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Marco Rostek
33 TAGE
Der letzte Sommer
des alten Europa
ROMAN

ISBN 9783990402542

Wien – Graz – Klagenfurt ©
2014 by Styria premium in der Verlagsgruppe Styria GmbH & Co KG
Alle Rechte vorbehalten.
Bücher aus der Verlagsgruppe Styria gibt es in jeder Buchhandlung und im Online-Shop
Lektorat: Elisabeth Blasch Layout: Marion Mauthe Covergestaltung: Bruno Wegscheider Bildnachweis: S. 328/1: Deutsches Bundesarchiv, Bild 183 - 2004-1110 - 500/Wikimedia commons. S. 328/5: IMAGNO/ÖNB. S: 329/1: Bassano/Wikimedia commons. 329/5: Nicola Perscheid/Wikimedia commons. S. 330/3: Harris & Ewing/Wikimedia commons. S. 330/4: Carl Pietzner/Wikimdia commons. S. 330/5: The Times History of the War, New York, 1915. S. 331/4: Koller/Wikimedia Commons. Alle übrigen: Wikimedia Commons. Coverfoto: Foto Hofer, Ischl
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2014
INHALT
Cover
Titel
Impressum
Prolog
Montag, 29. Juni, Feiertag „Peter und Paul“
Dienstag, 30. Juni
Mittwoch, 1. Juli
Donnerstag, 2. Juli
Freitag, 3. Juli
Samstag, 4. Juli
Sonntag, 5. Juli
Montag, 6. Juli
Dienstag, 7. Juli
Mittwoch, 8. Juli
Donnerstag, 9. Juli
Freitag, 10. Juli
Montag, 13. Juli
Sonntag, 19. Juli
Montag, 20. Juli
Dienstag, 21. Juli
Mittwoch, 22. Juli
Donnerstag, 23. Juli
Freitag, 24. Juli
Samstag, 25. Juli
Sonntag, 26. Juli
Montag, 27. Juli
Dienstag, 28. Juli
Mittwoch, 29. Juli
Donnerstag, 30. Juli
Freitag, 31. Juli
Samstag, 1. August
Epilog
Anhang
Weitere Bücher
PROLOG
Für den Bruchteil einer Sekunde scheint es, als wäre alles Leben erstarrt. Für den Bruchteil einer Sekunde herrscht eine unheilvolle, atemlose Stille. Nur das monotone Brummen des Motors ist zu vernehmen. So plötzlich wie der erste folgt der zweite Schuss.
***
Die sommerliche Hitze hatte ein atmosphärisches Flimmern über die Straßen der Stadt gelegt. Die unangenehme Enge in der Masse und die staubige Luft erschwerten das Atmen, trotzdem hatten sich große Menschenmengen an beiden Seiten der Straße versammelt, um einen Blick auf die Wagenkolonne zu werfen. Viel Zeit war vergangen, seit der letzte Repräsentant der regierenden Familie mit seinem Besuch der Stadt und dem Land die Ehre erwiesen hatte. Zudem war der Sonderzug mit den hohen Persönlichkeiten verspätet eingetroffen und nach der Ankunft hatte es noch eine Weile gedauert, bis die seit dem Frühjahr Angekündigten endlich die Waggons verließen. Es folgte die dem hohen Rang des Besuchs entsprechende formelle Begrüßungszeremonie: Ehrenbezeugung, Hymne, Flaggenparade, Begrüßungsformeln, Abschreiten der Ehrenformation. Danach war man in sieben bereitgestellte offene Wagen gestiegen, die hohen Herrschaften, ein Mann und eine Frau, hatten im dritten Wagen auf den hinteren Sitzbänken Platz genommen. Der Besitzer des Wagens selbst saß ebenfalls im Fond, neben ihm der ranghöchste Offizier und örtliche Landeschef. Nach einer kurzen Einweisung zur Route hatten die Fahrer die Motoren angelassen und die Kolonne hatte sich in Bewegung gesetzt.
***
Kaum ist der zweite Schuss verhallt, gerät mit einem Schlag eine unheimliche Aktivität, ein hektisches Treiben in die Masse. Menschen schreien auf, Autotüren werden aufgerissen und knallen wieder ins Schloss, Befehle erschallen in einer für das Land fremden Sprache. Während die einen zum betroffenen Fahrzeug hindrängen möchten und von Uniformierten daran gehindert werden, stürzen sich andere auf einen jungen Mann, den man als den Schützen identifiziert hat, und reißen ihm die Waffe aus der Hand. Er hat sich schon früh am Tag entlang der Wegstrecke der Wagenkolonne postiert und auf seine von langer Hand vorbereitete Gelegenheit gewartet. Als er seine Chance kommen sieht, drückt er ab.
Wieder ertönen Rufe, Hälse werden gereckt, Menschen springen hoch, um sich einen Überblick über das Geschehen zu verschaffen. Der Mann auf der Rückbank des Autos greift sich an den Hals und versucht, das pulsierend herausströmende Blut zu stoppen. Mit weit aufgerissenen Augen starrt er entsetzt seine Begleiterin an, die sich langsam nach vorne beugt und, die Hände auf den Bauch pressend, regungslos zusammensackt. Helfer eilen herbei, versuchen bei beiden die Blutungen zu stillen. Wieder erschallen Befehle, und während man den Attentäter verhaftet und vor der Lynchjustiz der aufgebrachten Menge in Sicherheit bringen muss, setzt sich der Wagen mit dem schwer verletzten Paar in Bewegung und rast davon.
In der Ferne ertönt der Glockenschlag einer Kirchturmuhr. Eine junge Mutter, die etwas abseits steht, nimmt ihren kleinen Sohn auf den Arm, damit er den Schwarm Vögel beobachten kann, der durch das plötzliche Läuten aufgeschreckt worden ist. Die Vögel ziehen steil himmelwärts, ändern abrupt ihre Richtung, stürzen wieder erdwärts, um sich endlich nach einigen Minuten Irrflug in einem Baum nahe des Konak niederzulassen. Kaum kehrt Ruhe ein, zwingen heranrasende Automobile mit heulenden Motoren den Schwarm erneut zur Flucht. Auch am Boden setzt hektisches Treiben ein. Während Männer wild gestikulierend aus den Fahrzeugen springen und rufend ins Haus hetzen, scharen sich andere um den ersten Wagen und starren hilflos auf die darin liegenden Personen. Ein Mann, aufgrund seiner Uniform als ranghoher Militärarzt zu erkennen, eilt herbei und untersucht die Verletzten. Während der Mann noch schwach atmet, kann bei der Frau nur mehr der Tod festgestellt werden. Der Sterbende und der Leichnam seiner Gattin werden ins Haus gebracht und man legt sie Seite an Seite in eine provisorisch eingerichtete Bettstatt. Fieberhaft kämpft man um das Leben jenes Mannes, der sein Land und seine Familie in die Zukunft führen soll. In der beklemmenden Atmosphäre weicht bei den zur Untätigkeit verurteilten Begleitern des hohen Paares langsam der Schock und wird durch eine alles durchdringende Fassungslosigkeit ersetzt, die unaufhaltsam die Gedanken in eine Richtung lenkt: „Es ist vermeidbar gewesen …“
***
Bereits kurz nach der Abfahrt vom Bahnhof hatte es den ersten Zwischenfall an diesem Tag gegeben, den die hiesige Bevölkerung seit dem Mittelalter als Feiertag zur Befreiung von einer Unterdrückung beging. Man hatte eine Bombe gegen das Auto der Besucher geworfen. Nur der Geistesgegenwart des Mannes, eines leidenschaftlichen Jägers, war es zu verdanken, dass der Vorfall glimpflich ausgegangen war. In meisterhafter Selbstbeherrschung hatte er die Bombe, die sein Leben beenden sollte, jedoch am Verdeck des Wagens liegen blieb, zurück auf die Straße geschleudert. Die Detonation hatte zu Leichtverletzten im nachfolgenden Automobil geführt, die umgehend in ein Krankenhaus gebracht wurden. Ein geplanter Empfang im Rathaus war zwar pflichtgemäß abgehalten worden, doch danach wollte man auf Wunsch des hohen Besuchs die Verletzten besuchen. Die drängenden Apelle der um die Sicherheit besorgten Begleiter waren abgewiesen worden. Daraufhin hatte man neue Anweisungen erteilt und trotz geänderter Fahrtrouten aber keine zusätzlichen Sicherheitsmaßnahmen befohlen. Um 10:45 Uhr war man vom Rathaus abgefahren.
Die Bevölkerung hatte davor geduldig gewartet, die Begeisterung war erneut aufgebrandet, als man vorüberfuhr. Nichts, so sagten die Augenzeugen später aus, hätte auf weitere mögliche Attentatsversuche hingedeutet. Doch als man kurz darauf aufgrund mangelnder Ortskenntnis falsch abgebogen und, den Irrtum bemerkend, stehen geblieben war, um zurückzusetzen, war ein junger Mann aus der Menge hervorgetreten und hatte eine Pistole gegen die Personen im Wagen gerichtet. Aus kurzer Distanz war der erste Schuss erfolgt.
***
Langsam erhebt sich der Arzt vom Bett, dreht sich um und blickt suchend zu den Umstehenden. Sein Blick fällt auf den ranghöchsten Offizier und Landeschef. Dessen Orden und Auszeichnungen auf der Galauniform weisen ihn als Offizier im Generalsrang aus. Sie heben und senken sich durch die hastige Atmung ihres Trägers in schnellem Rhythmus. Der Arzt tritt auf den Offizier zu und meldet mit brechender Stimme den Tod des schwer verletzten Mannes. Wieder, nun zum zweiten Mal, herrscht an diesem Sonntag atemlose Stille.
Der Offizier, Feldzeugmeister Oskar Potiorek, blickt, durch eine lange militärische Ausbildung geschult, reflexartig auf seine Uhr. In Sarajevo, am 28. Juni 1914, ist es soeben 11:10 Uhr geworden.
MONTAG, 29. JUNI, FEIERTAG „PETER UND PAUL“
„Schon wieder Verwicklungen mit Serbien!“ Der Gedanke, der immer wieder durch seinen Kopf geistert, klingt fast verzweifelt. Während er sich erschöpft auf die Rückbank des Automobils sinken lässt, fährt der Fahrer mit dem Wagen langsam die Schlossallee hinunter und biegt nach kurzem Stopp in die Straße Richtung Karlsbad. Von dort geht es weiter nach Wien, das sie nach drei Stunden Fahrzeit erreichen werden.
Graf Leopold Berchtold, der k. u. k. Minister des Äußeren, sitzt im Fond und versucht, seine Gedanken zu ordnen. Die bevorstehenden Stunden der Fahrt werden die ersten ungestörten sein, seit gestern am frühen Nachmittag die unfassbare Nachricht aus Sarajevo eingetroffen ist. Der Graf neigt seinen Kopf und blickt aus dem Fenster, lässt die Landschaft vorbeiziehen. Wieder schießt ein Gedanke durch seinen Kopf, der seinen Magen verkrampfen und die Atmung schwer werden lässt: „Ich muss mich jetzt endlich diesem Problem stellen …!?“ Obwohl er, seit er im Februar 1912 die Nachfolge des Grafen Aehrenthal als Leiter des Auswärtigen Amtes angetreten hat, schon einige schwierige Phasen bewältigt hat, scheinen nun die schwersten Tage seiner Amtsführung auf ihn zuzukommen. Der österreichische Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand und seine Gemahlin, die Herzogin von Hohenberg, sind in Sarajevo von einem jungen Fanatiker ermordet worden. Immer wieder zieht diese Schreckensmeldung vor seinem geistigen Auge vorbei. Beim Gedanken an die letzten Stunden spürt Graf Berchtold, wie seine Schläfen pulsieren und ihn gleichzeitig die Müdigkeit übermannt. Die unruhige Fahrt wird durch die hohe Geschwindigkeit des Wagens noch verstärkt, denn er hat seinem Fahrer Anweisung gegeben, bis spätestens 17:30 Uhr das Ministerium in Wien zu erreichen. Immer wieder schreckt er aus seinen Gedanken hoch und erinnert sich an die Bürde seines Amtes. Seine Ausbildung und die Erfahrungen der letzten Jahre in Russland haben ihn gelehrt, auf katastrophale Ereignisse dieser Art vorbereitet zu sein. Mit der Ermordung des Erzherzog-Thronfolgers ist nun das bei Weitem Schlimmste eingetreten. „Dieses Mal muss ich Stärke zeigen!“ Sein Gesicht spiegelt sich fahl im Fenster des Automobils. „Ein weiteres Anzeichen politischer Schwäche kann ich mir in meiner Position nicht mehr leisten“, murmelt er vor sich hin, während er versucht, seine Gedanken zu sammeln. Er richtet sich auf, öffnet seine Aktentasche und beginnt, sich auf die bevorstehenden Treffen in Wien vorzubereiten.
***
Er saß gerade im Arbeitszimmer im 2. Stock seines Schlosses in Buchlau und wollte sich auf den planmäßigen Ministerrat in der kommenden Woche vorbereiten. Die Stimmen der Kinder, die vom Garten zu ihm heraufdrangen, stellten seine Konzentrationsfähigkeit immer wieder hart auf die Probe und lassen nun im Rückblick ein Lächeln in seinem Gesicht erscheinen. Am frühen Nachmittag schließlich rang er sich dazu durch, das Fenster zu schließen, um sich voll auf seine Arbeit konzentrieren zu können. Als er gerade am Fenster stand, fiel sein Blick auf eine Staubwolke, die durch ein heranrasendes Automobil verursacht wurde. Den Blick nicht davon abwendend, spürte er Unheil heraufziehen. Durch die abgelegene Lage seines ehemals als Jagdschloss erbauten Anwesens konnte die Notwendigkeit für eine derart lebensbedrohende Geschwindigkeit nur mit ihm und seiner Funktion als Minister des Äußeren in Verbindung stehen. Als der Wagen für einen Moment hinter einer Baumgruppe verschwand, schloss er die Fenster und ging die Treppen hinunter in die Empfangshalle.
Immer wieder musste er das Telegramm lesen und zwei Mal befragte er den Überbringer zur Richtigkeit. Mit voller Wucht traf ihn die Tragweite des Gelesenen. Einen Moment lang brach eine Gedankenflut über ihn herein, ließ ihn zweifeln und ob des Bevorstehenden Ratlosigkeit aufkommen, aber er fasste sich bewundernswert schnell. Seine Erziehung, die Ausbildung und die langjährige Erfahrung im diplomatischen Korps hatten dazu geführt, dass er diesmal schnell und umsichtig handelte.
***
Ruckartig bewegt sich das Automobil über die Straße, sodass Graf Berchtold immer wieder seine Notizen korrigieren muss. Er sieht hinaus und erkennt, dass sie bereits auf Pressburg zufahren. Mit Blick auf seine Uhr stellt er beruhigt fest, dass noch genügend Zeit bis zu seinem ersten Termin verbleibt. „Anton, ich danke dir für die zügige Fahrt bis hierher, aber nun ist die Raserei nicht mehr erforderlich. Bis Wien ist es nicht mehr weit und wir können es geruhsamer angehen. Bitte, bring mich direkt zum Ballhausplatz, die Fahrt in die Wohnung, wie ursprünglich vorgesehen, kann entfallen.“
Anton Brauer ist seit seiner Kindheit bei der Familie Berchtold und genießt daher ganz besonderes Vertrauen. Er hat als Stallknecht beim Vater des jetzigen Grafen Berchtold begonnen, und als die ersten Automobile ins Schloss gekommen sind, hat er sich dafür sofort begeistern können – entgegen dem Wunsch seines Vaters, wie er stets betont. Seit nunmehr fünf Jahren ist er der Fahrer des Grafen, wann immer er im Schloss ist. Das ist freilich selten genug, denn seit der Graf aus St. Petersburg wieder zurück ist, verbringt er zwar mehr Zeit als zuvor zu Hause, aber die Aufgaben als Minister des Äußeren schränken seine karge Freizeit stark ein. Die meiste Zeit des Jahres kümmert sich Anton daher um die Fahrzeuge des Grafen, ohne dass sie jemand wirklich benötigen würde.
„Jawohl, Herr Graf, ganz wie Sie wünschen“, antwortet Brauer und fragt nach: „Belieben der Graf vor der Ankunft im Ministerium noch was zu essen?“ „Danke der Nachfrage“, gibt Berchtold zurück und blickt von seiner Arbeit auf. Den Hintergedanken der Frage erkennend, beugt er sich vor und fährt fort: „Sobald du mich abgesetzt hast, kannst du dir den restlichen Abend freinehmen. Ich erwarte dich morgen um zehn Minuten vor neun vor der Wohnung.“ Einen Moment innehaltend, fügt Berchtold hinzu: „Und bitte bring mir die Morgenzeitungen mit!“ Erleichtert darüber, dass der Graf seine Andeutung wieder einmal richtig verstanden hat, reduziert Brauer die Geschwindigkeit des Wagens und steuert, Unebenheiten auf der Fahrbahn geschickt ausweichend, Wien entgegen. Leopold Berchtold vertieft sich wieder in die Unterlagen für seine abendlichen Termine. Um 18 Uhr soll der Chef des Generalstabes ins Ministerium kommen. Der Gedanke daran lässt Berchtold unruhig werden. Er legt den Stift beiseite und wischt sich eine imaginäre Haarsträhne aus der Stirn. Franz Conrad von Hötzendorf ist der Erste gewesen, der auf seine Telegramme nach Wien reagiert hat. Er, Berchtold, hätte es wissen müssen. Conrad, von der Haarspitze bis zu den Fußsohlen pflichtbewusster Soldat, hat ihn in seiner umgehenden Telegrammantwort wissen lassen, dass er jederzeit für eine Aussprache verfügbar sei. Conrad hat Franz Ferdinand zu den Manövern in Bosnien begleitet und ist der Letzte gewesen, der den Erzherzog vor dessen Aufbruch nach Sarajevo am 28. Juni gesehen hat. Jetzt ist ihm natürlich daran gelegen, dass man auf die Situation angemessen reagiert. Ihm, Berchtold, wäre in dieser angespannten Lage ein einfacherer Beginn der Unterredungen lieber, aber nun heißt es, sich darauf entsprechend vorzubereiten. Die Gedanken wandern einmal mehr zum gestrigen Nachmittag.
***
Nachdem er das Telegramm in seiner umfassenden Konsequenz erfasst hatte, ging er zu seiner Frau und teilte ihr die Tragödie mit. Sie fiel ihm um den Hals und beide gaben sich für einen Moment der Trauer und dem Mitleid mit den hinterbliebenen Kinder des Thronfolgerpaares hin. Sie waren gute Bekannte des Erzherzoges und seiner Gattin. Ganz anders als sein Vorgänger hatte Berchtold ein gutes Einvernehmen mit Franz Ferdinand und die beiden Damen verstanden sich vorzüglich. Leopold Berchtold hatte sich am Tag zuvor extra Zeit für seine Frau genommen, denn die Familie war trotz seiner Karriere immer der wichtigste Bestandteil seines Lebens. Seine Gattin unterstützte ihn immer, so gut sie es vermochte, und die vier Kinder waren ihrer beider ganzer Stolz. Jetzt, so erkannte er, musste er ihr klarmachen, was bevorstand. Wenn die erschütternden Nachrichten stimmten, wenn sich die Gerüchte verdichteten, wenn noch Weiteres ans Tageslicht kommen sollte, dann, das wusste er von der ersten Sekunde an, dann stand das Schicksal der Monarchie auf dem Spiel. Und diesmal, dessen war er sich sofort im Klaren, durfte er nicht zaudern.
***
Der 51-Jährige blickt wieder nach vorn und atmet tief ein. Beim Gedanken an seine Frau und die Kinder erfüllt Wärme sein Herz. Nur mit ihrer Liebe und Treue, da ist er sich sicher, wird er das Bevorstehende durchhalten und Entscheidungen fällen können, von denen er jetzt schon weiß, dass sie getroffen werden müssen, auch wenn sie weitreichende Konsequenzen haben werden. Wenn er die Lage richtig einschätzt, dann wird der gestrige Moment mit seiner Frau der letzte innige für einen langen Zeitraum gewesen sein.
***
Für geraume Zeit standen sie wortlos, eng umschlungen im Salon des Schlosses, und als Leopold Berchtold seiner Frau schließlich einen zarten Kuss auf die Stirn gab, um in sein Arbeitszimmer zu gehen, wo ihn seine Pflicht erwartete, flüsterte sie ihm zu: „Vergiss die Kinder nicht …“
In seinem Arbeitszimmer schrieb er dann eine Vielzahl von Telegrammen an die unterschiedlichsten Verantwortungsträger im Lande, unter anderem an den Kaiser, den neuen Thronfolger Erzherzog Karl, den Ministerpräsidenten und eben an Conrad. Dieser antwortete umgehend, sodass bereits für den folgenden Abend ein Treffen vereinbart wurde.
***
Graf Berchtold macht sich Notizen über Conrad und das bevorstehende Gespräch. Als Botschafter in St. Petersburg hat Berchtold gelernt, sich auf seine Termine gewissenhaft vorzubereiten. Er hasst nichts mehr als unliebsame Überraschungen. Insofern ist das bevorstehende Gespräch mit dem Chef des Generalstabes ein leichtes Spiel, denn wenn man eines bei Conrad nicht befürchten muss, dann sind es Überraschungen. Seit seinem Amtsantritt im Jahre 1906 weiß die ganze Monarchie, wofür Conrad steht. Er hat seine Wertvorstellungen, Überlegungen und Ziele eins ums andere Mal in Denkschriften und Memoranden in aller Öffentlichkeit klargestellt. Nur mit Mühe und allerhöchsten Verfügungen hat Conrad immer wieder im Zaum gehalten werden können. „Nun, so wie es aussieht“, schlussfolgert Berchtold still in sich hinein, „hätten wir wohl besser auf ihn hören sollen …!“
„Herr Graf“, Brauer reißt Berchtold mit einer Frage aus den Gedanken, „in der Zeitung steht, dass der Attentäter ein Serbe ist. Diese Schandtat dürfen wir uns doch nicht gefallen lassen, viele sind in Aufruhr. Werden wir gegen Serbien zurückschlagen?“ Leopold Berchtold klappt die Mappe zu, sieht seinen Fahrer an und entgegnet: „Lieber Anton, Entscheidungen mit dieser Tragweite sind nicht durch Einzelpersonen zu fällen, sondern erfordern krisengerechte Abläufe in den dafür geschaffenen Gremien. Und schließlich entscheidet zuletzt Seine Majestät, unser Kaiser. Nicht alles, was in den Zeitungen steht, kann man für bare Münze nehmen und ich bitte dich, ab jetzt mit deinen Aussagen ganz besonders vorsichtig zu sein. Besonders in Gegenwart anderer Personen.“
Berchtold hält kurz inne und überlegt, wie weit er seinen Chauffeur ins Vertrauen ziehen soll. Intuitiv entscheidet er sich dagegen und fährt mit einer allgemein gehaltenen Warnung fort: „Anton, eine neuerliche Balkankrise ist bei den Machtverhältnissen, wie sie in Europa derzeit vorliegen, eine sehr gefährliche Angelegenheit.“ Der Minister blickt gespannt über den Rückspiegel in Antons Augen. Wilde Entschlossenheit und die tiefe Furcht vor möglichen Konsequenzen lassen seine Stimme erzittern, als er fortfährt: „Durch die gegenwertigen Bündnisse, die die Großmächte in Europa eingegangen sind, kann unsere Reaktion auf diese abscheuliche Tat zu einer europäischen Krise führen. Und nur Gott allein weiß, wohin das führt!“
Brauer ist verunsichert. So emotional hat er seinen Chef schon lange nicht mehr erlebt. Die weitere Fahrt bis zum Ministerium, so überlegt er, wird er wohl besser schweigen. Mittlerweile haben sie die Stadtgrenze von Wien passiert und Brauer fährt mit gedrosseltem Tempo durch die Straßen der Stadt. Die Hitze an diesem Feiertag lässt die Temperatur im Fahrzeug rasch ansteigen, sodass Berchtold im Fond das Fenster öffnet und sich durch die Zugluft ein wenig Kühlung im Wageninneren erhofft. Das Treiben auf den Straßen, in den Cafés sowie auf den Plätzen, an denen sie vorbeifahren, lässt ihn keinen Unterschied zu anderen Tagen erkennen. Nichts deutet auf die Katastrophe von Sarajevo hin. Im Gegenteil. Als sie am Prater vorbeifahren, lässt Berchtold den Wagen anhalten. Er steigt aus, geht einige Schritte um den Wagen herum und stellt verwundert fest, dass selbst hier alles seinen gewohnten Gang nimmt. Keine Spur von Trauer und Fassungslosigkeit. Die Belustigungen und Vergnügungen werden dem Feiertag entsprechend ausführlich konsumiert und das schöne Wetter trägt das seinige zur allgemeinen Heiterkeit bei. Gedankenschwer steigt der Minister wieder in den Wagen. Es ist allgemein bekannt, dass Franz Ferdinand in der Bevölkerung nicht sehr beliebt gewesen ist, aber eine derartig geringe Resonanz auf seinen Tod hat er nicht erwartet.
Um 17:18 Uhr biegt Brauer vom Ring in Richtung Ballhausplatz ab, fährt am Hofburgtheater vorbei und erreicht kurz darauf das Ministerium des Äußeren. Die Ankunft des Ministers wird bereits erwartet, denn kaum hält das Automobil, stürmt ein Adjutant vor das Haus und öffnet die Wagentür, um Berchtold herauszuhelfen. Dieser nimmt seine Aktentasche mit den Notizen und verabschiedet sich von Brauer, nicht ohne diesen nochmals an die morgige Abholzeit und die zu besorgenden Morgenzeitungen zu erinnern. Als der Wagen abfährt, bleibt Berchtold am Straßenrand stehen und hält inne. Er blickt hinüber zur Hofburg. Die Hitze der Abendsonne lässt die Luft zittern, ein Windstoß wirbelt Staub und etwas Laub auf und lässt beides in kreisförmigen Bewegungen höher steigen, um alles schließlich in einer Hausecke sanft abzulegen. Sein Blick fällt auf die Fahnenmasten der Hofburg, wo seit gestern schwarze Flaggen auf Halbmast wehen. Tief durchatmend wendet sich Berchtold um und geht zügigen Schrittes ins Haus.
Ein Blick auf seine Taschenuhr zeigt ihm, dass bis zur Ankunft des Chefs des Generalstabes noch circa eine halbe Stunde verbleibt. Auf dem Weg zu seinem Büro eilt ihm bereits ein weiterer Mitarbeiter des Außenamtes entgegen, um ihn, während sie die Treppen und Gänge entlangschreiten, über die Ereignisse der vergangenen Stunden zu informieren. Trotz des Feiertags seien bereits die meisten Mitarbeiter im Haus und verrichteten, dem traurigen Anlass entsprechend, ihren Dienst. Unzählige Telegramme seien eingegangen, unter anderem vom deutschen Ministerpräsident und vom deutschen Außenminister, von allen in Wien ansässigen Botschaftern und auch vom serbischen Geschäftsträger, wie der Assistent sich hinzuzufügen beeilt. Darüber hinaus kämen immer neue Nachrichten aus Sarajevo, die als Urheber der Tat immer stärker Belgrad ausweisen. Mittlerweile seien sechs Personen verhaftet worden. „Sechs!“, entfährt es Berchtold, während er überrascht stehen bleibt. „Aber das ist ja dann eine Verschwörung und nicht das Attentat eines Einzelgängers!“ Für einen kurzen Moment entweicht die Farbe aus seinem Gesicht und Berchtold sieht seinen Mitarbeiter fassungslos an. „Für sechs Personen braucht es Organisation, Koordination und einen Plan! Wehe uns, wenn dieser tatsächlich aus …“ Er spricht seine Gedanken nicht zu Ende, sondern hastet, gefolgt von seinen Mitarbeitern, ins Büro.
Hinter seinen Schreibtisch sitzend und auf die Uhr blickend, instruiert er seinen engsten Beraterstab: „Meine Herren, in 17 Minuten, Sie wissen, Conrad erscheint immer fünf Minuten vor der Zeit, wird dieser hier sein. Bis dahin wünsche ich einen präzisen Überblick!“ Berchtold schlägt seine Mappe auf und greift nach einem Stift. Der Reihe nach berichten seine Mitarbeiter über die Ereignisse in Sarajevo, die wichtigsten Meldungen aus den europäischen Hauptstädten sowie die Reaktionen in der Monarchie. Er hört dabei von der Festnahme eines gewissen Gavrilo Princip und weiterer fünf Personen. Zudem wird erläutert, dass man die Leichname von Franz Ferdinand und seiner Gattin von Sarajevo per Eisenbahn an die Küste transportiert und diese von dort mit der Viribus Unitis, dem Flaggschiff der österreichisch-ungarischen Kriegsmarine, nach Triest überführen wird. Von dort werden sie, abermals mit der Eisenbahn, nach Wien gebracht. „Erwarteter Ankunftstag in Wien ist der 2. Juli“, stellt ein Mitarbeiter abschließend fest. Leopold Berchtold stellt einige Fragen zu den Attentätern, die von seinen Mitarbeitern nur ungenügend beantwortet werden können. Man verweist auf die laufenden Untersuchungen und die stündlich eintreffenden Telegramme aus Sarajevo.
„Wie sicher sind die Angaben über die Verbindungen nach Belgrad?“, fragt Berchtold in die Runde, spricht dabei aber keinen Mitarbeiter direkt an. Mit dem Finger auf das Porträt seines Vorgängers zeigend, fügt er mahnend hinzu: „Und ich will eine zuverlässige Auskunft!“ Niemand antwortet. Berchtold steht auf und geht zum Fenster. Während er hinausblickt, erinnert er sich an den sogenannten Friedjung-Prozess, der schließlich seinen Vorgänger das Amt kostete. Man hatte damals versucht, Aufruhrbestrebungen in Kroatien mithilfe geheimdienstlicher Beweismittel mit Serbien in Verbindung zu bringen. Im Zuge des darauffolgenden Prozesses wurde man zum Gespött der Öffentlichkeit und der europäischen Mächte, als herauskam, dass die Beweismittel Fälschungen waren. Einem Desaster solchen Ausmaßes zu entgehen, ist nun Berchtolds erster Gedanke. Seine Mitarbeiter erahnen dies zwar, können zu diesem Zeitpunkt seine Bedenken jedoch nicht zerstreuen. Die Meldungen aus Sarajevo seien noch nicht überprüft, daher wäre es wohl besser, noch keine offiziellen Verlautbarungen zu machen.
In diesem Moment erscheint ein Wagen vor dem Ministerium, ein Mann in Uniform steigt, ohne das vorgesehene Türöffnen eines Ministeriumsangestellten abzuwarten, aus und eilt ohne weitere Verzögerung ins Haus. Berchtold dreht sich zu seinen Mitarbeitern um. „Der General ist eingetroffen, ich bitte Sie, mich spätestens um 19:30 Uhr zu unterbrechen. Um 20 Uhr beginnt der Sonderministerrat, bereiten Sie dafür alles Weitere vor!“
Die Mitarbeiter verlassen das Büro. Berchtold stimmt sich auf die Unterredung ein und redet sich nochmals selbst ins Gewissen: „Ich darf diesmal keine Schwächen zeigen! Ein Feldzug, der sich womöglich zu einem europäischen Krieg auswächst, ist die letzte Option, darauf muss ich bestehen!“ Der Minister des Äußeren, stets auf sein Erscheinungsbild bedacht, rückt seinen Schlips zurecht und entnimmt aus seiner Aktentasche das Papier mit den Notizen, als es an der Tür klopft. Nach seiner Aufforderung tritt ein Mitarbeiter ein und meldet die Ankunft seines Besuchs. Graf Berchtold lässt bitten und geht einige Schritte zur Tür. Es ist 17:59 Uhr, als Franz Conrad von Hötzendorf, der Chef des Generalstabes der gemeinsamen Armee, das Büro von Leopold Berchtold betritt.
Berchtold bleibt stehen und streckt seinem Gast die Hand entgegen. Mit festem Händedruck, die Augen nicht voneinander lassend, stehen sich die beiden gegenüber. Conrad, einen Kopf kleiner als Berchtold, ist in seiner Generalsuniform erschienen, steht aufrecht und selbstbewusst vor Berchtold und blickt diesem argwöhnisch in die Augen. Berchtold, den Blickkontakt abbrechend, weist seinem Gast einen Sessel an der Besucherseite seines Schreibtisches zu, wartet, bis sich dieser gesetzt hat, und geht erst dann um seinen Schreibtisch herum. Dieses kleine taktische Geplänkel bewirkt, dass Berchtold noch steht und Conrad sitzend zum Minister des Äußeren aufschauen muss, als er, von diesen Nebensächlichkeiten unbeeindruckt, selbstbewusst das Gespräch eröffnet. Seine Stimmlage, seine Körperhaltung und sein Gesichtsausdruck weisen auf einen Mann hin, der gewohnt ist, die Führung zu übernehmen und die vollständige Verantwortung für seine Handlungen zu tragen. Conrad kommt daher gleich zu Sache: „Exzellenz, dass wir uns unter diesen Umständen wieder treffen, konnte keinesfalls erwartet werden, aber nun liegt ein Attentat auf die Monarchie vor, das den gesamten Staat in seiner Existenz bedroht. Wir müssen sofort handeln! Und …“, Conrad beugt sich nach vorne und legt seine Handschuhe auf Berchtolds Schreibtisch, um seinen Worten mehr Gewicht zu verleihen, „nach meiner Ansicht besteht dieser sofortige Schritt in der Mobilisierung gegen Serbien!“
Berchtold rückt beim Hinsetzen umständlich seinen Stuhl zurecht und bemerkt, den zweiten Satzteil Conrads ignorierend, dass mit diesem Attentat wahrlich nicht zu rechnen gewesen sei. Mit der Absicht, Zeit zu gewinnen, fragt er anschließend Conrad, wie sein Kenntnisstand über das Attentat sei und was Feldzeugmeister Potiorek aus Sarajevo berichtet habe. Conrad erläutert in knappen und präzisen Ausführungen seine aktuellen Informationen zu den Untersuchungen in Sarajevo und schließt mit den Worten: „Es ist unvermeidlich, dass wir auf diese Provokation reagieren, auch wenn diese der Monarchie zum aktuellen Zeitpunkt ungelegen kommt. Aber, das füge ich nachdrücklich hinzu, eine Tat wie diese ist niemals gelegen!“ Conrad blickt Berchtold geradewegs in die Augen.
„Mein verehrter General“, beginnt Berchtold und lehnt sich dabei in seinem Sessel zurück, „wie Sie wissen, können wir gegen Serbien nicht vorgehen, ohne dass Russland, bei seinen traditionellen Beziehungen zu diesem Balkanstaat und ohne einen ungeheuren Verlust an Prestige, unserem Vorgehen tatenlos zusehen kann. Und was das bedeutet, brauchen wir nicht näher zu erläutern! Die Folgen des russischen Eingreifens liegen doch offen zutage …“ „Die Folgen des Attentates liegen ebenfalls offen zutage, Herr Minister!“, unterbricht ihn Conrad. „Die seit Langem zu beobachtenden nationalistischen Strömungen der südslawischen Rasse können auch Sie nicht wegleugnen und wir haben die Wahl, ob dieser angestrebte Zusammenschluss der Slawen innerhalb der Monarchie auf Kosten Serbiens oder außerhalb der Monarchie auf unsere Kosten erfolgen wird. Ich“, Conrad hebt seine Stimme, „habe schon oftmals betont, dass mit dem Verlust der südslawischen Länder nicht nur ein Territorial-, sondern auch ein enormer Prestigeverlust für die Monarchie entstehen könnte. Österreich würde zu einem Kleinstaat verkommen!“
Conrad ist aufgestanden, ihm schaudert bei dieser Vorstellung. Klein beizugeben, entspricht so gar nicht seinen Wesenszügen. Er ist immer Klassenbester gewesen, von der Kadettenzeit bis zur Militärakademie, immer auf ein Ziel ausgerichtet: Meister seines Faches zu sein. Jetzt, da er die für seine Begriffe verspätete Chance gekommen sieht, am Balkan endlich für klare Verhältnisse zu sorgen, will er sich nicht ein weiteres Mal von den Bürokraten vorführen lassen. Er steht auf, blickt fest entschlossen auf Berchtold hinunter und erwartet dessen Reaktion. Berchtold, ohnehin schon sorgfältig platzierte Büroutensilien zurechtrückend, lässt einige Augenblicke verstreichen, um die erhitzte Atmosphäre zu beruhigen. Dann antwortet er, Conrad mit der rechten Hand auf den Sitz zurückdeutend, mit sanfter Stimme: „Mein lieber Conrad, setzen Sie sich wieder. Natürlich kennen wir alle Ihre Denkschriften und wir haben sie oftmals erörtert, aber …“, Berchtold macht eine Gedankenpause, „Aktionen ohne Rückversicherungen können bei der aktuellen Mächtekonstellation ebenfalls das Ende der Monarchie bedeuten. Das wissen Sie genauso gut wie ich. Ich gebe Ihnen allerdings recht, dass wir diesmal den nun eingetretenen Moment zur Lösung der serbischen Frage nicht ungenutzt verstreichen lassen dürfen. Seine Majestät ist ebenfalls heute aus Ischl zurückgekehrt und ich habe morgen eine Allerhöchste Audienz hierzu. Um die Gunst der Stunde in unserem Sinne und vor allem gegenüber den Mächten zu nutzen, müssen wir, verehrter General, außerdem den Ausgang der Untersuchungen in Sarajevo abwarten.“
„Die Moslems und Kroaten der Monarchie sind gegen die Serben“, entgegnet Conrad, während er sich wieder hinsetzt. „Und die Russen müsste man mit dem Hervorheben des Antimonarchischen dieser Tat beruhigen. Das ist die Aufgabe Ihrer Dienststelle, Herr Minister. Die politische und militärische Außenwirkung der Monarchie muss einheitlich sein. Wir können uns keinen Gesichtsverlust mehr leisten!“ Conrad hebt abermals seine Stimme und blickt auf das Porträt des Amtsvorgängers von Berchtold, Graf Aehrenthal. Dann fährt er fort: „Wir können am 1. Juli mobilisieren und Serbien ohne weitere Verhandlungen zur Rechenschaft ziehen. Wenn man eine giftige Natter an der Ferse hat, schlägt man ihr den Kopf ab und wartet nicht auf den tödlichen Biss!“
Den letzten Satz hat der General dem Minister voller Polemik entgegengeschleudert. Berchtold, der weiß, dass Conrad auf die nur mit Mühe abgewickelte bosnische Annexionskrise sowie seine, Berchtolds, zweifelhafte Außenpolitik während der beiden Balkankriege 1912 und 1913 anspielt, entgegnet mit Bedacht, um die Geduld nicht zu verlieren: „Wir werden angemessen reagieren. Ich habe mir ein Vorgehen zurechtgelegt, wie wir auf diesen barbarischen Akt reagieren werden. Zum einen müssen wir den Ausgang der Untersuchungen in unsere Reaktion mit einfließen lassen, zum anderen ist es unsere Pflicht, die Haltung unseres Bundesgenossen zu erfragen … Ja, bitte?“ Berchtold wird von einem vorsichtigen Klopfen unterbrochen und blickt zur Tür. Ein Mitarbeiter tritt mit dem Hinweis auf den bevorstehenden Ministerrat ein und unterbricht auf diese Weise das Gespräch. Berchtold bedankt sich bei dem Mann, der mit einer Verbeugung den Raum verlässt. Sich an Conrad wendend, fährt Berchtold fort: „In 30 Minuten beginnt ein Sonderministerrat, in dem wir die weitere Vorgehensweise erörtern werden. Ich werde auch Ihren Standpunkt einbringen, Herr General. Morgen bin ich, wie gesagt, bei Seiner Majestät zur Audienz und danach, so schlage ich vor, unterbreite ich Ihnen die Ergebnisse beider Zusammenkünfte. Ich ersuche Sie, mir ebenfalls über die Entwicklungen Ihrer Termine und vor allem bezüglich der Ereignisse in Sarajevo Bericht zu erstatten.“ Conrad und Berchtold stehen auf, verabschieden sich kurz mit höflichen Floskeln und Conrad von Hötzendorf verlässt entschlossenen Schrittes das Büro.
Nachdenklich setzt sich Leopold Berchtold wieder an seinen Schreibtisch. Der Handlungsspielraum für die Monarchie ist ausgesprochen begrenzt, denn wie auch immer die Reaktion auf diesen Mord ausfallen wird, die Konsequenzen könnten fatal sein. „Vom militärischen Standpunkt aus hat Conrad recht“, denkt sich Berchtold. „Aber trotzdem: Ein Krieg gegen Serbien, in den höchstwahrscheinlich Russland eingreifen wird, ist die letzte Alternative, bevor wir nicht wissen, wie sich Deutschland dabei verhält! Wir stehen doch mit dem Rücken zur Wand!“ Berchtold blickt auf die Uhr. Bis ins Parlament braucht er zu Fuß etwa 15 Minuten, also hat er noch einen Augenblick Zeit. Als Leiter des Auswärtigen Amtes muss er in diesem tragischen Fall die Richtung vorgeben und entsprechend selbstbewusst auftreten. Er geht zum Spiegel, richtet sich Kragen und Schlips, zupft an seinem Jackett und wirft einen Blick auf die Schuhe. Ein Taschentuch zückend, bückt er sich und entfernt die Staubschicht von seinen schwarzen Schuhen. Dann richtet er sich wieder auf und blickt prüfend in den Spiegel. Seine makellose Erscheinung entlockt ihm den Anflug eines zufriedenen Lächelns. Er dreht sich um, sortiert die Arbeitsunterlagen vom Schreibtisch in die Aktentasche und eilt raschen Schrittes die Korridore des Ministeriums entlang.
DIENSTAG, 30. JUNI
Oskar Potiorek steht vor einer Zellentür des Stadtgefängnisses von Sarajevo und zögert. Er ist unrasiert, müde, unausgeschlafen. Seine Augen, mit schwarzen Ringen untermalt, liegen in tiefen Höhlen und versuchen, irgendwo an der Zellentür Halt zu finden. Langsam und behäbig nähert sich der Feldzeugmeister der Tür und gibt dem Wachmann schließlich doch ein Zeichen, sie zu öffnen.
***
Für den 61-jährigen Potiorek, General der Kavallerie im Rang eines Feldzeugmeisters, waren die Stunden nach dem Attentat ein einziger Albtraum. Rund um die Uhr trafen Telegramme, Depeschen, Telefonanrufe aus der gesamten Monarchie und aus dem Ausland in Sarajevo ein. Es waren Hunderte. Die Männer im Telegraphenbureau musste man im Dreistundenrhythmus wechseln, länger hielt ihre Konzentrationsfähigkeit nicht an. Die Heerschar der Reporter und Berichterstatter, die über die Stadt hereingefallen war, wuchs rasch, nachdem sich die Unglücksmeldung seit Sonntag verbreitet hatte. Neben den beiden Toten stand Oskar Potiorek im Mittelpunkt des Interesses. Alle Anfragen und Auskunftsersuchen hatten einen ähnlichen Inhalt: Wie war der Hergang des Attentats? Wer sind der oder die Täter? Wie konnte das überhaupt geschehen? Wer trägt die Verantwortung? Immer wieder wurde die Frage nach Ursache und Verantwortung vorgebracht. Mit schonungsloser Gewalt forderten die Wissbegierigen Antworten.
Potiorek hatte die Tragweite der Katastrophe im Laufe der ersten Nacht nach und nach realisiert. Jede anklagende Anfrage, die auf seinen Schreibtisch oder an sein Ohr gelangte und Erklärung sowie Rechenschaft forderte, riss vor ihm jenen Abgrund weiter auf, an dem er sich nun wiederfand. Mit jedem publizierten Detail des Verbrechens würde die Meute auch ihn und seine Verantwortung als oberster Landeschef von Bosnien und Herzegowina vor die Öffentlichkeit zerren. Der Attentäter Gavrilo Princip hatte mit seinen Schüssen am 28. Juni nicht nur das Thronfolgerpaar gerichtet, sondern auch seine, die heile Welt des Oskar Potiorek, zum Einsturz gebracht. Dem Landeschef wurde keine Zeit zum Atemholen gegönnt, keine Möglichkeit der Aufarbeitung des Geschehenen, denn noch in der Nacht zum Montag kamen aus Wien erste Anweisungen zum Trauerzeremoniell. Potiorek richtete seine ganze Aufmerksamkeit und Konzentration darauf. Wenigstens bei der Abwicklung dieser so traurigen Aufgabe sollte alles fehlerfrei ablaufen.
Der Montag stand daher ganz im Zeichen der Vorbereitung der Trauerfeier und der Überführung der Särge zum Bahnhof. Das Hofzeremoniell ließ für den Umgang mit dem ermordeten Thronfolgerpaar keine allzu großen Spielräume. Die Überführung war für den Abend vorgesehen. Und wieder hatte sich eine große Menschenmenge entlang der Straßen eingefunden. Diesmal jedoch, Potiorek hatte alle verfügbaren Soldaten der Umgebung in die Stadt befohlen, war genug Wachpersonal und Militär anwesend, das die Straßen freihielt. Als der Trauerzug am Bahnhof eintraf, wurden Salutschüsse mit eigens herbeigebrachten Kanonen abgefeuert und unter großer Anteilnahme der Bevölkerung sang man die Volkshymne. Dann fuhr der Trauerzug mit der Bahn in Richtung Meer ab. Von dort, Potiorek hatte sich mit dieser Route gegenüber den Wünschen Wiens und zu Ehren des Erzherzogs durchgesetzt, würden die Särge auf die Viribus Unitis verladen, bis Triest verschifft und dann mit dem Zug nach Wien gebracht. Dieser Reiseverlauf entsprach exakt der Fahrt des Erzherzogs nach Bosnien, bevor diese auf so tragische Weise geendet hatte.
Nach der Zeremonie forderten Potioreks Nerven und die Müdigkeit ihren Tribut und er begab sich in den Konak, um sich ein wenig Ruhe zu gönnen. Doch durch die Anspannungen des Tages und der Nacht konnte er keinen erholsamen Schlaf finden und wälzte sich unzählige Male im Bett hin und her. Die Ereignisse hinterließen auch in seinem Traum ihre Spuren und riefen Zerrbilder der vergangenen Stunden hervor. Schweißgebadet wachte er schließlich auf und entschloss sich noch in der Nacht, Gavrilo Princip im Gefängnis gegenüberzutreten. Er musste diesen Jungen sehen. Er wollte wissen, wie es sich anfühlte, dem eigenen Schicksal zu begegnen.
***
Es knarrt laut und in den verrosteten Türangeln quietschen die Scharniere, als der Wachmann die Tür öffnet, hineinspäht und, nach einer Prüfung, ob für den Landeschef ein sicheres Eintreten möglich ist, Oskar Potiorek den Zutritt freigibt. Der Feldzeugmeister hat keine Erfahrung im Umgang mit politischen Attentätern, wie Princip einer ist. Unsicherheit beschleicht ihn. Ihn, der seit er auf den Posten des Landeschefs berufen ist, die Geschicke dieser jüngsten Provinz des Habsburgerreiches mit Vehemenz von seinem Schreibtisch aus geführt hat. Er zögert wieder. Nachdem er sich mit einem weiteren prüfenden Blick der Wachsamkeit und Einsatzbereitschaft des Wachpersonals vergewissert hat, tritt Potiorek ein. Wie zum Hohn muss er dabei seinen Kopf senken und gewissermaßen eine Verbeugung andeuten, denn die Zellentür ist nach uralter Bauart viel zu niedrig für seine Größe. In der Gefängniszelle blickt er hastig um sich und versucht, der ihm fremden Situation Herr zu werden, indem er sich möglichst hoch aufrichtet und so seiner Autorität Gewicht verleiht. Das Bild, das sich ihm bietet, lässt seine Verunsicherung jedoch rasch schwinden und er weist das hinter ihm in die Zelle drängende Wachpersonal mit einer Handbewegung an, sich zu entfernen. Mit einem satten Geräusch schließt sich die Zellentür und der schwere schmiedeeiserne Riegel wird langsam entlang der alten, massiven Holzdielen in seine Verankerung geschoben. Es herrscht Stille.
Potiorek blickt noch einmal prüfend im Raum umher. Die Wände sind grob verputzt und was einmal ein weißer Kalkanstrich war, ist mit der Zeit vergilbt und verstaubt. Überall sind Kratzspuren und Bemalungen von früheren Insassen zu sehen, selbst der Plafond wurde bekritzelt. Im linken hinteren Eck steht eine Bettstatt mit dem für Gefängnisse typischen Bettzeug: Eine unförmige Matratze, ein Polster und eine Decke, die auf einem einfachen Holzgestell liegen, sind mit grobem Leinen überzogen. Sein Blick wandert weiter zum Fenster, das hoch oben, fast direkt unter der Decke, angebracht ist. Selbst an diesem warmen, schönen Tag lässt es nur wenig Tageslicht in die Zelle, sodass alles ein wenig fahl und matt erscheint. Die Kühle im Raum und Potioreks Übermüdung sorgen dafür, dass ihn ein kalter Schauer erzittern lässt. Neben dem Bett und dem Holzeimer für die Notdurft des Insassen gibt es nur noch einen armseligen Holztisch und einen ebensolchen Sessel. Für den Besucher ist jedoch kurz vor seiner Ankunft ein zweiter Sessel gebracht worden.
Potiorek spürt, wie sich seine Hände, die hinter dem Rücken die Handschuhe seiner Uniform halten, unwillkürlich zu Fäusten ballen. Durch die beinahe atemlose Stille im Raum hört er, wie das Leder der Handschuhe knirschend zusammengepresst wird. Potioreks Puls steigt an und sein Blut beginnt am eng anliegenden Kragen seiner Uniform zu pulsieren. Plötzlich ist die Kühle im Raum nicht mehr zu bemerken und auch die Müdigkeit scheint wie weggeblasen. Potiorek versucht, seine Erregung zu unterdrücken, und beruhigt mit einem tieferen Atemzug seinen Puls. Er geht langsam, den Blick nun starr geradeaus gerichtet, zum Tisch und setzt sich auf den freien Sessel.
Was kann er einem Fanatiker wie Princip wohl sagen? Soll er etwa die Frage nach dem Warum stellen? Soll er diesen 18-jährigen bosnischen Burschen mit Vorwürfen konfrontieren, ihm den Irrsinn seiner Tat vorhalten? Nichts dergleichen kann die Tat rückgängig machen und damit sein Schicksal wieder ins Lot bringen. Und auf eine politische Debatte hat er keine Lust.
Müdigkeit und Resignation befallen erneut Potioreks Körper. Im Angesicht des Elends, das da vor ihm sitzt, fällt das Gerüst seiner Moralpredigt, die er sich zurechtgelegt hat, langsam und unaufhaltsam in sich zusammen und hinterlässt nichts als Leere. Princip scheut sich, ihn direkt anzublicken, und starrt regungslos auf die Tischplatte. Die Augen des Attentäters wirken bleiern und fahl, sein Gesicht ist blass. Die Augenringe lassen ihn älter aussehen, als er in Wahrheit ist.
Potiorek fährt sich mit einer Hand durch sein schütteres Haar. Zweifel über die Sinnhaftigkeit dieses Besuches befallen ihn. Er steht wieder auf und geht an das hintere Ende der Zelle. Dicht vor der Wand bleibt er stehen. Potioreks Gedanken verschwimmen. Er spürt die Feuchte der Wand, kann die alte Farbe riechen, das leicht Schimmlige und Modrige in der Mauer. Drei-, viermal atmet er stehend tief ein und aus, dann gewinnt sein Machtbewusstsein einmal mehr die Oberhand und er geht, diesmal mit festem Schritt, zum Tisch zurück und setzt sich wieder auf den Stuhl. „Im Angesicht dieses Mörders“, seine Gedanken gewinnen spürbar an Entschlusskraft, „und so wahr ich hier sitze, werde ich alles in meiner Macht Stehende ausreizen, damit dieses Odium der Schuld nicht an mir haften bleibt!“
***
Bei seiner Berufung zum Landeschef von Bosnien hatte er gehofft, einen ruhigen Posten anzunehmen. Als er nach Sarajevo kam, informierte er sich nur oberflächlich über die politische und militärische Lage im Land, gesellschaftliche oder soziale Belange interessierten ihn noch weniger. Er zog in den Konak, das herrschaftliche Palais der Stadtväter, und führte von dort aus in streng administrativer Manier das Land. Er machte nie viel Aufhebens um die Bevölkerung und deren Bedürfnisse, Entscheidungen traf er hinter seinem Schreibtisch sitzend. Bis jetzt hatte er in Sarajevo immer ein relativ angenehmes Auskommen gehabt! Die paar Jahre, die ihm noch bis zum Ruhestand blieben, sollten mit dem Besuch des Thronfolgers einen krönenden Höhepunkt erreichen. Schon kurz nachdem er über diesen Besuch informiert worden war, beschäftigte er sich daher intensiv mit der Planung und Organisation des erzherzoglichen Aufenthaltes. Mehrmals wurden seine Pläne und Vorschläge von Wien korrigiert, nicht zuletzt auch mit dem Hinweis auf budgetäre Engpässe. Schließlich konnte man sich doch einigen und das Programm festlegen.
Es gab immer wieder Gerüchte, dass es zu Störversuchen kommen könnte, aber Unannehmlichkeiten dieser Art würden bei jedem Besuch eines Mitglieds der kaiserlichen Familie in allen Teilen der Monarchie vorkommen. Die Besorgnis von Potiorek und seinem Mitarbeiterstab war nicht größer als sonst. Wie hätte er ahnen sollen, dass just in seiner Stadt ernst gemacht würde und man nach dem Leben des Thronfolgers trachtete. Die üblichen Sicherheitsmaßnahmen entlang der Wegstrecke fielen ebenso wie zusätzliche Wachtruppen dem Spargedanken zum Opfer. Die Benutzung der offenen Wagen war seine Anordnung. Man wollte der großen Hitze Rechnung tragen.
Im Nachhinein erwies es sich als fatal, dass der detaillierte Besuchsablauf schon frühzeitig veröffentlicht worden war. Die größten Vorwürfe gegenüber Potiorek wurden aber laut, weil die Fahrt nach dem ersten Bombenwurf nicht abgebrochen wurde. Er schaffte es nicht, dem Erzherzog die Notwendigkeit einer Planänderung vor Augen zu führen. Geradezu auf einem Präsentierteller setzte man den Besuch fort und gab den sechs jungen, fehlgeleiteten Fanatikern aus Bosnien, keiner älter als 25 Jahre, dazu Gelegenheit, ihren Plan in die Tat umzusetzen. Ein Augenblick genügte und Potioreks persönlich geformte und verwaltete Welt brach inmitten seiner Stadt und vor seinen Augen zusammen. Ein 18-jähriger Gymnasiast hatte ihn vor der Welt gedemütigt und bloßgestellt.
***
Diese Gedanken reißen Oskar Potiorek zurück in die Gegenwart. Zum ersten Mal, seit er die Zelle betreten hat, ist er jetzt in der Lage, sein Gegenüber genau zu mustern. Princip sitzt noch immer regungslos auf seinem Sessel und hält den Kopf gesenkt. Er hat noch denselben Anzug an, den er beim Attentat getragen hat. Das weiße Hemd ist mittlerweile verschmutzt, am Jackett fehlt eine Tasche. „Das ist wohl im Zuge der Handgreiflichkeiten während der Festnahme geschehen“, denkt Potiorek. Er zieht den rechten Handschuh an und streckt langsam seine Hand über den Tisch. Ohne Widerstand lässt sich der Kopf des jungen Mannes anheben. Potiorek blickt in zwei schwarze, grimmige Augen. Das dichte Haar und der typisch unregelmäßige Oberlippenbart können sein Alter nur schwer verbergen. Potiorek blickt lang in die Augen des Attentäters und versucht, auch nur den geringsten Anflug von Reue oder Schuldbewusstsein zu entdecken. Vergebens. Vielmehr hat der Landeschef den Eindruck, als erblicke er so etwas wie Mitleid für ihn selbst im Blick des jungen Bosniers. Nein, reden hätte keinen Sinn, jedes Wort wäre ein Wort zu viel und vergebens!
Die Verletzlichkeit und Jugend des Jungen lassen Potiorek zur Überzeugung kommen, dass selbst der schlimmste Albtraum besiegt werden kann. „Alle Fäden laufen zwar in Wien zusammen und ich bin fern der Machtzentrale“, der Landeschef spürt einen Funken Hoffnung bei diesem Gedanken, „aber noch habe ich Freunde und Einfluss. Die Schuldigen werden bezahlen!“
Etwas zuversichtlicher steht Potiorek auf und bleibt, auf Princip herunterblickend, noch einen Augenblick stehen. Dann dreht er sich um und geht langsam zur Tür. Er klopft zweimal und sofort wird ihm geöffnet. Als Potiorek die Zelle verlassen will, steht Princip auf und ein zynisches Lächeln umspielt seinen Mund. Der Feldzeugmeister, mit einer Hand hat er bereits die Zellentür ergriffen, blickt zurück und stößt mit kräftiger Stimme hervor: „Du hast keine Ahnung, was du mit deiner Tat angerichtet hast, mein Junge, aber ich werde alles daran setzen, dass dir unsere Antwort darauf nicht verborgen bleibt!“
Mit Gewalt fällt die schwere Tür ins Schloss und der Riegel wird wieder vorgeschoben. Princip bleibt noch eine Weile stehen, dann geht er zum Bett und legt sich auf den Rücken. Langsam streckt er sich aus und kreuzt seine Arme über der Brust. Seine weit geöffneten Augen blicken starr auf den Plafond. Lange liegt er regungslos da. Dann, in der Zelle wird es bereits dunkel, fährt er plötzlich hoch und schreit voller Inbrunst in die Stille des Gefängnisses: „Ich bin kein Verbrecher, denn ich habe einen Mann getötet, der Unrecht getan hat! Ich glaube, dass ich richtig gehandelt habe!“
***
Am selben Nachmittag, während in Sarajevo Feldzeugmeister Oskar Potiorek das Gefängnis verlässt, sitzt der Botschafter des Deutschen Reiches in Wien, Heinrich Leonhard von Tschirschky und Bögendorff, in seinem Büro und arbeitet an einem Bericht für seinen Vorgesetzten in Berlin.
Am Morgen hat er als einer von vielen Vertretern der ausländischen Mächte dem Außenminister der österreichisch-ungarischen Monarchie seinen Kondolenzbesuch abgestattet. In diesem Rahmen hat sich auch die Gelegenheit zu einer kurzen privaten Unterredung mit Graf Berchtold geboten. In völliger Übereinstimmung mit den bisherigen Gepflogenheiten und der offiziellen Haltung der deutschen Außenpolitik hat er sich als offizieller Vertreter seines Landes für ein hohes Maß an Besonnenheit und Zurückhaltung in der Donaumonarchie ausgesprochen. „Österreich darf nichts überstürzen, muss bei Aktionen jedenfalls die europäische Gesamtlage im Auge behalten und darf aus Rücksicht auf den deutschen Bundesgenossen keine übereilten Schritte herbeiführen“, sind seine Worte an Berchtold gewesen. Dieser hat sich dafür sehr freundlich bedankt und versichert, dass in diesen Zeiten eine friedliebende und sachlich ruhige Weltanschauung besonders hilfreich sei.
Jetzt sitzt Tschirschky an seinem Arbeitsplatz und verfasst vorschriftsgemäß seinen zusammenfassenden Bericht über die Ereignisse des Tages an den Kanzler des Deutschen Reiches, Theobald von Bethmann Hollweg. „Ich benutze bei dem österreichischen Minister jeden solchen Anlass, um ruhig, aber sehr nachdrücklich und ernst vor übereilten Schritten zu warnen“, erläutert Tschirschky. Die Feder beiseite legend, lässt er das Gespräch mit Berchtold nochmals Revue passieren. Dieser hat ausgeführt, dass der gesamte Tathergang auf Spuren nach Serbien hindeute und der Thronfolger als ein Opfer einer Verschwörung zu betrachten sei. Auch von anderer Stelle habe man an ihn, Berchtold, seit Bekanntwerden des Attentates ständig den Wunsch herangetragen, mit den Serben endlich abzurechnen. Seine beruhigenden Worte wiederholend, hat der deutsche Botschafter abermals auf die möglicherweise verheerenden Auswirkungen eines unüberlegten österreichischen Vorgehens hingewiesen.
Mit einem zufriedenen Lächeln und im Bewusstsein, beruhigend auf die offiziellen Stellen in Österreich eingewirkt zu haben, unterfertigt der Botschafter seinen Bericht und bringt ihn für die weitere Bearbeitung und den Versand nach Berlin ins Vorzimmer.
MITTWOCH, 1. JULI
Während die beiden hohen Masten im glänzenden Licht der aufgehenden Sonne schon weithin sichtbar sind, liegt der Stahlrumpf des Schiffes noch im fahlen Halbschatten der Morgendämmerung. Langsam lässt die aufgehende Sonne immer tiefer liegende Deckaufbauten im hellen Morgenlicht erstrahlen. Aus den beiden großen Schornsteinen verpuffen die letzten grauen Rauchschwaden, die sich im sanften Wind mäanderförmig in den wolkenlosen Himmel winden, dabei immer heller werden und schließlich völlig verschwinden. Nach den riesigen Schornsteinen tauchen die wuchtigen, dreiläufigen Kanonentürme in das gleißende Licht des neuen Tages. Treppenförmig angeordnet ragen die mächtigen Aufbauten an Bug und Heck über das Schiffsdeck hinaus und dominieren das imposante Erscheinungsbild des Schlachtschiffes. Dann liegt die Viribus Unitis in ihrer ganzen militärischen Pracht im Hafen von Triest.
Trotz der morgendlichen Stunde ist die gesamte Mannschaft an Deck angetreten und erweist den Toten, die die ganze Strecke von Metkovic bis hierher am Bug des Schiffes aufgebahrt waren, die letzte Ehre. Alles verharrt in Stille, während zwei Beiboote an der Längsseite des großen Schlachtschiffes langsam zur spiegelglatten Wasseroberfläche abgelassen werden. Im Hintergrund ertönt das monotone Stakkato der Trommler, die die Trauerzeremonie begleiten. In der Mitte der beiden kleinen Boote steht je ein Sarkophag, rechts und links von Matrosen der Ehrenwache in ihren Galauniformen flankiert. In strenger Abfolge werden Kommandos gegeben und ausgeführt, Matrosen setzen sich auf die vorgesehenen Plätze und lassen synchron die Ruder zu Wasser. Das Trommeln am Schiff verstummt, ein weithin schallendes Kommando bereitet die Besatzung auf den folgenden ohrenbetäubenden Lärm vor. Sekunden später erzittert das riesige Schiff unter dem grollenden, fauchenden Getöse des ersten Salutschusses. Zu Ehren der beiden Toten folgen weitere von jedem der dreiläufigen Kanonentürme. Die Triester, die sich schon vor Sonnenaufgang am Hafen versammelt haben, um diesem Moment von historischer Tragweite beiwohnen zu können, hören noch lange die Echos als gewaltiges Donnergrollen, das aus den umliegenden Hügeln zurückgeworfen wird. Dann herrscht wieder Stille.
Plötzlich, wie von einer unsichtbaren Mechanik gesteuert, beginnen die Matrosen in beiden Booten mit einem für Anlässe dieser Art eigentümlichen Rhythmus die Ruder ins Meer zu tauchen und die Boote in Bewegung zu setzen. Während der Salutschüsse haben sich die Trommler auf ihre Plätze im ersten Beiboot begeben und erwecken von dort aufs Neue mit dem monotonen Klang ihrer Instrumente jenen Takt, der die weitere Zeremonie begleitet. Bedächtig und sorgsam auf das Gleichgewicht achtend, gleiten die beiden Boote der Stadt entgegen, die durch den Kaiser schon vor über 60 Jahren für ihre patriotische Haltung in längst vergangenen Kriegen mit besonderen Auszeichnungen bedacht worden ist. An diesem Julimorgen zeigt sich nun abermals die Treue und patriotische Haltung der Triester, die in den vergangenen Tagen alles getan haben, um den Toten die letzte fürstliche Ehre zu erweisen. Trauerflore, schwarz-gelbe Fahnen auf Halbmast sowie Bilder des Kaisers und des ermordeten Thronfolgerpaares dominieren das Stadtbild. Der große Platz mit Blick auf den Hafen wird von einer riesigen Menschenmenge gesäumt, die es sich, obwohl mehrheitlich der italienischen Bevölkerungsgruppe zuzurechnen, nicht nehmen lässt, den Thronfolger und seine Gattin auf dem letzten Weg zu begleiten.
Nun blickt alles gebannt den beiden Ruderbooten entgegen, die sich soeben der Mole nähern. Das neuerliche Verstummen der Trommeln geht mit dem plötzlichen Einholen der Ruderblätter einher. Auf der Mole machen sich Männer bereit, die Beiboote der Viribus Unitis einzufangen und sanft zum Stillstand zu bringen. Der Kapitän geht zuerst von Bord und meldet dem ranghöchsten Offizier unter Einhaltung des strengen k. u. k. Protokolls die Ankunft der höchsten Sarkophage in Triest. Ein General der Infanterie nimmt die Meldung mit versteinerter Miene entgegen, salutiert und befiehlt den weiteren Verlauf der Zeremonie.
Unmittelbar nach dem Befehl erschallt weithin vernehmbar das „Habt Acht“ und die Ehrenkompanie formiert sich. 16 Männer lösen sich aus der Truppe, bewegen sich im Gleichschritt auf die Landungsboote zu und nehmen dort die Särge in Empfang. Nichts außer dem dumpfen Klang der Schritte ist in diesen Momenten zu hören. Selbst die Brandung, die für gewöhnlich in den Morgenstunden lebhaft an den Pier des Hafens schlägt, schwappt an diesem Tag nur zaghaft an die Betonmauer. Die Bevölkerung nimmt in stummer Trauer von den Toten Abschied.
In die Ehrenkompanie kommt wieder Bewegung. Ein laut schallendes „Präääsentiiiiiert!“ wird über den Platz gebrüllt und vollkommen gleichzeitig heben die Männer ihre Gewehre in einem komplexen Bewegungsablauf vor die Brust, um sie dort mit beiden Händen zu fixieren. Unmittelbar danach setzen sich mit Trommelbegleitung die Sargträger in Bewegung und steuern die Mitte des Platzes an. Die Sarkophage, zur Gänze mit schwarz-gelben Fahnen bedeckt, werden dort gut sichtbar auf mit Blumenbouquets und Kränzen üppig geschmückte Podeste gestellt.
Aus der Reihe der hohen Trauergäste tritt ein Kardinal hervor und nimmt, die Särge dabei umrundend, in lateinischer Sprache und dem liturgischen Ritual entsprechend die Einsegnung vor. Während sich im Hintergrund die Ehrenkompanie neuerlich formiert, werden die Särge wieder angehoben und diesmal auf Hüfthöhe zu den Trauerwägen getragen, die neben den Podesten bereitstehen. Die beiden Kutschen sind vollkommen in hochglänzendem Schwarz lackiert und weisen eine reichhaltige goldene Verzierung mit Symbolen und Ornamenten auf, die auf die allerhöchste Verwendung dieser Kutschwägen hinweisen. Durch riesige Glasfenster zu beiden Seiten ist das Innere ersichtlich. Es ist mit feinster schwarzer Seide ausgekleidet und ebenfalls mit kaiserlichen und katholischen Verzierungen geschmückt.
Vor die Leichenwägen sind je vier schwarze Pferde gespannt, an deren Spitze eine Einheit der örtlichen Garnison Aufstellung nimmt. Weitere Abordnungen diverser Waffengattungen stellen sich auf beiden Seiten auf. Während die Särge in die Leichenwägen geschoben werden, erschallen im Hintergrund Salutschüsse. Meisterhaft haben die Pfleger ihre Pferde auf Ereignisse dieser Art vorbereitet, sodass keines der Tiere scheut oder in der Formation zu bocken beginnt. Ein kurzes Verweilen, ein letztes Kommando und mit dem neuerlichen Einsetzen der Trommelbegleitung setzt sich der Trauerzug Richtung Bahnhof in Bewegung, wo bereits ein Sonderzug unter Dampf steht. Für die beiden Sarkophage wird jener Salonwagen bereitgehalten, mit dem der Erzherzog knapp zehn Tage zuvor seine Reise nach Sarajevo angetreten hat.
***
Während in Triest die beiden Särge in den Zug nach Wien verbracht werden, betritt in der Reichshauptstadt der königlich-ungarische Ministerpräsident Graf István Tisza das Büro von Leopold Berchtold. Für Berchtold ist es nach dem Treffen mit Conrad der zweite schwere Gesprächsbrocken, den er in diesen Tagen zu verdauen hat. Während er mit Conrad und dessen allseits bekannten Haltungen umzugehen gelernt hat, verspürt er gegenüber dem ungarischen Ministerpräsidenten stets das Gefühl der ohnmächtigen Unterlegenheit. Conrad gilt es zu besänftigen, ihn vor einem übereilten Schritt gegenüber Serbien zurückzuhalten. Bei Tisza ist die Sache anders gelagert, ihm gegenüber hat er Stärke und Handlungsbereitschaft zu demonstrieren. Einen ersten Teilerfolg gegenüber Conrad hat Berchtold vorgestern relativ problemlos erringen können, denn der General hat sich gegenüber seinen Argumenten fürs Erste einsichtig gezeigt.
István Tisza war schon einmal, von 1903 bis 1905, ungarischer Ministerpräsident und hat seit dieser Zeit seinen politischen Einfluss und seine Macht – auch in Österreich – über viele Verbindungen und Kontakte ausbauen und festigen können. Als Tisza im Juni letzten Jahres erneut zum Ministerpräsidenten ernannt wurde, ahnte Berchtold, dass in der Außenpolitik eine neue Zeitrechnung anbrechen würde. Er hat recht behalten. Durch ihre gegensätzlichen politischen Ansichten ist es zwischen ihnen seither immer wieder zu einem harten politischen Schlagabtausch gekommen. Oft ist es der Ungar, der die komplizierte politische Landschaft in der Doppelmonarchie besser auszunutzen versteht und mit gefinkelten Schachzügen, aber vor allem mit dem Rückhalt des Kaisers, den Sieg in der Auseinandersetzung davonträgt. Berchtolds politisches Selbstvertrauen wird dadurch immer wieder schwer in Mitleidenschaft gezogen, hat ihm dies doch die wenig schmeichelhafte Nachrede des außenpolitischen Schwächlings eingebracht. Heute aber ist Berchtold auf dieses Treffen gut vorbereitet. Er will dem Ungarn klarmachen, dass er allein es sei, der von nun an die Außenpolitik bestimmen, das Heft an sich reißen und als Schrittmacher der österreichischen Reaktionen fungieren würde. Ab nun soll ein anderer Führungsstil in der Außenpolitik herrschen, der ein im Sinne des Grafen Aehrenthals geführtes Selbstverständnis demonstriert.
Als István Tisza in Begleitung eines Mitarbeiters des Ministeriums das Büro betritt, zeigt Berchtold daher keinerlei Anzeichen von Unsicherheit oder Nervosität. Im Gegenteil, zuversichtlich und gestärkt durch die penible Vorbereitung geht Berchtold dem Ungarn einige Schritte entgegen und führt ihn nach der Begrüßung zu einer Sitzgruppe. Im Verhalten der beiden Männer liegt gespielte Freundlichkeit, zu viele diplomatische Niederlagen hat Berchtold im letzten Jahr einstecken müssen, als dass er sich jetzt über das Formelle hinausgehend freundlich zeigen wollte. „Darf ich Sie zu einer Tasse Tee einladen, Exzellenz?“ „Sehr gerne, Herr Minister.“ Ihr Tonfall ist vorsichtig und abtastend.
Berchtold dreht sich zu seinem Mitarbeiter um, der nach wie vor in der Tür auf Anweisung wartet und veranlasst diesen mit einem Kopfnicken, sich zu entfernen. Tisza und Berchtold sitzen einander wortlos gegenüber und beobachten den Mitarbeiter, wie dieser kurze Zeit später eine Kanne auf den Tisch stellt und die beiden Tassen jeweils einem der Herren zuordnet. Sanft steigt heißer Dampf aus der schmalen Öffnung der Kanne und windet sich in die Höhe. Mit einer Verbeugung verlässt der Mitarbeiter den Raum.
„Exzellenz“, Berchtold, der wartet, bis die Tür geschlossen ist, ergreift das Wort, „ich hatte gestern und vorgestern Gelegenheit, mit dem Kriegsminister und auch mit dem Chef des Generalstabes über die Lage nach dem abscheulichen Attentat in Sarajevo zu konferieren. Beide sind wie ich der Meinung, dass wir dieses nicht ungesühnt verstreichen lassen dürfen.“ Berchtold verschweigt Tisza bewusst seine gegenüber Conrad geäußerten Zweifel in dieser Sache und bemüht sich, ihn mit dem Hinweis auf eine meinungsbildende Eintracht zwischen den beiden obersten österreichischen Heeresleitern und ihm zu beeindrucken. Tisza lächelt zynisch und gibt Berchtold zu verstehen, dass er nicht gewillt ist, schon jetzt zu reagieren, sondern erst einmal hören möchte, was Berchtold vorzubringen hat. Er streicht mit zwei Fingern über seinen weit nach unten gezogenen Oberlippenbart, legt sein rechtes Bein über das linke und lehnt sich entspannt zurück.
Berchtold, dem die Süffisanz seines Gegenübers nicht entgeht, hebt die Schale mit dem Zucker hoch und blickt fragend auf Tisza. Dieser wehrt mit einem leichten Kopfschütteln und einer eindeutigen Bewegung der linken Hand ab. Während Berchtold ein Stück Würfelzucker in seine Tasse fallen lässt, fährt er fort: „Ich bin überzeugt, dass auch Sie der Meinung sind, dass dem Verhalten der Monarchie gegenüber diesem unglaublichen Gewaltverbrechen entscheidende Bedeutung zukommt.“
Ihre Blicke treffen sich. Berchtold versucht, eine Reaktion beim Ungarn zu provozieren. Nichts. Kein Nicken, kein Kopfschütteln, nur unbeirrte Blicke.
Berchtold lässt sich nicht aus dem Konzept bringen, denn er kennt diese Selbstbeherrschung und hat sich entsprechend eingestimmt. Er bringt seine nächste Karte ins Spiel: „Durch die ersten Berichte aus Sarajevo tritt immer deutlicher hervor, dass das Verbrechen und die Urheberschaft in Serbien ihre Ursprünge haben! Sollte sich das bewahrheiten, werden wir uns der angemessenen Reaktion nicht verwehren.“ Berchtold, der sich und Tisza nun Tee einschenkt, hat diese letzte Bemerkung wie nebensächlich hingeworfen.
„An welche Reaktion haben Sie dabei gedacht, Herr Minister?“ „Aha, ich konnte ihn aus der Reserve locken“, denkt Berchtold, während er die Kanne wieder hinstellt und beginnt, in seiner Tasse umzurühren. Den Kopf weiterhin gesenkt, antwortet er blitzschnell, so als ob die Sache bereits beschlossen sei: „Unsere Armee ist innerhalb von 16 Tagen einsatzbereit, um gegen Serbien loszuschlagen. Wir sind guter Dinge, durch eine schnelle Aktion einem Einsatz Russlands an der Seite Serbiens zuvorzukommen, denn Russlands Armee ist für den Kriegseinsatz noch nicht gerüstet!“
Berchtold selbst ist keineswegs davon überzeugt, dass Russland hingehalten werden könnte, sollte die Monarchie einen Vergeltungsschlag gegen Serbien unternehmen. Aber sein Bluff hat gewirkt. Tisza ist sichtlich erregt, denn er legt seine hohe Stirn in Falten und macht durch eine abweisende Handbewegung sowie Kopfschütteln deutlich, dass er von einer kriegerischen Auseinandersetzung nichts wissen will. Er stellt beide Beine wieder auf den Boden und richtet sich auf. „Wenn sich die Anschuldigungen gegen Serbien bewahrheiten, sollten wir der serbischen Regierung Zeit geben, ihre Loyalität uns gegenüber zu zeigen, und nicht vorschnell über sie herfallen.“ „Dieser Meinung bin ich nicht“, kontert Berchtold, „im Gegenteil, wir dürfen in diesem Fall keine Schwäche zeigen, sonst werden Serbien und Russland umso sicherer mit unserer Ohnmacht rechnen und ihr konsequentes Zerstörungswerk fortführen.“ Jetzt geht der Minister aufs Ganze: „Damit ist auch Ihr geliebtes Ungarn unmittelbar betroffen, Herr Ministerpräsident! Denn die slawischen Völker innerhalb der Monarchie werden in ihren nationalistischen Bestrebungen weiteren Aufwind erhalten, wenn wir jetzt nicht angemessen reagieren!“ „Das hat gesessen“, überlegt Berchtold, der diesmal nicht geblufft, sondern die letzten Worte aus tiefster Überzeugung vorgetragen hat. Zudem hat er das kurze Aufflackern in Tiszas Augen mit Genugtuung wahrgenommen. Der Ungar, sichtlich beeindruckt von diesem letzten Argument, entgegnet Berchtold ein wenig irritiert: „Ich glaube, Herr Minister, dass sich die internationale Lage unserer Monarchie in Zukunft verbessern wird, wenn es gelingt, auch Bulgarien eng an uns zu binden. Denn mit diesem Gegengewicht zu den Rumänen, die, wie mir wohl bekannt ist, auf unsere östlichen Gebiete schielen, könnten wir einen stabilen Stützpunkt in der Balkanpolitik aufbauen.“ Berchtold erkennt sofort, dass Tisza hier seinen wunden Punkt, das zentrale Element seiner außenpolitischen Ausrichtung anspricht: Tiszas Familie stammt aus Siebenbürgen und noch heute sind viele seiner Verwandten dort beheimatet. Ein Konflikt mit Rumänien, wie er ihn anspricht, könnte die Abtrennung Siebenbürgens von der Monarchie zur Folge haben – für István Tisza eine Vorstellung, die es um alles in der Welt zu verhindern gilt. Berchtold ist überrascht, dass sich der Ungar auf diese Weise öffnet und seine eigentlichen politischen Motive durchblicken lässt. Er blickt ihn, eine Falle vermutend, fragend an. Keine Regung, nichts dergleichen.
„Ich bin selbstverständlich Ihrer Meinung“, Berchtold versucht nun, Zeit zu gewinnen, um sich ein klareres Bild zu verschaffen, „dass wir noch ein wenig Zeit brauchen, wenn es darum geht, wie wir mit Serbien abzurechen gedenken – aber …“ Der Graf macht eine Pause und seine Augen wenden sich dem Tee zu, der noch immer heiß dampfend am Tisch steht, „… aber eine Verbesserung unserer internationalen Lage wird sich nicht einstellen, denn die Zeit arbeitet gegen uns. Wir können unmöglich mit der Aufrüstung Russlands, die ja von Frankreich finanziert wird, mithalten. Wir haben jetzt noch die Möglichkeit, in Anbetracht der allgemeinen Empörung nach der Gräueltat von Sarajevo und der noch nicht vollendeten russischen Aufrüstung einen Beweis zu liefern, dass wir nicht der kranke alte Mann Europas sind!“
Berchtolds Stimme ist immer lauter geworden, nun hält er inne. Für einen Moment glaubt er, General Conrad zu hören, wie dieser vor zwei Tagen auf ihn eingeredet hat. Nun sitzt er dem ungarischen Ministerpräsidenten gegenüber und kann dessen abwartende Haltung genauso wenig nachvollziehen, wie es offensichtlich Conrad mit ihm selbst ergangen ist. „Ich weigere mich, dabei mitzumachen, Herr Minister, das Attentat in Sarajevo zum Anlass für eine Abrechnung mit Serbien zu nehmen. Ich halte das schlichtweg für einen Fehler. Solange nicht genügend Anhaltspunkte für die Verantwortung Serbiens und eine ablehnende Erklärung desselben vorliegen, können wir keinen Krieg entfachen, der sich unter ungünstigen Umständen zu einem Weltbrand entfacht. Ich werde die Verantwortung hierfür nicht mittragen!“
Tisza, seit mehr als 30 Jahren in der Politik, weiß, wann es Zeit ist, mit taktischen Floskeln aufzuhören und Klartext zu sprechen. Vielleicht hat er die Lage der Monarchie, was ihre zukünftige Rolle in der Staatengemeinschaft anbelangt, bisher falsch eingeschätzt, aber er will sich nicht leichtfertig von den österreichischen Kriegstreibern in einen Feldzug hetzen lassen. Erst recht nicht von einem Mann wie Leopold Berchtold, der ganz offensichtlich davon getrieben ist, seine außenpolitische Schwäche von 1912 und 1913 vergessen zu machen. Darüber hinaus will er sich keinesfalls den Kopf darüber zerbrechen müssen, wie er das ungarische Parlament davon überzeugen kann, aus Rache für jemanden in den Krieg zu ziehen, der als erklärter „Ungarnhasser“ bekannt war.
Berchtold, der Tiszas Einmischung in die Außenpolitik mit dessen ausschließlich ungarischem Standpunkt nicht länger hinzunehmen gewillt ist, gibt erregt zurück: „Ich betone nochmals, dass ich ebenso wenig wie Sie gewillt bin, Hals über Kopf ins Unglück zu stürzen. Ich bin jedoch Realist genug, um zu sehen, dass das gegenwärtige, hoch in der öffentlichen Meinung Europas vorherrschende Momentum eines Rechts auf Sühne alsbald erlöschen wird.“
Hin und her schwappen die Argumente, beide Seiten beharren auf ihren Standpunkten. Weder der Minister des Äußeren noch der ungarische Ministerpräsident weichen zurück. Kurze Zeit später tritt eine Pattstellung ein, beide Männer haben die Sackgasse erkannt, in der sie stecken. Berchtold sieht ein, dass am heutigen Tag kein Ergebnis in seinem Sinne herbeigeführt werden kann. Die weitere Gestaltung der Außenpolitik der Monarchie wird fürs Erste weiterhin von ihm und Tisza auf gegensätzlichem Kurs bestimmt werden. Berchtold ist gereizt. Wie kann es sein, dass er als amtierender Minister des Äußeren auf Gedeih und Verderb den Ansichten des ungarischen Ministerpräsidenten ausgeliefert ist?
Er startet noch einen letzten Versuch, Tisza von den geplanten Maßnahmen gegen Serbien zu überzeugen. „Ihre Anregung, Bulgarien und Rumänien näher an den Dreibund zu binden, halte ich für eine richtige und Erfolg versprechende diplomatische Aktion. Aber sie darf die rasch auszutragende Sühne- und Sicherungsaktion gegen Serbien nicht verzögern.“ Dann appelliert er an die Loyalität Tiszas, indem er anfügt: „In beiden Fällen brauchen wir aber Ihre Unterstützung, die Unterstützung Ungarns.“
Kaum hat er den letzten Satz ausgesprochen, bereut er ihn auch schon wieder, denn die Reaktion Tiszas überzeugt Berchtold, dass er das Heft wieder aus der Hand gegeben hat. Tisza weiß, dass ohne ihn keine Außenpolitik in Österreich-Ungarn zu machen ist, und lehnt sich nach dem unerwartet intensiven Gespräch wieder einigermaßen entspannt zurück. „Mein verehrter Herr Minister“, beginnt er mit nun hörbar ruhigerer Stimme, „ich werde im Anschluss an unser Zusammentreffen meine Ansichten Allerhöchst vorzutragen die Ehre haben. Dabei werde ich dem Kaiser neben einer Zusammenfassung unseres Gesprächs insbesondere darlegen, dass ich ein Vorgehen gegen Serbien für bedenklich halte, solange nicht zwei Vorbedingungen erfüllt sind.“ Berchtold kann den schulmeisterlichen Tonfall in dieser Stimme kaum ertragen. Zu oft hat er dieses zweifelhafte Vergnügen schon gehabt. Er wendet sich wieder dem Tee zu, der schon kühl zu werden beginnt.
Tisza fährt fort: „Erstens ist ein Beweis für die Mitschuld der serbischen Regierung vorzulegen und zweitens will ich Sicherheit haben, dass Deutschland hinter uns steht.“
Berchtold erkennt, dass mit diesen Forderungen eine rasche, entschiedene Strafexpedition gegen Serbien nicht mehr möglich sein wird. Der Kaiser würde ohne Einvernehmen mit Tisza einem solchen Vorhaben niemals zustimmen. Die Ausweglosigkeit der Lage erfassend, zieht Berchtold in Gedanken Bilanz: „So gut das Gespräch mit Conrad verlaufen ist, habe ich soeben gegen Tisza wieder den Kürzeren gezogen.“ Die Entscheidung muss also beim nächsten Ministerrat fallen.
Die Außenpolitik für den Moment ausblendend, verweist Berchtold in fließendem Französisch auf den exquisiten Geschmack des Tees, der noch immer auf dem Tisch steht und eine erfrischende Duftwolke verströmt. Er nimmt eine Tasse und reicht sie Tisza, der sie dankend annimmt und sogleich an die Nase führt, um das köstliche Aroma auszukosten. Berchtold prüft auf die gleiche Weise den Tee und genießt einen ersten kleinen Schluck. Die beiden Männer stehen auf und gehen, die Tassen in der Hand, wortlos zum Fenster. Sie schwenken ihre Tassen ein wenig, führen sie ein weiteres Mal zur Nase. István Tisza schließt kurz die Augen und bemerkt, ebenfalls in exzellentem Französisch und mit hörbarer Vorfreude auf seinen ersten Schluck: „Fürwahr, Exzellenz, das ist ein herrliches Aroma.“ Berchtold hebt seine gläserne Tasse an, um das Farbenspiel der grünbraunen Flüssigkeit zu betrachten. Dabei fällt sein Blick auf die im Hintergrund wehenden schwarzen Fahnen am Dach der Hofburg. Eine Weile hält er so die Tasse und beobachtet durch diese hindurch, wie sich die Fahnen sanft im Wind bewegen. Einen kräftigen Schluck nehmend beschließt er dann, den ungarischen Ministerpräsidenten rasch zu verabschieden und sich auf seine eigene morgige Audienz beim Kaiser und die nunmehr geänderten Rahmenbedingungen vorzubereiten.
DONNERSTAG, 2. JULI
„Seine Majestät empfängt Sie nun, Herr Minister.“ Leopold Berchtold erhebt sich aus dem Wartesessel und schreitet der ihm zugewiesenen Tür entgegen. Unauffällig, so hofft er wenigstens, versucht er nochmals seine Haltung, seinen Gesichtsausdruck und eigentlich seine gesamte Erscheinung zu korrigieren und dem bevorstehenden Anlass anzupassen. Sogar ein leises Räuspern entfährt ihm. Doch ein verstohlener Blick auf den Adjutanten des Kaisers belehrt ihn im Vorbeigehen eines Besseren. Seine Bemühungen sind aufgefallen. Mit einem aufmunternden Lächeln und einer zustimmenden Kopfbewegung weist ihn dieser in das Arbeitszimmer des Kaisers und schließt die Tür.
Stille.
***
Der Minister des Äußeren war am Morgen wie gewohnt von Anton Brauer geweckt worden. Im Vergleich zu den letzten Nächten in Wien hatte er diesmal jedoch eine unruhige Nacht hinter sich. Er fand lange keinen Schlaf und ging im Geiste oftmals das Gespräch mit Ministerpräsident Tisza durch. Natürlich warf die heutige Audienz beim Kaiser ihre Schatten voraus und er versuchte in den wachen Phasen immer wieder, mögliche taktische Fehler in seinen Formulierungen auszumerzen. Nach dem Aufstehen konnte er keine nennenswerte Erholung in Körper und Geist feststellen. Nach dem Frühstück schrieb er, einer alten Gewohnheit treu bleibend, seiner Frau ein Telegramm und berichtete ihr darin auch von der heutigen Audienz. Für das Studium der Morgenzeitungen hatte er nur eine kurze Zeitspanne übrig, die doch lang genug war, damit ihm wie schon während der letzten Tage auffiel, dass die österreichische und internationale Presse, ausgenommen die serbische natürlich, keinerlei Hetzartikel und ähnliche Kriegstreibereien veröffentlichten. Auf den ersten Blick hielt er dies für ein Positivum, denn so wurde auf die Regierung und auf ihn kein Druck für ein rasches Handeln aufgebaut. Bei näherer Betrachtung musste er sich jedoch eingestehen, dass das Fehlen von Forderungen nach Straf- und Vergeltungsmaßnahmen möglicherweise als Zeichen von weitgehendem Desinteresse interpretiert werden musste. Damit wäre eine breite Zustimmung in der öffentlichen Meinung für einen Waffengang gegen Serbien nur sehr schwer zu erreichen. Im Vorfeld einer Audienz beim Kaiser wollte er sich an diesem Morgen eingehend mit dieser Frage befassen. Noch während er seine Unterlagen ein letztes Mal durchsah, beschloss er, diese Gedanken später seinen engsten Mitarbeitern im Ministerium auseinanderzusetzen.
Zeitgerecht brach er von seiner Wohnung aus direkt nach Schönbrunn auf. Der Kaiser hatte ja seinen Sommeraufenthalt unterbrochen, um in der Hofburgkapelle an der Trauerzeremonie für seinen Neffen teilzunehmen. Für Berchtold, wie für viele andere Regierungsmitglieder, war diese Situation vorteilhaft, denn mit der Allerhöchsten Anwesenheit in Wien entfielen für die Audienzbesuche die mühsamen und zeitraubenden Fahrten nach Ischl.
***
„Wie geht es Ihnen, Herr Minister. Sie sehen blass aus!“ Die Stimme klingt heiser. Berchtold wendet sich in die Richtung, aus der die Worte zu ihm dringen, und sieht den alten Kaiser im Hintergrund des Zimmers stehen. Aufrecht und ungebeugt, den Schicksalsschlag der jüngsten Vergangenheit nicht zeigend, steht der Monarch in der Uniform eines Kavalleriegenerals neben dem Audienzpult. „Vielen Dank für die Allerhöchste Nachfrage, Majestät. Ich befinde mich wohl, jedoch habe ich heute eine kurze Nacht hinter mir. Das wird Euer Majestät mir wohl ansehen.“ „Graf Tisza vertritt offensichtlich seine Ansichten mit ungebrochener Standhaftigkeit“, gibt der Kaiser zurück und unterstreicht damit neuerlich, wie gut unterrichtet er stets ist. Und er führt weiter aus: „Er hat Uns von der Unterredung mit Euch berichtet und Uns seine Argumente ebenfalls nachhaltig vorgebracht. Wir können Uns seinem Standpunkt nicht verschließen …“ Franz Joseph macht eine Pause, blickt auf seinen Schreibtisch, wo neben unzähligen Akten und Papieren auch Fotos seiner Familie stehen. Dann fährt er fort: „Wie schätzen Sie die aktuelle Lage ein, Herr Graf?“
Berchtold beginnt, die Gespräche mit Conrad, den Ministern und den diversen Botschaftern zusammenzufassen, und erwähnt auch seine Eindrücke aus den Pressemeldungen der letzten Tage. Sorgfältig darauf bedacht, in seinen Sätzen keine Formulierungen zu verwenden, die Seiner Majestät eine Handlungsweise aufzwingen könnten, schließt Berchtold mit den Worten: „Durch die Mächtekonstellation in Europa, durch die unsichere Haltung Rumäniens uns gegenüber und die seit den Balkankriegen 1912 und 1913 geschwächte Stellung Bulgariens können wir es uns nicht leisten, gegen Serbien ein weiteres Mal nachsichtig zu sein. Wir stehen vor einem Existenzkampf, Euer Majestät, den wir, sollte Russland eingreifen, allein nicht bewältigen können!“ „Der deutsche Botschafter“, unterbricht ihn der Kaiser, „war gestern bei Uns und hat Uns mit freundlichen Worten zu Besonnenheit und Ruhe gemahnt, jedoch dabei auf das Äußerste betont, dass der deutsche Kaiser Unser wärmster und innigster Bundesgenosse sei und stets seine Bündnispflichten wahrzunehmen gedenke.“ „Auch mir wurde dies mehrmals versichert, Majestät“, erwidert Berchtold und fährt fort: „Ich gebe aber zu bedenken, dass durch ein langes Zuwarten, um eine Vergeltungsmaßnahme zu beginnen, unsere aktuell vorteilhafte Situation, in Anbetracht des schmerzvollen Verlustes, immer mehr zu verblassen droht. Ich fürchte, die moralische Legitimation einer Strafexpedition gegen Serbien wird uns immer mehr abhandenkommen, wenn wir nicht sehr bald reagieren.“ Berchtold zögert kurz, um dem Kaiser Gelegenheit zu einer Antwort zu geben.
Als dieser nicht reagiert, fährt er fort. „Euer Majestät, ich erlaube mir untertänigst, auf die bereits an Euer Majestät übermittelte Denkschrift hinzuweisen, die wir gemeinsam mit dem Kriegsministerium noch vor dem Attentat ausgearbeitet haben. Die Militärs sind der Meinung, dass wir sofort losschlagen sollten, um die Gunst der Stunde zu nutzen. Der ungarische Ministerpräsident, als Gegenpol, neigt der Meinung zu, eine kriegerische Aktion sei nicht vorstellbar. Ich schlage vor, die Denkschrift an das Deutsche Reich zur Kenntnisnahme zu senden, verbunden mit dem dringenden Ersuchen um eine Stellungnahme, welche Haltung Berlin zu unserer Lage im Allgemeinen und zu einer möglichen Vergeltungsmaßnahme im Besonderen einnimmt.“
In diesem Moment tritt die Sonne durch die Wolken und strahlt durch die großen Fenster bis weit in das Innere des Arbeitszimmers. Durch eine unmissverständliche Geste hat sich der Kaiser eine Nachdenkpause ausbedungen und Berchtold wagt es nicht, sich auch nur durch eine unbedachte Bewegung bemerkbar zu machen. In seiner typischen Körperhaltung, mit auf den Rücken verschränkten Händen und leicht nach vorne gebeugt, geht Franz Joseph langsam auf seinen Schreibtisch zu. Nichts ist zu hören, sogar die Schritte des Monarchen dringen nur gedämpft an das Ohr des Ministers, da im ganzen Raum großflächig Läufer und Teppiche verlegt sind. Der Schreibtisch steht nah bei einem der Fenster und gewährt dem Kaiser, wenn dieser auf seinem alten, mit schwarzem Leder bezogenen Stuhl sitzt, einen schönen Blick in den Park. Im Gegensatz zu den sonstigen Gepflogenheiten des Kaisers ist der Schreibtisch Franz Josephs ein formvollendetes Schmuckstück, das die Blicke Berchtolds bei seinen Audienzen immer wieder auf sich zieht. Schon oft hat der Minister als großer Liebhaber alter Kunst und Antiquitäten dieses Meisterwerk der Möbelbaukunst bewundernd betrachtet, doch in diesem Moment gewähren die einfallenden Sonnenstrahlen einen besonders erhabenen Blick auf das Möbelstück. Die zweifach geschwungenen Tischbeine, die sich nach unten hin beeindruckend verjüngen, sind reich verziert und üppig mit allerlei Ornamenten ausgeführt. Bei genauer Betrachtung erkennt man, dass ihre unteren Enden als Pferdefüße ausgeführt sind und so einen Hinweis auf eine der Leidenschaften des Kaisers geben. Die Beine geben einer Tischplatte Halt, die sich mit diesen wiederum zu einem harmonischen Ganzen zusammenfügt. Schmale Laden sind an der Benutzerseite untergebracht, die allerlei Schreibutensilien des Kaisers beinhalten. Berchtold hat bei einer Audienz vor Jahren die Gelegenheit gehabt, einen kurzen Blick hineinzuwerfen, als der Kaiser nach Feder und Tusche suchte. Die Griffe der Laden sind im Gegensatz zum ansonsten im Überfluss mit Verzierungen versehenen Tisch ungewöhnlich schlicht als einfache Messingringe ausgeführt. Wenn der Kaiser diese anhebt, um die jeweilige Lade aufzuziehen, kann man, die entsprechende Stille vorausgesetzt, ein leichtes Quietschen vernehmen. Neben den Stößen mit Akten, Papieren sowie einigen Bildern stehen an beiden Seiten des Tisches zwei klassische Öllampen, die auch dann für ausreichend Licht sorgen, wenn der Kaiser wie gewöhnlich seinen Arbeitstag um 5 Uhr morgens beginnt.
Leopold Berchtold richtet nun, nach wie vor am selben Platz stehend, seinen Blick wieder auf den Kaiser und beobachtet jede Regung des greisen Herrn scharf. Seine Bewunderung für den Kaiser mischt sich mit Ehrfurcht, schließlich ist Franz Joseph länger im Amt, als der überwiegende Teil der Bevölkerung alt ist. „Wie oft in den letzten Jahren bin ich schon hier gestanden und habe schwierige und weitreichende Belange vorzutragen die Ehre gehabt. Viele davon haben das Schicksal der Monarchie mitbestimmt“, erinnert sich Berchtold an die letzten beiden Jahre, als die Balkankriege eine vollkommen ähnliche Ausgangslage schufen. Nur seiner und des Kaisers Friedensliebe ist es zu verdanken, dass nicht damals schon ein europäischer Krieg ausgebrochen ist. „Und was hat uns die Nachgiebigkeit gegenüber Serbien gebracht …?“ Berchtold spricht in Gedanken zu sich selbst und erspart sich die Antwort, denn er kennt sie nur zu gut. Während der Kaiser weiterhin regungslos und in Gedanken vertieft auf seinem Platz verharrt, quälen den Minister Selbstzweifel und Frustration. „Ich zweifle immer mehr daran, dass unser bisheriger Kurs, den Frieden um jeden Preis zu erhalten, der richtige Weg Serbien gegenüber ist. Conrad und die anderen Befürworter eines kriegerischen Aktes scheinen auf lange Sicht recht zu behalten …“ Er ist sich selbst gegenüber ungewohnt ehrlich. Berchtold gibt sich in diesem Moment keinen Illusionen hin, sondern ist vielmehr überzeugt, dass viele Menschen in Österreich dieser Meinung sind. „Ein weiteres Mal den Friedenskurs beizubehalten, das erscheint mir vor diesem Hintergrund ungemein schwer, wenn nicht gänzlich unmöglich. Sie würden mich vom Ballhausplatz jagen!“
Eine Bewegung des Kaisers reißt Berchtold aus seinen Gedanken und bringt ihn zurück in die Gegenwart. Franz Joseph hat ein Bild zur Hand genommen und betrachtet es aufmerksam. Seine Gesichtszüge erhellen sich zusehends, sodass Berchtold zuletzt beinahe einen Anflug eines Lächelns um die Mundwinkel des Monarchen erkennen kann. Die Nachdenkpause währt nun schon einige Minuten und Berchtold zeigt bereits erste Anzeichen von Ungeduld, als Franz Joseph das Bild auf den Schreibtisch zurückstellt und sich wieder seinem Minister des Äußeren widmet: „Ein weiteres Mal müssen Wir Uns nun mit Serbien und dessen ungeheuerlichem Verhalten gegenüber Unserem Land auseinandersetzen. Die Friedensliebe und Nachgiebigkeit, mit der die Monarchie bisher die Bewunderung des zivilisierten Europa geerntet hat, hat leider nicht die erhoffte Wirkung erzielt!“
Der Kaiser hält kurz inne, wendet sich dann Berchtold zur Gänze zu und fährt fort: „Wir halten daher nach reiflicher Überlegung ein kraftvolles Auftreten gegen Serbien für unvermeidlich.“ Erst jetzt geht der Kaiser einige Schritte auf den Minister, der sich bei diesen Worten sichtlich erfreut zeigt, zu, macht aber durch unmissverständliche Kopfbewegungen deutlich, dass an den folgenden Worten nicht zu rütteln ist: „Aber eine militärische Aktion ist unter den gegeben Umständen nicht durchführbar.“ Berchtold starrt auf den Kaiser. Dieser fährt fort: „Wir haben Uns daher entschlossen, die Sachlage weiter zu prüfen und vorläufig eine abwartende Haltung einzunehmen. Wir werden jedoch ein Allerhöchstes Handschreiben verfassen und es der von Euch vorgelegten Denkschrift hinzufügen, damit beides dem Kaiser des Deutschen Reiches zu dessen geschätzter Kenntnisnahme vorgelegt werden kann!“
Damit ist die Audienz augenblicklich beendet. Leopold Berchtold verneigt sich und geht rückwärts die zwei Schritte bis zur Tür. Dort dreht er sich um und verlässt das kaiserliche Arbeitszimmer. Im Vorzimmer bekommt er seine Garderobe gereicht und wird von einem Diener zum Ausgang des Schlosses geführt. Im Wagen, der ihn in das Ministerium bringt, sortiert Berchtold seine Gedanken und er versucht, die Entscheidung des Kaisers einzuordnen. Die Festlegung Franz Josephs bedeutet zuallererst, dass eine unmittelbare militärische Aktion ausgeschlossen ist und sich das Gewicht der Aktivitäten auf das diplomatische Feld verlagert. Damit schließt sich der Kaiser seinem und Tiszas Standpunkt an und erteilt jenem von Conrad und den Militärs eine Absage. Aber völlig offen geblieben ist, was gegen Serbien unternommen werden kann, wenn die Stellungnahme aus dem Deutschen Reich eintrifft.
Der Minister resümiert die Audienz mit einem Anflug von Orientierungslosigkeit. Nach Prüfen der Möglichkeiten sieht er jedoch die Chance, die Haltung Berlins in seine Politik einfließen zu lassen. Je nachdem wie die Stellungnahme ausfällt, wird er diese gegen Conrad und seine Militärintervention oder gegen Tisza und seine ausschließlich ungarische Sichtweise ins Treffen führen. Sollte man in Berlin tatsächlich bereit sein und mit der Monarchie auch im Ernstfall den Schulterschluss bilden, so sieht er jetzt kostbare Zeit verrinnen. „Hier bin ich mit Conrad einer Meinung.“ Berchtold fällt es schwer, sich diese Gemeinsamkeit einzugestehen, denn sie bedeutet, dass man womöglich parallel zur diplomatischen Aktion in Berlin militärische Vorkehrungen zu treffen hat.
Der Minister überschlägt kurz den bevorstehenden Zeitaufwand und stellt fest, dass durch die Mission in Berlin ein möglicher Waffengang um drei Tage verzögert wird. „Das sollte zu verschmerzen sein!“ Berchtold beruhigt vor allem sich selbst damit, denn er kennt die militärischen Zusammenhänge der gegenwärtigen europäischen Bündnisverpflichtungen nicht im Detail. Es gilt nun, alle Anstrengung und Energie darauf zu verwenden, die Stellungnahme des deutschen Kaisers einzuholen. Wer könnte diese Mission erfüllen? Nachdenklich kramt Berchtold in seiner Aktentasche nach einem Notizblock, um mögliche Kandidaten zu notieren. Für so eine heikle Aufgabe kommen aus seinem Ministerium nur jene infrage, die sein vollständiges Vertrauen genießen. Bei diesem Gedanken fällt ihm zuallererst ein Name ein, den er nicht notieren muss. Zufrieden zieht er die Hand wieder aus der Tasche und lehnt sich mit einem erleichterten Gesichtsausdruck zurück. „Sektionschef Hoyos ist ein kluger Schachzug!“
***
Als nächster zu bearbeitender Akt liegt der Bericht Nr. 212 auf seinem Schreibtisch. Der Preuße entnimmt dem Akteneinband, dass es sich um ein Protokoll aus Wien handelt. „Aha, Tschirschkys aktueller Bericht!“ Mit seiner seit der Geburt verstümmelten linken Hand fixiert er das Papier und mit der rechten greift er nach der Feder, um, wie er es für gewöhnlich zu tun pflegt, die ihm vorgelegten Aktenstücke mit Randnotizen zu versehen. Der 55-Jährige kann sein leicht erregbares Temperament nur schwer zügeln, als er den Bericht durchliest. Immer wieder hält er mit dem Lesen inne und äußert lautstark seinen Unmut. Die Schilderungen seines Wiener Beamten über das letzte Zusammentreffen mit dem österreichischen Minister des Äußeren, Graf Berchtold, sind das völlige Gegenteil dessen, was anlässlich des jüngsten Ereignisses in Sarajevo seine eigenen politischen Ansichten beherrscht.
Das Attentat auf Erzherzog Franz Ferdinand hat ihn nicht nur in seinem monarchischen Selbstverständnis zutiefst getroffen, sondern ihm auch einen gerade erst gewonnen politischen Freund genommen. Die menschliche Tragödie wird dadurch noch verschlimmert, dass das Attentat die heiß geliebte Segelregatta, die alljährlich in Kiel stattfindet, verdorben hat. Sein Zorn auf die Attentäter ist gewaltig. Von Anfang an ist ihm klar gewesen, dass Wien hierzu mit aller gebotenen Härte in Serbien Sühne und Rechenschaft einzufordern hätte. Der vorliegende Bericht spricht jedoch eine gänzlich andere Sprache. Wie dem Papier zu entnehmen ist, hat sein Botschafter in Wien mit seinen beruhigenden und beschwichtigenden Aussagen womöglich den ohnehin schon zaudernden Berchtold von raschen Vergeltungsmaßnahmen abgehalten. „Wer hat Tschirschky zu diesen Aussagen ermächtigt, von denen er hier berichtet?“
Der deutsche Kaiser ist außer sich und notiert zügellose Randbemerkungen, ein Spiegelbild seiner Emotionen, auf dem Papier. „Mit den Serben muss aufgeräumt werden – und zwar bald! Hoffentlich hält man in Österreich diesmal durch und lässt sich nicht wieder zur Milde hinreißen!“ Nach nicht einmal der Hälfte des Berichtes legt der Mann in Uniform den Stift beiseite, nimmt das Glas Wein, das vor ihm am Schreibtisch steht, und genehmigt sich einen kräftigen Schluck. Energisch lehnt er sich im hohen Stuhl zurück und blickt zu der im Hintergrund des Arbeitszimmers befindlichen Bibliothek. „Wenn sie jetzt nicht Stärke zeigen, sind sie für uns als Bundesgenossen verloren.“ Sein Gesichtsausdruck verfinstert sich bei diesem Gedanken noch mehr.
In den letzten Jahren ist für ihn und seine Regierung immer deutlicher geworden, dass sich die angrenzenden Mächte in Ost und West gegen ihn und sein Reich zusammenschließen und Österreich als einziger und verlässlicher Bündnispartner gegen diese Einkreisung übrig bleibt. Damit sind die beiden europäischen Zentral-Monarchien auf Gedeih und Verderb aneinandergekettet. Er weiß das. Er weiß aber auch, dass man in Wien anders denkt. Wien hat keine Ambitionen als Weltmacht – so wie er, Wien hat keine Seemacht, die nach Weltgeltung giert – so wie er, Wien hat keine Kolonien, die es zu schützen und zu vergrößern gilt – so wie er. Und Wien hat kein Wirtschaftswachstum von beinahe 25 Prozent im Jahr – so wie er es hat. Nein, Österreichs außenpolitische Interessen sind gänzlich anderer Natur. Regional, kleinräumig und höchstens auf den Balkan gerichtet. Darauf ist die Wiener Diplomatie fokussiert. „Daher muss eine Provokation in dieser Interessenssphäre, wie es das Attentat auf Franz Ferdinand darstellt, mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln geahndet werden, will man nicht vor der Welt sein Gesicht und seinen Ruf verlieren!“ Für ihn ist diese Schlussfolgerung sonnenklar. „Oder man wird eben als einziger Bündnispartner versagen.“
Den Preußen hält es bei diesen Gedanken nicht mehr auf dem Stuhl. Er geht energischen Schrittes zu seiner Bibliothek, wo er gerne verweilt, wenn es eine verworrene Situation zu lösen gilt. Umgeben von den Heroen der klassischen deutschen Literatur glaubt er, jene Energie zu verspüren, die für Entscheidungen von großer Tragweite unumgänglich ist. „Jetzt oder nie müssen sie Serbien in die Schranken weisen, 1912 und 1913 haben sie es ja leider verabsäumt.“ Er ist sich seiner Sache sicher und schreckt auch vor Konsequenzen nicht zurück. „Wenn Berchtold allein nicht fähig ist, diese Schritte zu gehen, müssen wir ihm den Rücken stärken. Österreich darf nicht fallen!“ Er greift in das Bücherregal und nimmt wahllos ein Werk aus dem sorgfältig sortierten Bestand. Behutsam öffnet er den Einband und blättert langsam die ersten Seiten um. Einzelne Zeilen lesend, immer wieder umblätternd, steht er eine Weile neben dem Regal und verliert sich in der Prosa des Buches. Dann umfasst er mit der rechten Hand einen dickeren Seitenstapel, bringt ihn durch ein vorsichtiges Nachhintenwölben unter Spannung und lässt die einzelnen Blätter aufschlagen. Während ein zarter Luftwirbel sein Gesicht umspielt, fällt ein zwischen den Seiten verstecktes Lesezeichen zu Boden. Der Mann hebt es auf, wirft einen Blickt darauf und steckt es so zwischen die Seiten, dass es am oberen Buchrand heraussteht. Dann stellt er den Band ebenso behutsam in die Lücke zurück, wie er ihn zuvor herausgenommen hat.
Wieder an seinen Schreibtisch zurückgekehrt, nimmt er Tschirschkys Bericht nochmals zur Hand, sucht jene Stelle im Text, an der er zuvor unterbrochen hat, und beginnt weiterzulesen. Erneut quittiert er die Zeilen des Botschafters mit heftigem Kopfschütteln. „Was geht in Tschirschky vor“, poltert es aus ihm heraus, „dass er sich in eine österreichische Angelegenheit auf diese Weise einmischt. Dazu hat ihn keiner ermächtigt! Nachher heißt es dann, wenn es schiefgeht, Deutschland hätte nicht gewollt!“ Noch im Stehen schreibt Wilhelm II. seine zornigen Bemerkungen auf und geht damit aus seinem Arbeitszimmer. Im Vorzimmer gibt er einem seiner Adjutanten den Auftrag, diesen Bericht in die Reichskanzlei zu senden, damit Bethmann Hollweg die entsprechenden Weisungen nach Wien übermittelt. Die Haltung des deutschen Botschafters Heinrich Leonhard von Tschirschky hat sich gegenüber den offiziellen Stellen in Wien schleunigst zu ändern.
FREITAG, 3. JULI
Die Menge vor der Hofburgkapelle ist nicht so groß wie vor 16 Jahren, als die über alles geliebte Kaiserin zu Grabe getragen wurde, aber es sind bedeutend mehr, als die Tageszeitungen in ihren Artikeln über die Beliebtheit des Erzherzogs zu prognostizieren verleitet waren. Viele warten schon seit den frühen Morgenstunden auf Einlass, um dem toten Thronfolgerpaar die letzte Ehre zu erweisen. Dem Anlass entsprechend ist die überwiegende Mehrheit vollständig in Schwarz gekleidet. Auch wenn viele von ihnen Erzherzog Franz Ferdinand zeit seines Lebens nicht in ihr Herz geschlossen haben, hält man es nun doch für eine ehrenvolle Pflichterfüllung, des ermordeten Thronfolgers des Hauses Österreich zu gedenken und am Sarg des Kaiser-Neffen Trauer und Bestürzung über das Attentat zu bekunden. Dass man bei habsburgischen Begräbniszeremonien immer den einen oder anderen Blick auf hochgestellte Persönlichkeiten werfen kann, die man sonst nie zu Gesicht bekommt, wird von vielen als angenehmer Nebeneffekt gesehen.
Es ist für die Tageszeit schon ungewöhnlich heiß und die Vormittagssonne brennt auf die Straßen. Menschen spannen Regenschirme auf, um sich vor den Strahlen der Sonne zu schützen. In der grau-schwarzen Masse der Wartenden ist ein ständiges Pulsieren und langsames Rotieren zu bemerken. Vordrängende wechseln sich mit Zurückweichenden und Schattensuchenden ab. Dazwischen versuchen Unbeteiligte ein Durchkommen, besinnen sich dann eines Besseren und wenden sich, eine alternative Route anstrebend, in eine der Seitengassen. In der Mitte des Platzes hat man einen langen Korridor hin zum Haupteingang der Hofburgkapelle abgesperrt, der jetzt den ankommenden Ehrengästen einen ungehinderten Zugang ermöglicht. Wie die Bewegungen eines riesigen, langsam rotierenden Organismus branden die Wellen der grau-schwarzen Masse an diese Absperrung. Diese Bewegung hört mit einem Schlag auf, wenn einer der geladenen Trauergäste eintrifft, sich in den Korridor begibt und raschen Schrittes zur Hofburgkapelle schreitet. Der Organismus erstarrt und alles konzentriert sich für einen Moment auf die vorbeieilende hohe Persönlichkeit. Kaum ist diese in der Kapelle den Blicken entschwunden, besinnt sich die Menge wieder aufs Neue ihrer Bewegungen und beginnt unaufhaltsam, neue Wellen von Menschen an das Gitter branden zu lassen.
Die trauernden Menschen hoffen, neben dem österreichischen Hochadel auch ausländische Hoheiten zu sehen, die häufig in Wien erscheinen, wenn aus Europas ältestem und ehrwürdigstem Herrscherhaus ein Mitglied zu Grabe getragen wird. Doch an diesem 3. Juli wartet die Menge vergebens. Abgeschreckt von den ausgesprochen unfreundlichen Rahmenbedingungen der Begräbnisfeierlichkeiten haben es hochrangige Ehrengäste vorgezogen, den Trauerfeiern fernzubleiben und stattdessen die ohnehin in Wien akkreditierten Vertreter zu entsenden. Mit dem Fortschreiten der Wartezeit wird daher eine leichte Enttäuschung unter den Wartenden spürbar, die sich in umso heftigerem Drängen bemerkbar macht. Schließlich wird der Umschwung in der allgemeinen Stimmung eindrucksvoll dadurch angezeigt, dass das Drängen der Massen durch die ankommenden Ehrengäste nicht mehr unterbrochen wird. Man sieht ja die Militärs, Botschafter und Minister, die da mit ernster Miene den Korridor entlangschreiten, ohnehin laufend in Wiener Kaffeehäusern.
Gerade als die Wellenbewegungen endgültig zu verebben drohen, ist ein vorsichtiges Hupen im Hintergrund zu vernehmen. Der grau-schwarze Organismus teilt sich auf einer Seite, um einem Automobil, das sich langsam vorwärtskämpft, Platz zu machen. Parallel zur Bewegung des Wagens breitet sich unter den Umstehenden ein Raunen aus, das mit Fortdauer des automobilen Dahinrollens in kräftiges Jubeln übergeht: „Der Thronfolger!“ „Erzherzog Karl!“ Rufe erschallen aus vielen Kehlen. In Windeseile wissen alle am Platz und in den umliegenden Straßen, dass in dem Wagen, der soeben in den Korridor einfährt und auf den Eingang der Hofburgkapelle zuhält, das nunmehrige Thronfolgerpaar sitzt. Kaum kommt der Wagen zum Stehen, eilt einer der unzähligen Soldaten herbei, um die Tür im Fond zu öffnen.
Erzherzog Karl steigt, unmittelbar gefolgt von seiner Gattin, aus dem Automobil. Hochrufe, tosender Jubel und Applaus begleiten die kaiserlichen Hoheiten auf dem kurzen Weg in die Kapelle. Diese ungewöhnliche und ehrenhafte Auflehnung des Thronfolgerpaares gegen die der Wiener Bevölkerung unverständlichen Begräbnisregelungen finden sympathischen und herzlichen Beifall. Der 27-jährige Karl hat sich schon in der Nacht zuvor zum Südbahnhof begeben, um seinem ermordeten Onkel die letzte Ehre zu erweisen, und ist gemeinsam mit seiner Gattin Zita hinter den Särgen zu Fuß bis zur Hofburg marschiert.
Das Thronfolgerpaar bleibt kurz am Eingang zur Kapelle stehen, dreht sich zu den Wienern um und verneigt sich mit großer Dankbarkeit für den so herzlichen Empfang. Kurz darauf wird das Tor zur Kapelle geöffnet und Karl und Zita gehen langsamen Schrittes hinein. Stille umgibt sie und ein kühler Luftzug kommt ihnen entgegen, während sie, die Köpfe stetig von links nach rechts wendend, um mal hüben und mal drüben bekannte Gesichter mit einem höflichen Kopfnicken zu grüßen, andächtig auf die beiden Särge zuschreiten. Erhabenheit und jugendliche Dynamik umgibt die beiden, die in inniger Eintracht vor den beiden Särgen kurz haltmachen, ein Kreuzzeichen über der Brust und eine tiefe Verbeugung vollführen und dann in den Nebenraum der Kapelle gehen, um sich mit dem Rest der kaiserlichen Familie zu treffen.
Nachdem man diesen ersten Auftritt des neuen Thronfolgerpaares in der Kapelle mit angespannter Neugier beobachtet hat, herrscht nun wieder unruhige Stille unter den Trauergästen. Immer wieder zerreißt ein Husten, ein Raunen oder ein Flüstern das Schweigen. Minuten vergehen und langsam beginnt sich Ungeduld breitzumachen. Auch die von draußen in die Kapelle dringenden Stimmen und Geräusche deuten auf ein Anwachsen derselben Gefühlsregung hin, die nun schon dringlich einen Beginn der Trauerzeremonie erhofft. Man rutscht auf den Bänken hin und her, sucht nach Gegenständen in Taschen, lässt die Blicke in der Kapelle kreisen, um nach weiteren interessanten Punkten irgendwo abseits der beiden Särge, die man nun schon in aller Ausführlichkeit betrachtet hat, zu suchen oder schweift mit den Gedanken zu noch anstehenden Verpflichtungen ab.
Die beiden ersten Reihen sind unbesetzt und für das Herrscherhaus reserviert. Dahinter sitzen die Mitglieder der österreichisch-ungarischen Regierung sowie die höchsten militärischen Vertreter der gemeinsamen Armee. Dann reihen sich eng die Angehörigen des österreichischen Adels sowie weitere in- und ausländische Gäste aneinander. Vor dem Altar in der Mitte der Kapelle stehen die beiden Särge, Seite an Seite. Trotz der eingeschränkten Zeremonie ist ein prachtvolles Blumenarrangement aus weißen Rosen am Fußende aufgestellt. „Von Sophie, Max und Ernst“, ist auf der dazugehörigen Schleife zu lesen. Neun mannshohe goldene Kerzenständer stehen zwischen den Särgen und tragen armdicke weiße Kerzen, die mit ihrem Schein ein feierliches Licht in den Raum tragen. Weihrauch liegt in der Luft, man kann ihn bis in die hintersten Ecken der Kapelle riechen.
Plötzlich betritt Fürst Alfred Montenuovo, der Obersthofmeister des Kaisers, durch eine Seitentür die Kapelle und zeigt den wartenden Trauergästen durch sein Erscheinen die unmittelbar bevorstehende Ankunft des Kaisers an. Mit einer Handbewegung lässt er die Menge sich von ihren Sitzen erheben. Mit prüfendem Blick kontrolliert er die Ausführung seiner Weisung und deutet nach zufriedenstellender Umsetzung einem bereitstehenden Wachmann, die Seitentür zu öffnen. Sekunden später betritt der greise Monarch die Hofburgkapelle, gefolgt von den wichtigsten Familienmitgliedern. Unter ihnen die meisten Erzherzöge, deren Ehegattinnen und Kinder. Die Köpfe der Frauen und Mädchen sind mit Schleiern dicht verhüllt, sodass man nicht in ihre Gesichter blicken kann. Nur anhand des Mannes, an deren Seite sie gehen, ist zu erkennen, um wen es sich handelt. Dann kommen die Kinder des ermordeten Thronfolgerpaares. Alle Augen richten sich auf sie, während sie in die Kapelle geführt und an die ihnen zugewiesenen Plätze gebracht werden. Leopold Berchtold schnürt es die Kehle zu, er denkt an seine Kinder und an die Worte seiner Frau. Zuletzt betreten die Vertreter des Klerus und der Kirche die Kapelle.
Montenuovo, der für die Begräbnismodalitäten verantwortlich zeichnet, kann sich ein zufriedenes Lächeln nur knapp verkneifen, denn nun beginnt der vorletzte Akt jenes Schauspiels, das er kraft seines Amtes in Szene setzen kann. Nach der Ermordung von Franz Ferdinand hat er die Möglichkeit gesehen, alte Rechnungen zu begleichen. Montenuovo, von Ehrgeiz und Selbstsucht zerfressen, hat es nicht verwinden können, dass er bei Franz Ferdinand, dem künftigen Kaiser, nicht das gleiche Ansehen wie bei Franz Joseph hatte. So lässt er nun ein Begräbnis dritter Klasse inszenieren. Schon die Überstellung der Särge von Triest nach Wien hat er mit Widrigkeiten gespickt. Durch geschicktes Manövrieren mit Fahrplänen, Aufenthalten und Fahrtunterbrechungen hat er es fertiggebracht, die Särge am Abend des 2. Juli erst um 22 Uhr in Wien eintreffen zu lassen. Darüber hinaus hat er jegliche Trauerzeremonie während der Überstellung vom Südbahnhof in die Hofburg untersagt. Zuletzt hat er erwirkt, dass nach dem nun beginnenden Requiem die Tore der Hofburgkapelle für die Wiener Bevölkerung nur für eine Stunde geöffnet werden. Franz Joseph setzt sich zuerst unmittelbar vor die Särge, danach folgen zu beiden Seiten die Kinder der Verstorbenen. In der ersten Reihe nehmen ebenfalls das Thronfolgerpaar und die weiteren Erzherzöge Platz. Nachdem alle Familienmitglieder des Hauses Habsburg ihre Plätze eingenommen haben, gibt Montenuovo das Zeichen an die übrigen Trauergäste, sich nun ebenfalls zu setzen. Ohne die Särge eines Blickes zu würdigen, geht er zu seinem Platz und wartet auf den Beginn der Zeremonie. Das katholische Requiem beginnt mit einer Andachtsminute und wird zur Gänze in Latein gesprochen. Nach der Liturgie, der feierlichen Einsegnung durch den Kardinalerzbischof von Wien und den Fürbitten für die Verstorbenen folgt als Abschluss der Totenfeier das Singen der Volkshymne.
Während der gesamten Zeremonie dringt aus der Kapelle nichts nach draußen auf den Platz. Als schließlich mit vielstimmiger Kehle die Kaiserhymne erklingt, stimmen die Menschen vor der Hofburgkapelle begeistert ein und ein riesiger Chor der Eintracht, der Trauer und der Ergriffenheit lässt das „Gott erhalte“ durch die Straßen Wiens schallen.
Nach einer knappen halben Stunde ist das Requiem für Erzherzog Franz Ferdinand und Sophie vorüber. Ebenso schnell, wie sie gekommen sind, verlassen der Kaiser und die Familie die Hofburgkapelle über einen Seiteneingang, der sie direkt in die Hofburg bringt. Zuletzt erscheint wieder Montenuovo und gibt den Seiteneingang für die restlichen Trauergäste frei, die sich dadurch den Trubel vor der Kapelle ersparen. Von vorne beginnend erheben sich nun die geladenen Trauergäste, verneigen sich vor den Särgen und verlassen die Kapelle durch den ihnen zugewiesenen Ausgang. Nach einigen Minuten ist der Kirchenraum menschenleer.
Dann gehen Türen auf und Ordensbrüder erscheinen. Mit hastigen Hangriffen und spürbarer Hektik beginnen sie mit den Vorbereitungen für den Einlass der Bevölkerung. Stühle werden weggeräumt, Bänke verschoben, Absperrungen aufgebaut und die Särge neu positioniert. Schweigend werden die erforderlichen Aktivitäten abgeschlossen, sodass dem kommandierenden Offizier in kürzester Zeit Zeichen gegeben werden kann, die Tore zu öffnen. Genauso geheimnisvoll, wie sie erschienen sind, verlassen die Ordensbrüder die Kapelle wieder, um den nun hereinströmenden Soldaten, die sich, wie vorgesehen, zu einem Spalier aufstellen, Platz zu machen.
Jetzt, nach weiteren Minuten des Wartens, werden endlich die Tore der Hofburgkapelle geöffnet und ein Kommandant der Ehrenwache tritt vor die Menge. Mit lauter Stimme verkündet er die Regelungen und Bestimmungen für den Kondolenzbesuch in der Kapelle und weist seine Soldaten an, die Vorbereitungen für den Einlass zu treffen. Aus dem Hintergrund marschieren Soldaten vor die Kapelle, drängen Menschen zurück, rufen Kommandos, geben Befehle. Die Heranströmenden werden angewiesen, eine Reihe zu bilden und Ruhe und Ordnung aufrechtzuerhalten. Immer wieder erschallen Ordnungsrufe, nur mühsam ist der grau-schwarze Organismus dazu zu bewegen, eine dem Kommandanten passende Ordnung in sein wellenförmiges Andrängen zu bringen. Ein dem Eingangsbereich gegenüberliegendes Tor wird geöffnet, durch das die Besucher wieder aus dem Andachtsraum ins Freie zu treten haben.
***
Während vor der Burgkapelle Tausende auf Einlass hoffen, um innerhalb der ihnen zugewiesenen Stunde die Toten betrauern zu können, sind der Minister des Äußeren und der Chef des Generalstabes im Volksgarten bereits wieder in ein Gespräch vertieft. Sie haben nebeneinander in der Kapelle gesessen und diese, kurz nach Beendigung der Trauerfeier, gemeinsam verlassen. Sie sind durch Gänge, Foyers und Treppen der Hofburg gegangen, haben diese in Richtung Ballhausplatz verlassen und sich dann, kurz entschlossen, in den Volksgarten begeben, um ungestört einen Gedankenaustausch vorzunehmen. Innerhalb der Hofburg sind beide schweigend nebeneinander her geschritten. Sobald sie diese verlassen haben und von Straßenlärm und Menschen umgeben sind, beginnt Leopold Berchtold mit seinem Bericht von seiner gestrigen Audienz beim Kaiser. Der Minister schildert dem Chef des Generalstabes seine Eindrücke und schließt mit den Worten: „Der Kaiser hat sich meinem Standpunkt angeschlossen und verfügt, dass wir eine Rückversicherung aus Berlin einzuholen haben, die uns diplomatisch unterstützen soll. Leider hat sich Seine Majestät weitere Schritte vorbehalten und erteilte keine Auskunft darüber, was nach dem Eintreffen der Stellungnahme aus Berlin zu geschehen habe!“
Conrad gibt daraufhin mit einem nachdenklichen Kopfschütteln zu verstehen, dass er mit dieser Wendung nicht einverstanden ist. Eine Weile geht man dann wieder schweigend nebeneinander her und stellt sich im Volksgarten auf Wunsch Berchtolds in den Schatten einer großen Eibe. „Herr Minister, wie schon in unseren letzten Unterredungen betont“, Conrad beobachtet, wie Berchtold seinen Zylinder vom Kopf nimmt und den Gehstock über den linken Arm hängt, „weise ich nochmals darauf hin, dass die Zeit gegen uns arbeitet. Der Waffengang gegen Serbien ist unausweichlich für die Monarchie. Jede Verzögerung kann uns teuer zu stehen kommen.“ „Können Sie, Herr General, garantieren, dass Russland ruhig bleibt?“ Berchtold wartet die Antwort nicht ab, denn Conrad kann das selbstverständlich nicht. „Nein, das können Sie nicht und auch sonst kann es niemand! Wir haben daher der Entscheidung Seiner Majestät zu entsprechen und die Stellungnahme aus Berlin abzuwarten. Ich füge hinzu, dass ich diese Auffassung teile.“ Berchtold, ungeduldig geworden, erhebt erstmals gegenüber Conrad seine Stimme. Er muss sich jedoch eingestehen, dass er in den Unterredungen mit Conrad, Tisza und dem Kaiser keinen einheitlichen Standpunkt vertritt, sondern jeweils in abgeschwächter Form in die eine oder andere Richtung pendelt. Er hat seine Linie noch nicht gefunden und setzt daher viel auf die Meldung aus Berlin und den von dort erhofften Rückhalt. „Die Unterlagen sind vorbereitet und fertig und mit dem für diese heikle Mission vorgesehenen Mann habe ich bereits gesprochen. Er wird die Aufgabe übernehmen.“ Conrad blickt fragend auf Berchtold. Der General, zehn Jahre älter als Berchtold, lässt sich jedoch nicht dazu verleiten, diesen Blick mit Worten zu ergänzen. Berchtold erahnt die Bedeutung von Conrads Blick, hat aber keine Lust auf rhetorische Spielchen, sondern klärt ihn kurzerhand über seine Personalentscheidung auf: „Mein Sektionschef Alexander Hoyos bricht morgen nach Berlin auf!“
Conrad salutiert zufrieden lächelnd und verlässt mit der Bitte um ehestmögliche Mitteilung über diese Berliner Mission den Minister des Äußeren. Leopold Berchtold bleibt noch eine kurze Weile im Park stehen und blickt Conrad nach, wie dieser den Kieselwegen entlangmarschiert und alsbald hinter einer Hecke verschwindet. Er weiß, dass er sich mit seiner Wahl, Sektionschef Hoyos nach Berlin zu entsenden, einen kleinen Vorteil im Ringen um weitere Entscheidungen des Kaisers gegenüber Tisza verschafft hat. Hoyos ist innerhalb seines Ministeriums ein Verfechter der Präventivschlaggruppe und, gemeinsam mit Graf Forgách, der dieser Gruppe ebenfalls zuzurechnen ist, der Verfasser der Denkschrift, die nun in Berlin vorgelegt werden soll. Dieses Memorandum spiegelt in großen Zügen zwar auch seine, Berchtolds, Ansichten und jene Tiszas wider, ist jedoch nach dem Attentat von den beiden Ministeriumsbeamten mit schärferen Schlussabsätzen in Bezug auf eine raschere Lösung des serbischen Problems ergänzt worden. Diese Empfehlung zur raschen Problemlösung deckt sich vollkommen mit den Ansichten des Chefs des Generalstabes, der sich genau aus diesem Grund eines seiner seltenen Lächeln hat entlocken lassen.
Leopold Berchtold angelt nach einem Taschentuch in seiner Rocktasche, blickt in den wolkenlosen Himmel und wischt sich Schweißtropfen von der Stirn. Er setzt seinen Zylinder wieder auf, nimmt seinen Stock vom Arm und wendet sich in Richtung Ballhausplatz. Während der Minister des Äußeren langsam seinem Büro entgegenschlendert, drängen sich in der heißen Sommersonne die letzten Trauernden in die Hofburgkapelle, bevor diese unter wütenden Protesten der zurückgedrängten Bevölkerung verschlossen wird.
***
Jeden Abend bringen die Postbediensteten des Monarchen die kaiserlichen Depeschen und weitere Post von Potsdam nach Berlin in die Reichskanzlei. Dort werden diese an den Übergabestellen von Beamten der Reichskanzlei in Empfang genommen und im Hause an die vorgesehenen Adressaten verteilt. Die Post für den Kanzler des Deutschen Reiches, Theobald von Bethmann Hollweg, wandert, so wie in vielen anderen europäischen Hauptstädten auch, über unzählige Schreibtische in vielen Büros, bevor sie bei ihm ankommt. Bis dahin wird die Post von Mitarbeitern geöffnet, mit Eingangsstempel und Datum versehen, vorsortiert und zuletzt einem engen Mitarbeiter im Vorzimmer Bethmann Hollwegs zu dessen weiterer Bearbeitung übergeben.
„Herr Reichskanzler, in der Post von Seiner Majestät ist heute auch der neueste Bericht von Botschafter Tschirschky. Ich denke, Sie sollten sich das sofort ansehen.“ Der Mitarbeiter Bethmann Hollwegs hat die Tür geöffnet und nur seinen Kopf hereingesteckt, während er diese Meldung weitergibt. Bethmann Hollweg ist erst heute Nachmittag von einem dringend notwendigen Erholungsurlaub ins Büro zurückgekehrt und blickt von seinen Unterlagen auf. Ein wenig irritiert steht er auf und folgt seinem Mitarbeiter zu dessen Schreibtisch. Auf einem hohen Stapel unbearbeiteter Poststücke liegt an oberster Stelle der Bericht von Leonhard Tschirschky und schon auf den ersten Blick sind die unzähligen Anmerkungen des Kaisers deutlich zu sehen. „Gibt er wieder einmal was zum Besten“, denkt Bethmann Hollweg, greift nach dem Schriftstück und überfliegt die kaiserlichen Notizen. Überrascht von der Schärfe und Direktheit der Ausdrucksweise gibt er das Schreiben seinem Mitarbeiter zurück und weist ihn an, Tschirschky davon zu unterrichten. Dieser solle von Stund’ an seine Haltung gegenüber Österreich ändern und seine bisher gezeigte Zurückhaltung und Rücksichtnahme ablegen. „Gemäß den Wünschen des Kaisers“, Bethmann Hollweg hebt den Bericht nochmals bedeutungsvoll in die Höhe und schwenkt ihn einige Male hin und her, „lautet ab jetzt unser neues Programm gegenüber Österreich: Rasche, entschiedene und wirksame Tat!“ Er legt das Schreiben wieder zurück auf den Schreibtisch seines Mitarbeiters, geht in sein Büro und schließt hinter sich die Tür. „Sehr gut, das beginnt ja ausgezeichnet“, flüstert er leise in sich hinein und spürt, wie eine wärmende Zufriedenheit in ihm aufsteigt.
SAMSTAG, 4. JULI
Heftiger Gewitterregen prasselt an die Glasscheibe des Kommandostands des Fährschiffes. Immer wieder donnert und blitzt es aus einem schwarzen, wolkenverhangenen Himmel. Die Donau wird durch den böigen und stürmischen Wind aufgepeitscht und fortwährend schlagen kräftige Wellen an die Backbordseite des kleinen Dampfers. Jetzt, in der Mitte des Flusses, ist die gefährlichste Passage zu überwinden, denn hier sind die Strömungen am stärksten, erst recht in einer Gewitternacht wie der heutigen. Ächzend und schnaufend kämpft sich das Schiff durch die Gischt vorwärts, mal aufwärtsgehoben, mal seitwärtsgestoßen. Wieder zeichnet ein greller Blitz unwirkliche Schatten. Die Helfer auf der Fähre sind triefend nass und haben alle Hände voll zu tun, die Pferde an Deck ruhig zu halten. Wären nicht die Blitze, der Kapitän könnte den Bug seines Schiffes nicht erkennen. Gegen Mitternacht ist dieses Gewitter aufgezogen und hat begonnen, sich just in dem Moment in aller Heftigkeit zu entladen, als der Trauerzug in Pöchlarn am Bahnhof einlangt.
Nachdem Franz Ferdinand schon zu Lebzeiten verfügt hat, dass die letzte Ruhestätte seiner Familie das Schloss Artstetten sein soll, hat dies Montenuovo Anlass gegeben, auch hier noch lenkend einzugreifen. Den Auszug der Särge und den Trauerzug zum Westbahnhof hat er für spät abends angesetzt, um eine geringe Anteilnahme in der Bevölkerung zu erreichen. Daher dürfen entsprechend seinen Anweisungen die Särge erst um 22 Uhr die Hofburg in Richtung Westbahnhof verlassen. Wieder ist nur die kleinstmögliche Eskorte vorgesehen und wieder hat man keine Ehrenbezeugungen für die Toten aufgeboten. Trotzdem wird der Trauerzug von den Mannschaften der Wiener Hausregimenter und von Hunderten Angehörigen der hochadeligen Familien Wiens begleitet. Auch am Bahnhof ist entgegen den schäbigen Verfügungen des Obersthofmeisters ein großes Aufgebot habsburgischer Familienmitglieder eingetroffen, um den Zug zu verabschieden. Allen voran hat es sich der Thronfolger Erzherzog Karl nicht nehmen lassen, die Särge bis hierher zu begleiten.
Jetzt sind sie an Bord des kleinen Fährschiffes und schlingern im ärgsten Gewittersturm dem gegenüberliegenden Ufer entgegen. Endlich kann der Kapitän die zwei Lichtpunkte ausmachen, die die Landungsstelle anzeigen. Unter Aufbietung größter Kraftanstrengung bringt er das Schiff auf Kurs und ringt mit den Naturgewalten um jeden zurückgelegten Meter auf dem Fluss. Schweiß tropft ihm von der Stirn, als er beinahe unter Volllast der Maschine den Pier erreicht. Unter diesen Bedingungen sind ein sanftes Zurückfahren der Maschine und ein damit einhergehendes sanftes Hingleiten zum Steg nicht möglich. „Hoffentlich gelingt es den Männern, die Haltetaue gleich zu fassen“, denkt der Kapitän, als er beim ersten Versuch, den Pier zu erreichen, die Maschine drosselt. Mit einem dumpfen Schlag, der das Schiff erzittern lässt, schlägt die Fähre steuerbord an den hölzernen Landungssteg. Die Pferde und die Leichenwägen rutschen ein kurzes Stück seitlich weg, kommen aber sofort wieder zum Stillstand. Einige der Begleitpersonen stürzen, aber glücklicherweise gelingt es den Matrosen und den Helfern an Land, die Fähre rasch zu stabilisieren. Als der Kapitän von unten die Meldung bekommt, dass man weitestgehend gut vertäut am Landungssteg liege, atmet er tief aus und dankt Gott, dass er die heikle Ladung sicher aus seinem Verantwortungsbereich entlassen kann.
Es ist kurz nach drei Uhr früh an diesem 4. Juli, als die Begleitmannschaft mit dem Anlanden der Leichenwägen beginnt. Die Männer sind nass bis auf die Haut und müde von den Anstrengungen der Nacht. Viele sind seit den frühen Morgenstunden unterwegs und jetzt steht ihnen der schwierigste und anstrengendste Teil des Weges noch bevor. Vom Schiff bis zum Schloss Artstetten gilt es, an manchen Stellen einen unbefestigten und steilen Karrenweg zu befahren, der schon am Tag und bei schönem Wetter eine Herausforderung für so manchen Fuhrmann darstellt. Zaghaft beginnt man mit der Abfahrt über die Landungsbrücke auf den Steg, das alte Holz quietscht, knarrt unter der Belastung und ist rutschig wie Schmierseife. Vorsichtig bewegen sich die Pferde, als ein weiterer gewaltiger Blitz und kurz darauf ein ohrenbetäubender Donnerschlag allen ins Gebein fahren. Die Pferde des ersten Wagens scheuen, schlagen aus. Kurz bevor sie außer Kontrolle geraten, können sie von den Begleitern gerade noch im Zaum gehalten werden. Da gellt ein Schrei durch die Nacht und übertönt beinahe die Urgewalten des Gewitters. Alle blicken auf und sehen, wie der Sarg auf dem Wagen zu rutschen beginnt und in die Donau zu stürzen droht. In letzter Sekunde gelingt es einem der anwesenden Hellebarden der Trauer-Eskorte, den Sarg mit einem der Schiffshaken zum Stehen zu bringen. „Nur runter von meinem Schiff, so schnell wie möglich“, brüllt der Kapitän, der die Szene hilflos auf seiner Brücke mit ansehen muss. Mit vereinten Kräften gelingt es schließlich, die beiden Wagen vom Schiff auf das befestigte Ufer zu bringen. Es regnet nach wie vor in Strömen, sodass die Männer immer absetzen müssen, um sich das Wasser aus den Augen zu wischen.
Jetzt haben sie das beschwerliche Teilstück vom Flussufer über die Böschung hinauf zur Straße vor sich, das bei diesen Wetterbedingungen der Mannschaft die letzten Kraftreserven abverlangt. Als die Männer die beiden Wagen nach oben hieven und die Straße erreichen, haben die Matrosen auch die Fähre fest vertäut und ziehen sich in die Kajüte zurück, um für die Rückfahrt besseres Wetter abzuwarten. Jene an den Hofleichenwägen haben indes keine Möglichkeit des Rückzugs in ein trockenes Lager, sondern kämpfen sich tapfer durch die Sturmböen. Mit laut schmatzenden Lauten klatschen die großen, schweren Tropfen auf die Wagen, sammeln sich auf den Dächern, fließen als breite Rinnsale entlang der Dachränder ab und bilden einen unaufhörlichen, fingerdicken Wasserstrahl, der, von Sturmböen bald nach links, bald nach rechts weggedrückt, auf die Erde prasselt.
Endlich lässt der Regen nach und auch die Sicht wird besser. Die schwierigen Passagen des Weges hat man mittlerweile glücklich gemeistert. Am nebelverhangenen Horizont zeigt sich das erste Grau des neuen Tages und vor sich sehen die Männer die letzte Steigung, die zwischen ihnen und der Hochebene von Artstetten liegt. Mannschaft und Pferde sind müde, aber der verantwortliche Kommandant treibt sie immer wieder an. Gespenstische Nebelschleier formieren sich ab und an rechts und links des Weges und begleiten den Trauerzug ein Stück, bevor sie sich auflösen und wieder verschwinden. Nachdem auch der letzte Anstieg überwunden ist, öffnet sich der Wald und gibt den Blick auf die vor ihnen liegende Ebene frei. Der Trauerzug mit den beiden Hofleichenwagen zieht vorbei an grünen, mit großen, alten Obstbäumen reich bepflanzten Wiesen. Große Seen haben sich zwischen den Bäumen gebildet und es wird sicherlich ein paar Tage dauern, bis der Boden die Nässe des Regens aufnehmen und weiter in die Tiefe leiten kann. Mit zunehmender Helligkeit können die Männer Einzelheiten in der Landschaft erkennen, an der sie vorbeiziehen. Heuschober sind in der Ferne auszumachen und im Hintergrund ist bereits die Silhouette der Pfarrkirche von Artstetten zu sehen. Abgesehen vom Klappern der Hufe und den schlurfenden Schritten ist es totenstill. Mühsam gehen Mensch und Tier die letzten Schritte des Weges neben den Särgen einher. Jetzt zeigen sich bereits die ersten Häuser des Dorfes, deren Dächer rot durch die Nebelschwaden und das Laub leuchten. Ein paar Schritte weiter sehen sie das Schloss Artstetten, das Ziel der Mühen.
Kurze Zeit darauf kommt der Trauerzug in den frühen Morgenstunden völlig erschöpft in Artstetten an. Die Särge werden von der kleinen Dorfgemeinschaft bereits erwartet und für die in wenigen Stunden angesetzte Trauerzeremonie in die Kirche gebracht. Männer des Dorfes spannen die Pferde aus und entlassen sie auf die nächstgelegene Weide, während die Begleitmannschaft sich im einzigen Gasthof des Ortes wärmen und die Kleider trocknen kann. Auch für eine heiße Mahlzeit ist gesorgt. Für ausgiebige Ruhe ist jedoch keine Zeit. Zum letzten Mal werden nun für das ermordete Thronfolgerpaar Trauerfeierlichkeiten abgehalten. Nur die engsten Familienangehörigen sowie Erzherzog Karl und seine Gemahlin Zita kommen nach Artstetten, wo die Särge nach der Messe von der Dorfkirche in die vorbereitete Familiengruft unter dem Schloss gebracht werden. Begleitet werden die Särge dahin nur von jenen, die genau wissen, was sie an Erzherzog Franz Ferdinand verloren haben.
***
„Bitte einsteigen und Türen schließen. Der Zug fährt ab“, hallt es metallisch und nur schwer verständlich aus den Lautsprechern. Im hinteren Zugteil, wo sich die Schlafwagen befinden, besteigt ein korpulenter Mann einen Waggon. Suchend blickt er auf jedes Türschild, an dem er vorbeikommt, und vergleicht es mit den Daten in seinem Gedächtnis. In der Mitte des Waggons wird er fündig. Den Koffer und die ungewöhnlich umfangreiche Aktentasche vor sich in das Abteil schiebend, drückt er sich hinterher. Sorgfältig verschließt er die Tür, und als der Zug mit einer ruckenden Bewegung langsam abfährt, hebt der Mann gerade den Koffer in das Gepäcksnetz über der Salonliege. Er bleibt noch eine Weile stehen, zieht die Taschenuhr an der silbernen Kette aus der Jacketttasche und blickt lange darauf. „Ausgesprochen pünktlich …“, denkt er und beobachtet, wie der Sekundenzeiger das Ziffernblatt umrundet. Das Signalhorn, das durch energisches Tuten die Ausfahrt aus dem Bahnhofsgelände und damit einhergehend eine höhere Fahrgeschwindigkeit ankündigt, reißt ihn aus seinen Gedanken. Der 55-jährige Diplomat setzt sich in Fahrtrichtung auf einen Platz und sieht die Vororte Wiens vorbeiziehen. Die umliegenden Hügel sind bereits von der untergehenden Sonne in rötliches Licht getaucht und kündigen eine angenehme, warme Nacht an.
Zu Mittag hat ihn der Minister des Äußeren zum wiederholten Male in sein Büro zitiert, um mit ihm die Wichtigkeit der bevorstehenden Mission zu besprechen. Er hat Instruktionen für sein Verhalten, Informationen zu seinen Gesprächspartnern und sogar Leitfäden für mögliche Gesprächsinhalte bekommen. Man hat ihn mehrmals mit Situationen und Personen konfrontiert und seine Reaktionen und Antworten geschult. Nichts soll dem Zufall überlassen werden, das Ergebnis seiner Mission ist unzweifelhaft von entscheidender Bedeutung für die Monarchie. „Nicht nur für die Monarchie, auch für den Minister!“ Er weiß, dass mit seiner Mission auch die berufliche Zukunft von Graf Berchtold auf dem Spiel steht. Viel hängt von der Nachricht ab, die er nach den Unterredungen in Berlin nach Wien überbringen kann.
Kurz vor der Abreise hat man ihm noch jene beiden Dokumente übergeben, die im Rahmen seiner Kontakte in Berlin an den deutschen Kaiser auszuhändigen sind. Zuerst hat es geheißen, dass nicht er, sondern der k. u. k. Botschafter in Berlin, Ladislaus Szögyény-Marich, den Besuch beim Kaiser wahrnehmen wird. Dann hat Berchtold aber anders entschieden. Zum einen, weil Szögyény schon sehr alt ist und unmittelbar vor der Ablöse steht, und zum anderen, weil Berchtold davon ausgehen muss, dass der österreichische Botschafter in Berlin als Ungar bestimmt von Tisza bereits Instruktionen erhalten hat. Berchtold ist jedoch bestrebt, in Berlin ein Signal für die allgemeine Stimmungslage in Wien zu setzen, die nun auf Entschlossenheit zur Lösung des serbischen Problems hinzielt.
Jetzt im Zug nach Berlin erinnert sich der Gesandte wieder daran, dass man ihn mit einem herzlichen Händedruck verabschiedet und nochmals angewiesen hat, ehebaldigst über Ergebnisse der Unterredungen zu telegrafieren. Danach ist er nach Hause gegangen, hat seinen Koffer gepackt und ist zum Bahnhof aufgebrochen. Gerade noch rechtzeitig hat er den Zug nach Berlin um 18:30 Uhr erreicht. Das Abteil ist sehr geräumig und überraschend sauber. Alexander Hoyos nimmt diese beiden Annehmlichkeiten freudig zur Kenntnis, während er das Bett herunterklappt und dieses für die Nacht zurechtmacht. Fein säuberlich faltet er seine Kleidung und legt sie auf einen freien Sitzplatz. In seinem Schlafanzug spiegelt er sich im Fenster des Abteils vor der rasend vorbeiziehenden Landschaft. Mühsam klettert er die Sprossenleiter nach oben und rollt sich auf das Bett, das kräftig zu knarren beginnt. Er legt sich umständlich zurecht, zieht die Decke bis zum Hals und versucht noch einmal, mit angestrengtem Blick aus dem Fenster zu erraten, wo sich der Zug gerade befindet. Bevor er noch Klarheit über die Position des Zuges hat, lässt jedoch das monotone Fahrtgeräusch seine Augen zufallen. Minuten später, Alexander Hoyos schläft bereits tief und fest, passiert der Zug den Bahnhof von Pöchlarn.
SONNTAG, 5. JULI
Die Nacht im Zug ist ruhig verlaufen, nur einmal hat der Schaffner seinen Schlaf gestört und einen außerplanmäßigen Halt bei Dresden angekündigt. Man müsse bei einem Aggregat der Lokomotive ein Ventil tauschen, was jedoch innerhalb von Minuten erledigt sein würde. Noch schlaftrunken seinen Zeitplan im Kopf durchgehend, hat er sich, mit einem für den Schaffner wohl unverständlichen „Danke für die Information“-Gebrummel wieder umgedreht und ist alsbald durch das charakteristische Tocktock, Tock-tock der Eisenbahn wieder eingeschlafen. Eine halbe Stunde vor Berlin wird er, wie vereinbart, geweckt, kleidet sich an und lässt sich das Frühstück in das Abteil bringen.
Als er schließlich in Berlin aus dem Zug steigt, fühlt er sich bestens vorbereitet und zuversichtlich, die in ihn gesetzten Erwartungen erfüllen zu können. Vor dem Bahnhof ist er fasziniert von dem Getümmel, dem geschäftigen Treiben in den Straßen, den unglaublich vielen Automobilen und den allerorts erkennbaren Anzeichen einer prosperierenden, modernen europäischen Metropole. Einige Minuten bleibt er so stehen und erliegt ganz der Anziehungskraft des pulsierenden Treibens. „So stelle ich mir die Moderne des 20. Jahrhunderts vor“, denkt er bei sich. Kurz darauf wird er vom Mitarbeiter der österreichischen Botschaft entdeckt, der ihn im Automobil zum Botschaftsgebäude bringt. Nachdem er kurz beim österreichischen Botschafter vorstellig geworden ist, um diesen noch mündlich in die bevorstehenden Gespräche einzuweihen, der durchgeführte schriftliche Telegrammwechsel wird in Zeiten der unausgesetzten Spionagegefahr nur auf die nötigsten Formalismen beschränkt, deckt er sich mit den notwendigen und neuesten Informationen über seine Kontaktpersonen, die er in den nächsten Tagen treffen wird, ein.
Hoyos hat es eilig, denn er wird bereits zum Mittagessen vom deutschen Kaiser erwartet. Der Botschaftsangehörige, der ihn vom Bahnhof abholt, begleitet ihn zum neuen Palais in Berlin und setzt ihn pünktlich vor den Toren des Amtssitzes von Kaiser Wilhelm ab. Während Alexander Hoyos mit großen Augen das imposante Stadtschloss bewundert, erinnert er sich beruhigt daran, dass er seine Unterredungen für den heutigen Tag wieder und wieder im Geiste durchgegangen ist.
Hoyos blickt dem Mitarbeiter der Botschaft nach und wartet, bis dieser einen Parkplatz in unmittelbarer Nähe gefunden hat, dann wendet er sich dem monumentalen Eingangstor des Stadtschlosses zu. Hoch aufragende, beeindruckende Steinsäulen umrahmen ein prächtig glänzendes schwarzes Gittertor, das an seinem oberen Ende mit dem prunkvollen Wappen der Hohenzollern gekrönt wird. Das große Tor, das nur dann geöffnet wird, wenn für Automobile und Lastkraftfahrzeuge die Einfahrt frei gemacht wird, gestattet einen eindrucksvollen Blick auf das Anwesen des deutschen Kaisers. Eine breite und mit strengen, geradlinigen Mustern gepflasterte Straße führt vom Tor geradewegs zum Haupteingang des Schlosses. Links und rechts der Straße sind üppige Blumenrabatten und Beete angelegt, die von kurz geschnittenen Buchsbaumspalieren eingesäumt sind. Im Hintergrund erkennt Alexander Hoyos die ausgedehnten Parkanlagen.
Für jene Gäste, die zu Fuß zum Palast kommen, gibt es an beiden Seiten des großen Tores kleinere Eingangstüren. Zielsicher und ein wenig ehrfurchtsvoll steuert der Österreicher auf den Eingang zu. Nach Aufforderung des Wachhabenden meldet sich Hoyos als Gast des deutschen Kaisers an. Der diensthabende Offizier blättert kritisch in seinen Unterlagen, um dann bei den Einträgen zum heutigen Tag mit den behandschuhten Fingern die Seite entlang nach unten zu fahren. Beim Besuchseintrag für die Mittagsstunde hält sein Finger abrupt an. Der Offizier beugt sich nach vorn um die ausgesprochen klein geschriebenen Buchstaben lesen zu können. „Sektionschef Alexander Hoyos, Wien“, liest der Mann vor. Er richtet sich wieder auf und wirft einen prüfenden Blick auf den Gast: „Ich bitte Sie, mir Ihre Papiere vorzulegen.“ Nachdem sich Hoyos mit seinem Diplomatenpass legitimiert hat, ruft der wachhabende Offizier einen Chargen herein und erteilt den Auftrag, den Gast aus Österreich ins Palais zu Kaiser Wilhelm zu geleiten. Kurz darauf verlassen beide die Torwache durch eine hintere Tür und schreiten dem weiträumigen Vorplatz des Palais entgegen.
Hoyos fällt überall Personal ins Auge, das mit vielerlei Aufgaben beschäftigt ist. Auch Angehörige der Armee in unterschiedlichen Uniformen sind anwesend und wirken allesamt ausgesprochen beschäftigt sowie höchst konzentriert in der Ausführung ihrer Aufgaben. Während die beiden flinken Schrittes auf den imposanten Haupteingang des Schlosses zusteuern, bemerkt der österreichische Delegierte mit Genugtuung, dass man von ihm keine Notiz nimmt. Vorbei an Beeten mit üppigem Blumenschmuck und saftig grünen Rasenanlagen erreichen die beiden den Haupteingang, der ihnen vom zuständigen Personal so zeitgerecht geöffnet wird, dass sie für das Eintreten nicht stehen zu bleiben brauchen. Über eine prachtvolle weiße Marmortreppe geht es in den ersten Stock, dann nach links und einen schier endlosen Gang mit unzähligen Türen an beiden Seiten entlang. Unvermittelt schwenkt der Begleiter alsbald in einen Seitengang und bleibt kurz darauf vor einer eindrucksvollen Eichentür mit schweren Beschlägen stehen. „Bitte warten Sie hier einen Moment, ich werde Sie unverzüglich bei Seiner Majestät anmelden.“ Mit diesen Worten öffnet der Charge die Tür und verschließt diese von der anderen Seite, noch bevor Hoyos einen Blick hineinwerfen kann. Das Geräusch der zugeworfenen Tür hallt den Gang entlang und entschwindet nur langsam Hoyos‘ Ohren.
Kein Mensch ist zu sehen. Hoyos lauscht angestrengt. Von der anderen Seite der Türe sind Schritte zu hören, die langsam näher kommen und sich wieder entfernen. Die kurze Wartezeit nützend, ruft sich Sektionschef Hoyos, während er seine Tasche mit den Unterlagen auf den Boden stellt, nochmals seinen Auftrag in Erinnerung. In den bevorstehenden Zusammentreffen, heute mit dem deutschen Kaiser und morgen mit dem Reichskanzler, gilt es, jene Zusicherungen einzuholen, die nach Ansicht seines Chefs, Minister Berchtold, die Voraussetzung darstellen, um es überhaupt zu einem Vergeltungsschlag gegen Serbien kommen zu lassen. Zu seiner offiziellen Mission gehört auch das Überbringen der Denkschrift und des Memorandums. In Ergänzung dazu soll er in Berlin die Lage der Monarchie am Balkan mündlich ausführlich hervorheben. Im Angesicht der Tragödie von Sarajevo habe er mit größtmöglicher Bestimmtheit die Verpflichtung für Österreich-Ungarn herzuleiten, den von der serbischen Aggression aufgezwungenen Existenzkampf nunmehr sofort aufnehmen zu müssen. Um für dieses Vorhaben Rückendeckung gegenüber den Mächten zu erhalten, habe er weiters das Deutsche Reich um diplomatische Unterstützung vor allem gegenüber Italien und Rumänien, die beide höchstwahrscheinlich Kompensationsforderungen an Österreich stellen werden, zu ersuchen und unbedingt zu erhalten. Es ist natürlich kein Zufall, dass Berchtold gerade ihn für diese Mission ausgewählt hat, denn er ist einer jener engen Berater im Ministerium, die für eine harte und kraftvolle Vorgehensweise gegen Serbien eintreten. Für Hoyos sollte es daher ein Leichtes sein, in den geeigneten Momenten der bevorstehenden Verhandlungen die nötige Selbstsicherheit und die richtigen Argumente für die österreichische Ernsthaftigkeit und Zielstrebigkeit vorzubringen.
Hoyos zupft an seinem Jackett und blickt prüfend an sich herunter. Der Schlips sitzt ordentlich, die Hose ist faltenfrei und sauber, die Schuhe glänzen. Dann zieht er beide Hemdsärmel zurecht, sodass die Manschettenknöpfe deutlich sichtbar unter den Jackettärmeln hervorblinken. Seine Gedanken kreisen noch um etwas anderes, das ihm mitgeteilt worden ist. Neben den Dokumenten und seinen offiziellen Aufträgen hat ihm Berchtold kurz vor der Abreise unter vier Augen noch eine mündliche Instruktion mitgegeben. Er hat genickt, als ihn der Minister einleitend fragte, ob er wisse, was auf dem Spiel stünde. Dann hat Berchtold hinzugefügt: „Das Ergebnis der vorgestrigen Audienz bei Seiner Majestät hat mich genau zwischen die beiden gegensätzlichen Standpunkte für unsere mögliche Reaktion auf das Attentat in Sarajevo gedrückt: Im einen Lager finden wir Conrad, Krobatin, Potiorek, Forgách und andere, die auf die schnelle und militärische Lösung drängen, und auf der anderen Seite steht Graf Tisza, der mit seinem politischen Schwergewicht alleine das Gegenstück darstellt und den Kaiser zurückhält.“ Hoyos erinnert sich, wie Berchtold bei diesen Worten den Blick nach unten richtete und ernüchtert den Kopf schüttelte. Dann hat der Minister den Kopf wieder gehoben und ihm mit ungewohnter Härte in der Stimme zugeraunt: „Wir beide wissen, dass Sie der Gruppe um Conrad zuzuzählen sind, und ich tendiere ebenfalls in diese Richtung. Aber ohne einen Rückhalt aus Berlin können Sie nicht auf mich zählen. Dann wird es keinen Feldzug gegen Serbien geben. Ist das klar, Herr Sektionschef?“ Wieder hat Hoyos genickt. „Wenn Sie mich also auf Ihrer Seite wissen wollen, um beim Kaiser das nötige politische Gewicht gegen Tisza zustande zu bringen, bringen Sie mir eine uneingeschränkte Unterstützungszusage aus Berlin.“
Hoyos ist über diese ungewöhnliche Offenheit und Direktheit des Ministers noch immer erstaunt. Wieder greift er nach seinem Schlips, um diesen ein weiteres Mal zurechtzurücken. In diesem Moment vernimmt Hoyos wieder Schritte. Dieses Mal wird die Tür geöffnet und der Begleiter bittet ihn weiterzukommen. Erneut folgen sie einem Gang, passieren etliche kleinere Zimmer und erreichen endlich den Wartesalon des Kaisers. Gemeinsam mit Mitarbeitern und weiteren Gästen wird Alexander Hoyos in das kaiserliche Speisezimmer geführt und an einen Stuhl am festlich gedeckten Esstisch verwiesen. Bedächtig geht Hoyos auf diesen zu und bleibt dahinter stehen. Sekunden später erscheint Wilhelm II., deutscher Kaiser und König von Preußen, mit energischem Schritt, gefolgt von einer Handvoll Offizieren. Nacheinander begrüßt der Kaiser seine Gäste, blickt jedem dabei fest in die Augen und wechselt einige freundliche Worte. Auch den österreichischen Gast begrüßt er auf diese Weise herzlich, seine behinderte linke Hand stets hinter dem Rücken haltend. Nach einigen allgemeinen Bemerkungen zur Fahrt und dem Befinden bittet der Kaiser zu Tisch und setzt sich. Hoyos und die anderen Gäste nehmen nach den höfischen Regeln erst Platz, nachdem der Kaiser das Zeichen dafür gegeben hat.
Kaum, dass die Plätze eingenommen sind, kommt Wilhelm zur Sache und wendet sich an den Gast aus Wien: „Sie haben Dokumente für mich mitgebracht?“ „Jawohl, Euer Majestät“, entgegnet Hoyos und fährt, nachdem der Kaiser einen fragend Blick des Wieners aufmunternd beantwortet hat, fort: „Es handelt sich hierbei zum einen um ein Memorandum, welches die gegenwärtige politische Lage der Donaumonarchie beschreibt und mit den Erkenntnissen aus den jüngsten schrecklichen Vorfällen in Sarajevo ergänzt wurde, und zum anderen um ein Allerhöchstes Handschreiben Seiner Majestät Kaiser Franz Josephs, welches direkt an Euer Majestät gerichtet ist.“ Hoyos öffnet seine Aktentasche, zieht die beiden Schriftstücke heraus und reicht sie dem ihm nächststehenden Adjutanten. Dieser übernimmt sie mit einem Kopfnicken, geht um den Tisch herum und übergibt sie mit einer tiefen Verbeugung dem Kaiser. Ohne zu zögern öffnet Wilhelm die Umschläge beider Dokumente und beginnt, während die Dienerschaft die Speisen ins Zimmer trägt, diese hastig zu überfliegen. Servierwägen werden gebracht, wobei die darauf befindlichen Speisen durch glänzende Abdeckungen den Blicken der Gäste entzogen sind. Anderes Personal trägt Schalen mit heißem Wasser an die Tische und stellt diese jeweils zwischen zwei der Gäste. Die Vorbereitungen enden damit, dass hinter jedem Gast ein Diener mit einem Tablett wartet. Auf ein Zeichen Wilhelms treten die Diener in vollkommener Bewegungsharmonie an den Tisch und setzen die Speisenteller unmittelbar vor den Gästen ab. Zuletzt wird die Abdeckung auf den Tellern entfernt und der Blick auf die Speisen freigegeben. Sofort steigt der warme Duft der herrlichen Vielfalt den erwartungsvoll am Tisch Sitzenden in die Nasen.
Währenddessen ist Wilhelm aufgestanden und hat seine Gäste ermahnt, sich nicht von den Köstlichkeiten abhalten zu lassen, während er seine Aufmerksamkeit völlig auf die Dokumente zu richten gedenke. Jetzt geht er mit kleinen, vorsichtigen Schritten im Hintergrund des Speisesaals auf und ab und vertieft sich vollständig auf die beiden Schriftstücke, die er kontinuierlich umblätternd mit großem Interesse liest. Ab und an bleibt er stehen, um sich besser auf die Formulierungen konzentrieren zu können. Hoyos, ein wenig orientierungslos ob dieser unorthodoxen Vorgehensweise, blickt Hilfe suchend um sich. Als er sieht, dass der höchstrangige Offizier unter den Anwesenden ihm aufmunternd zunickt, ergreift Hoyos das Besteck und beginnt mit der Mahlzeit. Kaiser Wilhelm verliert er dabei keinen Moment aus den Augen. Wilhelm liest zuerst das Allerhöchste Handschreiben, dann das Memorandum, wie Hoyos bemerkt. Nachdem Wilhelm das Studium der Unterlagen beendet hat, bleibt er stehen, dreht sich zu Hoyos um, der augenblicklich aufspringt, und winkt ihn zu sich. Die Serviette auf den Tisch legend und hektisch den Stuhl nach hinten rückend, eilt Hoyos auf den Monarchen zu. „Ich“, beginnt der Kaiser und dreht sich mit dem Österreicher vom Tisch weg, „bin über die Inhalte der beiden Dokumente nicht überrascht und habe Mir aufgrund des schrecklichen Ereignisses, welches meinen lieb gewonnenen Freund Franz Ferdinand auf so entsetzliche Weise aus dem Leben riss, eine Reaktion auf das Attentat in dieser Art erhofft und erwartet. Richten Sie Seiner Majestät Kaiser Franz Joseph aus, dass Ich die Donaumonarchie unterstützen werde, auch“, Wilhelm hält inne und starrt Hoyos mit leicht zugekniffenen Augen an, „wenn es zu einem Ernstfall kommen sollte. Heute Nachmittag habe Ich eine Unterredung mit Reichskanzler Bethmann Hollweg, dieser wird Ihnen morgen eine definitive Antwort überbringen.“ Hoyos ist überrascht. Auf eine derart klare Aussage hat er nicht zu hoffen gewagt, noch dazu ohne sein gänzliches Dazutun. Nach einem leisen „Jawohl, Euer Majestät“ und einer angedeuteten Verbeugung dreht sich Hoyos um und geht an seinen Platz zurück.
Nach dem Essen erweist Wilhelm II. seinen Gästen noch die Ehre eines gemeinsamen Digestives, bricht dann jedoch alsbald die Konversation mit dem Hinweis ab, dass der Reichskanzler für die angekündigte Unterredung jeden Augenblick eintreffen würde. Alexander Hoyos und die meisten der anderen Gäste werden von einem Hofbediensteten durch die Vorzimmer, Gänge und Treppen wieder zum Tor gebracht. Hoyos ist vom soeben Erlebten zutiefst beeindruckt. Die unkonventionelle Haltung des deutschen Kaisers ihm gegenüber, die unumwunden klare und deutliche Zusicherung, die Donaumonarchie zu unterstützen, sowie die Beiziehung des mächtigen deutschen Reichskanzlers zur Erörterung des österreichischen Anliegens verlangen ihm Respekt vor dem deutschen Führungsstil ab. „Und das alles“, er gerät bei diesen Gedanken ins Schwärmen und kann einen neidvollen Seufzer beim Vergleich mit dem Wiener Krisenmanagement nicht unterdrücken, „innerhalb eines Nachmittages, hier wird nicht lange gefackelt. Es scheint, als würde Wilhelm wissen, was zu tun ist!“
Am großen Tor angekommen, wird er aus dem Neuen Palais entlassen und wieder zurück auf die Straße geführt. Er hört das hinter ihm zufallende Tor und die sich rasch entfernenden Schritte des Wachpersonals. Seine Blicke suchen das Botschaftsautomobil, das er alsbald die Straße hinunter entdeckt. Der Fahrer steht gelassen an das Fahrzeug gelehnt und unterhält sich mit Passanten. Als er vor dem Tor die Straße überqueren will, muss er für einen Moment stehen bleiben, denn eine schwarze Limousine kommt zügig näher. Unmittelbar vor Hoyos reduziert der Fahrer seine Geschwindigkeit und biegt in Richtung Haupttor des Palais ab. Sich erneut dem Tor zuwendend, bemerkt Hoyos, wie zwei Wachebeamte aus dem Haus stürzen und die schweren gusseisernen Flügeltore auseinanderdrehen, um dem Wagen die Durchfahrt zu ermöglichen. Während die Limousine wartet, erkennt der österreichische Sondergesandte den deutschen Kriegsminister Erich Falkenhayn und Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg im Fond des Wagens. Für eine nähere Bestimmung der anderen Personen, deren Silhouetten Hoyos ebenfalls wahrnimmt, reicht die Zeit nicht, denn der Fahrer nimmt sofort wieder Fahrt auf, nachdem die Tore geöffnet sind. Alexander Hoyos beobachtet, wie der Wagen die Auffahrt entlangfährt und, während die Gittertore wieder geschlossen werden, die Männer aussteigen und im Schloss verschwinden.
„Hm, Falkenhayn, Bethmann Hollweg und andere! Unsere Angelegenheit scheint von größter Wichtigkeit für Berlin, denn sonst wäre nicht die Reichsspitze vertreten.“ Hoyos blickt bei dem Gedanken noch einmal links und rechts, um danach schnellen Schrittes die Straße zu überqueren und zum Automobil zurückzueilen.
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