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Marijana Dokoza
DIE STIMME
Roman

© Dittrich Verlag ist ein Imprint
der Velbrück GmbH, Weilerswist-Metternich 2018
Lektorat: Markus Lorenz
Satz: Gaja Busch
Umschlaggestaltung: Guido Klütsch
Printed in Germany
ISBN 978-3-947373-15-4
eISBN 978-3-947373-45-1
»Schließe das Unmögliche aus, und das, was übrig bleibt, egal wie unlogisch es erscheinen mag, muss die Wahrheit sein.«
Sherlock Holmes
Inhalt
Kapitel I
Kapitel II
Kapitel III
Kapitel IV
Kapitel V
Kapitel VI
Kapitel VII
Kapitel VIII
Kapitel IX
Kapitel X
Kapitel XI
Kapitel XII
Kapitel XIII
Kapitel XIV
Kapitel XV
Kapitel XVI
Kapitel XVII
Kapitel XVIII
Kapitel XIX
Kapitel XX
Kapitel XXI
Kapitel XXII
Kapitel XXIII
Kapitel XXIV
Kapitel XXV
Kapitel XXVI
Kapitel XXVII
Kapitel XXVIII
Kapitel XXIX
Kapitel XXX
Kapitel XXXI
Kapitel XXXII
Kapitel XXXIII
Kapitel XXXIV
Kapitel XXXV
Kapitel XXXVI
Kapitel XXXVII
Kapitel XXXVIII
Kapitel XXXIX
Kapitel XL
Kapitel XLI
Kapitel XLII
Kapitel XLIII
Kapitel XLIV
Kapitel XLV
Kapitel XLVI
Kapitel XLVII
Kapitel XLVIII
Kapitel XLIX
Kapitel L
Kapitel LI
Kapitel LII
Kapitel LIII
Kapitel LIV
Kapitel LV
Kapitel LVI
Kapitel LVII
Kapitel LVIII
Kapitel LIX
Kapitel LX
Kapitel LXI
Kapitel LXII
Kapitel LXIII
Kapitel LXIV
Kapitel LXV
Kapitel LXVI
Kapitel LXVII
Kapitel LXVIII
I
Reglos und still lag sie da. Ihr schmächtiges, schmerzgeplagtes Gesicht sah jetzt sorgenfrei aus. Es war nicht starr, wie bei anderen Toten, und die langen, noch immer schwarzen Haare umrahmten in einer Art wirrer Ordnung ihren Kopf. Auf der kleinen Totenbahre lag ein schmächtiger Körper, der viele Jahre gelebt und sich trotz etlicher Qualen bis zum Ende heroisch gewehrt hatte. Sie hatte sich nichts zuschulden kommen lassen, doch diejenigen, die sie in der Vergangenheit verletzt hatten, standen jetzt mit betretenem Blick neben der Bahre.
Kiara saß bei ihr und weinte. Sie konnte nicht glauben, dass die alte Frau nicht mehr lebte. Warum war das Schicksal nur so grausam zu einem so guten Menschen wie Johanna? Sie versank in Gedanken.
Zur Beisetzung der alten Frau waren nur wenige erschienen, nur die engsten Verwandten und Kiara. Das machte sie noch wütender. Tränen liefen über ihr Gesicht, doch sie wusste nicht genau, woher dieser tiefe Schmerz kam, hatte sie Johanna doch nur so kurze Zeit gekannt. Plötzlich kam ihr das Leben schmutzig und verlogen vor. Es gab so viele Menschen, die nur auf ihre eigenen Vorteile bedacht waren und über Leichen gingen, um ihre Ziele zu erreichen. Vor lauter Aufregung wurde Kiara übel. Ihre innere Wut brachte sie zum Nachdenken. Es gab nichts Bestandloseres als das Leben.
Kiara betrachtete ihre Mitmenschen nach Johannas Tod mit anderen Augen. Sie konnte der brutalen, finsteren, materialistischen Welt, in der man die unglückliche alte Frau wegen ihrer Armut, ihres ungewöhnlichen Aussehens und ihres Buckels verachtet hatte, nichts Gutes mehr abgewinnen. Von seinen Mitmenschen verachtet zu werden, war schrecklich, aber nicht das Schlimmste, denn noch schlimmer war es, selbst Verachtung zu empfinden. Genau diese Erkenntnis bewahrte Kiara davor, beim Anblick der alten Frau, die von allen im Stich gelassen worden war, die unentwegt ums Überleben gekämpft und den verschiedensten Krankheiten der modernen Gesellschaft standgehalten hatte, zu resignieren. Johannas langes Leben war gepflastert gewesen mit erlittenen Ungerechtigkeiten und Grausamkeiten, und zum Schluss war sie als Opfer menschlicher Brutalität schmachvoll vor ihrem Wohnhaus zusammengebrochen. Die Leute waren stundenlang an ihrer Leiche vorbeigegangen, und erst am nächsten Tag hatte man festgestellt, dass sie tot war. Die Ärzte hatten keine natürliche Todesursache diagnostizieren können. Man hatte sie auf das Bett in ihrem kleinen Zimmer gelegt. Am nächsten Tag war eine entfernte Verwandte mit ihrer Tochter gekommen, um sich um die Beerdigung zu kümmern.
Kiara empfand großes Mitleid und dachte über dieses grausame menschliche Verhalten nach. Es verstärkte in ihr den Drang, anderen Menschen zu helfen. Künftig wollte sie nichts mehr mit den Leuten zu tun haben, die keinerlei Mitleid mit Hilfsbedürftigen hatten. Auf einmal kam ihr alles so bedeutungslos vor, auch die Tatsache, dass sie eine junge, schöne und ehrgeizige Frau war, die eine Zukunft vor sich hatte, von der andere nur träumen konnten.
Sie ging bei Johannas Beerdigung im Dorf nicht mit, sondern kehrte über dieselbe Straße, die sie vor etwa einer Stunde hochgelaufen war, wieder zurück. Die Leute wunderten sich darüber, dass sie weinte, aber es war ihr gleichgültig. Es waren Fremde, die sie nicht verstanden, die Menschen wie Johanna nicht sahen und ihnen nicht helfen wollten, wenn sie Hilfe nötig hatten. Sie fragte sich, warum die Menschen so gefühllos waren, sie verstand sie nicht mehr und fühlte sich vollkommen hilflos. Kiara hatte Angst. Sie konnte nicht fassen, dass sie das Leben vor nicht allzu langer Zeit noch wundervoll gefunden hatte. Wie ironisch, dachte sie – eine Achtundzwanzigjährige, die tatsächlich glaubte, das Leben sei wundervoll.
Vollkommen in ihre Gedanken versunken, bemerkte sie nicht, wie ein schwarzer Mercedes auf sie zufuhr und die Straße überquerte. Plötzlich hörte sie ein Bremsen, den Aufprall eines Autos auf einen menschlichen Körper – und dann Stille. Kiara fiel zu Boden. Das Einzige, was sie spürte, war ein dumpfer Schmerz, kurz darauf sah sie nichts mehr. Sie konnte weder etwas sehen, hören oder spüren … noch machte ihr das etwas aus. Auf einmal sah sie die alte Johanna, ganz in Weiß gekleidet, gen Himmel schweben. Johanna lächelte gutmütig und schaute mit ihren freundlichen Augen, die selbst beim herzlosesten Menschen Güte hervorzurufen vermochten, auf sie herab. Es schien, als wollte sie etwas sagen.
II
»Kiara … Kiara«, hörte sie eine vertraute Stimme.
»Kiara, wie fühlst du dich?«, wiederholte Henning, als er sich über sie beugte. Er wirkte besorgt. Kiara sah sich verwirrt um.
»Wo bin ich, was ist geschehen? Wo ist Johanna?«
Henning wusste nicht, was er ihr antworten sollte. Die Ärzte hatten ihn darauf hingewiesen, dass Kiara Ruhe brauche und jede Aufregung zu vermeiden sei. Er wunderte sich, dass sie nach einer Johanna fragte; er wusste nicht, dass sie eine Person mit diesem Namen kannte. Sie hatte sie noch nie erwähnt. Henning schrieb ihre Äußerungen dem Schock zu, den sie durch den Unfall erlitten hatte.
»Kiara, beruhige dich, du darfst dich nicht aufregen«, redete er behutsam auf sie ein.
»Henning, was ist mit Johanna? Ich habe sie vorhin gesehen, sie wollte mir etwas sagen …«
Henning wusste nicht, was er erwidern sollte. Er wusste nicht, ob sie wirres Zeug sprach oder wieder zurechnungsfähig war, und ließ deshalb einen Arzt kommen.
»Die junge Frau steht noch unter Schock und kann sich offenbar an nichts mehr erinnern. In einigen Stunden wird es ihr besser gehen«, bekam er vom Arzt zu hören.
Kiara sah wohl, dass der Arzt sich mit ihrem Freund unterhielt, konnte aber nicht hören, um was es sich handelte. Sie sah ihre Mutter Rosie, die weinend an der Krankenzimmertür stand und dem Gespräch zuhörte. Das wunderte sie kaum, war ihre Mutter doch eine sehr ängstliche Person. Als der Anruf gekommen und sie über den Unfall benachrichtigt worden war, hatte sie sich augenblicklich ins Krankenhaus begeben und erst aufgehört zu weinen, als Kiara die Augen geöffnet hatte, und selbst dann hatte sie, blass vor Angst, ihre Tochter angeschaut, als würde diese jeden Moment zerbrechen, obwohl man ihr versichert hatte, dass der Zustand der Patientin nicht kritisch sei. Nachdem sie dem Arzt aufmerksam zugehört hatte, trat sie nun vorsichtig an Kiaras Bett.
»Alles wird wieder gut, mein Schatz. Du hast dir nur ein bisschen wehgetan. Hab keine Angst. Du musst versuchen, ein wenig zu schlafen«, sagte sie mit sanfter Stimme.
Kiara war jedoch viel zu angespannt, um einzuschlafen, und selbst wenn sie es geschafft hätte, die Gedanken aus ihrem Kopf zu vertreiben, wäre sie viel zu nervös gewesen. Sie wollte endlich in Erfahrung bringen, warum niemand wusste, was mit der alten Johanna geschehen war. Die im Zimmer anwesenden Personen wussten weder, was mit ihr geschehen war, noch, wer Johanna überhaupt war. Allmählich glaubte Kiara, dass sie sich alles nur eingebildet hatte. Und doch schien alles so wirklich.
»Guten Tag! Verzeihen Sie die Störung, darf ich hereinkommen?«
Kiara, Henning und Rosie fuhren auf, als sie die unbekannte Stimme hörten, die von der Tür her kam.
»Ich bin Marcus. Sie sind vor mein Auto gerannt und ich habe Sie angefahren«, sagte der junge Mann, etwas ängstlich Kiaras Reaktion abwartend, bevor er zögerlich eintrat.
Sie schaute ihn nur an und deutete schweigend auf einen Stuhl links neben ihrem Bett. Marcus fühlte sich unwohl. Er wusste nicht, was er noch sagen sollte.
»Entschuldigen Sie, es war meine Schuld. Ich hätte vorsichtiger sein sollen. Zum Glück sind Sie nicht schlimmer verletzt worden …«, sagte er, aber Kiara unterbrach ihn sofort.
»Halb so wild. Es ist ja nichts passiert. Ich bezweifle außerdem, dass Sie mich überfahren könnten. Ich bin unverwüstlich, müssen Sie wissen. Wie geht es Ihnen? Ist mit Ihrem Auto alles in Ordnung? Ich war’s schließlich, die ohne zu schauen, ja fast wie ein Zombie die Straße überquert hat«, entschuldigte sich Kiara.
Marcus war die ganze Situation unangenehm. Er hatte nicht damit gerechnet, dass sich die junge Frau, die er beinahe totgefahren hätte, bei ihm entschuldigen würde.
»Im Übrigen wäre die Welt nicht viel ärmer ohne mich …«, fügte sie hinzu, woraufhin Marcus innehielt, weil ihn ihre Bemerkung irritierte – eine Bemerkung, die ihr an dieser Stelle angebracht geschienen hatte, weil sie merkte, dass er sich in der Gegenwart ihrer Mutter und Hennings nicht wohl fühlte.
›Wenn ich so etwas von mir gebe, kann man das ja verstehen, aber dass diese Person so etwas sagt, ist wirklich eine Schande‹, dachte er.
Seine Familie war der Auffassung, dass Marcus Costava nur einen wahren Grund hatte, unglücklich zu sein: seine unerklärlichen Alpträume. Marcus litt, das bescheinigten ihm die Psychiater, die ihn in den vergangenen zehn Jahren behandelt hatten, an »wiederkehrenden Wahnvorstellungen«. Diese Wahnvorstellungen waren, so die Ärzte, die Widerspiegelung einer Unzufriedenheit, auch wenn er selbst nicht wusste, worauf diese Unzufriedenheit beruhte. Er war jung, erfolgreich, besaß ein eigenes Unternehmen zur Parfümproduktion und war auch bei den Frauen sehr beliebt. Die Richtige war ihm bisher allerdings noch nicht begegnet – die Frau, der er sein ganzes Vermögen zu Füßen legen würde. Da er aber erst dreiunddreißig Jahre alt war, war es noch zu früh, um sich ernsthaft Sorgen darüber zu machen.
»Sie dürfen so etwas nicht sagen, Sie sind doch noch jung«, sagte Marcus zu der Frau, die seinetwegen im Krankenhaus lag.
Kiara lachte nur, ohne zu antworten.
»Ich bitte Sie noch einmal, mir zu verzeihen! Ich werde für die Behandlungskosten und alles andere aufkommen«, bot Marcus an.
»Das wird nicht nötig sein«, sagte Kiara und schüttelte den Kopf.
Marcus zuckte daraufhin seufzend mit den Schultern, entschuldigte sich noch ein letztes Mal, hinterließ seine Handynummer und betonte, sie solle nicht zögern und sich sofort bei ihm melden, falls sie irgendwann einmal seine Hilfe benötige, und verließ dann den Raum. Henning blieb regungslos sitzen. Ihm hatte Marcus ganz und gar nicht gefallen, auch nicht die Art, wie Kiara ihn ansah. Vorwürfe konnte er ihr jedoch nicht machen, da sie ihm keinen konkreten Anlass dazu gegeben hatte. Er wartete noch, bis sie eingeschlafen war, und machte sich dann auf den Heimweg.
III
Kiara erwachte im Morgengrauen und begann sogleich, ihre Sachen zusammenzusuchen. Sie wollte keine Minute länger im Krankenhaus bleiben, obwohl der Arzt ihr empfohlen hatte, noch einen oder zwei Tage zur Beobachtung dazubleiben. Nicht einmal den Arztbrief wollte sie abwarten. Sie hatte eigentlich damit gerechnet, dass Henning bei ihr sein würde, wenn sie aufwachte, nun aber war es schon Mittag und er war noch immer nicht da. Kiara wollte gerade ihre Tasche nehmen, als ein Blumenlieferant an die Tür klopfte und ihr einen mit einem Gruß versehenen Blumenstrauß überreichte. Sie klappte die Karte auf und las laut vor: »Ich hoffe, dass es Ihnen heute Morgen gut geht. Rufen Sie mich bitte an, wenn Sie Hilfe brauchen! Marcus.«
Kiara fiel ein, dass sie sich Marcus gar nicht vorgestellt hatte. Wahrscheinlich hatte er ihren Namen ihrer Krankenakte entnommen. Sie versuchte, über das, was geschehen war, nicht mehr nachzudenken, steckte die Karte in ihre Tasche und ließ die Blumen im Zimmer zurück.
›Kein Mann ist so oberflächlich wie Henning! Die Unzuverlässigkeit in Person‹, dachte sie, als sie die Tür hinter sich zuzog.
Henning war oberflächlich. Die Menschen, die er kennen lernte, beurteilte er gewöhnlich nach ihrem Äußeren, und hatte er erst einmal eine feste Meinung über jemanden gefasst, behielt er diese auch bei. Er konnte die Lebensauffassung sensibler und nachdenklicher Menschen, wie Kiara es war, nicht nachvollziehen, die Einstellung von Menschen, die sich um Hilfsbedürftige kümmerten und für die Phantasie und Idealismus – ähnlich wie in trivialen Liebesromanen – eine sehr wichtige Rolle spielten. Henning verstand sie nicht; sie hingegen fand immer wieder eine Rechtfertigung für sein Verhalten und hoffte inständig, dass sie irgendeine menschliche Eigenschaft, die sie als wertvoll erachtete, in ihm finden würde.
Es fiel ihr schwer, die Geschehnisse der vergangenen Tage zu verarbeiten, weil sie sich mit den darauf folgenden Ereignissen, die geradezu unfassbar schienen, auseinandersetzen musste. Kiara kam es vor, als gäbe es zwei verschiedene Realitäten – in der einen gab es die schmächtige alte Johanna, und in der anderen wusste kein Mensch von ihrer Existenz. Wie war es möglich, dass niemand von Johanna gehört hatte? Sie führte all das auf den Schock zurück, den sie bei ihrem Unfall erlitten hatte, und beschloss, alles wieder zu vergessen. Ihr Gemütszustand hatte sich wieder stabilisiert, als sie ihre kleine Wohnung betrat, in der Henning manchmal über Nacht blieb. Die Versuche ihrer Mutter Rosie, die schon eine ganze Weile alleine wohnte, sie dazu zu überreden, vorübergehend zu ihr zu ziehen, stießen bei ihr auf taube Ohren. Kiara lehnte ihr Angebot vehement ab und wollte sogar schon am nächsten Tag wieder zur Arbeit zu gehen.
Sie arbeitete als Wissenschaftlerin in einem renommierten medizinischen Institut, das sich der Erforschung menschlicher Anomalien verschrieben hatte. Bereits vor Beginn ihres Studiums war sie mit diesem Fachgebiet in Berührung gekommen, als sie auf einen Zeitungsartikel über die dreijährige Luhra Fernandez gestoßen war.
Luhra hatte ihren Namen von Nonnen bekommen, die sie 1936 in einem Wald in Portugal aufgefunden hatten. Die Leute hatten ihr den Namen »Nachtkind« gegeben. Man hatte das kleine Mädchen des Nachts gefunden, und sie war von den anderen Kindern als Monster ausgelacht worden, weil sie kein Gesicht hatte. Den Grund dafür kannte niemand. Manche Leute behaupteten, dass es sich um eine angeborene Krankheit handele, andere, dass sie von einem wilden Tier angegriffen worden sei. Aber genau wie David Lopez, der auch von Nonnen gefunden worden war – allerdings in einem Wald in Peru –, hatte auch das Mädchen viele Jahre später keinen Mund, keinen Oberkiefer und keine Nase mehr. Die Geschichte des Mädchens war Kiara nicht bekannt, aber, wie viele andere auch, hatte sie vorher schon von David Lopez gehört und war überzeugt, dass die Geschichte, die man sich über ihn erzählte, der Wahrheit entsprach. Warum dieser intelligente Junge unter seinen Altersgenossen keine Freunde hatte finden können, war ihr unbegreiflich. Glücklicherweise hatte ein Heim für ihn eine Reise nach Großbritannien und genügend Geld für eine kosmetische Operation organisiert. Die schwierigsten Eingriffe hatte der Chirurg Adam Jackson vorgenommen, ohne dafür eine Gegenleistung zu verlangen. Er und seine Frau hatten danach beschlossen, David zu adoptieren. Nach zahlreichen Operationen war es David schließlich gelungen, ein normales Leben zu beginnen. Was mit Luhra geschehen war, wusste dagegen niemand. Man hatte nie wieder etwas von ihr gehört.
Kiara hatte sich schon immer dazu berufen gefühlt, hoffnungslosen Menschen zu helfen. Daher beschloss sie, dem medizinischen Fachbereich einer der kleinsten, aber renommiertesten Universitätsstädte nicht nur Deutschlands, sondern auch Europas, anzugehören: Tübingen. In diesem kleinen, am Neckar gelegenen Städtchen fand sie ihr zweites Zuhause. Aufgewachsen war sie in einem kleinen Ort in der Nähe von Stuttgart, wohin sie im Alter von zehn Jahren mit ihrer Familie gezogen war, weil ihr Vater in Stuttgart gearbeitet hatte. Als dieser bei einem besonders tragischen Vorfall, der den Einwohnern Stuttgarts noch lange in Erinnerung bleiben sollte, verunglückt war, zog Kiaras Mutter Rosie zusammen mit ihrer Tochter nach Tübingen. Wenige Jahre später kehrte Rosie aus beruflichen Gründen jedoch wieder nach Stuttgart zurück.
Adrian Horst, Kiaras Vater, war unter äußerst bizarren Umständen in einem Aufzug des Salamiherstellungsunternehmens »Marc & Co.« verunglückt. Gegenüber der Salamifabrik hatte ein Haus gestanden, von dem plötzlich Ratten, die eine alte Frau in ihrer Wohnung gehalten hatte, herabgefallen waren. Die Frau hatte überraschend ins Krankenhaus eingeliefert werden müssen, und die Ratten waren ihr gefolgt, da sie von ihr Futter bekommen hatten. Augenzeugen hatten berichtet, die Ratten seien so fett und schwer gewesen, dass sie sich nicht auf dem Dach hätten halten können, und seien deswegen auf die Passanten herabgefallen und hätten schließlich in der Salamifabrik Zuflucht gesucht. Die Polizei hatte die Straße zwar abgesperrt, aber einige Personen waren trotzdem von den Ratten gebissen worden. Unterdessen befand sich Adrian mit zwei weiteren Personen in einem Aufzug, der nach oben hin geöffnet war. Eine von ihnen war Silvia Wieter. Sie hielt eine frühgotische Skulptur aus dem Naumburger Dom in den Händen, die sie vom Chef des Unternehmens geschenkt bekommen hatte und in ihrem Museum ausstellen wollte. Als sie das Tier sah, fing sie zu schreien an und die Skulptur wurde gegen Adrians Kopf geschleudert, fiel zu Boden und zerbrach. Ein tragisches Ende für Kiaras Vater, der auf der Stelle tot war. Aber das war nicht das einzige Unglück gewesen. Die Ratten waren in der Fabrik zwischen die Maschinen geraten und zusammen mit dem Salamifleisch in kleine Stücke zerhackt worden. Drei von mehreren Dutzend Menschen, die diese Salami dann gekauft und verzehrt hatten, waren später ihren Vergiftungen erlegen. Hinterher wurde bestätigt, dass die Vergiftung ursächlich auf die Ratten zurückzuführen war.
IV
Kiara war stolz darauf, eine derart bekannte und angesehene Universität zu besuchen, und erachtete es als großes Glück, zu den ersten Bewerbern zu zählen, die aufgenommen wurden. Als sie dann eine Tätigkeit in einer von insgesamt siebzehn Kliniken in Tübingen aufnahm und die Stadt hin und wieder verlassen musste, um an Symposien teilzunehmen, nutzte sie jede Gelegenheit, um andere, die mit der Geschichte der Stadt nicht vertraut waren, ausführlich zu informieren. Auf einem dieser Symposien hatte sie auch ihren jetzigen Freund Henning kennen gelernt.
»Die Tübinger Universität wurde aus einem eher ungewöhnlichen Anlass gegründet. Die Gattin des Tübinger Grafen Eberhard war Italienerin und stammte aus Bologna. Da eine der ältesten europäischen Universitäten in ihrer Geburtsstadt Bologna gegründet worden war, hielt sie es für eine gute Idee, auch in ihrem neuen Heimatort eine Universität zu errichten. Ihr Gatte hatte nichts dagegen einzuwenden. Das Vorhaben der Gräfin überraschte viele, erwies sich jedoch als ein ausgezeichnetes Projekt, da schon im 16. Jahrhundert viele namhafte Wissenschaftler, Philosophen, Literaten und Doktoren nach Tübingen kamen, um dort ihre Studien fortzuführen, und die Universität so sehr schnell an Ansehen gewann. Vielleicht interessiert es Sie, welche zeitgenössischen Berühmtheiten diese Universität besucht haben. Der Bundespräsident Horst Köhler, der Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Günter Oettinger, der ehemalige Außenminister Klaus Kinkel sowie der einstige Profi-Fußballer und heutige Hertha-BSC-Berlin-Manager Dieter Hoeneß haben an dieser Universität studiert. Sogar Joseph Ratzinger, unser neuer Papst, Benedikt XVI., war dort. Er hat in Tübingen Theologie gelehrt.« So referierte Kiara, wobei sie auf den letztgenannten Universitätslaureaten besonders stolz war.
Während sie begeistert erzählte, wurde sie von einigen jungen Männern, unter ihnen auch Henning, enthusiastisch beobachtet. Allerdings beruhte diese Begeisterung mehr auf dem Aussehen der Rednerin als auf der geschichtlichen Bedeutung des am Neckar gelegenen Städtchens.
Kiara war eine ausgesprochen anziehende junge Frau. Blonde Locken umrahmten ihr schönes Gesicht, an dem besonders die graublauen Augen auffielen. Aber mehr noch als ihr Gesicht, ihre schönen Augen und ihr langes Haar zogen ihre Brüste, die sich aufgrund ihres engagierten Vortrags noch deutlicher unter ihrer weißen Seidenbluse abzeichneten, Hennings Aufmerksamkeit auf sich. In diesem Augenblick wusste er, dass er sie um jeden Preis haben musste. Im Grunde keine böse Absicht, doch er setzte sich dieses Ziel zu seinem eigenen Vergnügen. In seiner Klinik in Stuttgart, etwa 40 km von Tübingen entfernt, galt er als großer Verführer, dem keine Frau widerstehen konnte.
Als er aber merkte, dass Kiara nicht so leicht zu beeindrucken war wie die meisten anderen Frauen, mit denen er anbändelte und die er als seine »Trophäen« bezeichnete, beschloss er, es langsam angehen zu lassen; aber unter keinen Umständen wollte er zulassen, dass sie ihn abblitzen ließ. Auf der Arbeit schloss er sogar mit ein paar Kollegen, die Kiara auch kannten, eine Wette ab, wie es mit den beiden enden würde. Henning »garantierte« ihnen, dass er sie schon nach zwei Wochen ins Bett kriegen würde. Weit gefehlt! Nichtsdestotrotz fingen die beiden an, sich öfter zu treffen, und Henning belog seine Kollegen, indem er verkündete, er habe inzwischen schon mit Kiara geschlafen, und gewann so die Wette. Hätte Kiara damals die Wahrheit erahnen können, wäre sie jetzt mit Sicherheit nicht mehr mit ihm zusammen gewesen. Später imponierte es ihm, eine derart hübsche Freundin an seiner Seite zu haben, eine Freundin, um die ihn alle seine Kollegen beneideten – was ihn jedoch nicht davon abhielt, sich nebenher mit anderen Damen zu vergnügen –, und er beschloss daher, mit Kiara zusammenzubleiben. Er zog es sogar in Betracht, sie eines Tages zu heiraten. Kiara hingegen gefiel dieser Gedanke überhaupt nicht. Ihrer Ansicht nach waren sie beide noch zu jung, um diesen großen Schritt zu wagen, und außerdem war ihr ihre Arbeit wichtiger als ihre Beziehung mit Henning und der Gedanke, mit ihm eine Familie zu gründen. Sie stellte sich hin und wieder die Frage, ob sie überhaupt irgendwann dazu bereit sein würde, ihr Leben mit ihm zu teilen.
V
»Herrgott! Was ist das?«, stieß Kiara hervor, als sie zum ersten Mal die Fotoaufnahmen von Joseph Merrick sah, besser bekannt als der »Elefantenmensch«. Die Welt hatte schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von Joseph Carey Merrick erfahren, als er die Hauptattraktion eines Ladens in der Whitechapel Street in London gewesen war. Die Leute waren in den Laden gekommen und hatten einen Penny bezahlt, um ihn zu sehen, ihre Neugierde zu befriedigen und sich über dieses menschliche Wesen, das kaum noch Ähnlichkeit mit einem Menschen aufgewiesen hatte, lustig zu machen oder es zu bemitleiden. Die Ärzte waren damals der Überzeugung gewesen, dass es sich bei dem Leiden des Unglücklichen um das so genannte Proteus-Syndrom handelte, weswegen sich auf dem Kopf und der ganzen rechten Körperhälfte Tumore ausgebreitet und Knochendeformationen gebildet hatten. Als Merrick einundzwanzig Jahre alt gewesen war, hatte sein Kopfumfang aufgrund der Geschwülste 92 cm betragen, und mit der Zeit war er so schwer geworden, dass er nur noch sitzend oder mit dem Kopf auf den Knien schlafen konnte.
»Weißt du, in welchem Alter er starb? Mit dreißig Jahren. Er ist erstickt, nur weil er beweisen wollte, dass er nicht anders war als normale Menschen. Er versuchte, wie normale Menschen zu schlafen!«, sagte Luca Illoni sichtlich erschüttert.
Luca war einundzwanzig Jahre alt und hatte selbst erste Gesichtsdeformationen erlitten. Die Ärzte konnten nicht herausfinden, unter welcher Krankheit er litt, doch als er irgendwann auf Fotoaufnahmen von Joseph stieß, erkannte er seine eigene Krankheit wieder. Da er von der bekannten Wissenschaftlerin Kiara Horst gehört hatte, nahm er die weite Reise aus Italien auf sich, um sie um Hilfe zu ersuchen. Das war genau am 12. November, aber auch nach drei Monaten, in denen sie ihn untersucht, ihm Gewebe entnommen und es analysiert hatte, hatte sich Lucas Zustand nicht im Geringsten verbessert.
»Ich will nicht sterben, und schon gar nicht von allen ausgelacht werden. Ich glaube an Sie und werde die Laboratorien nicht eher verlassen, als bis Sie einen neuen Menschen aus mir gemacht haben. Stellen Sie mit mir an, was Sie wollen, aber helfen Sie mir!«, flehte er sie an.
Sie war unglücklich, weil sie ihm nicht helfen konnte. Ihr Team stellte dem unglücklichen jungen Mann ein Zimmer zur Verfügung, das sich in der Nähe des Laboratoriums befand und das normalerweise Eltern, die ihre Kinder zur Beobachtung dalassen mussten, als Übernachtungsmöglichkeit diente. Das Zimmer war stets verdunkelt, und außer Kiara und dem Personal, das Luca Essen brachte, hatte niemand Zutritt.
»Menschen wie ich werden ausgelacht, ausgenutzt und aus der Welt der Normalen ausgeschlossen. Sie betrachten uns als Monster, als Menschen mit angeborenen oder erworbenen Deformationen, die so selten sind, dass sie glauben, unser Leben würde nur im Zirkus einen Sinn ergeben. Aber ich bin keine Zirkusattraktion! Unter dieser verfluchten äußeren Verunstaltung bin ich ein Mensch, ein ganz normaler Mensch! Bitte, helfen Sie mir!«, flehte er sie an, als sich seine Krankheit bereits in einem Stadium befand, da sie nicht mal mehr seine Augen erkennen konnte.
Ihr Herz blutete bei dem Gedanken an die Qualen, die er in so jungen Jahren bereits hatte erleiden müssen. Sie zog ihre weiße Hose und ihren Kittel an, band ihre langen Haare zu einem festen Dutt zusammen und ging die Treppe zum Laboratorium hinauf. Sie nahm ihren kostbarsten Besitz – eine Uhr, die ihr Vater ihr zum zehnten Geburtstag geschenkt hatte – vom Handgelenk ab. Das war eines von zwei Dingen, die ihr von ihrem Vater, an dem sie sehr gehangen hatte, geblieben waren. Kiara war ein Einzelkind, und ihr Vater sah in ihr bis zu seinem Tod das kleine Mädchen, das niemals erwachsen werden würde. Er war gestorben, als sie zwanzig Jahre alt war, woraufhin sie sich von ihrem damaligen Freund, mit dem sie für den Rest ihres Lebens hatte zusammenbleiben wollen, getrennt hatte. Sie hatte aufgehört, ihn zu lieben. Er sah den Trennungsgrund in ihren Verpflichtungen an der Universität, wo sie gleichzeitig studieren und ihr Praktikum als angehende Ärztin ableisten musste. Kiara hatte lange darüber nachgedacht, wie es mit ihrem Leben und ihrer Beziehung weitergehen sollte. Eines aber wusste sie ganz gewiss: Sie liebte Christian – so hieß ihr damaliger Freund – nicht mehr und konnte sich auch keine gemeinsame Zukunft mit ihm vorstellen. In dieser Zeit befand sich die junge Frau am Rande eines Nervenzusammenbruchs. Sie hatte Christian gebeten, sie in Ruhe zu lassen, aber er wollte ihre Bitte nicht akzeptieren. Er wusste, dass in ihrer Beziehung etwas nicht stimmte, dass sie sich vollkommen verändert hatte und er sie nicht mehr wiedererkannte.
Eines Tages jedoch sprach er offen mit ihr und gab ihr zu verstehen, dass sie sich entscheiden müsse. Kiara aber brachte es nicht übers Herz, eine endgültige Entscheidung zu treffen, weil er so unendlich gutmütig war. Ihr schlechtes Gewissen zerriss sie, sie weinte jeden Tag, nachts wurde sie von unerträglichen Alpträumen heimgesucht, in denen sie stets die Übeltäterin war; gleichzeitig konnte sie aber auch seine Nähe nicht ertragen. Ihr Verhältnis war nicht mehr dasselbe wie früher, beide litten darunter. Für beide wurde die Belastung unerträglich. Die vollendete Liebesbeziehung war ihrer Ansicht nach ein Kompromiss zwischen Verstand und Gefühl. Sie war ausgesprochen sensibel, und Christian war es auch. Sie war immer der Auffassung gewesen, dass sensible Menschen die intensivsten Beziehungen hatten, aber inzwischen hatte sie eingesehen, dass sich in ihrer Beziehung zu viele negative Gefühle angestaut hatten.
Kiara und Christian waren in vielerlei Hinsicht sehr verschieden. Sie sehnte sich nach der romantischen Liebe, denn für sie war die Liebe die größte Glückseligkeit auf der Welt, ein uneigennütziges Gefühl des Aushaltens und der Hingabe. Sie glaubte an die Liebe und erachtete sie als einzigen Antrieb im Leben. Christian dagegen war der Auffassung, man solle die Liebe nicht herbeisehnen, da sie rational sei. Man tue besser daran, sie mit dem eigenen Verstand zu erforschen, zu kontrollieren. Er war ein unverbesserlicher Realist, in seiner Weltauffassung war kein Platz für etwas, das eines Tages vielleicht möglich sein würde. Er betrachtete und plante sein Leben im Hier und Jetzt, und jede ihrer Vorstellungen von zukünftigen Möglichkeiten versuchte er im Keim zu ersticken, sobald sie nur anfing, darüber nachzudenken. Obwohl ihr Altersunterschied nicht groß war, hatte er im Gegensatz zu Kiara eine ganz genaue Vorstellung vom Leben und nahm sich vom Leben das, was er kriegen konnte. Konsequent verfolgte er seine Ziele und legte großen Wert auf ein geordnetes Leben. Sie hingegen lebte in einer Welt, in der es verschiedene Versionen der Realität gab. Sie wollte das menschliche Dasein erforschen, das Unbekannte spornte sie an. Ihre Augen glänzten beim Gedanken an ferne Länder und unzählige unerforschte Routen, die einen völlig unbekannten Ort offenbarten. Auf alles in ihrem Leben war sie gefasst, nur nicht auf einen vorhersehbaren Alltag. Sie war hin- und hergerissen zwischen Christians Lebenskonzept und ihrem eigenen. Dieses Dilemma machte ihr immer schwerer zu schaffen, bis es schließlich unerträglich wurde. Es war ihr unmöglich, ihm in die Augen zu schauen und zu sagen, dass sie ihn liebte, wenn er es von ihr verlangte. Das schlechte Gewissen plagte sie, die Nächte und Alpträume zerrten mindestens genauso an ihren Nerven wie das Bewusstsein, ihn bei Tagesanbruch aufs Neue anlügen zu müssen. Es gab Augenblicke, in denen sie sich gar nicht des Schmerzes bewusst war, den sie ihm zufügte. Zuweilen gelang es ihr, ihr ungerechtes Verhalten ihm gegenüber zu verdrängen. Auf diese erholsamen Augenblicke folgten jedoch erneut Schmerz, Depression und schreckliche Träume, die ihr keine Ruhe ließen, auch nicht, wenn sie die Realität zu vergessen versuchte.
Auf ihre Apathie folgte ein nervlicher Zusammenbruch. Diese emotionale Verfassung führte schließlich zu einem Wendepunkt in Kiaras Leben – sie beschloss, fortzugehen, obwohl Christian sie mit allen Mitteln davon abzuhalten versuchte. Sie erinnerte sich daran, wie er damals zu ihr gesagt hatte: »Wenn du willst, gehe ich.«
Sie zwang sich, seine traurigen Augen und seinen noch traurigeren Blick zu vergessen. Als sie fortging, zerriss es ihr das Herz, aber sie wusste auch, dass, wenn sie jetzt nicht ging, die Qualen nie aufhören würden. Also verließ sie ihn. Als sie später versuchte, wieder Kontakt zu ihm aufzunehmen, war er verschwunden. Eine unbestimmte Furcht hielt sie davon ab, sich bei ihren gemeinsamen Freunden nach ihm zu erkundigen. Ihre Freunde deuteten ihr Verhalten als Gefühllosigkeit, da sie der Mann, mit dem sie ihre Jugend verbracht hatte, überhaupt nicht mehr zu kümmern schien. Der wahre Grund, warum sie nie nach ihm fragte, war jedoch der, dass sie unter Umständen hätte erfahren müssen, wie sehr sie ihm tatsächlich wehgetan hatte. Das ahnte sie zwar, befürchtete aber, sie selbst würde es nicht ertragen können, wenn es jemand wirklich aussprechen würde.
Einige Monate waren verstrichen, als sie durch einen Zufall erfuhr, dass Christian eine neue Freundin hatte. Ihre Freude war grenzenlos. Bald kam ihr jedoch zu Ohren, dass diese Beziehung nur von kurzer Dauer war, was sie sehr bedauerte. Sie wünschte ihm alles Glück dieser Welt, das Glück, das sie ihm nicht mehr schenken konnte. Christian hatte immer gedacht, er hätte es mit Kiara gefunden. Kiara war am Boden zerstört. Ihr Vater hatte von Anfang an ein wachsames Auge auf sie gehabt, ihre Probleme miterlebt, mit ihr gelitten und ihren Schmerz mit ihr geteilt. Er war zu dem Zeitpunkt gestorben, als es ihr am schlechtesten ging. In den darauf folgenden Monaten war Kiara nur noch ein Schatten ihrer selbst. Sie lief ziellos in den Straßen Stuttgarts umher, manchmal bis tief in die Nacht hinein, wie ein Zombie. Der Herr allein legte zu dieser Zeit seine schützende Hand über sie und bewahrte sie vor den Lastern der Großstadt.
In einer dieser Nächte, etwa um Mitternacht, als es bitterkalt war, ging Kiara eine Straße entlang, auf der man die ganze Nacht über Leute antraf. Kiara merkte nicht einmal, dass Weihnachten vor der Tür stand. Halb erfroren, nur in einen dünnen Mantel gehüllt, schritt sie die Straße hinauf und dachte ununterbrochen an den Mann, dessen Herz sie gebrochen hatte. Sie bemerkte dabei nicht die alte Frau, die nun schon zum vierten Mal in Folge vor dem Schaufenster eines großen Kaufhauses stehen blieb und wahrscheinlich die einzige Person war, die wusste, wo sich Kiara in den vergangenen Tagen aufgehalten hatte.
»Sie sollten gnädiger zu sich selbst sein«, hörte sie an jenem vierten Abend eine Stimme sagen.
Kiara hatte den Eindruck, die Stimme komme von einem der Fenster eines Wohnhauses, das über zweihundert Jahre alt war. Als sie sich umdrehte, sah sie eine magere alte Frau mit tiefschwarzen Augen.
»Verzeihung?«
»Sie sehen unglücklich aus. Das lässt sich unschwer erkennen, weil es nun schon die vierte Nacht ist, in der Sie hierherkommen, als wären Sie eine Untote. So verhalten sich nur Menschen, die verloren sind, und Sie scheinen mir verloren«, fuhr die Alte fort.
»Es ist nichts weiter, es geht bestimmt bald wieder vorbei«, erwiderte Kiara und ging weiter.
Nach einigen Schritten drehte sie sich um, weil sie noch etwas sagen wollte, doch die alte Frau war nicht mehr da. Kiara schaute in alle Richtungen, konnte sie aber nicht sehen. Es war ihr unerklärlich, wohin die Frau so schnell verschwunden sein konnte. In der darauf folgenden Nacht ging Kiara wieder dieselbe Straße entlang, und als sie am Schaufenster vor dem alten Gebäude, in dem auch das Kaufhaus untergebracht war, angekommen war, sah sie dort keine Menschenseele. Sie blickte ins Schaufenster, und als sie sich umdrehte, glaubte sie für einen Augenblick gesehen zu haben, wie die alte Frau von gestern mit einer Leiter auf das oberste Stockwerk des alten Hauses hinaufstieg. Sie schaute noch mal hin, aber diesmal sah sie nichts. Aus dem Haus ließen sich keine Geräusche vernehmen. Es war menschenleer und teilweise erleuchtet, wie immer zu dieser Zeit. Kiara dachte, sie hätte sich alles nur eingebildet. Das wäre schließlich nicht das erste Mal gewesen. Sie musste an ihre Kindheit denken, als sie eines Morgens aufgewacht und felsenfest davon überzeugt gewesen war, dass ihr Traum der vergangenen Nacht kein Traum, sondern Wirklichkeit gewesen war. Die Beteuerungen ihrer Mutter Rosie, die ihr erklären wollte, dass sie nur schlecht geträumt und die ganze Nacht über tief und fest geschlafen habe, waren fruchtlos.
Auch am nächsten Abend ging Kiara zu dem Kaufhaus, diesmal aber etwas früher. Es hatte noch geöffnet, und als sie es betrat, wurde ihr sogleich etwas wärmer. Sie fuhr mit der Rolltreppe hinauf in die erste Etage, wo sie die alte Frau gesehen zu haben glaubte, sodann noch weiter, in die zweite Etage, schließlich in die dritte und letzte. Kiara befand sich in der Herrenabteilung, weiter ging es nicht. Sie fragte die Verkäuferin, die in der Nähe stand, was sich ein Stockwerk höher im Kaufhaus befinde.
»Nichts, nur der Dachboden«, erwiderte die Verkäuferin.
Da sie sich keinen Zutritt zum Dachboden verschaffen konnte, kehrte sie wieder zurück zu ihrer Wohnung, wo sie sich aufhielt, wenn sie gerade nicht an der Universität war. Am nächsten Tag war alles wieder vergessen. Kiara zog sich in ihr bescheiden ausgestattetes Zimmer zurück, das sie nur selten verließ. Sie legte sich ins ungemachte Bett, nahm eines ihrer vielen Bücher und las darin, bis sie es vor Müdigkeit aus der Hand fallen ließ.
VI
Acht Jahre später ereignete sich etwas Ähnliches. Kiaras Beziehung zu Henning war angespannt. Henning und Christian unterschieden sich charakterlich stark voneinander, da Henning jeglicher Einfühlsamkeit entbehrte. Kiara war sich nicht mal sicher, ob er jemals etwas aus Gutmütigkeit getan hatte. An die alte Frau mit den durchdringenden schwarzen Augen, die sie damals in der Nacht angesprochen und ihr einen großen Schrecken eingejagt hatte, dachte sie kaum noch. Ihre Arbeit, die Bemühungen, die sie anstellte, um denen zu helfen, die andere schon aufgegeben hatten, für die sich selbst ihre Angehörigen schämten, ließen ihr keine Zeit dazu. Auch Luca widmete sie ihre ganze Aufmerksamkeit.
Als sie eines Tages das Laboratorium betrat, in dem sie öfter anzutreffen war als in ihrem eigenen Zuhause, schloss sie die Tür hinter sich ab, um ungestört zu sein. Sie nahm das Gefäß mit dem Gewebe, das Lucas Gesicht entnommen worden war, und platzierte den Inhalt unter einem Apparat, der der Gewebeuntersuchung diente. Das Gerät war ihr vergangene Woche überlassen worden, vom Hauptsitz ihrer Firma, der sich in Bedford, Massachusetts, in den USA befand und nicht nur über Forschungslaboratorien verfügte, sondern auch Biosensoren produzierte, die eine äußerst präzise Untersuchung des menschlichen Körpers ermöglichten. Kiara fügte dem Gewebe eine grünliche, der Diagnoseerstellung dienende Flüssigkeit hinzu. Einige Stunden später konnte sie etwas erkennen, das man in der Medizin kannte. Das Ergebnis ermöglichte jedoch keine eindeutige Diagnose, die notwendig war, um die richtige Heilmethode für den jungen Mann bestimmen und ihn zu retten zu können.
»Die Knochen sind brüchig, ihre Anfälligkeit ist stark bzw. chronisch, das Augenweiß weist eine starke Blaufärbung auf, gelegentlicher Hörsturz«, vermerkte Kiara in ihrem umfangreichen Notizbuch, in dem sie alle Befunde festhielt. Zumeist waren die Resultate für die Patienten befriedigend.
Die Erkrankung von Lucas Bindegewebe äußerte sich durch Knochenschwäche und war, darin waren sich die Wissenschaftler einig, durch eine Anomalie der Kollagensynthese bedingt.
»Die Häufigkeitsquote bei Neugeborenen ist 1:15000, aber der Patient Luca Illoni erkrankte erst nach der Pubertät. Auch das nicht mineralisierte Gewebe, dessen wichtigste Eiweißmatrix das Kollagen Typ III ist, ist betroffen. Haut, Augen, oder genauer, Augenweiß, Zähne und Blutgefäße weisen die deutlichsten Abweichungen auf. Beim Patienten Luca Illoni treten Symptome auf, die sich nur sehr schwer einer bestimmten Krankheit zuordnen lassen. Sein Augenweiß ist blau gefärbt, daneben leidet er unter gelegentlicher Taubheit, Zahnbildungsstörung, Überdehnbarkeit der Gelenke und der Haut. Des Weiteren konnten Gewichtszunahme, Kapillarschwäche und Herzklappenfehler festgestellt werden. Der Patient hat eine unnatürlich breite, asymmetrische Kopfform und ein dreieckiges Gesicht«, schrieb Kiara weiter auf.
Aber da musste noch etwas anderes sein. Sie bezweifelte, dass die Medikamente und die Therapie, welche bei den betroffenen Patienten normalerweise angewandt wurden, bei Luca irgendetwas bewirken würden. Der Grund für ihre Vermutung lag in der Geschwindigkeit, mit welcher sich die Krankheit ausbreitete.
»Der Organismus des Patienten muss von einem Virus befallen sein, das seine Krankheit beschleunigt«, hielt Kiara fest. Ihr Gesicht war angespannt und blass, weil sie auch dieses Mal keine eindeutige Diagnose erstellen konnte und Luca enttäuschen musste.
»Es tut mir leid, noch wissen wir nichts Genaues.«
»Seien Sie nicht traurig, ich glaube an Sie«, erwiderte Luca, als sie ihm schweren Herzens mitteilen musste, dass die Blut- und Gewebeuntersuchungen im Rahmen einer ganzen Reihe von Analysen in Bezug auf seine Krankheit nichts Genaues ergeben hatten. Als Kiara gerade die Treppe, die zum Institutslaboratorium führte, hinabsteigen wollte, ließ sie aus Versehen das Reagenzglas fallen, in dem sich Lucas Blutprobe befand. Das Glasgefäß ging zu Bruch, und die rote Flüssigkeit zerlief auf den weißen Stufen. Plötzlich wurde Kiara schwarz vor Augen. Für einen kurzen Augenblick sah sie in dem sich ausbreitenden Blut den Umriss eines Kopfes. Sie musste übermüdet sein. Sie schaute auf die Uhr und stellte fest, dass es schon nach 23 Uhr war. Es war genau 23.23 Uhr, was bedeutete, dass auch die Reinigungsdamen schon nach Hause gegangen waren. Kiara stieg die Stufen hinab und begab sich zu dem Raum, in dem das Reinigungspersonal seine Putzutensilien aufbewahrte. Sie drückte zwei-, dreimal auf den Lichtschalter, aber die elektrische Beleuchtung schien nicht zu funktionieren. Als sie es schon aufgegeben hatte, leuchtete auf einmal die Glühbirne an der Zimmerdecke auf. Kiara wartete einen Moment, nahm dann einen Lappen, feuchtete ihn an und ging zu der Stelle zurück, wo sie das Reagenzglas fallengelassen hatte. Sie hatte den Eindruck, vorhin mehr Blut auf dem Boden gesehen zu haben als jetzt, machte sich aber keine weiteren Gedanken darüber. Rasch wischte sie das Blut auf und ging danach wieder zum Reinigungsraum zurück. Den mit Blut getränkten Lappen warf sie in den Eimer, der zur Fußbodenreinigung benutzt wurde, und überlegte, was sie am nächsten Morgen zu den Putzfrauen sagen sollte. Nachdem sie mehrere Male vergeblich versucht hatte, das Licht auszuschalten, zog sie verärgert die Tür hinter sich zu, als plötzlich das Licht erlosch. Noch bevor die Tür ins Schloss fiel, glaubte sie, wieder etwas oder, besser gesagt, jemanden gesehen zu haben. Da ihr das Gefühl keine Ruhe ließ, öffnete sie die Tür wieder und schaltete das Licht an, was diesmal ohne Verzögerung funktionierte. Es war niemand da.
Kiara musste über sich selbst lachen. Sie kam zu dem Schluss, dass sie zu viel arbeitete und dass es besser wäre, künftig mehr Zeit mit ihrem Freund zu verbringen und an ihrer Beziehung zu arbeiten. Sie hatte schon lange keinen Urlaub mehr gemacht. Sobald sie für Luca eine Heilmethode gefunden hatte, so versprach sie sich selbst, würde sie sich eine Auszeit gönnen. Während sie innerlich diesen Entschluss fasste, schaltete sie reihum das Licht im Laboratorium und danach in den übrigen Räumen der Abteilung aus. Sie stieg in den Aufzug und betätigte den Knopf fürs Erdgeschoss.
»Gute Nacht«, sagte sie zu Rocco, dem Pförtner.
»Gute Nacht, Frau Doktor Horst. Träumen Sie schön«, antwortete Rocco.
Draußen war es bitterkalt. Bevor sie das Institut verließ, warf Kiara rasch einen Blick aufs Thermometer, das minus fünfzehn Grad anzeigte. Es schauderte ihr beim Gedanken an die frostige Nacht. Sie sehnte sich nach wärmeren Tagen, wohl wissend, dass sie sich noch einige Zeit gedulden musste. Ja, sie hatte die Nase voll von diesem lang anhaltenden Winter, der alles schwarzweiß erscheinen ließ. In Deutschland war man kalte, trübe und nasse Winter gewöhnt; dennoch konnte sie es kaum erwarten, dass es wieder wärmer wurde. Auch als sie schon fast bei ihrem Auto am Ende der Straße angekommen war, träumte sie noch immer vom Sommer. Die Straße war menschenleer. Auf dem Weg zu ihrem Wagen waren ihr lediglich zwei Personen entgegengekommen. Obwohl sie sich nicht fürchtete, war sie doch auf eigenartige Weise unruhig. Als Kiara die Autotür aufschloss, erinnerte sie sich, neulich irgendwo gelesen hatte, dass einer Statistik zufolge alle sieben Minuten in Deutschland eine Frau vergewaltigt wurde. In diesem Augenblick bekam sie es mit der Angst zu tun. Eilig schloss sie die Autotür auf, stieg ein und verriegelte die Tür noch eiliger wieder von innen. Sie startete den Motor und fuhr los. Einige Minuten waren bereits vergangen, ehe ihr auffiel, dass das Radio nicht eingeschaltet war. Für gewöhnlich blieb Kiara lange im Laboratorium und kam oft erst nachts nach Hause. Doch heute Nacht verspürte sie zum ersten Mal Angst, als sie darüber nachdachte, dass ihr etwas zustoßen könne. Zwar litt sie generell nicht unter Nyktophobie, empfand aber gerade jetzt eine ungeheure Furcht angesichts der Dunkelheit, die sie umgab. Sie lebte im zweiten Stock eines Hauses, in dem einige ältere Herrschaften sowie zwei junge Familien wohnten. Kiara kannte keinen von ihren Nachbarn besonders gut, kam aber gut mit ihnen aus. Meistens erkundigte sie sich jedoch nur, wie es ihnen ging, und verabschiedete sich mit den Worten: »Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag.«
Sie brauchte nicht lange, um die Eingangstür zu öffnen, und verspürte eine ungeheure Erleichterung, als sie im erleuchteten Treppenhaus stand. Als sie ihre Wohnung betrat, wünschte sie, sie hätte in dieser Nacht bei ihrer Mutter übernachtet, weil Henning, tief und fest schlafend, in ihrem Bett lag. Wenn er aufwacht, dachte sie sich, wettert er bestimmt wieder los: »Wieso kommst du jetzt erst nach Hause? Du hattest doch versprochen, früher da zu sein«, oder: »Kiara, du arbeitest wirklich viel zu viel, wenn man dich für all die Überstunden wenigstens bezahlen würde …«
VII
Kiara kam im Schlafanzug und barfüßig aus dem Schlafzimmer gerannt. In der Wohnung hatte sie zwei Telefonapparate – eines befand sich in dem Zimmer, das sie als Büro benutzte, und das andere in der Küche. Sie nahm den Telefonhörer in der Küche ab.
»Hallo? Hallo …?«
Sie erhielt keine Antwort, legte wieder auf und warf einen Blick auf die Wanduhr. Es war genau 5 Uhr morgens, doch draußen war es noch Nacht. Kiara ging ins Schlafzimmer zurück und schlüpfte im Halbschlaf wieder unter die Bettdecke. Sie rutschte zu Henning hinüber und schmiegte sich an seinen warmen Körper. Als das Telefon erneut klingelte, fühlte sie sich, als hätte sie keine Minute geschlafen. Wieder stieg sie aus dem Bett und ging in die Küche. Auch dieses Mal bekam sie keine Antwort. Völlig entnervt legte sie auf und schaute auf die Uhr an der Küchenwand. ›Schon wieder eine Stunde vorüber‹, dachte sie sich.
Die Uhr zeigte genau 6 Uhr an. Kiara machte sich mit einem Haargummi, das sie am Handgelenk trug, einen Dutt und ging ins Zimmer. Obwohl sie nicht einschlafen konnte, blieb sie im Bett liegen, weil es noch viel zu früh war. Henning hatte das Telefon nicht klingeln hören und die ganze Nacht durchgeschlafen. Kiara schloss die Augen und dachte an Luca. Da fing das Telefon schon wieder an zu klingeln. Sie drehte sich im Bett auf die andere Seite und schaute auf die Uhr auf dem Nachttisch. Es war Punkt 7 Uhr. Auf dem Weg zur Küche schlüpfte Kiara in ihre Hausschuhe. Offenbar wollte sich jemand an diesem Morgen ein Späßchen mit ihr erlauben.
»Was zum Teufel wollen Sie? Wer ist da?«, rief sie in die Sprechmuschel.
»Frau Dr. Horst, kommen Sie bitte so schnell wie möglich zum Institut, Luca geht es nicht gut! Ich weiß nicht, was ich tun soll, bitte kommen Sie sofort!«, hörte sie Lydias flehende Stimme am anderen Ende der Leitung.
Lydia war Krankenschwester und eine der wenigen Personen, die Luca besuchen durften. Sie verabreichte Luca jeden Morgen pünktlich um sieben sein Medikament, das nur eines von sehr vielen war, die er jeden Tag einnehmen musste.
»Lydia, was ist passiert, was ist mit Luca?«
»Ich weiß es nicht, Frau Doktor, er ist in einem sehr merkwürdigen Zustand. Seine Augen sind geöffnet, er schaut mit leerem Blick an die Zimmerdecke und spricht nicht mehr. Ich kann ihn nicht aufwecken, weil er Krämpfe bekommt, sobald ich mich ihm nähere«, berichtete Lydia aufgebracht.
In solchen Situationen gab Kiara ihr sonst immer genaue Anweisungen, aber diesmal war auch sie ratlos und nicht imstande, eine Ferndiagnose zu stellen. Sie zog sich schnell an, ging in ihr Arbeitszimmer und holte ein Buch. Dann rannte sie zur Eingangstür, nahm ihr Haargummi aus dem Haar, verzichtete darauf, sich zu kämmen, und schloss die Wohnungstür hinter sich ab. Als sie die Treppe hinunterstieg, hörte sie, wie ihr Henning von der Wohnungstür aus hinterherschrie.
»Wo willst du jetzt schon wieder hin? Ich wollte dich wenigstens an diesem Morgen sehen!«
Kiara wandte sich nicht um, sondern stieg ins Auto, sodass Henning nur noch das Quietschen der Autoreifen hörte. Als er die Wohnungstür wieder geschlossen hatte und gerade zurück ins Bett gehen wollte, wurde er vom Klingeln des Telefons aufgehalten. Er ging in die Küche und nahm den Hörer ab.
»Hallo …? Hallo! Wer ist da?«, schrie er genervt ins Telefon.
Da er keine Antwort bekam, legte er auf und begab sich ins Schafzimmer. Gerade hatte er es sich im Bett gemütlich gemacht, als erneut ein Telefon klingelte, diesmal jedoch Kiaras Mobiltelefon. Auf dem Display wurde keine Rufnummer angezeigt.
»Hallo?«
Niemand antwortete. Verärgert fragte Henning sich, wer der Anrufer sein konnte. Er gehörte nicht zu denjenigen, die freiwillig am frühen Morgen aufstanden. Es war Samstag, und er hatte beabsichtigt, lange auszuschlafen und sich von Kiara ein schönes Frühstück zubereiten zu lassen. Es schien, als würde ihm auch die Erfüllung des zweiten Wunsches versagt werden. Ungehalten fluchte er in den Hörer hinein, schaltete Kiaras Mobiltelefon ganz aus und kehrte ins Schlafzimmer zurück. Er konnte es einfach nicht fassen, dass jemand nichts Besseres zu tun hatte, als denjenigen auf die Nerven zu gehen, die eine anstrengende Woche hinter sich hatten und sich etwas Ruhe gönnen wollten. Schon bald schlief er wieder ein.
Im Institut angelangt, rannte Kiara die Treppe zu Lucas Zimmer hinauf. Lydia stand völlig aufgelöst vor der Zimmertür und schaute abwechselnd nach Luca und auf den Gang, in der Hoffnung, Kiara zu sehen.
»Was ist passiert?«, rief Kiara, als sie Lydia sah.
»Ich weiß es nicht, Frau Doktor, ich bin hergekommen, um ihm eine Injektion zu verabreichen. Er liegt schon eine halbe Stunde so da. Als ich auf ihn zuging, verkrampfte er sich.«
Kiara betrat das Zimmer und trat langsam an Lucas Bett heran. Es war genau so, wie Lydia es geschildert hatte: Er verkrampfte sich sofort, sein Gesicht grimassierte, die Augen waren gegen die Zimmerdecke gerichtet. Er schien Kiara weder zu hören noch anderweitig wahrzunehmen. Als sie sich ungefähr einen halben Meter vom Bett entfernte, ließen die Krämpfe nach und hörten schließlich auf.
»Ich habe es Ihnen doch gesagt, Frau Doktor. Es scheint, als sei er gegen Menschen allergisch!«, rief Lydia verängstigt.
»Geben Sie ihm ein Anxiolytikum«, verordnete Kiara.
Das war das Einzige, was sie in diesem Moment tun konnte. Noch immer wusste sie nicht genau, wie sie reagieren sollte, weil sie einen solchen Zustand bei einem Menschen noch nie erlebt hatte. Sie befürchtete, durch die Verabreichung eines anderen Medikamentes könne sich Lucas Zustand noch weiter verschlechtern, während sie mit dem Anxiolytikum, einem Medikament gegen leichte psychische Störungen und Neurosen, auf der sicheren Seite war. Sie hatte keine große Hoffnung, dass ihm dieses Medikament helfen würde, aber zumindest war sie sicher, dass es ihm nicht schaden konnte.
Kurz nach der Verabreichung des Medikaments schloss Luca die Augen, und sein Körper hörte auf zu zucken. Er schien eingeschlafen zu sein.
»Seit wann befindet er sich in diesem Zustand?«
»Ich weiß es nicht, Frau Doktor, ich bin seit 6.30 Uhr im Institut, und sein Zimmer habe ich betreten, kurz bevor er sein Medikament bekommen sollte. Zu diesem Zeitpunkt war es bereits unmöglich, sich ihm zu nähern, geschweige denn, ihm das Medikament zu verabreichen«, sagte Lydia, noch immer beunruhigt.
Kiara schloss die Tür zu Lucas Krankenzimmer. »Ich gehe ins Laboratorium, werde mich dort aber höchstens eine halbe Stunde aufhalten. Bleiben Sie in dieser Zeit bei Luca. Rufen Sie mich, wenn er aufwacht«, sagte sie.
Lydia versprach es. Kiara machte sich umgehend auf den Weg und stieg die Treppe zum Laboratorium hinab. Auf halbem Wege hielt sie inne und wandte sich zu Lydia um.
»Haben Sie heute Morgen zufällig gegen 5 oder 6 Uhr bei mir angerufen?«, fragte sie.
Lydia antwortete, dass sie sie nicht vor 7 Uhr angerufen habe. Als Kiara am unteren Treppenabsatz angekommen war, kamen ihr der gestrige Abend und das zerbrochene Reagenzglas in den Sinn. Erneut drehte sie sich zu Lydia um.
»Wissen Sie, ob die Reinigungsfrauen schon ihren Dienst begonnen haben?«
»Nein, noch nicht«, erwiderte Lydia.
Im Laboratorium setzte Kiara sich an ihren Arbeitstisch. Sie holte eine Schreibmappe hervor, in der verschiedene mit Tinte umkringelte Namen standen. Es war eine Auflistung aller bisher bekannten Fälle, die Lucas Zustand sehr ähnlich waren. Lange verharrte sie bei einem Namen. Schließlich schickte sie sich an, den Namen Luca Illoni daruntersetzen. Doch als sie gerade zum Schreiben ansetzte, fing ihre Hand an zu zittern. Der Bleistift, den sie in der Hand hielt, brach ab. Sie suchte nach einem Bleistiftspitzer und legte, als sie keinen finden konnte, die Mappe wieder beiseite, ohne Lucas Namen vollständig ausgeschrieben zu haben. Sogleich erhob sie sich und suchte eilig nach einem anderen Bleistift.
»Ich besitze doch Hunderte von Bleistiften, und ausgerechnet jetzt finde ich keinen einzigen«, murmelte Kiara vor sich hin. Rasch gab sie die Suche wieder auf, weil sie in zehn Minuten bei einer Besprechung sein musste. Sie ließ alles stehen und liegen und begab sich in den Besprechungsraum. Neun Ärzte befanden sich bereits an ihren Sitzplätzen, mit ihr war die Ärzteversammlung nun vollständig. Sie nahm ihren Platz am Kopfende des Tisches ein. Auf diesem Platz saß immer derjenige Arzt oder diejenige Ärztin, über dessen oder deren Patienten man sich beratschlagte.
»Gibt es irgendwelche Neuigkeiten in Bezug auf den Fall Luca Illoni, Frau Doktor Horst?«, wollte Michael Koch wissen, der Chef des Institutes, vor dem die Ärzte im Praktikum am meisten Angst hatten.
Koch hielt viel auf seinen Ruf. Er hatte die Gewohnheit, sein Gesicht morgens im Spiegel ausgiebig zu begutachten und mit Posen zu experimentieren, mit welchen er auf der Arbeit für Disziplin sorgen würde. Seine Kollegen hielten ihn im Großen und Ganzen für einen guten Menschen, der nur hin und wieder ein ungewöhnliches Verhalten an den Tag legte. Er wusste, wann er aufhören musste, wann er seine Einschüchterungsmaßnahmen einzustellen hatte und wann jemand wirklich seiner Hilfe bedurfte. Mit der Pünktlichkeit nahm er es nicht so genau, wenn es aber um einen Notfall ging, widmete er sich diesem mit größter Aufmerksamkeit und war absolut zuverlässig. Abgesehen von seinen beruflichen Erfolgen der vergangenen Jahre wusste man nichts über Dr. Koch. Niemand wagte es, ihm Fragen über sein Privatleben zu stellen. Im Institut wusste man nicht einmal, ob der geheimnisumwitterte Arzt verheiratet war oder nicht. Niemand machte je Anstalten, mit ihm über persönliche Dinge zu sprechen.
Kiara öffnete den Ordner, in dem alle Befunde von Luca dokumentiert waren. Beim Öffnen fielen ihr sämtliche Dokumente aus der Hand und verteilten sich auf dem Boden. Michael Koch warf ihr einen ernsten Blick zu und ließ sie spüren, dass ihr Verhalten unprofessionell sei. Kiara riss sich zusammen und sammelte die Blätter auf.
»Verzeihung«, murmelte sie, während sie noch immer damit beschäftigt war, ihre Sachen vom Boden aufzuheben. Die Dokumente waren durcheinandergeraten, und Kiara verlor den Überblick über die richtige Reihenfolge. Da sie aber die gesamte Krankengeschichte im Kopf hatte, ließ sie sich durch diesen kleinen Zwischenfall nicht aus der Ruhe bringen. Sie legte das Dokument, das sie als letztes aufgehoben hatte, auf den Ordner und begann mit ihrem Bericht.
»Es steht fest, dass Luca Illoni am Proteus-Syndrom leidet, welches jedoch in Verbindung mit einer anderen Erkrankung stehen muss, die uns nicht bekannt ist. Die Befunde sind da, die Blut- und Gewebeanalysen deuten jedoch lediglich auf das Proteus-Syndrom hin. Heute Morgen hatte er einen ungewöhnlichen Anfall. Ich gab ihm ein Anxiolytikum. Ich war der Meinung, etwas Stärkeres könne ihm womöglich schaden. Er reagierte auf das Medikament positiv und schlief ein. In diesem Augenblick wusste ich mir nicht besser zu helfen, denn eine Reaktion dieser Art hat es bei ihm noch nie gegeben, zumindest ist sie mir nicht bekannt. Es schien ganz so, als vertrage sein Körper menschliche Anwesenheit nicht.«
»Was meinen Sie damit? Ein Mensch, der allergisch auf den menschlichen Körper ist?«, fragte Dr. Koch.
»Zuerst lag er wie ein Toter da, danach bekam er Zuckungen und Krämpfe am ganzen Körper, und zwar immer dann, wenn die Krankenschwester und ich in seine Nähe kamen. Als wir uns von seinem Bett wieder entfernten, hatte es den Anschein, als sei er leblos.«
»Diese Symptome treffen auf das Proteus-Syndrom nicht zu.«
»Stimmt, deswegen vermute ich ja, dass wir es hier mit etwas vollkommen Neuem zu tun haben. Ich weiß nicht, wie ich auf diese Anzeichen reagieren soll.«
»Jedes Gift kann ein Heilmittel sein – jedes Heilmittel kann ein Gift sein«, zitierte Alicia ein berühmtes ägyptisches Sprichwort. Sie hatte in den vergangenen Monaten mit Kiara eng zusammengearbeitet.
»Richtig, aber genau das ist das Problem: es ist mir nicht möglich, eine genaue Diagnose zu stellen. Außer … nein …«
»Was wollten Sie gerade sagen?«, fragte Dr. Koch.
»Ich bin mir nicht sicher, aber es gibt da eine Theorie, auf die mich Alicia gebracht hat, die aber wahrscheinlich noch nie erprobt worden ist. Können Sie sich an Joseph Merrick erinnern, den man den ›Elefantenmenschen‹ nannte?«
»Ja, ich habe darüber gelesen, ich weiß aber nicht, was er mit dem Patienten Luca Illoni zu tun haben soll.«
»Bis heute ist es nicht gelungen, ein wirksames Gegenmittel für seine Krankheit zu entdecken. Nach seinem Tod entfernte ein Wissenschaftler aus seinem Körper ein Stück Fleisch, um es zu untersuchen. Wenn mich nicht alles täuscht, hieß der Mann Terry Lence. Er behauptete, das Gegenmittel gefunden zu haben. Man erklärte ihn jedoch aufgrund seiner Besessenheit von dem Fall Merricks, die auch nach dessen Tod nicht nachgelassen hatte, für unzurechnungsfähig. Deshalb fand seine Entdeckung keine Beachtung. Er bekam nie die Gelegenheit, seine Theorie an einem Menschen auszuprobieren. Wir hätten nun die Gelegenheit, sie an Luca zu erproben, nur …«
Kiara hielt inne und schien das, wovon sie sprach, selbst zu bezweifeln.
»Nur zu, Frau Doktor Horst, sprechen Sie alles aus, was Lucas Genesung zuträglich sein könnte«, ermutigte sie Dr. Koch. »Der medizinischen Wissenschaft würde es sicher auch zugutekommen.«
»Da wären noch die Ratten und ihre Gedärme …«, brachte Kiara schließlich hervor.
Die Kollegen schauten sie verwundert an. Sogar Johannes Helke, der von ihr als Wissenschaftlerin noch nie viel gehalten hatte – in Wahrheit war er von jeher neidisch auf ihren Erfolg und ihre völlige Hingabe an den Arztberuf – und keinen Wert auf das legte, was sie zu sagen hatte, wandte den Blick von seinen Unterlagen, die er vorbereitet hatte, ab und sah sie neugierig an.
»Was für einen Blödsinn redest du da, Kiara?«, erdreistete er sich. »Du willst doch nicht allen Ernstes an einem menschlichen Wesen herumexperimentieren, nur um die Idee eines armen Irren umzusetzen?«, wandte er mit lauter Stimme ein.
Johannes Helke wusste genau, wovon sie sprach. Er hatte in den Archiven etwas über diesen Fall gelesen. Obwohl er selbst den Wunsch verspürte, die Theorie dieses »armen Irren«, wie er ihn nannte, weiter zu erforschen, hatte er aufgrund seines mangelnden Selbstbewusstseins nie gewagt, dies laut auszusprechen.
»Auf einer von der berühmten US-amerikanischen Vereinigung zur Erforschung menschlicher Anomalien organisierten und in Texas abgehaltenen International Medicine Conference wurden die neuesten Erkenntnisse über die Wirkungsweise von Sildenar dargelegt. Diese Erkenntnisse wurden anhand eines Tierversuches gewonnen, bei dem aufgrund einer Verstopfung der zerebralen Hauptarterie eine Gehirnquetschung festgestellt werden konnte. Die Versuchsobjekte wurden mehrere Tage lang beobachtet und bekamen jeweils 3 und 7 mg von diesem Medikament injiziert. Nach zwanzig Tagen stellte sich heraus, dass sich die Gehirnzellenzone bei den Tieren, denen man ursprünglich 3 mg Sildenar verabreicht hatte, um 225,35 mm erweitert hatte. Wenn das tatsächlich zutrifft, könnte man durch diese Behandlung auch eine funktionelle Genesung bewirken. Bevor Lucas Kopf sich zu deformieren begann, hatte er eine Gehirnquetschung. Das Medikament, das man anwendete, half ihm. Trotzdem nahm seine Kopfanomalie zu. Die Studien, die Lence begann, könnten der Schlüssel zur Heilung von menschlichen Anomalien sein und bieten eine völlig neue Perspektive. Lence erklärte, dass Sildenar und das Heilmittel, das aus Rattendärmen gewonnen wird, bei gleichzeitiger Anwendung das Virus bekämpfen könnten, das für die Anomalien verantwortlich ist. Wenn Sie mir gestatten, ein Experiment mit diesen zwei Substanzen durchzuführen, könnte das zu einer interessanten Entdeckung führen, auf deren Grundlage sich künftig auf einfache Weise und kostengünstig Kopfanomalien beim Menschen behandeln ließen. Bevor wir uns aber mit weiteren klinischen Studien beschäftigen, müssen wir noch einige Informationen sammeln, um die Anwendung dieses Medikaments hinreichend begründen zu können. Im schlimmsten Fall wird der Patient durch die Verbindung der beiden Substanzen nicht geheilt werden, verlieren können wir aber nichts, außer vielleicht unsere Hoffnung. Wenn wir noch länger warten, könnte Luca dagegen sehr viel verlieren. Sein psychischer Zustand wird zunehmend instabiler. Wenn wir es schaffen, die Anomalie seines Kopfes zu beheben, bleibt uns ein völlig gesunder Körper. Das heißt natürlich nicht, dass sein Körper auch weiterhin gesund bleiben muss, weil das Virus, das seinen Kopf befallen hat, sich schneller ausbreitet, als wir vermutet hatten.« Kiaras Vortrag ließ darauf schließen, dass sie von dem unangemessenen Kommentar ihres Kollegen Johannes unbeeindruckt geblieben war.
»Eine interessante Theorie«, sagte Dr. Koch bedächtig. »Wenn wir Ihr Vorhaben unterstützen, können Sie uns dann auch sagen, wie es unserem Patienten ergehen wird? Können Sie uns garantieren, dass er zumindest keine Schäden davontragen wird? Wir verlangen nicht unbedingt, dass sich sein jetziger Zustand verbessert; was wir aber verlangen, ist, dass Sie ihn keiner zusätzlichen Gefahr aussetzen.«
»Ich kann nicht versprechen, dass es ihm nach der Behandlung besser gehen wird«, sagte Kiara in aller Ehrlichkeit. »Wie ich bereits gesagt habe, werden sich keine Komplikationen ergeben. Wenn ich wider Erwarten auch nur die geringsten Anzeichen für eine Komplikation feststellen sollte, werde ich die Behandlung augenblicklich abbrechen. Luca wird selbstverständlich in unseren Plan eingeweiht, und er soll auch entscheiden, wann wir mit unseren Behandlungsmaßnahmen beginnen.«
Dr. Koch dachte nach. Es schien, als sei er mit seinen Gedanken woanders. Als er sich wieder besann, sah er Kiara an.
»Kiara, Sie sind eine ausgezeichnete Ärztin, und ich zweifle nicht daran, dass Sie Ihr Bestes versuchen werden, um dem jungen Mann wieder auf die Beine zu helfen. Nichtsdestotrotz muss ich Sie darauf aufmerksam machen, dass ich ein reines Gewissen haben werde, falls sich sein Zustand verschlechtert. Sie alleine tragen die Verantwortung für sein Leben, sofern er sich Ihnen als Versuchskaninchen überhaupt zur Verfügung stellt.«
Kiara gefror das Blut in den Adern. Sie war sich ihrer großen Verantwortung auch zuvor schon bewusst gewesen. Nun aber, da dieser angesehene Arzt es aussprach, war sie sich nicht mehr sicher, diesem Druck alleine standhalten zu können. Trotzdem zögerte sie nicht.
»Also gut«, sagte sie entschlossen und versuchte, sich ihre Angst nicht anmerken zu lassen.
Man konnte Helkes Gesicht ansehen, dass er gar nicht erfreut war. Aber er traute sich nicht, auch nur ein Wort zu sagen.
VIII
Alle zwölf Stunden fuhren sieben Züge durch Tübingen. Nur der siebte hielt dort auch. Kiara wartete auf ebendiesen Zug, in dem ihre langjährige Freundin Katja saß. Sie versuchte das Geräusch einer herannahenden Eisenbahn auszumachen, weil ihr die Sicht auf die Gleise versperrt war.
»Ein kleiner Windstoß würde ausreichen, damit Sie hinfallen, und noch bevor Sie wieder aufstehen könnten, hätte der Zug Sie schon längst erfasst«, hörte sie eine Stimme hinter sich sagen.
Sie drehte sich um und erkannte das Gesicht, das zu der Stimme gehörte. Fast hatte sie es schon vergessen gehabt, vielleicht ein oder zwei Mal war es flüchtig durch ihr Bewusstsein gehuscht. Sie lächelte.
»Das war ein sehr guter Ratschlag. Ich bin manchmal wirklich etwas unvorsichtig, aber Sie sind immer rechtzeitig zur Stelle, um mich zu beschützen.«
»Das ist wohl wahr, obwohl ich Sie im ersten Augenblick gar nicht erkannt habe. Es sah aus, als wollten Sie absichtlich auf die Gleise steigen«, sagte Marcus, der zum Bahnhof gekommen war, um ein Paket entgegenzunehmen, das er aus Österreich erwartete.
»Was, um Himmels willen, denken Sie von mir? Dachten Sie wirklich, ich wollte mich umbringen?«
»Würden Sie nicht das Gleiche bei einer Person vermuten, die wie ein Zombie eine Straße überquert, ohne dabei auf den Verkehr zu achten, oder auf Zuggleisen steht, auf denen man überhaupt nicht überschauen kann, was um einen herum geschieht?«, konterte Markus mit einer Gegenfrage.
Sie überlegte kurz und musste dann zugeben, dass ihr Verhalten genau diesen Anschein erzeugt haben musste.
»Sie haben ja recht. Aber ich versichere Ihnen, dass mir das nie im Leben einfallen würde. Ich habe Wichtigeres zu tun, als mich mit solchem Unfug zu beschäftigen.«
»Es freut mich, das zu hören. Es wäre wirklich dumm von Ihnen, nicht besser auf sich aufzupassen. Wir sollten vor nichts im Leben Angst haben. Das sollten wir begreifen, da unsere Zeit sehr wertvoll ist. Leute, die sich mit wichtigen Dingen im Leben beschäftigen, sagen, man solle nie auf die passende Zeit warten, weil man sie vielleicht nie wieder haben wird.«
Kiara wusste nicht, ob sie ihn richtig verstanden hatte. Sie begriff nicht, warum er ausgerechnet ihr das alles erzählte. Für einen Augenblick zweifelte sie daran, ob das derselbe Marcus war, dem sie damals im Krankenhaus begegnet war. Er schien so anders. Und sein Äußeres passte auch gar nicht zu diesen Weisheiten, die er von sich gab.
»Ich bin mir nicht ganz sicher, was Sie damit sagen wollen«, sagte sie vorsichtig.
»Ich weiß selbst nicht genau, was ich damit sagen wollte, aber lassen wir das! Eines Tages wird uns vielleicht ein Licht aufgehen«, erwiderte er lachend. »Auf welchen Zug warten Sie?«
»Er müsste jeden Moment ankommen, aber er scheint Verspätung zu haben. Ich warte auf eine Freundin, die mich für einige Tage besuchen kommt.«
»Trinken wir noch schnell einen Kaffee zusammen, bis Ihre Freundin da ist?«
»Ich weiß nicht …«
»Aus dem Café dort drüben kann man die Züge gut im Auge behalten«, sagte er schnell, bevor sie sein Angebot ablehnen konnte. Sie zuckte nur mit den Schultern und folgte ihm.
Marcus war ein groß gewachsener und stattlicher Mann. In seinem langen schwarzen Mantel wirkte er vornehm, und Kiara war überzeugt, dass dieser Mann bei den Frauen äußerst beliebt war.
»Auf wen warten Sie eigentlich?«, fragte sie, nachdem sie den Kaffee bestellt hatten.
»Ich erwarte eine wichtige Postsendung aus Österreich. Ein Freund hat mir etwas geschickt, und ein Bekannter von ihm soll es mir persönlich übergeben. Und Sie sagten, Sie holen eine Freundin ab?«
»Ja«, antwortete sie kurz.
»Haben Sie sich inzwischen von dem Unfall erholt? Sie ahnen ja gar nicht, was für einen Schrecken Sie mir damals eingejagt haben.«
Kiara fühlte sich unwohl, weil sie allein die Schuld an diesem Unglück getragen hatte. An jenem Tag war sie so unglücklich gewesen, dass sie nicht darauf achtgegeben hatte, wohin sie gelaufen war. Plötzlich fiel ihr alles wieder ein – die alte Frau, von der kein Mensch je etwas gehört haben wollte und die an jenem Abend ihre ewige Ruhe gefunden hatte. Kiara war damals überzeugt gewesen, ihrer Mutter und Henning und auch einigen Freundinnen von der Alten erzählt zu haben, doch niemand wusste von ihr. Anfangs hatte sie das alles nicht begreifen können, bis sie sich mit dem Gedanken abgefunden hatte, dass ihre Phantasie mit ihr durchgegangen war.
»Warum sind Sie damals wie ein geistesabwesender Zombie auf die Straße gelaufen?«, wollte er wissen.
Auf eine schwer zu beschreibende Art fühlte Kiara sich durch seine Frage verängstigt. Ein erster Impuls trieb sie dazu, eine Geschichte zu erfinden, doch dann überlegte sie es sich im letzten Augenblick wieder anders. »Ich kam gerade von der Beerdigung eines Menschen, den ich sehr gern hatte«, sagte sie und wunderte sich, warum sie ihm das erzählte.
Marcus wurde ernst.
»Wer war denn gestorben?«
»Eine alte Frau. Sie war keine Verwandte. Sie hatte keine eigene Familie. Wir hatten uns kennen gelernt, als …«
Sie sprach den Satz nicht zu Ende.
Angelehnt am Tresen, wartete er voller Neugier darauf, dass sie weitersprach, aber Kiara schien vergessen zu haben, woher sie die unglückliche alte Frau gekannt hatte. Angestrengt dachte sie nach, indessen Marcus schweigend wartete.
»Ich erinnere mich nicht …«, sagte sie schließlich mit fast unhörbarer Stimme.
»Sie erinnern sich nicht?«, wiederholte er.
Langsam blickte sie auf. Ihre Augen füllten sich mit Tränen, und sie war kurz davor, laut loszuweinen. Marcus war ratlos, schwieg aber noch immer und gab ihr Zeit, sich wieder zu sammeln.
»Ich erinnere mich nicht. Es will mir einfach nicht mehr einfallen. Ich kann es Ihnen nicht erklären. Ich will nicht mehr daran denken. Tut mir leid«, sagte Kiara leise, während der Zug draußen langsam zum Halten kam.
»Es tut mir leid!«, wiederholte sie und stand auf. »Ich muss los, leben Sie wohl!« Damit ließ sie den verdutzten Marcus am Tresen stehen.
Sie rannte aus dem Café hinaus. Marcus erhob sich rasch und folgte ihr, nachdem er das Geld für die Getränke dagelassen hatte.
»Warten Sie! So warten Sie doch … Wollen wir nicht wieder ins Café zurück?«, fragte er just in dem Augenblick, als der Zug zum Stehen kam und Katja herausgeeilt kam, die schon lange am Fenster gestanden hatte und es kaum hatte abwarten können, dass der Zug sein Ziel erreichte und sie ihre beste Freundin wiedersah.
»Kiara!«, rief Katja, und Kiara rannte ihr sofort entgegen und ließ Marcus erneut verwundert stehen.
Nur wenige Sekunden später erblickte Marcus den Mann, der ihm die Postsendung überreichen sollte. Zerstreut nahm er den Briefumschlag entgegen und schickte sich bereits an, sich von dem Überbringer in flüchtiger Form wieder zu verabschieden. Kiara und ihre Freundin waren schon verschwunden. Marcus schaute zum nahe gelegenen Parkplatz hinüber, wo er sie aber nicht erblickte. Es blieb ihm keine Zeit, um nach ihnen zu suchen oder über das nachzudenken, was Kiara ihm vorhin erzählt hatte, weil ihn Nick, der Mann, auf den er gewartet hatte, auf einen Kaffee einlud und ihm bei dieser Gelegenheit erklären wollte, was es mit den überbrachten Dokumenten auf sich hatte. Die Glöckchen an der Eingangstür des Cafés, in dem er ein paar Minuten zuvor noch mit einer Frau gesessen hatte, deren Ausstrahlung ihn immer wieder aufs Neue faszinierte, fingen an zu läuten, als er den Raum erneut betrat. Nick nahm am Tisch neben dem Fenster Platz und bestellte einen Kaffee. Marcus setzte sich neben ihn, auf denselben Platz, auf dem er kurz zuvor schon gesessen hatte.
»Hör zu, diese Papiere sind für deine Firma von höchster Bedeutung. Ein bekannter Tycoon möchte das Parfüm unter seinem Namen herausbringen. Er bietet als Gegenleistung eine beachtliche Geldsumme …«, fing Nick an, und Marcus hörte ihm aufmerksam zu.
Wenn es um seine Arbeit ging, wurde für Marcus alles andere zur Nebensache. Seine Firma, die er von seinem Vater geerbt hatte, war sein ganzer Stolz, und daran würde sich auch nichts ändern. Er war talentiert und hatte ein Gespür für Projekte, die sich auszahlten. Marcus war der Auffassung, dass junge Leute, die ihre geschäftlichen Fähigkeiten ausbauen wollten, in der Parfümbranche besonders gut aufgehoben seien, weil man durch interessante Projekte sehr wertvolle Erfahrungen sammeln könne. Deshalb hatte er sich für diese Branche entschieden. Seine Ambitionen wurden durch enormen beruflichen Erfolg gekrönt.
Marcus vernachlässigte seine Mitarbeiter nie, sondern bot ihnen vielmehr seine Hilfe an, wo er nur konnte. Sie dankten es ihm, indem sie ihre Arbeit mit Begeisterung verrichteten, ihren Beruf ernst nahmen und dem Unternehmen gegenüber loyal eingestellt waren. Seinen Mitarbeitern, ihrem Wissen und ihren Kompetenzen hatte er es zu verdanken, dass sein Unternehmen von Jahr zu Jahr gewachsen war und sich zu guter Letzt einen Namen als eines der größten Parfümproduktionsunternehmen Europas gemacht hatte. Marcus gab sich damit aber nicht zufrieden. Er beabsichtigte, seinen Erfolg durch die Eroberung des amerikanischen Marktes noch weiter auszubauen. Dazu musste er nur noch einen Vertrag mit einem Amerikaner aushandeln und unterzeichnen. Niemand zweifelte daran, dass er auch mit seinem neuesten Projekt Erfolg haben würde.
IX
»Verdammt!«, rief Kiara plötzlich.
»Was ist los?«, fragte Katja, als sie Kiaras Wohnung betraten. Katja schleppte ihre große Reisetasche mit sich. Sie gehörte zu den Menschen, die auch auf kurzen Reisen einen Berg an Gepäck dabeihaben, als würden sie für einen ganzen Monat verreisen.
»Wie konnte ich das nur vergessen? Ich bin so dumm! Ich bin wirklich dumm«, ärgerte sich Kiara.
»Was ist denn passiert?«, fragte Katja noch einmal.
»Ich habe im Lokal, in dem ich auf dich gewartet hatte, mein kleines Notizbuch liegen lassen«, antwortete Kiara.
»Stand denn etwas Wichtiges drin?«
Kiara überlegte einen Moment. „Nur eine Telefonnummer.«
»Warum hattest du es überhaupt aus der Tasche herausgeholt?«, fragte Katja und setzte sich im Wohnzimmer auf die Couch.
Kiara wusste es nicht. Sie vermochte sich weder zu erinnern, warum sie das Notizbuch mit der Telefonnummer herausgeholt hatte, noch wusste sie, wessen Telefonnummer es war. Es fiel ihr einfach nicht ein. Was sie noch wusste, war, dass sie jemanden hatte anrufen wollen, bevor sie Marcus getroffen und deshalb das Notizbuch in die Hand genommen hatte. Aber wen? Sie setzte sich auf einen Stuhl und schloss die Augen, um die Ereignisse der letzten paar Stunden noch einmal Revue passieren zu lassen, aber es ergab alles keinen Sinn. Sie fragte sich, warum sie das Notizbuch, in dem nur eine einzige Nummer stand, auf dem Tresen im Café liegen gelassen hatte, anstatt es wieder in ihre Handtasche zu stecken.
›Mein Gott, ich glaube, ich verliere den Verstand‹, dachte sie insgeheim.
»Ich kann es dir nicht sagen, Katja. Ich weiß es wirklich nicht«, antwortete sie schließlich.
Katja bemerkte nicht die Panik in Kiaras Stimme. Ihre Freude über das Wiedersehen mit ihrer Freundin war zu groß. Das Notizbuch mit der Nummer hatte sie schon längst vergessen. Sie hatte tausend Fragen und wusste nicht, wo sie anfangen sollte.
»Erzähl doch mal, Kiara, gibt es irgendwelche Neuigkeiten? Wie geht es Henning? Du bist doch noch mit ihm zusammen, oder nicht? Wie geht es deiner Mutter? Wie läuft es auf der Arbeit?«
Kiara überlegte, welche Frage sie zuerst beantworten sollte, und vergaß für einen Augenblick das Notizbuch und die Telefonnummer, deren Eigentümer ihr entfallen war.
Die beiden Freundinnen verbrachten die nächsten Stunden damit, einander zu berichten, was sich in ihrem Leben seit ihrer letzten Begegnung verändert hatte, und merkten gar nicht, dass es schon nach Mitternacht war.
»Ach, jetzt hab’ ich schon wieder etwas vergessen!«, rief Kiara.
»Was ist denn nun schon wieder?«
»Ich habe Luca ganz vergessen. Ich wollte ins Krankenhaus fahren, weil ich dort noch etwas zu erledigen habe, aber ich hab’s glatt vergessen. Heute entfällt mir einfach alles. Das passiert mir normalerweise nie. Ich muss mich vergewissern, ob ihm die diensthabende Ärztin sein Medikament gegeben hat. Wie konnte mir das nur passieren«, klagte Kiara und erging sich in Selbstvorwürfen.
»Kennst du das bekannte Sprichwort? – Ärzte haben einen großen Vorteil: Wenn sie einen Fehler machen, begraben sie ihn einfach«, witzelte Katja, bereute aber sogleich, was sie gesagt hatte, als Kiaras finsterer Blick sie traf.
»Das war doch nur ein dummer Witz, schau mich bitte nicht so böse an!«
»Das ist es nicht …«, murmelte Kiara, die auf der Suche nach dem mobilen Telefon den Raum durchstreifte. Als sie es unter der Couchdecke gefunden hatte, wählte sie sofort die Rufnummer des Krankenhauses. Der Pförtner meldete sich und verband sie umgehend mit der Station, auf der Luca lag. Sie wartete eine Weile, doch nach mehrmaligem Ertönen des Freizeichens hörte sie erneut die Stimme des Pförtners.
»Es hebt niemand ab, Frau Doktor. Die Ärztin ist sicher im Laboratorium und hört deshalb das Klingeln nicht. Wollen Sie es später noch einmal versuchen?«
»Das werde ich tun, Rocco«, sagte Kiara und legte wieder auf.
»Und?«, fragte Katja anstandshalber. Es interessierte sie nicht sonderlich, ob Luca sein Medikament bekommen hatte.
»Ich konnte die Ärztin nicht erreichen. Auf der Station ging niemand ans Telefon«, antwortete Kiara und setzte sich neben ihre Freundin.
»Mach dir keine Sorgen. Alles wird in bester Ordnung sein. Du wirst sehen. Ich bin ein bisschen müde. Kann ich als Erste unter die Dusche?«, fragte Katja, und Kiara nickte.
»Du trägst so was?«, fragte Katja neckisch. Sie stand in der Wohnzimmertür und hielt die schwarzen Strapse hoch.
Kiara musste lachen. Sie stand auf und nahm sie ihr aus der Hand. »Nur, wenn Henning hier ist. Hör auf zu lachen, du hast bestimmt auch schon welche getragen.«
»Na klar, Süße, aber du scheinst mir nicht gerade der Typ dazu. Es ist doch nichts dabei. Nur weiter so!«, sagte Katja lachend und ging zurück ins Badezimmer, um zu duschen.
In letzter Zeit war Kiara sehr unruhig. Zu begründen vermochte sie ihr Unwohlbefinden nicht. Auch an diesem Abend überfiel sie diese Unruhe, die sie sich nicht erklären konnte. Sie ging zu Bett, aber nachdem sie sich einige Minuten lang im Bett hin und her gewälzt hatte, stand sie wieder auf und zog sich an. Hastig ergriff sie ihren Mantel, stieg die Treppen hinunter und verließ das Haus. Ihr Auto hatte sie in der Nähe geparkt, aber diesmal dachte sie nicht daran, dass es Nacht war, und unterdrückte ihre Angst. Sie startete den Motor und fuhr zum Institut. Am Eingang empfing sie der Pförtner Rocco, der in dieser Nacht Dienst hatte. Obwohl es schon nach Mitternacht war, war er keineswegs erstaunt, sie zu sehen. Er war es gewöhnt, einzelne Ärzte zu so später Stunde zu begrüßen. Seiner Ansicht nach übertrieben es manche mit ihrer Hingabe an den Beruf.
»Guten Abend, Frau Doktor«, begrüßte er sie.
»Guten Abend, Rocco. Sind Sie der Ärztin schon begegnet, die heute Nacht Dienst hat?«
»Hab sie nicht gesehen.«
»In Ordnung, ich werde oben nach ihr schauen. Ich möchte mich vergewissern, ob sie meinem Patienten sein Medikament verabreicht hat.«
Der Pförtner nickte und drückte auf den Knopf, der die Eingangstür öffnete. Als sie die Treppe hinaufging, die zu Lucas Krankenzimmer führte, vermeinte sie, für eine Sekunde gesehen zu haben, wie eine Person in einem weißen Kittel gerade das Laboratorium betrat. Als sie fast schon im oberen Stockwerk angelangt war, überlegte sie einen Augenblick, wohin sie zuerst gehen sollte – ins Laboratorium oder zu Luca. Sie blieb kurz stehen und beschloss dann, zuerst nach dem Patienten zu sehen.
X
In Lucas Zimmer war es still. Luca schlief tief und fest und wachte nicht auf, als Kiara das Zimmer betrat. Sie warf einen Blick auf seinen Verordnungsbogen und stellte fest, dass er sein Medikament nicht bekommen hatte. Sie ärgerte sich über die verantwortungslose Ärztin, wusste aber nicht, um wen es sich genau handelte, da es mehrere Kolleginnen waren, die Nachtdienst hatten. Kiara nahm eine Spritze und zog damit das Medikament auf. Danach injizierte sie die Flüssigkeit so sanft in die Vene von Lucas linkem Arm, dass er überhaupt nichts spürte und weiterschlief. Eine kleine Weile betrachtete sie sein nicht wiederzuerkennendes, blasses Gesicht. Dann schaltete sie im Zimmer das Licht aus, ließ aber eine Lampe an, damit er nicht erschrak, wenn er erwachte. Luca bestand darauf, dass immer eine Lampe brannte, weil er sich im Dunkeln fürchtete. Diese Angst hatte ihn zum ersten Mal überfallen, als er schon erkrankt war. Seitdem ließ sie ihn nicht mehr los. Er hatte Kiara persönlich um diesen Gefallen gebeten. Sie konnte seine Angst sehr gut nachvollziehen, zumal sie in der letzten Zeit ähnliche Erfahrungen gemacht hatte.
Kiara verließ das Krankenzimmer und begab sich zum Laboratorium, in der Hoffnung, die diensthabende Ärztin dort anzutreffen. Aber es befand sich niemand in dem Raum. Kiara fand alles genau so vor, wie sie es an jenem Tag zurückgelassen hatte, als sie eigentlich gar nicht auf der Arbeit hätte sein sollen. Es hatte den Anschein, als hätten weder die Ärzte der ersten, noch die der zweiten Schicht das Laboratorium betreten. Das Reinigungspersonal war schon längst nach Hause gegangen, daher war keine Menschenseele mehr da, mit der Kiara über die Tagesvorkommnisse hätte sprechen können. Als sie das Laboratorium wieder verließ, schloss sie die Tür und begab sich zum Aufenthaltsraum, um nachzuschauen, ob sich dort möglicherweise eine der diensthabenden Ärztinnen befand, aber wieder hatte sie kein Glück. Sie fragte sich, wo ihre Kollegin hingegangen sein konnte und warum sie überhaupt irgendwo hingegangen war, wo sie doch Dienst hatte. Ein letztes Mal schaute Kiara überall nach, löschte dann das Licht und begab sich zum Pförtner. Sie konnte die klirrende Winterkälte in ihren Knochen spüren, obwohl das Gebäude immer gut beheizt war. Die hohen Chrysanthemen im Institutsgarten ließen aufgrund der langen Schatten, die sie warfen, die Nacht noch kälter und furchteinflößender erscheinen. Da Kiara von Natur aus schreckhaft war, bekam sie es auch jetzt mit der Angst zu tun. Sie erschrak sogar vor ihrem eigenen Schatten. Im beruflichen Alltag war das anders. Wenn es um Patienten oder Experimente ging, vermochte sie selbst diese Angst oder »Unzulänglichkeit«, wie sie sie nannte, beiseitezuschieben und zu ignorieren, um durch ihre Arbeit für die ihr anvertrauten Menschen ein befriedigendes Resultat zu erzielen. Auch dieses Mal zwang sie sich, ihre Angst zu überwinden und das Fenster, das durch den Wind zugeschlagen sein musste, wieder zu schließen. Während sie damit beschäftigt war, das Fenster zu verriegeln, glaubte sie für eine Sekunde, etwas Weißes hinter einem Baumstamm gesehen zu haben. Als sie genauer hinschaute, stellte sich jedoch heraus, dass an dieser Stelle überhaupt nichts war. Nachdem sie das Fenster verriegelt hatte, machte sie sich auf den Weg zum Pförtner.
Rocco las ein Buch und war vollkommen in die Handlung vertieft.
»Was lesen Sie da?«, fragte ihn Kiara neugierig.
»Nichts Besonderes, Frau Doktor, irgendeinen Liebesschmöker.«
»Wissen Sie, wo der Dienstplan ist?«
»Tut mir leid, das weiß ich nicht. Aber mir fällt da was ein«, sagte Rocco und legte seinen Roman zur Seite, um in einem dicken blauen Buch eine Seite aufzuschlagen, auf welcher die bisherigen Dienste für dieses Jahr eingetragen worden waren.
»Hier«, sagte er und deutete mit dem Finger auf einen Namenseintrag.
»Helga Hormann«, las Kiara laut vor. Sie wusste nicht, wer das war. An diesem Institut kannte sie keine Ärztin mit diesem Namen.
»Kennen Sie diese Ärztin?«, wollte sie vom Pförtner wissen, der diese Frage jedoch nicht bejahen konnte. Er konnte ohnehin nicht wissen, um wen es sich genau handelte, weil am Institut mehrere Dutzend Ärzte arbeiteten und, obwohl auf dieser Station selbst nur wenige von ihnen eingesetzt wurden, es ab und zu vorkam, dass Ärzte ihre Nachtdienste an Kollegen abgaben und nur den Chef des Institutes darüber in Kenntnis setzten, und nicht die ganze Station.
»Ich weiß nicht, wer das ist, Rocco«, sagte Kiara, »und ich kann diese Person auch nicht auf der Station finden. Sie kann doch nicht einfach verloren gegangen sein, oder?«
Doch Rocco war ebenfalls ratlos. Er zuckte mit den Schultern und erinnerte sie daran, dass das Institut groß war und über mehrere Stationen mit Dutzenden von Zimmern verfügte. »Morgen früh werde ich genau darauf achten, welche Ärzte aus der Nachtschicht kommen, und Ihnen Bescheid geben, wer es gewesen sein könnte.« Mehr konnte er nicht für sie tun. Kiara war einverstanden und machte sich auf den Heimweg.
Als sie ins Auto einstieg, kam sie sich beobachtet vor. Sie wagte erst nachzuschauen, als sie sich ins Auto gesetzt und die Türen verriegelt hatte. Auf der Straße befand sich niemand mehr. Es war spät in der Nacht. Kiara schaute auf die Uhr: Es war genau 3.45 Uhr.
»Ich kann es nicht fassen, dass ich mich so lange in der Klinik aufgehalten habe. Was habe ich denn da oben getrieben? Das kann doch gar nicht sein, ich bin nicht so lange auf der Station gewesen«, murmelte sie vor sich hin. Dann fiel ihr ein, dass es bereits kurz nach Mitternacht gewesen war, als sie im Institut angekommen war. Auf der Rückfahrt versuchte sie sich zu erklären, wie es nur möglich war, dass sie sich so lange im Institut aufgehalten hatte.
Katja schlief schon längst, als Kiara zu Hause ankam, daher ging sie geradewegs ins Bett. Als der Wecker um 6 Uhr klingelte, dachte sie, sie wäre gerade erst eingeschlafen. Sie musste aufstehen.
XI
»Du hättest mir wenigstens kurz Bescheid geben können.«
Kiara erschrak, als sie eine Stimme über sich hörte. Sie öffnete die Augen und erblickte Henning, der sich über sie beugte. Als er sah, dass sie wach war, setzte er sich neben sie aufs Bett. Sie schloss die Augen wieder und streckte sich noch einmal, bevor sie sie wieder öffnete.
»Wie viel Uhr ist es?«
»Halb neun.«
»Halb neun? Ich muss wieder eingeschlafen sein. Der Wecker hat vorhin geklingelt. Wo ist Katja? Ich muss zur Arbeit.«
»Ich weiß. Ich habe dich sowohl zu Hause als auch auf deinem Handy und auf der Arbeit versucht anzurufen, und als du dich nicht gemeldet hast, habe ich beschlossen, persönlich nachzuschauen, ob es dir gut geht. Du hast schon zwei Tage lang nichts von dir hören lassen, und telefonisch bist du ja nie zu erreichen.«
Kiara sprang aus dem Bett und zog sich die Sachen an, die sie bereits am Tag zuvor getragen hatte. Normalerweise tat sie das nicht, aber dieses Mal musste es schnell gehen, weil sie sehr spät dran war. Henning fand es amüsant, ihr dabei zuzusehen, wie sie sich beeilte. Ihm waren derartige Reaktionen völlig fremd, ihm machte es im Gegensatz zu Kiara nichts aus, wenn er sich zu einem Termin verspätete.
»Du Dummerchen, heute ist doch Sonntag. Wie konntest du das vergessen? Du übertreibst es wirklich mit deiner Arbeit«, lachte er sie aus.
»Warum hast du mir das denn nicht gleich gesagt? Chefs sehen es nun mal nicht gern, wenn ihre Mitarbeiter zu spät kommen. Heute ist also mein freier Tag. Wie konnte ich das nur vergessen? Es wäre zu schön gewesen, wenn ich zum Institut gefahren wäre, um festzustellen, dass ich gar keinen Bereitschaftsdienst habe.« Kiara musste über sich selbst lachen.
»Du machst dir um andere Menschen zu viele Sorgen«, sagte Henning, mehr zu sich selbst als zu Kiara. Sie bemerkte den Hohn in seiner Bemerkung.
»Was soll das denn heißen? Erledige ich meine Arbeit so schlecht, dass es Zeitverschwendung ist, mir über das Schicksal meiner Patienten Gedanken zu machen?«, erwiderte sie wütend.
Offensichtlich war sie an diesem Morgen zu Auseinandersetzungen aufgelegt, und Hennings Äußerung bot ihr eine günstige Gelegenheit, um die Aggressionen, die sich durch die Ereignisse der vergangenen Tage in ihr aufgestaut hatten, wieder loszuwerden. Innerlich empfand sie Wut und Selbstverachtung, weil sie nicht stark genug gewesen war, ihre Beziehung mit Henning zu beenden. Diese unterdrückten Gefühle waren nun im Begriff, an die Oberfläche zu drängen. Ihr war jetzt jeder noch so kleine Grund willkommen, um mit Henning einen Streit anzufangen, damit er sie verließ. Henning war jedoch nicht dumm und hegte die Absicht, jegliche Streitereien zu vermeiden, zumindest bis zu dem Tag, an dem sie in eine Ehe mit ihm einwilligen würde. Zum jetzigen Zeitpunkt war er sich nicht sicher, ob diese Ehe überhaupt noch zustande kommen würde. Jedenfalls sah er keinen ernsthaften Grund, über ihre Beziehung zu diskutieren. Er gab sich auch die größte Mühe, keine Gründe dafür zu finden. Als hätte er geahnt, was ihn an diesem Morgen erwartete, hatte er Kiara vom nahe gelegenen Bäcker ein komplettes Frühstück inklusive Orangensaft mitgebracht und gab vor, er hätte den Saft selbst gepresst. Unter diesen Umständen hielt es Kiara für unangebracht, über ihre Unzufriedenheit, die sie hinsichtlich ihrer Beziehung empfand, zu sprechen.
Henning schenkte ihren Worten nie sonderlich viel Aufmerksamkeit. Deshalb hatte er wohl auch vergessen, an welchem Tag Katja ankommen sollte. Als er die halbnackte Frau aus dem Zimmer seiner Freundin herauskommen sah, ließ er das Frühstückstablett aus der Hand fallen.
»Hey Kiara, bist du schon …?«
Katja verstummte, als sie Henning in Kiaras Zimmer stehen sah.
Sie hatte nur ein T-Shirt an, unter dem man ihren schwarzen Stringtanga sehen konnte. »Pardon, ich brauche noch eine Minute.«
Henning reagierte rasch und wandte sich zu Kiara, die seine Nervosität bemerkte. Er hob das Tablett wieder auf.
»Und das ist wirklich Katja?«
»Das ist sie. Wirklich«, sagte sie und fand sich damit ab, dass sie wegen Katja und aufgrund seiner Bemühungen an diesem Morgen ihr geplantes Gespräch mit ihm wieder verschieben musste.
»Ich wusste natürlich, dass Katja heute ankommen sollte, aber weil ich keine Ahnung hatte, was sie mag, habe ich für sie kein Frühstück mitgebracht. Wenn du möchtest, gehe ich noch einmal zum Bäcker und besorge auch für sie etwas.«
Kiara wusste genau, dass Henning vergessen hatte, dass Katja heute kommen sollte. Am Anfang ihrer Beziehung war er aufmerksamer gewesen. Sie nahm ihm seine Nachlässigkeit aber diesmal nicht übel, sondern nickte nur verständnisvoll und zählte dann auf, was er mitbringen sollte.
Als er vor der Wohnungstür stand, hörte er, dass Katja im Bad war und duschte. Obwohl Kiara eine schöne Frau war und in seinen Augen auch als angehende Ehefrau in den Kreisen, in denen er verkehrte, eine gute Figur abgeben würde, fand er an Katja großen Gefallen. Er stellte sich vor, wie fantastisch es gewesen wäre, jetzt mit ihr unter der Dusche zu stehen. Auf dem Weg zum Bäckerladen hing er seiner Vorstellung weiter nach und war auch auf dem Rückweg noch mit diesem Gedanken beschäftigt. Als er wieder zur Tür hereintrat, hörte er, wie sich die zwei Freundinnen unterhielten.
»Das also ist Henning?« Das war Katjas Stimme. Gerade hatte sie von ihrem Aufeinandertreffen in Kiaras Zimmer berichtet.
»Ja«, antwortete Kiara. Offenbar hegte sie nicht die Absicht, noch länger über ihren Freund zu reden.
»Hut ab, du hast Geschmack! Du hattest schon immer einen guten Geschmack, aber dieser Typ ist ein Volltreffer«, fuhr Katja fort, ohne Kiaras knappe Antworten zu bemerken.
»Wie meinst du das?«
»Na ja, er sieht eben sehr gut aus«, sagte Katja.
Henning stand währenddessen hinter der Wohnzimmertür und belauschte zufrieden das Gespräch, das seinem unersättlichen Ego guttat. Lobeshymnen waren für ihn eine besondere Wohltat. Frauen betrachtete er als Trophäen, und Komplimente als Grundnahrungsmittel.
»Ja, er sieht schon gut aus …«, bestätigte Kiara in leicht spöttischem Tonfall, dessen Henning aber nicht gewahr wurde. Katja dagegen entging dieser Unterton nicht.
»Irgendwie klingt das aber nicht sehr überzeugt.«
Henning drückte sein Ohr noch fester an die Wohnzimmertür, um die Unterhaltung besser mitanhören zu können.
»Nein, aber …« Kiara hielt inne.
»Was?«
»Ich liebe ihn nicht!«, platzte es aus Kiara heraus.
Diese Worte hatte sie schon seit geraumer Zeit loswerden wollen. Ihr fiel ein Stein vom Herzen, als sie ihre Gefühle endlich jemandem anvertrauen konnte. Kiara hatte nicht viele Freundinnen. Ihr fehlte eine Freundin, die ihr zuhörte, Ratschläge gab und sie nicht verurteilte. Wohl hatte sie zahlreiche Bekannte und Kolleginnen, mit welchen sie sich von Zeit zu Zeit auf einen Kaffee traf. Katja sah sie nur selten, aber sie war die Einzige, der sie alles anvertrauen konnte.
»Aber Süße, was redest du da?«, fragte Katja entsetzt.
»Ich bin mir schon eine ganze Weile im Klaren darüber, aber ich weiß nicht, wie ich es ihm beibringen soll«, antwortete Kiara mit gebrochener Stimme.
»Das ist ja wie bei deinem letzten Freund. Meine Liebe – du bist ein hoffnungsloser Fall«, sagte Katja geradeheraus. Sofort bereute sie ihre Worte und setzte sich zu ihrer Freundin, die gerade anfing zu weinen.
»Ganz ruhig, mal jetzt nicht den Teufel an die Wand«, versuchte Katja ihre Freundin zu beruhigen. »Wenn du ihn nicht liebst, liebst du ihn halt nicht. Du bist bestimmt nicht die Einzige auf der Welt, das ist doch nur menschlich. Unmenschlich wäre es aber, wenn du es noch weiter hinauszögern würdest, ihm die Wahrheit zu sagen. Das würde alles nur noch schlimmer machen, für dich und für ihn. Weißt du noch, wie es bei deinem letzten Freund war? Lass nicht zu, dass sich so etwas wiederholt.«
»Ich weiß, ich wollte es ihm heute Morgen sagen, aber ich konnte nicht. Er war so nett zu mir.«
Henning ging zur Wohnungstür zurück und ließ sie noch einmal zufallen, dieses Mal lauter, damit sie ihn hörten. Kiara wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und tat so, als hätte sie gerade gelacht.
»Hallo, endlich lernen wir uns kennen! Ich bin Henning«, stellte er sich Katja vor, als wäre nichts gewesen, als hätte die vorangegangene Unterhaltung zwischen seiner Lebenspartnerin und ihrer Freundin nicht stattgefunden.
Er hatte beschlossen, nicht derjenige zu sein, der diese Beziehung beendete. Nun, da er wusste, dass Kiara ihn verlassen wollte, nahm er sich vor, sie künftig mit seiner Nähe zu erdrücken, sie so in den Wahnsinn zu treiben und sich dann von ihr zu trennen, nur um sich nicht die Blöße zu geben, von ihr verlassen zu werden. Niemand machte mit ihm Schluss, dachte er sich, schon gar nicht die Kleine, die dachte, sie könne die Welt verbessern. Seinen Zorn ließ er sich jedoch nicht anmerken, und die Frauen schöpften keinerlei Verdacht. Henning war ein hervorragender Schauspieler.
XII
»›Wenn du erfolgreich sein willst, musst du neue Wege einschlagen und nicht auf den ausgetretenen Pfaden des gemeinhin akzeptierten Erfolges marschieren‹, hat John Davison Rockefeller einmal gesagt. Warum solltest du nicht seinen Ratschlag befolgen?«, redete Nick auf Marcus ein, der noch immer zweifelte, ob er auf das Angebot des amerikanischen Tycoons, der an seinem Parfüm interessiert war, eingehen sollte.
»Dieser amerikanische Senator sagt die Wahrheit, aber ich bin nicht sicher, ob sich das Geschäft für mich lohnt. Wie, sagtest du, heißt er?«
»David Louis. Sein Vater war früher Professor, später kam er durch ein Millionenerbe zu Geld. Die Hälfte des Geldes investierte er in irgendein Projekt, wodurch sich das Geld verdoppelte. Sie besitzen eine Hotelkette. Ich habe gehört, dass der alte Herr von den krummen Geschäften seines Sohnes gar nichts hält, was wiederum euren Deal gefährden könnte. Louis will sein Parfüm, und wir werden es ihm geben, wir werden es aber selbst produzieren. Er benutzt zu diesem Zweck für gewöhnlich die Firma seines Vaters. Der Plan ist wasserdicht. Diese Dokumente belegen alle Details, wir sind abgesichert, und er behauptet, sein Vater habe in das Geschäft eingewilligt.«
»Hat er sich auch schon einen grandiosen Namen für sein Parfüm ausgedacht?«
»Er will es David Louis nennen.«
»So jung und schon so egoistisch«, sagte Marcus.
»Genau die Eigenschaften, die für einen blitzschnellen Aufstieg notwendig sind«, entgegnete Nick.
»Schon möglich, aber genauso schnell stürzt man auch wieder in die Tiefe hinab.«
»Vielleicht, aber was soll’s?« Nick war sichtlich bemüht, Marcus’ Bedenken zu zerstreuen.
Marcus war bereit, sich das Geschäft, bei dem er kein gutes Gefühl hatte, noch einmal durch den Kopf gehen zu lassen. »Ich werde dir in ein paar Tagen Bescheid geben. Du kannst so lange im Hotel unserer Firma übernachten.«
»Einverstanden, aber überleg es dir gut. Ich werde in der Stadt bleiben. Melde dich, wenn du bereit bist, den Vertrag zu unterschreiben. Louis braucht nur wenige Stunden, um mit dem Flieger anzureisen und sich mit uns an den Tisch zu setzen. Er wartet nur noch auf dein Einverständnis. Du kannst natürlich auch zu ihm nach New York fliegen.«
»Wie kommt’s, dass er kein amerikanisches Unternehmen mit der Produktion seines Parfüms beauftragt hat?«
»Ihm ist zu Ohren gekommen, dass du in der Vergangenheit für bekannte Tycoons gearbeitet hast. Und für diesen australischen Schauspieler, wie hieß er noch? Weißt du, wen ich meine?«
»Russell Crowe?«
»Ja, genau!« Du kennst doch die Leute, die schnell zu Geld kommen. Die wollen auch so schnell berühmt werden.«
»Gut, in einigen Tagen hörst du von mir«, sagte Marcus, verabschiedete sich von Nick und verließ das Hotelcafé, das sie sich ausgesucht hatten, um sich ungestört unterhalten zu können.
Da es schon sehr spät und Marcus sehr müde war, beschloss er, nicht nach Hause zu fahren – eine einstündige Autofahrt wollte er sich nicht mehr zumuten –, sondern im Hotel seiner Firma zu übernachten. An der Rezeption holte er den Zimmerschlüssel und wählte das Zimmer aus, in dem er jedes Mal übernachtete, ob alleine oder in Begleitung einer Dame. Danach begab er sich zum Aufzug.
»Diesmal ganz alleine unterwegs?«, rief ihm Anthony zu, die Bedienung an der Rezeption.
»So ist es, mein Freund. Ich hatte schon lange keinen Damenbesuch mehr.«
»Eine kleine Pause tut zur Abwechslung bestimmt auch mal ganz gut«, erwiderte Anthony.
Marcus lachte. »Ich kann nur hoffen, dass diese Pause nicht zu lange andauern wird.«
Er stieg in den Aufzug und drückte den Knopf mit der Nummer 3. Auf der linken und der rechten Seite des Aufzugs befand sich jeweils ein Spiegel, der von der Decke bis zum Boden reichte. Marcus drehte sich zur rechten Seite und zog seinen Mantel zurecht, der ihm sehr gut stand. Über sein Aussehen konnte er sich wirklich nicht beschweren. Er lächelte zufrieden. Obwohl er ganz alleine war, überkam ihn plötzlich das Gefühl, dass jemand hinter ihm stand und ihn beobachtete. Er drehte sich um, als ob ihm der Aufzugspiegel als Beweis nicht ausreiche. Hinter ihm stand niemand – das hätte er sich denken können. Er musste schmunzeln, weil er für einen Augenblick tatsächlich an der Realität gezweifelt hatte. Kurz darauf, in der dritten Etage, öffnete sich die Aufzugtür. Auf dem Gang war niemand zu sehen. Marcus begab sich zu seinem Zimmer, steckte den Schlüssel ins Schloss und warf einen letzten Blick auf den Aufzug, bevor er die Tür öffnete. Erneut musste er über sich selbst lachen. Er wunderte sich über sein Verhalten, da er normalerweise nicht an seinem Verstand zu zweifeln pflegte. Wer sollte außer ihm im Aufzug schon gewesen sein?
Als er schließlich sein Hotelzimmer betrat, warf er zuerst seinen Mantel über die Couch. Er war so müde, dass er sich einfach aufs Bett fallen ließ. Einen Moment lang blieb er mit geschlossenen Augen liegen. Er musste an Kiara und ihre Begegnung am Bahnhof denken. Plötzlich fiel ihm ein, dass das kleine Notizbuch, das Kiara auf dem Tisch hatte liegen lassen, noch in seiner Manteltasche steckte. Er stand auf, griff nach seinem Mantel und holte das Büchlein aus der Tasche heraus. Danach setzte er sich wieder aufs Bett und schaute in den Terminkalender, in dem nur eine einzige Telefonnummer notiert war, allerdings ohne den dazugehörigen Namen. Marcus konnte Kiara nicht anrufen, weil er ihre Nummer nicht hatte. Er wusste aber, wo sie arbeitete, und beschloss, ihr in den nächsten Tagen, wenn er wieder etwas mehr Zeit haben würde, einen Besuch abzustatten. Als er sich ausgekleidet hatte und gerade ins Bett legen wollte, bemerkte er auf dem Nachttisch ein Magazin. Er nahm es zur Hand, legte es gleich darauf aber wieder auf den Tisch zurück und griff nach dem Telefonhörer. Sogleich überlegte es sich jedoch wieder anders, legte den Hörer auf und griff erneut nach dem Magazin. Es erinnerte ihn an National Geographic, eine Zeitschrift, die er regelmäßig las. Er begann, in der Ausgabe zu blättern, doch dann schaute er sich das Titelbild noch einmal etwas genauer an. Vorne war eine Frau mit blasser Hautfarbe und pechschwarzem Haar abgebildet, die mit ihrem leeren Blick wie eine Tote aussah. Sein Blick verharrte auf dem Datum der Ausgabe des Magazins. Die Zeitschrift war vor siebzig Jahren erschienen. Auf der ersten Seite stand: 5. Januar 1936. Marcus schaute auf seinem Handy nach, welcher Tag heute war, und murmelte:
»Dasselbe Datum. Genau siebzig Jahre später. Was hat diese alte Zeitschrift in meinem Hotel zu suchen?«
Er blätterte bis zur Seite 36 vor, wo der komplette Artikel zur Titelgeschichte zu finden war. Die Überschrift lautete: Die Zombiefrau. Obgleich ihn das Erscheinungsdatum des Magazins und das Gesicht der Frau auf der Titelseite mehr interessierten als die Überschrift, die für seinen Geschmack zu reißerisch war und auch zu offensichtlich das Ziel verfolgte, möglichst viele Leser anzuziehen, las er weiter.
Die als vermisst geltende und vollkommen verwirrte Frau, von der man annahm, sie habe aufgrund irgendeines Vorfalls, womöglich auch Gewaltaktes, den Verstand verloren, wurde in Haiti aufgefunden, wo sie ziellos umherirrte. Die Frau konnte oder wollte nicht sprechen. Die Ärzte konnten weder feststellen, was ihr widerfahren war, noch, worunter sie genau litt. Die Krankenakte verriet lediglich, dass ihr Gesicht ausdruckslos war und ihr Blick dem Blick einer Toten glich. Ihre Augenlider waren völlig weiß, während die restliche Augenpartie verätzt schien. Sie wurde schließlich als Maria Moure identifiziert und die Farm, auf der sie einige Bauern fanden, als die ihres Bruders, der behauptete, dass seine Schwester Maria bereits vor neunundzwanzig Jahren überraschend gestorben und ihr Leichnam daraufhin verbrannt worden sei. Seine Aussage stellte sich als wahr heraus. Die Bewohner des Dorfes, in dem sie lebte, und alle anderen Menschen, die von dieser Geschichte hörten, glauben auch heute noch daran, dass es sich bei der jungen Frau um eine wandelnde Tote handelt, die durch einen Voodoozauber zum Leben erweckt wurde. Auch heute noch glauben neunzig Prozent der Einwohner Haitis an Voodoo.
›Vollkommen unmöglich‹, dachte Marcus.
Er blätterte noch eine Weile in dem Magazin und schaute sich einige interessante Bilder an, bis er die Zeitschrift müde zur Seite legte und das Licht ausschaltete. Aber schon wenige Minuten später machte er das Licht wieder an und schlug erneut das Notizbuch auf. Er nahm den Telefonhörer ab und wählte die Nummer, die als einzige in dem Büchlein verzeichnet war, obwohl er bezweifelte, dass sich jemand melden würde. Am anderen Ende der Leitung war zuerst nichts hören. Dann hörte er ein Rauschen und schließlich die Stimme einer automatischen Ansage: Diese Rufnummer ist zurzeit nicht vergeben.
Marcus legte auf. Er musste sich verwählt haben und versuchte es deshalb erneut. Einen Augenblick wartete er. Wie beim ersten Versuch hörte er zunächst ein Rauschen, das ihn an das Rauschen der Wellen im Meer erinnerte. Danach wieder die automatische Ansage. Marcus fragte sich, wie jemand zu einer Telefonnummer kam, die gar nicht mehr existierte. Er maß diesem Umstand jedoch keine größere Bedeutung bei, schaltete das Licht wieder aus und legte sich endlich schlafen. Da er nach wenigen Minuten bereits fest schlief, hörte er das Telefon nicht. Es klingelte nur zwei Mal. Danach war es im Zimmer vollkommen still.
XIII
»Unser Gedächtnis befindet sich permanent im Wandel, und so tief ein Schmerz in der Vergangenheit auch gesessen haben mag – er kann durch eine neue Erfahrung gelindert werden. Du wirst sehen«, sagte eine Stimme zu Kiara, bevor sie aus ihrem Traum erwachte.
Sie schaute auf die Uhr, die auf ihrem Nachttisch stand. Es war genau 3 Uhr morgens. In der letzten Zeit kam es oftmals vor, dass Kiara mitten in der Nacht aufwachte, wieder einschlief und am nächsten Morgen verschlief, sodass sie sich jedes Mal beeilen musste, um noch rechtzeitig zur Arbeit zu gelangen. Sie drehte sich auf die andere Seite, um noch eine Weile weiterzuschlafen. Plötzlich ergriff sie eine heftige Unruhe, und sie schaltete die Nachttischlampe an. Im Zimmer war niemand, aber sie ließ die Lampe trotzdem an. Wenige Minuten später schlief sie wieder ein. Als der Wecker um 6 Uhr klingelte, kam es ihr vor, als wäre sie gerade erst eingeschlafen. Während sie aufstand und ins Badezimmer ging, war ihr unbehaglich zumute. Da Katja noch ruhig schlafend dalag, gab sich Kiara große Mühe, leise zu sein. Sie beeilte sich und verließ rasch die Wohnung. Als sie am Institut angekommen war, erblickte sie Rocco, der an diesem Tag Dienst hatte. Sie begrüßte ihn und ging an seinem Pförtnersitz vorüber, doch nach ein paar Schritten fiel ihr ein, dass sie Rocco hatte fragen wollen, ob er herausgefunden hatte, welche Ärztin von Samstag auf Sonntag Dienst gehabt hatte, und so ging sie wieder zum Eingang zurück.
»Rocco, haben Sie herausgefunden, wer neulich, als ich hierhergekommen war, Dienst hatte?«
»Ich habe auf jeden Einzelnen, der das Institut verließ, geachtet. An mir kam diese Person unter Garantie nicht vorbei. Ich war allerdings nur bis 8 Uhr da. Was danach war, kann ich nicht sagen. Einen Moment, ich kann nachschauen, um wie viel Uhr der Dienst zu Ende war.«
Rocco warf einen Blick in das Buch, in dem alle Diensthabenden ein- und ausgetragen werden mussten, je nachdem, ob sie kamen oder gingen. Außerdem ließ sich nachverfolgen, von welcher Station sie kamen. Er schlug die Seite vom vergangenen Samstag auf.
»Frau Doktor, ich kann mir das beim besten Willen nicht erklären …«, sagte er ungläubig.
»Was?«
»Sehen Sie selbst! Also, entweder bin ich übergeschnappt, oder der Name, der hier eingetragen war, ist verschwunden. Als wir in jener Nacht nachschauten, haben Sie den Namenseintrag doch auch gesehen?«
Kiara schaute sich die Seite, auf der vor kurzem noch der Name der betreffenden Medizinerin gestanden hatte, noch einmal genauer an. Der Eintrag war tatsächlich nirgendwo zu finden, und weder Kiara noch Rocco konnten sich an den vollständigen Namen erinnern. Kiara wusste nur noch, dass der Vorname Helga gelautet hatte.
»Wie ist so etwas möglich?«, fragte sie.
»Ich kann mir das nicht erklären, Frau Doktor, ich weiß es wirklich nicht. Warten Sie, ich kann die Videoaufzeichnung überprüfen, der Institutseingang wird rund um die Uhr von Kameras überwacht.«
Er holte aus einer Schublade einen kleinen Schlüssel hervor und schloss eine andere Schublade auf. Dieser entnahm er eine CD, die er in das Computerlaufwerk einlegte. Er spulte die Aufnahme zurück und hielt sie an, als man auf dem Bildschirm erkennen konnte, dass es Nacht war und jeden Moment die Dienstablösung erscheinen musste. An die Frau – ihr Gesicht blieb von den Haaren verdeckt und war daher nicht erkennbar –, die anschließend durchs Bild lief, konnte sich Rocco nicht mehr erinnern. Kiara kannte sie nicht. Man sah, wie die Frau, die ihre langen schwarzen Haare offen und einen weißen Kittel trug, allem Anschein nach ihren Namen in das Dienstbuch schrieb. Rocco war nicht auf dem Bildschirm zu sehen, als die Frau, nachdem sie sich ins Buch eingetragen hatte, den Institutseingang passierte. Die Ärzte und Patienten, die an ihr vorübergingen, schienen keine Notiz von ihr zu nehmen. Da ihre langen Haare ihr ins Gesicht hingen und sie ihren Kopf gesenkt hielt, gab es keinen Winkel, aus dem die Überwachungskamera sie einfing. Man konnte auf der Videoaufzeichnung außerdem beobachten, wie sie auf den Aufzugknopf drückte, obwohl sie zu Fuß schneller zu der Station, auf der Luca lag, hätte gelangen können. Sie wartete auf den Aufzug und stieg dann ein. Das einzige Indiz, das dafür sprach, dass sie sich tatsächlich zu Lucas Station begab, war die Tatsache, dass der Aufzug im ersten Stock anhielt. Rocco spielte eine zweite Aufzeichnung ab, nämlich die der anderen Kamera, die den Aufzug und die Treppe, die zur Station führte, überwachte. Die Aufnahme belegte aber lediglich, dass sich die Aufzugstür öffnete. Man sah niemanden herauskommen. Auch auf den übrigen CDs, die sich Kiara und Rocco der Reihe nach ansahen, fehlte von der Frau mit den langen schwarzen Haaren jede Spur. Nicht eine der auf den Stationen positionierten Kameras hatte das Aussteigen dieser Frau aus dem Aufzug festgehalten. Während man laufend Mediziner und auch den einen oder anderen Patienten ein- und wieder aussteigen sah, schien die unbekannte Frau wie vom Erdboden verschluckt.
»Wirklich eigenartig! Wo in Teufels Namen kann sie nur abgeblieben sein?« Kiara richtete diese Frage mehr an sich selbst als an Rocco.
»Ich habe keinen blassen Schimmer, Frau Doktor. Ist schon seltsam.«
»Könnten Sie vielleicht in der Computerdatenbank nachschauen und mir sagen, wer in dieser Nacht Dienst hatte?«
Als Rocco das Dokument mit dem Dienstplan öffnete, stieg seine Verwunderung an.
»Aber Frau Doktor …«, brachte er endlich hervor, nachdem Kiara einige Sekunden in sein versteinertes Gesicht geblickt hatte.
»Was ist denn?«, fragte sie ihn.
»Aber …«, stieß Rocco abermals hervor.
»Zeigen Sie schon her, wer ist es?«
»Sie!«
»Was meinen Sie mit ›ich‹?«, fragte Kiara und sah auf den Monitor. Sie war paralysiert und brachte kein Wort hervor.
»Ich bin es also, die in jener Nacht Dienst hatte, aber wie konnte …?«
Sie brachte den Satz nicht zu Ende und schaute abwechselnd zu Rocco und, als wolle sie es nicht wahrhaben, auf den Monitor, wo ihr Name geschrieben stand.
»Ich verstehe das nicht. Warum hatte mich niemand über meinen Dienst informiert? Wer zum Teufel ist hier gewesen und hat sich eingetragen?«, fragte Kiara verzweifelt.
Rocco zuckte ratlos mit den Schultern.
XIV
Es war Montag, der 6. Januar 2006. Draußen war es noch hell und winterlich kalt. Nachdem sich Kiara wieder gefasst hatte, begab sie sich zum Büro ihres Chefs, Dr. Koch, dessen Assistenzschwester für die Erstellung der Dienstpläne zuständig war. Er saß an seinem Tisch und nahm den ersten Kaffee des Tages zu sich, ohne den er keine Gespräche mit Kollegen oder Patienten zu führen bereit war. Als die Sekretärin Kiara ankündigte, las er seine Zeitung. Obgleich sie ihm eine der liebsten Kolleginnen war, empfing er sie an diesem Tag nur ungern in seinem Büro. Er fühlte sich an diesem Morgen nicht wohl. Nichtsdestotrotz begrüßte er sie lächelnd und bat sie, hereinzukommen.
»Setzen Sie sich, Kiara«, sagte er und bot ihr einen Kaffee an, den sie mit ernster Miene abschlug.
»Wir haben ein Problem«, sagte sie ohne Umschweife.
Koch wurde hellhörig und setzte sich auf seinen Sessel. »Worum geht es?«, fragte er mit ernster Stimme.
»In der Nacht von Samstag auf Sonntag hätte ich Dienst haben sollen. Darüber hat mich jedoch niemand in Kenntnis gesetzt, den Dienstplan habe ich auch nicht bekommen. Zufällig war ich in dieser Nacht im Institut, um mich nach dem Zustand des Patienten Luca Illoni zu erkundigen. Da ich niemanden auf der Station antraf, fragte ich beim Pförtner nach, wer in dieser Nacht Dienst hatte.« Kiara sprach wie eine Schülerin, die einen dürftig vorbereiteten Vortrag halten musste.
»Und?«, fragte Koch mit gespielter Neugier. In Wahrheit kümmerte ihn die Antwort herzlich wenig.
»Im Dienstbuch, in dem alle Mitarbeiter beim Betreten des Instituts Dienstbeginn und -ende eintragen müssen, steht ein Name, den weder der Pförtner Rocco noch ich kennen.«
»Wie lautet er?«
»Ich weiß es nicht mehr genau. Der Vorname war Helga. Rocco und ich haben den Nachnamen leider vergessen. Wir gingen beide davon aus, dass eine neue Ärztin eingestellt worden sei.«
»Aber Sie wissen doch, dass neue Kollegen anfangs keine Dienste übernehmen können«, sagte Koch in strengem Ton.
»Das weiß ich, aber was hätte ich mitten in der Nacht unternehmen sollen? Ich konnte ja schließlich nicht bei Ihnen zu Hause anrufen«, erwiderte sie und zögerte einen Augenblick, bevor sie fortfuhr. »Aber das ist ja gar nicht das Merkwürdigste«. Wieder hielt sie einen Augenblick inne.
»Was könnte noch merkwürdiger sein als die Tatsache, dass Sie Ihren eigenen Dienst vergessen haben?« Koch war mittlerweile gereizt.
Am liebsten hätte sie geantwortet, dass es nicht ihre Schuld sei, dass er bei der Auswahl seiner neuen Mitarbeiterinnen nach dem Aussehen ging und nicht nach der fachlichen Kompetenz, aber sie behielt ihren Kommentar für sich. Sie wusste, dass sie es jetzt nicht wagen durfte, seine Klara zu beleidigen. Er hätte jedoch nicht leugnen können, dass Klara äußerst nachlässig gehandelt hatte.
»Ich sage es Ihnen noch einmal, ich habe von Schwester Klara keinen Dienstplan erhalten, den sie mir nach seiner Fertigstellung eigentlich hätte überreichen müssen. Aber das ist jetzt unwichtig. Entscheidend ist, dass diese Ärztin, die angeblich Dienst gehabt haben soll, offiziell gar nicht existiert.«
»Wieso existiert sie nicht?«
»Als ich heute Morgen am Institut eintraf, habe ich mir vom Pförtner wieder das Dienstbuch geben lassen, um nachzuschauen, um wie viel Uhr diese Ärztin in jener Nacht die Station wieder verlassen hatte, doch der Eintrag war nicht mehr zu sehen, auch nicht, wann sie angefangen hatte. Der Name war einfach aus dem Buch verschwunden, ausgelöscht. Noch seltsamer ist, dass er nicht einmal in der Computerdatenbank auftaucht, und an der Stelle, an der ihr Name stehen sollte, steht mein Name geschrieben.« Kiaras Stimme klang jetzt aufgebracht.
»Sie nehmen mich auch nicht auf den Arm?«, fragte Koch misstrauisch.
»Nein, Dr. Koch, ganz sicher nicht. Sie können es selbst anhand der Aufzeichnungen der Überwachungskameras überprüfen, auf welchen die Ankunft dieser Frau zu sehen ist, aber …« Kiara sprach nicht weiter.
»Aber …?« Koch hob die Augenbrauen.
Kiara gingen seine kurz angebundenen Fragen allmählich auf die Nerven, weil sie sich anhörten, als glaube er ihr nicht. In ruhigem Ton fuhr sie fort: »Man erkennt das Gesicht dieser Frau nicht. Man sieht nur ihre Haare.«
Danach wurde es für einen Moment vollkommen still. Koch konnte als Erster seine Gedanken ordnen. »Bringen Sie mir die Videoaufzeichnung, auf der diese mysteriöse Frau zu sehen ist«, befahl er.
Kiara nickte und verließ das Büro. Sie begab sich zum Institutseingang, um sich von Rocco die CD mit den Videoaufnahmen geben zu lassen, und ging danach wieder zu Dr. Kochs Büro zurück. Sie war überrascht, ihn dort nicht anzutreffen, und beschloss, auf ihn zu warten. Kurz darauf betrat Schwester Klara, die für die Erstellung der Dienstpläne verantwortlich war, den Raum.
»Dr. Koch musste dringend fort. Er ließ ausrichten, dass Sie mir die CD geben sollen. Ich werde sie ihm dann persönlich übergeben, sobald ich ihn sehe«, sagte Klara in strengem Tonfall.
»Er hätte warten können, es hat nur wenige Minuten gedauert, um die Aufzeichnung zu besorgen. Ich habe mich gar nicht lange aufgehalten«, sagte Kiara enttäuscht.
»Ich kann Ihnen nur sagen, was Herr Dr. Koch mir Ihnen auszurichten aufgetragen hat«, entgegnete Klara mit Nachdruck.
Kiara wunderte sich, warum Koch ausgerechnet die für die Dienstplanzusammenstellung verantwortliche Person damit beauftragt hatte, die CD entgegenzunehmen, händigte ihr aber den Datenträger aus, ohne sich noch länger mit diesem Gedanken zu befassen.
»Sie können dann gehen. Ich werde Dr. Koch die CD geben, Sie können sich darauf verlassen«, sagte Klara mit einem Lächeln, das Kiara nicht gefiel. Sie fand Schwester Klaras süffisante Bemerkung unverschämt.
»Sie glauben doch nicht, dass dieser Vorfall, von dem mein Patient und meine Station betroffen sind, nicht meine Angelegenheit ist?« Absichtlich provozierte Kiara die Frau, die ihr gänzlich unsympathisch war, ein wenig. Sie musste zugeben, Klara war sehr attraktiv. Sie hatte ein ebenmäßiges Gesicht und große, dunkle Augen. Auf diese Weise wirkte sie geheimnisvoll, nicht wie eine Person, zu der man Vertrauen fassen konnte, was in Kiara noch stärkere Abneigung hervorrief.
»Nein, das glaube ich nicht. Es besteht kein Grund zu dieser Annahme«, erwiderte Klara. Sie hatte aufgehört zu lächeln.
Kiara erhob sich vom Stuhl und schickte sich an, den Raum zu verlassen. Kurz bevor sie die Tür hinter sich schloss, wandte sie sich noch einmal zu Klara um.
»Richten Sie Dr. Koch aus, er soll mich anrufen.«
Schwester Klara nickte, ließ sich jedoch nicht dazu herab, Kiara eine Antwort zu geben. Sie war zornig, weil die Ärztin herausgefunden hatte, dass ihr bei der Dienstplanzusammenstellung ein kleines Missgeschick unterlaufen war.
XV
Von Marcus’ Firma bis zum Forschungsinstitut in Tübingen fuhr man etwa eine Stunde mit dem Auto. Marcus beabsichtigte, gleich im Anschluss an die zwei Versammlungen, an denen er heute teilnehmen musste, um seine Projekte für dieses Jahr zu präsentieren, zum Institut zu fahren, um Kiara das Notizbuch mit der Telefonnummer zurückzugeben. Jetzt saß er in seinem Büro und nahm das Büchlein aus seiner Sakkotasche heraus. Er öffnete es und starrte eine Weile auf die eine Telefonnummer. Da vergangene Nacht unter dieser Nummer niemand zu erreichen gewesen war, beschloss er, sie noch einmal zu wählen, und griff zum Telefonhörer. Immerhin war es nicht ungewöhnlich, dass sich niemand gemeldet hatte, da er ja mitten in der Nacht angerufen hatte. Merkwürdig nur, dass irgendjemand eine Rufnummer besaß, die nicht vergeben war.
›Was ist denn daran merkwürdig? Wer weiß, wann sie diese Telefonnummer in ihr Buch eingetragen hat, und vielleicht ist sie auch gar nicht wichtig‹, dachte Marcus. Er fragte sich, warum ihn die Sache überhaupt so intensiv beschäftigte. Diese mysteriöse Telefonnummer nahm momentan sogar mehr Raum in seinen Gedanken ein als die Projekte, die er heute seinen Geschäftspartnern vorstellen musste. Marcus verlor die Selbstbeherrschung – seine Neugier in Bezug auf das Büchlein war zu groß, als dass er in seiner Nähe ruhig sitzen bleiben konnte. Er wählte die Nummer. Wie bereits in der vergangenen Nacht hörte er am anderen Ende der Leitung zunächst ein Rauschen, wenige Sekunden später eine weibliche Stimme, die sagte: Diese Rufnummer ist zurzeit nicht vergeben.
Er legte auf und steckte das Büchlein wieder in seine Jackentasche. Kurz darauf betrat Nick sein Büro, um ihm zu mitzuteilen, dass man ihn im Versammlungsraum bereits erwarte.
»Ich bin gleich da«, sagte Marcus und folgte Nick.
Im Versammlungsraum sah er seine vier Geschäftspartner, von deren Zustimmung das Geschäft mit den Amerikanern ebenfalls abhing. Marcus hatte zwar das letzte Wort, legte aber stets großen Wert auf die Meinungen und Standpunkte seiner Partner, die sich im Laufe der Zeit als äußerst zuverlässig erwiesen hatten. Er teilte das vorbereitete Informationsmaterial aus und begann sogleich mit seiner Präsentation. Man war von ihm nichts anderes gewohnt. Es war allgemein bekannt, dass in Marcus’ Leben die Arbeit oberste Priorität genoss. Er begab sich sofort in medias res.
»Ich gehe davon aus, dass Sie Nick bereits ausführlich informiert hat. Ich möchte nun Ihre Meinung bezüglich dieses Geschäftes erfahren. Der US-Markt ist für uns Neuland, wir streben seit geraumer Zeit eine Kooperation an. Bill?«
Er wandte sich einem älteren Herrn zu, der ein langjähriger Freund seines Vaters gewesen war und auf dessen Urteil er besonders vertraute.
»Du hast viel Zeit in den Staaten verbracht. Du warst in New York und bist dem Mann begegnet, der das Parfüm unbedingt haben will. Da es um große Abnahmemengen geht, ist höchste Vorsicht geboten, zumal mir zu Ohren gekommen ist, dass wir es hier mit einem gerissenen jungen Erben zu tun haben, der in krumme Geschäfte verwickelt gewesen sein soll. Ich möchte nicht, dass mein Durchbruch auf dem amerikanischen Markt in der Öffentlichkeit mit derartigen Geschäften in Verbindung gebracht wird. Das darf unter keinen Umständen geschehen. Was sagst du dazu?«
Bill Jones hatte eine Zeit lang in den USA, genauer in New York, gelebt. Der gebürtige Kalifornier war als junger Mann in die Stadt gekommen, die acht Millionen Einwohner hatte und in der ganzen Welt auch unter dem Namen Big Apple bekannt war. Sie hatte ihm auf Anhieb gefallen, und so war er nach Manhattan gezogen, wo er auch die nächsten zwanzig Jahre geblieben war. Aus beruflichen Gründen hatte er sich oft in Deutschland aufgehalten und dann eines Tages beschlossen, für eine Weile nach Stuttgart zu ziehen. Ganze fünf Jahre waren inzwischen verstrichen, und er war immer noch da, was ihn selbst überraschte, da er nie die Absicht gehabt hatte, in Deutschland sesshaft zu werden. Von Zeit zu Zeit reiste er nach Amerika, um seine beiden Kinder, Athina und Jack, zu besuchen, die vor einigen Jahren in ihre Geburtsstadt zurückgekehrt waren.
Bill kam jedes Mal schweren Herzens nach Deutschland zurück. Marcus konnte ihn gut verstehen, weil er Portugal genauso vermisste. Er betrachtete Portugal als seine Heimat, obwohl er dort nicht geboren war. Sein Vater stammte aus der Kleinstadt Nazaré, nahe Lissabon. Marcus hatte es all die Jahre über immer wieder in das Fischerdorf an der Atlantikküste gezogen, und er hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, jeden Urlaub mit seinen Verwandten in der beschaulichen, wetterverwöhnten Stadt zu verbringen.
»Ich habe auch schon einiges über seinen Vater gehört. Adrian Louis ist ein ehrlicher Mann, der sich mit Köpfchen und Verstand bereichert und einen Teil des Geldes, das ihm als Erbe von einem entfernten Verwandten zugefallen ist, sinnvoll angelegt hat. Dieser Verwandte hätte keinen besseren Erben finden können als Adrian. Einen Teil des Geldes steckte dieser in die Errichtung eines Obdachlosenheimes, für das er auch heute noch Essen und Geld bereitstellt. Über seinen Sohn David weiß ich nicht viel. Soviel ich weiß, hat Adrian zwei Söhne. Der eine ist in die Fußstapfen des Vaters getreten und hat die Firma übernommen, der andere führt ein verschwenderisches Leben und lässt keine Party aus.« Bis hierher war Bill in seinem Bericht gekommen, als Marcus ihn unterbrach.
»Und was willst du mir damit sagen?«
»Ich will damit sagen, dass du nach New York reisen solltest, um dir ein eigenes Bild zu machen. Vielleicht solltest du lieber mit dem Vater verhandeln anstatt mit dem Sohn. Es geht immerhin um die Eroberung des amerikanischen Marktes. Dein Unternehmen ist profitabel, hat sich bewährt und erfüllt alle Kriterien, um sich in den Staaten einen Namen zu machen. Es wäre töricht, diese Gelegenheit nicht zu nutzen, aber an deiner Stelle würde ich den Vater als Verhandlungspartner vorziehen.«
Marcus sah ein, dass Bill recht hatte. Er schwieg kurz und überlegte, wie zu handeln war. Rasch gelangte er zu dem Schluss, dass er auf seinen alten Freund, der ihm stets gute Ratschläge gab, hören würde.
»In Ordnung, Bill, du hast völlig recht«, sagte Marcus, nachdem er eine Weile nachgedacht hatte. »Ich werde übers Wochenende nach New York fliegen. Nick, vereinbare für mich bitte ein Treffen mit Louis junior. Aber zuerst will ich seinen Vater kennen lernen.«
»Gut, Marcus. Das halte ich auch für die beste Lösung«, bekräftigte Nick die Entscheidung.
Damit war die Versammlung beendet. Marcus hielt sich im Anschluss wie immer noch eine Weile in seinem Büro auf. Bald gesellte sich Bill zu ihm, der eine kubanische Zigarre mitgebracht hatte. Die beiden Männer saßen beieinander und unterhielten sich einige Stunden lang über ihre Lieblingsthemen: über ihre Arbeit und ihre Heimatorte, die sich jeweils am anderen Ende der Welt befanden.
XVI
Wer nach New York reist, kommt am Herzen dieser Stadt – Bronx, Brooklyn, Queens, Staten Island und Manhattan – nicht vorbei. Die Stadt, die zu den größten der Welt gehört, hatte Marcus schon immer fasziniert. Daher war diese Reise nach New York nicht seine erste. Mit seinem Vater war er viel herumgekommen, auch in New York waren sie mehrere Male zusammen gewesen. An Chinatown und Little Italy – zwei Stadtvierteln New Yorks, so groß wie zwei eigene Städte – mochte er das Essen besonders gerne. Im Melting Pot New York, in dem niemand Ausländer war, fühlte er sich wohl. Allerdings nicht so wohl wie in Portugal, aber er konnte gut verstehen, warum Bill mindestens einmal im Jahr nach New York reiste. Marcus war von den Flüssen, dem Hudson und dem East River, besonders angetan, aber auch das berühmte, im Jahre 1886 erbaute Wahrzeichen der Stadt, die Freiheitsstatue, mochte er.
Nachdem er auf dem JFK-Flughafen in Manhattan gelandet war, schaute sich Marcus zuerst einmal um. Wenig später befand er sich im südlichen Teil von Manhattan, wo er mit Bills Tochter Athina verabredet war, die ihm eine Unterkunft zur Verfügung stellen sollte, bis der Deal abgeschlossen war. Kurz bevor er Athina traf, die er vor zwei Jahren das letzte Mal gesehen hatte, musste er wieder an Kiara und ihr Notizbuch denken, das sich noch immer in seiner Sakkotasche in seinem Büro befand. Gedankenversunken schlug er sich mit der flachen Hand auf die Stirn, weil er vergessen hatte, Kiara das Büchlein zurückzugeben. Kurz darauf wurde er von Athinas Stimme aus seinen Gedanken gerissen.
»Hey, Marco!« rief sie ihm zu.
Sie nannte ihn immer so, während er sie »kleines Dickerchen« nannte, was sie besonders hasste. Sie war nie besonders dick gewesen, hatte etwa drei bis vier Kilo mehr gewogen, als es für ihre Körpergröße ideal gewesen wäre. Aber das Vergnügen, zu beobachten, wie sich auf ihrer schönen Stirn zwei Zornfältchen bildeten, war einfach zu groß. Dieses Mal brachte er die Worte jedoch nicht über seine Lippen, da das »kleine Dickerchen« inzwischen nicht nur groß, sondern auch schlank geworden war. Die Einundzwanzigjährige war eine hübsche junge Frau und sah mit ihren blaugrauen Augen und blonden Locken wie ein Engel aus. Marcus gefiel zwar, was er sah, trotzdem ging ihm im selben Augenblick Kiara durch den Kopf. Er ertappte sich sogar dabei, dass er sich schuldig fühlte, nur weil er Athina attraktiv fand.
»Wer hätte das gedacht, unser kleines Dickerchen ist jetzt eine bezaubernde Schönheit!«, rief Marcus und nahm sie lachend in die Arme.
»Ich nehme an, das bedeutet, dass ich meinen alten Spitznamen ein für alle Mal los bin«, erwiderte sie.
»Es wäre ein Verbrechen, fortan darauf zu beharren«, sagte er, und beide mussten aufgrund seiner poetisch anmutenden Worte lachen.
»Nenn mich ab jetzt einfach bei meinem Namen, das genügt völlig«, sagte sie und zeigte dabei ihre weißen Zähne.
»Hattest du einen angenehmen Flug?«, fragte sie, während sie sich plaudernd zu ihrem Auto begaben.
»Ich habe nicht viel vom Flug mitbekommen, weil ich die meiste Zeit geschlafen habe. Wie ist es dir ergangen? Ich sehe, du hast dich verändert. Du bist erwachsen geworden.«
»Was hast du denn erwartet? Dass für mich die Zeit stehen geblieben ist? Ist doch klar, dass ich mich verändert habe.«
»Du hast recht. Wolltest du gleich nach Hause fahren, oder sollen wir vorher noch irgendwo einen Kaffee zusammen trinken?«
»Du entscheidest, du kommst schließlich von weither angereist und bist bestimmt müde.«
»Müde? Machst du Witze? Ich bin doch noch jung, wir Junggebliebenen sind niemals müde«, sagte Marcus lachend.
»Na gut. Du möchtest also einen Kaffee trinken?«
»„Ja, die Frage ist nur, wo?«
»Ich kenne da ein hervorragendes Lokal, es befindet sich in der Nähe der Freiheitsstatue. So wirst du auch gleichzeitig eines der berühmtesten Wahrzeichen New Yorks kennen lernen.«
»Willst du mich auf den Arm nehmen? Ich bin dort bestimmt öfter gewesen als du, die du hier lebst.«
»Ich musste dich einfach ein bisschen provozieren, sonst verlernen wir noch, wie’s geht«, sagte Athina lachend und spielte damit auf ihre ständigen gegenseitigen Sticheleien an.
Als Marcus es schließlich aufgab, mit Athinas Sticheleien mitzuhalten, hatten sie auch schon das Emporium erreicht, ein Lokal, das sie regelmäßig besuchte. Die Freiheitsstatue befand sich in unmittelbarer Nähe. Man sah unzählige Touristen Fotos von der Statue machen, die Frankreich während der Französischen Revolution den USA als Symbol ihrer Freundschaft geschenkt hatte.
Marcus und Athina bestellten ihre Getränke und unterhielten sich fast eine Stunde lang darüber, was vor zwei Jahren gewesen war, als sie sich das letzte Mal gesehen hatten. Auf einmal drehte sich Marcus zur Freiheitsstatue um und meinte, inmitten der Touristenmasse eine schwarzhaarige Frau in einem weißen Kleid gesehen zu haben. Das wäre nichts Außergewöhnliches gewesen, hätte diese junge Frau nicht im selben Moment geradewegs zu ihrem Tisch herübergeschaut. Sie kam ihm bekannt vor, er wusste aber nicht, woher er sie kannte.
»Schau mal zur Freiheitsstatue hinüber. Siehst du dort eine Frau im weißen Kleid stehen?«, fragte er Athina.
»Ich sehe Hunderte von Leuten! Das ist mal wieder typisch – schaust anderen Mädchen hinterher, während du mit mir redest, und tust so, als würdest du mir zuhören – dabei witterst du aus der Entfernung schon wieder frische Beute!«, wetterte sie.
»Nein. Sie schaut in unsere Richtung. Siehst du sie denn nicht?«, fuhr er in ernstem Ton fort. Athina war für einen Moment beunruhigt.
»Geht es dir gut? Ich sehe niemanden zu uns herüberschauen.«
Marcus wandte seinen Blick nur kurz von der Freiheitsstatue ab, doch als er wieder hinschaute, konnte er die Frau nicht mehr sehen.
»Ich muss mir das eingebildet haben«, sagte er schließlich, nachdem er die Statue eine Weile beobachtet hatte.
»Nicht sehr schmeichelhaft«, bemerkte Athina und lächelte.
Sie setzten ihr Gespräch fort, und als sie sich dann endlich aufraffen konnten, baten sie um die Rechnung, bezahlten und verließen das Lokal. Athina studierte Fotografie. Sie widmete sich ihrer Profession mit Leidenschaft und nutzte jede freie Minute, um Menschen und Dinge um sich herum zu fotografieren.
»Los, lass uns zur Freiheitsstatue hinübergehen, ich möchte ein Bild von dir machen«, versuchte sie ihn zu überreden.
»Von mir? Das wäre die reinste Verschwendung«, scherzte er.
»Komm schon! Danach kannst du deinen deutschen Freunden erzählen, dass du neben einem Monument posiert hast, das alle Menschen, die auf der Suche nach einem besseren Leben in die Vereinigten Staaten einwandern, willkommen heißt. Sag ihnen auch, dass das Leben hier viel schöner ist. Auch sie sind natürlich herzlich willkommen«, stichelte Kiara.
»Nein, danke«, sagte Marcus und lachte.
Athina schaffte es, ihn zu überreden, und so begaben sie sich zur Freiheitsstatue. Marcus meinte schon wieder, in dem Getümmel die dunkelhaarige Frau im weißen Kleid gesehen zu haben. Als sie jedoch an dem Monument angekommen waren, sahen sie nichts als lauter Unbekannte. Nachdem sie ihre Fotosession beendet hatten, machten sie sich auf den Weg zum Auto. Doch plötzlich blieb Marcus stehen. Als hätte er eine Vorahnung, wandte er sich wieder um und ging zur Statue zurück. Auf einer der kleinen Platten des getäfelten Bodens, auf der man eigentlich eine Gedenkschrift erwartete, stand geschrieben: Helfen Sie mir, Ihnen zu helfen.
Marcus verstand den Sinn dieses Satzes nicht und rief deshalb Athina, die ihm gefolgt war, zu Hilfe. Sie sah eine andere Inschrift und las von der Tafel ab, dass die Statue ein Geschenk Frankreichs an die Vereinigten Staaten von Amerika sei.
»Was ist los mit dir? Ist alles in Ordnung? Seit deiner Ankunft benimmst du dich so eigenartig«, sagte Athina.
Marcus blickte sie an, dann schaute er wieder auf die Inschrift. Jetzt sah er dieselbe Inschrift, die Athina ihm gerade vorgelesen hatte.
»Ich bin anscheinend doch müder, als ich dachte«, kommentierte er kurz.
»Das denke ich auch«, stimmte ihm Athina zu. »Lass uns schlafen gehen.«
Marcus schmunzelte.
»Ich meine, du solltest schlafen gehen«, korrigierte sie sich. »Heute Abend, wenn du dich ausgeruht hast, könnten wir eine kleine Bootsfahrt um Manhattan unternehmen. Dann werde ich dir den Sternenhimmel über New York zeigen. Den hast du bisher bestimmt noch nicht gesehen. Mein Vater hat mir erzählt, dass du auf deinen Abstechern nach New York regelmäßig die hiesigen Clubs und Discos unsicher gemacht hast.«
Marcus mochte Athinas kindliche Lebhaftigkeit. Er willigte ein, obwohl er in New York noch viel zu erledigen und nur wenig Zeit zur Verfügung hatte.
XVII
Das Wochenende verbrachte er also mit Athina, die ihn zu all den Orten führte, die Marcus ihrer Überzeugung nach noch nie zuvor gesehen hatte. Das Treffen mit Adrian Louis war für Montag in Brooklyn anberaumt. Für Athina war das gemeinsame Wochenende mit Marcus besonders aufregend, aber die Zeit ging schnell vorbei. Als der Montag gekommen war, bestand Athina darauf, Marcus zu fahren, doch er lehnte entschieden ab und nahm stattdessen eines der gelben Taxis, die jeder aus Filmen kennt. Er setzte sich in den Wagen und erklärte dem Fahrer, wohin er ihn bringen sollte. Während der Fahrt fiel ihm ein, dass er irgendwo gelesen hatte, dass ein Mann im Jahre 1902 ein Taxiunternehmen mit dem Namen »Yellow Cab« gegründet hatte, weil er in einer wissenschaftlichen Abhandlung gelesen hatte, die Farbe Gelb würde man von allen Farben am ehesten wahrnehmen. Marcus mochte es, wenn sich alte Dinge bewährten, und war deshalb froh darüber, dass man die Farbe der berühmten Taxis nicht verändert hatte. Während er sich mit diesem Gedanken länger als nötig befasste und über die Brooklyn Bridge gefahren wurde, sah er plötzlich die weiße Frau am Geländer stehen.
»Halt! Halten Sie an!«, rief er dem Taxifahrer auf Englisch zu.
»Was haben Sie denn? Ich kann doch hier nicht einfach stehen bleiben«, erwiderte der Taxifahrer beunruhigt.
»Das Mädchen will von der Brücke springen!«, schrie Marcus.
»Sind Sie verrückt? Hier gibt es kein Mädchen!«, entgegnete der Fahrer mit erhobener Stimme.
Es war wirklich kein Mädchen zu sehen. Marcus blickte den Taxifahrer einen Moment an, dann schaute er wieder auf die Stelle, wo das Mädchen gestanden hatte. Er sah niemanden. Allmählich fing er an, an seinem Verstand zu zweifeln. Trotzdem fragte er den Fahrer, ob dieser nicht doch irgendetwas gesehen hatte.
»Nein, Sir, da stand kein Mädchen. Ich hätte es doch gesehen. Ist mit Ihnen alles in Ordnung?« Die Stimme des Fahrers klang besorgt.
»Mir fehlt nichts. Ich bin überarbeitet und noch immer müde von der Reise, das ist alles«, sagte Marcus.
»Woher kommen Sie, wenn ich mir die Frage erlauben darf?«
»Ich bin Portugiese, aber ich lebe und arbeite in Deutschland.«
»Eine Bekannte von mir lebt in Deutschland. Sie heißt Kiara.«
»Kiara!«, rief Marcus leise.
»Ja, Kiara. Sie lebt in Tübingen«, sagte der Taxifahrer in überraschend gutem Deutsch.
Erst als er den Namen der Stadt hörte, in der die Schwester des Fahrers lebte, wurde Marcus hellhörig. »Ich komme auch aus der Gegend. Wie heißt Ihre Schwester mit Nachnamen?«, wollte er wissen. Obwohl Marcus die englische Sprache ausgezeichnet beherrschte, setzte er das Gespräch auf Deutsch fort.
»Sie heißt Kiara Horst«, sagte der Fahrer.
Marcus zuckte zusammen. Sie waren bereits ganz in der Nähe des Gebäudes, in dem er mit Adrian Louis verabredet war. Bevor er irgendetwas erwidern konnte, kam ihm der Taxifahrer zuvor. »Heute habe ich sie angerufen, weil ich ihre Hilfe brauche. Ich habe Ihnen noch gar nicht gesagt, dass ich demnächst nach Deutschland gehen werde, oder? Vielleicht laufen wir uns ja dort über den Weg«, sagte er, wobei er verstohlen grinste. Das Taxi hielt an. »Da wären wir.«
Marcus gab dem Taxifahrer wie hypnotisiert das Geld, das er ihm schuldete, und bevor er ihn nach seinem Namen fragen konnte, verabschiedete sich der Mann und fuhr davon. Marcus blieb einen Moment stehen, bevor er sich zu dem hohen Gebäude begab, in welchem Louis sein Büro hatte. Im Aufzug zerbrach er sich den Kopf, wo er dieses Mädchen, das ihn in der letzten Zeit zu verfolgen schien, zuvor bereits gesehen hatte. Mit einem Mal fiel es ihm wieder ein. Sie sah aus wie die junge Frau auf der Titelseite des alten Magazins, das er im Firmenhotel gefunden hatte. Der Aufzug kam zum Stehen, und Marcus fand sich im dritten Stock des Gebäudes wieder, in dem Louis arbeitete.
XVIII
Das Gleiche, was Marcus in Amerika erlebte, widerfuhr Kiara in Europa – genauer gesagt in Deutschland, in der Kleinstadt am Neckar, wo sie zu Hause war. Jeden Tag glaubte sie, jemanden um sich zu haben; auch im Büro beschlich sie oft das Gefühl, jemand stehe hinter ihr; doch jedes Mal, wenn sie sich umdrehte und nachschaute, war im Zimmer niemand außer ihr.
›Ich werde langsam verrückt‹, dachte sie eines Tages, während sie in der Küche stand und ihre Teetasse ausspülte.
Katja bereitete gerade das Abendessen vor. Sie sagte etwas, aber Kiara hörte ihr nicht zu. Sie stand am Fenster, von dem aus man auf die Straße und das benachbarte Haus schauen konnte. Es war später Nachmittag, die meisten Leute gingen gerade von der Arbeit nach Hause.
»Wenn ich mir vorstelle, dass alle schon zu Hause sind, während mich mein Dienst heute Nacht erst noch erwartet«, sagte Kiara.
»Hör auf zu jammern, du hast schließlich nur einen Nachtdienst pro Woche«, entgegnete Katja lächelnd, während sie das Essen auf den Tisch stellte. »Was sollen denn die anderen sagen, die andauernd anstrengende Schichten schieben müssen? Und was sollen erst die Straßenreiniger sagen? Meinst du vielleicht, die hätten es leichter?«
»War ja klar, dass du ein Argument gegen mich parat hast«, lachte Kiara.
Gerade als sie sich vom Fenster abwenden wollte, verharrte ihr Blick plötzlich auf der Scheibe. Katja bemerkte weder das bleiche Gesicht ihrer Freundin, noch sah sie die junge Frau, die auf dem Bürgersteig stand und Kiara geradewegs anblickte. Die Frau war blass, hatte lange schwarze Haare und trug nichts weiter als ein langes weißes Kleid. Kiara wunderte sich nicht darüber, dass die Unbekannte trotz der Kälte nur ein Kleid trug. Sie war vielmehr mit der Frage beschäftigt, ob noch jemand außer ihr sie sehen konnte, da die Leute an ihr vorbeigingen, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Noch immer schaute die junge Frau Kiara an.
»Katja?«
Katja deckte noch immer den Tisch und hörte nichts.
»Katja, kommst du mal bitte her?«
»Was ist denn jetzt schon wieder? Du siehst doch, dass ich beschäftigt bin.«
»Jetzt komm schon her!«, rief Kiara erneut und drehte sich nur kurz zu Katja um.
»Ist ja schon gut, hier bin ich. Was gibt’s?«
»Siehst du diese …?« Kiara schaute auf die Straße hinunter und hielt inne.
»Was soll ich sehen?«
»Eben noch stand auf dem Bürgerstand eine Frau und hat mich beobachtet. Jetzt ist sie verschwunden«, sagte Kiara verwundert.
»Anscheinend fand sie dich interessant«, sagte Katja lachend und setzte sich an den Tisch.
Auf einmal überkam Kiara eine große Müdigkeit. Am liebsten hätte sie sich hingelegt, aber nach dem Abendessen musste sie zur Arbeit fahren.
Eine Stunde später verließ sie das Haus und ging zu ihrem Auto. Sie wurde einfach das Gefühl nicht los, dass jemand sie beobachtete. Eilig schloss sie die Fahrertür auf und machte sich dann auf den Weg zum Forschungsinstitut. Während der Fahrt schaute sie ab und zu in den Rückspiegel, aber alles, was sie sah, waren andere Autos, die in der Dunkelheit die Straßen entlang rasten. Am Ziel angekommen, hielt sie vor der Tiefgarage, in der nur Mitarbeiter der Hauptklinik ihre Fahrzeuge abstellen durften. Nachdem sie sich einen Moment lang die schrecklichsten Horrorszenarien ausgemalt hatte – ihre Gedanken glichen Horrorfilmszenen, in denen eine Tiefgarage irgendwo in Amerika oftmals als Schauplatz des Grauens diente –, beschloss sie, ihr Auto lieber direkt am Institutseingang zu parken. Die Nacht war noch nicht hereingebrochen, doch Kiara fühlte sich unwohl – weshalb, wusste sie nicht genau. Langsam schritt sie zum Eingang, drehte sich dabei jedoch mehrmals um. Obgleich sie Ärzten begegnete, die ihren Dienst hinter sich gebracht hatten und gerade das Gebäude verließen, hatte sie permanent das Gefühl, beobachtet zu werden. Sie schaute zu Lucas Zimmer hinauf, und in diesem Moment erblickte sie dort eine Person. Aus der Entfernung meinte Kiara zu erkennen, dass sie schwarze lange Haare hatte. Diese Person, die irgendetwas auf ihrem Kopf zu tragen schien, wich im selben Augenblick einen Schritt vom Fenster zurück, und die Vorhänge fielen zu, sodass man nicht mehr in das Krankenzimmer hineinschauen konnte. Kiara wunderte sich, dass in Lucas Zimmer überhaupt kein Licht brannte, weil sie genau wusste, dass der Raum aufgrund von Lucas Einschlafproblemen nie ganz abgedunkelt werden durfte. Sie wollte sich beeilen, um nachzusehen, was in Lucas Zimmer vor sich ging, als sie plötzlich von einer gebrechlichen Stimme aufgehalten wurde.
»Junge Frau, hätten Sie ein paar Cent für mich? Die Nacht wird unangenehm kalt werden, und ich bin hungrig«, sagte die alte Frau, die ihren Stammplatz vor dem Institutseingang in den letzten Jahren nicht verlassen hatte.
Ihre Stimme drang vom Eingang in das große Gebäude hinein. Kiara wandte sich um und sah die alte Frau, die ein einst weißes Kleid trug, das nun genauso schmutzig und alt aussah wie sie selbst. Ihr graues, dünnes Haar hing auf ihre schmalen Schultern herab. Da Haarsträhnen ihr Gesicht zur Hälfte verdeckten, starrte sie Kiara nur mit einem Auge an.
Kiara fühlte sich von dem Blick der alten Bettlerin durchbohrt, und sie übermannte das Gefühl, die Frau wolle in ihre Seele schauen, um herauszufinden, ob sie sich ihrer erbarmen und ihr Geld geben würde. Kiara begann am ganzen Leib zu zittern, während der gebannte Blick der alten Frau sie nicht losließ. Sie schaute auf die ausgestreckte, zittrige, mit Altersflecken und Falten übersäte Hand. Dann holte sie aus ihrer Handtasche ein paar Münzen heraus und hielt sie der Frau hin. Doch während sie in ihrer Handtasche nach dem Geld gesucht und das Gesicht der alten Frau aus dem Augenwinkel beobachtet hatte, hatte sie eine Sekunde lang geglaubt, pechschwarze Haare auf die Schultern der Frau herabhängen zu sehen, und nicht graue. Sie schaute noch einmal genauer hin. Die Haare waren grau. Auf den Lippen der alten Frau zeichnete sich ein kaum wahrnehmbares Lächeln ab. Als Kiara schon weitergelaufen war, wollte sich die Bettlerin bei ihr bedanken.
»Sie sind so gütig. Ich weiß, dass Sie ihnen helfen werden«, sagte sie leise.
Kiara drehte sich um und trat ein paar Schritte näher, um die Frau besser verstehen zu können.
»Wem?«, fragte sie.
Doch die Alte antwortete nicht auf ihre Frage, sondern verhielt sich ganz so, als hätte sie den letzten Satz nie ausgesprochen.
»Redest du mit mir, mein liebes Kind?«
»Sie haben gesagt, Sie wüssten, dass ich ihnen helfen werde. Wen haben Sie damit gemeint?«
»Ich weiß nicht, mein Kind, ich weiß es nicht«, erwiderte die alte Frau mit leiser Stimme. »Ich bin alt und vergesse oft, was ich gesagt habe. Ich erinnere mich nicht daran, dass wir miteinander gesprochen haben. Falls ich doch mit dir gesprochen habe, musst du mir verzeihen, denn ich weiß es nicht mehr.«
Indes Kiara nachdachte, betrachtete sie die alte Frau, die ihr noch immer zugewandt war. Sie sah, dass der Glanz in den alten Augen erloschen war. Schließlich verabschiedete sie sich von der Bettlerin und begab sich zum Institutseingang, meldete sich bei Rocco an und machte sich auf den Weg zu Luca. Gerade als sie ihren Fuß auf die erste Treppenstufe setzen wollte, fiel ihr ein, dass sie etwas vergessen hatte, und sie ging zum Pförtner zurück.
»Rocco, kennen Sie zufällig die alte Frau, die sich immer in der Nähe des Eingangs aufhält?«
»Welche meinen Sie, Frau Doktor?«
»Die alte Bettlerin vor der Eingangstür.«
»Aber die ist doch nicht alt«, erwiderte der junge Pförtner verwundert. »Sie meinen bestimmt diese junge Frau, die hier immer steht. Sie ist schon den ganzen Tag hier – seit meine Schicht begonnen hat. Mein Chef wollte, dass ich sie von hier vertreibe, aber ich brachte es nicht übers Herz. Sie ist arm dran und sagt, sie habe keinen Platz zum Schlafen. Ich habe ihr ein wenig Geld gegeben und ihr auch erlaubt, die Ärzte anzusprechen, unter der Bedingung, dass sie nicht lange bleibt. Sie ist noch immer hier. Aber jetzt ist Schluss! Ich bekomme sonst Ärger.«
Da er sich schon auf den Weg gemacht hatte, rief Kiara ihn nicht zurück, um ihm zu erklären, dass es sich bei der Person, die sie meinte, um eine ältere Frau von etwa siebzig Jahren handelte – und nicht, wie er glaubte, um eine junge Frau. Nach kurzem Zögern ging sie ihm dennoch nach, aber an der Eingangstür kam er ihr kopfschüttelnd entgegen.
»Ich habe sie nicht gefunden. Wahrscheinlich ist sie fortgegangen.«
Kiara schaute auf die Straße und zur Tiefgarage hinüber, aber auch sie konnte die Frau nirgendwo entdecken. Sie folgte Rocco, der zu seinem Posten zurückging.
»Rocco, sind Sie sicher, dass die Frau, von der wir reden, noch jung ist?«
»Na klar, Frau Doktor, es war ganz sicher eine junge Frau, und was für eine! Wenn sie keine Bettlerin und nicht derartig verwahrlost wäre, hätte ich mich bestimmt in sie verguckt. Wäre da nicht dieser Blick in ihren Augen gewesen …« Rocco verfiel ins Sinnieren.
»Was sagen Sie da?«, fragte Kiara hastig.
»So abwesend, und doch beängstigend. Wie ein Geist. Vielleicht jagt sie den Menschen um sich herum aber auch nur deshalb solche Angst ein, weil sie selbst vollkommen verängstigt ist. Als ich sie ansah, fielen mir zuerst ihre Augen auf. Sie schienen leblos und leer. Meine Großmutter hatte solche Augen, als sie im Sterben lag.« Rocco schüttelte sich kurz, da ihm plötzlich ganz kalt geworden war, als wäre seine Großmutter erst in diesem Augenblick gestorben. Er fühlte sich ganz elend. Kiara wollte ihn gerade etwas fragen, als ihr einfiel, dass sie sich beeilen musste, weil sie vor ein paar Minuten – bevor sie von der Alten angesprochen worden war – eine unbekannte Person am Fenster von Lucas Krankenzimmer hatte stehen sehen. Ohne sich von Rocco zu verabschieden, rannte sie die Treppen hinauf. Rocco blieb bewegungslos an seinem Platz sitzen und musste an die schöne Bettlerin denken – und an ihre Augen, in denen kein Leben mehr zu sein schien.
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