihrer Sinne vermutlich nicht mehr mächtig. Nun sind Sie meine ganze Hoffnung, dass mit Ihrer Hilfe vielleicht so etwas wie ein Geheimnis gelüftet werden wird.“
Dem Gast ist eine gewisse Scheu anzumerken. Als Kind war Harald Wegener selten bis ins Innere des Schlosses vorgedrungen. Er hatte dann und wann seinem Vater bei dessen Arbeit im Garten geholfen, manchmal einen Korb mit frischem Gemüse oder Obst oder einen Blumenstrauß an der Küchentür abgeliefert, für die er von Agnes Dahlmann manchmal mit einem Bonbon oder einem kleinen Geldstück belohnt worden war. Aber meistens hatte Claudia ihn mit Beschlag belegt. Als Einzelkind freute sie sich immer, wenn Spielgefährten aus dem Dorf oder aus der Schule nach Wallburg kamen. Sie rannten zusammen durch den Park, spielten Verstecken oder Fangen, durften manchmal mithelfen, die Pferde zu versorgen oder im Hühnerstall die noch legewarmen Eier einzusammeln. Gemeinsam hatten sie den Pfau bewundert und gekichert, wenn dieser im Frühsommer mit eindrucksvoll gespreiztem Rad vor einer der unscheinbaren braunen Pfauenhennen einherstolzierte und diese ihm keinerlei Beachtung schenkte.
Erinnerungen steigen in ihm auf – seine stille Freude, wenn Claudia ihm eine der langen Schwanzfedern des Pfaus mit dem blauglänzenden, goldumrandeten Pfauenauge schenkte, die sie auf einem der kiesbestreuten Wege gefunden haben mochte und die er bei sich zu Hause in seinem Zimmer an die Tapete heftete. Harald, selbst ein Einzelkind, war im Laufe der Jahre fast so etwas wie ein großer Bruder für Claudia geworden, zumindest aber ein guter Freund.
Nach der Schulzeit hatten sie sich mehr oder weniger aus den Augen verloren, aber die Erinnerung an unbeschwerte Kindertage bewirkte in ihm eine unauslöschliche Verbundenheit mit diesem Haus.
Und nun sitzt er, der Sohn des Gärtners, in seiner Funktion als beratender Anwalt und Notar im Arbeitszimmer des Fürsten vor dessen Schreibtisch. Und auf der anderen Seite des Tisches, im Sessel ihres verstorbenen Mannes, sitzt die Fürstin, der er in früheren Jahren nach Möglichkeit immer aus dem Wege gegangen war. Henriette von Wallburg sei schwermütig, hatte man sich im Dorf erzählt. Sie könne nur mit Beruhigungstabletten leben, und der Fürst, fast zwanzig Jahre älter als seine Frau, sei ebenfalls kränklich. Deswegen sähe man die beiden nur selten. Und wenn sie manchmal bei schönem Wetter Arm in Arm, sich gegenseitig stützend, einen kurzen Gang durch den Park machten, sei der alte Wegener der einzige gewesen, mit dem sie dann und wann ein paar Worte wechselten.
Aus den Augenwinkeln beobachtet er die Fürstin. Eine immer noch schöne Frau sitzt ihm gegenüber, auch wenn sie in den Wochen der Trauer ihr Aussehen etwas vernachlässigt haben mochte.
Sie sieht ihn beunruhigt und erwartungsvoll an.
„Harald, was hat das alles zu bedeuten?“
„Ich habe Ihnen in der Tat einen Brief zu überreichen, Fürstin. Claudia hat ihn mir vor ein paar Monaten mit der Bemerkung übergeben, ich dürfe ihn nur an den- oder diejenige aushändigen, die nach ihrem Tode gezielt danach fragen werde. Es erschien mir damals rätselhaft und ist es noch heute, dass sie in ihrem Alter – sie war doch eben erst vierzig geworden – vom Tod sprach, aber natürlich habe ich mich Claudias Wunsch gefügt. Nun sind Sie es, Fürstin, die danach fragt. Ich selber bin über den Inhalt des Schreibens nicht informiert. Ich hoffe, er enthält nichts Belastendes.“
Mit zitternden Händen nimmt die Fürstin einen verschlossenen Umschlag aus handgeschöpftem Büttenpapier entgegen, die eigenwillige Handschrift der Tochter sogleich erkennend. Mit halblauter Stimme liest sie vor:
Claudia Gräfin zu Lauenstein, Prinzessin von Wallburg.
Von mir persönlich verfasst.
Sie langt nach einem Brieföffner, zögert aber, ihn anzusetzen und den zugeklebten Verschluss zu durchtrennen. Sie wendet sich an den Besucher.
„Würden Sie bitte Frau Dahlmann hereinrufen? Ich möchte sie bei mir haben, wenn ich Claudias Brief lese.“
Erst als Dahlmann auf einem abseits stehenden Stuhl Platz genommen hat, entnimmt die Fürstin dem Kuvert einen doppelseitig hand-beschriebenen Bogen Papier und beginnt leise zu lesen.
Es ist ein langer Brief, der an verschiedenen Stellen Tränenspuren aufweist.
Agnes Dahlmann und Harald Wegener sitzen schweigend und abwartend auf ihren Stühlen. Vogelgezwitscher dringt durch das geöffnete Fenster. In der Halle tickt langsam und bedächtig die alte Standuhr, schlägt unaufgeregt mit sonorem Ton viermal, während die kleine französische Pendule im Arbeitszimmer des Fürsten eifrig und nervös die Sekunden zählt. Sie hören den stockenden Atem der Fürstin, ihr verhaltenes Schluchzen, nehmen mit Erschrecken wahr, wie sie die Lektüre immer wieder unterbricht, das Papier in fassungslosem Entsetzen zwei bis dreimal in den Schoß fallen lässt und schließlich einen Sturzbach von Tränen nicht mehr zurückhält.
„Mein armes Kind – was haben wir dir angetan – mein armes kleines Mädchen, meine Claudia … nein, nein …“
Ehe sie ihren Kopf auf die Tischplatte sinken lässt, reicht sie den Brief an Agnes Dahlmann weiter. „Bitte, lies ihn … Ich kann nicht glauben, dass das wahr ist … mein armes Kind, meine Claudia …“
Dahlmann starrt auf die Zeilen, liest, hält inne, liest mit schreckensweit geöffneten Augen weiter, ungläubig den Kopf schüttelnd. „Meine Laudi, meine Laudi …“ Vor ihren tränenblinden Augen verschwimmen die Buchstaben.
Harald Wegener steht am Fenster, hilflos die Hände faltend und wieder lösend und nach Worten suchend. Die Fürstin nimmt Dahlmann den Brief ab und reicht ihn schluchzend an den Anwalt weiter.
„Lesen Sie – Sie kannten sie so gut … wie konnte sie so etwas Entsetzliches tun? Haben wir sie dazu getrieben?“
Nur widerwillig beginnt er zu lesen.
Lauenstein
Liebste Mama,
ich weiß nicht, warum ich diesen Brief gerade heute und gerade an Dich richte. Vielleicht, weil in der Zeitung ein Bericht über einen plötzlichen, unerwarteten Todesfall stand, der mich tief ergriffen hat, obwohl ich die erwähnten Menschen nicht einmal kenne. Aber gibt es so etwas wie Ahnungen? Jedenfalls drängt es mich, diesen Brief zu schreiben und mein sorgsam gehütetes Geheimnis zu offenbaren. Wem außer Dir könnte ich mich anvertrauen? Ich hoffe einfach, dass Du es sein wirst, die diesen Brief eines Tages in Händen halten und lesen wird, falls ich vor Dir sterbe.
Er wird Dich schockieren – bitte verzeih mir.
Wenn Du ihn liest, werde ich nicht mehr am Leben sein. Das ist die Bedingung, mit der ich ihn Harald Wegener übergebe. Er ist mir ein Freund, der mein volles Vertrauen genießt.
Ich habe in meinen jungen Jahren einen furchtbaren Fehler begangen, der mein Gewissen bis heute in unerträglichem Maße belastet, den zu korrigieren ich dennoch nicht imstande bin. Bitte versuch Du es im Interesse meiner Söhne, die Deine Enkel sind.
Erinnerst Du Dich, dass ich bald nach meinem Abitur für einige Zeit nach Amerika ging? Kurze Wochen vorher hatte ich eine einmalige leidenschaftliche Begegnung mit einem verheirateten Mann. Den Namen des Mannes möchte ich nicht nennen, um nicht noch einmal in sein Leben einzugreifen. Kurz nach diesem Ereignis flog ich in die Staaten, um meine Stelle als Au-pair anzutreten. Kaum angekommen, stellte ich fest, dass ich schwanger war. Völlig kopflos, von der Situation überfordert und zu feige, Euch meine Situation zu bekennen, beriet ich mich telefonisch mit dem o. e. Mann. Wir waren beide zunächst ratlos.
Vater war damals schon schwer krank und schonungsbedürftig, Du littest unter Depressionen – ich habe es nicht übers Herz gebracht, Euch meine Lage zu beichten. Auch wollte ich um jeden Preis einen Skandal vermeiden, denn mit Sicherheit wäre die außereheliche Schwangerschaft der Prinzessin von Wallburg durch sämtliche Klatschspalten gegangen und für Euch zu einer unerträglichen Belastung geworden. Auch Michael zu Lauenstein, mit dem ich damals schon verlobt war, hätte ich eine große Enttäuschung und Kränkung nicht ersparen können.
Zu einer Abtreibung konnte ich mich aus unterschiedlichen Gründen nicht entschließen. So habe ich während meines Aufenthaltes in den USA unter geändertem Namen zwei Söhne geboren und sie in meiner Verzweiflung unmittelbar nach der Geburt zur Adoption freigegeben. Ich habe sie nie gesehen. Die Freigabe meiner Kinder zur Adoption schien mir damals der einzige Ausweg.
Heute weiß ich, dass das ein furchtbarer Fehler war, worunter ich leide, wofür ich seit Jahren büße und den ich rückgängig machen möchte, obwohl ich weiß, dass es meinen Söhnen gut geht und dass sie verantwortungsbewusste und liebevolle Eltern bekommen haben.
Ich wurde damals in Seattle als Kindsmutter unter dem Namen Karin Weiler registriert, der angebliche Vater heißt James Gardmann. Er war ein Freund des eigentlichen Vaters, der in Deutschland lebt und damals der Adoption zustimmte, um seine Familie zu schonen. James Gardmann hat seinerzeit in Seattle alle Formalitäten für mich erledigt. Ich stand mit ihm über Jahre in lockerem Kontakt, war immer wieder versucht, mich zu der Situation zu bekennen, aber er ist gestorben, ehe ich mich zu einem Entschluss durchringen konnte.
Die Vermittlung der Kinder besorgte seinerzeit die St. Agatha-Church of Seattle. Über ihren Verbleib weiß ich nur, dass einer der eineiigen Zwillinge von einer deutschen Diplomatenfamilie namens Werthstein adoptiert wurde. Die Spur seines Bruders führt nach Sao Paulo, Brasilien. Seine Adoptivmutter ist Deutsche. Ihr Ehemann heißt Alfredo de Souza.
Meine Söhne wurden am 22.6.1997 geboren. Sie heißen Christopher Werthstein und Alessandro de Souza. Sie waren ein Teil meines Lebens, auch wenn ich sie nie kennenlernen konnte.
Wie zu Anfang des Briefes erwähnt, werde ich zu dem Zeitpunkt, da Du dieses Schreiben liest, nicht mehr am Leben sein. Noch bin ich gesund und stehe mitten im Leben und schreibe diesen Brief nicht, weil ich wirklich Todesahnungen habe, aber der Tod von James Gardmann hat seinerzeit in mir den Entschluss geweckt, so etwas wie ein Seelen-Testament zu verfassen.
Inzwischen bin ich nämlich nach unzähligen schlaflosen Nächten des Bereuens zu der Einsicht gelangt, dass meine Söhne ein Anrecht darauf haben, über ihre Herkunft aufgeklärt zu werden. Sie sollen wissen, dass sie eine Schwester und zwei Großmütter in Deutschland haben. Aber ich weiß nicht einmal, ob sie von ihren Adoptiveltern je erfahren haben, dass ihre leibliche Mutter in Deutschland lebt und dass sie zu einem Zwillingspaar gehören. Sollen sie es überhaupt wissen? Sie werden in einigen Monaten zwanzig Jahre alt sein. Habe ich noch das Recht, mich nach so vielen Jahren in ihr Leben einzumischen?
Mama, hilf mir, wenn Du die Kraft dazu hast. Wenn auch Du es für richtig hältst, suche meine Söhne, sei ihnen eine fürsorgliche Großmutter. Bitte Dahlmann und Harald Wegener um Beistand. Esther soll wissen, dass sie zwei Brüder hat. Tröste Michael, dem ich als seine Ehefrau immer treu war, weil ich ihn innig liebe.
Liebste Mama, verstoße mich nicht aus Deinem Herzen. Ich war feige und hatte Angst vor allen Konsequenzen, auch um Euretwillen. Du bist eine starke Frau – trotz Deiner Depressionen. Du wärst in meiner Situation mutiger und nicht so kopflos gewesen.
Wirst Du mir verzeihen und mich in guter Erinnerung behalten können?
Ich werde es leider nicht mehr erfahren, hoffe aber fest darauf.
In Liebe
Deine Tochter Claudia.
Harald Wegener, sichtlich ergriffen, liest die letzten Zeilen ein zweites Mal, faltet den Brief nachdenklich zusammen und gibt ihn der Fürstin zurück, unfähig, tröstende Worte an sie zu richten.
„Arme, arme Claudia.“
Erst nach einigen Minuten und nachdem er sich einigermaßen gefasst hat, sieht er sie offen an.
„Durchlaucht, Sie haben irgendwo auf der Welt zwei Enkelsöhne.“
Agnes Dahlmann beobachtet die Fürstin, die wie erstarrt am Schreibtisch sitzt und sich mit zitternden Händen bemüht, den Brief wieder in das Kuvert zu schieben.
„Ich hole Ihnen ihre Medikamente.“
Mit diesen Worten erhebt sie sich von ihrem Stuhl und will den Raum verlassen, wird aber von der Fürstin zurückgehalten.
„Ich werde zu beweisen versuchen, dass ich eine starke Frau bin, wie Claudia meint. Dahlmann, wirst du mir helfen? Harald, Sie auch?“
Ihre Stimme zittert. Sie streckt bittend beide Arme aus.
Harald ergreift ihre Hände.
„Es wird mir um Claudias Willen eine Ehre und eine Verpflichtung sein, Fürstin.“
Auch Agnes Dahlmann, sichtlich bewegt, nickt zustimmend und streichelt mit beruhigender Geste die Hände der Fürstin.
„Dahlmann, welche Tabletten muss ich um diese Zeit nehmen? Ich werde mich mit Dr. Mittmann beraten, ob ich deren Einnahme nicht nach und nach reduzieren kann. Ich werde einen klaren Kopf brauchen.“
7
Wieder und wieder liest die Fürstin den Brief ihrer Tochter. Zu Claudias Tränenspuren kommen die der Mutter hinzu. Harald Wegener hat sich mit dem Versprechen, über die veränderte Situation absolutes Stillschweigen zu bewahren, verabschiedet. Auffallend nachdenklich und persönlich berührt hatte er sich zunächst einmal eine Zeit des Überlegens erbeten, um sich der Angelegenheit mit kühlerem Kopf widmen zu können.
Agnes Dahlmann, wenn auch zutiefst erschüttert, findet eher in die Realität zurück und erkennt, was zu tun ist. Ehe weitere Tränenspuren Claudias Brief unleserlich machen, nimmt sie der Fürstin das Papier behutsam aus der Hand, legt es unter den alten Kopierer im Arbeitszimmer des Fürsten und lässt den Apparat drei Kopien anfertigen.
„Fürstin, wir werden dieses Dokument dann und wann noch brauchen, deshalb muss es leserlich bleiben. Legen wir das Original lieber zur Seite und vertiefen wir uns in die Abschriften; auch Harald Wegener sollten wir eine Kopie zukommen lassen.“
Die Fürstin lächelt. „Meine immer praktische Dahlmann.“
Doch dann sitzen die beiden Frauen wieder traurig und schweigend nebeneinander und können den Blick nicht von den Zeilen wenden.
„Durch welche Hölle ist mein armes Kind gegangen! Was muss sie für Qualen ausgestanden haben. Und sie hat mit niemandem darüber sprechen können – oder hat sie sich dir anvertraut, Dahlmann?“
„Nein, Fürstin, auch ich bin völlig ahnungslos. Sie muss wirklich große Angst und tiefe Verunsicherung empfunden haben, sonst hätte sie sich doch Ihnen als Mutter anvertraut – eher jedenfalls als mir, obwohl sie zu ihrer ‚Dahma‘ in der Tat eine sehr innige Beziehung hatte.“
Die Fürstin schüttelt den Kopf.
„Dahlmann, du versuchst mich zu trösten, aber machen wir uns nichts vor: Mein Mann und – leider! – auch ich waren wohl wirklich etwas zu sehr im Gestern verhaftet, wir hatten für Claudias liberalere Ansichten oft kein Verständnis. Du hattest mehr Zugang zu ihr. Unsere Tochter hat uns nicht nur einmal unseren ihrer Meinung nach altmodischen Standesdünkel vorgeworfen. Und mein Mann hat seine überholten Ansichten – ja, es sind überholte Ansichten – bis zu seinem Tode beibehalten, aber ich für meinen Teil hoffe doch, mich weiterentwickelt zu haben. Natürlich hat auch Esther mit ihrer jugendlichen Unbekümmertheit dazu beigetragen – ach, ich vermisse dieses Kind so sehr, ich … und ich beneide die heutige Jugend, die sich von unserem überholten, unzeitgemäßen Ehrenkodex freimachen konnte.“
Dahlmann hört geduldig zu, unterbricht die Selbstanklagen der Fürstin nur ab und an mit beschwichtigenden Worten und versucht sie zu trösten. Aber im tiefsten Inneren stimmt sie zu: Das Fürstenpaar auf Schloss Wallburg hatte die Veränderungen der Zeit nicht wirklich wahrgenommen. Sie waren auf eine zwar liebenswürdige, aber eben doch altmodische Art sogar ein bisschen schrullig geworden – der Fürst, wesentlich älter, mehr noch als seine Frau. Sie pflegten wenig gesellschaftlichen Umgang, nahmen Einladungen nur selten und widerwillig an, verschlossen sich völlig den modernen Medien, hatten – wann immer möglich – Schulveranstaltungen aller Art gemieden und Claudia lieber eine großzügige Spende für irgendwelche angeblich notwendigen An- oder Umbauten innerhalb der Schule gegeben, um selber zurückgezogen in der Abgeschiedenheit ihres vertrauten kleinen Kosmos bleiben zu können.
Claudia hatte sich deswegen öfter bei Agnes Dahlmann beklagt. Ob sie, Dahlmann, nicht einmal mitkommen wolle zu einem Schulfest. „Du könntest eines von Mamas Kleidern und ihr Pelzcape anziehen und als meine Mutter auftreten, das würde kein Mensch merken, denn es kennt sie ja niemand. Aber ich könnte dann endlich auch einmal mit einem Familienmitglied glänzen.“ Natürlich hatte Dahlmann abgewinkt, aber sie hatten sich kichernd ausgemalt, welche Frisur und welcher Schmuck für so einen Auftritt infrage gekommen wäre und ob der Direktor sie ehrfürchtig mit Handkuss oder mit Hofknicks und „Durchlaucht“ begrüßt hätte.
„Ach, Dahma, so krank und alt sind meine Eltern doch nicht, dass sie meinen, sich schon zu Lebzeiten aus der Welt verabschieden zu dürfen.“
Ja, sie, Agnes Dahlmann, war tatsächlich diejenige gewesen, der Claudia sich anvertraut hatte. Sie erinnerte sich zum Beispiel an das Gespräch einige Wochen vor Claudias Abreise nach Amerika. Als sie von ihrem „Seitensprung“ erzählt hatte und von der Tatsache, dass sie erstmalig „Schmetterlinge im Bauch“ gefühlt hätte.
„Wer mag das wohl gewesen sein?“
Als hätte die Fürstin ihre Gedanken erraten, richtete sie plötzlich eine Frage an ihre Haushälterin.
„Dahlmann, hast du eine Ahnung, wer der Vater dieser Kinder sein könnte? Was muss das für ein Mensch sein, der es zulässt, eine junge Frau in solche Seelenqualen zu stürzen, dass sie ihre Kinder zur Adoption freigibt? ‚Um sein eigene Familie zu schonen‘, steht in Claudias Brief. Ob der womöglich seiner Frau nicht beichten mochte, dass er ihr untreu gewesen war? Und zwar mit Folgen? Fällt dir jemand ein, der vielleicht sogar hier, in Claudias Umfeld, verheiratet war und mein Kind verführt haben könnte?“
Kopfschüttelnd verneint Dahlmann die Frage, obwohl der Gedanke sie ebenfalls beschäftigt. Von wem hätte sich die selbstbewusste Claudia überhaupt ‚verführen‘ lassen? Von einem Klassenkameraden? Von einem Burschen aus dem Dorf? Wer hatte damals auf Schloss Wallburg gearbeitet? Sollte etwa Kurt Bovermann, der Verwalter …?
Dahlmann kann sich ein Lächeln nicht verkneifen. Nein, Bovermann, heute fast sechzig Jahre alt, war auch in seiner Jugend kein Verführertyp. Fleißig und rechtschaffen und grundehrlich, wie er war, hatte der Fürst ihn eingestellt, und noch heute gilt er als eher wortkarg, schüchtern und nahezu menschenscheu.
Und Wegener, der Gärtner? Den sie Onkel Weggi nannte? Unsinn – der gab sich Claudia gegenüber eher väterlich, fürsorglich. Aber sein Sohn, Harald? Der fast gleichaltrige Spielkamerad aus Kindertagen, der sich damals schon zu einem gut aussehenden, attraktiven Jurastudenten entwickelt hatte? Der heute, als Anwalt, zum ersten Mal den privaten Bereich auf Schloss Wallburg betreten und dem Claudia sich erst vor ein paar Monaten anvertraut hatte?
Nein! Ausgeschlossen! Der war damals noch nicht verheiratet und hätte es außerdem nie zugelassen, seine und Claudias Kinder per Adoption in die Hände fremder Menschen abzugeben, nur um die Gesundheit des Fürstenpaares zu schonen und einen gesellschaftlichen Skandal zu vermeiden.
Oder gab es einen Stallburschen, der tollkühn genug gewesen wäre, sich Prinzessin Claudia zu nähern? Der ihr ein Gefühl wie „Schmetterlinge im Bauch“ vermittelt hätte?
Plötzlich und unvermittelt geht ihr ein Name durch den Kopf: Baron von Gliesen. Hatte der nicht damals auf Wallburg seine erste Stelle als Veterinär angetreten? Seine Frau kam ihn abends manchmal abholen, oft aber blieb er die halbe Nacht in den Stallungen, besonders, wenn es galt, eine tragende Stute zu beobachten. Und hatte nicht Claudias Pferd Avra damals ihr erstes Fohlen bekommen und Claudia verbrachte Stunden bei den Tieren?
Dahlmann schließt die Augen.
„Lieber Gott, lass nicht Baron von Gliesen der Vater der beiden Kinder sein. Er hat Wallburg damals ein paar Wochen nach Claudias Abreise verlassen und soll irgendwo in Australien in einem tiermedizinischen Institut eine gute Stelle bekommen haben. Ob der …?“
Die Stimme der Fürstin, obwohl ganz nahe, dringt plötzlich zu ihr wie durch einen dicken Nebel.
„Dahlmann, ist dir nicht gut? Du bist ganz blass geworden.“
Sie antwortet nicht. Versucht stattdessen verzweifelt, den Gedanken, der sich ihres Gehirns bemächtigt hat, zu ignorieren – vergeblich.
Baron von Gliesen. Wenn nun er derjenige ist, dem Claudia an jenem Tag begegnet war?
Sie erinnert sich dieses sehr persönlichen und privaten Gespräches, in dem Claudia freimütig gestanden hatte, dass sie und Michael zu Lauenstein – nun ja, sie waren ja immerhin miteinander verlobt und hatten durchaus schon – aber er habe sich ja immer ‚geschützt‘ und leider hätte sie bei ihm nie das Gefühl von ‚Schmetterlingen im Bauch‘ gespürt. Ja, sie erinnerte sich besonders an diesen für sie, Dahlmann, neuen Ausdruck. Aber Claudia habe ohne ihn erst kürzlich eine neue Erfahrung gemacht und wisse nun, wie es ist, wenn man nahe daran sei, den Verstand zu verlieren. Immerhin sei sie eine der letzten Jungfrauen in ihrer Klasse gewesen und …
Dahlmann gerät in einen Gewissenskonflikt. Darf sie jetzt, nach so vielen Jahren und in der unerwartet veränderten Situation, ihr Versprechen brechen? Käme das nicht einem Verrat gleich?
Die Fürstin ist aufgestanden und beugt sich voller Besorgnis über ihre Haushälterin.
„Dahlmann, was ist mit dir?“
Und eindringlich wiederholt sie ihre Frage. „Hast du eine Vermutung? Warum sagst du nichts? Willst du jemand schützen? Vergiss nicht, dass es zwei Kinder gibt, die Claudia mir schriftlich anvertraut hat. Ich sehe es dir an, dass du jemand im Verdacht hast.“
Dahlmann hebt hilflos die Schultern und sieht die Fürstin unsicher an.
„Mir fällt nur Baron von Gliesen ein, aber …“
Die Fürstin ist verblüfft. Baron von Gliesen, der junge Veterinär, den Fürst Raimund eingestellt hatte, damit sich jemand um die Pferde kümmerte.
„Dahlmann, du könntest recht haben. Avra war damals trächtig … sollten Claudia und er …? Aber sie war doch mit Michael zu Lauenstein verlobt, und sie hat ihn geliebt … Nein, Dahlmann, denk weiter nach, such weitere Spuren.“
„Ich fürchte, dass er der Einzige ist, der infrage kommt.“
Die Fürstin, sichtlich beunruhigt, geht im Raum auf und ab, bleibt jedoch plötzlich vor dem Arbeitstisch ihres Mannes stehen. Hat nicht Raimund in einer der Schubladen seine Adressbücher und ähnliche Unterlagen aufbewahrt? Sie hatte sich bislang nicht dazu entschließen können, die Papiere zu sichten und eventuell zu entsorgen. Vielleicht …
„Dahlmann, wir müssen versuchen, den Aufenthalt und die Adresse dieses Mannes herauszufinden. Lass uns über eine Strategie nachdenken, unter welchem Vorwand wir Kontakt mit ihm aufnehmen könnten. Wenn wir keine Telefonnummer finden, sollten wir Harald bitten, ihn zu suchen. Es muss doch mit Hilfe irgendwelcher moderner Medien möglich sein, ihn ausfindig zu machen. Vielleicht lebt er ja gar nicht mehr, obwohl – wie alt mag er heute sein? Dahlmann, ich fühle mich wie elektrisiert, hören wir auf zu weinen, mit unseren Tränen machen wir diese Tragödie nur noch schlimmer. Agnes, komm, hilf mir. Wir müssen endlich tätig werden.“
Mit einem Ruck öffnet sie die oberste Schublade, findet das gesuchte Adressbuch und beginnt mit hastigen Fingern zu blättern.
Die Haushälterin wagt einen Einwand.
„Aber sollten Sie nicht als erstes Michaels Mutter von diesem Brief in Kenntnis setzen? Denn wenn wir diese Kinder finden … die ja wohl keine Kinder mehr sind … Fürstin, dann hätten Sie plötzlich zwei Enkel, die das Blut derer von Wallburg in sich tragen, denen Sie möglicherweise eines fernen Tages Ihren Besitz vererben könnten. Ihr Bruder Edwin allerdings …“ Sie hebt fragend die Schultern.
Die Fürstin lacht spöttisch. „Edwin würde diese Kunde allerdings wohl weniger begeistert zur Kenntnis nehmen. Aber das kümmert mich im Moment nicht einmal ansatzweise!“
Бесплатный фрагмент закончился.
