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Drachenfeuer Chroniken

Band 1

Vanara: Aufstieg der Bahedor

Copyright © Wunderhaus Verlag, Dresden

Lektorat: Johanna Furch, Marianna Korsh

Co-Lektorat: Bjela Schwenk

Korrekturlesen: Justina Schindler

Coverdesign, Satz & Layout: Marianna Korsh

Illustrationen im Buch von Ketrin Rey

Grafiken von Mandy Zasadzki

ISBN 978-3-96372-056-7

www.wunderhaus-verlag.de


ES WAR EINMAL VOR LANGER ZEIT,

ALS DIE GESCHICHTE UNSERER WELT

NOCH VON DRACHEN UND HELDEN

GESCHRIEBEN WURDE ...

Prolog

Lukas öffnete den Vorratsschuppen und holte ein großes Stück Räucherschinken hervor. Am Ende eines langen Tages als kommandierender Ritter der Stadtwache wartete er schon bereits auf den deftigen Eintopf, den Jasmin eben in der Küche zubereitete. Nach den Entbehrungen des Krieges konnte er sich jeden Tag auf das bescheidene, aber köstliche Essen seiner Frau freuen. Und noch auf so vieles mehr: Jasmin und er planten Nachwuchs. Dazu musste er mehr Sold verdienen, vielleicht würde er sich für diesen neuen Ritterorden bewerben, den die kirche derzeit ins Leben rief. Von ihr hatte er für seine Dienste im heiligen Krieg immerhin auch dieses kleine Stück Land samt Hof im Leandertal geschenkt bekommen. Eingebettet zwischen sanften Hügeln, kaum einen Tagesritt von Ammerlingen entfernt.

Plötzlich hörte Lukas ein Knurren. Er hob den Kopf leicht und lauschte. Er trat aus dem Schuppen heraus, der sich an eine große Eiche schmiegte. Kalte Abendluft schlug ihm entgegen und er fröstelte kurz. Das Geräusch kam von da hinten, hinter dem Vorratsschuppen.

„Jasmin, ich dachte, Remo ist in der Stube?“, rief er in Richtung der Wohnhütte. Er schüttelte kurz den Kopf. Er mochte es nicht, wenn sich der Hund am Vorratsschuppen herumtrieb und bei jeder Gelegenheit versuchte, einen Happen Fleisch zu stibitzen. „Na los, Remo, wir gehen rein. Los!“ Lukas schulterte das Fleisch und machte sich auf, in die Hütte zurückzukehren. Es wurde langsam kalt und er freute sich auf eine warme Stube und sein Abendessen.

„Liebster, hast du mich gerufen? Was ist mit dem Hund? Remo liegt im Schlafgemach.“ Die Stimme seiner Frau war gerade verstummt, als Lukas erneut ein tiefes Grollen hinter sich hörte.

„Wenn Remo in der Hütte ist ... was zum Teufel ist dann ...“ Er warf das fleisch ins Gras, zog seinen Dolch und dachte an sein Schwert, das in der Stube an der Wand hing. Vorsichtig ging er um den Schuppen herum und blickte angestrengt in die Dunkelheit. „Wer ist da? Kommt heraus!“ Doch er wusste, dass es sich hier niemals um einen Menschen handeln konnte. Ein Bär vielleicht? Aber Bären trauten sich für gewöhnlich nicht aus ihren Wäldern so tief ins Leandertal.

Schon wieder ein Knurren. Es kam ihm beinahe schon wie eine Sprache vor. Er hatte im Heiligen Land so manche fremde Sprache gehört, aber so etwas noch nie.

Lukas holte tief Luft, hob einen Stein auf und warf ihn in den Schatten der großen Eiche. Es gab ein dumpfes Geräusch gefolgt von einem tiefen, wütenden Grollen. Egal, was es war, Lukas wusste instinktiv, dass er sich schnell zur Hütte zurückziehen musste.

Er wollte sich gerade umdrehen, als ihn zwei gelbe Augen aus dem Dunkel anstierten.

Lukas schluckte und ein Schauer überlief ihn. Diese Augen lagen viel zu weit auseinander, um irgendeinem Tier zu gehören, das ihm bekannt war. Die Laute erklangen erneut und es hörte sich nun an, als würde in einer tiefen, kehligen fremden Sprache zu ihm gesprochen. Dabei wanderte das Augenpaar höher und höher und ragte schließlich mehrere Ellen über ihm aus der riesigen Eiche.

Dann trat es heraus. Holz knirschte und knackte und in Lukas zogen sich die Eingeweide zusammen. „Allmächtiger Es konnte nicht sein. Er hatte von ihnen gelesen. Hatte die Gerüchte gehört. Hatte sich mit anderen Rittern und Soldaten darüber lustig gemacht.

Dann rannte Lukas. Rannte so schnell er konnte. Zurück zur Hütte. Zurück zu Jasmin. „Liebste ... komm ja nicht heraus ... Jasmin .... Bitte ... bleib ...“ Hinter ihm dumpfe Schritte und das tiefe Grollen. Er brauchte sich nicht umzudrehen, um zu wissen, dass er verfolgt wurde. Er stolperte vorbei am Räucherfleisch, war nun beinahe an der Hütte angelangt. Von drinnen hörte er Remo kläffen.

Plötzlich erstarben die Geräusche hinter ihm und Lukas wagte einen kurzen Blick über seine Schulter. Ein kreischendes Zischen. Ein Glühen in der Nacht. Dann Hitze und ein kurzer brennender Schmerz, tausendmal heißer als die unbarmherzige Sonne über Akkon, gefolgt von ewiger Ruhe.

Die Tür ging auf, Jasmin übertönte Remos Bellen: „Liebster, was brüllst du denn hier draußen her-“ Weiter kam sie nicht. Fassungslos musste sie mit ansehen, wie ihr Gemahl in einem gleißenden Flammensturm verglühte.

Sie schrie, taumelte ins Haus und schaffte es mit zitternden Fingern, die Tür zu verriegeln. Remo bellte. Mit verschwommenem Blick rannte Jasmin zum hinteren Teil der Hütte. Lukas hatte dort, vorsichtig wie er war, eine Geheimtür eingebaut und hinter einem Regal versteckt. Jasmin schob es mit einem Ruck zur Seite und gelangte ins Freie.

Hinter ihr krachte und polterte es, der Boden bebte und Remos Bellen ging in ein kurzes Winseln über, ehe es für immer erstarb.

Jasmin rannte so schnell ihre Füße sie trugen. Tränen brannten in ihren Augen beinahe ebenso schmerzhaft wie die Hitze, die durch die näherkommenden Flammen auf sie einströmte. Ein lautes Krachen hinter ihr und sie warf beim Rennen einen Blick zurück. Die Hütte, die kleinen Geräte- und Vorratsschuppen - alles verging in einem tosenden Feuersturm. Innerhalb weniger Augenblicke wurde ihr ganzes Leben zerstört.

Jasmin schluchzte und rannte erfüllt von Grauen und Todesangst weiter in Richtung der kleinen Landstraße. Da, endlich, erblickte sie Reiter. Sie standen auf einer kleinen anhöhe und einer musste auf jeden Fall ein Ritter sein, denn seine Rüstung und sein Helm glänzten matt im Feuerschein.

„Dem Schöpfer sei Dank ... edle Herren ... so helft mir doch ... bitte ...“ Schon völlig außer Atem rannte Jasmin auf die drei Reiter zu, die regungslos auf der kleinen anhöhe standen. Nur das Schnauben ihrer Pferde und das Brausen des feuers klang durch die nacht.

Bei den Reitern angelangt, fiel sie auf die Knie und blickte zu ihnen hoch. „So helft mir doch! Mein Gemahl ... unser Heim ... ich bitte euch!“ Während der mittlere Reiter tatsächlich die Rüstung und den Helm eines Ritters trug, waren die beiden, die ihn flankierten, in dunkle Waffenröcke samt Mäntel mit langen Kapuzen gehüllt. Der Ritter hatte das Visier leicht geöffnet und Jasmin sah nun ein leichtes aber bösartiges Lächeln. Er nickte kurz und Jasmin wurde mit grausiger Bestimmtheit bewusst, dass sie hier keine Hilfe zu erwarten hatte.

Eine der verhüllten Reiter gab ein zischendes Geräusch von sich und mit einer unglaublichen Schnelligkeit schoss ein Arm auf Jasmin zu. Eine ledrige Klauenhand, grausam und nicht von dieser Welt, umschloss ihren Hals.

Jasmin versuchte noch schwach, die Klauen auseinanderzuziehen, aber sie konnte es nicht. Sie spürte, wie das Leben langsam aus ihr wich. „Lukas ... Liebster ...“

Der Ritter nickte erneut. Der verhüllte Reiter drehte mit einer blitzschnellen Bewegung und einem knackenden Laut sein Handgelenk und öffnete dann seine Klauenhand. Mit einem dumpfen Geräusch sackte der tote Körper der jungen Frau ins Gras und der Ritter blickte kurz in die wässrigen Augen, die nun stumpf und klagend in den Nachthimmel blickten. Dann schloss er sein Visier, drehte sein Pferd und galoppierte mit den anderen Reitern davon, während ein großer schwarzer Schatten über sie hinwegflog und sie in die dunkle Nacht begleitete.

Ein Jahr später

KAPITEL I
Das Tor öffnet sich

„Mist, ich bin mal wieder viel zu spät dran.“ Vana hielt kurz inne, um zu verschnaufen. Ein Schweißtropfen perlte von einer ihrer blonden Haarsträhnen auf den staubigen Boden. Sie blickte kurz hinauf in den azurblauen wolkenlosen Himmel. Die Sonne stand freudig strahlend am Firmament und schien wie eine Schutzherrin der guten Laune über die Stadt Ammerlingen zu wachen.

Wäre die alte Gunda Trochtenstein nicht gewesen, wäre Vana jetzt gut in der Zeit. Aber wie es das Schicksal nun so wollte, musste die alte Frau natürlich ausgerechnet dann mit ihrem Handkarren Vanas Weg kreuzen und im Morast steckenbleiben, als diese es sowieso schon eilig hatte. Gemäß des Ritterkodexes war es natürlich ihre Pflicht, der alten Frau zu helfen - auch wenn sie noch lange kein Ritter war und es wahrscheinlich auch niemals werden würde. Doch Vana half gern und somit hatte sie bei ihrer guten Tat neben einem großen Zeitverlust auch ein bisschen Ruhm erlangt.

„Eines Tages werde ich ebenfalls ein Gladior Panzerritter!“ Kurz dachte sie an ihre Worte, welche mal wieder völlig unbedarft aus ihr hervorgesprudelt waren, als sie der alten Gunda hochgeholfen hatte. Und wie so oft rief das auch bei Gunda die entsprechende reaktion hervor.

„Ooooh Kind, bitte vergib mir. Meine Ohren sind nicht mehr die besten. Jetzt habe ich doch tatsächlich verstanden, dass du auch ein Gladior werden willst. Siehst du, Vanara, solche absurden Späße treibt das Alter mit einem.“

Vana hatte die alte Gunda nur angeschaut und traurig gelä- chelt. „Ja ... absurd, nicht wahr?“

Vana seufzte kurz und rannte weiter, denn sie musste sich beeilen. Sie hatte ja noch für Tante Milda auf dem Markt Besorgungen zu machen und wollte trotzdem unbedingt den Einzug der Gladioren erleben. Sicher, die vielen Ritter samt ihrem Gefolge waren an diesem Wochenende auch spannend anzusehen, aber die Gladioren - sie waren doch etwas ganz Besonderes.

Vana hielt sich am Straßenrand und betrachtete beim Laufen kurz die riesige Konstruktion, die im Zentrum der Stadt hoch in den Himmel aufragte. Schon seit Monaten arbeiteten dort die Handwerker, um den berühmten Drachenlauf-Parcours für das Arma Sanctorum zu schaffen. Nach außen hin war die mächtige Konstruktion aus Holz und Metall mit Fahnen und Tüchern abgedeckt. Nur wer später Einlass in die Arena hatte, würde den Drachenlauf in seiner ganzen Pracht erblicken können.


Sie hastete weiter. Zum Glück hatte sie aufgrund ihrer täglichen körperlichen Arbeit eine gute Kondition.

Am Markt herrschte regeres Treiben als sonst, da sich neben den Menschen aus Ammerlingen nun auch viele Besucher um die Stände drängten. Es war schließlich das Arma-Sanctorum-Wochenen- de, die Marktleute boten ihre besten Waren feil und jeder wollte sich damit eindecken, ehe sie ausverkauft waren.

Ein buntes Lärmgemisch aus Marktschreiern, Pferdewiehern, Schafgeblöke und Stimmengewirr lag über dem Platz, der sich mit seinen vielen Verkaufsständen an das ehrwürdige Ammerlin- ger Münster schmiegte.

Vana atmete kurz durch und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Sie blinzelte hoch in die Sonne, dann eilte sie weiter. In Gedanken ging sie durch, was Tante Milda geordert hatte. „Als erstes schnell zum Carnifex, bevor das beste Fleisch weg ist, dann aber nichts wie zur Tribüne am Stadttor. Ich habe nur noch eine Stunde bis zum Gladioren-Einmarsch“, ermahnte sie sich laut und quetschte sich durch das bunte Treiben.

Sie sog genussvoll die vielen Gerüche ein. Gegrillte Fleischspieße, exotische Gewürze aus den Sarazenenländern - und alles vermischt mit Schweißgeruch.

„Hey, pass doch auf. Nicht träumen, weitergehen!“ Ein hektisch dreinblickender Knecht schubste Vana unsanft zur Seite und drängte sich an den Stand. Hektik und Lärm bestimmten den Markt - heute mehr als sonst. Sie setze ihren Weg fort zum Metzgerstand von carnifex klöppel.

Zwischen dem Gedränge und dem Schieben der Menschenmassen spürte Vana plötzlich kaltes Metall. Sie schaute hoch und blickte in das Gesicht eines Ritters. Sein Visier war hochgeklappt und der Schweiß rann ihm in die Augen.

Gerade wollte sie weiter, sich nicht wieder in ihren Gedanken und Träumereien verlieren, da packte der Ritter sie unsanft am Handgelenk. „Siehst du, Peter? Der klassische Taschendieb-Trick. Das Gedränge im Markt ausnutzen, um dann das Opfer seiner Geldbörse zu entledigen.“ Er lachte kurz grimmig auf und sein junger Knappe kicherte ebenfalls und entblößte dabei eine Zahnlücke.

Vana ließ sich nicht einschüchtern: „Nein, Herr Ritter, ich bin sicherlich KEINE Taschendiebin. Ich bin hier mit guten Absichten unterwegs und verbitte mir solche Unterstellungen.“

Der lachte wieder. Dann drehte er sich zu seinem Knappen. „Siehst du, Peter, in diesem gar seltenen Fall hat der Abschaum sogar Manieren und weiß, sich auszudrücken.“

Vana wollte sich losreißen, aber der Ritter hielt sie mit festem Griff.

„Du wirst heute ganz bestimmt keine unschuldigen Bürger mehr bestehlen. Ich übergebe dich den Stadtwachen und du verbringst das Arma Sanctorum dann mit Sicherheit im Faulturm!“

Während sein Knappe hämisch feixte, zog der Ritter Vana mit sich und stieß dabei unsanft so manchen Marktbesucher zur Seite.

Vana versuchte erneut, sich zu befreien. Sie hatte sich so auf diesen Tag gefreut. Auf Ammerlingen. Auf den Einmarsch der Gladioren. und jetzt sollte sie zu unrecht der Stadtwache vorgeführt werden? Was würde Tante Milda nur sagen?

Sie trat dem Ritter mit voller Wucht gegen das Schienbein und ein helles metallisches Geräusch war zu hören. Schmerz durchfuhr ihren Fuß und sie fluchte.

„Wie so oft sind deinesgleichen nicht gerade mit Weisheit gesegnet. Tritt nie einen Mann gegen das Bein, der eine Kerbostahl- Beinpanzerung trägt.“

Während der Ritter die zappelnde Vana weiterzog, ging das Marktgeschehen mitsamt seiner hektischen Betriebsamkeit um sie herum unbeirrt weiter. Taschendiebe, die wütend schreiend von Soldaten oder Rittern abgeführt wurden, kamen hier täglich vor und so nahm niemand von ihrer Situation ernsthaft Notiz.

Plötzlich stoppte der Wtter. Vana war gerade dabei, sich in seinen Unterarm zu verbeißen, als sie aus dem Augenwinkel mehrere Personen sah, die sich von den übrigen Menschen auf dem Markt abhoben.

„Sagt, Graf von Nau, was habt ihr denn hier für ein seltsames Früchtchen erstanden?“ Die Stimme klang ruhig und strahlte dennoch Autorität aus.

Vana wand sich unter dem Griff des Ritters und erblickte nun ei - nen prunkvoll gekleideten Mann samt mehreren gepanzerten Wachen, die ihn flankierten und vom Marktgeschehen abschirmten.

„Kardinal Harbinger? Welch eine Ehre. Was führt Euch hierher in diese Jauchegrube?“ Graf von Nau beugte kurz sein Haupt aber ließ Vana nicht los. Sein Knappe verbeugte sich ebenfalls, während er Vana - mit deutlich geringerer Kraft - am anderen Arm festhielt.

Kardinal Harbinger. Vana hatte schon viel über den hohen Kleriker, das oberhaupt des Gladior-ordens gehört.

Er rieb sich nachdenklich sein langgezogenes kinn.

„Nun, gerade Männer meines Standes haben die Pflicht, sich ab und an unter das gewöhnliche Volk zu mischen, um so greifbar und glaubhaft die Menschen zu ermutigen, Hoffnung zu spenden und zu zeigen, dass die Kirche sich ihrer Nöte bewusst ist.“

Auf einen erneuten Versuch von Vana, sich zu befreien, gab ihr Graf von Nau einen Stoß in den Magen.

„Aber, aber, werter Graf. Was hat dieses Mädchen denn gemacht, dass es eine derartige Behandlung verdient?“

Vana spuckte aus und blickte keuchend zu dem fürstlich gekleideten Kardinal und seinen Soldaten auf. Ehe sie antworten konnte, fiel ihr der Graf ins Wort. „Eure Exzellenz, ich habe den Verdacht, dass diese Metze eine Taschendiebin ist. Ich war gerade dabei, sie der Stadtwache zu übergeben.“

Der Kardinal blickte Vana ernst an. Diese brüllte dem Grafen wutentbrannt entgegen: „Ihr lügt! Ich wollte Besorgungen für meine Tante machen und mir dann die Gladioren anschauen. Das ist alles.“

Graf von Nau und sein Knappe drückten sie nach unten. „Wie kannst du es wagen in diesem Ton vor seiner Exzellenz mit mir zu reden? Dich werde ich Vernunft lehren. Bevor du in den Faulturm kommst, kriegst du eine ordentliche Tracht ...“

„Genug!“ Die Stimme des Kardinals zerschnitt den Lärm des Marktes und der Graf hielt inne. Schweiß tropfte aus seinem Visier auf Vana herab. „Konntet Ihr genau mitansehen, wie das Mädchen etwas entwendete? Hat sie Euch oder Euren Knappen bestohlen?“ Noch ehe der Graf antworten konnte, fügte der Kardinal mit einem drohenden Unterton hinzu: „Denkt daran, Graf, falsches Zeugnis abzulegen ist eine Sünde und Lügen sollten niemals über die Lippen eines Ritters dringen.“

Der Graf kniff die Augen zusammen und schien kurz zu überlegen. Dann blickte er zu Vana und funkelte sie wütend an. „Nein, eure Exzellenz. Ich habe keinen Beweis. Es war nur meine Intuition. Wie sie sich bewegte, wie sie zielstrebig durch das Gedränge eilte.“

Der Kardinal hob seine Hand und blickte gütig auf den Ritter von Nau und auf Vana. „In diesen schweren Zeiten sollten wir uns nicht immer von Vermutungen und Vorurteilen leiten lassen. Ein großes Fest steht an, ein Fest der Hoffnung und der Freude.“ Er blickte Vana tief in die Augen und obwohl sie sich dabei unwohl fühlte, erwiderte sie den Blick. „Lasst das Mädchen gehen. Selbst wenn sie eine Diebin ist, so ist es der Wille des Herrn, dass sie zur gegebenen Zeit ertappt und ihr gerechte Strafe zugefügt wird. Bis dahin soll sie sich wie der Rest des Pöbels an ein paar vergnüglichen Stunden erfreuen.“ Der Kardinal nickte auffordernd und Ritter von Nau und sein Knappe gaben Vana frei.

Diese verbeugte sich kurz vor dem Kardinal und warf dem Ritter und seinem Knappen einen wütenden Blick zu.

„Nun geh. Mach deine Besorgungen, damit du rechtzeitig den Einmarsch der Gladioren erlebst.“ Der Kardinal lächelte Vana mit einem seltsamen Ausdruck in den Augen an.

Bevor sie ging, zeigte sie dem Knappen einen unflätigen Fingergruß und verschwand daraufhin hastig in der Menschenmenge. Im Weggehen glaubte sie noch von dem Kardinal zu hören: „Solche Menschen suchen überall nach Krieg und Hinterhalt.“

Seine Worte wurden aber von ihren Gedanken übertönt: „Dieser verlogene Scheißkerl! Und so einer nennt sich Ritter!“ Vana war noch immer wütend über den Vorfall, nicht zuletzt, da er sie erneut wertvolle Zeit gekostet hatte. Wahrscheinlich gab dieser Graf von Nau auch noch vor, ein edler und beliebter Ritter zu sein.

Leichte Schwermut verdrängte nun die Wut in ihrem Gemüt. Sie seufzte. Wie gern wäre sie ein Gladior. Edel, stark, mitfühlend. Ganz bestimmt nicht so wie dieser Möchtegern-Ritter von eben.

Doch sie war ein Mädchen. Es war ihr nicht bestimmt, eine Rüstung zu tragen und den Schwachen zu helfen. Traurig schob sie ein Maultier zur Seite und drängte sich an einem dicken Bauern und einer alten Kräuterfrau vorbei.

Sie hielt kurz die Luft an, als sie unter der muffigen Achselhöhle eines Schmiedegesellen mit nacktem Oberkörper durchtauchte und erreichte endlich den Stand von Metzgermeister Klöppel. Natürlich herrschte auch hier viel Umtrieb, lautstark wurden Waren angepriesen und Preise geboten. Es wurde gebrüllt, gelacht, geflucht, eingepackt, verstaut und aufgeladen.

Vana drängte sich durch die Menschen und erntete so manchen Stoß. Doch sie ließ sich nicht abhalten, denn die Zeit arbeitete gegen sie und so schob sie sich solange nach vorne, bis sie endlich am Stand angelangt war.

Sie wollte gerade Ausschau nach Karl, dem Metzgergesellen, halten, als sie plötzlich unsanft gegen die Kante der großen Auslagenholzplatte gedrückt wurde. Eine finster dreinblickende Magd mit buschigen Augenbrauen und schiefer Nase hatte sie von hinten gestoßen und presste sie nun gegen die Kante. „Was drängelst du dich hier so vor, Metze?“ Die Stimme der Magd war mit ihrem unfreundlichen Gesicht in bester Gesellschaft.

„Ein bisschen langsamer, verehrte Herrschaften. Es sind hier auch zarte Geschöpfe wie Weibsvolk anwesend!“ Karl, der Metzgergeselle, machte dann eine übertriebene Verbeugung in Richtung der mürrischen Bauernmagd. „Gute Frau, eine von Gott dermaßen mit Schönheit gesegnete Dame sollte ihr tadelloses Antlitz nicht durch Groll verunstalten lassen.“ Der Metzgergeselle strahlte die Magd an und zwinkerte ihr zu. Der Groll in ihrem Gesicht wich einer leichten Röte und fast kleinlaut gab sie ihre Bestellung auf.

„Zwei Pfund Rinderleber, kommt sofort. Die Dame ist nicht nur eine Augenweide, sondern hat offensichtlich auch Geschmack an guter deftiger Hausmannskost.“ Strahlend übernahm die Magd die Fleischwaren, warf Vana nochmals einen bösen Blick zu und drängte sich dann wieder nach hinten.

„Vana, verrückte hübsche Vana. Und ich dachte, ich hätte heute schon genug Grazien hier an diesem Ort der Schönheit wandeln sehen.“

Vana schüttelte lächelnd den Kopf. Ihre Wut im Bauch auf Graf Nau und die unfreundliche Magd war verflogen, als sie den stets Sprüche klopfenden Metzgergesellen erblickt hatte. „Karl du alter Schleimer. Kannst es nicht lassen, was?“

Beide lachten und Karl öffnete ein Gatter am Stand.

„Na komm Vana, bist wirklich spät dran. Meister Klöppel erwartet dich bereits. Hast dir ja mal wieder ganz schön Zeit gelassen. Wieder Frau Ritter gespielt?“

Vana schob sich an den murrenden und maulenden Besuchern durch und wurde von Karl durchs Gatter gezogen, der mit einer drehenden Fingerbewegung am Kopf die schimpfenden Kunden besänftigte. „So gewahrt doch Ruhe, edle Herrschaften. Die blonde Metze hier ist leicht von Sinnen und wie man sehen kann, hält sie sich doch tatsächlich für einen Kerl. Eine wahrlich traurige Angelegenheit. Bitte seht es uns als gute Christen nach, wenn wir dieser armen Seele Vorrang gewähren.“

Das Maulen verstummte größtenteils und Vana sah nun auch mitleidige Blicke. Sie boxte Karl leicht in die Seite. „Na danke. Ich hatte heute schon genug Aufregung und du stellst mich hier jetzt noch als Schwachsinnige dar.“

Karl wuschelte ihr durchs Haar. „Lass mich mal überlegen: Latscht dauernd in Jungenklamotten herum, flucht wie ein Zwerg und will dazu noch ein Gladior werden? So richtig normal und damenhaft ist das allerdings nicht, Vana.“ Er zwinkerte ihr zu.

Er kannte sie wirklich zu gut - sie kannten sich aber immerhin auch schon seit ihrer Kindheit. Vana mochte Karl, obwohl er ein Windhund und Wendehals war. Er war hübsch anzusehen und hatte muskulöse Arme. Sein freundliches Gesicht wurde von wilden dunklen Locken eingerahmt und er liebte die Frauen wie sie ihn liebten.

„Wenn hier eines Tages mal ein wütender Ehemann oder gar Ritter auftaucht, um dich in Stücke zu schlagen, erwarte keine große Hilfe von mir, du süßholzraspelnder Gockel!“ Die bekannte Stimme von Meister Klöppel drang durch den Lärm. Der alte Klöppel schob sich durch ausgehangene Rinderhälften zu den beiden und schaute gespielt grimmig. Meister Klöppel war ein großer gut genährter Mann und wie es sich für seine Zunft gehörte von kräftiger Statur. Er hatte kaum Haare auf dem Kopf, aber dafür einen wilden dunklen Bart, der aus seinem Gesicht schoss.

Bei Vana angekommen lachte er laut auf und nahm sie kurz in den Arm. „Bist mal wieder spät dran, was? Na los, erzähl, was soll ich denn alles anliefern. Gehts Milda gut?“ Die Metzgerei belieferte Tante Mildas Gasthof schon seit Vanara denken konnte. Zwischen Tante Milda und Meister Klöppel bestand ein festes Band der Freundschaft. Nach dem Tod von Onkel Walbert hatte er ihr viel geholfen und auch das ein oder andere Fleischstück billiger oder gar umsonst zukommen lassen.

Vana gab die Bestellung auf und hoffte, bei der Aufzählung nichts vergessen zu haben.

„Schau nicht so dämlich, geh wieder nach vorne zur Kundschaft, Karl!“, herrschte Meister Klöppel den lässig an einer Rinderhälfte lehnenden Karl an. „Und lass mir die Frauen in Ruhe. Preis’ ihnen nur die Würste aus der Auslage und nicht deine Wurst an, verstanden?“ Weil er Vana erröten sah, sagte er: „Oh, Entschuldigung, Kleine. Aber du kennst ja meinen Karl.“

Seinen Karl. Meister Klöppel hatte seinen richtigen Sohn vor Jahren in den Kreuzzügen verloren und schien nun in dem Gesellen eine Art Sohn-Ersatz zu sehen.

„Uuuund vier Pfund Räucherschinken. Das wäre dann alles, ja?“

„Ja, Meister Klöppel. Es wird eine Menge los sein im ,Keiler‘ und die Mahlzeiten dürfen nicht ausgehen.“ Vana legte ihm das Geld hin und kratzte sich am Hinterkopf. Hatte sie wirklich an alles gedacht?

Der Metzgermeister reichte ihr mehrere Taler und begann die Waren auf einen Karren zu laden. „Steck das Restgeld gleich in deinen Beutel und verlier es nicht wieder, ja?“ Er schaute sie mahnend an, denn auch der alte Metzgermeister wusste, wie kopflos Vana manchmal sein konnte. „Nun gut, Vana. Ich packe ein bisschen mehr mit drauf und werde dann am frühen Abend Karl mit dem Karren vorbeisenden, ja?“

Vana nickte und als plötzlich Glockengeläut erklang, erstarrte sie. Sämtliches Nachdenken über mögliche weitere Aufträge von Tante Milda wurde von Gebimmel hinweggeläutet.

Meister Klöppel schaute kurz in Richtung Münster. „Die Gladio- ren kommen. Na los, Vana, beeil dich. Ich habe ja deine Bestellung.“

„Vielen Dank, Meister Klöppel. Und grüßen sie den Gockel Karl nochmals von mir!“ Vana umarmte den alten Carnifex nochmal, schob hastig das restgeld in ihren Beutel, rannte durch das Lager und verließ den Stand durch eine Öffnung hinten am Zelt.

Wieder das Bimmeln der Glocken. War es wirklich schon so spät? Sie hatte nicht mehr an die Zeit gedacht. Vana fluchte. Das passierte ihr so oft. Konnte sie nicht einmal pünktlich bei einer Sache sein? aber wie sollte sie auch, wenn ihr das Schicksal dauernd solche Begegnungen wie mit dem arroganten Graf Nau in den Weg warf?

Vana rannte wie der Wind und sprang mit der Leichtfüßigkeit eines Rehs lässig über ein grunzendes Schwein, um dann gleich mit einer Drehung einem fluchenden Soldaten der Stadtwache auszuweichen. Nur beiläufig nahm sie die Gerüche und die Geräusche einer Stadt wahr, die trotz harten Zeiten in freudiger Erwartung auf ein paar unbeschwerte Tage harrte.

Das Gedränge am Tor war dicht und neben den Bewohnern von Ammerlingen scharten sich auch Besucher anderer Städte und Gemeinden um die Holzgeländer und drängten sich hinter den Stadtwachen. War schon die große Drachenlauf-Konstruktion in der Stadtmitte eine Sehenswürdigkeit, wollte doch jeder die Gelegenheit nutzen, einen Gladioren aus nächster Nähe zu sehen. Der Einzug dieser berühmten und edlen Krieger war ein ganz besonderes Ereignis. Es herrschte große Aufregung.

Vana sprang lässig über die Absperrung und ein ebenso nutzloser wie langsamer Versuch eines rundlichen Soldaten, sie daran zu hindern, scheiterte kläglich. Anstatt ihr hinterher zu hechten, drehte sich der Mann fluchend wieder zu der Menschenmenge um. Vanas Puls raste, ihr Herz schlug schneller und schneller. Sie steuerte einen ganz bestimmten Punkt an der großen Tribüne neben der Stadtmauer an.

Die Tribüne war für die wohlhabenden und adeligen Bürger Ammerlingens aufgebaut worden und randvoll. Vana schlängelte sich unter den Sitzreihen durch und musste sich mehrere Male in den Schlamm drücken, um unter den Holzverstrebungen durchzukriechen.

„Na endlich. Wir dachten schon du schaffst es nicht!“ Alinas helle Stimme schrie feixend gegen den Lärm an.

Gemeinsam mit ihren Freunden Egon und Olaf kauerte sie weiter oben in den Verstrebungen und hielt Vana die Hände hin. „Komm schon, Goldi, gleich geht’s los!“ Alina grinste. Sie war ein Jahr älter als Vana und ihre beste Freundin. Ihren Spitznamen aufgrund der goldfarbenen Haare konnte Vana aber noch immer nicht so recht leiden.

Sie ließ sich hochziehen, drückte ihre Freunde zur Begrüßung und wischte sich mit dem Halstuch den Schweiß vom Gesicht. „Wir dachten schon, die alte Milda lässt dich heut nicht raus!“ „Hab ich was verpasst?“

Es war dunkel und stickig unter der Tribüne. Es roch nach gebratenem Essen und Pferdemist. Aber dennoch hatten sie in den Verstrebungen einen guten Platz und auch wenn manchmal Wein aus den Schlitzen über ihnen nach unten tropfte, hatten sie eine fast so tolle Sicht wie die hohen Herrschaften.

Egon biss herzhaft von seinem Stockbrot ab und reichte es Vana. Kauend zeigte er Richtung Haupttor. „Bisher kommen nur die normalen Ritterleute und der Adel. Aber die Turmwachen haben vorhin herabgeschrien, dass die Gladioren schon über der Ammer- linger Heide sind, und es müsste eigentlich jeden Moment so weit sein. Anscheinend wurde Kardinal Harbinger schon gesehen.“

Vana hatte Egon nur undeutlich verstanden, da er schmatzend und aufgeregt mit dem Finger wedelnd auf den Holzbalken herumturnte. Sie nickte und fixierte mit ihrem Blick nun das große Stadttor. „Yep, Kardinal Harbinger ist definitiv in der Stadt.“

Olaf und Egon waren in Vanas Alter. Die Freunde kannten sich schon seit sie als Kleinkinder auf den Straßen von Ammerlingen gespielt hatten und aufpassen mussten, nicht überfahren oder totgetrampelt zu werden.

„Hah, Gregor der Trottel muss seinem Vater helfen und die Fremdenzimmer herrichten. Der kotzt bestimmt voll ab.“

Die Gruppe lachte und Vana musste kurz schlucken. Sie war immerhin eigentlich auch in einer offiziellen Mission für Tante Milda unterwegs. aber die Bestellung hatte sie erledigt und sonst war da nichts mehr, oder?

„Heeeey, lass mir auch noch was übrig, Brecher!“ Olaf nagte wohl zu forsch am herumgereichten Stockbrot, was dem hageren Egon so gar nicht gefiel. Gerade als sich die zwei Jungs um den letzten Rest Stockbrot streiten wollten, dröhnten erneut die Stadtglocken.

Dieses Mal läuteten sie genau viermal. Jeweils einmal für die Grundsätze der Panzerritter:

Für Gott zur Ehr

Der Kirche zur Wehr

Den Drachen zum Trutz

Den Schwachen zum Schutz,

„Sie sind da!“ Es war eher ein Hauchen, das aus Alinas Mund kam, und sie nestelte gebannt mit beiden Händen in ihren langen braunen Haaren herum.

Auch Vana hielt nun kurz den Atem an und schaute durch die verwinkelten Holzverstrebungen in Richtung Tor. Sie musste sich strecken und dabei an den Balken heben, da die Menschen weiter vorne noch näher zusammenrückten, um besser sehen zu können. Wenn sich diesmal das Stadttor öffnete, würde es keinen nttertross entlassen, keine fahrenden Händler oder Fuhrwerke von Bauern.

Eine laute Stimme erklang und der offizielle Herold für das Arma Sanctorum kündigte die neuen Besucher an. „Edle Herren und Damen von Ammerlingen. Verehrter Hochadel und verehrte Vertreter der Kirche aus Neu Isendornstadt. Aber auch ihr Bürger von Ammerlingen und ihr Besucher aus allen Teilen des Landes: Heute ist es soweit!“

Jubel brandete auf und auch die vier Jugendlichen unter der Tribüne schrien und pfiffen ihre Begeisterung hinaus.

„Die obersten Führer der Kirche und unser geschätzter Kardinal Harbinger aus Neu Isendornstadt haben dieses Jahr neben Karbenar, Hela und Tornstadt auch die wunderschöne Stadt Ammerlingen für das Arma Sanctorum ausgewählt!“

Wieder frenetischer Jubel.

„Yeah, Ammerlingeeeeeen!“, brüllte Egon und Olaf reckte den Kopf nach oben und streckte die Zunge raus, um ein paar Tropfen Wein mit dem Mund aufzufangen.

Vana war wie gebannt. Gleich würde sie ihren ersten Gladi- or sehen. Wie sie wohl aus der Nähe aussahen? Wie viele wohl kommen würden? Voller Vorfreude und Nervosität kaute sie auf ihrer unterlippe.

Der Herold rannte mit seinen bunten Gewändern wie ein Derwisch über den Platz und heizte die Menge weiter an. „Viele Ritter kommen dieses Jahr nach Ammerlingen und für manchen jungen Mann wird sich in diesen Tagen das Leben neu ordnen. Die Kirche braucht mutige Krieger, nur die besten Männer werden sich als würdig erweisen, eine Gladiorrüstung zu tragen und als Novize dem Panzerritter-Orden beizutreten.“

Vana musste an die alte Trochtenstein denken. Eine Frau als Ritter. Wie absurd. Vana schüttelte den Anflug von Schwermut hinweg.

„Der Teufel selbst lässt seine Horden nun auf Erden wandeln, aber Gott lässt uns nicht im Stich. Denn wen schickt er uns?“

„DIE GLADIOREN!“, skandierte die Menge lauthals.

„Ein Krieger Gottes zu werden und als Waffe der Kirche die heilige Rüstung zu tragen, ist nicht nur eine Ehre - es ist Bestimmung, Aufopferung und absoluter Glaube. Seid ihr bereit, liebe Menschen von Ammerlingen?“

„JAAAAAAA!“, riefen die Menge und die vier heimlichen Tribünenzuschauer wie aus einem Mund.

„Dann heißt sie willkommen: Die Exekutive unserer Kirche. Die Rächer von Neu Isendornstadt. Die Beschützer der Schwachen und der Gläubigen. Die Drachenschlitzer. Die Echsar- Schlächter. Die Dämonenjäger. Die Gladioren!“

Glockengeläut paarte sich mit ohrenbetäubendem Jubel. Vana hielt sich die Ohren zu und grinste zu Alina hinüber, die das Gleiche tat. Egon ließ voller Spannung sein Stockbrot fallen und Olaf krallte sich in einen Holzbalken, um sich noch weiter nach vorne zu lehnen.

Dann Stille, leises Husten, Räuspern, Raunen. Das große Stadttor öffnete sich rumpelnd und knarzend. Ein gleichmäßiges Stampfen war zu hören.

Thump... Thump... Thump... Thump...

Vana hielt den Atem an und ganz Ammerlingen tat es ihr gleich. Alles Gejohle und Gejubel erstarb.

Und dann konnte sie sie sehen.

Gleißend helle Rüstungen in Weiß und Silber. Gott persönlich schien nun das Licht auf die Gladioren zu werfen. Sie stapften durch das Tor. Die Panzerritter. Ihre Gladiorrüstungen waren größer und bulliger als eine normale Ritterrüstung. Dicke Panzerplatten am Brust- und Schulterbereich schützten vor Klauen und Feuer und die Helme wirkten inmitten der Körperpanzerung fast schon klein. Die Gladioren maßen gut über drei Ellen und obwohl ihre Bestimmung und Aufgabe das Töten von Ungeheuern war, wirkten sie selbst wie Dämonen aus einer anderen Welt.

Nacheinander kamen die Gladioren durch das Tor und wurden von Knappen und den Waffenträgern begleitet. Vana wusste natürlich, dass jeder Gladior eine bevorzugte und auserwählte Waffe führte, aber für diesen Aufmarsch trugen die Panzerritter die Standardausrüstung und somit eine riesige Lindwurmlanze in der rechten Hand. Ritter auf Pferden und Fahnenträger begleiteten die imposante Prozession und Vana war sich sicher, seit der Geburt ihres Fohlens Hikki nichts Schöneres erlebt zu haben.

Ihr Mund stand offen und sie streckte sich, warf sich nach links und rechts, um noch besser sehen zu können. Es war noch aufregender, als sie es sich in ihren kühnsten Träumen ausgemalt hatte.

Die Gladioren nahmen in einer Reihe Aufstellung ein und Vana zählte sechs. Die fahnenträger und Knappen stellten sich vor und neben die Gladioren, bunte Fahnen und Wimpel spiegelten sich in den blitzenden Rüstungen. Ein Reiter galoppierte vor sie und brüllte einen Befehl. Dann hoben die Gladioren ihre rechten Arme und Lanzen in die Höhe.

Die ehrfürchtige Stille wich einem tosenden Applaus und Jubel. Auch die vier Jugendlichen klatschten und johlten und Vana konnte Olaf gerade noch am Hosenbund zurückziehen, als dieser drohte, von dem Holzbalken zu stürzen.

Die Gladioren setzten nun ihre Helme ab und Knappen eilten herbei, um Helme und Lanzen abzunehmen.

Vana blinzelte und versuchte, die Gesichter zu erkennen. Zwischen den hohen Schulterpanzerungen waren die köpfe oder gar Gesichter nur schwer auszumachen, aber sie konnte nun einen Blick auf den ersten Gladiorritter werfen. Der Mann hatte dunkles, kurz geschorenes haar und grinste gutgelaunt in die Menge. Seine Stirn glänzte vor Schweiß.

„Scheiße, ich möchte nicht wissen, wie heiß es in diesen Dingern ist“, raunte Olaf.

„Ich habe mal gehört, dass die Rüstungen magisch modifiziert sind und eine Kühlung und Kraftverstärker haben und es deshalb nur ausgewählte Knappen schaffen, die Rüstung zu tragen.“ Egon musterte die Gladioren mit gespielt fachmännischem Blick. Er hatte sich schon immer für Handwerk und technische Errungenschaften interessiert.

„Ist doch egaaaaaaal. Sind die nicht einfach nur verdammt cool, Goldi?“ Alina giggelte und stupste Vana am Arm.

Vana nickte nur langsam und schaute weiterhin den ersten Gladior der Reihe an. Sie bildete sich ein, dass der Ritter zu ihr herüberschaute. Ein warmes Gefühl und heftiges Pochen durchdrang ihre Brust.

„Diese verzogenen kleinen adeligen Scheißer!“, fluchte Olaf, als den Kindern der oberen Herren gewährt wurde, zu den Gladioren zu gehen und sie aus nächster Nähe zu betrachten.

„Reg dich nicht auf, Brecher. Wir haben hier doch auch gute Plätze. Ich kann sogar das Wappen auf dem Schulterpanzer des vorderen Gladiors sehen. Ist doch cool hier, oder Vana? Vana?“ Alina hielt inne und auch Egon und olaf schauten nun verwirrt. Doch Vana saß längst nicht mehr neben ihnen auf den Holzbalken. alinas Worte hörte sie nur noch in der Ferne, denn sie schlängelte sich nach vorne, schürfte sich kurz den Unterarm an einem Balken auf und drückte sich unter der vordersten Absperrung der Tribüne durch.

Das Pochen ihres Herzens in der Brust hämmerte so stark, dass sie es nun im Hals spüren konnte. Die Soldaten hatten alle Mühe, die begeisterten Bürger, aber auch die herbeiströmenden Kinder der hohen Herrschaften zu beruhigen, und so schaffte es Vana tatsächlich bis nach vorne zu den Gladioren. „Ich muss nach vorne. Ich muss sie einmal aus nächster Nähe sehen“, hämmerten ihre Gedanken gegen ihren Kopf. Keuchend blieb sie stehen, blickte nach oben. Vana hielt sich eine Hand an die Stirn um gegen die Sonne zu schauen.

„Na du bist ja eine ganz Eifrige. Wie heißt du denn, Mädchen?“

Vana konnte es nicht fassen. Der Gladior ... Er sprach tatsächlich. Er sprach zu ihr!

„Ich ... ich heiße Vanara. Vanara Esperschild.“

Der Gladior beugte sich leicht nach unten. Es knirschte und ächzte. Die Rüstung musste wirklich schwer sein. „Freut mich, Vanara. Ich heiße Tamedias.“ Er streckte seine große gepanzerte Hand aus und Vana ergriff sie. Sie war kalt, stählern, und doch schoss eine hitze wie von tausend Drachenfeuern in ihr hoch.

„Ich möchte auch wie Ihr ein ...“ Weiter kam sie nicht.

„Freche Metze. Was bildest du dir ein dich vorzudrängeln und die kleinen Herrschaften wegzustoßen?“ Zwei junge Soldaten der Stadtwache packten Vana hart an ihren Armen.

Dicke kleine Jungs mit edlen Gewändern standen in der Nähe und zeigten Rotz und Wasser heulend auf sie. einer davon war durch und durch mit Matsch besudelt und man konnte den teuren bunten Stoff nur noch erahnen. „Die Blonde da kam unter der Tribüne rausgerannt und hat mich einfach in den Dreck gestoßen!“, flennte er.

Vana tat erstaunt und blickte einen der Soldaten mit gespielter Erschütterung und großen, unschuldigen Augen an. „Ich? Ups?“ Sie grinste verlegen. Vor lauter Aufregung hatte sie wohl die strahlende Zukunft von Ammerlingen beim Vorbeirennen in den Matsch geschubst.

Die Soldaten schleiften sie grob weg. Ihr Blick blieb am Panzerritter Tamedias hängen, der sie nun mit einer seltsamen Mischung aus Neugier und erheiterung zu betrachten schien.

„ICH WILL AUCH EIN GLADIOR WERDEN!“

Sie schrie es hinaus, alles, ihre Wut, ihre Sehnsucht, sollten sie es doch alle hören. Sie schrie gegen Glocken, gegen Jubel, gegen sämtlichen Lärm der Welt.

Schroff und zum Spott der anwesenden Adelskinder wurde sie dennoch von den Soldaten abgeführt und hörte wie durch einen Nebel das hämische Gelächter der Soldaten und mancher umstehenden Bürger. Nur noch ein letzter Blick auf Tamedias, bevor sie zum Rand des Torplatzes geschleift wurde. Er nickte ihr zu und lächelte. Dann wurde sie unsanft hinter die Absperrung gestoßen, wo bereits mehrere Soldaten auf sie warteten.

„Wen haben wir denn da? Wenn das nicht unsere eloquente Ta - schendiebin ist?“ Graf Nau baute sich mit einem bösartigen Grinsen vor Vana auf. „So schnell sieht man sich wieder. Dieses Mal ist hier kein Kardinal, der dir deinen vorlauten Hintern rettet.“

„Ich habe nichts getan. Lasst mich sofort frei!“ Vana zappelte und konnte im Schatten der Tribüne die ängstlichen Gesichter ihrer Freunde sehen.

Graf Nau trat näher an sie heran und blickte voller Boshaftigkeit auf sie herab. Er packte Vana mit der einen Hand fest am Hals, während er mit der anderen ihr den Lederbeutel vom Gürtel riss und diesen mit einem kurzen prüfenden Blick öffnete. „Was haben wir denn da? Wie kommt eine Göre wie du zu diesen Talern?“

Er ließ von ihr ab, stieß sie unsanft zurück und Vana musste kurz nach Luft ringen, ehe sie den Grafen anschrie: „Das gehört mir. Ich habe nicht gestohlen. Fragen sie doch den Carnifex!“

Der Graf steckte den Beutel in seinen Waffenrock. „Beschlagnahmt. Deine Geschichten mögen vielleicht beim Kardinal auf offene Ohren stoßen, aber mir machst du nichts vor!“ Während Vana wild schimpfte und fluchte, gab Graf Nau den Soldaten ein Zeichen. „Ab in den Faulturm mit ihr. Uns ist diese Metze bereits einmal entkommen, ein zweites Mal wird ihr das Glück nicht so hold sein.“

Vana wurde vom Torplatz und dem Grafen weggeführt und obwohl sie die Soldaten nach vorne drückten, erhaschte sie einen letzten Blick auf die Gladioren. Die zwei Soldaten bahnten sich mit Vana einen Weg durch die Menschen und hielten sie dabei in einem festen Griff.

Vana war ebenso wütend wie verzweifelt. Ihre aufbrausende Art hatte sie wieder einmal in Schwierigkeiten gebracht und nun hatte sie nicht nur den Verlust von Tante Mildas Restgeld zu beklagen, sondern würde das Festwochenende auch noch im Faulturm verbringen. Tante Milda erneut zu enttäuschen, war für Vana noch bitterer als das Versäumnis des Arma-Sanc- torum-Festwochenendes. Sie ließ den Kopf hängen.

Plötzlich erklang eine bekannte Stimme: „Vana, da bist du ja. Meister Turin lässt dich bereits in der halben Stadt ausrufen. Was hast du dir bloß wieder dabei gedacht, dich einfach von der Gruppe zu entfernen?“

Alina stand vor den zwei jungen Soldaten. Mit finsterem Blick schaute sie Vana an und verschränkte die Arme vor der Brust. Hinter ihr standen ein paar andere Jugendliche mit kleinen Hanfsäcken über die Köpfe gezogen und gaben seltsame Geräusche und Zuckungen von sich.

„Meine edlen Herren, vielen Dank, dass ihr sie gefunden habt. Meister Turin wird sehr dankbar sein und eurer Garnison mit Sicherheit ein Fass Met spendieren!“

Die Soldaten schauten Alina misstrauisch an. „Was soll das? Diese Metze hat gestohlen und hat sich unerlaubt vor die Gladioren gedrängt. Sie kommt in den Faulturm!“

Alina war nicht nur älter, sondern auch ein bisschen größer als Vana und wirkte dank der braunen langen Haare und ihrem ernsten Gesicht nicht wie die Jugendfreundin, die Vana schon so lange kannte und schätzte. „Oh, das kommt uns aber ungelegen. Wisset, diese unglückliche junge Frau hier hat genau wie die armen jungen Seelen hinter mir einen seltenen Fall von Lepra und neigt dazu, sich unerlaubt von unserer Gruppe von Aussätzigen zu entfernen.“

Die beiden Soldaten schauten erst Vana und dann einander an.

Alina fuhr fort: „Eine seltene Ah; von Krankheit, die das Gehirn angreift. Diese junge Frau hier hält sich offensichtlich für einen Ritter und wenn ihr genau hinschaut, seht ihr bereits äußerliche Anzeichen. Schaut euch nur diese Flecken im Gesicht dieser armen Kreatur an.“

Die Soldaten zogen Vana unsanft hoch und beäugten sie misstrauisch. „Das sind nur Sommersprossen.“

Alina lächelte kurz, dann fand die ernste Miene zurück auf ihr Gesicht. „Jaaa, Sommersprossen ... Das dachte ihr ehemaliger Vormund auch, ehe die Krankheit ihn samt seinem ganzen Dorf auslöschte. Man darf wahrlich nicht lange Körperkontakt halten, sonst greift der Wahnsinn über! Meister Turin war mit unserer Gruppe gerade auf dem Weg, die Stadt zu verlassen, damit diese armen Kreaturen keine Besucher des Arma Sanctorums anstecken können.“

Die Soldaten ließen Vana angewidert los. Sie spielte mit und gab wildzuckend gurgelnde und glucksende Geräusche von sich.

„Oje, sie hat einen Anfall. Man muss sie schnell mit dem Mund beatmen, könntet ihr mir dabei helfen? Ihr edlen Soldaten der Stadtwache seid doch bestimmt für derartige Fälle ausgebildet, ja? Ich selbst will lieber nicht so nahe an sie heran.“

Die Soldaten fluchten und stießen Vana unsanft zu Alina und machten sich kopfschüttelnd auf zum Stadttor, nicht ohne ihnen zuzurufen: „Nimm die kranke Metze mit, zieht ihr einen Sack über den Kopf und bringt euch und die anderen Spinner zu eurem Meister. Wehe, wir sehen euch hier nochmal in der Stadt, dann packen wir euch in das tiefste Loch im Kerker.“

Erst als die Soldaten außer Sicht waren, zogen die Jugendlichen, darunter auch olaf und Egon, ihre Hanfsäcke von den Köpfen.

„Wieso stellt mich eigentlich heute jeder als Irre hin?“ Vana zog zuerst einen Schmollmund, lächelte dann aber dankbar und fügte hinzu: „Danke. Das war echt knapp!“ Sie klopfte sich den Staub ab und umarmte ihre Freunde.

„Sag mal hast du sie noch alle? Willst du in den Faulturm, oder was?“ Alina schüttelte vorwurfsvoll den Kopf. „Du weißt schon, dass die dich auch als getarnte Echsar-Terroristin festnehmen oder - schlimmer noch - hätten töten können! Sei froh, dass die Soldaten nicht nur leichtgläubige Trottel waren, sondern auch wegen der Gladioren wieder zum Tor wollten. Bei erfahreneren Soldaten hätte diese Augenwischerei bestimmt nicht funktioniert.“

Auch der sonst so vergnügte Olaf schaut nun ernst.

Vana hob abwehrend die Hände. „Alles gut, beruhigt euch mal wieder. Ist ja nix passiert.“ Ein breites Lächeln schlich sich auf ihr Gesicht. „Außer dass ich mit einem echten Gladior reden konnte!“ Der Schrecken von Vanas unbedachter Aktion war schnell verflogen und dem Stolz und der Aufregung gewichen, die sie zuvor gespürt hatte. Sie war noch immer wie berauscht. Tamedias hatte mit ihr geredet. Ein echter Gladior! Und nun musste sie natürlich alle Fragen ihrer Freunde ausführlich beantworten.

Ein Stampfen unterbrach das Jungvolk. Die Gladioren begaben sich samt ihrem Tross in Richtung der Arena zu ihren abgesperrten Bereichen.

Vana merkte, wie etwas an ihrem Hemd zerrte. Sie blickte sich um, sah aber nur eine heitere Menschenmenge.

„Hier unten, du verrückte Nudel!“ Erst jetzt kam sie auf die Idee, gen Boden zu blicken, und da sah sie Sappo. Auch ihre Freunde bemerkten ihn erst jetzt.

„Hey Stump, was geht ab?“, grüßte Olaf den kleinen Neuankömmling beiläufig und Alina und Egon schirmten den Zwerg vor den drängenden Zuschauern ab.

„Nenn ihn nicht so!“, blaffte Vana Olaf verärgert an.

„Ist schon ok. Würde dich ja auch gern Schlaks nennen, aber für einen Schlaks hast du wohl zu viel Stockbrot und Räucherschinken gemampft!“, grinste Sappo und Olaf quittierte den Kommentar mit einem versöhnenden Lächeln und klopfte dem Zwerg freundschaftlich auf die kleinen Schultern.

Vana war immer noch wie berauscht und dachte an die unglaubliche Begegnung mit dem Gladior.

„Tante Milda schickt mich, ich soll dich unverzüglich nach Hause bringen!“, erklärte er und blinzelte mit seinen kleinen Zwergenaugen. Die Helligkeit machte ihm sichtlich zu schaffen. „Sie ist sehr wütend auf dich.“

Vana schüttelte den Kopf und verdrehte die Augen. „Was soll der Stress? Ich habe doch die Bestellung bei Meister Klöppel aufgeben. Wo liegt denn das Problem?“

Der Zwerg zerrte Vana nun mit sich - er war ganz schön stark für seine Größe - und führte sie zur hinteren Stadtmauer. „Und was ist mit der Bestellung bei Bäckermeisterin Hägline und dem Beutel Gewürze? Daran hast du wohl nicht gedacht, oder?“

Vana überlegte kurz, dann dämmerte es ihr. Vor lauter Ritterlichkeit, der armen Frau Trochtenstein, den Gladioren und der ganzen Sache mit diesem blöden Grafen Nau hatte sie wohl einen Teil der Besorgungen vergessen. Mal wieder.

Sie schlüpften durch den von Gestrüpp verdeckten Zugang. Ein kleiner Fuhrwagen samt Esel Delby wartete angebunden draußen an der Mauer.

„War ja klar. Na los, lass uns von dem Restgeld schnell die fehlenden Dinge kaufen und dann aber schleunigst zurück. Milda ist stinksauer und im Gasthof kommen gerade viele Besucher an. Wir müssen uns beeilen.“

Vana hielt inne und kratzte sich betroffen am Hinterkopf. „Ääähm, Sappo, wegen des Restgeldes. Da gibt es ein kleines Problem.“

Der Zwerg schaute zu ihr hoch und schüttelte den Kopf. „Im Ernst? Du hast das Geld vertrödelt?“

Sie blickte kurz beschämt zu Boden. „Es war dieses Mal wirklich nicht meine Schuld. Da war dieser fiese Graf und seine -“

Sappo winkte ab und hüpfte auf den Karren während Delby Vana wiehernd und an einem Grasbüschel kauend begrüßte. „Lass es. Man sollte dich einfach nicht alleine nach Ammerlingen schicken. Vor allem nicht, wenn Gladioren in der Stadt sind.“ Er schaute sie kurz ernst an und als Vana ebenfalls auf dem Wagen Platz nahm, gab er ihr lachend eine Kopfnuss. „Ich schicke noch einen der Jungs in die Stadt. Du solltest besser beten, dass die Backwaren und Gewürze noch nicht ausverkauft sind.“

Sie rieb sich den schmerzenden Kopf. „Und was ist mit dem fehlenden Geld?“

Sappo grinste frech. „Das darfst du Milda dann selber erzählen. Mir ist nur wichtig, dass sie keinen Schaden hat. Vielleicht ist es dir ja mal eine Lehre.“

Dann rumpelte der Wagen den kleinen Weg entlang von der Stadtmauer und entfernte sich von einem gutgelaunten Ammerlingen.

Vana blickte zurück. Noch immer konnte man den Lärm, den Jubel und die Musik hören. Sie schloss die Augen und sog die warme Luft ein. Es war nun längst früher Abend und die Insekten flitzten in der nun leicht orangefarbenen Landschaft umher. Vergessen waren nun der Ärger mit dem arroganten Ritter Graf von Nau und ihr Beinahe-Aufenthalt im Faulturm.

„Ich habe heute tatsächlich meinen ersten Gladior gesehen, Sappo. Und er hat sogar mit mir gesprochen!“, unterbrach Vana schwärmend die Stille.

„So, was wusste denn der edle Herr Drachentöter so von sich zu geben?“, brummte Sappo und lenkte den Karren Richtung Landstraße.

„Er wollte meinen Namen wissen und ich habe ihm gesagt, dass ich auch ein Gladior werden möchte.“

Sappo seufzte. „Ach Vana. Dumme kleine forsche Vana. Das hatten wir doch alles schon. Diese Flausen im Kopf handeln dir nur Probleme ein.“

Vana lehnte sich zurück. Sie würde wegen der fehlenden Taler bald einen mächtigen Tadel und womöglich mal wieder Hausarrest von Tante Milda bekommen. Aber das war kein Gedanke, mit dem sie ihren Kopf jetzt besudeln wollte. Stattdessen dachte sie an den glänzenden, riesigen und vor allem beeindruckenden Gladior, den Panzerritter. An Tamedias und sein ebenso freches wie gütiges Lächeln, was sie wiederum zum Lächeln brachte. „Das war’s wert!“

KAPITEL II
Zum Hinkenden Keiler

Obwohl Zwerge durchaus den Hang hatten, gerne mal zu übertreiben, fiel das Donnerwetter tatsächlich noch heftiger aus, als Sappo angekündigt hatte. Tante Milda war außer sich und hielt Vana eine Standpauke, die sich gewaschen hatte. „Es ist ja nicht nur so, dass du die hart verdienten Taler verbummelst, nein, um ein Haar hätte ich dich auch noch aus dem Faulturm auslösen müssen. Hast du eigentlich eine Ahnung, was mich das an Gefallen und Talern gekostet hätte?“

Sie befanden sich in der Küche des Gasthofes und während Vana den Zwergen beim Kartoffelschälen helfen musste, ließ eine aufgebrachte Tante Milda ihrer Wut und Enttäuschung freien Lauf. „Es wird wirklich immer schlimmer mit dir. Sollte man nicht meinen, dass in deinem jetzigen Alter so langsam die Vernunft einzieht? Stattdessen eiferst du einem Traum nach, spielst Ritter und vergisst dabei deine Pflichten. Ich brauche dich hier bei der Arbeit, denn ich kann und will nicht alles den vier Herren Zwergen aufbürden.“

Der Gasthof „Zum Hinkenden Keiler“ war beliebt im Leandertal und gehörte Tante Milda, die wie eine Mutter für Vana sorgte, schon lange. Vanas Mutter war bald nach ihrer Geburt gestorben. Und ihr Vater war einer der unzähligen Ritter vom Land, der dem Ruf der Kirche gefolgt und in den heiligen Krieg gezogen war, um nie mehr wiederzukehren. Onkel Walbert war vor zwei Jahren zum Herrn gerufen worden und nun war es an Tante Milda und Vana, den Betrieb der im ganzen Umfeld beliebten Schenke aufrechtzuerhalten.

Unterstützt wurden die zwei Frauen dabei von vier Zwergen, die eine Lebensschuld bei Tante Milda hatten und trotz der zwerggegebenen Launenhaftigkeit und anderen verhaltensauffälligen Eigenschaften gerne mit in der Schenke arbeiteten, wofür sie Kost und Logis erhielten.

Aldo watschelte frohgemut in die Küche und hatte einen weiteren Sack Kartoffeln geschultert. „Ach Tante Milda, grämt Euch doch nicht wegen uns. Wir helfen doch gerne.“ Er stellte den Sack vor Vana ab. „Hier, edles Ritterfräulein Vana, damit Ihr nicht der Langeweile anheimfallt!“

Vana grinste gequält und zuckte gleichwohl zusammen, als Tante Milda sich zu Aldo drehte. „Zu euch Herren Zwerge komme ich auch noch. Denkt ihr, ich weiß nicht, dass ihr Vana trotz meiner wiederholten Verbote draußen am Strümpfelbach heimlich trainiert? Man spricht Zwergen eine hohe Intelligenz zu, aber bei euch vier Gesellen muss ich mich doch sehr wundern!“

Aldo zog eine Grimasse und verließ schleunigst die Küche, um mit den anderen draußen den Schankraum vorzubereiten.

„Wieso kannst du nicht so sein wie die anderen Mädchen in deinem Alter? Klara vom Hufschmied hat jetzt in den Dehmer Hof hineingeheiratet und bewirtschaftet ihn zusammen mit ihrem Matthäus.“

Vana blies verächtlich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Tsss, Klara. Jetzt hat sie den fetten Schwachkopf Matthäus zum Gemahl, einen eigenen Hof und wird mit Sicherheit bald das erste Kind erwarten. Aaaalles richtiggemacht.“

Milda schnitt nun so hektisch Gemüse, dass Vana sich kurz sorgte, sie würde sich in die Finger hacken. „Und was soll daran jetzt verkehrt sein? Du bist jetzt in dem Alter, Vana. Anstatt dem Ritterstand nachzueifern, was sowieso ein hoffnungsloses Unterfangen ist, solltest du dich eher von einem Ritter zur Frau nehmen lassen.“

Vana knallte wütend eine Kartoffel in den Eimer, sodass Sappo neben ihr kurz zusammenzuckte. „Ja, schon verstanden. Einen reichen Kerl ehelichen, ihm und der Kirche am besten ein paar Kinder schenken, dann artig kochen und den Haushalt machen, während mein Gemahl draußen in der Welt Abenteuer erlebt und von allen verehrt wird.“

Die Spannung zwischen den beiden Frauen lud sich immer mehr auf. Milda hielt beim Gemüseschneiden inne und blickte Vana auffordernd an. „So läuft das nun mal. Die Männer spielen ihre Rollen und wir die unseren. Das muss doch kein schlechtes Leben sein.“

Vana hörte nun auch auf zu Schälen und erwiderte den Blick ihrer Tante. „Schlecht vielleicht nicht. Aber langweilig und vorhersehbar. Während mein Gemahl sich dann genau an den Dingen ergötzen darf, die eigentlich ich mir zu erleben wünsche, bleibt mir dann nur zwischen den Möglichkeiten zu wählen, wie Mutter einst vor Gram zu sterben oder wie du hier ein ganzes Leben lang für andere zu buckeln.“ Sie stieß Luft aus und während sie die weiteren Worte sprach, bereute sie diese augenblicklich. „Vater und onkel Walbert waren Ritter und beide haben nicht nur Mutter und dich im Stich gelassen, sondern auch mich. Aber hey, war doch bisher kein schlechtes Leben für uns, oder?“

Milda nickte langsam und schnitt dann wieder Gemüse. „Dein Vater Balin und mein Gemahl waren angesehene Ritter und ich werde nicht dulden, dass du so über sie sprichst.“ Dann ließ sie das Messer auf das Schneidebrett gleiten, wischte sich kurz über die Augen und verließ den Schankraum.

Sappo atmete auf und blinzelte Vana aus seinen kleinen Maulwurfsaugen aus an. „Also, ich hätte ja gedacht, dass es schlimmer für dich läuft.“

Ehe Vana etwas erwidern konnte, streckte Milda nochmals kurz den Kopf in die Küche. „Du hast das ganze Wochenende über Hausarrest. Du wirst weder mit Hikki ausreiten, noch mit deinen Freunden aus Ammerlingen das Arma Sanctorum besuchen. Du wirst im Schankraum Dienst tun und dich um die Stallungen kümmern.“

Vana schaute mit offenem Mund in Richtung Küchentür.

„Ich war offensichtlich bisher zu nachlässig mit dir, Vana. Es wird Zeit, dass du lernst, wo dein Platz im Leben ist. Die Herren Zwerge draußen wissen Bescheid und werden dich mit Arbeit versorgen. Vielleicht bringt dich das ja mal auf andere Gedanken.“

Dann verschwand Milda wieder im Schankraum und hinterließ einen Kartoffeln schälenden und naschenden Zwerg sowie eine maulende Vana.

* * *

Ein paar Stunden später hatte sich der Schankraum bereits gefüllt und es herrschte reges Treiben im „Hinkenden Keiler“. Vana hatte es so satt! Es war offensichtlich wieder einer dieser Tage. Ihr Rücken schmerzte und ihre Beine und Arme brannten wie Feuer. Noch immer saß der Groll tief und sie konnte es nicht fassen, von Tante Milda das komplette Wochenende Hausarrest bekommen zu haben und nicht nach Ammerlingen zu dürfen.

Weil Vana im Gasthof arbeiten musste, übernahmen die Zwerge die übrigen Besorgungen. Sie gehörten zwar mittlerweile fest zum Stadtbild, mochten aber ungern in die großen Menschenstädte. Vana musste den Großteil der Bewirtung übernehmen. Das war angesichts des völlig überfüllten Gasthauses keine leichte Aufgabe.

Erschöpft lehnte sie sich kurz an den von unzähligen Messern vernarbten Holzträger und atmete tief durch. Um sie herum lärmte das Chaos. Ritter aus dem ganzen Umfeld waren mit ihren Knappen gekommen, um am Drachenlauf-Wettbewerb teilzunehmen. Ein bunter und lauter Lärmteppich von grölenden Männern, scheppernden Krügen, Lachen und Gesang wob sich um Vana.

Sehnsüchtig dachte sie zurück an das Erlebnis mit den Gla- dior-Rittern auf dem Torplatz. Sie schloss kurz die Augen und blendete den Lärm und den Geruch von Met, gebratenem Fleisch und Fladenbrot aus.

„Vana!“ Eine dumpfe und doch vertraute Stimme kämpfte sich durch den Lärm. „Vana! Hör auf zu träumen. Herr Graf von friedberg und seine Recken warten auf die nächste Runde. Na los, beweg dich!“

Vana blies eine Strähne ihres goldblonden Haares weg und ein feiner Nebel aus Schweißtropfen floh von ihrem glühenden Gesicht. „Ist ja schon gut, Tante Milda, ich mach ja schon. Wollte nur kurz ausruhen.“

Obwohl sie gerade erst siebzehn Lenze zählte, fühlte sich Vana im Moment ziemlich alt. Ächzend und fluchend drückte sie sich vom Holzträger weg und nahm das große Tablett wieder vom Tisch auf. Sie drehte sich kurz um und schaute hinüber zu Tante Milda, die ernst zu ihr blickte und nebenbei einen betrunkenen Ritter vom Tresen stieß. Milda war immer noch sauer, um das zu erkennen musste Vana nicht Gedankenlesen können. Zum Glück hatten die Zwerge zusammen mit den Knechten und Lehrlingen der befreundeten Händler immerhin doch noch alle Bestellungen und Besorgungen machen können.

„Besoffenes Ritterpack!“, fluchte Vana und bahnte sich einen Weg zu Graf von Friedbergs Tisch. Der Weg durch den Schankraum war ein gewöhnlicher Spießrutenlauf samt grapschender Hände, spritzendem Met und anzüglichen Bemerkungen. Vana quittierte ebenso gewohnt mit Ellbogenstößen, Flüchen und dem einen oder anderen Tritt.

Endlich angekommen, knallte sie das schwere Tablett mit mehreren Krügen Met auf den furchigen Eichentisch und ein paar Spritzer schwappten über so manch edles Wams.

„Pass doch auf, blonde Metze!“ Einer der Knappen funkelte Vana mit zusammengezogenen Augenbrauen an und wischte sich den Met von seinem Waffenrock. Offensichtlich war er einer der Knappen, die am Arma Sanctorum teilnahmen. Er gehörte zu Graf von Friedbergs Tross und somit stand dem Jungen die Arroganz schon ins Gesicht geschrieben.

Vana blickte in die Runde und sah erfahrene Rittergesichter, schlecht geschminkte Mätressen und pausbäckige Knappen. Graf von Friedberg war nicht am Tisch und schien wohl gerade den Abort aufzusuchen.

„Oh, werter junger Herr. Bitte entschuldigt meine Unachtsamkeit!“, knurrte Vana und karikierte einen Hofknicks.

Mit einem nicht kleinen Maß an Überheblichkeit grinste der Knappe in die Runde. „Es sei dir verziehen, Metze. Vielleicht gesellst du dich ja morgen vor dem Wettstreit zu mir ins Zelt, um mir meine Muskeln zu lockern.“

Johlendes Gelächter brandete auf und Vanas Knöchel stießen weiß hervor, als sie die Finger fester um das Tablett schloss. Tief einatmend machte sie die Augen zu.

Tante Milda hasste es, wenn Vana sich prügelte und vor allem, wenn es wie vergangenen Monat in einem Massenspektakel voller prügelnder Ritter, kreischender Frauen und irrer Zwerge endete.

Vana öffnete die Augen wieder. „Vielen Dank für die Nachsicht und das großherzige Angebot, junger Herr.“

Der knappe blickte nun stolz in die runde und grinste selbstzufrieden und gönnerhaft.

„Aber vielleicht entwickelt der junge Herr erst einmal Muskeln, die es wert sind, massiert zu werden!“

Der Tisch von Graf von Friedbergs Recken war nun eine stille Insel im Meer des Lärms und Vana drehte sich triumphierend lächelnd weg. Als sie lautes Gelächter hinter sich wahrnahm, konnte sie sich gut vorstellen, wie der junge Mann nun selbst der Häme ausgeliefert war. Fast schon lässig schlenderte sie zurück zur Theke.

Plötzlich spürte sie einen Griff an ihrem Arm. So heftig, dass ihr Tablett mit einem lauten Scheppern zu Boden fiel.

Ruckartig und wild wurde Vana herumgerissen und blickte nun in das hochrote Gesicht des einst so stolzen Knappen aus dem Tross des Grafen von Friedberg. „Was bildest du dir ein? Ich werde dich Respekt lehren, blonde Hexe!“

Wutentbrannt holte der junge Mann mit der anderen Hand aus, um Vana eine Ohrfeige zu verpassen. Diese Hand erreichte jedoch niemals ihr Ziel.

Vana umklammerte den Unterarm des wütenden Knappen und ihre Augen verengten sich zu Schlitzen. „Versucht noch einmal mich zu schlagen, werter Herr, und ich versichere Euch, Ihr werdet den Drachenlauf vom Krankenzelt aus miterleben!“ Sie atmete durch und fügte leise hinzu. „Hast du mich verstanden, du kleiner Scheißer?“

Noch bevor der nun zitternde knappe etwas erwidern konnte, durchschnitten zwei scharf gerufene Namen den dichten Lärmmorast.

„VANARA!“

„EGBERT!“

Vana und der Knappe blickten sich zeitgleich um. Vor ihnen standen nun Tante Milda und Graf Godefried von Friedberg und ihre Gesichter teilten so gar nicht die ausgelassene Stimmung in der Schenke.

„Was in Gottes Namen geht hier vor?“ Graf von Friedbergs tiefe Stimme schien eher nach Neugier denn nach Zorn zu klingen.

Vana ließ den Knappen los und der blickte nun zu Boden während er den schmerzenden Arm rieb. Vana dagegen sah Graf von Friedberg direkt in die augen.

Er war ein großgewachsener Mann und ein edler grauer Bart zierte sein wettergegerbtes Gesicht. Nach allem, was man sich so erzählte, war er ein harter aber gerechter Lehnsherr der Grafschaft Friedberg und unter seiner strengen Schule samt seinen Rittern sprossen die eifrigsten Knappen hervor. Sein Wams war aus dunkler türkischer Seide und viel Goldschmuck samt funkelnder Edelsteine zierten seine kräftigen Finger.

„Vielleicht solltet ihr eure versoffenen Frischlinge nicht zu lange alleine lassen, offenbar hat hier so mancher noch Nachholbedarf an freundlichem Benehmen!“ Vanas Augen funkelten vor Streitlust.

„Vanara! Sag mal, was fällt dir ein, so mit dem edlen Herrn zu reden?“ Tante Milda war ebenso geschockt wie wütend und wandte sich demütig an den Grafen. „Herr ... Graf von Friedberg ... bitte verzeiht und lasst Gnade walten. Sie ist doch noch eine junge Frau und“, Tante Milda warf Vana einen bösen Blick zu, „leider nicht ganz bei Verstand. Ich habe sie, seit ihre Mutter gestorben und ihr Vater verschollen ist unter Obhut. Bitte ... bitte entschuldigen sie vielmals!“

Graf von Friedberg blickte von Vana nun zu Tante Milda und dann zu seinem Knappen. „Egbert, pack deine Sachen und verlass die Schenke. Kümmere dich draußen um unsere Ausrüstung und die Pferde. Du wirst heute im Stall schlafen.“

Der Knappe schien sich gefangen zu haben und ein Funken jugendlichen Widerstandes flackerte in seinen Augen auf. „Aber Herr, die Metze hier hat angefangen. Und warum die Pferde? Da draußen gibt es Diener, sie haben hier Zwerge. Warum können die das nicht ma-“

„EGBERT!“ Graf von Friedbergs Stimme dröhnte nun laut und zornig durch den Schankraum und für einen kurzen Moment stoppte das Lachen, Singen und Gejohle.

Der Knappe blickte nun zu Boden und machte sich daran, den Schankraum zu verlassen. Er schob sich an Vana vorbei und warf ihr einen abfälligen Blick zu.

Vana erwiderte diesen gelassen. „Echt jetzt? Du heißt tatsächlich Egbert?“, hauchte sie ihm im Vorbeigehen entgegen und grinste.

„Nun zu dir, junge Dame!“

Vana drehte sich wieder zurück und schaute in Graf von Friedbergs müde wirkenden Augen.

„Deine Tante führt hier ein gutes Geschäft und du solltest dein Temperament wirklich zügeln. Mir sind bereits mehrfach deine kleinen Ausbrüche zu Ohren gekommen und nun habe ich es selbst erlebt. Vana, hätte Gott gewollt, dass du ein Junge bist, so hätte er dies auch veranlasst. Also respektiere den Willen unseres Herrn und verhalte dich wie ein Weib und nicht wie ein wildgewordener Nordmann!“

Vana schaute ihn an. Wuttränen bildeten sich langsam in ih- ren Augen. Trotzig wischte sie die mit ihrem speckigen Ärmel ab. „aber er, dieser Egbert hat angefangen. Hat mich vor den anderen Schlappschwänzen beleidigt. Ich würde einen zehnmal besseren Knappen abgeben als Eure Bande von mickrigen Milchgesichtern, die Euch da am Saum hängt.“

Tante Mildas Gesicht wurde aschfahl und sie stützte sich in ihre hände. Vana zitterte vor Wut und ihre Fäuste waren geballt.

Graf von friedberg schaute sie nur an. Dann lächelte er. „Es ist schon unglaublich. Herr Balin wünschte sich immer einen Sohn. Und er bekam dich. Offensichtlich hat es der liebe Herrgott aber letzten Endes doch noch gut mit deinem Herrn Vater gemeint und dir einen gehörigen Schuss Manneswut geschenkt.“ Er lachte. Und plötzlich lachten alle. Die Schenke flammte wieder auf in einem feuer aus guter Laune und frohsinn.

„Ihr ... Ihr kanntet meinen Vater?“ Vanas Stimme war eher ein leises Schluchzen und doch schien Graf von friedberg sie trotz des Lärms verstanden zu haben.

„Natürlich. Sein Kampfeswillen gegen die Sarazenen und seine Erfolge in den Schlachten um das Heilige Land drangen auch in die Grafschaft Friedberg.“ Versöhnend fasste er Tante Milda an die Schulter. „Gräme dich nicht, Weib. Sie hat ein feuriges Herz. Ich werde Milde walten lassen.“

Tante Milda atmete sichtlich erleichtert auf. Mit einem leichten Kopfschütteln und vielsagendem Blick schaute sie Vana an.

„Doch schadet dein Verhalten dem Ansehen deiner Tante und ihrer Schenke hier. Du bist eine Frau und musst dich wie eine Frau, deren Platz in der Küche ist, verhalten. Deswegen halte ich es für angemessen, wenn auch du nach getaner Arbeit draußen bei den Pferden schläfst. Vielleicht kühlt dich die Nachtluft ein bisschen ab. Wäre das in Ordnung für dich, Milda?“

Tante Milda nickte und bedankte sich. „Sehr wohl, edler Herr. Danke, Graf von Friedberg, für eure Güte und Nachsicht.“ Dann blickte sie scharf zu Vana. „Treib es nicht zu weit, junge Dame. Ich kann deinen Hausarrest gerne noch aufstocken. Du machst jetzt noch Tisch Vier und Sieben und anschließend begibst du dich in die Stallungen. Ich möchte dich heute nicht mehr im Schankraum sehen. Ich lasse dich so lange im Stall, bis du endlich wieder zur Vernunft kommst.“

Irgendetwas in Vana wollte schreien. Es quollen wieder von Zornestränen in ihre Augen.

Noch bevor sie etwas erwidern konnte, hob Graf von Friedberg die Hand und streckte den Zeigefinger aus. Dann schüttelte er langsam den Kopf und bewegte auch den Finger dazu.

Vana verstand. Sie blickte nochmal in Tante Mildas Gesicht und bahnte sich dann einen Weg zur Theke.

Aldo der Zwerg lehnte hinter der Theke und hatte bereits fünfzehn Krüge Met bereitgestellt. Er stand auf seinem Hocker und grinste Vana breit an. „Naaaaa, Vana? Mal keine Prügelei heute? Du wirst doch nicht etwa doch noch eine Hofdame?“ Er fing wiehernd an zu lachen und Teppo und Sappo, die aus der Küche hinter dem Tresen gewatschelt kamen, stimmten sofort mit ein.

„Jaja, sehr witzig. Na los, gib schon her. und ihr laufenden Meter verzieht euch gefälligst wieder in die Küche!“ Vana belud das Tablett, verwünschte kurz ihre kichernden schadenfrohen Zwer- genfreunde und bediente die Tische wie befohlen.

Als ihre Arbeit getan war, feuerte sie ihre Schürze in die Ecke, zeigte Aldo einen höchst unanständigen Fingergruß und drängte sich durch die Masse von schwitzenden und feiernden Besuchern zur Tür.

Eine warme Sommernacht empfing Vana. Sie schloss die Augen und atmete tief ein. Die Nachtluft erfüllte ihre Lungen und es tat gut, den Geruch von Schweiß und Met hinter sich zu lassen. Was für ein Tag. Sicher, sie hatte nun Hausarrest und musste das ganze Wochenende über im Gasthof schuften, während Alina und die anderen sich auf den Arma-Sanctorum-Festivitäten herumtrieben. Doch Vana dachte an die Ereignisse des Tages und allein schon die Gladioren gesehen zu haben, ja sogar mit einem gesprochen zu haben, war für sie all die Mühe und den Ärger wert gewesen.

Sie öffnete die Augen und blickte hinüber zu den Stallungen. Der Lärm der Schenke hinter ihr brandete gegen die alten Holzwände.

„Anstatt Gladior dann eben doch nur eine täppische Magd, deren Platz in der Küche ist. Oder im Stall.“ Vana zuckte mit den Achseln, fluchte kurz und ging zu den Stallungen.

KAPITEL III
Entscheidung im Stall

Die Stallungen waren beinahe so groß wie das Hauptgebäude der Schenke. Als immer mehr Reisende regelmäßig im „Hinkenden Keiler“ Rast machten, hatte Tante Milda diese noch zusammen mit Onkel Walbert und der Hilfe der Zwerge sowie gutherzigen Stadtbewohnern vergrößert. Als der Onkel gestorben war, galt es für Tante Milda, Vana und die vier Zwerge, den „Hinkenden Keiler“ am Leben zu erhalten. Und das war gar nicht leicht.

Missmutig stieß Vana die Tür zu den Stallungen auf. Trotz ihres Grolls wegen des Hausarrests wäre sie dennoch gerne in der Schenke geblieben. Ja, die Arbeit war hart und schwer und ja, sehr oft auch erniedrigend. Aber Vana liebte es, im Vorbeigehen die Geschichten der Ritter mitzubekommen, auch wenn sie dank des vielen Mets oft und gerne übertrieben. Am meisten freute sich Vana dann darauf, wenn es ruhiger in der Schenke wurde. Wenn nur noch die alten Haudegen gedankenverloren über ihren Krügen kauerten und ihre Geschichten erzählten. Geschichten über den Krieg im Heiligen Land. Über die ebenso geschickten wie furchterregenden Sarazenen. und neuerdings auch von den Drachen, Echsar und Monstern, die wohl nun auf des Teufels persönliches Geheiß die Welt unsicher machten.

Heute hörte Vana keine der Geschichten. Sie biss wütend auf ihre Unterlippe. Gerade heute, am Vorabend des Drachenlauf-Wettbewerbes, wo doch so viele Ritter in der Gasstätte waren. Die ganze Strafe wäre vielleicht erträglicher gewesen, wenn sie zumindest die eine oder andere Erzählung eines ritters gehört hätte.

Sie schüttelte mit zusammengebissenen Zähnen den Kopf und begann, mit der Mistgabel die ersten Gatter zu reinigen. Der strenge Geruch von Pferdemist drang an ihre Nase und sie sehnte sich nach dem lärmenden Chaos der Schenke. Sie dachte an die edlen Ritter. An die Knappen, die sich morgen beim Drachenlauf beweisen durften.

Sehnsüchtig lehnte Vana sich an die Mistgabel und schaute in eine ihr verwehrte Ferne.

„Hey Vana, was treibt dich denn hierher? Hat die alte Milda drüben keinen Bedarf mehr an frechen Rotzgören, welche die Gäste beleidigen und verprügeln?“ Huppo grinste sie frech an und zeigte eine Reihe von braunen Zähnen. Der Zwerg war für das Säubern der Stallungen und dem Füttern der Pferde zuständig.

„Warst auch schon witziger, kleiner Saufstöpsel.“ Vana lächelte leicht und fügte hinzu: „Bist hier für heute fertig, Huppo. Ich habe mal wieder Scheiße gebaut und muss zur Strafe den Stall machen.“

Der Zwerg legte die für ihn viel zu große Mistgabel zur Seite und watschelte davon. Dann hielt er kurz inne, drehte sich um und sagte frech: „Bist schon ein seltsames Menschlein, Vana. Aber ich mag dich. Nimm es dir nicht zu sehr zu Herzen.“ Dann kicherte er laut sein schrilles Zwergenkichern und verschwand in Richtung Schankhaus.

Vana schaute ihm hinterher und hörte den Lärm aus der Schenke. Sie dachte an die Gäste, an morgen, an den Wettbewerb. Wie sehr wünschte sie sich, daran teilnehmen zu dürfen. Wie gerne würde sie beweisen, dass sie genauso gut, nein, sogar besser als diese reichen Muttersöhnchen war. Sie seufzte. Nur einmal wollte sie die Gelegenheit haben, auch beim Arma Sanctorum am Drachenlauf teilzunehmen.

Und sie wusste, dass sie gute chancen dabei hätte, denn Vana hatte ein Geheimnis. Wenn sie nicht im „Hinkenden Keiler“ arbeitete, trainierte sie heimlich eifrig den Schwertkampf und den Umgang mit dem Bogen. Einmal hatte sie die Zwerge dabei erwischt, wie sie Met aus der Vorratskammer stibitzten. Das gab ihr eine wunderbare Gelegenheit, ihre kleinen Freunde dazu zu zwingen, sie in diesen kämpferischen Dingen auszubilden. Seither machten sie die Leibes- und Kampfesübungen draußen am Strümpfelbach - einer der größten Erfolge ihres bisherigen Lebens. Und Reiten konnte sie sowieso schon immer. Onkel Wal- bert hatte sie das als kleines Mädchen gelehrt und sie auf seine Ausflüge mitgenommen. Nun ritt Vana entweder alleine mit ihrem Hengst Hikki oder ab und an gemeinsam mit ihrer Freundin Alina über die Weiten der Ammerlinger Heide.

Vana dachte an ihre Zwergenhelfer. Die Kirche selbst hatte den Zwergenvölkern für ihre Dienste im Krieg Land und Arbeit versprochen und so blieben viele von ihnen an der Oberfläche, um dort ihr Heil zu versuchen. Zwerge waren streit- aber auch vergnügungssüchtige Kreaturen und die Oberwelt bot ihnen so viel mehr als ihre Städte im Untergrund.

Für viele Menschen waren diese seltsamen Wesen einfach nur habgierige prügelnde Halunken. Allein schon ihr Äußeres war für viele ein Fehlgriff der Schöpfung.

Natürlich waren sie nicht besonders süß. Wenn man einen Zwerg am besten beschreiben sollte, dachte man eher an einen viel zu großen, aufrecht gehenden Maulwurf. Dazu wilde Bärte, Waffen und natürlich große Schaufelhände, mit denen sie mühelos durch dichtes Erdreich graben konnten und, Gerüchten zufolge, ganze Landstriche mit ihren Tunneln verbanden.

Die vier Zwerge Aldo, Sappo, Teppo und Huppo waren damals von Onkel Walbert aus einer äußerst misslichen Situation - von der sie sich bis heute schämten zu erzählen - gerettet worden und somit folgten die vier einem der obersten Zwergengebote und dienten fortan im „Hinkenden Keiler“. Auch wenn Tante Milda es den Zwergen freigestellt hatte, jederzeit ihren Weg zu gehen, so blieben sie und waren zusammen mit Tante Milda mittlerweile so etwas wie eine Familie für Vana.

Sie waren bis auf Huppo allesamt große - naja, nicht was die tatsächliche Größe anging - Krieger und im Heiligen Land als Spione und Attentäter eingesetzt worden. Sie beherrschten die alte Zwergenkriegskunst Kalla Torr und freuten sich, der wissbegierigen Vana das Kämpfen beibringen zu können.

Die Prügeleien, die sich in letzter Zeit gehäuft hatten, veran- lassten Tante Milda dazu, Vana das tägliche Training mit den Zwergen zu verbieten. Nicht, dass sie es jemals erlaubt hatte, aber als sie davon erfuhr, duldete sie es, solange es keine Probleme gab. Nur leider kam es inzwischen immer häufiger zu Problemen.

Vana wurde sanft aus ihren Gedanken gestupst. Der braune Rappen eines Ritters stieß seine Nüstern an sie und schien sie so zu ermahnen, mit ihrer Arbeit fortzufahren.

Vana schüttelte den Kopf und damit ihre Gedanken ab und mistete weiter die Stallungen aus.

Der Lärm der Gasstätte verstummte, Ruhe kehrte ein und die Nacht legte ihr dunkles mit Sternen verziertes Kleid über Ammerlingen und über den „Hinkenden Keiler“.

Auch Vana wurde müde. Ihr Körper schmerzte vom Metkrug- schleppen und vom Stallausmisten und sie freute sich auf ein paar erholsame Stunden Schlaf. Müde ging sie die Stallungen entlang, streichelte ihren Hengst Hikki und so manches der Gästepferde, welche noch neugierig ihre Köpfe durch die Gitterstäbe steckten.

Sie wollte gerade den Heuboden hochklettern, als sie leise Stimmen vernahm. „... und genau aus diesem Grund hadere ich mit dieser Entscheidung.“

Neugierig ging Vana an den Rand des Stalls und schlüpfte beinahe lautlos durch den Verschlag nach draußen. Sie folgte den Stimmen und schlich sich geduckt an den Haselnussbüschen entlang.

„Aber wieso lasst ihr ihn dann überhaupt erst aufstellen? Wäre es dann bei all der Sorge nicht klüger gewesen, ihn auf Burg Hohenfriedberg zu lassen?“

Vana achtete darauf, keine Zweige zu zerdrücken, ganz so, wie ihr die Herren Zwerge das Anschleichen beigebracht hatten. Dann erkannte sie die Quelle der Stimmen. Graf Godefried von Friedberg lehnte dort am Gatter mit einem seiner Ritter. Sie unterhielten sich leise aber lebhaft.

Neugierig schaffte es Vana, noch ein bisschen näher an die beiden Männer heranzukommen, die sich da an das Gatter lehnten.

„Daran hatte ich ja auch schon gedacht, Alastair. Aber er hätte mir das doch nie verziehen und das wisst Ihr auch. Alle Knappen dürfen zum Arma Sanctorum und nur er bleibt zuhause, weil sich sein Vater wie eine Glucke um ihn sorgt?“ Graf von Friedberg blies nachdenklich Pfeifenrauch in die warme Sommernacht hinaus.

Der andere Ritter blickte dem Rauch hinterher. „Ich sehe Euer Dilemma, mein Graf. Euer Sohn und auch alle anderen Knappen, die morgen am Drachenlauf teilnehmen, sind nahezu in bester Form und dürften den Drachenlauf bestehen. Doch ist es dann noch nicht sicher, ob sie auch auserwählt werden. Gibt Euch das nicht ein bisschen Zuversicht?“

Der Graf nickte langsam. „Natürlich. Und gleichzeitig beschämt es mich zutiefst. Wäre es nicht die allerhöchste Ehre für ihn, mich und unser Haus, wenn er als Gladior Novize gewählt würde? Jeder dieser jungen kopflosen Draufgänger wünscht sich nichts sehnlicher als zu den Gladioren zu gehören, aber wir beide ... wir beide wissen um die Gefahren. Mir zerreißt es das Herz, in diese jungen ehrgeizigen Gesichter zu sehen und zu wissen, dass ein paar von ihnen diesen Traum leben werden, um letztendlich als Drachenfutter zu enden.“

Vana schluckte kurz und strengte sich an, zwischen zirpenden Grillen und dem verbleibenden Lärm des Gasthofes die Unterhaltung weiterzuverfolgen.

„Mir geht es ähnlich. Aber man muss auch sagen, dass die Panzerritter mittlerweile große Erfolge feiern und aufgrund der neuen Waffen und Rüstungen durchaus in der Lage sind, sich gegen dieses Teufelsgezücht zu behaupten.“

Der andere Ritter blickte seinen Herrn an und dieser blies wieder Rauch in den Himmel. „Alastair ... Ihr seid mein bester Ritter und Gladior-Ausbilder. Ich schätze euch und eure Dienste sehr, aber wir beide wissen, dass viele dieser Jungs, die es zu den Gladioren schaffen, das dreißigste Lebensjahr nicht erreichen werden. Wir haben beide drüben in Jerusalem gekämpft. Haben Hitze und Sarazenen standgehalten und sind unzählige Male nur knapp mit unseren Leben davongekommen. Aber diese Jungs ... diese Kinder werden nicht gegen Menschen zu Felde ziehen, sondern gegen Echsar, Drachen und wer weiß, was uns der Teufel noch alles auf die Erde speit.“

Er drehte sich zu seinem Ritter und schaute ihn ernst an. „Viele der jungen Männer werden sterben. So wie unzählige damals in den Kreuzzügen gestorben sind. Das weiß ich und das wisst Ihr genauso. Ich hoffe, mein Junge schafft morgen den Drachenlauf, aber ich bete zum Schöpfer, dass er nicht auserwählt wird. Ihr habt erst vorhin in der Schankstube wieder seine jugendliche Wut und Arroganz bemerkt und genau das sind die Tugenden, die unsere verehrte Kirche bei ihren Gladior-Novizen am meisten schätzt.“

Der Ritter nickte. „Ich werde ihn ebenfalls in meine Gebete einschließen.“

Kurz standen beide wortlos am Gatter und schwiegen sich an, bis der Graf sagte: „Na los, mein Freund, lasst uns wieder in den Schankraum gehen. Wir können diese Meute nicht allzu lange allein lassen.“

Der Ritter nickte und beide gingen zurück in Richtung Gasthof.

Vana kauerte noch immer an der Holzwand der Stallung und dachte über die Worte nach, die sie eben gehört hatte. Dann schlich sie zurück in den Stall. Waren die Gladioren nicht die besten und härtesten Ritter des Reiches? Wieso grämte sich dann der Graf so? Sollte er nicht wie alle anderen auf Gott und seine heiligen Waffen vertrauen? Sie schüttelte den Kopf und schlen- derte an den Pferden vorbei.

Sicher, unter diesen pöbelnden und lauten knappen war wohl auch der Sohn des Grafen, aber sollte ein Vater nicht stolz sein, wenn der eigene Sohn es in den Gladior-Orden schafft?

Sie kletterte hoch zum Heuboden, nahm die Decken vom Haken und zog ihre löchrigen Stiefel aus. Vana schlief oft im Heu und somit war nur das Ausmisten hier im Stall eine wirkliche Strafe. Sie legte sich in die Mulde auf eine Decke und schaute zum geöffneten Verschlag hoch in den Sternenhimmel.

Warum mussten sich die Alten nur andauernd sorgen? Anscheinend hatte nicht nur sie selbst dieses Problem, sondern auch edle Söhne von Grafen. Wenn man vom Telum Dei ausgewählt wurde, war dies doch ein Wille des Herrn und dieser würde ja dann schließlich über einen wachen.

Vana blickte nachdenklich zur Stalldecke. Dann stellte sie sich vor, wie sie am Drachenlauf-Wettbewerb teilnahm. Wie sie die traditionelle Knappenrüstung trug und sich mit den anderen Knappen in der gigantischen Konstruktion in der Stadtmitte in Ammerlingen Ebene um Ebene hinaufkämpfte. Wie sie tollkühne Schwertkämpfe bestritt und den Jungen zeigte, dass es auch ein Mädchen draufhatte. Vana seufzte. Es war so ungerecht. Warum durften nur Jungs am Drachenlauf teilnehmen? Warum durften nur Männer das Kriegshandwerk ausüben? Wieso musste man unbedingt ein Mann sein, um ein Gladior zu werden?

Wütend blies Vana ein Stück Stroh von ihrem Kopf weg. Sie igelte sich in die Decke, das Stroh raschelte, unten schnaubten die Pferde. Vana schloss die Augen und fiel kurz darauf in einen tiefen Schlaf.

„Haaaarhh, na warte, du hinterhältiger kleiner Haufen Pferdedung! RAK ESTO TAKKA SUI!“ Eine aufgebrachte Stimme riss Vana aus ihren Träumen voller Heldentaten und ließ sie hochschrecken.

„Waaaaaah, lass mich in Ruhe, du verdammter Stump!“

Vana rieb sich die Augen. Es schien noch mitten in der Nacht zu sein. Geschrei drang wieder an ihre ohren und sie blickte sich auf dem Heuboden um.

„WIE hast du mich genannt, Schlaks? Na warte, jetzt setzt es Schellen. HAAARRRH!“

Wenn wütende Zwerge sich stritten, konnte man sie bei ihrem schrillen Geschrei und Gezeter kaum auseinanderhalten. Einen Einzelnen erkannte Vana aber an der Stimme. Es war Huppo.

Sie blickte in das vom Mondlicht sanft gestreifte Halbdunkel des Heubodens und traute ihren Augen nicht: Ein zorniger Huppo saß auf einem Jungen und verpasste ihm deftige Ohrfeigen. Zwischen dem Klatschen der Schläge mischten sich sein Geschrei sowie das Fluchen des Jungen.

Vana schälte sich aus ihrer Schlafstätte aus heu und Decken. „HUPPO, HÖR AUF!“ Vana rief laut, doch der Zwerg war in Rage. Zwerge, so sollte man wissen, sind gesellige und doch auch launische Zeitgenossen. Es gibt drei Dinge, bei denen man sie nur schwer aufzuhalten vermag: Dem Trinken, dem Prügeln und einer anderen gewissen Tätigkeit, über die man eher den schweren Bärenmantel der Diskretion legt.

Vana lief nun zu dem verkeilten Haufen aus Mensch und Zwerg und zerrte den tobenden Huppo am Kragen von dem Jungen runter. Der Zwerg polterte rücklings ins Stroh und eine Wolke aus unflätigen Flüchen und Stroh stieg auf.

Vana wollte gerade den rauflustigen Huppo beruhigen als sich der Junge aufrappelte. Sie erkannte, wem sie da weitere Zwergen- schellen erspart hatte. „EGBERT?“

„Du kennst diesen Rukk Sar?“ Huppo wälzte sich aus dem Stroh und stand nun wieder streitlustig auf seinen Zwergenbeinen, die Fäuste drohend zum Angriff geballt.

Vana nahm den Blick nicht von dem jungen Knappen, der sich Heu und Staub aus dem Wams klopfte. „Ja, wir kennen uns“, sagte sie leise.

Egbert der Knappe hatte es jedoch nicht so mit der leisen Konversation. „DU solltest deinem Stump besser eine Leine anlegen!“ Er schäumte vor Wut und Huppo war bereits wieder auf dem Sprung.

„Na los, Schlaks. Komm her. WAAAAH!“

Vana rollte mit den Augen und zog Huppo von Egbert zu - rück. „Was ist hier eigentlich los? Wie hast du ihn bloß so verärgert?“ Vana hielt mit einer Hand Huppo fest und funkelte Egbert misstrauisch an.

Bevor der Knappe antworten konnte, krächzte Huppo dazwischen. „Dieser Schlaks wollte dich im Schlaf morden, Vana! Hab den Scheißer gerade noch aufhalten können. War mit seinem Messer schon über dir!“

Vana schaute erst ungläubig den Zwerg an, um ihren Blick dann wieder an Egbert zu heften. „WAS?“ Sie legte den Kopf schräg und musterte zuerst Egbert und dann den Heuboden. Tatsächlich lag ein Dolch dort und die Klinge funkelte im Mondlicht.

Immer noch eine Hand am Zwerg, streckte sich Vana und hob den Dolch auf. „Echt jetzt? Du wolltest mich wirklich im Schlaf erdolchen nur wegen unserem kleinen Streit im Schankraum?“ Vana schaute Egbert mit einer Mischung aus Verachtung und Verwunderung an.

Egbert fasste sich und ging ein paar Schritte zurück. „Dein Stump übertreibt maßlos. Ich wollte dir nur eine Lektion erteilen. Als ich bemerkte, dass du auch heute hier nächtigen musst, bin ich hochgeklettert um ... naja ...“

„Um sie zu schänden und im Schlaf zu morden. Gibs zu du feiger Rukk Sar!“ Huppo tobte und zeterte und Vana hatte alle Mühe, ihn zurückzuhalten.

„Unsinn. Ich habe dir Stücke von deinem Haar herausgeschnitten. Und du weißt schon, dass die Zwergensprache von der Kirche verboten wurde, ja? An deiner Stelle würde ich ...“

„DU HAST WAS?“ Vana ertastete ihre Haare. Es fehlte ein gutes Stück ihrer goldblonden Mähne. Nun sah sie auch das Büschel auf dem Boden. Sie war außer sich, ihr ganzer Körper bebte. Ihre Haare?

Huppo schnaubte durch seinen wilden Bart und knurrte zwer- gische Flüche. „Einem die Haare abzuschneiden ist äußerst unfein und wird zum Beispiel in der Zwergenstadt Dal Satta mit dem Tod bestraft.“ Huppo bleckte die Zähne.

„WIR SIND ABER NICHT IN DEINEM SCHEIß DAL SATTA, STUMP. UND SIE IST AUCH KEIN VERDAMMTER, STINKENDER, NUTZLOSER ZWE-“

Bevor er seinen Satz vollenden konnte, klatschte es für seine Beleidigung gegenüber Huppo - und es war kein Beifall. Sondern Vana war losgesprungen und verpasste Egbert saftige Ohrfeigen.

huppo schaute erst kurz verdutzt auf Vana, lachte dann grollend auf und stürzte sich ebenfalls auf Egbert.

Eine deftige Prügelei begann und Vana, Egbert und Huppo rollten sich auf dem Heuboden. Vana war so wütend, dass sie unkontrolliert Ohrfeigen verteilte und somit auch ab und an dem Zwerg eine klatschte. Dieser lachte aber nur meckernd und so ging das Herumgeschubse und Geprügel weiter.

Egbert hielt sich tapfer, sah aber gegen Vana und den Zwerg keine Chance und machte einen kleinen Hechtsprung Richtung Leiter. Er wollte runter vom Heuboden und man konnte es ihm sicherlich nicht verdenken. Egbert trat nach hinten und erwischte Vana voll.

Prustend entwich ihre Luft, während sie zurückflog.

Egbert grinste bösartig und ergriff die Leiter. Gerade als er hinunterklettern wollte, nahm Huppo mit einem schrillen Schrei Anlauf und hüpfte auf ihn. Der junge Knappe hatte nun einen tobenden Zwerg an der Brust hängen und wer eine derartige Erfahrung einmal über sich ergehen lassen musste, weiß, wie es ist, mit einem tobenden Zwerg auf Tuchfühlung zu gehen. Und so lockerte sich der Griff von Egbert, er ließ die Leiter los und stürzte zusammen mit einem johlenden Zwerg in die Tiefe.

Ein dumpfer Aufprall ertönte und es folgte schrilles Gekicher und ein Stöhnen. Vana raffte sich auf, lief zum Rand des Heubodens und schaute hinunter.

Unten lagen Egbert und Huppo. Egbert fluchte und stöhnte. Vana atmete erleichtert auf. Es hätte sehr schlecht um sie und vor allem um die Schenke gestanden, wenn der Knappe sich den Tod geholt hätte.

„Aaaaah, mein Bein. Auuuuu, das tut so weh!“

Offensichtlich war Egbert aber doch nicht glimpflich davongekommen und während sich Huppo schon wieder auf den Beinen befand, blieb Egbert liegen und stöhnte vor Schmerzen.

„Jetzt komm schon, Schlaks. War doch nicht so wild. Das Heu hat uns doch aufgefangen.“ Huppo grinste zu Vana hoch und zeigte mit dem Daumen nach oben.

„Auuuuu ... für dich vielleicht, Stump. Du wiegst ja auch kaum was. Ahhh, verdammt. Es ist gebrochen.“

Mittlerweile war auch Vana heruntergeklettert. Ratlos und auch mit einem bisschen Mitleid schaute sie auf den am Boden liegenden Egbert. „Es scheint tatsächlich gebrochen zu sein“, stellte sie fest.

„Auf jeden Fall ist es das. Schaut mal, man sieht sogar ein bisschen was von seinem Knochen“, fügte Huppo hinzu und betrachtete nun recht interessiert die Verletzung des jungen Knappen.

Egbert begann nun hemmungslos zu heulen und zu jammern. „Ich sollte doch morgen am Drachenlauf teilnehmen. Nun ist alles vorbei. Aaah, diese Schmerzen, auuuu! Wenn das der Graf erfährt, wird er euren Drecksladen schließen und euch in den Faulturm werfen lassen!“

Vana durchzuckte es siedend heiß. Wie so oft hatte sie nicht an die Folgen gedacht und dieses Mal könnte es wirklich schlecht ausgehen. Nach all den Ereignissen des vorangegangenen Tages wäre ein verprügelter Knappe nun wahrlich die faulige Kirsche auf dem Kothaufen ihrer Probleme. Hektisch fuhr sie sich durch den Rest ihrer blonden Mähne und schaute sich fieberhaft um. Der Mond stand weit oben am Nachthimmel und offensichtlich hatte den Radau im Stall niemand vernommen. Bis auf das Gejammer von Egbert war neben den üblichen Geräuschen der Nacht sowie dem Schnauben der Pferde nichts zu hören.

Huppo schaute sich verstohlen um. „Der kleine Scheißer hat recht. Das könnte Ärger geben, Vana. Richtig großen Ärger. Wir sollten ihn verschwinden lassen!“

„WAS?“ Vana und Egbert riefen gleichzeitig aus und Vana schaute Huppo vorwurfsvoll an.

„Ich mein ja nur“, raunte der Zwerg entschuldigend.

Plötzlich öffnete sich knarrend die Stalltür und Vana wich der letzte Rest Farbe aus dem Gesicht. Jemand hatte den Lärm gehört. Jetzt war alles vorbei.

Doch anstatt einer wütenden Tante Milda und einem ernst dreinblickenden Graf von Friedberg tauchten drei weitere Zwerge auf und watschelten aufgeregt zu Vana.

„Im Namen von Nabo Sukk, was geht denn hier vor?“, rief Aldo unterdrückt und schaute auf den mittlerweile leise wimmernden Egbert.

„Was ist mit deinen Haaren passiert, Vana?“, zischelte Sappo.

„So wie mir das hier ausschaut, wollten Huppo und Vana den kleinen Schlaks hier um die Ecke bringen“, stellte Teppo nüchtern fest und kaute an einer Gewürzwurzel.

„Hui, ganz schön finster. Hätte ich nicht gedacht, Vana. Von dir natürlich schon, Huppo“, fügte auch Sappo seinen Senf hinzu.

Egbert wälzte sich immer noch am Boden und heulte und schluchzte leise.

„Ich ... Wollte ... Ihn ... NICHT umbringen, klar? Und überhaupt, was macht ihr hier? Hat man drüben etwa was gehört?“ Vana war völlig durcheinander.

Die Zwerge tuschelten und kicherten leise.

„Ach was, du weißt doch Vana, wir Zwerge spüren es, wenn einer der Unsrigen in der Nähe einen Kampf hat. Mussten drüben nur schauen, dass wir leise rauskommen, schlafen ja alle“, erklärte Teppo.

„Der Spaß scheint aber leider schon vorbei zu sein. Sind wohl zu spät“, stellte Sappo beinahe enttäuscht fest. Zustimmendes Gemurmel war zu hören.

Aldo begriff endlich den Ernst der Lage. „Haltet doch endlich alle mal das Maul. Wir haben hier ein ernstes Problem. Der kleine Schlaks hier gehört zu Graf von Friedbergs Knappen und soll morgen beim Arma Sanctorum am Drachenlauf teilnehmen.“

Vana setzte sich auf einen Heuballen. Sie war verzweifelt. So wie die Dinge nun standen, hatte sie locker zehn weitere Jahre Hausarrest, würde irgendwann mit einem schmerbäuchigen Handwerksgesellen verheiratet werden und als missmutige Magd und Mutter von mindestens drei Bälgern im Gasthof alt und bucklig werden, während ihr Gemahl in der Trinkstube saß und sich besoff.

„Wenn rauskommt, dass der kleine Mistkerl hier wegen unserer Vana und unserem Huppo lahm ist, bekommen sie und die alte Milda mächtigen Ärger.“ Aldo schaute grimmig und auch die anderen Zwerge setzten finstere Mienen auf.

Sie traten nun näher zusammen und diskutierten in ihrer alten Zwergensprache. Kehliges Grunzen mischte sich mit zustimmendem Knurren und angeregtem Geplapper.

Der junge Egbert war der Ohnmacht nahe und gab nur noch leises Schluchzen von sich. Vana konnte es nicht fassen. Wie hatte es nur wieder so weit kommen können? Verzweifelt fuhr sie sich durch die Haare. Dann stellte sie mit einer Mischung aus Zorn und Trauer fest, dass ein Großteil ihrer Haare oben auf dem Heuboden lag und er schuld an der Misere war. Tränen der Wut stiegen in ihr auf und sie verfluchte sich, den Knappen und die ganze Situation.

„Wir haben eine Idee, Vana!“, meldete sich nun Aldo zu Wort und die andere drei Zwerge standen mit breiten verschränkten Armen hinter ihm.

Vana wischte sich die Tränen aus den Augen und schaute zu ihren Freunden.

„Wir sind uns einig: Wir lassen den kleinen Schlaks hier verschwinden.“ Aldo grinste und die anderen nickten zustimmend.

Vana konnte es nicht fassen. „DAS ist es? DAS ist also eure Idee? Ihn VERSCHWINDEN zu lassen?“ Vana schüttelte den Kopf. Zwerge. Es hätte ihr klar sein müssen.

„Nun hör doch erst mal zu“, fiepte Sappo und fuhr fort. „Wir bringen den dämlichen Schlaks heute noch nach Mara Dunn. In der Nähe ist ein geheimer Einstieg. Dort wird man ihn mit alter Zwergenmagie heilen. Wird eurer Kirche nicht gefallen, muss ja aber auch keiner mitkriegen.“

„Morgen Abend ist sein Bein geheilt und er wird sich an nichts mehr erinnern können. Ist doch genial, oder?“ Teppo grinste breit.

Vana seufzte. „Das ist ja alles ganz nett, Jungs. aber dieser Egbert muss in ein paar Stunden beim Arma-Sanctorum-Drachen- lauf antreten. er ist einer von Graf von Friedbergs Knappen und wurde extra darauf vorbereitet und trainiert. Meint ihr nicht, es fällt auf, wenn einer seiner Knappen fehlt? Und überhaupt, was sagen wir Tante Milda?“ Vana schüttelte langsam den Kopf.

Huppo hüstelte leicht und zupfte an Vanas Schürze. „Um Milda kümmern wir uns. Und, naja, wie wäre es, wenn du an seiner Stelle teilnimmst? Er hat ungefähr deine Größe. Die Knappenrüstung könnte dir passen. Komm schon, du wolltest doch immer an den Festspielen teilnehmen!“

Die anderen Zwerge kicherten und feixten. Vana rollte erst mit den augen.

Doch dann dachte sie über den Vorschlag nach. Wie sehr hatte sie es sich immer gewünscht, einmal die Rüstung anzulegen, am Drachenlauf teilnehmen. Nur einmal zu zeigen, was wirklich in ihr steckte. Vielleicht war es Schicksal. Vielleicht war dies die chance, die sich nun endlich bot. Vana überlegte fieberhaft. Tausend Gedanken schossen ihr durch den Kopf. Sie grübelte. Wägte ab.

Dann stand sie auf und schaute entschlossen auf ihre zwergischen Freunde. „Huppo hat recht. Ich werde seine Rüstung anziehen und morgen an seiner Stelle beim Arma Sanctorum den Drachenlauf bestreiten. Bei so vielen Rittern und knappen, die in Graf von Friedbergs Tross sind, wird das nicht auffallen, wenn ich für ein paar Stunden seinen Platz einnehme.“

Die Zwerge schauten Vana still an. Dann lachte Aldo kehlig und grollend. „Hahaha, Vana, echt jetzt? Hallloooo? Das war ein Witz. Huppo hat sich einen Scherz erlaubt. Am Drachenlauf teilnehmen? DU? Hahaha. Wie soll denn das gehen? Du bist ein Mädchen.“

Huppo aber schaute trotzig und gab seinem Zwergenbruder einen kleinen Tritt. „Sie ist stark. Sie ist geschickt. Vor allem für so ein junges Menschengör! Hast du selbst schon gesagt. Sie wird zwar niemals gewinnen ... aber wenn sie dann gleich ausscheidet kann sie sich zurückziehen und wir können in Ruhe den kleinen Scheißer ins Zelt des Medicus legen.“

Nun war es Vana, die trotzig schaute. „und was ist, wenn ich gewinne?“

Nun lachten alle Zwerge und sie funkelte die vier bärtigen Gesellen daraufhin böse an.

Huppo lächelte sie milde an und sagte: „Kleine Vana, du hast das Herz am rechten Fleck. Auch wenn solche Wettbewerbe im Kriegshandwerk nicht für Frauen und erst recht nicht für Mädchen sind, wirst du diese eine Chance nutzen. Wir werden dir mit Zwergenmagie beistehen und zusammen werden wir die Täuschung so lange aufrechterhalten, bis du ausgeschieden bist und wir den Knappen wieder unter seinesgleichen bringen können.“

Vana überlegte. „Aber was ist mit Tante Milda?“

Aldo schnalzte mit dem Finger. „Das ist kein Problem. Sie hat hier wegen der Festspiele und der Gäste genug um die Ohren. Sie hat uns aufgetragen, dich mit Arbeit zu versorgen. Wir sagen du hilfst auf dem Feld und mit den Einkäufen. Zur Not mischen wir ihr eine Prise Egalokraut unter.“

Die Zwerge nickten zustimmend.

„Ein kleiner Gaunertrick, hach, was freue ich mich!“, rief Sap- po freudestrahlend.

„Wir könnten ihre Stimme magisch an die des Knappen angleichen“, überlegte Aldo.

„Müssten dann halt nur schauen, wie wir den Bengel von Mara Dunn unbemerkt ins Lager bekommen“, raunte Teppo.

Und so überlegten sie noch eine kleine Weile, dann stand endlich der verwegene Plan. Sappo und Teppo bliesen Egbert eine Brise Zwergenstaub in die Nase, worauf dieser sofort in einen tiefen Schlaf fiel. Dann wickelten sie ihn in eine Decke und legten ihn auf einen Karren. Die beiden verschwanden mit dem Karren samt Egbert im Dunkel der Nacht.

Aldo und Huppo eilten rasch zu den Gattern von Friedbergs Tross und fanden nach kurzer Suche eine der traditionellen Knappenrüstungen. Sie war im Gegensatz zu den metallenen Rüstungen der Ritter aus hartem Leder. Hellbraun glänzte es im Zwielicht des Stalles und während Vana sie mit einem Gefühl der Erwartung aber auch Furcht betrachtete, hielt ihr Aldo den Helm vors Gesicht. „Siehst du, Vana? Wenn du noch den Helm aufsetzt, erkennt dich erst recht niemand. Dazu noch ein bisschen Zwergenmagie und alles wird gut.“

Vana betrachtete den ledernen Helm. Er war geschlossen und nur ein Sehschlitz war am Visier. Neben dem blauen Wappen des Grafen von friedberg zeigte der charakteristische gelbe Zierstreifen, dass dies ein offizieller Wettbewerbshelm für das Arma Sanctorum war.

„Es könnte funktionieren. Und ich könnte mir zumindest einmal im Leben diesen Traum erfüllen.“ Vana sprach leise und schaute nachdenklich in Richtung Stalldecke. Die Pferde schienen zustimmend zu wiehern und zu schnauben.

Dann ein Stupser. Sie schaute hinunter in Aldos Gesicht. Typischer Zwergengrimm war nun Güte und Zuversicht gewichen. „Du schaffst das, Vana. Wir helfen dir. Genieße es und sei nicht traurig, wenn du bald ausscheidest. Denk an unser Training und habe einfach Spaß. Danach gehst du in dein dir vorbestimmtes Leben zurück und wir werden noch in Jahren über dieses kleine Abenteuer lachen.“

Vana umarmte die Zwerge stürmisch. „Danke, Aldo, danke, Huppo!“

„Dank uns nicht zu bald. Denn bevor du dich ausruhst, müssen wir dir den Rest deiner Mähne abschneiden.“ Huppo grinste frech.

Vana riss entsetzt die Augen auf.

„Naja, es gibt ’n Grund, warum Menschen ihre hässlichen Rüben beinahe kahlscheren!“, feixte er weiter.

„Damit sie unter diese seltsamen unpraktischen Helme passen“, ergänzte Aldo.

Vana seufzte und fasste an ihren Kopf. „Na, dank dieses kleinen Stinkers ist da eh nicht mehr viel zum Abschneiden. Na los, ihr Herren Zwerge.“

Und so drückte Huppo Vana auf einen Heuballen, während Aldo ihr die restlichen langen Haare abschnitt. Es schmerzte sehr, als Vana ihre schönen Haare zu Boden sinken sah. Das Gefühl paarte sich mit feuriger Erwartung. Sie würde beim heiligen Ar- ma-Sanctorum-Wochenende am Drachenlauf teilnehmen! Zwar heimlich und unerkannt, aber ihr sehnlichster Wunsch würde in Erfüllung gehen. Und vielleicht würde es endlich ihr Begehren nach Abenteuer stillen und sie konnte sich auf ein übriges Leben als Magd und Hausfrau vorbereiten. Keine Probleme mehr. Keine traurige und enttäuschte Milda. Von diesem letzten kleinen Gaunerstück könnte sie vielleicht ein Leben lang zehren, egal wie langweilig dies auch für sie werden sollte.

Vana lächelte zufrieden und wie so oft erschien ihr die Dummheit, die sie im Begriff war zu begehen, als unbedenklich und gar sinnvoll.

Nachdem die Zwerge fertig waren, beseitigten sie sämtliche Spuren und legten Egberts Knappenrüstung neben Vanas Schlaflager.

„So, das passt. Ruhe dich nun noch ein bisschen aus. Wir wecken dich früh und bringen dich zum Turnierplatz zu Friedbergs Zelten“, flüsterte Aldo und auch Huppo sagte: „Schlaf noch ein bisschen. Morgen hast du einen großen Tag.“

Dann verschwanden beide Zwerge kichernd in der Dunkelheit.

Vana legte sich langsam ins Heu. Sie fuhr mit dem Finger über das kalte gehärtete Leder. Die Rüstung fühlte sich gut an. Sie schaute in das ausdruckslose Visier des Knappenhelmes und grinste.

Wer hätte gedacht, dass es mal so weit kommen würde? Hoffentlich würde sich Egbert wieder erholen. Sie vertraute den Zwergen. Mara Dunn war eine der letzten großen unterirdischen Zwergen- städte und bekannt für ihre zauberhaften Heilkünste. Die Zwerge hatten das ganze Land mit ihrem magischen Tunnelsystem untergraben und so war es ihnen möglich, blitzschnell zu reisen.

Vana schaute hoch zum Verschlag in den Nachthimmel. Sie war so aufgeregt und ihr Herz schlug bis zum Hals. Sie dachte an die großen Helden. An ihr Training mit den Zwergen. An die Ereignisse des Tages sowie diese ganzen Verstrickungen. Dann schloss sie zum zweiten Mal in dieser Nacht die Augen und fiel erneut in einen tiefen Schlaf.

KAPITEL IV
Der große Tag

„Vana! Vana, wach auf!“ Eine bekannte Stimme drang durch den wohligen Mantel des Schlafes. „VANA! NA LOS JETZT, WACH AUF!“

Die Stimme hätte weiter ignoriert werden können - der Stoß in die Rippen und das kalte Wasser im Gesicht auf keinen Fall.

Vana fuhr auf und während sie sich mit einer Hand die schmerzende Stelle hielt, wischte sie sich mit der anderen das Wasser, welches nach nassem Heu schmeckte, aus dem Gesicht.

„Was zum ...“, wollte sie gerade fluchen, hielt aber inne.

Vor ihr standen Huppo und Aldo und hielten ihr breit grinsend eine lederne Knappenrüstung entgegen. „Guten Morgen, Sonnenschein. Na, bereit für den großen Tag?“ Huppo bleckte seine gelben Zähne.

„... und bereit für den Anschiss deines Lebens und ewigem Hausarrest, wenn der kleine Spaß hier auffliegt?“, fügte Aldo hinzu.

Mit einem Mal fiel es ihr siedend heiß wieder ein. Erinnerungen des Vortages und vor allem der Nacht verdrängten stürmisch den letzten Rest von Schlaftrunkenheit. „Das Arma Sanctorum! Heute beginnt ja das Festwochenende!“ Vana rief es aufgeregt gegen die Stalldecke und die zwei Zwerge pressten augenblicklich und unfassbar synchron jeweils einen Zeigefinger an den Mund.

Im Flüsterton brummte Huppo: „Psssst, wenn du noch mehr so herumkrakeelst, hat sich dieses kleine Halunkenstück gleich erledigt!“

Aldo streckte Vana die Knappenrüstung von Egbert entgegen. „Na los, worauf wartest du? Zieh sie an. Du musst rüber zu Herrn Friedbergs Tross.“

Zögernd nahm Vana die Rüstung. Sie war leicht und glatt. Sie blickte zu den Zwergen. „Was tu ich überhaupt hier? Mache ich das Richtige?“

Huppo lächelte gütig. „Nein, du machst das Verrückte. Aber du warst schon immer verrückt, nicht wahr?“ Er überlegte kurz und fügte dann hinzu: „Näher wirst du deinem Traum nie mehr kommen. Du kannst ihn jetzt leben und vom Erlebten noch ewig zehren oder du lässt ihn ziehen, damit er dich auf ewig in deinen Nächten heimsucht.“

Vana nickte langsam, kaute auf ihrer Unterlippe und starrte auf die Rüstung. Huppo hatte recht, oder?

„Echt jetzt? Wir machen uns hier den riesen Stress, lügen Tante Milda an, verfrachten den kleinen arroganten Scheißer nach MaraDunn und DU überlegst jetzt wirklich noch, ob du es durchziehen willst?“ Aldo gab ihr mit der flachen Hand einen leichten Klaps auf den Hinterkopf.

Mit zusammengezogenen Augenbrauen rieb sie sich die Stelle und stand von ihrem Lager auf, damit der Zwerg mit seinen Schaufelhänden nicht nochmal an sie herankam.

Sie hatten Recht. Sie musste es einfach tun. Es war riskant, gefährlich und würde eine Menge Ärger geben. Aber sie konnte auf ewig an dieses Wochenende zurückblicken, an diesen einen Tag, an dem ein Mädchen am Arma-Sanctorum-Drachenlauf teilgenommen hatte. An dem sie am Arma-Sanctorum-Drachenlauf teilgenommen hatte.

„Na los, die Mannen von Graf von Friedberg stellen sich schon draußen auf. Der Einmarsch in die Drachenlauf-Arena ist in einer Stunde. LOS JETZT!“, drängte Aldo und auch Huppo nickte eifrig.

Vana knöpfte ihr Hemd auf. Erst nach dem dritten Knopf hielt sie inne und blickte auf die beiden Zwerge hinab, die sie erwartungsvoll anschauten. „Das könnt ihr gleich wieder vergessen! Dreht euch gefälligst um!“ Sie schüttelte den Kopf und rollte mit den Augen und ihre zwei zwergischen freunde taten, was sie sagte.

Vana zog ihr Hemd und ihre geflickte Leinenhose aus. Kaum hatte sie sich entblößt, fiel ihr wie jedes Mal dieses grässliche, unförmige Feuermal auf ihrer Brust auf. Sie wusste selbst nicht genau, woher die wilden Zacken und Formen kamen, sie erinnerte sich an keine Zeit ohne diese Entstellung. Schnell schlüpfte sie in den engen schwarzen unteranzug hinein. Er roch nach Jungenschweiß und Vana atmete beim Anziehen durch den Mund. Als alle markanten Stellen bedeckt waren, erlaubte sie den Zwergen, sich wieder umzudrehen und deutete ihnen an, ihr mit der weiteren Rüstung zu helfen.

„Sieht gut aus. Die Rüstung steht dir, Vana!“ Huppo musterte Vana breit grinsend, worauf ihm Aldo eine ordentliche Schelle gab.

„Konzentration, Bruder. Wir sind hier nicht mehr in Madek Torr. Gegafft und gegeiert wird später!“

Vana lachte kopfschüttelnd über die forschen Gepflogenheiten der Zwerge und endlich schickten sie sich an, ihr die Knappenrüstung anzulegen.

„Gehts? Wir können sie an den seitlichen Schnallen noch verstellen und weiter machen.“

Vana nickte und musste an den schlaksigen Egbert denken, der normalerweise jetzt in dieser Rüstung stecken sollte. „Hat mit Egbert alles geklappt?“

Aldo legte Vana die Armschienen an und nickte lachend. „Mach dir mal um den keine Sorgen. Der schläft tief und fest und wurde bereits von Teppo und Sappo nach Mara Dunn gebracht. Die wollten den Kleinen dort erst auffressen, kümmern sich aber nun gut um sein Bein und haben uns sogleich über die Tunnel einen Stimmbatz und ein Röllchen Disgurr hergeschickt.“

„WAS haben sie euch geschickt?“ Vana war in die Hocke gegangen und streckte die Arme, damit die Zwerge die Armschienen und die Schulterpanzerungen besser festzurren konnten.

Huppo schaute kurz mit hochgezogenen Augenbrauen auf und holte dann die Panzerung für die Beine. „Einen Stimmbatz und Disgurr Salbe. Das brauchen wir unbedingt für unseren Plan. Vertrau uns einfach. Ist komplizierter Zwergenscheiß. Mach dir einfach keine Sorgen um den Jungen. Der wird nach dem Dauerschlaf mit höllischen Kopfschmerzen, keiner Erinnerung und einem gesunden Bein hier wieder antanzen.“

Vana winkelte ein Bein an und so konnte der Zwerg die Beinpanzerung und die Schienbeinrüstung anlegen.

Endlich waren sie fertig und Vana zwängte sich in die verstärkten Stiefel. Sie waren ihr ein bisschen zu groß und die Zwerge stopften ihre Schnäuztücher dazu, um sie auszufüllen.

„Na super. Egberts Schweißgeruch und eure Rotzfahnen. So habe ich mir das edle Heldentum aber nicht vorgestellt.“ Vana grinste neckisch und Huppo machte mit seiner Schaufelhand eine ausladende Bewegung.

„So, gut siehst du aus. Beweg dich mal und geh hier ein bisschen im Stall herum. Du musst dich schnell an die Rüstung gewöhnen. Es bleibt uns nicht mehr viel Zeit.“

Während die beiden Zwerge vom Dachboden herunterkletterten, bewegte sich Vana und machte Dehnübungen. Die Rüstung fühlte sich zwar sehr eng, aber auch irgendwie gut an. Bis auf den Geruch und das Drücken auf die Brust war es nicht so unbequem, wie sie befürchtet hatte. Und erst jetzt wurde es ihr so richtig bewusst. Der Gedanke drückte sich in ihren Kopf und breitete ein warmes Gefühl auf ihrem Körper aus: Sie trug eine echte Knappenrüstung.

„Beeil dich! Graf von Friedberg macht gleich seinen Rapport!“

Vana blickte nach unten und sah Aldo, der seinen Kopf durch die Stalltür Richtung Hof steckte. Leise fluchend drehte er sich wieder zurück und Vana wusste, dass es nun an der Zeit war. Sie kämmte mit den Fingern über ihr nun kurz geschnittenes Haar, blickte zur Stalldecke hoch und schloss die augen.

Endlich.

Wie lange hatte sie davon geträumt?

„VANA! KOMM JETZT!“

Sie öffnete die Augen, atmete noch einmal bewusst und tief durch, setzte den Helm auf und kletterte vorsichtig die Leiter hinunter.

„Siehst gut aus, Kleine!“, bestätigte ihr jetzt auch Aldo von unten herauf. Er nickte ihr mit verschwörerischer Miene entgegen. „Also, ich geh wieder rüber zum ,Keiler‘ und mache weiter wie geplant. Tante Milda denkt, du bist mit den zwei Dummbeuteln Sappo und Teppo auf dem Feld und dann auf der Heide zum Melken. Wenn sie misstrauisch wird oder gar nach dir suchen will, werden wir ihr nochmals eine Dosis vom Egalokraut geben.“ Egalokraut war eines der unzähligen zwergischen Mittel und Tinkturen. Es bewirkte vorübergehende Gleichgültigkeit in Verbindung mit überschwänglicher Freude und Gelassenheit. Hoffentlich, würde es dieses mal auch Wirkung zeigen und Tante Milda nach einer Prise etwas schöneres zu tun haben, als nach ihr zu fragen.

Die Stalltür knallte zu, kaum dass Aldo draußen war.

Vana wollte sich gerade aufmachen, als Huppo ganz aufgeregt an seinem Beutel nestelte. „Halt! Die Salbe und der Stimmbatz! Verflucht und Targo Fekk. Wir hätten beinahe das Wichtigste vergessen!“ Eifrig kramte er ein kleines Glasfläschchen und ein Holzröhrchen mit Schraubverschluss heraus. In der Flasche krabbelte ein kleiner, purpurn glänzender Käfer. „Na los, nimm den Helm ab. Wir müssen uns beeilen, es dauert seine Zeit bis alles wirkt!“

Vana nahm den Helm ab und Huppo öffnete das Röhrchen und träufelte ihr eine dicke, hellgrüne Salbe auf die Handfläche.

„Du musst jetzt wirklich aufmerksam zuhören, Vana. Das hier ist Disgurr oder, wie manche es in eurer Sprache nennen, eine Transformius-Salbe. Damit reibst du nun dein ganzes Gesicht ein.“ Vana tat wie ihr geheißen und obwohl die Salbe fürchterlich stank, vertraute sie ihrem Freund. Sie achtete darauf, nichts in die Augen zu bekommen - dafür den Geruch nicht in der Nase kleben zu haben war es bereits zu spät.

„Es dauert nun eine Weile, bis die Salbe einwirkt und sich der Wirkstoff auf deine Knochen legt. Du bekommst nun von mir eine Formel gesagt und es ist sehr wichtig, diese dann deutlich auszusprechen. Nur in Verbindung mit der Formel wirkt das Disgurr und dein Gesicht wird sich vorübergehend die nächsten Stunden in das von diesem Egbert verwandeln.“

Vana stieß einen erstaunten Laut aus. „Bitte was? Ich lauf mit Egberts Visage herum? Mein Gesicht verwandelt sich in das dieses arroganten Pinsels?“

Huppo zuckte die Achseln. „Nur so funktioniert die Tarnung. Du kannst nicht einfach den ganzen Tag bei der Hitze unter dem Helm herumrennen. Du würdest einen Hitzschlag bekommen, sofort auffliegen und du weißt ja, was das dann zu bedeuteten hätte. Eeeewiger Hausarrest und im schlimmsten Fall zwei bis drei Wochen Hotel Faulturm in bester Moder- und Schimmellage.“

Vana nickte seufzend. Auch das noch. Sie spürte, wie sich ihre Haut spannte und die Salbe langsam einwirkte. „Na zum Glück nur sein Gesicht. Auf den Rest der Egbert-Packung kann ich gerne verzichten!“

Huppo hüpfte auf einen kleinen Holzschemel und beugte sich prüfend nach vorn. „Also, es dürfte noch ungefähr eine Stunde dauern, bis die Transfomius-Salbe wirkt. Da bist du längst draußen unter den anderen Knappen. Du musst dann aber folgende Worte sprechen und ich rate dir, sie dir gut zu merken.“ er wartete, bis Vana nickte.

„DurrakisEgberttransforr! ABER NICHT JETZT!“

Sie hatte eben die Worte nachsprechen wollen aber Huppo wedelte aufgeregt mit seinen Schaufelhänden. „Erst später, wenn wir dir ein Signal geben, Vana. Die Salbe muss erst komplett einwirken, ehe du die Formel sprichst, das ist wirklich sehr wichtig! Sonst wird das Endergebnis eher ... schlecht ausfallen.“

Vana beugte sich ein Stück zu Huppo vor und schaute ihn fragend an. „Huppo, du weißt, ich bin immer ein bisschen konfus in diesen Gut-oder-Schlecht-Fragen. Also was meinst du damit?“ Der Zwerg scharrte nervös mit den Füßen und kratzte sich am Hinterkopf, ehe er Vana antwortete. „Nun, stell dir einfach vor, dass dein Gesicht, dein Körper und alles andere im Umkreis einer halben Meile in kürzester Zeit heftig juckend auf das Doppelte anschwillt und im schlimmsten Fall explodiert.“

Vana zog die Augenbrauen hoch und schürzte die Lippen. „Aaaahh, das meinst du also mit schlecht. Vielen Dank für diesen wichtigen Sicherheitshinweis.“

„Aber jetzt weißt du ja Bescheid. Bist ja schließlich ziemlich gescheit. Für einen Menschen jedenfalls. Wenn die Salbe eingewirkt und die Zeit reif ist, werden wir dir später über den Stimmbatz im Ohr oder anderweitig ein Signal geben. Dann sagst du die Formel. Ganz einfach, oder? Kommen wir nun zum Stimmbatz.“ Während Vana im Kopf die Formel wiederholte und hoffte, im späteren Tagesverlauf nicht auf das Doppelte anzuschwellen - oder gar zu explodieren -, griff Huppo nach der kleinen Glasflasche. Er holte vorsichtig den winzigen Käfer heraus und hielt ihn vor ihr Gesicht.

„Äääähm ... jaaa? Und jetzt?“, fragte Vana leicht irritiert und nicht minder angeekelt.

„Ich werde dir nun ein bisschen von dem Käfersekret ins Ohr träufeln. Dadurch wird es uns später möglich sein, miteinander zu reden, ohne dass es jemand um dich herum bemerkt.“

Vana neigte den kopf und schaute huppo ungläubig an. noch ehe sie etwas erwidern konnte, hielt er mit einer seiner verhältnismäßig riesigen Hände ihren Kopf und mit der anderen den Käfer über Vanas linkes Ohr. Er kicherte schon wieder so verheißungsvoll, als bereite es ihm Freude, sie zu quälen.

Obwohl ihr erster Gedanke kurz darin lag, Huppo durch den Stall zu prügeln, hielt sie inne und vertraute den eigenartigen uralten Kenntnissen und Zauber der Zwerge.

Sie spürte ein leichtes Brennen, als Huppo auf das Hinterteil des zappelnden Käfers drückte und eine klebrige Flüssigkeit in ihr Ohr tropfte. Es fühlte sich beinahe so an wie die Eukalyptus Tinktur, die ihr Tante Milda bei Erkältungen verabreichte. Mit einem leichten Knacken im Ohr härtete das Sekret des Käfers blitzschnell aus und es fühlte sich an, als hätte Vana nun einen kleinen harzenden Knopf im Ohr.

Kaum hatte Huppo sie losgelassen, hielt er ihr den zappelnden Käfer vors Gesicht.

„Na los, du musst ihn jetzt in den Mund nehmen, er krabbelt dann zu deinen Stimmbändern und setzt sich dort fest. Das hat er zuvor beim jungen Egbert gemacht und somit erhältst du dann Egberts Stimme!“

Die Zwerge grinsten freudestrahlend. Schon wieder.

„Ich soll den Käfer jetzt auch noch schlucken? Auf gar keinen Fall!“ Vana verzog das Gesicht.

„Nicht schlucken, nur in den Mund nehmen. Der Stimmbatz macht dann den Rest, vertrau mir einfach!“ Huppo nickte Vana aufmunternd zu.

„Aber ... gibt es da wirklich keinen anderen Weg?“ Vana war immer noch angewidert und betrachtete den sich windenden Käfer vor ihren Augen. Währenddessen nahm das Ziehen auf ihrem Gesicht langsam ab, die Salbe war beinahe vollständig eingewirkt.

„Nun jaaaa ... den gäbe es tatsächlich. Aber dazu müssten wir etwas seeehr Scharfes essen und dann nach einer halben Stunde die Hosen herunterlassen. Du müsstest dich dann direkt hinter unsere Hintern genauso hinknien, dass ja nichts von dem daraus entweichenden Zwergengas -“


„ICH NEHM DEN KÄFER!“ Vana griff das Insekt und schob ihn mit zusammengekniffenen Augen in den Mund. Sie spürte, wie er nach hinten zu ihrem Gaumen krabbelte und ein Würgereiz kam in ihr hoch. Sie konnte nicht anders und musste schlucken. Sie spürte ein leichtes Kratzen im Hals und hatte plötzlich eine taube Zunge.

Huppo schaute sie erwartungsvoll an.

Draußen auf dem Hof hörten sie aufgeregtes Stimmengewirr und Befehle. Die Gäste des „Hinkenden Keiler“ machten sich bereit für den Abmarsch in Richtung Stadt.

„Ich fpüre meine Zunge kaum. Ift das normal?“

huppo lachte nun wiehernd los und klatschte sich gegen den Schenkel. „Es funktioniert!“

„Waf funktioniert. Waf ift denn lof? Hey! Du Fpinner, hör auf fu lachen und fag, was lof ift!“

Während Huppo sich vor Lachen kaum halten konnte, spürte Vana ihre Zunge noch immer nicht wieder.

Da wurde es ihr plötzlich bewusst. „Ich ... ich habe feine Ftim- me. Ich fpreche wie Egbert! Oh. Mein. Gott!“ Vana war geschockt. Nun sprach sie wie tatsächlich mit der Stimme des Knappen.

„Genial, oder? Wir planen übrigens, das Zeug mal im großen Stil als Scherzartikel oder für die Streitkräfte zu verkaufen. Also entweder den Stimmbatz oder unser in Schweinedarm abgefülltes Zwergengas. Dann können sich Leute einen Schabernack machen und ihre Stimme verändern.“ Der Zwerg grölte vor Lachen und schlug sich selbst stolz auf die Schultern.

„Ich glaube, niemand wird fich freiwillig eure Zwergenpupse reinziehen, du Fpinner!“ Vana schüttelte den Kopf. Zwerge. Ein seltsames Volk.

„Na los, raus jetzt mit dir. Verhalte dich unauffällig.“

Vana bückte sich. Der Zwerg nahm sie in den Arm und sagte leise: „Du schaffst das, Kleine. Hab einfach Spaß! Denk an unser Training. Du bist gut, Vana. Zumindest für einen Menschen!“ Das Taubheitsgefühl war gewichen und Vana sprach zwar nun mit Egberts Stimme, dafür aber ohne die taube Zunge: „Danke, Jungs. Das bedeutet mir so viel. Ihr seid meine Brüder, meine besten Freunde und ich werde euch stolz machen!“ Ihr Körper kribbelte voller Aufregung und Vorfreude.

Dann setzte sie den Helm auf und öffnete die Stalltür einen Spalt. Draußen nahmen Graf von Friedbergs Männer gerade aufstellung ein und Knappen und Ritter rannten und ritten aufgeregt durcheinander.

„Denk daran, sobald wir dir das Signal geben, kannst du die Formel sprechen. Zwei von uns werden später in der Drachenlauf Arena vor Ort sein und Knabbereien verkaufen!“ Huppo zeigte ihr einen Daumen nach oben. „Du bist nicht allein, kleine Vana. Und jetzt raus mit dir. Lebe deinen Traum!“

Vana zog den Kinnriemen am Helm fest, nickte dem Zwerg nochmals entschlossen zu und trat dann hinaus in den Hof.

KAPITEL V
Ritter leben nach Tugenden

Obwohl es erst früh am Morgen war, meinte es die Sonne gut und strahlte schon freudig und vehement auf die Erde nieder. Vana rannte hinüber zum großen Platz vor dem „Hinkenden Keiler“ und ihr Herz schlug so schnell, dass sie es im Hals pochen spürte und das Blut durch die Ohren rauschen hörte. Es wurde schon jetzt warm unter der Rüstung. Ihre Rüstung! Vana konnte es noch immer nicht fassen, was hier gerade passierte.

„Bist spät dran, Egbert. Graf von Friedberg lässt gerade aufstellen.“ Ein Ritter aus Herrn Friedbergs Tross blickte zu Vana herab und sie fragte sich, woran der Ritter die Knappen auseinanderhalten konnte, geschweige denn woher er wusste, dass sie egbert war. Hektisch suchte sie die Reihen der Knappen ab und erkannte dann schließlich die des Grafen von Friedberg. Es herrschte reges Treiben auf dem Hof und wo sich sonst nur vereinzelte Fuhrwerke, Pferde und Esel sowie eine überschaubare Anzahl an Gästen aufhielten, glich es nun einer kaserne. knappen standen in reih und Glied, Fahnenträger bezogen Aufstellung und Ritter brüllten Anweisungen, während Schaulustige sich vor dem Gasthaus versammelten.

Vanas Schläfe schmerzte und sie war aufgeregt wie nie zuvor in ihrem Leben. Nur die Hitze trübte die Vorfreude und ganz egal wie eklig und gefährlich die Zwergenmagie auch sein mochte, freute sie sich darauf, später den Helm durchaus auch mal abnehmen zu können. Vana dachte an die Formel für die Verwandlung und an das Signal, dass sie bald von den Zwergen bekommen würde.

Sie drängte sich durch die knappen der anderen Grafen und Ritter und nahm dann in der Reihe Aufstellung.

„Sind wir heute mit dem Narrenfuß aufgestanden? Netter Versuch, Egbert!“ Einer der beiden neben ihr stehenden Knappen rammte ihr den Ellbogen in die Seite.

„Erst zu spät kommen und dann sich falsch aufstellen — das kann ja heute was werden mit dir!“, sagte nun auch der andere und Vana hörte ein gedämpftes Kichern unter den Helmen.

„Egbert, dein Vater bezahlt uns hier, um aus euch Ritter zu machen. Ritter leben nach Tugenden und Pünktlichkeit ist eine Tugend. Also warum kommst du zu spät?“ Der Ritter stieg von seinem Pferd und während ein Knappe es am Halfter festhielt, schritt er die Reihe ab, nur um sich vor Vana aufzubauen. Er schien ihr viel schrecklicher als die anderen, die sie früher getroffen hatte. Seine Schläfen waren rasiert, und sein langer, dunkler Zopf flatterte und wiederholte seine Bewegungen. Alte, weißliche Narben kreuzten sein Gesicht. Aus irgendeinem Grund dachte Vana an ihren Vater. Noch bevor sie ihre Gedanken sammeln und antworten konnte, setzte er seinen Helm auf und ging zurück zu seinem Pferd. Sie erkannte ihn. Es war der Mann, den sie mit dem Grafen vor dem Stall belauscht hatte.

Der Knappe neben ihr hob die Hand. „Herr von Sachs, ich kann mir vorstellen, dass Egbert sich gestern noch mit der heiß- spornigen blonden Magd vergnügt hat und deshalb zu spät gekommen ist!“

Der Ritter fuhr herum und seine Augen blitzen wild unter seinem Visier. „Leopold, deine unkeuschen Vermutungen sind hier weder angebracht noch erwünscht und wenn ich deine Meinung zu irgendetwas hören möchte, werfe ich dir einen Kiesel an deinen Helm!“ Während der Ritter den Knappen neben ihr anherrschte, packte er sie beiläufig an der Schulter und zog sie weiter in die Mitte, wo er sie dann unsanft zwischen zwei andere Knappen drückte. „So Männer, nachdem nun auch der gute Herr Egbert seinen Platz gefunden hat, möchte ich eine vorschriftsmäßige Aufstellung sehen. Heute ist der Tag der Weihe und meine Aufgabe ist es, ein gutes Bild von euch Möchtegern-Rittern abzuliefern.“

Von Sachs schritt nun langsam die Reihe ab und Vana zählte aus den Augenwinkeln sechs knappen. Als er an ihr vorbeiging, lehnte sie sich kurz nach vorne und erkannte, wie die knappen trotz gleicher Rüstungen und Helmen auseinandergehalten wurden: Jeden Helm zierte nahe der mittigen Naht sein Familienwappen.

„Knappen, Aaaachtung. Nehmt Haltung ein vor unserem edlen und großzügigen Marktgraf Godefried von Friedberg!“

Ein Ruck ging durch die Reihe und Vana machte es den anderen knappen gleich. Sie spannte ihren körper und obwohl ihre Oberweite unter dem engen Brustharnisch schmerzte, drückte sie ihren Rücken durch. Ihr Herzschlag pumpte immer wieder gegen die Rüstung, sie konnte es nicht fassen. Eigentlich sollte sie im Stall oder im „Hinkenden Keiler“ stehen - stattdessen war sie hier. Mit Knappenrüstung.

„Guten Morgen, meine Knappen!“, riss eine Stimme sie aus ihren Gedanken. Sie blickte nach rechts ohne den Kopf zu drehen und erkannte Marktgraf von Friedberg. Während er am Abend zuvor noch in lässigem Freizeitwams gewandet gewesen war, zierte nun eine edle polierte Rüstung seinen Körper. Trotz der Rüstung stieg er mühelos vom Pferd ab und baute sich vor der Reihe auf.

Der Graf musterte nun die Knappen und während man auf dem Hof immer noch andere Ritter ihre Knappen anbrüllen hörte, stand Graf von Friedberg nur da. Herr von Sachs hatte sich stumm neben ihm gestellt und blickte stur geradeaus.

„Willkommen. Willkommen zu diesem besonderen Tag. Willkommen in eurem neuen Lebensabschnitt!“ Der Graf drehte nun den kopf und sein Blick wanderte von knappe zu knappe.

Vana wurde es heiß und kalt gleichzeitig. Was, wenn ihre Tarnung aufflog, wenn die Transfomius Salbe nicht wirkte? Was, wenn man sie erwischte? Sie dachte an Tante Milda und ihr Herz zog sich zusammen. Was, wenn man ihr wegen Vanas dummen kleinen Traums den Hof wegnehmen würde? Und warum war ihr das nicht schon viel eher eingefallen? Vana wurde übel und sie fühlte sich, als müsste sie sich jeden Moment übergeben.

„Wie ihr wisst, das Arma Sanctorum ist kein einfaches Festwochenende und der Drachenlauf - kein gewöhnliches Turnier.“ Die Stimme des Grafen dröhnte in Vanas Helm und sie widerstand dem Drang, diesen abzunehmen und sich auf den Knappen neben ihr zu erbrechen.

Der Graf fuhr fort. „Das Arma Sanctorum ist ein heiliges Fest unserer Kirche und der damit verbundene Drachenlauf-Wettbewerb ein von Gott selbst gewolltes Auswahlverfahren. Es ist eine Ehre für uns, heute hier sein zu dürfen und nur die Besten unter euch werden bestehen und der Zeremonie beiwohnen. Nur die Besten unter euch werden dazu auserkoren, als Novize dem Gladior-Orden beizutreten und somit zu einer Waffe des Herrn zu werden.“ Er blickte nun Vana an und sie spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. Bemerkte er etwas? „Es gehört schon viel dazu, ein regulärer Ritter zu ein. aber als ein Gladior Panzerritter kämpft ihr nicht nur für die Armen und Schwachen. Ihr seid die Speerspitze im Kampf gegen die unheiligen Dämonen, die dieser Tage die Menschheit plagen.“

Sein Blick wanderte nun wieder weiter, doch Vana zitterte innerlich am ganzen Leib.

„Ich will ehrlich mit euch sein. Der Wille des Telum Dei und somit des Schöpfers ist unergründlich. Der Drachenlauf ist eine Herausforderung an euren Geist und Körper, aber die erfolgreiche Bewältigung garantiert euch noch nicht, dass ihr für den Gladior- Orden ausgewählt werdet. Also grämt euch nicht, wenn ihr den Drachenlauf besteht und dennoch nicht auserlesen werdet.“

Graf von Friedberg blieb nach mehreren Runden, die er vor seinen knappen hin und her gelaufen war, stehen und blickte sie an. Ein Lächeln stahl sich auf sein Gesicht. „Ihr könnt trotzdem stolz auf euch sein, diese Herausforderung gemeistert zu haben und dann bleibt euch immer noch ein Platz als Novize in den regulären Ritterorden. Werdet ihr aber vom Telum Dei auserwählt, erwartet euch bei den Gladioren ein Leben, welches das eines herkömmlichen Ritters bei weitem übersteigt. Denn dann habt ihr es nicht nur mit Banditen oder abtrünnigen Rittern zu tun, nein meine Knappen, dann seid ihr diejenigen, die sich lachend den abgrundtiefen Kräften der Hölle selbst in den Weg stellen.“ Graf von Friedberg nahm einen kurzen Schluck aus seinem Kelch und blickte hoch in den hellblauen Morgenhimmel, als suchte er darin, wie er seine Rede fortsetzen konnte.

Vana musste an das belauschte Gespräch denken und ihr war klar, wie innerlich zerrissen dieser Mann eben sein musste. Was hatten sie noch einmal gesagt? Als Novize könne man als Drachenfutter enden?

„Ihr kennt sicherlich alle die Geschichten aus dem Heiligen Land, habt unzählige Erzählungen über die Kreuzzüge und über die Sarazenen gehört.“ Graf von Friedberg senkte die Stimme und schien ausgerechnet Vana mit seinem Blick zu fixieren. „Aber glaubt mir: Kein Sarazene, kein Räuber oder marodierender Ritter wird euch das Herz so zu Stein erstarren lassen, wie der erste Drache, der sich vor euch aufbaut.“

Vana konnte nun manche Knappen trotz der Helme schlucken hören.

„Schuppen härter als ein Schild, Zähne so lang wie Schwerter und dazu Klauen, die ein gesamtes Fuhrwerk samt Balliste mit einem Schlag zerfetzen können.“ Er machte eine kurze Pause, um dann die Stimme zu erheben. „Und dann dieser Drachenatem. Ihr seht nur kurz, wie die Stelle zwischen Kiefer und Hals aufglüht. Wenn ihr dann nicht schnell euren Gladiorschild hochreißt oder zur Seite springt, bleibt von euch nur noch ein häufchen Asche in einer weißglühenden Rüstung übrig.“ Graf von Friedberg hielt einen Moment inne und seine Stimme schien kurz zu stocken, ehe er wieder die reihe abschritt. „Doch ihr werdet darauf vorbereitet. Die Ausbildung zum Gladior Panzerritter ist hart und wird euch einiges abverlangen, aber dank der schützenden Hand des Herrn, der fortschrittlichen Waffen und Männern wie unserem Herr von Sachs hier, werdet ihr auch diese Hürde meistern.“

Der Graf wollte eben zu seinem Ross gehen, als er kurz innehielt. Dann machte er kehrt und ging geradewegs auf Vana zu. Seine Hand lag schwer auf ihrer Schulter. „Du schaffst das, mein Junge. Ich bin sehr stolz auf dich!“

Während Vana ihn verwundert unter ihrem Helm anblickte und hoffte, dass er nicht doch bemerkte, dass sie nicht Egbert war, nickte er ihr und den anderen Knappen nochmals kurz zu und stieg dann auf sein Ross auf. Seine Stimme wurde nun laut und feierlich. „Heute beginnt das Arma Sanctorum mit der Weihe und mir ist sehr daran gelegen, dass Knappen unter meinem blauen Banner als Novizen ausgewählt werden. Ihr wurdet für diesen Test trainiert und gehört zu den besten jungen Männern des Landes. Ich bin sehr stolz auf das, was ihr bisher erreicht habt und heute ist der Tag, an dem sich euer Leben für immer verändern kann.“

Vana nickte kaum merkbar. Sie scherte das Gerede um Drachen und Helden nicht. Sie war nun hier und wollte sehen, wie weit sie es schaffen konnte. Bestimmt würde sie nie im Leben das Ende des Wettbewerbes erreichen. Diese Knappen wurden schon im Kindesalter darauf vorbereitet, während sie mit vier beinahe dauerbetrunkenen Zwergen deren Kampftechniken geübt hatte.

Sie presste die Lippen aufeinander. Egal! Sie wollte teilnehmen und wenn der Moment gekommen war, würde sie den Helm abnehmen und der Welt zeigen, dass auch Mädchen eine Knappenrüstung tragen konnten und würdig waren, am Drachenlauf teilzunehmen. Vana dachte nicht an die Konsequenzen. Ihr gefiel der Gedanke, dass man vielleicht auch stolz auf sie sei und so manches Mädchen durch ihre Tat beflügelt werden würde.

„... und deshalb werdet ihr heute euer Bestes geben. Nicht mehr und nicht weniger. Und vergesst niemals: Egal ob ihr den Drachenlauf besteht oder nicht, ich bin sehr stolz auf euch. Auf jeden von euch! Blaue Knappen, wir sehen uns bei der Weihe. Möge der Herr mit euch sein!“

Graf von Friedberg hatte seine Rede beendet und Vana versuchte trotz der aufregung und der Hitze ruhig zu bleiben. Ihr Herzschlag verlangsamte sich.

Doch das änderte sich bereits im nächsten Moment wieder.

„Vana? Vanaaaaa? Wo bist du denn?“

Ein Kloß bildete sich in ihrem Hals, als sie das Rufen von Tante Milda hörte. Sie drehte leicht den Kopf und sah, wie ihre Tante über den Hof ging und dabei an Rittern und Knappen vorbeihuschte. Hatte das Zwergenkraut doch nicht gewirkt? Was, wenn Tante Milda keine Ruhe geben würde, bis sie Vana fand und an den Ohren vor allen Knappen ins Wirtshaus zurückzog?

„Vaaaanaaaa? Wo steckst ... Ach egal!“

Vana musste sich anstrengen, um Tante Milda zwischen den vielen Menschen sehen zu können. Ein seltsames Grinsen hatte sich nun über deren Gesicht gelegt und sie schien plötzlich ein Lied zu summen. War das zu fassen? Das Egalokraut der Zwerge schien tatsächlich zu wirken. Tante Milda schlurfte freudenstrahlend über den Hof und gab sogar einem verdutzten Ritter einen Klaps auf den hintern.

Vana blickte ihr nach, wie sie nun vor dem Gasthof stand und dort erkannte sie auch Huppo, der grinsend einen Daumen nach oben reckte.

„KNAPPEEEEEEN, aufsitzen. Die Weihe wartet!“ Die dröhnende Stimme von Alastair von Sachs riss Vana herum und die Knappen neben ihr rannten nun zu dem bereitgestellten Fuhr werk. Sie schloss sich ihnen an und nahm auf dem Fuhrwerk Platz. So saßen sie sich nun gegenüber, drei Knappen zu jeder Seite.

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Возрастное ограничение:
0+
Дата выхода на Литрес:
12 ноября 2024
Объем:
388 стр. 14 иллюстраций
ISBN:
9783963729768
Издатель:
Правообладатель:
Bookwire
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